Rum in Zeiten der Cholera – The Rum Factory Distillery Collection Aged 10/15 Years

Für mich ist die aktuelle Corona-Ausgangssperre kein wirkliches Problem. Ich bin eh schon immer selbstgewählter Eremit und kenne eigentlich keine Langeweile und gefürchtete Vereinsamung, die man bei so vielen Facebookfreunden ausmachen kann. Doch manchmal freut man sich dennoch über Gäste – und so war ich positiv überrascht über zwei hübsche Flaschen, die da vor kurzem bei mir im Quarantänequartier hereingeschneit sind. Der noch recht junge unabhängige Abfüller The Rum Factory hat mir damit die ruhige Zeit noch etwas genehmer gemacht.

Ich genieße es immer sehr, bei mir unbekannten Produkten erstmal ein bisschen zu recherchieren – und der erste Schritt dabei ist das Etikett, denn ich bin ein Etikettenfanatiker und will jedes Wort darauf abklappern. Man findet immer was interessantes, und auch hier: das zentral platzierte Wort „Buchsdorf“. Dies ist kein echter Namensbestandteil, nur eine Verneigung vor der Zusammenarbeit des Abfüllers mit der historischen tschechischen Albert Michler Distillery in Buková (früher eben Buchsdorf), wo andere Produkte von The Rum Factory weiterverarbeitet werden. Für die hier vorliegende Distillery Collection fand die gesamte Herstellung jedoch erstmal rein in Panama statt – bei Bodegas de América, S.A., wo diese beiden Rums destilliert, gereift und geblendet wurden; wir haben hier also rein tropische Reifung vor uns. Werfen wir einen Blick auf die zwei Mitglieder dieser Kollektion.

The Rum Factory Distillery Collection Panama Aged 10/15 Years

Fangen wir mit dem jüngeren der beiden an. The Rum Factory Distillery Collection Aged 10 Years ist ein Blend aus 4-12 Jahre alten Rums, das Durchschnittsalter ist also auf dem Etikett angegeben. Dazu am Ende mehr, jetzt erstmal zum Stoff selbst. Die Farbe ist leuchtendes Kupfer, der zur Vereinheitlichung eingesetzte Farbstoff ist auf dem Etikett angegeben. Im Glas ist nur leichte Viskosität erkennbar, der Rum schwenkt sich leicht und lebendig. Dabei hinterlässt er einen öligen, durchgängigen Film an der Glaswand, der nur teilweise in Beinchen zerfällt beim Ablaufen.

Geruchlich bin ich überrascht – hier finden sich Noten, die nicht alltäglich sind. Neben extrem viel Karamell und Butterscotch ist zuoberst Kokosfleisch, weiße Schokolade und Kakao. Darunter eine sehr abgesetzte Schicht Frucht, Orange und Mandarine. Und darunter wiederum eine kräuterige, leicht lakritzige, eukalyptuserinnernde Basis. Das erlebe ich in dieser Deutlichkeit selten, dass hier wirklich drei abgrenzbare Schichten separat miteinander spielen. Sehr spannend gemacht.

Der Antrunk ist sehr fruchtig, mit Zitrus- und Orangennoten. Die eingesetzte Süßung (~12g/L) ist vorsichtig, nie pappig oder unangenehm. Holztöne kommen auf, Vanille, Zimt. Eine schöne Breite und Volumen bauen sich auf. Eindrücke von Kaffeepulver und Gewürzen entstehen im Verlauf, dabei wird der Rum trockener und immer pikanter – 41% Alkoholgehalt passen sich ganz gut in das Bild ein.

The Rum Factory Distillery Collection Aged 10 Years Glas

Der Abgang ist halbtrocken, mittellang, am Ende doch sehr pfeffrig und mentholisch heißkalt, hinterlässt auf der Zungenspitze ein bisschen Betäubung und einen Eisenton im Mundraum. Leichte Gewürznoten nach Kardamom, Muskat und Nelken hängen noch etwas nach.

Das macht doch Spaß. Darum gehen wir gleich über zu seinem älteren Bruder, dem The Rum Factory Distillery Collection Aged 15 Years. Auch hier handelt es sich um einen Blend, diesmal aus 11-17 Jahre alten Rums, der Durchschnitt ergibt dann 15. Dazu erneut am Ende mehr. Farblich machen sich die durchschnittlichen 5 zusätzlichen Jahre Reifung bemerkbar, da ist mindestens eine Farbstufe, eher zwei, dazwischen – hier sehen wir ein Hennarot. Ich habe den Eindruck, dass sich der 15-jährige auch anders bewegt im Glas, öliger und schwerer. Der Glaswandfilm ist langlebig und beinhaltet langsam ablaufende Beine.

Einen sehr viel dunklere Nase hat er aber auch. Viele Eichenholzaromen, viel Vanille, dunkle Früchte, Melasse und eine intensive Portweinnote. Faszinierend, dass hier dieselben Basisdestillate, nur anders geblendet und länger gereift vorliegt – die beiden Rums haben geruchlich kaum etwas miteinander zu tun. Etwas schokoladig, reife Banane, und das für die Destillerie scheinbare definierende Karamell. Im Vergleich zum jüngeren Bruder runder, weicher, aber auch etwas weniger spannend.

The Rum Factory Distillery Collection Aged 15 Years Glas

Im Mund zunächst Anflüge von milden Zitrusfrüchten, Mandarinen vielleicht. Reifer, roter Apfel. Viel Vanille, im Verlauf baut sich aus der überraschend gut eingesetzten Süßung (hier ~16g/L) eine kräftige, erwachsene Würze auf, die mit etwas Feuer einhergeht. 43% Alkoholgehalt gefallen mir hier gut. Ein schönes Spiel aus Bittere-Süße-Säure. Leichte Zigarrentabak-Aromen. Der Abgang ist sehr schokoladig, pfeffrig-heiß und mit viel Alkoholhauch; mittellang, mildtrocken und sehr genehm. Auch hier ein leichter Eisenton, zusammen mit Backgewürzen. Der Nachhall besteht aus langlebigem Kaffeepulver.

Der Fünfzehner ist ein ganz anderer Rum als der Zehner, kaum vergleichbar. Beide sehe ich durchaus zum Purgenuss geeignet, der eine eher, wenn einem nach etwas Frechem, Hellem, Fruchtigem ist; der andere eher für den Kaminabend zu einer Zigarre.

Die sie wieder vereinenden würzigen Noten und scharfe Abgänge der Rums lassen sie mich aber selbstverständlich auch direkt mit anderen, ähnlich kräuterigen Spirituosen zusammenbringen. Die Mischung klingt zunächst verrückt, ist aber ein echter Gewinner – der Bywater schlürft sich gefährlich gut. Tatsächlich gibt genau so ein Panama-Rum dieser Mischung eine schöne Aromatik, die man mit milderen Rums kaum erzielen würde.

Bywater Cocktail


Bywater
1¾ oz gereifter Rum
¾ oz Chartreuse Verte
½ oz Amaro
¼ oz Falernum
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Chris Hannah]


Mein Fazit – attraktive, einsteigerfreundliche aber auch charaktervolle Rums, aus einer Gegend, die nicht alltäglich in deutschen Heimbars zu finden ist. Persönlich würde ich gern die Süßung weiter reduzieren oder vielleicht sogar ganz abschaffen, um der interessanten Kräuterigkeit des Destillats eine schönere, weniger eingeflauschte Bühne zu bieten, ich glaube, das hätte noch mehr Potenzial dann. In diesem Zusammenhang wäre ich übrigens extrem dankbar, wenn die Süßung auf dem Etikett angegeben wäre – und auch die etwas schwummrige Altersangabe mit Durchschnittsalter statt dem jüngsten Blendanteil ist doch nicht mehr zeitgemäß für ein modernes, aufstrebendes Unternehmen. Transparenz ist einfach Gebot der Stunde, zumindest kann man auf der Abfüllerseite Details nachlesen und wird auch auf Nachfrage ohne Herumdruckserei klar informiert.

The Rum Factory hat außer diesen beiden Panamesen noch weitere Rums im Portfolio. Aktuell ist unter anderem auch die Double Cask Collection, die tropische und kontinentale Reifung vereint; es folgen Artikel dazu auf meinem Blog.

Offenlegung: Ich danke The Rum Factory für die kosten- und bedingungslose Zusendung der beiden Flaschen der Distillery Collection.

Kurz und bündig – Maisel & Friends Smoky IPA

Meine Kollegen sind verrückt danach, ich hab kein besonders extremes Verhältnis zum Grillen. Im Sommer, mit Freunden, gern, aber nur, wenn andere sich darum kümmern. Ich bringe dann lieber Sprit mit – jeder, wie er kann halt. Darum war mir Don Caruso eigentlich auch kein Begriff. Eine kurze Recherche bringt zum Vorschein, dass er den ältesten Grill-Blog im deutschsprachigen Raum hat. Ein Kollege also. Das Maisel & Friends Smoky IPA stellt das Ergebnis einer Zusammenarbeit eben jenes Don Caruso, mehrfacher deutscher Meister und sogar Weltmeister seiner Disziplin, mit der allseits geschätzten Bayreuther Brauerei dar.

Maisel & Friends Smoky IPA

Die Farbe ist direkt schonmal sehr einladend, ich mag es, wenn ein Bier mich so dunkel leuchtend anstrahlt. Eine minimale Trübung unterstützt diesen Effekt, durch sie muss man die vereinzelt aufsteigenden Bläschen aber eher suchen. Sie ergeben am Ende einen großblasigen Schaumkranz an der Glaswand, während in der Mitte dünne Inseln verbleiben. Der erste Eindruck, wenn man am Smoky IPA schnuppert, ist aber nicht Rauch, sondern Beeren. Himbeeren, Brombeeren, Erdbeeren. Etwas Mango und Honigmelone, ein Anflug von Thymian. Sehr fruchtig und angenehm.

Klar und eckig schon vom Antrunk an im Mundgefühl. Eine aletypische Cremigkeit ist zwar da, wird aber schnell von der deftigen Bittere (53 IBU) eingeholt und weggeräumt. Die Beerigkeit ist im Geschmack nicht mehr da, dafür Zitrusnoten, Limettenschale, Grapefruitsaft. Durch die Kantigkeit und die starke Karbonisierung sehr rezent. Insgesamt wirkt das Bier klar und sauber, mit 6,5% Alkoholgehalt auch kräftig, allerdings suche ich doch nach dem Rauch. Im Abgang kommt dann endlich der Namensgeber zum Vorschein. Nicht wie bei einem typischen Rauchbier, sondern mehr als angedeuteter Nachklang. Zusammen mit dem bittertrockenen Effekt am Gaumen hängt noch kurz eher die Vorstellung von mildem Rauch im Mundraum. Ich stelle mir vor, dass es ganz ausgesprochen hervorragend dazu geeignet ist, den Mund von all den fettigen, gewürzlastigen Aromen zu befreien, die ein guter Grillnachmittag mit sich bringt.

Erneut ein schönes Bier aus dem Hause Maisel & Friends – ich bezweifle, dass es ein Produkt von ihnen gibt, das mir nicht gefällt. Solides Handwerk und Kreativität kommen hier immer wieder zusammen; ich bin gespannt, wie die BrewBQ-Reihe weitergeht.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche des Smoky IPA.

Kurz und bündig – Stone Go To IPA

Ich habe vor einiger Zeit einige Artikel begonnen, die ich aus irgendwelchen Gründen nie veröffentlicht hatte – es kam immer was anderes, interessanteres dazwischen. Diese hole ich nun Stück für Stück aus der Versenkung, und zeige sie nun. Ich überarbeite sie teilweise, aber an den Fotos erkennt man, dass sie aus einer früheren Schaffensphase stammen; ich bitte, die Qualität der Fotos zu entschuldigen. Für manche Produkte frische ich die Bilder auf, wenn ich meine, dass es sich lohnt, weil das Produkt so gut ist, dass ich es nochmal ins Glas hole.

Es ist schon eine tolle Sache, dass man heutzutage durch relativ normale Supermärkte schlendern kann, und sehr oft eine ganze Reihe von spannenden Bieren in den Regalen sieht. Vor 5 Jahren war das alles, was ich gerade besonders bei vielen Edekas in der Saarbrücker Gegend erlebe, völlig undenkbar. So ist es dann ganz selbstverständlich, dass man sich als kleines Feierabendbier halt keines der großen, neutral schmeckenden Fernsehbiere holt, sondern beispielsweise das Stone Go To IPA. Über die Dose als idealer Aufbewahrungscontainer für Bier habe ich bereits oft genug geredet, Stone Brewing zieht das Konzept stringent durch.

Stone Brewing Go To IPA

Passend zum Dosendesign ist das Bier sonnenblumengelb, leicht blass, nur leicht opalisierend. Schaum hält sich in Grenzen; Perlage ist aber auch nach einigen Minuten noch vorhanden. Der Geruch ist von Anfang an extrem fruchtig, sehr hopfig, das „Hop Bursting“ (ist das ein Synonym für Kaltstopfen?) hat offensichtlich gut funktioniert, der Hopfen explodiert geradezu. Da scheint mir aber gleichzeitig auch ein kleiner Fehlton nach Plastik zu sein.

Stone-typisch ist das Go To IPA sehr bitter schon im Antrunk, leicht im Körper, aromatisch-hopfenlastig. Ausgeprägte Zitronenschale, auch hier aber der kleine Plastik-Fehlton. Sehr frisch und rezent. Im Abgang bleibt es bitter, trocken, mitellang mit einigen Hopfenaromen, die lange nachklingen. Ein leichtes IPA mit 4,7% (daher wird das Bier auch als Session IPA gekennzeichnet) für Zwischendurch, mir fehlt etwas Volumen, aber sonst? Das trinkt sich gut, wenn man auf diese Art des Biers steht. Wie bei den meisten Stone-Bieren ist die Drinkability sehr gut, man darf hier keine Komplexitätsbombe erwarten, aber das ist ja auch nicht der Sinn hinter solch einem Bier.

Frisch gelagert – Hakushika Ginjo Namachozo

Die Reise im Sakeland geht weiter. Nach einem ersten Kontakt mit dem japanischen Reisbier hatte ich angekündigt, weitere Kategorien erkunden zu wollen – das soll hiermit geschehen.

Die Herstellung von Sake beinhaltet die Inokulierung der Reismasse mit Pilzen, Hefen und Bakterien („koji“). Diese verursachen enzymatische Reaktionen, die man nicht ungebremst weiterlaufen lassen will nachdem ein gewisses Stadium erreicht ist. Darüber hinaus soll dann auch die Fermentation gestoppt werden. Darum ist eine wichtige Komponente der Herstellung die Pasteurisierung („hiire“). Dazu wird die Flüssigkeit für rund 30 Minuten auf 60-65℃ erhitzt, was genau das erreicht. Normaler Sake wird einmal nach dem Pressen der Reismasse und einmal vor dem Abfüllen in Flaschen pasteurisiert.

Ich hatte bereits über einen Sake-Typ berichtet, bei dem das Pasteurisieren komplett weggelassen wird („Namazake“). Doch es gibt weitere Alternativvorgehen bezüglich dieses Schritts. Sake, bei dem man den ersten Hiire-Schritt übergeht, nennt man „Namachozo“ (wörtlich „frisch gelagert“). Also ist der hier nun besprochene Hakushika Ginjo Namachozo genau so ein nur einmal erhitzter Sake, der praktisch roh für 6 Monate gelagert wurde.

Hakushika Ginjo Namachozo

In der Flasche sieht die Farbe deutlich gelblich aus, doch das ist zum Teil durch die leicht gefärbte und matte Flasche selbst verursacht. Im Glas erkennt man, dass der Sake nur minimalst strohig ist. Man spürt beim Schwenken eine leichte Viskosität, das äußert sich dann auch in einem Beinchenteppich am Glasrand.

Die Nase ist interessant – sehr esterig, deutlich mehr, als bei den anderen Sakes, die ich bisher probiert habe. Vielleicht ist das der Einfluss des nur einfachen Pasteurisierens? Jedenfalls riecht man Ananas und vergorenen Pfirsich, leichte Anklänge an Hirsedestillate. Etwas Weißwein ist die Zwischenschicht, darunter finde ich eine milderdige Basis, und eine Idee von Plastikkleber.

Der Geschmack ist direkt sehr süß (der Sake Meter Value SMV, der etwas über die Süße/Trockenheit aussagt, beträgt +2.0), vom Antrunk bis zum Abgang. Das Mundgefühl ist weich, fast schon aufdringlich samtig. Man schmeckt, was man gerochen hat: vergorene Frucht, hauptsächlich Pfirsich und Ananas. Der Alkoholgehalt von 13,3% ist nun schmeck- und spürbar. Dieser Sake wirkt sehr fett und breit im Mund, voll und rund, hat aber dafür noch die saketypische Leichtigkeit.

Hakushika Ginjo Namachozo Glas

Der Abgang ist mittellang, mit einem Eisenton, hier wird der Hakushika Ginjo Namachozo nun langsam aber sicher trocken, ohne aber adstringierend zu werden. Eine leichte Ingwerhitze kommt auf, mit der die Verkostung ausklingt.

Wirklich etwas anderes – das ist was für den süßen Gaumen, es wirkt nicht so elegant und leicht wie andere, doppeltpasteurisierte Ginjos. Auch wenn man diese Art Sake eher kühl trinkt, zum ersten Mal verstehe ich nun, warum man Sake auch erwärmt trinken kann. Mit diesem hier werde ich es probieren, irgendwie fühlt er sich an, als würde das gut funktionieren.

Hier haben wir einen Sake, der sich in Drinks durchsetzen kann und nicht selbst von Eiswasser erschlagen wird. Im Gegenteil, die süße Komponente ist so stark, dass ich dies im Japanese Pear gern sogar noch betone mit etwas Birnenlikör. Die Spirituose, Wodka, ist dann aber nötig, um das Gesamtbild etwas zu klären. In dieser Zusammensetzung ein schöner After-Dinner-Drink.

Japanese Pear Cocktail


Japanese Pear
1½ oz Ginjo Sake
1½ oz Vodka
⅔ oz Williams-Birnen-Likör
1 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach Grand Pacific Blue Room]


Wie bei vielen Sakes ist die Flasche unauffällig, immerhin etwas mattiert. Der Schraubverschluss ist durch eine schöne goldene Kapsel geschützt. Das Etikett verrät offensichtlich ein paar Details, aufgrund mangelnder Japanisch-Kenntnisse muss ich aber leider darauf verzichten, diese zu verstehen. Ein Detail sticht deshalb hervor, weil es in arabischen Ziffern abgedruckt ist: Die Reispolierrate für diesen Sake ist 60% (ein üblicher Wert für einen Ginjo-Sake).

Der nächste logische Schritt wäre dann natürlich, noch einen Namazume auszuprobieren – also einen Sake, bei dem nicht der erste, sondern der zweite Hiire-Prozess ausgelassen wird, um das Thema Pasteurisierung abschließen zu können. Sobald ich mir einen organisiert habe, wird hier darüber berichtet werden.

Kurz und bündig – Salzburger Stiegl Goldbräu

Ich beginne hier mit einer kleinen Anekdote und einem running gag, der in Österreich scheinbar recht bekannt ist, was mir eine österreichische Exilantin hier in Saarbrücken an einem unterhaltsamen Abend erzählte. Was war das wichtigste Ereignis im Jahr 1492? Die Eröffnung der Stiegl-Brauerei in Salzburg. Ja, ein echter Schenkelklopfer, ich weiß. Lassen wir den Witz sich setzen und öffnen humorisiert den Drehverschluss des Stiegl Goldbräu.

Salzburger Stiegl

Optisch hübsch und typisch für ein Helles – kristallklar, ein wenig Schaum, den aber selbst die schön sichtbare und ausdauernde Perlage praktisch nicht am Leben erhalten kann. Geruchlich bleibt es relativ neutral, milde Hefe, etwas Getreide, ein Hauch Bitterhopfen. 5% Alkoholgehalt fallen weder positiv noch negativ auf.

Geschmacklich wird es dann aber doch überraschend voll, süßlich im Antrunk, sehr cremig, weich im Mundgefühl. Dabei aber frisch und leicht, edelherb, schön balancierte Säure. Gute Rezenz, mit einer Tendenz zum Abflachen mit ansteigender Trinktemperatur. Am Ende ein blumig-floraler Abgang mit leichten Fruchtkaugumminoten.

Ein leichtes, nettes Helles, das zwar wenig Charakter, aber dafür auch keine Kanten hat. Süffig und erfrischend, unterhaltsam für ein paar Momente – mehr aber leider auch nicht. Zum Glück gab es 1492 noch andere Ereignisse von größerer Tragweite.

Schnaps vom Dorf – Jiajiazhuang Fenjiu 9 (贾家庄汾酒9年)

Nachdem ich mit viel Genuss das neueste und beste Buch von Derek Sandhaus gelesen hatte, war mir selbst wieder mal nach etwas Baijiu. Zum Glück habe ich nach meinem Ausflug nach China zusammen mit Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles an dem chinesischen Nationalgetränk keinen Mangel – diverse Flaschen haben es in mein Gepäck geschafft, tatsächlich hatte ich Sorge, dass mein Koffer platzt, weil mir noch am Flughafen zwei zusätzliche Flaschen in die Hand gedrückt wurden, die nicht eingeplant waren. Daher ist meine Heimbar nun, was Baijiu angeht, sicherlich eine der, wenn nicht DIE bestausgestattetste in Deutschland. Das macht mich durchaus etwas stolz. Sollte jemand jemanden kennen, der sich auch für Baijiu interessiert, ich freue mich auf Austausch.

Bereits im Hotel konnte ich gemütlich eine Flasche des Jiajiazhuang Fenjiu 9 (贾家庄汾酒9年) einpacken, wobei ich bereits dort Schwierigkeiten hatte, denn das geflissentliche Hotelpersonal hatte mir leider all das Verpackungsmaterial, das ich in kluger Voraussicht aus Deutschland bereits mitgebracht hatte, als Müll entsorgt. Es mussten also doch wieder die gebrauchten Klamotten und anderes, auf die Schnelle organisiertes Polstermaterial herhalten. Mangels Karton hatte ich Sorge, dass die hübsche, bauchige Flasche mit dem attraktiven Holzdrehverschluss darunter leiden würde, doch sie kam sicher in Saarbrücken an. Schnell jenen Deckel abgeschraubt, kurz über den Nachfüllstop geärgert, und dann ein Gläschen eingegossen.Jiajiazhuang Fenjiu 9 (贾家庄汾酒9年)

Es gibt nur wenige Baijius, die Farbe zeigen – meist eher experimentelle Holzreifungsversuche, auf jeden Fall aber extreme Exoten in der Welt der Tonkrugreifung. Man sieht, selbst 9 Jahre in Steingut geben kein bisschen Farbe ab, und auch keine Trübung. Die Nase ist angenehm, mild, sehr getreidig. Dazu kommen esterige Steinfruchtnoten, aber nicht übertrieben. Das erinnert mich überraschend deutlich an eine Mischung aus Korn- und Kirschbrand. Sehr attraktiv, und auch für die westliche Nase angenehm.

Das Mundgefühl ist weich, dabei aber von Anfang an staubtrocken. 42% sind für klassische Baijiu-Verhältnisse natürlich ein Scherz; doch will man außer den Chinesen auch andere Interessenten anlocken, muss man sich dem Geschmack der Welt etwas anpassen. Leichte Blumigkeit finde ich, schön ausgearbeitete Frucht – Aprikosen, Kirschen, Birnen. Voll und breit, und dabei salzig und würzig. Irgendwie wirkt der Jiajiazhuang Fenjiu 9 so gar nicht exotisch, das kann man dem Onkel nach dem bodenständig-deutschen Mittagessen servieren und muss nichts groß erklären.

Jiajiazhuang Fenjiu 9 (贾家庄汾酒9年) Glas

Der Abgang ist kurz, mild, warm und zieht einem die vielleicht noch übrige Spucke endgültig aus dem Mund. Ein sehr blumiger Jasmin-Nachhall, mit leichter Eukalyptuskühle, komplettiert das Gesamtbild, das ich sehr mag. Das ist ein sehr genehmer, kompatibler Baijiu – ideal für Einsteiger. Etwas mehr Komplexität, und ich wäre begeistert.

Ich habe Trader Vics Wahine genommen und den darin normal verbauten Wodka durch Leichtaroma-Baijiu ersetzt; natürlich habe ich dann versucht, mit meinen nicht vorhandenen Hawaiianisch-Kenntnissen dem Namen noch etwas Ostasiatisches zu geben – so wird aus der „Frau“ hoffentlich die Pākē Wahine, die „chinesische Frau“. Habe ich hier etwas linguistisch Absurdes verbrochen, weise man mich bitte darauf hin. Nimmt man dann noch einen aromatischen weißen Rum dazu (also z.B. etwas wie Veritas, nicht das neutrale Bacardi-Hochdestillat), kommt eine wirklich heiße Braut dabei raus…

Pākē Wahine Cocktail


Pākē Wahine
1 oz Fenjiu
1 oz ungereifter Rum
1½ oz Ananassaft
½ oz Zitronensaft
1 Spritzer Zuckersirup
Auf Eis blenden.

[Rezept adaptiert nach Trader Vic]


Es folgen nun noch ein paar Eindrücke aus der Stadt, aus der dieser Baijiu stammt. Die Region ist ein sehr beliebtes Touristenziel in Shanxi, und man begegnet vielen Reisenden – allerdings fast ausschließlich Chinesen. Als Ausländer ist man hier ein Ziel der Faszination, man wird immer wieder nach Fotos gebeten und es bilden sich kleine Grüppchen um den exotischen Laowai, der sich offensichtlich in diese Stadt verirrt hat. Dabei sind die Menschen freundlich, haben immer ein Lachen im Gesicht, und drängen niemals unangenehm.

Jia Village 1

Die Jia Street, direkt hinter dem Hotel gelegen, in dem wir als Gruppe von Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles eine Woche intensiver Spirituosentests verbrachten, ist aber auch wirklich ein lohnenswertes Ziel für alle, die sich für das „alte China“ interessieren, das es sonst kaum mehr gibt – hier findet man ein kleines Straßennetz mit vielen Handwerksbetrieben und Imbissküchen, das im traditionellen Ming– und Qing-Stil ähnlich des ursprünglichen Dorfes erbaut wurde. Direkt anbei ist auch ein musealer Industriepark, der eine Stufe der Landesentwicklung später zeigt, mit vielen gut erhaltenen Industriegebäuden, alten Mao-Reverenzhallen und, so kombiniert wie es nur die Fengshui-gewohnten Chinesen können, schönen neuen augenschmeichelnden Kunstwerken und Landschaftsgärtnereien.

Jia Village 2

Ich habe noch den 18-Jährigen aus dieser Destillerie im Regal stehen. Nach der sehr positiven Erfahrung mit diesem Baijiu freue ich mich ausgesprochen auf die Verkostung des älteren Bruders. Natürlich lasse ich dabei auch meine Zeit in China noch einmal Revue passieren, und bin gespannt, ob ich es je mal wieder dorthin schaffen werde. Für den Baijiu würde sich es jedenfalls lohnen.

Besondere Biere – Rügener Insel-Brauerei Baltic Stout, Überseehopfen und Insel Kreide

Ich habe vor einiger Zeit einige Artikel begonnen, die ich aus irgendwelchen Gründen nie veröffentlicht hatte – es kam immer was anderes, interessanteres dazwischen. Diese hole ich nun Stück für Stück aus der Versenkung, und zeige sie nun. Ich überarbeite sie teilweise, aber an den Fotos erkennt man manchmal, dass sie aus einer früheren Schaffensphase stammen; ich bitte, die Qualität der Fotos zu entschuldigen.

Dieser Artikel ist ein solcher, der erste seiner Art. Man erkennt es unter anderem daran, dass ich einst auch für Biere ausführliche Artikel geschrieben hatte – inzwischen ist mir ein Bier meist nur noch einen „kurz und bündig“-Eintrag wert, die Arbeit steht in keinem Verhältnis zur Genusszeit mehr, und viele Leser interessieren sich bei einem vergleichsweise so preisgünstigen Artikel dann auch nicht mehr für ausgefeilte Rezensionen. Dieser Beitrag hier entstand zur Zeit, als die Biere der Rügener Insel-Brauerei die Supermärkte stürmten und mit ihrer Aufmachung und dem mutigen Preis für einiges an Aufsehen bei den Leuten sorgte, denen normalerweise schon ein Radeberger zu teuer ist; ich habe beim Einkaufen fast schon dramatische Szenen erlebt, wie beklagt wurde, wie blöd man sein muss, für ein Bier 6€ auszugeben.

Rügener Insel-Brauerei Werbeprospekt

Bei meinem lokalen Globus-Markt wurde viel für die Marke getan, eine separate Ausstellungsfläche mit Holzkisten, ein Katalog mit Beschreibungen der einzelnen Biere und ein großflächiges Poster mit den verschiedenen Sorten. Damals probierte ich natürlich alle durch, und für diesen Sammelartikel habe ich eins aus jeder Reihe des oben abgebildeten Plakats ausgewählt. Hier werden also das Rügener Insel-Brauerei Baltic Stout, der Überseehopfen und die Insel Kreide vorgestellt. Inzwischen gehören sie natürlich zur Grundausstattung eines jeden Getränkemarkts, der auch nur ansatzweise etwas auf sich hält, und jeder Bierfreund kennt sie. Dennoch hoffe ich, mit diesem Artikel noch den einen oder anderen zu erreichen, und zu überzeugen, dass 6€ (oder 3€ für die 0,33-Liter-Flasche) für ein gut gemachtes Bier durchaus einen Versuch wert sein können, denn Bier ist heutzutage längst viel mehr als nur ein billiges Knallmittel.

Rügener Insel-Brauerei Baltic Stout, Überseehopfen und Insel Kreide Flaschen

Die Aufmachung ist gewiss sensationell und augenfängerisch gemacht – diese Art der Papierumwicklung hat aber neben dem Wow-Effekt auch einen durchaus praktischen Sinn, denn so ist das lichtempfindliche Bier vor Strahlung geschützt. Die Gestaltung ist durchgängig für die ganze Reihe, und gefällt mir persönlich außerordentlich gut, das hat künstlerischen Wert. Trinken wir einfach der Reihe nach durch, beginnend mit dem Baltic Stout. Man sieht auf dem Foto die sehr starke Schaumentwicklung beim Eingießen, ein Effekt der Flaschengärung, das wirkt selbst bei einem so Schaumsparbier wie einem Stout. Es bleibt, wenn die Wirkung nachgelassen hat, eine schöne braune Crema, gespeist von starker Perlage. Das Bier selbst bleibt vollständig blickdicht mit kaffeebrauner Farbe. Der Geruch ist etwas metallisch, leicht säuerlich, man riecht etwas Malz, nur minimalste Röstaromen, dafür eine deutliche Seifigkeit. Abgesehen davon empfinde ich es als enttäuschend zurückhaltend.

Rügener Insel-Brauerei Baltic Stout Glas

Was die Nase vermisst, findet die Zunge – im Mund explodieren dann die stouttypischen Röstaromen. Kaffee, eine interessante Dunkelschokoladennote, leider ist auch hier diese seltsame Seifenkomponente vorhanden. Doch so plötzlich wie sie gekommen sind, sind sie auch wieder weg, die Röstaromen, und werden durch eine etwas belanglose, süße Malzigkeit ersetzt. Die Champagnermethode macht sich bemerkbar: eine hohe Frische, kombiniert mit einer für Stout ungewöhnlichen Trockenheit und einer kleinen, aber erkennbaren sehr angenehmen säuerlichen Sektnote. Der Abgang ist wirklich sehr kurz, ohne große Auffälligkeiten; ein Hauch von Rauch.

Insgesamt klar das schwächste Bier der Insel-Brauerei, das ich bisher getrunken habe. Spannend vielleicht wegen der für Stouts ungewohnten Säuerlichkeit, die eine helle Frische in dieses dunkle Bier bringt. Vielleicht eignet sich die Methode eher für helltönige Biere wie Pale und Sour Ales – in dieser Form bleibt es irgendwie unzufriedenstellend. Und wenn dann noch Imperial Stout auf dem Etikett steht, muss ich müde lächeln – da gibt es ganz andere Kaliber, auch wenn die 7,5% Alkoholgehalt diese Klassifikation durchaus hergeben.

Vielleicht haben wir mit dem nächsten Bier aus der Reihe mehr Glück – der Überseehopfen bringt natürlich einen ganz anderen Bierstil mit. Man sieht das direkt an der Farbe; diese erinnert mich an Eigelb. Die völlige Trübe unterstützt diesen Eindruck, und zu Beginn hat man auch hier die flaschengärungstypische starke Perlage. Schöner, feiner Schaum bleibt recht langlebig.

Rügener Insel-Brauerei Überseehopfen India Pale Ale

Das ist ein Pale Ale, denkt man, wenn man die Nase ans Glas hält. Schön fruchtig, wie man es kennt, nach Tropenfrucht und Apfel. Weich im ersten Mundgefühl, dann aber schnell ein Wandel zum Trockenen. Sehr trocken, um genau zu sein. Mittlere, angenehme Bittere. Kaum Süße, wenig Körper, dafür eine feinherbe Säure. Leichte, aber etwas undefinierte Hopfenaromen, Limettenschale, mild malzig, eine interessante Blumigkeit liegt im Hintergrund. Im Abgang bleibt das Überseehopfen kurz, bitter, und auch hier trocken. Durch die hohe Rezenz entsteht ein sehr angenehmer Erfrischungsfaktor. Die Trockenheit ist für mich tatsächlich das definierende Element dieses Biers, und darin glänzt es ausgesprochen. Für die, die sonst gern Pils trinken und einen bequemen Einstieg in die Welt des Ales suchen, ist das wahrscheinlich ein ideales Bier. Mit 5,6% Alkoholgehalt sortiert es sich da auch gut ein.

Der Hersteller gibt auf dem Etikett als Bierstil „Eigenkreation“ an, und als internationale Bierkategorie „India Pale Ale“. Für ein IPA ist es mir zu einfach gestrickt, zu zurückgenommen in allem, wenn, dann ist es noch am ehesten ein britisches IPA; sensorisch erinnert es mich, insbesondere im Abgang, mehr an ein leicht aromagehopftes Pils. „Naturhopfen“ als Angabe finde ich ein bisschen wenig Information.

Man merkt, irgendwie zündet der Funken noch nicht so richtig, auch wenn das ein deutlicher Fortschritt war. Hat das dritte Bier der Reihe mehr Erfolg? Die Insel Kreide muss den Ruf retten. Die Farbentwicklung meiner Reihe setzt sich konsequent fort – das Insel Kreide ist namensgemäß blass, fast schon bleich, bleibt dabei aber naturtrüb. Schöne Perlage ist dennoch gut sichtbar, was in dünnem feinporigem Schaum resultiert. Der Geruch ist deutlich säuerlich, wirkt frisch, hat aber auch etwas Metallisches, eine Andeutung von Grapefruit. Insgesamt ein eher dünner Biergeruch.

Rügener Insel-Brauerei Insel Kreide

Der gesamte Eindruck setzt sich im Geschmack fort – feinsauer, leicht herb, insgesamt eher aromenarm. Es erinnert etwas an süßen Sekt. Sehr luftig-leicht, tatsächlich mit Meeres- oder Inselcharakter. Leichte, aber erkennbare Würze. Das hört sich jetzt sehr negativ an, aber das Gesamtbild ist sehr stimmig – spannend, dass so wenig von allem so viel Spaß machen kann. 5,6% fallen dabei eher positiv auf. Als internationale Bierkategorie ist „Champagner Ale“ angegeben, das trifft es wirklich wie die Faust aufs Auge – ich hätte es nicht besser beschreiben können. Ein sehr kurzer, mildbitter-säuerlicher Abgang passt sich daran an, auch hier empfinde ich das im Eindruck als sehr angenehm. Nach den zwei Vorgängern ist das Insel Kreide ein für mich wirklich ausgesprochen tolles Bier, ideal zur Erfrischung. Normalerweise stehe ich so dünnlichen Bieren kritisch gegenüber – hier passt es einfach perfekt.

Letzteres lässt mich dann auch direkt an einen Einsatz im Cocktail denken. Es gibt diverse Varianten von Cocktails, die als i-Tüpfelchen Champagner einsetzen, man erkennt sie meist an dem Namenszusatz „Royal/Royale“. Statt Champagner, wie im originalen Royal Julep, verwenden wir hier einfach das säuerlich-frische Insel Kreide. Und so ist er geboren, der Rügen Julep!

Rügen Julep


Rügen Julep
1 Würfel Zucker
6 Blätter Minze
2 oz Whiskey (z.B. Jack Daniel’s Single Barrel Select Tennessee Whiskey)
Diese Zutaten muddeln, dann auf viel Eis abseihen…
…und mit Rügener Insel-Brauerei Insel Kreide aufgießen.
[Rezept wandelt einen Royal Julep ab]


Man verstehe mich hier bitte nicht falsch, irgendwie kommen zwei der drei Biere bei mir nicht übermäßig gut an, ohne dass ich klar festmachen kann, was mir fehlt. Qualitativ sind sie alle sehr hochwertig, persönlich sind sie mir aber nicht konsequent genug. Das mag mein privater Geschmack sein, der bei einem innovativen Bier, das diese Produkte ja sein wollen, etwas besonderes sucht. Vielleicht ist es einfach die Vermarktung als „besondere Biere“, die hier kontraproduktiv wirkt, denn man schürt damit viel Erwartung, die die Bewertung am Ende beeinflusst. Nun, dafür können die Biere selbst natürlich nichts, und vielleicht probiere ich sie später nochmals, wenn die Marketingmaschinerie etwas abgekühlt ist. Ich mochte die Sauerbiere der Insel-Brauerei (nachzulesen hier und hier) ja schließlich auch sehr gerne. Zumindest das Insel Kreide kann an diese beiden Vorbilder ohne Probleme anschließen.

Neues von der Esterinsel – Navy Island Select Cask First Edition Hampden 10y Jamaica Rum

Ich finde es spannend, die tagesaktuellen Hot Topics in Rumkennerkreisen zu verfolgen. Nicht, dass ich mich daran beteiligen will, bestehende Hypes zu fördern, oder mich an der nervenden Suche nach dem „next big thing“ zu beteiligen, nein, mich fasziniert einfach, dass aktuell Extreme in jeder Form viel Zulauf erfahren, seien es Fuseligkeit, Estergehalt, Rauch oder sonst eine Form des Übertreibens von Eigenschaften, die in meiner privaten Aromenwelt ein Detail unter vielen sein sollten und nicht so im Vordergrund, dass alles andere dagegen untergeht. Mit Ausgewogenheit kann man heute kaum mehr Aufsehen erregen; persönlich finde ich das, wie gesagt, etwas schade.

Daher wundert es mich nicht sonderlich, und ich greife damit nur leicht vor, dass der Navy Island Select Cask First Edition Hampden 10y Jamaica Rum ein doch erkennbar anderes Spektrum aufweist als die Standardausgabe des Herstellers – den Navy Island XO Reserve Rum fand ich schön gelungen, ein milder, ansprechender Jamaikaner ohne all die angesprochenen Extreme. Select Cask, das steht für einen Blend aus 3 Fässern voller 10 Jahre gereiften Hampden-Rums, die für die gesamte Auflage von 1288 Flaschen sorgten. Trauen wir uns mal ran an eine der Flaschen.

Navy Island Select Cask First Edition Hampden 10y Jamaica Rum

Ein leicht blasses, aber leuchtendes Gold bewegt sich leicht und fast ohne Schwere im Glas. 10 Jahre Reifungsdauer hätten von sich aus eine ehrliche, ansprechende Farbe erzeugt, den zugesetzten Farbstoff hätte man sich bei einer so kleinen Auflage daher ehrlich gesagt wirklich sparen können – was für einen Sinn macht das bei 3 Fässern? Mir fällt außer täuscherischer Kosmetik keiner ein.

Nach diesem kleinen Ärger verströmt sich praktisch sofort weit um das Glas herum ein Geruch nach dunkelbrauner Banane, matschiger Ananas und sich fast schon verflüssigten Erdbeeren. Ein Aroma, das man nicht vergisst, wenn man es kennt – das ist Jamaica-Rum. Marzipan, Nougat, Hefe. Wie bei vielen hochwertigen esterlastigen Spirituosen ist das Geruchsbild sehr komplex und vielschichtig. Etwas Karton und Ethanol klingen bei.

Beginnt der Antrunk noch mild, entwickelt sich der Rum im Mund dramatisch weiter. Von Hampden erwartet der Kenner immer etwas mehr Funk als von den meisten anderen Destillerien, und er wird hier bedient. Teer, Lösungsmittel, Fuseligkeit, dazu Frucht- und vor allem Bananenester en masse, eine schnell einsetzende harte Trockenheit, ein Eindruck, der mich an Baijiu erinnert – je mehr ich mir darüber klar werde, um so deutlicher ist die extreme Verwandschaft von Hochesterrum und chinesischem Baijiu. 51,2% sind doch deutlich erkennbar, ohne Brennen, aber von der reinen Alkoholwucht her. Säure und Bittere, irgendwie muss man diese Kombination mögen, meins ist es ehrlich gesagt nicht so ganz.

Navy Island Select Cask First Edition Hampden 10y Jamaica Rum Glas

Der Ausklang ist heiß und dabei wunderbar rund, sehr schokoladig und cremig, mit viel Fruchtnachhall. Überraschenderweise eher mittellang, er klammert nicht zu sehr, persönlich schätze ich dies bei derartig aromatisch-eigenwilligen Spirituosen.

Ich hatte damals zugegebenermaßen Schwierigkeiten, ein Funkmonster wie den Velier Hampden HLCF in einem Drink so unterzubringen, dass mehr als ein Spritzer direkt die Aromatik voll übernimmt. Mit dem Navy Island Select Cask geht das viel besser – er ist doch deutlich zurückhaltender und weniger Partycrasher. Der Outrigger Tiara aus der Tiki-Feder von Urvater Trader Vic ist ein Beispiel dafür, wieviel Charakter solche Rums einem Drink verleihen können, wenn man sich traut. Dagegen können die leichten Rums, die man sonst so zu Hause hat, nur verlieren, bei allem Sinn, den sie natürlich trotzdem noch haben.

Outrigger Tiara


Outrigger Tiara
1 oz ungereifter Rum
1 oz gereifter Jamaica-Rum
1 oz Orangensaft
1 oz Zitronensaft
1 Spritzer Grenadine
1 Spritzer Orange Curaçao
Auf Crushed Ice blenden.
[Rezept nach Trader Vic]


First Edition, das sollte bedeuten, dass auch weitere Ausgaben folgen, etwas, was ich nicht ablehnen würde. Ein attraktiver, ungesüßter, typischer Rum, präsentiert in einer opulenten Verpackung, einem hübschen Etikett, das sich am Vorgänger orientiert, und einer stabilen Dose – da kann der Kenner, oder der, der es werden will, gern zugreifen.

Wer lieber etwas weniger Frechheit und Wildheit, aber nicht weniger Charakter in einem Rum will, sollte sich die Hausabfüllung von Hampden anschauen, die mir persönlich besser gefällt, weil sie einfach noch runder und etwas weniger aggressiv ist, nicht so sauer und bitter.

Kurz und bündig – Kriek Foudroyante

Ich fühlte mich schon etwas veräppelt – da zieht man den Kronkorken von der Flasche, und freut sich auf den Kirschgeruch des Kriek Foudroyante aus der mir inzwischen schon wohlvertrauten Brouwerij Lindemans in Belgien, und was findet man? Einen Korken! Dieser Doppelverschluss ist wirklich seltsam, aber im Endeffekt unterhaltsam. Die Verpackung des Frucht-Lambics, hergestellt mittels Spontanvergärung, weiß darüber hinaus aber auch sonst mit mäßig begeisternden Effekten aufzuwarten – zum Beispiel mit der Angabe der Verwendung von mindestens 10% Sauerkirschenkonzentrat statt frischen Kirschen – schade, aber für den Preis muss man mit soetwas rechnen.

Kriek Foudroyante

Farblich erwartungsgemäß rubinrot und dunkel, dadurch kaum zu durchschauen, aber ohne Opalisierung. Leichte Perlage besorgt den feinen, rosaroten Schaum. Sehr fruchtig ist es in der Nase, nach Kirsche, Limetten, Himbeeren, Brause. Leicht süßlich.

Milde Frucht ist natürlich der dominante Geschmackseindruck, sehr stark nach Kirschen und Himbeeren – dies überhaupt nicht künstlich, wie das bei so manchen Biermischgetränken vielleicht gewohnt ist, sondern natürlich und echt. Sehr ansprechende süß-sauer-Balance. 3,5% Alkohol sind kaum schmeckbar. Etwas mehr Körper könnte dem Kriek Foudroyante gut tun, ich mag aber das brausig-schaumig-fluffige Mundgefühl sehr. Der Abgang bleibt sehr kurz, etwas malzig, trocken, leicht bitter, Süße legt sich etwas auf die Lippen. Der Nachklang ist dann sehr süß, fast schon pappig.

Nun, das ist ein leckeres, frisches Fruchtbier, das mir durchaus gefällt. „Foudroyante“, also „blitzartig, überwältigend“? Ich finde es eher mild und sanft vom Charakter her. „Servir très frais“ – ja, das tu ich gern, ganz besonders im Sommer, als ich das Bier getrunken habe. Aber auch im Winter ein schönes Zwischendurch.

Sitting down for a drink is the easiest way to get to know someone – „Drunk in China“ by Derek Sandhaus

Derek Sandhaus‘ newest book is riddled with an assortment of anecdotes of how he came to be the leading non-Chinese expert on China’s national spirit, baijiu (though he himself semi-humbly refutes that title). I could cut this review short and summarize his experiences: get stinking drunk for several years while traveling the countryside and meeting shady people. Others have to spend their time in dusty libraries with even more dusty people if they want to become expert in their field, so he obviously found the funnier way of education. Let me copy his approach and start this review of Drunk in China – Baijiu and the World’s Oldest Drinking Culture by telling you an anecdote, like how I got to know him – and baijiu.

Drunk in China Cover

I was really amused by the anecdote about Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles mentioned in the introduction of Drunk in China, as I was for three years also part of this exclusive yet down-to-earth group of people traveling the world in search for new spirits, and we were both judges in the 2019 edition that took place in China. Interestingly, that was not my first contact with Derek. A review on Goodreads, where I wrote about one of his first endeavors as a writer, Tales of Old Peking, got me interested in his work. I was in love with an imaginary China at that time and read anything on that country’s history and culture I could lay my hands on. From there it was still a long way to my appreciation of baijiu – and after half the way it was again Derek who jumped in, with his Baijiu: The Essential Guide to Chinese Spirits, which, by the way, is still the benchmark for any work on baijiu written in a readable language. It was really great finally meeting him in the Shanxi countryside, sitting down for a drink with him (and dozens of other long-nosed foreigners). Well, if you know Chinese customs, or have read his book, you’ll know that „a drink“ is a relatively flexible term there.

Drunk in China - with Foreigners in a Chinese village

Of course, you’ll learn everything you need to know about baijiu in this book. It is even more valuable since the author is not simply caroling away, but also shows us the problems that baijiu faced in the past and today. Health issues, a rampaging drinking culture and severe food safety lapses make baijiu a cultural and societal affair that the government itself now handles. Ludicrous price inflation, loss of interest of the younger generation and indifference towards the future of the own product are home-made concerns as well. Chattily Derek leads us through a broad spectrum of topics that make this book much more than a simple introduction to China’s national spirit: be prepared to get immersed into China’s liquid secrets.

In contrast to his earlier works, Drunk in China is much less relying on pictures, something I miss a bit, but I’m sure the only reason for that lack of images is that it’s difficult to steadily hold a camera while ganbei-ing. Derek’s vivid descriptions actually do their own of planting imagery into your brain, and some of it is not all that pleasant. I’ll supply one image myself now to explain a rather exotic ingredient of baijiu. There is a lot of talk about „qu“ in this book, and if you’ve wondered what it actually looks like, well, here’s Derek handling a block of qu in a distillery museum in Fenyang in his best traveling-salesman manner.

Drunk in China - Derek Sandhaus with Qu

Baijiu might not be the easiest spirit to get into, yet don’t feel bad about it, as even Derek confesses in his book that he „hated“ baijiu at first. One of the many insightful early quotes he unearthed about baijiu is related to its somewhat steep learning curve: „It [baijiu] is not agreeable to the taste of Caucasians“, and what Charles E. Munsell deplored in 1885 is still one of the problems of baijiu today. On the other hand, personally I once hated olives, oysters and licorice, and look at me now, I could live off them alone. But it’s not only the taste buds that might need some training when trying to get acquainted with the Chinese national spirit, it’s also its background which is harder to understand than that of the many Western spirits we’re accustomed to. We need education on baijiu. Two quotes, one from the beginning of the book, the other one from the end, show the Herculean task Derek Sandhaus has set for himself.

„To my surprise and dismay I soon discovered there was precious little information about Chinese spirits available for the casual English reader.
(…)
If baijiu is to find a Western audience, if it is to go mainstream in North America, Europe, and elsewhere, someone has to take on the thankless task of clearing a path.“

Luckily, we now obviously have someone actually doing the pioneering and the educating; and in a very entertaining and eloquent way to boot. I don’t need rose-tinted spectacles coming from my knowing the author to recommend this book to anyone of the following groups – people interested in more-or-less contemporary China, of course spirits aficionados of all kinds, but definitely also those who simply like to read a rip-roaring story about a „short Jewish kid from Kansas“ finding his unexpected vocation in a very foreign land. In parts it reminds me of American Shaolin, and that means I can’t give much higher praise.

Buy it. Read it. Then, most importantly, go out and try to find a decent bottle of baijiu (which nowadays is still not the easiest thing outside of China, but Derek’s own Ming River brand is quite acceptable and should be readily available), get some friends together, order lots of piping hot Sichuan food and kill that bottle with it. Rinse your mouth, repeat several times. After that, you’ll know what the baijiu magic is.