Bier am Freitag – Rügener Insel-Brauerei Baltic Gose

Mit das beste an der Renaissance des Bierbrauerhandwerks („Craftbeerwelle“ hört sich für mich immer so hipsterig an) ist, dass alte Bierstile in Deutschland auch wieder eine Chance auf eine Frischzellenkur bekommen. Die Gose beispielsweise war hart an der Grenze des Aussterbens, und moderne Brauer haben nun durch ein grundsätzlich an Vielfalt interessierteres Publikum die Möglichkeit, sie zu fördern – und sogar in mehreren Varianten! Darum muss auf dem Etikett der Rügener Insel-Brauerei Baltic Gose auch als Stil „(contemporary) Gose“ angegeben werden, schließlich ist es eine Neuinterpretation. Die Grundlagen sind klassisch – obergärig, mit Meersalz gebraut, Einsatz von Gewürzen. Ich mag Gose sehr, und bin daher natürlich begeistert, wenn ich eine Flasche dieses Stils irgendwo finde.

Rügener Insel-Brauerei Baltic Gose

Passend zum Wal auf dem typischen Ganzflaschenetikett der Rügener Insel-Brauerei zischt die Gose laut beim Eingießen ins Glas, wie bei den meisten Flaschengärungsbieren. Der zunächst üppige, großblasige Schaum fällt schnell in sich zusammen und bildet eine eher dünne Schaumtonsur. Das Bier selbst ist stark naturtrüb, mit leichter Perlage. Der Geruch ist, so kenne und liebe ich meine Sauerbiere, sehr wein- oder sektartig. Apfel, Weißwein, etwas milder Essig, Grapefruitschale. Etwas Hefe schimmert durch.

Im Mund ist direkt die schöne Balance zwischen Säure und Süße auffallend. Hier spielen die beiden Komponenten sich sehr schön die Bälle gegenseitig zu, anstatt gegeneinander zu wetteifern. Die Zugabe von Meersalz und Gewürz sorgt für die tolle, aber sehr dezente Würzigkeit. Kandiszucker, ein Hauch von Beeren, Sojasauce, Malz und Hopfen kombinieren sich zu einem sehr attraktiven Gesamtbild. Der Abgang ist trocken, feinherb ohne Kratzen oder Rumpeln. Im Nachhall ist Minze und etwas Fruchtkaugummi da. Die Rezenz ist ideal ausgebaut, was das Bier zusammen mit der Aromatik perfekt erfrischend macht. 6,5% Alkoholgehalt kümmern sich um die Kraft.

Wow, das ist ein sensationell gutes Bier, das ich jedem Freund von schönem Bier empfehlen will – der Sauerbierfreund bekommt darüber hinaus eine herrliche Gosevariante. Das Baltic Gose wird definitiv öfter bei mir im Glas landen.

Der König von Fenyang – Fenyangwang Baijiu (汾阳王清香型白酒)

Ich hatte bei meiner letzten Besprechung eines Baijiu die Videos erwähnt, die mein sehr geschätzter Baijiu-Mitstreiter Ulric Nijs und ich gedreht hatten – sie enthalten grundlegendes Basiswissen zur für die meisten immer noch mysteriösen chinesischen Nationalspirituose. Ich gebe zu, ich hatte mit mehr Reaktionen gerechnet, das Interesse hält sich doch etwas in Grenzen; was uns nicht davon abhält, weiter die Trommel zu rühren für Baijiu. Hier zum Beispiel das Video über Leichtaroma-Baijiu!

Natürlich untermauere ich das mit einer weiteren Besprechung eines Baijius, der eben zu dieser Kategorie der Leichtaromabaijius gehört – des Fenyangwang Baijiu (汾阳王清香型白酒). Fenyangwang (der Name übersetzt sich als „Der König von Fenyang“, daher der Titel dieses Artikels) ist ein großer Produzent in der nordchinesischen Provinz Shanxi, dem Kernland dieser Kategorie. Ich war 2019 zu Besuch bei ihnen, und die Produktionsanlagen sind wirklich traumhaft gelegen in einer Umgebung, die sich wirklich anbietet auch für einen touristischen Besuch. Es gibt dort herrliche Tempel, Konfuziusstatuen, Türme, angelegte Seen und ganze aus der Qing-Dynastie erhaltene Dörfer zu besichtigen, die dem Freund des alten, vergangenen China unglaublich viel zu bieten haben. Kann der Sprit in der auffälligen Flasche mithalten mit den schönen Erinnerungen, die ich an diesen Ausflug habe?

Fenyangwang Baijiu (汾阳王清香型白酒)

Optisch zunächst mal ist er klar, ohne Fehler und sauber, wie von einem Baijiu erwartet, der in Tonkrügen gereift wurde, leider ist hier kein Reifungsalter angegeben. Minimale Öligkeit, die sich an der Glaswand ablegt, und dann in dicken Beinen abläuft. Über eine klare Spirituose gibt es kaum mehr zu sagen.

Die Nase dagegen hat mehr zu sagen. Da ist zunächst eine sehr getreidige Komponente, mit Anflügen von nassem Heu und frisch geschrotetem Korn, das ist typisch für 清香-Baijius. Deutliche Ethanolnoten liegen darüber, das wirkt insgesamt schon recht alkoholisch, trotz der für Baijiu-Verhältnisse sehr moderaten 42% Alkoholgehalt. Mineralische Töne erinnern an feuchte Erde, nasse Steine. Darunter schließlich erscheint nach einer Weile auch eine fruchtige Seite, Pfirsich und Honigmelone, würde ich sagen. Dieser Baijiu erinnert mich geruchlich sehr stark an aromatischen Wodka oder manch weißen Rum.

Fenyangwang Baijiu (汾阳王清香型白酒) Glas

Der Antrunk ist sehr süß, weich, fast schon flauschig, und der Fenyangwang behält sich diesen Aspekt auch über weite Teile der Verkostung bei. Eine cremige Textur wandelt sich dabei allerdings in eine herbe Trockenheit, ohne die extreme Adstringenz, die viele Baijius sonst mit sich bringen. Eine milde Aromatik aus Getreide, süßer Frucht und etwas Blumigkeit lässt alle Alkoholizität, die wir noch gerochen hatten, vergessen – das ist sogar ein sehr angenehmes, warmes und rundes Mundgefühl, das mich tatsächlich begeistert. Eine deutliche Umami-Seite regt den Speichelfluss an, und am Ende entdecke ich noch etwas Süßholz. Auch hier drängt sich mir ein Vergleich zu weißem Rum auf.

Der Abgang ist sehr kurz, hier wirkt dieser Leichtaromabaijiu schokoladig und warm, mit vielen Erinnerungen an Toffee, Vanille und Kokosnuss. Ein mildes und warmes Gefühl verbleibt am Gaumen, ohne Feuer oder übermäßige Aromatik, und mit einem kleinen Eisenton klingt der Fenyangwang aus.

Das ist ein sehr angenehm zu trinkender Baijiu, ohne jede Form von Aggressivität oder Wildheit, sehr zivilisiert, weich und zart, dabei dennoch voll in der Aromatik und der Textur. Mir gefällt er, er könnte ruhig etwas expressiver im Abgang sein, doch diese Weichheit weiß auch zu schmeicheln.

Die immer wieder auftauchenden Erinnerungen an Rum lassen mich ein Rezept, das ursprünglich mit dem Zuckerrohrbrand gemacht wird, abwandeln. Im Four Leaf Clover präsentiert sich ein Leichtaromabaijiu sehr schön – zurückhaltend, nicht den gesamten Drink übernehmend (wie das oft bei Baijiu-Cocktails schnell passiert), aber dennoch erkennbar, sich gut mit Nelke und Apfel arrangierend. Persönlich bisher mein Lieblingsbaijiucocktail.

Four Leaf Clover Cocktail


Four Leaf Clover
1 Nelke im Shaker zerdrücken
2 oz ungereifter Rum (oder Leichtaroma-Baijiu!)
1 oz trüber Apfelsaft
¾ oz Limettensaft
½ oz Honigsirup
Auf Eis shaken. Doppelt abseihen. Mit einer Physalis dekorieren.

[Rezept nach Denis Broci]


Die Flasche des Fenyangwang selbst ist ganz im Gegensatz zu ihrem Inhalt ausladend gestaltet – knallig rot, in einer Box mit goldenen Applikationen und einer transparenten Plastiksichtscheibe. Natürlich sind die eingesetzten Materialien optisch beeindruckend, bei näherem Hinsehen merkt man allerdings, dass hier nicht ganz so qualitativ gearbeitet wurde wie beim Baijiu selbst; ein Nachfüllstop in der Flasche ist für viele Baijius dagegen üblich, wie in vielen Ländern, wo Schurken leere Flaschen gern mit billigerem Stoff wiederauffüllen.

Spirits Selection 2019 Closing Dinner

Ich habe diesen Baijiu auf dem extrem lebendigen, extrem opulenten, extrem lauten Abschlussdinner (wie es wirklich nur die Chinesen können, mir dröhnte noch drei Tage danach der Schädel) von Spirits Selection 2019 bei Fenyang in China mitgehen lassen – es standen mehr als genug bereit, auf jedem Tisch, wie auf dem Bild oben zu sehen, und sobald sie leer waren (was alle halbe Stunde der Fall war), wurde eine neue hingestellt. Den anderen in der blauen Flasche weiter rechts auf dem Tisch konnte ich mir auch organisieren; der wird auf diesem Kanal auch noch besprochen werden.

Bier am Freitag – Königsbräu Halbe

Ich habe mein erstes Bier mit 18 oder so getrunken. Und viele Jahre danach konnte ich dem bitteren Gerstensaft auch weiterhin nichts abgewinnen, ich war schon lange von der schwäbischen Alb weg, als ich anfing, mich für Bier näher zu interessieren. Entsprechend habe ich die lokalen Biere rund um mein Elternhaus nie richtig kennengelernt – was ich aktuell versuche, nachzuholen. Die Getränkemärkte im Ostalbkreis mit ihrer Grenzgängermischung aus bayerischen und schwäbischen Produkten sind entsprechend wahre Schatzkammern für mich, und das Königsbräu Halbe ist eine dieser Funde, bei denen ich mir denke, na, vielleicht hab ich doch was verpasst, damals. Nun, trinke ich es halt jetzt!

Königsbräu Halbe

Ein guter erster optischer Eindruck hat durchaus seine Wichtigkeit, finde ich – und das Königsbräu Halbe gibt sich hier schonmal keine Blöße. Goldgelb, strahlend, kristallklar und mit schöner, aktiver Perlage. Der Schaum setzt sich aus feinem Flaum mit großblasigen Inseln zusammen; genau so stelle ich mir ein hübsches Helles vor. Auch in der Nase fühle ich mich direkt wohl, getreidig, leicht hefig, mit mildem Bitterhopfencharakter. Nicht so metallisch wie manch anderes Helles, leicht marmeladig-fruchtig, ohne eine Komponente zu überbetonen. Stiltypisch erwarte ich nichts dramatisches im Geruch, und das passt so.

Im Mund werden genau diese Fruchtmarmelade-Eindrücke am Antrunk wieder aufgegriffen, eine herrliche Süßsauer-Balance sorgt für ein tolles, volles und angenehm cremiges Mundgefühl. Frisch, leicht, aber dennoch unterschwellig aromatisch, leicht hefig, mit Jasminblumigkeit von Anfang bis Ende. Die Bittere ist sehr effektiv, und sorgt im Gesamtbild für eine Reinheit und Klarheit, die man schon im optischen Eindruck erwartet hatte, mit ein Grund, warum ich diesen Bierstil so mag. Der Abgang ist kurz, weiterhin beherrscht von Jasmin und Bitterhopfen. Der Gaumen bleibt sauber, hat vielleicht etwas leicht minzig-mentholisches, was der Erfrischung natürlich nicht schadet, im Gegenteil. Mit 5,2% Alkoholgehalt bewegen wir uns im sehr üblichen Rahmen.

Ein wirklich extrem süffiges, rundum angenehmes und handwerklich top eingebrautes Helles, ohne jede Sperenzchen. Ich versuche ja immer, neue lokale Biere zu finden und immer was neues auszuprobieren – zwei, drei Flaschen des Königsbräu Halben landen trotzdem ohne jedes Zögern zusätzlich im Kasten, wenn ich in der alten Heimat bin. Einfach weil es so unkompliziert und gut ist.

Mexiko ist nicht nur Agave – Paranubes Rum Aguardiente de Caña

Neulich hat mich meine Freundin Lala Noguera, die in Mexiko gleichzeitig für Frauenrechte und Agave-Spirituosen kämpft (beides hängt enger zusammen, als man auf den ersten Blick denken mag), mit einem Post bei Facebook überrascht. Unterschiedliche Typen von Agavenbränden, ja, dachte ich mir, auch wenn sie nicht so bekannt sind, so kenne ich doch Mezcal, Tequila, Sotol und Bacanora vom Geschmack her, und Raicilla steht auf der Liste der zu probierenden Unbekannten. Die sechste Spirituose war es, die mich verblüffte: La Charanda, ein GI-geschützter Zuckerrohrbrand aus Michoacán. Da musste ich gleich nochmal auf der Flasche des mexikanischen Rums, den ich zu Hause habe, nachschauen, ob das nicht zufällig ein La Charanda ist.

Doch nein, der Paranubes Rum Aguardiente de Caña gehört nicht zu dieser Kategorie, denn er kommt aus Oaxaca (noch genauer Huautapec, noch genauer Río Tuerto) und nicht aus Michoacán. Es ist also ein Rum, oder ein Aguardiente (so bezeichnet man in verschiedenen Ländern einen Proto-Rum oder aber ein generisches „Feuerwasser“, das man nicht unbedingt deutlicher kategorisieren will), das Etikett will sich diesbezüglich nicht festlegen. Das Produkt passt zumindest besser in die Rumkategorie als viele Spirituosen, die sich nicht drum kümmern, was einen Rum eigentlich ausmacht. Man macht also nicht nur Agavenbrände in Mexiko, das hätte mich auch irgendwie überrascht. Man sieht, immer wieder neue, spannende Themen – die Vernetzung lässt einem kaum Ruhe beim Entdecken, man muss nur offenen Auges durch die Welt gehen. Und mit interessiertem Gaumen, dem ich diesen Zuckerrohrbrand nun zuführen werde.

Paranubes Rum Oaxaca Aguardiente de Caña

Der mexikanische Rum ist ungereift, völlig klar und ohne Einschlüsse oder Trübung. Im Glas ist eine leichte Viskosität erkennbar, mit dadurch dick und langsam ablaufenden Beinchen. In einer Blindverkostung hätte ich vermutet, dass es sich hier um eine Cachaça handelt – sehr fruchtig, schwersüß, grünaromatisch mit vielen Noten von frisch gemähtem Heu, Gewächshaus und vergorener Frucht. Etwas Kalk, und eine aufs zweite Riechen doch deutlich erkennbare und auch leicht zwickende Methanolkomponente.

Im Antrunk sehr süß, auch hier entsteht zunächst die Assoziation zu Cachaça. Die Süße ist natürlichen Ursprungs, eine Hydrometermessung meinerseits hat 0g/L Zusätze ergeben. Cremig und sehr schwer, mildbitter, im Verlauf entsteht dazu eine gewisse Säure. Viele Aromen von Zuckerrohr, Gras, Kandiszucker, Honig. Beeren und etwas Ananas, dazu ein Anflug von Dill und Kümmel. Die Blaubeerennote wird gegen Ende stärker, auch der Wandel hin zu einer fast schon staubigen, astringierenden Trockenheit. Trotz der bissigen Nase ist im Mund der Alkoholgehalt von 54% zwar spürbar, aber viel runder eingebettet. Eine fette Textur mit einiges an Salzigkeit ergibt ein tolles Mundgefühl mit viel Volumen.

Paranubes Rum Oaxaca Aguardiente de Caña Glas

Der Abgang ist sehr trocken, dennoch süß auf der Zunge. Heiß, eher kurz, mit einem nachhallenden Eisenton. Das Feuer bleibt vom Effekt her lange an Gaumen, Zunge und im Rachen. Ein hochinteressantes Produkt. Es passt sich in die kleine Lücke zwischen Rhum Agricole und Cachaça ein, ist für mich aromatisch näher an letzterem. Wäre der etwas enttäuschende Abgang etwas interessanter, könnte der Paranubes mich voll überzeugen. Dennoch einer der wenigen ungereiften Rums, die ich mir auch pur eingießen würde.

Letztlich wird dieser Mexikaner aber wohl hauptsächlich in Cocktails landen, die nach weißem Rum verlangen. Oder nach Cachaça. Gerade diese Spannbreite, die der Paranubes aufmacht, sorgt für interessante Twists in Drinks, die von etwas mehr Charakter profitieren können – ich denke hier hauptsächlich an Tiki-Drinks, die mit laschem Rum ansonsten verkümmern. Der Three Dots and a Dash ist ein Beispiel dafür.

Three Dots and a Dash


Three Dots and a Dash
1½ oz ungereifter Rhum Agricole
½ oz gereifter Demerara-Rum
1 oz Orangensaft
1 oz Limettensaft
½ oz Honig
½ oz Falernum
¼ oz Allspice Dram
4 Spritzer Bitters
Auf Eis shaken. Auf Crushed Ice und mit 3 Cocktailkirschen am Spieß servieren.

[Rezept adaptiert nach Don the Beachcomber]


Ungewöhnlich ist neben dem Produkt selbst auch die Verpackung – eine Literflasche mit Plastikschraubverschluss sieht man nicht allzu häufig. Als besonders angenehm empfinde ich das dezente Etikett, das statt auf billige Protzigkeit auf Informationen setzt. Hier erfährt man beispielsweise den Namen des Master Distillers, dass der Rum aus Saft der Zuckerrohrarten Típica, Dura, Negra und Criollo hergestellt wird, indem er in einem Gefäß aus Pinienholz mit wilden Hefen fermentiert und dann in einer Column Still mit 6 Platten destilliert wird. Soviele Infos findet man höchst selten auf Etiketten, das finde ich extrem lobens- und nachahmenswert. Ich habe sogar noch weitere Informationen gefunden, nämlich dass vom Baum abgeschälte Mesquite-Rinde in einem Erdloch zu einem „Tee“ gekocht wird, was Enzyme freisetzt, die dann als Fermentationsstarter für die 2-tägige Fermentation, die nur alle 4 Monate neu gestartet wird und in der Zwischenzeit vor sich hin fermentiert und aus der immer nur die Hälfte für einen Destillationsbatch entnommen wird, dienen.

Die Erfahrung mit dem Paranubes Rum macht mich neugierig auf weitere typische Spirituosen aus Mexiko, die man hierzulande nichtmal vom Namen her kennt. Vielleicht gelingt es mir, irgendwie an einen La Charanda heranzukommen, um ihn dann mit dem Paranubes zu vergleichen. Wenn das gelingt, sind die Leser meines Blogs die ersten, die davon erfahren.

Paranubes Añejo

Nachtrag 08.04.2021: Ich habe das Glück gehabt, von tequila-kontor.de, meinem Tequiladealer der Wahl in Deutschland, ein Sample des extrem limitierten (220 Flaschen weltweit!) Paranubes Añejo bekommen zu können. Dem Rum wurden 18 Monate Ruhedauer in Fässern aus französischer Eiche spendiert, danach hat man ihn mit 54,8% abgefüllt. Alles, was ich über den ungereiften Paranubes gesagt habe, trifft auch hier zu – eine tolle Salzigkeit, viel Kümmel und Gewürze, eine attraktive Textur und, das ist das Spannende, die Trockenheit und Wildheit des Rums wurde durch die Fassreifung tatsächlich etwas eingebremst. Während man immer noch die Struktur des Originaldestillats erkennen kann, wird sie durch feine, würzige Vanille- und Zimtnoten etwas sanfter gemacht. Ich bin echt schwer beeindruckt, was aus diesem Brand durch die Reifung geworden ist. Ich hoffe auf mehr davon aus Mexiko!

Bier am Freitag – Fuller’s London Black Cab Stout

Ein Kollege fragte mich neulich nach einer Empfehlung für ein Stout. Ich trinke Stouts, Extra Stouts und Imperial Stouts eigentlich sehr gern, sie kommen mangels einfacher Kaufmöglichkeiten aber doch eher selten bei mir zu Hause an. Die Anfrage, die ich erfolgreich beantworten konnte, führte deshalb dazu, dass ich mal wieder Ausschau nach einem der schwarzen Gebräue hielt. Und das Fuller’s London Black Cab Stout war das erste, das ich fand und noch nicht kannte. Es handelt sich dabei um ein klassisches britisches Stout. 5 Malzsorten werden eingesetzt, erwähnenswert ist dabei vielleicht gesondert der Hafer, ein Getreide, das ich inzwischen in vielen Bieren finde.

Fuller's London Black Cab Stout

Komplett blickdicht und nachtschwarz, selbst wenn man es gegen das Licht hält – seinem Namen macht es schonmal alle Ehre. Wie ein Tintenfass präsentiert sich das Stout, mit dem einzigen Unterschied der gemischtblasigen Crema, die sich leicht beige auf der Oberfläche bildet, nachdem der Schaum sich gelegt hat. Die Nase ist dagegen überraschend helltönig, mit leichten Zitrus- und Fruchtnoten, einem Hauch von Verjus vielleicht sogar. Diese Frische wird dann aber doch untermauert von röstigen, malzigen Kaffeeeindrücken. Gerade die Kombination aus hell und dunkel ist für mich sehr reizvoll. Aprikose mit Espresso, Johannisbeeren mit Malzsirup, das klingt verrückt, funktioniert aber geruchlich ausgesprochen gut.

Auch das Mundgefühl des Fuller’s London Black Cab Stout ist gar nicht so schwarz, wie der optische Eindruck vermuten lassen könnte. Frisch und sehr rezent, säuredominiert, und dabei doch durch üppige Karbonisierung und den eingesetzten Hafer mit einem gewissen Kaufaktor. Ungewohnt vielleicht auch hier, doch ebenso wie in der Nase klappt es einfach. Die Röstmalzkomponenten sind im Mund stärker, tendieren fast zum Kaltrauchigen hin, werden aber immer noch durch beerige Frucht und Steinobst eingefangen. Der Körper ist leicht, mit 4,5% Alkoholgehalt haben wir, so will ich das mal einschätzen, ein schönes Erfrischungsbier, das sich ideal auch zu leichterem Essen eignet. Der Abgang ist entsprechend passend kurz, knackig sauerbitter, hinterlässt deutliche Trockenheits- und Adstringenzeffekte am ganzen Gaumen und der Zunge.

Mir gefällt das, die Spannung zwischen Farbe und Sensorik ist bei diesem Bierstil halt frappierend – vielleicht auch einer der Reize eines Stouts. Sicherlich sollten Freunde dieses urbritischen Bierstils es sich mal anschauen; und wer noch nicht so viel Erfahrung mit Stouts hat, kann hier sehr genehm und leicht einsteigen.

Pappy Lite – Old Weller Antique Kentucky Straight Bourbon Whiskey

In letzter Zeit hat die Renaissance von Rye Whiskeys dafür gesorgt, dass auch Bourbons mit hohem Roggenanteil in der Rezeptur beliebt sind. Sie sind etwas würziger als das Gegenstück, die Bourbons mit höherem Weizenanteil, die im Gegensatz dazu mit der Weichheit und Drinkability werben, die der Weizen mit sich bringt (dem geneigten Bierfreund ist das Phänomen sehr bekannt). Das hierzulande wahrscheinlich bekannteste Beispiel für diese „wheated Bourbons“ ist Maker’s Mark, ein anderes Beispiel ist der hier besprochene  Old Weller Antique Kentucky Straight Bourbon Whiskey – und es besteht ein Konkurrenzkampf darüber, wer das Recht an der „Erfindung“ von weizenlastigen Bourbons hat. Buffalo Trace, der Hersteller von Old Weller Antique, präsentiert sich mit dem selbstbewussten Spruch „The Original Wheated Bourbon“ auf dem Etikett – Maker’s Mark versichert, dass die Idee auf ihrem Familienmist gewachsen sei.

Der Bourbonexperte Chuck Cowdery klärt in einem lesenswerten Artikel auf seinem Blog darüber auf, dass wahrscheinlich beide Unrecht haben, und sich in Marketingfiktion ergehen. Die Geschichte darüber sollte jeden Genusstrinker interessieren, nicht nur Spirituosenhistoriker, denn es betrifft einen Aspekt, der gerade in der sehr von Blabla und Blubbblubb gesteuerten Welt des Hochprozentigen aktuell ist: Das Gelaber und Zusammenfantasieren von Geschichten über die eigenen Produkte ist ein beliebter Zeitvertreib vieler Hersteller in allerlei Spirituosenkategorien. Der moderne, interessierte Schnapsfreund will Transparenz und nicht derartige Täuschungsmanöver. Wollen wir mal sehen, ob der Inhalt der Flasche wenigstens was taugt? Schreiten wir zur Verkostung.

Old Weller Antique Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Es ist keine Altersangabe auf dem Etikett vermerkt, „Antique“ ist hier wohl eher als Markenname als als echte Altersangabe zu verstehen. Die Farbe wirkt aber sehr antik, geht fast schon ins Haselnussbraun über; da bei Straight Bourbon verboten, ist keine Nachfärbung vorhanden. Im Glas schwenkt sich dieser Bourbon leicht ölig, mit schönen Überresten am Glasrand.

Dabei nehmen wir auch schon direkt den Geruch wahr, der sich schnell weit ums Glas herum verbreitet. Aprikose, Erdbeere, Malz, das sind die Eindrücke, die man schon von weit entfernt riecht; geht man mit der Nase ins Glas kommen die holzigen und würzigen Komponenten zum Tragen. Vanille ist bei Bourbon immer da, eine leichte Karottennote, und eine milde, aber präsente Lösungsmittelnote. Insgesamt höchstattraktiv.

Weizenlastige Bourbons sind immer sehr genehm im Antrunk, der Old Weller Antique macht hier keine Ausnahme. Sehr süß, cremig, weich, rund und dabei trotzdem sehr breit. Zunächst fruchtig und leicht milchig im Geschmack, im Verlauf wird er immer würziger und wuchtiger, pfeffriger. Ein gelungener Spannungsbogen, der von den üppigen 53,5% (107 proof in der amerikanischen Sprechweise) perfekt getragen wird, ohne dass diese auch nur ansatzweise negativ auffallen.

Am Ende wird es heiß und schokoladig, trocken und noch fruchtiger, Aprikose und Pfirsich dominieren den Abgang. Sehr komplex und spannend, langanhaltend und beeindruckend. Im Nachhall ist sehr lange reife Banane und Vanille am Gaumen. Ein Bourbon, der sowohl dem Einsteiger als auch dem Experten viel zu bieten hat.

Ich erwähne es oft und gern – Bourbon ist die Cocktailspirituose schlechthin. Für mich schlägt er selbst den vielseitigen Rum in diesem Bereich. Nicht nur, dass die Bourbonaromatik großartig in süßen und schweren Drinks ankommt wie in frischen und leichten – man muss sich echt wirklich dumm anstellen, um einen Cocktail mit Bourbon zu versauen. Die ideale Einsteigerspirituose für Cocktailfreunde also. Und er arbeitet freundlich und kollegial mit praktisch allen anderen Zutaten zusammen, seien sie auch noch so verschieden – wie man gut im sehr bunt zusammengesetzten Beelzebub sehen kann. Old Weller Antique ist selbst in dieser gehobenen Gesellschaft ein feiner Gentleman und darum als Hausbourbon für die Heimbar perfekt geeignet.

Beelzebub


Beelzebub
1½ oz Kentucky Straight Bourbon Whiskey
¾ oz Zitronensaft
½ oz Orgeat
½ oz Amaro
½ oz Mezcal
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Blade and Bow]


Pappy Van Winkle – ein Name wie ein Donnerhall in der Bourbon-Welt. Unbezahlbar und nicht erreichbar für die allermeisten Bourbonfreunde ranken sich Gerüchte und Legenden um diesen Tropfen, der wie der Old Weller Antique bei Buffalo Trace hergestellt wird, und, verknappt und beweihräuchert, regelmäßig absurde Preise in Zuweisungslotterien und Versteigerungen erzielt. Ich gehe tatsächlich davon aus, dass viele sich diesen Bourbon kaufen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie dieser legendäre Schnaps schmeckt. Was ist der Unterschied in der Herstellung? Eigentlich, von der Destillation her, keiner. Die Mashbill, also die Rezeptzusammensetzung, ist bei allen Wheaters von Buffalo Trace identisch. Es ist ausschließlich die Fassauswahl, die entscheidet.

Die Van-Winkle-Abfüllungen kommen aus den besten, handausgewählten Fässern und erfahren eine entsprechende Vorzugsbehandlung, was die Reifungsdauer und Platzierung im Lagerhaus angeht. Aus dem, was diesen hohen Ansprüchen nicht gerecht wird, macht man Van Winkle Lot B, und dem, was da nicht verwendet wird, den Weller 12 Years. Dasselbe Material geht schließlich in den Old Weller Antique, der einfach weniger gereift wird – man sieht, es ist trotzdem Qualität, die man in der Flasche findet, keineswegs Ausschuss.

Einen letzten Tip noch. Wenn man sich dann mal ein Glas des Old Weller Antique eingegossen und genossen hatte, das Glas ungespült einfach über Nacht stehen lassen. Am nächsten Morgen wird einen ein gar herrliches Bouquet, das weit über das Glas hinausströmt, begrüßen. Das kann guter Bourbon wie keine andere Spirituose auf der Welt, und ich genieße das immer wieder erneut.

Geschenkbier am Freitag – A Tottu Fua Birra Pale Ale

Curre, curre, o caddu ispanu, | curre, curre, a tottu fua,
como ch’isolta in sa giua | tenes sa brìglia in sa manu.
Pèsalas reas umpare | sas orijas che bandelas,
e in sas ruzas carrelas | faghe sos ferros sonare!

Dieses hübsche Gedicht von Giorgio Pinna, verfasst in der auf Sardinien beheimateten logudoresischen Sprache, findet sich auf dem Etikett des A Tottu Fua Birra Pale Ale. Das gesamte Design bezieht sich auf das Vollblutrennpferd, das poetisch an uns vorbeirennt, darüberhinaus optisch festgehalten im dynamischen Bild. Die Brauerei Luppolo & Birra hat ihr obergäriges Bier also ganz dieser unglaublichen, energiegeladenen und faszinierenden Wundermaschine der Natur gewidmet (seit der Lektüre von Seabiscuit bin ich ein Pferdefan) – kann das Bier selbst mit soviel Vorschuss auch ins Ziel laufen?

A Tottu Fua Birra Pale Ale

Im Glas sieht man herrliches Sonnenblumengelb und eine starke Naturtrübe, durch die man mit etwas Mühe bei Gegenlicht eine kräftige Perlage erkennen kann. Der Schaum verhält sich palealetypisch, hat sehr hübsche großblasige Inseln auf der ansonsten feinblasigen Oberfläche, die einige Minuten nach Eingießen immer noch da ist. Die Nase – feinfruchtig, dezente Orangenschale, nur ein Hauch von Grapefruit, etwas Aprikosenmarmelade. Das gefällt mir, wirkt nicht so aggressiv wie manch andere Craftbierales.

Die Weiche, die man im initialen Antrunk spürt, geht schnell über in eine mildsaure Bittere, aber auch hier, nicht wirklich mit der Faust ins Gesicht, eher ein sanfter Klapser. Die Karbonisierung fühlt sich an, als hätte man etwas Aufgeschäumtes im Mund – das ist ein seltsames Mundgefühl, nicht unangenehm, aber mit sehr hohem Aufstoßpotenzial. Getreidige Süße kommt zur Hopfenfrucht dazu. Mit 4,5% hat man für ein Pale Ale einen eher niedrigen Alkoholgehalt gewählt. Der Abgang ist blütig, voller Hopfeneindrücke, auch hier aber doch leider etwas stark bestimmt vom Effekt der Karbonisierung.

Ein wirklich ausgesprochen süffiges Pale Ale mit einem eigenen Twist auf den Stil. Ein bisschen weniger Gas, und es wäre perfekt; aber auch so macht das Lust auf mehr. Zum Glück habe ich noch ein weiteres Bier dieser Brauerei von einem netten Leser meines Blogs geschenkt bekommen, der mir mit seinem Paket eine ganz neue Bierregion eröffnet hat – nochmals vielen Dank dafür, Uwe!

Süßes von der Saar – Ferdinand’s Vermouth Red

Es ist schon ein Jammer, wenn man so gar keinen Willen oder Disziplin hat. Mir wurde diese meine Schwäche neulich wieder demonstriert, als ich beim lokalen Spirituosenhändler der Wahl, der WineFactory in Saarbrücken, einfach nur eine Flasche des neuen Bonpland-Rums kaufen wollte. Da schlendert man dann durch diesen sehr hübschen, wunderbar sortierten Laden, und geht direkt mit dreimal soviel Ware raus, wie man eigentlich erwerben wollte. Dass da nun das Angebot um einen Feinkostladen erweitert wurde, nun, das wird in Zukunft nicht dabei helfen, das Rückgrat, was ungeplante Käufe angeht, zu stärken.

Neben dem Rum also landete dann plötzlich auch der Ferdinand’s Vermouth Red auf dem Kassentresen. Daneben, dass man lokale Produkte ja auch unterstützen sollte, war auch just zu dem Moment meine Flasche roten Wermuts leer geworden, also kann man sich da ja wenigstens in die Tasche lügen, dass es dringend war. Betrachtet man die Flasche, und lässt sich von Denis, dem Inhaber des Ladens, der das Produkt auch mitgestaltet hat, darüber informieren, so fällt einem der Kauf plötzlich leicht – es ist kein Feld-Wald-und-Wiesen-Wermut. Schon allein die 19% Alkoholgehalt sind für so einen fortifizierten Wein sehr ordentlich, dazu kommt, dass er aus dem guten lokalen Saar-Mosel-Riesling (Jahrgang 2015) hergestellt wird, mit ebenso regionalen Kräutern und Blüten, bei denen man den Weinberg fast schon riechen kann. Weinrose, Weinberg-Lauch, ein Dutzend weitere pflanzliche Zutaten (darunter, das fand ich besonders apart, grüne Walnuss) und natürlich Wermutkraut. Abends wird das direkt geöffnet und probiert!

Ferdinand's Vermouth Red

Schon beim Eingießen ins Verkostungsglas spürt man die dicke, schwere Konsistenz dieses Wermuts, er will die Flasche fast nicht verlassen. Schwenkt man das Glas, wehrt er sich auch dagegen und schwappt schwer hin und her und hinterlässt einen fetten Film an der Glaswand, der sich erst spät löst. Kombiniert mit der opaken, rotbraunen Farbe mit attraktiven rubinroten Lichtreflexen hat man echt einen Brummer vor sich! Wer denkt, dass hier Rotwein mit zuständig ist, täuscht sich – nur weißer Riesling ist drin. Preiselbeeren, Kirschen und Pflaumen sorgen für die Farbe und Textur.

Die Nase ist zunächst vom Wein dominiert, mit schon riechbarer Säure und Traubigkeit. Die typische Kräuterigkeit eines Wermuts kommt dann aber schnell nach, gibt eine fast schon mentholige, fenchelige Frische mit Erinnerung an Kümmel in den Sud. Bitterorange und holzige, grüne Töne streiten miteinander um einen Platz in der Erwähnungsliste. Da ist viel Komplexität und Spannung drin, jedenfalls eine Abwechslung vom typischen roten italienischen Wermut, wie man ihn ja gut kennt.

Ferdinand’s Vermouth Red Glas

Der Antrunk ist süß, und diese Komponente steigert sich sogar noch im Verlauf. Zu erwähnen ist dabei, dass diese Süße rein natürlich dem Restzucker des Rieslings und einem Traubenmostkonzentrat entstammt. Frucht – Orange und Trauben – beherrscht die Aromatik, der Wein ist weniger stark präsent als noch in der Nase. Ein sehr rundes, volles Geschmacksbild entsteht, mit einem dazu passenden Mundgefühl – der Ferdinand’s Red füllt wirklich jede kleine Ecke und Winkel im Mund aus. Der Abgang lässt dann die Süße etwas hinter sich, entdeckt eine freche Säure und vor allem eine richtig schöne herbe Bittere, die die Zungenspitze anästhesiert und sich Spucke aus den Backeninnenseiten saugt. Pikante Gewürze sorgen für etwas vorsichtiges Feuer, leichte Nussigkeit, fast schon an Sherry erinnernd, kommt dazu. Der Nachhall ist blumig, mit viel Jasmin und Lavendel, während sich die beschriebenen Effekte sehr langsam abbauen. Tatsächlich ist der Abgang für mich das Highlight dieses Wermuts, da ist Pfeffer drin und Vielschichtigkeit, die Krönung eines tollen Wermuts insgesamt.

Normalerweise erlaubt die Struktur des Palmetto, dass man ihn rührt. Harry Craddock schüttelt ihn aber laut dem Rezept in seinem Cocktailbuch von 1930, darum tu ich das auch so – wer wäre ich, mit einer Ikone wie Craddock darüber uneins zu sein. Leider kann ich ihm bei der Wahl seines Rums nicht folgen, einfach, weil ich keinen Rum aus St. Croix zuhause habe – einer aus St. Vincent musste dafür dann ran. Egal welche Heiligkeit reinkommt, die Martini-Variante macht selig! Insbesondere, wenn man einen so fettaromatischen Wermut wie den Ferdinand’s Red einsetzt, der keine Mühe hat, sich auch gegen starken Rum zu behaupten.

Palmetto Cocktail


Palmetto
1½ oz gereifter Rum
1½ oz roter Wermut
2 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Harry Craddock]


Die Flasche hält sich an das Design der anderen Ferdinand’s-Produkte, mit der hübsch geschwungenen Flasche und den floral gestalteten Etiketten – hier passend zum Produkt natürlich alles in blassrot gehalten. Ein Echtkorken gibt die Nähe zum Wein wieder; man kann ihn wiederverwenden, wenn man den Wermut nach Öffnung im Kühlschrank aufbewahrt, was ich bei derartigen, leicht durch Licht, Wärme und Oxidation veränderlichen Spirituosen immer empfehle. Wermuts werden nicht schlecht, verlieren aber deutlich an Aromastärke, wenn man sie nicht sorgsam behandelt.

Mir gefallen die Wermuts von Ferdinand’s insgesamt – schon der Ferdinand’s Saar White Vermouth war eine Bombe. Wer schwere, süße Wermuts mag, sollte sich den Ferdinand’s Vermouth Red definitiv anschauen, da wird es viel Freude geben. Auch als Mixzutat für Drinks, die mit so einer Wucht umgehen können – was nicht alle sind, da muss ich warnen. Es gibt also schon weiterhin Bedarf nach einem zusätzlichen, leichteren, frischeren Wermut in der ambitionierten Heimbar, doch für die guten alten Prä-Prohibitions-Granatendrinks, wo man sich austoben kann, da ist dieser hier eine echte Empfehlung.

Bier am Freitag – Fürst Wallerstein Zwickel

Ich habe das vor kurzem erst entdeckt – auf vielen Bieren, die ich aus Schwaben und Altbayern mitgebracht habe, finde ich inzwischen ein Siegel mit der geschützten geografischen Angabe „Bayerisches Bier“. Es ist eigentlich verrückt, dass mir das jetzt erst auffällt, diese g.g.A. ist schon seit 2001 im Einsatz und das Siegel ist mit seinem blaugelben Design recht auffällig. Nicht alle Brauereien setzen es aber ein, ich habe diverse Biersorten aus Bayern, die es nicht tragen. Nun, zumindest findet es sich auf dem Rücketikett des Fürst Wallerstein Zwickel. Das Kellerbier ist sowohl in einer knuffigen Drittelliter- als auch in der Halbliter-Bügelflasche erhältlich; die kleine Flasche mit dem witzigen Etikett mit sehr hübscher Illustration und dem Schragenkreuz des Wappens des Adelsgeschlechts der Oettinger im Hintergrund hat mich magisch angezogen.

Fürst Wallerstein Zwickel

Im Glas zeigt es sich rostrotbraun. Trüb, wie es sich für ein Kellerbier gehört, aber ohne sichtbare Partikel. Schaum ist zu Beginn etwas vorhanden, er fällt aber schnell in sich zusammen, so dass nur einzelne Schauminseln verbleiben. Schnuppert man daran, wirkt das Fürst Wallerstein Zwickel leicht metallisch, malzig und etwas hefig in der Nase, insgesamt sehr zurückhaltend, mit nur wenigen hängenbleibenden Eindrücken.

Auch im Mund geht das ähnlich weiter, rostige Nägel, Hefe, Malz. Milder Bitterhopfen bringt etwas Frucht mit. Deutlich bitter, herb, würzig, eher zur Säure tendierend. 4,9% Alkoholgehalt sind gut eingebunden und helfen, die knackige Frische zu liefern, weiterhin unterstützt durch freche Karbonisierung. Der Abgang ist eher stumpf und fast schon plump im Vergleich dazu, sehr bitter, trocken und adstringent, nimmt leider wieder viel von der bis dahin gelieferten Rezenz.

Insgesamt fälle ich aber dennoch ein positives Fazit – schön, ungewöhnlich, spannend, aber ohne Kinkerlitzchen oder Übetreibung, gute bayerische Qualität halt, wie man sie auf durchgängigem Niveau in diesem Bierland findet. Ein klassisches Bier mit Charakter aus meiner Heimat, das ich mir durchaus öfters wünsche.

Da ist Musik im Fass – HSE Ragtime Rhum Agricole

„Gereift in 200-Liter-Fässern aus amerikanischer Eiche.“ Sowas liest man auf Etiketten oder in Werbetexten hin und wieder. Was sagt uns das? Der interessierte, aber nicht wirklich informierte Leser dieser Aussage steht nachher genauso klug da wie vorher. Sind das vergleichsweise große oder kleine Fässer? Erst dann könnte man ja eine Feststellung treffen, ob wir das als Qualitätskriterium zu verstehen haben. Hier mal ein Vergleichsbild, welches Volumen die unterschiedlichen, für Spirituosen und fortifizierte Weine eingesetzten Fässer so normalerweise haben (Danke an Cognac Daily News für das Bild). Tatsächlich sind die 200-Liter-Barrels die Standardgröße für die meisten Spirituosen, die Information ist also von eher mäßigem Wert, könnte man meinen.

Barrel Sizes

 

Doch wenn man darüberhinaus weiß, dass kurz gereifte Rums (sogenannte Ambrés) auf den französischen Antillen normalerweise in riesigen Holzfässern (foudres) gelagert werden, die mehrere tausend Liter fassen und die man eher als Tanks bezeichnen müsste, gewinnt die Information doch deutlich an Wert. Wichtig ist für mich persönlich auch der Teil über die Herkunft des Holzes für die Fässer, etwas, was es auch auf das Frontetikett des HSE Ragtime Rhum Agricole, für den obige Phrase in Onlineshops oft nachzulesen ist, geschafft hat: „American Barrel“. Rhum Agricole wird gern eher in französischer Eiche gereift, wahrscheinlich einfach aus kulturellen Gründen, doch hin und wieder findet ein Produkt auch den Weg ins amerikanische Fass, um dem Endprodukt einen ungewohnten Twist zu geben. Prüfen wir mal, ob der Ragtime genug Twist hat.

HSE Ragtime Rhum Agricole

Man sieht es schon in der Flasche – der Farbton geht schon fast ins Rotbraun, ein sehr dunkler Ton für einen wahrscheinlich kaum 2 Jahre alten Rum. Es ist keine Altersangabe vorhanden. Im Glas schwappt er praktisch wie Wasser leichtgängig hin und her, hinterlässt auch dementsprechend kaum Artefakte an der Glaswand.

Ein sehr prägnanter Geruch entströmt dabei dem Glas: sehr grün, grasig, heuig einerseits, mit sehr deutlichem Zuckerrohrsaftcharakter. Malz, Honig, Rosinen, schokoladig andererseits, das zusammengesetzt wirkt insgesamt sehr attraktiv. Eine deutliche Süßholznote gibt dem Bild ein paar Ecken, Vanille rundet es. Ein frisches, junges Destillat, mit ein paar Holzeffekten angereichert.

Im Mund ist der HSE Ragtime dann von Anfang an sehr trocken, herb und grün. Ganz klar liegt Süßholz im Vordergrund, eine nur vorsichtig gebremste Zuckerrohrfrische macht sehr deutlich, dass der Brand nur kurz in Holzkontakt war; dieser Rum hat noch viel von der frechen Ungestümheit eines weißen Rhum Agricole – insbesondere das leichte, klare Mundgefühl. Vanille aus dem „American Barrel“ kommt trotzdem vor, und ein bisschen pfeffrige Würze, unterstützt von 40% Alkoholgehalt. Eine feine, natürliche Süße ist nur unterschwellig spürbar, sie gleicht etwas die fehlende Breite aus.

HSE Ragtime Rhum Agricole Glas

Der Abgang ist rund, lang und voller milder Lakritz, oder vielleicht auch hier eher Süßholz. Er geht schließlich über ins richtig herb Trockene, man könnte auch schon „bitter“ sagen. Leichte Adstringenz am Gaumen, und deutliche Betäubung auf der Zungenspitze. Mit einer leisen Blumigkeit klingt der Rum erst sehr spät aus.

Mir gefallen diese Ambrés einfach grundsätzlich. Sie haben eine gewisse Lernkurve, ich musste sie erst verstehen lernen, doch inzwischen trinke ich diese Art Rum extrem gerne, als eine ideale Mischung aus trockener Leichtheit und milden Reifungsaromen, besonders, wenn mir nicht nach etwas Schwerem ist.

Und in Cocktails finden sie auch ohne große Mühe ihren Platz. Ihre Ecken und Kanten lassen sich einerseits durch andere Zutaten abschleifen, andererseits sind es genau diese Eigenheiten, die dem Cocktail zusätzlichen Charakter verleihen. Zu begutachten ist diese wundersame Eigenschaft zum Beispiel im Pablo à Paris, wo es schon etwas an Stärke braucht, um sich gegen Enzianlikör durchzusetzen. Eine spannende, ungewöhnliche, tolle Kombination.

Pablo à Paris


Pablo à Paris
⅔ oz gereifter Rhum Agricole
⅔ oz Suze
1 oz trockener Wermut
2 Spritzer Absinth
Auf Eis rühren. Auf Eis servieren.
[Rezept adaptiert nach Julian de Féral]


Die Flasche hält sich an die für HSE übliche runde, unauffällige Form, die wir von anderen Produkten der Firma bereits kennen. Die Etikettierung passt sich der Zielvermarktung an, man spart sich das Pseudoexotik-Gebrabbel, das Rum heutzutage so oft hinter sich her zieht, und präsentiert sich modern. Ein bisschen tatsächliche Information fände ich immer gut, ist aber bei einem Ambré, der sich hauptsächlich an den Standardkonsumenten und Cocktailmixer richtet, wahrscheinlich gar nicht gesucht. Preislich liegen wir in Deutschland bei um die 25€, wie bei vielen Agricoles bekommt man echt ein so richtig gutes Preisleistungsverhältnis, wie ich finde – darum landen derartige Rums auch leicht und gern in meinem Einkaufswagen, wenn ich in Frankreich einkaufe, wo diese Art Rum noch deutlich billiger ist. Der HSE Ragtime wird nicht der letzte gewesen sein.

P.S. Dieser Rum hat im Wettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2019 eine Goldmedaille gewonnen. Ich bin selbst Mitglied der Jury bei diesem Wettbewerb und kann garantieren, dass so eine Medaille etwas bedeutet.