Farbe ist kein Kriterium – El Dorado Cask Aged 3 Years Demerara Rum

Man sieht es auch heute noch überall – „weißer Rum“, „goldener Rum“, „brauner Rum“, im englischen Sprachraum dazu noch „dark rum“. Die Klassifizierung eines Rums anhand der Farbe ist so etwas, worüber man sich früher keine Gedanken machte, Cocktailrezepte sind das prominenteste Beispiel dafür. Optisch ist die Farbe natürlich immer sehr leicht zu identifizieren, und damit doch wohl ideal als Kriterium. Außerdem – je dunkler, desto älter, und damit desto besser, das weiß doch jeder, daher ist die Farbe auch ein Qualitätskriterium, oder? Besser und leichter kann man eine Spirituose doch nicht in unterschiedliche Gruppen einteilen. Doch was sagt uns diese Klassifizierung eigentlich über das wichtigste an einer Spirituose, den Geschmack, wirklich aus?

Nichts. Nada. Überhaupt neischt. Die Farbe ist das nutzloseste Kriterium überhaupt, um eine Spirituose zu beurteilen oder zu gruppieren (das gilt hier wie in anderen Bereichen des Lebens). Erstens gibt es ja kein Schema, mit dem man ernsthaft „golden“ von „braun“ unterscheiden könnte, dazu sind die Begriffe zu schwammig. Zweitens, und viel wichtiger, die durchgängig erlaubte Praxis des Färbens kann durchaus eine Spirituose in eine andere Kategorie rutschen lassen, und das ohne überhaupt auch nur den Ansatz einer Geschmacksveränderung. Und auch in die andere Richtung kann das gehen – Spirituosen werden manchmal wieder entfärbt. Wie zum Beispiel der El Dorado Cask Aged 3 Years Demerara Rum, den ich heute hier vorstellen will.

El Dorado Cask Aged 3 Years Demerara Rum

Dieser Rum, ein Blend aus verschiedenen Destillaten, wurde 3 Jahre in Holzfässern gereift, aber danach dann doppelt durch Holzkohle gefiltert. Dadurch wird die Farbe, die die Holzreifung gebracht hatte, wieder entzogen, um den Rum wieder kristallklar und völlig transparent zu machen – so mancher Hersteller „weißen“ Rums macht das. Man hat damit Reifungsgeschmack, aber nicht Reifungsaussehen, und das zeigt plastisch, wie dämlich Kategorisierungen nach Farbe sind.

Entsprechend sehen wir hier, trotz der großen „3“ auf dem Etikett, eine völlig transparente Flüssigkeit (denn „weiß“ ist sie ja natürlich auch nicht, noch so etwas, was Farben bei Spirituosen etwas sinnfrei macht). Der El Dorado 3 bewegt sich nach dem Eingießen kaum ölig im Glas, hinterlässt aber dennoch fette Beine an der Wand meines Verkostungsglases. Ich rieche zunächst mal, so ehrlich muss ich sein, Ethanol. Un- oder weniggereifter Melasserum hat oft etwas von Vodka an sich, das erkennt man auch hier. Schnell tauchen aber auch Aromen von Schokolade, Vanille, Karamell und Kokosnussfleisch auf. Letzteres wird auch immer stärker, je länger man den Rum offen stehen lässt.

El Dorado Cask Aged 3 Years Demerara Rum Glas

Ein ungereifter Rum aus dem Hause El Dorado – wer den 12-jährigen flüssigen Süßwarenladen dieses Herstellers kennt, hat schon eine erste Ahnung davon, dass auch die „weiße“, junge, 3-jährige Variante wahrscheinlich ein süßes Stückchen sein wird. Und er wird sich dabei nicht täuschen. Im Mund ist das auch sehr deutlich spürbar – Kokosnuss, weiße Schokolade, viel Karamell und ein paar Eindrücke von Melasse. Ein paar Fassaromen haben offensichtlich die Filterung überlebt. Die starke Süße ist wohl natürlich, Hydrometertests haben 0-5g/L ergeben; das ist etwas, was man bei vielen süßenden Herstellern sieht, ihre weniger alten Produkte sind meist auch weniger manipuliert. Das macht diesen Rum zu einem der wenigen El-Dorado-Rums, die nicht gesüßt sind. Man sieht hier aber auch, dass das Destillat das vielleicht gar nicht nötig hat – es ist von Natur aus ausgesprochen süß, alles darüber wäre nur noch pappig. Der mittellange Abgang ist dann sehr kokoslastig, das hängt lange nach. Süß, mild, warm; ein schöner Ausklang.

Der häufigste Einsatzzweck meiner Flasche dieses Rums war das Mixen von Cocktails. Ungereifte Rums haben ein sehr breites Spektrum und können von trockensauer bis süßfett gehen, mit allen Stufen dazwischen. Der El Dorado 3 gehört für mich deutlich in die süße Endausbaustufe, und entsprechend setze ich ihn in Drinks ein. Der Te Anaka beispielsweise soll als Variante auf einen Rum Sour auf Zuckersirup verzichten, entsprechend müssen die anderen Zutaten einspringen. Und der Rum bringt selbst etwas Mildes mit sich, also ein perfektes Match.

Te Anaka


Te Anaka
1½ oz ungereifter Rum
1 oz Honigwasser
½ oz Fino Sherry
½ oz Zitronensaft
1 Eiweiß
Dry shake, auf Eis shaken. Mit Salzlösung besprühen.
[Rezept nach James Crinson]


Um das Paket zu vervollständigen, wurde der Rum in eine romantisch-schwungvolle Flasche, die etwas an griechische Amphoren erinnert, gefüllt. Wäre noch statt dem Blechschraubverschluss ein Korken oder ähnliches da, ich würde dahinschmelzen, diese Flaschenform spricht mich extrem an. Das Etikett verhält sich passend dazu, auch wenn ich heutzutage textuelle Informationen auf Etiketten irgendwelchen Illustrationen vorziehe, so ist das hier wenigstens gut gemacht mit dem verblassten Segelschiff im Hintergrund.

Wer also einen ungereiften Rum hauptsächlich zum Mixen sucht, der schöne karamellige Kokosnoten hat, der ist hier richtig. Als Purgetränk kann man ihn auch genießen, da gibt es aber im ungereiften Bereich sehr viel Spannenderes. Insgesamt hat für mich der El Dorado Cask Aged 3 Years ein sehr zufriedenstellendes Preisleistungsverhältnis, und das muss in die Bewertung irgendwie schon auch mit einfließen.

Heiße Lektüre – 40 Grados Cocktails – Coctelería del Pisco Chileno

Mit Sicherheit war es eines der größten Erlebnisse meines Lebens – die Reise nach Chile, um dort als Juror in einem der größten Spirituosenwettbewerbe weltweit tätig zu werden. Ich habe meine Erlebnisse während Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2017 bereits erzählt, doch ein Mitbringsel hat bis heute warten müssen, um Erwähnung zu finden. Ein Buch, das eines Tages plötzlich auf dem Schreibtisch des Hotelzimmers in La Serena lag; es war wohl ein Geschenk des Organisators an alle Teilnehmer des Wettbewerbs. Natürlich hat es etwas mit der Nationalspirituose Chiles, dem Pisco, zu tun, aber auf eine abgewandelte Weise: 40 Grados Cocktails – Coctelería del Pisco Chileno ist ein Buch über das Mixpotenzial des südamerikanischen Traubenbrands.

40 Grados Cocktails The Chilean Pisco Cocktail Book

Der Untertitel „The Chilean Pisco Cocktail Book“ deutet schon darauf hin, dass es zweisprachig spanisch/englisch verfasst ist, wofür ich trotz rudimentärer Spanischkenntnisse sehr dankbar bin. Denn während Rezepte an sich leicht verständlich wären, egal in welcher Sprache, so sind die kleinen Begleittexte so doch etwas besser und leichter zu verstehen. Die Sammlung von Rezepten ist gruppiert nach den Erfindern der jeweiligen Drinks. Wir finden hier die Kreationen von Daniel Greve, Ricardo Guerrero, Miguel Larraguibel – und auch Chabi Cádiz, unten abgebildet, die ich persönlich während der Zeit in Chile kennenlernen konnte, denn auch sie war Mitglied der internationalen Jury. Jeder Bartender bringt einen eigenen Stil mit ins Buch, das ist deutlich erkennbar.

40 Grados Cocktails The Chilean Pisco Cocktail Book Innenseiten 2

Die Cocktails werden in einer hübschen Großaufnahme auf der einen Seite präsentiert, und das Rezept folgt auf der gegenüberliegenden Seite, mit Mengenangaben und Hinweisen zur Zubereitung und Dekoration. Selbstverständlich habe ich schon diverse der Mixturen ausprobiert und auf meiner Cocktailseite präsentiert – viele der Rezepte sind allerdings durchaus recht aufwändig, und, das vielleicht größere Problem, verwenden hin und wieder sehr lokale südamerikanische Zutaten, immer aber hübsche Garnierungen. Beim Blättern in dem Buch findet sich praktisch immer etwas, was das Herz des Mixologen höher schlagen lässt, insbesondere, da man außerhalb solcher Ressourcen nach qualitativ hochwertigen Drinks mit Pisco schon etwas suchen muss und nicht überflutet wird, wie das bei Gin, Whisky, Rum und Wodka der Fall ist.

40 Grados Cocktails The Chilean Pisco Cocktail Book Innenseiten 1

Die Papierqualität ist hoch, die Bindung hält gut, auch wenn ich persönlich bei Cocktail- wie Kochbüchern es lieber mag, wenn sie von allein offen liegen bleiben, denn wer hat schon eine Hand frei beim Mixen, Eingießen, Shaken und Dekorieren. Nun, so legt man halt einen Finger oder einen schweren Gegenstand auf die Seite, das Buch hält es jedenfalls aus (immerhin hat es auch eine Reise von über 16000km in knapp bemessenem Gepäck überstanden).

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es mit der Erhältlichkeit dieses Buchs in Deutschland aussieht – sicherlich muss man sich etwas strecken, will man es besitzen. Wer sich mit chilenischem Pisco etwas näher beschäftigen will, sollte trotz erhöhtem Beschaffungsschwierigkeitsgrads definitiv versuchen, es in die Finger zu bekommen, denn hier finden sich viele kreative Anregungen und vor allem Hinweise, wie in Chile aktuell mit der Spirituose auf moderne Weise in Bars gearbeitet wird, und das ist so viel mehr als nur Pisco Sour und Chilcano.

Durch die Marketingmühle gedreht – Noah’s Mill Small Batch Boutique Bourbon

In Thomas Domenigs Bourbon-Buch kann man einige interessante Details darüber nachlesen, dass viele Hersteller gar nicht mehr selbst brennen, sondern ihren Bourbon bei einer Destillerie einkaufen und ihn dann unter eigenem Namen weitervermarkten. „Sourced spirits“ nennt sich das auf englisch, ist eine weitverbreitete und gar nicht verwerfliche Praxis, außer, dass sie die Transparenz oft etwas reduziert. Wahrscheinlich ist die Bezeichnung „Boutique Bourbon“ einfach ein etwas fetzigeres Synonym dafür – man findet es auf dem Etikett und im Namen des Noah’s Mill Small Batch Boutique Bourbon. Die „Small Batch Boutique Bourbon“-Reihe des Herstellers Kentucky Bourbon Distillers, Ltd. hat neben dem hier vorgestellten Brand noch weitere derartige Produkte im Portfolio, Kentucky Vintage, Rowan’s Creek und Pure Kentucky. Obwohl die Firma inzwischen wieder auch selbst destilliert (man kennt sie dabei dann hauptsächlich unter dem Alternativnamen „Willet“, wo auch der sehr schöne Willet Pot Still herstammt), sind doch viele Produkte weiterhin gesourced.

Insgesamt passt dieses völlig undurchschaubare Dickicht zu der Präsentation dieses Whiskys: Selten findet man dermaßen viele Worthülsen auf einem Etikett. Der Noah’s Mill wird gereift „until fully matured“ (wie lang ist das?), dazu die informationslosen Wortkombinationen „genuine Bourbon“, „handmade in the hills of Kentucky“, das fast schon witzige „wooden barrels“ und so weiter. Das ist für mich als gestrengen Verfechter von Transparenz natürlich höchst unzufriedenstellend. Etwas mehr echte Informationen hätten es schon sein können, da kriege ich direkt eine gewisse Abneigung. Ich lasse mich davon jetzt aber erstmal nicht beeinflussen, und gieße mir einen Tropfen ein.

Noah's Mill Small Batch Boutique Bourbon Flasche

Dunkles, kräftiges, üppiges Hennarot. Bei nicht-Straight-Bourbon ist Färben gesetzlich nicht verboten, daher kann sich jeder selbst überlegen, ob er dem Hersteller vertraut, dass diese schöne Farbe rein aus den Fässern stammt, in denen der Noah’s Mill auf undeklarierte Zeit, aber immerhin „until fully matured“ (ich komme nicht drüber weg, man sieht es), lagerte. Sehr süß ist er jedenfalls in der Nase, vanillig, leichte Fruchtnoten, Apfel, Rosinen, Zuckerwatte. Eine deutlich stechende Lacknote. Erinnert mich geruchlich etwas an Armagnac.

Erwartungsgemäß ist der Whisky dann auch süß im Antrunk. Viel Vanille, Eichenholzeffekte, Rosinen, Feigen, etwas Karton. Im Verlauf immer stärker und wuchtiger werdend, mit viel Chili, Holz, Karotte. Sehr ölig und schwer, dicht und breit, das erzeugt ein wirklich schönes Mundgefühl. Der mir vorliegende Batch weist 57,15% Alkoholgehalt auf, das sorgt für ordentlich Wumms und Aromenpower; ich muss erneut den Vergleich zu Armagnac ziehen. Im Abgang schließlich wird er heiß und feurig, trocken und adstringierend, lang und charaktervoll, mit Tönen von Reis und Kohle. Karottennoten hängen noch sehr lange nach, ebenso leichte Eisenaromen nach Blut. Ein bisschen kratzt er am Ende und hinterlässt eine rauhe Kehle; andere Whiskys werben mit „Smoothness“, das kann der Noah’s Mill beim besten Willen in keiner Phase der Verkostung tun.

Noah's Mill Small Batch Boutique Bourbon Glas

Ein paar Tropfen Wasser gebe ich nun dazu – der Geruch ändert sich noch stärker in Richtung Armagnac, das Chili aus dem Verlauf verschwindet fast, eine milde Schärfe ist aber immer noch da. Die Aromen werden flacher und dumpfer, die Süße wird stärker betont. Vielen starken Whiskys schadet Wasser nicht, nutzt ihnen sogar; hier aber sorgt es für eine erkennbare Verblühung und Ausschwemmung, der Bourbon ist nun weniger prägnant und definiert. Man bleibe hier also beim unverwässerten Produkt, so meine Empfehlung.

Die Stärke ist dann auch ein großes Plus, wenn man den Noah’s Mill in einem Cocktail unterbringt. Auch wenn er als Detail sicher noch viel Prägnanz mitbringen würde, gebe ich so einem schönen Bourbon auch gern die Hauptrolle in einem Drink, wie beim passend benamten Bourbon Dynasty. Die anderen Zutaten unterfüttern und betonen hier eher noch, und das Gesamtbild ist äußerst komplex und vielschichtig.

Bourbon Dynasty Cocktail


Bourbon Dynasty
2 oz Bourbon
1 oz Lillet Blanc
1 Teelöffel Crème de Cassis
2 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Jamie Boudreau]


Die grünliche Flasche weist außer dem Naturkorken keine Besonderheit auf, die Etiketten sind für meinen Geschmack etwas zu blass in hellbraun auf noch hellerem braun gedruckt. 4 Einzeletiketten plus ein Kartonumhänger an einer Schnur sollen wohl für eine nostalgisch-handgemachte Atmosphäre sorgen – ich kann mit derartigem Pseudodesign nichts anfangen; es sieht nicht handgemacht aus, sondern amateurhaftgemacht. Für manche ist das wohl das gleiche, für mich nicht.

Ein so schöner Whiskey hat es nicht verdient, von einem Marketingblabla und seltsamen Designentscheidungen in diesem Umfang und dieser leicht erschreckenden Konsequenz zugemüllt zu werden. Wer auf starke, wilde und so gar nicht smoothe Bourbons steht, sollte jedoch dringend einen Blick auf den Noah’s Mill werfen und sich nicht davon abschrecken lassen.

Bier am Freitag – Sierra Nevada Sidecar Orange IPA

Der Sidecar ist ein klassischer Cocktail, gemixt mit Cognac, Orangenlikör und Zitronensaft. Ein toller After-Dinner-Drink, er gehört durchaus zu meinen Favoriten. Entsprechend blieben meine Augen beim entspannten Biereinkauf an dem Etikett des Sierra Nevada Sidecar Orange IPA hängen – schon allein die Art-Deco-Retrogestaltung dieses Etiketts, passend zur wahrscheinlichen Entstehungszeit des Cocktails, konnte mich begeistern. Ein kurzes Nachlesen, was dieses Bier besonders macht, zwang mich dann endgültig dazu, es in meinen Einkaufskorb zu legen: es ist mit Orangenschale gebraut, und trägt darum die Stilbezeichnung „Orange IPA“, auch wenn es in dieser Pseudokategorie wahrscheinlich nicht viele Partner hat. Umso spannender, es auszuprobieren!

Sierra Nevada Sidecar Orange IPA

Farblich passt alles zum Namen – Bernstein mit Tendenz zur Orange. Leicht opalisierend und trüb. Extrem starke Perlage, so viele winzige Bläschen auf einmal habe ich noch selten in einem Bier gesehen, sie bilden schon fast eine durchgängige Fläche. Der feste, feinblasige Schaum wird entsprechend lange dick gehalten. Die Nase ist zunächst IPA-typisch mit vielen fruchtigen Hopfennoten, durchaus säuerlich und limettig. Bei tieferem Schnuppern erkennt man aber dann sehr deutlich die Schale einer frisch geschälten Orange. Leicht getreidig im Unterbau.

Voll und fett im Antrunk, süßlich, mildfruchtig. Schnell dann aber bitter, wirklich die Bittere und Aromatik von Orangenschale; man riecht sie nicht nur, man schmeckt sie, und hat auch den Effekt von Orangenöl, der aus einer Zeste gepresst wurde, Cocktailfreunde kennen das. Geschmacklich finde ich noch eine Idee von Marihuana, so verrückt es klingt. Dank 6,8% Alkoholgehalt hat man auch viel Kraft. Im Abgang kommt die milde Komponente der Orange stärker in den Vordergrund, die feine Süße von Orangensaft. Der Hopfen gibt hier etwas nach, auch ist der Bittereffekt dann leicht zurückgenommen. Der Nachhall ist letztlich doch hopfig, und ein gewisser Kühlungs- und Betäubungseffekt liegt an Gaumen und Zunge.

Ein sehr unterhaltsames Bier, sensorisch klar ein IPA, doch mit diesen feinen Orangenschalennuancen, die das Bier niemals überwältigen oder in die Richtung eines Mixgetränks kippen lassen. Das ist sehr gut gemacht, wer handwerkliche Craftbiere mit einem Twist mag, muss das Sierra Nevada Sidecar Orange IPA probieren.

Mit Herz gemacht – Mezcal Local

Spirituosenetiketten, das ist so ein Thema, das mich fasziniert. Ich wiederhole immer wieder gern meine Forderung, dass alles, was ich über eine Spirituose wissen muss, auf dem Etikett stehen sollte – und wenn das bedeutet, dass dann kein Platz mehr für exotische Illustrationen und Legenden über den mythischen Gründer der Marke und ähnliches dümmliches Gequassel ist, um so besser. Immer mehr Hersteller entdecken das auch für sich, gerade handwerklich-traditionelle Brände bekommen heutzutage stilistisch eher zurückhaltende, sehr textuell gehaltene Etiketten, die dem Kenner mehr entgegen kommen als das schrille und überladene Illustrationsdesign der Massenprodukte.

Auch der Mezcal Local orientiert sich eher an dem strengen Textstil, was mich als aufmerksamen Etikettenleser direkt auf zwei interessante Details stoßen lässt. Erstens, die Agavenart, die hier genannt wird: Agave Angustifolia. In dieser Form sieht man das nicht zu oft, dabei kennt jeder auch noch so unerfahrene Mezcaltrinker die Pflanze hinter diesem Namen; es ist einfach der wissenschaftliche Name für die wohlbekannte Espadín. Natürlich kommen die Pflanzen aus einer Kultur, 10 Jahre darf die Agave sich bei Mezcal Local entwickeln, bevor sie geerntet wird. Gekocht wird sie in unterirdischen Öfen, die mit Kiefern- und Eichenholz befeuert werden und in denen Flusssteine zur Hitzeübergabe genutzt werden.

Das zweite Auffällige ist die Phrase „destilado con – corazón de agave“. Dies ist der etwas versteckte Hinweis, dass es sich nicht um einen „normalen“ Mezcal handelt, sondern um einen sogenannten Pechuga. Pechuga ist eine Herstellungsweise für Mezcal, bei der während der zweiten Destillation noch „Beigaben“ mit in den Kupferbrennapparat gehängt werden. Was so eine Beigabe ist, variiert weit – ich hatte schon Pechugas mit Hühnerfleisch, und welche mit Obst und Chili. Beim Mezcal Local finden wir ein gekochtes Agavenherz (hier erklärt sich mein herrlicher Gag im Titel dieses Artikels) und einen kleinen Früchtekorb bestehend aus Äpfeln, Orangen, Bananen und Pfirsichen im Dampf. Das ist ja schonmal an sich eine spannende Herstellungsweise, die Frage ist – schmeckt man das im Endprodukt?

Mezcal Local

Sauber destilliert ohne Einschlüsse oder andere optische Fehler – ein völlig transparenter Schluck liegt da im Glas. Man erkennt beim Schwenken eine leichte Viskosität, doch insgesamt bleibt er auch lebendig und beweglich. An der Glaswand bildet sich ein Film, der in dicken Schlieren sehr schnell abläuft. Auch mit etwas Entfernung zum Glas ist beim Eingießen ein sehr fruchtiger Duft zu erkennen, geht man dann mit der Nase näher zum Glas, wird er immer deutlicher. Mich erinnert das schon fast an einen Obstler, zumindest von der Basis her. Natürlich liegt eine schwer mineralische, vegetale Komponente darüber, und auch ein Anflug von Rauchigkeit, die Typizität eines Mezcal bleibt erhalten, auch die Agave ist präsent. Doch das eingesetzte Obst ist für mich persönlich sehr deutlich erkennbar und gibt dem Mezcal einen ganz eigenen Charakter. Eine hochgradig spannende und abwechslungsreiche Aromatik.

Im Mund spürt man direkt eine gewisse Salzigkeit, die im Verlauf immer stärker wird. Gleichzeitig ist der Mezcal Local sehr weich und voll, fast schon schwer. Dabei kommt auch eine üppige Süße hervor, was ein sehr wohliges süßsalziges Gefühl am Gaumen erzeugt, das liegt richtig gut und rund im Mund. Das Obst tut auch hier sein Werk, die Fruchtnoten kombinieren sich ausgesprochen schön mit der wuchtigen, mineralischen, leicht gemüsigen Agavenkomponente. Man schwankt hier erneut zwischen Obstler und Mezcal hin und her, eine Komplexität, die ich wirklich mag.

Mezcal Local Jicara

Der Abgang ist warm, mittellang, weiterhin etwas salzig, dabei aber mit viel Agave und einer plötzlich aufblühenden Blumigkeit. Letztere hängt noch lange nach, zusammen mit milder Adstringenz und leichtem Prickeln auf der Zunge; erst hier zeigen sich 42% Alkoholgehalt, ein gut eingestellter Wert, vielleicht hätten 45% noch etwas mehr Feuer und Zündstoff rauskitzeln können, das ist aber Meckern auf hohem Niveau. Das trinkt sich verdammt gut – mancher mag denken, dass ungereifte Spirituosen nur schwer als Sipper taugen, hier lässt sich das Gegenteil beweisen. Der Stoff hier braucht keine Reifung, der hat alles, was man sich von einer Spirituose erhofft und erwartet, im Übermaß.

Ich habe damit, wie man auf dem Bild oben sieht, auch meine jícara eingeweiht, die ich von meiner Freundin Lala Noguera, einer bekannten Kultur- und Agavenaktivistin aus Mexiko, 2019 zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. In so einer jícara, einer Schale hergestellt aus einem getrockneten Flaschenkürbis, testen Mezcaleros oft ihren Brand während des Destillationsvorgangs. Nicht ideal zum Verkosten, denn die jícara verändert den Geschmack des enthaltenen Mezcal etwas, doch sehr atmosphärisch und eine schöne Erinnerung wiederaufleben lassend.

Gerade der schwere Körper, den dieser Pechuga hat, macht ihn zu einer idealen Cocktailzutat, zum Beispiel im Better & Better, wo karibische Zutaten dem Mexikaner noch ein paar verrückte Aromen hinzufügen: vielleicht kein ganz einfacher Drink, einer, den man erst verstehen muss, der aber tatsächlich mit jedem Schluck besser und besser wird, wie sein Name schon sagt.

Better & Better Cocktail


Better & Better
1½ oz Mezcal
½ oz jamaikanischer Rum
¼ oz Falernum
Auf Eis rühren. Mit Zitronenzeste servieren.

[Rezept nach Jan Warren]


Bei mexikanischen Spirituosen sehe ich zwei grobe Trends, was die Flaschengestaltung angeht – einerseits sehr lange, sehr schmale, elegante Flaschen; auf der anderen Seite das genaue Gegenteil, gedrungene, breite, wuchtige Flaschen. Der Mezcal Local gehört offensichtlich in zweitere Gattung, dazu kommt die sehr aparte Glasfarbe, in der man die kleinen Bläschen in der Glasstruktur erkennen kann – schön, dass hier auf Recyclingmaterial zurückgegriffen wurde, um die Natur zu schonen. Ein hübscher Stopfen komplettiert eine gelungene, zurückhaltende und gerade dadurch um so wirksamere Präsentation.

Preislich liegen wir bei diesem Pechuga bei rund 60€ für die Flasche, das ist tatsächlich, wenn man den Hintergrund von Mezcal an sich kennt und dazu die traditionelle, aufwändige Herstellungsweise berücksichtigt, ein angemessener Preis – sehr viel billiger könnte es eigentlich nur durch Industrialisierung der Herstellung werden, und was dann passiert, hat man bei Tequila gesehen. Es ist für mich persönlich durchaus wünschenswert, dass der laute Schrei nach „the next hot shit“, der Mezcal als nächsten großen Hype sehen will, kein Gehör finden wird, und Mezcal sich seinen traditionellen Charakter noch lange bewahren kann.

Offenlegung: Ich danke dem Importeur Dr. Sours, dem deutschen Vertrieb bei fifteenlions GmbH & Co KG sowie Tequila-Mezcal-Shop für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche des Mezcal Local.

Bier am Freitag – Stone Ripper San Diego Style Pale Ale

Es ist großartig, man muss heute nicht mehr nach Bieren aufwändig suchen, sondern wird von der Auswahl in Supermärkten sogar inspiriert, mal was neues zu probieren. Und auch neue Sorten bekannter Marken bestelle ich eigentlich kaum noch im Internet, wie ich das vor ein paar Jahren noch getan habe – der lokale Markt hat beinahe alles, was ich will, und es wird eher noch immer besser als schlechter. Das Stone Ripper San Diego Style Pale Ale ist so ein Zufallsfund, ein Bier, das ich vor 3 Jahren hätte online bestellen müssen. Und da ich mit Stone Brewing noch nie schlecht gefahren bin, landet sowas natürlich ohne Zögern in meinem Einkaufskorb.

Stone Ripper San Diego Style Pale Ale

Im Glas – dunkles Kupfer, leicht opalisierend. Deutlich erkennbare Kleinstschwebeteilchen. Einzelne Bläschen sind die einzige Perlage. Dennoch ergibt das einen schönen, festen, gemischtblasigen, für ein Ale sogar langlebigen Schaum.

In der Nase – hopfenfruchtig, Mango und Pfirsich, aber besonders definierend ist die extreme Floralität; toll blumig, Veilchen, Hyazinthen, Lavendel. Dabei nicht künstlich, sondern sehr natürlich, wie ein Blumenbeet im Frühling. Toll!

Im Mund – cremiger, weicher Antrunk, sehr hopfig, eher zum Süßen tendierend. Die Bittere ist eingebunden, spielt unterschwellig andauernd gut mit den anderen Komponenten zusammen, ebenso die 5,7% Alkoholgehalt. Milde, süße Früchte, Pfirsich, Aprikosen. Im Verlauf wieder hin zum Blumigen. Sehr süffig, akzeptable Rezenz – ich würde empfehlen, es kühl zu trinken. Der Abgang ist wieder sehr floral, diesmal Jasmin, der eine Weile zusammen mit der immer stärker aufkommenden Bittere ringt. Leichte Adstringenz.

Ein spannendes Bier, das mit aufgrund der ungewohnten Blumigkeit sehr gefällt. Die Stone-Typizität mit kräftig ausgebauter Bittere ist dennoch da. Für die ersten längeren Aufenthalte im Garten ist das Ripper San Diego Style Pale Ale perfekt geeignet!

Lausige Erfahrungen – Tuvè Bitter

Es war ein verrücktes, und auch ziemlich anstrengendes Wochenende, das Cocktails&Dreams-Forentreffen 2018 in Berlin. In einem extra angemieteten Loft in Moabit trafen sich die Hardcorecocktailexperten unter der Ägide des Ehrenpräsidenten und in Spirituosenkreisen wohlbekannten Ginexperten Oliver Steffens, um sich dem Genuss selbstkreierter Zutaten, neuer und alter Cocktailrezepte, einer unendlichen Anzahl Chartreuse-Shots und riesigen Fleischbergen auf dem mitgebrachten Grill hinzugeben. Nach 3 Tagen mit wenig Schlaf, viel Alkohol und einer Menge an unglaublichen Eindrücken war ich am Ende, die Jungs und Mädels haben mich geschafft, ich gebe zu, dass ich offensichtlich zu alt für sowas bin. Nicht einmal die tolle Mezcal-Präsentation von Graciela Angeles Carreño und Axel Huhn konnte ich komplett genießen, mir drehte sich im Kopf noch alles vom langen Vorabend.

Am Ende dieses Wochenendes fand die traditionelle Versteigerung der Anbruchspirituosen statt, die es nicht in den mitwandernden, riesigen Barstock schaffen sollten. Eine Flasche zog meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich überbot alle Mitbietenden, um mir den Tuvè Bitter an Land ziehen zu können. War es eine dumme Laune, aus dem Restalkohol der vorangegangenen Tage entsprungen, oder ein echte Entdeckung?

Tuvè Bitter

Ein kleiner Gag zu Beginn: Die Farbe ist natürlich künstlich, ich meine künstlich natürlich. Also künstlich. Aber doch natürlich, denn im Gegensatz zu Campari, der seine lausige Vergangenheit heutzutage abgelegt hat und den synthetischen Farbstoff E124 einsetzt, wird der Tuvè Bitter auch heute noch mit dem klassischen Schildlausextrakt Karmin E120 eingefärbt. Da stellt sich die Frage, ob ein Vegetarier diesen Bitter trinken darf – ich würde sagen, bei konsequenter Einhaltung der Prinzipien, nein. Sollten Sie also tierfrei genießen wollen, können Sie hier aufhören zu lesen. Die starkrote Farbe ist aber scheinbar einfach die Tradition vieler Bitter Norditaliens, Campari, Aperol und andere beweisen das. Mir kommt sie hier etwas weniger kräftig wie die von Campari vor, was natürlich nur Auswirkungen hat, wenn man sich bei einem Drink auf die starke Färbekraft verlassen will. Im Glas bewegt sich der Tuvè flüssig und flink, das Beinablaufverhalten ist schnell und dick.

Die Bitternote, die wir von dieser Art Likör gewohnt sind, ist hier deutlich zu finden. Bitterorange, Grapefruit, Anflüge von Zimt und Muskatnuss. Leichte Blumigkeit, bei tieferem Riechen auch eine leichte Alkoholnote.

Tuvè Bitter Glas

Pur und ohne Eis verkostet (so trinkt das aber glaube ich praktisch niemand) ist die Süße zunächst überwältigend. Bitterorange, normale Orange, Grapefruitschale – die Bitterkomponente kommt schnell dazu und bindet sich dazu ein. Schokoladig-trockenfruchtige Eindrücke entwickeln sich, dazu eine leichte Minzigkeit und ein Hauch Wacholder. Man meint, den Alkoholgehalt von 25% zu spüren. Der Abgang zeigt sich eukalyptuskühl, mittellang, stark bitter, doch deutlich pappig und klebrig auf Lippen und Zunge. Astringierende Effekte durch die Bittere kommen am Zungenrand auf. Der Nachhall ist würzig, mildkräuterig.

Für mich persönlich ist dies ein deutlich milderer Bitter als der Platzhirsch Campari, gleichzeitig aber weniger süß und oberflächlich als Aperol. Ein schönes Mittelding, ideal für mich als Bitterfreund, der gerne mit unterschiedlichen Ausprägungen dieses Zungeneindrucks spielt.

Inzwischen ist die Flasche leer, sie wurde recht schnell in diversen Drinks aufgebraucht, denn Bitter dieser Art sind Standard in vielen Rezepten, die ich sehr schätze. Wirksam zeigt der Tuvè sich beispielsweise im Lovelight, einem tollen Dreiklang aus Weinbrand, Bitter und Wermut, eine wirklich effektive und anschmiegsame Combo. Wer gerne Negronis trinkt, und etwas Abwechslung mag, sollte hier mal beleuchten lassen.

Lovelight Cocktail


Lovelight
1⅓ oz Cognac
⅔ oz Tuvè Bitter
⅓ oz  roter Wermut
1 Teelöffel Zimtsirup
2 Spritzer Chocolate Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach John Stavroulakis]


Mir gefällt auch die Präsentation dieses Bitters, die ungewöhnliche Flaschenform, die schönen Etiketten. Wer sich mit der wahrscheinlich nicht wirklich mehr zeitgemäßen Form der tierischen Färbung abfinden kann – man sollte das nicht vernachlässigen, gerade wenn man für moderne Gäste mit all ihren Zipperleinchen und Unverträglichkeiten Drinks anrührt – kann man hier als Bitterfreund sicher mal zugreifen. Ich bereue meine Versteigerungsmühe jedenfalls nicht, und der Tuvè half mir auch eine Weile, mich an dieses irre Wochenende in Berlin zu erinnern.

Über den Wolken – AsitzBräu

Diese Woche ist wohl Mitbringselbesprechwoche – ich hatte im letzten Beitrag über aus Österreich mitgebrachten Schnaps geredet. Ich schließe hier direkt an, um dem geneigten Genusstrinker die Beilage zum Hartgebrannten ans Herz zu legen, denn ein gutes Bier ist immer was Feines und im klassischen Herrengedeck doppelt gut. Wenn es darüber hinaus noch in einem hübschen Tragerl heimgetragen wird, freut man sich auch nach dem Urlaub noch weiter. Spannend wird der immer interessante Vergleich: Kann das AsitzBräu auch zuhause im saarländischen Flachland den Genuss bringen, den es auf 1800 Meter Höhe auf der Alm (natürlich nicht ganz, wie im Titel reißerisch angedeutet, „über den Wolken“, aber doch nahe dran), gebracht hat?

AsitzBräu Tragerl mit Flaschen

Die Farbe ist kastanienbraun, im Gegenlicht des sonnigen Bergs natürlich leuchtender und klarer wirkend als im Verkostungsglas zuhause – ersteres ist aber auch frisch vom Fass gezapft, letzteres aus einer der heimgebrachten Flaschen. Der Schaum verhält sich dementsprechend unterschiedlich, doch das ist wohl zu erwarten. Die Nase ist malzig, leicht getreidig, mit einem metallischen Ton, wirkt sehr würzig. Im Mund beginnt das AsitzBräu sehr voll und schwer, sehr malzig, mit viel Würze, dabei weich und gleichzeitig frisch wirkend. Nur vorsichtig wirkt etwas Hopfen durch, hauptsächlich durch die Bittere, die langsam entsteht, und zusammen mit der schönen Rezenz für Erfrischung sorgt. 5,2% Alkoholgehalt fallen weder positiv noch negativ auf. Im Ausklang kommen nussige Noten zum Vorschein, mit denen das Bier auch schnell ausklingt. Hm, auf dem Asitz war ich mit dem Bier glücklicher als zuhause, auch wenn es gut trinkbar ist, hier wie dort.

AsitzBräu Glas

Es ist im Fazit halt immer der gleiche Katzenjammer. Der Urlaubseffekt sorgt dafür, dass uns die mitgebrachten Speisen und Getränke zu Hause nicht mehr das gleiche Vergnügen bringen können wie vor Ort, ich stellte das bereits bei Mythos und anderen Genussmitteln fest. Eine interessante Theorie habe ich dazu neulich noch gehört: Es ist nicht allein die Psyche, die uns hier einen Streich spielt, sondern auch die Physik. Auf Bergeshöhe und am Meer sind die klimatischen Bedingungen tatsächlich anders, und sorgen auch dafür, dass unsere Geschmacksknospen sich anders verhalten. Dazu kommt, dass alles, angefangen vom Essen bis hin zur Luft und dem Wasser, eine andere Aromatik hat, die sich anders mit dem Konsumierten kombiniert. Das verdient jedenfalls tiefere Betrachtung im nächsten Urlaub!

AsitzBräu Brauerei

Natürlich muss man erwähnen, dass das Bier nicht auf dem Asitz gebraut wird, auch wenn die gesamte Aufmachung der Örtlichkeiten darauf hindeuten mag. Auf den Flaschen findet man die Information, dass das Bier bei Hofbräu Kaltenhausen im nahegelegenen Salzburg hergestellt wird. Das Gebäude des AsitzBräu ist dann eher als Braumuseum und Eventlocation zu betrachten; ein typisches „Brauhaus“ halt, wie wir es auch in Deutschland kennen, wo die Braukessel oftmals nurmehr dekorativen Zweck haben. Unabhängig von diesem kleinen, aber feinen Detail hat es aber dennoch schon seinen Charme, dort oben zu sitzen, auf den Berg zu schauen, auf das ansprechende Gebäude zu blicken und den unzweifelhaft vorhandenen Lokalkolorit zu genießen.

Österreicher Inlandspirituosen – Stroh 80 Austria Inländer-Rum

Der Spirituosenfreund im Urlaub ist nie wirklich völlig im Urlaub. Auch wenn der Kopf frei sein mag von Arbeit und Alltag, und man in Österreich in den Bergen am Wandern und Wellnessen ist, so sucht der Trinker in mir ständig nach ungewöhnlichen lokalen Bränden, die es zu explorieren gilt. Entsprechend genoss ich dann allerlei Destillate und brachte mir ein halbes Dutzend Flaschen auch mit zurück in die Heimat. Eine davon ist eigentlich nicht wirklich ungewöhnlich, denn sie ist auch in Deutschland allerorten leicht verfügbar – Stroh 80 Austria Inländer-Rum. Dennoch dachte ich mir, das ist jetzt eigentlich die Gelegenheit, das Zeug endlich mal halbwegs professionell unter die Lupe zu nehmen, statt in das allgemeine Geheul einzustimmen, das ertönt, wenn in Kennerkreisen Stroh erwähnt wird.

Die erste Sache, die man klarstellen muss: Stroh ist kein Rum, auch wenn das Wort auf dem Etikett auftaucht. Die Verkehrsbezeichnung ist „Spirituose“, die Wortkombination „Inländer-Rum“, die im Titel verwendet wird, ist trotzdem lustiger- und verwirrenderweise als geografische Angabe in der EU geschützt und darf nur in Österreich verwendet werden (auch dort aber unter der Kategorie „sonstige Spirituosen“, nicht „Rum“). Die gesamten Details zur Herstellung und Handhabung von Inländerrum sind entsprechend im österreichischen Lebensmittelbuch hinterlegt. Ich gebe den wichtigsten Punkt B 23 7.2.5 hier umformuliert wieder: Die Basisspirituose eines Inländerrums muss zunächst Rum sein, der der EU-Spirituosenverordnung genügt. Diesem wird sogenannte „Inländerrumessenz“ hinzugefügt, die für die grundsätzliche, typische Aromatik sorgen soll, und es dürfen dann noch „Bonifikateure“, also Geschmacksabrunder, eingesetzt werden. Letztlich ist Inländerrum also eine aromatisierte Spirituose auf Rumbasis, nicht, wie manche befürchten, ein Neutralsprit mit Geschmacksstoffen. Genug der Theorie, kommen wir zur Praxis.

Stroh 80 Austria Inländer-Rum

Die zunächst in der Flasche dunkelbraun wirkende Spirituose wird, in ein Glas umgegossen, erkennbar rötlich. Mahagonirot, vielleicht sogar zum Kirschrot tendierend – aus üppig eingesetztem Farbstoff entsteht dies. Den Alkoholgehalt merkt man auch hier schon; geht ein Tropfen daneben, meint man, die hohe Flüchtigkeit auf den Fingern spüren zu können. Pur versuche ich das nicht mal, entsprechend gehe ich direkt auf eine 1:1-Verdünnung mit Wasser. Die Farbe bleibt dadurch erhalten, die kirschroten Reflexe werden sogar noch betont, und im Glas bewegt sich das Gemisch immer noch respektabel ölig.

Der Geruch ist sehr prägnant, und verströmt sich schnell auch außerhalb des Glases. Er wirkt sehr fruchtig, erinnert durchaus an Rum, hat aber auch bei der angesprochenen Verdünnung immer noch eine sehr stechende, beißende Aggressivität, die echte Geruchsproben schwer macht. Chlor, Schweiß, Turnschuhe – zuviele Stördüfte beeinflussen die schwere Aromatik von verrottender Ananas und fauliger Banane, die mir sonst durchaus gefallen könnten. Ein schwieriges, nicht wirklich uneingeschränkt angenehmes Geruchsbild.

Stroh 80 Austria Inländer-Rum Glas

Im Mund erinnert der Stroh dann an Jamaica-Overproof-Rum, sehr viel fauligfruchtige Esterigkeit, aber ohne die Komplexität des Vorbilds zu erreichen. Süß, schwer, attraktiv bitter, und dabei dann doch überraschend weich. Die Spirituose entwickelt sich im Verlauf leider kaum weiter, die Ananas-Bananen-Mischung bleibt praktisch genauso bestehen. Dankenswerterweise kommen dafür aber auch nur wenig der Störfaktoren, die die Nase so negativ beeinflussten, mit in den Mundraum. Es wirkt dennoch im Gesamtbild irgendwie künstlich.

Sehr starke Eindrücke von Zimt, Piment und Kardamom erscheinen schließlich im Abgang; eine wirklich bunte Gewürzmischung, die über der Fruchtkomponente liegt. Am Ende wird es trockener, kurz mildpfeffrig und warm, dank der Verdünnung aber nicht brennend – die bereits erkannten Noten hängen noch etwas hinterher, auch hier findet jedoch keine Entwicklung statt, was den Stroh 80 am Ende zu einem recht unkomplexen Brand macht, auch wenn er seine interessanten Seiten hat und keinesfalls auch nur ansatzweise so gruslig ist, wie manche ihn machen – er ist halt für Rum irgendwie das, was Southern Comfort für Bourbon ist.

Ich kann mir diese Spirituose durchaus als Ersatz für Jamaica-Overproof-Rum in Cocktails vorstellen, auch wenn manche mich jetzt wahrscheinlich für diese Aussage kreuzigen wollen. Ich probiere hier mal eine für viele ungewohnte Rezeptur – einen heißen Cocktail, auch Toddy genannt. Stroh 80 passt aromatisch nahezu perfekt als spektakuläre Abrundung für den Black Stripe, der im Original nach 151-Rum verlangen würde. Brennen tut er jedenfalls ausgesprochen schön. Wenn man ehrlich ist, ist so ein Einsatz wohl auch der Hauptzweck für Stroh in aller Welt.

Black Stripe Cocktail


Black Stripe
2 Maraschino-Kirschen muddeln
1 oz gereifter Rum
1 Teelöffel Honig
2 Nelken
1 Zimtstange
8 oz kochendes Wasser
Umrühren.
Den Overproof-Rum in einen Löffel über der Tasse geben.
Am Gästetisch anzünden und vor den Augen der Gäste einrühren.

[Rezept nach Trader Vic]


Den Stroh bekommt man in einem Dutzend unterschiedlichen Größen und Abfüllformen, und darüber hinaus auch noch in anderen Alkoholstärken. Ich habe mir im Leoganger Sparmarkt die auf dem Foto oben gezeigte hübsche Bügelflasche mit hinterem Griffhenkel ausgesucht, ein Fünftelliter ist auch wirklich genug für die allermeisten Zwecke.

Stroh 80 Austria Inländer-Rum Alte Flasche

Im Keller meiner Eltern hatte ich eine alte, viel größere Flasche gefunden. Es wäre ein interessantes Experiment, diese alte Abfüllung zu vergleichen mit einer modernen – denn die oben zitierte Regel, dass ein ordentlicher Rum die Basis für Inländerrum sein muss, ist wohl erst Ende der 90er Jahre aufgekommen, und vorher durfte wohl praktisch alles verwendet werden. Es ist kein Abfülldatum auf der Flasche, aber rein vom Eindruck her ist sie älter als 1999.

Ich werde diesen Post hier mit einem Vergleich ergänzen, sobald ich mal Muße dafür finde.

 

Bier am Freitag – Tilmans Biere Der Weizen

Nicht jeder Bierfreund, der sein eigenes Bier herstellen will, muss gleich eine komplette Brauerei aufsetzen. Viele Brauereien bieten auch an, dass man mit einem Rezept zu ihnen kommen kann und, wenn es sich wirtschaftlich lohnt, das Bier dort brauen und abfüllen lässt. „Gypsy Brewing“ oder Lohnbrauen, je nach gewünschtem Hipsterigkeitsgrad schwankt die Bezeichnung. Tilman Ludwig braut nach diesem Schema sein Tilmans Biere Der Weizen bei Weissbräu Schwendl in Bayern mit 6,0% Alkoholgehalt ein, nutzt dafür Comet und Strisselspalt als Hopfen.

Tilmans Biere Der Weizen

Voll hefetrüb, dabei mit einem blassen Senfton, so dass man am Glasrand noch das deutliche, aber sehr feinblasige Mousseux sehen kann. Der Schaum ist ein herrlicher Hefeweizenschaum, wie man ihn im Fernsehen zeigen könnte – großaufgetürmt, gemischtblasig, elfenbeinfarben und langlebig. Die Nase ist stark hopfig, zitrusfruchtig, eher würzig denn süßlich, erst in zweiter Reihe kommt ein typischerer nelkiger Hefeweizengeruch zum Vorschein, dazu ein leichter Anflug von Kardamom.

Der Antrunk des Der Weizen ist bereits säuerlich, ein interessantes Gegenspiel zum vollen, breiten Körper, der sich in weichem Mundgefühl äußert. Kardamom, etwas Eukalyptus, viel Würze insgesamt, da ist vielleicht sogar unterschwellige Schärfe. Das Bier ist sehr rezent, frisch und leicht, stark karbonisiert, und spielt mit all den eigentlich gegensätzlichen Eindrücken, die man während des Trinkens langsam aufsammelt, äußerst gekonnt. Der Abgang letztlich ist mittellang, sehr trocken und weiterhin säuerlich, effektvoll und astringierend, mit einem definierten blumigen Nachhall.

Ein charaktervolles, aus der Reihe tanzendes und starkes Hefeweizen – viel Wumms, ohne zu frech und wild zu werden, trotz des Tigers und des Wahlspruchs auf dem wirklich toll designten Etikett: stiltreu mit einem Twist. So mag ich meine Biere gern.