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Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

Stone Ruination Double IPA Titel

Kurz und bündig – Stone Ruination Double IPA

Die Biere von Stone Brewing leben unter anderem von einer gewissen Attitüde, die sich auf den Dosen abbildet. Der böse Dämon, der einen angrinst, so manch ein markiger Marketingspruch, die Selbstverständlichkeit, mit der die Dose als Transportmedium gefeiert wird („Dosen sind besser. Keine Frage“. Diskutiert wird da nicht!), der Aufbau einer großen Brau- und Bierabfüllanlage in Berlin – da ist viel Potenzial für Gesprächsstoff. Dennoch will ich hier kein Fass aufmachen, sondern lieber die Dose des Stone Brewing Ruination Double IPA, und unabhängig vom lauten Kommunikationston deren Inhalt betrachten.

Stone Brewing Ruination Double IPA

Die Farbe ist erstmal nicht so kreischend, wie man sie von der Aufmachung der Dose vielleicht erwartet hätte. Safran, trübe bis zur Blickdichte, sehr feiner Schaum mit einiger Lebensdauer. Kaum Perlage erkennbar. Der Geruch dagegen dreht den Lautstärkeregler schon hoch – direkt beim Öffnen der Dose ist dieser überwältigend. Tolle, dichte, fast schon tastbare Aromen von Banane, Mango, Papaya und Zitrone. Ein würzig-harziger Unterton gibt Komplexität.

Auch im Geschmack wird kein Blatt vor den Mund genommen. Das Ruination ist sehr bitter schon im Antrunk, trotz des cremigen Mundgefühls. Im Geschmack ist es weniger Obst als vielmehr Gemüse, das alles trägt – Brokkoli, Blumenkohl, Gurke. Sehr ungewohnt, aber gar nicht unangenehm. Die Bittere dominiert natürlich auch im Verlauf alles, da ist es schwer, dagegen anzukommen. Da ist vielleicht noch Mango und Papaya, aber kaum mehr Zitroniges. Nur wenig Süße ist vorhanden, eine kantige Säure dafür schon, die für Rezenz sorgt. 8,5% Alkoholgehalt sind dann noch eine Hausmarke, die beachtet werden sollte. Der Abgang ist aromatisch kurz, von der Bittere gesehen aber sehr lang. Die gemüsig-herzhafte Komponente bleibt vorhanden, mit der das Ale dezent ausschwingt.

Das ist viel extremer in jeder Beziehung als das Arrogant Bastard Ale, das dagegen fast zahm und konventionell wirkt. Für meinen Geschmack ist das übertrieben und sehr eindimensional bitter – das kann man ab und an trinken, aber wirklich oft brauche ich diese Kante nicht. Die Dose ist schon fast komisch lyrisch – „Schönheit und Poesie, A Liquid Poem“? Nur, wenn man Rammstein für Dichtkunst hält.

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Beefeater London Dry Gin Titel

Wacholderwache – Beefeater London Dry Gin

Aktuell treibt ein Discounter-Gin die Spirituosenwelt vor sich her – beim renommierten Spirituosenwettbewerb IWSC gewann der Oliver Cromwell London Dry Gin, der von Aldi in Großbritannien vertrieben wird, eine Medaille als bester Gin der Welt. Sogar Spiegel Online war das einen Artikel wert  – Schnapsblogger, Ginfreunde, Barkeeper und andere an Qualitätsbränden interessierte schrien auf, die Freunde des billigen Genusses konnten sich Schadenfreude und ironische Hinweise nicht verkneifen.

Nun muss man das ganze ins rechte Licht rücken – der Aldi-Gin trat in der Kategorie der Gins mit 37-38% Alkoholgehalt an, also an der untersten Grenze dessen, was noch als Gin bezeichnet werden darf (Gin muss laut EU-Verordnung mindestens 37,5% Alkoholgehalt aufweisen). Dadurch ist der Oliver Cromwell London Dry Gin also der beste Gin der Welt in diesem Bereich, der meist von Billigware und wenig anspruchsvollem Schnaps bevölkert wird. Wer etwas vom Gin haben will, besorgt sich höherprozentige Ware – wie zum Beispiel den Beefeater London Dry Gin, der mit 47% in einer ganz anderen Gewichtklasse spielt als die „weltbesten“ Aldi-Gins.

Beefeater London Dry Gin Flasche

Gin ist transparent, selbst manche der modernen „Western“ Gins, die eine bunte Farbpalette aufweisen, sind sich da einig. Klassisch ist er natürlich auch farblos, und kaum viskos.

Der Geruch ist das, was Gin für mich attraktiv macht. Ich mag den Geruch von Wacholder, und je wacholdriger ein Gin ist, um so mehr mag ich ihn. Der Beefeater ist in dieser Beziehung keine Enttäuschung: Ganz klar dominiert Wacholder, begleitet von etwas säuerlichem Zitrus, einem süßlichen Beiklang und etwas floralem Charakter. Leider ziept er in der Nasenschleimhaut auch etwas – das sollte selbst bei respektablen 47% Alkoholgehalt nicht passieren, man erkennt hieran etwas die Massenproduktion.

Laut Hersteller werden 9 Botanicals eingesetzt, die 24 Stunden lang mazerieren dürfen – Wacholder, Orangenschale, Zitronenschale, Angelikawurzel, Angelikasamen, Koriander, Süßholz, Bittermandel und Iriswurzel. Ich danke für diese Transparenz, andere Produzenten machen daraus ein Staatsgeheimnis. Die Kombination sorgt für ein sehr schweres, fett-ölig-dichtes Mundgefühl, das fühlt sich fast schon likörartig an. Die Süße nimmt einen sehr großen Teil des Geschmackserlebnisses ein, Wacholder ist gar nicht mehr so übermäßig präsent wie in der Nase. Lakritz, Angelika und Orange sorgen für einen fetten Unterbau, Zitrone für die Spitzen.

Der volle Körper transportiert sich leider nicht in den Abgang, der zwar heiß und kraftvoll ist, aber leider auch, abgesehen von einer gewissen Adstringenz, kurz und schal. Tatsächlich ist das Nachgefühl im Mund eher bescheiden bis unangenehm, mit einem starken Eisenton und flachem Kräuterbett ohne Differenzierung. So elegant die Nase ist, so behäbig und faul ist der Nachklang.

Es gibt Gins, die ich gern pur trinke, wenn auch selten. Der Beefeater gehört nicht dazu, doch mit seinen 47% hat er andere Qualitäten. In einem Cocktail kann er viel Volumen beisteuern, Power und Dichte, ohne dabei durch zu strenge Aromatik das Gesamtbild zu übernehmen. Der Bebbo Cocktail, zubereitet mit dem Beefeater, zeigt, dass ein Gin-Cocktail nicht immer nur klar und stringent sein muss, sondern auch verspielt und schwer.

The Bebbo Cocktail


The Bebbo Cocktail
1½ oz London Dry Gin
¾ oz Zitronensaft
½ oz Orangensaft
2 Teelöffel flüssiger Honig
Dry shake, dann auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Die eckige Flasche ist platzsparend in einer Heimbar unterbring- und handhabbar und verzichtet auf Sperenzchen. „Der einzige internationale Premium Gin, der in London destilliert wird, und das schon seit 1820“ ist die einzige Marketingaussage, persönlich würde ich dabei auf das verbrannte Wort „Premium“ gern verzichten. Die traditionellen namensgebenden Wächter des Towers in London würden es vielleicht auch schätzen.

Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002 Titel

Kurz und bündig – Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002

Der Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002 ist ein knapp über 10 Jahre alter Rum aus Martinique, der in Ex-Bourbon- und Ex-Cognac-Fässern reifte. Diese Besprechung basiert auf einem 10cl-Sample, das aus Flasche Nr. 56 von 240 abgefüllten Flaschen gezogen wurde.

Farblich ist diese Rum erstmal erstaunlich, mit seinem kräftigen, dunklen Hennarot. Da selbst bei den strengen Regeln der AOC-Martinique-Rhums, zu denen dieser gehört, das Färben erlaubt ist, kann man nicht davon ausgehen, dass alles davon aus Fasseffekten stammt. Er hinterlässt beim Schwenken kaum Reste am Glas, die vereinzelt vorhandenen Beine laufen langsam bis sehr langsam ab.

Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002

Selbst einige Minuten nach dem Eingießen muss man vorsichtig sein und nicht zu tief schnüffeln, wenn man die Nase ins Glas hält. Ein sehr starker Lackton, in Verbindung mit einer beißenden Alkoholnote, zwicken sonst die Nasenschleimhaut. Erst sehr lange nach Öffnen verfliegt diese langsam. Sehr dominante Holzkomponenenten könnten dabei helfen, diesen Rum als Bourbon zu tarnen – aromatisch sind da verblüffende Ähnlichkeiten. Ein leichter Gewürzhauch und etwas Zuckerrohrwürze sind die einzigen Hinweise auf Rum – das sonst so typische Grasige, Mineralische, fehlt hier völlig. Vanille, Holz und Lack beherrschen das Bild.

Im Mund fährt der Rum fort, mich zu erstaunen – er ist sehr bitter, trocken, deftig salzig. Im Verlauf wird das kleine bisschen an Süße, das unterschwellig da ist, durch eine starke Säure verdrängt. Anis, Lakritz und ein Eindruck von einem Kräuterbonbon schieben sich nach vorn, eine alkoholische Feurigkeit belegt den gesamten Mundraum. 50,6% Alkohol verstecken sich nie. Sehr viel Holz, Tannine und ähnliches, maskieren viel des Rumcharakters – die 10 Jahre in Ex-Bourbon- und Ex-Cognacfässern sind für meinen Geschmack in diesem Fall schon fast etwas zu viel gewesen. Immerhin bekommt man so ein dichtes Gesamtbild mit viel Wucht und Breite und spannendem Mundgefühl, wenn es auch an Tiefe und Komplexität etwas mangelt.

Der Abgang lässt dann endlich die agricolischen Noten, die ich von Anfang an gesucht und erwartet hatte, auftauchen. Hier kommt Zuckerrohrsaft, Gras, Mineralität, Algen und sehr viel Eukalyptus zum Vorschein. Der Abgang selbst ist lang und aromatisch, der Nachhall noch nach vielen Minuten vorhanden.

Nun, wer Holzaromen in Spirituosen mag, sollte hier einen Blick riskieren, es besteht kaum Gefahr, dass junge, frische Rumgeschmäcker diesen Genuss stören. Das ist gleichzeitig auch mein persönliche größte Schwierigkeit, die ich bei diesem Trois Rivières für mich ausmache – neben dem Holz ist da nicht wirklich viel spannendes.

Xellent Swiss Vodka Titel

Schweizer Grenzgänger – Xellent Swiss Vodka

Es war ein großer Lacher im Kino, als James Bond (gespielt von Daniel Craig) in „Casino Royale“ auf die Frage, ob er seinen Vodka Martini gerührt oder geschüttelt wollte, antwortete: „Sehe ich aus, als ob mich das interessiert?“ Ich habe kurz mitgelacht, aber tatsächlich, als ich ein bisschen darüber sinnierte, fand ich das eine blöde Szene. Nur um einen billigen Lacher zu provozieren stürzt man hier mehrere grundlegende Gegebenheiten um. Erstens, kein Barkeeper, der auch nur ansatzweise etwas auf sich hält, würde diese seltsame Frage „geschüttelt oder gerührt?“ zu einem Martini überhaupt stellen – ihn geschüttelt zu trinken ist ein höchst ungewöhnlicher Sonderwunsch, den ein Gast vorbringen muss, nicht der Barkeeper. Zweitens nimmt man die Vernichtung des leichten Zaubers, den die Phrase im Bond-Kontext nun mal seit Jahrzehnten hat, billigend in Kauf. Und zu guter letzt bricht man mit dem Charakter des James Bond, der in den Romanen als absoluter Genießer, Kenner und Cocktail- wie Spirituosengourmet dargestellt wird. Wie man an der folgenden, herrlichen Infografik leicht erkennen kann ist Bond, was Essen und Trinken angeht, überhaupt nichts egal – sie wäre aber noch spannender, würde sie das, was in der Literaturvorlage geschieht, berücksichtigen, und nicht nur die Kinofilme.Shaken, not stirredMan ahnt anhand dieser Liste, dass Bond durchaus, trotz seiner eigentlichen Liebe, dem Champagner, ein Kind seiner Zeit ist; in den 50er Jahren, als viele der frühen Geschichten und Romane um den britischen Agenten entstanden, war Vodka der Hit schlechthin. Letztlich ist das für mich, als absoluten Fan des Schreibstils Ian Flemings, einer der wenigen Gründe, mich überhaupt mit Vodka im westlichen Stil auseinanderzusetzen, der ja auf Geschmacksneutralität setzt und damit für mich nicht interessant ist, der ich auf Aromenvielfalt und -wucht schiele. Ich will dem Xellent Swiss Vodka aber dann doch eine Chance geben, Nullnullsieben zuliebe – gehört der Vodka aus der Schweiz, hergestellt mit Gletscherwasser und (dankenswerterweise nur!) dreifach destilliert, in diese Kategorie der westlichen Neutralvodkas?

Xellent Swiss Vodka Flasche

Farblich klar und ohne jedweden Einschluss. Eine starke Öligkeit ist erkennbar, die Beinstruktur sehr beeindruckend, die langsam ablaufenden Tröpfchen am Glasrand gefallen. Im Geruch ist zunächst mal nichts von einer Neutralität zu riechen – eine leichte Zitrusnote, etwas Gras, eine Getriedekomponente, ein Hauch einer Blumigkeit. Etwas Ethanol. Es ist also geruchlich etwas da, aber insgesamt nur „etwas“. Man muss aber ehrlich zugeben: ich hatte schon Rums im Glas, die weniger aromatisch waren.

Im Mund kommt wieder die Öligkeit zum Vorschein, und eine damit einhergehende Cremigkeit, die zu gefallen weiß. Ich entdecke hier etwas würzigen Roggen, etwas spritzige Limette, aber auch eine milde Schokoladigkeit im Hintergrund. Erneut ist das Schlüsselwort jedoch wieder „etwas“.  Rudimentäre Ansätze von Thymian und Lavendel. Der Abgang hält sich dann nicht mehr zurück – eine starke Pfeffrigkeit sorgt für einen spannenden Wechsel vom cremigen Antrunk her, und für eine gewisse Effektlänge – aromatisch ist der Xellent nach wenigen Sekunden dagegen vom Gaumen verschwunden.

Hm, das ist gar nicht unangenehm zu trinken, das muss ich zähneknirschend eingestehen. Nicht spannend oder aufregend, aber auch nicht belanglos, wie ich erwartet hatte, sondern durchaus gefällig mit dezenten Aromen.

Nun könnte ich hier natürlich einen Vodka Martini empfehlen, um auf die Einleitung zurückzukommen. Allein, mir fehlt der Glaube an diesen Drink, den ich für eine der armseligsten Entschuldigungen für ein Besäufnis halte – schmeckt nach nichts, knallt dafür gut und ist im Atem nachher nicht zu erkennen. Ideal für einen desillusionierten britischen Geheimagenten der 50er Jahre, sinnlos in heutigen Zeiten. Der Yukiguni dagegen hat den Charme, dass der Schweizer Vodka allein schon vom Namen her („Land des Schnees“) gut passt.

Yukiguni


Yukiguni
1½ oz Vodka
½ oz Triple Sec
½ oz Limettensaft
Auf Eis shaken. In einem Glas mit Zuckerrand servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Über einen Mangel an Aufmerksamkeit wird sich der Xellent nie beschweren werden können – die Flasche schreit geradezu „schau mich an!“. Das rote Glas, das prominent platzierte Schweizerkreuz, der große, silberfarbene Plastikdrehverschluss, da gibts was zu schauen, und in jeder Bar fällt die Flasche auf. Unter Gesichtspunkten der Praktikabilität wurde viel geopfert für die flashige Wirkung.

Auch wenn der Xellent ein Grenzgänger sein mag, bleibt für mich ein derartiger Vodka, egal welche Qualitätsstufe er aufweist, eine reine Mixzutat, und selbst dabei weiß ich nicht so recht, ob ein reiner Alkohollieferant eine ideale Zutat ist. Für die, die sich auch für die Möglichkeiten interessieren, die nichtneutraler Vodka im Purgenuss bieten kann, empfehle ich daher, auch wenn der Xellent schon etwas in diese Kategorie schielt, lieber Produkte wie Freimut oder Polugar, die einen noch sehr viel stärker ausgeprägten eigenen Geschmack und deutlicheren Charakter mit sich bringen. Ich weiß nicht, welchen Vodkastil der literarische Bond persönlich bevorzugt hätte, aber da er auch gern Scotch trank, hätte er sicher überlegt, ob er nicht auch eventuell Geschmack dem damals so wichtigen Flair eines klaren, aromenlosen Modegetränks vorgezogen hätte. Wenn nicht, wäre der Xellent Swiss Vodka aber bestimmt ein sehr interessantes Produkt für ihn gewesen – für mich ist er jedenfalls der neue Standardvodka in meiner Hausbar, ideal für die klassischen Vodkadrinks, die ich mir hin und wieder gönne.

The Art of Japanese Whisky Titel

Kampf der Kulturen – The Art of Japanese Whisky @ Winefactory

Wenn man Science-Fiction-Filme und -Bücher aus den 80ern verfolgt, wie Blade Runner, Johnny Mnemonic oder William Gibsons Neuromancer, die Werke von Bruce Sterling und anderen, so wird dort durch die Beschreibung der Umgebung, in der sich die Protagonisten bewegen, unterschwellig immer ein Gefühl transportiert – die Angst vor Japan, und dass dieses Land, das in eben diesen 80ern die Unterhaltungselektronik revolutionierte und westliche Konzerne in einigen Bereichen zu Statisten degradierte, mit seiner Marktmacht einst kulturell die Welt total bestimmen wird.

Die paranoide Angst vor einer scheinbar unausweichlichen japanischen Übernahme der abendländischen Kultur verdeckte dabei, dass eine Vermischung der Kulturen längst stattgefunden hatte, diese aber gar nicht so kulturkampfdramatisch ausfiel, und dass man statt der Verdammung dieses Trends auch viele positive Aspekte darin finden kann. Die Strömung ging nämlich nie nur in eine Richtung – Japan importierte im 20. Jahrhundert auch viele Dinge aus der westlichen Kultur. Ein erstaunliches Beispiel, das ich erst neulich erfuhr, ist beispielsweise die japanische Jeans – laut Aussagen von Kennern kommt heutzutage die beste Jeansqualität der Welt nicht mehr aus Amerika, sondern aus Japan. Wenn man sie sieht und berührt, das muss man zugestehen, überzeugen sie schon allein von der Verarbeitung und der Schwere des Stoffs her. Hier hat Japan also eine ureigene amerikanische Zutat genommen, und seiner eigenen Kultur hinzugefügt, und dabei mit ostasiatischem Auge fürs Detail optimiert.

The Art of Japanese Whisky vorgestellte Whiskys

Oder, um zum eigentlichen Thema dieses Artikels zu kommen, auch Whisky. Jim Murray, der Autor des jedes Jahr neu aufgelegten Referenzwerks The Whisky Bible, trat mit seiner Bewertung des Yamazaki Sherry Cask 2013 als bestem Whisky der Welt anno 2015 eine Welle des Interesses los – wie, Japan und Whisky? Können die das überhaupt, wie kann es sein, dass die besser sein sollen als die Schotten mir ihrer tausendjährigen Tradition? Auch wenn ich mit den kritischen Experten übereinstimme, dass es sowas wie einen „besten Whisky“ überhaupt nicht geben kann, weil die Geschmäcker und Aspekte bei Spirituosen viel zu weitläufig sind, um so etwas absolut sagen zu können, hat Murray damit erreicht, was meines Erachtens erreicht werden sollte: Die Augen der Welt richteten sich auf Japan und seine trotz der Kürze der Zeit inzwischen tiefgreifende Whiskykultur.

Das als The Art of Japanese Whisky betitelte Event Ende November 2017 in der Winefactory im Unique Cube sollte einen ähnlichen Effekt haben, neben dem reinen Genuss vielleicht auch dazu dienen, den anwesenden Gästen diese trotz ihres ihr schnell vorauseilenden Rufs in Deutschland doch eher wenig verbreitete Spirituose näherzubringen.

The Art of Japanese Whisky vorbereiteter Tisch

Der Tisch war schon eingedeckt, hübsch, nicht überdekoriert, aber stimmungsvoll. Auch die Whiskys waren schon voreingegossen, so dass sie vor der Verkostung auch noch ein bisschen atmen konnten. Je 2cl der Whiskys, die alle aus dem Portfolio von Beam Suntory stammten, konnten unter Anleitung verkostet werden – Hinweise zur Destillerie und der speziellen Whiskysorte wurde mit einem Beamer an die Wand geworfen. Wasser zur Durststillung und Gaumenreinigung stand ausreichend bereit – der Abend konnte beginnen!

The Art of Japanese Whisky 5 Whiskys

Bei vielen Events ist das Essen eine nette Beigabe, ein Snack, klar untergeordnet. Bei The Art of Japanese Whisky merkte man vom ersten Gang an, dass da zwei gleichwertige Komponenten auf höchstem Niveau miteinander in Wettstreit stehen – oder, anders gesagt, in einem Gesamtklang miteinander harmonieren. Das Sushi Catering von Kimdo at Home bereitete die Speisen alle live in Echtzeit für jeden Gang vor; die nagelneue, offene Showküche der Winefactory bietet ein ideales Umfeld für derartiges Kochen und Anrichten vor den Augen der Gäste.

The Art of Japanese Whisky Gang 1

Das sieht man schon beim ersten Gang. Sautierte japanische Kamm-Muscheln. Mir als Meeresfrüchteliebhaber kommt sowas entgegen, und da hat es der dazu kredenzte The Chita Grain Whisky schwer, das zu übertrumpfen. Grain Whiskys haben einen gewissen, nicht unbedingt positiven Ruf, sie sind oft eher flach von der Aromatik und haben außer einer schönen Süße nur wenig zu bieten. Der Chita macht seiner Kategorie aber sicher keine Schande, im Gegenteil, er gehört für mich persönlich gewiss zu den besseren Grain Whiskys.

The Art of Japanese Whisky Gang 2

Butterzarte Tempura-Garnelen mit Yuzu-Dip wurden im zweiten Gang präsentiert. Sensationell war insbesondere dieser Dip aus der exotischen Frucht – da musste ich, auch wenn es wenig fein wirkte, die Schale auslecken. Der Hibiki Japanese Harmony Blended Whisky, den man dazu trank, ist nun schon eine andere Gewichtsklasse als der zuvor servierte Chita. Ein Blend aus verschiedenen Grain- und Malt-Whiskys der japanischen Suntory-Brennereien, präsentiert in einer sehr attraktiven Flasche mit Facettenschliff und Etikett aus handgeschöpftem Papier. Trotz der edlen Aufmachung: Ein bodenständiger Easy-Drinking-Whisky.

The Art of Japanese Whisky Gang 3

Den dritten Gang läutet der große Bruder des Hibiki Japanese Harmony ein, der Hibiki 12 Years Old Blended Whisky. Im Gegensatz zum NAS-Vorgänger ist dieser mit einer Altersangabe versehen. Wenn man recherchiert, findet man schnell heraus, dass wir hier einen doch eher seltenen und auch recht hochpreisigen Whisky vor uns haben – toll, dass man auch derartige Raritäten an diesem Abend probieren konnte. 3 Nigiri von Lachs, Thunfisch und Hamachi (Gelbschwanzmakrele) mit hausgemachter Sojasauce wurden dazu angeboten; herrlich, wie luftig und frisch diese kleinen Bissen wirkten.

The Art of Japanese Whisky Gang 4

Persönlich das absolute Highlight des Abends war der vierte Gang – sowohl vom Essen als auch vom Whisky her. In der Tischmitte wurden mehrere große Portionen Unagi (japanischer, marinierter Aal) auf Perilla-Reis mit japanischen Pickles gestellt, an denen man sich bedienen konnte – was ich bei diesem fantastischen Gericht auch üppig tat! -, und dazu frisch handgerollte Ura Maki (Inside Out Rolls) mit Spicy Tuna und Chicken Teriyaki. Ich fühlte mich im Himmel. Kaum hintan stand aber das Getränk dazu: The Hakushu Single Malt Whisky Aged 12 Years bezauberte mich durch seine ganz besondere Aromatik, die ich in dieser Form noch bei keinem anderen Whisky schmecken durfte. Mir war beim ersten Schluck klar – davon musste ich eine Flasche haben, und gottseidank war in der Winefactory noch genug Lagerbestand da, dass ich ihn direkt am Abend noch mit nach Hause nehmen konnte.

The Art of Japanese Whisky Gang 5

Ich gebe zu, ich fühlte mich bereits etwas gesättigt durch die tolle Speisenfolge bisher. Als dann aber noch abgeflämmtes Lamm mit Miso, Edamame und Hawaiisalz auf den Tisch kam, gewann die Lust über das Sättigungsgefühl. Auch der dazu getrunkene The Yamazaki Single Malt Whisky Aged 12 Years überzeugt voll – süß, cremig, voll und dicht, ein wahrer Gaumenschmeichler, der die Kehle runterläuft wie Öl. Für viele am Tisch war dies die Krönung des Whiskyportfolios von Suntory an diesem Abend; auch ich war kurz davor, meinen Favoriten zugunsten des Yamazaki aufzugeben. Wer tiefe, breite, feinmilde schottische Highland-Malts mag, sollte hier definitiv mal einen Blick riskieren.

The Art of Japanese Whisky Dessert Zilliken 2003

Als Dessert griff der Hausherr ganz am Ende noch in seine Schatzkiste und servierte eine Forstmeister Geltz Zilliken 2003 Saarburger Rausch Riesling Spätlese. Ein schöner, süßsaurer Tropfen, der mir selbst als Weinagnostiker sehr gefiel. Ich muss so ehrlich sein, die Qualität nicht in der Konsequenz beurteilen zu können – die Weinkenner links und rechts von mir waren aber hocherfreut, ein Glas davon vor sich zu haben.

The Art of Japanese Whisky Brand Ambassador

Ehre, wem Ehre gebührt – neben dem Gastgeber, Denis Reinhardt, der ernsthaft dabei ist, aus der einstigen Spirituosenprovinz Saarbrücken ein Zentrum für Schnapskultur zu machen, möchte ich auch die anderen Protagonisten des Abends loben. Der Brand Ambassador für Südwestdeutschland bei Beam Suntory, Mark Armin Giesler, überzeugte mit seinem Team sowohl durch das präsentierte Fachwissen bezüglich der vorgestellten japanischen Whiskys, als auch durch seine lockere Art, mit der er den Abend leitete. Viele spannende Dinge aus dem Nähkästchen konnte man da hören, ohne dass es je langweilig wurde.

The Art of Japanese Whisky Winefactory Showküche

Und natürlich muss man Martin Dobner und seine Frau Moon-Jung Kim ganz besonders hervorheben, die ein 5-Gänge-Menü für 10 Personen in Echtzeit zubereiteten, und dabei noch Zeit fanden, die schon durchaus exotischen Zutaten zu erklären. Dass es sich bei den Speisen um gehobene Restaurantqualität handelte, sollte allein schon von den Fotos klar geworden sein; dass sowas auf diesem hohen Niveau nun seit kurzem auch als Catering für Zuhause oder eine Firmenfeier verfügbar ist, finde ich großartig.

Am Ende möchte ich den Bogen zurückschlagen zum Anfang. Kulturen im Kampf, das muss eigentlich nicht sein. Wie man hier sieht, können sie sich auch ergänzen und komplettieren. Man lernt: Japanischer Whisky muss sich keineswegs hinter seinem schottischen Vorbild verstecken; deutscher Wein passt wunderbar zu japanisch zubereitetem Lammfleisch; ein Rheinhesse, ein Schwabe, eine Koreanerin und viele Saarländer können einen unglaublichen Abend zusammen erleben. Wenn man nur will, können unterschiedlichste Kulturen gemeinsam viel erreichen – und damit die ganze Welt bereichern.

Tarquin's Gin Titel

Kurz und bündig – Tarquin’s Cornish Dry Gin und Tarquin’s Seadog Navy Gin

Gin ist inzwischen ja zu einem Sammelbegriff für allerlei aromatisierte, mehr oder weniger klare Spirituose geworden – die eigentlich im Gesetz und in der Typizität geforderte Dominanz von Wacholder ist für manche Produkte scheinbar hinfällig geworden – persönlich finde ich das keine gute Situation, die Marktmacht und Beliebtheit der Kategorie, die tagtäglich wächst, lässt aber halt vieles zu. Betrachten wir mal zwei Exemplare dieser Untergattung „Contemporary Style Gin“.

Die Farbe des Tarquin’s Handcrafted Cornish Dry Gin ist klar, auffällig ist die Schwere, mit der dieser Gin im Glas schwenkt. Entsprechend schön ist der Beinteppich am Glasrand. Man merkt schon beim Riechen, dass wir hier keinen klassischen Gin vor uns haben – Wacholder ist nicht existent. Sehr floral wirkt der Tarquin’s, und zitrusfruchtig. Die angegeben Signaturbotanicals Veilchen und Orangenschale sind klar erkennbar. Ein bisschen zwickt allerdings seine erkennbare Alkoholkomponente (42% sind enthalten) in der Nase.

Tarquin's Cornish Dry Gin

 

Im Antrunk kommt die gesehene Schwere auch wieder zum Tragen, geleitet durch eine dichte Süße: Wie bei vielen modernen Gins habe ich entsprechend ein leichtes Problem mit der Verwendung des Worts „dry“, das ist aber eine persönliche Meinung. Die Trockenheit kommt erst spät zum Vorschein, eigentlich erst im Abgang, der warm und sehr blumig ist – die Veilchen bleiben doch eine ganze Weile am Gaumen hängen. Bis dahin bekommt man einen vergleichsweise eindimensionalen Geschmack, leicht würzig und salzig, deutlich adstringierend, die Zitrusfrucht oder andere Aromen sind kaum mehr schmeckbar.

Wer Veilchen mag, kann hier sicherlich mal einen Blick riskieren; persönlich ist dieser Gin für mich zu langweilig und flach, als dass er mich wirklich begeistern könnte. Ich werde ihn aber aufgrund der wirklich schönen Blumigkeit sicherlich mal in einem Aviation Cocktail einsetzen, wo er mit der Crème de Violette harmonieren könnte.

Auch beim großen Bruder dieses Gins, dem Tarquin’s Seadog Navy Gin, brauchen wir über die Farbe nicht viele Worte zu verlieren. Eine leichte Öligkeit im Glas gefällt. Hier findet sich im Gegensatz zum kleinen Bruder etwas Wacholder in der Nase, etwas blumiges (Lavendel oder Veilchen), doch vor allem Kardamom ist sehr deutlich und präsent. Ein leichtes Stechen in der Nase beim Riechen gehört auch zum Sea Dog – bei 57% mag das auch eher angehen als bei den 42% des Dry Gin. Mit „Navy Gin“ meinen die Hersteller wahrscheinlich „navy-strength“-Gin, also Gin, der einen deutlich höheren Alkoholgehalt hat als das, was man sonst als Trinkstärke gewohnt ist.

Tarquin's Seadog Navy Gin

Im Mund kommt direkt eine starke Komponente von Kardamom nach vorn. So wie die Veilchen den Dry Gin dominieren, tut dies beim Seadog der Kardamom. Nun mag ich dieses Gewürz sehr, daher schmeichelt er meinem Gaumen. Eine milde Blumigkeit und das zunächst weiche, cremige Mundgefühl sind ein überraschender Kontrapunkt zur salzigen, scharfen Chiliwürze und heißen Zungenbetäubung, die da schnell stattfindet. Das ist sehr spannend. Der Abgang ist dagegen leider nur kurz, metallisch, warm. Nichts, was übermäßig im Gedächtnis bleiben würde; etwas Kardamom hängt noch nach.

Beide Gins haben ihre eigenen Charakteristika, heben sich aromatisch sicher von der Masse ab und wissen durchaus zu gefallen, letztlich können sie mich aber zumindest nicht so überzeugen, dass ich um die 40€ für den Dreiviertelliter ausgeben würde – vor allem, weil der Basisalkohol für diesen Gin wohl nicht selbst hergestellt wird, sondern nur das Mazerat redistilliert wird, wie das leider viele Ginhersteller tun und trotzdem Premiumpreise verlangen.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die kostenlose und unaufgeforderte Zusendung der Proben für diesen Test.

Tekirdag Rakisi Titel

Keine Trinkwarnung – Tekirdağ Rakısı No. 10

Die englischsprachige Wikipedia ist normalerweise mein erster Anlaufpunkt für allerlei Themen, in denen die deutsche Seite des partizipativen Online-Nachschlagewerks zu dürftig ausgestattet ist (was leider häufig der Fall ist, wenn es um Spirituosen geht). Recherchiert man dort über das Thema „Raki“, wundert man sich aber: selbst als Leser, der sich eigentlich informieren will, spürt man, dass hier zumindest teilweise Leute am Werk waren, die noch viel weniger Ahnung von Raki haben, als man selbst. Kein guter Zustand. Ich denke, ich werde mich bald mal dransetzen und die schlimmsten und offensichtlichsten Fehler dort ausbügeln.

Bis dahin kämpfe ich hier auf meinem Blog gegen das Verwirrspiel, das das Wort „Raki“ auslöst, an. Das erste und wichtigste ist die Auflösung der beinahen Namensgleichheit zu kretischem Raki – jener ist ein Tresterbrand, kein Weinbrand, das allein ist schon ein sehr deutlicher Unterschied. Für den türkischen Rakı werden frische Trauben ausgepresst und fermentiert. Den entstehenden Wein nennt man „Suma“, der dann zusammen mit Anis destilliert wird (noch so ein Unterschied zum kretischen Raki, und auch zum bulgarischen Rakija). Der Tekirdağ Rakısı No. 10, den ich heute hier bespreche, ist dahingehend ein besonderer Rakı, weil er der einzige Pot-Still-Raki auf dem türkischen Markt ist. Er wird dreifach gebrannt und am Ende auf eine Trinkstärke von 47,5% Alkoholgehalt eingestellt.

Noch ein Wort zur Aussprache – seitdem der türkische Staatspräsident Erdoğan in aller Munde ist, ist auch das türkische „weiche g“, geschrieben ğ, ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Bei dem Namen unserer Spirituose dient es, den Vorlaut zu verlängern, selbst wird es nicht gesprochen. Die Spirituosengruppe selbst wird genähert „Rake“ (man beachte den fehlenden Punkt auf dem i des türkischen Worts) gesprochen, zusammen klingt der Produktname also in etwa wie „Tekirdah rakese“. Ich spreche kein Türkisch, bitte um Verbesserung, falls ich hier Unsinn erzähle.

Tekirdag Rakisi Flasche

Makellos klar steht der Rakı im Glas, viele Beine gleiten nach dem Schwenken langsam nach unten. Er fühlt sich sehr schwer und ölig an. Die Nase muss nicht tief ins Glas gehalten werden, um die ersten Aromen des Tekirdağ wahrnehmen zu können – Schwaden des Geruchs ziehen schnell aus selbst einer kleinen Probe einen Meter weit durch den Raum. Anis und Süßholz.  Ich gehe trotzdem ein bisschen näher ran, um Details wahrzunehmen. Anis und Wermutkraut dominieren hier, etwas kräuteriges liegt darunter. Stark süßlich insgesamt, etwas Orange, ein Touch von ungereiftem Weinbrand; leicht holzig und erdig. Kaum Alkohol, trotz der üppigen 47,5%.

Im Mund fällt zunächst die brummende Süße auf. Ich kämpfe mich durch die nicht übersetzte Textwüste auf der Flasche und finde die Zutatenliste, die ich für meine Leser mit Hilfe eines Onlinetools hier auch auf deutsch wiedergebe: Su (Wasser), yaş üzüm suması (frische, fermentierte Trauben), anason tohumu (Anissamen) und rafine beyaz şeker (raffinierter weißer Zucker). Die Regelungen für Süßung von Rakı legen laut türkischer Wikipedia einen Maximalwert von 10g/L fest, und es muss raffinierter weißer Zucker verwendet werden; da ist natürlich direkt eine Messung erforderlich. Ich zücke Messzylinder, Thermometer, Aräometer und Onlinerechner und ermittle einen Zuckergehalt von grob 10g/L; die Obergrenze des Erlaubten also, was nicht verwundert, das Mundgefühl hätte mich eigentlich sogar eine ganz andere Kategorie von Süßung erwarten lassen. Nun aber zurück zur Verkostung – Lakritz dominiert im Antrunk, im Verlauf kommt eine fruchtige Note dazu, die nur mühsam gegen die Hauptaromatik ankommt, aber erkennbar ist. Sternanis und ähnliche Gewürze ergänzen das Bild. Eine pfeffrige Schärfe entsteht.

Tekirdağ Rakısı No. 10 Pur

Der Abgang ist sehr lakritzig, bitter, leicht scharf. Im Mund entsteht ein starkes, langandauerndes Betäubungsgefühl, das man von Anisspirituosen kennt, hier aber auf die Spitze getrieben ist – jeder Folgeschluck ist dadurch so gut wie neutralisiert. Der Abgang ist mittellang, weißpfeffrig heiß, mit Anklängen von Eukalyptus. Anisaromen klingen noch recht lange als Hauch aus der Kehle nach.

Die sehr deutliche Süße lässt mich dieses Getränk eher mit dem italienischen Sambuca vergleichen als mit dem kretischen Raki oder dem griechischen Ouzo, auch wenn wir hier nach der Definition keinen Likör vor uns haben wie bei Sambuca.

Tekirdağ Rakısı No. 10 Louche

Pur trinkt das allerdings wohl nur selten jemand, der übliche Konsum erfolgt mit Wasser. Der Louche-Effekt, der ensteht, wenn ich den Tekirdağ 1:1 mit kühlem Leitungswasser vermische, ist schön anzusehen; die Geruchsveränderung erstaunlich. Dem Anis wird etwas die Kraft genommen, eine schöne, holzige Würze kommt zum Vorschein. Auch im Geschmack, der nun eine leichte Salzigkeit hervorbringt, schafft es auch die Traubenbasis, sich zu melden – die Fruchtigkeit gefällt, erinnert mich nun fast schon an weißen Pisco. Der unangenehme Betäubungseffekt verschwindet, die neu entstehende feinherbe Bitterkeit im Abgang gefällt mir sehr. Insgesamt ist diese Spirituose mit ordentlich Wasser versetzt sehr viel attraktiver und komplexer als pur. Der hohe Alkoholgehalt macht sich hier dann auch richtig gut, denn selbst verdünnt hat dieser Rakı dadurch ordentlich Power.

Diese Erfahrung macht mich natürlich sehr neugierig, wie sich der Tekirdağ Rakısı No. 10 in einem Cocktail schlägt. Ich muss sagen, dass der Name des Rakı Cocktail etwas arg einfallslos geraten ist; die Idee, einen Anisée mit Kokosnusscreme und Mandellikör zu kombinieren, ist dagegen geradezu ein Geniestreich. Schade, dass der Erfinder dieses Rezepts für mich nicht zu ermitteln war.Rakı Cocktail


Rakı Cocktail
½ oz Rakı
½ oz Amaretto
½ oz Zitronensaft
½ Teelöffel Cream of Coconut
4 oz Orangensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Die Flasche hat ihren Charme, insbesondere die Kupferapplikationen machen echt was her und sorgen ganz bestimmt für den einen oder anderen Impulsivkauf. Der Plastikschraubverschluss ist dagegen mehr funktional als hübsch, der darunter verborgene, im Flaschenhals installierte Nachfüllstop Mist, wie alle derartigen Entwicklungen, aber vielleicht den Spirituosenpirateriegegebenheiten in der Türkei geschuldet.

Für mich ist die Türkei auf einem denkbar schlechten Weg schon weit fortgeschritten und macht sich mir in den Nachrichten nicht gerade sympathisch; bei der aktuellen Lage fragt man sich schon etwas, wie lange noch Spirituosen in der Türkei hergestellt werden dürfen, wenn der neoosmanische Sultan seine islamistische Umgestaltung des Landes weiterbetreibt. Derartige rückwärtsgewandte und dabei gleichzeitig rein egoistisch machtorientierte Leute hatten in ihrem narzisstischen Wahn, anderen einen Lebensstil aufzwängen zu wollen, noch nie Respekt vor echter Kultur und Tradition – das Brennen und Genießen von Spirituosen gehört dazu. Dennoch hoffe ich aufs beste und will den Aufrechten in der Türkei, die sich nicht einschüchtern lassen, mit einem Glas Tekirdağ No. 10 gern virtuell zuprosten!

Schönramer Imperial Stout Titel

Kurz und bündig – Schönramer Imperial Stout

Hafermalz in der Zutatenliste! Bevor sich der olle RHG-Spuk wieder hebt, gleich die Klarstellung: Im VorlBierG ist das erlaubt. Eine der wenigen natürlichen Zutaten, die Brauer verwenden dürfen (im Gegensatz zu den ca. 50 nichtnatürlichen erlaubten technischen Hilfsstoffen). Das Schönramer Imperial Stout ist also safe und darf sogar in Bayern hergestellt und getrunken werden, ohne Repressalien fürchten zu müssen.

Schönramer Imperial Stout

Fürs Auge: Schwer und dunkel, aber nicht komplett blickdicht. Rotbraune Reflexe. Wenig Schaum in einer schönen Mischung aus feinsten und sehr großen Blasen, cremefarben.

In der Nase: Buttrig und teigig, erinnert an die Kuchenteigschüssel der Mutter, die man auslecken durfte. Leichte Maracuja-Noten. Dann erst Kaffee und Röstmalz.

Die Zunge: Würzig und voll, zunächst cremig. Malz, Kaffee, aber auch eine schöne fruchtige Note – Maracuja, reife Ananas, reifer Pfirsich. Schöner voller Körper, dann aber dazu gute, kräftige Säure, die die Malzsüße mehr als nur ausgleicht, und dafür sorgt, dass das Bier nicht pappig wird. Hohe Rezenz und dadurch, das mag für den Bierstil überraschen, schön erfrischend. 9,5% Alkoholgehalt sind kaum erkennbar.

Am Ende, der Rachen: Extrem bitter und dunkel, würzig und salzig. Ein sehr charaktervoller, starker Abgang, den man dem Antrunk nicht zugetraut hätte. Sehr rauchig. Lang und aromatisch.

Ich habe schon noch festere, wuchtigere Imperial Stouts getrunken, doch wenige, die soviel Würze mit einer solchen relativen Leichtigkeit verbinden. Toll – das Schönramer Imperial Stout ist meine persönliche Referenz für diesen Bierstil. Ich lege mir ein paar davon in den Keller, ein Schlechtwerden ist nicht zu befürchten: Meine für diesen Test im August 2016 gekauften Flaschen sind beispielsweise haltbar bis Februar 2031.

Jin Badaling Eight Side Dragon Salivary Wine Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 10 – Jin Badaling Bafang Longxian 八方龙涎

Die Gänsehaut, die Daenerys Targaryen, die Mutter der Drachen, beim Angriff auf die anhand der Superwaffe etwas konsternierte Lannister-Armee in der 7. Staffel der Fernsehserie auslöste, ist verflogen, doch Drachen lassen mich nicht los. Die klassisch gestalteten, feuerspeienden Fantasyreptilien aus Game of Thrones gehen dabei aber gern über in die eher das feuchte Element liebenden chinesischen Drachenkönige, die im Meer leben und für den Regen zuständig sind. Der Drache, chinesisch (long, gesprochen „lung“), ist ein superzentrales Motiv der fernöstlichen Kultur, und entsprechend findet man Referenzen auf dieses meist wohlwollende, geschätzte und helfende Wesen in jedem Lebensbereich – auch bei Spirituosen.

Selten musste ich dennoch über den Namen einer Spirituose derart brüten wie beim neunten Vertreter der Gattung Baijiu, die ich in meiner Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“ näher betrachte: Dem Jin Badaling Bafang Longxian (八方龙涎). Die englische Übersetzung, unter der dieser Baijiu mir zunächst bekannt gemacht wurde, ist „Eight Side Dragon Salivary Wine“ – das klingt schon so absurd und seltsam, dass ich mich erneut auf die Suche nach dem chinesischen Originalnamen machen musste. Eine Recherchearbeit, die sich immer sehr lohnt, so halte ich mein rudimentäres Chinesisch wenigstens etwas am Leben, und gleichzeitig lernt man am Rande so wahnsinnig viel, was man sonst nie erfahren hätte.

Zum Namen also – Bafang Longxian, das ist erneut eine Remineszenz an chinesische Mythologie. (longxian) bedeutet wörtlich übersetzt „Drachenspeichel“ (die englische Übersetzung mit „Dragon Salivary“ ist also holprig, aber wortgetreu). Ambra, die graue, wachsartige Substanz aus dem Verdauungstrakt von Pottwalen, die man früher wegen ihres Wohlgeruchs zur Parfümherstellung nutzte, wird im Chinesischen als 龍涎香 (longxianxiang) bezeichnet, man sieht, worauf dieser Namensteil anspielen will. Leicht rätselhaft bleibt mir der Teil 八方, wörtlich „achtseitig“, im Übertragenen Sinne auch „überall“ – nun, wer es weiß, teile es mir bitte mit, was es im Kontext dieses Baijius zu sagen hat.

Jin Badaling Eight Side Dragon Salivary Wine Baijiu Flasche

Wie bei den meisten Baijius gibt es über die Farbe kaum etwas zu sagen. Klar, praktisch keine Viskosität beim Schwenken, und doch so einiges an Beinen am Glasrand hinterlassend.

Ich gebe zu, ich war etwas vorsichtiger als normal, als ich an diesem Baijiu roch, nach der durchweg sehr schlimmen Erfahrung im letzten Teil dieser Reihe. Die Vorsicht ist unbegründet – Der Geruch nach Lakritz, Pfirsichferment, sehr viel Hochesterfrucht und vergorener Ananas ist ingesamt dahingehend sogar recht angenehm. Dem Geruch nach würde ich diesen Baijiu in die Starkaroma-Kategorie stecken; im Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, wo er 2016 eine Goldmedaille gewann, trat er aber in der Kategorie „other aroma“ auf, was auch immer das bedeuten mag.

Im Geschmack wird es dann deutlich – da ist all das Gummi, Teer und Plastik, das ich inzwischen als baijiutypisch kennenlernen konnte, an vordersten Front, unterstützt durch die vergorenen Fruchtaromen, etwas Lakritz und Fenchel. Was diesen Baijiu von vielen anderen Starkaroma-Vertretern unterscheidet, ist der für chinesische Verhältnisse läppische Alkoholgehalt von 38% – dadurch wirkt er nicht so aggressiv, brutal und ungezähmt wie viele seiner Artverwandten. Natürlich ist immer noch viel Säure und Kantigkeit da, aber alles eben in abgemilderter Form, die zumindest meinem Geschmack entgegenkommt.

Jin Badaling Bafang Longxian Glas

Der Abgang des Bafang Longxian ist schokoladig, sehr angenehm fruchtig (wie ich schon oft sagte – der Abgang ist wirklich das beste an einem Baijiu), mittellang und sehr trocken, mit viel Adstringenz. Ich persönlich empfinde es angenehm, dass die Ester sich auch wieder vom Gaumen lösen, und Platz machen für Bitterschokolade, Zitrusaromen und einem schönen Minzhauch. Eine feine Wärme bleibt im Rachen.

Ulric Nijs ist ein globetrottender Barentwickler, der sich viel mit Baijiu auseinandergesetzt hat, und der mir eine stete Quelle von ungewöhnlichen Cocktailrezepten mit dieser exotischen Zutat geworden ist. Eines seiner Rezepte, der 血水(übersetzt als Blood and Water), variiert den bekannten Blood and Sand. Letzterer ist schon ein Beispiel dafür, dass Zutaten, denen man lange nicht viel Cocktailpotenzial zusprach, sich doch wunderbar in Mischgetränken unterbringen lassen; was der Blood and Sand für Scotch tut, schafft der 血水 für Baijiu.

血水 (Blood and Water)


血水 (Blood and Water)
½ oz Baijiu
1 oz Kirschlikör (z.B. Cherry Heering)
¾ oz Orangensaft
¾ oz süßer Wermut (z.B. Martini Rosso)
Auf Eis shaken. Eine Orangenzeste darüber ausdrücken.
[Rezept nach Ulric Nijs]


Nach so einigen etwas allzu üppig gestalteten Flaschen, die ich in dieser Reihe schon gezeigt hatte, ist der Bafang Longxian tatsächlich mal eine Wohltat. Die rundlich-bauchige Flasche ist zwar in einem sonnig-strahlenden Gelb gehalten, doch insgesamt wirkt die Präsentation sehr gelungen. Die orangefarben aufgebrachten Drachenbilder, der goldene Schraubverschluss, der einen Ausgießstop (oh, ich hasse diese Dinger!) verbirgt, ja, das gefällt.

Offenlegung: Ich danke erneut der belgischen Firma Vinopres SA und Spirits Selection für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche dieses Baijius. Vinopres SA und Spirits Selection haben mir ganz enorm geholfen, und mich mit einer Reihe von Qualitäts-Baijius versorgt, denn die Beschaffung dieser chinesischen Spirituosen ist in Deutschland sonst sehr schwierig – ohne sie wäre diese Reihe nicht möglich gewesen.

Arrogant Bastard Ale Titel

Kurz und bündig – Stone Brewing Arrogant Bastard Ale

Amerikanisches Bier hat das Image des geschmacksneutralen Sprudelwassers abgelegt, es ist in manchen Belangen dem deutschen Bier, seinem Vorbild, klar enteilt. Die Welle der Begeisterung für modernes Bier, das sich vom Fernsehwerbungsbiereinerlei, das Deutschland immer noch flächig beherrscht, schwappt nun zurück über den großen Teich: Stone Brewing hat vor einiger Zeit eine Brauerei und Abfüllanlage in Berlin gebaut und braut dort die klassischen Biere für den deutschen Markt nach, die den Hersteller in den USA so groß gemacht haben. Das vielleicht präsenteste Beispiel dafür ist das Stone Brewing Arrogant Bastard Ale, obergärig, mit ordentlichen 7,2% Alkoholgehalt abgefüllt in eine auffallend gestaltete Halbliterdose.

Stone Brewing Arrogant Bastard Ale

Die Farbe ist ein vergleichsweise unspektakuläres, dumpfes Braun. Ich mag diese Farbe an Bieren nicht, das ist aber eine persönliche Marotte. Schöne orangegoldene Reflexe hellen das triste Braun immerhin etwas auf. Der cremefarbene Schaum ist fein und langlebig. Der Geruch wabert schwer und malzig, mit leichter Auflockerung durch hopfige Fruchtnoten: Ananas und Mango, würde ich sagen. Aber auch eine würzige Komponente, nach Ketchup und BBQ-Sauce. Dazu minimaler Rauch, eine sehr attraktive Kombination.

Im Mundgefühl kommt der arrogante Bastard zunächst weich und fluffig daher, doch sonst ist nichts weich an diesem Bier: würzig, sehr bitter, stark malzig, nur leicht hopfig. Grapefruit. Holz. Röstaromen, gemahlener Kaffee, schwarze Schokolade. Im Abgang steigert sich das noch, dieser wird sehr salzig, mit Eindrücken von Lakritz, Sojasauce und Rauch. Sehr trocken und bitter. Mehr ein Effekt und Gefühl als ein Geschmack von Grapefruit bleibt lange am Gaumen.

Man merkt, das gefällt mir ausgesprochen – es könnte ganz sicher eines meiner Lieblingsbiere werden. Ein hartes, unkompromissloses Bier, wie das Etikett schon ankündigt: wer auf deftig-bitteres Zeug steht, kommt hier auf seine Kosten. So brutal, wie Etikett und Illustration andeuten, ist es dann aber ehrlicherweise doch nicht, also keine Angst, hier werden keine Gaumen verätzt oder Geschmacksnerven abgebrannt.

Die Aufmachung ist natürlich alles Attitüde. Ich bin mir nicht sicher, dass mir das wirklich gefällt, denn das Bier hat es nicht nötig. „You’re not worthy“ lockt dann genau eben die an, die es eben nicht zu würdigen wissen, die nur darauf aus sind, sich vor anderen zu beweisen. Der Dämon allerdings gefällt mir; er erinnert mich ein bisschen an den Troll Grimmzahn (Grimtooth im Original), der mit seinen Fallen die eine oder andere Rollenspielsession im Chaos enden ließ (wer erinnert sich?). Der Illustrations-Stil weckt diese Reminiszenzen an den Zeichner Paul Bonner und frühe Rollenspiel-Tage. Allein das ist das regelmäßige Trinken des Arrogant Bastard Ales für mich schon wert.