Sterne über Griechenland, Teil 6 – Metaxa Private Reserve

Lang, lang ist es her, dass ich mich in meiner kleinen Miniserie „Sterne über Griechenland“ mit den verschiedenen Ausprägungen einer meiner Lieblingsspirituosen, dem Metaxa, auseinandergesetzt hatte. 5 verschiedene Varianten, vom 3-Sterne-Basisprodukt über die 5-Sterne-Fassung und die 7-Sterne-Version bis zum 12-Sterne-Brand, dazu mein persönlicher Liebling, der Grande Fine. Ein Metaxa-Honiglikör lief am Rande noch mit, man sieht, da ist viel nachzulesen für die, die sich ähnlich für den griechischen, aromatisierten Weinbrand interessieren wie ich. Beim letzten Griechenlandurlaub vor inzwischen schon mehr als 7 Jahren hatte ich im Rückreisegepäck eine weitere Ausprägung versteckt – die ich lange in meinem wuchernden Spirituosenregal vergessen hatte. Ich fand, es wird Zeit, dass der Metaxa Private Reserve nun endlich die Würdigung erfährt, in meine Miniserie mitaufgenommen zu werden.

Die Flasche mit der Seriennummer No. 007561 steht nun zur Verkostung bereit. Constantinos Raptis, der „Metaxa Master“ von 1992 bis 2024 war, kreierte die Private Reserve, und legte jedes Jahr einen einzelnen Batch davon neu auf. Sein Nachfolger, Konstantinos Kalpaxidis, führt diese Tradition unter dem neuen Namen Private Reserve Metaxa Orama fort, ich bin irgendwie trotzdem froh, noch eine Abfüllung des Erfinders zuhause zu haben. Alle Tastingnotes beziehen sich entsprechend auch auf diese Abfüllung aus dem Jahr 2017. Süßer Muskateller aus Samos ist die Basis, dazu kommen separat gebrannte Weindestillate, und am Ende noch ein Jahr lang mazerierte Kräuter und Pflanzenteile (darunter die natürlich stildefinierenden Rosenblätter), und alles wird zusammen gereift. Aus mehreren solchen komplexen Zwischenprodukten wird dann vom Metaxa Master ein Endprodukt geblendet – der Aufwand ist offensichtlich groß, und ehrlicherweise gibt man dann dafür auch kein Alter an. Trinken wir ihn nun endlich, nach so langer Wartezeit.

Metaxa Private Reserve

Da die Flasche nur ein kleines Etikett aufweist, ist die Farbe des Private Reserve natürlich sofort in ihrer ganzen Pracht erkennbar. Über einen eventuellen Zusatz von Färbemitteln schweigt sich der Hersteller aus. Im Glas schwenkt sich die Flüssigkeit sehr flink und lebendig, kaum eine Viskosität ist sichtbar. An der Glaswand bleiben dennoch Beinchen, die zunächst langsam, ab der Hälfte ihres Weges dann aber plötzlich sehr schnell ablaufen.

Der Geruch ist das, was ich an Metaxa in jeder Ausprägung einfach am meisten liebe. Beim Private Reserve ist das ganze auf die Spitze getrieben – sehr würzig, viele Holz- und schwere, trockenobstige Weinbrandnoten, etwas Buttriges, eine Idee von Rancio. Vanille, Schwarztee, milde Orange. Eine vorsichtige Rosenblütigkeit. Es gibt aber durchaus auch ein paar Ethanolspitzen. Dementsprechend unerwartet weich wirkt er im Antrunk, ohne jedoch wirklich fett zu werden; mir kommt er etwas schmalbrüstig vom Mundgefühl her vor. Das beschränkt jedoch nicht die Aromen – ein feuriger Weinbrand, mit vielen Gewürzaromen, leichter Orange, milden Trauben und etwas Floralität.

Metaxa Private Reserve Glas

Im Verlauf wird er immer heißer, fast schon beißend; die 40% Alkoholgehalt sind eher mäßig eingebunden. Die Süße wird dabei schließlich fast vollständig aufgegeben, macht Süßholz, eichenholziger Trockenheit und Bittere Platz. Der Abgang ist überraschend kurz, feurig, mit deutlich alkoholischem Nachhall. Bittere Lakritznoten und leichte Betäubung klingen gleichzeitig mit. Ein leichter Jasminhauch ist das letzte, was übrigbleibt.

Hm, so richtig begeistern kann mich dieser Metaxa (zieht man den aufgerufenen Preis und die Bewerbung als Krönung eines Handwerks in Betracht, was ich einfach muss) am Ende nicht. Ist der Upgrade von Grande Fine auf den Private Reserve die Preissteigerung um 50% wert? Meines Erachtens, leider, nicht. Ein stabiles Produkt, sicherlich unterhaltsam, aber eben nicht so mitreißend, wie es bei all dem Bohei sein müsste.


Als Digestif bleibt dieser Weinbrand dennoch sicher eine Bank, ohne Frage, die Würzigkeit und Trockenheit räumen den Gaumen nach einem fetten, schweren griechischen Fleischteller zuverlässig ab, und in dieser Situation gibt es für mich kaum etwas besseres. In einem Mixed Drink sehe ich den Private Reserve durchaus als Hauptdarsteller, und zwar trotz Aromatisierung überall da, wo auch nach spanischem Brandy gerufen wird – also zum Beispiel im Brandy Alexander.

Brandy Alexander Cocktail

Brandy Alexander
1½oz / 45ml Brandy
1oz / 30ml Crème de Cacao
¾oz / 23ml Sahne
1 Eiweiß
Dry shake, dann auf Eis shaken. Mit Muskatnuss bestäuben.
[Rezept nach unbekannt]


Die Präsentation ist natürlich, dem Anspruch angemessen, üppig und überfließend; von der schwungvoll gestalteten Karaffe selbst über den großen Holzstöpsel mit Gravur auf der Oberfläche, über die sehr elegant und gleichzeitig edel gestalteten Etiketten bis hin zum aufklappbaren Geschenkkarton – da ist Präsentpotenzial ohne Ende da, und es ist einfach schön, all diesen Augenzucker zu betrachten.

Mit dieser Flasche endet erstmal die Serie „Sterne über Griechenland“. Die Produkte, die Metaxa sonst noch im Angebot hat, wie der Angels‘ Treasure oder die High-End-Abfüllung AEN III, sind ehrlicherweise unerschwinglich – und da die Preisleistungskurve schon bei der Private Reserve einen Punkt überschritten hat, den ich noch gutheißen kann, ist alles darüber völlig uninteressant sowohl für mich als auch für den Genießer, der aufs Geld zumindest mitachten muss. Falls ich irgendwie drankomme, ohne mich finanziell zu ruinieren, werde ich einen weiteren Teil dieser Serie, die mir viel Spaß gemacht hat, nachliefern, aber bis dahin verbleibe ich mit einem fröhlichen Γειά σας für meine Leser!

Armagnac am Freitag – Grape of the Art Charron 2004 Armagnac

Der Nachschub an Armagnac-Samples nimmt kein Ende. Ich bin begeistert – ich erinnere mich an die Zeit, als ich nach Armagnac verzweifelt suchen musste, es gab nur eine Handvoll Flaschen, die einigermaßen zu erreichen waren, ansonsten war das hierzulande eine komplett kryptische Spirituosengattung. Niemand hat mehr dafür getan, das zu ändern, als Grape of the Art. Dank diesem Abfüller bekommt man aktuell großartige Flaschen in vielen Preissegmenten, für jeden Geschmack, vom Schmeichler bis zum Zungenwürger, von der Fruchtbombe bis zum Holzmonster, es ist unglaublich, wie sich der Markt diesbezüglich seitdem entwickelt hat. Heute stelle ich den Grape of the Art Charron 2004 vor, aus der Region Bas Armagnac, sortenrein aus Baco gemacht, abgefüllt in Cask Strength mit 51,3% Alkoholgehalt, der 19 Jahre zwischen November 2004 und September 2024 in Fass #95 beim Hersteller lag.

Grape of the Art Charron 2004 Armagnac

Ich verwende heute frech einfach mal ein Veladora-Glas zur Verkostung statt des sonst üblichen Stielglases. An diese Gläser habe ich mich sehr gewöhnt, und ich mag es, allerlei Spirituosen daraus zu trinken. Den Elitarismus mit der Tulpenform und dem Stiel ignoriere ich inzwischen gern. Man sieht auch im Veladora die schöne Terracotta-Farbe, die fast ins Kastanienbraun übergeht, und fühlt beim Drehen des Glases die deutliche Öligkeit mit vielen Schlieren.

Sehr aromatisch attackiert der Charron die Nase, mit extrem viel süßem, saftigem Kernobst, einer gelungenen Mischung aus Pfirsich und Aprikose. Die Holznoten kombinieren sich außergewöhnlich gut in diese Fruchtmelange, man hat wirklich den Eindruck aus holzfassgereiften, getrockneten Aprikosen, wenn man die Nase ins Glas hält. Ein bisschen erinnert mich das, wie in der Vergangenheit schon, an Bourbon, mit dem leichten Lackaspekt, der für weitere Komplexität sorgt, ebenso wie die mentholische Seite, die sich mild ausbreitet, und von etwas Anis begleitet wird. Pflaume entwickelt sich danach, und auch viele aromatischen Gewürze wie Zimt, Kardamom und Kümmel – beim Charron lohnt es sich, der Geruchsexploration viele Minuten einzuräumen, da passiert tatsächlich viel über die Zeit.

Im Antrunk zeigt sich der Armagnac vorsichtig, weich, süß, aber recht leicht und schon hier gewürzig, ein angenehmes Mundgefühl entsteht aus dieser Textur, mit aber nur mittlerem Volumen, etwas anders als das, was man optisch im Glas gesehen hatte. Doch auch hier – man sollte nicht stehenbleiben und sich abwenden, sondern dem Brand ein bisschen Freilauf gestatten, aus der initialen Süße erwächst eine erwachsene, trockenere Struktur, kein bisschen astringent und bis zum Schluss von der Frucht getragen, nun zusätzlich etwas, das Anis, Grünschnitt, Aloe und Geranien reminiszieren lässt, mit einer ansprechenden milden Salzigkeit und toll eingebundener Bittere, die mit Oliven und Artischocke anklingt. Lang, kühlwarm und sehr blumig ist der Abgang.

Extrem süffig, sehr zugänglich, sich dabei nicht anbiedernd, und mit subtiler Komplexität: der Charron gefällt mir sehr. Wieder mal ein Beweis dafür, wie gut die Auswahl von Grape of the Art für ihre Abfüllungen funktioniert, die haben inzwischen die Erfahrung, auch solche versteckten Wunder zu finden.

Offenlegung: Ich danke Wet Drams für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.

Reh im Schnaps – Flor Del Desierto Carnei Sotol Artesanal

Meine Tour de Sotol geht weiter: Nachdem ich neben ein paar Samples vor einer Weile schon den Los Magos Sotol vorgestellt hatte, folgt nun der nächste der Sotols, dazu einer, der mich besonders beeindruckt hat: der Flor Del Desierto. Es passiert mir selten, dass ich von einer spiritistischen Reise kaum eine Flasche mit zurück bringe, doch während México Selection by CMB 2025 in Chihuahua waren die Zeitfenster für Shopping dermaßen knapp bemessen, dass ich es nicht hinbekommen habe, wirklich viel Sotol mitzubringen. Ich war unendlich froh, in einem Shop in Spanien den Flor Del Desierto Carnei Sotol Artesanal zu finden, denn während der normale Flor Del Desierto bereits ein hervorragendes Produkt ist, so hat man mit einem Brand mit Fleischeinsatz bei der Herstellung doch immer noch einen Tick mehr Exotik im Glas! Ich liebe Pechugas aller Arten, und der Carnei mit seinem Wildfleisch reizt mich eben ganz besonders. Ja, richtig gelesen, Wild!

Der Maestro Sotolero, wie man den Brenner in Chihuahua nennt, ist José „Chito“ Fernandez Flores, und er steuert den aufwändigen und in den meisten Schritten noch komplett in manueller Arbeit geführten Prozess. Die wild wachsenden Dasylirion Wheeleri werden im Alter von 18 bis 22 Jahren geerntet, in niedrigen Erdgrubenöfen, befeuert mit Weiden- und Eichenholz, gekocht, und dann manuell zunächst mit Äxten, danach mit Macheten zerkleinert. Die daraus entstehende Maische kommt in unterirdische Fässer mit 1000L Fassungsvermögen aus Pinienholz, wo die Gärung mit wilden Hefen in 7 bis 9 Tagen vonstatten geht. Für die dreifache Destillation kommt eine hybride Holz-Kupfer-Brennblase zum Einsatz, in die für den Carnei bei der dritten Destillation im Pechuga-Stil ein Korb mit Rehfleisch, Walnüssen, Früchten und Sternanis gehängt wird. Rund 200 Flaschen kommen in einem solchen normalen Durchlauf zustande, die auf 52% Alkoholgehalt eingestellt dann abgefüllt werden. Flor Del Desierto ist stolz darauf, diese handwerklichen und biologischen Traditionen fortzuführen, weswegen der Sotol die Klassifizierung „Artesanal“ erhält. Man trinkt so einen Carnei zu festlichen Gelegenheiten wie Hochzeiten, Geburtstagen oder auch Begräbnissen – für mich ist es schon ein besonderes Erlebnis, überhaupt so eine Flasche dann zuhause zu haben, zu öffnen und zusammen mit meinen Lesern zu verkosten.

Flor Del Desierto Carnei Sotol Artesanal

Natürlich ist die Flüssigkeit komplett transparent und glasklar, und darum habe ich keine Schwierigkeiten damit, statt dem sonst üblichen Verkostungsglas einfach mal das kleine Keramik-Caballito zu verwenden, das ich aus Mexiko mitgebracht hatte. Man sieht darin nicht die Viskosität, darum erwähne ich es separat, dass sich in einem Glas eine sehr ansprechende Öligkeit zeigt, der Carnei bewegt sich schwer, und hinterlässt einen adrigen Film an der Glaswand.

Die Nase ist sehr direkt und prägnant, mit einer richtig klaren Linie, die die Pflanzlichkeit in den Vordergrund stellt. Grüne Schnittpflanzen, Geranienblätter und Aloe sind im Vordergrund, dazu kommt eine sich wunderbar in diese grüne Bild einpassende Fruchtigkeit mit unreifer Aprikose, Stachelbeere und etwas Limettenzeste, dazu etwas Honig. Moschus ist in Anflügen da, und eine minimalste Blütigkeit, die zwischen Lavendel und Orchidee wabert. Man findet aber auch einen überraschend starken Aspekt von aromatischem Holz, Zeder- und Sandelholz, ohne dass es wirklich holzig wird, mit einem Touch Sumatra-Tabak, und zu guter letzt sogar noch etwas Krautiges, das an Basilikum erinnert. Hochkomplex, dabei frisch und frech, und sich beständig wandelnd.

Flor Del Desierto Carnei Sotol Artesanal Glas

Am Gaumen setzt sich diese Komplexität und Wandelbarkeit ohne Umschweife fort. Ist der Antrunk noch eher starkgrün, in Ansätzen fast schon gemüsig-dicht mit Anklängen von Avocado, dreht sich der Flor Del Desierto Carnei im Verlauf um fast 180 Grad und zeigt sich dann trocken, frisch und extrem mineralisch, mit vielen Trockenkräutern und pflanzlichen und wurzeligen Bestandteilen. Enzianwurzel ist da, Angelica, Kardamom und Koriandersamen, Oregano, Salbei und Muskatnuss spielen mit, dazu Sternanis. Das Aromaholz erscheint passend dazu stark. Man könnte zwischendurch meinen, man hat Gin im Mund, doch dann kommt im langen, würzig-warmen Nachhall wieder voll das Grüne hervor, diesmal aber klarer und linearer als im Antrunk, hier schlägt voll das Basismaterial zu und die Sotol-Pflanze klingt dann herrlich stringent und eindeutig definiert. Das Mundgefühl ist durchgängig angenehm, trocken und strukturiert, mineralisch und klar, warm und ohne Astringenz. Fleisch sucht man vielleicht anhand der Herstellungsmethode, das ist aber unnötig, es dient mehr der Verbindung und Abrundung der Aromen, und das tut es richtig gut, und geht aromatisch in der Würzigkeit perfekt auf.

Wer sollte sich den Flor Del Desierto Carnei Sotol anschauen? Jeder, der ein Faible für typische mexikanische Spirituosen und deren Typizität hat, aber auch jeder, der einfach grandios komplexe und trotzdem hochgradig trinkige Brände mag. Hier sieht man perfektionierte Handwerkskunst, eingebettet in eine alte Tradition und dadurch erhaltene Bodenständigkeit. Ein herausragender Brand innerhalb der Sotol-Kategorie, aber auch innerhalb des mexikanischen Umfelds, und für mich persönlich dann auch global gesehen.


Sicherlich gehört der Barbacoa mit zum Abenteuerlichsten, was ich bisher in einem Cocktailglas hatte. Vom Rezept her klingt das irre, doch was bei diesem Drink am Gaumen abgeht, ist schon beeindruckend. Rauchige Noten von der Chipotle, würzige von der Adobo-Sauce, knackige Frische von der Paprika, zestige Säure von der Limette, Schärfe vom Ingwer, Süße vom Agavendicksaft; und dann die klare Kante und die herrliche Struktur vom Flor Del Desierto Carnei. Das muss man erlebt haben. Das Trockenfleisch hier ist ein Stück Carne Seca aus Chihuahua, das weniger gewürzt und herber ist als zum Beispiel ein Beef Jerky (dazu weiter unten mehr).

Barbacoa Cocktail

Barbacoa
3 Limettenecken
3 Stücke grüne Paprika
1 ganze Chipotle in Adobo-Sauce
Alles im Shaker muddeln.
2oz / 60ml Pechuga Mezcal/Sotol
¾oz / 23ml Agavendicksaft
½oz / 15ml Zitronensaft
½oz / 15ml Ingwersirup
Auf Eis shaken. Dirty dump in ein Glas.

Mit einem Stück Trockenfleisch dekorieren.
[Rezept nach Julian Cox]


Die Flasche des Flor Del Desierto selbst ist hoch und schlank, das passt irgendwie zum Inhalt. Das Etikett ist aufwändig gestaltet, mit dieser hochikonischen Schlange, die den Kopf aus einem Pflanzenbusch streckt, mit darunterliegenden indigenen abstrakten Dekorationen. Das Vorder- und das Rücketikett enthalten soviele Informationen, wie es andere Spirituosen nichtmal auf 100 Hochglanz-PDF-Seiten zu vermitteln vermögen, das rechne ich den Herstellern sehr hoch an, vor allem, weil es wirklich viel zu wissen gibt. Für die unterschiedlichen Sorten gibt es unterschiedliche Etikettengrundfarben; braun für den Carnei, weiß für den Standard, schwarz für den Cascabel und so weiter.

Apropos Hersteller – ich habe sowohl Sergio Gonzáles in Jalisco als auch Yaremi Navar in Chihuahua kennenlernen dürfen, beide sind sehr rührige Botschafter für ihren Brand, und haben immer mindestens eine Flasche davon im Gepäck und gute Gespräche dazu. Was nicht schwer fällt, wenn man irgendwann dann anfängt, Sotol aus dem Weinglas zu trinken.

Wie versprochen nun noch ein Wort zu Carne Seca, ich denke, das passt bei einem Artikel über eine Spirituose mit Fleischeinlage ganz gut. Es ist eine Art Trockenfleisch vom Rind, grundsätzlich ähnlich wie das hierzulande recht bekannte Beef Jerky. Der Unterschied ist aber, dass das mexikanische Carne Seca in hauchdünne Scheiben geschnitten wird, durch die man in manchen Varianten fast durchschauen kann. Es ist auch nicht so weich und gummiartig wie viele Beef Jerkys, sondern hart und knusprig, man muss ordentlich drauf rumkauen, um es genießen zu können. Dazu ist es anders gewürzt – gefühl eigentlich nur mit Salz, der reine Rindfleischgeschmack kommt dadurch wirklich schön zur Geltung. Ich habe vier unterschiedliche Sorten aus Chihuahua kennengelernt, und da das Zeug ewig haltbar ist (das war auch der ursprüngliche Gedanke hinter dieser Art Zubereitung), hat man auch lange daran.

Zurück nochmal zum Sotol. Es gibt unterschiedliche Sorten, wie schon angesprochen, und das „Standardprodukt“ mit weißem Etikett ist in Deutschland gut erhältlich, der wird irgendwie seinen Weg zu mir auch noch finden und ich werde darüber schreiben. Ich werde darüber hinaus alles daran setzen, den Flor Del Desierto Cascabel (der mit Klapperschlangengift hergestellt wird) oder auch den Veneno, der Schlangengift und Fassreifung kombiniert, zu mir zu bekommen; diese sind schwerer erhältlich, da der Export dieser Sorten grundsätzlich sehr viel schwieriger ist, aus nachvollziehbaren Gründen. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!

Bier am Freitag – Stone Neverending Haze IPA

Stone Berlin war eine kurzlebige Geschichte – die Idee war eigentlich gut, für den deutschen Markt das Bier auch in Deutschland zu brauen, und es schien auch gut zu funktionieren, doch am Ende war es eine Fehleinschätzung, und 2019 wurde die Location wieder geschlossen und die restlichen Einrichtungen, wie der Biergarten, an Brewdog übergeben. Greg Koch äußerte seine große Frustration über die Situation in einem langen Blogeintrag auf der Stone-Homepage. Aber die Biergeschichte geht trotzdem weiter: Das Stone Neverending Haze IPA wird jedenfalls nun in den USA gebraut und importiert. Für ein IPA ist es mit 4% Alkoholgehalt überraschend leicht eingestellt, und bezieht seine namensgebende und stiltypische starke Trübung aus Hafer. Auf die Dose, rein ins Glas.

Stone Neverending Haze IPA

Passend zum Namen natürlich volltrüb, beim Eingießen fallen auch ein paar Stücke Hefe mit ins Glas, die durch die langsame, aber durchgängig vorhandene Perlage im Glas auf und ab gestrudelt werden. Der Schaum aus großen, groben Blasen fällt schnell in sich zusammen. Geruchlich findet man die IPA-typischen Aromahopfennoten, viel Grapefruit, viel Limette, darunter etwas Mango und Ananas. Nach dem gefühlt 100sten IPA überrascht das (leider) nicht mehr, aber die Zeiten, in denen mich die modernen Interpretationen überrascht haben, sind halt vorbei, dafür kann das Bier nichts – man gewöhnt sich an diese Bierstile. Kein schlechtes Zeichen, eigentlich.

Sehr kantig, bitter und frisch im Antrunk, da ist nichts von irgendeiner Süße, sehr klar und mit eckiger Säure und hoher Karbonisierung. Die Frucht ist deutlich weniger präsent als in der Nase, eine gewisse Getreidigkeit ist eigentlich dominanter. Der Aromahopfen hat keine Chance gegen Bitterhopfeneindrücke: im Verlauf wird es immer bitterer, gegen Ende sogar vielleicht schon aggressiv bitter, schal und sauer. Hier verliert man mich als Trinker, das geht mir persönlich einen Schritt zu weit, weil es alles andere an Komponenten überwältigt. Überraschend für ein IPA sind die kleinen 4% Alkoholgehalt; das stört mich nicht, für ein Mittagsbier ist das sogar angenehm. Der Abgang ist mittellang, extrem viel blumiger Jasmin hängt nach.

Nun, zu einem richtig deftigen Essen, ja, da kann ich mir das gut vorstellen. Als reines Genussbier muss ich hier passen, da ist mir das Neverending Haze trotz des lieblichen Namens einfach zu brutal und gewalttätig – kurz: mir schmeckts nicht wirklich.

Gute Nachrichten aus Haiti – Vieux Sajous Aged 4 Years VSGB

Haiti kommt aus den schlechten Nachrichten selten heraus. Naturkatastrophen wechseln sich mit politischen Hiobsbotschaften ab, die Kriminalität ist hoch, die Lebensstandards niedrig, da muss man als mitfühlender Mensch immer die Zähne zusammenbeißen, um nicht in das allgegenwärtige Lamento einzustimmen. Denn so komplett möchte ich das Land nicht abschreiben, es gehört zu meinen Sehnsuchtsreisezielen, das ich unbedingt sehen und erleben will – die Wahrscheinlichkeit dafür ist niedriger als bei vielen anderen derartigen Wünschen, aber, wie gesagt, ich werde Haiti nicht aufgeben und wünsche dem Land nur das Beste. Woher kommt dieser Wunsch? Zum Großteil ist dafür natürlich Luca Gargano verantwortlich, der mir mit seinen Reiseerzählungen den Floh ins Ohr gesetzt hat. Und natürlich der überraschende, unerwartete und so positive Aufstieg, den die haitianische Nationalspirituose, der Clairin, gemacht hat.

Ich habe schon viel über Clairin berichtet, heute geht es zumindest indirekt weiter, denn mit dem Vieux Sajous Aged 4 Years VSGB erzähle ich etwas über einen Rum, der aus einer traditionellen Clairin-Brennerei kommt. Die Entscheidung, diesen Brand als Rum zu deklarieren und nicht als Clairin, kommt vielleicht daher, dass Clairin in seiner Essenz ungereift (oder zumindest nur ansatzweise gereift) ist, und durch eine lange Fassreifung eher der Rumcharakter betont wird. Jedenfalls wird er aus der alten, indigenen Zuckerrohrsort Cristalline hergestellt, die Brenner Michel Sajous auf einem Feld in der Nähe seiner Brennerei nördlich von Port-au-Prince anbaut. Für den Vieux Sajous wird dieser dann mit wilden Hefen fermentiert, und die hier vorliegende „zweite Auflage“ wurde 2017 gebrannt, lagerte dann komplett im tropischen Klima Haitis und wurde 2021 abgefüllt, natürlich in Fassstärke mit 56,3% Alkoholgehalt. Es handelt sich um einen Blend aus 12 Fässern, die vorher Rum und Single Malt Whisky enthielten.

Vieux Sajous Aged 4 Years

Zwischen Bernstein und Sonnenblumengelb würde ich die Farbe des Vieux Sajous verorten, sehr hübsch anzuschauen und eine ehrliche Farbe für 4 Jahre in gebrauchten Fässern. Sehr deutlich sieht man die Viskosität beim Schwenken, an der Glaswand bilden sich dabei fette Beinchen, die ausdauernd dort haften.

Ich hatte in den letzten Monaten viele Brände, die eine laktische Seite aufweisen, und gewöhne mich so ein bisschen daran – der Vieux Sajous hat jedenfalls eine, ohne Frage. Leicht milchig, nicht unbedingt käsig. Schnell aufgefangen wird sie durch eine schwere, dunkle Fruchtsüße, ganz ausgeprägt reifer Pfirsich und matschige Feige, vielleicht ein paar gelbe Rosinen dazu. Die Holzreifung glättet die Aromen, nimmt die für die Herkunftsregion oft übliche esterige Spitzigkeit aus dem Destillat und ersetzt sie durch weiche aber nicht kantige Holzeindrücke, ein Tick Vanille dazu. Die Typizität bleibt dennoch erhalten, die reinen, frischen Zuckerrohrsaftaromen sind weiterhin klar erriechbar und dominieren trotz allen anderen Aspekten den Brand.

Vieux Sajous Aged 4 Years Glas

Auch im Mund spürt man sofort diese Typizität für Haiti, da hat die Holzreifung deutlich weniger Einfluss gehabt als in der Nase. Für ein paar Sekunden hat man im Antrunk das runde Mundgefühl mit der Süße, das man nach der Geruchsprobe erwartet hat, schnell aber dreht sich das ins Trockene, Herbe, Bittere, alles auf eine sehr angenehme Weise natürlich. Eine frische Säure hellt das Destillat auf, die pikante aber nicht scharfe Würze lässt den Mundraum und später den Rachen brummen. Im Zwischenspiel ist das Zuckerrohr voll da, sehr spürbar aber doch weniger esterig als erwartet, eine sehr gelungene Balance wird da gefunden. Holz übernimmt dann im späten Verlauf, nur leicht getoastet, mit dem Whisky-Einfluss nur in Ansätzen schmeckbar. Der Abgang ist lang, würzig, aromatisch voll und effektvoll, mit einem Hauch von Jasmin im Nachhall, das sich mit grünem Holz verbindet.

Der Vieux Sajous ist wirklich gut gelungen, ich finde, die Holzreifung holt hier das Beste aus dem Zuckerrohrsaftbrand heraus, ohne die wichtigen Eigenschaften zu überdecken oder wegzukapseln. Handwerklich hervorragend gemacht, vorsichtig komplex, dabei unterhaltsam und immer noch ein bisschen frech. Supersüffig zu trinken, ohne dabei willkürlich zu werden!


Das Rezept für den New York Chocolate Rum Sour habe ich in der Weihnachtsausgabe des Magazins Fizzz gefunden und minimalst adaptiert, weil ich den schokoladenaromatisierten Süßwein nicht zuhause habe, der statt Rotwein und Schokoladendestillat eingesetzt wurde. Es funktioniert auch so sehr gut, und der herbsüße, kräftige Rum aus Haiti passt hier bestens in das Ensemble. Auch wenn Weihnachten nun vorbei ist, im kalten Januar macht so ein Drink weiterhin viel Spaß.

New York Chocolate Rum Sour Cocktail

New York Chocolate Rum Sour
1⅔oz / 50ml gereifter Rum
1oz / 30ml Zitronensaft
⅔oz / 20ml Zuckersirup
½oz / 15ml Rotwein
¼oz / 5ml Schokoladendestillat
1 Eiweiß
Auf Eis shaken. Auf frisches Eis abseihen.

Mit geriebener Schokolade und Zitronenzeste dekorieren.
[Rezept nach unbekannt]


Was gibt es über die VSGB-Reihe noch zu sagen, was ich nicht schon ein Dutzendmal erzählt habe? Die Liebe, die in diese Reihe geht, ist einfach einmalig, ein wirklich besonderes Projekt von Rumliebhabern für Rumliebhaber. Da passt halt einfach alles, und ich freue mich auf jedes neue Fläschchen.

Ich habe nun diverse gereifte Clairins probiert, und muss sagen, für mich persönlich funktioniert das ausgesprochen gut. Die Fassreifung des Vieux Sajous macht aus einem, seien wir mal ehrlich, nicht unkomplizierten und durchaus kantigen Rohstoff ein wirklich süffiges Teil, das Kompliziertheit mit Komplexität tauscht, und dabei weiterhin seine Wurzeln bewahrt und das Terroir erhält. Und so bin ich gespannt, was noch stärker gereifte Clairins und Rums aus Haiti uns in Zukunft bringen mögen!

Armagnac am Freitag – Grape of the Art Marquestau 1998 Armagnac

Mit Selbstbewusstsein wird der Grape of the Art Marquestau 1998 Armagnac mit dem schwarzen Etikett mit einem Superhelden versehen, mit plakativem „M“ auf der Brust, der in bester Superman-Manier, die Faust voraus, auf einen zufliegt. Aus der Region Bas Armagnac stammt er, seine Basis findet er rein in der Rebsorte Baco. Alles andere als Fassstärke wäre dem Helden nicht angemessen, hier sind es 51,7% Alkoholgehalt – das Fass #225, das Grape of the Art für sich ausgewählt hat, hat nur 310 Flaschen dieser Art hervorgebracht, abgefüllt im September 2024, nach 25 Jahren Lagerung in eben jenem Fass. Ich hoffe, mein Verkostungsglas springt nicht bei soviel geballter Armagnacmacht!

Grape of the Art Marquestau 1998 Armagnac

Fast kastanienbraun ist die Färbung nach dieser Lagerzeit, terracottafarbene Lichtreflexe hellen etwas auf, ändern aber nichts an der optischen Schwere, die der Marquestau ausstrahlt. Dazu passt die fette Textur, fast sirupartig schwappt er im Glas und hinterlässt dabei einen adrigen Film.

Die Nase ist fast zurückhaltend für diese Art Spirituose, dafür aber sehr elegant – dunkle Frucht und aromatisches Holz greifen ineinander wie Zahnrädchen. Saftige Nektarine, leicht matschige Birne und Mango bilden die Fruchtbasis, alle in recht reifem Zustand, frisches und duftendes Sandelholz mit leicht grasigen Einflüssen den würzigen Gegenpart. Je länger man an dem Armagnac riecht, um so verführerischer kommt einem dieser Geruch vor, der nicht versteckte Alkohol macht das ganze noch erwachsener. Nicht überwältigend, aber hochgradig faszinierend.

Am Gaumen dann schlägt die schon gesehene Textur voll zu, superweich, richtig voll und cremig, fettölig schmiegt sich der Marquestau 1998 beim Antrunk an, wie wenn man Öl in einen Motor gießt und das die beweglichen Teile sofort mit einem Film versieht. Ein großartiges Erlebnis. Natürliche Fruchtsüße mit Eindrücken von karamellisierter Dattel, überreifer Feige und schweren, roten Tafeltrauben definiert die erste Phase, kühlere, trockene Herbe mit Geranien, Rosmarin und Estragon den späteren Verlauf, dort findet man auch hellen Tabak, Sandelholz, und balsamische Töne aus Eukalyptus, zusammen mit einer ganz vorsichtigen Salzigkeit. Im Nachhall liegen ganz tief irgendwo noch Nelken, die das dezent aufblühende Wintergrün gewürzig untermalen, und ganz spät kommt sogar noch ein bisschen Jasmin zum Einsatz.

Ein wirklich unterhaltsames Erlebnis, hochgradig sich wandelnd, nie sich aufdrängend, dennoch wuchtig und gleichzeitig elegant. Perfekt integriert sind diese unterschiedlichen Aspekte ineinander beim Marquestau 1998, so dass mein Analysehirn gar nicht zuschlagen muss. Aufgrund des grandiosen Mundgefühls allein ist das ein Brand zum gemütlichen Schlürfen und sich gehen lassen.

Offenlegung: Ich danke Wet Drams für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.

Die Liebe verbindet – Tequila Nueve Blanco, Añejo und Añejo Cristalino

Seit ich die Stadt Tequila während Spirits Selection 2025 besucht habe, sehe ich Tequila nochmal mit anderen Augen – es verändert viel, wenn man den ganzen Produktionsprozess von der Pflanze bis zur Flasche mal miterlebt hat, zumindest geht es mir so. Es entsteht ein viel direkteres Verständnis über die sonst so trockenen Fakten, und eine gewisse Bindung an die Spirituose bildet sich – nicht, dass ich die für Tequila zusätzlich gebraucht hätte, das ist immer schon eine Herzensangelegenheit für mich gewesen. Gerade in Deutschland, dem zweitgrößten Exportmarkt für Tequila weltweit, besteht aber immer noch sehr viel Informations- und Produktbedarf, wie ich immer wieder feststellen muss. Um so schöner, dass sich mutige Unternehmer finden, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, mehr Stoff nach Deutschland zu bringen, so wie Lilián und Bastian Weller von Tequila Nueve.

Es gibt diese Brände aus der Destiladora del Valle de Tequila (NOM 1438) schon länger (unter dem Namen Nueve B), vor sehr kurzem fand aber ein Rebranding statt, und passend dazu stelle ich heute die neu aufgelegten Tequila Nueve Blanco, Añejo und Añejo Cristalino vor. Die Herstellungsweise für Tequila sollte meinen Lesern inzwischen wohlbekannt sein – die Agaven werden kultiviert geerntet und von den stacheligen Blättern befreit (es war spektakulär, einen Jimador direkt vor Ort dabei zu beobachten, wie elegant das abläuft!), die piñas dann in Ziegelöfen 54 Stunden gekocht. Nach der Zerkleinerung mittels Walzenmühle folgt die offene Gärung, Edelstahltanks werden hier verwendet, über 60 Stunden. Anschließend wird doppelt in Kupferbrennblasen destiliert. Abgefüllt wird dann mit für Tequila durchaus üblichen 38% Alkoholgehalt. Die Brennerei ist neben dem Tequila Nueve auch für andere Tequilabrands verantwortlich, darunter auch für den von mir in seiner ganzen Verrücktheit und Seltsamheit sehr gemochten Sparkle Donkey. Ich hoffe hier auf ein anderes Erlebnis, etwas weniger abgefahren und dafür mehr seriös – mal schauen, was die Geschmacksprobe nun bringt!

Tequila Nueve Blanco, Añejo und Cristalino

Natürlich beginnen wir mit dem Tequila Nueve Blanco. Der optische Eindruck zuerst: Klar und ohne Einschlüsse, mit sehr erkennbarer Öligkeit, mit der der Tequila im Glas schwappt und dabei dicke Beine hinterlässt.

Der Duft ist direkt erfreulich, überraschend grün und vegetabil wird die Nase angesprochen, da merkt man viel frische Agave, die wirklich gut ausgeprägt und noch nicht gekocht oder karamellisiert wirkt, das finde ich an sich schon großartig und habe ich in dieser Konsequenz nicht übermäßig oft gerochen. Das hat fast schon was von Mezcal, leichte Nebentöne von Rote Beete, Artischocke und Olive zeigen weiterhin die klar pflanzliche Natur dieses Tequilas. Ein Hauch Plastik geht mit einem Touch Zitruszeste einher und erzeugt weitere Komplexität. Später kommen auch noch Thymian, Salbei und etwas Basilikum dazu, dieser herbale Aspekt komplettiert ein insgesamt extrem grünes Bouquet, das mir wirklich sehr gut gefällt und sich klar von vielen anderen Tequilas abgrenzt.

Die Textur repliziert am Gaumen den Eindruck, den man vom Auge her hatte, sehr rund und ölig, breit und dicht. Auf dieser Basis bauen sich direkt diese grünpflanzlichen Aromen auf, volle Agave, dazu sehr ausgeprägt Artischocke und grüne Olive, gewürzt mit etwas Rosmarin und Thymian. Dazu bildet sich schnell eine deutliche Salzigkeit heraus, die mit der schweren Süße wunderbar spielt. Gegen Ende dreht sich das Geschmacksbild etwas mehr zu dunkleren, herberen Noten, leicht holzig wirkt das dann, und ganz stark drängt sich Kakao und Kaffeebohne nach vorne, wirkt hier nun sehr dunkel. Der Abgang ist mittellang, pikant aber nicht scharf, weiterhin deutlich salzig und nun auch noch mit Umami versehen – dies alles sorgt für ein wirklich spannendes, erwachsenes und voll ausgebildetes, leicht gewürziges Mundgefühl, das den Tequila wuchtig ausklingen lässt.

Damit hätte ich ehrlich nicht gerechnet – ein wirklich starker Tequila, ungewöhnlich in seiner Kraft und Direktheit, aromatisch und sensorisch spannend und unterhaltsam. Von diesem Stil würde ich tatsächlich gerne mehr sehen, statt all der komplett abgeschliffenen, von jeder Kante befreiten und damit dem Massengeschmack angepassten Brände, die man sonst so oft findet.


Wenden wir uns dem Tequila Nueve Añejo zu. Die 2 Jahre im Ex-Bourbon-Fass haben ihre Spuren hinterlassen, ein leicht blasses Sonnenblumengelb zeugt davon. Man sieht beim Drehen des Glases eine leichte Viskosität, lebendig bewegt sich der Brand im Glas und hinterlässt dabei dünne Beinchen an der Glaswand.

Der Duft ist noch stärker durch das Ex-Bourbon-Fass beeinflusst als die optische Erscheinung, initial hat man einen starken, holzigen und karottigen Bourboneindruck, mit etwas Zimt dazu. Eine deutliche Vanillepuddingnote erscheint zusätzlich, cremig und süßlich, und etwas rotbackiger, überreifer Apfel. Die Agave ist deutlich unter Druck dieser kräftigen Reifungsaromen, das ist klar, man muss sie etwas suchen, wie bei fast allen Añejos; ein paar Töne von Erdnuss wirken dann aber wieder sehr typisch für diesen Stil. Insgesamt drängt sich der Geruch nicht wirklich aktiv auf, bleibt dafür klar und stilsicher.

Am Gaumen findet man erstmal eine zarte Cremigkeit vor, eine weiche und runde Textur dehnt sich schnell aus. Kühl und süß, das fühlt sich im Mund initial wirklich gut an. Im Verlauf dreht der Nueve Añejo dann aber deutlich, wird hitziger, würziger, und dabei auch trockener. Nussige Aromen erscheinen, Pekannuss und dahinter Erdnuss, mildfruchtige Eindrücke von getrockneter Aprikose und gedörrtem Apfel blitzen auf. Vanille ist beständig dabei. Der Abgang wird dann fast ein bisschen scharf, der nun erkennbar fehlende Körper kann die Weißpfeffrigkeit nicht auffangen, es brennt an Zunge und Gaumen, und dies definiert dann schließlich auch den Nachhall, an dem nun nochmal Erdnuss, leicht florale Töne und etwas Mais nachklingen.

Añejo ist für mich grundsätzlich eine schwierige Kategorie, da muss alles richtig gut zusammen klappen, um mich zu überzeugen. Hier spürt man ein paar Holprigkeiten, es fehlt an Balance und Integration, und insbesondere der zu leichte Körper, der einfach kein Volumen aufbauen kann, ist ein Stolperstein im Genuss für mich. Letztlich bleibt der Nueve Añejo ein sauber gemachter Tequila, der ein Qualitätsanstieg im Vergleich zu den Gold-Tequilas, die man hierzulande oft bekommt, ist, dabei aber keiner, der für Begeisterung sorgen würde.


Zu guter letzt schauen wir uns noch den Tequila Nueve Añejo Cristalino an. Cristalino als Herstellungsart nimmt deutlich an Fahrt auf, hat sich zu einem sehr beliebten Stil entwickelt, und man sieht bei den Herstellern in Mexiko, dass praktisch jeder einen macht, der auch einen Añejo im Lager hat. Denn das ist ein Cristalino – ein farbentzogener, gereifter Tequila, vielleicht mit dem einen oder anderen Zusatz, der für das cremige Mundgefühl, das man mit diesem Stil assoziiert, sorgt; hier ist das Agavendicksaft. Farblich ist dieser hier jedenfalls trotz 24 Monaten Bourbon-Eichenfassreifung kristallklar und mit ansprechender Viskosität versehen.

Die Nase ist gefällig, mit leichter Erdnussnote und etwas Holz, aber sehr viel weniger als sein noch farbig gehaltener Bruder zuvor. Die Agave ist sichtbarer, etwas, was ich sehr zu schätzen weiß, und für einen Cristalino sogar ausgeprägt, würde ich sagen. Weiterhin sind leichte Puddingeindrücke da, Vanille und Butterscotch, ein bisschen buttriges Croissant. Eine kleine Ethanolschicht stört da dann schon, insbesondere bei dem doch niedrigen Alkoholgehalt sollte das nicht sein. Der Körper fühlt sich in der Nase leicht an, trotz all der süßen Aromen.

Umso angenehmer ist dann das initiale Mundgefühl, sehr weich, sehr cremig, mit schwerer, aber immer noch recht natürlich wirkender Süße, und einem guten Schuss Vanille und Milchcreme versehen. Gleichzeitig spürt man aber eine gewisse vegetabile Herbheit, die die Süße gut abfedern, und dabei die Agave transportieren, die sich im Nueve Añejo Cristalino nicht versteckt. Im Verlauf kommt aus dieser schweren Basis eine pikante Würze, sowohl aromatisch als auch vom Effekt her an Jalapeño erinnernd, die eine mild kontrastierende Trockenheit mitführt. Hier kommen nun auch noch würzigere Geschmäcker dazu, etwas Salzkaramell vielleicht, und getoastetes Brot. Im Abgang verbinden sich alle Aspekte und lassen den Mundraum deutlich prickelnd, und minimalst astringierend betäubt zurück, während sich grüne Agave und feuchtes Holz breitmachen und lange erhalten bleiben.

Ein richtig schöner Cristalino ist der Nueve Añejo Cristalino, das muss ich sagen, sicher einer der besten dieses Stils, die ich bisher im Glas hatte. Die Reise hierher hat sich gelohnt, und wenn ich auch nie ein großer Freund des Stils an sich sein werde, hat man hier doch etwas vor sich, das Genuss zulässt und richtig viel Spaß macht beim Trinken.


Drei Tequilas, ein Cocktail – ich habe mich für den Añejo entschieden, einfach weil ich herausfinden wollte, ob ich ihn dann vielleicht wenigstens im Mixed Drink empfehlen kann, für die anderen zwei besteht das Problem nicht, die sind sowohl pur als auch gemixed sehr brauchbar. Im Passiflora kommen ein paar körperunterstützende Zutaten mit dazu, und da klappt das auch mit dem Añejo gut. Der Cocktail selbst ist eine Fruchtbombe mit herbem Unterbau, nicht so klebrig süß, wie man solche Cocktails sonst serviert bekommt – und der Tequila Nueve Añejo macht hier einen absolut guten Job.

Passiflora Cocktail

Passiflora
1½oz / 45ml Tequila Añejo
½oz / 15ml Punt e Mes
½oz / 15ml Passionsfruchtsirup
½oz / 15ml Zimtsirup
½oz / 15ml Limettensaft
Auf Eis shaken. Auf Eis servieren.

[Rezept nach Sahil Mehta]


Mir gefällt die Halbliterflasche von den Details im Glas sehr, die Form ist wirklich hübsch dazu. Bei den Etiketten könnte man ein bisschen mehr Achtsamkeit beim Aufkleben walten lassen, die sind teilweise etwas schief und schrumpelig auf der Flasche, aber vom Design her durchaus gelungen und sauber gestaltet, und handeingetragene Batch- und Herstellungsdaten sind immer gern gesehen. Mir gefallen auch die kleinen Sinnsprüche auf dem Rücketikett, die durchaus poetisch etwas über den Inhalt auszusagen haben.

Das Fazit ist für mich: den Blanco sollte man wirklich mal probieren, wenn man die sensorische Spannbreite, die Tequila haben kann, ausloten will; der Cristalino ist handwerklich echt gut gemacht und ein im Vergleich dazu sehr weicher Drink, der aber immer noch die Eigenschaften des Blanco durchscheinen lässt. Den Añejo brauche ich dagegen persönlich nicht wirklich, er fällt etwas aus dem Rahmen, den die beiden anderen großartigen Produkte bilden. Zwei von drei ist aber eine hervorragende Quote, finde ich, und Tequila Nueve hat damit genug Lorbeeren geerntet, um eine Kaufempfehlung von mir zu bekommen – insbesondere für Tequilafreunde, die schon so ein bisschen Vorerfahrung haben und die Eigenheiten zu schätzen wissen können.

Offenlegung: Ich danke Tequila Nueve für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser drei Tequilas.

Ode an die Mitternachtssonne – Þúfa Handcrafted Brennivín

Viele Länder im Norden Europas haben eine zwiegespaltene Geschichte, was Alkohol angeht. In Island beispielsweise war Alkohol über lange Zeit nicht erwünscht, von 1915 bis 1989 gab es eine Prohibition, die über viele Jahre mit einem Alkoholtotalverbot sogar Bier beinhaltete. Die Abhängigkeitsgeschichte zum Königreich Dänemark, bei der die Dänen ein Monopol zugunsten der dänischen Produkte einrichtete, legte die Basis, eine Volksabstimmung 1908, bei der das Totalverbot mit 60% Zustimmung beschlossen wurde (die Abstinenzbewegung war stark damals!), läutete die Totenglocke für isländische Spirituosen. Auch nach der Unabhängigkeit 1918 durften nur Regierungsstellen destillieren, und erst 1989 wurde die Prohibition endgültig abgeschafft. Weiterhin kann man in Island Spirituosen allerdings nur in behördlich kontrollierten Geschäften kaufen, sogar Bier ist nur in leichten Varianten bis ca. 2,25% Alkoholgehalt in normalen Supermärkten erhältlich, für Stärkeres muss man auch in die Vínbúðin-Märkte.

Dort, und am Duty-Free-Shop des Flughafens Keflavík, kann man dann zum Beispiel auch den Þúfa Handcrafted Brennivín erwerben, was ich am Ende meines Islandaufenthalts im Winter 2024 auch getan habe. Bei der Brunnur Distillery in Reykjavík wird dieser „gebrannte Wein“ hergestellt, in den dort stehenden zwei 170l-Kupfer-Brennanlagen, an die kleine Säulen angeschlossen sind, entsprechend macht man nur kleine Mengen. Der Brennivín wird mit Schilfgras, Schafgarbe und Kümmel aromatisiert und mit isländischem Wasser auf 38% Alkoholgehalt eingestellt. Eine besondere Spirituose mit Geschichte, wie man sieht, und ich freue mich auf die Verkostung!

Þúfa Handcrafted Brennivín

Ätherische Öle sorgen manchmal dafür, dass eine Spirituose eine Trübung erhält, man kennt das besonders von Ouzo oder Absinth. Beim Þúfa erkennt man es schon in der Flasche, dass da ein Schleier auf der Flüssigkeit liegt, im Glas noch deutlicher, dies ist natürlich kein Fehler, sondern zeigt einfach auf, dass hier ein natürlicher Prozess stattfindet. Die Viskosität ist passend dazu gegeben.

Dass ein Brennevín mit einem Aquavit verwandt ist, wird spätestens klar, wenn man die Nase ins Glas hält. Da ist direkt sehr viel Kümmel, klar die dominante Note, ohne kantig oder kratzig zu sein, ganz weich und rund findet man ihn abgebildet. Ich rieche noch ein Kraut, das ist wohl die Scharfgarbe und das Schilfgras, es erinnert deutlich an Kamille, vielleicht auch ganz milden Thymian und getrockneten Beifuß. Ja, der Þúfa hat was von einem Kräuteraufguss oder -tee, mit einem Hauch Fenchel und sogar Gurke noch, in minimalsten Dosen, aber ein Duft wie dieser lässt es zu, dass man die olfaktorische Fantasie laufen lässt.

Þúfa Handcrafted Brennivín Glas

Am Gaumen zeigt der Þúfa sich extremst weich und zart, wirklich wie ein Löffel verdünnter Honig, mit viel natürlicher Süße und einer sehr cremigen, runden Textur, die erstmal richtig bezaubert. Der Kümmel erscheint zeitnah, ebenso die krautige Nebenkomponente. Im Verlauf entsteht dann ganz langsam und bedacht Würze, nicht scharf aber durchaus pikant, weißpfeffrig und mit einem klaren Mentholeffekt, der die Zungenfläche zum erfrieren bringt, sie leicht betäubt, eindeutig nicht aus der Alkoholstärke entstehend, sondern aus den botanischen Pflanzenzusätzen. Der Abgang ist frisch und weiterhin stark krautig, der Kümmel blitzt nochmal besonders auf, und dominiert dann auch den langen Nachhall, der den ganzen Mundraum eine ordentliche Weile belegt und sehr angenehm hinterlässt.

Oh, dieses Mundgefühl, das ist wirklich etwas Besonderes hier, das sollte man erlebt haben, wirklich grandios weich und breit. Auch die dezente Aromatik ist perfekt eingespielt in dieses Gefühl. Eine großartige Spirituose, die da von der Insel im Norden kommt, ich spreche hiermit eine sehr warme und herzlich gemeinte Empfehlung aus, den Þúfa zu probieren, wenn man an sie herankommt – ein ideales Mitbringsel von Island, wenn man mal dorthin kommt.


Eine alte isländische Sitte war es wohl, das verfügbare alkoholfreie Bier mit einem Schuss Brennevín aufzuspritten und es dann Bjórlíki („Bierersatz“) zu nennen, dafür ist der Þúfa aber nicht die ideale Wahl, zu zart und gleichzeitig zu feinaromatisch ist er als reiner Alkohollieferant. In einem Cocktail dagegen würde ich ihn immer gern sehen, zum Beispiel im Snapsvisa Sour, wo er seine ganzen aromatischen und texturellen Stärken ausspielen kann.

Snapvisa Sour Cocktail

Snapsvisa Sour
1 Thymianzweig und 1 Kardamom-Kern muddeln
1½oz / 45ml Aquavit
½oz / 15ml Amaro
¾oz / 23ml Zitronensaft
½oz / 15ml Zuckersirup
Auf Eis shaken, doppelt abseihen. Mit einem Thymianzweig servieren.

[Rezept adaptiert nach Josephine Estelle]


Die Flasche hat keine nennenswerten Details aufzuweisen. Das Etikett dagegen gefällt mir in seiner Buchseitenart, keine ablenkende Illustration oder Marketingsprüche, die gar nicht zur strengen isländischen Art passen würden, nur ein Anflug herber isländischer Poesie ist erkennbar. Knapper Text, nachträglich aufgedruckte Batch- und Flaschennummer, das ist alles, und mehr würde ich auch gar nicht wollen.

Diesen Artikel veröffentliche ich am 23. Dezember, dieser ist der Tag des Heiligen Thorlak, des isländischen Schutzpatrons, und wird unter dem Namen Þorláksmessa als eine Art Vorweihnacht gefeiert. Man isst auf Island heute Rochen mit Kartoffeln, und trinkt dazu Brennivín. Wer einen daheim hat, kann mit mir virtuell gerne darauf anstoßen – wer nicht, besorgt sich für nächstes Jahr einen guten Brennivín, wie den Þúfa, und wir holen das 2026 nach!

Bier am Freitag – Weltenburger Kloster Winter-Traum Märzen

Es ist die besinnliche Zeit vor Weihnachten, die Supermärkte sind voll von Menschen, die sich mit Waren eindecken, da bekommt man einen Eindruck davon, wie sich die Höhlenmenschen früher noch schnell ein Mammut geschlachtet und es zur Festtagswurst zerkleinert haben, damit man zum Fest nicht mehr vor die Tür muss. Mir geht das alles furchtbar auf die Nerven, ich hasse Weihnachten, ich gebe es gern zu, und bin immer froh, wenn Januar ist und das ganze kommerzielle, hektische, stressige, oberflächliche und pseudofröhliche Treiben rum ist. Was nicht heißt, dass ich nicht ein paar der Festtagsprodukte, die zum Beispiel Brauereien herausbringen, doch mitnehme – neulich erst zum Beispiel das Weltenburger Kloster Winter-Traum Märzen. Weltenburger mag ich seit sehr langer Zeit, ich habe über deren Biere schonmal einen Sammelartikel geschrieben, und das untergärige, mit Spezialmalzen (Helles Gerstenmalz, dunkles Gerstenmalz) und 3 Hopfensorten (Herkules, Perle, Tradition) eingebraute Bier mit 5,4% Alkoholgehalt war da schon sehr knapp angesprochen – nun bekommt es einen Sonderplatz hier. Es wird jährlich ab August gebraut und ist dann im Herbst verfügbar, schon vor dem Winter offensichtlich. Bei mir ist es nun im Glas!

Weltenburger Kloster Winter-Traum Märzen

Das Bier ist kristallklar, mit einer schönen, kräftigen Bernsteinfarbe, durch die man die vielen winzigen aufsteigenden Perlchen des Mousseux erkennen kann. Sie füttern den Schaum, der sehr feinblasig auf dem Bier steht, ausdauernd, dicht und cremig.

Die Nase nimmt sofort die starke Malzigkeit wahr, leicht nussig, die mich an ein Altbier erinnert. Getreidenoten werden durch eine leichte Rostigkeit ergänzt, und der eingesetzte Bitterhopfen macht das ganze komplett. Ein sehr angenehmer Duft, das Winter-Traum ist sicherlich ein Bier, an dem man schnuppern kann, ohne dass hier wirklich viel Komplexität vorhanden wäre; es fühlt sich einfach rund und gut an, Malz und Hopfen sind echt gut verbunden. Ein Hauch von Kaffeepulver, minimalste Röstnoten, und ganz im Hintergrund auch noch etwas getrocknete Frucht, vielleicht Pflaumen, ohne dass die Frische des Biers beeinträchtigt wird.

Auch die Textur gefällt ähnlich: Das fühlt sich cremig an, ohne schwer zu wirken, ist deutlich malzbetont, ohne zu süß zu sein, und leicht hopfigherb, ohne sich durch Aromahopfen aufzudrängen. Es passt einfach ineinander. Ja, ein bisschen mehr Körper könnte ich mir wünschen, und vielleicht ein bisschen mehr Variabilität in den vorhandenen Geschmäckern, doch das Winter-Traum liefert in anderen Aspekten dafür ab. Der Abgang ist mittellang, mildherb im Rachen, und hinterlässt ein angenehmes Mundgefühl.

Ein Bier, das weniger über Komplexität punktet, dafür über eine enorme Drinkability, das läuft echt rund durch den Mund und macht richtig Spaß dabei. Ich stelle mir vor, dass das Winter-Traum zu einem üppigen Essen, gerade zu Weihnachten, ein idealer Begleiter ist und den Aromen der Speisenfolge eine gute Leinwand bietet. Ein paar Flaschen davon sind bei mir bereits im Kühlschrank!

Drei Freunde sollt ihr sein – Three Knots Single Malt Scotch Whisky

Ein schöner Urlaub, mit guten Freunden, tollen Erlebnissen und gutem Whisky, das ist etwas, das jeder gerne mit einem Souvenir untermauert, damit man später an weniger schönen Tagen noch was davon hat. Ich bringe oft eine Flasche Schnaps mit, ein Kleidungsstück, oder ein kleines Kunstwerk, alles regional verankert, um diese Erinnerungen wiederaufleben zu lassen. Andere gehen da einen Schritt weiter: sie tun sich zusammen und kaufen ein ganzes Fass Whisky. So taten das Carsten Hellwig, Lutz Frischmann und Simon Weiß, letzteren kenne ich inzwischen ganz gut und kann mir perfekt vorstellen, dass sowas auf seinem Mist gewachsen ist. Insbesondere, wenn es dann darum geht, aus dem privaten Fass etwas für die Allgemeinheit zu machen, und den Whisky auf Flaschen zu ziehen, zu etikettieren, unter dem Namen Three Knots Single Malt Scotch Whisky auf den Markt zu bringen und sogar in einem Spirituosenwettbewerb einzureichen – und dann, um die ganze Geschichte endgültig zu krönen, eine Goldmedaille beim Internationalen Spirituosenwettbewerb ISW zu gewinnen. Etwas, worauf man sehr stolz sein kann, in der Tat!

Der Whisky selbst ist ein in der Destillerie Lochranza auf der Isle of Arran gebrannter Scotch, destilliert am 27.08.2013 und nach 10 Jahren abgefüllt am 31.08.2023. Cask-Strength mit 59% Alkoholgehalt ist für Simons Ansprüche selbstverständlich, keine Spielereien macht der, und natürlich ungefärbt und nicht kaltgefiltert, wie jede Spirituose sein sollte. 348 Flaschen haben die drei aus dem first-fill Sherry Hogshead geholt, das mit der Kennnummer 13/1718 identifiziert wird, und ich habe Flasche Nummer 109 zuhause, freundlicherweise von Simon als Geschenk gestellt, ich habe keine Ahnung, womit ich diese Ehre verdient habe. Mit diesem Artikel zolle ich Simon meinen Respekt, sowohl als Freund als auch als offensichtlich hervorragend arbeitender unabhängiger Abfüller. Man darf gespannt sein, wie sich dieser Whisky im Glas präsentiert!

Three Knots Single Malt Scotch Whisky

Sowohl in der Flasche wie auch im Glas wirkt der Three Knots dunkelleuchtend, mit einer kräftigen Kastanienfarbe, die überraschend helle Lichtreflexe im Gegenlicht zeigt. Die Flüssigkeit schwenkt sich viskos, nicht schwer, aber mit ordentlich Glaswandartefakten.

Die Nase schwankt wie ein Schiff im Sturm zwischen würzigem Holz, frisch und staubig gesägt, und überreifer, aber noch nicht getrockneter Frucht, das ist vielleicht Pflaume oder Pfirsich, definitiv angereichert mit viel gelbbrauner Banane. Dazu kommen süßer Honig, ein bisschen im Vergleich dazu herberer Ahornsirup, und schon länger auf der Weide liegendes Heu. Heller Sumatra-Tabak ist ein weiterer würziger Kopfton, und ein minimalster Hauch von Bergamotte erzeugt gegen all die Würze sogar noch etwas fruchtige, nie spitzige Frische. Etwas Lack ist durchaus gern gesehen, piekst vielleicht ganz zart in der Nase, wenn man zu tief schnuppert.

Three Knots Single Malt Scotch Whisky Glas

Die Textur ist vom Antrunk an fett, dicht, schwer, legt sich mit initialer Süße breit auf den ganzen Mundraum, verteilt sich expansiv, aber unaggressiv. Honig, Ahornsirup, viel Malz und hier nun doch getrocknete Pflaume dominieren zunächst, frische Melasse und etwas Zuckerrohrsaft geben fast exotische Noten dazu im Detail. Ein Hauch von Medizinalität macht das ganze noch komplexer, während ausgeprägt mineralische Aspekte, zusammen mit einer hübschen, wunderbar eingebundenen Salzigkeit, die Meernähe zeigen; dazu passt ein sehr attraktives umami. Im Verlauf bildet sich die Süße ausgleichende Säure, der Whisky wird sehr trocken, ohne astringierend zu sein, und parallel dazu nimmt der Würzemotor Fahrt auf und lässt alles im Mund warm bis heiß brummen, ohne zu Zwicken oder unangenehm dabei zu sein. Der Abgang ist holzig, mit Karottentönen und einem gewissen Gefühl der Grüne; der Nachhall ist sehr lang, aromatisch, effektvoll und erwachsen.

Das ist einerseits extrem trinkig, hat keine unschönen Kanten oder Ecken, die einem hübschen Schluck im Wege stehen würden; andererseits hat man beständig das Gefühl von Kraft, Spannung und Komplexität, so dass nie Langeweile oder Müdigkeit entsteht. Eine gefährlich gute Kombination, ein herausragend guter Whisky im Gesamtbild.


Welchen anderen Cocktail hätte ich hier vorschlagen können als den Port in a Storm. Der Name deutet sozusagen den Hafen für den seetauglichen Whisky an, aber das Rezept hat genau die Komponenten, die ihm darüber hinaus eine attraktive Bühne bieten, ein bisschen Portwein ergänzt den Körper und bringt zusätzlich Volumen, der Cognac unterfüttert die Fruchtaspekte. Ein idealer Drink für den Spätherbst, wenn es draußen eklig wird.

Port in a Storm Cocktail

Port in a Storm
1oz / 30ml Scotch Whisky
1oz / 30ml Port
½oz / 15ml Cognac
Auf Eis rühren.

[Rezept nach unbekannt]


Die Flasche selbst hält sich mit verrückten Ideen zurück, ist standardisiert und ohne Gimmicks gestaltet, bis hin zum sehr bodenständigen Etikett, bei dem man merkt, dass hier keine Marketingprofis die Leitung inne hatten und stattdessen alles an Liebe und Energie in den Inhalt geflossen ist – ohne, dass es wirklich amateurhaft wirkt. Sauber gemacht.

Ein letztes Wort noch zu Simon, einem der drei Freunde, die sich hier für die Abfüllung zusammengetan haben. Ich habe ihn über einige Jahre nun, glaube ich, gut kennengelernt, wir haben zusammen wilde Zeiten auf der ganzen Welt erlebt, von der Karibik über Neustadt/Weinstraße bis China, und der Mann weiß meistens, was er tut, außer in der Phase, wenn er sich diese Marathons und ähnliches zumutet. Ich hoffe, Dich bald mal wiederzutreffen, Simon, und danke für diesen großartigen Whisky!