Asbach vs Chantre Titel

Man genießt den feinen Geist des Weines – Chantré Weinbrand vs Asbach Urbrand

Wer in den späten 80ern aufgewachsen ist, kennt sie, die Werbungssprüche der großen deutschen Weinbrände. Am Geschmack erkennen soll man sie, fein und weich, mit Geist und was besonderes für besondere Gäste und Anlässe. So massiv wurden sie beworben in Fernsehen und Radio, dass der eine oder andere Spruch es über die Jugendkultur in den deutschen Sprachschatz geschafft hat; meist eher parodierend allerdings, und Asbach beispielsweise ist heutzutage gar nicht mehr wirklich glücklich darüber, dass ihr Produktname herablassend synonym für etwas total veraltetes gebraucht wird.

Chantré wechselte den Werbespruch immer wieder mal, doch das „nicht irgendeinen!“ blieb bei mir am meisten hängen. Man fühlt sich direkt in die Zeiten von „Ich heirate eine Familie“, „Diese Drombuschs“ und den großartigen Adventsvierteilern im Fernsehen versetzt, wenn man sich diese Spots anschaut.

Weg mit der Nostalgie, hin zum aktuellen Produkt. Auf Fernsehwerbung müssen die beiden Platzhirsche des deutschen Weinbrands, Asbach und Chantré, inzwischen verzichten. Sie sind aber immer noch sehr präsent in unserem modernen Blickfeld, nämlich an fast allen Supermarktkassen der Republik in kleinen Dosen. Ich habe mir für diesen Vergleichstest dann an eben so einer Edeka-Kasse jeweils einen 100ml-Flachmann von Asbach Urbrand (man beachte die Namensänderung)* und Chantré Weinbrand geholt.

chantreasbachurbrand-vergleich

Der Asbach Urbrand ist zumindest von außen schonmal etwas aufwändiger aufgemacht. Ein schönes, schwungvolles Flaschendesign wirkt gut selbst bei dieser winzigen Größe. Dazu die Plastikkappe, die wohl neben dem Schutz des echten Korkens, einem wahren Luxus bei dieser Flaschengröße, auch als Trinkbecher dienen kann.

Optisch gefällt mir auch der Inhalt, die schöne Schlierenbildung im Glas weiß ich zu schätzen. Ich nehme einen Hauch von Fruchtnote wahr, leicht alkoholisch, insgesamt aber schwach und undefiniert, praktisch kaum riechbar.

Am Gaumen ist der Asbach Urbrand süßlich, zu Beginn sehr weich und cremig, später deutlich brennend auf der Zunge, dann wieder dezenter im Abgang. Geschmacklich ähnlich wie schon in der Nase zurückhaltend fruchtig, etwas schokoladig, ein Touch von Korn. Das Böse kommt zum Schluss: der Weinbrand hinterlässt eine leichte Bittere am Gaumen, und je länger man wartet, um so fuseliger wird er – nach ein paar Minuten ist der Asbach eher unangenehm trocken-bitter, schwefelig, erinnernd an kalten Zigarettenrauch.

Ich fasse zusammen: In der Nase praktisch nichtexistent, im Antrunk sehr angenehm süß, im Abgang fast schon schlimm.

asbachurbrand-flasche

Der Chantré spart am Äußeren: ein Blechschraubverschluss und ein einfacheres Etikett mit hässlichem Barcode.

Der Geruch: Traubenmost, überreife Ananas, Anis, und eine leicht unangenehme fuselige Note. Keine sehr ansprechende Kombination, da muss ich schon zweimal riechen, um das positive zu erkennen. Der Geschmack dagegen entschädigt für die seltsame Nase: Er schwingt von sehr hell und fruchtig um auf süß, schokoladig, im Abgang trocken, etwas bitter. Im Vergleich zu spanischen Brandys, die geschmacklich ähnlich gelagert sind, hat aber auch der Chantré, wie der Asbach, enttäuschend wenig Körper.

Für den interessanten Geschmack gibt es dann aber wiederum einen Negativausgleich: ein sensationell kurzer Abgang, kaum runtergeschluckt ist der Chantré auch schon aus dem Geschmacksgedächtnis verschwunden. Auch hier verbleibt eine etwas störende bitter-trockene Schwefeligkeit: wie ich vermute ein Kennzeichen der Massenproduktion, das ich auch schon beim Carlos I entdeckt hatte.

chantre-flasche

Ich scheue mich davor, einen der beiden für Cocktails zu empfehlen. Ihre körperlose Art bringt nichts für einen Cocktail, in dem dichter Cognac- oder Brandygeschmack gefragt ist, und der Fuselcharakter müsste durch kräftige Mitspieler ausgeglichen werden (die dann aber wiederum den eh schon zurückhaltenden Geschmack völlig übertünchen würden).

Fazit. Eigentlich haben wir hier keinen Gewinner. Der Chantré ist für mich aromatisch etwas vielschichtiger und weicher, aber letztlich enttäuschen beide Produkte. Der Asbach Urbrand hat die klar schönere Verpackung und Farbe, aber der Abgang ist grausig. Der Chantré erlaubt sich keinen ganz so schlimmen Ausrutscher, doch auch keine Eigenschaft, die ihn besonders macht – ein Langweiler vor dem Herrn. Keinen von beiden würde ich einem geschätzten Gast vorsetzen.

Man bekommt, wofür man bezahlt. Zwischen 10€ und 15€ für den Liter bei einem Weinbrand, es ist klar, welche Zielgruppe damit angesprochen wird: Der anspruchslose Effekttrinker, ganz im Gegensatz zu den Werbeversprechen. Auch die Platzierung der kleinen Flaschengrößen an der Supermarktkasse und ihre Flaschenform deutet darauf hin. Ich finde das Angebot dieser kleinen Abfüllmengen grundsätzlich immer gut, man kann dadurch probieren, bevor man die Schnapskatze im Dreiviertellitersack kauft, doch in dem Fall dieser Weinbrände steckt natürlich eine andere Motivation dahinter. Eins muss aber auch gesagt werden: Wir sprechen hier von den absoluten Basisprodukten dieser Hersteller, der niedrigsten Qualitätsstufe. Kein Hersteller bekleckert sich in dieser Qualitätsregion mit Ruhm. Zumindest Asbach hat noch ein paar deutlich attraktivere Weinbrände im Angebot.

Nach diesem etwas enttäuschenden Vergleichstest werde ich mir nun einen erfreulicheren Weinbrand eingießen, um nicht mit negativen Gedanken den Verkostungstag zu beenden. Wie sagt die Werbung doch so schön? Darauf einen Dujardin oder Mariacron, wenn der Tag zur Ruhe kommt!

* Nachtrag 07.01.2016: Ein Leser hat mich darauf hingewiesen, dass der Asbach Urbrand tatsächlich ein vom Asbach Uralt verschiedenes Produkt ist, und es sich nicht um eine Namensänderung handelt. Die Homepage von Asbach bestätigt das: Asbach Urbrand gibt es nur in kleinen Portionsgrößen (0.02l und 0.1l, dazu die „halbe“ Flasche mit 0.35l). Wenn ich die Seite richtig lese, ist der Asbach Urbrand ein einzelner Brand, während der Asbach Uralt ein Blend ist. Was ich über den Geschmack des Urbrands gesagt hatte, lasse ich aber so stehen. Vielleicht bekommt der Uralt noch irgendwann eine Chance; der 15 Jahre gereifte Spezialbrand ganz sicher.

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