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Jack Daniel's Gentleman Jack Titel

Ein feiner Mann – Jack Daniel’s Gentleman Jack

Ich hau gleich mal einen Satz zu anfang raus, der vielen echten und auch selbsternannten Highendspirituosennerds hin und wieder mal vorgebetet werden muss: Man sollte Standardqualitäten gut kennen und auch hin und wieder probieren, um höhere Qualitäten einschätzen und korrekt bewerten zu können. Es bringt nach meiner demütigen Meinung nichts, Spirituosen, die man noch gut in Supermärkten erweben kann und nicht ausschließlich über obskure Quellen in handbeschrifteten 5cl-Fläschen, naserümpfend zu ignorieren.

Viele Hersteller bieten natürlich für jeden Geschmack oder Geldbeutel eine Variante an, aus der man sich dann passend für seinen eigenen Bedarfslevel an Qualitätsversprechen ein Produkt wählen kann. Will man sich also dann doch zum Beispiel vom allgegenwärtigen schwarzweißgelabelten Basiswhiskey des Herstellers Jack Daniel’s auf ein etwas höheres Niveau heben, aber in der Familie bleiben, so stößt man schnell auf den Jack Daniel’s Gentleman Jack.

Das Besondere dieser Sorte ist ein Begriff, den man mehrfach auf den Etiketten der Flasche lesen kann – „Double Mellowed“, das heißt in diesem Fall, dass der Lincoln-County-Prozess, der für jeden Whiskey des Herstellers angewendet wird, zweimal durchgeführt wird. Der Gentleman Jack sickert also nicht nur einmal durch eine dicke Holzkohleschicht, was Ecken und Kanten aus dem Destillat entfernt, sondern gleich zweimal. Bringts was?

Jack Daniel's Gentleman Jack Flasche

Farblich finden wir ein helles Ocker, natürlich entstanden, denn Färbung ist bei Tennessee Whiskey verboten (weil jeder Tennessee Whiskey automatisch den Regeln eines Straight Bourbon folgen muss). Sehr hübsch verhält er sich im Glas, mit schöner Schwere, und entsprechenden Tropfen am Glasrand, die stellenweise fast stehenbleiben.

Der sehr typische Jack-Daniel’s-Geruch ist vom ersten Tropfen des Eingießens ins Glas präsent. Banane, Vanille, etwas würziger als der des weit bekannten Old No. 7, meiner Meinung nach. Erkennbar, aber mild, ist eine Lösungsmittelnote. Von allen Produkten des Herstellers empfinde ich den Geruch des Gentleman am angenehmsten.

Im Antrunk ist direkt ein extrem weiches Mundgefühl spürbar, das eine ganze Weile anhält. Süß, Vanillepudding, Zimtmilchreis, etwas Hefe im Geschmack. Sahnebonbons, weiße Schokolade. Der Gentleman Jack fühlt sich ausgesprochen ölig an und legt sich auf den Gaumen und die Zunge – das ist das, was einem im Gedächtnis bleibt. Im Verlauf kommt dann aber doch eine gewisse alkoholische Schärfe auf, zimtig und etwas brennend, man sieht hier, dass 40% Alkoholgehalt auch nur mittelmäßig eingebunden sind. Eine faszinierende Salzigkeit begleitet das ganze durchgängig.

Der Abgang ist mittellang, mit den bekannten Daniel’s-Aromen von Banane und Vanille. Ein leichtes Kribbeln verbleibt insbesondere auf der Zungenspitze. Die milde Würze und Vanille hängt dafür noch minutenlang nach – das ist sehr angenehm.

Ich weiß, das Glas, das ich für den hier präsentierten Cocktail verwendet habe, ist eins eines anderen Produkts. Ich empfinde es als eine etwas dämliche Diskussion, ganz ehrlich, ob ein Glas „passt“ oder „nicht passt“. Manche ikonischen Cocktails gehören vielleicht in einen speziellen Glastyp, ja, aber ob es nun eine Cocktailschale ist, die mit dem Logo eines Vodka-Herstellers oder eines Wermut-Herstellers bedruckt ist – mannomann, man muss schon ein echter Hardcorenerd sein, um sich daran zu stören; erlebt habe ich es schon, aber ich finde das lächerlich. Darum habe ich keine Schwierigkeiten, den Lemon Julep in einem oberflächlich unpassenden Glas zu servieren.

Lemon Julep


Lemon Julep
4 Minzblätter in einem Glas muddeln
2 oz Bourbon

¾ oz Elderflower Liqueur
1 oz Zitronensaft
¾ oz Zuckersirup
Im Glas bauen. Mit Crushed Ice auffüllen und leicht umrühren.
Mit Sprudel toppen.
[Rezept adaptiert nach TJ Vong]


Ich mag Sets, die ein Markenglas mitliefern, wie das, mit dem ich diese kleine 200ml-Flasche des Gentleman Jack erworben habe. Neben dem Glas, einem netten Gimmick, gefällt mir einfach die Dosis – eine größere Flasche kann man dann immer noch kaufen, wenn einem das Produkt mundet.

Im Fazit ist der Gentleman Jack mit Sicherheit ein großer Sprung vorwärts im Vergleich zum vergleichsweise dünnen Old No. 7-Massenprodukt, und ich verstehe die Idee, diesen Whiskey „Gentleman“ zu nennen – da ist wirklich ausgesprochen viel Weichheit und Flauschigkeit drin; das doppelte „Mellowing“ zahlt sich definitv aus. Aromatisch dagegen ist er zu einfach, zu unkomplex, als dass er auf Dauer begeistern könnte – für die, die einen Whiskey suchen, der „easy drinking“ und müheloses Genießen liefert, zusammen mit der Typizität des Jack-Daniel’s-Geschmacks, ist dieses Produkt aber genau das richtige.

Willet Pot Still Reserve Titel

Hass im Internet – Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Manche Spirituosen liebt man über alles, manche kann man nicht ausstehen. Das ganze hält sich meist die Waage, für alles findet man Liebhaber und Hater gleichermaßen, das bringt die Subjektivität des persönlichen Geschmacks einfach mit sich. Hin und wieder findet sich aber ein Produkt, das ungewöhnlich viele Freunde hat, und auch eins, das im Allgemeinen gern niedergemacht wird. „Pferdepisse“ ist dabei oft noch ein freundlicher Vergleich, den man findet, wenn man gewisse Communities nach Meinungen über den Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey durchsucht.

Nun will ich hier eine Lanze für diesen Bourbon brechen. Er verdient es in keinster Weise, so runtergeputzt zu werden, ganz im Gegenteil – ich nehme hier mein Fazit vorweg und konstatiere, dass dies für mich ein ganz hervorragender Whiskey ist, einer meiner Favoriten sogar. Mir ist unerklärlich, warum er so viel missgünstige Kommentare auf sich zieht. Dabei ist dieser Bourbon unabhängig vom Geschmack schon sehr spannend – er ist einer der Exoten der amerikanischen Whiskeys, denn er wird nicht wie fast alle Bourbons durch eine Column Still produziert, sondern in einer Pot Still (eventuell, so ist zu lesen, stammt aber ein Teil dieses Bourbons dennoch aus einer Säulendestillation). Und, so bilde ich mir das zumindest ein: das schmeckt man.

Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey Flasche

Bourbontypisch ist zunächst allerdings die Farbe – um die 8 bis 10 Jahre in einem frischen Eichenfass machen sich natürlich bemerkbar (Färbung ist bei Straight Bourbons verboten). Sowohl in der Flasche als auch im Glas gefällt dieses dunkle Kupfer dem Auge.

Auch die Nase wird erfreut – hat man sich über den initialen Lösungsmittelduft hinweggearbeitet, den man von vielen amerikanischen Whiskeys kennt, kommt ein kräftig-würzig-aromatischer Geruch zum Vorschein. Waldhonig, Vanille, Karamell, Milchschokolade; Freunde des Süßen kommen voll auf ihre Kosten.

Und im Geschmack bestätigt sich dieser Eindruck schnell. Sehr viel Eichenwürze, dunkler Kandiszucker, Vanille; darüber noch reife Banane, Bitterschokolade, ein Anflug von Süßholz; im Verlauf eine leicht medizinische Komponente, wie manche Scotches sie aufweist. Vom Mundgefühl her voluminös und dicht. Im Verlauf kommt eine rotpfeffrige, sehr attraktive Schärfe dazu.

Der Abgang ist warm und wohlig, kribbelnd, aber ohne Brennen, 47% Alkohol sind grandios eingebunden. Adstringierend, dennoch lang und süß. Ein Traum gleichzeitig an Komplexität und Wohlwollen, etwas, was man in dieser kombinierten Form kaum anderswo findet. Ein absolut spektakulärer Whiskey, von dem man (nun, zumindest ich) gar nicht genug bekommen kann.

Ich habe den Großteil des Flascheninhalts pur getrunken, etwas, was mir bei nur wenigen Spirituosen passiert. Sehr oft landet mehr als die Hälfte einer Flasche in Cocktails. Nun, für den Willet Pot Still Reserve gehe ich für die Cocktailempfehlung einen halben Weg – wer den Old Fashioned noch nicht kennt, hat eh dringend Nachholbedarf; es ist der ideale Einsteigercocktail für die, die sonst die Monstranz des Purtrinkers hochhalten und Mischgetränke bisher mit abfälligem Grinsen betrachtet haben. Sie werden konvertiert werden, da bin ich mir sehr sicher.

Old Fashioned


Old Fashioned
1 Würfel Zucker tränken mit…
3 Spritzer The Bitter Truth Drops&Dashes Wood
Aufgießen mit 2 oz Bourbon
Leicht umrühren, und mit einem großen Eiswürfel servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Ich hatte erwähnt, dass es mir nicht erklärlich ist, warum er so viel Missgunst auf sich zieht. Nun, einen Grund könnte ich mir vorstellen – die Flasche ist schon sehr extrovertiert gestaltet, einer klassischen Brennblase nachempfunden, mit viel Kinkerlitzchen. Derartiges stößt dem einen oder anderen vielleicht sauer auf, und er lässt sich von diesem Gefühl dazu verleiten, den Inhalt als prätentiös und rein auf Effekt ausgerichtet vorzuverurteilen. Wie wir alle wissen, der Kopf trinkt mit, und entsprechend vermiest einem ein vorgebildetes Urteil schon hin und wieder den Geschmack.

Willet Pot Still Reserve Detail

Eventuell ist es aber einfach das Volumen an Aromen und zusätzlichen Estern, das durch die Pot Still ins Destillat gelangt, das den auf klassischen Bourbon ausgerichteten Gaumen abschreckt. Nun, sollte es das sein, sollten sich die Hater an die Nase fassen und überlegen, ob sie nicht selbst das Problem sind. Für mich persönlich ist der Willet Pot Still Reserve jedenfalls die Messlatte, an dem sich alle Bourbons, die in meinen persönlichen Whiskeyolymp aufsteigen wollen, messen lassen müssen.

Evan Williams Bottled-in-Bond Titel

Evan Williams Bottled-in-Bond 100 Proof Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Heutzutage sind „small batch“-Produktionen bei Whiskeys sehr beliebt. Die Kundschaft hat gemerkt, dass „klein aber fein“ und gehobene Qualitätsstandards sich auch im Genuss sehr deutlich spürbar machen. Daher sind heute gesetzlich geregelte Kennzeichnungen wie „bottled-in-bond“, die eben ein gewisses Qualitätsversprechen geben sollten in Zeiten, wo Masse und Umsatz bei den Herstellern sehr viel wichtiger war als Qualität, etwas obsolet geworden – wer sich nur ansatzweise mit Whiskey auskennt, sucht sich eh schon die Premium-Small-Batches, und wer nicht, dem ist auch das „bottled-in-bond“ egal. Für den Evan Williams Bottled-in-Bond 100 Proof Kentucky Straight Bourbon Whiskey aus der Heaven-Hill-Destille ist die Kennzeichnung aber immer noch relevant, weil Evan Williams eine der Massenmarken des Herstellers ist, und diese spezielle Variante sich dennoch vom „bottom-shelf“-Evan Williams (dem mit dem schwarzen Etikett) abgrenzen soll.

„Obsolet“ ist allerdings vielleicht ein zu hartes Wort für die bottled-in-bond-Regularien. Tatsächlich sehen wir bei anderen Spirituosen, dass ihnen ein ähnliches, nochmals über das eh schon vorhandene Set an gesetzlichen Festlegungen hinausgehende, Qualitätsversprechen etwas fehlt. Tequila ist stark reguliert, kann aber allerlei Zusatzstoffe aufweisen und mit fragwürdigen Techniken wie einem Diffusor hergestellt werden; Rum hat zwar viele lokale Gesetzgebungen, aber deren Unterschiedlichkeit sorgt für Verwirrung, und an deren Durchsetzung hapert es darüber hinaus gewaltig. Ein bottled-in-bond-Versprechen wäre dort eine echte Wohltat für uns Spirituosenfreunde; also seien wir dankbar, dass Bourbon uns so eine Möglichkeit bietet.

Die Frage, die man sich stellen kann, aber nicht unbedingt muss, denn Qualität in der Produktion ist ein Wert an sich: äußert sich diese Produktionsmethode mit strenger Aufsicht dann auch im Geschmack? Prüfen wir es.

Evan Williams Bottled-in-Bond Flasche

Farblich finden wir ein tiefes, kräftiges, holziges Braun vor, vielleicht sogar einen Tick dunkler, als man es von anderen Bourbons gewohnt ist. Der Evan Williams Bottled-in-Bond liegt schwer und ölig im Glas, Schwenkbeine laufen langsam und in dicken Tropfen ab. Die Nase ist fruchtig, hauptsächlich in Richtung Banane. Sehr starke Eichentöne übertönen aber alles, und eine nicht zu unterschätzende alkoholische Note schwimmt immer mit. Insgesamt wirkt der Geruch etwas flach und dünn, ohne viel Körper oder Aromen, das wirkt nicht besonders begeisternd.

Im Mund ändert sich das etwas – im Gesamtbild wirkt dieser Whiskey immer noch recht leicht und dünn, dann, nach dem ersten Antrunk aber doch überraschend mild, weich, samtig – die süße Komponente überwiegt. Schnell dann aber schießen die 50 Volumenprozent und Gewürzaromen nach Nelke, Muskatnuss und Vanille aus allen Rohren und kitzeln die Zunge, bevor ein sehr warmer, karottiger und dringender Abgang, der von der Länge her vielleicht etwas zu kurz daherkommt, die Verkostung mit einer hauchigen Ethanolnote abschließt. Adstringierende, betäubende Effekte bleiben noch lange am Gaumen, aber nur wenige Aromen.

Evan Williams Bottled-in-Bond 100 Proof Kentucky Straight Bourbon Whiskey Glas

Das Gesamtbild ist schon ansprechend, aber, ehrlich gesagt, nichts, was mich vom Hocker hauen würde, obwohl ich einen „soft spot“ für die Heaven-Hill-Produkte habe. Ein für meinen Geschmack leicht unrunder und wankelmütiger, aber trotzdem durchaus trinkbarer Bourbon mit sehr gutem Preisleistungsverhältnis, besonders empfehlenswert für Freunde des stärkeren, würzigeren, nicht übermäßig weichgespülten Whiskey, oder für die, die einen Bourbon suchen, der auch in Cocktails seinen Mann stehen kann. Durch den hohen Proof wird er bei mir als Cocktailzutat Verwendung finden, zum Beispiel in einem Five-Spice Bourbon Punch.

Five-Spice Bourbon Punch


Five-Spice Bourbon Punch
1½ oz Bourbon
½ oz Zitronensaft
¾ oz Five-Spice-Sirup (selbst leicht aufzukochen aus 1 Tasse Zucker, 1 Tasse Wasser, Sternanis, Szechuan-Pfeffer, Nelken, Fenchelsamen und Zimtstange)
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit 2 oz Sprudel
[Rezept nach Elana Lepkowski]


Die eckige Flasche mit dem langen Hals reißt mich nicht mit, das Etikett ist ähnlich zurückhaltend designt. Manchmal sind es halt dann doch die inneren Werte, die zählen, und das froschige Äußere sollte Sie daher nicht davon abhalten, den Adligen darin zu entdecken; auch wenn es kein feinsinniger Prinz, sondern vielleicht eher „nur“ ein forscher Graf oder Baron ist. Manchmal will man aber auch so was.

Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey (third batch)

Kurz und bündig – Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey (third batch)

Auch bei Spirituosen gibt es große und kleine Geschwister – vielleicht kennt der eine oder andere Bourbon-Freund unter meinen Lesern den durchaus schwer erhältlichen, raren George T. Stagg. Bei dieser Verkostung des kleinen Bruders dieses Schwergewichts, des Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey, haben wir die dritte Charge („third batch“) eines Small-Batch-Whiskeys aus dem Hause Buffalo Trace vor uns. Dafür werden Whiskeys mit einem Alter von um die 8 und 9 Jahren miteinander verblendet und in Fassstärke in die Flaschen gefüllt; jeder Batch hat dadurch eine eigene Charakteristik. Ein 10cl-Sample bildet die Basis für den heutigen Verkostungsversuch.

Die Farbe strahlt regelrecht, ein warmes, glühendes Kupfer, das schon fast ins braunrote übergeht. Im Glas bewegt sich der Stagg Junior wie ein Senior, langsam, gemächlich, schwer und ölig. Rein optisch ist das einer der schönsten Whiskeys, die ich bisher gesehen habe. Man sieht – man muss nicht kältefiltern oder färben (beides geschieht hier nicht), um ein spektakuläres Endergebnis zu erhalten.

Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey (third batch)

Geben wir ihm zunächst in voller Stärke eine Chance. Bei 66,05% ist das für mich persönlich grenzwertig.

Nach dem Eingießen ins Verkostungsglas stößt einem erstmal eine scharfe Lösungsmittelnote ein Messer ins Gesicht. Ich lasse ihn daher zunächst mal einige Minuten offen atmen. Leider verschwindet sie dennoch nicht wirklich; darüber hinaus bleibt auch eine gewisse Essignote, die es der darunter liegenden Vanille schwer macht, nach vorne zu kommen – die Nase kann mit dem Auge in keinster Form mithalten.

Im Antrunk ist erst eine schwere, dichte Süße erkennbar, ein voller und wuchtiger Körper, etwas Salzigkeit. Im Verlauf entsteht eine gewisse, kantige und würzige Schärfe nach Pfeffer und Chili, sehr viele Tannine, eine starke Adstringenz sorgt für ein trockenes Mundgefühl. Kandiszucker, Vanille und das wars dann aber auch schon – Power ohne Ende, aber keine Tiefe oder Komplexität. Der Abgang des Stagg Jr ist feurig heiß und dabei leider aromatisch nur sehr kurz. Wirklich richtig enttäuschend kurz.

Zwei Teelöffel Wasser kommen nun dazu. Die Nase bekommt eine lakritzige Note, und etwas cognachaftes. Im Geschmack liegt immer noch Alkohol und Lack stark in Front, Eiche dazu, aber Vanille und Schokolade bekommen nun wenigstens eine Chance. Der Nachhall verlängert sich um einiges. Er verliert durch das Wasser kaum an Volumen, fühlt sich immer noch ölig und schwer an: Ein Whiskey, dem Wasser sehr, sehr gut tut, den man eigentlich nur so vernünftig genießen kann. Alternativ macht er sich dann doch recht gut in einem Old Fashioned.

Fazit – Buffalo Trace hat definitiv spannendere und reizvollere Whiskeys im Portfolio – insbesondere, wenn man den aufgerufenen Preis von aktuell rund 100€ in Betracht zieht, würde ich eher diese anderen Bourbons empfehlen als den unausgereiften Stagg Jr.

Baker's Kentucky Straight Bourbon Whiskey Titel

Vorsicht vor Empfehlungen – Baker’s Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Vielleicht kennt der eine oder andere das – man hat einen im Bekanntenkreis, der sich etwas mit Spirituosen auskennt, und aus gegebenem Anlass hätte man gern eine Flasche eines guten Tropfens gekauft. Also fragt man den Bekannten, was er so empfehlen würde, sieht, dass es die Empfehlung auch noch gerade im Blitzangebot bei einem großen Onlinegemischtwarenladen gibt, und schlägt dann voller Vertrauen zu. Am besonderen Tag öffnet man dann mit Freunden und Freuden die Flasche, und stellt fest, dass der Inhalt einem dann doch nicht so besonders zusagt. Eine Enttäuschung sondergleichen.

Das ist das Schicksal des Kenners: der eigene Geschmack ist halt dann doch nicht wirklich übertragbar. Man kann Qualität, ein gutes Preisleistungsverhältnis oder eine hübsche geschenktaugliche Präsentation empfehlen, aber ob es dann dem glücklichen Empfänger auch wirklich schmeckt, das bleibt dem Schicksal überlassen und ist selten vorhersehbar.

So ging es mir, als ich einem Kollegen, der mich nach meiner Meinung über Baker’s Kentucky Straight Bourbon Whiskey fragte – klar, toller Stoff, schlag zu, so in etwa waren wohl meine Worte. Nach einiger Zeit erhielt ich dann die etwas pikierte Rückmeldung, dass der Whiskey nicht wirklich gut angekommen war: die tiefgehende Analyse lautete „hat nicht geschmeckt“. Die Flasche war trotzdem nur noch zu einem Drittel voll, also kann man den Probanden nicht vorwerfen, sie hätten es nicht zumindest versucht. Immerhin kam ich so in den unerwarteten kostenlosen Genuss des ordentlichen Rests, der übrig geblieben war.

Baker's Kentucky Straight Bourbon Whiskey Flasche

Farblich erkennen wir sehr dunklen Bernstein mit orangenen Reflexen. Der Baker’s Bourbon ist ein Straight Bourbon, daher ist künstliche Nachfärbung ausgeschlossen; hier hat man den (leider seltenen) Fall, dass man schon von der Optik her erahnen kann, wohin der Geschmack später gehen wird. Der Whiskey liegt sehr ölig im Glas, mit sehr langsam ablaufenden Beinen.

Der Geruch ist eine bunte Mischung aus Aromen, die auf dern ersten Blick kaum zusammenpassen. Etwas Lack. Honig. Vanille. Etwas Menthol.  Etwas Bacon. Ein Hauch Rauch. Und über allem brutal viel Eiche – sehr viel mehr, als die 7 Jahre Reifezeit in neuen Fässern aus amerikanischer Eiche das normalerweise liefern. Interessanterweise passen sich die Aromen dann doch in ein rundes Gesamtbild ein.

Der Geschmack ist voll, weich und super-„smooth“ (um mal das Buzzword, das viele Kenner inzwischen hassen, zu bemühen), trotz der 53,5% Alkohol. Der Körper ist leicht dünn. Insgesamt ist der Baker’s Bourbon nicht so süß, wie erwartet, im Gegenteil: er bleibt sogar sehr trocken, und leicht blumig, fast schon parfümig. Im ersten Moment überraschend, weil anders als die meisten anderen Bourbons; in der Folge aber äußerst elegant, erinnert fast etwas an Cognac. Wenn man den Marketingaussagen von Beam trauen darf, ist ein spezieller Hefestamm für diesen besonderen Geschmack verantwortlich. Der Abgang ist sehr lang, leicht bitter, trocken, nussig. Er bleibt auch im Nachhall sehr lang feurig, voller Chili, Pfeffer und Eiche, sowie Menthol.

Ich muss den Testern, die meiner Empfehlung gefolgt sind, das Eingeständnis machen: Beim Baker’s haben wir ein durchaus ungewohntes Geschmacksbild für einen Bourbon aus der Beam-Reihe vor uns. Das ist für mich aber keineswegs ein Mangel, im Gegenteil – es ist schön zu sehen, dass auch im hochstandardisierten Bourbonbereich eine weite Spannbreite an Aromenprofilen möglich ist.

Für mich ist der Baker’s in seiner Eleganz ein idealer Purgenuss. Dennoch, wer mich kennt, weiß, dass mich das nicht davon abhält, solche Produkte auch in Cocktails zu kippen. Der Thigh High Boots ist eine schöne, kräftige Mixtur mit extrem viel Körper und einer dichten Aromenstruktur, in dem die hohe Alkoholprozentzahl des Baker’s dafür sorgt, dass die schweren Bitterkomponenten nicht überhand nehmen.

Thigh High Boots


Thigh High Boots
2 oz Bourbon (z.B. Baker’s Kentucky Straight Bourbon Whiskey)
¾ oz Zitronensaft
¾ oz Zimtsirup
¾ oz Lillet Blanc
½ oz Campari
½ oz Amaro (z.B. Ramazotti)
3 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept nach T.J. Lynch]


Kurz etwas zu den Rahmenbedinungen – der Baker’s Bourbon ist Teil der Small-Batch-Familie des Herstellers Beam, zu der auch Booker’s, Basil Hayden’s und Knob Creek gehören. Der Name ist abgeleitet von Baker Beam, dem Großneffen des Firmengründers. Zur Zeit sind zwei Abfüllungen in Deutschland auf dem Markt, die sich äußerlich durch unterschiedliche Flaschenformen auszeichnen. Die „alte“ Abfüllung ist in einer recht klassischen Flasche, die man sonst oft von Wein kennt, unterwegs (im Foto unten rechts zu sehen); eine „neuere“ Abfüllung ist in einer eher typischen Spirituosenflasche beheimatet (im Foto links). Gleich markant bleiben das prägnante „B“ auf dem Etikett, sowie die schwarze Wachsschicht, die den Flaschenhals bedeckt.

Baker's Kentucky Straight Bourbon Whiskey alte und neue Flasche

Kleine Anekdote am Schluss – der Kollege, der mir die Restflasche überlassen hat, hatte dann doch noch eine zweite Flasche gekauft. Für ihn ist dieser Bourbon immer noch etwas ungewohnt, und falls es jemand anderem ähnlich ergeht wie ihm: Der Elijah Craig, eine andere Empfehlung, die ich im gab, mundet ihm dafür umso besser. Mit beiden macht man aus meiner Sicht nichts falsch, aber Geschmäcker sind halt verschieden (und damit werfe ich 2€ ins Phrasenschwein).

George Dickel No. 12 Tennessee Whiskey Titel

Kurz und bündig – George Dickel No. 12 Tennessee Whisky

Der George Dickel No. 12 Tennessee Whisky (man beachte die Schreibweise des letzten Worts) ist der zweite große Destillateur von Whiskey im US-Bundesstaat Tennessee, neben dem allgegenwärtigen Jack Daniel’s. Trotz all der Häme, die Jacky-Trinker oft abbekommen, kann ich persönlich gut mit den höheren Qualitäten jenes Herstellers leben und bin daher besonders gespannt, wie sich ein anderer Produzent, der ja einen recht ähnlichen Produktionsprozess mit Sour Mash und Lincoln-County-Verfahren aufweist, im Vergleich schlägt.

Die Farbe ist mit Zuckerkulör gestaltet, sagt daher nichts über den Inhalt aus. Manchen Herstellern geht es nur um die Konsistenz der Farbgebung über Batches hinweg, ich weiß, dennoch ist es ein Produktionsschritt, den ich für unnötig und nicht im Sinne des Verbrauchers halte. Man hat jedenfalls ein dunkles Kupfer mit orangenen Reflexen gewählt.George Dickel No. 12 Tennessee Whisky

Geruch: Oh, das gefällt mir außerordentlich. Sehr fruchtig nach Birne, Banane, Pflaume. Ahornsirup. Butterkekse. Ich habe eine seltsame Assoziation zu Pfannkuchen mit Sahne. Ein minimalster Anflug von Lack. Ich kriege gar nicht genug davon, daran zu riechen – ein echtes Highlight, der angenehmste Spirituosengeruch, den ich seit sehr langer Zeit in der Nase hatte.

Der Geschmack ist dann aber nicht so süß, wie die Nase einem weismachen will. Eigentlich geht der Dickel No. 12 sogar eher ins Trockene, leichte. Ihm fehlt erkennbar etwas an Volumen, er wirkt trotz vieler Aromen wässrig. 45% sind sehr gut eingebunden, praktisch kein Brennen, Zwacken oder Kratzen ist spürbar – ja, dieser Tennessee Whiskey ist wirklich „smooth“. Pflaumen, Rosinen, Birne, die Fruchtnote bleibt erhalten, und eine gewisse honigwürzige Grundsüße. Sehr viel Vanille rundet das ganze ab, die wohl durch die 4 Jahre Reifedauer (diese Zahl steht aber nirgends auf dem Etikett) entsteht.

Der Abgang ist sehr kurz, warm und dabei immer weich, aber recht trocken. Ein mildglühender Nachhall klingt noch eine kleine Weile aus dem Rachen hoch, doch dann ist der Whisky schnell wieder verschwunden.

Wem Tennessee Whiskeys grundsätzlich zusagen, und wer ein Freund von Jack Daniel’s Old No. 7 ist, muss sich den George Dickel No. 12 ganz sicher anschauen – er ist der bessere der beiden großen Whiskeyhersteller dieses Bundesstaats, kostet aber in Deutschland auch rund das Dreifache. Dieses Kurzbesprechung basiert daher auf einem 10cl-Sample.

Die Sprache gehört zum Charakter des Whiskeys – Elijah Craig 12 years Kentucky Straight Bourbon Whiskey

In der globalen Spirituosenwelt tauchen immer wieder Produkte auf, mit deren Namen wir leider allzuoft monoglotten Deutschen bei der Aussprache Probleme haben. Man muss nicht ganz so weit gehen wie die völlig abstrusen Namen bei manchen Rums (Uitvlugt?!?) oder Scotches (Glen Garioch?!?), die selbst Sprachprofis in beinahe unlösbare Schwierigkeiten bringen – manchmal sind es selbst traditionelle angloamerikanische Vornamen, bei denen es schon hapert. Der Schauspieler Elijah Wood beispielsweise wird in deutschen Medien wahlweise auf unterschiedliche Art falsch ausgesprochen. Hier daher die einzig korrekte, gültige Lautkombination zur Referenz.

Dieser Artikel soll nun natürlich nicht über Herr-der-Ringe-Darsteller handeln, sondern über amerikanischen Whiskey. Doch natürlich profitiert der Konsument und mögliche Käufer des Elijah Craig 12 years Kentucky Straight Bourbon Whiskey auch davon, wenn er weiß, wie man die Buchstaben auf dem Etikett korrekt in Lauten wiedergibt, nämlich genau so, wie den Frodo-Mimen.

Wer sich auch nur ansatzweise über Bourbons informiert, stolpert immer wieder über diesen amerikanischen Whiskey. Nun ist es schon allein etwas begeisternd, dass man einen Bourbon 12 Jahre lang reifen lässt (nur 2 Jahre sind gesetzlich für Straight Bourbons vorgeschrieben) – wenn er dann auch noch so wunderbar rund und würzig ist, dann wird der Traum jedes Whiskey-Freunds wahr.

Elijah Craig 12 Kentucky Straight Bourbon Whiskey Flasche Normaletikett

Die Nase ist großartig. Während man bei vielen Bourbons nur das Karamell vorausahnt, vielleicht ein bisschen Eiche, springt einem hier schon die Kraft in den Riechkolben; Vanille ist natürlich dominant. Eine leichte Zitrusnote. Etwas Salz. Man sollte ihn eine Weile offen stehen lassen, dass sich die gröbsten, durchaus vorhandenen Lackgerüche verflüchtigen.

Nach dem ersten Schluck will ich den Elijah Craig dann gar nicht mehr rauslassen – würziger Karamell, Shortbread, Orange, dabei nie scharf oder brennend. Der Elijah Craig ist trotz eines recht süßen, weichen Antrunks nicht anbiedernd schmeichlerisch, sondern schon eher was für die Freunde des Deftigen, um so mehr, je länger man ihn im Mund hält. Dichter Körper, cremiges Mundgefühl, eine volle Breitseite.

Im Abgang kommt dann noch eine leichte Salznote, dazu Trockengebäck und eine recht brutale Holzigkeit zum Vorschein, die sich das abschließende Geschmacksbild mit der wuchtig-tiefen Vanille teilt. Feurig heiß und glühend läuft er die Kehle hinunter, zeigt hier zum ersten Mal seine üppigen 47% Alkohol, und lässt bei adstringierender Trockenheit dann dennoch viele Restaromen noch sehr lange im Mundraum zurück.

Das ist ein fetter Kentucky Straight Bourbon, den ich gern pur trinke. Ein 3cl-Glas reicht auf eine halbe Stunde. Schnuppern und schlürfen, da braucht man nichts anderes und ist 30 Minuten im Whiskey-Himmel.

Doch auch in Cocktails macht sich dieser Bourbon gut, insbesondere natürlich in solchen, in denen er eine Hauptrolle spielt. Man probiere daher einfach mal einen Elderflower Old Fashioned, in dem die Würze des Elijah Craig gegen die Süße des Holunderlikörs wunderbar ankämpft. Alternativ, wenn man nicht so sehr auf die blumige Komponente steht, empfehle ich eine leichte Variation des Dilbert’s Dilemma, in dem ein Bierlikör für die Süße sorgt.

Dilbert’s Dilemma


Dilbert’s Dilemma
2 oz Bourbon Whiskey (z.B. Elijah Craig 12 years)
½ oz Bierlikör (z.B. Saarfürst Brauerfeuer)
Diese Zutaten im Rührglas auf Eis verrühren.
Das Gästeglas mit…

¼ oz Orangenlikör (z.B. Cointreau)
…ausspülen, dann die gerührte Mixtur dazugeben.

Mit einer Orangenzeste dekorieren.
[Rezept leicht adaptiert nach Good Booze]


Die Flasche ist eine Erwähnung wert – im Glas integriertes Logo, massiv, schwer, da hat man was in der Hand. Ein sehr gelungener, breiter Ausguss, mit einem fetten Plastikdeckel auf dem Korkstopfen: die gesamte Verarbeitung wirkt wertig. Wenn man dann noch mit einem Spezialetikett auftrumpfen kann, das einem als Mitglied der Bardstown Whiskey Society zugesendet wird, ist der Wow-Faktor nochmal ein bisschen größer.

Elijah Craig 12 Kentucky Straight Bourbon Whiskey Flasche Spezialetikett

Man sieht auf dem Spezialetikett allerdings auch schon eine Änderung, die im aktuellen Produktionsklima von Whisky und Whiskey unausweichlich scheint – die Altersangabe „12 Jahre“ verschwindet vom Etikett, und wird durch das generische „Small Batch“ ersetzt. Laut Hersteller ändert sich nichts am Rezept; einige Kenner in diversen Foren bescheinigen dem NAS-Craig aber doch einen leicht schwächeren Charakter. Wer also die Chance hat, sich noch eine der Flaschen mit Altersangabe zu sichern, bevor die NAS-Welle, die in den USA bereits begonnen hat, nach Deutschland schwappt, sollte dies tun – in vielen Fachmärkten stehen sie noch herum.

Ob nun 12 Jahre oder NAS – der Elijah Craig bleibt ein Benchmark-Bourbon. Wer wissen will, wie ein guter Bourbon schmeckt, probiert diesen hier. Jeder Cent ist gut investiert. Ich lasse immer einen Tropfen im Bart hängen, für später.

Koval Millet Single Barrel Whiskey Titel

Im Käfig oder auf dem Fensterbrett? Koval Millet Single Barrel Whiskey

Ich bin eigentlich in jedem Geschäft, das Lebensmittel anbietet, immer auch auf der Suche nach neuen Spirituosen. Das Angebot ist meist recht unterschiedlich. Gewisse Standardware hat jeder, wie den Old No. 7, Havana Club 3 Años oder Gordon’s Gin; darüber hinaus ist das Sortiment aber dann schon wechselnd. Der eine Markt konzentriert sich auf Billigschnaps en gros, der andere hat kleine aber feine Marken in der Auslage.

Seit einiger Zeit gehe ich für einige Lebensmittel in Biomärkte, und neben der deutlich sichtbaren Professionalisierung (die ungepflegten Hippies, die braune Bananen mit einem maoistischen Flyer einwickelten, sind Geschichte) bieten diese Läden inzwischen auch Wein, Bier und Spirituosen an, fair hergestellt und gehandelt, mit Zertifikaten und Siegeln. Schnaps, den man oft sonst kaum woanders findet, denn der Kunde mag bei Eiern, Tomaten und Rindfleisch inzwischen auf nachhaltig produzierte Ware schauen, bei flüssigen Genussmitteln ist das eher die Ausnahme. Für manche Hersteller eine Chance, eine Nische zu füllen, die mit der Zeit wahrscheinlich immer bedeutender werden wird.

Für amerikanischen Whiskey gibt es dabei einige grundlegende Dinge zu beachten, wenn es um Bioproduktion geht. Das Rohmaterial, also hauptsächlich Mais, Gerste und/oder Roggen, muss biozertifiziert sein, was in den genmanipulationsfreundlichen USA bereits einen ersten Stolperstein darstellt. Der Koval Millet Single Barrel Whiskey wird auf der Herstellerseite und in Shops als „organic“, dem englischen Begriff für „bio“, vermarktet – doch auf der Flasche selbst findet sich kein Hinweis mehr darauf. Ist da was schiefgegangen?

Koval Millet Single Barrel Whiskey Flasche

Die Erklärung ist recht simpel – neben den Basisprodukten muss auch die Produktion und, und das vergessen viele, sogar der Vertrieb zertifiziert sein, um ein entsprechendes Siegel in Europa zu erhalten. Der Importeur Haromex kann (oder will, aus Kostengründen) dies nicht leisten. Nun, wir wollen ihn trotzdem verkosten, denn Bio-Zertifizierung ist ja gut und schön, wenn er aber geschmacklich nichts taugt, bringt das alles nichts.

Hirse (engl. millet) als Basisgetreide für Whiskey ist ein Alleinstellungsmerkmal – das uralte Gewächs dient hier als Ersatz für die sonst bei amerikanischem Whiskey üblichen Sorten wie Mais, Gerste, Roggen oder Weizen. Die Farbe zeigt diese ungewohnte Zutat allerdings nicht: Kräftiger, strahlender Bernstein, sehr erinnernd an Bourbon oder Rye. Lange, dicke Beine beim Schwenken erzeugen eine ansprechende Optik. Auch die Nase wird überzeugt: Vanille, eine süßliche Note nach Birne und Litschi (mit Dank an Horst Lüning für diesen Hinweis, den ich selbst nicht benennen hätte können, aber definitiv da ist!), Eichenholz, Cerealien. Sehr mild und attraktiv. Die deutlich erkennbare Lösungsmittelnote gehört mit dazu bei amerikanischem Whiskey.

Der Bourbonkenner ist überrascht beim ersten Schluck: Zwar klar süß, aber dazu leicht seifig, insgesamt sehr eigen. Das überragend samtige Mundgefühl passt zum dichten Körper, während die Aromatik aber eher auf der Obertonebene bleibt. Litschis, mildes Obst wie Birne und Banane, dazu aber eine milde Säure. Die Hirse macht sich ingesamt sehr gut als Whiskeygetreide, gibt neben der ganz eigenen Aromatik noch eine runde, feine Tiefe an das Getränk. Eine durchaus kräftige Pfefferschärfe komplettiert ein spannendes Panorama von Eindrücken.

Im Endgame findet sich etwas Säure, ein leichtes Kitzeln belebt den ansonsten samtigen und zarten, sehr langen Abgang. Obstnoten bleiben noch länger am Gaumen, dazu ein minimales Betäubungsgefühl auf der Zungenspitze, spannend für einen Brand, der eigentlich nur 40% (80 proof) aufweist.

Tatsächlich kann man den Koval Millet Single Barrel Whiskey meiner Meinung nach überall dort einsetzen, wo man sonst eigentlich einen Bourbon hernehmen würde. Durch solch leichte Variationen in Basisspirituosen bekommen wir schnell einen ganz anderen Drink; der Haymaker profitiert beispielsweise von der Zartfruchtigkeit und der brummenden Tiefe des Koval-Bioprodukts.

Haymaker


Haymaker
¾ oz Whiskey (z.B. Koval Millet Single Barrel Whiskey)
  ¾ oz Triple Sec (z.B. Grand Marnier Cordon Jaune)
¾ oz Trockener Wermut (z.B. Noilly Prat)
¾ oz Limettensaft
[Rezept nach unbekannt]


Die restlichen Daten lesen sich schön für einen Whiskeyfreund, der auf Herstellungsdetails und Transparenz steht (ich tue das): unfiltrierte Single-Barrel-Abfüllung mit entsprechender Flaschennummerierung, gereift in ausgebrannten, neuen 30-Gallonen-Fässern aus amerikanischer Weißeiche aus Minnesota, die Hirse stammt von einem Biofarmerkollektiv im Mittleren Westen der USA – wer will, kann den Inhalt seiner Flasche bis zum Getreidebauern zurückverfolgen. Wie üblich bei Koval wird nur der Heart Cut eingelagert (ich bin mir nicht sicher, ob das nicht auch die großen Hersteller tun, denn Heads und Tails eines Brennvorgangs werden eigentlich überall als minderwertig wahrgenommen).

Ich freue mich über jede neue Idee, die die sympathische Craftbrauerei aus Chicago hervorbringt. Wer mehr von ihnen probieren will, sollte sich definitiv auch deren Single Barrel Bourbon und den Four Grain Single Barrel anschauen.

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Titel

Mark Twain hätte seine Freude dran – Jim Beam Kentucky Dram Whiskey

Vor kurzem gab es bei Facebook eine Diskussion, die der allseits geschätzte Serge von Whiskyfun.com anstieß – die unerträgliche Situation bei Rum, die es ehrlichen, traditionell arbeitenden Brennern schwer macht, sich gegen all die manipulierenden, nachsüßenden und aromatisierenden Pseudorumhersteller durchzusetzen, die den Ruf des Rum für den schnellen Dollar ruinieren, ließ ihn sich fragen, ob es nicht möglich wäre, dies Problem über eine Etikettenkennzeichnung zu lösen: Sauberer Rum solle den Zusatz „straight“ bekommen, in Analogie zur Kennzeichnung bei amerikanischem Whiskey. „Straight Rum“ wäre definiert als unmanipulierter Rum; „Rum“ ohne diesen Zusatz der Rest.

Ob dies für Rum in seiner multinationalen Herstellersituation durchsetzbar wäre, ist eine Frage; die andere, ob nicht trotz einer solchen Regel weiterhin getrickst werden würde. Was meiner Meinung nach wahrscheinlich passieren würde, sieht man exemplarisch am Whiskey, den ich heute vorstellen will: Dem Jim Beam Kentucky Dram Whiskey. Wir haben hier den Fall eines Blends vor uns, und zwar eines besonderen – hier wird amerikanischer Bourbon mit schottischem Whisky vermählt. Da das Reglement für Bourbon sehr streng ist, darf sich das Kentucky Dram nun natürlich aufgrund der schottischen Zugaben nicht Bourbon, und auch nicht Straight Whiskey nennen; dennoch sieht man prominent auf dem Label die Worte „Kentucky Straight Bourbon Whiskey“ – wer es nicht besser weiß, könnte hier auf die Idee kommen, dies auch in der Flasche zu finden. Der Grat ist schmal.

Weg von den Problemen von Kategorien, Etiketten und Tricksereien hin zum eigentlichen Produkt. Das Wunschziel des Kentucky Dram ist wahrscheinlich, den vollen, süßen Körper eines Bourbons mit dem besonderen Rauch- und Torfaroma eines schottischen getorften Single Malts (doch vorsicht: Single Malt wird nirgends erwähnt, nur „peated whisky“) zu verbinden. Gelingt das?

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Flasche

Der Ursprung der Farbe ist hier eine interessante Fragestellung. Für amerikanische Bourbonproduzenten ist Farbstoff kein Thema, weil verboten. Für Scotchhersteller ist Zuckerkulör als Färbemittel dagegen erlaubt. Da wir laut Beschreibung eine Mischung aus beiden haben, die nicht mehr als Bourbon vermarktet wird, könnte Farbstoff sowohl über die Scotch-Zusetzung als auch durch den Wegfall des Farbstoffverbots in diesen Whiskey kommen. Auf dem Label wird nichts diesbezüglich erwähnt – jeder soll je nach Gemütslage seine Schlüsse daraus ziehen. Ob nun natürlich entstanden oder durch Farbstoffhilfe: Das Kentucky Dram strahlt mit Bernstein in Reinkultur. Beim sanften Schwenken entstehen dünne Beinchen.

Begleitet wird der optische Eindruck durch einen sehr bourbontypischen Geruch. Süß nach Vanille, würzig nach Eiche, eine leichte Lösungsmittelskomponente. Dazu kommt allerdings eine etwas stechende Alkoholfahne, die ein tieferes Schnuppern verbietet. Ich lasse ihn daher eine Weile offen stehen. Doch selbst nach 10 Minuten bleibt dieser stechende Geruch und macht mir den Genuss schonmal schwierig. Den angekündigten schottischen Torfrauch vermag ich persönlich geruchlich nichtmal zu erahnen.

Im Mund kommt er dann, wenn man genau weiß, worauf man zu achten hat, zum Vorschein. Nur ein kurzes Aufblitzen allerdings: Schnell holt die etwas generische Vanille-Eiche-Übermacht alles andere ein und macht es platt. Ein darüberhinaus etwas salziger Charakter mit Anflügen von Lakritz ergibt eine spannende Kombination für alle Freunde des deftigeren Whiskeys; man glaubt kaum, dass er nur 40% Alkohol aufweist, denn die unausgeglichene Schärfe verschreckt schon etwas. Der Abgang ist kurz und leider sehr belanglos. Die bourbontypische Karotte steht noch eine Weile im Mund, dann ist alles enttäuschend schnell wieder weg.

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Glas

Vielleicht bin ich sensorisch zu eingeschränkt, aber ich empfinde die Produktprämisse als sehr gewagt. Wenn wenigstens angegeben würde, welcher und wieviel schottischer Peated Whisky hier enthalten ist, könnte man trefflich diskutieren, wie sehr er die Bourbonbasis beeinflusst – in der vorliegenden Form vermute ich, dass die Formulierung „a touch of peated Scotch whisky“ auf der Dose tatsächlich so gemeint ist. Ein paar Tropfen Scotch pro Flasche. Kaum spürbar. Dazu kommt, dass der verwendete Bourbon ein recht scharfer, harter ist, wahrscheinlich aus Beams unteren Qualitätskategorien; weniger der Geschmack als vielmehr der Geruch leidet sehr darunter.

Wir wollen nun einen Cocktail finden, der der Mixtur aus amerikanischem Bourbon und schottischem Whisky, zwei Titanen der Spirituosenwelt, gerecht wird. Und, siehe da, es gibt einen, von dem man unterschiedliche Varianten findet, einerseits mit dem europäischen und andererseits mit dem amerikanischen Getreidebrand. Mark Twain war so begeistert von ihm, dass er seiner Frau auftrug, die Zutaten bereitzustellen, wenn er von seiner London-Reise zurückkommt. Und ihm zu Ehren ist dieser Cocktail dann auch benannt – wir nutzen hier den schottisch angehauchten Bourbon, um beide Spirituosen zu ehren. Ich bin mir sicher, in dieser Form hätte Mark Twain dieser Cocktail noch besser geschmeckt als mit Scotch (zumindest geht es mir so).

Mark Twain Cocktail


Mark Twain Cocktail
2 oz Scotch (oder hier: Kentucky Dram Whiskey)
¾ oz Zitronensaft
1 oz Zuckersirup
2 Spritzer Angostura
Alles auf Eis shaken.
[Rezept leicht modifiziert nach Mark Twain]


Lohnt sich der Kauf? Persönlich würde ich Interessierten lieber raten, die 40€ in einen guten Bourbon oder einen guten Scotch zu investieren statt in diesen etwas marketinggetriebenen Mischmasch – für das Geld kriegt man in beiden Kategorien ganz hervorragende Produkte. Der Komplettist und Beam-Fan kann aber, wenn er mal etwas anderes probieren will, zugreifen, denn, und das sollte man nicht unterschätzen, das Kentucky Dram ist ein Whiskey, der das Flair des Exklusiven mit sich bringt. Warum?

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Dose

Zunächst ist die Aufmachung gelungen – große, eckige Blechdose in einem sehr genehmen Design. Dann die große, wuchtige Literflasche mit Etikett im selben Metallic-Blau-Stil. Darüberhinaus wird er auch noch künstlich verknappt: Gekauft habe ich diesen Whiskey im Duty-Free-Shop des Flughafens Saarbrücken, vor der Abreise nach Kreta – dankenswerterweise bietet der Shop dort einen Hinterlegungsservice an, so dass man die Flasche nicht mit in den Urlaub nehmen muss, sondern bei der Rückkehr bequem am Informationsschalter abholen kann. 41€ kostete der Liter dort, hätte ich zwei mitgenommen, sogar nur 30€. Ähnlich wie beim Metaxa with Greek Honey ist das Kentucky Dram anderweitig als im Travel Retail aktuell etwas kompliziert erhältlich; bei einem großen ehemaligen Buchversender bekommt man ihn zwar, aber für einen im Vergleich deutlich erhöhten Preis.

Prichard's Lincoln Country Lightning Titel

Eichen sollst Du weichen – Benjamin Prichard’s Lincoln County Lightning Tennessee Corn Whiskey

Die Wetterlage Anfang Juni sorgte bei so einigen dafür, dass man sich wieder etwas mehr mit Meteorologie auseinandersetzte. Das Besondere am Wetter gerade in dieser Zeit waren Mikrogewitter, die sich in einem sehr begrenzten geografischen Raum voller Wut abspielten; neulich, auf der Ostalb, so erzählten mir meine Eltern, hatte es in einem Dorf 10km entfernt 5cm große Hagelkörner und schlimmste Überschwemmungen gegeben. Nur ein paar Autominuten weg davon hat es dagegen nur leicht geregnet.

Im Deutschlandfunk wurde ein Experte befragt, warum keine präzisere Vorhersage möglich war, der im aktuellen Fall Leben hätte retten können. Doch bei dieser Art von Unwetter spielt sich, so der Experte, alles so schnell ab, dass die Vorhersage laut ebenda interviewtem Landrat Klaus Pavel erst kam, als das Gewitter schon in vollem Gange war. Wenn nun schon keine Vorhersage möglich ist, gibt es wenigstens Verhaltensregeln für so einen Fall? Was tut man, wenn es blitzt und donnert? Die Volksweisheit hat einen Spruch parat, deren Wahrheitsgehalt leider gegen Null strebt, aber für den hier vorgestellten Whiskey eine ideale Überleitung bildet.

Eichen sollst Du weichen, Buchen sollst Du suchen. Wahrscheinlich entstand dieser Spruch einfach deshalb, weil es sich so schön reimt; eventuell ist eine Buche, mit ihrer glatten Haut, einfach nach einem Blitzeinschlag nicht ganz so geschädigt wie eine zerfurchte, bemooste alte Eiche, und man nahm diesen optischen Eindruck als Beweis für den Spruch heran. Benjamin Prichard’s Lincoln County Lightning Tennessee Corn Whiskey hat, neben einem superlangen Namen, auch den Blitz im Titel; und er hat sich vielleicht deswegen an die alte Adage gehalten und Eichen gemieden – er kam nicht in Kontakt mit Fassholz, das in den USA zumeist aus amerikanischer Weißeiche produziert wird. Hat es ihm was gebracht?

Prichard's Lincoln Country Lightning Flasche

Ich bewundere zunächst die schönen langen Beine, die der Lincoln County Lightning im Glas beim Schwenken hinterlässt. Dass er völlig transparent ist, hat man ja schon in der eckigen, sich etwas an Feldflaschen orientierenden, nur mit wenig Etikett beklebten Flasche erkennen können. Das schwarz-silberne Dekor lässt einen auf einen edlen Geist hoffen.

Den Whiskeyfreund, der denkt, hier einen bourbonähnlichen Geruch zu bekommen, wird überrascht sein: Frischgebackenes Brot, Mehl, ein Hauch Lakritze, eine Ahnung von Pfirsich, ein Anflug von Klebstoff. Ich habe noch nie einen derartigen Geruch bei Spirituosen gerochen.

Auch im Mund ist dieser brotig-mehlige Geschmack vorhanden. Sehr trocken, zwar süß, aber fast staubig. Erinnert mich etwas an polnischen Vodka; mehr an Vodka als an Bourbon aber auf jeden Fall. Eine kräftige, brennende Schärfe zeugt vom ungebändigten, frischen, jungen Geist dieses Maiswhiskeys.

Im Abgang wird dies durch eine pfiffige Schärfe an der Zungenspitze weiter fortgeführt. Am Gaumen verbleibt eine seltsam trockenes Gefühl. Insgesamt ein eher kurzer Abgang – die alkoholische Schärfe bleibt länger als ein Geschmack.

Prichard's Lincoln Country Lightning Flasche Seitenansicht

Würde ich dem Whiskeyfreund solch einen Brand zum Purgenuss empfehlen? Auf jeden Fall, aber eigentlich nur aus einem Grund: Als Studienobjekt. Man sieht an solcherlei Whiskey sehr eindrücklich, wie sehr das, was wir als Whiskey kennen, von der Fassreifung beeinflusst wird. Zieht man einen gereiften Maiswhiskey wie den Mellow Corn zum Vergleich heran, glaubt man kaum, dass es sich um dieselbe Spirituose handelt.

Man kann das Spirituosenstudium noch weiterführen, indem man einen ungereiften Maiswhiskey wie den Lincoln County Lightning mit einem ungereiften Bourbon vergleicht, zum Beispiel dem Buffalo Trace White Dog Mash #1. Obwohl in beiden Mais als Hauptbestandteil enthalten ist, erkennt man hier schon die feinen Unterschiede.

Nun, außerhalb der Schnapsforschung für interessierte Connoisseure hat der Lincoln County Lightning aber nicht wirklich viel zu bieten. Er ist zu scharf, zu eindimensional, um wirklich für den feinen Gaumen als Schlürfobjekt zu taugen. Der übliche Gebrauch für derartige, mit Moonshine (also illegal gebrannten Hochprozentigem) verwandte Produkte ist das Effekttrinken; da mag die hochwertige Aufmachung zwar auf anderes hindeuten, doch letztlich sind die Alternativen dazu stark eingeschränkt.

In einem Cocktail ist ein ungereifter Maiswhiskey kein Ersatz für Bourbon, da sich die Aromatik völlig unterscheidet. Ich würde ihn eher mit weißem Rum im Einsatzgebiet vergleichen, oder mit Vodka. Hin und wieder findet man aber dann doch einen mutigen Mixologen, der ein Rezept speziell für White Dogs und Co. entwickelt, wie den White Whiskey Punch.

White Whiskey Punch