Archiv der Kategorie: Kurzreview

Wadgasser Klosterbräu Hopfen Perle Titel

Kurz und bündig – Wadgasser Klosterbräu Hopfen Perle

Das Saarland war einst durchzogen von kleinen lokalen Brauereien. Inzwischen wurden alle von Konzernen geschluckt oder gingen insolvent. Nennenswert übrig ist neben dem allgegenwärtigen Karlsberg (dem mit „K“, nicht dem mit „C“) eigentlich nur noch die Saarbrücker Brauerei Bruch. Diese offeriert unter verschiedenen „Tarnnamen“ Produkte – wie die Wadgasser Klosterbräu Hopfen Perle, ein obergäriges Vollbier. Mir ist jede Abwechslung vom saarländischen Pilseinerlei recht, daher kommt sie zu mir ins Glas – wer könnte aber auch so einem Bild, das mein Kollege Gerhard Müller für mich mit seiner professionellen Fotoausrüstung an einem hübschen Tag machte, wiederstehen?

Wadgasser Klosterbräu Hopfen Perle Glas Gerhard Müller

Farblich tatsächlich sehr ansprechend ocker, naturtrüb, dezente Perlage. Schöner, kräftiger Schaum beim Eingießen, aletypisch bleibt nur wenig auf Dauer davon übrig. Geruchlich mild-, aber erkennbar aromahopfig. Leichte Malz- und Hefeanklänge. Vom Geruch her ist das tatsächlich ein Pale Ale. Da hüpft mir das Herz.

Geschmacklich ist die Freude leider weniger groß. Der Aromahopfen hat sich auf den Geruch beschränkt – im Mund ist nur noch ein Hauch von der Fruchtigkeit schmeckbar. Dafür tritt eine herbe Bitterkeit an seine Stelle, Hefegeschmack. Wir sind doch nicht bei einem Pale Ale, sondern bei einem Pils oder Zwickel. Ein etwas dumpfer Charakter stört mich sehr. Muss daher zügig getrunken werden, denn mit steigender Temperatur wird die Hopfen Perle immer dumpfer und seichter.

Wadgasser Klosterbräu Hopfen Perle Glas

Mittellanger Abgang mit Hopfenaromen, leichter Mundtrockenheit. Sehr erfrischend, wenn gut gekühlt, aber ein bisschen langweilig und mit dieser seltsamen Stumpfheit, die die Mundporen verstopft, als hätte man einen Belag darauf.

Schade, ich hatte mir da mehr erhofft, aber das ist halt genau das, was passiert, wenn ein Brauer, der jahrzehntelang nur Pils und Export hergestellt hat, plötzlich auf den fahrenden Craftbierzug aufspringen will, und gleichzeitig auch noch die pilsfanatische Bestandskundschaft mit glücklich machen will. So landet die Hopfen Perle bei mir in Mixgetränken, wie dem Weissen Sour.

Weissen Sour


Weissen Sour
2 oz Bourbon (z.B. Old Grand-Dad Kentucky Straight Bourbon)
¾ oz Zitronensaft
¼ oz Zuckersirup
1 Barlöffel Orangenmarmelade (z.B. von Zuegg)
2 Spritzer Orange Bitters (z.B. von The Bitter Truth)
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit…
2 oz Wadgasser Klosterbräu Hopfen Perle

[Rezept nach Kevin Diedrich]


Immerhin – die Brauerei Bruch macht auch das für mich persönlich beste saarländische Bier, das Bruch Zwickel. Dieses würde ich dann auch dem Bierfreund, der sich fürs Saarland interessiert, eher ans Herz legen.

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Žufánek Slivovica Titel

Kurz und bündig – Žufánek Slivovica

Nachdem ich neulich meine, für mich selbst etwas überraschende, Liebe zu Obstbrand bekundet hatte, insbesondere für den aus Ungarn, kommt der Žufánek Slivovica gerade recht. Man sieht, Obstbrand ist in ganz Europa ein beliebter Genuss, kein Wunder, was soll man sonst mit dem ganzen Obst machen, essen kann das ja keiner alles.

Wie viele Obstbrände wird auch Slivovitz, wie der tschechische Zwetschgenbrand umgangssprachlich in Deutschland gern genannt wird, im Allgemeinen nicht so stark gereift, dass er Farbe annehmen würde (ein halbes bis ein ganzes Jahr darf der Žufánek Slivovica nach der dreifachen Destillation aber doch in Stahltanks ruhen) – entsprechend haben wir einen klaren Schnaps vor uns. Eine gewisse Öligkeit ist bereits beim Eingießen ins Glas zu erkennen.

Žufánek Slivovica

Die Frucht kommt ohne viel Federlesen direkt zur Nase, wenn man sie in jenes Glas hält. Zwetschgen, dazu eine deutliche holzig-grasige Note, insgesamt hell und angenehm. Etwas Ethanol, wenn man sehr tief schnüffelt, aber keinerlei Stechen oder Zwicken.

Die gesehene Öligkeit ist auch im Mundgefühl wiederholt. Breit und sehr fruchtig kommt der Žufánek Slivovica an, mit feiner Süße, ohne sich dabei aber anzubiedern. 50% Alkoholgehalt sind spürbar, aber nicht schmeckbar – ein mildes Brennen begleitet den Verlauf, gibt dem Obstbrand Wucht und Charakter, ohne aber die sehr klare und elegante Zwetschge zu bedrängen. Eine zarte Salzigkeit gefällt. Der Abgang ist heiß und lang, weißpfeffrig und feurig, mit deutlicher Adstringenz und einem leichten Betäubungsgefühl an der Zunge, nachverfolgbar warm in Rachen und Kehle. Die Aromen verbleiben noch Minuten am Gaumen – man hat eine ganze Weile was von einem kleinen Schluck.

Wie gesagt, ich habe Obstbrand für mich entdeckt, und der Žufánek Slivovica schlägt sich wirklich gut innerhalb dieser Kategorie, aber auch insgesamt. Ein voller Charakter und viel Kraft lassen mich gern nach einem deftigen Essen zu ihm greifen, oder aber zu einem schweren Dessert. Kaiserschmarrn passt wahrscheinlich perfekt. Ja, ich muss jetzt herausfinden, wie ich an eine große Portion Kaiserschmarrn komme, die ich zu diesem Brand verspeisen kann.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgefoderte, kostenlose Zusendung einer 10cl-Probe dieses  Produkts.

Maisel & Friends Teleporter Imperial Porter Titel

Kurz und bündig – Maisel & Friends Teleporter Imperial Porter

Maisel & Friends heißen nicht umsonst so – immer wieder treffen sie sich mit Brauern von anderen Brauereien und stellen Collaboration Brews, wie es auf bierneudeutsch heißt, her – die unterschiedlichen Sichtweisen auf Bier soll für eine gegenseitige Befruchtung in den Produkten sorgen. Nach dem in den USA bei Christian Moerlein Brewing (Cincinatti, Ohio) hergestelltem Spacetime kommt der deutschstämmige US-Brauer nun zurück in die alte Heimat: mit dem Maisel & Friends Teleporter Imperial Porter soll die zeitliche und räumliche Trennung der Brauerkollegen außer Kraft gesetzt werden. Beamt es mich up, oder hat der Teleporter eine Fehlfunktion?

Eine wirklich starke Schaumentwicklung grüßt, wenn man das Bier aus der großen Dreiviertelliter-Flasche, die auch schon als Heimat für andere Maisel-Biere diente, eingießt. Porter kenne ich sonst als diesbezüglich eher zurückhaltendes Bier, hier ist der Schaum gemischtporig, und bleibt lange erhalten, später dann als helle, dichte, flache Krone auf dem Bier. Das Bier selbst ist dunkelbraun bis rubinrot, nicht ganz blickdicht.

Maisel & Friends Teleporter Imperial Porter

Die Nase erfreut sich an holzig-rauchigen dunklen Kakao- und Kaffeenoten, insbesondere letzteres ist sehr präsent, wie eine Schale schon eine Weile offen dastehendes Kaffeepulver. Die Aromatik ist darunter dann eher süßlich, Beeren, Vanille, Orangen.

Das Mundgefühl ist weich, mild, cremig. Süße Anflüge von Karamell werden kombiniert mit einer dezenten Bittere, die keine Kanten hat – 39 IBU würde man wohl kaum vermuten, wüsste man es nicht. Dasselbe gilt für die Rezenz, das Teleporter ist frisch und leicht, auch etwas, was man von der Optik her nicht unbedingt annehmen würde. Die Hopfensorte Phoenix kümmert sich schließlich darum, die Gesellschaft der dunklen Gerstenmalze nicht zu stumpf werden zu lassen. 9% Alkoholgehalt machen das Teleporter zum Imperial Porter, diesen Stil sieht man nicht häufig – mir als Porterfreund gefällt das sehr.

Der Abgang hat eine attraktive dezente Schärfe, die auf der Zunge kitzelt. Feinherbe, mäßige Trockenheit, schöne Säure, leicht grasige Aromen und etwas Mineralität lassen das Bier sehr langsam und mit Bedacht ausklingen.

In diesem Bier findet man alles, was den Porter-Stil für mich so liebenswert macht, und das nicht zu knapp. Ein wirklich schön gestaltetes, rundes Bier, mit einer herrlichen Retro-Videospiel-Etikettierung, die Blicke auf sich zieht. Meine Empfehlung: Zugreifen, solange die limitierte Edition erhältlich ist!

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kostenlose Zusendung einer Flasche dieses Biers.

Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille Titel

Kurz und bündig – Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille

Trocken ist gerade wieder in – auch bei Cocktails wendet man sich seit Jahren immer mehr von den süßen Saft- und Sahnebomben ab, und stattdessen hin zu „dry“, „sec“ und „brut“. Was nicht bedeuten soll, dass selbst hier nicht noch Bedarf nach hochwertigen, süßen Zutaten besteht – ein paar Tropfen eines guten Kakaolikörs verleihen so manchem klassischen, sonst eher trockenen Whiskey- oder Rumdrink eine ungeahnte Tiefe.

Selbst bei Kakaolikör darf man sich nicht auf die Farbe verlassen; es gibt fast schwarze und völlig transparente Produkte dieser Art. Die  Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille bietet einen recht natürlich wirkenden, hellbraunen Farbton, der tatsächlich rein aus der Mazeration des Kakaodestillats mit weiterem venezuelanischen Kakao und ganzen, zerquetschten mexikanischen Vanilleschoten entstehen könnte. Dickflüssig fließt der Likör schon ins Glas und setzt sich dort gemächlich ab; er lässt sich kaum schwenken.

Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille

Die Nase nimmt dann nicht die erwartete Milchschokolade wahr, sondern dunklen, schwarzen Kakao, als würde man an einer Tafel 85%iger Schokolade riechen. Da ist kaum etwas Süßes, sondern dunkle Würze, Sojasauce, Sorghum und eine leichte Fermentnote. Im Nachgang rieche ich etwas Orange.

Im Mund zerläuft die Crème dann wie ein Stück Butter, natürlich sehr süß, wie von einer Crème mit über 250g/L Zuckergehalt zu erwarten. Der Kakao dominiert die Aromatik, nicht ganz so dunkel, wie es die Nase andeutete, aber auch hier findet man keine pappsüße, lila Alpenmilch, sondern einen echten Kakaocharakter. Leichte Anklänge von Vanille, etwas Orange.

Der Abgang hält sich dank des Zuckers lang am Gaumen, sehr schokoladig, aber die dauernd schon vorhandene Orange spielt nun etwas weiter vorne mit. Etwas Ingwer meine ich zu erkennen, ein mildes Kribbeln auf den Zungenseiten deuten für mich eher auf Würze als auf die gemäßigten, nur im Ansatz schmeckbaren 24% Alkohol hin.

Die Produkte von Tempus Fugit werden ohne Scheu und falsche Scham als Cocktailzutaten vermarktet; während viele Hersteller das als Ausrede nutzen, um an Qualität und Selbständigkeit in der Aromatik zu sparen, sieht Tempus Fugit dies offensichtlich als Herausforderung an. Tatsächlich funktioniert diese Crème de Cacao herrlich in Cocktails – wer es probieren will, gerade mit chinesischem Baijiu spielt dieser Likör wunderbar zusammen. Doch selbst pur, eventuell auf einem Eiswürfel, kann Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille ohne Mühe ein wunderbares Dessert abgeben.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgeforderte, kostenlose Zusendung einer 10cl-Probe dieses  Produkts.

Gran Classico Bitter Titel

Kurz und bündig – Tempus Fugit Gran Classico Bitter

Heute in Kurz und bündig, meiner unregelmäßig erscheinenden Reihe an kurzen Tastingnotes, ein Bitterlikör aus dem Hause Tempus Fugit – der Gran Classico Bitter. Dabei handelt es sich um einen klassischen italienischen Bitter, der allerdings seit 1925 von E. Luginbühl in der Schweiz hergestellt wird, die damals das Rezept einem Turiner Hersteller abkauften. In neuem Glanz erstrahlt er nun, da die Spirituosenwelt sich ändert („tempus fugit“, in der Tat! Die Zeit fliegt!) und man Interesse an alten, fast schon vergessen geglaubten Zutaten entwickelt.

Gran Classico Bitter Glas

Die dunkle terracottafarbene Flüssigkeit, die ohne künstlichen Farbzusatz entsteht, liegt schwer im Glas, langsame, ölige Wellen bewegen sich beim vorsichtigen Drehen des Glases. Die Glaswand bleibt lange von den Resten dieser Flüssigkeit benetzt, nur langsam laufen diese ab.

Ich halte die Nase ins Glas – Essig, Lakritz, Chinarinde, Orangenschale,Fruchtbonbons, Grapefruit, Holz, ein Gefühl von Rauch. 25 Kräuter und Wurzeln sollen laut Hersteller verwendet werden; ich glaube es direkt, die entsprechende Komplexität ist ohne Mühe erkennbar. Ein Alkoholhauch sticht die Nasenschleimhaut, ein bisschen Geduld und Offenstehen lässt diese verfliegen.

Sehr süß und cremig im Antrunk. Dies bleibt auch während der ganzen Verkostung des Gran Classico Bitter so und bildet den Gegenpart gegen die kräftige Bittere, die gut eingebunden wirkt. 28% Alkohol kümmern sich um den ordentlichen Wumms. Grapefruit, bittere Kräuter, leicht holzige Aromen, eine milde Salzigkeit und dazu eine dezente aber wirkungsvolle Würze sorgen für einen dichten Körper mit erstaunlich viel Kraft. Stark adstringierend, recht pfeffrig, sehr lang und effektvoll ist der Abgang schließlich.

Pur ist er mir dann doch viel zu süß, aber der Purgenuss ist auch nicht das übliche Einsatzgebiet eines solchen Likörs. Tatsächlich muss mein geliebter Campari sich in diesem Wettbewerb warm anziehen – der Gran Classico Bitter ist ein mehr als akzeptabler Ersatz für ihn in vielen Drinks. Gerade Cocktails, die sich stark auf diese Komponente verlassen, wie der Negroni, der Boulevardier oder der Old Pal, können sicherlich von der zusätzlichen Komplexität, die der Gran Classico im Vergleich zweifelsohne mitbringt, profitieren – und das sage ich als ausgesprochener Campari-Fan. Und auf die künstliche rote Farbe kann man eh verzichten, ob Fan oder nicht.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgefoderte, kostenlose Zusendung einer 10cl-Probe dieses  Produkts.

Tempus Fugit Kina l'Aero d'Or Titel

Kurz und bündig – Tempus Fugit Kina l’Aero d’Or

Kina ist eine der verlorenen Zutaten, deren Fehlen Ted Haigh in seinem Buch Vintage Spirits and Forgotten Cocktails beklagt. In einer Zeit wie heute, in der es ein neues, starkes Interesse an derartigen Spirituosen gibt, die lange ausgestorben waren, tun sich findige Hersteller wie Tempus Fugit mit dem Schweizer Oliver Matter zusammen, um sie wiederzubeleben. Ein Ergebnis davon ist der Tempus Fugit Kina l’Aero d’Or – würde James Bond ihn in seinen Vesper-Cocktail mischen lassen, als Ersatz für den damals verwendeten, heute nicht mehr hergestellten Kina Lillet?

Tempus Fugit Kina l'Aero d'Or Glas

Die Farbe ist frappierend – ein strahlendes Sonnenblumengelb, das wahrscheinlich Namensgeber für diesen Quinquina ist („Das goldene Flugzeug“, das man auch auf dem Etikett sieht). Oder umgekehrt, je nachdem, wie man es sehen will. Eine leichte Viskosität ist im Glas erkennbar, die sehr langsam ablaufenden Beine sind sehr attraktiv.

Der Geruch verbirgt die Wurzeln des Kina l’Aero d’Or nicht. Da ist viel Weißwein, erfreulich, dass man das Basisprodukt noch erkennt. Darüber liegen Schichten aus Zitrus und Kräutern – laut Hersteller wird der Weißwein aus dem Piedmont mit Chinarinde, Orangenschale, Wermut und Gewürzen infundiert. Dies ist tatsächlich auch schön nachvollziehbar, und bildet ein sehr intensives Aromenbild, ich rieche viele Minuten daran und werde es nicht müde.

Das goldene Flugzeug fliegt mit einem sehr trockenen Antrunk los. Bitter und herbal ist der erste Eindruck, obwohl eine fette Süße immer für Bodenkontakt sorgt. Eine starke parfümige Komponente überrascht dabei. Ich fühle mich sehr stark an einen Kräuterlikör wie Jägermeister erinnert, oder vielleicht an Unicum. Im Verlauf kommen die Zitrusnoten stärker zum Tragen, eher bittere aber, Orangenschale und Grapefruit. Die enthaltenen 18% Alkohol sind nicht spür- oder schmeckbar.

Der Abgang ist süß, eher fast schon klebrig, dabei aber mit einer unterschwelligen Würze, die als Chilieffekt die Zungenspitze betäubt. Insgesamt bleiben adstringierende Effekte extrem lange am Gaumen, viele Minuten nach der Verkostung. Eine leichte holundrige Blumigkeit sorgt für den ausgleichenden Ausklang und eine sichere Landung.

Ein sehr interessanter Likör, den man sehr angenehm pur als Apéritif genießen kann, der aber auch in Cocktails genug Charme und Wucht mit sich bringt; ich werde ihn in Kürze in einem Boulevardier als Campari-Ersatz ausprobieren. James Bond würde ihn in seinem Cocktail jedenfalls mögen, da bin ich mir sicher. Und Ted Haigh auch.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgefoderte, kostenlose Zusendung einer 10cl-Probe dieses  Produkts.

Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection 11 Years Titel

Kurz und bündig – Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum

Die Gargano-Klassifikation von Rum ist ein Versuch, sich von der Nutzlosigkeit der bestehenden Rumklassifikationen, die nach Farbe oder Länderstilen arbeiten, zu lösen. Was soll es uns sagen, wenn ein Rum „braun“ oder „golden“ ist? Das trifft auf praktisch jeden gereiften Rum, der nicht entfärbt ist, und auch auf ungereifte, gefärbte Rums, zu. Ebenso halte ich nichts von der Gruppierung nach „britischem“ oder „lateinamerikanischem“ Stil, als würde in Südamerika nur genau ein Rumstil hergestellt und auf Barbados nur genau ein anderer. Die Gargano-Klassifikation dagegen bezieht sich auf die Herstellungsweise, und hat somit Aussagekraft. Wir verlangen in einer Bar ja auch nicht einen „braunen Whiskey“, sondern einen Straight Bourbon. Oder einen Blended Scotch.

Der Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum ist entsprechend dieser Klassifikation eine Mischung aus Pot-Still- und Column-Still-Rum. 2004, im Jahr der Namensgebung, kam er ins Fass, 2015 in die Flasche, damit ist er also nach Adam Riese 11 Jahre alt. Allein aus dem Namen kann man schon viel mehr ableiten als aus allen Informationen, die manch anderer Hersteller gesammelt anbietet.

Die Farbe ist natürlich, bei Full-Proof-Rums färbt Foursquare nicht nach. Das Kupfer stammt also rein aus den Fässern. Im Glas liegt der Rum schwer und viskos, beim Schwenken bleiben einige Tropfen sogar oben am Glas hängen, statt als Beine abzulaufen, und bequemen sich dann erst nach einer Minute Wartezeit sehr gemütlich nach unten.

Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection 11 Years

Der Geruch ist direkt und ohne Umschweife süß, schwer und voll. Gebrannte Mandeln. Kokosnussfleisch. Vanille dominiert allerdings deutlich die Nase, und da ist viel Eichenwürze; ein damit verwandter kleiner Lack- und Klebstoffton erinnert daran, dass dieser Rum 10 Jahre in Bourbonfässern lagerte. Direkt nach dem Eingießen zwickt eine stechende Note die Nasenschleimhaut, wenn man die Nase zu tief ins Glas hält. Mit Offenstehdauer verfliegt ein Großteil davon, es bleibt aber etwas übrig.

Sehr süß, aber nie klebrig, und hocharomatisch. Sehr breit und körpervoll. Viel Vanille, Schokolade, Nougat, aber auch Gewürzanklänge nach Piment, Kardamom und Nelken, vielleicht sogar etwas Muskatnuss. Das Bourbon-Fass hat einiges an Aromatik mitgebracht, und dem eh schon für sich wuchtigen Rum übergeben. Der Abgang ist lang, glühend heiß, etwas metallisch, dafür aber vanillig und süß. Nur milde Trockenheit, eine erkennbare Holzigkeit bleibt am Gaumen. Ein Menthol-Nachhall sorgt für zusätzliche Länge.

Unverdünnt ist der Foursquare 2004 bei 59% noch wunderbar trinkbar, bei Rum geht das oft, was bei anderen Spirituosen meist schwerfällt. Dennoch verdünne ich ihn testweise auf rund 40%. Die Vanille geht dadurch etwas zurück, die Lacknote verschwindet komplett, Gewürze kommen nach vorne. Geschmacklich bleibt er dicht wie zuvor, schokoladig und weich, ein paar gemüsige Komponenten werden erkennbar, Gurke oder Sellerie vielleicht, die Holznoten sind stark reduziert. Das Feuer des Abgangs wird ersetzt durch ein leichtes Chili, mit etwas Betäubung der Zungenspitze. Durch die Verdünnung verliert er kaum an Charakter, wird nur genehmer und noch runder.

Nun, was soll ich im Fazit sagen, außer, dass das ein hervorragender Rum ist. Natürliche Süße, voller Körper, dichte Aromatik – all das ohne jeden Zusatz. Ich gebe zu, dass ich vielleicht etwas beeinflusst bin durch die Person Richard Seale und sein Auftreten gegen manipulierten Rum; ich rate jedem dennoch, sich zumindest einmal einen Foursquare-Rum zu gönnen, um zu erkennen, das der Mann nicht nur laut und deutlich redet, sondern gleichzeitig hervorragende Arbeit abliefert. Der Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum wäre eine ideale Gelegenheit dafür.

Dieses Review basiert auf einem 2cl- und einem 10cl-Sample. Gern hätte ich die große Flasche zu Hause; sie wird irgendwann ihren Weg zu mir finden, zu den anderen Foursquare-Rums, die dort bereits auf die Familienzusammenführung warten.

Maisel & Friends Summer Pale Ale Titel

Kurz und bündig – Maisel & Friends Summer Pale Ale

Habe ich da ein déjà-vu? Letztes Jahr im Sommer hatte ich ein Bier getrunken, das Surfer auf dem Etikett hatte. Das Kona Longboard Island Lager konnte mich durch seine unkomplizierte Art überzeugen, allein der Preis und der weite Weg, den es zurücklegen musste, bis es bei mir im Glas landete, sorgten für Schwermut. Diesen lege ich hiermit offiziell ab, denn seit kurzem gibt es auch in Deutschland hergestelltes Surferbier! Maisel & Friends sorgt mit dem Summer Pale Ale, auf dessen Etikett ein lässiger Surfer sein Brett am Strand entlang trägt, entsprechend schonmal direkt für gute Laune.

Maisel & Friends Summer Pale Ale

Die Hefe setzt sich am Boden etwas ab, daher ist beim Eingießen darauf zu achten, dass man die Flasche kurz vorher dreht, oder etwas schwenkt. Berücksichtigt man das, so ist das Summer Pale Ale deutlich trüb, mit leicht blassem Ocker als Farbe. Mittelstarke Perlage ist durch die Trübung sichtbar, und ein wenig an feinblasigem Schaum krönt das Bier. Ich rieche daran, und mir gefällt die Mischung aus marmeladig-süß, mild zitrusig (ist das ein Wort?), sehr betont hopfig. Man bekommt direkt einen Eindruck der zu erwartenden Bittere.

Im Mund bleibt dann kaum noch was von der Marmelade, hier wirds kantig: sehr bitter, mehr noch, als es die 33 IBU zahlenmäßig vermuten lassen. Trocken, herb und die nur ganz kurz im Antrunk aufblitzende Süße wird schnell von einer Welle der Hopfigkeit hinweggespült. Sehr rezent und kühlend, mit erkennbarem Mineralwassercharakter – leichter Körper ohne viel Tiefe. Das ist für meinen Geschmack für ein Pale Ale schon grenzwertig nah am Westcoast-IPA, aber ich schere mich nur selten um Stiltreue, wenn das Endprodukt schmackhaft ist.

Der Abgang ist kurz, frisch, sehr herb und trocken. Zitrusnoten hängen noch nach, ein mentholischer Effekt ebenso. 4,4% Alkohol sorgen für gute Sommerkompatibilität – was leichteres für den Strand. Das würde ich auch gern als Fazit festhalten: die Zielidee eines leichten Sommerbiers wurde mit dem Summer Pale Ale voll getroffen. Ich denke mal, ich werde meine Kollegen in naher Zukunft bei einem Bürobier um Vier damit beglücken, gut gekühlt, wenn es wieder so heiß ist.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kostenlose Zusendung einer Flasche dieses Bieres.

Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole Titel

Kurz und bündig – Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole

Es ist schon eine kleine Weile her, dass ich den letzten Rhum Agricole im Glas hatte – sehr attraktive Melasse-Rums und andere Spirituosengattungen hatten in letzter Zeit meine Aufmerksamkeit eingenommen. Es wird also Zeit, dass diesem unhaltbaren Zustand endlich wieder Abhilfe geschaffen wird! Der Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole kommt da gerade recht. Es handelt sich bei ihm um einen Blend von martinikanischen Rums, die jeweils mindestens 6 Jahre gereift wurden. Das ganze wird mit 42% Alkoholgehalt abgespielt.

Färbung ist auch bei den strengen Regeln des AOC, denen dieser Rum unterliegt, erlaubt. Entsprechend vorsichtig beurteile ich, wie immer, die Farbe; zumindest scheint sie mir mit ihrem hellem Bernstein für das Alter der Assemblage glaubwürdig zu sein. Nur leichte Schwere ist beim Schwenken zu erkennen, die dabei enstehenden Beine bleiben fast an einer Position stehen, so langsam laufen sie ab.

Ich bin bei der Geruchsprobe sehr überrascht – ein extrem stechender, beißender Klebstoffgeruch ist alles, was ich zu Beginn wahrnehme, dermaßen penetrant, dass ich kaum die Nase ins Glas halten kann. Also erstmal eine Weile offen stehen lassen, denke ich – und tatsächlich, nach einer Weile öffnet er sich und die Beißzange verfliegt etwas, ohne aber ganz zu verschwinden. Schöne Reifungsnoten blitzen nun auf, Vanille und getoastetes Holz, Muskatnuss, Heu. Insgesamt ein recht würzig-aromatischer Antritt.

Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole

Im Mund ist der Saint James Cuvée 1765 sehr breit, dabei aber auch etwas flach. Die Würzigkeit steht im Antrunk noch Vordergrund, dort aber schon untermalt von cremiger, marmeladiger Süße. Erdbeeren, Mango, Honig und Vollmilchschokolade melden sich an und übernehmen immer mehr das Ruder. Im Mittelteil beginnt sich eine feine, dezente Chilischärfe ausmachen zu lassen, die schließlich stärker und dominanter wird.

Der Abgang ist dann aber wieder sehr süß, kühlender Eukalyptus breitet sich aus, er wird nicht zu trocken, leicht adstringierend; erneut habe ich die starke Assoziation zu Marmelade oder Erdbeerkompott. Insgesamt wirkt er mittellang auf mich, insbesondere die Fruchtnoten hängen lange nach, und er klingt mit ein paar kiesigen, grasigen Eindrücken aus.

Diese Kurzbesprechung basiert auf einem 5cl-Sample, die volle 700ml-Flasche kostet um die 50€. Das kann man durchaus ausgeben für diesen Rhum, wenn man nicht ausschließlich auf supertrockene Exemplare steht. Gerade das sehr aparte An- und wieder Abschwellen der Schärfe und die Eukalyptusfrische finde ich toll; mir persönlich ist der Saint James Cuvée 1765 aber letztlich im Gesamtbild einen Ticken zu unverbindlich, als dass ich ihn in Zukunft in die ganze enge Wahl ziehen würde.

Jean Fillioux XO So Elegantissime Cognac Titel

Kurz und bündig – Jean Fillioux XO So Elegantissime Cognac

Heute verkosten wir in dieser Ausgabe der „Kurz und bündig“-Serie, in der ich reine Tasting Notes veröffentliche, einen Cognac – Jean Fillioux XO So Elegantissime, um genau zu sein. Dieser Cognac weist neben der XO-Alterskategorie noch die Titel Vieille Grande Champagne, 1er Cru de Cognac auf, die das Herkunftsgebiet kennzeichnen (die eaux-de-vie aus der Grande Champagne gelten unter Kennern als die feinsten).

Jean Fillioux XO So Elegantissime Cognac

Das leidige Thema der Farbe ist wie üblich bei den allermeisten Spirituosen zu betrachten – einerseits hofft man, dass bei einem XO-Cognac, dessen jüngster Bestandteil immerhin mindestens 6 Jahre (für Abfüllungen ab 2016 dann 10 Jahre) im Eichenfass lagerte, diese attraktive Haselnussfarbe aus Holzeffekten entsteht. Andererseits sind bei Cognac Farbstoffe erlaubt und werden daher wohl auch verwendet.

Der Geruch bezaubert schonmal – dunkel, würzig, getrocknete Bananen und Pflaumen. Pfirsich. Sandelholz. Etwas Eukalyptus. Im Antrunk ist der So Elegantissime zunächst sehr weich und sehr süß , wird dann aber stärker und stärker, immer würziger, dann leicht pfeffrig und warm. Viel Volumen und große Dichte. Insgesamt überraschend hell und klingelnd im Ton. Sehr elegant (der Name sagt es ja schon aus!) und leicht, und nicht allzu komplex. 41% empfinde ich als perfekt eingebunden, und weder in der Nase noch im Mund spürbar.

Der Abgang ist wirklich extrem fruchtig, deutlichst erkennbar sind Pfirsich, Mango, Honigmelone und Aprikosen. Mittellang, warm und rund, nicht zu trocken, aber trotzdem stark adstringierend. Ein leicht mentholiger Nachklang, in dem etwas Hubbabubba-Kaugummi und dunkle Schokolade mitschwingt.

Ein wirklich angenehmer Cognac, schön zum Nippen und Schwelgen, dabei nicht in der Perfektion bereits langweilig, wie es manchen seiner Artgenossen ergeht. Ich würde mir persönlich aber doch noch etwas mehr Komplexität wünschen.

Diese Kurzbesprechung basiert auf einem 5cl-Sample. Die 700ml-Flasche des Jean Fillioux XO kommt preislich auf ungefähr 100€; das Preisleistungsverhältnis empfinde ich persönlich hauptsächlich wegen des letzten Kritikpunkts als durchschnittlich.