Rumreise nach Madeira, Teil 1 – William Hinton Rum 6 Anos Rum Agrícola da Madeira

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Ich gebe es gerne zu: eine der schönsten Eigenschaften meiner Tätigkeit als Spirituosenexperte ist das Reisen. Die Einladung des IVBAM (Instituto do Vinho, do Bordado e do Artesanato da Madeira) nach Madeira, die ich im April 2026 wahrnehmen durfte, ist nur ein Beispiel dafür. Ich habe auf diesem Blog schon verschiedene Rums von der Insel vorgestellt, man suche einfach nach dem Stichwort „Madeira“ hier, da findet sich schon etwas. Und viele Bekannte hatten mir immer vom Madeira Rum Festival vorgeschwärmt, und ich bekam durchaus etwas FOMO, wenn ich die Bilder von Kristin Melchert und Christopher Seidlitz auf Instagram gesehen habe, die schon so oft auf Madeira waren, dass sie von allen anderen Rumfreunden dort schon vermisst werden, wenn sie mal ein Jahr aussetzen wollen (was sie auch dieses Jahr nicht geschafft haben, das ist einfach Charakterschwäche, wenn man mich fragt). Endlich gehöre ich auch zum Randkreis dieser Leute! Es hat Spaß gemacht, alte Bekannte wie Johnny Drejer und Ian Burrell wiederzutreffen, und Patricia Santana und Pedro Dias, die ich seit einer Weile von Spirits Selection by CMB her schon schätze. Solveig Gerz war auch da, und eben Kristin und Christopher. Dazu habe ich einen Haufen neuer, netter und faszinierender Menschen kennengelernt – die Rumfamilie ist groß und nimmt jeden auf, der sich dafür begeistern kann.

Eine kleine Gruppe von Rumfreunden hat sich dann auch für die Pressetour, organisiert von Rum da Madeira, zusammengetan, und über 3 Tage haben wir alle 6 Rumhersteller besucht. Die erste Reise ging zu Engenho Novo da Madeira in Calheta an der Südwestseite der Insel, hoch in den Bergen, abseits der Küste. Ich zeige ein paar Bilder am Ende des Artikels, wer ungeduldig ist, kann dahin runterscrollen. Von dort bringe ich eine Flasche des William Hinton Rum 6 Anos Rum Agrícola da Madeira mit nach Deutschland. Es handelt sich um einen Rum, der, typisch für die Insel, aus frischem Zuckerrohrsaft gebrannt wird. Madeira ist die einzige nicht-französischgeprägte Region, die den Qualifizierer „Agrícola“ in der EU verwenden darf; das ist kein Schlupfloch, sondern einfach der Geschichte des Rums dieser Insel geschuldet. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts macht man dort Rum, seit Mitte des 15. Jahrhunderts baut man dort Zuckerrohr an. Also reden wir hier über Tradition, kein Aufspringen auf einen fahrenden Zug. Der William Hinton 6 Anos ist ein Blend, natürlich ist der jüngste Tropfen darin mindestens 6 Jahre, wie das die EU-Vorgaben fordern, aus unterschiedlich vorbelegten Fässern aus französischer Eiche. Ich freue mich selbst darauf, nun in Deutschland das Geschmackserlebnis nachzuvollziehen; auf der Insel habe ich eine ganz erstaunliche Menge dieses Rums getrunken, und hoffe, er schmeckt hierzulande noch genauso wie dort auf Madeira.

William Hinton Rum 6 Anos Rum Agrícola da Madeira

Ganz klassisches Bernstein begrüßt uns im Glas – ich verwende heute eines, das ich aus Madeira mitgebracht habe, und das schon bei meinem Brennereibesuch dort zum Einsatz kam. Darin erkennt man auch die beeindruckende Viskosität, wenn man es dreht, und die hübschen, vielen, dicken Beinchen, die entstehen. Optisch schonmal ein wunderschöner Rum.

Für die Nase ist sofort erkennbar, dass es sich hier um einen Zuckerrohrsaftrum handelt. Natürlich ist der Holzeinfluss stark, doch das Basisdestillat hat sich durch die 6 Jahre Reifung und die zusätzlichen Einflüsse aus den unterschiedlichen Finishes nicht unterkriegen lassen. Da ist die typische Grasigkeit, nicht mehr ganz grün, aber erkennbar pflanzlich, vegetabile Frische, die sich fast ein bisschen mentholisch äußert, und dazu die süßlichherbe Zuckerrohrsaft-Komponente, die man auch riechen kann, wenn man den Hof bei Engenho Novo in Calheta betritt. Eingebunden sind dazu Madeira-Rum-Noten, ein paar Rosinen und Feigen, und Anflüge von herbem Tabak. Ein insgesamt sehr fruchtiges Bild, das durch Holz eingerahmt wird.

William Hinton Rum 6 Anos Rum Agrícola da Madeira Glas

Wunderbar weich legt sich der Rum dann auf den Gaumen, ölig und cremig, mit einer ganz natürlichen Süße, die alles steuert und bis zum Schluss erhalten bleibt. Die Textur wird dabei nie schwer, man fühlt immer die Frische des Zuckerrohrsafts, die sich ganz am Ende mentholisch sogar durchsetzt und ein klares, erfrischendes Bild hinterlässt. Auf dem Weg dahin bekommt man herrliches Zuckerrohr in wirklich reiner Form präsentiert, das ähnelt einem frisch ausgepressten Saft schon richtig deutlich, die Abbildung ist hervorragend gelungen. Milde Würze aus Tabak, Honig und ein bisschen Süßholz und Sternanis gibt Komplexität dazu, ohne das wirklich zu übertreiben. Das liegt wirklich breit und gleichzeitig fein im Mund, hat eine angenehme Länge, die am Ende noch ein bisschen Kakao und ganz elegante Bittere zeigt.

Ein völlig unkomplizierter Rum, supertrinkig und gefällig, ohne jede Ecke oder Kante, aber trotzdem nicht langweilig. Das ist was für jeden Tag, eine Flasche, die nicht lang aushalten wird, da trinkt man auch gerne mal zwei oder drei davon, und in Gesellschaft ist die garantiert sofort leer.


Alternativ macht man sich einen Drink damit, und für mich ist dieser Rum eine perfekte Alternative zu dem sonst ungereiften Rum, den man für den traditionellen Poncha auf Madeira nutzen würde. Da es eh kein alleingültiges Rezept für diesen Cocktail gibt, würde ich meinen Vorschlag des Poncha Sombra hier nichtmal als Twist oder Adaption bezeichnen, sondern nur als weitere mögliche Ausprägung – eine, die etwas dunkler und aromatischer wird als das, was man normalerweise darunter versteht.

Poncha Sombra Cocktail

Poncha Sombra
60ml gereifter Rum da Madeira
15ml Sirop de Batterie
30ml Orangensaft
30ml Limettensaft
30ml Bananensaft
In einem Rührglas mit einem Caralhinho verrühren, bis der Drink schaumig ist.

Auf Eis abseihen.
[Rezept nach Helmut Barro]


Die Flasche selbst ist schwer, mit dickem Glasboden, da spürt man wirklich, dass man was in der Hand hat. Der Verschluss ist aus Kork, mit einer schön designeten Holzkappe. Das Etikett ist zurückhaltend gestaltet und passt mit dem dunklen Braunton wirklich gut zum Inhalt. Die Flasche ist ganz anders gestaltet als zum Beispiel der Aguardente derselben Brennerei, den ich vor einer Weile hier besprochen hatte.


Im April 2026 konnte ich die Brennerei von Engenho Novo da Madeira im vollen Betrieb besichtigen, da lief der Rum frisch aus dem Brennapparat, als wir dort waren. Es ist immer großartig für mich, so etwas live vor Ort sehen, riechen und schmecken zu dürfen. Hier ein paar Bilder meines Besuchs, geleitet von Mário Gomes selbst, der jedes Detail erläuterte. Ein unterhaltsamer Typ, muss ich sagen!

Die ersten Schritte sind immer das Zuckerrohr, das täglich frisch geerntet angeliefert wird. Der Berg hinter mir ist ein Teil der täglichen Menge, die während der Hauptsaison von April bis Mai abgearbeitet wird. Einzelne Lieferungen werden Stück für Stück mit dem hochgestapelten LKW herangeschafft.

Die „kleinen“ Bündel von 20kg bis 50kg, die wegen der Tragbarkeit durch die Arbeiter so geschnürt werden, werden vor dem Pressen mit der Machete aufgeschnitten und ein bisschen in Reihe gebracht. Der Saft wird durch die große Presse extrahiert, und landet dann direkt in Gärtanks, wo die Fermentation mit kultivierten Bäckerhefen beginnt.

Ein Großteil des Weins wird in der Kupfersäule destilliert. Die Hitze dafür kommt aus dem neuen Boiler, der den Wasserdampf dafür erzeugt. Er wird mit einer Mischung aus Holz und Pellets manuell befeuert.

Das Destillat läuft in unterschiedlichen Auslässen heraus, Mário hat uns vor Ort ein bisschen was vom aktuell laufenden Stoff ins Glas abgezapft. Rund 70% Alkoholgehalt, und trotzdem sanft wie ein Kätzchen.

Das, was nicht als ungereifter Rum abgefüllt werden soll, kommt dann in die Fässer aus Eiche. Eine große Auswahl von Vorbelegungen ist bei Engenho Novo bereit, diese werden genutzt, um unterschiedliche Rumprofile zu schaffen, aus denen am Ende entweder ein Single-Cask-Rum abgefüllt wird, oder ein Blend, wie der William Hinton 6 Anos, den ich hier vorgestellt habe.

Man sieht hier, grundsätzlich ist der Produktionsprozess von Rum da Madeira nicht viel anders als woanders, zum Beispiel in der Karibik. Um so spannender ist das Profil, das ich für mich persönlich ja schon ausgemacht hatte für den Rum dieser Insel, und der sich in vielen Abfüllungen zeigt, und definitiv Unterschiede zu Rums von anderen Regionen aufweist. Ich habe im April noch andere Brennereien auf Madeira besucht, und werde Stück für Stück Produkte daraus vorstellen. Viele dieser Brennereien kann man, wenn man Urlaub auf Madeira macht, relativ einfach besichtigen – ich würde es empfehlen, selten kommt man in den Genuss, die Herstellung von Rum einfach so direkt zu erleben.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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