Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection 11 Years Titel

Kurz und bündig – Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum

Die Gargano-Klassifikation von Rum ist ein Versuch, sich von der Nutzlosigkeit der bestehenden Rumklassifikationen, die nach Farbe oder Länderstilen arbeiten, zu lösen. Was soll es uns sagen, wenn ein Rum „braun“ oder „golden“ ist? Das trifft auf praktisch jeden gereiften Rum, der nicht entfärbt ist, und auch auf ungereifte, gefärbte Rums, zu. Ebenso halte ich nichts von der Gruppierung nach „britischem“ oder „lateinamerikanischem“ Stil, als würde in Südamerika nur genau ein Rumstil hergestellt und auf Barbados nur genau ein anderer. Die Gargano-Klassifikation dagegen bezieht sich auf die Herstellungsweise, und hat somit Aussagekraft. Wir verlangen in einer Bar ja auch nicht einen „braunen Whiskey“, sondern einen Straight Bourbon. Oder einen Blended Scotch.

Der Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum ist entsprechend dieser Klassifikation eine Mischung aus Pot-Still- und Column-Still-Rum. 2004, im Jahr der Namensgebung, kam er ins Fass, 2015 in die Flasche, damit ist er also nach Adam Riese 11 Jahre alt. Allein aus dem Namen kann man schon viel mehr ableiten als aus allen Informationen, die manch anderer Hersteller gesammelt anbietet.

Die Farbe ist natürlich, bei Full-Proof-Rums färbt Foursquare nicht nach. Das Kupfer stammt also rein aus den Fässern. Im Glas liegt der Rum schwer und viskos, beim Schwenken bleiben einige Tropfen sogar oben am Glas hängen, statt als Beine abzulaufen, und bequemen sich dann erst nach einer Minute Wartezeit sehr gemütlich nach unten.

Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection 11 Years

Der Geruch ist direkt und ohne Umschweife süß, schwer und voll. Gebrannte Mandeln. Kokosnussfleisch. Vanille dominiert allerdings deutlich die Nase, und da ist viel Eichenwürze; ein damit verwandter kleiner Lack- und Klebstoffton erinnert daran, dass dieser Rum 10 Jahre in Bourbonfässern lagerte. Direkt nach dem Eingießen zwickt eine stechende Note die Nasenschleimhaut, wenn man die Nase zu tief ins Glas hält. Mit Offenstehdauer verfliegt ein Großteil davon, es bleibt aber etwas übrig.

Sehr süß, aber nie klebrig, und hocharomatisch. Sehr breit und körpervoll. Viel Vanille, Schokolade, Nougat, aber auch Gewürzanklänge nach Piment, Kardamom und Nelken, vielleicht sogar etwas Muskatnuss. Das Bourbon-Fass hat einiges an Aromatik mitgebracht, und dem eh schon für sich wuchtigen Rum übergeben. Der Abgang ist lang, glühend heiß, etwas metallisch, dafür aber vanillig und süß. Nur milde Trockenheit, eine erkennbare Holzigkeit bleibt am Gaumen. Ein Menthol-Nachhall sorgt für zusätzliche Länge.

Unverdünnt ist der Foursquare 2004 bei 59% noch wunderbar trinkbar, bei Rum geht das oft, was bei anderen Spirituosen meist schwerfällt. Dennoch verdünne ich ihn testweise auf rund 40%. Die Vanille geht dadurch etwas zurück, die Lacknote verschwindet komplett, Gewürze kommen nach vorne. Geschmacklich bleibt er dicht wie zuvor, schokoladig und weich, ein paar gemüsige Komponenten werden erkennbar, Gurke oder Sellerie vielleicht, die Holznoten sind stark reduziert. Das Feuer des Abgangs wird ersetzt durch ein leichtes Chili, mit etwas Betäubung der Zungenspitze. Durch die Verdünnung verliert er kaum an Charakter, wird nur genehmer und noch runder.

Nun, was soll ich im Fazit sagen, außer, dass das ein hervorragender Rum ist. Natürliche Süße, voller Körper, dichte Aromatik – all das ohne jeden Zusatz. Ich gebe zu, dass ich vielleicht etwas beeinflusst bin durch die Person Richard Seale und sein Auftreten gegen manipulierten Rum; ich rate jedem dennoch, sich zumindest einmal einen Foursquare-Rum zu gönnen, um zu erkennen, das der Mann nicht nur laut und deutlich redet, sondern gleichzeitig hervorragende Arbeit abliefert. Der Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum wäre eine ideale Gelegenheit dafür.

Dieses Review basiert auf einem 2cl- und einem 10cl-Sample. Gern hätte ich die große Flasche zu Hause; sie wird irgendwann ihren Weg zu mir finden, zu den anderen Foursquare-Rums, die dort bereits auf die Familienzusammenführung warten.

Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum Titel

Advent, Advent… Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum

Es gibt so einige Möglichkeiten, viele verschiedene Rums auszuprobieren. Man kann auf Messen gehen, sich in Foren mit Samples eindecken oder, und das finde ich persönlich am charmantesten, sich einen Rum-Adventskalender zulegen. Letzteres ist natürlich etwas jahreszeitenabhängig, doch die Vorstellung, jeden Abend ein kleines Fläschchen eines hochwertigen Rums bereitstehen zu haben, hat schon was. Natürlich muss man sich einen Anbieter aussuchen, von dem man ausgehen kann, dass er guten Stoff abfüllt, und nicht nur den konventionellen, allgegenwärtigen, massenkompatiblen Süßrum. Im Rum-Club besteht diese Gefahr nicht: Da hat Organisator Marcus Stock von 4finespirits weder Kosten noch Mühen gescheut, uns Mitgliedern das Ende des Jahres 2016 zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen.

Der Rum-Club Adventskalender Flaschen

Viele derartige Kalender treiben die Kosten durch aufwändige Kartons mit vorgestanzten Türchen und ähnlichem hoch; hier handelte es sich um eine einfache Menge an Rums, in 2cl- oder 4cl-Fläschchen, die neutral beschriftet waren, und somit jeder investierte Cent in die Rums und nicht in unnötige Dekoration ging. Gleichzeitig war dieser Kalender eine Blindverkostung, denn welchen Rum man gerade vor sich hatte, wurde erst am Spätabend aufgelöst; bis dahin konnte man auf einer Website einen Tipp für Herkunftsland, Alter und Alkoholgehalt abgeben, mit einem Preis für den, der am Ende des Monats die besten Tipps abgegeben hatte. Ich schnitt dabei nicht so besonders ab, denn diese Art der Blindverkostung hat mir äußerst schmerzvoll die Grenzen meiner Rumkenntnisse aufgezeigt und mich sehr demütig gemacht.

Zum Positiven: Nachdem ich die 24 Türchen verkostet hatte, haben sich für mich 3 Rums herauskristallisiert, die ich in der Blindverkostung als herausragend gut empfunden hatte, und von denen ich mir dann entsprechend natürlich eine ganze Flasche kaufen wollte. Der Rum auf Platz 1 meiner persönlichen Bestenliste dieses Kalenders war der hier nun vorgestellte Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum.

Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum Flasche

Die erste positive Sache, die zu berichten ist, ist, dass wir hier einen Blend aus 10 – 30 Jahre alten Rums vor uns haben, ohne dass eine große „30“ oder ähnliches auf dem Etikett prangen würde, wie das viele Konkurrenten ohne Schamgefühl gemacht hätten. Da hört diese kundenfreundliche Scham aber schnell auf, denn die Farbe, ein attraktives helles Kupfer mit orangefarbenen Reflexen, wurde schön mit Zuckerkulör gemacht vom Farbdesigner. Leicht viskos, schnell ablaufende, dicke Beine am Glas.

Was soll ich zum Geruch sagen? Es ist der perfekte Rumgeruch. Daran gibt es nichts zu verbessern. Wenn man mich fragen würde, welchen Rumgeruch ich auf die einsame Insel mitnehmen würde: es wäre dieser. Einfach ein Traum. Süß, dunkel und dicht. Trockenfrüchte, Karamell, Vanille. Gleichzeitig zum dunklen Körper ist da aber auch eine helle Fruchtkomponente.

Süß und mild im Antrunk, sehr vanillig, karamellig. Warum trinken die Leute künstlich nachgesüßten Rum, wenn er auch natürlich und ohne Zuckerbeigabe so schmeichelnd und dabei komplex und unoberflächlich sein kann wie der Mount Gay 1703 Old Cask Selection? Leichtkörperig und elegant, und im Verlauf baut sich doch langsam aber unaufhaltsam eine dunkle Würze auf. Schokoladig – „Rum-Trauben-Nuss“ von Ritter Sport ist eine spontane Assoziation. 43% Alkoholgehalt ist beileibe nicht überragend viel, da könnte ruhig etwas mehr vorhanden sein für meinen Geschmack, er fällt aber insgesamt gesehen weder positiv noch negativ auf. Der Abgang ist dann überraschend feurig, mildscharf, kraftvoll. Lang, vollmundig und süß. Leicht adstringierend. Ein warmer Hauch klingt noch sehr lange aus dem Rachen hoch. Mein schwärmerisches Fazit: vielschichtig, spannend, und dabei aber nicht zu verkopft oder schwierig.

Kein Rum, und so er noch so edel und fein und zum Purtrinken geeignet, entgeht meiner Lust für Cocktails. Der Mount Gay 1703 ist einer meiner echten Lieblingsrums geworden, und wenn er dann in einer Mixtur mit zwei anderen Zutaten zusammentut, die sich still und leise in mein Herz geschlichen haben, die hier verwendeten zwei wirklich außergewöhnlich schönen Obstbrände von Scheibel, dann kann daraus nichts weniger als ein Knaller werden. Der Jabberwocky enttäuscht meine entsprechend sehr hohen Erwartungen, die ich hatte, als ich das Rezept das erste mal las, in keinster Weise.

Jabberwocky


Jabberwocky
1½ oz gereifter Rum (z.B. Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum)
¾ oz Pflaumenbrand (z.B. Scheibel Altes Pflümle)
½ oz Birnenlikör (z.B. Scheibel Moor-Birne)
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Fairytale Bar, Berlin]


Schauen wir noch schnell auf die Präsentation dieses Rums. Für 70€ wird dieser Rum in einem hübschen blaugoldenen Karton geliefert, in einer in ihrer Zurückhaltung ausgesprochen schönen Flasche, die nur ein paar kleine spielerischen Details aufweist. Der Echtkorken ist von einer schweren, metallenen Krone verdeckt, die vor dem Einschenken für ein gutes Gefühl beim Öffnen der Flasche sorgt.

Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum Details

Dieses Gesamtbild aus sehr gelungener Präsentation, subjektiv hervorragendem Geschmack, objektiver Qualität und auch dem tollen Preisleistungsverhältnis macht den Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum zu einem wirklich herrlichen Sipper zum Schlürfen und Genießen, für Kenner wie für Anfänger.

Ich freue mich sehr, diesen Rum im 2016er-Rum-Club-Adventskalender entdeckt zu haben; ich freue mich mindestens genauso sehr auf den bereits geplanten Adventskalender für 2017, den Marcus schon jetzt in Mache hat…

Maisel & Friends Summer Pale Ale Titel

Kurz und bündig – Maisel & Friends Summer Pale Ale

Habe ich da ein déjà-vu? Letztes Jahr im Sommer hatte ich ein Bier getrunken, das Surfer auf dem Etikett hatte. Das Kona Longboard Island Lager konnte mich durch seine unkomplizierte Art überzeugen, allein der Preis und der weite Weg, den es zurücklegen musste, bis es bei mir im Glas landete, sorgten für Schwermut. Diesen lege ich hiermit offiziell ab, denn seit kurzem gibt es auch in Deutschland hergestelltes Surferbier! Maisel & Friends sorgt mit dem Summer Pale Ale, auf dessen Etikett ein lässiger Surfer sein Brett am Strand entlang trägt, entsprechend schonmal direkt für gute Laune.

Maisel & Friends Summer Pale Ale

Die Hefe setzt sich am Boden etwas ab, daher ist beim Eingießen darauf zu achten, dass man die Flasche kurz vorher dreht, oder etwas schwenkt. Berücksichtigt man das, so ist das Summer Pale Ale deutlich trüb, mit leicht blassem Ocker als Farbe. Mittelstarke Perlage ist durch die Trübung sichtbar, und ein wenig an feinblasigem Schaum krönt das Bier. Ich rieche daran, und mir gefällt die Mischung aus marmeladig-süß, mild zitrusig (ist das ein Wort?), sehr betont hopfig. Man bekommt direkt einen Eindruck der zu erwartenden Bittere.

Im Mund bleibt dann kaum noch was von der Marmelade, hier wirds kantig: sehr bitter, mehr noch, als es die 33 IBU zahlenmäßig vermuten lassen. Trocken, herb und die nur ganz kurz im Antrunk aufblitzende Süße wird schnell von einer Welle der Hopfigkeit hinweggespült. Sehr rezent und kühlend, mit erkennbarem Mineralwassercharakter – leichter Körper ohne viel Tiefe. Das ist für meinen Geschmack für ein Pale Ale schon grenzwertig nah am Westcoast-IPA, aber ich schere mich nur selten um Stiltreue, wenn das Endprodukt schmackhaft ist.

Der Abgang ist kurz, frisch, sehr herb und trocken. Zitrusnoten hängen noch nach, ein mentholischer Effekt ebenso. 4,4% Alkohol sorgen für gute Sommerkompatibilität – was leichteres für den Strand. Das würde ich auch gern als Fazit festhalten: die Zielidee eines leichten Sommerbiers wurde mit dem Summer Pale Ale voll getroffen. Ich denke mal, ich werde meine Kollegen in naher Zukunft bei einem Bürobier um Vier damit beglücken, gut gekühlt, wenn es wieder so heiß ist.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kostenlose Zusendung einer Flasche dieses Bieres.

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky Titel

Die süße Jugend – Highland Park 10 Years Single Malt Scotch Whisky

Viele Spirituosenhersteller sind aktuell mit Volldampf dabei, ihr Portfolio umzustellen. Neudesigns von Flaschen und Etiketten gehören dabei zu den offensichtlichsten, gleichzeitig aber belanglosesten Aktivitäten. Stärker interessiert uns Freunde des gereiften Genusses, dass auch Altersangaben immer mehr dieser Lust am Wandel zum Opfer fallen. Ein Grund, der immer wieder genannt wird, ist, dass ein zunehmendes breites Interesse an gereiften Spirituosen auch über Expertenkreise hinaus, insbesondere bei Bourbon und Scotch, dazu führt, dass einfach nicht mehr genug Sprit in der entsprechenden Alterskategorie da ist, um diese Abfüllungen mit dem jeweiligen Alter auszeichnen zu können. So lässt man die Zahl fallen, schreibt einen klugen Spruch stattdessen aufs Etikett („kunstvoll gereift“ oder so etwas) und erfindet in bester Storytelling-Manier die Geschichte, dass es ja um den Geschmack geht, und dass das Alter das unwichtigste am Whisky überhaupt sei. Schön und gut, diese Ausrede hat ja auch einen wahren Kern, doch da gleichzeitig nicht die Preise gesenkt werden, obwohl man ja nun weniger aufwändig hergestellten Whisky verkauft, zeigt, dass hier auch ulteriore Motive ausgelebt werden können.

Dass man es auch anders machen kann, zeigt der Highland Park 10 Years Single Malt Scotch Whisky. Hier wurde einfach ein aus meiner persönlichen Sicht ehrlicheres Vorgehen gewählt: Man füllt halt jüngere Brände ab, um den Markt zu entlasten, gibt diesen aber trotzdem eine Altersangabe, und geht dabei sogar unter die bei Scotch magische 12-Jahres-Grenze. Taugt dieser vergleichsweise junge Whisky dazu, Vorurteile diesbezüglich abzubauen? Kann er eventuell sogar ein Ersatz für älteren Whisky sein?

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky FlascheDie Farbdesigner dieses jüngsten aller Highland-Park-Whiskys haben sich für Ocker entschieden. Ich erwähne es oft, weil es meines Erachtens einfach ein Missstand ist und bleibt – das Färben von Spirituosen wird erst aufhören, wenn wir als Konsumenten fähig dazu sind, den Dreisatz „dunkel = alt = Qualität“ aufzugeben, der eh noch nie gestimmt hat. Bis dahin wird Scotch im Standardfall mit E150 koloriert und die Farbe sagt nichts über den Inhalt aus.

Das Auge trinkt hier also nicht so wirklich mit, dafür darf die Nase aktiviert werden. Milde Zitrusaromen wie Mandarinen, vergorener Traubensaft, Heu. Man ahnt schon etwas Alkohol, für 40% hält es sich aber in Grenzen. Ein leichter, heller Körper.

Der Geschmack des Highland Park 10 Years ist dann im ersten Moment überraschend kräuterig, grasig, holzig, wird dann im Verlauf aber immer süßer und süßer, bis diese Dimension den Mundraum komplett ausfüllt und alles andere verdrängt. Toffee, Sahne und Butterkuchen, das ist mir fast schon ein bisschen zu plump, weil ein Ausgleich für diese breite Weichheit fehlt. Da ist kaum etwas anderes als leicht vanillige, cremige Süße. Komplexität sieht anders aus.

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky Glas

Im mittellangen Abgang kann man höchstens, wenn man mühevoll danach sucht und etwas Fantasie hat, Rauch entdecken. Für mich ist der Abgang des Highland Park 10 mildbitter, trocken und erneut etwas holzig-grasig, bleibt dabei aber seinem grundsätzlich sehr weichzarten, buttrig-süßen Charakter treu. Leicht salzige Pfefferschärfe bleibt lange auf der Zunge liegen, zusammen mit einem etwas mentholigen, langen Nachhall.

Ein Cocktail, der die verblüffende Offenheit der Prohibitionszeit bezüglich Zutaten zeigt, ist der The Modernista. Hier das Rezept aus Ted Haighs wunderbarem Cocktailbuch. Scotch und lakritziger Absinth kämpfen in dieser unbeschreiblichen Melange um die Vorherrschaft. Fehlt eigentlich nur noch Chartreuse, um das Chaos komplett zu machen. Der Rum geht, egal welcher es ist, total unter gegen die aromatische Urgewalt der beiden Starspieler. Das ist ein Cocktail, der heute in einer Cocktailbar niemals serviert wird, er ist zu extrem – doch vor knapp 100 Jahren mochte man diese seltsame Komplexität; ich weiß nicht, ob ich die damalige Zeit, die sowas verrücktes schätzen konnte, oder die heutige Zeit, die nichts mit derartiger Experimentierfreudigkeit anfangen kann, bejammern soll.

The Modernista


The Modernista
2 oz Highland Park 10 Single Malt Scotch Whisky
½ oz Dunkler Jamaika-Rum (z.B. Appleton Estate Extra 12)
1 Teelöffel Absinthe (z.B. Jade Nouvelle-Orléans)
½ oz Swedish Punsch
½ oz Limettensaft
2 Spritzer Orange Bitters (z.B. The Bitter Truth Orange Bitters)


Neulich hatte ich mich über Flaschengrößen ausgelassen und betont, dass ich es sehr schätze, wenn ein Hersteller kleinere Produktgrößen anbietet. Der Highland Park 10 Years ist nun dahingehend eine Ausnahme, dass er ausschließlich in einer „halben Flasche“, also 35cl, angeboten wird. Mir persönlich kommt das entgegen, wenn es nach mir ginge, wäre das die Standardgröße für alle Spirituosen.

Die Flasche selbst ist darüberhinaus schön gestaltet – mit breiten Schultern und großem Ausgussloch, und gleichzeitig elegant schmal in der Tiefe, und dabei doch schwerem Glasgewicht. Der Naturkorken in Zusammenspiel mit dem Holzdeckel mit dem Highland-Park-Logo macht selbst aus der kleinen Flasche ein hochwertiges Produkt, das man gern betrachtet und in der Hand hält. Der schwarze, angenehm zurückhaltend gestaltete Karton komplettiert das ganze aufs positivste.

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky Flaschenseite

Wer einen süßen, unkomplizierten schottischen Whisky sucht, wird hier fündig. Wer etwas mehr Komplexität will, muss auf die längergelagerten Scotches dieses Herstellers zurückgreifen, alles kann so ein Whisky dann halt doch nicht – insgesamt zeigt der Highland Park 10 Years aber, dass Alter nicht alles ist und man auch schon 10-jährigen Single Malt finden kann, der nicht wild, kratzig und ungestüm ist; noch ein Vorurteil, das endlich abgebaut werden kann.

Shui Jing Fang Wellbay Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 7 – Shui Jing Fang Wellbay Baijiu

Ich habe schon gegen viele Flaschen gekämpft, die sich stur weigerten, mir ihren Inhalt freizugeben. Billige Blechschraubverschlüsse drehen sich lieber doll gegen das Gewinde, als sich abheben zu lassen. Die unsäglichen „Ausgießer“, eigentlich Nachfüllstops, sorgen für kaum dosierbare Abgaben in Vollschwall- oder Verschluss-Modus, nichts dazwischen. Glasstöpsel, die sich nur mit Schwarzenegger-Daumenkraft vom Hals herunterlösen lassen. Korken, die abbrechen und im Flaschenhals stecken bleiben. Vom Zucker festgekrustete Drehverschlüsse auf Likörflaschen, für die man eine Zange braucht. Die meisten dieser Genussverhinderer sind unbeabsichtige Design- oder Produktionsfehler, die dem Konsumenten mit schlimmem Durst das Leben schwer machen.

Beim Shui Jing Fang Wellbay Baijiu haben sich die Designer der Verpackung allerdings selbst übertroffen und sogar eine Dose entwickelt, bei der man erstmal Gehirnschmalz investieren muss, bevor diese chinesische Fingerfalle überhaupt die Flasche freigibt. Ich will eigentlich niemand den Spaß beim Herausfinden, wie man die Dosenhaube vom Sockel herabbekommt, nehmen. Am Ende dieses Artikels beschreibe ich es kurz, einfach, weil ich es so faszinierend finde – wer selbst dahinterkommen will, überspringe diesen Spoiler zum Schluss bitte einfach.

Shui Jing Fang Wellbay Flasche

Nun, irgendwann hatte ich es dann doch geschafft, und wollte mir ein Gläschen dieses Baijius mit Starkaroma (浓香) eingießen, während ich die opulente Gestaltung der Präsentationsmaterialien bewunderte (auch dazu später mehr) – und was sehe ich? Einen Nachfüllstop aus Plastik! Es ist doch zum Verzweifeln, man könnte meinen, der Hersteller will nicht, dass man den Schnaps auch trinkt. Nach dieser Welle der Ups and Downs wollen wir nun aber wirklich endlich mal schauen, was der bei diesem monströs üppig präsentierten Produkt scheinbar unscheinbarste Teil, nämlich der Hirseschnaps selbst, zu bieten hat. Hat der Hersteller mit all seiner List etwa etwas zu verbergen?

Über die Farbe muss man nicht reden, sie ist nicht vorhanden. Leichte Viskosität mit nur zögerlich ablaufenden Beinen im Glas. Soweit, so unspektakulär. Der Geruch allerdings verströmt sofort weit im Zimmer, sobald man sich ein Glas davon eingießt. Die weißen Gummibärchen, die wohl Ananasgeschmack haben sollen – diesen Geruch verzwanzigfacht, und man hat einen Eindruck, wie dieser Baijiu riecht. Vergorener Pfirsich, Teer, Salmiak, Plastik – daran muss sich die westliche Nase wirklich erst gewöhnen. Und dann weiter immer wieder die weißen Gummibärchen. Ein paar würzige, dunkelschokoladige Beiklänge runden das ab.

Ein superungewohnter Geschmack springt einem dann ins Gesicht. Estergewalt, die jeden Jamaica-Rum erblassen lässt. Lakritzexplosion! Dazu Autoreifen, geschmolzenes Plastik, Klebstoff, Chlor und Salz. Im Verlauf leicht abschwächend, aber immer noch sehr speziell. Sehr süß, breit, und zitrusfruchtig, dies ist allerdings eine sehr exotische Fruchtigkeit, vielleicht Ananasschale. Grünes Gras und Anis.

Shui Jing Fang Wellbay Karton

Im Abgang ist der Shui Jing Fang Wellbay dann fast schon überraschend mild, und dabei trotzdem heiß. Lakritzaromen auf der Zunge, die langsam in Fruchtaromen übergehen, wenn die Ester sich im Mund verflachen. Von den Aromen kurz, von der Wärme her langer Abgang. 52% Alkoholgehalt sind typisch für Baijiu, vielleicht auch wegen der extremen Aromen aber kaum wahrnehmbar.

Nun habe ich doch schon so einige unterschiedliche Baijius getrunken, und mich mit dem Leichtaroma-Baijiu sogar etwas angefreundet. Die extreme Ungewohntheit eines Starkaroma-Baijius macht mir aber bis heute etwas zu schaffen, der Shui Jing Fang Wellbay noch mehr als manch anderer. Letztlich ging mir das aber auch mit weißem rhum agricole so, den ich bei den ersten paar Versuchen so gar nicht leiden konnte, und inzwischen bin ich ein Riesenfan des Geschmacks. Vielleicht geht es mir hier bald genauso? Die Zeit wird es zeigen. Tatsächlich empfinde ich aktuell, einige Monate nach meinem ersten Kontakt, bereits eine gewisse Verbundenheit, und entdecke tiefere Schichten, die ich vorher nicht wahrnehmen konnte.

Ein guter Schritt, sich an etwas heranzutasten, ist, den ungewohnten Geschmack mit anderen Zutaten in einem Cocktail auszubalancieren und damit gaumenfreundlicher zu gestalten. Im Cucumber Crush funktioniert das recht gut, eine wichtige Zutat dabei ist MNG (Mononatriumglutamat) – es sorgt für eine schöne zusätzliche Würze. Und wer chinesisches Essen schätzt, ist eh schon bestens bekannt mit MNG…

Cucumber Crush


Cucumber Crush
1 oz Shui Jing Fang Wellbay Baijiu
¾ oz Cointreau
¾ oz Limettensaft
1 oz Gurkensaft
½ oz Holunderlikör (z.B. The Bitter Truth Elderflower Liqueur)
1 Prise MNG
Alle Zutaten auf Eis swizzlen.
[Rezept nach Ulric Voelkel-Nijs]


Kommen wir nochmal zurück zur Verpackungsproblematik, die ich eingangs angesprochen hatte. Wenn ich es recht bedenke, ist die negative Haltung dazu eigentlich nicht angebracht. Tatsächlich finde ich es sehr apart, was der Hersteller hier um seinen Schnaps herum alles an optischen Tricks und Gimmicks auffährt. Beginnen wir mit dem Karton in sechseckiger Ausführung aus stabilem, dicken Material, das mit allerlei Text in chinesischen Schriftzeichen bedruckt ist.

Versucht man, die Haube vom sehr schönen Holzsockel abzuheben, gelingt das erstmal nicht, ich habe mich dazu verleiten lassen, etwas Gewalt anzuwenden, doch kein Erfolg. Der Trick sind die kleinen Metalllöwenköpfe mit Ringen im Maul, die unten an der Haube angebracht sind – sie sind mehr als nur Dekoration. Sie sind herausziehbar und haben einen  dübelartigen Fortsatz, der Haube und Sockel miteinander verbindet. Man muss alle drei dieser Tempellöwen herausnehmen, dann geht die Haube leicht ab.

Shui Jing Fang Wellbay Kartondetails

Nun ist der Deckel herunter, und man kann erste weitere Details bewundern. Im Boden der Flasche, die im Sockel thront, erkennt man kleine Bilder chinesischer Tuschemalereien, die Szenen chinesischer Landschaften darstellen. Ganz apart gemacht, das muss ich zugeben, so hat man einen künstlerischen Hintergrund für den erdigen Schnaps gefunden, etwas, worüber man beim gemeinsamen Trinken sprechen kann.

Shui Jing Fang Wellbay Sockel und Flaschendetails

Zu guter letzt ist noch etwas im Sockel verborgen, das erst zum Vorschein kommt, wenn man die Flasche dann endlich heraushebt – eine kleine, mit einem chinesischen Motiv bemalte Porzellanfläche. Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll – das ist Luxus pur, eine Opulenz, wie man sie bei kaum einer anderen Spirituose antrifft, und dabei gleichzeitig mit einer Leichtigkeit und Zurückhaltung gemacht, dass ich einen leichten Seufzer ausstoße, jedesmal, wenn ich den Shui Jing Fang Wellbay aus dem Regal hole.

Shui Jing Fang Wellbay Sockelinnenseite

Ein Fazit fällt mir schwer. Allein die opulente Verpackung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich persönlich gewisse Schwierigkeiten mit Starkaroma-Baijius habe. Doch kenne ich Leute, die gerade diese Stilrichtung des chinesischen Hirseschnaps besonders mögen, und die Millionen von Chinesen, die ihn regelmäßig trinken, können ja auch nicht so falsch liegen –  Anfängern in Sachen Baijiu würde ich aber deutlichst abraten, und stattdessen etwas weniger ausgeprägtes empfehlen, um sie nicht von Anfang an zu verschrecken. Für mich persönlich bedeutet das: Weiterüben, weiterverkosten, versuchen, zu verstehen. Der Weg ist das Ziel, sozusagen – und da der Shui Jing Fang Wellbay Baijiu einer der sehr wenigen chinesischen Baijius ist, die man ohne sich zu verrenken in Deutschland auch tatsächlich kaufen kann, hoffe ich, dass noch mehr Spirituosenfreund diesen Weg mit mir gehen werden.

Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole Titel

Kurz und bündig – Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole

Es ist schon eine kleine Weile her, dass ich den letzten Rhum Agricole im Glas hatte – sehr attraktive Melasse-Rums und andere Spirituosengattungen hatten in letzter Zeit meine Aufmerksamkeit eingenommen. Es wird also Zeit, dass diesem unhaltbaren Zustand endlich wieder Abhilfe geschaffen wird! Der Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole kommt da gerade recht. Es handelt sich bei ihm um einen Blend von martinikanischen Rums, die jeweils mindestens 6 Jahre gereift wurden. Das ganze wird mit 42% Alkoholgehalt abgespielt.

Färbung ist auch bei den strengen Regeln des AOC, denen dieser Rum unterliegt, erlaubt. Entsprechend vorsichtig beurteile ich, wie immer, die Farbe; zumindest scheint sie mir mit ihrem hellem Bernstein für das Alter der Assemblage glaubwürdig zu sein. Nur leichte Schwere ist beim Schwenken zu erkennen, die dabei enstehenden Beine bleiben fast an einer Position stehen, so langsam laufen sie ab.

Ich bin bei der Geruchsprobe sehr überrascht – ein extrem stechender, beißender Klebstoffgeruch ist alles, was ich zu Beginn wahrnehme, dermaßen penetrant, dass ich kaum die Nase ins Glas halten kann. Also erstmal eine Weile offen stehen lassen, denke ich – und tatsächlich, nach einer Weile öffnet er sich und die Beißzange verfliegt etwas, ohne aber ganz zu verschwinden. Schöne Reifungsnoten blitzen nun auf, Vanille und getoastetes Holz, Muskatnuss, Heu. Insgesamt ein recht würzig-aromatischer Antritt.

Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole

Im Mund ist der Saint James Cuvée 1765 sehr breit, dabei aber auch etwas flach. Die Würzigkeit steht im Antrunk noch Vordergrund, dort aber schon untermalt von cremiger, marmeladiger Süße. Erdbeeren, Mango, Honig und Vollmilchschokolade melden sich an und übernehmen immer mehr das Ruder. Im Mittelteil beginnt sich eine feine, dezente Chilischärfe ausmachen zu lassen, die schließlich stärker und dominanter wird.

Der Abgang ist dann aber wieder sehr süß, kühlender Eukalyptus breitet sich aus, er wird nicht zu trocken, leicht adstringierend; erneut habe ich die starke Assoziation zu Marmelade oder Erdbeerkompott. Insgesamt wirkt er mittellang auf mich, insbesondere die Fruchtnoten hängen lange nach, und er klingt mit ein paar kiesigen, grasigen Eindrücken aus.

Diese Kurzbesprechung basiert auf einem 5cl-Sample, die volle 700ml-Flasche kostet um die 50€. Das kann man durchaus ausgeben für diesen Rhum, wenn man nicht ausschließlich auf supertrockene Exemplare steht. Gerade das sehr aparte An- und wieder Abschwellen der Schärfe und die Eukalyptusfrische finde ich toll; mir persönlich ist der Saint James Cuvée 1765 aber letztlich im Gesamtbild einen Ticken zu unverbindlich, als dass ich ihn in Zukunft in die ganze enge Wahl ziehen würde.

Cabrito Tequila Reposado Titel

Ein liebes Zicklein ohne Hörner – Cabrito Tequila Reposado

Wie sehr hatte ich all die Jahre nun darüber gejammert, dass Tequila in Deutschland einen schweren Stand hat. Ich habe persönlich nun aber in letzter Zeit den Eindruck, dass sich das tatsächlich etwas bessert – nicht in den Supermärkten, wo immer noch der Mixto mit dem Hut uneingeschränkt herrscht, und nicht in vielen Bars und Kneipen, wo ein anderer Mixto, geschmacklich nur unwesentlich besser, bevorzugt wird. Schaut man aber mal nach, was die Spirituosenhändler im Internet so anbieten, wird einem als Tequilaliebhaber doch ein bisschen warm ums Herz. Inzwischen bekommt man eine breite Produktpalette an hochwertigen 100%-Agave-Tequilas, zu halbwegs vernünftigen Preisen, direkt ins Haus geliefert – etwas, an das vor 5 Jahren kaum zu denken war.

Besonders gefällt mir, dass neben teuren Spitzenprodukten, die den Weg ebneten, nun auch niedrigpreisige Mittelklassetequilas erhältlich sind, die den Käufern, die sich für einen Tequila interessieren, aber nicht gleich 50€ und mehr investieren wollen, eine vernünftige Qualität mit gutem Preisleistungsverhältnis offerieren. Auch wenn der Kenner, der in Deutschland immer noch verzweifelt auf Marken wie Siembra und Fortaleza warten muss, gern erleben würde, dass sehr viel mehr Highend-Tequilas konsumiert werden, so muss man sagen: Brände wie der Cabrito Tequila Reposado sind es, die es für die breite Masse erst möglich machen, den Schritt zu wagen und die ollen Mixtos im Regal stehen zu lassen und für nur unwesentlich mehr Geld auf 100%-Agave-Tequilas umzusteigen. Gießen wir uns ein Glas davon ein und trinken auf die Fahrt aufnehmende Tequila-Evolution in Deutschland!

Cabrito Tequila Reposado Flasche

Die Farbe ist selbst für Reposado-Verhältnisse recht blass – „ausgeruhter“ Tequila reift grundsätzlich ja für Spirituosenverhältnisse nur die kurze Zeit von unter einem Jahr in einem Holzfass und nimmt entsprechend wenig Farbe aus dem Holz auf. Helles Pastellgold, vielleicht sogar eher Stroh, würde ich sagen.

Im Vordergrund des Geruchsbilds sind klare, eindeutige Agavennoten. Darunter tauchen Lavendel, Rosenblüten, Thymian und Rosmarin auf, und ein leichter Plastikgeruch, ohne unangenehm künstlich zu werden. Vanille und Butterscotch sorgen für eine ansprechende Süße. Der Cabrito Reposado ist mild zur Nase, kein Alkoholstechen. Im Hintergrund liegen feinfruchtige Noten von Rosinen und Weintrauben.

Cabrito Reposado Tequila Glas

Der Antrunk ist sehr vanillig, süß und zart im Mundgefühl. Der Geschmack bleibt insgesamt zunächst dezent und zurückhaltend, das ist etwas antiklimaktisch nach der tollen Nase. Die etwas schwachbrüstigen 38% Alkoholgehalt machen sich hier doch negativ bemerkbar, ein paar mehr Prozente hätten ihm ganz sicher mehr Charakter geben können. So bleibt er doch arg enttäuschend wässrig und dünn, obwohl er sich mit Verweildauer im Mund etwas steigern kann, wenn er Eichennoten, eine spannende Salzigkeit und schwarzpfeffrige Wildheit entwickelt.

Der Abgang ist auch eher kurz, trocken, dann doch aber recht plötzlich sehr würzig, eine leichte Chilischärfe macht sich auf der Zunge und im Rachen breit. Diese Schärfe bleibt auch im leicht unrund wirkenden Nachhall doch eine ganze Weile erhalten, genau wie ein spätes, ausdauerndes Kopfheben der gekochten Agave und etwas Karamell. Mit einem Eisenton klingt der Cabrito dann aus.

Mein Fazit – ein durchaus schöner, wenn auch geschmacklich leicht schwächelnder 100%-Agave-Tequila, der hauptsächlich über sein tolles Preisleistungsverhältnis (ich habe um die 20€ für die Flasche bezahlt) punkten kann. Für den Purgenießer ist er wahrscheinlich doch zu dünn, das gebe ich gern zu, im Cocktail bringt er aber seine Leistung ohne Mühe. Im Kicking Bull erkennt man ihn selbst gegen Kaffeelikör und Rye Whiskey heraus, etwas, was bestimmt nicht jeder Tequila von sich behaupten kann. Wer sich fragt, woher der Name des Cocktails stammen mag, trinke einfach mal 3 Stück von diesen kleinen, süffigen und gefährlich leckeren Dingern. Der Stier, der einen dann von einem Moment auf den nächsten tritt, wird es einen schon lehren.

Kicking Bull


Kicking Bull
1 oz Tequila Reposado (z.B. Cabrito Reposado)
1 oz Rye Whiskey (z.B. Jim Beam Rye)
1 oz Kahlúa
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Die Agavenherzen dieses Tequilas aus der NOM 1140 werden in traditionellen Steinöfen gekocht, mittels Mühle (nicht Tahona) zerkleinert, dann in Stahltanks fermentiert und schließlich zweifach destilliert. Abgefüllt ist er in eleganten, schwungvollen Flaschen, mit hinten auf der Flasche eingelassenem Ziegenkopf, („Cabrito“ ist spanisch für „Zicklein“), den man auch auf dem Etikett in Farbe sehen kann.

Cabrito Tequila Reposado Glasdetail

Wie ich neulich erst gesehen habe – es gibt diesen Tequila auch in einer kleinen Flaschengröße, wohl 20cl oder ähnlich. Eine Kollegin in meiner Firma hat diese kleine Flasche für eine andere Kollegin als kleines Geschenk aus ihrem Mexiko-Urlaub mitgebracht. Na, das sind mal Souvenirs, mit denen man was anfangen kann! Ich hoffe, dass Geschenke wie diese dafür sorgen, dass sich der Siegeszug des Tequila in Deutschland noch weiter beschleunigt.

Black Tears Cuban Spiced Titel

Der Captain wird heulen – Black Tears Cuban Spiced

Wir leben in interessanten Zeiten, was Rum angeht. Der Trend geht, wie in vielen Bereichen, hin zum High-End-Produkt. Gewisse Subkategorien von Spirituosen, gerade bei Rum, leiden dabei etwas, was das Image angeht – wenn schon Laien heutzutage Geld in die Hand nehmen, um sich einen Caroni ins Regal zu stellen, wird so etwas wie ein Spiced Rum, also eine Spirituose auf Rumbasis, die mit Früchten, Gewürzen, Aromastoffen und Zucker süffig gemacht wird, teilweise schon etwas herablassend betrachtet.

Aber was grenzt heutzutage einen Spiced Rum eigentlich noch wirklich ab? Viele der Premium-Rums, die sich bei den Händlern immer noch verkaufen wie geschnitten Brot, und die auf Plattformen wie Amazon bis heute als „die besten Rums der Welt“ rezensiert werden, unterscheiden sich, wenn man die Zusammensetzung anschaut, nicht von einem Spiced Rum. Zusatzstoffe wie Zucker, Aromate und Glycerin sind in als Rum deklarierten Produkten enthalten, ohne dass sie auf dem Etikett ausgewiesen werden würden oder müssten. Nicht zuletzt das etwas zweifelhafte Image des Spiced Rum als unanspruchsloses Gebräu, das Kenner nicht anrühren, sorgt dafür, dass die Hersteller der Hausrezept-Rums ungern die eigentlich korrekte Bezeichnung für ihr Produkt verwenden würden.

Um so erfreulicher, dass diese uralte Kategorie von Spirituosen nun einen neuen Zuwachs erfahren hat, der sich nicht dafür zu schade ist, offen zuzugeben, was er ist. Der Black Tears Cuban Spiced hat vor kurzem die Supermarktregale bei Edeka, Rewe und Co. gestürmt – ich habe zunächst gezögert, weil ich mir eigentlich derartige Spontankäufe abgewöhnen wollte, und nach ein paar kurzen Recherchen, die kaum ein echtes Ergebnis lieferten, ein paar Tage später dann doch zugegriffen; war es ein im nachhinein bereuter Kauf nur um diese Lücke zu füllen, oder taugt dieser Kubaner auch etwas?

Black Tears Cuban Spiced Flasche

Farbstoff ist natürlich mit von der Partie, das wäre auch fast schon ein Wunder bei einem Spiced Rum. Ein kräftiges Terracotta gibt schon einen Eindruck, dass hier kein leichtes, luftiges Aroma auf uns warten wird. Im Glas liegt der Black Tears ölig, mit einem schönen Beinschleier am Glasrand beim Schwenken.

Beim Riechen springt einen eine Komponente dieses Gewürzrums direkt an – Kaffee. Das passt natürlich zur Geschichte auf dem Rücketikett (siehe unten noch ein paar Worte dazu), die vom Großvater erzählt, der schon Rum und Kaffee miteinander vermischte. Vanille, Nougat, Zuckerwatte, geröstete Agave, etwas Mandarine – eine insgesamt geradezu extrem süße Note; dagegen kommt kaum etwas an rumtypischen Aromen an. Etwas Kleber im Hintergrund.

Im Mund kommen dann doch ein paar Column-Still-Rum-Charakteristika zum Vorschein – leichter Körper, etwas alkoholisch, milde Aromen. Cappuccino und dunkler Kakao sind im Geschmack entsprechend da, aber weniger dominierend als von der Nase her vermutet, Fruchtaromen kommen nach vorne, Orange und Erdbeeren. Er wirkt frisch und hell, und ist dadurch sehr süffig und trinkbar. Insgesamt bleibt der Black Tears aber aromatisch zurückhaltend, fast schon etwas arm. Alkoholisch versehen ist der Black Tears Spiced Rum mit 35%, eine Extraktmessung meinerseits hat einen Zuckergehalt von 13g/L ergeben – das ist für einen Spiced Rum ein akzeptabler Wert und weniger, als viele Premiumrums enthalten. Das Etikett spricht von 92% Rumanteil in dieser Spirituose, wenn der Zucker entsprechend draufkommt fragt man sich aber schon etwas, was der Rest sein mag, da Aromastoffe ja volumenmäßig nicht viel ausmachen können – es wird wohl Wasser sein, um die Rumbasis, die ja normalerweise mit mindestens 37,5% Alkohol hergestellt wird, auf die im Endprodukt enthaltenen 35% herabzusetzen.

Black Tears Cuban Spiced Glas

Der Abgang ist trotz all der Vorschusssüße recht trocken, etwas heiß, aber nicht unangenehm alkoholisch. Die Lebensdauer im Mund ist extrem kurz, selbst dabei aber beschränkt auf adstringierende und anästhesierende Effekte. Cappuccino klingt noch eine ganze Weile nach.

Was bleibt also? Wir haben hier einen leichten, trockenen Spiced Rum mit typisch kubanischen Eigenschaften in der Rumbasis, und einer Würzung und Süßung, die diese dankenswerter Weise nicht völlig überwältigt. Mir gefällt das, es ist weniger brachial und pappig als Captain Morgan Spiced Gold beispielsweise, aber auch nicht so eigenwillig wie der Meermaid Infused Rum, und hat einen gewissen eleganten Charme, so dass man ihn gewiss pur, eventuell auf Eis, als leichten Ausklang für einen Abend trinken kann, ohne überfordert zu werden. Keine echte Rumkunst, auch wenn das die Präsentation etwas insinuiert, aber ein solides Basisprodukt.

Tatsächlich wird er seine Hauptarbeit für mich aber in Cocktails leisten. Die interessante Aromenvariation hin zum Kaffee macht ihn gut einsetzbar für ungewöhnliche Twists auf gut bekannte Drinks, wobei nicht die Gefahr besteht, dass der Cocktail in eine völlig andere Richtung abdriftet. Beim Spiced Daiquiri nehme ich ein übliches 2:1:½-Rezept her, reduziere allerdings den Zucker etwas, um die Süße des Black Tears etwas auszugleichen; das Ergebnis ist sehr trinkbar und leicht, mit eben diesem kleinen dunklen Kaffeetwist.

Spiced Daiquiri


Spiced Daiquiri
2 oz Spiced Rum (z.B. Black Tears)
1 oz Limettensaft
1 Teelöffel weißer Zucker
Auf cracked ice gut schütteln. Nur grob abseihen und ohne Dekoration servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Versucht man, das Rücketikett, das im Pseudopostkartenstil in Pseudohandschrift eine Pseudolegende voller Schwafelei enthält, tatsächlich zu verstehen, wundert man sich dann aber doch über die unklare Reise, die dieses Produkt hinter sich hat. Destilliert auf Kuba, „hergestellt“ (was auch immer das nun bedeuten mag) in den Niederlanden für eine norwegische Firma, vertrieben durch eine deutsche Firma. Der Rum für den Black Tears stammt aus der Destillerie Paraíso Destilería im unter Rumkennern wohlbekannten Ort Sancti Spíritus auf Kuba; diese Destillerie vermarktet ihren Rum, wie es viele Destillerien dort tun, über ein Konglomerat mit dem weniger wohlklingenden Namen Tecnoazucar. Ein wahres Wunderwerk an Verflechtung und Vernetzung in der globalisierten Welt.

Nun, für 17€ macht man, wenn man eh auf diese Art von Rumspirituose steht, sicher nichts falsch, im Gegenteil – ich würde jedem Freund des Piratenkapitäns mit dem Fuß auf dem Fass raten, sich stattdessen einfach mal mit dem Black Tears Cuban Spiced anzufreunden, ich finde ihn interessanter und wirkungsvoller. Wer aber eh schon lieber trockene, teerige und esterige Pure Single Rums trinkt, und sich nicht von diesem Vorbild lösen kann oder will, wird dagegen kaum so richtig viel Freude empfinden werden.

Martini Riserva Speciale Ambrato Titel

Siegel, Untertitel und Geschmack – Martini Riserva Speciale Ambrato

Neulich im Fernsehen kam in einem dieser Verbrauchermagazine ein Test über italienische Balsamico-Essige. Ein Experte erklärte, dass man bei solchen lokal definierten Spezialitäten wie Aceto Balsamico di Modena nicht allein auf den Namen vertrauen darf, sondern Ausschau nach EU-Siegeln halten solle. Damit nicht genug, es gibt dabei auch zwei unterschiedliche, ein blau-gelbes IGP-Siegel, das aussagt, dass wenigstens ein Produktionsschritt bei der Herstellung in der entsprechenden Region stattfand, und ein gelb-rotes DOP-Siegel, das eine stärkere Aussagekraft hat, nämlich, dass das Produkt tatsächlich traditionell und komplett aus der Region kommt. Letzteres bedeutet natürlich einen höheren Qualitäts- und Traditionalitätsstandard und ist daher zu bevorzugen.

Bei dem heute hier vorgestellten Wermut können wir ein sehr ähnliches Phänomen betrachten. Der Martini Riserva Speciale Ambrato weist den Untertitel „Vermouth di Torino“ auf, was offiziell eigentlich „nur“ einer geschützten Herkunftsbezeichnung im Sinne des IGP-Siegels entspricht; der Hersteller produziert aber bereits jetzt im Stile des DOP-Siegels, komplett innerhalb der Region und mit Materialien komplett aus der Region. Eine Verschärfung der Gesetzeslage wird dies bald für alle Wermuts, die die Herkunftsangabe „di Torino“ haben wollen, erzwingen. Soviel zum legalesischen Hintergrund, was bringt uns das alles im Geschmacksbild?

Martini Riserva Speciale Ambrato Flasche

Heller, aber kräftiger Bernstein (kein Wunder beim Namen – „ambrato“ bedeutet „bernsteinfarben“) mit sonnenblumenfarbenen Reflexen lacht uns im Glas an. Erkennbar viskos mit dicken, langsam ablaufenden Beinen am Glas. Könnte die Farbe natürlich aus den verwendeten Tino-Eichenholzbottichen, in denen dieser Wermut reifte, stammen? Ich hoffe es mal.

Der Geruch ist ausgesprochen intensiv, süß und traubig. Würzige Untertöne nach wermuttypischen Gewürzen und Kräutern – drei davon wurden zur Herstellung genutzt (Wermutkraut, Pontischer Beifuß and Gemeiner Beifuß). Ich rieche noch Orangen und Rosinen, Birnen und Honig.

Der Martini Riserva Speciale Ambrato ist schwer und dicht im Mundgefühl und weist ein schönes Säure-Süße-Verhältnis auf. Zunächst wirkt er nur mildbitter; geschmacklich erkenne ich einen schönen Fruchtmix: Traubenmost, Orange, Grapefruit. Dazu Honig. Ich empfinde ihn als wunderbar komplex mit vielen Dimensionen. 18% Alkoholgehalt ist typisch für Wermut und wirkt gut eingebunden ohne Störeffekte.

Martini Riserva Speciale Ambrato Glas

Der Abgang schließlich: Zunächst sehr trocken, dann sehr bitter und mildsauer. Ganz stark kommt nach einer Weile noch Grapefruit hervor. Lang, für einen Wermut würde ich sogar sagen: sehr lang. Leicht adstringierend.

Das kann man sehr schön pur trinken, oder als Wermut-Tonic (wie auf dem Rücketikett mit Rezept angegeben) oder sogar Wermut-Soda. Die Tiefe dieses Wermuts allerdings macht ihn natürlich aber auch zu einer perfekten Cocktailzutat – durch seine Mischcharakteristik kann er sowohl als roter als auch als weißer Wermut (solange nicht explizit ein „trockener“ Wermut verlangt wird) eingesetzt werden. Im Little Eve spielt der Martini Riserva Speciale Ambrato eine wichtige Rolle – wie eigentlich aber alle Zutaten, die die Person, nach der er benannt ist, in Spirituosenform beschreiben.

Little Eve


Little Eve
1½ oz Fino Sherry (z.B. Sandeman Fino)
1 oz Tequila Blanco (z.B. Patrón Blanco)
¾ oz süßer, weißer Wermut (z.B. Martini Riserva Speciale Ambrato)
1 Spritzer Lavendelsirup
2 Spritzer The Bitter Truth Drops & Dashes Blossom
Auf Eis rühren und in einem Glas servieren, das vorher mit Kirschwasser ausgespült wurde.
Ohne Dekoration servieren.

[Rezept nach Helmut Barro]


Die Flasche ist eine einfache Weinflasche, das Etikett dagegen üppig und spricht den aktuellen Trend zu opulenten Etikettendesigns an. Rund 15€ bezahlt man für eine Dreiviertelliterflasche aktuell in Supermärkten, die Marktmacht der Martini-Marke sorgt für eine gute Durchdringung in der Fläche, so dass man diesen Wermut nicht mühsam suchen muss. Aus der selben Reihe gibt es noch einen weiteren Wermut, den „Rubino“ – nach der sehr positiven Erfahrung, die ich mit dem Riserva Speciale Ambrato gemacht habe, kommt mir dieser sicherlich auch noch bald ins Haus, oder genauer gesagt: in den Kühlschrank. Wie immer bei Wermut weise ich damit auf die begrenzte Haltbarkeit hin. Idealerweise versiegelt man ihn noch mit Schutzgas oder Weinpumpe, und, das beste Mittel gegen Verfall, man sollte ihn schnell aufbrauchen. Letzteres fällt zumindest mir nicht wirklich schwer.

Tausendsassa, Trainingslager und Innis&Gunn Lager Titel

Lagerkoller – Raschhofer Tausendsassa Lager, Mashsee Trainingslager und Innis & Gunn Lager Beer

Es gibt da in Großbritannien einen Zeitungs-Comicstrip, den ich sehr mag. „Andy Capp“ heißt er, und er handelt von einem Tunichtgut, der Arbeit scheut wie der Teufel das Weihwasser, der einen Großteil seiner Zeit im örtlichen Pub verbringt und dabei ein Bitter nach dem nächsten trinkt, Billard spielt und junge Mädels anbaggert. Er ist gleichzeitig passionierter Fußball- und Rugbyspieler (vor dessen ultraharter Spielweise sich alle Gegenspieler fürchten), und Meister darin, seiner Frau Flo ihre hartverdienten Kröten aus der Handtasche zu stibitzen, um jene dann zu versaufen. Eine herrliche Karikatur auf die britische Unterschicht, immer liebevoll und zum Totlachen.

Andy Capp

Auch wenn man sonst mit Andy kaum etwas gemein zu haben denkt, so kriegt der geneigte Bierfreund doch manchmal auch so einen kleinen Lagerkoller, und muss das Haus verlassen und ein Bierchen trinken, so wie Mr Capp das regelmäßig tut. Wir haben nun, um dem schlimmsten Durst zu entgehen und mal einen anderen Bierstil auszuprobieren, hier einen kleinen Trip durch Europa vor uns – beginnend in Österreich arbeiten wir uns nach Norddeutschland vor, um in Schottland zu enden; aus diesen Ländern wollen wir je ein Lagerbier probieren. Die vorgestellten Biere sind also in dieser Reihenfolge das Raschhofer Tausendsassa Lager, das Mashsee Trainingslager und das Innis & Gunn Lager Beer.

Tausendsassa, Trainingslager und Innis&Gunn Lager Flaschen

Mein erster Kontak zu den österreichischen Raschhofer-Bieren war der Kalea-Adventskalender 2015; dort gefiel mir das Lebenskünstler Witbier dieses Herstellers eigentlich recht gut, und so musste ich nicht lang überlegen, als ich in der recht gut ausgestatteten Bierabteilung meines lokalen Galeria Kaufhof das Raschhofer Tausendsassa Lager stehen sah.

Optisch überzeugt es mich zunächst nicht übermäßig – blass von der Farbe her, stark und großblasig schäumend beim Eingießen, wonach der Schaum dann schnell fast komplett weg ist, mittelstarke Perlage. Ein sehr stark metallischer Geruch ist ebensowenig attraktiv, die etwas zitronige Beinote kann noch das schlimmste abwenden. Leicht hefig wirkt es.

Raschhofer Tausendsassa Lager

Im Mund ändert sich der grundsätzliche Eindruck dann kaum noch. Frisch und rezent, ohne Frage, und leicht süß im Antrunk. Dann aber etwas zu hefig im Hauptgeschmack, trotz einer gewissen Malzigkeit ein zu dünner Körper, und leicht kratzig und störend eckig im Mundgefühl. In Kombination mit der stark Karbonisierung wirkt das Tausendsassa unrund und unruhig. Im Abgang finde ich dann einiges an Eukalyptus, es ist gefällig minzig im Nachhall. Mildtrocken, mittellang.

Die Daten im Abriss: 5,1% Alkoholgehalt, Hopfen: Taurus und Malling, Malz: Pilsner. Das Raschhofer Tausendsassa Lager lässt mich, noch optimistisch formuliert, etwas unbeeindruckt zurück. Ein guter Durstlöscher, aber nichts, was im Gedächtnis bleibt.

Gehen wir daher direkt zum nächsten Verkostungskandidaten über, dem Mashsee Trainingslager. Ich bin ja immer etwas skeptisch, wenn Biere sich so Gags als Namen zulegen; das nutzt sich einerseits schnell ab, und andererseits erwartet man dann etwas besonderes im Glas, das einer so flippigen Namensgebung gerecht wird. Schafft das dieses Bier aus Hannover? Es ist zumindest schonmal spannend anzuschauen – dunkel für das, was wir sonst als Lager kennen, mit deutlicher Trübung, feiner Perlage, und stabilem, gemischtporigen Schaum.

Mashsee Trainingslager

Auch der Geruch ist erstmal sortenuntypisch, nach meiner Erfahrung: Sehr hopfig, zitrusfruchtig, vielleicht ein Hauch von Rauch. Bisher würde ich es für ein IPA halten. Und auch im Mund bleibt das Trainingslager extrem hopfig. Kantig-bitter, dabei deutliche Süße zum Ausgleich. Toll cremig und dicht im Mundgefühl. Schöne Rezenz, aber nur mäßig erfrischend.

Der Abgang ist schließlich sehr kurz, malzig und dabei noch deftig bitter. Im Nachklang scheint es erneut mehr „ale-ig“ als typisch „lager-ig“ zu sein: sehr trocken und adstringierend. Besonders hier erkennt man aber dann doch noch den Lagercharakter – die Klarheit, die Sauberkeit im Abgang, die viele untergärige Lagerbiere auszeichnet. Erst hier unterscheidet es sich deutlich von einem IPA. Ende gut, alles gut, möchte man den Lagerfreunden zurufen.

Bei diesem Bier stellt man sich erstmals die Frage – was ist hier der Unterschied zwischen Lager und IPA? Klar, ersteres ist untergärig, zweiteres obergärig, doch wie man hier sieht, muss die Vertikale die Bierwelt wenigstens geschmacklich nicht in zwei Hälften teilen. 5,5% Alkohol, 36 IBU, 33cl für 2€ sind noch die harten Fakten. Mir gefällt das Mashsee Trainingslager sehr, es ist eine schöne Mischung aus dem, was man von einem Lager erwartet, und dem, was man von einem IPA erwartet. Sehr trinkbar und ohne Allüren.

Womit wir direkt und ohne Umschweife zum letzten Kandidaten dieser Runde kommen, dem Innis & Gunn Lager Beer aus Schottland. Während hier der Name noch sehr bodenständig, fast schon einfallslos ist (so flatterhaft sind wir Rezensenten! Erst flippige Namen anmeckern, dann unflippige Namen anmeckern!), macht das Etikett und die typische I&G-Flaschenform eine sehr gute Figur.

Innis & Gunn Lager Beer

Wie schon beim Vorvorgänger empfinde ich den Geruch als extrem metallisch und etwas hefig. Da ist nur eine leichte Hopfennote, sowie ein Anflug von Malz. Im Antrunk fühle ich mich an meine Pils-Verkostungsreihe zurückversetzt. Feinherb, mildbitter, ja, das könnte ich für ein Pils halten. Sehr rezent, aber cremig im Mundgefühl. Das Metall überträgt sich auch in den Mund, wie ein Stahlnagel wirkt das, in dieser extremen Form habe ich das selten erlebt, obwohl ich den Eindruck von anderen Bieren, insbesondere oft bei Bockbier, kenne. Bock ist es allerdings definitiv keiner, bei 4,6% Alkohol. Lässt man das Bier etwas wärmer werden, kommt eine sehr schöne malzige Note zum Vorschein, die das Metall etwas abmildert.

Der Abgang allerdings ist dann doch süßer, als es der Antrunk vermuten läst. Nur eine dezente Bittere, milde Trockenheit, kaum eine Kante. Insgesamt ist der Abgang aber lang und sehr befriedigend, mit viel Malz und etwas Hopfenzitrus. Besonders am Innis & Gunn Lager ist, dass Hafer („naked golden oats“) enthalten ist.

Das oben schon angesprochene hübsche Flaschen- und Etikettendesign ist für mich leider im Fazit auch schon das spannendste am Bier. Etwas langweilig und undefiniert, geht unter in der Masse der erhältlichen Lagerbiere, vor allem, wenn man den Preisfaktor (3€ für 330ml) mit einberechnet.

Viele moderne Lagerbiere protzen nicht gerade mit Aromen, und sind für mich daher auch in Cocktails eher zweite Wahl. Manche Rezepte allerdings brauchen Bier nicht wegen des Aromas, sondern für die Bittere und die Kohlensäure – die Californian Michelada wäre ein Beispiel dafür, dass man selbst mit auf sich gestellt nur mäßig begeisterndem Bier noch einen tollen, hocharomatischen und unterhaltsamen Cocktail mischen kann.

Californian Michelada


Californian Michelada
½ oz Limettensaft
2 Tropfen Tabasco-Sauce
2 Spritzer Worcestershire-Sauce
1 Prise schwarzer Pfeffer
1 Prise Selleriesalz
Alle Zutaten umrühren. Dann mit hellem, leichten Bier aufgießen
(z.B. Raschhofer Tausendsassa)

In einem Glas mit feiner Salz-Cayennepfeffer-Kruste und einer Limettenspalte servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Was ziehe ich als Fazit aus dieser kleinen Testrunde? Mir gefällt das Lager, das aufgrund seiner Aromatik etwas aus der Reihe tanzt, am besten. Nachdem ich in der Zwischenzeit noch ein paar unterschiedliche bayerische „Helle“, die auch in die Kategorie Lager fallen, und weitere Sorten probiert habe, stelle ich einfach fest, dass dieser Bierstil für mich nur zum reinen Durststillen dienen kann. Das ist natürlich für mich, der einen Blog mit dem Namen „schlimmerdurst“ betreibt, schon eine ehrenwerte Aufgabe für sich – doch so richtig befriedigen kann ein klassisches Lager den Bedarf nach feinem, gut schmeckenden und vielleicht sogar überraschenden Bier einfach nicht, und so halte ich mich in Zukunft lieber an andere Stile, die das besser tun.