Brewbaker Berliner Weisse Schankbier Titel

Kurz und bündig – Brewbaker Berliner Weisse Schankbier

Totgesagte leben länger, heißt es. Die echte Berliner Weisse war schon praktisch tot, man kannte sie eigentlich außerhalb Berlins nur noch als das Zeug, das man so hübsch mit Waldmeister- oder Himbeersirup aufgießen musste, mehr ein Gag als ein ernsthaftes Bier. Wir leben in Zeiten, in denen das Interesse an alten, authentischen Dingen wieder wächst – und dazu gehören einst beliebte Bierstile, und die Berliner Weisse ist einer davon. Aktuell wird sie wiederbelebt. Ein Beispiel dafür ist das Brewbaker Berliner Weisse Schankbier. Eingebraut wird es mit den für den Stil typischem niedrigem Alkoholgehalt (hier 2,5%) und ist darüber hinaus sogar mit einem Öko-Siegel versehen.

Brewbaker Berliner Weisse Schankbier

Komplett schaumfrei von Anfang an. Nur wenig Mousseux, die einzelnen Perlen kann man an der Oberfläche zählen. Mit aufgeschwenkter Hefe so gut wie blickdicht. Ockerfarben. Optisch seltsam und ungewohnt für ein Bier, erinnert mehr an naturtrüben Apfelsaft. Die Hefe ist als erstes präsent, wenn man am Bier riecht. Eine sehr würzige, röstige Note kommt als nächstes, danach erst eine milde Zitrusfrucht. Das Ungewohnte geht hier also direkt weiter.

Das typische der Berliner Weissen ist die Säure, und die ist vom Antrunk an direkt da. Für ein Sauerbier ist sie recht fein und mild, à la grüner Apfel,  mit nur kleinen Säurespitzen von Zitrone im Hintergrund. Kandiszucker und viel Apfel bilden das Gerüst, auf das aufgebaut wird. Der Abgang ist hefig, trocken, mittellang. Vielleicht etwas muffig im Nachhall. Über Rezenz brauchen wir uns bei einem Sauerbier nur wenig unterhalten, die Frische kommt aber noch extremer als bei anderen Bieren dieser Art allein über die Säure, nicht über die nichtvorhandene Kohlensäure.

Ich bin seit einiger Zeit, schon zu Sirupzeiten eigentlich, ein Fan dieses Bierstils, und bin persönlich sehr glücklich, dass es nun eine gewisse Auswahl an Herstellern gibt, die sich um diese sträflichst vernachlässigte Berliner Spezialität kümmern.

La Trappe Witte Trappist vs Blanche de Namur Titel

Wettbewerb der Witbier-Testsieger – La Trappe Witte Trappist vs Blanche de Namur

Witbier hatte ich zum ersten Mal getrunken, als ich in der Saarbrücker Innenstadt das belgische Restaurant „Le Templier“ besuchte. Dort gibt es eine schöne Auswahl belgischen Biers, das man zusammen mit doppelt frittierten Pommes und anderen Snacks genießen kann; unter anderem eben das bleiche Bier, das ich auf einem anderen Tisch sah und entsprechend neugierig auch bestellte.

Inzwischen kenne ich diverse Witbiersorten, und auch in der Breite der Biertrinkergesellschaft ist es angekommen, zumindest vom Angebot her – selbst deutsche Brauereien, die sich sonst so gern auf das Reinheitsgebot beziehen, stellen es her, wie zum Beispiel Köstritzer. Und Fachzeitschriften veröffentlichen Tests, in denen unterschiedliche Marken verglichen und bewertet werden, so geschehen in der Barkulturzeitschrift Mixology, und im Bierfachmagazin Meiningers Craft. Ich mache nun hier einen Metatest, habe mir also die jeweiligen Bestplatzierten aus diesen zwei Tests für einen Direktvergleich herangezogen – La Trappe Witte Trappist stellt sich dem Blanche de Namur.

La Trappe Witte Trappist vs Blanche de Namur

Beginnen wir mit dem Sieger des Tests in Meiningers CraftLa Trappe Witte Trappist. Auch Mixology fand dieses Bier gut, es landete dort im Test auf Platz 2. Es stammt aus der Koningshoeven-Brauerei der Zisterzienser-Abtei Onze Lieve Vrouw van Koningshoeven – ein schöner Name. Es wird, wie von der Vorgabe für Trappistenbiere gefordert, von trappistischen Mönchen gebraut.

Im Glas ist es blass und trüb, wie von einem Wit gewünscht. Extrem starke Schaumbildung entsteht beim Eingießen, daher dauert das etwas länger. Starke Perlage hält den Schaum auch dann noch eine Weile aufrecht.

Weichspüler. Das ist das erste, was mir beim Riechen einfällt. Blumig könnte man es auch nennen, wenn man positiver, aber nicht ganz so treffend formulieren will; es erinnert mich auch entfernt an die chlorige Käsenote beim Kronenbourg 1664. Ein leichter Anflug von Hefe.

La Trappe Witte Trappist Glas

Hm, im Mund muss ich nun schon wieder nach Begriffen suchen, die mir helfen, die deutliche Neutralität dieses Biers zu beschreiben. Da ist kaum etwas, was es zu beschreiben gibt, eine minimale Zitrusnote und leichte Würze ist das höchste, was man findet – ansonsten gibt es nur Aromenarmut, belangloses Mundgefühl, keine nennenswerte Säure oder Süße, mittlere Rezenz. 5,5% Alkohol schmeckt man ebensowenig. Wirkt sehr wässrig. „Extremely aromatic varieties of hop“ kündigt das Etikett an? Hopfen ist manchmal etwas flüchtig – hier hat er sich aber komplett verdrückt, und das, obwohl das MHD mit Mitte 2017, also noch ein Jahr vom Testzeitpunkt, eine unveränderte Frische verspricht.

Der Abgang passt sich dem an: Da ist einfach nichts, außer einer eher unangenehmen Mischung aus Bittere und pappiger Süße (Glukosesirup steht als Zutat auf dem Etikett). Ich bin am Verzweifeln – habe ich eine schlechte Flasche erwischt? Die zweite Flasche solls entscheiden. Einige Tage später wird sie geöffnet – und das Erlebnis wiederholt sich. Nein, in dieser Form brauche ich das nicht, selbst bei den recht annehmbaren 1,50€ Flaschenpreis bei 330ml.

Mal schauen, ob der zweite Kandidat des heutigen Tests, das Blanche de Namur, sich hier besser präsentieren kann. Testsieger Mixology, auch sehr gut platziert bei Meiningers Craft – also genau umgekehrte Vorzeichen. Es ist mit 4,5% Alkoholgehalt etwas leichter und weist ein ähnliches Haltbarkeitsdatum auf. Auch dieses Bier trinke ich, wie auf dem Rücketikett empfohlen, gut gekühlt aus dem Kühlschrank.

Blanche de Namur Glas

Auch hier ist die Farbe sehr typisch, blass bis hin zur Bleiche, in Kombination mit starkem, großblasigem Schaum, der nicht lange lebt und das Bier in Kürze unbedeckt lässt.

Es weist eine schöne, zitronig-luftige Nase, mit Hefeanklängen auf. Etwas Banane gibt dem ganzen eine gewisse Rundheit. Orange, als eine Komponente der witbiertypischen Zutaten, ist erkennbar.

Im Mund ist es sehr frisch und rezent, mit perfekter Säure und milder Süße, aromatisch nach Zitronen, vom Gefühl her vollmundig, dicht und feinherb. Nach dem Antrunk kommt allerdings nicht mehr viel – praktisch kein Körper, eine extrem steil abfallende Aromakurve, wow, das ist wie Achterbahnfahren. Das gipfelt dann im praktisch nicht vorhanden Abgang – bis auf den Erfrischungseffekt und eine leichte Bittere ist da kaum mehr was.

Nun ist dieser Bierstil nicht für Aromenexplosionen gedacht – es ist ein frischer, leichter, weizenlastiger Bierstil, daher muss man das in die Betrachtung natürlich mit aufnehmen. Für mich persönlich schlägt das vergleichsweise dichte Blanche de Namur das leider selbst für diesen Bierstil völlig aromalose Witte Trappist um viele Längen – beide sind aber gut gemachte Biere, die auf ihre Art zu gefallen wissen und gerade in der Sommerhitze beide perfekte Erfrischungsgetränke darstellen.

Ich habe seit einiger Zeit keine Biercocktails mehr gemacht – das ist für mich persönlich eine saisonale Geschichte. Im nun aufkommenden Sommer wird das Thema wieder aktueller; gerade leichte Drinks, in denen Bier die Hauptzutat ist, werden nun wieder häufiger in meinem Glas landen. Der White Night kann trotz des Namens sicherlich auch in der Hitze eines Sommertags punkten.

White Night


White Night
8 oz Witbier
1 oz Gin (z.B. Eifel Gin)
½ oz Maraschino-Likör (z.B. Bols)
Alle Zutaten in ein Glas mit Eis geben und leicht umrühren.
[Rezept nach craftedpours.com]


Für mich ist klar, dass ich über die heiße Jahreszeit immer mindestens eine Flasche Witbier im Kühlschrank haben werde, idealerweise von unterschiedlichen Herstellern. Leicht, frisch, unkompliziert und ideal sowohl als kühlende Erfrischung als auch als Essensbegleiter – Wit ist einfach ein toller Allrounder.

Rum Nation Ilha da Madeira Natural Rum Agricole da Madeira Titel

Kurz und bündig – Rum Nation Ilha da Madeira Natural Rum Agricole da Madeira

Rhum agricole, das verbinden die meisten mit den französischen Überseekolonien. Doch die EU-Verordnung 110/2008, die einen Großteil der Vorgaben bezüglich Spirituosen der Union regelt, sieht vor, dass neben diesen auch eine dem europäischen Festland näher gelegene Insel den Begriff tragen darf – Madeira. Hier wird, als einziger Bereich des geografischen Europas (die Insel gehört zu Portugal und liegt noch halbwegs so nahe, dass man davon sprechen kann), tatsächlich auch Zuckerrohr angebaut, fast ausschließlich für den Eigengebrauch allerdings.

Bis vor einiger Zeit dämmerte der madeiranische Rum allerdings, zumindest in meiner Wahrnehmung, etwas vor sich hin. Im Zuge des gestiegenen Interesses an Rumneuheiten rücken nun auch solche Gebiete wieder in den Fokus – ich habe diverse Rumsorten aus Madeira ausprobiert, und werde sie in kleinen Häppchen hier präsentieren. Den Anfang macht ein ungereifter Rum; der Rum Nation Ilha da Madeira Natural Rum Agricole da Madeira.

Rum Nation Ilha da Madeira Natural Rum Agricole da Madeira

Die Farbe ist klar und sauber, ohne Trübung oder Einschlüsse. Im Glas schwingt er lebendig, nur mit leichter Viskosität. Am Glasrand ablaufende Beine bewegen sich langsam nach unten.

In der Nase meint man initial, den typischen Agricole-Geruch, den man von Martinique oder Guadeloupe kennt, wiederzuerkennen. Doch schnell kommt eine andere Komponente dazu, die eine stärkere Süße, eine höhere Fruchtigkeit andeutet – der Ilha da Madeira unterscheidet sich dann doch von den viel grasigeren französischen Verwandten, geht mehr in die Clairin-Richtung. Er darüberhinaus kann eine deutliche, alkoholische, stark getreidige Vodka-Note nicht verbergen – eventuell eine Folge der Destillation in einer nicht-traditionellen Column Still.

Im Mund ist letztere dann auch klar im Vordergrund. Getreide, Malz, nur ein Hauch von Frucht im Hintergrund – ich fühle mich an Korn erinnert, oder an Roggenvodka. Sehr warm, süß und rund im Eindruck. Eine milde Salzigkeit ergänzt das Bild, das insgesamt für einen ungereiften Rum erstaunlich dunkel und schwer daherkommt. 50% Alkoholgehalt machen sich durchaus bemerkbar, nicht unbedingt aber wirklich negativ. Der Abgang ist sehr feurig, heiß und scharf. Ist diese Schärfe verklungen, macht sie einem heißen, langen, malzigen Mundgefühl Platz. Beerenaromen klingen nach.

Es ist klar festzustellen, dass sich dieser Agricole-Rum von Madeira im Geschmack doch sehr deutlich von den Zuckerrohrsaftbränden aus der Karibik unterscheidet; Individualität ist natürlich eine gute Sache. Ich finde diesen ungereiften Inselportugiesen, der bei Rum Nation als Limited Release 2017 erscheint, durchaus interessant, ihm fehlt es für meinen Geschmack etwas an Komplexität und Spannung, doch das grundsätzliche Mundgefühl und die Aromatik wissen schon zu gefallen.

Offenlegung: Ich danke Rum Nation für die kostenlose Zusendung dieses Samples.

Bacardi 8 Años Titel

Summer Dreamin‘ – Bacardí 8 (Ocho) Años

Das „Bacardi-Feeling“ beschreibt ein Lebensgefühl. Natürlich lebt das alles von einer sehr guten Marketingmasche, mit Fernweh-Werbespots und einem sensationellen One-Hit-Wonder-Song, der, kaum angespielt, einen schon in die Karibik versetzt. Leider konnte man die tatsächliche Ausprägung dieses Gefühls dann meist nur mit anderen Rums kennenlernen – Bacardí hat unter Rumkennern nicht den allerbesten Ruf, sie leben von anspruchsloser, geschmacksarmer, billiger Massenware für den All-You-Can-Drink- und Happy-Hour-Markt. Dennoch muss man natürlich hin und wieder auch als Kenner einen Blick auf die Produkte der großen Rumindustrie werfen, und so setzte ich als Rumfreund alles auf eine Karte und legte mir den Bacardí 8 Años zu, ehrlicherweise in der vorschadenfrohen Erwartung, von diesem Experiment enttäuscht zu werden.

(Dieser Artikel ist eine Komplettüberarbeitung einer mehrere Jahre alten Rezension von mir).

Bacardi 8 Años Flasche

Farblich haben wir einen dunklen Ton vor uns, der gewiss nach 8 Jahren Fassreifung natürlich entstanden sein kann. Färbung ist vorhanden, etwas, was ich nicht befürworte, aber auch kein Kopfweh deswegen kriege – alle tun es, und es beeinflusst den Geschmack zumindest nicht.

Die Nase ist dagegen umso interessanter. Tabak, leicht rauchig, Lösungsmittel, Karamell, Vanille, Rosinen. Ein wirklich attraktiver Geruch, an den man sich gewöhnen kann. Im ersten Ansatz vom Mundgefühl her recht weich, rund und mild. Mit Verweildauer setzt ein mittleres Feuer den Mund in Brand (ich übertreibe etwas, es ist mehr ein zartes Brennen). Ich liebe diese Art Abwechslung, so lange das Feuer aromatisch bedingt ist, und nicht aus Alkoholschärfe entsteht. Nun ist der Rum plötzlich würzig und leicht nussig, und vielleicht sogar etwas kräuterig, insgesamt herrscht dennoch eine sehr süße und cremige Eindruck vor.

Der Abgang ist mittellang, Vanille und Tabak verbleiben etwas am Gaumen. Dazu eine milde Süße, die nicht hundertprozentig angenehm ist. Woher kommt die? Auch dieser Rum ist künstlich nachgesüßt. Die Messungen schwanken zwischen 12 und 20 g/L. Der „normale“ Bacardí Superior hat keinen künstlichen Zuckerzusatz – wie seltsamerweise oft sind es also die Pseudo-„Premium“-Marken innerhalb eines Sortiments, die gezuckert werden.

Mein Fazit – ja, so kann man sich täuschen. Sehr fruchtig und gleichzeitig rauchig; ein durchaus überraschender Geschmack für einen Rum. Er geht schon eher in die Tabak- oder Leder-Richtung, ist auf jeden Fall aromatisch und rund. Kein Aromenwunder natürlich, aber gut trink- und mixbar, insbesondere für den Preis, den man bezahlt.

Immerhin hat er Wucht, selbst z.B. in einem fruchtig-süßen Havana Sail kommt er gegen den dicken Maracujasaft an. Das witzige an diesem Cocktail ist, dass er, je nach verwendeter Grenadine, unterschiedliche Farben hat. Im Foto unten habe ich einen Riemerschmid-Granatapfelsirup verwendet; dieser färbt den Cocktail dunkelrot. Eine andere Grenadine, die ich sonst verwende, gibt dem ganzen nur einen Hauch eines Rottouches, der Cocktail bleibt dunkelgelb. Was man nicht alles so entdeckt beim Cocktailmixen.

Havana Sail


Havana Sail
1 oz Bacardi 8 Años Reserva Superior
2 oz Maracuja-Saft
½ oz Grenadine
[Rezept nach unbekannt]


Die sehr schöne Präsentation in einer edlen Flasche rundet das ganze ab – seit der Zeit, in der ich meine Flasche erwarb und austrank, hat sich ein Flaschenredesign ergeben. Die neue Flasche sowie das neue Etikett, das im Zuge der Vereinheitlichung der Produktreihen des Herstellers stattfand, hat diesem Aspekt allerdings keinen Abbruch getan, die neue Präsentation weiß ebenso zu gefallen wie die alte.

Bacardi 8 Años Ausgießer

Wer sich bei meinem Produktfoto über den seltsamen Aufsatz gewundert hat – er wird natürlich nicht standardmäßig mitgeliefert, sondern muss separat erworben werden. So skeptisch ich den Rums von Bacardí gegenüberstehe, so mag ich deren Markenpräsentation (das geht mir mit diversen anderen Spirituosen auch so; man sieht, wir sind doch etwas von der Optik getrieben, selbst wenn wir es nicht wollen). Das Wappentier der Firma, die Fledermaus, ist einfach zu goldig, als dass ich sie einfach so abtun könnte. Man muss einfach für sich aus jeder Spirituose das beste machen. Dann kommt das Karibik-Feeling vielleicht auch mit.

Saarbrückator Doppelbock Titel

Kurz und bündig – Saarbrückator Doppelbock

Man sieht sie öfters in den Bierregalen überall – Salvator, Celebrator, Animator.  Starkbiere unterschiedlichster Machart mit einem Namen, der immer auf dieselbe Silbe endet. Das kleine Saarland, das sich was Bier angeht in den letzten Jahrzehnten nicht mit besonders viel Innovationsruhm ausgezeichnet hat, gleicht diesen Mangel nun langsam aber sicher aus und hat inzwischen auch seinen eigenen –ator: den Saarbrückator Doppelbock. Eine Bieridee der Saarbrücker Beer Society, gebraut von der ortsansässigen Brauerei Bruch. Das Bier ruht zweieinhalb Monate im Lagertank, und wird darüber hinaus kaltgehopft.

Saarbrückator Doppelbock

Ohne viel Gewese direkt zum Eindruck. Deutlich opalisierend, fast schon trüb, bei einer kräftigen Bernsteinfarbe, die fast schon ins bräunliche übergeht.Starke Perlage. Schaum ist nach dem Eingießen vorhanden, baut sich aber trotz des Mousseux schnell ab. Ich rieche einiges an Frucht, Honigmelone, Feige, vielleicht etwas Stachelbeere. Eine sehr präsente Hefenote überlagert das etwas. Insgesamt ansprechend.

Wirklich sehr cremig im Mundgefühl, dabei auch süß im Antrunk. Voluminös. Interessant ist, dass die starke Karbonisierung sowohl zur Frische als auch zu diesem Volumen beiträgt – man hat wirklich ordentlich was im Mund bei einem Schluck. Das gefällt mir sehr, und dieses tolle Mundgefühl hilft mir, über die etwas gedämpften Aromen hinwegzusehen. Ein sehr ausgewogenes Süße-Säure-Verhältnis trägt weiterhin dazu bei. Ebenso, dass die 9% Alkoholgehalt, passend für einen Doppelbock, sehr sauber eingebunden sind. Der Abgang ist mittellang, hefig, leicht bitter, etwas adstringierend.

Ja, das kann man sehr schön trinken, das läuft runter wie Butter. Ein sehr gelungenes Bier, und das sage ich nicht nur aus Lokalpatriotismus – von so etwas in dieser Art würde ich gern mehr sehen; bis dahin habe ich mir neulich bei einem Tasting, in dem der Saarbrückator auch gefeatured wurde, nochmal 2 Fläschchen davon mitgeholt. Mir gefällt dabei besonders, dass die relativ junge Saarbrücker Beer Society so viel Schwung in die Saarländische Bierwelt bringt. Eine tolle Sache.

Revolte Spiced Titel

Über manche Sachen scherzt man nicht – Revolte Spiced

Ich habe neulich erfahren müssen, dass man sich gegenseitig vor mir warnt, wenn ich mit Herstellern einfach so reden will. Nicht ernsthaft, aber schon mit einem gewissen scharfen Humor. Dass ich „starke Meinungen“ hätte, und so. Einerseits ist das natürlich ein Kompliment, immerhin muss man sich so einen Ruf erarbeiten. Andererseits hinterfrage ich mich dabei natürlich schon – ich will ja nicht als der Stinkstiefel gelten, der nur darauf aus ist, den Süßrumtrinkern den Spaß zu verderben. Gerade aktuell meine ich feststellen zu können, dass das Pendel, das einige Jahre stark zugunsten der Rumtransparenz ausgeschlagen hatte, nun wieder etwas in die andere Richtung schwingt – Süßrum findet nun plötzlich offensive Verteidiger, und man bekommt Begriffe wie „Taliban“, „Rumpolizei“ oder „Spaßbremse“ an den Kopf geworfen. Nun – aus gegebenem Anlass wird es Zeit, dass ich mir klarmache, dass das nicht eine Attitüde ist, die ich aufbaue, sondern mir das Thema wirklich etwas bedeutet, und darum haue ich jetzt mal eine ungefilterte Meinung raus.

Ganz ehrlich – mir ist es mistegal, was jemand trinkt. Ich will niemand den Zacapa 23 mies machen, will niemand seinen Botucal ausreden oder gar jemandem den Don Papa klauen. Trinkt die Brühe, wenn es Euch lustig macht, und haltet Euch dabei für die Verteidiger der freien Meinungs – und Geschmacksäußerung, wenn Ihr auch noch stolz drauf seid. Freut Euch über Palmen, Piraten und Papageien, habt Spaß mit der Spaßspirituose. Vergesst dabei aber nicht, Euch gleichzeitig über Havana Club und Bacardí mit lustig zu machen – nur „Premium“ ist guter Rum, nicht Supermarktrum, auch wenn letzterer oft ehrlichere Qualität aufweist als die in der edel aufgemachten Flasche. Macht Eure Privattastings mit 10 Pseudorums, um einen möglichst breiten Eindruck dessen zu bekommen, was die Aromenindustrie zu bieten hat. Mir alles egal. Nun flatterte mir aber Ende März ein Paket mit einer unetikettierten Flasche und einem Brief ins Haus. Man lese diesen Brief bitte, um meine Reaktion darauf, und den Ton dieses Artikels, zu verstehen.

Revolte Spiced Pressemitteilung

Verdammte Kacke, dachte ich mir, ich kann gar nicht so viel saufen, wie ich im Strahl kotzen möchte. Nicht wegen dem neuen Produkt, im Gegenteil, das ist eine interessante Reaktion auf den Markt – vielleicht der schrille Aufschrei eines Produzenten, der mit besten Ambitionen gestartet ist und nun von diesem beschissenen Markt auf den Boden heruntergeholt wird. Nein, es ist wegen Produkten, die dasselbe wie Revolte tun, es aber über Jahre heimlich und verstohlen gemacht haben, und so den Boden bereiteten für Konsumenten, die nicht mehr wissen, wie Rum zu schmecken hat – und damit das Leben für die Kaltenthalers dieser Welt schwer machen. Und, ja, ich schaue damit auch Euch an, liebe offensive Süßrumfreunde, die dabei mithelfen, dass es so weitergehen wird und die zarte Transparenzknospe, die so schön am Aufblühen war, unter dem Stiefel der Marktmacht der Betupper zerdrückt wird. So, und jetzt habt Ihr Grund, Euch gegenseitig vor mir zu warnen.

Revolte Spiced

Ende der Wutrede. Es war der 1. April, und das ganze kaltenthalerische Getue, inklusive Brief und allem, war ein Aprilscherz. Ja, ich gebe es gern zu, ich bin voll drauf reingefallen. Felix, das war verdammt gut gemacht, ich hasse und verfluche Dich dafür, dass Du mir dieses Magengeschwür bereitet hast.

Die Farbe des Revolte Spiced, so heißt er offiziell, ist für einen massiv gefärbten Rum noch halbwegs erträglich. Ein schrilles Kotzgelb, etwas an das erinnernd, was Mücken hinterlassen, wenn man sie auf der Autobahn an der Scheibe aufsammelt. Die Nase erinnert an Spülmittel, das billige aus dem Aldi, mit etwas Zitrone und behandelter Orange im Hintergrund. Künstlich und oberflächlich, sehr plakativ, aber mit irgendwas muss man als Hersteller seine Kunden ja ködern. Ich rieche Ingwer, aber das bilde ich mir sicher nur ein. Im Mund setzt sich die Einbildung fort, da ist Ingwer en masse. Eine schrecklich klebrige Süße pappt den Mund zu. Viel Frucht, Zitrone, Orange, können das Spüli etwas überdecken. Die Rumbasis ist noch leicht erkennbar, die Blender haben es nicht geschafft, sie vollends zu verhunzen. Der Abgang ist mittellang, schade, ich hatte auf etwas kürzeres gehofft. So muss ich damit leben, den Revolte Spiced länger als die meisten anderen Spiced Rums am Gaumen haften zu haben.

Gerne zitiere ich nach meiner nicht ganz ernst gemeinten Verkostungsnotiz noch den nachgelagerten Hinweis, dass der Aprilscherz sich nicht nur auf die Motivation, sondern auch auf den Herstellungsprozess bezogen hatte: „Hohe Zuckergehalte, chemische Zusätze wie Glycerin oder die Zugabe von künstlichen Aromen sind uns mehr als fremd. Stattdessen haben wir bei unserem kleinen Aprilscherz mit der Mazeration den natürlichen Weg gewählt, um verschiedene Noten wie z.B. Rosinen, Orangen und Zimt zu erzielen. Und 37,5 % vol. und 99 Gramm Zucker? Zugunsten der Steuern den Alkoholgehalt zu senken und mit 99 Gramm pro Liter den Startschuss zur Diabetes zu geben? Die Frage kann sich wohl jeder selbst beantworten.“

Nun, ehrlich gesagt, für einen Spiced Rum ist das Zeug echt gut trinkbar, und ich hoffe, dass meine Leser im Gegensatz zu mir nicht auf obigen Müll reinfallen und stattdessen ihre Captain Morgans und Sailor Jerrys rausschmeißen und dafür den Revolte Spiced ins Haus holen – ich rate dazu, auch wenns mir echt schwerfällt. Der Haupteinsatzzweck für diesen Spiced Rum wird bei mir, wie es allen gewürzten Rums ergeht, die Vermischung in Cocktails sein. Zu Ehren des wirklich bösen Aprilscherzes habe ich einen Cocktail auf Basis des klassischen Zombie gemixt, praktisch ausschließlich mit Revolte-Zutaten – vom German Zombie Punch brauchte ich aber auch wirklich 3 Stück, um mich wieder von der Wutwolke runterzuholen. Ich gebe zu, ich rege mich leicht auf.

German Zombie Punch


German Zombie Punch
1½ oz Revolte 2014 MTQ
1½ oz Revolte Spiced
1 oz Revolte Overproof
¾ oz Limettensaft
½ oz Revolte Falernum
½ oz Don’s Mix (Zimtsirup und Grapefruitsaft)
1 Teelöffel Grenadine
1 Spritzer Absinthe
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken und auf Eis mit einem Minzzweig servieren.
[Rezept adaptiert nach Don the Beachcomber]


Natürlich wird der Revolte Spiced in derselben Flasche und derselben Aufmachung geliefert wie der Rest der Reihe (den es natürlich weiterhin geben wird). Freundlicherweise schickte mir der Hersteller in einem Entschuldigungsbrief sogar ein Aufklebeetikett mit, das die Wahrheit zeigt. Nicht, dass ich Revolte deswegen weniger hassen würde – der Zug ist abgefahren, mit Tempo 200.

Revolte Spiced Etikett

Offenlegung: Ich danke Revolte für die unaufgeforderte und kostenlose Zusendung einer Flasche des Revolte Spiced. Vielen Dank. VIELEN DANK, Ihr Mistkerle.

Willet Pot Still Reserve Titel

Hass im Internet – Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Manche Spirituosen liebt man über alles, manche kann man nicht ausstehen. Das ganze hält sich meist die Waage, für alles findet man Liebhaber und Hater gleichermaßen, das bringt die Subjektivität des persönlichen Geschmacks einfach mit sich. Hin und wieder findet sich aber ein Produkt, das ungewöhnlich viele Freunde hat, und auch eins, das im Allgemeinen gern niedergemacht wird. „Pferdepisse“ ist dabei oft noch ein freundlicher Vergleich, den man findet, wenn man gewisse Communities nach Meinungen über den Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey durchsucht.

Nun will ich hier eine Lanze für diesen Bourbon brechen. Er verdient es in keinster Weise, so runtergeputzt zu werden, ganz im Gegenteil – ich nehme hier mein Fazit vorweg und konstatiere, dass dies für mich ein ganz hervorragender Whiskey ist, einer meiner Favoriten sogar. Mir ist unerklärlich, warum er so viel missgünstige Kommentare auf sich zieht. Dabei ist dieser Bourbon unabhängig vom Geschmack schon sehr spannend – er ist einer der Exoten der amerikanischen Whiskeys, denn er wird nicht wie fast alle Bourbons durch eine Column Still produziert, sondern in einer Pot Still (eventuell, so ist zu lesen, stammt aber ein Teil dieses Bourbons dennoch aus einer Säulendestillation). Und, so bilde ich mir das zumindest ein: das schmeckt man.

Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey Flasche

Bourbontypisch ist zunächst allerdings die Farbe – um die 8 bis 10 Jahre in einem frischen Eichenfass machen sich natürlich bemerkbar (Färbung ist bei Straight Bourbons verboten). Sowohl in der Flasche als auch im Glas gefällt dieses dunkle Kupfer dem Auge.

Auch die Nase wird erfreut – hat man sich über den initialen Lösungsmittelduft hinweggearbeitet, den man von vielen amerikanischen Whiskeys kennt, kommt ein kräftig-würzig-aromatischer Geruch zum Vorschein. Waldhonig, Vanille, Karamell, Milchschokolade; Freunde des Süßen kommen voll auf ihre Kosten.

Und im Geschmack bestätigt sich dieser Eindruck schnell. Sehr viel Eichenwürze, dunkler Kandiszucker, Vanille; darüber noch reife Banane, Bitterschokolade, ein Anflug von Süßholz; im Verlauf eine leicht medizinische Komponente, wie manche Scotches sie aufweist. Vom Mundgefühl her voluminös und dicht. Im Verlauf kommt eine rotpfeffrige, sehr attraktive Schärfe dazu.

Der Abgang ist warm und wohlig, kribbelnd, aber ohne Brennen, 47% Alkohol sind grandios eingebunden. Adstringierend, dennoch lang und süß. Ein Traum gleichzeitig an Komplexität und Wohlwollen, etwas, was man in dieser kombinierten Form kaum anderswo findet. Ein absolut spektakulärer Whiskey, von dem man (nun, zumindest ich) gar nicht genug bekommen kann.

Ich habe den Großteil des Flascheninhalts pur getrunken, etwas, was mir bei nur wenigen Spirituosen passiert. Sehr oft landet mehr als die Hälfte einer Flasche in Cocktails. Nun, für den Willet Pot Still Reserve gehe ich für die Cocktailempfehlung einen halben Weg – wer den Old Fashioned noch nicht kennt, hat eh dringend Nachholbedarf; es ist der ideale Einsteigercocktail für die, die sonst die Monstranz des Purtrinkers hochhalten und Mischgetränke bisher mit abfälligem Grinsen betrachtet haben. Sie werden konvertiert werden, da bin ich mir sehr sicher.

Old Fashioned


Old Fashioned
1 Würfel Zucker tränken mit…
3 Spritzer The Bitter Truth Drops&Dashes Wood
Aufgießen mit 2 oz Bourbon
Leicht umrühren, und mit einem großen Eiswürfel servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Ich hatte erwähnt, dass es mir nicht erklärlich ist, warum er so viel Missgunst auf sich zieht. Nun, einen Grund könnte ich mir vorstellen – die Flasche ist schon sehr extrovertiert gestaltet, einer klassischen Brennblase nachempfunden, mit viel Kinkerlitzchen. Derartiges stößt dem einen oder anderen vielleicht sauer auf, und er lässt sich von diesem Gefühl dazu verleiten, den Inhalt als prätentiös und rein auf Effekt ausgerichtet vorzuverurteilen. Wie wir alle wissen, der Kopf trinkt mit, und entsprechend vermiest einem ein vorgebildetes Urteil schon hin und wieder den Geschmack.

Willet Pot Still Reserve Detail

Eventuell ist es aber einfach das Volumen an Aromen und zusätzlichen Estern, das durch die Pot Still ins Destillat gelangt, das den auf klassischen Bourbon ausgerichteten Gaumen abschreckt. Nun, sollte es das sein, sollten sich die Hater an die Nase fassen und überlegen, ob sie nicht selbst das Problem sind. Für mich persönlich ist der Willet Pot Still Reserve jedenfalls die Messlatte, an dem sich alle Bourbons, die in meinen persönlichen Whiskeyolymp aufsteigen wollen, messen lassen müssen.

Maisel & Friends Hopfenreiter 2018 Titel

Kurz und bündig – Maisel & Friends Hopfenreiter 2018 Double IPA

Da ist er, der dritte Freundschafts-Sud, organisiert von der Brauerei Maisel & Friends – das Hopfenreiter 2018 Double IPA. „Miteinander statt gegeneinander!“ ist das Motto, unter dem sich einige Brauer zusammentun, seltene Zutaten teilen und dadurch ein Bier kreieren, das nur einmal so produziert wird. Superfreunde, Mikkeller, Duvel, Bevog und Frau Gruber, durchaus gewichtige Namen im Craftbierbusiness also, haben dafür ihre Hopfenlager geplündert.

Maisel & Friends Hopfenreiter 2018

Man sieht auf dem Bild den dicken, cremigen und dabei noch sehr feinen Schaum; starke Perlage befeuert ihn. Die kräftige, goldene Farbe entsteht auf dem Hintergrund einer leichten Opalisierung. Spannend, dieser Geruch – Grapefruit, Erdbeermarmelade, etwas Soja, Hefe, Brot. Durchaus ungewöhnlich, aber in dieser Beziehung nicht überhand nehmend, sondern nah an der Erwartung eines DIPA bleibend.

Extrem cremig im Mundgefühl, der Antrunk ist süß und mild, und mildfruchtig – Nektarine, Kirsche.Etwas Wintergrün und Fruchtkaugummi. Eine kräuterige Note ist da, vielleicht Thymian und Basilikum.  Die DIPA-Bittere kommt langsam aber gewaltig im Verlauf. Insgesamt frisch und rezent, mindestens zum Teil durch hohe Karbonisierung, sowie gute Säure. Dabei behält das Bier sich aber einen starken, dichten, vollen Körper mit echtem Wumms bei 8,5% Alkoholgehalt. Der Abgang ist sehr trocken, bitter, erneut Wintergrün. Sehr adstringent, fast schon anästhetisch, der Hopfenreiter bleibt sehr lange am Gaumen und belegt dabei die Zunge. Calypso, Citra, Styrian Golding, Styrian Fox, Enigma und Mandarina Bavaria, da ist Hopfen ohne Ende drin.

Das Etikett ist, soweit ich das übersehen kann, dasselbe wie das des damals schon von mir sehr gut aufgenommenen Hopfenreiters 2017. Es scheint sich eine gute Reihe herauszubilden! DIPA ist, zugegebenermaßen, nicht so ganz mein Stil, doch hin und wieder trinke ich so extreme Bier auch gern. Diese Ausprägung ist jedenfalls wuchtig und sehr charakterstark, ein wahres Experimentalbier, das ungewöhnlich hergestellt wird. Es macht einfach einen riesen Spaß, so etwas zu verfolgen.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die Zusendung einer Flasche des Hopfenreiters 2018.

Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Titel

IGP, AOC und andere ggAs – Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe

Redet man über Rhum Agricole, beginnt das Missverständnis meist schon im ersten Satz. Selbst Rumexperten verwenden die allerersten Basisbegriffe wie „agricole“ oft, ohne eine wirklich klare Vorstellung davon zu haben, wie komplex die rechtliche und terminologische Lage diesbezüglich ist. Ich will gar nicht auf diese Schwierigkeit eingehen, sondern einen großen Schritt von dieser schwierigen, für mich selbst noch unklaren Schwammigkeit nach vorne an die klar definierte Front machen, und dabei das immer noch häufig gehörte Missverständis aufklären, dass jeder rhum agricole automatisch nach den strengen Regeln des AOC hergestellt wird. Die Kette ist eigentlich klar: Nicht jeder Zuckerrohrsaftbrand ist ein Rum, nicht jeder auf französischen Gebieten hergestellter Rum ist Rhum agricole, nicht jeder Agricole aus derartigen Gebieten ist AOC.

AOC, Appellation d’Origine Contrôlée, ist ein Schutzmechanismus, der nur an sehr ausgewählte Produkte der teilnehmenden Länder vergeben wird (bei dieser französischen Variante eben Frankreich und Schweiz); bei weitem nicht jeder rhum agricole erhält ihn. Zur Zeit hat nur die Insel Martinique das Recht, ihren Rum, der nach diesen sehr explizit formulierten Regeln hergestellt wird, mit diesem Siegel zu markieren. Ein Beispiel für ein nicht-AOC-Rum-produzierendes französisches Gebiet ist Martiniques Nachbarinsel Guadeloupe. Um die Sache zu verkomplizieren, ist der Rum, der dort hergestellt wird, trotzdem auch geschützt – nicht über das AOC-Siegel, sondern über dessen kleinen Bruder, das IGP-Siegel (Indication Géographique Protégée). Kleiner Bruder deshalb, weil die Strenge der Vorgaben, was die Produktionschritte angeht, in diesem Fall doch erkennbar geringer ausfällt – statt detaillierten Vorgaben reicht es schon, wenn die Herstellung allgemein in der angegebenen Region erfolgt, um das Siegel bekommen zu können, das von der EU verliehen wird, nicht von einer unabhängigen Kontrollinstanz, wie das bei AOC der Fall ist.

Wir betrachten in diesem Zusammenhang einfach mal einen Rum – der Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe ist so ein Produkt der Insel Guadeloupe, das das IGP-Siegel trägt. Er wird in der Bellevue-Destillerie für den langjährigen Besitzer der Destille, Damoiseau, den größten Rumhersteller Guadeloupes, gebrannt, und lagert dann mindestens 3 Jahre im Eichenfass, um die Alterskategorie „VO“ zu bekommen.

Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Flasche

Für diese kleinen 3 Jahre weist der Rum eine überraschend kräftige Farbe auf, ein dunkles Kupfer mit goldenen Reflexen. Das lädt direkt dazu ein, die Nase ins Glas zu halten – dort findet man dann erstmal ein schönes Entrée von Zitrusfrüchten. Agricoletypische Noten tauchen schnell auf, Heu und Malz. Leise Anklänge von Kaffee und Schokolade, im Untergrund etwas Pferdedecke.

Der Geschmack überrascht dann zunächst leicht. Honig ist ganz deutlich präsent, ebenso Schwarztee. Passend dazu ist der Eindruck richtig süß, mild, ohne echte Kante und Ecke. Vollmundig und dicht, der Damoiseau VO fühlt sich fast schon dickflüssig im Mund an, wenigstens aber ölig. Leicht grasige Aromen, begleitet von etwas kühler Eukalyptusschärfe im Verlauf. 42% Alkoholgehalt kann man im Ansatz riechen und schmecken, ein paar Jahre mehr werden für noch bessere Einbindung sorgen.

Der Abgang wird sehr trocken, der ganzen Süße im Antrunk spottend. Ansprechend mittellang. Im Nachhall entdecke ich Vanille, noch mehr Heu. Sehr warm und wohlig läuft der Rum den Rachen hinunter und verweilt dort etwas. Ich finde das einen perfekten Rum für Leute, die bisher eher Süßrums im Blickfeld hatten und Agricoles mit Misstrauen beäugen, die grasig-holzigen Komponenten schwierig finden und sich eher gemütlich verwöhnen wollen. Der Abgang ist für diese vielleicht etwas ungewohnt würzig, doch nie unangenehm.

Es gibt unendlich viele Cocktailrezepte, die Rum einsetzen, in all seinen Spielarten. Meist ist dabei rhum agricole nicht die Zutat der Wahl, denn sein doch leicht anderes Aromenprofil würde dafür sorgen, dass die Gesamtaromatik in eine sehr andere Richtung kippt. Für den Damoiseau VO gilt das meines Erachtens nicht – er passt sich gut in Standardrumrezepte ein. Der Agricole Malecon zeigt dies; er wird normalerweise als Malecon mit Melasserum gemacht.

Agricole Malecon


Agricole Malecon
1¾ oz Rhum agricole (z.B. Damoiseau VO)
½ oz Tawny Port
oz Oloroso-Sherry
1 oz Limettensaft
2 Teelöffel feiner Zucker
3 Tropfen Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Erik Lorincz]


Ich kann mit der Art von Schraubverschluss, die sich auf dieser Flasche befindet, bei Spirituosen sehr gut leben – ich brauche keinen Korken, wenn so ein hochwertiger Plastikschraubverschluss es auch tut. Bei dem wirklich richtig guten Preisleistungsverhältnis (man bezahlt in Frankreich im Supermarkt um die 20€ für die 70cl-Flasche) wäre auch jedes Meckern diesbezüglich scheinheilig.

Also, wer sich vor Rhum Agricole bisher gefürchtet hat, greife hier unbesehen zu. Auch bereits Initiierte, die nach einem wirklich milden, vollmundigen Schluck für zwischendurch oder als Cocktailzutat suchen, werden es nicht bereuen, sich diesen Tropfen ins Regal zu stellen.

Maisel & Friends Juicy IPA Titel

Kurz und bündig – Maisel & Friends Juicy IPA

Viele unerfahrene Biertrinker denken, dass wenn wir Freunde des modernen Gerstensafts über Fruchtaromen im Bier reden, diese künstlich zugesetzt werden, oder dass es sich um Mischgetränke à la Mixery handelt. Entsprechend ablehnend stehen sie einem Ale gegenüber. Dass Hopfen viel kann, wenn er gut eingesetzt wird, auf jeden Fall mehr als nur Bittere ins Pils zu bringen, muss man oft erst mühsam erläutern.

Ich kann mir gut vorstellen, dass das Maisel & Friends Juicy IPA bei konservativen Genießern genau so problematisch ankommen könnte – wenn es schon als „Trobeerical Bomb“ angepriesen wird, entstehen beim Unwissenden vielleicht falsche Assoziationen. Schauen wir mal, ob man das Bier in einer Eckkneipe auf den Stammtisch stellen könnte.

Maisel & Friends Juicy IPA

Zur äußeren Erscheinung: Opalisierend, leicht blasses Gelbgold. Knisternder Schaum beim Eingießen, mittel- bis großblasig. Sehr starke Perlage. Juicy – ja, das unterschreibe ich direkt, wenn ich den Riechkolben ans Glas halte. Extrem fruchtig in der Nase, Himbeeren, Stachelbeeren, Aprikosen, Apfel; toll. Kombiniert mit der leichten Malzwürze im Untergrund ist das ein spektakuläres Bouquet.

Das aletypische cremig-weiche Mundgefühl ist immer wieder eine Freude, im Antrunk ist das Juicy IPA auch sehr fruchtig. 50 IBU schlagen dann schnell zu, die Bittere übernimmt. Geschmacklich sieht es eher mau aus – da ist nicht viel von der extrem tollen Nase übrig geblieben, etwas Zitrone vielleicht. Eine seltsame, leichte Adstringenz betäubt die Zunge. Trotz der 7,2% Alkoholgehalt wirkt das Bier seltsam schwachbrüstig und körperarm. Eine etwas schwierige Mischung aus Säure und kantiger Bittere entsteht schließlich im Abgang, die einem den Speichel in den Mund zieht. Unabhängig davon macht es dann hier seinem Namen Ehre – mittellang, edelhopfig und fruchtig im Nachhall.

Normalerweise bin ich ein echter Fan der Maisel & Friends-Biere – das Juicy IPA trifft als allererstes Bier dieser Marke meinen Geschmack nicht so richtig, es wirkt für mich persönlich irgendwie holprig, die Diskrepanz zwischen Fruchtnase und Geschmacksschwächen ist zu groß.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kostenlose Zusendung einer Flasche des Juicy IPA.