Eine neue Welt – Kizakura Honjozo, Junmai, Junmai Daiginjo Yamadanishiki Sake

Tatsächlich geschieht es bei mir selten. Man denkt nach einigen Jahren als engagierter Spirituosenblogger hat man alles schon gesehen, und kennt eigentlich grundsätzlich alles. Hin und wieder muss man sich aber dann hinterfragen, und sich darüber klar werden, dass es immer Dinge gibt, die es zu entdecken gilt. Bei mir ist das aktuell Sake. Die Leser meines Blogs können hier nun also fast live mitverfolgen, wie es ist, sich mit einem komplett neuen Thema auseinanderzusetzen: ich bin hier eingestiegen als ich allerhöchstens genauso weit wie Ihr wart, liebe Leser.

Beginnen wir mit der Klarstellung – Sake ist keine Spirituose, denn hier wird nichts destilliert. Es ist  also kein Reisschnaps, wie Sake, oder Nihonshu, wie er laut der japanischen Schutz-GI eigentlich benannt werden will, oft bezeichnet wird, und auch kein Reiswein, sondern ein Reisbier. Dahingehend beginnt man eigentlich doch nicht auf der komplett grünen Wiese, sondern man hat, wenn man sich etwas mit Bier und Sherry auskennt, schonmal eine solide Basis, auf die aufgebaut werden kann. Ich kann es nicht vermeiden, zunächst etwas Theorie aufzubereiten, da dies mein erster Sake-Artikel ist. Ich gebe direkt zu, dass die Sake-Klassifikation komplex ist, mir in ihrer Konsequenz und Transparenz aber sehr gefällt, davon können sich manch andere Kategorien eine Scheibe abschneiden. Das folgende Diagramm erklärt eigentlich das wichtigste diesbezüglich auf einen Blick – ich danke sake-talk.com für die freundliche Genehmigung, es hier wiedergeben zu dürfen, man muss das Rad ja nicht neu erfinden, vor allem, wenn es so hübsch und klar aufbereitete Grafiken schon gibt.

The Basic Types of Sake (courtesy of http://www.sake-talk.com/basic-types-of-sake/)

In Folgeartikeln zu anderen Sakes werde ich dann auf einzelne Details der Sakeproduktion eingehen, die wichtig sind, aber für diesen Einstieg dann doch den Artikel überladen würden. Man kann aus diesem Diagramm letztlich aber schonmal mitnehmen, dass es unterschiedliche Qualitäten an Sake gibt, die sich unter anderem aus der Produktionsmethode herleiten – wie stark ist das Reiskorn poliert, wird Alkohol zur Stabilisierung des Alkoholgehalts zugesetzt, mit welcher Temperatur wird fermentiert? So entstehen die großen Kategorien des hochwertigen Sake: Honjozo, Junmai und Ginjo, mit ihren Subkategorien.

Die erste Frage, die man sich als Neuling stellen muss – mit welchen Produkten fange ich an? Ich habe mir absichtlich nichts extrem hochwertiges, rares und besonderes ausgesucht, sondern 3 Sorten eines Herstellers gewählt, die leicht erhältlich und hübsch anzusehen sind; das ist wahrscheinlich der Ansatzpunkt, von dem viele aus starten würden, solange man keine Ahnung hat. Um einen ersten groben Überblick zu bekommen, habe ich mir also in einem Asia-Laden drei Sorten des Herstellers Kizakura eingepackt – Honjozo, Junmai und Junmai Daiginjo Yamadanishiki Sake.

Kizakura Sake Honjozo, Junmai, Junmai Daiginjo

Beginnen wir mit dem Kizakura Honjozo. Honjozo Sake ist die „unterste“ der drei Premium-Sake-Kategorien (tokutei-meisho-shu). Er ist, wie leicht aus dem Diagramm ablesbar, gekennzeichnet durch eine Reispolierrate von höchstens 70%, und einer Versetzung mit Neutralalkohol. Bei diesem Produkt unterschreiten wir das, wir haben 65% Reispolierung. Und darüber hinaus, und das ist besonders, eine Einmischung von 5%  Koshu (also gereiftem Sake).

Wie von tokutei-meisho-shu erwartet, weist die Flüssigkeit kaum Farbe auf, nur eine leicht strohige Note ist da, und ist strahlend klar ohne jeden Einschluss oder Trübung. In der Nase finde ich direkt eine sehr fruchtige, schwere Note nach Pfirsich, rotem Apfel und Ananas. Etwas Lavendel komplementiert das Bouquet. Von Anfang an ist der Honjozo süß und schwer im Mund, ein sehr weiches und cremiges Mundgefühl. Ein dezenter Alkoholhauch, doch erkennbarer als bei den folgenden Junmai-Sakes, begleitet uns immer. Traubig, mildapfelig, etwas nach Birne – sehr aromatisch, dabei aber nie überwältigend. Eine erkennbare Säure sorgt für Frische und gleicht die schwere Süße der Früchte aus. Der Abgang ist leicht alkoholisch, ein Zeichen der Zusetzung von Neutralalkohol, ohne aber je dabei zu stören. Für Sake aromatisch vergleichsweise lang, etwas bitter am Ende, eine erkennbare Kante ist da, mit leichten Betäubungseffekten an den Zungenseiten, und einem sehr trockenen Finish.Kizakura Honjozo Sake

Ich trinke das ehrlich gern. Manche sagen, darunter das Etikett, dass man Honjozo zimmerwarm oder sogar erwärmt trinken soll – ich halte mich daran, das kühl zu konsumieren, und da sorgt es für viele positive Effekte. Die Frucht ist schön ausgearbeitet, das Süßesäurespiel wunderbar kalibriert – ein tolles Getränk, und den zugeblendeten Koshu erkennt man wirklich mit seiner Würze, die in den anderen bisher probierten Sake nicht da ist.

Junmai ist die Bezeichnung für alle Sakes, die nicht mit Neutralalkohol versetzt wurden und auch keine weiteren Zusätze außer den Basiszutaten Reis, Koji und Wasser haben. Eine Art Reinheitsgebot, sozusagen – im eingangs gezeigten Diagramm leicht erkennbar durch die gestrichelten Linien. Neben dieser Klassifizierung, die an andere Kategorien angehaftet werden kann, ist Junmai für sich stehend auch der Name für die nächsthöhere Qualitätsstufe der Premium-Sakes – es wird dafür keine Mindestrate des Reispolierens gefordert. Für den Kizakura Junmai ist dennoch eine Rate angegeben (70%), dazu die Information über Alkoholgehalt (15%). Gern hätte ich noch eine Angabe zu Süße (SMV) und Säure.

Kizakura Junmai Sake

Farblich sehen wir nur ein Hauch von Tönung, noch weniger als Weißwein, dabei klar und strahlend. Keine Viskosität beim Schwenken. In der Nase entdeckt der Kenner einen starken Fino-Sherry-Geruch, dazu milde Hefe und leichte Essignoten. Etwas zusätzliches, vielleicht Frischpilze, ist die unterwartete Komponente. Aber auch Bekanntes, wie Weißwein, dezente Frucht, leichte Blumigkeit. Von allem nur einen Hauch. Geschmacklich bleibt der Kizakura Junmai leicht, süßlich, mit etwas Salzigkeit. Erinnert auch hier wieder stark an Fino Sherry, verdünnt allerdings. Fermentierungsnoten bringen die Exotik, ebenso eine sehr zurückhaltende, aber erkennbare Esterigkeit. Sehr deutlich wird die verringerte Alkoholizität und gefühlt höhere Eleganz im Vergleich zum Honjozo. Im Abgang wird dieser Sake sehr trocken, plötzlich würzig, viel aromatischer als während der Zeit, in der er im Mund ist. Er strahlt dazu eine leichte Wärme aus, obwohl er gekühlt getrunken wurde.

Schon ungewohnt und interessant, ohne sich dabei in Exotik zu wälzen, und bestimmt sehr angenehm als Essensbegleiter zu Fischgerichten oder Sushi als Alternative zu Weißwein. Gut gekühlt ist der Kizakura Junmai auch erfrischend, und schließlich sehr vorteilhaft in einem Sake & Tonic, da er hier seine Würzigkeit gut rüberbringt. Ein schönes Produkt.

Zu guter letzt die laut Klassifikation höchste Qualitätsstufe der hier vorgestellten Sakes – der Kizakura Junmai Daiginjo Yamadanishiki. Das letzte Wort dieses Titels zeigt auf, welche Reissorte eingesetzt wurde (Yamadanishiki ist die am weitläufigsten kultivierte Sake-Reissorte, etwa ein Drittel allen Sake-Reises ist von dieser Varietät). Wie der Name schon sagt, haben wir hier also einen Sake, der zu 100% aus Yamadanishiki-Reis ohne Zugabe von Alkohol hergestellt wurde, mit einer Reispolierrate von höchstens 50%, und der nach der Ginjo-Methode fermentiert worden ist (langsam und bei niedriger Temperatur also).

Kizakura Junmai Daiginjo Yamadanishiki Sake

Die Farbe ist extrem blass, fast schon nicht mehr vorhanden. Keinerlei Trübung ist zu erkennen. Im Glas bewegt sich dieser Sake mühelos und ohne Schwere. Champagner und Riesling rieche ich beim ersten Schnuppern, eine milde Fruchtnote nach Kirsche, und dazu eine leichte Apfelblüten-Floralität. Sehr attraktiv, dabei immer zurückhaltend und vorsichtig. Ein Hauch von Malzigkeit klingt mit. Im Mund, bei Kühlschranktemperatur, klingt der Junmai Daiginjo sehr fruchtig an, wird dann sehr süß. Ein fast schon cremiges Mundgefühl überrascht. Feine Ester erinnern an reife Banane und Ananas. Im Verlauf baut sich etwas Säure auf, die gegen Ende stärker wird, ohne die Süße ganz verdrängen zu können – vorsichtige Komplexität entsteht. Der Abgang schließlich ist dann plötzlich trocken, leicht astringierend, aromatisch kurz. Erst ganz spät, im Nachhall, meint man, die 15% Alkoholgehalt spüren zu können, in einem leichten Prickeln an den Zungenseiten und einem tiefen Wärmehauch.

Ich gebe zu, das ist schon verdammt elegant, ohne dabei je streng zu werden. Diese Mischung aus Süße und Distinguiertheit kenne ich von kaum einem anderen Getränk, das ich bisher im Mund hatte – jedenfalls findet sich hier ein sehr hoher Wiedererkennungswert, und dazu ein echter Wiedertrinkwunsch.

Ich bin zur Zeit noch an der Evaluation, wie Sake idealerweise in Cocktails einzusetzen ist. Als relativ zarte, mildaromatische Zutat muss man jedenfalls darauf achten, dass er nicht gegen starke Wucht anderer Zutaten anzukämpfen hat. Als erste Idee springt einem natürlich ein einfacher Longdrink in den Sinn – der Junmai Sake & Tonic hört sich vielleicht einfallslos an, ist aber ein wirklich schöner Drink, mit vielen dezenten, würzigen, und sehr effektvollen Noten.

Junmai Sake & Tonic


Junmai Sake & Tonic
2 oz Junmai Sake
2 oz Tonic Water
Auf Eis bauen.

[Rezept nach Helmut Barro]


Diese Kizakura-Sakes sind, wie ich zu Beginn schon erwähnte, recht hübsch anzuschauen in ihrer Präsentation. Kleine Dekanterfläschchen aus Glas, mit einem Folienüberzug in unterschiedlichen Farben, und einem so noch nie gesehenen Aluverschluss mit Zugring, etwas erinnernd an Konservendosen. Da Sake ein sich schnell veränderndes Produkt ist (auch das hat es mit Sherry gemein), das nach Herstellung – nicht Kaufdatum! – recht zügig konsumiert werden sollte, sind kleine Fläschchen wie diese eigentlich ideal, und für eine einzelne Sitzung gedacht und daher stört die mangelnde Wiederverschließbarkeit nur wenig. Grundsätzlich ist Sake gekühlt und dunkel aufzubewahren – etwas, was leider nur wenige generische Asia-Läden, in denen man Sake kauft, einhalten werden, weil sie es einfach nicht besser wissen. Wenigstens nach Kauf sollte man sich aber dran halten, was auch immer es dann noch bringen mag.

Meine Reise ins Sakeland endet hier natürlich nicht – ich bin zugegebenermaßen etwas angefixt. Es stehen zum aktuellen Zeitpunkt bereits 5 weitere Sakes bereit, verkostet zu werden. Es würde mich freuen, wenn Ihr Leser mich auf dieser Reise weiter begleitet, in zukünftigen Artikeln zu diesem spannenden Reisbier!

Kurz und bündig – God by Godet Cask Super-Strength Cognac

Gleich von zwei Gewohnheiten müssen wir uns trennen, wenn wir den God by Godet Cask Super-Strength Cognac vor uns im Glas haben. Im Allgemeinen ist Cognac eine Blendspirituose, fast alle großen Häuser verheiraten Destillate verschiedenen Alters und Herkunft zu einem gewünschten Geschmacksbild des Endprodukts („assemblage“). Der God by Godet ist ein Exemplar der sehr kleinen Gruppe von Cognacs, die kein Blend sind, sondern das, was man im angelsächsischen Sprachraum wohl als „Single Cask“ oder „Single Barrel“ bezeichnen würde – er entstammt einem einzelnen Fass. Für Cognac gilt darüberhinaus eine Obergrenze des Zielalkoholgehalts von 72%, die bei der zweifachen Destillation, wie sie bei Cognac angewandt wird, nicht überschritten werden darf. So gut wie immer wird das Endprodukt durch das angesprochene Blenden sowie durch Verdünnung mit Wasser auf eine genehme Trinkstärke herabgesetzt. Da man hier beides sein lässt, weist der God by Godet eine erstaunliche Stärke von 71,4% auf. Das Destillat aus 100% Weinen der Cru Fins Bois lagert 4 Jahre in Limousineichenfässern, und wird weder gesüßt noch gefärbt (was beides für Cognac erlaubt und geregelt ist).

God by Godet Cask Super-Strength Cognac

Selbst bei einer Verdünnung auf ca. 55% behält der Cognac seine goldgelbe Farbe. Strohig-weiße Reflexe glänzen im Glas. Dort bewegt sich der Cognac sehr elegant, mit Schwung und Schwere gleichzeitig. Riesige Fenster bilden sich am Glasrand, die in dicken Beinen träge ablaufen.

Fruchtigkeit umschmeichelt die Nase, der starke Alkoholgehalt zwickt, selbst nach Verdünnung. Kuchenteig, Vanille, Mandeln, Aprikosen. Ich gebe ihm etwas Zeit, doch das Zwicken bleibt – das ist halt der hohe Alkoholgehalt.

Ein wahrhaft königlich weiches Mundgefühl beginnt, die tolle Fruchtigkeit einzuläuten – rote Trauben, Aprikose, Feigen, Quitte, Orange. Die Balance zwischen Süße und Säure ist wunderbar getroffen. Rund und schwer liegt dieser Cognac im Mund, und im Verlauf entwickelt sich eine schwarzpfeffrige Schärfe dazu. Ich gebe noch etwas Wasser dazu. Nun wird die Nase nicht mehr zwickend, man nimmt weitere, fast schon funkige Fruchtester wahr – Banane, Pfirsich. Ja, so funktioniert der Godet am besten – er ist verdünnt ein Traum mit unkomplizierter Komplexität und einer fruchtig-schweren Würde.

Der Abgang ist heiß, voluminös, dicht und lang. Frucht und eine höchst ansprechende Blumigkeit, die ich sonst eher mit einem chilenischen Pisco assoziiere, klingen lange nach. Mit einem kalten Eukalyptushauch klingt der God by Godet aus – ein spannender Cognac mit einem richtig schönen Geschmacksbogen! Persönlich muss ich sagen, dass ich ihn in der Abfüllstärke nicht trinken würde, sondern deutlich herunterverdünne; immerhin hat man so aber die Wahl.

Oder hält doppelt gereift besser? Huizache Origen Tequila Reposado

Man kann kaum mehr gereifte Spirituosen kaufen, die nicht noch irgendwie ein spezielles Cask Finish erhalten. Heutzutage reicht es nicht aus, eine Weile im Fass gelegen zu haben. Und selbst Sherryfässer, die man oft verwendet für derartige Zwecke, sind dem anspruchsvollen Konsumenten nicht genug, der immer auf der Suche nach spektakulär neuem ist, ob es Sinn macht oder nicht – man braucht mindestens schon Sauternes- oder Bierfässer, und vielleicht irgendwann Essig- oder Salzgurkenfässer für den letzten Kick.

Nun, ich polemisiere etwas. Manchmal macht so eine zusätzliche Reifeperiode auch Sinn, wenn sie nicht vom Marketing getrieben ist. Einen Tequila, der eh nur kurze Zeit in einem Holzfass reposiert, zusätzlich noch für eine Weile in ein zweites Fass zu geben, ihn dabei aber immer noch unterjährig zu reifen (insgesamt lag der Huizache Origen Tequila Reposado 9 Monate in Holz), sowas ist durchaus von Spannung. Es gibt nicht viele Tequilahersteller, die Reposados mit unterschiedlicher Reifedauer anbieten, daher ist das ein interessantes Experiment.

Huizache Origen Tequila Reposado

Der Reposado Origen ist erkennbar blasser als sein weniger gereifter Cousin, der Reposado. Zusätzliche 6 Monate in Fässern aus französischer Steineiche ziehen laut Hersteller etwas Farbe ab, statt sie zuzufügen – ein natürlicher Filtereffekt, sozusagen, man hört nicht oft davon, vorstellen kann ich mir es aber schon, wenn das zweite Fass neutral geworden ist.

Geruchlich fällt mir zunächst eine überraschende Rauchnote auf – nicht so, wie bei einem Fumado, aber doch präsent. Insgesamt ist die Nase ausgesprochen grün, sehr vegetal und wie frisch abgeschnittene Blätter. Die vanillige Süße der Fassreifung und die Kaugumminote der Diffusorbehandlung kombinieren sich zum sehr ansprechenden Gesamtaroma. Im Hintergrund lauert etwas Ethanol, das aber erst beim tiefen, langen Schnuppern auftaucht und selbst dann nicht sticht.

Huizache Origen Reposado Glas

Geschmacklich ist der Origen interessanterweise intensiver als sein jüngerer Cousin, er hat mehr von allem, obwohl er mit 35% deutlich schwächer abgefüllt ist. Erst im Abgang, der leider noch kürzer als der des Reposado ist, merkt man, dass diese 5% weniger ihren Preis haben. Bis dahin hat man aber schöne Agavenaromen, viel Wintergrünöl, eine milde Pfeffrigkeit, und doch etwas Alkoholfeuer.

Wie bei allen Huizaches geht dem Destillat am Ende, wie schon angedeutet und in den vorherigen Rezensionen erwähnt, etwas die Luft aus. Der Eisenton (wie man es von Zahnfleischbluten kennt) ist etwas zu präsent, die Länge fehlt und beim Origen ist das ganze noch etwas deutlicher. Warum die Entscheidung getroffen wurde, auf etwas magere 35% (die Untergrenze dessen, was für Tequila erlaubt ist) herab zu gehen, während der Trend bei Kennerspirituosen eher zu strammeren 46% hin geht – das bleibt mir ein Rätsel, und ich persönlich finde es eine falsche Entscheidung.

Vielleicht passt der Name des Cocktails, für den ich mich bei dieser Besprechung entschieden habe, auch ganz gut auf den Huizache Origen grundsätzlich – The Mexican Gentleman. Spanische Sherrys mit mexikanischen Spirituosen, das ergibt eine gefährlich leckere Mischung, die durch zerstoßene Früchte aufgelockert wird.

The Mexican Gentleman


The Mexican Gentleman
2 Heidelbeeren, 2 Himbeeren, 1 Erdbeere, 1 Orangenscheibe im Shaker muddeln
1 oz Manzanilla Sherry
1 oz Tequila reposado
½ oz PX Sherry
½ oz Mezcal
Auf Eis shaken. Auf crushed ice abseihen. Mit Früchten dekorieren und leicht umrühren.

[Rezept nach Sean Kenyon]


Die Präsentation gefällt mir sehr. Ich finde den Schriftzug wirklich gut gestaltet, dazu kommt die Flasche, die sehr geschickt mit der gleichen Farbe des Inhalts in einem Farbverlauf nach oben hin transparent wird. Die dezenten Gestaltungselemente weiß ich zu schätzen – manche Hersteller versteigen sich zu plump-üppigen Dekorationen, von denen ich aus Erfahrung weiß, dass sie oft nur der Ablenkung vom mäßigen Inhalt dienen. Der Nachfüllstop ist einfach der Herstellungsregion und der dortigen Problematik der Produktpiraterie geschuldet, ich habe mich damit abgefunden, mögen tu ich es nicht. Ein Schraubverschluss ist bei Spirituosen wie dieser, die man, einmal geöffnet, schnell austrinkt und nicht aufbewahrt, sehr viel angebrachter als ein Korken. Dazu der hübsch gestaltete Karton – ich habe diesbezüglich nichts zu meckern.

Offenlegung: Ich danke dem deutschen Distributor fifteenlions für die unaufgeforderte und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Tequilas.

Kurz und bündig – Metallica & Stone Brewing Enter Night Pilsner

Ich musste laut lachen, als ich die Box, die neulich bei mir in der Post landete, öffnete. Eine Kiste mit Bier, das ist schonmal schön, wenn dann dazu noch beim Öffnen „Enter Sandman“ von Metallica zu laufen beginnt, dann ist das schon ein Knüller. Das Prinzip kennt man ja von sprechenden Grußkarten, aber hier wirkt es echt doppelt. Was gäbe es besseres, als die Zusammenarbeit zwischen der Band Metallica und Stone Brewing zu präsentieren, als die Musik der Gruppe? Das Metallica & Stone Brewing Enter Night Pilsner kommt also mit großem Spaßvorschuss an. Weg vom schwarz-roten, düsteren Design, hin zum Bier im Glas – der Kontrast könnte kaum größer sein.

Metallica & Stone Brewing Enter Night Pilsener Promobox

Strahlendes Sonnenblumengelb, eine minimalste Opalisierung ist erkennbar, wenn das Bier frisch, wie vom Etikett empfohlen, aus der Kühlung kommt – wird es etwas wärmer, zeigt sich dagegen kristallene Klarheit. Mittlere, sichtbare Perlage, dünner, gemischtblasiger Schaum. Optisch wirklich ein Hingucker – man könnte meinen, das Bier leuchtet von sich aus. In der Nase zunächst etwas Hefe, gefolgt von zurückhaltenden Zitrusnoten – das Enter Night Pilsener wurde mit Emerald (soll das Smaragd sein?), Sterling und Mandarina Bavaria gehopft. Für ein Pils leicht malzig. Ein hintergründiger Geruch nach Pizzateig.

Metallica & Stone Brewing Enter Night Pilsener

Geschmacklich zunächst mild, feinherb, dabei aber weich im Antrunk. Im Verlauf baut sich die Bittere auf, bis sie im Abgang ihren Höhepunkt bei 45 deftigen IBUs erreicht – dort wird das Bier sehr trocken, kantig, verrückterweise aber gleichzeitig mit einer mir persönlich dabei zu pappig werdenden Süße, die dann auch die eigentlich durch die hohe Karbonisierung und eine milde Säure vorhandene Rezenz runterzieht. Aromatisch bleibt es dem Bierstil treu, ist nicht überfrachtet mit Aromen, sondern bleibt klar, frisch, helltönig und vergleichsweise streng. 5,7% Alkoholgehalt sind nicht unerwartet für ein Pils. Der Abgang ist kurz, bis auf einen Anflug von Blumigkeit aromatisch unauffällig, und herb.

Man mag es positiv sehen, dass man zumindest meint, den oft etwas brachialen Stone-Stil wiederzuerkennen, doch insgesamt enttäuscht mich das Enter Night Pilsener, als eines der ersten Stone-Biere seit langem. Da ist außer der knackigen Bittere kaum etwas, was ich besonders erwähnenswert finde, und die tolle Optik allein kann es halt nicht reißen. Ich sage allerdings direkt dazu, dass ich kein großer Pilsfreund bin – und auch von Metallica eigentlich nur 2 oder 3 Lieder mag. Ich gehöre damit zu keiner der Teilzielgruppen dieses Biers; wer Metallica liebt, und auch noch gern Pils trinkt, findet hier vielleicht eine schöne Kombination seiner Vorlieben.

Offenlegung: Ich danke Stone Brewing für die Zusendung dieser witzigen Promobox mit 3 Dosen des Biers.

Dreifach gereift hält besser – Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años

„Rum hat keine Regeln“, das ist ein beliebter Satz, den man immer wieder hört. Tatsächlich gibt es keine globale Regelung von „Rum“. Andererseits gibt es auch keine globale Regelung für „Whisky“. Es gibt aber sehr strenge Regeln für „Bourbon“ und „Scotch Whisky“, und ähnlich muss man das auch bei Rum sehen – neben den Gesetzen, die in der EU-Spirituosenverordnung niedergelegt sind, die nur als minimal geltende Grundlage für die gesamte Kategorie dienen, haben eigentlich alle rumherstellenden Länder jeweils eigene Gesetze dafür, was dort als Rum gelten darf und was nicht. Manche sind strenger, manche lascher; manche ausgefeilt, manche eher lose formuliert; manche stehen in Widerspruch zu Details in der EU-Verordnung, manche fügen zusätzliche Rahmenbedingungen hinzu.

Kuba beispielsweise präsentiert ein langes Traktat, das beschreibt, wie Rum, der als solcher verkauft werden soll, hergestellt werden darf, mit vielen Vorschriften, die in anderen Ländern nicht gelten. Darin ist auch festgelegt, wie die Reifung auszusehen hat. Die dreifache Reifung, die als „triple añejamiento“ auf dem Etikett des Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años ausgewiesen wird, ist ein Beispiel dafür. In der kubanischen Regelung ist vorgesehen, dass eine (optionale) dritte Reifungsstufe dem bis dahin in Ex-Bourbon-Fässern dahindümpelnden Destillat wieder frischen Sauerstoff zufügt – durch einen Blending-Zwischenschritt und das Umfüllen in andere Fässer. Diese sollten allerdings alt und aromatisch neutral sein. Dieser Schritt soll laut eigener Aussage dafür sorgen, den Geschmack und das Aroma zu optimieren. Schmeckt man einen Unterschied zwischen einem „doble añejamiento“ wie beim Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años und einem Blend, der diesen dritten Schritt auch noch gemacht hat? Ganz sicher tut man das, wie dieser Rum beweist.

Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años

Farblich ist der 15 Jahre alte Kubaner (über die eigene Art, wie auf Kuba das Alter von Rum berechnet wird, hatte ich schon beim 7-jährigen Verwandten dieses Rums berichtet) sehr dunkelbraun, geht schon fast ins rötliche über – die orangefarbenen Reflexe und die leichte Viskosität, mit der sich der Rum im Glas bewegt, sorgen für einen insgesamt wirklich tollen optischen Eindruck.

Hält man das Glas an die Nase, riecht man zunächst den typisch kubanischen Stil, leicht, nur dezent fruchtig, süßlich, alkoholisch, ohne große Tiefe. Beim Santisima Trinidad 15 kommt eine gewisse Nussigkeit dazu, viel Vanille, Toffee, Butterscotch und Gewürze aus der Weihnachtsbäckerei, insbesondere Kardamom.

Im Antrunk wirkt er überraschend süß und schwer, die selbst durchgeführte Zuckermessung ergibt grob 14g/L, das erklärt das. Im Verlauf nimmt die Süße dann ab und wird unterfüttert durch eine sehr würzige Kardamom- und Nelkennote, die das Geschmacksbild ab dann prägen. Schön breit und voll liegt er im Mund, sehr gefällig und rund, ohne wirkliche Komplexität, mild und dabei doch nicht zu bequem – da könnte etwas mehr Spannung aufgebaut werden. 40,7% Alkoholgehalt sind letztlich leider zuwenig dafür, der Hersteller hält sich dabei an den maximalen Bottling Proof von 41%, wie in kubanischen Rumgesetzen festgelegt (ja, es gibt eine Möglichkeit, dem auszuweichen, aber das muss man ja nicht nutzen).

Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años Glas

Pfeffrig und aromatisch ist dann der Abgang, hier geht dem Rum sehr deutlich die Luft aus, das Volumen schwindet und macht einem alkoholischen Feuerhauch mit Kribbeln auf der Zungenspitze Platz. Der Nachhall ist noch mit viel Gewürzen versehen, aber im Endeffekt etwas leer im Vergleich zum süßschweren Antrunk.

Das ist insgesamt sehr trinkbar und unterhaltsam, ein Rum, den man sehr schön abends vor sich hin schlürfen kann, auch gern mehrere Gläser, ohne dass einem dabei langweilig wird. Kopf und der Gaumen werden nicht überanstrengt, aber auch nicht unterfordert oder beleidigt – der Ron Santisima Trinidad 15 hat das, was sich der Kenner von leichtem Rum erwartet, und was dem Anfänger sicherlich auch gefallen wird. Ich gebe zu, die Gewürzkomponente ist so stark und speziell rumuntypisch, dass ich im Stillen eine leichte Aromatisierung vermute, ohne dies aber belegen zu können.

Entsprechend ist er auch eine Wohltat in Cocktails, die nach leichtem Rum verlangen – oft nutzt man da dann Produkte, die komplett ohne Charakter sind. Der Santisima Trinidad 15 eignet sich für Cocktails wie den La Florida nahezu perfekt. Das Ergebnis ist ein würzig-aromatischer, schwersüßer und dabei trotzdem seltsamerweise leichter Drink.

La Florida


La Florida
2 oz Rum
¾ oz Limettensaft
½ oz Crème de Cacao
¼ oz süßer Wermut
1 Teelöffel Grenadine
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Äußerst attraktiv finde ich die Präsentation – insbesondere, wenn man die beiden Flaschen der Marke nebeneinander betrachtet. Die grundsätzlich Flaschenform ist ähnlich massiv und schwer, aber nicht gleich, die des Fünfzehner ist deutlich schlanker und höher als die des in der Einleitung schon erwähnten Siebener. Das Etikett ist sehr hübsch, schwungvoll und dabei immer noch elegant zurückhaltend ohne die flashige Plumpheit vieler anderer Rums. Der geformte Korken im wuchtigen Flaschenhals tut sein übriges dazu

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años und 15 Años

Wie man auf dem Foto mit dem Glas sieht, habe ich die Flasche schon fast leer. Das ist schon eine Art von Auszeichnung, denn nicht viele Rums kann ich so unbeschwert und ohne eintretende Langeweile und Wunsch nach Abwechslung trinken wie den Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años. Ich würde wirklich gern eine ungesüßte Variante davon probieren – die Süßung ist der einzige Wermutstropfen in einem ansonsten wirklich schönen Rum, der mir viel Freude bereitet hat. Die Vergangenheitsform schon deswegen, weil ich davon ausgehe, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels die Flasche vollständig geleert sein wird.

Kurz und bündig – Maisel & Friends Alkoholfreies Pale Ale

Als ich neulich einen Artikel über alkohol- und zuckerfreie Cocktails schrieb, wurde mir eins deutlich gemacht – man sollte derartige Getränke nicht als Ersatz für das sehen, was wir landläufig als „normale“ Cocktails betrachten. Es ist eine eigenständige Kategorie, mit anderen Bedingungen, Zutaten, Zielgruppen und Absichten. Ähnlich betrachte ich auch alkoholfreie Biere. Auch wenn Brauer Maisel & Friends sein Alkoholfreies Pale Ale natürlicherweise noch als einen Bierersatz betrachtet und bewirbt, will ich meine Meinung direkt klarstellen – bisher habe ich noch kein alkoholfreies Bier getrunken, das auch nur annähernd einem alkoholhaltigen Bier nahekommt. Vielleicht lohnt es sich, einfach mal den „Ersatz“-Gedanken über Bord zu werfen und so ein Produkt als das zu betrachten, was es ist, und nicht als das, was es nicht ist (und auch in mittelfristiger Zukunft nicht sein kann). Tun wirs doch einfach!

Maisel & Friends Alkoholfreies Pale Ale

Ganz lösen kann man sich letztlich nicht – es sieht aus wie ein Bier. Naturtrüb, blickdicht,  orange-milchig. Man sieht starke Perlage, die gemischtblasigen Schaum lange am Leben erhält. Tatsächlich kommt es auch in der Nase wie ein klassisches Pale Ale an, ohne Abstriche. Grapefruit, Orange, Limette. Recht helltönig, leichte Malznoten.

Im Mund findet dann der Wechsel zu einer anderen Getränkekategorie statt. Sehr kräuterig und gemüsig im Antrunk, die Hopfennoten sind zwar da, wirken aber nicht so knackig und prägnant wie bei einem alkoholhaltigen Pale Ale. Rosmarin und Spargel, und eine recht harzige Komponente. Nur sehr wenig Körper. Gute Säure, und in Kombination mit der hohen Karbonisierung rezent und erfrischend. Der Abgang ist bitter, 34 IBU sind hier klar erkennbar, kurz, hinterlässt deutliche Anästhesieeffekte auf der Zunge. Etwas Fruchtkaugummi klingt nach.

Wenn man den Gedanken an Bier einfach mal ausblendet, dann kann man das wunderbar trinken, als abwechslungsreicher Durstlöscher. Das Alkoholfreie Pale Ale von Maisel & Friends ist sicher etwas, was gerade im Sommer oft als Alternative zu Cola, Fanta und Sprudel in meinem Glas landen wird. Das wunderhübsche hellblaue Etikett mit den Vögeln, die sich aus einer Hopfendolde lösen, sorgt jedenfalls darüber hinaus für gute Laune.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die Zusendung einer Flasche des Alkoholfreien Pale Ales.

Grünzeugs von der Saar – SaarWhisky Absinthe Absense, Herr der Frösche, Fürst von Absinth, Fragment und Weisser Kristall

Gin – das ist die Antwort auf die Frage, was kleinere Hersteller, oder solche, die erste Gehversuche im Spirituosenbusiness machen, auf den Markt werfen. Meist solcher, der kaum noch als Gin zu erkennen ist, weil er „neu“ und „innovativ“ ist und daher nicht mehr nach Wacholder schmecken muss (meint so mancher).  Ich bin begeistert, wenn sich ein lokaler, kleiner Abfüller etwas anderes aussucht, um neue Kundschaft zu gewinnen – und wenn es dann auch noch etwas eher seltenes ist, wie Absinth, um so mehr.

SaarWhisky hat sich schon durchaus einen Namen gemacht mit ihren Abfüllungen schottischen Whiskys – eine hohe Bewertung von Jim Murray in einer Kategorie seiner Whisky Bible sorgte auf Aufmerksamkeit. Mit Punktewertungen kann man mich kaum ködern, mit einer Serie von hausgemachten, selbst in kleinen Anlagen destillierten und von Hand teils mehrfach mazerierten Absinths aber schon. Ich habe mir die dankenswerter Weise auch in Miniaturen verfügbaren Produkte besorgt, und will sie hier vorstellen. Fürst von Absinth, Absense und Herr der Frösche sind Interpretationen des klassischen „grünen“ Absinths, darüber hinaus gibt es mit dem Weisser Kristall einen weißen Absinth, und der Fragment ist ein Rouge. Da steht viel Spaß ins Haus! Mein grundsätzliches Vorgehen bei Absinth, den ich insbesondere bei der hohen Abfüllstärke der SaarWhisky-Absinths nicht pur verkoste: Geruchsprobe erst ohne Wasserzugabe, dann mit und schließlich die Verkostung nur mit Wasser.

SaarWhisky Absinthe Absense, Herr der Frösche, Fürst von Absinth, Fragment und Weisser Kristall

Wir fangen einfach mal mit dem Fürst von Absinth an. Die Hintergrundgeschichte ist abenteuerlich – nach seinem Tod 1786 wurde Wilhelm Heinrich Fürst von Saarbrücken- Nassau mit einer Reihe von Kräutern einbalsamiert. Diese finden sich alle in diesem Absinth wieder. Erinnert mich etwas an Admiral Nelson, der in Rum eingelegt wurde. Man mag das alles mehr oder weniger appetitlich finden, die Farbe ist jedenfalls sehr hübsch – ein leichtes, dezentes strohiges Grün. Wie bei allen SaarWhisky-Absinths wird nicht gefärbt, die Farbe ist natürlich durch ein zweites Mazerationsverfahren entstanden. Ein dicker Beinteppich entsteht beim Schwenken im Glas. Nach Wasserzugabe entsteht sofort ein blickdichter, starker, immer noch leicht grünlicher Louche.

Pur riecht der Fürst von Absinth noch sehr süßlich, mit vielen Fenchel- und Anisnoten. Nicht lakritzig-aggressiv wie manch anderer französischer Absinth. Würzig, kräuterig, auch fruchtig mit Erinnerung an Orangenschale. Mit Wasser wird er herber, mineralischer, die Frucht ist vollständig verschwunden und durch Kalk und Algen ersetzt. Salbei und Kamille kommen nach vorn.

SaarWhisky Fürst von Absinth

Im Antrunk dominiert zunächst die Süße, eine milde Kräuternote beginnt aber direkt, sich zu entwickeln. Kamille, Koriander und Salbei meine ich aus der Liste der Botanicals tatsächlich herauszuschmecken. Im Verlauf ensteht eine pikante Bitterkeit, Süßholz und Anis beginnen, sich Raum zu verschaffen. Dank 68,3% Alkoholgehalt bleiben genug Aromen auch nach Verdünnung. Der Abgang ist mittellang, sehr blumig und leicht, ein bisschen salzig. Ein wenig Gewächshausgeruch hängt nach, milde Betäubungseffekte auf Zunge und Gaumen bleiben. Eure Hoheit, Ihr wisst zu überzeugen. Ein delikater, aber auch eleganter Absinth, der mir vor allem wegen der äußerst hübschen Blumigkeit im Abgang und Nachhall sehr gefällt.

Für die Cocktails, die ich für die Absinthes ausgewählt habe, achtete ich besonders darauf, dass es nicht nur Rezepturen sind, in denen Absinthe nur als Glasaromatisierer dient, wie beim Sazerac und ähnlichen. Im Petanque ist der Absinthe schon deutlich mehr als nur eine Note; bei einer Zutat, die sonst so aromatisch brutal daherkommt, ist es dann aber auch schwierig, etwas zu finden, das dagegen ankommt – die Eleganz des Fürst von Absinth kombiniert sich hier allerdings wunderbar mit der Nussigkeit des Sherry und des Amaretto.

Petanque


Petanque
2½ oz Amontillado Sherry
1 oz Amaretto
2 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis rühren.
½ Teelöffel Absinthe als Float

[Rezept adaptiert nach Andrew Bohrer]


Der Fürst hat gesprochen, wir bewegen uns zum nächsten Absinth von SaarWhisky, dem Absense. Das Etikett verspricht eine tiefgrüne Farbe, nun, das ist Ansichtssache, für mich wirkt es eher gelbgrün mit fast schon weißen Reflexen. Das ist keine Kritik, ich schätze natürliche Farben, bei manchen Pseudoabsinthen findet man derart giftige Grüns, die rein künstlich enstehen, da danke ich den Herstellern für die Ehrlichkeit. Der Louche ist blickdicht, gelblich-grünlich-milchig.

Ich rieche Anis, Grapefruit, und sehr stark Melisse und Kamille. Bei tiefem Schnuppern ahnt man die 68,8% Alkoholgehalt schon, aber ohne Zwicken. 13 Kräuter werden hier mazeriert, das ergibt ein schönes, rundes Bouquet. Auch hier, wie schon beim Vorgänger, wird durch Wasserzusatz die kräuterige Note stärker, Fenchel und Algen beginnen zu dominieren.

SaarWhisky Absense Absinth

Süß und cremig im Mundgefühl, aber kräuterig im Geschmack. Ich erkenne eine starke Karottigkeit, kombiniert mit einer milden Sellerienote. Insgesamt gemüsig. Eine leichte Pfeffrigkeit lässt die Zunge kitzeln. Bittere löst die Süße erkennbar ab, mildsalzig und sehr umami. Der Abgang ist kalt, mit viel Eukalyptushauch. Etwas Lakritz hängt lange nach. Klare Anästhesieeffekte auf der Zungenfläche bleiben noch länger. Am Ende ensteht eine milchschokoladige Note. Der Absense ist sehr klassisch im Geschmack, nach meiner Ansicht recht wuchtig, ohne dabei aber allzu streng zu werden.

Ein Zitat aus der Herstellerbeschreibung sagt, dieser Absinth bringe „eine Geschmacksintensität hervor, die Sie in den Bann märchenhafter Traumlandschaften zieht“. Na, Märchen kenn ich. Und was kommt in Märchen vor? Feen. So schließt sich der zugegebenermaßen etwas bemühte Kreis zum Cocktail. Der Green Fairy ist praktisch ein Absinthe Sour, das klingt nicht ganz so mythisch, schmeckt aber trotzdem legendär.

Green Fairy


Green Fairy
1 oz Absinthe
1 oz kaltes Wasser
1 oz Zitronensaft
¾ oz Zuckersirup
1 Spritzer Angostura
Eiweiß
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Dick Bradsell]


Bleiben wir im Märchenland – wechseln wir aber von der Fee zu einem anderen etwas weniger hübschen Fabeltier. Herr der Frösche – ja, das ist ein zur Farbe passender Titel. Grünbraun, verwechselbar erinnernd an Olivenöl. Auch hier ungefiltert und ohne künstliche Färbung. Im Glas bewegt sich der Frosch sehr ölig und schwer, und hinterlässt mehr einen Vorhang denn Beine. Der Louche ist leicht milchig, immer noch deutlich grün mit Tendenz zu Gold und halbtransparent.

SaarWhisky Herr der Frösche Absinth

Die Geruchsprobe vor der Wasserzugabe offeriert Fenchel und leichte Zitrusnoten, etwas Gummi. Ein Hauch von Rosenblättern. Mit Wasser wird es mineralischer, erdig und holzig, mit Erinnerung von Gewächshausgerüchen. Sehr typisch. Vom Geschmack her wird es nicht schlechter – milder Fenchel, grünes Gras, Apfel, Karotten. Feinherb und nur leicht salzig. Sehr frisch, hell und mit zurückhaltenden Zitrusgeschmäckern. Dadurch wirkt der Herr der Frösche elegant und fein, so gar nicht froschig. Im Gegenteil, er liegt vielschichtig im Mund. Cremig und ohne Kanten. 68,3% Alkoholgehalt kümmern sich darum, dass der Herr der Frösche auch mit Wasser noch genug Sprungkraft hat. Der Abgang ist sehr minzig, frisch und leicht. Mittellang, astringierend und mit langanhaltendem Betäubungseffekt auf der Zunge.

Viele Cocktails, die einen großen Absinth-Anteil haben, nutzen auch Wasser als Zutat. Dies soll wahrscheinlich genau den Effekt auf die Aromen haben, den man auch beim Purgenuss mit Wasser wünscht – im Triple A zeigt sich dies wunderbar. Die Kombination mit Apfel und Mandel ist aber auch so schon interessant.

Triple A


Triple A
1 oz Absinthe
1 oz kaltes Wasser
1 oz Apfelsaft
½ oz Orgeat
¼ oz Limettensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Dick Bradsell]


Nach dem dunkelgrünen Froschherrn folgt nun eine kontrastierende Besonderheit: Ein weißer Absinth. Sieht man nicht allzu häufig, und ist allein daher schonmal spannend. Der Weisse Kristall scheint auch zunächst völlig klar zu sein, doch wenn man das Glas gegen das Licht hält, bilde ich mir ein, einen leichten grünen Schimmer erkennen zu können. Täusche ich mich da? Ich bin verwirrt, aber nur weil er ungefiltert und ohne Farbzusätze ist, heißt das ja nicht, dass die Kräuter nicht eine gewisse Farbe mit sich bringen. Die leichte Öligkeit dagegen ist keine Einbildung.

SaarWhisky Weisser Kristall Absinth

Nach der Wasserzugabe entsteht ein dichter und bleichweißer Louche, ganz ohne dazufantasierten Grünton. Ich rieche sehr deutlich Kamille, dahinter Melisse, gefolgt von etwas milde Minze. Das passt mit der Angabe der verwendeten Zutaten – es wird noch Ysop aufgeführt, das ich allerdings nicht kenne und daher nicht beurteilen kann. Mit Wasser kommt plötzlich eine Anisnote dazu, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte. Geschmacklich ist der Weisse Kristall salzig, sehr grasig, mit einer überraschend deutlichen Karottenkomponente. Insgesamt wirkt der Absinth sehr gemüsig, das ist ungewohnt, aber gar nicht schlecht. Die hohe Stärke von 68,3% erfordert eine deutliche Wasserzugabe, doch auch danach bleibt viel weißer Pfeffer und kaltes Feuer im Glas. Der Nachhall ist lang, sehr bitter, trocken, mit viel Eukalyptus und Minze.

Den Weissen Kristall habe ich im Yellow Parrot eingesetzt – die starke Süße der restlichen Zutaten kombinieren sich wunderbar mit der milden Kamillenote und der minzigen Kraft dieses Absinths. Im Gegensatz zu vielen Absinthen ist hier, obwohl ein schöner Anteil drin ist, nicht nur noch der Absinth zu schmecken, sondern ein rundes Gesamtbild entsteht.

Yellow Parrot


Yellow Parrot
1 oz Chartreuse Jaune
1 oz Apricot Brandy
½ oz kaltes Wasser
¼ oz weißer Absinthe
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Harry Craddock]


Auch der nächste und letzte Absinth hat eine ungewohnte Farbe. Der Fragment ist ein Rouge. Man bewegt sich hier weg vom allgegenwärtigen Absinthgrün – die Färbung hier geschieht nicht durch künstliche Farbstoffe, sondern durch die Mitmazeration von roten Beeren. Farblich würde ich ihn entsprechend auch zwischen einem Tawny Port und einem gereiften Weinbrand einordnen – da ist eine leichte rötliche Note, und hellorangene Reflexe, die sich von einer normalen gereiften Spirituose unterscheiden. Er ist im Glas sehr beweglich und kaum viskos.

Tatsächlich ist der erste Geruchseindruck eine Melange aus Heidelbeeren, Brombeeren und Anis. Eine faszinierende, erstmal für mich komplett neue Aromenwelt – ich kannte diese Mischung bisher höchstens aus Cocktails. Etwas Fleischiges ist da noch dabei; schwer zu greifen und zu definieren. Der Louche ist hier sehr interessant – auch wenn er komplett blickdicht milchig wird, hat er einen schönen rostrote Ton bekommen. Eine echte Abwechslung! Aromatisch ist nach Verdünnung dann grüne Banane, etwas Gummi, Vanille und eine etwas reduzierte Beerigkeit vorhanden. Fenchel, beinahe schon Lakritz, ist nun deutlicher.

SaarWhisky Fragment Absinth

Im Mund findet sich ein grünes Kräuterbeet, und ein Aroma, das ich ganz extrem mit Kräuterbonbons assoziere. Ja, das schmeckt wie ein aufgelöstes Ricola Schweizer Kräuterzucker. Menthol, Lakritz. Von den Beeren ist nun gar nichts mehr da, nur noch eine Grundsüße, die bis zum Schluss da bleibt. Ein hochinteressantes Umkippen vom mildfruchtigen Purgeruch hin zur reinen Kräuterwucht! Salzig und umami. 68,3% Alkoholgehalt überraschen uns nach den Vorgängern nicht mehr, wir nehmen das aber dennoch weiterhin hochgradigst positiv wahr.

Der Abgang des Fragment ist sehr hauchig, eukalyptisch, mentholig, minzig. Dabei entsteht trotzdem eine langanhaltende Wärme vom Rachen bis durch die ganze Speiseröhre. Der Gaumen und die Zunge bleiben stark pelzig betäubt. Hm, das ist jedenfalls sehr interessant. Ich bin mir allerdings unsicher, ob ich dieses Erlebnis wirklich übermäßig mag – es wird eine Weile dauern, bis ich mich akklimatisieren kann – im Vergleich zu allen anderen hier probierten fällt der Fragment etwas ab und wirkt für mich unausgewogen. Dieser Überraschungsmoment der Ungewohntheit ist aber andererseits schon eine tolle Sache, passiert mir heutzutage nicht mehr oft.

Bezüglich des Cocktails entschied ich mich für ein fruchtlastiges, bitterherbes Rezept. Der Fairy Sugar Mama greift wieder mal das Pseudonym für Absinth („Fee“) auf, bietet auch farblich mit Campari einen farblich passenden Mitspieler. Wie schon erwähnt sind diese absinthlastigen Kreationen eher selten, um so erfreulicher, wenn man damit noch einmal zeigen kann, dass Absinth ohne Mühe aus der Nische des Hilfsmittels herauszutreten im Stande ist.

Fairy Sugar Mama


Fairy Sugar Mama
1 oz roter Absinthe
1⅔ oz Ananassaft
¾ oz Limettensaft
⅔ oz Orgeat
⅓ oz Campari
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Andy Mil]


Ein Fazit – fast alle diese Absinths von SaarWhisky gefallen mir überdurchschnittlich gut. Neben dem Inhalt der Flaschen ist auch die äußere Gestaltung hervorragend gelungen. Die schwarzen Samplefläschchen halten sich an die Form der großen Vollflaschen, und die Etiketten sind sehr fantasievoll und professionell gestaltet. Mir gefallen hier gerade der Herr der Frösche und der Weisse Kristall ausnehmend gut, das ist frech und frisch und ein echter Eyecatcher – gerade der fette, einäugige Frosch war überhaupt der Grund für mich, diese Spirituosen auszuprobieren. Wirklich toll gemacht.

Unabhängig von der Präsentation bekommt man aber auch bei allen fünf Ausprägungen einen Absinth, den man sehr angenehm mit Eiswasser trinken kann, wenn man mal eine Alternative zu der sonst bei dieser Spirituosenkategorie oft so arg dominanten Anisnote haben will – die Botanicals sind klug gewählt und sorgen für Komplexität und Eleganz. Ich genieße das sehr; eine wirklich schön gestaltete lokale Spirituose aus dem Saarland.

Kurz und bündig – Max Luttner & Maisel & Friends Twin Peak Weizendoppelbock

Hier mal ein Bier, zu dem ich eine etwas besondere Beziehung habe – der Twin Peak Weizendoppelbock war der Gewinner des 1. Hobbybrauerwettbewerb von Maisel & Friends und der Braubeviale 2018. Als Teil der Jury konnte ich beobachten, wie sich dieser von Hobbybrauer Max Luttner eingereichte Sud am Ende als Gewinner herauskristallisierte.  Der Hauptgewinn dieses Wettbewerbs war eine professionelle Herstellung in größerem Maßstab bei Maisel & Friends, wobei sich natürlich trotzdem an Rezept und Gestaltung der Flasche des glücklichen Bierfreunds gehalten wurde.

Max Luttner & Maisel & Friends Twin Peak Weizendoppelbock

Mezzomixbraun, trüb und komplett blickdicht, am Boden setzen sich viele, sich farblich deutlich abgrenzende Hefereste ab. Leichte Perlage, aber praktisch kein Schaumerhalt kurz nach dem Eingießen. Nach dem etwas unspannenden optischen Eindruck kommt ein umso erfreulicher Geruch in den Riechkolben – fruchtig in der Nase, viel Pfirsich und Aprikose, aber auch eine überraschende und recht präsente Note nach BBQ-Sauce. Malzig und hefig.

Das Twin Peak ist sehr fruchtig im Antrunk, richtig ein bunter Früchtekorb. Die initiale Süße verschwindet schnell und macht einer hellen, kantigen Trockenheit Platz. Säure beherrscht das Gefühls- und Geschmacksbild, bis zu einer leichten Adstringenz an der Zungenspitze. Sehr rezent und hochkarbonisiert. Der Abgang ist fast schon warm und fühlt sich leicht alkoholisch an (7,8% Alkoholgehalt sind doch etwas erkennbar). Mittellang, mit Kaugummiaromen und einem malzigen Nachklang.

Maisel & Friends Craft Beer Festival 2018 - 06 - Jury

Taugt das Bier insgesamt was? Die Expertenjury des Hobbybrauerwettbewerbs war sich vergleichsweise einig und sagte „ja“. Immerhin bestand sie aus geballter Fachkompetenz einerseits und mir andererseits, der ich mich praktisch als blutiger Anfänger fühlte gegenüber diesen Kennern – Christof Habel (Redakteur BRAUWELT und GradPlato), Mareike Hasenbeck (Journalistin und Biersommelière), Markus Raupach (Journalist, BierAkademie und Biersommelier), Andrea Kalrait (Veranstaltungsleiterin BrauBeviale und Biersommelière), Michael König (Biersommelier Maisel & Friends), Gracia Sacher (Bierbloggerin „Hopfenmädchen“) und André Brunnsberg (Vorsitzender der finnischen Hobbybrauervereinigung, Delegierter der European Beer Consumers Union).

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die Bereitstellung von 4 Flaschen des Twin Peak.

Blauweißes Diebesgut – 杏花村汾酒青花20 Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20 Baijiu

Es ist eine Weile her, dass ich den letzten Baijiu im Programm hatte. Letztlich liegt es einfach daran, dass qualitativ hochwertige Baijius in Deutschland nur extrem schwer zu bekommen sind. Den hier vorgestellten 杏花村汾酒青花20 (Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20) musste ich mir darum auch auf abenteuerliche Weise besorgen – ich beichte hier einfach mal, dass ich die Flasche beim Galadinner, das die chinesische Delegation im Zuge des Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2018 in Bulgarien organisierte, einfach mitgehen lassen habe. Da standen auf jedem Tisch einige Flaschen davon; wieso sollte man sowas schönes stehen lassen, oder? Letztlich sind mir die Organisatoren wahrscheinlich nicht böse, denn der nächstjährige Ort für den wandernden Spirituosenwettbewerb wird eben in der Nähe des Herstellungsorts 杏花村 (Xinghuacun) sein – man kann die Flaschen also als Werbematerial sehen.

Wie bei meinen Baijiu-Artikeln üblich, zu Beginn erstmal ein paar kleine definitorische Erklärungen – der Name dieses Schnapses ist schließlich lang und kompliziert. 汾酒 (fenjiu) ist eine Sorte von Leichtaroma-Baijiu, die eng mit dem Hersteller just dieses Produkts verbunden ist. Xinghuacun Fenjiu ist die größte Destillerie Nordchinas, und sie definierte den Stil größtenteils. Wichtige Elemente bei der Herstellung von Fenjiu sind die Verwendung von Gerste und Erbsen als Fermentationsstarter („qu“), sowie das Vergraben der Tonkrüge, die zur Reifung eingesetzt werden. 青花 (qinghua) ist ein weltbekannter chinesischer Porzellanstil, der auch die frühe islamische, japanische, holländische und schließlich deutsche Porzellankultur definierend mitgeprägt hat – das allgegenwärtige Blauweiß ist aber auch sehr beeindruckend.

杏花村汾酒青花20 Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20 Baijiu

Raus aus der Flasche, rein ins Glas. Die völlige Transparenz des Fenjiu wird durch keinerlei Einschlüsse oder Trübungen getrübt.Die Nase ist für Baijiu-Verhältnisse mild, aber dennoch aromatisch – man riecht Pflaume, Aprikose, rote Äpfel. Etwas Weinessig. Neben dieser Frucht ist Schokolade und Malz sehr präsent. Durchaus attraktiv und erinnert mich etwas an einen deutschen Obstbrand.

Malzig, süß und schokoladig wirkt der Qinghua 20 beim Antrunk, bunte Fruchtkorbeindrücke schwingen mit, ohne wirklich esterig zu werden. Eine sehr feine Würze begleitet die Aromatik, ein Anflug von Lakritz, eine sehr effektive Süßsauer-Balance mit leichter Tendenz zur Säure. 53% Alkoholgehalt sind nirgends zu spüren, tatsächlich ist es für diese Stärke die weichste Spirituose, die ich je getrunken habe – wüsste ich es nicht, würde ich sie höchstens auf um die 40% einsortieren. Ob die Zahl „20“ wirklich 20 Jahre Alter bedeutet, wie es manche chinesische Onlineshops anpreisen, wage ich nicht zu beurteilen, ich gehe einfach mal nicht davon aus – die ausgeglichene Rundheit und stille Eleganz könnten aber schon Hinweise auf ein derartiges Alter sein.

杏花村汾酒青花20 Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20 Baijiu Glas

Der Abgang ist staubtrocken, leicht adstringierend, sehr mild und weich und warm. Aromatisch eher kurz, mit einem hauchig-eukalyptischen Nachhall. Etwas Aprikose hängt noch eine Weile am Gaumen, zusammen mit einem dezenten Eisenton.

Wow, einfach nur wow. Das ist ein fantastischer Baijiu, den man tatsächlich am deutschen Familientisch nach dem Sonntagsessen als Abwechslung zu einem klaren Obstbrand als Digestiv servieren kann – erzählt man dann, was man da präsentiert, werden die Augen groß und die Diskussion lang sein.

Man muss nicht jedesmal, wenn man einen Baijiu in einem Drink verwendet, automatisch auf eine chinesische Bezeichnung umspringen, das ist eine Exotisierung, die ich schon bei Tequila und Mezcal nicht mag, wenn plötzlich alles zur Fiesta wird. Wir wollen Baijiu schließlich näher bringen und aufklären, nicht noch durch fremde, unaussprechliche Wörter weiter mystifizieren. Daher passt der Name, den ich dieser Variation auf Phil Wards Division Bell gegeben habe, vielleicht metaphorisch ganz gut – Unification Bell, die Glocke der Vereinigung, die westliche und östliche Spirituosen ganz natürlich zusammenbringt.

Unification Bell


Unification Bell
1 oz Fenjiu
¾ oz Aperol
½ oz Maraschino
¾ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Helmut Barro]


Die Flasche ist hübsch designt, bauchig, putzig und trotzdem elegant, im oben angesprochenen Porzellanstil. Über den Plastikdrehverschluss sehen wir hinweg, den Nachfüllstop brauch ich natürlich nicht wirklich, aber immerhin ist er von der Art, die gut funktioniert.  Passend dazu gab es ein Trinkset als Geschenk (ohne Mitgehenlassen), ein Baijiu-Krug, zwei Shotgläser und Untersetzer in einem schönen Karton. Ich mag derartigen Kitsch irgendwie.

杏花村汾酒青花20 Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20 Baijiu Trinkset

Man merkt in vielen Spirituosenkategorien, dass die ersten Wellen von „neuen“ Produkten, die nach Europa kommen, erstmal nicht das wirklich Gelbe vom Ei sind – die frühen Konsumenten, die natürlich eben wegen der Neuheit erstmal keinen Vergleich der Qualitätsstufen haben können, müssen als Versuchsobjekte für mutige, aber nicht unbedingt besonders engagierte Hersteller herhalten, und sind gleichzeitig schon froh, irgendetwas „Neues“ zu bekommen. Tequila, Cachaça, Mezcal, Grappa – und nun Baijiu, bei allen kommt die Qualität erst mit der Zeit, wenn das Mittelmaß bereits seinen Fuß in der Tür hatte und damit den Weg bereitete. Schade, dass das oft so herum sein muss. Es wäre besser, wenn Produkte wie der Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20 der Erstkontakt zu Baijiu sein könnte; die Meinung über Baijiu wäre anders.

Ein Nachtrag in eigener Sache: Eine englische Fassung dieses Artikels erschien auch auf der Seite des neuen Baijiu Steering Committees von Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles. Ich freue mich über die Ehre, Mitglied dieser Gruppe zu sein.

Kurz und bündig – Maisel & Friends Hopfenreiter 2019 Double IPA

Ich war ehrlich erstmal ein bisschen baff, als ich die Liste der 6 Hopfensorten, die von den teilnehmenden befreundeten Brauereien für den „Freundschaftssud“ Maisel & Friends Hopfenreiter 2019 Double IPA beigesteuert wurden, gelesen habe. Von den 6 kannte ich bisher 4 noch überhaupt nicht, habe nicht einmal den Namen gehört – um so spannender, diese Exoten alle auf einmal in einem Bier gemeinsam vorzufinden. Ich rede hier von Eukanot (Sudden Death Brewing), El Dorado (Überquell), Comet (Tilmans Biere), Moutere (Tiny Rebell Brewing), Citra (Brouwerji de Molen) und Azacca (Maisel & Friends). Alter Wein in neuen Schläuchen, oder tatsächlich etwas spannendes Neues?

Maisel & Friends Hopfenreiter 2019

Der Hopfenreiter 2019 ist kristallklar, in einem entsprechenden Glas sieht man die starke Perlage dadurch besonders spektakulär.  Ein tolles Kupfer, leuchtend und beeindruckend. Für ein DIPA überraschend langlebiger, feinporiger Schaum. Sehr viel Hopfen bekommt man in die Nase, Grapefruit, Limette, dazu etwas Tropenfrucht. Im Hintergrund etwas Orangenmarmelade und Ingwer.

Cremig und zunächst süßlich im Antrunk, erst auf den zweiten Blick kommt die von einem DIPA zu erwartende Bittere dazu. Diese wird immer dominanter, bis im Abgang eine starke trockene Astringenz die Spucke wegzieht. Der Hopfenreiter 2019 wirkt dennoch angenehm ausgewogen und rund, mit viel Körper sowohl in Breite als auch Tiefe – eine knackige Säure gibt Rezenz dazu. Orangenschale, Grapefruit und Malz beherrschen das Geschmacksbild. 8,5% Alkoholgehalt haben ihren Platz im Sattel gefunden ohne Reibung zu verursachen. Der Abgang ist lang, aromatisch und zitrusfrisch-helltönig. Die Hopfennoten bleiben lange am Gaumen haften.

Erneut ein wirklich schönes Bier aus der Hopfenreiter-Reihe. Mir haben bisher alle gefallen – der Hopfenreiter 2019 macht keine Ausnahme und gallopiert mit viel Schwung ohne Mühe über die Hürden und ins Ziel.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kostenlose Zusendung einer Flasche des Hopfenreiter 2019.