Aus dem Hochlandtiefbrunnen – Terralta Tequila

Es ist eine der wichtigsten Hilfsmittel für jeden Tequila-Freund – Tequila Matchmaker, eine App, die sowohl zur Bewertung von Agavenbränden dient, als auch als Datenbank zum Nachschlagen zu Herstellungsdetails, die uns als Freunden des gut gemachten Tequilas wichtig sind. Ist dieser Tequila, den ich da gerade zufällig gefunden habe, durch einen Diffusor produziert worden? Wurde die gekochte Agave mit einer Tahona zermahlen? Welche Art von Kochgeschirr kam zum Einsatz? Welche anderen Tequilas wurden unter dieser NOM hergestellt? Fehlkäufe können so in Zukunft nahezu ausgeschlossen werden, und die geschmackliche Durchschnittsbewertung von Laien wird durch ein Panel von Profis ausbalanciert. Tolle Sache, ich nutze die App seit langem und kann sie nur empfehlen.

Schaut man darin nach dem heute hier besprochenen Tequila – also dem Terralta Tequila Blanco, Reposado, Añejo und Extra Añejo – so findet sich eine ganz hervorragende Bewertung für den ungereiften, und sehr gute Punktewerte für die gereiften Varianten. Persönlich halte ich nichts von Punktevergaben, das habe ich ja schon in einem meiner ersten Artikel auf meinem Blog betont, doch ich gestehe zu, dass das aufmerksam macht. Entsprechend groß ist die Vorfreude auf die folgende Verkostung gewesen, und ich greife nicht vor, wenn ich jetzt schon sage, dass die Vorfreude nicht enttäuscht wurde.

Zu den Details dann mehr bei den einzelnen Tequilas selbst, nur drei Worte über technische Details vorab: Erstens, alle diese Tequilas sind mit 40% Alkoholgehalt abgefüllt, einem für Tequila sehr angenehmen Wert, auch wenn auch hier inzwischen ein Trend zu mehr Prozenten auszumachen ist. Zweitens, sie sind alle nach modernen Methoden hergestellt, die sich allerdings an traditionelle Methoden anlehnen, mit Steinöfen und einer Maschine, die einer klassischen Tahona nachempfunden ist (und „Frankenstein“ genannt wird und wirklich aus einem Horrorfilm entsprungen zu sein scheint), was für mich allein schon eine spannende Sache ist. Drittens, das verwendete Wasser; zum grundsätzlichen Thema „Wasser“ hatte ich schon beim G4 Tequila , einem der anderen Tequilas der Destillerie El Pandillo (NOM 1579), gesprochen – im Unterschied zu jenem setzt man hier komplett Brunnenquellwasser ein und lässt das Regenwasser weg. Diskutieren wir nicht lang drüber, ob es was bringen kann, gießen wir uns ein Glas ein und schauen, ob es was bringen tut.

Terralta Tequila Samples

Farblich komplett transparent und ohne Makel bewegt sich der Terralta Blanco mit einer leichten Öligkeit im Glas, hinterlässt dabei einen Fransenrand aus Tränen, die in kleinen Tröpfchen ablaufen. Die Nase ist äußerst würzig und aromatisch – ein richtiger Bums an frisch geschnittener Agave lässt bei mir schon von Anfang an keinen Zweifel aufkommen, dass wir hier ein besonders edles Produkt vor uns haben. Sehr erdige Aromen, erinnernd an Leder, grünen Pfeffer und eine sehr ausgeprägte Harzigkeit untermauern das; geröstete Mandeln, Vanille und Honig rieche ich als süße Basis.

Auch im Mund erkennt man das Basisprodukt sofort, und es definiert den gesamten Geschmacksbogen. Da ist kein Chichi, kein Fehler, kein aufgepfropftes Aroma – ein pures, aromatisch sehr reines Agavendestillat, wie ich es selten erlebt habe. Eine sehr vorsichtige, natürliche Süße mit ein paar Nuss- und Vanillearomen spielt mit Pfefferschärfe, die keineswegs aus den 40% Alkoholgehalt stammt. Eine wunderbare Rundheit und sowohl Tiefe als auch Breite lassen mich diesen Brand gerne sehr, sehr lange im Mund behalten und dort hin und her schwappen.

Der Abgang gleicht sich dem an – er ist heiß, lang, pfeffrig-scharf und voll. Ein Hauch aus Agave hängt nach, gepaart mit einem leicht metallischen Ton. Der Terralta Blanco bleibt dabei sehr sauber und direkt, ohne künstlich wirkende Nachklänge oder störende Einflüsse, rein die Agave ist bis zum letzten Schluss da, minutenlang, ein wirklich extrem ausdauernder Tequila: Ein Meisterstück eines wahren Könners, ohne jeden Zweifel.

Terralta Tequila Blanco

Im Terralta Reposado sieht man die Farbe, die 3 Monate in einem „light toast #1“-Ex-Bourbon-Fass, das zum ersten Mal für etwas anderes als Bourbon benutzt wird, erzeugen. Eine leichte Strohigkeit, Pastellgold vielleicht, erkennbar und ehrlich wirkend. Auch hier ist die leichte Viskosität des Basisdestillats erkennbar, mit den entsprechenden Glasrandeffekten.

Während bei manchen Reposados bereits trotz der kurzen Reifezeit das Holz dominiert, ist hier noch die Agave deutlichst im Vordergrund. Sie wird durch milde Vanille- und Gewürznoten nur unterbaut, sehr gelungen, wie ich finde. Leichte Frucht- und Blütenkomponenten, dabei besonders Jasmin und Rose, sorgen für ein wirklich exquisites Aromenspektrum für die Nase.

Im Antrunk kommt zwar eine gewisse Süße als erster Eindruck, doch direkt wird sie von einer trockenen Bittere und milder Salzigkeit übernommen. Der Reposado wirkt leicht holzig, erdig, sehr erwachsen und voll in jeder Richtung. Keine Komponente überwiegt die andere, Agave dominiert zwar, aber das will man genau so haben bei einem guten Tequila, wie das hier ausgeführt ist. Der Abgang ist lang, sehr floral in Richtung Jasmin, mit deutlicher Anästhesie auf der Zunge, warm und voll im Rachen. Eine feine Würzigkeit bleibt bis zum Schluss.

Spannend, wie sich hier der Holzausbau tatsächlich in einer wirklich schönen Aromenverschiebung hin zum Gewürz und zur Blütigkeit äußert, und nicht das Holz, wie bei manchen Reposados entweder gar nicht oder übermäßig übernimmt. Auch hier bleibt als Fazit nur – hervorragend. Anders als der Blanco, aber nicht schlechter.

Terralta Tequila Reposado

Für den Terralta Añejo (ebenso wie für die gereiften Varianten von G4 und Pasote, die ja alle aus derselben Destillerie stammen) werden Fässer aus amerikanischer Eiche eingesetzt, stammend von den Herren Beam und Daniel. Hier erkennt man bereits eine zarte Färbung, aber wir bewegen uns immer noch im strohig-pastelligen Bereich.

Die Mischung, die die Nase hier wahrnimmt, hat nun auch Komponenten von zwei Einflüssen – einerseits bleibt die bereits in den jüngeren Varianten dominante Agave auch hier definierend, doch Vanille und Zimt aus den ehemaligen Bourbonfässern ist nun beinahe gleichberechtigt. Das ist eine gute Sache, denn viele andere Añejos riechen schon kaum mehr nach Agave. Etwas Orangenschale, etwas Limette – eine schöne Zitrusseite taucht hier auf. Erfreulicherweise bleibt auch das Blumige des jüngeren Bruders erhalten.

Der Geschmack hat sich dann etwas deutlicher vom Reposado entfernt. Die Frische und Grünheit, die Vegetalität des Destillats ist nun viel zurückgenommener, im direkten Vergleich wirkt der Añejo stumpfer und weicher. Zimt, Vanille, etwas Karamell sind im Vordergrund, eine starke Pfeffrigkeit voller Feuer und adstringierende Trockenheit lassen den Tequila aber nicht zu süß und anbiedernd werden.

Der Abgang ist wieder sehr blumig, hier taucht der Charakter eines Tequila wieder auf, wie ich ihn mag. Sehr lang, heiß, viel Jasmin, Agave und ganz dezente Gewürznoten. Nun, das ist ein Añejo, der mir gefallen kann, dennoch wird diese Kategorie niemals ein echter Favorit für mich werden, denn alles, was ich an diesem Tequila mag, ist bereits in den jüngeren Alterskategorien vorhanden, und er gewinnt nicht viel durchs Reifen, wenn man nicht fragt; im Gegensatz zu vielen anderen Añejos verliert er aber auch nicht viel.

Terralta Tequila Añejo

Kommen wir zum ältesten, was Terralta zu bieten hat – der Terralta Extra Añejo. Vier Jahre, also ein Jahr mehr als die Altersstufe gesetzlich mindestens erfordert, hat dieser auf dem Buckel: hier ein Opa, bei anderen Spirituosen gerade aus dem vorgeschriebenen Mindestalter heraus. Die Fassauswahl ist dieselbe wie beim oben beschriebenen Añejo.

Farblich hat sich nun im Vergleich zum Añejo praktisch nichts mehr getan, der Ton ist der gleiche, es ist ein etwas kräftigerer Schimmer und dunkle Reflexe erkennbar, das ist es aber auch schon. Das Schwenkverhalten ist immer noch lebendig und flüssig, wie bei allen Ausgaben dieses Tequilas. Geruchlich wird es nun sehr mild und vanillig. Die rosige Blumigkeit ist die zweite Komponente, die beiden zusammen überlagern die Agavencharakteristik deutlich, ohne sie aber ganz platt zu kriegen. Mineralische Noten und ein bisschen Zuckerwatte kommen dazu.

Geschmacklich schließlich erreichen wir ein Stadium, wo Milde, Rundheit und Gemütlichkeit die Oberhand gewonnen haben. Die leichte Seifigkeit des Antrunks wird, wie gewohnt, durch Würze im Verlauf ersetzt, doch hier geschieht das gemächlich und erreicht nie die Kraft seiner jüngeren Brüder. Schwarzer Pfeffer, rohe Agave, Zimt. Gegen Ende wird der Extra Añejo eiskalt, ein interessanter Unterschied zum Añejo, und nur sehr leicht holzig, vor allem ohne schwer oder dunkel zu werden – man merkt, dass die eingesetzten Fässer bereits dreimal für den Añejo verwendet wurden, da ist wirklich nur vorsichtige Holzcharakteristik. Der Abgang ist lang, mit viel floralen Qualitäten, Wintergrünöl, Zimt und Lavendel. Kühlender Eukalyptus liegt lange im Mundraum, wenn der Rest schon verschwunden ist.

Die Idee, die Fässer erstmal ein paar Mal für einen anderen Reifungsgrad zu verwenden, bevor sie für den ältesten herangezogen werden, ist genial und sorgt dafür, dass wir hier einen Extra Añejo vor uns haben, der noch viel seiner Frische und Agavenherkunft erhalten hat. Für mich sicherlich einer der besten dieser Stufe, die ich getrunken habe, denn hier spürt man noch den Tequila heraus, und nicht ein generisches Holzlagerungsdestillat.

Terralta Tequila Extra Añejo

Da gibt es nichts zu deuteln, das sind alles absolut erstklassige Tequilas, ich habe rein gar nichts zu meckern. Ich bin begeistert darüber, wie sehr sich die Tequilawelt in Deutschland in den letzten 5 Jahren gewandelt hat, diese Art von Qualität hätte man damals höchstens in Träumen hierzulande erwerben können. Gleichzeitig hat sich aber auch in den Köpfen der Hersteller etwas gewandelt, man sieht, dass sie sich selbst nicht mehr mit Massenproduktion und seelen- und traditionslosen Destillaten zufriedengeben wollen, sondern etwas herstellen wollen, auf das man am Ende des Tages sehr stolz sein kann. Gerade die „modernen Traditionen“ bei Herstellern von Destillaten wie Terralta, G4, Fortaleza und ähnlichen tun sowohl uns als auch der Tequilakultur insgesamt sehr gut.

Für den obligatorischen Cocktail meiner Besprechungen habe ich mir den Terralta Reposado rausgepickt, obwohl alle vier eine ausgesprochen hohe Mixability aufweisen und jeden Drink aufwerten – ich bin mir sicher, wer bisher nur Tequilacocktails mit José-Cuervo-Mixtos kennt, und dann den Pre Siesta mit einem Terralta, wird gar nicht erkennen können, dass das eigentlich dieselbe Spirituosenkategorie sein sollte. Und, das kommt dazu, selbst die meisten anderen 100%-Agave-Tequilas werden ihm weder pur noch in Drinks das Wasser reichen können.

Pre Siesta Cocktail


Pre Siesta
2 oz Tequila Reposado
¾ oz Triple Sec
½ oz Aperol
3 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Little Rich Hunt]


Es ist dem Importeur fifteenlions sehr zu danken (und das sage ich nicht, weil ich kostenlose Samples bekommen habe), dass hier nicht nur ein paar Alibiflaschen importiert wurden, die in einem obskuren Onlineshop vor sich hin dümpeln. Bei dem Ruf, den Tequila trotz allem oben gesagten in Deutschland immer noch hat, muss zwar über ihn aufgeklärt werden – wozu ich hoffentlich etwas beitrage -, doch alle Aufklärung hilft nicht, wenn man die entsprechenden Produkte in Deutschland gar nicht bis nur schwer bekommt. Zur Aufklärung gehört auch ein engagierter Importeur, der weitreichend Werbung betreibt und den Tequila in ausreichenden Mengen zu einem vernünftigen Preis anbietet. Und fifteenlions leistet dahingehend sehr gute Arbeit, die auch mir das Agavenleben in Deutschland angenehmer macht.

Offenlegung: Ich danke fifteenlions für die bedingungslose Zusendung der vier 10cl-Samples dieses Tequilas.

Kurz und bündig – Maisel & Friends Kaminfeuer Kellerbier by Heiko Müller

Der Hobbybrauerwettbewerb von Maisel & Friends geht in die nächste Runde – Kellerbiere galt es zu brauen. Während der Home Brew Bayreuth im September 2019 wurden die Einreichungen verkostet, und der Gewinner war Heiko Müller mit seinem Kaminfeuer Kellerbier, das nun als Gewinn in limitierter Auflage statt im heimischen Keller auf den professionellen Anlagen bei Maisel nachgebraut werden konnte.

Maisel & Friends Kaminfeuer Kellerbier by Heiko Müller

Sehr schöne safranfarbige Opalisierung, durch die das Bier im im Glas leuchtet. Hält man es gegen das Licht, sieht man kleine Bläschen sehr langsam aufsteigen. Der Schaum, schon zu beginn eher dezent, bleibt als feine aber dünne Decke eine Weile auf dem Bier liegen. Geruchlich sehr würzig, mildrauchig, fast schon etwas nach Grill duftend. Auf jeden Fall passt hier der Name sehr gut. Starkmalzig, leicht speckig, etwas brotig – eine sehr prägnante Duftkomposition insgesamt.

Auch im Mund schmeckt das Maisel & Friends Kaminfeuer Kellerbier by Heiko Müller, wenn man mich fragt, zunächst wie ein Schinkenbrot. Die Würze bleibt erhalten, wird nur durch zurückhaltende Hopfenfrucht in der Zitrusrichtung ergänzt. Leicht salzig, erkennbar rauchig, ein Anflug von Kümmel; sehr rezent und kantig-bitter im Mund, ohne dafür eine üppige Cremigkeit aufzugeben. Eine gewisse Unrundheit muss man allerdings auch attestieren, gegen Ende entsteht im Mund eine leichte Schalheit. Der Abgang hat fast schon einen Eukalyptushauch, ist frisch und langanhaltend deftig bitter (23 IBU, ich hätte mehr vermutet), fast schon hin zum Kratzenden, was bei diesem Bier gar nicht stört, sondern zum Gesamtkonzept passt. 5,6% Alkoholgehalt passen sich hier gut ein.

Ohne Schwierigkeiten kann ich hier sagen – dieses Bier hat seinen Gewinn verdient, und ich finde es ausgesprochen toll, dass Maisel & Friends sich der Hobbybrauer annimmt und diesen so eine Möglichkeit gibt, der Welt zu zeigen, dass Bier ein derart vielseitiges Getränk ist.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung einer Flasche „Kaminfeuer“.

Tropfen des Geistes, Gießet hinein! Palms Arrak

Nicht über alle Spirituosen, die man so im Laufe des Verkosterlebens trinkt, weiß man ausgesprochen viel. Transparenz bezüglich der Herstellung ist bei vielen Brennern ein Fremdwort – manche wollen einfach nichts sagen, weil sie etwas zu verbergen haben, andere interessiert es einfach nicht, dass sich andere für ihr Produkt tiefer interessieren, sie wollen einfach verkaufen, und weitere wissen gar nicht, dass sie zu wenig Informationen bereit stellen für die Aficionados dieser Welt. In der Hoffnung, auf letztere Gattung zu treffen, frage ich bei lückenhafter Detaillage darum oft beim Hersteller oder Importeur nach; doch die übliche Antwort ist Totenstille, man muss sich bereits freuen, wenn nach vielen Wochen eine knappe Mail mit nur wenig Neuem ankommt, oder einfach das offensichtlich erfundene Marketinggeseier erneut vorgeleiert wird.

Anders beim Palms Arrak. Auch hier war zunächst nur wenig über diese Marke der südostasiatischen Palmsaftspirituose (nicht zu verwechseln mit der Art von  Arrak, die aus Melasse gebrannt wird, und schon gar nicht mit dem Anisschnaps des nahen Ostens) aus den leicht zugänglichen Quellen eruierbar, und ich rechnete nicht damit, vom Hersteller eine schnelle und vor allem derart detailreiche Antwort auf meine Anfrage zu bekommen, wie sie kurz nach Abschicken eintrudelte. Die für mich wichtigen Punkte wurden klar und deutlich erläutert, und ich gebe sie hier in eigenen Worten wieder für alle die, denen die Herstellung ähnlich wichtig ist wie mir.

Palms Arrak

Die Arenga-Palmen, aus deren Blüten der Saft stammt, aus dem schließlich der Palms Arrak gebrannt wird, stehen laut dieser Information in Kambodscha. Dabei handelt es sich nicht um eine Plantagenkultur, sondern wild wachsende Palmen in den dortigen Reisfeldern. Nur in der Trockenzeit nach der Reisernte werden die Blüten in den Baumkronen angezapft, ohne dauernden Schaden an den Palmen zu verursachen – 5 bis 12 Liter süßer Saft (13 Grad Brix) pro Tag und Pflanze können so erreicht werden. In Gärbottichen wird er unbestimmte Zeit fermentiert, und anschließend in Pot Stills doppelt destilliert, um einen Zielalkoholgehalt von 70% zu erreichen. Die Reifung erfolgt dann in Fässern aus dem rötlichen asiatischen Halmilla-Holz mit einer Kapazität von 250l. Hier kommt eine Information des Etiketts dazu – mindestens 3 Jahre lagert der Palms Arrak so, und bekommt dadurch eine rotgelbliche Farbe. Eigens aus dem selben Saft hergestellte Zuckercouleur wird verwendet, um den Farbton anzupassen; andere Zusätze werden nicht beigegeben. Die Filterung und Abfüllung schlussendlich erfolgt in Bad Bevensen in Norddeutschland: eine deutsch-kambodschanische Koproduktion also.

Natürlich hätte ich zumindest Teile dieser Informationen gern auf dem Etikett gesehen, doch die freundliche Offenheit in der Kommunikation gleicht das für mich aus – vielleicht bin ich doch ein Sonderling, und die meisten trinken den Stoff einfach, ohne sich allzuviel Gedanken zu machen. Was wir nun tun werden.

Palms Arrak Glas

Die angesprochene Färbung hilft, das dunkle Hennarot mit terracottafarbenen Reflexen entstehen zu lassen. Im Glas sieht man die Flüssigkeit schwer hin und her schwappen, eine ausgeprägte Viskosität bringt den Arrak dazu, lang und fett am Glasrand zu haften, so dass er nur in Zeitlupe in dicken Tränen abläuft. In der Nase fühle ich mich an harzige Tannenäste erinnert, Fichtennadeln, schwarzer Tee. Dabei ist auch deutlich etwas Klebstoff, vielleicht Getreide. Dezenter sind Zitrusnoten, Orange vor allem. Etwas Menthol ist noch in der Kopfnote.

Im Mund ist der Palms Arrak schwer und breit, zunächst wirkt er süß, mit Kokosaromen, die im Verlauf immer stärker werden. Orange, Milchschokolade, Nougat, eine vorsichtige Nussigkeit, etwas Kümmel sogar. 40% Alkohol sind stärker erkennbar, als es sein müsste. Süße bleibt durchweg da, kämpft am Ende aber gegen eine kräftige Bitterkeit, die ich wiederum sehr apart finde und für etwas Texturkomplexität sorgt. Über den Abgang ist nicht wirklich viel zu sagen – er ist kurz, kühl und bitter, leicht kitzelnd, dennoch etwas flach und leicht metallisch. Nach wenigen Sekunden ist nichts mehr da, auch kaum ein aromatischer Nachhall verbleibt, vielleicht etwas vom Kümmel und Menthol.

Arrak war in Europa lange Zeit die Spirituose der Wahl, wenn es um Mixgetränke ging – Schiller, Mozart, Goethe und andere Geistesgrößen gaben sich besonders gern der damals sehr lebendigen Punschkultur hin, in der gemeinsam aus einer großen Schale geschöpft und getrunken wurde. Die heutige Individualtrinkkultur ist mehr auf Einzelportionen ausgerichtet, doch hin und wieder ist so ein geteiltes Getränk durchaus eine Freude. Darum verwende ich den Palms Arrak mit einer anderen, mit Arrak stark verbundenen Zutat (Swedish Punch) in einem Punsch für Zwei. Ein passendes Gefäß, zwei (Glas-)Strohhalme, und fertig ist der Saturday Night Bath Punch, in Reminiszenz an barocke Trinkgewohnheiten und ein heutzutage ebenso vergessenes Samstagabendritual.

Saturday Night Bath Punch Cocktail


Saturday Night Bath Punch
2 Portionen
3 oz gereifter Arrak
2 oz Swedish Punch
2 oz Blue Curaçao
1½ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken.
In einer Schale mit crushed ice und Strohhalmen für zwei servieren.

[Rezept nach Helmut Barro]


Laut eigener Aussage wird bei Palms Arrak viel Wert auf Nachhaltigkeit gelegt – das ist in einem schnelllebigen, oft genug ausschließlich auf den kurzfristigen Profit ausgerichteten Business ganz sicher erwähnens- und lobenswert. Dazu passt das EU-Biosiegel, das auf dem Rücketikett zu finden ist. Insgesamt gefallen mir Flasche und Etikettengestaltung sehr, sie wirken modern, dezent, stilsicher und durch die transparenten Teile sehr attraktiv.

Für mich persönlich ist der Palms Arrak im Purgenuss etwas zu kurz und schmal, als kleiner Digestiv und Cocktailzutat dafür spannend. Eine ungewöhnliche Spirituose mit Charakter und Geschichte – gerade letzteres ist für mich als Kopftrinker immer etwas, was mir den geschmacklichen Genuss weiter versüßt. Wer sich für Rum oder Cachaça interessiert, sollte sich von den Vergleichen mit diesen Spirituosenkategorien, die man immer wieder mal liest („Rum aus Palmsaft“ et cetera), nicht einwickeln lassen, Arrak dieser Art ist aromatisch doch etwas ganz anderes, und vom Basismaterial her sowieso gar nicht verwandt. Dennoch (oder gerade deswegen?) rate ich zum Selbstversuch, denn die Erweiterung des Aromenhorizonts ist immer etwas Gutes, wissenschaftliches Weiterbildungstrinken sozusagen.

Offenlegung: Ich danke conalco.de für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung einer Flasche des Palms Arrak.

Hausmacherlikör für die Faulen – Revolte Swedish Punch

Wer sich mit Cocktails auseinandersetzt, beginnt eigentlich immer damit, sich erstmal die Rezepturen zu verinnerlichen, die mit leicht verfügbaren Zutaten hergestellt werden – Bourbon, Wermut, Campari, Champagner, Säfte. Das geht eine ganze Weile gut, irgendwann kommt aber jeder interessierte Mixologe an einen Punkt, wo man beginnt, mit hausgemachten Zutaten zu experimentieren. Mein selbstgemachter Swedish Punch hatte damals einen der ersten Artikel auf meinem Blog spendiert bekommen – inzwischen bin ich über diese Phase wieder hinaus, und auch wenn ich unterwegs immer noch gern Cocktails trinke, die mit obskuren, im Hinterzimmer zusammenmazerierten Zutaten hergestellt werden, so überlasse ich das den Profis und belaste meine knapp gewordene Heimbarzeit nicht mehr allzusehr mit dieser zwar spannenden, aber doch etwas mühseligen Arbeit. Insbesondere, da kaum jemand diese Cocktailrezepte je nachbauen wird, es ist einfach zu viel Aufwand, sich zuerst die 10 Sirupe aus Steinen, Blättern und Morgentau herzustellen, die in vielen Rezepten von Cocktailwettbewerbgewinnern aktuell gefordert werden.

Um so erfreulicher, wenn sich ein rühriger Brenner um diese Art von raren Spezereien bemüht. Revolte Swedish Punch ist ein Versuch des deutschen Rumherstellers, sich auch mal in die Likörabteilung zu begeben.

Revolte Swedish Punch

Sowohl bereits in der Flasche als auch später im Glas ist eine deutliche Trübung erkennbar, die dem kräftigdunklen Terracotta einen Nebelcharakter verleiht. Das ist bei einer Spirituose wie Swedish Punch natürlich kein Mangel, sondern eher Zeichen, dass hier nach Herstellung nicht exzessiv nachgefiltert wurde. Als Likör bewegt sich die Flüssigkeit sehr schwer und träge im Glas.

Der Geruch ist schnell übers Glas hinaus erkennbar und wuchtig – tatsächlich riecht man Tee, eine sehr deutliche Zitrusnote, und viel Gewürz. Ein Anflug von dunklem Rauch stammt wohl vom eingesetzten Lapsang-Tee. Auch die Rumbasis ist durch all diese Aromen noch erkennbar. Insgesamt hinterlässt der Revolte Swedish Punch einen sehr schweren, dunklen Eindruck. Dieser Likör verhält sich von Anfang an sehr vorsichtig im Mund. Aus den 60% des Basis-Overproof-Rums aus eigenem Hause wurde auf sehr genehme 20% Alkoholgehalt herabgesetzt – da kratzt und beißt nichts, zusätzlich auch durch die starke Süße, die lange an den Lippen kleben bleibt. Zitrusnoten dominieren zunächst, bis schnell Backgewürze wie Nelken, Piment und Kardamom nach vorne strömen und das Bild komplett übernehmen.

Revolte Swedish Punch Glas

Gegen Ende kippt das ganze dann nocheinmal in Richtung Tee und Rauch, besonders der Abgang, mittellang aber sehr effektvoll, ist aromatisch dicht und mit Anklängen von Rosmarin und Harz. Trotz der Süße wirkt der Revolte Swedish Punch dann irgendwie trocken, mit einer kleinen Bittere im Nachhall, der dann plötzlich von kaltem Rauch und Zedernholz beherrscht wird; man sieht, ein vielschichtiges Spektrum, das Spaß macht – deutlich anders im Geschmack als mein oben erwähnter selbstgemachter Swedish Punch, aber nicht schlechter.

Swedish Punch ist und war nie eine besonders verbreitete Cocktailzutat. Die Rezepte dafür lassen sich an wenigen Händen abzählen. Dabei kann die süße Mischung aus Tee, Rum und Zitrone einen sehr attraktiven Part in einem Mischgetränk spielen, das ist wie ein Premix für eine breite Aromenpalette, die man sonst aus vielen verschiedenen Zutaten jedesmal neu von Hand zusammenstellen müsste. Der Hi Falutin wird durch einen ordentlichen Anteil Swedish Punch beispielsweise sehr aromatisch, würzig und bunt.

Hi Falutin Cocktail


Hi Falutin
1½ oz Bourbon
1 oz Swedish Punch
1 oz Quinquina
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Del Pedro]


Persönlich schätze ich sehr, wenn eine Marke ihren Stil gefunden hat, und den dann auch durchzieht – alle Revolte-Produkte werden in derselben markanten Flasche ausgeliefert, die gut in der Hand liegt und sich auch hübsch im hauseigenen Spirituosenregal macht. Klar etikettiert besteht dennoch keine Verwechslungsgefahr. Auf diesem kleinen Etikett steht alles relevante nachzulesen, dazu die für Revolte übliche und sehr lobenswerte Angabe über den vorliegenden Batch, bei mir ist es Flasche 46 von 500 aus Batch 1. Man sieht unabhängig vom Inhalt damit schon, dass es sich hier um eine kleine Auflage einer handgemachten Spirituose handelt. Und das allein finde ich immer schon unterstützenswert, und wenn man die Pressemitteilungen von Revolte verfolgt, erkennt man, dass der Ideenreichtum noch lange nicht ausgeschöpft ist im Hause Kaltenthaler.

Offenlegung: Ich danke Revolte für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung einer Flasche ihres Swedish Punch.

Flüssiger Bratapfel – Lecompte Calvados Pays d’Auge Age 12 Ans

Ende August war ich zum dritten Mal in Folge zu Spirits Selection by Concours Mondiale de Bruxelles als Spirituosenjuror eingeladen worden. Der Wettbewerb, der jedes Jahr in einem anderen Land stattfindet, war dieses Jahr in China zu Gast. Um die 35 Samples, aus allen möglichen Kategorien, gilt es jeden Tag zu verkosten und nach verschiedenen Kriterien zu bewerten. Besonders gefallen hat mir dieses Jahr der Flight mit Calvados XO – 7 Samples, beinahe alle auf einem sehr hohen Niveau, standen in dieser Blindverkostung vor mir auf dem Tisch – da wird die durchaus anstrengende Arbeit des Verkosters zum Vergnügen.

Spirits Selection 2019 Calvados XO Flight

Die Alterskategorie XO, die es auch für Cognacs und Armagnacs gibt, bedeutet im Gegensatz zu jenen, wo sich die Zahl der Jahre auf 10 geändert hat, immer noch „mindestens 6 Jahre gereift“. Nicht alle Produkte verwenden allerdings diese Alterskategorien – der Lecompte Calvados Pays d’Auge Age 12 Ans, den ich hier besprechen will, verlässt sich statt dessen auf eine absolute Altersangabe in Jahren. Wie in der EU rechtlich festgelegt, sagt diese Angabe bei einem Blend aus, dass der jüngste Anteil dieses Alter aufweisen muss.

Darüber hinaus gilt für Calvados aus der Region Pays d’Auge eine striktere AOC-Regelung als für andere Calvados-Gebiete – er wird mindestens 6 Wochen fermentiert, dann doppelt destilliert, und muss schließlich mindestens 2 Jahre gereift werden. Für den Lecompte Calvados hier hat man sich dazu entschlossen, nach der Reifung dem Apfelbrand noch etwas Zeit in Ex-Portweinfässern zu spendieren. Wie schlägt er sich im nahezu direkten Vergleich zu den Samples, die ich in China vor mir hatte?

Lecompte Calvados Pays d'Auge Age 12 Ans

Optisch ist er jedenfalls schonmal beeindruckend – dunkles Terracotta leuchtet im Glas, und der Calvados bewegt sich äußerst ölig, schwenkt sich schwer, hinterlässt dabei eine dicke Flüssigkeitsschicht am Glasrand, die nur träge abläuft.

Ich glaube, ich habe selten etwas im Verkostungsglas gehabt, was meine Nase so angesprochen und verzaubert hat. Dieser Calvados hat wunderbare Apfel- und Birnennoten, gleichzeitig aber auch dunkeltraubige Komponenten und einen Hauch Holzeinfluss. Viele Gewürze klingen mit, Zimt, Nelken, Kardamom.

Der Lecompte beginnt im Mund mit viel Apfel, wandelt sich im Verlauf zu etwas, was zwar noch Frucht enthält, aber mich an einen Armagnac erinnert – die lange Reifung lässt den Apfel etwas verschwimmen. Das Mundgefühl kann nicht so ganz mit der traumhaften Nase mithalten, es wirkt dagegen etwas schmal, doch diese Konzentration auf den Geruch haben viele Brandys an sich. 40% Alkoholgehalt sind erst am Ende erkennbar.

Lecompte Calvados Pays d'Auge Age 12 Ans Glas

Ein langer, würziger, mildbitterer, leicht scharfer, dabei aber auch blumiger Abgang mit Zimt, Bratapfel und Rosenblättern komplettiert ein durchweg positives Gesamtbild, rund, voll und ohne den Apfelcharakter durch die durchaus lange Reifung aufgegeben zu haben. Das Portweinfinish gibt einen netten, gelungenen Twist zur Aromatik dazu – gerade für Calvadosfreunde ist dies absolut einen Versuch wert. Für das klassische Trou Normand während des Essens ist er vielleicht zu mild, dafür nehme ich gerne was frischeres, frecheres, aber zum Dessert als Digestif – ein Traum.

Natürlich ist ein Brand wie dieser auch eine perfekte Cocktailzutat, die für viel Charakter in einem Drink sorgt – für mich persönlich taugt Calvados als Kategorie grundsätzlich deutlich mehr als andere Apfelbrände für diesen Zweck. Die Kombination mit zwei Wermutarten und etwas Cognac als Abrundung ergibt einen ultratrinkbaren, sehr aromatischen und dabei nicht zu starken Drink, ideal für den nun aufkommenden Herbst, wie der Name schon sagt – Fallen Leaves.

Fallen Leaves Cocktail


Fallen Leaves
1½ oz Calvados
1½ oz süßer Wermut
½ oz trockener Wermut
¼ oz Cognac
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Charles Schumann]


Eine weitere schöne Erinnerung verbinde ich mit Calvados – die Teilnahme am Cocktails & Dreams-Forentreffen 2018 in Berlin. Dort wurde neben dem Genuss vieler Liter anderer Spirituosen auch ein Calvados- bzw. Apfelbrandtasting von Tim und Ilja durchgeführt – unterschiedliche Produkte, für die die beiden sogar ein kleines Booklet angefertigt haben. Es war eine Freude, zum langsamen, gemütlichen Genuss des Lecompte Calvados Pays d’Auge Age 12 Ans darin wieder mal zu blättern.

Cocktails & Dreams Forentreffen 2018 Calvados Booklet

Offenlegung: Ich danke conalco.de für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Calvados.

Bourbon: Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig)

Der transatlantische Streit zwischen den Anhängern amerikanischer und schottischer Whiskys ist schon alt – und er geht meist von den europäischen Trinkern aus, die aus irgendeinem obskuren Grund denken, Scotch sei im Vergleich die viel hochwertige Spirituose, und Bourbon minderwertig und billig; analog zu der Trennung zwischen E- und U-Kultur. Nun, ich will mich hier nicht mit denen auseinandersetzen, die diese aus Unkenntnis und Ignoranz entstandene Wertung ernst meinen, das ist verlorene Liebesmüh. Wichtiger erscheint es mir, denen, die offen dafür sind, Unterschiede wertzuschätzen, mit Information zu versorgen. Allerdings bin ich Generalist, kein Spezialist, und daher muss auch ich mir meist erstmal das dafür nötige Wissen aneignen. Zum Beispiel über Bücher.

Nagelneu auf meinem Bücherstapel ist daher Bourbon: Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey von Thomas Domenig gelandet – eben erst im Selbstverlag erschienen. Tatsächlich habe ich diverse Bücher über Tequila, Rum, Sake und andere, über Bourbon dagegen ist mein Regal recht leer; um so erfreulicher, dass sich dieser Umstand nun ändert. Werfen wir einen Blick ins Buch.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey Cover

Die erste Hälfte besteht aus Informationen zu Geschichte, Herstellung und Randbedingungen von Bourbon, Tennessee Whisky, Blended Whiskey und weiteren Ausprägungen dieser amerikanischen Spirituosengattungen. War ich bezüglich der ersten beiden Beispiele noch vergleichsweise up-to-date, so fand ich die Erläuterungen bezüglich Blended Whiskey sehr augenöffnend; vor allem, weil dieser Begriff in den USA offensichtlich etwas sehr anderes bedeutet als in Schottland oder anderswo. Das ist etwas, was ich an einem Buch schätze, wenn es mir, obwohl ich mich schon einigermaßen im Thema auskenne, mir dennoch immer noch ein paar Details präsentiert, von denen ich nichts wusste. Für alle, die komplett blank sind, was Bourbon angeht, ist die Lektüre jedenfalls sicherlich sehr bildend und vollständig, was alle Themen rund um diese uramerikanische Spirituose betrifft.

Die zweite Hälfte erzählt dann Details zu verschiedenen Herstellern. Die Historie von bekannten und weniger bekannten Namen wie MGP, Brown-Forman, Beam Suntory und vielen weiteren werden mit kleinen Anekdoten und einer erfrischend skeptischen Haltung, was die oft blumig ausgeschmückten Geschichten der jeweiligen Firmenheiligen und Ursprungslegenden angeht, geschildert. Mir gefällt sehr, wie Domenig hier pointiert und mit Blick auf die tatsächlichen Gegebenheiten der Zeit durch das Dickicht des Marketinggeseiers sticht, anstatt es unreflektiert wiederzukäuen, was so manch anderer Autor in seinen Büchern tut. Einen Satz wie den auf Seite 274 findet man selten in Fachliteratur, die es sich nicht mit Herstellern verscherzen will: „manchmal muss man sich doch wundern, ob sie die historischen Begebenheiten nur nicht kennen oder aber ganz gezielt torpedieren“.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig) Detailseiten 3

Soviel zum Inhalt, an dem ich überhaupt nichts auszusetzen habe, außer dass ich bei einer Spirituose, die perfekt wie keine zweite für Cocktails geeignet ist und über mehr als ein Jahrhundert eine riesige Menge an herausragenden klassischen Rezepten angehäuft hat, es irgendwie seltsam finde, kaum ein Wort über die Mixologie zu verlieren – ich bin mir sicher, dass ein gar nicht so kleiner Teil des Erfolgs von amerikanischem Whiskey durchaus auch den vielen Whiskey Sours, Manhattans und Old Fashioneds zu verdanken ist, die in aller Welt getrunken werden.

Zum Stil – das Buch ist stark textlastig und vom etwas universitären Stil her eher an den Fachleser ausgerichtet als an den zufällig zugreifenden Spirituosenlaien. Es wirkt hin und wieder dozierend und liest sich dann wie eine Abschlussarbeit – bei einem Fachbuch lese ich persönlich ungern diese Art des prosaartigen erklärenden Stils. Manche Absätze, die aus vielen Aufzählungen, oft mit Zahlen verbunden, bestehen, wären darum vielleicht als simple Tabellen besser aufgehoben gewesen – wie insgesamt ein etwas aufgelockerterer Textgliederungsstil mit mehr Absätzen, Zwischenüberschriften, Hervorhebungen außer durch Kursivsetzung und Strukturgebern wie Diagrammen oder einfließenden Illustrationen den Lesefluss verbessern würde. Auch wäre im Teil über die Konzerne und Hersteller eine Baumstruktur der Marken sinnvoll gewesen.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig) Detailseiten 2

Manche Seiten überlese ich schnell, weil darin für den Spirituosenkenner recht selbstverständliche Dinge lang ausgebreitet werden – gerade da kommt dieses Gefühl der universitären Abhandlung stark hoch in mir, der selbst genug Paper geschrieben hat (und da wahrscheinlich in die selbe Falle getappt ist). Da das Buch insgesamt eher an dieser Zielgruppe ausgerichtet ist, würde eine Straffung diesbezüglich an der einen oder anderen Stelle das Leseerlebnis heben; und auch etwas Schwung in den zwar keineswegs trockenen, aber doch im Vergleich zu vielen angloamerikanischen Fachbüchern unknackigen Stil bringen (das ist aber ein grundsätzliches Problem praktisch aller deutschsprachigen Fachliteratur).

Mit den Augen gerne und lange hängen bleibe ich dagegen an den tollen und richtig gut gelungenen Infografiken, die im Buch verstreut sind und manchmal als Kapiteltrenner den Inhalt komprimiert darstellen – grafisch sehr reduziert im Stil, konzentriert auf die wichtige Information, ohne dabei verflachend zu wirken. Davon hätte ich gern noch mehr gesehen, diese Illustrationen werten das Buch direkt auf.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig) Detailseiten 1

Die Produktionsqualität schließlich steht außer Frage und ist für ein im Selbstverlag erschienenes Buch außerordentlich hochwertig und erfreulich – über 400 Seiten sich gut anfassendes, dickes Papier, eine hervorragende Fadenbindung, die sowohl fest zusammenhält als auch das Aufhalten des Buchs nicht anstrengend macht, ein fester Hardcover-Einband mit sehr farbenfroher und witziger Titelillustration passend zu den Infografiken, und schließlich ein Lesebändchen. Ein funktionierendes Lektorat sorgt für einen von Rechtschreibfehlern praktisch ungestörten Lesefluss. Das Ganze spiegelt sich im Preis von 45€ wieder, doch neben dem Inhalt bietet das Werk dafür eben auch viel Haptisches und wirkt dem Preis durchaus angemessen, ohne sich inhaltlich auf Coffee-Table-Book-Niveau herabzubegeben. Für mich wird Bourbon: Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey inbesondere in Bezug auf die Verflechtungen der Hersteller, Distiller und Konzerne ein wertvolles Nachschlagewerk für die Zukunft sein.

Offenlegung: Ich danke Thomas Domenig für die Zusendung eines Rezensionsexemplars seines Buchs.

Wasser marsch! G4 Tequila Reposado, Añejo und Extra Añejo

Die Diskussionen über Spirituosenherstellung, die ich so über allerlei Kanäle verfolge, drehten sich früher fast ausschließlich um Fassreifung und Destillationsmethoden. Erst deutlich später rückte die Fermentation, die eigentlich das Zentrum und der Ursprung fast aller späteren Aromatik ist, in den Fokus der Aufmerksamkeit. Es ist erstaunlich, wie sich das so im Laufe der Zeit verschiebt, es zeigt, wie komplex selbst ein einfacher Schnaps sein kann, was die technische Seite der Herstellung angeht.

Ein Punkt, der hin und wieder zu Marketingzwecken erwähnt wird, ist das eingesetzte Wasser („klar und rein aus der hauseigenen Quelle“), ein von den Diskutanten meist höchst vernachlässigter Grundbestandteil aller Spirituosen – selbst in den trockenfermentierten und -destillierten Spirituosen wie Baijiu wird später Wasser eingesetzt, um zu verdünnen. Dahingehend finden wir es überall wieder, und ein kluger Brenner wird diesen Faktor nicht unberücksichtigt lassen. Manchmal spielt man sogar damit, wie bei den Tequilas aus dem Hause Camarena. Der hier vorgestellte G4 Tequila wird dabei „destilliert mit 50% gesammeltem Regenwasser und 50% natürlichem Quellwasser“, und das soll am Ende einen Unterschied zu den anderen Marken aus der Destillerie El Pandillo (NOM 1579) ausmachen (Terralta und Pasote), die mit anderen Anteilen der Wasserarten hergestellt werden. Schauen wir uns mal drei Ausprägungen des G4 an, namentlich den G4 Tequila Reposado, Añejo und Extra Añejo.

G4 Tequila Reposado, Añejo, Extra Añejo

Ich fange bei dieser Reihe direkt mit dem G4 Reposado an – denn vom G4 Tequila Blanco habe ich eine große Flasche schon vor einiger Zeit erworben, für die ein separater Artikel veröffentlicht werden wird. Dieser Reposado wird „mindestens“ 6 Monate gereift (und per Kategorie automatisch weniger als 12), dafür werden gebrauchte Bourbon-Fässer von Jim Beam und Jack Daniel’s verwendet – einen leichten strohigen Schimmer geben sie an das Destillat ab. Erkennbar viskos schwenkt sich der Tequila, die Beine laufen einigermaßen schnell aus einem ausgefransten Saum ab. Riecht man am Glas, findet man alles, was einen leichtgereiften Tequila ausmacht – da ist noch viel der Agavenfrucht, etwas Zimt, Lavendel und Anis; der vegetale Charakter des Basisdestillats bleibt erkennbar, wird ergänzt um vorsichtige Holznoten von gerösteter Mandel und Kokosnuss. Im Mund springt zunächst eine freche und unerwartete Säure nach vorn, die im Verlauf abebbt, aber bis zum Abgang erkennbar bleibt. Der Geschmack ist sehr kräuterig, mit wirklich definiertem Agavenfleisch, allerlei Grünzeugs und Dill. Ein leicht buttriges Mundgefühl spielt mit der auftauchenden, herben Trockenheit. Sehr würzig und mildscharf, da finde ich viel Salz und schwarzen Pfeffer, der aus der Aromatik entsteht und nicht aus den für Tequila sehr üblichen 40% Alkoholgehalt. Im mittellangen Abgang finden sich dann zusätzlich zu all dem noch etwas Karamell und Vanille – bis zum langen, nun wieder sehr grünen, vegetalen Gewächshausnachhall mit einem blumigen Charakter.

G4 Tequila Reposado

Ein toller Ausbau eines eh schon großartigen Tequilas, an dem man erkennen kann, dass eine Reifung auch bei Tequila, gut gemacht, vorsichtig angegangen, mit einem soliden Basisdestillat, feine Nuancen mit ins Produkt bringen kann.

Für die nächsthöhere Reifungsstufe, den G4 Añejo, werden dieselben Fässer, die ich oben schon beim Reposado erwähnt hatte, eingesetzt. Mindestens 18 Monate (auch hier gilt, dass die Obergrenze durch die nächsthöhere Kategorie gesetzt wird, das heißt 3 Jahre) wird dieser Tequila in jenen Fässern gelagert – für viele Spirituosen ein lächerlich kurzer Zeitraum, für Tequila durchaus schon so lange, dass man beginnen muss, aufzupassen, nicht die Art von Holzigkeit ins Destillat zu kriegen, die Bourbonhersteller erst ab 12 Jahren, Scotchproduzenten erst ab circa 25 Jahren und Brandydestillateure vielleicht ab 50 Jahren leise fürchten.

G4 Tequila Añejo

Die Nase des G4 Añejo ist erkennbar stumpfer, seifiger, weicher, ohne aber komplett die helle Charakteristik eines Tequila abzugeben. Orange, Birne, Banane, roter Apfel – im Vergleich zum Reposado nimmt die Fruchtigkeit doch deutlich zu, und eine rosige Blumigkeit ist neu. Im Mund ist das ganze noch deutlicher spürbar: sehr viel schwerer, voller, tiefer im Register ist der Añejo im Vergleich zum Reposado. Noch mehr Butter, Karamell, schon fast Toffee sind nun die beherrschenden Noten, die der immer noch vorhandenen Agavenfrucht schon erkennbar den ersten Platz in der Aromatik streitig machen wollen. Reife Früchte wie Pfirsich tauchen auf, geblieben ist dafür die Pfeffrigkeit und Würze, und die starke Salzigkeit. Derselbe Alkoholgehalt von 40% fällt hier noch weniger auf als beim jüngeren Bruder. Im Abgang wird das ganze von der Süße übernommen, das Fass dominiert hier nun recht deutlich, die Rosenkomponente hallt lange nach, wenn der G4 Añejo schon lange aus dem Mund verschwunden ist. Das ist sehr schwer im Vergleich zu der etwas jüngeren Reifungsstufe, und ist ein Beweis für die angesprochene Vorsicht, die man als Hersteller diesbezüglich walten zu lassen hat.

Die höchste (und historisch paradoxerweise neueste) Ausbaustufe ist schließlich der G4 Extra Añejo. Mindestens 3 Jahre Reifungsdauer ist die Voraussetzungen, diese Bezeichnung erhalten zu dürfen. Erneut weise ich darauf hin, dass ich nicht viel davon halte, Tequila lang zu reifen – den blumig-fruchtigen Charakter, der Tequila ausmacht, überdeckt man meist einfach nur mit generischen Fassholznoten, die man überall findet. Man raubt diesem edlen Produkt durch lange Reifung oft mehr, als man ihm gibt.

G4 Tequila Extra Añejo

Farblich jedenfalls lohnt es sich nicht, die zusätzliche Zeit zu investieren: man muss ein genaues Auge haben, um die leicht gelblichere Nuance im Ton erkennen zu können. Auch vom Verhalten im Glas ist praktisch kein Unterschied vorhanden, alles, was ich zum optischen Eindruck des Añejo sagte, gilt entsprechend auch für den Extra Añejo. In der Nase unterscheiden sich die beiden dann aber schon – der Extra Añejo wirkt sehr harzig, erinnert mich fast schon an Mastiha. Die Fruchtigkeit des Añejo wurde durch die längere Lagerung fast vollständig durch holzige Noten ersetzt, und insgesamt an Komplexität reduziert. Auch im Mund geht für mich das so weiter – Anflüge von Vanille, deutlich Zimt, aber irgendwie weniger Körper und weniger Breite. Die Süße ist zurückgenommen, eine stärkere Trockenheit nimmt überhand. Die Agavenfrucht erkennt man erst im späten Verlauf, und selbst da nur kurz. Der Extra Añejo wirkt irgendwie schließlich schal im Mundgefühl, und die auch hier vorhandenen 40% wirken sehr viel unrunder eingebunden als bei den jüngeren Geschwistern. Deutlich mehr Feuer, Chili und weißer Pfeffer, alles geht bis in den sehr prickelnden und heißen Abgang über, der aromatisch sehr kurz ist. Im Nachhall tauchen ganz spät schließlich doch noch die floralen Agavearomen auf, wegen denen ich Tequila trinke – zu spät. Denn persönlich gesprochen haben wir hier, für meinen Geschmack, die Obergrenze dessen erreicht (und, um wirklich ganz ehrlich zu sein, bereits überschritten), was man Tequila zumuten kann; selbst ein so gutes Basisdestillat wie das des G4 wird einfach erschlagen durch die lange Reifung, da ist für mich nur noch trockenes Holz und scharfer Pfeffer. Das mag für den einen oder anderen ansprechend sein, doch der Wunsch nach Reifungsaromen und dem oberflächlichen Korrelieren von Alter mit Qualität vieler Konsumenten führt hier und bei anderen langgereiften Tequilas einfach zum Verlust des Charakters. Quod erat demonstrandum.

In Cocktails setze ich eigentlich fast ausschließlich Blancos und Reposados ein, wenn nach Tequila gerufen wird – die älteren Tequilas machen aus oben genannten Gründen nicht mehr so viel her in Mixed Drinks. Will man etwas Knackiges, Fruchtiges, nimmt man einen Blanco, sucht man nach etwas gemilderten, weicheren Agavenaromen, nimmt man einen Reposado – so wie hier im Elixirita. Ein wahnsinnig toller Drink, mit Erinnerungen an den modernen Klassiker Tommy’s Margarita, noch weiter gerundet durch den Einsatz eines Schusses Cognac.

Elixirita Cocktail


Elixirita
2 oz Tequila Reposado
1 oz Limettensaft
½ oz Agavensirup
¼ oz Cognac
Auf Eis shaken.
[Rezept nach H. Joseph Ehrmann]


Es geht einem ja oft so, dass man denkt, man kennt eine Spirituosenkategorie einigermaßen, und trifft dann auf eine Marke, die für den Gaumen einen derartigen Quantensprung vollzieht, dass man nicht glauben konnte, je etwas anderes richtig gut gefunden zu haben. Für jemand, der vorher noch keinen dieser modernen und gleichzeitig sehr traditionellen superhochwertigen Tequilas kannte, kann der G4 genau so ein Quantensprung sein. Und auch für mich, der sich schon mit dem einen oder anderen Traumtequila auseinandergesetzt hat, ist der G4 einer derer, die einen Großteil der restlichen Tequilaproduktion weit in den Schatten stellt. Für mich ist der G4 Blanco einer der besten Tequilas, die ich je im Glas hatte, und die gereiften G4s sind in ihrer jeweiligen Kategorie ähnlich herausragend (ich nehme den Extra Añejo einfach mal aus, mir missfällt die gesamte Altersgruppe grundsätzlich). Ich empfehle allerdringendst jedem, diese Agavenbrände auszuprobieren.

Offenlegung: Ich danke fifteenlions für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples des G4 Tequila.

Veganer Pechuga – Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca

Aromatisierte Spirituosen finden sich zuhauf in den Regalen der Spirituosenhändler – jede Gattung hat ihre eigene Art, mit dem Wunsch nach Abwechslung umzugehen. Scotch aromatisiert über Fassfinishes mit Sherry- und Portgeschmäckern (ja, für mich ist das Aromatisierung), manche Hersteller fügen ihrem Bourbon mehr oder weniger natürliche Honig- und Zimtaromen hinzu, und bei Rum gibt es mit Spiced Rum sogar eine eigene Kategorie für kaum mehr als Rum zu erkennende Produkte – bis zum völlig grenzenlos aromatisierten Vodka, den es in praktisch jeder Geschmacksrichtung gibt, die den Käufer ansprechen mag.

Auch bei Mezcal gibt es eine Kategorie, die sich mit zugegebenermaßen hin und wieder gewöhnungsbedürftigen Aromengebern schmückt. Pechuga ist in der bekanntesten Variante mit diversen Früchten, Gewürzen und Hühnerbrust aromatisiert – nicht mazeriert oder zum Endprodukt hinzugegeben, wie das bei den anderen oben erwähnten Beispielen geschieht, sondern vor einem weiteren, zusätzlichen Destillationsschritt, so dass nur nuancierte Feinheiten später in der Flasche landen, nicht überwältigende, das Destillat maskierende Aromen. Der Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca ist nun aber kein klassischer Pechuga, denn es wird hier in ein Destillat aus Espadín-Agaven statt der namensgebenden Hühnerbrust ein veganer Mix aus Mango und Habanero-Chilis gegeben.

Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca

Da die Mango und die Chilis erst vor der letzten Destillation zugefügt werden, kommt natürlich nichts des eventuell dadurch entstandenen Farbstoffs oder von Partikeln ins Endprodukt – entsprechend sehen wir einen glasklaren, ungetrübten und einschlussfreien, klaren Brand vor uns, der sich leicht schwer im Glas beim Schwenken bewegt.

In der Nase merkt man zunächst erstmal auch noch nichts von der Aromatisierung – da riecht man einen klassischen, leicht rauchigen, sehr würzigen Mezcal. Hm, ich revidiere – etwas Tropenfrucht ist vielleicht doch da, die gut zusammen mit der deutlichen Agavenfrucht spielt. Und leicht zwicken tut es auch, sind das die Habaneros? Beeren sind da, Birne vielleicht, ja, ein Anflug eines Williams-Christ-Birnenlikör. Ein sehr komplexes Geruchsbild, auf jeden Fall, und hochattraktiv dazu.

Im Mund überrascht der Mezcalosfera völlig: diese ungewohnte Mischung aus klassischen Mezcalgeschmäckern mit etwas Blumigen und Würzigen ist verrückt. Sehr trocken, extrem würzig, sehr breit und tief ist das in keinster Form etwas, wie wir uns landläufig aromatisierte Spirituosen vorstellen: vordergründige Honig- oder Zimtaromen machen normalerweise alles platt, was sonst da ist. Hier ist das nicht so, im Gegenteil. Die Mango ist allerhöchstens zu erahnen, die Habanero-Chilis ebenso, und doch sind sie im Gesamtbild irgendwie da, ohne dass man sie wirklich greifen könnte. Recht salzig, sehr umami, rauchig und vegetal wirkt das, mit Anflügen von Zitrus und Speck gleichzeitig. Sauer, wild und frech, dabei mit genug süßem Körper, um dagegen halten zu können und das Bild nicht kippen zu lassen. 46,6% sind gut gewählt und sorgen für zusätzliche Kraft.

Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca Glas

Der Abgang ist sehr lang und floral, supertrocken, etwas fleischig und rauchig, ohne dabei übermäßig zu überwältigen. Um es erneut zu betonen – das ganze wirkt nie aromatisiert oder künstlich. Die zusätzlichen Zutaten sorgen nur für weitere Tiefe und ein paar besondere Aspekte. Richtig gut gemacht und voller Charakter, selbst nach einigen Minuten hat man noch Aromen im Mund.

Diese Spirituosenkategorie ist normalerweise keine, die man üblich in Cocktails kombiniert, weil sie irgendwie schon etwas Rezeptiertes, Zusammengestelltes hat, und man die nur feinen Nuancen des besonderen Herstellungsprozesses damit nicht genug würdigt. Dennoch kann ich nicht widerstehen – diese leichte Erinnerung an Birnenlikör, die ich im Mezcalofera entdeckt hatte, ließ mich nach einem Cocktailrezept suchen, in dem Mezcal mit Birne kombiniert wird, um das ganze noch etwas zu definieren. Im Suzette au Bal ist der Mezcal nicht der Hauptdarsteller, dennoch sorgt er durch seine Eigenheit für ein tieferes Gesamterlebnis.

Suzette au Bal Cocktail


Suzette au Bal
1 oz Suze
½ oz Williams-Christ-Likör
½ oz Mezcal
⅔ oz Zitronensaft
⅓ oz Zuckersirup
1 Spritzer Miraculous Foamer
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Alexandre Girard]


Ich bin ein Etikettenfreund. Ich lese gern Details auf Etiketten nach – und werde oft mit Marketingmüll allerlei Couleur belästigt, lese dann von legendären Familienmitgliedern, fantastischen Produktionsorten, geheimnisvollen Herstellungsweisen und Rezepturen, oder von der (für mich persönlich nicht wirklich nachvollziehbaren) Begeisterung, mit der ein Büroarbeiter sich einen obskuren Landesheiligen ausgesucht hat, der ungefragter und unfreiwilliger Namenspate für das neue Produkt sein darf. Gähn. Hier dagegen – eine Tabelle mit Details. Echten, harten Fakten. Agavenart, Höhenmeter, Ofenart, Dauer und Art der Fermentation, verwendetes Wasser, Zeitpunkt und Menge der Destillation. Und mehr. Das ist ein Traum – wenn ich wählen dürfte, alle Spirtuosenetiketten sollten genau so gearbeitet sein wie dieses. Transparenz pur, und mit nur 250 hergestellten Litern auch noch echtes traditionelles Handwerk. Da schmeckt mir der Schnaps gleich dreimal so gut: Bei mir trinkt der Kopf mit.

Offenlegung: Ich danke fifteenlions für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines Samples dieses Mezcals.

Städtebierpartnerschaft Homburg/Seattle – Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell

Im Saarland war es lange gang und gäbe, wenn ich den Aussagen meiner bierophilen Kollegen trauen darf, Bier in Literflaschen, sogenannten „Literbomben“ oder „Libos“, zu erwerben. Ich bin seit 10 Jahren im Saarland, habe diese spannende Phase der hiesigen Bierkultur verpasst, heutzutage geht es ja eher mehr hin zu immer kleineren Gebinden – die Drittelliter-Longneck-Flasche ist zusammen mit dem „Stubbi“ wahrscheinlich die heute beliebteste Konsumform von Bier im Saarland, wie überall in Deutschland. Persönlich mag ich derartige Gleichmacherei eigentlich nicht. Mit dem Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell lässt der saarländische Bierplatzhirsch die „gute alte Zeit“ der Literbombe wieder ein wenig aufleben, und öffnet sich gleichzeitig durch die Zusammenarbeit mit einer amerikanischen Craft Brewery auch der frechen modernen Bierkultur – eine schöne Spannung, die durch diesen scheinbaren Widerspruch entsteht.

Die große Bügelflasche trägt ein passendes, vielsagendes Etikett – der witzige, auf einem Bierfass balancierende Elefant schwenkt eine Collaboration-Brew-Fahne, der Hintergrund des Etiketts ist im traditionellen Karlsberg-Grün gehalten. Schön gestaltet, modern und gleichzeitig in die klassische Produktpalette passend; da war ein guter Marketeer am Werk. Nur 222 Flaschen dieses hellen Bockbiers mit 6,5% wurden abgefüllt, meine war die 15. davon, was handschriftlich auf dem Etikett eingetragen ist. Da die Haltbarkeit scheinbar durch Handabfüllung drastisch gesenkt wird, habe ich in bester Kollegialität meine Flasche in einem Büro-Bier-um-Vier-Termin mit einigen Kollegen geteilt, das beste, was einer Literflasche passieren kann – schließlich bin ich Biertrinker, nicht Biersammler.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell

Für einen guten Bock braucht man eine stabile Malzbasis, diese wurde hier mit Pilsener-, Münchener- und Wiener-Malz gelegt. Das äußert sich in der Farbe – das Wort „hell“ in der Stilbezeichnung „heller Bock“ ist dabei natürlich relativ zu sehen, da ist viel kupfernes, fast schon kristallklares Strahlen. Feiner, dünner Schaum bleibt nach dem Eingießen zurück (die Variante frisch vom Fass – siehe unten – konnte dabei natürlich viel mehr auftrumpfen). Die Nase ist sehr hopfenfruchtig: Die für den Stil auch erwartete leichte Hopfigkeit entstammt den schon gut bekannten Aromahopfen Chinook, Magnum, Hallertauer Mittelfrüh und dem zumindest mir absolut neuen Mount Hood-Hopfen, diese sorgen wahrscheinlich auch zum Teil für die fetten 51 IBU. Bittere ist entsprechend kräftig vorhanden, dazu kommt aber ein supercremiges, volles und breites Mundgefühl. Malz, Grapefruitschale, ein Hauch Frucht-Sießschmeer (das ist das saarländische Wort für Marmelade), milde Schokolade, da ist viel Geschmack da. Eine nahezu ideale Süß-Sauer-Balance, und eine tolle Rezenz führen zu einem langen, sehr bitter-trockenen Abgang mit langem Nachhall von bitterer Grapefruit und leichter Blumigkeit. Das läuft gefährlich gut den Rachen runter.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell Glas

Hat es mir geschmeckt? Nun, während der Release-Party, die Karlsberg in meiner Stammkneipe schmiss, der Schillers Pop Up Bar in Saarbrücken, habe ich mir 5 Gläschen davon gegönnt, frisch vom Fass. Untenstehend ein paar Eindrücke, nett insbesonders der geschnitzte „Big Time“-Zapfhahn aus Holz. Ich danke auch für die Möglichkeit, einen Schnappschuss eines 30-Liter-Plastikfasses machen zu können, von denen mehrere an diesem Abend geleert wurden. Tatsächlich kamen hier viele Elemente zusammen, die mir das Bock to Hell etwas ans Herz wachsen ließen, in der kurzen Zeit, in der es verfügbar war (inzwischen ist es natürlich schon lange vergriffen) – ein heißer, sonniger Spätnachmittag, nette Unterhaltung mit Bierfreunden, die ich schon aus anderen Biertastings der Saarbrücker Beer Society kannte, Bier frisch vom Fass, gut gekühlt, und die fast genauso coolen Jungs vom Schillers; da kann ein Bier ja gar nicht nicht schmecken.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell Fassprobe

Ja, es hat mir aber auch unabhängig von den äußeren Einflüssen geschmeckt, und ich finde es schön, dass sich Karlsberg auch dem aktuellen Trend zu Collaboration Brews anschließt und so den in den letzten Jahrzehnten vielleicht etwas eng gewordenen saarländischen Bierhorizont erweitert. Ich hoffe, dass Karlsberg das nicht nur als einmalige Werbeaktion sieht, sondern sich derartigen Ideen offen hält, und wir in Zukunft weitere Produkte dieser Art sehen werden – und dann eventuell sogar so, dass mehr als nur eine Handvoll Bierfreunde davon profitiert.

Offenlegung: Ich danke Karlsberg für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche des Bock to Hell. Und Christian vom Schillers, der die Bereitstellung selbstlos in die Wege geleitet und mich mit dem Fläschchen überrascht hat.

Kurz und bündig – Maisel & Friends Hoppy Hell

Ein Sessionlager mit 5,3% Alkoholgehalt – na, da freut sich das Herz des Kategorisierers. Normalerweise denkt man bei Sessionbieren ja doch irgendwie eher an alkoholreduzierte Produkte – das Maisel & Friends Hoppy Hell fällt dann doch raus aus diesem Kriterium, und, wie ich als lernbegieriger Bierfreund nachlesen konnte, ist das bei modernen Sessionbieren auch gar nicht so ungewöhnlich. Die Frage nach dem grundsätzlichen Sinn dieser Kategorie stellt sich mir letztlich zwar dann schon noch, sie hat eigentlich kein echtes handfestes Definitionskriterium mehr, doch ich gieße mir während dieser Session an Überlegungen einfach mal dieses hopfengestopfte Helle ins Glas, das wird die trüben Gedanken hoffentlich vertreiben.

Maisel & Friends Hoppy Hell

Sehr hell und farblich leicht an Apfelsaft erinnernd, eine minimale Trübung. Wenig erkennbare Perlage, nach dem Eingießen ist auch kaum Schaum da, und sogar das Wenige baut sich praktisch sofort ab. Die Hopfenstopfung ist in der Nase sofort erkennbar, und unterscheidet das Hoppy Hell vom ersten Schnuppern an direkt von einem klassischen Hellen. Fruchtig nach Grapefruit und Limette, etwas Mango.

Süßlich im Antrunk, doch das ändert sich sehr schnell – die Süße wird ersetzt durch starke Säure, kräftige, aber nicht überhand nehmende Bittere. Dabei bleibt das Bier stiltypisch klar und definiert, leicht und obertönig. Gegen Ende kommt eine schöne Würze dazu, die von etwas Malzigkeit getragen wird. Eine wirklich gelungene Rezenz entsteht aus der starken Säure und milden Bittere (25 IBU), und, obwohl man es optisch nicht wahrnimmt, der gut gewählten Karbonisierung.

Der Abgang ist sehr kurz, hier dominieren dann die Hopfenaromen völlig das Gesamtbild, und sorgen dabei noch für starke Betäubungseffekte auf der Zunge – hui, das spürt man im Mund, das Hoppy Hell. Ein wirklich toll erfrischendes Bier, Lager mal anders – mildes Lager, hochgepowert mit richtig fettem Aromahopfen, ohne den Lagercharakter aufzugeben.

Ja, ich gebe es zu, ich mag den Stil der Maisel & Friends-Biere. Man spürt bei ihnen einfach, dass ein gesundes Maß an Kreativität und Tradition zusammenkommen, und nicht eines das andere völlig überwiegt – hier werden sehr trinkbare Biere hergestellt, nicht überdreht und überinterpretiert oder hipsterig, aber auch nicht langweilig. Ich freue mich immer über neue Ideen aus dem Hause Maisel & Friends.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kostenlose Zusendung einer Flasche des Hoppy Hell.