Ein Druck auf den Husarenknopf – Faradaí Pará Spirit

Der Mensch ist beim Schnapsherstellen schon immer sehr kreativ gewesen. Alles, was Feld und Wald hergaben, wurde fermentiert, gebrannt, vergeistet, mazeriert oder infundiert. Wer sich zum ersten Mal auf dieses weite Feld begibt, und bisher nur die Verwendung von Gerste (Bier, Whisky), Kartoffeln (Vodka), Trauben (Wein, Brandy) oder Zuckerrohr (Rum) kannte, erlebt zunächst überrascht, dass auch Agaven, Mais, Trester, Äpfel, Bitterorangen und Reis als Basismaterialien weitverbreitet sind. Hat man sich damit abgefunden, bietet diese Welt weiterhin noch Überraschungen für den bereits Fortgeschrittenen – wer tiefer gräbt, findet heutzutage auch schnell mutige Brenner, die Spirituosen aus ungewöhnlicheren Zutaten herstellen: Fichtensprossengeiste, Tabak-, Zirben- und Harzliköre sind so verrückt nicht, wie es sich auf den ersten Blick anhört.

Seit dem globalen Endloserfolgs eines Gin Basil Smash sind auch Gemüse in der Bar angekommen. Wen wundert es da, dass auch seltsame Randpflanzen so langsam ins Licht der Öffentlichkeit rücken – denn wer kennt denn in Deutschland eigentlich die Parakresse? Ein obskures Gewächs, stammend wohl aus Südamerika, das eine eigentümliche Eigenschaft aufweist, die sie spannend für die immer Suchenden der Mixologie macht – sie prickelt im Mund wie Brause, und hat sogar einen leicht betäubenden Effekt auf die Zunge. Kein Wunder, dass sie einen idealen Ersatz für Brause darstellen kann, wenn man Kinder nicht gleichzeitig mit Zucker und allerlei Chemie vollpumpen will.

Der Husarenknopf, ein alternativer Name für die Parakresse, ist der Clou im Faradaí Pará Spirit. Die Hersteller destillieren für ihre Kreation Ceylon– und Assam-Schwarztee (wahrscheinlich einen stark gesüßten Tee, der fermentiert wurde; genauere Hinweise bieten die etwas schwammigen Produktinfos auf der Herstellerseite und dem beiliegenden Booklet leider nicht) – schon allein das sieht man nicht allzu häufig – und mazerieren darin die Blüten der Parakresse. Dadurch entsteht ein Tee-Getränk mit 35% Alkohol, einer dunkelbraunen Schwarzteefarbe und einem Namen mit vielen Akzenten.

Faradaí Pará Spirit Flasche

Was die Flasche noch nicht eindeutig erkennen lässt, wird im Glas deutlich – der Faradaí ist trotz seines dunklen Schwarztee-Rots klar, mit orangenen Reflexen. Beim Schwenken ist er nur mäßig viskos, dadurch entstehen am Glas kaum Beine. Optisch denkt man vielleicht erstmal an einen Amaro wie Ramazotti oder Averna. Der Geruch dagegen hat überhaupt nichts italienisch-liebliches, im Gegenteil: Holzig, moosig, erdig. Natürlich erkennt man sofort den Schwarztee. Ein kräuteriger Unterton schleicht sich ein, und ganz hintergründig milde Zitrusfruchtbittere, vielleicht Orangenschale.

Der Geschmack hat eine kurze Phase, in der er sich präsentieren kann: Sehr süß, deutliches Schwarzteearoma. Etwas bittere Orangenschale; im Gesamtbild nebenbei entfernt erinnernd an einen etwas verdünnten Kräuterlikör wie Jägermeister. Schwer zu verkosten, weil diese Aromatik nur ein kurzes Intermezzo ist, denn…

…im Abgang dann entfaltet sich das Wunder – hier erst beginnt der Faradaí seinen Charakter zu zeigen. Da kribbelt und brummt es, dass es eine Freude ist. Ein stark metallisches Gefühl kommt dazu. Spät noch etwas Orange, allerdings ist das Brausekribbeln extrem dominierend und übertönt alles restlos. Ein durchaus starkes Betäubungsgefühl mindestens auf der Zungenspitze, im weiteren Verlauf auch an der Zungenseite. Sehr spannend, aber nicht so richtig angenehm. Das muss man probiert haben, um es zu verstehen – einmalig und nicht mal ansatzweise von anderen Getränken bekannt.

Faradaí Pará Spirit Glas

Als Purgetränk kaum genießbar, denn der Effekt übertönt den Geschmack. Ich sage das selten, doch hier haben wir den Fall: Der Faradaí Pará Spirit ist eine reine Mixspirituose. Nicht, weil die Qualität niedrig ist, wie das oft als Begründung für diese Eingruppierung der Fall ist, sondern weil der Effekt zu intensiv, zu vordergründig ist, als dass man darüber hinaus noch weitere Aromen erkennen könnte. Auch ist der Betäubungseffekt natürlich eigentlich kein wünschenswerter, wenn man mit seinen Geschmacksnerven noch explorieren will.

Daher muss man aber selbst in Cocktails achtgeben, wie man diesen elektrisierenden Brand dosiert; zuviel, und er übernimmt alles. In den Regime Change Punch gehört normalerweise als dritte Zutat eine Dreiviertelunze Schwarzteesirup; diese habe ich, neben ein paar anderen kleinen Änderungen, durch Faradaí ersetzt. Und, siehe da – wer denkt dass in einem sovielzutatigen Cocktail eine winzige Änderung, dazu nicht mal in der Hauptspirituose, keinen Unterschied macht, wird schnell eines besseren belehrt, wenn er den dann von mir passend umbenannten Electric Regime Change Punch mal probiert.

Electric Regime Change Punch


Electric Regime Change Punch
1½ oz Whiskey (z.B. Old Grand-Dad)
1 oz Zitronensaft
¾ oz Faradaí Pará Spirit
½ oz Laird’s Applejack
½ oz Karamellsirup
¼ oz Galliano l’Autentico
¼ oz Honigsirup
1 Teelöffel Allspice Dram (z.B. The Bitter Truth Pimento Dram)
1 Spritzer The Bitter Truth Old Time Aromatic Bitters
Alle Zutaten auf Eis shaken, dann in ein großes Glas mit frischem Eis geben.

Mit etwas Sprudel toppen.
[Rezept adaptiert nach einem Original von Colin Shearn]


Wer die Flasche zugeschickt bekommt, erfreut sich aber zunächst mal an der Präsentation. Die Halbliterflasche (erhältlich ist zwischenzeitlich auch eine 20cl-Größe) ist eingewickelt in schwarzes Seidenpapier, die mit einem Aufkleber des Markenlogos verklebt ist. Anbei findet man ein A4-Poster des Markenschriftzugs und ein kleines Heftchen mit Hinweisen zur Parakresse und empfohlenen Cocktailrezepten, erfunden von gestandenen Barkeepern aus Berlin, die deutlich wenigerzutatig sind als mein Extrembeispiel.

Faradaí Pará Spirit Verpackung

Insgesamt muss man sich als Barbetreiber, und noch viel mehr als Heimbar-Fly mit begrenztem Budget, fragen, wie interessant so eine Effektspirituose für einen sein kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Faradaí Pará Spirit in einer professionellen, experimentierfreudigen Bar für eine Spezialcocktail-Woche ein hervorragender, überraschender und die Kunden reizender Zusatz sein kann, denn, wie gesagt, der Effekt ist ziemlich einmalig und wirklich besonders. Leider verlieren solche Special Effects oft zügig den Reiz, den sie zu Beginn noch ausübten. Bei 28€ für den halben Liter bewegen wir uns im doch schon hochpreisigen Bereich – persönlich empfinde ich es aber als den Preis wert, denn man bekommt für das Geld eine ganz und gar unkonventionelle, handwerklich hergestellte und ausgesprochen kreative Spirituose eines kleinen Unternehmens – und unterstützt damit sogar noch die immer mehr in Fahrt kommende deutsche Spirituosenlandschaft abseits der großen Konzerne mit ihrem ewig gleichen Allerlei.

Wat mäkt dä för e uerig Jesech – Uerige Alt

Hier sitze ich also und trinke gemütlich die zweite Flasche Altbier für diesen Artikel. Beim vor sich hin Sinnieren fallen einem manchmal die seltsamsten Fragestellungen ein – eine davon, die mir beim Betrachten des Uerige Alt, einem der klassischen Altbiere aus der originalen Düsseldorfer Hausbrauwelt, in den Sinn kam, ist, woher so ein dunkles Bier seine Farbe bezieht. Man hört zur Zeit ja immer wieder in Fernsehreportagen, dass dunkles Bier oft eigentlich nur gefärbtes helles Bier sei; mit Zuckerkulör und Farbebier wird bei so manchem Bierbrauer scheinbar schnell die Sortenvielfalt vergrößert, ohne zusätzliche Arbeit hineinzustecken.

Ist so ein Zweifel erstmal gesät, treibt er seltsamste Blüten, wie die Geschichte darüber, dass ein Altbier in produktionstechnischen Engpässen schonmal einfach eingefärbtes Kölsch sei – durch Miss- und Mangelinformation entstehen so urbane Legenden, die die seit Anbeginn der Zeit konkurrierenden Metropolen Köln und Düsseldorf natürlich gern aufgreifen, ohne den Wahrheitsgehalt zu prüfen oder auch nur die Sinnhaftigkeit. Dass Altbier auch außerhalb Düsseldorfs gebraut wird, eventuell sogar in Köln, ist ja die eine Sache; daraus zu schließen, dass dann einfach Kölsch hergenommen und dunkelgefärbt wird, eine andere. Da kommt einem doch schnell die alte Karikatur in den Sinn, die für beide Seiten so schnell passend gemacht werden kann. Das glückliche Pferd.

Kölsch und Alt Pferdeumwandler

Der Unterschied zwischen Kölsch und Alt ist, das muss man einfach dazusagen, so gigantisch nicht, wie die gepflegte Feindschaft der beiden Herkunftsstädte es andeutet. Beides sind leichte, obergärige Biere – während das Kölner Bier mit hellem Gerstenmalz hergestellt wird, unterläuft das Malz des Düsseldorfer Biers einer Röstung, was für die dunkle Farbe sorgt und Röstaromen und mehr Malzigkeit in das Bier bringt, allerdings in gemäßigter Form, nicht etwa wie bei einem Stout oder Porter: Ein Alt bleibt, trotz der Farbe, immer ein geschmacklich relativ helltöniges, frisches Bier. Wollen wir einfach mal ausprobieren, ob so ein echtes Hausbraueralt wie das Uerige Alt tatsächlich wie ein Kölsch schmeckt, oder?

Uerige Altbier Flasche

Die Farbe ist natürlich hier erstmal wieder Thema Nummer 1. Sehr attraktiv, rotbraun mit goldenen Reflexen im Glas, ich hoffe allein entstanden durch das Röstmalz. Ich vertraue der Hausbrauerszene hier einfach mal, und will nicht paranoid werden, obwohl meine Erfahrungen in der Spirituosen– und Bierbranche das durchaus als angebracht erachten ließen.

Für die Geruchseinschätzung muss man schon genauer hinschnuppern – geruchlich ist das Uerige Alt ein eher neutraleres Bier. Was man riecht ist sehr malzig, herber. Leicht brotig vielleicht sogar. Auch die Aromen auf Zunge und Gaumen sind zunächst rar gesät; was dagegen einen sofort positiv anspringt ist die hohe Rezenz, dazu die perfekte Mischung aus Säure und Süße. Im Abgang hebt die milde, äußerst angenehme Bittere, entstanden durch den schonungslosen Einsatz von Bitterhopfen, ihren Kopf, begleitet von wuchtigen Röstaromen, einem Anflug von Salz: hier wirkt das Alt dann doch recht dunkeltönig, und wer das mit einem Kölsch verwechselt, sollte das Biertrinken ganz sein lassen.

Sehr erfrischend, selbst bei fast schon Zimmertemperatur, und sehr süffig rinnt das Uerige Alt unglaublich gut und freundlich die Kehle hinunter. Tatsächlich ist das ein Bier, das ich weniger wegen den (doch deutlich zurückgenommenen) Aromen trinke, sondern wegen der Klarheit, Assertivität und Robustheit. Da ist nichts blumig-fruchtiges, nicht zitronig-liebliches – ein sehr klassisches Bier, geradeheraus, ohne Sperenzchen und dabei doch mit einer respektablen Tiefe und Komplexität. Der einzige Wermutstropfen – man muss es recht zügig trinken, denn es wird schnell schal.

Uerige Alt Glas

4,7% Alkohol bekommt man mit dem Uerige Alt, abgefüllt in einer Halbliter-Bügelflasche mit dezent, aber sehr gefällig gestaltetem Etikett. 3 Sorten Malz (Gersten-, Caramel- und Röstmalz) wurden eingesetzt zur Herstellung, dazu, für meinen Geschmack zu generisch formulierten „Doldenhopfen“, was auch immer sich dahinter verbergen mag. Wer etwas als Hausbrauer auf sich gibt, hat natürlich auch seinen eigenen Hefestamm, hier die „Uerige Hefe“.

Der erste (und leider praktisch einzige) Treffer, den man bei der Internetsuche nach Altbiercocktails findet, ist der Altbier Breezer, der in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Brauer-Bund entwickelt wurde. Tatsächlich erkennt man am Rezept die Handschrift eines Profis – daher schäme ich mich nicht, das recht offensichtliche hier nochmal wiederzukäuen.

Altbier Breezer


Altbier Breezer
4 halbierte Kumquats mit…
1 Esslöffel Kokosblütenzucker muddeln
Crushed ice ins Glas geben, dazu…
1 oz Rum (z.B.  Rhum Negrita)
¾ oz Grand Marnier Cordon Rouge
…und am Ende auffüllen mit
Altbier (z.B. Uerige Alt)
[Rezept leicht modifiziert nach Kent Steinbach]


Was bleibt als Fazit für das Uerige Alt? Ideal als Genießerbier, ideal als Essensbegleiter, ideal als Durstlöscher. Was kann man sonst noch von einem Bier verlangen? Da muss man wirklich, um wie schon beim Artikeltitel im Düsseldorfer Platt zu bleiben, kein uerig Jesech machen. Ein herrliches Bier, das auf meiner persönlichen, aber inoffiziellen Bierskala sehr weit oben landet. Es ist fast schon eine Schande, dass ein dermaßen faszinierender Bierstil wie das Alt nur noch in Kulturtaschen wie Düsseldorf getrunken wird. Das muss aufhören. Trinkt mehr Alt, liebe Leute! Ich hoffe aber, dass dieser Aufruf nicht dazu führt, dass aufgrund von plötzlicher Altknappheit nun allerlei Kölschbestände und Farbebiervorräte aufgekauft werden…

Im Käfig oder auf dem Fensterbrett? Koval Millet Single Barrel Whiskey

Ich bin eigentlich in jedem Geschäft, das Lebensmittel anbietet, immer auch auf der Suche nach neuen Spirituosen. Das Angebot ist meist recht unterschiedlich. Gewisse Standardware hat jeder, wie den Old No. 7, Havana Club 3 Años oder Gordon’s Gin; darüber hinaus ist das Sortiment aber dann schon wechselnd. Der eine Markt konzentriert sich auf Billigschnaps en gros, der andere hat kleine aber feine Marken in der Auslage.

Seit einiger Zeit gehe ich für einige Lebensmittel in Biomärkte, und neben der deutlich sichtbaren Professionalisierung (die ungepflegten Hippies, die braune Bananen mit einem maoistischen Flyer einwickelten, sind Geschichte) bieten diese Läden inzwischen auch Wein, Bier und Spirituosen an, fair hergestellt und gehandelt, mit Zertifikaten und Siegeln. Schnaps, den man oft sonst kaum woanders findet, denn der Kunde mag bei Eiern, Tomaten und Rindfleisch inzwischen auf nachhaltig produzierte Ware schauen, bei flüssigen Genussmitteln ist das eher die Ausnahme. Für manche Hersteller eine Chance, eine Nische zu füllen, die mit der Zeit wahrscheinlich immer bedeutender werden wird.

Für amerikanischen Whiskey gibt es dabei einige grundlegende Dinge zu beachten, wenn es um Bioproduktion geht. Das Rohmaterial, also hauptsächlich Mais, Gerste und/oder Roggen, muss biozertifiziert sein, was in den genmanipulationsfreundlichen USA bereits einen ersten Stolperstein darstellt. Der Koval Millet Single Barrel Whiskey wird auf der Herstellerseite und in Shops als „organic“, dem englischen Begriff für „bio“, vermarktet – doch auf der Flasche selbst findet sich kein Hinweis mehr darauf. Ist da was schiefgegangen?

Koval Millet Single Barrel Whiskey

Die Erklärung ist recht simpel – neben den Basisprodukten muss auch die Produktion und, und das vergessen viele, sogar der Vertrieb zertifiziert sein, um ein entsprechendes Siegel in Europa zu erhalten. Der Importeur Haromex kann (oder will, aus Kostengründen) dies nicht leisten. Nun, wir wollen ihn trotzdem verkosten, denn Bio-Zertifizierung ist ja gut und schön, wenn er aber geschmacklich nichts taugt, bringt das alles nichts.

Hirse (engl. millet) als Basisgetreide für Whiskey ist ein Alleinstellungsmerkmal – das uralte Gewächs dient hier als Ersatz für die sonst bei amerikanischem Whiskey üblichen Sorten wie Mais, Gerste, Roggen oder Weizen. Die Farbe zeigt diese ungewohnte Zutat allerdings nicht: Kräftiger, strahlender Bernstein, sehr erinnernd an Bourbon oder Rye. Lange, dicke Beine beim Schwenken erzeugen eine ansprechende Optik. Auch die Nase wird überzeugt: Vanille, eine süßliche Note nach Birne und Litschi (mit Dank an Horst Lüning für diesen Hinweis, den ich selbst nicht benennen hätte können, aber definitiv da ist!), Eichenholz, Cerealien. Sehr mild und attraktiv. Die deutlich erkennbare Lösungsmittelnote gehört mit dazu bei amerikanischem Whiskey.

Der Bourbonkenner ist überrascht beim ersten Schluck: Zwar klar süß, aber dazu leicht seifig, insgesamt sehr eigen. Das überragend samtige Mundgefühl passt zum dichten Körper, während die Aromatik aber eher auf der Obertonebene bleibt. Litschis, mildes Obst wie Birne und Banane, dazu aber eine milde Säure. Die Hirse macht sich ingesamt sehr gut als Whiskeygetreide, gibt neben der ganz eigenen Aromatik noch eine runde, feine Tiefe an das Getränk. Eine durchaus kräftige Pfefferschärfe komplettiert ein spannendes Panorama von Eindrücken.

Im Endgame findet sich etwas Säure, ein leichtes Kitzeln belebt den ansonsten samtigen und zarten, sehr langen Abgang. Obstnoten bleiben noch länger am Gaumen, dazu ein minimales Betäubungsgefühl auf der Zungenspitze, spannend für einen Brand, der eigentlich nur 40% (80 proof) aufweist.

Tatsächlich kann man den Koval Millet Single Barrel Whiskey meiner Meinung nach überall dort einsetzen, wo man sonst eigentlich einen Bourbon hernehmen würde. Durch solch leichte Variationen in Basisspirituosen bekommen wir schnell einen ganz anderen Drink; der Haymaker profitiert beispielsweise von der Zartfruchtigkeit und der brummenden Tiefe des Koval-Bioprodukts.

Haymaker


Haymaker
¾ oz Whiskey (z.B. Koval Millet Single Barrel Whiskey)
  ¾ oz Triple Sec (z.B. Grand Marnier Cordon Jaune)
¾ oz Trockener Wermut (z.B. Noilly Prat)
¾ oz Limettensaft
[Rezept nach unbekannt]


Die restlichen Daten lesen sich schön für einen Whiskeyfreund, der auf Herstellungsdetails und Transparenz steht (ich tue das): unfiltrierte Single-Barrel-Abfüllung mit entsprechender Flaschennummerierung, gereift in ausgebrannten, neuen 30-Gallonen-Fässern aus amerikanischer Weißeiche aus Minnesota, die Hirse stammt von einem Biofarmerkollektiv im Mittleren Westen der USA – wer will, kann den Inhalt seiner Flasche bis zum Getreidebauern zurückverfolgen. Wie üblich bei Koval wird nur der Heart Cut eingelagert (das tun aber auch die anderen Hersteller, denn Heads und Tails eines Brennvorgangs werden eigentlich überall als minderwertig wahrgenommen).

Ich freue mich über jede neue Idee, die die sympathische Craftbrauerei aus Chicago hervorbringt. Wer mehr von ihnen probieren will, sollte sich definitiv auch deren Single Barrel Bourbon und den Four Grain Single Barrel anschauen.

Money, alcohol, sex, and death – Dave Broom’s Rum: The Manual

Das Hobby des semiprofessionellen Spirituosentrinkers ist ein anstrengendes. Es gilt, ein weites Feld zu beackern, das in seiner Breite von Horizont zu Horizont geht; gleichzeitig offenbart sich aber beim genaueren Hinschauen sehr schnell eine fast bodenlose Tiefe, die man kaum auszuloten vermag. Daher muss man sich entscheiden: Will man sich spezialisieren, und beginnen, die Tiefen auszuleuchten – oder lieber Generalist bleiben, um den Blick über die Weite schweifen lassen zu können? Will man eher der Deckstrich auf dem „T“ sein, oder der Stamm?

Mir ist es klar, was ich will – ich bin ein Generalist. Die Töchter der anderen Brennerväter dann immer doch zu hübsch, als dass ich mich auf eine Spirituosengattung festlegen könnte. Um zu verhindern, dass dabei aber das dann doch oft für das „T“ nötige Spezialwissen verloren geht, gilt es, sich fortzubilden. Einerseits klappt das natürlich ganz gut, in dem man sich ein paar Flaschen eines Schnapses langsam und genussvoll-mäßigend hinter die Binde gießt (wäre nur jede berufliche Fortbildung auch so unterhaltsam!), doch es schadet nie, sich auch mal die eine oder andere Lektüre in nüchternen Momenten zuzuführen. Über eines dieser Weiterbildungsbücher, Rum: The Manual des britischen Kenners Dave Broom, habe ich mich besonders gefreut.

Den meisten ist Dave Broom wahrscheinlich eher als Whiskyexperte bekannt, doch er schrieb schon 2003, als das Thema „Rum“ vielerorts noch ein recht stiefmütterlich behandeltes war, ein Buch über den karibischen Zuckerrohrbrand. Er weiß also, wovon er redet. Spätestens nach den ersten paar Seiten seines neuen Buchs zweifelt man daran nicht mehr. Er hat sich tief in die Untiefen des Rums begeben – ist er dabei, wie so viele Zuckerbarone und Plantagenbetreiber, untergegangen in den Gefahren dieses Geschäfts – „money, alcohol, sex, and death“?

Rum: The Manual Cover

Nein. Er hat seinen kühlen, schottischen Kopf bewahrt und ein kluges, spannendes und dabei noch unterhaltsames Buch geschrieben. Die grundsätzliche Herangehensweise gefällt mir – es ist kein „Bewertungslexikon“ geworden, in dem einfach nur subjektive, meist recht willkürliche Noten für einzelne Rums vergeben werden, nein, es gibt „nur“ Verkostungsnotizen. Ich fühle mich durch Brooms Meinung bestärkt, selbst auch weiterhin keine Bestmarken, Noten oder zählbare Bewertungen auf meinem Blog abzugeben. Nun, das mit den fehlenden Bewertungen stimmt nicht ganz. Er bewertet in diesem Buch die Mixability einer Spirituose, und das ist ein ganz neuer, frischer Ansatz.

„These scores are for the mixes and not for the rum, each of which was chosen for its inherent quality, so read the tasting note to glean how that manifests itself.“

Persönlich glaube ich zwar nicht, dass sich ausgerechnet Rum über andere Brände hinweg dafür besonders auszeichnet, vermischt zu werden, aber wahrscheinlich ist das im kulturellen Gedächtnis bei so vielen so hängengeblieben. Die Mixer, die er für die unterschiedlichen Rumsorten anbietet, bleiben stabil – Kokoswasser, Clementinensaft, Ingwerbier und Cola dienen als Leinwand für sehr einfache Longdrinks oder Highballs. Dazu kommt immer ein sortentypischer, aber einfach herzustellender Cocktail, der Daiquiri bei weißem Rum, der Old Fashioned für gereifte Rums; der Caipirinha für Cachaça, der Ti’Punch für Rhum agricole. Von 1 bis 5* Punkten wird die entsprechende Mixtur benotet.

Nun, diese Vorgabe konnte ich nicht auf mir sitzenlassen, der weder Clementinensaft noch Kokoswasser je als Filler für einen Longdrink kannte. Aber solchen Wissenslücken ist natürlich schnell und kostengünstig beigekommen. Zur aktuellen Jahreszeit sind Clementinen überall erhältlich, und überraschend ergiebig beim Ausdrücken. Von Kokosnüssen kann man das nicht wirklich sagen, daher habe ich mich da zugegebenermaßen auf ein fernöstliches Fertigprodukt eingelassen. Die beiden Rums, die ich mir ausgesucht hatte, haben in seiner Mixability-Bewertung für den jeweiligen Filler die Maximalanzahl von 5 Punkten erreicht: Wray & Nephew White Overproof Rum mit Clementinensaft, und Bacardí 8 Años mit Kokoswasser. Ja, das kann man trinken.

Wray & Nephew mit Clementinensaft Bacardí 8 Años mit Kokoswasser

Im letzten Drittel des Buchs werden dann noch ausgefallenere Rumrezepte aufgelistet, von Punches über Tiki über Prohibition-Era bis hin zu modernen Cocktails findet man für jeden Geschmack etwas; und Broom hat aus den Fehlern vieler Cocktailbücher gelernt und wirft dem Leser nicht einfach nur die Mengen- und Zubereitungsangaben hin, sondern hat immer noch eine kleine Story für den jeweiligen Cocktail parat.

Ein sehr schöner Vorteil dieses Buchs ist, dass es so aktuell ist: 2016 erschienen, bietet es auch einen kurzen Blick auf Gebiete, die erst vor kurzem auf unserer westlich-barkulturorientierten Schnapslandkarte auftauchten, wie der haitianische Clairin, und weitere Rumsorten, die erst vor kurzer Zeit das Licht der Welt erblickt hatten. Schön, dass auch rhum agricole endlich einen Platz bekommt, den er verdient – im Herzen des Buchs. Auch das Thema der Nachzuckerung wird bereits auf den ersten Seiten angesprochen und mit klaren Worten beurteilt – mir, dem dieses Thema sehr am Herzen liegt, geht dabei dasselbe auf. Dabei verfällt er nicht in meinen absoluten Dogmatismus, sondern gibt auch den nachgezuckerten Rums, die in seinem Buch auftauchen, eine Chance, ihr bestes zu geben. Hin und wieder hat er aber doch ein Aufblitzen des Einsehens, wie als er einen ungesüßten Rum beschreibt: „It’s rich, but not sweet. There’s a difference.“

Von allen Flaschen gibt es aktuelle Fotos, ebenso wie von dem einen oder anderen Cocktail, Barinnenansichten und Menschen hinter den Kulissen, dazu einige, meist historische Illustrationen von Brennanlagen. Ausgesprochen sensationell, und wahrscheinlich das wertvollste überhaupt an diesem Buch, ist die „Rum flavour map“, in der die besprochenen Rums in ein Koordinatensystem aus Geschmackseindrücken eingeordnet werden. Für jeden Rumfreund ein Muss.

Die „theoretischen“ Teile sind unterhaltsam geschrieben und klug aufbereitet; wer bereits Ian Williams‚ Buch über die Geschichte des Rum gelesen hat, wird vieles aus dem geschichtlichen Teil wiedererkennen, der technische Teil, in dem es um die Produktion geht, ist laiengerecht dargelegt, ohne an interessanten Details selbst für Kenner zu sparen. Besonders die Trennung zwischen „dunder“ und „muck“ bei jamaikanischem Rum, und deren eigentlich seltene Verwendung, sorgte bei mir für ein Aha-Erlebnis.

Ein rundum gelungenes Buch. Wer sich in nächster Zeit Lektüre über Rum zulegen möchte, kommt an Dave Brooms Buch nicht vorbei. Ebensowenig wie ich an einem Glas Calibogus, mit dem Broom mich hier am meisten überraschte – gleiche Teile Bier und Rum. Na, wenn das nicht ein Schlusswort unter die Thematik ist.

Hopfen im Scheinwerferlicht – Leffe Royale Houblon Cascade IPA

IPA oder India Pale Ale, bis heute der Bierstil-Vorreiter der Craftbierwelle hier in Deutschland, wird von so einigen Bierprogressiven inzwischen als langweilig und verbraucht angesehen. Das blasse Indien-Obergärige hat aber auch einen harten Weg hinter sich, es musste sich so allerlei Brutalitäten gefallen lassen – der IBU-Wahnsinn von über 100 Bittereinheiten war ein Ausdruck der verzweifelten Suche nach gewaltsamer Neuinterpretation. Dann reichte auch ein einzelner Aromahopfen schnell nicht mehr aus, es mussten zwei, drei, vier oder noch mehr Hopfensorten gleichzeitig her, damit man noch im Gespräch blieb. So verbrennt man auf die Dauer einen ehrenwerten alten Bierstil im Feuer der modernen Bart-Craft-Hippigkeit.

Tatsächlich gehen daher einige Brauer nun den Weg wieder zurück. Die Kehrwieder Kreativbrauerei beispielsweise braut nun Single-Hop-Biere, also solche, die mit nur einem Aromahopfen auskommen, und diesem so zu bisher ungekannter Expressivität verhelfen – der Hopfen kann sich in seiner ganzen Pracht zeigen, ohne mit seinen Kollegen konkurrieren zu müssen. Weitere Unterstützung für dieses Unterfangen, einzelne Hopfensorten auf den roten Teppich zu stellen statt ein Konglomerat, kommt aus Belgien. Die Traditionsbrauerei Leffe bietet unter der Signatur Leffe Royale Biere an, die mit nur einem ausgewählten Aromahopfen kaltgehopft wurden. Eines davon ist das Leffe Royale Houblon Cascade IPA (Houblon ist französisch für Hopfen). Werfen wir einen Blick auf den Versuch, dem nordamerikanischen Cascade-Hopfen, gewiss einem der wichtigsten und bekanntesten Vertreter seiner Pflanzengattung, seinen Moment im Scheinwerferlicht zu gönnen.

Leffe Royale Houblon Cascade IPA Flasche

Im Glas weist das Leffe IPA eine kristallklare, schöne, sehr ansprechende goldene Farbe auf. Kräftige Perlage, grober, leider nur kurzlebiger Schaum. Optisch schonmal eine Sensation, die in meinem aus dem Griechenland-Urlaub mitgebrachtem Mythos-Kelch herrlich zur Geltung kommt. Leicht zitronig riecht das Bier, nach Hefe und Brause. Sehr frisch und leicht, helltönig und klar. Erkennbar blumig, Jasmin würde ich mal behaupten.

Blumig und hell ist dann auch der Geschmack, Jasmin und vielleicht Rosen sind ungewohnt für ein IPA, auch, dass man dafür kaum Fruchtnoten bekommt, etwas Apfel und Kiwi ist das höchste der Gefühle. Die wuchtige Süße, die man vom Leffe Blonde vielleicht schon kennt, ist auch hier vorhanden; mit Aufenthaltsdauer des Biers im Mund läuft eine milde Würze nach. Es ist kaum bitter, weist aber einen sehr dichten, voluminösen Körper mit seidigem Mundgefühl auf. Die mittlere Rezenz sorgt, trotz der hohen Karbonisierung, für einen eher mäßigen Erfrischungsfaktor.

Ich schmecke als Ausgleich dafür einen mittellangen Abgang mit viel Charakter. Auch hier meint man, eine blumig-kräuterige Note herauszuspüren. Das, was mich schon beim Leffe Blonde gestört hat, ist auch hier vorhanden – das etwas pappig-süße Nachgefühl im Mund. Dennoch bleibt mir als Fazit – ein schönes, feines Bier für Leute mit Hang zum Süßen, jedenfalls kein sehr bierstiltypisches IPA, wenn man es überhaupt so nennen darf oder kann. Und auch kein Durststiller, mehr ein nachdenklicher Schluck zum Sinnieren.

Leffe Royale Houblon Cascade IPA Glas

Das Standard-Leffe Blonde hat 6,6%, darauf wurde für das Royale nochmal ein knappes königliches Prozent draufgeschlagen – 7,5% Alkohol sorgen für ordentlichen Bums, den man aber nur später spürt, nicht schmeckt. Zum Glück sind meine Proben auch in 33cl-Fläschchen abgefüllt, da bremst man sich automatisch, das Royale ist aber auch in 750ml-Sektflaschen erhältlich.

Das schöne, grün-schwarz-goldene Design voller Hopfendolden inspiriert mich zu einem Ausflug in die Natur. Natürlich bildlich gesprochen, mit meinem zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels gebrochenen Fuß hab ichs nicht so mit Laufen. Ich brauche aber hin und wieder eine Erinnerung an die Welt da draußen, und so simuliere ich so ein Erlebnis mit einem Biercocktail, dem Waldgeist. Das Leffe Royale ist ideal dafür geeignet, mit seinem kräftigen Körper bietet es eine tolle Kulisse, vor der Fichtennadelgeist, Scotch und Verjus (ein saurer Traubensaft, erinnernd an milden Essig) ihren Waldspaziergang genießen können.

Waldgeist


Waldgeist
½ oz Blended Scotch Whisky (oder z.B. Nikka From the Barrel)
½ oz Fichtensprossengeist (z.B. von Faude Feine Brände)
1 TL Zuckersirup
¾ oz Verjus
…auf Eis shaken, dann aufgießen mit…
hellem, aber würzigen Bier (z.B. Leffe Royale Cascade IPA)
[Rezept nach Moritz Niederstrasser und Matthias Ingelmann]


Leffe Royale Houblon Cascade IPA TragerlDas Vierertragerl war erhältlich für 6€ in einem französischen Supermarkt hier bei mir an der deutschfranzösischen Grenze. Das Tragerl ist noch bedruckt mit einigen, leider meist recht belanglosen Informationen. Immerhin erfährt man hier noch, wenn man des Französischen mächtig ist, dass das Leffe Royale eine Kalthopfung erfährt, und was der Unterschied zwischen Warm- und Kalthopfung ist. Eine empfohlene Trinktemperatur von 8-10° ist angegeben. Den Schreibfehler „Indian Pale Ale“, der auch auf dem Flaschenetikett wiederholt wird, will ich mal großzügig übersehen, obwohl sowas einem Brauer von Welt nicht passieren dürfte.

Andere Royale-Sorten sind ebenso erhältlich, sie bilden fast schon eine Reise um die Welt ab: mit den Single-Hop-Bieren auf Basis von Whitbread Golding (Großbritannien), Mapuche (Argentinien) und Crystal (USA) haben wir hier ein wahrhaft internationales Gespann belgischen Bieres vor uns. Ich halte jedenfalls Ausschau nach diesen Sorten und bin gespannt, ob diese dann ihrem angepriesenen Bierstil gerechter werden als dieses Pseudo-IPA, und ob der Hopfen in ihnen mehr Chancen gegen die wuchtige Bierbasis des Leffe haben wird als der arme, etwas untergehende Cascade in diesem Bier.

Beipackzettel für Spirituosen benötigt – Pisco El Gobernador Reservado

Beipackzettel von Medikamenten sind verwirrend und schwer zu lesen. Da denkt man sich manchmal – geht das nicht einfacher? So wie eine Bierdeckelsteuererklärung oder ein Schnapsflaschenetikett? Auf so einem Flaschenetikett ist immer alles wichtige vorhanden, in klar lesbarer, verständlicher und eindeutiger Form. Denkt man.

Das Etikett dieses chilenischen Pisco, also eines Traubenmostbrands,  sorgt für wildere Verwirrung, als es ein Beipackzettel je leisten könnte. Der spanische bestimmte Artikel „el“ steht leicht seitlich versetzt, und da sowohl „pisco“ als auch „gobernador“ maskulin sind, kann er für beide gelten. Das führt dazu, dass manche Shops und Rezensenten diesen Artikel unter Pisco ‚El Gobernador‘, und manche ihn unter El Pisco ‚Gobernador‘ führen. Das Rückseitenetikett bestärkt die zweite Lesart, doch dies ist vom deutschen Importeur hergestellt, und damit nicht aus erster Hand bezeugt.

Pisco El Gobernador Rücketikett

Der Hersteller selbst scheint sich unsicher zu sein und hält sich manchmal an die erste Schreibweise und nennt ihn auf seinen Internetseiten und in einem Werbevideo Pisco El Gobernador, aber manchmal auch nur Pisco Gobernador, als dritte Variante.

Persönlich neige ich dazu, die Schreibweise Pisco ‚El Gobernador‘ zu bevorzugen und für die richtige zu halten; ich zweifle nur geringfügig, und zwar nur aus dem rein legalesischen Grund, den man auch bei einem Scotch beobachten kann. Der mengenmäßig größte Hersteller von Scotch nennt sein Produkt nämlich nicht einfach nur Glenlivet, sondern The Glenlivet (das geschieht, um den Namen schützen zu können). Vielleicht liegt hier etwas ähnliches vor? Gibt es mehrere Produkte, die sich „Pisco Gobernador“ nennen wollen, und aus markenrechtlichen Gründen ist der Pisco von Hersteller Miguel Torres eben „der“ Pisco Gobernador? Ich weiß es nicht. Schütten wir uns ein Glas davon ein, um zu überprüfen, ob sich all die Recherchemüh überhaupt lohnt.

Pisco El Gobernador Flasche

Die Farbe ist, wie schon in der Flasche erkennbar, glasklar. Leichte Viskosität sorgt für Beine beim dezenten Schwenken. Der Geruch ist sehr hopfenfruchtig – das überrascht mich erstmal. Das geht schon extrem stark in Richtung eines IPA. Süßkirschen, Himbeeren und Bitterorangen liegen im Vordergrund. Ein malziger Unterton gibt dem ganzen etwas Tiefe. Präsent ist aber auch eine dezente Ethanolfahne, die mit der Zeit verfliegt.

Im Mund liegt der Pisco erstmal sehr seidig und weich. Aromahopfen und Malz, Honig und würziger Kandiszucker. Das muss ich einfach wiederholen, weil es so offensichtlich ist: Ein idealer Partner für ein Herrengedeck mit einem West Coast IPA. Kirschen und Marillen. Etwas Bitterorange. Viel voluminöser Körper, mit einem dichten Geschmacksbild. Warm und rund, erkennbar alkoholisch, dabei aber ohne jedes Beißen oder Zwicken.

Noch ein Hinweis auf das mit Fachbegriffen nicht sparende Etikett, wenn wir schon beim Alkoholfeuer sind: Reservado ist eine Kennzeichnung für chilenischen Pisco mit 38-40%. Hier haben wir mit 40% erfreulicherweise die obere Grenze touchiert. Die verwendete Traubensorte ist Moscatel.

Im Abgang entsteht ein leichtes Feuer, heißblütig rinnt der südamerikanische Schnaps die Kehle hinunter, und lässt dabei eine Spur der Glut zurück. Das ist ganz und gar nicht unangenehm, denn solange kein Kratzen dazukommt, ist Feuer in Spirituosen etwas zumindest für mich sehr erstrebenswertes. Das Feuer des El Gobernador ist tatsächlich fein und edel. Die Hopfennoten bleiben noch lange am Gaumen. Eine wirklich herausragende Spirituose, viel aromatischer, attraktiver und spannender als der von mir schon früher verkostete peruanische Konkurrent Barsol Quebranta.

Gerade die herausragend hopfenfruchtigen Eigenschaften dieses Pisco machen ihn zu einer idealen Zutat für Biercocktails. Alternativ passt er natürlich entsprechend fantastisch zu anderen Fruchtlikören, wie im Hiram Bingham – hier kombiniert der El Gobernador sich herrlichst mit Aprikosenlikör, und bietet damit eine perfekte Unterlage für die säuerlich-minzigen anderen Aromen.

Hiram Bingham


Hiram Bingham
6 Blätter Minze
1½ oz Pisco (z.B. Pisco El Gobernador)
1 oz Aprikosenlikör
1 oz Limettensaft
¼ oz Zuckersirup
3 Spritzer Old Time Aromatic Bitters
Diese Zutaten auf Eis shaken. Dann toppen mit…
1 Schuss Sekt (z.B. Wolfberger Crémant)
[Rezept nach Jay Crabb]


Ich habe für die 700ml-Flasche in einem lokalen Weltladen 23€ bezahlt – ein sehr gutes Preisleistungsverhältnis, meine ich. Abgesehen von der Qualität in der Flasche gibt es aber auch von der Präsentationsseite her, bis auf das Artikelverwirrspiel, nichts zu meckern – eine hübsche, ungewöhnliche Flasche, schön designte Etiketten. Und über all diese positiven Punkte hinaus, ist dieser Pisco aus Chile auch noch ein Fair-Trade-Produkt, das versucht, allen am Herstellungsprozess beteiligten einen ehrlichen Anteil des Gewinns zuzuführen und sie nicht auszubeuten. Gerade Spirituosenproduzenten sind manchmal schlimme Finger, wie die grausame Behandlung von Zuckerrohrerntern beim nicaraguanischen Rumbrenner Flor de Caña zeigt, und wir sollten alle hin und wieder einen Blick hinter die Kulissen unseres liebsten Lasters werfen und darüber nachdenken, welche Art von Produktion wir durch Kauf unterstützen wollen.

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen – Lindemans Kriek Lambic Beer und Liefmans Fruitesse on the Rocks

Natürlichkeit ist wieder in. Sich darüber zu wundern ist eigentlich fehl am Platz – man sollte sich mehr darüber wundern, dass es jemals eine Zeit gab, in der Künstlichkeit im Geschmack durchaus akzeptabel (im unmoralischen Austausch gegen Preisgünstigkeit) war. So ganz sind wir noch nicht darüber hinweg, wenn man sich mal diese seltsamen Fruchtjoghurts anschaut, deren Fruchtaromen von der BASF aus Holzspänen und Hefepilzen gezüchtet werden, oder Biermischgetränke, in denen angeblich Tequila- oder Zitronenaromen vorhanden sein sollen. Gerade letztere weisen statt natürlich schmeckenden Fruchtaromen meist diese Art von Pseudofrucht auf, die man aus Gummibärchen kennt – kann da wirklich jemand den angeblichen Pfirsich vom angeblichen Apfel unterscheiden? Ich bezweifle es.

So richtig in der Bierbreite ist diese Natürlichkeitsbewegung also noch nicht angekommen. Denn die modernen Bierkonsumenten trinken mehr und mehr vorgefertigtes Cola-Bier oder Radler, haben also nichts dagegen, dass große Getränkekonzerne Biermischgetränke mit allerlei chemischen Zusätzen auf den Markt bringen, die mit Bier nichts mehr gemein haben, außer dass noch „Bier-Mischgetränk“ oder ähnliches auf dem Etikett steht – ebenso wenig hat das Gesetz etwas dagegen. Gleichzeitig dürfte in Deutschland, wenn man ein traditionelles Fruchtbier wie ein Kriek herstellen wollte, nichtmal ansatzweise das Wort „Bier“ auf dem Etikett verwenden. Biere mit natürlichen Zutaten in einer uralten handwerklichen Tradition sind verboten, Labormixturen mit künstlichen Aromen aber völlig ok?

Wer wirklich glaubt, dass belgische Fruchtbiere künstlich sind, oder schmecken wie die Massenmixgetränke von der Tankstelle, hat sie noch nie getrunken – das ist eine ganz andere Qualität. Die Herstellung eines traditionellen Fruchtbiers ist dafür eigentlich recht einfach, aber zeitraubend: nachdem das Lambic-Beer, das als Grundlage dient, hergestellt ist, werden frische Früchte, beim Kriek zum Beispiel Kirschen, in den Reifetank gegeben, und das ganze dann einige Monate (bis zu anderthalb Jahre!) nachgereift, bis der Löwenanteil des Fruchtzuckers vergoren ist. Ein Hauptunterschied zu Mixery, Desperados und Co. ist also, dass dem fertigen Produkt nicht ein Aroma untergemischt wird, sondern die Früchte die Produktion mitbestimmen, wie es Hopfen, Hefe und Malz auch tun – ein gleichberechtigter Partner sozusagen. Für die Massenproduktion wird oft allerdings auf Fruchtsaft statt ganzer Früchte zurückgegriffen.

Für den heutigen Vergleich habe ich mir in Ermangelung deutscher Konkurrenz zwei belgische Früchtchen ausgesucht. Einerseits den Klassiker, das Lindemans Kriek Lambic Beer, das mit Kirschsaft hergestellt wird; andererseits einen modernen Vertreter der Gattung, das Liefmans Fruitesse on the Rocks, das mehrere Früchte in sich vereint. Fangen wir mit dem bekanntesten an, dem Kriek.

LIndemans Kriek Lambic Beer Flasche

Auf den Fotos schlecht zu erkennen ist das strahlende Rubinrot, das besonders schön wirkt, wenn man es gegen das Licht hält – nur dann sieht man auch die leichte Trübung. Der witzig rosafarbene Schaum ist schnell weg, da das Bier praktisch keine Perlage aufweist. Nun halten wir das Bier unter die Nase. Wie zu erwarten, wenn man die Herstellungsweise kennt, riecht man nur Kirsche, Kirschsaft, um genau zu sein. Nur ein leichter herzhafter Unterton deutet auf das Basisbier hin.

Dann herzhaft einen Schluck genommen, und man schnalzt danach mit der Zunge. Sehr rezent, kräftige Säure, Kirschsaft, unterschwellige Süße. Höchst erfrischend und unterhaltsam. Allerdings, das muss man natürlich erwähnen: Das Lindemans Kriek schmeckt praktisch nicht nach Bier; im Blindtest, so bin ich sicher, würden es viele für ein Kirschsaftschorle halten.

Erst im Abgang kommt eine sehr dezente Bierbittere und -würze dazu. Ansonst ist das Kriek auch schnell wieder weg; ein kurzer, aber intensiver Genuss. Wenn man wirklich Durst hat, wie ich, als ich das Bier trinken wollte und vorher eine Stunde mit dem Hund im Garten gespielt hatte, sollte man erstmal was anderes trinken, denn sonst zieht man das Fläschchen auf eine Zug weg, so süffig und frisch ist es.

LIndemans Kriek Lambic Beer Glas

Die kleine Flasche, dieselbe, in der der Hersteller auch andere Fruchtbiere wie das Lindemans Framboise abfüllt, ist mit 25cl gefüllt, und weist freundlich-süffige 3,5% Alkohol auf. Lindemans setzt bei seinem Kriek auf ein auf Eiche gereiftes, einjähriges Lambic als Basis, und gibt dann, wenn man dem Etikett glauben darf, reinen Kirschsaft, der am Ende 20% des Inhalts ausmacht, dazu. Drei weitere Zutaten gefallen mir aber nicht, der ich eingangs noch die Natürlichkeit eines traditionellen Krieks gelobt hatte: Aroma, Süßstoff natürlichen Ursprungs, Ascorbinsäure. Man sieht, die moderne Aromatenchemie gibt es auch unter den belgischen Bierherstellern. Ich werde mich mal nach einem Kriek umschauen, das auf diese Zusatzstoffe verzichtet, um nicht als Idiot dazustehen, der auf die Legende des natürlichen Fruchtbiers reingefallen ist.

Neben Lindemans ist auch Liefmans ein großer, alter Name im belgischen Bierbusiness. Mit dem Fruitesse on the Rocks bietet der Hersteller eine Mehrfruchtalternative zum klassischen Kriek an: Neben den Kirschen findet man auch Himbeere, Holunderbeere und Erdbeere. Gibt das dem ganzen noch mehr Feinheit und Aromen?

Liefmans Fruitesse on the Rocks Flasche

15% rote Früchte, entsprechend ist der optische Eindruck: Ein wirklich schönes Kirschrot. Heller als das Kriek, und transparenter. Das Schaumverhalten ist auch hier aber ähnlich: schnell ist er weg. Umso länger bleibt der Geruch – fruchtig, nach Kirschsaft, Johannis- und Himbeeren. Und, ja, ich habe eine Remineszenz an lang vergangene Kindheitstage, denn die von mir damals so geliebte rote Ahoj-Brause rieche ich auch.

Das Liefmans Fruitesse weist erfreulicherweise geschmacklich einen deutlichen Biercharakter auf, ergänzt durch Fruchtaromen von sauren roten Früchten wie Johannisbeere und Himbeere. Ein trockenes Mundgefühl bleibt, dennoch, oder vielleicht auch deswegen, wirkt das Fruchtbier spritzig und erfrischend. Säure und Süße sind nicht ganz so gut ausbalanciert wie beim Kriek, die streiten sich etwas. Sehr rezent, trotz fehlender Perlage. Der Abgang ist etwas bitter und hefig, würzig und trocken. Wie gesagt – das Fruchtbier von Liefmans ist klarer an Bier orientiert als das von Lindemans.

Liefmans Fruitesse on the Rocks Glas

Beim Liefmans Fruitesse ist die sonstige Konfiguration dann aber doch ähnlich wie beim Lindemans Kriek: 25cl, mit 3,8% Alkohol. Leider gilt das auch für die Zusatzstoffe – neben den 15% Fruchtanteil (Kirschen, Himbeere, Holunderbeere, Erdbeere) sind auch hier Beimischungen von Fructose, Aroma und Acesulfame-K enthalten. Bei belgischem Bier gilt es aber zu beachten: Manchmal sind deklarierte Zusatzstoffe auch vollständig im Endprodukt aufgebraucht, wie der Zucker, den man oft bei Flaschengärungsbieren findet. Das soll natürlich keinesfalls die Verwendung von Süßstoffen und Aromen entschuldigen.

Neben dem Konsum als hervorragend effektives Erfrischungsgetränk können Fruchtbiere natürlich auch als Cocktailzutaten gute Dienste leisten – sie bringen von sich aus schon zwei sehr unterschiedliche Komponenten in einen Drink; einerseits die Fruchtaromen, andererseits eine gewisse Sprudeligkeit. Im Gegensatz zu vielen Biercocktails, die ich bisher vorgestellt hatte, ist bei Fruchtbier der malzig-hopfige Charakter eines Biers nicht im Vordergrund, und so entstehen im Cisco und Ginja sehr fruchtig-süße Cocktails mit viel Charme. Der Cisco ist dabei mehr was für den Abend, der Ginja für den heißen Nachmittag.

Cisco
Cisco
2 oz Belgisches Fruchtbier (z.B. Lindemans Kriek)
1½ oz Tequila Blanco (z.B. Agavita Platinum)
¾ oz Aperol
¼ oz Zuckersirup
1 Spritzer Peach Bitters
1 Spritzer Peychaud’s Bitters
Alle Zutaten auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach Brent Harcombe]
Ginja
Ginja
Einige Himbeeren muddeln
1½ oz Belgisches Fruchtbier (z.B. Liefmans Fruitesse)
1 oz Vodka (z.B. Green Mark Vodka)
¼ oz Zitronensaft
Alle Zutaten auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach Michael G. Perreira]

Sowohl das Lindemans Kriek als auch das Liefmans Fruitesse on the Rocks sind sehr interessante Biere; ich finde aromatisch keinen Mangel, den ich einem der beiden ankreiden könnte. Sie sind sensorisch allerdings auch recht ähnlich, das Fazit fällt daher etwas schwammig und unscharf aus, und ich kann keine eindeutige Empfehlung für eins der beiden aussprechen – das Kriek würde ich als Erfrischungsgetränk bevorzugen, das Fruitesse eher als Essensbegleiter.

Trotz der bösen Überraschung bei der Zutatenliste muss eins festgehalten werden: Sowohl das Fruchtbier von Liefmans als auch von Lindemans sind im Geschmack keinesfalls mit einem Biermischgetränk wie Mixery oder Desperados vergleichbar, da liegt schon noch eine Welt an Qualität, Aromatik und vor allem Körper dazwischen; man sollte die 15%-20% echtem Fruchtanteil nicht über den Ärger des Süßstoffs hinweg vergessen.

Der nächste Schritt für mich wird, wie schon erwähnt, sein, ein wirklich traditionelles Kriek zu finden, das ohne diese zusätzlichen Aroma- und Süßstoffe auskommt. Wenn mir jemand dafür einen Tipp parat hat – her damit! Ansonsten muss ich die Regale und Etiketten abklappern und Zeit, die ich mit gemütlichem Biertrinken verbringen könnte, mit langweiliger Recherche verschwenden! Was tut man nicht alles als Blogger für seine Leser…

Fünfmal Weißbier, bitte! Maisel’s Weisse

Die Berliner haben sie, und die Bayern auch. Beide nennen ihr liebstes Bier „Weisse“. Wer beide Sorten schonmal getrunken hat, wird mir zustimmen – unterschiedlicher können Biere kaum sein. Das Haupstadtbier ist ein sehr saures und leichtes Bier, das süddeutsche Getränk ein eher süßes, vollmundiges Schaumbier. Während ersteres eine Weile kurz vor dem Aussterben stand und praktisch nur durch das Interesse an alten Bierstilen im Zuge der Craftrevolution wiederbelebt wurde, hat letzteres ganz Süddeutschland, und auch Teile Restdeutschlands im Sturm erobert und wurde zu einer der beliebtesten regionalen Biersorten überhaupt. Die meisten Nichtbayern kennen es allerdings unter einem anderen Namen – Weizenbier, manchmal auch Hefeweizen.

Für die meisten Biertrinker ist das relativ irrelevant, doch die Weisse (ab sofort nutze ich diesen Begriff ausschließlich für die bayerische Variante) zeichnet gleich zwei Dinge aus. Erstens, sie ist der eine obergärige Braustil, der die Industrievereinheitlichung der deutschen Bierkultur auf ein standardisiertes untergäriges Pils in den letzten Jahrzehnten ohne Schaden überstanden hat, sogar floriert; alle anderen, wie Kölsch, Alt oder eben die Berliner Weisse, sind nur in Kulturtaschen übrig geblieben. Zweitens: einst war das Weißbierbrauen ein Privileg für die Hochherrschaftlichen. Das Weizenbiermonopol sollte dafür sorgen, dass der gute Weizen, eigentlich für die Brotproduktion geschützt durch das Reinheitsgebot, wenn dann doch verbraut wenigstens noch ein gute Einnahmequelle für den Landesherrn darstellte. Heute ist das natürlich nicht mehr der Fall, im Gegenteil, das Weißbier ist das Sommerbier, das die Leute im Biergarten über groß und klein miteinander verbindet.

Eine der ganz klassischen Marken in diesem Segment ist die Maisel’s Weisse. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts stellt die Bayreuther Brauerei Gebr. Maisel dieses Bier her, rund 400000 Hektoliter pro Jahr inzwischen. Fünf Sorten von Weißbier werden inzwischen hergestellt, die ich heute hier vorstellen will: Maisel’s Weisse Original, Kristall, Dunkel, Light und Alkoholfrei. Halten wir es bei einer solchen Menge von anstehenden Verkostungen einfach mal mit dem Herzkönig aus Alice im Wunderland: Beginnen wir am Anfang, fahren dann fort bis zum Ende, und hören dort auf.

Maisel's Weisse Sortiment

Der Anfang ist natürlich das Maisel’s Weisse Original. Wer Weißbier stilecht trinken will, braucht dafür aber erstmal ein entsprechendes Glas – durch die starke Schaumentwicklung, die durch die Flaschengärung entsteht, ist ein „Aus-der-Flasche-Trinken“ bei Weißbier auch schon rein technisch nur sehr suboptimal möglich. Ein echtes Hefeweizenglas präsentiert das Bier darüberhinaus auch schön, so dass man den kräftigen Safranton und die wunderbare Weißbierkrone beim Eingießen bewundern kann. Leider ist letzteres zügig verschwunden.

Der Geruch aber bleibt: Äußerst stark nach Banane. Leicht hefig. Nelken. Der wahre Kick bei Weizenbieren ist aber nicht die Nase, sondern der Geschmack. Und beim Maisel’s Weisse Original bekommt man ein archetypisches Hefeweizen. Voluminös im Körper und seidig im Mundgefühl. Dabei supererfrischend und durstlöschend dank sehr runder Süße-Säure-Balance; es läuft mir jedenfalls ohne jeglichen Widerstand zügig die Kehle runter.

Der nicht erwähnenswerte, kurzer Abgang mit einer etwas vordergründigen Süße sorgt dafür, dass der Gaumen wieder schnell offen für neues ist: Ein ideales Gebrauchsbier für die heißen Tage. Mit 5,2% sind wir auch dafür bereit, mal zwei oder drei davon zu konsumieren, wenn der Durst schlimm ist.

Maisel's Weisse Original

Man kennt es von anderen Bierstilen – eine natürliche Trübung wurde früher gern als Mangel wahrgenommen, der Traum war die strahlende Kristallklarheit. Dass diese scheinbar nur optische Veränderung auch Nachteile mit sich bringt, war der aufs Äußere gerichteten Biergesellschaft lange Zeit egal. Die Folge davon sind Biere wie das Maisel’s Weisse Kristall.

Blassgolden, fast schon bleich, und wie der Name schon sagt, kristallklar, steht es im Glas. Da auch erstmal wenig Schaum auftritt ist der optische Eindruck dann doch nicht so wie gewünscht. Auch beim Geruch muss man mit Einschränkungen rechnen: Leicht nach Hefe, Banane und Nelken – sonst geruchlich ziemlich neutral, sehr deutlich ärmer als das Hefeweißbier. Eine Nummer kleiner ist es auch im Alkoholgehalt: 5,1% weist das Kristall auf. Ich hoffe auf Verbesserung im Geschmack.

Dieser ist süßlich nach Nelken, doch mit einer vorbildlichen klaren Kante im Mund; würzig und dabei trotzdem recht klar. Leider bleibt das Kristall geschmacklich, bis auf die deutliche Nelkenkomponente, fast so neutral wie im Geruch. Mittelmäßig rezent ist es dennoch gut durstlöschend – das einzige, was dieses Bier noch rettet.

Die Einleitung zu diesem Bier machte es vielleicht schon deutlich: Ich bin kein Freund nachfiltrierter Biere. Mir ist unklar, warum jemand ein filtriertes Kristallweizen einem vollsatten, viel aromatischeren Hefeweizen vorziehen will. So ehrlich muss ich dann auch bei dem Bier von Maisel sein: Das Kristall ist ein dünner, oberflächlicher, recht langweiliger Durstlöscher, kein Bier, das man genießt. Das gilt für mich aber auch für die Kristallweizen aller anderen Hersteller. Man kann es aber schön im direkten Vergleich als Beweis dafür hernehmen, dass bei der Filtration und Klärung eine enorme Menge an Aromastoffen mit aus dem Bier herausgeschöpft wird.

Maisel's Weisse Kristall

Da wir schon bei der Farbe sind, können wir fortfahren mit einem Bier, das die Gemüter spaltet. Die einen lieben dunkles Weizenbier, die anderen wollen nichts damit zu tun haben, aus dem einen oder anderen Grund. Wie schlägt sich das Maisel’s Weisse Dunkel in dieser Kategorie?

Kräftige braune Farbe, gebrannte Siena, hefetrüb, dabei im Gegensatz zu manch anderem Dunkel in seiner Intensität nicht mit Colabier verwechselbar. Wenig Schaum für ein Weißbier, der nach einigen Minuten sogar fast ganz verschwunden ist. Erster Geruchseindruck: Metall. Das verfliegt aber schnell, und macht Platz für eine sehr tiefe, feine Würze. Malz, Holz, Rauch. Dazu ein Hauch Aprikosen. Sehr angenehm.

Auch im Mund sind diese Komponenten schön erschmeckbar. Die unabstreitbare Malzigkeit ist dabei aber nur leicht süß, die Würze steht im Vordergrund. Klar holzig und mit einem Anflug von Rauch. Nelken. Sehr attraktiv zu trinken. Hohe Rezenz, gut gekühlt auch sehr erfrischend, mit 5,2% Alkohol auch sortentypisch nicht zu stark. Wer mit dunklem Bier immer schwere Malzbrocken verbindet, wird hier eines besseren belehrt. Wer daher, wie ich oben erwähnte, kein dunkles Weizenbier anfassen will, weil er meint, es sei zu malzig-süß, sollte definitiv mal einen Blick auf das Maisel’s Weisse Dunkel werfen, um Vorurteile abzubauen.

Der Abgang bleibt eher kurz, knackig-säuerlich und nur leicht bitter, mehr edelherb, und trocken. Die von vielen anderen dunklen Bieren erinnerte pappige Süße am Gaumen fehlt komplett. Ich fasse mal kurz zusammen: Ein tolles Bier.

Maisel's Weisse Dunkel

Während diese bisher vorgestellten Sorten typisch und althergebracht sind, bewegen wir uns nun auf ein Segment der Bierherstellung zu, das in den letzten Jahren immer mehr an Anhängern gewonnen hat. Diese müssen dabei allerdings so einiges an Spott seitens der traditionellen, eher etwas unflexiblen konservativen Biertrinkerschaft einstecken.

Trüb und fast schon hennarot, mit feinem Schaum und hübsch anzusehen: Man würde nicht für möglich halten, dass es sich hinter dieser hübschen Oberfläche eine freakige Mutation versteckt – alkoholreduziertes Bier. 3,1%, also 40% weniger als das Original, weist das Maisel’s Weisse Light auf, das schmerzt auf den ersten Blick, da Alkohol ja Geschmacksträger ist. Ich riskiere es trotzdem, daran vorsichtig zu schnuppern, man muss aufpassen, vielleicht beißt es ja.

Etwas metallisch direkt nach dem Eingießen, das verfliegt aber nach wenigen Minuten. Es bleibt eine bananige Note, sahnig, minimalst fruchtig nach mildem Obst wie Birnen. Es ist aber schon zurückhaltend, beißt also nicht. Da kann man ja einen Schluck wagen.

Hm, bei allem vorurteilsbehafteten Spott, das Light weiß schon zu gefallen. Im ersten Antrunk merkt man erstmal nichts von der Alkoholreduktion, da kommen weißbiertypische Aromen wie Bananen und Nelken zum Vorschein, Süße und Säure spielen sich gut ein. Sehr süffig zu trinken, und mit weichem Mundgefühl. Erst im Abgang erkennt man einen deutlichen Unterschied zum Original – da ist sehr viel weniger Körper und Dichte, etwas weniger Würze, was dazu führt, dass die Süße vielleicht überhand nimmt.

Maisel's Weisse Light

Insgesamt bin ich aber sehr positiv überrascht, und mir sicher, dass sehr viele Biertrinker den Unterschied kaum wahrnehmen werden. Und wenn das so ist, dann stellt sich die Frage, warum man nicht öfters lieber ein leichteres Bier trinken sollte, wenn es aromatisch so ähnlich zum Vollbier ist. Wir trinken ja schließlich nicht wegen des Effekts, sondern wegen des Genusses, oder? Ich empfehle das jedem mal auszuprobieren. Gerade als Essensbegleiter ist das Maisel’s Weisse Light daher ein Geheimtip.

Nun begeben wir uns aber auf gaaaaanz dünnes Eis. Alkoholreduziert mag ja noch angehen. Aber komplett ohne Wirkstoff? Spaß beiseite – die allermeisten alkoholfreien Biere, die ich schon probiert hatte, haben durchweg enttäuscht. Doch optisch ist das Maisel’s Weisse Alkoholfrei erstmal nicht vom Original zu unterscheiden, selbe Farbe, selber Schaum, ein Zwilling. Geruchlich ist das Alkoholfrei aber deutlich metallischer, wie eine Packung neuer Stahlnägel aus dem Baumarkt. Etwas Banane, aber nur, wenn man genau aufpasst. Sonst recht neutral.

Geschmacklich ist es natürlich dann aber doch kein echter Vergleich zu einem alkoholhaltigen Bier. Das, was ich beim Light schon dezent angemeckert hatte, trifft hier noch mehr zu: Weniger Körper, deutlich weniger Aromen, bis fast hin zur Neutralität, eine sehr seltsame Süßsäure drängt sich zu stark nach vorn, die Karbonisierung wirkt dadurch zu stark. Mir fehlt diese klare Kante, die Alkohol in ein Bier bringt, hier einfach zu sehr. Auch der Abgang ist dann entsprechend zu trocken, und, im Gegensatz zum diesbezüglich noch gut erträglichen Light, ist die säuerliche Trockenheit im Abgang nicht mehr angenehm.

Maisel's Weisse Alkoholfrei

Nun, letztlich muss man als Genießer einen Tod sterben – entweder, man trinkt ein Bier, und muss mit dem Alkohol leben, oder man man lässt es und trinkt Limonade. Ich als größerer Brauer würde zwar durchaus was Alkoholfreies herstellen, dann aber nicht mehr „Bier“ aufs Etikett schreiben, einfach, um klarzustellen, dass dieses Getränk zwar erfrischend und qualitativ gut sein kann, aber mit einem echten Bier in eigentlich keinem der Faktoren, die wir Biertrinker an unserem Getränk der Wahl so schätzen, mithalten kann. Wie aber schon einleitend gesagt – mich hat noch kein alkoholfreies Bier überzeugt, das von Maisel schafft es auch nicht, landet in dieser Gruppe vielleicht sogar eher nur im Mittelfeld.

Alle diese Biere habe ich gut gekühlt frisch aus dem Kühlschrank getrunken, wie das die meisten Bierfreunde wahrscheinlich tun. Denn es gibt für viele kein größeres Grauen als warmes Bier – dass aber auch erwärmtes Bier durchaus charmant sein kann, sieht man in einem Biercocktail, der die langsam kühler werdenden Herbstabende, vielleicht sogar eine frostige Bayreuther Winternacht vorwegnimmt: dem Winter Sun. Nicht, dass man sowas nicht auch im Sommer trinken könnte.

Winter Sun


Winter Sun
2 oz Weißbier (z.B. Maisel’s Weisse Original)
1 oz heller Rum (z.B. Saint James Royal Ambré)
½ oz Grand Marnier Cordon Jaune
1 oz Orangensaft
½ oz Limettensaft
Alle Zutaten verrühren und leicht erwärmen. Warm servieren.
[Rezept leicht abgewandelt nach Frank Zirn]


Was ist mein Fazit? Dazu hole ich etwas aus. Ich habe seit einiger Zeit viele Dutzende von Bieren verkostet. Das, so merke ich, geht ein bisschen zu Lasten des Genusses – man schenkt sich ein Bier ein, und macht seine Verkostung, achtet auf alles, schnuppert und schmeckt, und notiert sich dabei dann Eindrücke. Mir macht das zwar Spaß, aber ab und zu will sogar ich dann einfach nur mal ein erfrischendes Bier trinken, ohne über Aromen, Farben, Schaum, Rezenz und Bitterkeit nachdenken zu müssen, und ohne dabei aber auf Qualität verzichten zu wollen. Das Maisel’s Weisse ist ein ideales Bier für derartige Gelegenheiten – es ist nicht übermäßig komplex (das würde mich wieder in die Verkosterschiene zwingen), aber gleichzeitig auf einem Niveau, das kaum Wünsche offen lässt. Besonders das Original und das Dunkel sind darüberhinaus archetypische Vertreter ihrer Biergattung, die ich jedem Weißbierfreund, oder denen, die es werden wollen, bedenkenlos ans Herz legen will, und das Light hat Potenzial, meine bevorzugte leichte Privatbiergartenweisse zu werden.

Und wenn man dann doch mal etwas modern-craftiges im Glas haben will, bietet die Brauerei mit ihrer Tochter Maisel & Friends ja sogar ganz hervorragende Alternativen – auch wenn konservative Traditionalisten, die sich mit der Weissen von Maisel noch gut arrangieren können, dazu vielleicht bayerisch-offenherzig Pfui Deife sagen werden.

Offenlegung: Ich danke der Brauerei Gebr. Maisel für die Zusendung von jeweils einer Flasche jedes hier vorgestellten Produkts, und für das passende Weißbierglas.

Die Welt zu Gast bei Freunden – Bonpland Blanc VSOP

Rum ist „the next big thing“ in der deutschen Barwelt. Sagte man mir, und lese ich in letzter Zeit häufig in den sozialen Medien und der Fachpresse. Mich fasziniert daran besonders, dass die Barwelt scheinbar immer ein „next thing“ braucht – das gesteigerte Tempo unserer Wirklichkeit kreischt nach immer etwas Neuem. Nun will ich mich nicht grundsätzlich negativ über diese Wellen äußern, denn sie bringen in letzter Zeit auch etwas Gutes mit sich – der Gincraze sorgte für die Wiederbelebung einer langweiligen Spirituose, und brachte im Fahrwasser viel Schwung für Tonic Water und sogar Wermut mit sich. Rum ist ein Getränk, das dringend eine ähnliche Erfrischungskur bräuchte – das, was heutzutage immer noch in vielen Bestenlisten und Verkaufsempfehlungen oben auftaucht, hat mit echtem Rum nur noch selten etwas zu tun.

Umso spannender ist, dass Deutschland, das sich in Sachen Rum früher hauptsächlich als Produzent von mit Neutralalkohol gestrecktem Rum-Verschnitt einen schlechten Ruf hart erarbeitet hatte, nun wirklich in die Pötte kommt und oben bei dieser Erneuerung mitspielen will. Was mit Whisky schon seit einiger Zeit der Fall ist, passiert nun auch bei Rum: er wird plötzlich auch in Deutschland in angemessener Qualität hergestellt, oder aber selektiert, gereift und abgefüllt. Unter der Signatur Bonpland Rum wird letzteres betrieben. Dabei ist der heute hier vorgestellte Bonpland Blanc VSOP also nur am Ende seines Lebenszyklus in Deutschland beheimatet; er ist ein Kind vieler Eltern aus aller Welt – ein Blend aus Rums aus Trinidad, Guyana, Jamaica, Indonesien und Barbados, um genau zu sein. Das Besondere beim Bonpland Blanc VSOP ist das Finish, also die letzte Phase der Reifung, denn es geschieht in badischen Chardonnay-Barriquefässern. Schmeckt man diese Weltläufigkeit, oder wären die Reisenden besser an anderen Gestaden an Land gegangen?

Bonpland Blanc VSOP Flasche

Die natürliche Senf-Farbe ist ansprechend schon allein deswegen, weil sie nicht künstlich hergestellt wurde (siehe dazu später mehr). Aus dem Glas strömt schnell ein ganz eigener Geruch – schwer, süß, dicht. Schottisches Shortbread. Sehr angenehme helle, junge Rumaromen. Keine Ethanolnote oder Lack, dafür etwas Heizöl. Mandeln. Da ich noch den indonesischen Rum von Compagnie des Indes im Regal habe, erkenne ich die Ähnlichkeit; mir scheint also der indonesische Anteil recht groß zu sein. Eine leicht fruchtige Note schwingt nach, erinnernd an Cognac.

Eine leichte medizinische Note, wie bei einem irischen Whiskey fällt als erstes auf. Im Mund liegt der Bonpland Blanc zart und weich, mit leichtem Körper und vielen Obertönen nach Haselnuss, weißer Schokolade und Butterscotch. Sehr mild und rund für einen Rum, der zwischen 4 und 6 Jahre, gemäß dem VSOP-Prädikat, reifte. Im mittellangen Abgang lässt er dann aber doch seine Hemmungen fallen – da ist er dann doch gar nicht unangenehm pfeffrig-scharf, feurig und leicht zungenbetäubend. Eine feine, zurückhaltende Süße bleibt dazu im Mundraum. Auch ein buttriges Gefühl ist noch lange da, sehr ähnlich wie beim Hot Buttered Rum, den ich mir neulich zur Krankheitsprophylaxe angerührt hatte – hier meine ich den Jamaikaner-Anteil rauszuschmecken. Insgesamt vom Geschmacksprofil bleibt er aber ein eher süßlich-weicher Rum.

Man sieht schon – ich ziehe hier ziemlich viele Vergleiche. Der Bonpland Blanc VSOP wildert aromatisch in den unterschiedlichsten Spirituosenkategorien, von Rum über Cognac bis zum Whiskey findet der geneigte Verkoster von allem etwas. Ein Rum, in dem man die einzelnen Rumgebiete, die verblendet wurden, tatsächlich teilweise geschmacklich erkennen und beim Verkosten verfolgen kann: Sehr schön gelöst von Master Blender Andreas Vallendar von der Avadis Distillery hier bei mir um die Ecke zwischen Saar und Mosel, von der auch Ferdinand’s Gin stammt.

Bonpland Blanc VSOP Rücketikett

Das Etikett spricht die mir bei Rum extremst wichtigen Punkte klar aus – kein Zuckerzusatz, keine Färbung. Auch auf eine Kältefiltration wurde zugunsten der Aromen verzichtet, die bei dieser Art der Entfernung von Fuselstoffen oft mit ausgeklärt werden. Allein mit diesen Angaben hat mich der Hersteller schonmal überzeugt, dass er es ernst meint mit seinem Rum, und nicht nur ein Modeprodukt zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt werfen will – hätte er noch 45% statt die vorhandenen 40% Alkohol angesetzt, ich wäre restlos begeistert.

Auch die Idee der Transparenz, was die Herkunft der Blendanteile angeht, ist grundsätzlich sehr lobenswert – bis auf den leider nur in Werbetexten auftauchenden Hinweis auf den Zusatz von Batavia Arrack. Das Etikett jedenfalls schweigt sich über diese Zutat aus, schade, denn ich finde einen Nicht-Rum in einem Rumblend doch durchaus sehr erwähnenswert, selbst wenn javanesischer Arrack ein dem Rum äußerst ähnliches Zuckerrohrdestillat ist. Und die ausschließliche Erwähnung von „Rhum der französischen Antillen“ im Werbetext, statt ihn als Rumquelle auf dem Etikett zu deklarieren, wirkt dann halt zusätzlich noch inkonsequent und stößt tiefer interessierte Rumkenner etwas vor den Kopf, die sich von den oben erwähnten positiven Seiten schon im Siebten Himmel wähnten – das Etikett sollte die zentrale Informationsquelle sein.

Wie macht der Bonpland Blanc VSOP sich in der Mixtur mit anderen Zutaten? Rumcocktail, da denkt man erstmal an Tiki. Und ich mag hin und wieder einen Tiki-Drink, wenn er gut gemacht ist. Mit den langweiligen Saftbomben, die man hier in Saarbrücken immer noch meistens mit Cocktails assoziiert (da sind wir im Saarland irgendwie in den 90ern hängen geblieben), hat schon das nicht mehr viel zu tun. Doch selbst gute Tiki-Drinks bleiben bei mir hinter einem echten, reduktionistischen, alkohollastigen Prohibition-Era-Drink zurück, der ohne Saft – höchstens noch Zitrone – auskommt. Ich halte es da gern mit dem bekannten Hamburger Barchef Jörg Meyer, der den Fruchtanteil eines gutgemachten klassischen Cocktails lakonisch so definiert: „Fruchtzeste“. Ein Beispiel dafür ist sein White Old Fashioned – und der Bonpland Blanc VSOP passt da rein wie die Faust aufs Auge – auch wenn der entstehende Cocktail dann nicht so richtig weiß ist.

White Old Fashioned


White Old Fashioned
2 oz weißer Rum (z.B. Bonpland Blanc VSOP)
⅓ oz Sirop de Canne de Martinique
2 Spritzer The Bitter Truth Old Time Aromatic Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept leicht abgewandelt nach Jörg Meyer]


Das Portfolio ist von Anfang an breit aufgestellt: Neben dem hier gezeigten Blanc VSOP bietet der Hersteller noch einen dunklen Bonpland Rouge VSOP, ebenfalls in Ex-Weinfässern gefinisht, an, sowie eine Barrum-Schiene mit ungereiften Mixrums. Die edelsten Bonplands sind dann über 20 Jahre alt und stammen aus Destillerien, die das Herz der Rumsammler erfreuen, wie Enmore und Caroni. Und schließlich soll es noch Bitters und Liköre unter diesem Label geben – ich hoffe, hier wird sich nicht verhoben, bei so einer Parallellast.

Den halben Liter bekommt man für 37€ – nicht billig, aber für das Gebotene durchaus fair. Neben dem Inhalt erhält man eine opulente Produktpräsentation, in einer Designflasche, üppigen Etiketten, einer stabilen, runden Kartondose und – und das habe ich so bei einem Produkt dieser Preisklasse noch nicht gesehen – einem Glasverschluss.

Bonpland Blanc VSOP Glasverschluss

Jener ist zugegebenermaßen recht schwer zu öffnen und wieder zu schließen, gibt dem ganzen aber diesen letzten Touch an erschwinglichem Luxus, mit fast ein bisschen zu überfließendem Glööckler-Style. Ein schwelgerischer Gegenentwurf jedenfalls zu Felix Kaltenthalers kühl-aggressivem Stil bei Revolte und den minimalistischen Etiketten der neuen Foursquare-Rums.

Normalerweise dienen solche optischen und haptischen Gimmicks ja dazu, über den mäßigen Inhalt hinwegzutäuschen. Beim Bonpland Blanc VSOP scheint es mir wirklich einfach der Ausdruck der Begeisterung beim Herstellen zu sein. Denn der Inhalt ist gut, gefällig, ehrlich (das mit dem Arrack-Anteil nehme ich mal aus, denn das stört mich schon) und damit ein angenehmer neuer Vertreter für die aufkeimende deutsche Rumszene, die kreativ mit Spirituosen arbeitet und dabei ohne künstliche Hilfsmittel und Geschmacksverstärker auskommt.

Sterne über Griechenland, Teil 1 – Metaxa 3 Stars

Einer der meistaufgerufenen Artikel meines Blogs ist der über den Metaxa-Klon Akropolis des Discounters Aldi. Einerseits freut mich das Interesse an meiner Berichterstattung, andererseits bin ich doch etwas überrascht darüber, dass soviele Leute nach einer Alternative zu Metaxa suchen. Für die einen scheint Metaxa nicht mehr als eine Kochzutat für Gyros in Metaxasauce zu sein, und wollen daher nicht viel Geld ausgeben für etwas, das einen derart eingeschränkten Nutzen für sie hat; andere glauben vielleicht, dass es der Markenname ist, den man bezahlt, und dass No-name-Produkte gleiche Leistung bei niedrigerem Preis bieten, ein Image, das sich die Discounter gern aneignen. Oft mag das stimmen; bei Metaxa ist es jedenfalls falsch.

Offensichtlich muss in Bezug auf Metaxa, einer meiner absoluten Lieblingsspirituosen, mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden. Ich beginne daher eine kleine Serie, in der ich die unterschiedlichen Qualitätsstufen von Metaxa (dem echten und einzigen, natürlich!) vorstellen will – passend zur Bezeichnung dieser Stufen, die vom Hersteller über eine Anzahl von Sternen erfolgt, nenne ich sie „Sterne über Griechenland“. Ich hoffe dadurch die Alternativen Suchenden davon zu überzeugen, dass ein paar Euro mehr, die das Originalprodukt kostet, hier direkt einen enormen Geschmacksgewinn bringen – und bei dem breiten Angebot, das Metaxa dem Konsumenten bietet, findet vom Saucenkoch über den Mixologen bis zum anspruchsvollen Genießer jeder etwas in diesem Sortiment.

Beginnen werden wir unten auf der Qualitätsleiter mit einer niedrigen Anzahl von Sternen: Der Metaxa 3 Stars ist das Basisprodukt des Herstellers. In Deutschland ist er vergleichsweise schwer zu bekommen, da er vom offiziellen Vertrieb nicht aus Griechenland exportiert wird – man muss ihn in kleineren Online-Shops bestellen, meist völlig überteuert zu einem Preis, für den man schon die 5-7-Sterne-Variante bekommt. Oder man macht es wie ich: Ich bringe immer eine kleine 35cl-Flasche davon aus dem Urlaub mit, günstig eingekauft in einem kretischen Supermarkt.

Metaxa 3 Stars Flasche

Wie bei vielen Spirituosen sollte man auch beim Metaxa leider nicht viel auf die Farbe geben; sie entsteht durch Nachfärbung mit Zuckerkulör. Warum die Hersteller dann immer den gleichen, warmbraunen Bernsteinton wählen, wenn sie doch freie Möglichkeiten der Einfärbung haben, sollte uns zu denken geben, die wir gern Spirituosen in diesem Farbton kaufen, der uns bei Whisky, Rum, Weinbrand und anderen vorlügen soll, wir hätten hier einen alten, wertvollen Brand vor uns.

Wer sich fragt, warum der 3-Sterne-Metaxa hier nicht offiziell angeboten wird, wird schon durch ein Riechen am Glas aufgeklärt. Lack, Schwefel und Ethanol sind sehr präsent, erst dahinter erkennt man das Metaxa-typische Rosenaroma. Es ist aber da, im Gegensatz zum Aldi-Akropolis. Und im Mund ist das dann doch eine andere Welt; die kräftige Weinbrandbasis ist mit 36% Alkohol feurig und warm im Mund, süßlich und schokoladig, samtig und mit kaum einem Kratzen. Die Rosenblütenaromatisierung sorgt für eine feine Leichtigkeit und angenehme Blumigkeit, die den Metaxa so einmalig macht. Im kurzen Abgang schließlich leicht trocken und etwas bitter, schweflig und kribbelnd, im Hals etwas eckig und kratzig – das erinnert an billige deutsche Weinbrände und ist auch schon das negativste, was man über diesen Griechen sagen kann. Als Fazit – das ist keine große Kunst, aber eine solide Basisspirituose, auf der man aufbauen kann.

Warum gebe ich mich überhaupt mit dieser nur mittelmäßig begeisternden Basisversion von Metaxa ab? Erstens ist es interessant, dass selbst dieses scheinbar so hässliche Entlein im Metaxa-Teich allen Klonen weit überlegen ist. Gegen die Kopien ist der Metaxa 3 Stars dann doch ein Schwan. Zweitens ist er für mich ein Beweis dafür, dass in Cocktails, Highballs und Longdrinks auch Zutaten, die der Purtrinker eher abschätzend betrachtet, zu allerhöchster Form auflaufen können. In meinen Kreta-Urlauben habe ich es zum unerlässlichen Ritual gemacht, in der Taverna Gorgona in Stalis einen Athens zu trinken. Das ist ein großer Name für die einfache 1:1-Mixtur aus Metaxa und Orangensaft; wer ihn aber schonmal dort getrunken hat, wird sich die Finger nach ihm schlecken. Und sich auf immer neue, spektakuläre Umrührer freuen, die der Wirt dazu ins Glas steckt.

Taverna Gorgona's Athens


Taverna Gorgona’s Athens
Ein Glas mit Eis befüllen.
Dann, im gleichen Verhältnis, Metaxa und Orangensaft eingießen.
Umrühren.
[Rezept nach Giannis Kamnakis]


Das alleraberwitzigste an diesem Highball war, dass ich verzweifelt versucht habe, ihn zu hause nachzumischen, mit 12-Sterne-Metaxa und frisch gepresstem Orangensaft und allerlei Trara. Doch nie erreichte ich die Geschmackserinnerung, die ich mit dem Athens auf Kreta verband. Die Lösung erfuhr ich erst spät vom Wirt der Taverne – der Trick besteht in der scheinbar niedrigen Qualität der Zutaten. Metaxa 3 Stars, aus der seit Wochen offenstehenden 2-Liter-Flasche, dazu der billigste Orangensaft aus Konzentrat, den man im Tetrapack bekommen kann. Und, was soll ich sagen – so funktioniert es! Es ist fast zum Lachen, aber auch ein Augenöffner für Schnapssnobs wie mich, die meinen, alles noch durch immer noch hochwertigere Zutaten verbessern zu können.

Soviel zum ersten Kapitel des Metaxa-Epos bei schlimmerdurst.net. Haltet Ausschau nach Teil 2 der Serie „Sterne über Griechenland“, die dann die Version des griechischen Weinbrands beschreibt, die man in Deutschland als günstigste Fassung bekommen kann – den Metaxa 5 Stars. Wer es bis dahin nicht aushält, kann sich ja vielleicht mal den mit Honig aromatisierten Metaxa with Greek Honey anschauen; ich wünsche jedenfalls Καληνύχτα και όνειρα γλυκά!