Bier am Freitag – BrewDog Pflicht und Kürbis

Die Jahreszeiten schreien geradezu nach Spezialbieren, scheint mir. Zumindest hören das die Brauer, die immer auf der Suche nach neuen Interpretationen für den durstigen Bierfreund sind. Im Sommer Zitrone, im Winter Kürbis – das klingt nach einer klaren Arbeitsteilung für die Fruchtzusätze. Im BrewDog Pflicht und Kürbis kommt zumindest letzterer zum Einsatz, echtes Kürbismus wurde in dieses Pumpkin Ale (die offizielle Deklaration lautet „IPA Vollbier“) eingebraut. Hab ich noch nie probiert, so ein Pumpkin Ale, obwohl es inzwischen ein amerikanisch-englischer Klassiker ist, da wird es Zeit, und die Jahreszeit stimmt ja auch gerade.

BrewDog Pflicht und Kürbis

Die Farbe hat schonmal was von einem Kürbis, etwas dunkler als die leuchtenden, die man so als Dekoartikel im Herbst überall sieht. Sehr klar, mit nur einem Hauch von Trübung. Der zunächst sehr üppige Schaum zerfällt schnell, es bleibt eine feinblasige Insel und eine Schaumtonsur übrig.

Hält man die Nase ins Glas, wird man irgendwie an das BrewDog Glühgut erinnert, das ich neulich probieren konnte. Die Gewürze dominieren den Geruch, Zimt, Sternanis, Nelke, Ingwer, Piment und Muskatnuss sind halt die typischen Glühweingewürze, und entsprechend riecht das Bier. Der Zimt ist etwas stärker als die anderen, aber insgesamt schaffen es praktisch keine Bieraromen dagegen anzukommen. Eine dunkle Fruchtigkeit, es könnte der Kürbis sein, ahnt man höchstens.

Beim Antrunk überrascht direkt die knackige Karbonisierung, die direkt die Zunge kitzelt. Frisch und rezent wirkt das Bier da, und Kürbis, Bitterhopfen und Malz sind hier sehr viel prägnanter als in der Nase. Cremigkeit entwickelt sich erst im Mittel, und sie verschwindet gegen Ende wieder, wird dann durch eine starke Anästhesie der Zunge und der Backeninnenseiten ersetzt. Ein ungewohnter Verlauf, aber interessant. Die Stilbezeichnung IPA verdient sich das Pflicht und Kürbis dann aber doch noch, mit viel blumigen Hopfenaromen, die dann auch den Abgang bestimmen; mit zunehmender Trinktemperatur kommen hier auch nochmal die Gewürze zum Vorschein. 5,4% Alkoholgehalt machen das Ding dann rund.

Ja, das macht Spaß, ein sehr abwechslungsreiches Bier, das seine ungewöhnliche Zusammensetzung nicht angeberisch vor sich her trägt, sondern sie in einen Spannungsbogen einbaut. Wer in der Adventszeit jetzt Alternativen für den ausgefallenen Straßenglühwein sucht, kann sich hier beim BrewDog Pflicht und Kürbis amüsieren.

Offenlegung: Ich danke BrewDog für die kosten- und bedingungslose Zusendung zweier Dosen dieses Biers.

Geheimniskrämerei in der Navy – Pusser’s British Navy Rum 40% (Blue Label)

Navy Rum, das ist ein spannendes geschichtliches Thema. Allein die Tatsache, dass die britische Marine es für lange Teile ihrer Geschichte für notwendig erachtete, ihre Matrosen täglich mit hochprozentigem Schnaps zu versorgen, sagt eigentlich viel über die Bedingungen aus, die auf den Schiffen Ihrer Majestät herrschten. Heute sind Rums, die im Stil dieses Gehaltsbestandteils hergestellt werden, weiterhin beliebt, auch wenn sie für die Matrosen nicht mehr ausgeschenkt werden; diverse Hersteller berufen sich immer noch gern auf die Geschichte und den Stilnamen, selbst wenn die Royal Navy überhaupt nichts mehr damit zu tun hat.

Eine der bekanntesten Marken ist wahrscheinlich Pusser’s. Tatsächlich war der Pusser’s British Navy Rum 40% (Blue Label) einer der ersten Navy Rums, die ich mir selbst zugelegt hatte, und damit wahrscheinlich auch einer, der am längsten auf eine Besprechung auf meinem Blog warten musste. Man muss zunächst ein paar Verwirrungen ansprechen, die mir beim Schreiben hier etwas aufgestoßen sind. Es handelt sich bei diesem Rum um einen Blend aus Guyana-, Trinidad- und Barbados-Rums; so zumindest sagt das Label. Die Website des Herstellers dagegen erzählt ausschließlich von Guyana, und betont den Einfluss der weltbekannten Port-Mourant-Still auf diesen Rum. Irgendwie passt beides nicht zusammen, denn gerade der Blend der Rums von ehemaligen britischen Kolonien ist das, was einen Navy Rum ausmacht; erneut widerspricht sich der Hersteller, wenn er auf seiner Website dann plötzlich doch davon spricht, dass das Blend-Rezept inspiriert wurde von dem letzten der Royal Navy anno 1970. Vielleicht findet sich irgendwann eine Klärung dafür, probieren wir erstmal, ob es sich überhaupt lohnt, sich soviel im Vorfeld den Kopf zu zerbrechen.

Pusser's British Navy Rum Flasche

Die kupferfarbene Flüssigkeit mit orangenen Reflexen bewegt sich halbviskos im Glas, hinterlässt dabei einen langsam ablaufenden Beinchenteppich. Farblich habe ich damit meine Schwierigkeiten, das mit einem weiteren Fakt der Website zusammenzubringen, die schildert, dass der Rum für ein Minimum von 3 Jahren tropisch gereift wird – erneut wird nur von Guyana gesprochen, daher ist unklar, welches Alter wir ungefähr vor uns haben. Wir können sicher sein, dass hier gefärbt wird.

Den Geruch nimmt man schon wahr, wenn die Nase noch weit entfernt von diesem Glas, in dem man langsam schwenkt, entfernt ist. Marzipan, schwarze Bitterschokolade, stark vergorene Früchte, faule Banane. Popcorn, verbranntes Karamell, unterschwellig alkoholisch und erkennbare Lösungsmittelnoten – es wird in gewissen Kreisen belächelt, dennoch passt hier das Wort „funkig“, denn es beschreibt den Eindruck, den ich beim Schnuppern bekomme (ich verwende es auch weiterhin, genauso wie das ähnlich in Ungnade gefallene Wort „weich/smooth“, selbst wenn das den Priestern der reinen Wahrheit missfällt).

Der Pusser’s ist zunächst süß, schokoladig, und erinnert mich sehr deutlich an irischen Whisky. Im Verlauf kommt aber schnell eine mildpfeffrige Schärfe dazu, Weihnachtsgewürze bilden eine schwere, würzige Basis für den vergorenen Fruchtcocktail aus Pfirsichen, Kirschen und Bananen. Insgesamt merkt man, dass die eingesetzten 40% Alkoholgehalt zu schwachbrüstig sind, für richtig viel Volumen und Ausdauer zu sorgen (und weiter geht die Verwirrung, diesmal bezüglich des Alkoholgehalts – in den USA wird er mit 42%, im Rest der Welt mit 40% abgefüllt). Gegen Ende entsteht dann wieder eine Kandiszuckersüße mit leichten Kaffee- und nussigen Kakaoaromen.

Pusser's British Navy Rum 40% Glas

Nachsüßung ist bei praktisch allen Pusser’s Rums vorhanden, der hier vorliegende Blue Label ist dabei der am wenigsten davon betroffene; er schwebt so an der Grenze zu dem, was man gerade noch so als ungesüßt bezeichnen könnte. Sensorisch ist dies jedenfalls kaum schmeckbar. Zu guter letzt hinterlässt der Pusser’s seinen charakteristischen Geschmack lange als Nachhall im Mundraum, der Abgang selbst ist aber eher kurz und knackig. Eine gewisse Trockenheit verbleibt am hinteren Gaumen.

Ein bisschen zu schmal für den wirklichen Purgenuss für mich; dennoch ein attraktiver Rum für Tiki-Cocktails, die nicht explizit nach Jamaicawucht schreien. Die Aromatik ist perfekt dafür geeignet, mit genug Würze und Charakter, um sich gegen die Säfte und Liköre, die oft Teil eines Tiki-Getränks sind, durchsetzen zu können. Der Beweis dafür: Der sehrvielzutatige Zelma’s Punch. Und nein, ich weiß nicht, wer die namensgebende Zelma ist.

Zelma's Punch


Zelma’s Punch
2 oz Orangensaft
2 oz Ananassaft
1 oz Heller Rum
1 oz Dunkler Rum (z.B. Pusser’s British Navy Rum 40%)
½ oz Limettensaft
½ oz Süßer Wermut
¼ oz Crème de Cacao
¼ oz Orangenlikör
1 Spritzer Angostura
1 Spritzer Grenadine
Auf Eis shaken.

1 TL dunklem Rum floaten und mit geriebener Muskatnuss servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Unauffällig ist die bauchige Flasche mit Plastikkorken, die für viele Sorten des Herstellers als Behältnis dient; das Etikett ist dabei das Unterscheidungskriterium, wie man schon sieht, wenn man diesen Rum hier als „Blue Label“ bezeichnet. Es gibt ihn in unterschiedlichen Ausprägungen, mit schwarzem Etikett als „Gunpowder Proof“ mit 54,5%, als 75%ige Overproof-Variante mit grünem Label, als „Red Label“ und als Spiced-Rum-Variante. Darüberhinaus, dann aber in moderner, wuchtiger Dekanter-Flasche, als 15 Jahre gereifte Ausprägung. Man achte also darauf, was man kaufen will.

Ich habe mir diesen Rum, wie gesagt, vor langer Zeit gekauft, die Flasche ist seit geraumer Zeit auch leer. Den Blue Label würde ich mir persönlich zunächst mal nicht nochmal holen, es gibt inzwischen spannendere Navy-Rum-Blends, die dann auch ohne Süßung und ohne Etikettenverwirrspiel auskommen. Ich habe meine Schwierigkeiten, diesen Rum weiterzuempfehlen, denn die mageren 40% machen dem Kenner gerade bei diesem Rumstil doch zu schaffen. Andererseits sind die höherprozentigen Varianten von Pusser’s dann halt wiederum auch stärker gesüßt, was ich noch weniger mittragen will. Eine Marke, die sich überdenken sollte – wenn das geschieht, bin ich vielleicht dann auch wieder an Bord.

Glühbier am Freitag – BrewDog Glühgut

Ich mag keine Weihnachtsmärkte. Ich versuche, das vorweihnachtliche KKK, wo es nur geht, zu vermeiden: Kitsch, Kinakruscht und Komasaufen, ich konnte nie verstehen, warum soviele verrückt danach sind. Ich bin also sogar gar nicht böse, dass mir das bemühte Entweichen dieses Jahr abgenommen wird. Entsprechend habe ich auch keine besondere Beziehung zu Glühwein, zumindest nicht zu der anspruchslosen, pappigen Zuckerbrühe, die auf diesen Veranstaltungen üblicherweise ausgeschenkt wird. Um so erfreuter bin ich, wenn sich jemand diesem Thema auf höherem Niveau annimmt – und das mit Bier als Basis! Das BrewDog Glühgut wird nun versuchen, meine grundliegende Abneigung zu überwinden. Ich habe zwei Dosen, und darum versuche ich mal was Ungewöhnliches – ich trinke eine davon kalt, wie man Bier halt trinkt, und die andere aufgewärmt, wie ich das von belgischem Glühbier kenne. Mal schauen, was dabei rauskommt.

BrewDog Glühgut

Beginnen wir mit der kühlen Variante. Das Glühgut ist optisch sehr an Glühwein angelehnt, mit rubinroter Farbe, kristallklar, mit dem weißen, sehr feinblasigen Schaum als einem schönen Kontrast. Die Nase ist von den eingesetzten Gewürzen gesteuert, Nelken und Zimt geben ein wirklich deutliches Aroma ab und überdecken alles, was an Bieraromen da sein könnte. Vielleicht eine leichte Hefigkeit ist noch da.

Im Mund merkt man dann aber deutlich, dass es ein Bier ist. Eine herbe Malzigkeit, milder Bitterhopfen sind erkennbar. Auch hier drängeln schnell die Gewürze nach vorn, aber bei weitem nicht so dominant wie in der Nase. Die weiteren Zutaten ergänzen das Bild: Holunderbeerensaft und Orangenschale für schöne, süßsauerbittere Fruchtigkeit mit fast schon zitroniger Frische. Lactose ist als Zutat erwähnt, vielleicht, um die Süße etwas zu unterstützen. Frisch und trotz aller Weihnachtsbäckereierei helltönig und rezent – find ich richtig gut. Ein kurzer Abgang, aromatisch am Ende dann recht neutral bleibt der Eindruck eines trotz all der Zutaten sehr sauber und klar gebrauten Biers. Für mich eine absolute geniale Alternative zum pappsüßen Weineinerlei, das man sonst zu dieser Jahreszeit so trinkt, und mit 5,2% Alkoholgehalt auch nicht zu wumpsig.

Nun, die warme Variante. Und mit „warm“ meine ich nicht Zimmertemperatur, sondern tatsächlich warm. Ich stellte dazu einfach die geöffnete Dose auf eine auf mittlere Stufe vorgeheizte Herdplatte, und ließ sie dort, bis der Schaum deutlich herauskam und die Dose wirklich heiß war. Dann schnell umfüllen in ein vorgewärmtes Glas!

BrewDog Glühbier warm

Nun, die Idee war verrückt, und das Ergebnis ist doch deutlich unterschiedlich zu einem klassischen belgischen Glühbier. Der initiale Antrunk ist voller Gewürze und auch einer gewissen rotweinigen Note, doch schnell will das Bier mit seiner Bitterkeit und Trockenheit nach vorn (hier fehlt dann der Kirschsaft und Zucker der belgischen Variante deutlich), und das wirkt nicht ganz so toll mit erhöhter Temperatur. Die Karbonisierung kommt dem Warmtrinken auch nicht wirklich entgegen. Ich kippe am Ende etwas Zucker dazu, und schon wird es genehmer in dieser Form und dann durchaus unterhaltsam; mit noch etwas Pimpen könnte das vielleicht sogar sehr interessant werden. Letztlich ist es dann halt aber doch zum eher alkoholgetriebenen Aufwärmen gestaltet, und darum kreide ich das dem Glühgut natürlich auch nicht an – immerhin hat es mich zu einem Bierexperiment verleitet!

Kurz zum Fazit – lasst die Wärme weg, trinkt dieses tolle Glühbier kalt im warmen Zimmer. Ich finde, dass sich BrewDog hier echt was Schönes hat einfallen lassen, und es dann auch kongenial umgesetzt hat. Klare Empfehlung für alle Bierfreunde!

Offenlegung: Ich danke BrewDog für die kosten- und bedingungslose Zusendung zweier Dosen dieses Würzbiers.

Modernes Bier – Île Four Junmai Daiginjo

In meinen vorherigen Artikeln über Sake habe ich die gröbsten Grundlagen des japanischen Reisbiers erklärt. Wer aufgepasst hat, dem sind Begriffe wie Reispolierrate, Junmai und Daiginjo keine Rätsel mehr. Nur, um sicher zu gehen, frische ich ganz kurz die Erinnerung an die zwei Hauptelemente auf, die wir im Namen des Île Four Junmai Daiginjo, den ich heute hier besprechen will, vor uns haben: Junmai bedeutet „ohne Zusatz von Neutralalkohol“, Daiginjo „Niedrigtemperaturfermentation mit langer Dauer“ sowie „Reispolierrate mindestens 50%“. Wir sehen also die theoretisch feinste Qualitätsstufe in diesem Sake, und erwarten durch die Kombination der Kennzeichen einen leichten, feinaromatischen, frischen Sake.

Dazu passt wohl, dass diese „Limited Edition“ aus einer nicht genannten Brauerei sich auch als „Modern Sake“ bezeichnet. Für uns Europäer, die nicht mit traditionellem Sake aufgewachsen sind, ist diese Bezeichnung sicher wenig aussagekräftig, denn der Vergleich fehlt. Wahrscheinlich ist damit einfach gemeint, dass man sich beim Importeur Spyglass Trading Europe wenig um komplexe, schwierige Etiketten und Aufmachungen schert, die den Kenner ansprechen sollen, sondern das Produkt einfach fett mit der Markierung „Sake“ versehen auf den Markt bringt, um neue, unverbrauchte Konsumentenschichten zu erschließen. Nun, ein Eyecatcher ist die Flasche jedenfalls schonmal, schauen wir auf das Bier selbst.

Île Four Junmai Daiginjo

Strohiges Pastellgold, die Färbung ist auch ohne Spezialglas mit blauweißen Vergleichskreisen gut erkennbar. Die Flüssigkeit bewegt sich schwer im Glas, nicht wässrig, und hinterlässt auch einen Film an der Glaswand mit langsam ablaufenden Beinchen.

Die Nase ist esterig, die lange Fermentation kann man hier schon erahnen. Fermentierte Pfirsiche, vergorene Ananas, leicht faule Mango; sehr fruchtig-aromatische Noten, die mich an andere asiatische Spirituosen erinnern: da ist mehr als nur ein Eindruck von Nongxiang-Baijiu. Gleichzeitig liegt aber auch die Frische grüner Äpfel und unreifer Birnen dabei, und Ideen von aromatischen Weißweintrauben. Interessant, ungewohnt, vielschichtig.

Sehr süß ist der Antrunk, ohne jede Kante oder Spitze. Diese Rundheit zieht sich durch die gesamte Verkostung. Die nur im Ansatz vorhandene Säure ist gut eingebettet. Schnell kommen die initial gerochenen Komponenten dann auch am Gaumen zum Vorschein – die fortgeschritten gereiften tropischen Früchte. 16% Alkohol merkt man gegen Ende, wenn eine ganz vorsichtige Würze einsetzt und am Zäpfchen etwas Wärme entsteht.

Île Four Junmai Daiginjo Glas

Der Abgang ist kurz, klar und rein, trotz der immer noch vorherrschenden Süße leicht trocken. Hier entsteht dann die Impression von gut gereiftem Chardonnay. Eine leichte Salzigkeit und milde Bitterkeit verbleibt noch etwas auf der Zunge, die aber auch kurz darauf verfliegen. Diese Sammeleindrücke des Nachklangs sind für mich sicherlich die absoluten Stärken des Île Four Junmai Daiginjo.

Ein sehr fruchtig veranlagter, trotzdem klarer und eleganter Daiginjo mit sehr attraktivem Nachhall. Der europäische Gaumen muss vielleicht über die initialen, vergleichsweise wuchtigen Fermentationsgeschmäcker hinwegkommen, bekommt danach aber ein sehr feines und hochgradig trinkbares Stück japanischer Kultur serviert.

Sake-Cocktail-Rezepte sind dünn gesät. Um so erfreulicher, wenn sich Könner wie Klaus St. Rainer am japanischen Reisbier versuchen, und so etwas rundes wie der Ichigo Ichie herauskommt. Statt des geforderten Junmais einen Daiginjo einzusetzen ist vielleicht etwas rezeptverändernd, doch es funktioniert trotzdem. Gefunden habe ich den Drink im sehr empfehlenswerten Sake-Buch von Susanne Rost-Aoki und Mitsuyoshi Aoki – eine Besprechung des Buchs folgt auch irgendwann hier auf diesem Kanal.

Ichigo Ichie Cocktail


Ichigo Ichie
1½ oz Junmai Sake
1½ oz süßer Wermut
¾ oz Dry Gin
Im Tumbler auf Eis rühren. Mit Zitronen- und Orangenzeste absprühen.

[Rezept nach Klaus St. Rainer]


Die 720ml-Flasche (für uns eine ungewöhnliche Abfüllmenge) ist sehr elegant, leicht mattiertes Grünglas. Der Blechschraubverschluss ist typisch für Sake und kein Mangel. Die dezent zurückhaltende Etikettensprache, bei der die Vorderseite klar und sauber, passend zum Sake selbst, bleibt, wird ergänzt durch einen schönen Informationstext auf Deutsch auf der Rückseite. Ein sehr gut gewähltes Design, das anspricht.

Es gibt in Deutschland wahrscheinlich im Allgemeinen nicht allzuviele Sake-Freunde. Daher richte ich mich nicht an die Sake-Kenner, sondern an eine andere Personengruppe, die ich als Ziel für so ein Produkt ausmachen könnte. Falls es also jemanden unter meinen Lesern gibt, der gerne aromatische Weißweine mit eigenem Charakter trinkt, und offen für interessante Experimente ist – nun, diesem Personenkreis würde ich diesen Sake besonders ans Herz legen.

Bier am Freitag – Brewdog & Rettergut Planet A New England IPA

Leider ist es immer noch ein Verbrechen in Deutschland, Lebensmittel, die weggeworfen werden, aus dem Müll zu retten – eine Schande, deren sich die deutsche Justiz hoffentlich bald klar wird. Wir verschwenden Nahrungsmittel im richtig großen Stil, teilweise werden Dinge entsorgt, weil sie rein optisch nicht mehr mithalten können oder seltsame Formen haben. Das Unternehmen Rettergut nimmt sich derartigen Missständen an. Und zusammen mit der Brauerei Brewdog haben sie ein Bier aus genau solchen Mängelzutaten hergestellt. Das Brewdog & Rettergut Planet A New England IPA ist mit 6,3% Alkoholgehalt eingebraut worden und, in einer Dose mit Papieretikett abgefüllt, bei mir gelandet.

Brewdog & Rettergut Planet A New England IPA

Dunkles Eigelb-Gelb. Stilgerecht komplett trüb und blickdicht („hazy“), dennoch sieht man an der Glaswand meines IPA-Glases die Bläschen schnell und aktiv aufsteigen. Der Schaum ist sehr grobblasig und wirkt dadurch wie Styropor, fällt aber auch bald in sich zusammen.

Zwei Zutaten teilen sich die Geruchsdominanz – typische Aromahopfeneindrücke, sehr bitter, sehr in Richtung Grapefruitschale; und dann aber auch wirklich sehr, sehr, sehr viel Aprikose. Die pürierten „Misfit“-Aprikosen, die sonst weggeworfen worden wären, hauchen diesem Bier wirklich eine zusätzliche Fruchtebene ein. Und selbst das Brot meint man herausriechen zu können; leicht hefig, leicht gerstig, leicht teigig. Insgesamt dominiert dennoch der stiltypische Aromahopfen mit fruchtigen Noten.

Im Mund wirkt das ganze dann aber deutlich unrunder. Die Bitterkeit und Fruchtigkeit sind für meinen Geschmack sehr mäßig ineinander integriert, das fühlt sich so richtig kantig und falsch an. Cremigkeit und Säure verhalten sich zueinander ähnlich unfreundlich; die Säure ist viel zu beherrschend. Statt eines komplexen Charakters hat das Bier vier Aspekte, die so überhaupt nicht miteinander spielen wollen, und jeder für sich bleibt oberflächlich. Der Abgang schließlich ist sehr kurz, sehr bitter, sehr brotig; ein schöner Aprikosennachhall versöhnt ganz am Ende dann noch etwas, und das ist der Eindruck, der noch etwas bleibt.

Tolle Optik, toller Geruch, toller Abgang – schade, dass der Geschmack dazwischen nicht mithalten kann. Für meinen Geschmack ist das ein fehlgeschlagenes Experiment, das allerdings einen sehr lobenswerten Charakter hat. Vielleicht tun die beiden Firmen sich mal erneut zusammen und probieren nochmal, etwas ähnliches (von den Zutaten her!) zu entwickeln. Sicherlich würde ich dem positiv gegenüber stehen, denn gerade bei einem Produkt wie Bier, wo die reine Optik des Basismaterials nun wirklich keine Rolle spielt, darf man ruhig nachhaltiger arbeiten.

Offenlegung: Ich danke Brewdog für die kosten- und bedingungslose Zusendung von 2 Dosen dieses Biers.

Volle Fassdröhnung – West Cork Blended Irish Whiskey Black Cask

In meiner Tätigkeit als Juror beim Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles habe ich schon diverse Masterclasses besucht, bei denen eine der größten Fassholzmanagementfirmen der Welt, die Independent Stave Company (ISC), am lebendigen Beispiel aufzeigte, welche Möglichkeiten ein Brenner heutzutage hat, rein mittels Auswahl des Fassholzes und der Behandlung dieses Holzes das Aromenprofil seines Produkts zu steuern. Besonders beeindruckend war dabei dieses Jahr ein Beispiel, in dem ein Rhum Agricole eines bekannten Martiniquer Destillateurs vorgeführt wurde, der allein durch die Wahl des Toastings und Charrings in einem Sample sehr vanillig-schokoladig schmeckte, im nächsten Sample rauchig-holzig und im dritten Beispiel würzig nach Nelken. Der moderne Fassmanager kann en detail und in höchst erstaunlicher Konsistenz und Konsequenz entscheiden, welche Aromen er im Endprodukt haben möchte.

Daher wundert es mich nicht, dass immer mehr Brenner verschiedene Ausprägungen ihres Destillats veröffentlichen, die sich durch solche Details im Holz unterscheiden. Der West Cork Blended Irish Whiskey Black Cask ist ein Beispiel dafür – schon der Name deutet es an, auf dem Etikett findet man weitere Informationen dazu. Doppelt ausgebrannte first-fill Ex-Bourbon-Fässer mit dem Ausbrenngrad #5 wurden zur Reifung dieses Blends aus Grain- und Maltwhiskys eingesetzt. Nach meiner Erfahrung ahne ich allein anhand dieser Informationen schon sehr klar, wohin die Reise bei diesem Iren gehen wird – bewahrheitet sich das im Glas?

West Cork Blended Irish Whiskey Black Cask

Zumindest farblich steht die Produktion außer Frage – kräftiges Ocker, mit orangefarbenen Reflexen. Beim Schwenken zeigt sich eine deutliche Öligkeit, und an der Glaswand laufen einzelne, richtig fette Tropfen langsam in Bahnen ab. Die Nase ist vom Fass dominiert. Vanille, Zimt, milde Holztöne; blind könnte man das auch für einen Bourbon halten. Ein Hauch von Ethanol piekst etwas, doch ansonsten wirkt der Black Cask süßlich rund. Ein Hauch von Fruchtkaugummi und Zuckerwatte kommen dazu.

Der Antrunk haut einen um mit völliger Cremigkeit, Fettheit, Rundheit und Süße, ohne pappig oder oberflächlich zu sein; das ist wirklich Ultraflauschstufe. Vanille, Kandiszucker, Anflüge von Honig und Aprikosen. Dabei bleibt es allerdings nicht, im Verlauf entwickelt sich eine milde Würze mit leichten Gewürznoten, auch diese kann ich wahrscheinlich dem Fass zuschreiben. Der Körper wirkt später leichter und dünner; so langsam bildet sich eine getreidige Note heraus, die sich all dem Holzaromen widersetzt, trotzdem aber gut eingebunden ist. 40% sind für heutige Verhältnisse wenig, doch sie bringen genug Stärke mit sich. Der Abgang ist immer noch süß, nicht mehr ganz so wie zu Beginn, bietet sogar etwas warme Adstringenz am Ende. Sehr hübsche florale Jasminnoten lassen den Whisky dann mittellang ausklingen.

West Cork Blended Irish Whiskey Black Cask Glas

Nun, das ist schon wirklich ein sehr charmanter, unkomplizierter, sich wirklich extrem einschmeichelnder Blend, der mit voller Fassdröhnung arbeitet, um dem Genießer „smoother“ Produkte das Wasser im Munde zusammen laufen zu lassen. Mir gefällt es sehr, ein bisschen mehr Komplexität würde sicher nicht schaden, doch der West Cork Black Cask hat andere Vorteile; manchmal will man den Kopf angesprochen haben, manchmal einfach nur niedere Gelüste befriedigt sehen.

Das trinkt sich toll abends in einem großen Tumbler, ohne Eis, handwarm, und lädt dabei zum Schwärmen ein. Doch auch in einem Mixed Drink punktet die Süße und der Körper. Andere Zutaten müssen hier nun etwas Aufregung mitliefern, dass wir nicht im Süßsumpf ertrinken; Chartreuse, drei Sorten Bitter und Absinthe bieten genau diese Abwechslung, und erzeugen zusammen mit dem Whisky im Hearn Cocktail eine Aromabombe.

Hearn Cocktail


Hearn Cocktail
1½ oz irischer Whisky
1½ oz roter Wermut
½ oz Chartreuse verte
4 Spritzer Orinoco Bitters / TBT Drops&Dashes Wood Bitters
2 Spritzer Absinthe
2 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept adaptiert nach Jack McGarry]


Auch die Präsentation spricht mich sehr an – die schwungvolle Flasche, das schön gestaltete und am unteren Ende in Inselform geschnittene Etikett, dazu ein repräsentativer Karton, der Geschenkpotenzial hat. Man sieht, mir gefällt, was ich vor mir habe. Sicherlich wäre es interessant, die anderen Ausprägungen dieser Destillerie im Vergleich dazu zu sehen, vor allem, in weniger stark fassbeherrschten Reifungsvarianten, um zu schauen, was das Destillat sonst so kann. Für 25€ jedenfalls ist der West Cork Blended Irish Whiskey Black Cask ein kleiner Preisleistungsknüller, den ich jedem ans Herz legen will, der gern volle, schwere Spirituosen mag.

Bier am Freitag – Privatbrauerei Schweiger 1516 Bayrisch Hell

Kleine Fläschchen mit Bier finde ich total niedlich. Oft will man ja auch nicht gleich den ganzen halben Liter, sondern nur ein schnuckiges Schlückchen zum Genuss für Zwischendurch. Die Flasche des Privatbrauerei Schweiger 1516 Bayrisch Hell hat meinen Blick diesbezüglich geradezu angezogen, der putzige Viertelliter erfüllt genau diese Funktion wunderbarst, und ist darüber hinaus noch mit einem echt richtig schön gestalteten Etikett ausgestattet, mit dem Wahlspruch „guad und süffig“ und dem leicht rundlichen bayerischen Paar.

Privatbrauerei Schweiger 1516 Bayrisch Hell

Aus dem Fläschchen ins Gläschen – kristallklar, blassgelbgold leuchtend, mit schöner Perlage; auf Schaum muss man allerdings nahezu vollständig verzichten. Auch die Nase ist sehr zurückhaltend, ein Anflug von Bitterhopfen, mildem Malz, ein Hauch Zitrone vielleicht, aber das war es schon.

Süß im Antrunk, und süß ist auch der dominante Eindrück über die Verkostung hinweg, zusammen mit einem sehr voluminösen, vollen, mittelschweren Körper. Eine feine Herbe kommt dazu, leichte Zitronenfrische und -säure, vorsichtige pikante Noten, doch der Stil verlangt eben nicht nach außergewöhnlichen Aromenexkursionen – hier bekommt man ein sauber gebrautes, typisches, sehr rundes und angenehm süffiges Helles mit milden 4,9% Alkoholgehalt. Der Abgang ist passend dazu kurz, leicht getreidig, unauffällig.

Früher war ich auf der Suche nach verrückten, spinnerten Besonderheiten. Erst heute, mit all meiner Erfahrung was Bier angeht, weiß ich diese ruhigen, unaufgeregten, handwerklich toll gemachten Leichtbiere zu schätzen.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2020 – Brüssel (Belgien)

Normalerweise würde ich einen Bericht über Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles mit der Beschreibung der Anreise beginnen. Bei dem Spirituosenwettbewerb, der jedes Jahr in einem anderen Land stattfindet, hatte ich schon so illustre Ziele wie Chile, Bulgarien und China besuchen dürfen – dieses Jahr war die Reise allerdings mehr ein Katzensprung über zwei Grenzen hinweg im Auto. Brüssel, die Hauptstadt Belgiens, war ein Ausweichziel, da die ursprüngliche Location, Barranquilla in Kolumbien, aufgrund der SARS-CoV-2/Covid-19-Pandemie nicht mehr zur Verfügung stand, und für mich sind das nur knappe 3h über Luxemburg zu fahren. Ein seltsames Gefühl allerdings, wenn man Luxemburg nach Belgien verlässt, und das Navigationsgerät sagt, man soll der Strecke 185km folgen – das hat man selten, eine sehr unereignisreiche Fahrt daher.

Brüssel selbst ist dagegen für den Autofahrer selbst mit Navigation kein Spaß, die Stadt mit Straßen ohne rechte Winkel und viel Gefälle, viel Kopfsteinpflaster im Zentrum und Radfahrern und Fußgängern ohne Gnade machte mir etwas zu schaffen. Am Ende war das Auto geparkt, im engsten Parkhaus, das ich je gesehen habe, wo meine Radioantenne auf dem Autodach an der Decke des Parkhauses streifte.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2020 – Brüssel (Belgien) Tasting Flights 2

Nun, es gab also doch so etwas über die Anreise zu berichten, offensichtlich. Der Wettbewerb selbst war unter keinen wirklich guten Vorzeichen eröffnet worden – Lockdowns, Ausgangssperren, Versammlungsverbote, die Welt Ende Oktober 2020 halt. Nur das klar ausgearbeitete und durchgehaltene Hygienekonzept erlaubte es überhaupt, dass sich erneut ein paar Dutzend Spirituosenkenner im Hotel treffen konnten, um ihre Arbeit zu tun und über 1400 Spirituosen aus aller Welt zu verkosten, zu bewerten und zu prämieren. Da aus verständlichen Gründen auch keine internationalen Kenner anwesend sein konnten, füllten die Organisatoren die Panels mit Experten hauptsächlich aus Frankreich und Belgien auf; das eh schon sehr frankophone Event wandelte sich in ein beinahe komplett französischsprachiges Ereignis.

Da die gesamte Logistikkette von der Ausnahmesituation betroffen war, änderte sich auch der Tagesablauf für uns Juroren. Normalerweise besteht der Ablauf einer Spirits Selection aus Arbeit morgens, mit der Verkostung mehrerer Flights unterschiedlichster Brände, und aus Erhohlung nachmittags, mit dem Besuch von Destillerien, kulturellen Aktivitäten und ähnlichem. Letzteres fiel natürlich leider dieses Jahr völlig flach, und alles konzentrierte sich auf das Hotel. Nur kurze fußläufige Expeditionen ins Zentrum der Stadt, zum extrem beeindruckenden Grand-Place (den man beinahe leer besonders genießen konnte), zum deutlich weniger aufregenden Manneken Pis und ein paar hochgradig gut ausgestatteten Schokoladen- und Biergeschäften waren möglich.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2020 – Brüssel (Belgien) Grand-Place

Statt einem großen Tisch für eine Jury gab es mehrere kleine, Abstände und Maskenpflicht sorgten für ein bisschen Heiserkeit und Kopfschmerz, weil man beständig schreien musste, um sich über die Sprachbarrieren hinweg verständigen zu können; hier erkennt man, wie wichtig es ist, den sich bewegenden Mund zu sehen bei der Kommunikation. Ein sardischer Brenner versorgte uns mit einem selbstgebrannten Desinfektionsmittel aus 85% reinem Alkohol mit lokalen Kräutern, und Desinfektionsgelspender waren alle drei Meter verfügbar.

Auch die tatsächliche Arbeit war für mich dieses Jahr anders – während die Prozeduren und Abläufe inzwischen sehr gewohnt für mich sind, hatte ich die Ehre erhalten, als Vorsitzender meiner Jury antreten zu dürfen. Der Vorsitzende organisiert den täglichen Ablauf des Tischs, kümmert sich um Fragen zu eher unbekannten Bränden, und hat am Ende das letzte Wort, was die Vergabe von Medaillen angeht – also viel Verantwortung, der ich hoffe, gerecht geworden zu sein.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2020 – Brüssel (Belgien) Tasting Tables

Was waren die Highlights dieser Lockdown-Ausgabe? Erneut natürlich die Masterclasses, teilweise als Videokonferenz abgehalten, bei denen die aus vorigen Jahren schon gut bekannten Experten der Independent Stave Company (ISC) über die Holzauswahl zur Aromaprofilbildung informierten, und Maryse Bolzon von Lallemand Biofuels & Distilled Spirits über die unterschiedlichen Möglichkeiten, die Fermentation in bestimmte Richtungen zu steuern mittels Selektion von Hefestämmen, Einsatz von Bakterien, und verschiedenen anderen modernen Technologien.

Wenn der Ochs nicht zum Berg geht, kommt der Berg zum Ochsen. Da leider keine Destilleriebesuche möglich waren, zeigten belgische Brenner ihre Arbeit per Präsentation und Vortrag im Hotel vor Ort. Etienne Bouillon, der Gründer der The Owl Distillery, präsentierte seinen belgischen Single Malt Whisky Belgian Owl – eine Destillerie, die ich sicher in besseren Zeiten einmal besuchen werde, besonders da ich Etienne als Mitglied „meiner“ Jury etwas kennengelernt habe. Christophe Mulatin erzählte etwas über die Biercée Distillery, deren Hauptprodukt, der Zitronenlikör Eau de Villée, vielleicht eine der populärsten und verbreitetsten Spirituosen in ganz Belgien ist. Die Brüsseler Cocktailikone Alain Vervoort versorgte uns abends schließlich noch mit einem Negroni-Twist, basierend rein auf belgischen Zutaten.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2020 – Brüssel (Belgien) Masterclasses

Die Mitbringsel dieses Jahr konzentrierten sich auf Bier; für mich gar kein Problem, denn Bier ist der wahre Schatz Belgiens. Höchsterfreut war ich insbesondere, endlich ein paar Flaschen des doch eher kompliziert zu bekommenden Westvleteren-Trappistenbiers in die Hände zu bekommen, mit 18€ pro Drittelliterflasche doch ein Luxus, den man sich eher selten gönnt. Dazu ein Gulden Draak, das im Calvadosfass gereift wurde, und ein paar Fläschchen Orval, das nun für ein oder zwei Jahre erstmal im Keller schlummern darf, um seine Genussreife zu erhalten. Jede Biermarke hat in Belgien ihr eigenes Glas, und so brachte ich auch davon eine Selektion mit. Da verlässt man einen Shop mit ein paar Flaschen Bier und einer Rechnung von 120€ – nun, es ist es wert. Leider habe ich wegen der leichten Hektik am Ende des Wettbewerbs vergessen, auch noch eine Flasche des oben bereits erwähnten Eau de Villée einzupacken; das wird beim nächsten Belgienbesuch dann nachgeholt, denn dieser klare Zitronenlikör hatte mich schon etwas fasziniert. Das Event klingt nun noch etwas nach, ein Coronatest folgte direkt am Tag nach der Rückkehr, und nun verbringe ich etwas Zeit in Quarantäne, bis das Ergebnis feststeht, um sicher sein, dass ich außer den erwünschten Mitbringseln nichts Unerwünschtes im Gepäck hatte.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2020 – Brüssel (Belgien) Mitbringsel

Nach drei intensiven Tagen war die Arbeit getan, ich habe erneut viel über Spirituosen gelernt, und viele sehr interessante Leute kennengelernt. Das ist für mich immer der Grund, warum ich mich jedes Jahr auf dieses Event freue – Spirits Selection ist die Möglichkeit, alte Freunde wiederzusehen und neue zu finden. Schnaps verbindet. Und auch wenn das eventuelle Gastland für 2021 aufgrund der unplanbaren Umstände dieses Jahr noch nicht bekannt gegeben wurde, habe ich die Zeit dafür schon reserviert; egal, wo es hingeht, es wird grandios, wie jedes Jahr. Dort hoffe ich dann auch, die dieses Jahr arg vermissten Freunde aus Brasilien, Mexiko, Chile, den USA und Kolumbien endlich wiederzusehen.

Geschenkbier am Freitag – Birra Eja Bionda

Seit 15 Jahren wird bei Birra Lara (manchmal auch Birrifico Lara oder sogar Microbirrifico Lara genannt) in Tartenia in Ostsardinien Bier gebraut. Hört sich nach einer eigentlich recht überschaubaren Zeit an, im Vergleich zu vielen Traditionsbrauereien, doch jedenfalls ist damit klar, dass es sich nicht um ein Hipsterstartup handelt, das nur für ein einzelnes Experimentalbier gegründet wurde. 15 Jahre überlebt man in der Branche nur, wenn das Produkt, das man herstellt, was taugt. Holen wir uns das mit 4,7% eingebraute untergärige Lager Birra Eja Bionda ins Glas, um das zu überprüfen.

Birra Eja Bionda

Das erste, was nach dem Eingießen auffällt, ist die enorme Perlage – da steigen gefühlt Millionen winzigster Bläschen in rasantem Tempo nach oben, in dieser Form sehe ich das selten; vielleicht eine Folge der unpasteurisierten Flaschenreifung. Der Schaum gefällt ebenso, sehr üppig, feinporig und langlebig. Die Farbe des Biers ist blassocker, man erkennt eine schöne Trübung, weil das Bier ungefiltert ist.

Das eingesetzte sardische Gerstenmalz dominiert die Nase zunächst, dazu ist es etwas hopfig, aber eher bitterhopfig, vorsichtige Steinfrucht kommt dazu. Bei der empfohlenen Trinktemperatur von 6-8°C schafft sonst nicht viel Aroma den Sprung in den Riechkolben.

Würzig, leicht salzig, sehr voll für ein Lager – das sind die ersten Eindrücke. Die Salzigkeit gefällt mir sehr, und nimmt im Verlauf sogar noch zu. Getreide dominiert den Geschmack, das wirkt klassisch und rund. 35 IBU sind gut gewählt und sorgen für ordentliche, aber nicht übertriebene Bittere. 4,7% Alkoholgehalt erzeugen dazu einen schönen Körper, der vielleicht einen Ticken zu stumpf für die Vorfreude der Optik ist. Der Abgang ist kurz, hefig und passt sich in das restliche Bild ein, mit mittlerer Rezenz.

Auch dieses Bier aus der Brauerei Lara wurde mir als Geschenk eines freundlichen Lesers meines Blogs zugesandt. Wahrscheinlich hätte ich es sonst nie probieren können, und umso dankbarer bin ich Uwe dafür, denn  wie schon das Eja Rossa ist auch das Eja Bionda ein tolles Lager, mit eigenem Charakter und Stil.

Königliche Knolle – King’s Ginger Liqueur

Früher war es ein beliebtes Mittel des Marketings vieler Hersteller, ihre hochprozentigen Produkte als gesundheitsförderlich zu bewerben. Magenbitter sollten bei der Verdauung helfen, Kräuterliköre dem allgemeinen Wohlbefinden dienen, und Bier und Wein sind ja heute noch im Ruf, neben dem Effekt auch lebensverlängernd zu wirken. Das allermeiste davon ist heute wissenschaftlich wiederlegt, Alkohol als solcher ist nun mal einfach ein Gift und unvorsichtig konsumiert auch ein Suchtmittel. Laut EU-Verordnung ist heutzutage nun auch verboten, irgendein Produkt, das Alkohol enthält, mit Gesundheitsangaben jedweder Form zu versehen.

Das bedeutet nicht, dass ein Ingwerlikör wie der King’s Ginger nicht trotzdem noch ein paar der höchst wohltuenden Eigenschaften der Ingwerknolle aufweisen könnte. Zumindest glaubte der englische König Edward VII. wohl fest daran, denn er ließ wohl den holländischen Likör regelmäßig als Tonikum auftischen. Zumindest laut Etikett, Legenden aus diesen Quellen ist im Normalfall wenig zu trauen, da es aber eine nette, unkomplizierte Geschichte ist, lasse ich das mal so stehen. Was aber sicher feststeht: auch heute wird der Likör noch in Holland für Berry Bros & Rudd, London, produziert. Gießen wir uns ein paar Tropfen des königlichen Genusses ein.

King’s Ginger Liqueur

Blasser Mais, etwas strohig. Eine leichte Trübung durch winzige, schwebende Partikel – bei einem Ingwerlikör könnte ich mir vorstellen, dass das so gehört. Beim Schwenken entsteht ein durchgängiger Film an der Glaswand, der an der Oberkante sich in Beine auffranst, die aber beim Ablaufen wieder zu einem Teppich zusammenfließen, erst nach einer Weile trennt sich dieser Film wieder in einzelne Fäden.

Die Nase ist direkt pikant, einerseits vom dominierenden Ingwer, als auch von der kräftigen Alkoholstärke von 41%, für einen Likör recht üppig gewählt. Gleichzeitig kommt eine milde Zitrusnote in Richtung Orangenschale dazu. Der für ein Säulendestillat typische Ethanolgeruch entsteht, das deutet auf das Basisdestillat hin. Letztlich muss man aber sagen – da ist ordentlich Ingwer drin, sowohl frisch geschnittene Wurzel, als auch deren Schale.

King’s Ginger Liqueur Glas

Natürlich beginnt der King’s Ginger extrem süß im Antrunk, ein Likör muss schließlich per Gesetz mindestens 100g/L Zucker aufweisen. Das merkt man hier im gesamten Verlauf. Ingwerschale steigt allerdings schnell als Aromatik ein, mit der auch schon gerochenen, leicht bitteren Orangenschale. Sehr rund und vollkörperig, dabei jedoch helltönig. Im Abgang entsteht dann tatsächlich etwas Ingwerschärfe, die die Zungenspitze leicht zum Kitzeln bringt. Eine gewisse Heunote lässt den Likör am Ende ausklingen.

Ich kann mir vorstellen, dass das als Digestif auf Eis seinen Charme hat – die Ingweraromatik ist stark ausgeprägt, und wer das mag, der sollte es mal probieren. Für mich persönlich ist es aber mehr eine Cocktailzutat, die in überraschend vielen Drinks ihren Einsatz finden kann, mehr als viele andere Liköre jedenfalls. Der Eva Perón ist ein Longdrink, bei dem die Ingwerkomponente sowohl von Likör als auch von Ingwerbier unterfüttert wird; doppelt hält besser.

Eva Perón Cocktail


Eva Perón
1 oz Fernet
1 oz Roter Wermut
1 oz Ingwerlikör
1 oz Limettensaft
1 oz Ingwerbier

[Rezept nach Darren Crowford]


Für mich ist der King’s Ginger im Fazit mein Go-To, was Ingwerlikör angeht, aufgrund der starken Aromatik und des tollen Alkoholgehalts; viele andere Produkte sind oft eher in Richtung 25% verortet, was für mich gerade in der Mixologie einen durchaus deutlichen Unterschied macht. Dazu macht sich die schwarze, komplett ummantelte 500ml-Flasche auch sehr hübsch in der Heimbar, mit dem elaborierten Etikett hat man auch immer was zu erzählen für interessierte Gäste. Diese freuen sich sicherlich aber auch neben der netten Anekdote auch über einen ungewöhnlichen Digestif nach einem schönen Essen; man muss wahrhaft kein König sein, um das wertschätzen zu können.