Die Liebe verbindet – Tequila Nueve Blanco, Añejo und Añejo Cristalino

Seit ich die Stadt Tequila während Spirits Selection 2025 besucht habe, sehe ich Tequila nochmal mit anderen Augen – es verändert viel, wenn man den ganzen Produktionsprozess von der Pflanze bis zur Flasche mal miterlebt hat, zumindest geht es mir so. Es entsteht ein viel direkteres Verständnis über die sonst so trockenen Fakten, und eine gewisse Bindung an die Spirituose bildet sich – nicht, dass ich die für Tequila zusätzlich gebraucht hätte, das ist immer schon eine Herzensangelegenheit für mich gewesen. Gerade in Deutschland, dem zweitgrößten Exportmarkt für Tequila weltweit, besteht aber immer noch sehr viel Informations- und Produktbedarf, wie ich immer wieder feststellen muss. Um so schöner, dass sich mutige Unternehmer finden, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, mehr Stoff nach Deutschland zu bringen, so wie Lilián und Bastian Weller von Tequila Nueve.

Es gibt diese Brände aus der Destiladora del Valle de Tequila (NOM 1438) schon länger (unter dem Namen Nueve B), vor sehr kurzem fand aber ein Rebranding statt, und passend dazu stelle ich heute die neu aufgelegten Tequila Nueve Blanco, Añejo und Añejo Cristalino vor. Die Herstellungsweise für Tequila sollte meinen Lesern inzwischen wohlbekannt sein – die Agaven werden kultiviert geerntet und von den stacheligen Blättern befreit (es war spektakulär, einen Jimador direkt vor Ort dabei zu beobachten, wie elegant das abläuft!), die piñas dann in Ziegelöfen 54 Stunden gekocht. Nach der Zerkleinerung mittels Walzenmühle folgt die offene Gärung, Edelstahltanks werden hier verwendet, über 60 Stunden. Anschließend wird doppelt in Kupferbrennblasen destiliert. Abgefüllt wird dann mit für Tequila durchaus üblichen 38% Alkoholgehalt. Die Brennerei ist neben dem Tequila Nueve auch für andere Tequilabrands verantwortlich, darunter auch für den von mir in seiner ganzen Verrücktheit und Seltsamheit sehr gemochten Sparkle Donkey. Ich hoffe hier auf ein anderes Erlebnis, etwas weniger abgefahren und dafür mehr seriös – mal schauen, was die Geschmacksprobe nun bringt!

Tequila Nueve Blanco, Añejo und Cristalino

Natürlich beginnen wir mit dem Tequila Nueve Blanco. Der optische Eindruck zuerst: Klar und ohne Einschlüsse, mit sehr erkennbarer Öligkeit, mit der der Tequila im Glas schwappt und dabei dicke Beine hinterlässt.

Der Duft ist direkt erfreulich, überraschend grün und vegetabil wird die Nase angesprochen, da merkt man viel frische Agave, die wirklich gut ausgeprägt und noch nicht gekocht oder karamellisiert wirkt, das finde ich an sich schon großartig und habe ich in dieser Konsequenz nicht übermäßig oft gerochen. Das hat fast schon was von Mezcal, leichte Nebentöne von Rote Beete, Artischocke und Olive zeigen weiterhin die klar pflanzliche Natur dieses Tequilas. Ein Hauch Plastik geht mit einem Touch Zitruszeste einher und erzeugt weitere Komplexität. Später kommen auch noch Thymian, Salbei und etwas Basilikum dazu, dieser herbale Aspekt komplettiert ein insgesamt extrem grünes Bouquet, das mir wirklich sehr gut gefällt und sich klar von vielen anderen Tequilas abgrenzt.

Die Textur repliziert am Gaumen den Eindruck, den man vom Auge her hatte, sehr rund und ölig, breit und dicht. Auf dieser Basis bauen sich direkt diese grünpflanzlichen Aromen auf, volle Agave, dazu sehr ausgeprägt Artischocke und grüne Olive, gewürzt mit etwas Rosmarin und Thymian. Dazu bildet sich schnell eine deutliche Salzigkeit heraus, die mit der schweren Süße wunderbar spielt. Gegen Ende dreht sich das Geschmacksbild etwas mehr zu dunkleren, herberen Noten, leicht holzig wirkt das dann, und ganz stark drängt sich Kakao und Kaffeebohne nach vorne, wirkt hier nun sehr dunkel. Der Abgang ist mittellang, pikant aber nicht scharf, weiterhin deutlich salzig und nun auch noch mit Umami versehen – dies alles sorgt für ein wirklich spannendes, erwachsenes und voll ausgebildetes, leicht gewürziges Mundgefühl, das den Tequila wuchtig ausklingen lässt.

Damit hätte ich ehrlich nicht gerechnet – ein wirklich starker Tequila, ungewöhnlich in seiner Kraft und Direktheit, aromatisch und sensorisch spannend und unterhaltsam. Von diesem Stil würde ich tatsächlich gerne mehr sehen, statt all der komplett abgeschliffenen, von jeder Kante befreiten und damit dem Massengeschmack angepassten Brände, die man sonst so oft findet.


Wenden wir uns dem Tequila Nueve Añejo zu. Die 2 Jahre im Ex-Bourbon-Fass haben ihre Spuren hinterlassen, ein leicht blasses Sonnenblumengelb zeugt davon. Man sieht beim Drehen des Glases eine leichte Viskosität, lebendig bewegt sich der Brand im Glas und hinterlässt dabei dünne Beinchen an der Glaswand.

Der Duft ist noch stärker durch das Ex-Bourbon-Fass beeinflusst als die optische Erscheinung, initial hat man einen starken, holzigen und karottigen Bourboneindruck, mit etwas Zimt dazu. Eine deutliche Vanillepuddingnote erscheint zusätzlich, cremig und süßlich, und etwas rotbackiger, überreifer Apfel. Die Agave ist deutlich unter Druck dieser kräftigen Reifungsaromen, das ist klar, man muss sie etwas suchen, wie bei fast allen Añejos; ein paar Töne von Erdnuss wirken dann aber wieder sehr typisch für diesen Stil. Insgesamt drängt sich der Geruch nicht wirklich aktiv auf, bleibt dafür klar und stilsicher.

Am Gaumen findet man erstmal eine zarte Cremigkeit vor, eine weiche und runde Textur dehnt sich schnell aus. Kühl und süß, das fühlt sich im Mund initial wirklich gut an. Im Verlauf dreht der Nueve Añejo dann aber deutlich, wird hitziger, würziger, und dabei auch trockener. Nussige Aromen erscheinen, Pekannuss und dahinter Erdnuss, mildfruchtige Eindrücke von getrockneter Aprikose und gedörrtem Apfel blitzen auf. Vanille ist beständig dabei. Der Abgang wird dann fast ein bisschen scharf, der nun erkennbar fehlende Körper kann die Weißpfeffrigkeit nicht auffangen, es brennt an Zunge und Gaumen, und dies definiert dann schließlich auch den Nachhall, an dem nun nochmal Erdnuss, leicht florale Töne und etwas Mais nachklingen.

Añejo ist für mich grundsätzlich eine schwierige Kategorie, da muss alles richtig gut zusammen klappen, um mich zu überzeugen. Hier spürt man ein paar Holprigkeiten, es fehlt an Balance und Integration, und insbesondere der zu leichte Körper, der einfach kein Volumen aufbauen kann, ist ein Stolperstein im Genuss für mich. Letztlich bleibt der Nueve Añejo ein sauber gemachter Tequila, der ein Qualitätsanstieg im Vergleich zu den Gold-Tequilas, die man hierzulande oft bekommt, ist, dabei aber keiner, der für Begeisterung sorgen würde.


Zu guter letzt schauen wir uns noch den Tequila Nueve Añejo Cristalino an. Cristalino als Herstellungsart nimmt deutlich an Fahrt auf, hat sich zu einem sehr beliebten Stil entwickelt, und man sieht bei den Herstellern in Mexiko, dass praktisch jeder einen macht, der auch einen Añejo im Lager hat. Denn das ist ein Cristalino – ein farbentzogener, gereifter Tequila, vielleicht mit dem einen oder anderen Zusatz, der für das cremige Mundgefühl, das man mit diesem Stil assoziiert, sorgt; hier ist das Agavendicksaft. Farblich ist dieser hier jedenfalls trotz 24 Monaten Bourbon-Eichenfassreifung kristallklar und mit ansprechender Viskosität versehen.

Die Nase ist gefällig, mit leichter Erdnussnote und etwas Holz, aber sehr viel weniger als sein noch farbig gehaltener Bruder zuvor. Die Agave ist sichtbarer, etwas, was ich sehr zu schätzen weiß, und für einen Cristalino sogar ausgeprägt, würde ich sagen. Weiterhin sind leichte Puddingeindrücke da, Vanille und Butterscotch, ein bisschen buttriges Croissant. Eine kleine Ethanolschicht stört da dann schon, insbesondere bei dem doch niedrigen Alkoholgehalt sollte das nicht sein. Der Körper fühlt sich in der Nase leicht an, trotz all der süßen Aromen.

Umso angenehmer ist dann das initiale Mundgefühl, sehr weich, sehr cremig, mit schwerer, aber immer noch recht natürlich wirkender Süße, und einem guten Schuss Vanille und Milchcreme versehen. Gleichzeitig spürt man aber eine gewisse vegetabile Herbheit, die die Süße gut abfedern, und dabei die Agave transportieren, die sich im Nueve Añejo Cristalino nicht versteckt. Im Verlauf kommt aus dieser schweren Basis eine pikante Würze, sowohl aromatisch als auch vom Effekt her an Jalapeño erinnernd, die eine mild kontrastierende Trockenheit mitführt. Hier kommen nun auch noch würzigere Geschmäcker dazu, etwas Salzkaramell vielleicht, und getoastetes Brot. Im Abgang verbinden sich alle Aspekte und lassen den Mundraum deutlich prickelnd, und minimalst astringierend betäubt zurück, während sich grüne Agave und feuchtes Holz breitmachen und lange erhalten bleiben.

Ein richtig schöner Cristalino ist der Nueve Añejo Cristalino, das muss ich sagen, sicher einer der besten dieses Stils, die ich bisher im Glas hatte. Die Reise hierher hat sich gelohnt, und wenn ich auch nie ein großer Freund des Stils an sich sein werde, hat man hier doch etwas vor sich, das Genuss zulässt und richtig viel Spaß macht beim Trinken.


Drei Tequilas, ein Cocktail – ich habe mich für den Añejo entschieden, einfach weil ich herausfinden wollte, ob ich ihn dann vielleicht wenigstens im Mixed Drink empfehlen kann, für die anderen zwei besteht das Problem nicht, die sind sowohl pur als auch gemixed sehr brauchbar. Im Passiflora kommen ein paar körperunterstützende Zutaten mit dazu, und da klappt das auch mit dem Añejo gut. Der Cocktail selbst ist eine Fruchtbombe mit herbem Unterbau, nicht so klebrig süß, wie man solche Cocktails sonst serviert bekommt – und der Tequila Nueve Añejo macht hier einen absolut guten Job.

Passiflora Cocktail

Passiflora
1½oz / 45ml Tequila Añejo
½oz / 15ml Punt e Mes
½oz / 15ml Passionsfruchtsirup
½oz / 15ml Zimtsirup
½oz / 15ml Limettensaft
Auf Eis shaken. Auf Eis servieren.

[Rezept nach Sahil Mehta]


Mir gefällt die Halbliterflasche von den Details im Glas sehr, die Form ist wirklich hübsch dazu. Bei den Etiketten könnte man ein bisschen mehr Achtsamkeit beim Aufkleben walten lassen, die sind teilweise etwas schief und schrumpelig auf der Flasche, aber vom Design her durchaus gelungen und sauber gestaltet, und handeingetragene Batch- und Herstellungsdaten sind immer gern gesehen. Mir gefallen auch die kleinen Sinnsprüche auf dem Rücketikett, die durchaus poetisch etwas über den Inhalt auszusagen haben.

Das Fazit ist für mich: den Blanco sollte man wirklich mal probieren, wenn man die sensorische Spannbreite, die Tequila haben kann, ausloten will; der Cristalino ist handwerklich echt gut gemacht und ein im Vergleich dazu sehr weicher Drink, der aber immer noch die Eigenschaften des Blanco durchscheinen lässt. Den Añejo brauche ich dagegen persönlich nicht wirklich, er fällt etwas aus dem Rahmen, den die beiden anderen großartigen Produkte bilden. Zwei von drei ist aber eine hervorragende Quote, finde ich, und Tequila Nueve hat damit genug Lorbeeren geerntet, um eine Kaufempfehlung von mir zu bekommen – insbesondere für Tequilafreunde, die schon so ein bisschen Vorerfahrung haben und die Eigenheiten zu schätzen wissen können.

Offenlegung: Ich danke Tequila Nueve für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser drei Tequilas.

Ode an die Mitternachtssonne – Þúfa Handcrafted Brennivín

Viele Länder im Norden Europas haben eine zwiegespaltene Geschichte, was Alkohol angeht. In Island beispielsweise war Alkohol über lange Zeit nicht erwünscht, von 1915 bis 1989 gab es eine Prohibition, die über viele Jahre mit einem Alkoholtotalverbot sogar Bier beinhaltete. Die Abhängigkeitsgeschichte zum Königreich Dänemark, bei der die Dänen ein Monopol zugunsten der dänischen Produkte einrichtete, legte die Basis, eine Volksabstimmung 1908, bei der das Totalverbot mit 60% Zustimmung beschlossen wurde (die Abstinenzbewegung war stark damals!), läutete die Totenglocke für isländische Spirituosen. Auch nach der Unabhängigkeit 1918 durften nur Regierungsstellen destillieren, und erst 1989 wurde die Prohibition endgültig abgeschafft. Weiterhin kann man in Island Spirituosen allerdings nur in behördlich kontrollierten Geschäften kaufen, sogar Bier ist nur in leichten Varianten bis ca. 2,25% Alkoholgehalt in normalen Supermärkten erhältlich, für Stärkeres muss man auch in die Vínbúðin-Märkte.

Dort, und am Duty-Free-Shop des Flughafens Keflavík, kann man dann zum Beispiel auch den Þúfa Handcrafted Brennivín erwerben, was ich am Ende meines Islandaufenthalts im Winter 2024 auch getan habe. Bei der Brunnur Distillery in Reykjavík wird dieser „gebrannte Wein“ hergestellt, in den dort stehenden zwei 170l-Kupfer-Brennanlagen, an die kleine Säulen angeschlossen sind, entsprechend macht man nur kleine Mengen. Der Brennivín wird mit Schilfgras, Schafgarbe und Kümmel aromatisiert und mit isländischem Wasser auf 38% Alkoholgehalt eingestellt. Eine besondere Spirituose mit Geschichte, wie man sieht, und ich freue mich auf die Verkostung!

Þúfa Handcrafted Brennivín

Ätherische Öle sorgen manchmal dafür, dass eine Spirituose eine Trübung erhält, man kennt das besonders von Ouzo oder Absinth. Beim Þúfa erkennt man es schon in der Flasche, dass da ein Schleier auf der Flüssigkeit liegt, im Glas noch deutlicher, dies ist natürlich kein Fehler, sondern zeigt einfach auf, dass hier ein natürlicher Prozess stattfindet. Die Viskosität ist passend dazu gegeben.

Dass ein Brennevín mit einem Aquavit verwandt ist, wird spätestens klar, wenn man die Nase ins Glas hält. Da ist direkt sehr viel Kümmel, klar die dominante Note, ohne kantig oder kratzig zu sein, ganz weich und rund findet man ihn abgebildet. Ich rieche noch ein Kraut, das ist wohl die Scharfgarbe und das Schilfgras, es erinnert deutlich an Kamille, vielleicht auch ganz milden Thymian und getrockneten Beifuß. Ja, der Þúfa hat was von einem Kräuteraufguss oder -tee, mit einem Hauch Fenchel und sogar Gurke noch, in minimalsten Dosen, aber ein Duft wie dieser lässt es zu, dass man die olfaktorische Fantasie laufen lässt.

Þúfa Handcrafted Brennivín Glas

Am Gaumen zeigt der Þúfa sich extremst weich und zart, wirklich wie ein Löffel verdünnter Honig, mit viel natürlicher Süße und einer sehr cremigen, runden Textur, die erstmal richtig bezaubert. Der Kümmel erscheint zeitnah, ebenso die krautige Nebenkomponente. Im Verlauf entsteht dann ganz langsam und bedacht Würze, nicht scharf aber durchaus pikant, weißpfeffrig und mit einem klaren Mentholeffekt, der die Zungenfläche zum erfrieren bringt, sie leicht betäubt, eindeutig nicht aus der Alkoholstärke entstehend, sondern aus den botanischen Pflanzenzusätzen. Der Abgang ist frisch und weiterhin stark krautig, der Kümmel blitzt nochmal besonders auf, und dominiert dann auch den langen Nachhall, der den ganzen Mundraum eine ordentliche Weile belegt und sehr angenehm hinterlässt.

Oh, dieses Mundgefühl, das ist wirklich etwas Besonderes hier, das sollte man erlebt haben, wirklich grandios weich und breit. Auch die dezente Aromatik ist perfekt eingespielt in dieses Gefühl. Eine großartige Spirituose, die da von der Insel im Norden kommt, ich spreche hiermit eine sehr warme und herzlich gemeinte Empfehlung aus, den Þúfa zu probieren, wenn man an sie herankommt – ein ideales Mitbringsel von Island, wenn man mal dorthin kommt.


Eine alte isländische Sitte war es wohl, das verfügbare alkoholfreie Bier mit einem Schuss Brennevín aufzuspritten und es dann Bjórlíki („Bierersatz“) zu nennen, dafür ist der Þúfa aber nicht die ideale Wahl, zu zart und gleichzeitig zu feinaromatisch ist er als reiner Alkohollieferant. In einem Cocktail dagegen würde ich ihn immer gern sehen, zum Beispiel im Snapsvisa Sour, wo er seine ganzen aromatischen und texturellen Stärken ausspielen kann.

Snapvisa Sour Cocktail

Snapsvisa Sour
1 Thymianzweig und 1 Kardamom-Kern muddeln
1½oz / 45ml Aquavit
½oz / 15ml Amaro
¾oz / 23ml Zitronensaft
½oz / 15ml Zuckersirup
Auf Eis shaken, doppelt abseihen. Mit einem Thymianzweig servieren.

[Rezept adaptiert nach Josephine Estelle]


Die Flasche hat keine nennenswerten Details aufzuweisen. Das Etikett dagegen gefällt mir in seiner Buchseitenart, keine ablenkende Illustration oder Marketingsprüche, die gar nicht zur strengen isländischen Art passen würden, nur ein Anflug herber isländischer Poesie ist erkennbar. Knapper Text, nachträglich aufgedruckte Batch- und Flaschennummer, das ist alles, und mehr würde ich auch gar nicht wollen.

Diesen Artikel veröffentliche ich am 23. Dezember, dieser ist der Tag des Heiligen Thorlak, des isländischen Schutzpatrons, und wird unter dem Namen Þorláksmessa als eine Art Vorweihnacht gefeiert. Man isst auf Island heute Rochen mit Kartoffeln, und trinkt dazu Brennivín. Wer einen daheim hat, kann mit mir virtuell gerne darauf anstoßen – wer nicht, besorgt sich für nächstes Jahr einen guten Brennivín, wie den Þúfa, und wir holen das 2026 nach!

Bier am Freitag – Weltenburger Kloster Winter-Traum Märzen

Es ist die besinnliche Zeit vor Weihnachten, die Supermärkte sind voll von Menschen, die sich mit Waren eindecken, da bekommt man einen Eindruck davon, wie sich die Höhlenmenschen früher noch schnell ein Mammut geschlachtet und es zur Festtagswurst zerkleinert haben, damit man zum Fest nicht mehr vor die Tür muss. Mir geht das alles furchtbar auf die Nerven, ich hasse Weihnachten, ich gebe es gern zu, und bin immer froh, wenn Januar ist und das ganze kommerzielle, hektische, stressige, oberflächliche und pseudofröhliche Treiben rum ist. Was nicht heißt, dass ich nicht ein paar der Festtagsprodukte, die zum Beispiel Brauereien herausbringen, doch mitnehme – neulich erst zum Beispiel das Weltenburger Kloster Winter-Traum Märzen. Weltenburger mag ich seit sehr langer Zeit, ich habe über deren Biere schonmal einen Sammelartikel geschrieben, und das untergärige, mit Spezialmalzen (Helles Gerstenmalz, dunkles Gerstenmalz) und 3 Hopfensorten (Herkules, Perle, Tradition) eingebraute Bier mit 5,4% Alkoholgehalt war da schon sehr knapp angesprochen – nun bekommt es einen Sonderplatz hier. Es wird jährlich ab August gebraut und ist dann im Herbst verfügbar, schon vor dem Winter offensichtlich. Bei mir ist es nun im Glas!

Weltenburger Kloster Winter-Traum Märzen

Das Bier ist kristallklar, mit einer schönen, kräftigen Bernsteinfarbe, durch die man die vielen winzigen aufsteigenden Perlchen des Mousseux erkennen kann. Sie füttern den Schaum, der sehr feinblasig auf dem Bier steht, ausdauernd, dicht und cremig.

Die Nase nimmt sofort die starke Malzigkeit wahr, leicht nussig, die mich an ein Altbier erinnert. Getreidenoten werden durch eine leichte Rostigkeit ergänzt, und der eingesetzte Bitterhopfen macht das ganze komplett. Ein sehr angenehmer Duft, das Winter-Traum ist sicherlich ein Bier, an dem man schnuppern kann, ohne dass hier wirklich viel Komplexität vorhanden wäre; es fühlt sich einfach rund und gut an, Malz und Hopfen sind echt gut verbunden. Ein Hauch von Kaffeepulver, minimalste Röstnoten, und ganz im Hintergrund auch noch etwas getrocknete Frucht, vielleicht Pflaumen, ohne dass die Frische des Biers beeinträchtigt wird.

Auch die Textur gefällt ähnlich: Das fühlt sich cremig an, ohne schwer zu wirken, ist deutlich malzbetont, ohne zu süß zu sein, und leicht hopfigherb, ohne sich durch Aromahopfen aufzudrängen. Es passt einfach ineinander. Ja, ein bisschen mehr Körper könnte ich mir wünschen, und vielleicht ein bisschen mehr Variabilität in den vorhandenen Geschmäckern, doch das Winter-Traum liefert in anderen Aspekten dafür ab. Der Abgang ist mittellang, mildherb im Rachen, und hinterlässt ein angenehmes Mundgefühl.

Ein Bier, das weniger über Komplexität punktet, dafür über eine enorme Drinkability, das läuft echt rund durch den Mund und macht richtig Spaß dabei. Ich stelle mir vor, dass das Winter-Traum zu einem üppigen Essen, gerade zu Weihnachten, ein idealer Begleiter ist und den Aromen der Speisenfolge eine gute Leinwand bietet. Ein paar Flaschen davon sind bei mir bereits im Kühlschrank!

Drei Freunde sollt ihr sein – Three Knots Single Malt Scotch Whisky

Ein schöner Urlaub, mit guten Freunden, tollen Erlebnissen und gutem Whisky, das ist etwas, das jeder gerne mit einem Souvenir untermauert, damit man später an weniger schönen Tagen noch was davon hat. Ich bringe oft eine Flasche Schnaps mit, ein Kleidungsstück, oder ein kleines Kunstwerk, alles regional verankert, um diese Erinnerungen wiederaufleben zu lassen. Andere gehen da einen Schritt weiter: sie tun sich zusammen und kaufen ein ganzes Fass Whisky. So taten das Carsten Hellwig, Lutz Frischmann und Simon Weiß, letzteren kenne ich inzwischen ganz gut und kann mir perfekt vorstellen, dass sowas auf seinem Mist gewachsen ist. Insbesondere, wenn es dann darum geht, aus dem privaten Fass etwas für die Allgemeinheit zu machen, und den Whisky auf Flaschen zu ziehen, zu etikettieren, unter dem Namen Three Knots Single Malt Scotch Whisky auf den Markt zu bringen und sogar in einem Spirituosenwettbewerb einzureichen – und dann, um die ganze Geschichte endgültig zu krönen, eine Goldmedaille beim Internationalen Spirituosenwettbewerb ISW zu gewinnen. Etwas, worauf man sehr stolz sein kann, in der Tat!

Der Whisky selbst ist ein in der Destillerie Lochranza auf der Isle of Arran gebrannter Scotch, destilliert am 27.08.2013 und nach 10 Jahren abgefüllt am 31.08.2023. Cask-Strength mit 59% Alkoholgehalt ist für Simons Ansprüche selbstverständlich, keine Spielereien macht der, und natürlich ungefärbt und nicht kaltgefiltert, wie jede Spirituose sein sollte. 348 Flaschen haben die drei aus dem first-fill Sherry Hogshead geholt, das mit der Kennnummer 13/1718 identifiziert wird, und ich habe Flasche Nummer 109 zuhause, freundlicherweise von Simon als Geschenk gestellt, ich habe keine Ahnung, womit ich diese Ehre verdient habe. Mit diesem Artikel zolle ich Simon meinen Respekt, sowohl als Freund als auch als offensichtlich hervorragend arbeitender unabhängiger Abfüller. Man darf gespannt sein, wie sich dieser Whisky im Glas präsentiert!

Three Knots Single Malt Scotch Whisky

Sowohl in der Flasche wie auch im Glas wirkt der Three Knots dunkelleuchtend, mit einer kräftigen Kastanienfarbe, die überraschend helle Lichtreflexe im Gegenlicht zeigt. Die Flüssigkeit schwenkt sich viskos, nicht schwer, aber mit ordentlich Glaswandartefakten.

Die Nase schwankt wie ein Schiff im Sturm zwischen würzigem Holz, frisch und staubig gesägt, und überreifer, aber noch nicht getrockneter Frucht, das ist vielleicht Pflaume oder Pfirsich, definitiv angereichert mit viel gelbbrauner Banane. Dazu kommen süßer Honig, ein bisschen im Vergleich dazu herberer Ahornsirup, und schon länger auf der Weide liegendes Heu. Heller Sumatra-Tabak ist ein weiterer würziger Kopfton, und ein minimalster Hauch von Bergamotte erzeugt gegen all die Würze sogar noch etwas fruchtige, nie spitzige Frische. Etwas Lack ist durchaus gern gesehen, piekst vielleicht ganz zart in der Nase, wenn man zu tief schnuppert.

Three Knots Single Malt Scotch Whisky Glas

Die Textur ist vom Antrunk an fett, dicht, schwer, legt sich mit initialer Süße breit auf den ganzen Mundraum, verteilt sich expansiv, aber unaggressiv. Honig, Ahornsirup, viel Malz und hier nun doch getrocknete Pflaume dominieren zunächst, frische Melasse und etwas Zuckerrohrsaft geben fast exotische Noten dazu im Detail. Ein Hauch von Medizinalität macht das ganze noch komplexer, während ausgeprägt mineralische Aspekte, zusammen mit einer hübschen, wunderbar eingebundenen Salzigkeit, die Meernähe zeigen; dazu passt ein sehr attraktives umami. Im Verlauf bildet sich die Süße ausgleichende Säure, der Whisky wird sehr trocken, ohne astringierend zu sein, und parallel dazu nimmt der Würzemotor Fahrt auf und lässt alles im Mund warm bis heiß brummen, ohne zu Zwicken oder unangenehm dabei zu sein. Der Abgang ist holzig, mit Karottentönen und einem gewissen Gefühl der Grüne; der Nachhall ist sehr lang, aromatisch, effektvoll und erwachsen.

Das ist einerseits extrem trinkig, hat keine unschönen Kanten oder Ecken, die einem hübschen Schluck im Wege stehen würden; andererseits hat man beständig das Gefühl von Kraft, Spannung und Komplexität, so dass nie Langeweile oder Müdigkeit entsteht. Eine gefährlich gute Kombination, ein herausragend guter Whisky im Gesamtbild.


Welchen anderen Cocktail hätte ich hier vorschlagen können als den Port in a Storm. Der Name deutet sozusagen den Hafen für den seetauglichen Whisky an, aber das Rezept hat genau die Komponenten, die ihm darüber hinaus eine attraktive Bühne bieten, ein bisschen Portwein ergänzt den Körper und bringt zusätzlich Volumen, der Cognac unterfüttert die Fruchtaspekte. Ein idealer Drink für den Spätherbst, wenn es draußen eklig wird.

Port in a Storm Cocktail

Port in a Storm
1oz / 30ml Scotch Whisky
1oz / 30ml Port
½oz / 15ml Cognac
Auf Eis rühren.

[Rezept nach unbekannt]


Die Flasche selbst hält sich mit verrückten Ideen zurück, ist standardisiert und ohne Gimmicks gestaltet, bis hin zum sehr bodenständigen Etikett, bei dem man merkt, dass hier keine Marketingprofis die Leitung inne hatten und stattdessen alles an Liebe und Energie in den Inhalt geflossen ist – ohne, dass es wirklich amateurhaft wirkt. Sauber gemacht.

Ein letztes Wort noch zu Simon, einem der drei Freunde, die sich hier für die Abfüllung zusammengetan haben. Ich habe ihn über einige Jahre nun, glaube ich, gut kennengelernt, wir haben zusammen wilde Zeiten auf der ganzen Welt erlebt, von der Karibik über Neustadt/Weinstraße bis China, und der Mann weiß meistens, was er tut, außer in der Phase, wenn er sich diese Marathons und ähnliches zumutet. Ich hoffe, Dich bald mal wiederzutreffen, Simon, und danke für diesen großartigen Whisky!

Rum am Freitag – Rum Artesanal Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition #230 2015-2022

Samples haben ein schwieriges Leben bei mir. Sie sammeln sich an, und stehen oft genug viel zu lange herum, weil ich sie nicht „einfach so“ trinken will, sondern auch für sie vernünftige Tasting Notes niederschreiben will; ganze Flaschen haben dabei aber Priorität, und ich komme da schon kaum hinterher. Aber nachdem ich so positive Erfahrungen mit Rum von der Insel Madeira gemacht habe, und doch ein paar Samples von dort bei mir warten, dachte ich, es wird Zeit, ihnen die Ehre zukommen zu lassen, die sie verdienen. Beginnen wir mit einem kleinen Fläschchen des Rum Artesanal Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition #230 2015-2022, das ich von dem bekannten deutschen Abfüller erhalten hatte. 7 Jahre ist er entsprechend den Destillations- und Bottlingdaten alt, und er stammt aus Fass 230, das tatsächlich nur 152,6l beinhaltete, ergab 218 Flaschen in Cask Strength (was hier 50,8% entspricht). Der Rum wird nicht kühlfiltriert oder gefärbt.

Rum Artesanal Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition #230 2015-2022

Haselnussbraun, leuchtend mit terracottafarbenen Lichtreflexen, eine wirklich ansprechende Farbe hat der Rum. Dazu kommt eine tolle, fette Öligkeit, die den Brand schwer schwenkbar macht, und die einen dicken Film an der Glaswand hinterlässt.

Für die Nase ist der 970 Single Cask #230 nicht weniger unterhaltsam, da kommen sehr erwachsene, aber nicht übertriebene Holznoten vor, die die dunkle Trockenfruchtseite unterstützen. Gedörrte Pflaumen, Rosinen, reife Feigen und braungelbe Ananas, das geht gut mit dem Holz zusammen. Leichte Pekannusstöne finden sich, und ein Anflug von Heu. Stark eingedickter Zuckerrohrsaft gibt eine Süßwürze dazu, ohne sich wie bei einem Agricole französischen Stils prägnant in den Vordergrund zu stellen. Eine Idee von Anis frischt das eher dunkel gelagerte Gesamtbild etwas auf.

Im Mund macht der 970 Single Cask #230 keine Kompromisse, vom Antrunk an merkt man die grasige Bittere, die mit dem Einfluss des Holzes ein trockenherbes Mundgefühl erzeugen. Die schon gesehene Viskosität spiegelt sich in der am Gaumen gefühlten Textur sehr deutlich wieder, das breitet sich angenehm fett und breit aus und bleibt lange haften. Hier wird das Zuckerrohr nun sehr viel präsenter, weniger in einer Süße (auch wenn ganz tief der Brand durchaus süßlich wirkt), als in der leicht kräuterigen, wuchtigen Aromatik, die sich über den Verlauf sogar immer mehr verstärkt. Anis, Eukalyptus, Kümmel und Kardamom untermalen es mit viel Kraft, ein bisschen Lack fügt weitere Komplexität hinzu. Der Abgang ist lang, sehr würzig und kribbelt hinten am Zäpfchen, die Zunge wird warm und etwas anästhesiert, und im Nachhall erscheint dann warm und kalt gleichzeitig, wie ein Sonnenaufgang, das volle, nun schon buttrige Zuckerrohr, verfeinert mit etwas Guave.

Ein durchweg kraftvolles, hocharomatisches und dabei trotzdem elegantes Erlebnis, bei dem man toll verfolgen kann, wie unterschiedlich der Rum von Madeira von allen seinen Verwandten auf der Welt ist. Hervorragend gereift ist er dazu, das Holz ist perfekt eingebunden und lässt den Rum besonders glühen. Wunderbar!

Offenlegung: Ich danke Rum Artesanal für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.

Wüstenmagie – Los Magos Artesanal Ensamble de Sotoles

Sotol ist eine der mexikanischen traditionellen Spirituosen, die eine geschützte geografische Angabe aufweisen. Sie wird aus Dasylirion hergestellt, einer optisch der Agave ähnelnden Pflanze, die aber eigentlich mehr dem Spargel verwandt ist, in der Region nennt man sie auch „Wüstenlöffel“, im Allgemeinen aber einfach Sotol, wie die Spirituose selbst. Nur die Bundesstaaten Chihuahua, Coahuila und Durango dürfen ihn in Mexiko herstellen, allerdings gibt es auch in den USA Hersteller, die ihre Produkte meist „Texas Sotol“ nennen. Während México Selection 2025 in Chihuahua habe ich den Gründer der Marke Los Magos, Juan Pablo Carvajal, persönlich kennengelernt und viel mit ihm geredet. Er hat das Talent, Sotol charismatisch und trotzdem sehr bodenständig zu repräsentieren, in klarer Sprache die relevanten Punkte offenzulegen und ganz ohne Marketing oder Überschwang über Sotol und die Region, aus der er stammt, zu sprechen. Sehr sympathisch, muss ich sagen! Entsprechend stelle ich heute mit viel Freude seinen Los Magos Artesanal Ensamble de Sotoles vor.

Im Gegensatz zur Agave, die nach der Ernte tot ist, lassen die Tumbadores, die die unkultivierten, wild wachsenden Dasylirion-Wheeleri-Pflanzen ernten, Wurzeln und Blätter zurück, und die Pflanze kann sich daraus regenerieren. Wie bei Agaven werden die Blätter entfernt, und die piñas in Erdgruben, die mit Holz befeuert werden, 36 bis 48 Stunden geröstet und danach von Hand zerkleinert. Bis zu 20 Tage dauert die Fermentation in offenen Holzbottichen, rein mit wilden Hefen, es kommen keine genetisch veränderten Organismen zum Einsatz. Schließlich wird dreifach in Kupferbrennapparaten destilliert, mit mineralreichem Wasser erfolgt die Einstellung auf die Trinkstärke von 38%. Man sieht, der Prozess tut der Kennzeichnung „Artesanal“ alle Ehre. Keine Zusätze kommen dazu. Man versucht, die kommerziellen Fallstricke zu vermeiden, die aus so traditionellen Produkten oft schnell genug reine Konsumware machen, die den Bodenhalt verliert. Die Herstellung ist biologisch (wenn auch nicht zertifiziert), und statt auf Konflikt zu setzen, arbeitet man grenzüberschreitend zwischen Mexiko und den USA, die ja die Kulturlandschaft und die Sotolpflanze beide teilen. Ein Teil der Einnahmen gehen auch in die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Farmer und ihrer Familien. Eine spannende Geschichte, die nicht nur erzählt, sondern genau so gelebt wird – und nun probieren wir den Brand einfach mal.

Tres Magos Artesanal Ensamble des Sotoles

Klar und brilliant findet sich der Brand dann im Glas, mit einer sehr ansprechenden Viskosität, die einen deutlichen Film an der Glaswand hinterlässt, der sich dann in schlanke Beine aufteilt und abläuft.

Die Nase des Los Magos ist von Anfang an komplex und sehr vielschichtig. Da sind mindestens zwei grundlegende Aspekte, die gleichberechtigt auftreten und sich wabernd ineinander verschlingen, ein Gesamtbild erzeugen, sich aber auch unabhängig erkennen lassen. Erstmal ist da eine kräuterige, helle Frische, die fast an einen Gin erinnert, mit Thymian, Salbei und einem Tick Estragon; dabei ist auch eine herbe Zitrusschalennote, allerdings nicht spitzig, sondern ätherisch und aromatisch. Die nächste Schicht ist kontrastierend dazu vorsichtig rauchig und laktisch, beides in einem sehr gut kontrollierten Ausmaß, aber effektiv, der Rauch ist leicht speckig, mit ganz milden Fleischnoten, die laktische Seite erinnert an einen ganz jungen Camembert, der noch nicht seine Reife erreicht hat. Ein bisschen Ethanol scheint durch, ein bisschen grüner Tee, vielleicht etwas trockenes Heu. Man sieht, ein wirklich buntes Bild an Eindrücken, Dinge, die man gar nicht zusammen verorten würde, passen sich rund ein.

Tres Magos Artesanal Ensamble des Sotoles Glas

Das Mundgefühl des Los Magos ist zu Beginn sehr leicht und weich, wirklich zart und mit einer deutlichen natürlichen Süße versehen, das legt sich fein auf den Gaumen. Denkt man zunächst noch, ja, ein bisschen mehr Wumms könnte dem nicht schaden, verfliegt dieser Wunsch schnell, denn im Verlauf bildet sich eine leicht pikante, warmpfeffrige Würze heraus, mit schwarzem Pfeffer, Rosenpaprika und leichtem Ingwer, insgesamt ohne jedes Brennen oder scharfe Hitze. Die Kräuteraspekte sind nun betont, viel Salbei und Kerbel erscheinen, und im Nachhall auch eine sehr grünfleischige, vegetabile Seite, die an Agave, grünen Spargel, Algen und Aloe erinnert. Der Abgang ist mittellang, würzig und deutlich salzig, angenehm astringierend und trocken, ohne wirklich hart dabei zu werden, mit einer sehr eleganten Bittere im hinteren Rachen und der Zungenseite, und nun kommt noch aromatische Weihnachtsräucherware zum Vorschein, ein Hauch Patschuli und noch mehr Algen. Der Los Magos hinterlässt ein sehr feines Mundgefühl, elegant und voller Sotol-Resteindrücke.

Im Gegensatz zu vielen anderen mexikanischen Spirituosen ist Sotol im Allgemeinen sehr leicht zugänglich und gar nicht kompliziert, und der Los Magos ist dabei keine Ausnahme. Wer Schwierigkeiten mit den starkrauchigen, extremlaktischen oder aromatisch überwältigenden Mezcals aus dem Süden Mexikos hat, ist mit einem Sotol wie dem Los Magos vielleicht als erstem Schritt besser bedient, ohne dass man auch nur ein bisschen von Traditionalität und Produkttiefe aufgibt; das Preisleistungsverhältnis ist darüber hinaus sehr gut. Ich wüsste keinen Grund, hier nicht sofort zuzugreifen!


Den Sotol Pineapple Sour habe ich auf dem Eröffnungsempfang von México Selection getrunken, dort wurde er ohne Namen oder Rezeptangabe serviert. Das Rezept habe ich mir zuhause nachgebastelt und ein bisschen herumexperimentiert, um das Geschmackserlebnis von damals einigermaßen nachzubilden. Ich weiß nicht, ob es genau dasselbe ist – jedenfalls ist der Cocktail ein toller, erfrischender und aromatischer Mix aus der Komplexität des Los Magos und der Fruchtsüßsäure der Ananas.

Sotol Pineapple Sour Cocktail

Sotol Pineapple Sour
2oz / 60ml Sotol blanco
1½oz / 45ml Ananassaft
¾oz / 23ml Zitronensaft
½oz / 10ml Zuckersirup
Auf Eis shaken. Auf frisches Eis abseihen.

[Rezept nach Helmut Barro]


Passend zur nachhaltigen Einstellung bei Los Magos ist die Flasche aus recycletem Glas gemacht, mit recht individueller Form und dem Markenlogo unscharf ins Glas eingelassen. Über Wachs auf einer Flasche habe ich öfters schon gesagt, dass ich es ablehne – zumindest ist hier der Zugstreifen sehr gut gelungen, und man kann die Flasche leicht öffnen, ohne dass Wachsreste in die Flasche fallen oder krümeln. Ein Echtkorken verbirgt sich darunter. Das Etikett ist stilsicher in dunklem grün mit Kupferdetails gehalten, eine schöne und ungewöhnliche Farbkombination, die am Flaschenhals mit dem Wachs und der Kupferabgrenzung wiederaufgenommen wird.

Ein paar Bilder aus der Region, aus der dieser Sotol stammt, sollen verdeutlichen, welches Klima und welche Kultur dort vorherrschen. Ich war Ende November dort, da ist es tagsüber immer noch sehr angenehm warm mit oft blauem Himmel und strahlender Sonne, die die staubige, steinige und flachbebuschte, karge Wüstenlandschaft in bestem Licht präsentiert. Und ein Bild einer Sotol-Pflanze ist auch dabei.

Es ist doch eine ganz erkleckliche Zahl von Sotols in Deutschland erhältlich, persönlich überrascht mich das, auf eine positive Art und Weise. Der Los Magos ist erst seit kurzem dabei, man kann ihn zu einem sehr vernünftigen Preis bei Mex-Al erwerben; Juan Pablo Carvajal hatte im persönlichen Gespräch mit mir erwähnt, dass er damit seinen ersten Schritt nach Europa getan hat (man erkennt es auch daran, dass die Füllgehalt-Angabe auf der Flasche noch recht rudimentär mit einem Aufkleber von den in Mexiko üblichen 750ml auf europäische 0,7l angepasst wird).

Los Magos Goldmedaille

Wie man sieht, hat der Sotol auch bei México Selection 2025 eine Goldmedaille gewonnen – das habe ich eben noch erfahren, und ich glaube, das ist ehrlich und wahrhaftig verdient. Wer diese Art von Spirituose und aufstrebende Unternehmer unterstützen, und einen richtig guten klaren Brand zuhause haben will, den nicht jeder schon kennt, sollte dort zugreifen. Oder einfach mal selbst nach Chihuahua fahren und die dort sehr lebendige Sotolkultur am eigenen Leib erfahren, das wäre noch besser und unterhaltsamer!

Bier am Freitag – Les Deux Amants Régis Blonde American Pale Ale

Das letzte Bier, das mir Meike aus der Normandie mitgebracht hatte, wird heute geöffnet und probiert. Das Les Deux Amants Régis Blonde American Pale Ale stammt aus Val de Reuil, weist ein Biosiegel auf und hat entsprechend auch in der Zutatenliste ausschließlich diesbezüglich deklarierte Inhaltsstoffe. Bio-Gerste, Bio-Weizen, Bio-Hopfen (die Sorte bleibt aber unbenannt), und schließlich Bio-Rübenzucker, etwas, das ich noch nie in einem Bier gesehen habe. Zucker kann in Bieren ja verschiedene Funktionen haben, darum ist so eine Angabe erstmal nicht direkt zu verdammen, hier dient er als Speise für die Hefen während der Flaschengärung. Das Bier ist weder pasteurisiert noch gefiltert, und auf 6% Alkoholgehalt gebraut.

Les Deux Amants Régis Blonde American Pale Ale

Stark hefetrüb und safranfarben, zusammen mit dem ausdauernden, gemischtblasigen Schaum macht das Bier optisch schonmal was her. Leichte Hefereste setzen sich im Glas unten ab, die feine Perlage sieht man nur im starken Gegenlicht.

Der starkfruchtige Hopfenduft begrüßt einen, stiltypisch natürlich, vielleicht sogar ein bisschen mehr, als man erwartet. Litschi, Mango, Grapefruitzeste, eine schöne Mischung aus süßfruchtigen und zestigherben Aromen.

Vollcremig und kauig in der Textur, das breitet sich schnell und fett aus im Mund, die starke Karbonisierung bläst ordentlich Volumen rein. Der Körper wirkt dagegen etwas arg leicht und irgendwie zu süßlich, das fühlt sich nicht ideal integriert an; vor allem, weil die Süße und die Bittere kollidieren statt zusammenzuarbeiten. Schön dagegen transferieren die Geschmackseindrücke von der Nase an den Gaumen, bleiben auch im Abgang sehr lange erhalten, mit einem aufblühenden floralen Nachklang, der neben den Blumen noch die Litschi betont.

Frisch und sauber zu trinken, aber nicht so ganz rund, wie man es sich wünschen würde. Ein leichtes Bier für einen heißen Sommertag, da zieht sich das sicher gut weg, aber mir insgesamt etwas zu schmal gestaltet.

Seltene Beeren – Edelbrennerei Dirker Elsbeerenbrand

Die Elsbeere war eine neue Entdeckung für mich. Mein guter Freund Branko machte mich darauf aufmerksam, als wir über besondere Obstdestillate sprachen, und ich meine große Liebe zur Vogelbeere kundtat. Einen Baum dieser Art in meiner Region zu finden ist erstmal gar nicht so einfach, darum konzentriere ich mich direkt auf ein Produkt, das aus der Elsbeere entsteht, einen Edelbrand natürlich, was erwartet man anders als das auf diesem Blog. Soviele Brenner machen ihn gar nicht, und Branko hatte natürlich auch diesbezüglich eine Empfehlung in der Hinterhand – den Edelbrennerei Dirker Elsbeerenbrand, mich wundert das nicht, ich habe eigentlich nur sehr positive Erfahrungen mit Arnos Bränden gemacht, da ist es eigentlich eher seltsam, dass ich nicht von allein auf ihn gekommen bin.

Die Hälfte der Elsbeeren in Deutschland wächst tatsächlich in Franken, das passt natürlich zur Heimat von Arno Dirker – schon seit der Römerzeit werden die Früchte und das Holz der Elsbeere geschätzt, die Früchte haben einen extrem hohen Vitamin-C-Gehalt, und das Holz beanspruchbar, hübsch und besonders für Musikinstrumente geeignet. Dirker macht aus den Elsbeeren bei sich nicht nur ein Destillat, sondern auch eine Konfitüre, der magenheilende und verdauungsfördernde Wirkung nachgesagt wird. Es wundert einen nicht, wenn man etwas nach einem Elsbeerenbrand suchen muss, wenn man erfährt, dass für rund 5 Flaschen mehr als 100kg Beereneinsatz benötigt werden, eine wirklich schmale Ausbeute. Dafür ist der Elsbeerenbrand aus dem Hause Dirker noch wirklich bezahlbar, er will offensichtlich nicht reich werden an diesen ganzen besonderen Spezialitäten, die er in seinem riesigen Portfolio fast dauerhaft anbietet. Eine der kleinen Flaschen mit 44% Alkoholgehalt steht nun bei mir auf dem Tisch, dazu ein Verkostungsglas, und ich freue mich auf diese Probe mehr als auf viele andere, die ich in diesem Jahr gemacht habe.

Edelbrennerei Dirker Elsbeerenbrand

Der Brand ist klar, perfekt kristallen und weist eine schöne Öligkeit auf, die sich beim Schwenken besonders zeigt, in schweren Wellen schwappt er, und geht gemächlich wieder in Ruhelage zurück. Viele Beine bilden sich dabei, und diese laufen zügig ab.

Der Duft des Elsbeerbrands ist natürlich sehr verwandt mit dem eines Vogelbeerbrands, das könnte man blind leicht verwechseln. Es sind die Details, die den Unterschied ausmachen – die marzipanigen Aromen wirken runder und milder, die Frucht selbst etwas grüner und balsamischer, der ganze Brand einen Ticken mehr heuig. Jenes Heu ist versetzt mit Kornblumenblütenduft, ein bisschen kandiert vielleicht, wie ein Bonbon, und es erinnert mich leicht an den Heulikör aus Südtirol, den ich vor einer Weile vorgestellt hatte. Da ist ein bisschen Zitrus drin, eher Zitronengras als Zitrone, und ein winziger Hauch von Anisfrische. Koriander und Kardamom finde ich in der Kopfnote, und Kaffee und Petrichor im Unterbau. Eukalyptus klingt beim tieferen Schnuppern durch, zusammen mit einer angenehmen Alkoholizität, die das ganze aus der Frucht erhebt. Ich liebe diesen Duft in seiner komplexen Gesamtheit.

Edelbrennerei Dirker Elsbeerenbrand Glas

Vom Antrunk an ist der Elsbeerenbrand trocken und erkennbar bitter, letzteres verstärkt sich sogar im Verlauf und wird im Abgang knackig und fast schon kantig, bevor es langsam im Nachhall nachlässt, ohne je ganz zu verschwinden. Die viskose Textur verhindert, dass dies je unangenehm wird, zusammen mit einer gewissen Grundsüße fängt sie die Bittere gekonnt auf. Eine deftige, leicht salzige Würze entwickelt sich, pikant und feurig, weißpfeffrig und paradox kühlend auf dem Gaumen. Die Frucht und das Marzipan dominieren den Geschmack, es macht Spaß, das eine und das andere zu verfolgen, und sie auf der Zunge wechseln zu lassen. Jasmin und Geranie, also eher blütige und eher grüne Pflanzenkomponenten, dominieren den Abgang, der auch noch eine gewisse Säure mitbringt. Lang und ausdauernd, voll und breit ist das, aber gleichzeitig mit einer eingebauten, harten Linie, die den Brand definiert.

Ich als Vogelbeerbrandliebhaber genieße diesen Elsbeerenbrand sehr, wegen der Ähnlichkeit, aber gleichzeitig wegen den Unterschieden. Es ist jedenfalls etwas, wofür man sich Zeit nehmen sollte, und ein Brand, der zum Explorieren einlädt, weil er soviel bietet. Als Digestif ist er meines Erachtens herausragend geeignet, mit seinen klärenden Eigenschaften und seiner wunderschönen, elaborierten Bittere.


Es ist für mich manchmal schwer erträglich, wieviel Energie und Pseudokreativität darin verschwendet wird, einen Namen für einen Cocktail zu finden. Es hat sich etabliert, man macht das, seit es Cocktails gibt, doch für mich persönlich ist da die Luft raus. Umso charmanter ist die Benennung des Campari-Vogelbeer-Cocktail, da weiß man, was man bekommt (das Originalrezept findet sich auf meiner Rezepteseite). Und wenn man den benötigten Sirup selbst macht, was gar nicht schwer ist, identifziert man sich mit so einem Drink gleich viel mehr. Leider habe ich keine Els- oder Vogelbeeren in der Nähe, aber Weiß- und Feuerdorn in rauen Mengen, daraus habe ich mir geschwind einen Sirup gekocht, und den Brand tausche ich natürlich auch aus. Und ich nenne ihn dann einfach Campari-Elsbeer-Cocktail.

Campari-Vogelbeer-Cocktail

Campari-Elsbeer-Cocktail
10ml Elsbeerenbrand
10ml Campari
40ml Weißdornsirup
40ml Zitronensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach Difan Xu’s „Campari-Vogelbeer-Cocktail“]


Für die Flasche gilt weiterhin das, was ich bei den vorherigen Besprechungen der Brände der Edelbrennerei Dirker gesagt habe – eine individuelle Form, schön bauchig mit schmalem Hals, ins Glas eingelassene Details, offensichtlich handgestaltete Etiketten.

Als es darum ging, lieben Bekannten in Mexiko im Zuge von México Selection by CMB vor ein paar Tagen eine kleine Aufmerksamkeit aus Deutschland mitzubringen, war es keine große Überlegung – mein Koffer war voll gepackt mit Destillaten aus dem Hause Dirker. Sein Kümmel ging mit Jimmy Sauza nach Guadalajara, die Kugelbirne zu Jannet Ochoa nach Chihuahua, der Blaufichtenzapfengeist mit Carlota Montoya nach Mexico City, und seine Schlehe über Umwege mit Evan Goldstein nach San Francisco. Schnaps nach Mexiko zu bringen ist in etwa so, wie die sprichwörtlichen Eulen nach Athen zu tragen, doch ich bin mir sicher, dass auch die sehr detailverliebten und traditionellen Spirituosenkenner dort die handwerklichen Qualitäten zu schätzen wissen, die Arno Dirker so besonders machen. Und der Elsbeerenbrand ist selbst in dieser hohen Liga nochmal etwas Spezielles.

Die Wurzeln der Berge – Grassl Gebirgsenzian

Ich werde langsam alt, und besonders spüre ich das daran, dass ich großen Gefallen gefunden habe, diese Bergpolizei-Serien auf ARD und ZDF zu schauen, von Hubert und Staller über Watzmann ermittelt bis zu den Rosenheim-Cops (obwohl letzteres zu einer Art Kleiderständer-Sprechzimmer geworden ist, aufs Schauspielern wird da inzwischen komplett verzichtet). Unkomplizierte und oberflächliche Fernsehunterhaltung, bei der am Ende der Gute gewinnt und der Böse bestraft wird, mit dem Charme der Berge unterlegt; in Zeiten, in denen man beim Schauen der Nachrichten Magengeschwüre und Frustschreierei bekommt, ist das für mich tatsächlich ein bisschen Erholung. In Folge 7 der ersten Staffel von Watzmann ermittelt kann man tatsächlich darüber hinaus etwas lernen, was uns den Hauptthemen dieses Blogs wieder etwas näher bringt – dort wird nämlich gezeigt, wie in kleinem Maßstab ein Enzianbrenner arbeitet. Die Wurzel wird kleingehackt und angesetzt, dann in Kupfer gebrannt. Man soll nie sagen, Fernsehen würde nicht bilden! Man muss nur aufpassen, wo man hinschaut. Hier dient tatsächlich die Enzianbrennerei Grassl als Set und als Inspiration, damit hat man jedenfalls ernsthaft was zu besichtigen in der Folge der Serie.

Watzmann ermittelt

Bei Grassl, der ältesten Bergbrennerei Deutschlands, geht das natürlich in einem anderen Maßstab vonstatten, als bei der Hüttenbrennerei, bei der man den Bergbrenner bei der Arbeit sieht. Für das Sammeln und Verarbeiten der Wurzeln des violetten und gelben Enzians, die in Deutschland eigentlich unter Naturschutz stehen, braucht man eine gesonderte Erlaubnis. Doch auch dort wird die Wurzel kleingehackt und mit Wasser und Hefe vergoren, 6 Wochen gibt man der Maische dort, einfach auch, weil die Wurzel natürlich wenig Zucker als Nahrung für die Hefen hergibt. Danach brennt man den Gebirgsenzian doppelt, und das Destillat wandert für mindestens 3 Jahre in Eschenholzfässer im Felsenkeller unter Berchtesgaden – für das Eschenholz hat man sich entschieden, da dieses nur wenig der für dieses Produkt unerwünschten Farb- und Geschmackseinflüsse bringt; die Fasslagerung dient für den Gebirgsenzian mehr der Beruhigung des Destillats. Von da kommt es dann in die Flasche, und dann ins Glas des interessierten Konsumenten!

Grassl Gebirgsenzian

Durch die Filtration, die vor der Abfüllung erfolgt, ist keinerlei Rest eines eventuell die Destillation überlebt habenden Partikels zu sehen, die Flüssigkeit ist kristallklar und mit schöner Viskosität versehen. Langsam laufen die Tropfen an der Glaswand ab.

Die Nase ist natürlich sehr prägnant für diese Art Spirituose – man riecht sofort die extrem erdige Wurzel, die als Basismaterial dient. Wie eine frisch ausgegrabene Pflanze, feuchte Erde, Anklänge von Karotte und Kartoffel, feuchter Keller, nasses, pilziges Holz, ein bisschen gewässerter Beton. Ganz mild scheint sogar etwas Floralität durch, als würde der Enzianwurz ein bisschen seiner Blüte mitbringen, dazu ein Hauch Lavendel. Wirklich besonders und speziell, aber in keiner Form unangenehm.

Grassl Gebirgsenzian Glas

Die Viskosität zeigt sich dann auch am Gaumen, dick und cremig liegt der Gebirgsenzian im Mund, schön breit und mit durchdringender, natürlicher Süße. Schnell spürt man auch im Geschmack dann aber die Erdigkeit, die Wurzeligkeit, die Staubigkeit und die Kelleraspekte, die man schon gerochen hatte, das bildet sich sehr gut von der Nase auf die Zunge ab. Leichte Würze, die an schwarzen Pfeffer erinnert, vielleicht etwas Piment, leitet dann in ein warmes Brummen über, das die Schleimhäute kitzelt, ohne wirklich zu brennen, der Alkohol fühlt sich gut eingebettet an. Gegen Ende geht die Süße in wurzeligerdige Trockenheit über, ohne jede Astringenz, und dieser staubige Eindruck dominiert den Nachhall, wenn sich zusätzlich ein kühler Hauch im Mund breitmacht und einen unterhaltsamen Meerrettich-Ton hinterlässt.

Hier spürt man die Enzianwurz wirklich wunderbar, und sie ist in ein rundes Gesamtbild eingebettet. Man meint, die Herstellung sehen zu können beim Trinken. Ich denke, der Gebirgsenzian von Grassl ist ein richtig schöner Digestif, oder, wie das bei Watzmann ermittelt gezeigt wird, ein perfekter Gipfeltrunk.


Veröffentlichte Cocktailrezepte zu Enzian zu finden, ist eine schwierige Aufgabe – die meisten, die man findet, beziehen sich eher auf einen Enzianlikör wie Suze. Ein ähnliches Problem hatten wohl Torben und Matthias, als sie sich auf trinklaune.de überlegten, wie sie einen Enzian in einem Cocktail einsetzen, und haben in ihrer Genialität einfach selbst einen kreiert. Der All Your Favourite Bands ist ein toller, erdig-wurzeliger Wet-Martini-Twist, ich zolle den beiden hiermit die Ehre, die sie verdienen.

All your Favourite Bands Cocktail

All Your Favourite Bands
40ml Dry Gin
20ml Enzian
25ml trockener Wermut
10ml Orangenlikör
Auf Eis rühren. Mit einer Zitronenzeste absprühen.

[Rezept nach Torben Börnhoft und Matthias Friedlein]


Den Gebirgsenzian kann man im gut sortierten Einzelhandel kaufen, in unterschiedlichen Flaschengrößen; die 350ml-Flasche ist für mich und meine Hausbar praktisch. Etikett und Design deuten auf die Tradition hin, sind dabei aber nicht kitschig. Und das kleine Stofftuch, das über den Drehverschluss gespannt wird, ist ein kleines, aber unterhaltsames Detail, das die Flasche aus der Masse hervorhebt.

Ich will jetzt nicht spoilern, aber am Ende der Folge von Watzmann ermittelt kommt es zu spannenden Verwicklungen bezüglich Brennern, alten Rezepten und Liebesaffären, da hatten die Leute bei Grassl sicherlich viel Spaß bei den Dreharbeiten. Bei einem Enzian muss man sich um Rezepturen nicht so viel Sorgen machen wie beim Kreuzian der Serie, der für soviel Ärger verantwortlich war – das ist ein Brand, der klar und ohne jede Geheimnistuerei oder Tricksereien abliefert. So stell ich mir das vor und wünsche mir es, in den Bergen.

Bier am Freitag – Brasserie du Bocq Gauloise Fruits Rouge

Ich trinke gerne das Blanche de Namur, und dachte, als ich neulich in einem französischen Supermarkt ein anderes Bier aus derselben Brauerei fand, dass hier vielleicht etwas ähnlich unterhaltsames gemacht wird. Das Brasserie du Bocq Gauloise Fruits Rouge ist mit Weizen- und Gerstenmalz gebraut und mit 8,2% Alkoholgehalt überraschend stark für ein Fruchtbier, normalerweise sind die deutlich milder, ich bin gespannt, was das in der Sensorik ausmacht. Erstmal muss ich aber über die Zutatenliste hinwegkommen – „mit natürlichen Aromen roter Früchte“, ein erster Stolperstein ist natürlich immer, wenn Aromen statt echten Fruchtzutaten eingesetzt werden. Zucker und Süßungsmittel sind beide gelistet, das zweite Problem. Immerhin ist auch echter Saft drin, mindestens 5,9% Holundersaftkonzentrat. Trotzdem gehe ich skeptisch in die Verkostung, würde mich gerne positiv überraschen lassen!

Brasserie du Bocq Gauloise Fruits Rouge

Rote Früchte, das glaubt man direkt, wenn man sich das Bier eingießt. Ein wunderbares, opalisierendes Rubinrot findet sich im Glas, mit einem schön dazu passenden roséfarbenem Schaum, der zunächst sehr dick, später weiterhin ausdauernd und dann sehr feinfluffig stehen bleibt.

Von der Nase eines Fruchtbiers erwarte ich das, was ich hier beim Bocq Gauloise Fruits Rouge finde – kräftige Aromen roter Früchte, Beeren natürlich zuvorderst, der Holundersaft dominiert dabei gewiss, aber ich meine auch Himbeeren und Johannisbeeren herauszuriechen, einfach als Seitennoten. Eine leichte Herbe deutet auf das Basisbier hin, aber das ist wirklich nur eine Idee.

Im Mund kommt dann erste Ernüchterung auf, da ist die Natürlichkeit irgendwie dahin: die Frucht schmeckt künstlicher, als man das vom Geruch her vermutet hätte, auch sehr viel eindimensionaler und oberflächlicher. Dazu kommt die starke Süßung, die die Komplexität zusätzlich plattmacht. Weiß die Textur initial noch zu gefallen mit einer schönen Cremigkeit, gliedert sich dies zusammen mit der Pappsüße dann auch in ein eher klebrig-langweiliges Gesamtbild ein. Ja, der Beerensaft liefert noch etwas Säure, durchaus, und auch das Bier ein bisschen Würze, aber der übermäßige Zucker überdeckt am Ende alles, was an Spannung dagewesen sein könnte. Der extrem kurze, völlig belanglose Abgang bestätigt diese Eindrücke.

Ja, so ein Beispiel dafür, dass man Fruchtbier auch können muss. Das Bocq Gauloise Fruits Rouge reiht sich eher in die Sektion der Fruchtbiere ein, bei denen man einfach merkt, dass Natürlichkeit der zentrale Qualitätspunkt eines solchen Stils ist – und hier verliert das Gauloise auf aller Linie. Schade drum, vom Geruch her hatte ich mir viel mehr versprochen.