Kurz und bündig – Ikea Öl Mörk Lager und Öl Ljus Lager

Der eine oder andere wird den Effekt kennen – man geht ins Ikea, um nach einem kleinen Küchenschrank zu suchen, und geht mit lauter Kleinkrams aus dem Markt nach Hause. Kissen, Pflanzen, Teller, Gläser und Pfannen. Persönlich bin ich da eigentlich nicht wirklich empfänglich für diese Art von Marktschreierei, doch Ikea hat mich unfair mit Alkohol geködert und gekriegt: Am Ausgang standen lange Reihen des hauseigenen Biers, das mir früher nie aufgefallen war. Was soll man machen, ich habe je zwei Flaschen des Ikea Öl Mörk Lager und des Ikea Öl Ljus Lager mitgenommen, ganz unvoreingenommen, und es kurz danach bereut. Doch lassen wir erstmal die Biere für sich sprechen.

Ikea Öl Mörk Lager und Öl Ljus Lager

Fangen wir an mit der grünen Flasche mit dem weißen Etikett, dem Ikea Öl Ljus Lager, einem hellen Lagerbier aus schwedischer Herstellung. Farblich habe ich nichts auszusetzen, ein kristallklares Bier in schöner Tönung; vom Schaum her könnte ich mir etwas mehr wünschen, einzelne hochsteigende Perlageketten schaffen aber nicht mehr.

Die Nase nimmt beim Eingießen noch leichte biertypische Bitternoten wahr, danach ist es vorbei: das Öl Ljus riecht nach gar nichts. Hm, etwas Bitterhopfen vielleicht, mit viel gutem Willen. Sehr viel gutem Willen. Da es in dieser Beziehung nichts zu beschreiben gibt, hoffen wir etwas skeptisch auf den Geschmack! Leider geschieht kein Wunder, auch im Mund verhält sich dieses „Bier“ wie die Schweiz in der Außenpolitik. Ich könnte nun versuchen, die minimalsten Anflüge von Aromatik in Worte zu fassen, aber wozu – es wäre Fantasie. Immerhin eine leichte Cremigkeit im Mundgefühl unterscheidet dieses Getränk von Mineralwasser. Der Abgang hat wenigstens etwas Bittere, dezente Säure und leichte Betäubungseffekte auf der Zunge.

Ikea Öl Ljus Lager

Nicht viel drüber nachdenken, jede Minute ist verschwendet. Maul abputzen, zum nächsten Bier. Kommen wir also zur (noch) dunkleren Seite dieses Reviews. Das Ikea Öl Mörk Lager präsentiert sich als dunkles Lagerbier. In der Zutatenliste des Etiketts haben wir zwei Wörter, die mir direkt auffallen – „E150c“ und „Aromen“. Na, da denk ich mir direkt meinen Teil, während ich mir das bierähnliche Erfrischungsgetränk eingieße.

Dabei entsteht keinerlei Schaum, es zischt etwas beim Eingießen, doch das verpufft direkt. Es bleibt nur eine schwarze (eben mit E150c künstlich gefärbte) Flüssigkeit zurück, die beinahe völlig blickdicht ist, bei Gegenlicht rubinrote Reflexe aufweist. Man sieht am Glasrand eine minimale Perlage. Geruchlich praktisch völlig neutral. Leichte Malznoten, aber nur, wenn man es riechen will. Sonst ist da sensorisch gar nichts – das Glas riecht stärker. Vom Antrunk an ist da eine starke zitronige Säure, die alles dominiert. Leichte Röstmalzaromen, etwas Kaffee. Sehr leicht und schwachbrüstig, 4,7% Alkoholgehalt können das nicht retten. Immerhin schön rezent. Aromen sind zugesetzt, ich frage mich, welche – vielleicht diese leichten Kaffeenoten, da sonst ja kaum Geschmack da ist. Ein Abgang ist nicht vorhanden, alles bleibt aromatisch neutral, besteht höchstens aus leichter Astringenz und Betäubungseffekten durch die Säure.

Ikea Öl Mörk Lager

Das ist einfach kein Bier, das ist alkoholische Zitronenlimo mit künstlichen Bieraromen und Farbstoff. Ich frage mich ernsthaft, wie das in Deutschland die Genehmigung erhielt, das Wort „Bier“ aufs Etikett schreiben zu dürfen. Eine Beleidigung für jeden Bierfreund, in jeder nur denkbaren Beziehung. Sogar die Flaschen wirken billig.

Ich habe sie gefunden – die schlechtesten Biere, die ich je getrunken habe. Selbst der schwedische Brauer will auf dem Etikett nicht genannt werden. Ich verstehe ihn.

Der Teufel kann rudern, meiner Ehr! Ancient Mariner Navy Rum

Die Geschichte von Rum ist reich an seltsamen Anekdoten. Eine davon ist die  um Navy Rum – man hat heutzutage, in diesem neopuritanischen Zeitalter des Selbst- und Fremdoptimierungszwang kaum mehr Vorstellung davon, dass starke Alkoholika ein fast schon notwendiger Hygienefaktor in der harten und brutalen Welt der imperialistischen Ausdehnung der Kolonialmächte waren – so konnten die Matrosen in Zaum und bei Laune gehalten werden, wollten die Kommandanten nicht das Schicksal von Captain Bligh erleiden. Normalerweise ist ein klassischer Navy Rum ein Blend aus diversen Rums der ehemaligen britischen Kolonien – oft enthält er Komponenten aus Guyana, Trinidad, Barbados und Jamaica. Nicht zu verwechseln ist dieser Begriff mit dem der Navy Strength – letzteres bezieht sich nur auf eine spezielle Alkoholstärke – 57% – und ist auch auf andere Spirituosen (hauptsächlich wohl aber Gin) anwendbar.

Der vorliegende Ancient Mariner Navy Rum stammt vom kleinen unabhängigen schottischen Abfüller Hebridean Liqueur Company. Er ist dahingehend ein Sonderling, weil er eben kein Blend ist, sondern ein einzelnes, 16 Jahre lang gereiftes Destillat aus der von vielen Rumfreunden heiß geliebten Caroni-Destillerie. Persönlich kann ich den Drang, die Produkte dieser Destillerie so zu vergöttern, ja nicht wirklich nachvollziehen, mir sind die Caronis-Rums oft etwas zu dreckig und unsauber. Fällt der Ancient Mariner Navy Rum auch diesem Verdikt zum Opfer?

Ancient Mariner Navy Rum

Die Farbe zeigt sich sehr kräftig, aber noch natürlich wirkend. Strahlende Reflexe. Leichte Konsistenz. Vorsichtige Schlierenbildung, extrem langsam ablaufend, sie bleiben fast stehen. Ein erster Versuch des Schnupperns zeigt mir, dass ich dem Rum etwas Zeit lassen muss im Glas – sonst zwickt das enorm. Nach einigen Minuten verfliegt etwas davon, und man nimmt die dominierenden Holzaromen wahr. Darunter liegt eine schöne Fruchtigkeit in Richtung Aprikose und Banane, vielleicht Malz – und eine leichte Rosenblätternote. Darunter wiederum findet man das, was die Caronifreunde begeistert – ein Anflug von Tabak, Torf, verschortem Gummi, Rauch und Teer. Aber wirklich nur ein Hauch davon, mehr eine Andeutung.

Im Mund wird das ganze schon prägnanter, ich würde die Reihenfolge hier eigentlich schon glatt umkehren. Die fuseligen, öligen, teerigen Aromen springen geradezu in den Vordergrund, die Frucht schiebt langsam nach und bildet eine Basis. Im Verlauf taucht dann erst die Vanille und die vorsichtige Holzigkeit auf, die dann an Fahrt aufnimmt und den Eindruck zum Schluss hin wieder dominiert. Da ist richtig viel Süße im Ancient Mariner Navy Rum, schwere, dunkle Süße, im Gegensatz zu künstlich nachgesüßten Rums ist diese aber tief und komplex, cremig und vollmundig.

Ancient Mariner Navy Rum Glas

Der Abgang ist für die eingesetzten 54% weich und angenehm, mit viel Ingwer, aber warm und fühlbar den Rachen hinuntergleitend. Er ist vergleichsweise kurz, Vanille ist das einzige, was länger am Gaumen haften bleibt, mit einer Erinnerung an Teer.

Ein schöner, vielschichtiger und komplexer Rum, dezenter als viele andere Caronis, ohne seine Wurzeln ganz zu verleugnen. Ich mag diese Herangehensweise, sie gleicht die mir persönlich manchmal zu stark ausgeprägte Fuseligkeit der Destillate dieses Herstellers durch eine ausgesprochen gelungene Drinkability aus.

Welcher Cocktail könnte für einen Navy Rum besser geeignet sein als der Jack Tar? So nannte man früher die Soldaten der britischen Kriegsmarine. Der Bezug ist rein namentlich, wobei man schon eine gewisse matrosenhafte Konstitution mitbringen sollte, wenn man sich diesem starken Drink aus diversen hochprozentigen Spirituosen nähern will.

Jack Tar


Jack Tar
1 oz Navy Rum
½ oz Bourbon
½ oz Dry Gin
¼ oz Limettensaft
¼ oz Zitronensaft
¼ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Auffällig ist natürlich direkt die kleine, knuffige, eckige 50cl-Flasche im Würfeldesign – sehr schwer und etwas unhandlich, aber ein Blickfänger in der Heimbar, wenn man sie entsprechend platziert. Der Anhänger an einer blauen Kordel ist leider nicht besonders informativ, blubbert nur über Coleridges Gedicht, das als Namenspate diente. Das Etikett ist klein, da ist nicht viel Platz, dennoch hätte ich mir wenigstens ein paar kleine Hinweise über das Produkt in der Flasche erhofft. Nun, man findet immer ein Haar in der Suppe. Wenn die Suppe aber so gut zusammengestellt ist, wie die des Ancient Mariner Navy Rum, dann schluck ich auch das Haar.

Aus dem Hochlandtiefbrunnen – Terralta Tequila

Es ist eine der wichtigsten Hilfsmittel für jeden Tequila-Freund – Tequila Matchmaker, eine App, die sowohl zur Bewertung von Agavenbränden dient, als auch als Datenbank zum Nachschlagen zu Herstellungsdetails, die uns als Freunden des gut gemachten Tequilas wichtig sind. Ist dieser Tequila, den ich da gerade zufällig gefunden habe, durch einen Diffusor produziert worden? Wurde die gekochte Agave mit einer Tahona zermahlen? Welche Art von Kochgeschirr kam zum Einsatz? Welche anderen Tequilas wurden unter dieser NOM hergestellt? Fehlkäufe können so in Zukunft nahezu ausgeschlossen werden, und die geschmackliche Durchschnittsbewertung von Laien wird durch ein Panel von Profis ausbalanciert. Tolle Sache, ich nutze die App seit langem und kann sie nur empfehlen.

Schaut man darin nach dem heute hier besprochenen Tequila – also dem Terralta Tequila Blanco, Reposado, Añejo und Extra Añejo – so findet sich eine ganz hervorragende Bewertung für den ungereiften, und sehr gute Punktewerte für die gereiften Varianten. Persönlich halte ich nichts von Punktevergaben, das habe ich ja schon in einem meiner ersten Artikel auf meinem Blog betont, doch ich gestehe zu, dass das aufmerksam macht. Entsprechend groß ist die Vorfreude auf die folgende Verkostung gewesen, und ich greife nicht vor, wenn ich jetzt schon sage, dass die Vorfreude nicht enttäuscht wurde.

Zu den Details dann mehr bei den einzelnen Tequilas selbst, nur drei Worte über technische Details vorab: Erstens, alle diese Tequilas sind mit 40% Alkoholgehalt abgefüllt, einem für Tequila sehr angenehmen Wert, auch wenn auch hier inzwischen ein Trend zu mehr Prozenten auszumachen ist. Zweitens, sie sind alle nach modernen Methoden hergestellt, die sich allerdings an traditionelle Methoden anlehnen, mit Steinöfen und einer Maschine, die einer klassischen Tahona nachempfunden ist (und „Frankenstein“ genannt wird und wirklich aus einem Horrorfilm entsprungen zu sein scheint), was für mich allein schon eine spannende Sache ist. Drittens, das verwendete Wasser; zum grundsätzlichen Thema „Wasser“ hatte ich schon beim G4 Tequila , einem der anderen Tequilas der Destillerie El Pandillo (NOM 1579), gesprochen – im Unterschied zu jenem setzt man hier komplett Brunnenquellwasser ein und lässt das Regenwasser weg. Diskutieren wir nicht lang drüber, ob es was bringen kann, gießen wir uns ein Glas ein und schauen, ob es was bringen tut.

Terralta Tequila Samples

Farblich komplett transparent und ohne Makel bewegt sich der Terralta Blanco mit einer leichten Öligkeit im Glas, hinterlässt dabei einen Fransenrand aus Tränen, die in kleinen Tröpfchen ablaufen. Die Nase ist äußerst würzig und aromatisch – ein richtiger Bums an frisch geschnittener Agave lässt bei mir schon von Anfang an keinen Zweifel aufkommen, dass wir hier ein besonders edles Produkt vor uns haben. Sehr erdige Aromen, erinnernd an Leder, grünen Pfeffer und eine sehr ausgeprägte Harzigkeit untermauern das; geröstete Mandeln, Vanille und Honig rieche ich als süße Basis.

Auch im Mund erkennt man das Basisprodukt sofort, und es definiert den gesamten Geschmacksbogen. Da ist kein Chichi, kein Fehler, kein aufgepfropftes Aroma – ein pures, aromatisch sehr reines Agavendestillat, wie ich es selten erlebt habe. Eine sehr vorsichtige, natürliche Süße mit ein paar Nuss- und Vanillearomen spielt mit Pfefferschärfe, die keineswegs aus den 40% Alkoholgehalt stammt. Eine wunderbare Rundheit und sowohl Tiefe als auch Breite lassen mich diesen Brand gerne sehr, sehr lange im Mund behalten und dort hin und her schwappen.

Der Abgang gleicht sich dem an – er ist heiß, lang, pfeffrig-scharf und voll. Ein Hauch aus Agave hängt nach, gepaart mit einem leicht metallischen Ton. Der Terralta Blanco bleibt dabei sehr sauber und direkt, ohne künstlich wirkende Nachklänge oder störende Einflüsse, rein die Agave ist bis zum letzten Schluss da, minutenlang, ein wirklich extrem ausdauernder Tequila: Ein Meisterstück eines wahren Könners, ohne jeden Zweifel.

Terralta Tequila Blanco

Im Terralta Reposado sieht man die Farbe, die 3 Monate in einem „light toast #1“-Ex-Bourbon-Fass, das zum ersten Mal für etwas anderes als Bourbon benutzt wird, erzeugen. Eine leichte Strohigkeit, Pastellgold vielleicht, erkennbar und ehrlich wirkend. Auch hier ist die leichte Viskosität des Basisdestillats erkennbar, mit den entsprechenden Glasrandeffekten.

Während bei manchen Reposados bereits trotz der kurzen Reifezeit das Holz dominiert, ist hier noch die Agave deutlichst im Vordergrund. Sie wird durch milde Vanille- und Gewürznoten nur unterbaut, sehr gelungen, wie ich finde. Leichte Frucht- und Blütenkomponenten, dabei besonders Jasmin und Rose, sorgen für ein wirklich exquisites Aromenspektrum für die Nase.

Im Antrunk kommt zwar eine gewisse Süße als erster Eindruck, doch direkt wird sie von einer trockenen Bittere und milder Salzigkeit übernommen. Der Reposado wirkt leicht holzig, erdig, sehr erwachsen und voll in jeder Richtung. Keine Komponente überwiegt die andere, Agave dominiert zwar, aber das will man genau so haben bei einem guten Tequila, wie das hier ausgeführt ist. Der Abgang ist lang, sehr floral in Richtung Jasmin, mit deutlicher Anästhesie auf der Zunge, warm und voll im Rachen. Eine feine Würzigkeit bleibt bis zum Schluss.

Spannend, wie sich hier der Holzausbau tatsächlich in einer wirklich schönen Aromenverschiebung hin zum Gewürz und zur Blütigkeit äußert, und nicht das Holz, wie bei manchen Reposados entweder gar nicht oder übermäßig übernimmt. Auch hier bleibt als Fazit nur – hervorragend. Anders als der Blanco, aber nicht schlechter.

Terralta Tequila Reposado

Für den Terralta Añejo (ebenso wie für die gereiften Varianten von G4 und Pasote, die ja alle aus derselben Destillerie stammen) werden Fässer aus amerikanischer Eiche eingesetzt, stammend von den Herren Beam und Daniel. Hier erkennt man bereits eine zarte Färbung, aber wir bewegen uns immer noch im strohig-pastelligen Bereich.

Die Mischung, die die Nase hier wahrnimmt, hat nun auch Komponenten von zwei Einflüssen – einerseits bleibt die bereits in den jüngeren Varianten dominante Agave auch hier definierend, doch Vanille und Zimt aus den ehemaligen Bourbonfässern ist nun beinahe gleichberechtigt. Das ist eine gute Sache, denn viele andere Añejos riechen schon kaum mehr nach Agave. Etwas Orangenschale, etwas Limette – eine schöne Zitrusseite taucht hier auf. Erfreulicherweise bleibt auch das Blumige des jüngeren Bruders erhalten.

Der Geschmack hat sich dann etwas deutlicher vom Reposado entfernt. Die Frische und Grünheit, die Vegetalität des Destillats ist nun viel zurückgenommener, im direkten Vergleich wirkt der Añejo stumpfer und weicher. Zimt, Vanille, etwas Karamell sind im Vordergrund, eine starke Pfeffrigkeit voller Feuer und adstringierende Trockenheit lassen den Tequila aber nicht zu süß und anbiedernd werden.

Der Abgang ist wieder sehr blumig, hier taucht der Charakter eines Tequila wieder auf, wie ich ihn mag. Sehr lang, heiß, viel Jasmin, Agave und ganz dezente Gewürznoten. Nun, das ist ein Añejo, der mir gefallen kann, dennoch wird diese Kategorie niemals ein echter Favorit für mich werden, denn alles, was ich an diesem Tequila mag, ist bereits in den jüngeren Alterskategorien vorhanden, und er gewinnt nicht viel durchs Reifen, wenn man nicht fragt; im Gegensatz zu vielen anderen Añejos verliert er aber auch nicht viel.

Terralta Tequila Añejo

Kommen wir zum ältesten, was Terralta zu bieten hat – der Terralta Extra Añejo. Vier Jahre, also ein Jahr mehr als die Altersstufe gesetzlich mindestens erfordert, hat dieser auf dem Buckel: hier ein Opa, bei anderen Spirituosen gerade aus dem vorgeschriebenen Mindestalter heraus. Die Fassauswahl ist dieselbe wie beim oben beschriebenen Añejo.

Farblich hat sich nun im Vergleich zum Añejo praktisch nichts mehr getan, der Ton ist der gleiche, es ist ein etwas kräftigerer Schimmer und dunkle Reflexe erkennbar, das ist es aber auch schon. Das Schwenkverhalten ist immer noch lebendig und flüssig, wie bei allen Ausgaben dieses Tequilas. Geruchlich wird es nun sehr mild und vanillig. Die rosige Blumigkeit ist die zweite Komponente, die beiden zusammen überlagern die Agavencharakteristik deutlich, ohne sie aber ganz platt zu kriegen. Mineralische Noten und ein bisschen Zuckerwatte kommen dazu.

Geschmacklich schließlich erreichen wir ein Stadium, wo Milde, Rundheit und Gemütlichkeit die Oberhand gewonnen haben. Die leichte Seifigkeit des Antrunks wird, wie gewohnt, durch Würze im Verlauf ersetzt, doch hier geschieht das gemächlich und erreicht nie die Kraft seiner jüngeren Brüder. Schwarzer Pfeffer, rohe Agave, Zimt. Gegen Ende wird der Extra Añejo eiskalt, ein interessanter Unterschied zum Añejo, und nur sehr leicht holzig, vor allem ohne schwer oder dunkel zu werden – man merkt, dass die eingesetzten Fässer bereits dreimal für den Añejo verwendet wurden, da ist wirklich nur vorsichtige Holzcharakteristik. Der Abgang ist lang, mit viel floralen Qualitäten, Wintergrünöl, Zimt und Lavendel. Kühlender Eukalyptus liegt lange im Mundraum, wenn der Rest schon verschwunden ist.

Die Idee, die Fässer erstmal ein paar Mal für einen anderen Reifungsgrad zu verwenden, bevor sie für den ältesten herangezogen werden, ist genial und sorgt dafür, dass wir hier einen Extra Añejo vor uns haben, der noch viel seiner Frische und Agavenherkunft erhalten hat. Für mich sicherlich einer der besten dieser Stufe, die ich getrunken habe, denn hier spürt man noch den Tequila heraus, und nicht ein generisches Holzlagerungsdestillat.

Terralta Tequila Extra Añejo

Da gibt es nichts zu deuteln, das sind alles absolut erstklassige Tequilas, ich habe rein gar nichts zu meckern. Ich bin begeistert darüber, wie sehr sich die Tequilawelt in Deutschland in den letzten 5 Jahren gewandelt hat, diese Art von Qualität hätte man damals höchstens in Träumen hierzulande erwerben können. Gleichzeitig hat sich aber auch in den Köpfen der Hersteller etwas gewandelt, man sieht, dass sie sich selbst nicht mehr mit Massenproduktion und seelen- und traditionslosen Destillaten zufriedengeben wollen, sondern etwas herstellen wollen, auf das man am Ende des Tages sehr stolz sein kann. Gerade die „modernen Traditionen“ bei Herstellern von Destillaten wie Terralta, G4, Fortaleza und ähnlichen tun sowohl uns als auch der Tequilakultur insgesamt sehr gut.

Für den obligatorischen Cocktail meiner Besprechungen habe ich mir den Terralta Reposado rausgepickt, obwohl alle vier eine ausgesprochen hohe Mixability aufweisen und jeden Drink aufwerten – ich bin mir sicher, wer bisher nur Tequilacocktails mit José-Cuervo-Mixtos kennt, und dann den Pre Siesta mit einem Terralta, wird gar nicht erkennen können, dass das eigentlich dieselbe Spirituosenkategorie sein sollte. Und, das kommt dazu, selbst die meisten anderen 100%-Agave-Tequilas werden ihm weder pur noch in Drinks das Wasser reichen können.

Pre Siesta Cocktail


Pre Siesta
2 oz Tequila Reposado
¾ oz Triple Sec
½ oz Aperol
3 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Little Rich Hunt]


Es ist dem Importeur fifteenlions sehr zu danken (und das sage ich nicht, weil ich kostenlose Samples bekommen habe), dass hier nicht nur ein paar Alibiflaschen importiert wurden, die in einem obskuren Onlineshop vor sich hin dümpeln. Bei dem Ruf, den Tequila trotz allem oben gesagten in Deutschland immer noch hat, muss zwar über ihn aufgeklärt werden – wozu ich hoffentlich etwas beitrage -, doch alle Aufklärung hilft nicht, wenn man die entsprechenden Produkte in Deutschland gar nicht bis nur schwer bekommt. Zur Aufklärung gehört auch ein engagierter Importeur, der weitreichend Werbung betreibt und den Tequila in ausreichenden Mengen zu einem vernünftigen Preis anbietet. Und fifteenlions leistet dahingehend sehr gute Arbeit, die auch mir das Agavenleben in Deutschland angenehmer macht.

Offenlegung: Ich danke fifteenlions für die bedingungslose Zusendung der vier 10cl-Samples dieses Tequilas.

Kurz und bündig – Maisel & Friends Kaminfeuer Kellerbier by Heiko Müller

Der Hobbybrauerwettbewerb von Maisel & Friends geht in die nächste Runde – Kellerbiere galt es zu brauen. Während der Home Brew Bayreuth im September 2019 wurden die Einreichungen verkostet, und der Gewinner war Heiko Müller mit seinem Kaminfeuer Kellerbier, das nun als Gewinn in limitierter Auflage statt im heimischen Keller auf den professionellen Anlagen bei Maisel nachgebraut werden konnte.

Maisel & Friends Kaminfeuer Kellerbier by Heiko Müller

Sehr schöne safranfarbige Opalisierung, durch die das Bier im im Glas leuchtet. Hält man es gegen das Licht, sieht man kleine Bläschen sehr langsam aufsteigen. Der Schaum, schon zu beginn eher dezent, bleibt als feine aber dünne Decke eine Weile auf dem Bier liegen. Geruchlich sehr würzig, mildrauchig, fast schon etwas nach Grill duftend. Auf jeden Fall passt hier der Name sehr gut. Starkmalzig, leicht speckig, etwas brotig – eine sehr prägnante Duftkomposition insgesamt.

Auch im Mund schmeckt das Maisel & Friends Kaminfeuer Kellerbier by Heiko Müller, wenn man mich fragt, zunächst wie ein Schinkenbrot. Die Würze bleibt erhalten, wird nur durch zurückhaltende Hopfenfrucht in der Zitrusrichtung ergänzt. Leicht salzig, erkennbar rauchig, ein Anflug von Kümmel; sehr rezent und kantig-bitter im Mund, ohne dafür eine üppige Cremigkeit aufzugeben. Eine gewisse Unrundheit muss man allerdings auch attestieren, gegen Ende entsteht im Mund eine leichte Schalheit. Der Abgang hat fast schon einen Eukalyptushauch, ist frisch und langanhaltend deftig bitter (23 IBU, ich hätte mehr vermutet), fast schon hin zum Kratzenden, was bei diesem Bier gar nicht stört, sondern zum Gesamtkonzept passt. 5,6% Alkoholgehalt passen sich hier gut ein.

Ohne Schwierigkeiten kann ich hier sagen – dieses Bier hat seinen Gewinn verdient, und ich finde es ausgesprochen toll, dass Maisel & Friends sich der Hobbybrauer annimmt und diesen so eine Möglichkeit gibt, der Welt zu zeigen, dass Bier ein derart vielseitiges Getränk ist.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung einer Flasche „Kaminfeuer“.

Der Boden macht den Wein – Courvoisier VSOP Cognac

Über Alter redet man immer viel bei Spirituosen. Über die Herkunft der Basismaterialien bleibt einem oft nicht viel zu sagen, denn man kennt sie selten. Bei Whisky scheint es für die Hersteller und deren Marketing oft völlig irrelevant zu sein und wird höchstselten diskutiert, wo das Getreide wächst, bei Melasse-Rum wird die Melasse ebenso oft eingekauft und nicht dauernd selbst aus lokalem Zuckerrohr produziert. Bei Tequila wird gern zwischen Hochland und Tequila-Tal unterschieden, doch bei Blindtests konnte der Unterschied kaum wahrgenommen werden; das aktuell beliebte Wort „Terroir“ ist bei Spirituosen definitiv anders zu interpretieren als bei Wein, wo beispielsweise der Boden, auf dem die Trauben wachsen, wirklich extremen Einfluss auf das Endprodukt hat.

Entsprechend wichtig ist auch für Cognac-Hersteller, wo der Wein, auf dem sie aufsetzen, gewachsen ist. Man findet auf den meisten Cognac-Flaschen das Weinanbaugebiet, französisch „cru“, von dem die Trauben stammen, die eingesetzt wurden. In der Region Cognac gibt es 6 crus, absteigend in der Wahrnehmung der Wertschätzung – Grande Champagne, Petite Champagne, Borderies, Fins Bois, Bons Bois und Bois Ordinaires. Beim Courvoisier VSOP findet sich erstmal auf dem Etikett allerdings keine direkte Angabe darüber – es handelt sich um einen Blend, wie es bei Cognac eigentlich Tradition ist, aus Destillaten der Weine verschiedener crus, hier Grande Champagne, Petite Champagne und Fins Bois.

Courvoisier VSOP Cognac

Die Farbe ist ein schönes, leuchtendes Kupfer, mit Tendenz zu Orangefarbe. Eine vorsichtige Schwere macht sich im Glas beim Schwenken bemerkbar, die Beine laufen zwar schnell ab, hinterlassen aber einen dicken Wandteppich an der Glasfläche.

In der Nase nimmt man erstmal eine leichte Blumigkeit, die typisch für Weinbrände ist, wahr. Dazu kommt schnell eine feine Nussigkeit, und Aromen nach Rosinen und Pfirsichen. Etwas Vanille durch die mindestens 4 Jahre Holzfassreifung sorgt für Unterbau, und eine leicht alkoholische Note für einen kleinen, minimalen Misston.

Sehr weich im Antrunk, da ist viel Cremigkeit und Flauschigkeit. Im Verlauf kommt milde Würze dazu, ein bisschen schwarze Pfeffrigkeit. Die Rosinen und Pfirsiche sind auch hier präsent und dominieren das Geschmacksbild. Breit im Mundgefühl, aber nicht sehr tief. Man schmeckt gegen Ende etwas den Alkohol, das müsste bei 40% Alkoholgehalt eigentlich nicht sein.

Courvoisier VSOP Glas

Der Abgang des Courvoisier VSOP schließlich ist warm, leicht kitzelnd an Zunge und Backeninnenseite, eher kurz, schlägt dabei aber den Bogen zurück zur initialen Floralität – eine wirklich extrem prägnante Jasminnote hängt noch lange Minuten am Gaumen nach. Sicherlich das schönste an diesem Weinbrand; für mich etwas, was alle Mängel zuvor wieder ausgleicht.

Ein einfacher, nicht wirklich komplexer, aber dafür gut trinkbarer Cognac ohne große Stärken, gleichzeitig aber auch ohne große Schwächen. Für mich ist er pur zwar durchaus akzeptabel, aber nicht wirklich spannend – in Cocktails dagegen halte ich ihn für sehr schön einsetzbar, weil er hohe Typizität aufweist und dabei noch etwas Wumms mitbringt und nicht zu mild ist.  Im Dolores #2 zeigt sich dies – ein Drink, der absolut vom Mundgefühl und dem Gesamtbild und weniger von einzelnen Geschmacksspitzen lebt.

Dolores #2


Dolores #2
1½ oz Cognac
¾ oz Kirschlikör
¾ oz Crème de Cacao
1 Eiweiß
Auf Eis shaken. Mit Muskatnuss bestäubt servieren.

[Rezept nach unbekannt]


Der Courvoisier VSOP ist ein gut erhältliches Produkt, ich will jetzt nicht negativ werden und ihn als „Supermarktcognac“ bezeichnen – auch wenn man ihn an solchen Ort leicht und oft auch in Angeboten erwerben kann, sogar der Discounter Aldi hat ihn ab und zu, wo ich ihn mir dann auch geschnappt hatte. In einer schön schwungvollen Flasche, mit üppig gestalteten Etiketten, dazu einem gleich aufgemachten Karton – das hat Geschenkpotenzial.

Courvoisier VSOP Flasche

Ich wechsele regelmäßig die Cognacs, die ich in meiner Hausbar für Drinks bereit halte. Da kommen diverse Hersteller abwechselnd zum Zuge – der Courvoisier VSOP hat sich über einige Iterationen einen Platz gesichert.

Dampfplauderer – Grappa Nonino Barriques Aged Selection

Die Modernisierung macht vor nichts halt. Wer früher Alkohol brennen wollte, hatte kaum eine Wahl – man legte sich eine Brennblase zu und befeuerte sie mit Holz. Die klugen Köpfe der Schnapsindustrialisierung hatten für derart altmodisch-begrenzende Technik natürlich schnell Abhilfe gefunden; der erste Schritt war das kontinuierliche Brennen, das eine größere, effizientere Menge an Maische nutzen konnte. Die Erfindung der Säulendestille sorgte dann für höhere Zieldestillationsmöglichkeiten bis weit über 90%. Der Konsens scheint letztlich dabei zu liegen, dass durch Pot-Still-Destillation mehr der aromentragenden Congener überleben; Brände aus Brennblasen sind daher oft aktiver, lebendiger, vielschichtiger und aber auch funkiger, unruhiger und weniger „rein“. Zwei Extreme sollen dies plastischer darstellen: Der klassische Jamaika-Rum ist ein Pot-Still-Destillat – der moderne Western Style Premiumvodka ein Multikolonnen-Destillat. Es hängt also stark davon ab, was man erreichen will, welche Brenntechnik als geeigneter herangezogen wird, vor allem, da es auch noch Zwischenformen gibt, wie eine Brennblase mit Rektifikationskolonne und ähnliches.

Welches System setzt man, um nun endlich zum Thema dieses Artikels zu kommen, beim Grappa ein? Keines davon! Reingelegt! Ein drittes System, das der Wasserdampfdestillation, trägt einer Besonderheit der Grappaherstellung Rechnung. Weil bei einem Tresterbrand wie Grappa viele Fruchtteile und auch Stängel und ähnliches Fremdmaterial in der Maische enthalten sind, die bei Erhitzung durchaus starktoxische Substanzen freisetzen (Methanol beispielsweise), muss hier vorsichtiger vorgegangen werden. Dampfbrennkolben oder Bain-Maries kommen zum Einsatz, die nicht die Maische direkt befeuern, sondern ein Wasserbad, über dem die Maische hängt und so den Alkoholanteil mittels Dampf entzieht. Ganz verhindern lässt sich das Mitkommen von unerwünschten Stoffen auch so nicht, doch für Grappa ist streng geregelt, wieviel Methanol noch enthalten sein darf – wir können also davon ausgehen, dass wir bei exportierten Grappe auf der sicheren Seite sind, was die giftigen Destillationsartefakte angeht. Daher können wir uns ab sofort von diesen technischen Details abwenden und überprüfen, ob der sichere Rest geschmacklich was taugt – der Grappa Nonino Barriques Aged Selection fließt allerdings nicht direkt aus der Destille ins Glas, sondern darf erstmal eine gewisse Zeit in Holzfässern verbringen.

Grappa Nonino Barriques Aged Selection Flasche

Die Fassreifung besorgt die blasse, strohige Farbe; eine sehr leichte Viskosität, nur mild ausgeprägt, macht einen schönen optischen Eindruck im Glas. Der sehr typische Geruch eines gereiften Grappa ist hier im Vordergrund, nach Stroh, Holzmehl, Schokolade und Schwarztee. Man kann eine Note von Haselnuss erkennen. Er hat aber auch eine dezente Alkoholfahne, die aber nicht wirklich stört.

Im Mund ist der Tresterbrand schön süß und rund. Sehr schokoladig und nussig, erinnernd an Neapolitaner-Waffeln. Parallel dazu findet sich aber auch würziger Kümmel. Da ist außerdem noch eine blumig-blütige Note, nach Lavendel vielleicht, die ich von meinen bisherigen Grappe nicht kenne. Sie liegt über der dunklen Kakaobasis und sorgt für ein Aha-Erlebnis. Gleichzeitig hat der Grappa Nonino aber auch eine etwas störende Beinote in Richtung Shampoo, die schwer zu fassen ist; insgesamt sorgen diese Komponenten dafür, dass der Grappa einen klaren Anklang an Brandy hat. Nicht zu unterschätzen ist seine Schärfe – trotz der Fassreifung hat er noch ein deftiges Ingwerfeuer, das auf Zunge und Gaumen kitzelt, und auch nach dem Abgang noch erhalten bleibt.

Grappa Nonino Barriques Aged Selection Glas

Jener ist kurz bis mittellang, hauptsächlich die holzigen Aromen sind es, und der Kümmel, die im Mund noch eine Weile herumgeistern. Trotz des Zungenbrands ist im Rachen nichts von der Schärfe mehr spürbar, was für mich darauf hindeutet, dass die enthaltenen 41% Alkoholgehalt nicht für das Feuer verantwortlich sind, sondern es aromatischen Ursprungs ist. Was ich immer gut finde.

Die Schwarztee-Komponente dieses Grappas lässt sich leicht noch etwas unterstützen in einem Reserve Cocktail. Tee macht sich überraschend gut in vielen Drinks, die Herbe und Würzigkeit, die ein guter Schwarz- oder Oolong-Tee mit sich bringt, sorgt für eine ungewohnte Exotik, seltsamerweise, so gut man Tee eigentlich kennt. Grundsätzlich finde ich Tee und Grappa eine hochinteressante Kombination.

Reserve

Kurz und bündig – Schneider Weisse Aventinus Eisbock

5 Jahre lang stand es bei mir im dunklen Schrank, nun versuche ich, diese ganzen Altlasten an Bier loszuwerden. Der Schneider Weisse Aventinus Eisbock hat, wie viele Starkbiere und insgesamt Bier, das nicht allzu aromahopfenlastig ist, kein Problem damit, lange aufbewahrt zu werden. Jetzt ist seine Zeit gekommen, und er landet in meinem Glas!

Schneider Weisse Aventinus Eisbock

Beim Eingießen achte man darauf, dass sich eventuelle Hefeverklumpungen, die sich bei längerer Lagerung bilden, nicht mit ins Glas hüpfen. Dann bleibt das Bier trotzdem trüb, Mezzomix-farben, aber wird nicht ganz so bitter. Durch die dunkelbraune Farbe sieht man einzelne Bläschen vorsichtig aufsteigen, die sich am Glas als feinster Rand ablegen, ansonsten ist das Bier schaumfrei. Die Nase ist weinig, hefig, leicht speckig. Sehr zurückhaltende Zitrusfruchtnoten bilden den Kopf, dunkle Malznoten den Körper. Insgesamt wenig an Geruch, und das, was da ist, erinnert den Laien eher an Wein als an Bier.

Im Geschmack ändert sich das dann wieder etwas, mildmalzig und nur sehr vorsichtig hopfig allerdings. Eine definierte Säure ist da, bildet mit dem dunklen Körper einen bockbierähnlichen Charakter. Kaffeenoten. Die erstaunliche Alkoholstärke von 12% entstammt dem aufwändigen Herstellungsverfahren, und man merkt die Stärke schnell und deutlich, sowohl vom Effekt als auch von der Aromatik her. Durch die Säure und Bittere wird das Bier sogar etwas rezent. Persönlich überzeugt mich die ungewohnte Aromatik nicht so sehr, das wirkt zwar alles rund und extrem vollkörperig, aber das Hin und Her zwischen Wein und Bier, zwischen Süße und Säure, und Milde und Bittere lässt mich stirnrunzeln. Der Abgang ist wiederum weinig, hefig und mittellang, ganz am Ende dann Trocken und astringierend, mit einem leicht blumig-fruchtkaugummiartigen Nachhall.

Man merkt, es ist nicht so ganz mein Fall. Vielleicht muss ich mehr Eisböcke probieren, um diesen hier einordnen zu können – allein, mir fehlt nach dieser Erfahrung die Motivation.

The Johnnie Walker Celebrity Roast – Johnnie Walker Blenders‘ Batch Espresso Roast Blended Scotch Whisky

Eine Sendung, die ich erst vor vergleichsweise kurzer Zeit für mich entdeckt habe, ist Dean Martin’s Celebrity Roast – tolle, klassische Unterhaltung mit den besten und frechsten Komikern ihrer Zeit. Political Correctness war weit, weit entfernt, viele der Witze, die in dieser Show gerissen wurden, würden heute für Entsetzensschreie und wütende Facebookposts mit Rücktrittsforderungen sorgen. Nicht, dass es wirklich jemals in Ordnung war, sich über Minderheiten lustig zu machen, aber da hier alle austeilen, und auch einstecken, findet man einfach zu viele „höhöhö“-Momente, als dass man nicht mit schlechtem Gewissen mitlachen müsste. Dagegen ist jede heutige Comedy-Show ein lahmer Kindergarten mit Nonnen und Jungfrauen.

Wir wollen hier aber nicht jemanden grillen oder rösten, auch nicht Herrn Walker, obwohl er es sicherlich verdient hätte. Nein, wir schlagen einen zugegebenermaßen etwas weiten Bogen, der sich am Namen der Sendung und an Martins Vorliebe für Scotch (seine zur Schau gestellte Trinkerei war aber eigentlich nur ein Showact; ach, die guten alten Zeiten, in denen Alkoholismus noch ein echter Schenkelklopfer war!) entlanghangelt – hin zum Johnnie Walker Blenders‘ Batch Espresso Roast Blended Scotch Whisky.

Die Details zu dem langen Namen: Blenders‘ Batch ist eine Reihe von Experimentalwhiskys bei Johnnie Walker, die sich durch kleine Änderungen von Gewohnheiten ergeben. Da wird nichts großartig neu erfunden, sondern einfach zum Beispiel, wie bei diesem als Exp #9 gekennzeichneten Whisky, für einen Teil des Blends die Gerste stark geröstet, was Kaffeearomen freisetzen soll (daher der Name Espresso Roast). Schauen wir mal, ob wir das in dem Blend auch finden, und ob wir ihn veralbern oder bewundern sollen.

Johnnie Walker Blenders' Batch Espresso Roast Blended Scotch Whisky

Die Farbe begeistert mich schonmal, ein wirklich strahlendes, leuchtendes Terracotta, mit vielen Reflexen. Leider gefärbt, wie das bei Scotch überall Usus ist – ich kann es nicht leiden, denn die Augen trinken mit und beeinflussen den Geschmack, ob man es will oder nicht (auch wenn Zuckerkulör in der Menge, die eingesetzt wird, sich geschmacklich neutral verhält). Nur eine leichte Öligkeit ist beim Schwenken erkennbar.

Die leicht medizinale Note, die man von Scotch kennt, ist zunächst dominant in der Nase. Getreide, Hefe, Malz, das ganze aber in einem hellen Register. Etwas Lakritz und Zimt. Mildes Holz, Vanille. Orange und Aprikose, Kakao. Der Antrunk ist sehr süß, cremig, schokoladig; leichter Schwefel. Im Verlauf entsteht etwas Feuer – tatsächlich wirkt der Espresso Roast sehr viel würziger als sein „roter“ Gegenpart, ohne dabei aber wirklich viel an Komplexität gewonnen oder Rundheit verloren zu haben. Die namensgebenden Kaffeenoten entdecke ich nicht in voller Konsequenz, höchstens eine Idee von länger offen stehenden Kaffeebohnen. Etwas flach und schmal, da ist nicht viel Körper, dafür eine ansprechende Pfeffrigkeit gegen Ende, und ein Drehen hin vom Süßen zum Sauerbitteren.

Johnnie Walker Blenders‘ Batch Espresso Roast Blended Scotch Whisky Glas

Der Abgang ist sehr schokoladig, viel Chili und mit deutlich brummenden, kitzelnden Effekten auf der Zunge und am Gaumen – 43,2% Alkoholgehalt machen sich bemerkbarer als es sein müsste. Mittellang, sehr trocken und hauchig, ein minimaler Anflug von Rauch – und ganz zum Schluss doch noch etwas Kaffee.

Insgesamt ein leichter Easy-Drinking-Blend, mit einem durchaus ansprechenden würzigen Charakter, der nicht zu schwer und verkopft daherkommt. Mir fehlt am Ende aber doch deutlichst die Ausdauer in allen drei Dimensionen – Länge, Breite und Tiefe.

Scotch hat seinen einstigen Ruf, nicht als Cocktailspieler zu funktionieren, inzwischen abgelegt – in klassischen Drinks ist er als eine tolle, charaktervolle Zutat anerkannt. Einen weiteren Sprung, den er zu machen hat, ist nun aber, nicht nur in trockenklassischen Rezepten eingesetzt zu werden, sondern auch in bunteren Verbindungen, wie einem Tiki-Cocktail. Der Tall as a Tree and Twice as Shady zeigt, dass das geht; und gerade der Espresso Roast gibt einen Anflug von Feuer in den Drink, die ich in derartigen Drinks immer sehr gern sehe.

Tall as a Tree and Twice as Shady


Tall as a Tree and Twice as Shady
1½ oz Blended Scotch Whisky
½ oz Arrak
1 oz Ananassaft
¾ oz Orgeat
¾ oz Zitronensaft
Mit crushed ice blenden.

[Rezept nach Paul McGee]


Die Halbliterflasche ist für ihre Größe schwer ausgeführt, mit dickem Boden, der für zusätzliche Lichtspiele mit dem Inhalt sorgt; das ist wirklich hübsch anzufassen und zu betrachten. Echtkorken und ein dezentes Etikett in einem Retro-Stil sowie ein Kartonumhänger an grober Schnur komplettieren eine sehr schöne Präsentation. Für mich ist diese Art der Gestaltung der ideale Mittelweg zwischen anbiedernder Opulenz einer- und zu kühlem Regalstil andererseits.

Man sieht, die enge Regelführung, die Scotch aufzuweisen hat, lässt trotzdem noch genug Spielraum für kreative Ideen. Wer auch immer meint, klare, stringente, die Tradition schützende Regeln für Spirituosen führten zu Stagnation und Langeweile, zeigt einfach, dass er keine Ahnung hat.

500! Vranken Grand Réserve Brut Champagner

500 Artikel! Eine stattliche Zahl, als ich am 17.07.2015 begann, diesen Blog aufzuziehen, hatte ich nicht im Kopf, dass er so lange und inhaltsvoll laufen würde. Letztlich ist ein großer internationaler Konzern, der als Buchversandhändler begann, daran schuld, denn die Quälerei, die man dort den Rezensenten jeder Art auferlegt, hat mich dazu gebracht, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Seit diesem kleinen Beginn ist das Rezensieren von Spirituosen und Sammeln von Cocktailrezepten, für das ich eigentlich nur ein Hilfsmittel für meine eigene Vergesslichkeit benötigte, scheinbar für immer mehr Leser interessant geworden, und das macht mich doch etwas stolz.

500 Artikel Badge

Vor allem rechnete ich aber nicht damit, dass diese Text- und Bildersammlung mir soviel Bereicherung schenken würde. Durch den Blog habe ich viele unglaubliche neue Leute kennengelernt, ohne die mein Leben ärmer wäre. Durch den Blog konnte ich am Spirituosenwettbewerb Spirits Selection teilnehmen, und habe dadurch Teile der Welt gesehen, an die ich sonst wahrscheinlich nicht gekommen wäre – Chile, Bulgarien, China, bald vielleicht Kolumbien. Ein kleines bisschen Lokalruhm sprang sogar auch dabei raus.

Was eignet sich besser, um so ein Jubiläum zu feiern, als ein oder zwei Gläschen Champagner? Robin Weiss, ein langgedienter und sehr erfahrener Bartender, hatte mir vor einer ganzen Weile mal einen Champagner empfohlen, der ideal für die Heimbar geeignet sein soll. Köpfen wir eine Flasche Vranken Grand Réserve Brut Champagner zur Feier des Tages! Aus Chardonnay-Trauben der Region Montagne de Reims in der, selbstverständlich, Champagne wird dieser trockene Tropfen mit maximal 15g/L Restzucker (genau das sagt das Wort „brut“ im Namen aus) hergestellt.

Vranken Champagner Brut Flasche

Die Farbe ist schönes, edel wirkendes Messing. Ein leichter Schleier hängt darüber, aber keine wirkliche Trübung. Schöne, großblasige Perlen steigen ausdauernd vom Glasboden auf und bilden kleine Inseln auf der Oberfläche. Der Geruch ist sehr fruchtig, da rieche ich grünen Apfel, Grapefruitschale, Himbeeren, etwas Essig, ein Anflug von Minze, und grüne Banane.

Das Mundgefühl im Antrunk ist erstmal cremig und süßlich, kippt aber fast direkt um in eine saure Richtung. Die Säure ist wirklich kräftig, aber tief und nicht kantig, deswegen auch nicht unangenehm, wie mir das bei manchen Crémants passiert. Grüne Banane, Apfel und Grapefruit sind auch im Geschmack prominent. Die Frische ist enorm und attraktiv, sehr perlig und kitzelnd; 12% Alkoholgehalt als Mindestwert für Champagner das Übliche. Im Verlauf kann sich dann doch eine gewisse, feine Süße wieder gegen die Säure in Stellung bringen, das ist auch gut so und gibt dem ganzen eine gewisse Rundung. Sehr trocken ist der Vranken dann im Abgang, hell, leicht bitter, hier nur noch mildsäuerlich und lang.

Manch ein Cocktail besteht aus den absurdesten Zutaten, oder hat ein Rezept, das ein Dutzend Zutaten auflistet. Dagegen der Champagne Cocktail – eines der einfachsten Rezepte, die ich im Portfolio habe. Man kann fast soweit gehen, hier von einem Champagner Old Fashioned zu sprechen, oder?

Champagne Cocktail


Champagne Cocktail
1 Zuckerwürfel, getränkt mit Angostura
…aufgießen mit Champagner und mit einer Zitronenzeste garnieren.

[Rezept nach Jerry Thomas]


Den Vranken Grand Réserve Brut Champagner trinke ich gern nicht unbedingt ausschließlich als Aperitiv, sondern auf jeden Fall auch zum Essen als Begleiter für leichte Speisen. Mir gefällt er sehr, und auch als Cocktailzutat wird er wohl, gemäß der Empfehlung von Robin Weiss, der Standard in meiner Heimbar werden. Betrachtet man noch das für mich sehr gute Preisleistungsverhältnis (man bekommt ihn schon für um die 25€), kann man kaum etwas Negatives über dieses Produkt sagen, und will es auch gar nicht.

So, genug gefeiert. Ich bereite mich geistig nun mal langsam auf die nächsten 500 Artikel vor. Mal schauen, was daraus wird!

Das Beste aus zwei Welten – BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition

Imperial Stout und Tequila, zwei meiner Lieblingsgetränke. Wenn die zusammen gebracht werden, das kann ja nur ein Fest für die Sinne werden, oder? Das BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition versucht das – ein Bier, gereift in einem Tequilafass. Nur wenige Flaschen wurden hergestellt, und zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels wird es wohl seit sehr langem schon ausverkauft sein, und die Flaschen in Kellern von Bier- und Tequilafreunden lagern, um zu gegebenem Anlass geköpft zu werden. Ich habe meine Flasche nun geöffnet – hier meine Eindrücke dazu.

BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition Flasche

Bei einem komplexen Produkt wie diesem Bier sammle ich zunächst mal die Fakten zusammen – selten muss man das in dieser Art für Bier tun. 2013 wurde es gebraut, unter Verwendung der Hopfensorten Perle, Chinook und P. Jade und 8 Schokoladen-, Karamell- und Röstmalzen. 10,9% Alkoholgehalt stellen klar, dass wir hier wirklich ein Imperial Stout vor uns haben. Bis 2014 wurde es dann im Ex-Tequila-Fass gelagert. Ein letztes Datum – bis 2024 ist es mindestens haltbar, kein allzu ungewöhnlicher Wert für ein derartiges Bier. So, nun aber genug der Zahlen und Daten, probieren wir das Bier im Glas.

Optisch könnten wir auch Schweröl vor uns haben – Tiefstdunkles Braun, fast schon blauschwarz wie Tinte. Dickflüssig, blickdicht, keine erkennbare Perlage. Nur wenige Schaumbläschen; am Glasrand bleibt ein Ring wie eine Corona bei Sonnenfinsternis. Geruchlich sehr schokoladig, man könnte es für Milchkakao halten. Milde Tropfenfrucht. Sahne. Vielleicht etwas Seife. Ein minimalster Anklang von Rauch und Rotwein. Insgesamt eher dezent.

BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition Glas

Das ändert sich schnell: Ultracremig, dick und schwer ist das BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila im Mund. Nicht besonders rezent oder frisch, eher dumpf. Sehr süß und wuchtig. Der Tequila ist mehr ein Beiaroma als ein definierendes Element; er ist aber erkennbar. Leichte Rotweinaromen, etwas Röstung und Honig komplettieren das Bild. Holz ist geschmacklich zunächst kaum erkennbar… aber im Abgang fährt das Fass seine Urgewalt aus. Hier kommen Holzeffekte plötzlich deutlichst zum tragen. Sehr trocken und sehr adstringierend, ohne aber die starke Süße dabei aufzugeben. Sehr lang. Milchkakaoaromen bleiben am Gaumen, sehr spät springen die Röstmalze nochmal hoch und geben einen sehr würzig-aromatischen Ausklang.

Der genaue Gegenentwurf zu einem Imperial Stout wie dem Brewbaker Berliner Nacht – beides Imperial Stouts, beide jedoch am exakten Gegenpol dieses Bierstils, soweit voneinander entfernt, dass man es kaum glauben will, dass hier derselbe Bierstil vorliegt.

BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition Umhänger

Die Präsentation passt sich der aufwändigen Herstellung an. Die 0,33l-Flasche ist mit silbernem Wachs versiegelt, weist einen riesigen, aufgeklebten Holzbesatz auf, auf dem der Produkt- und Herstellernamen als Brandzeichen prangt. Dazu kommt ein hübsch designter Kartonumhänger, der ein paar Werbesprüche enthält. Das ganze wirkt schon etwas übertrieben und nicht elegant, sondern plump.

Ist es den exorbitanten Preis von 15€ wert? Da bin ich sehr zwiegespalten. Einerseits gestehe ich den kleinen Brauereien, die bei solchen Bieren enorm viel investieren und Aufwand betreiben, gern einen Preiszuschuss zu, da diskutiere ich nicht. Bei diesem Preisleistungsverhältnis allerdings fällt es mir schwer, hier nicht etwas zu grummeln anzufangen. Es gibt viele Imperial Stouts, die mir deutlich besser schmecken, die nur ein Viertel kosten. So überlasse ich es dem Genießer, sich dieses Bier zuzulegen, für einen besonderen Anlass. Freunde gereifter Bierspezialitäten? Ja, für die ist es sicherlich einen Versuch wert. Wenn sie es noch bekommen können.