Spirits Selection 2017 Chile Titel

Chi chi chi, le le le! Viva Chile! Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Chile 2017

Der Sommer 2017 war ein sehr aufregender für mich – ich wurde mit einer Einladung geehrt, als eines von 66 Jurymitgliedern aus aller Welt am renommierten Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles teilzunehmen. Wie man schon am Ceacheí im Titel erkennen kann, war das diesjährige Gastland das südamerikanische Chile.

2017 fand der global herumreisende Wettbewerb nun also mit mir als kleinem Seitenakteur in La Serena, der viertgrößten Stadtagglomeration Chiles, statt. Man mag sich ausmalen, dass bereits die Anreise ein Abenteuer für sich war: 8700 Kilometer nach Dallas/Texas, um dort umzusteigen, dann weitere 8300 Kilometer nach Santiago de Chile, und ein letzter Inlandsanschlussflug dann nach La Serena. Knapp 40 Stunden dauerte diese Reise, die mich von Europa, über das Überfliegen der Südspitze Grönlands bis tief in die Südhalbkugel unserer Erde führte. Eine Weltreise, die ich dank des freundlichen Personals von American Airlines gut überstand.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Chile 2017 Reise LandkarteNun will ich keinen Reisebericht über Chile schreiben, obwohl das Land mich vom ersten Moment an bezaubert hat. Wer die Chance hat, es zu besuchen, sollte es auf jeden Fall tun, insbesondere, wenn man sich für atemberaubende Natur begeistern kann – Chile hat ein Längen-Breitenverhältnis von 21:1, und entsprechend findet man hier von der trockensten Wüste der Welt im Norden bis zum gemäßigten Regenwald im Süden alles; darüber hinaus weist Chile die klarste Luft der Welt auf, was sich in vielen Sternenobservatorien äußert (leider erwischten wir bei unserem Besuch bei einem solchen den einzigen bewölkten Tag des Jahres). Die Menschen, nur 23 von ihnen pro Quadratkilometer,  sind freundlich, zurückhaltend, gleichzeitig stolz auf ihr Land und seine Produkte.

Eines dieser Produkte ist Pisco. Entsprechend der Verortung in Chile hatte Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles natürlich auch ein besonderes Augenmerk auf diesen Weinbrand gelegt. Am ersten Abend des Wettbewerbs konnten eine Vielzahl der Hersteller an einer Soirée ihre Brände präsentieren, und die beeindruckende Spannbreite darlegen, die der chilenische Pisco aufzuweisen hat. Cocktails mit Pisco, chilenische Snacks (zum Beispiel herausragende chilenische Empanadas mit Meeresfruchtfüllung), viele Reden der lokalen Orts- und Verbandsvorsteher und der Versuch, ein paar der anderen Juroren kennenzulernen, sorgten dafür, dass kaum Jetlag bei mir entstehen konnte, bevor ich dann doch erschöpft im Hotel Club La Serena, nur wenige Schritte vom Strand des Pazifik entfernt, ins Bett fallen konnte. Der Pazifik sorgte dann für eine sehr angenehme Geräuschkulisse über Nacht, und der Ausblick morgens vom Balkon des Zimmers im siebten Stock für sofortige gute Laune.

Blick auf den Pazifik vom Balkon des Hotelzimmers in La Serena

Die Kommunikation begann am nächsten Morgen, beim Frühstück, der wichtigsten Mahlzeit eines Spirituosentesters, wenn man bereits um 09:00 morgens mit dem Verkosten beginnen soll. Eine gute Basis legen ist Pflicht, selbst wenn die Samples, die man vorgesetzt bekommt, natürlich nicht vollkonsumiert werden, sondern nach der ausführlichen Geschmacksprobe in einem Cuspidor landen – vulgo Spucknapf. Bei der durchschnittlichen Menge von 35 Spirituosen, die es pro Tag zu bewerten galt, ist das auch nicht anders möglich. Für mich ein kleiner Mangel, denn das Rachen- und Nachhallgefühl, das erst durch das Schlucken eines Getränks entsteht, entgeht einem dabei natürlich.

Spirits Selection Umhänger

66 Juroren waren also angereist, aus 22 Ländern. Diese wurden dann in kleinere Gruppen von je 6 aufgeteilt, die sich jeweils gemeinsam über dieselben Proben hermachen sollten. Zu Beginn jedes Verkostungstags fand noch eine sogenannte Kalibrierung statt, in der eine einzelne Probe dazu dient, ein gemeinsames Gefühl über Qualität in der jeweiligen Gruppe zu erzeugen. Das Vorgehen des Verkostens selbst ist einfach – auf einer numerischen Skala galt es, jeder blind servierten Probe (selbst im Nachhinein erfährt der Verkoster nicht, was er da im Glas hatte) einen Wert bezüglich Farbe, Geruch, Geschmack und Gesamteindruck zu verpassen; die Einzelwerte werden summiert und ergeben somit einen Gesamtwert auf einer Skala von 1 bis 100. Die 6 Bewertungsbögen wurden dann eingesammelt, und die Wertungen nach dem Winsorizing-Verfahren von Extremwerten bereinigt – dies verhindert, dass einzelne Werter eine Spirituose übermäßig anheben oder extrem abwerten können. Der entstandene Durchschnittswert der 6 Juryteilnehmer wurde im Anschluss gemeinsam in der Gruppe besprochen.

Spirits Selection Chile 2017 Jury 2 Gruppenfoto

Der letzte Schritt bestand darin, den besonders gut bewerteten Spirituosen dann Medaillen zu vergeben – Silber, Gold und Grand Gold standen dabei zur Verfügung. Nur wenn ein jeweils bestimmter Schwellwert überschritten wurde, konnten diese Medaillen zugewiesen werden, doch jeder Juror konnte natürlich in einem demokratischen Mehrheitsverfahren seine Meinung äußern. Nur einmal war die Diskussion etwas komplizierter, weil die Geschmäcker über ein Sample zwischen „keine Medaille“ und „Grand Gold“ schwankten. Da ist dann der Präsident des Tischs gefordert, einen Konsens herbeizuführen. Dieser Präsident ist immer ein erfahrener Veteran des Wettbewerbs, der sein Wissen und Können bereits mehrfach unter Beweis gestellt hat, und entsprechend eine gewisse Autorität darstellt.

Spirits Selection 2017 Chile Urkunde

Der Prozess liest sich insgesamt recht einfach, doch ich gebe gern zu, dass ich zu Beginn meine Schwierigkeiten damit hatte. 1140 Spirituosen sollten in toto bewertet werden, das bedeutet grob über 100 für unsere Gruppe, aufgeteilt auf 3 Tage. Dass dabei nicht wirklich viel Zeit bleibt, jede Nuance eines Brands auszuschnüffeln und herauszukitzeln, ist selbstredend – man hat als Taster kaum Muße, sich einem Produkt wirklich hinzugeben und es in Breite und Tiefe zu würdigen. Nein, man muss fokussiert bei der Sache sein, sich extrem auf den eigenen Gaumen konzentrieren, sich nicht ablenken lassen und streng mit sich selbst sein. Es geht schließlich nicht darum, detaillierte Tasting Notes zu verfassen, sondern um eine Einordnung. Gerade zu Beginn fiel mir das schwer, doch dank der großartigen Mitstreiter am Tisch lernt man schnell, sich in den entsprechenden Flow zu begeben und dort zu versinken. Vielen Dank für Eure Kollegialität, José Rafael Arango Ordóñez (Kolumbien), Jesús Bernad (Spanien), Bruno Sanfilippo (Frankreich), Bruno Pilzer (Italien) und Felipe Rojas Bruna (Chile)!

Verkostung Spirits Selection Chile 2017

Zum ersten Mal beim Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles präsentierten die Organisatoren ein Buch, das Hinweise für alle Spirituosengattungen, die am Wettbewerb teilnahmen, klar verständlich darlegte. Was sind sortentypische Geschmäcker und Aromen, was sind Fehltöne, worauf muss man achten, was ist ein Zeichen von Qualität und was könnte auf einen Mangel hindeuten? Welche Varianten gibt es, und wie unterscheidet man sie? Eine sehr wertvolle Ressource, insbesondere, da es soviele verschiedene Gattungen zu bewerten galt. Auf meinem Zettel beispielsweise stand am Ende Tequila Blanco, Mezcal Añejo, Baijiu, Armagnac hors d‘âge, Cognac VS, Cognac XO, Contemporary Style Gin, Bitter, weißer Rhum Agricole, leicht gereifter Rhum Agricole, Cachaça Armazenada Jequitibá, gereifter Melasse-Rum, mit Banane und Passionsfrucht aromatisierter Rum, Anisette und Wermut. Damit kenne ich mich zwar größtenteils aus, doch in manchen dieser Kategorien war ich für entsprechende Hinweise aus dem Buch dennoch sehr dankbar.

Spirits Selection 2017 Chile Handbuch

Ein zweites Problem für mich, der ich in meinen Artikeln nie eine Note oder absolute Zahl als Bewertung vergebe, ist die Einordnung in eine Skala. Ich glaube nicht daran, den Wert oder die Bedeutung einer Spirituose in Zahlen messen zu können; ich beschied mich am Ende darin, und sah das Vorgehen als Mittel zum Zweck an, eine gemeinsame Basis für die Medaillenvergabe, die der eigentliche Sinn des Wettbewerbs ist, zu finden. Tatsächlich war es spannend zu beobachten, wie ähnlich sich viele Bewertungsbögen, in die ich ab und an kiebitzte, waren – in der Gruppe, in der ich mich befand, waren wir sehr oft auf einer Wellenlänge, was die Beurteilung anging, nur ab und zu gab es deutliche Abweichungen. Ein gutes Zeichen, würde ich sagen!

Spirits Selection 2017 Chile Verkostungssaal

Nach der Verkostung am Vormittag (4 Stunden wirklich anstrengende Arbeit!), war der Nachmittag der Rekreation gewidmet. Die Organisatoren des Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles hatten sich alle Mühe gegeben, uns den Aufenthalt in Chile mit einem üppigen Rahmenprogramm zu versüßen. Ausflüge zu Destillerien (zum Beispiel zu Pisco Bauzá, oder in die Pisco-„Fabrik“ der Capel-Kooperative, über beide werde ich separate Artikel verfassen), oder naturnäher in das Valle de Elqui und in das dank einiger Monate üppigen Regens ungewohnt grüne und blühende Valle del Limarí, immer verbunden mit entsprechenden Empfängen der lokalen Politik und dazugehörigen Dinnern und Lunches, waren höchst beeindruckend. Besonders möchte ich hierbei unserem Tour Guide Marcelo Valenzuela danken, der mit viel Humor und noch mehr Wissen über Chile diese Touren für mich persönlich unglaublich wertvoll und unvergesslich machte.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Chile 2017 Folklore Chile TanzIch habe bei dieser Reise so viel gelernt, dass ich es kaum verarbeiten kann. Das wunderbare Chile spielte seine Rolle als Gastgeber mehr als perfekt, es empfing uns mit offenen Armen und viel Herz. Die Organisatoren des Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles haben es geschafft, die Abläufe des Spirituosenwettbewerbs flüssig und wie ein Uhrwerk zu timen, und uns Juroren dabei noch großartig zu unterhalten. Und schließlich habe ich eine Menge von außergewöhnlichen Menschen kennenlernen dürfen, deren Wissen und teilweise jahrzehntelange Erfahrung über Spirituosen mich doch etwas demütig gemacht hat, die aber gleichzeitig nie arrogant oder abgehoben waren, sondern aufgeschlossen, hilfsbereit und freundlich. Ich glaube, dass ich sogar ein paar davon als Freunde gewonnen habe.

Spirits Selection 2017 Chile Gruppenfoto

Am Ende der Veranstaltung wurde dann der Austragungsort des nächsten Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles bekanntgegeben – Plovdiv, Bulgarien. Sollte ich auch 2018 eingeladen werden, an diesem spannenden Wettbewerb teilnehmen zu dürfen, werde ich ohne darüber nachdenken zu müssen zusagen. Sollte es nicht klappen, wünsche ich meinem Nachfolger, dass er oder sie mindestens so viel Spaß und Erkenntnisgewinn aus dieser Veranstaltung ziehen kann wie ich. Ich für meinen Teil danke den Organisatoren für die Einladung ganz herzlich und wünsche viel Glück und Erfolg für Plovdiv 2018.

Alles Gute geht zuende, und auch der Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles in Chile war nach 5 verrückten, spannenden, lehrreichen und anstrengenden Tagen vorbei. Die Rückreise, erneut um die 40 Stunden, erneut um die 17500 Kilometer, führte mich dann via Dallas über den Tropensturm „Harvey“, der Südtexas mit Überflutungen überzog, hinweg, wieder nach Saarbrücken, wo bereits das nächste Flugzeug auf mich wartete, um mich nach Kreta zu bringen. Doch das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

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Brewbaker Berliner Handwerksbrauerei Titel

Ick freu mir wie Bolle über Jeschenke – Brewbaker Berliner Blut, Berliner Nacht und Berliner Art

Wir Blogger tauschen uns gerne aus über unsere Themengebiete. Ich habe Alice Wunder vom Blog meinedrogenpolitik als fachkundigen und unterhaltsamen Gegenpart in vielen Diskussionen kennengelernt, und einmal einen Artikel auf jenem Blog als Gastbeitrag veröffentlicht. Die „Entlohnung“ dafür, eigentlich mehr ein kleines Freundschaftsgeschenk,  waren 3 Flaschen Berliner Craftbieres, die ich hier nun besprechen will. Im Sinne der Bloggerpartnerschaft gebe ich allerdings die Ehre der Einleitung nun an Alice Wunder weiter.

Brewbaker Craftbeer begegnete mir zum ersten mal bei einem Besuch in der Arminius-Markthalle vor fünf oder sechs Jahren. Dort standen die Braukessel von Brewbaker und es gab vom Faß Berliner Nacht, ein Imperial Stout. Ich hatte beiläufig vom Trend des handwerklichen Brauens gelesen, aber darüber hinaus keine Ahnung, was an einem Stout besonders kaiserlich sein sollte. Aber ich mochte britisches Schwarzbier ab und zu mal gern, beim Irlandurlaub hatte ich gelernt, daß Stout eine schöne Abwechslung sein kann, um die Zeit zwischen Tee und erstem Whiskey zu überbrücken. Das Berliner Imperial Stout aber war für mich ein Erweckungserlebnis, das könnte ich gerne jeden Tag trinken und dafür lebenslang auf Schwarztee und Whiskey verzichten. Bitter, teerig, staubtrocken und dabei samtig, sahnig und sättigend, wie ein Getreidemüsli. Und schnell auf nüchternen Magen weggezischt, macht ein halbes Glas dank 9% Alkohol weiche Knie im Sitzen.
Beim Trinken erhielt ich noch eine kurze Einführung in Bierkultur. Ich war Michael Schwab, einem Braumeister auf Heimatsuche, begegnet. Die eigenen Kessel sind des Brauers Heiligtum, leidenschaftlich schimpfte er auf Großindustrie und verächtlich blickte er auf Kuckucksbrauer herab. Inzwischen weiß ich auch warum: Der Herr über die Brauerei bestimmt die Hefe. Wer als Gast braut, darf Körner und Bitterkräuter mitbringen, soviel er will, aber niemals den heimischen Hefestamm durch fremde Kulturen infizieren. Früher, als jedes Dorf seine Brauerei und jede Brauerei ihren Hefestamm hatte, schmeckte jedes Bier individuell. Die heutigen Großbrauereien, die ihre Kulturen aus zentralen Zuchten beziehen, sind damit Verbreiter der Eintönigkeit. Die Eigenständigkeit aber hat ihren Preis. Die eigene Brauerei, inzwischen ein paar Straßen weiter in eigener Halle, erzeugt keine großen Mengen, aber macht viel Arbeit. Da blieb auch nicht viel Zeit, sich mit geschicktem Marketing auf der anrollenden Craftbeer-Welle zu positionieren.
Brewbaker ist ein wenig ein Geheimtipp geblieben, wenn frische Ware beim Dealer in der Nachbarschaft eintrifft, sind die Kisten schnell leergekauft. Denn ich – und etliche andere Moabiter – halten Brewbaker für eine der besseren Handwerksbrauereien in Deutschland. Die Produkte haben einen unverwechselbaren Charakter, immer sehr herb, sozusagen bierernst, im Gegensatz zu fast schon frivol fruchtigen, amerikanischen Ales. Aber genauso hochwertig und komplex. Ich würde sagen, Brewbaker-Biere schmecken immer sehr deutsch, man kann die meisten Kreationen auch in einem Haushalt mit Kindern offen herumstehen lassen, ohne den Jugendschutz zu vernachlässigen. Die stärkeren Biere schmecken mir besser, denn sie haben ein Fundament, das den Hopfenangriff abfedert. Damit entlarve ich mich als Laie und reiner Genußtrinker, denn überregionales Lob bekam Brewbaker für seine Berliner Weisse, ein beeindruckendes Bier, das aber für mich ganz klar zu sauer und zu schwach ist.

 

Danke, Alice Wunder, sowohl für das Bier als auch die einleitenden Worte. Nun aber zügig ans Eingemachte! Wir haben schließlich was vor heute – Brewbaker Berliner Blut Double Smoked Red Ale, das schon von Alice Wunder angesprochene Berliner Nacht Imperial Stout und das Berliner Art Double IPA wollen verkostet werden!

Brewbaker Berliner Blut, Berliner Nacht und Berliner Art

Wir beginnen die Verkostung mit dem, was mir vom Namen und Bierstil her am meisten Spannung versprach – dem Berliner Blut. Dabei handelt es sich um ein Double Smoked Red Ale mit 9% Alkoholgehalt und üppigen 50 Bittereinheiten. Uns begrüßt nach dem Eingießen ein superfeiner Schaum, der eine lange Ausdauer aufweist. Man sieht die namensgebende schöne rotbraune Farbe, die nach einem Schwall Satz am Ende (ich gehe davon aus, dass es sich um Hefe handelt) fast völlig blickdicht ist, und in der man die leichte Perlage schön erkennen kann.

Spannend geht es in der Nase weiter – ein wilder Mix aus scheinbar nicht zusammenpassenden Aromen von Zitrone, Hefe, Essig und Ketchup wird ergänzt durch einen hintergründigen Rauchanklang.

Brewbaker Berliner Blut Double Smoked Red Ale

Hm, das gefällt schonmal soweit, doch der wahre Woweffekt tritt dann erst beim ersten Schluck auf, da ist eine Überraschung vorprogrammiert. „Sehr rauchig“ fällt mir als erster Eindruck ein, nicht arg viel weniger salzig, speckig, essigsauer, würzig, bitter, trocken. Da gibt es richtig viel zu entdecken, eine Wohltat bei Bier, das sich sonst eher möglichst massengenehm präsentiert. Dazu kommt eine hintergründige Süße, die in Kombination mit den Voreindrücken dafür sorgt, dass das Berliner Blut sehr komplex und vielschichtig wirkt. Vollmundig, cremig im Mundgefühl, und dabei doch sehr rezent.

Im mittellangen Abgang wird es dann noch extrem trocken, rauchig, holzig, würzig. Man merkt, es gefällt mir: Ein superspannendes Bier, endlich mal wieder eins, das mich nach viel mäßig begeisterndem Zeug, das ich in letzter Zeit im Glas hatte, tatsächlich überrascht hat.

Ich hoffe ja, dass Brewbaker auf diesem sehr hohen Startniveau weitermachen kann. Drum gehe ich mit großen Erwartungen zum nächsten Bier über, dem Berliner Nacht, einem Imperial Stout mit 9% Alkoholgehalt.

Auch hier sehe ich zunächst die tolle Schaumentwicklung. Sehr dunkler Schaum, feinporig. Vollkommen blickdicht („nachtschwarz“ steht auf dem Etikett, das passt, genauso wie der Name Berliner Nacht). Leichte, sehr langsame Perlage, man kann die Perlen gemütlich aufsteigen sehen. Süßwürzig ist es vom Geruch her. Sehr fruchtig, nach Ananas und Papaya. Stiltypisch dann natürlich Cappucino, Kakao und Röstmalz. Unterschwellig Süßholz und etwas milder Speck. Ein Hauch von Rauch.

Brewbaker Berliner Nacht Imperial Stout

Im Mund ist der rauchige Geschmack im Antrunk dann deutlicher. Und für ein Imperial Stout kommt eine höchstüberraschende, ausgesprochen starke Zitronensäure dazu, die das Bier sehr rezent und frisch macht, wenn auch vielleicht etwas stiluntypisch ist. Diese extreme Säure überdeckt auch sonst beinahe alles andere, was an Aromatik vorhanden ist, und drückt die eher zu erwarteneden Aromen in den Abgang. Immerhin schafft sie es nicht, das cremige Mundgefühl zu plätten. Jener Abgang ist sehr trocken, bitter (50 IBU sind eine Hausnummer) und immer noch kräftig sauer, doch man erahnt nun wenigstens die Röstaromen. Ein Hauch Kokosfleisch fliegt am Ende noch mit durch die Nacht.

Erneut: Sehr überraschend. Dabei bin ich nicht ganz so enthusiastisch wie beim Vorgänger; diese superpräsente Zitronigkeit wirkt überwältigend und unausgewogen. Schade, dass die sehr komplexe Nase sich nicht ins Bier transportiert.

Aller guten Dinge sind drei, und Brewbaker hat daher auch noch ein Double IPA, wie schon beide anderen Biere auch mit 9% Alkohol eingebraut, im Angebot. Das Berliner Art weist auf dem Etikett die höchst erstaunliche Angabe von 120 IBU auf, das ist schon etwas Angeberei, jeden IBU-Wert, der über 100 ist, sollte man mit einem gewissen Zweifel betrachten.

Brewbaker Berliner Art Double IPA

Noch deutlicher als zuvor ist hier die extreme Schaumentwicklung, nach Ziehen des Kronkorkens quillt es schon über; beim Eingießen ins Glas bestand der erste Schuss rein aus Schaum, mit entsprechender Vorsicht ist dieses Bier zu behandeln. Immerhin: Superüppiger, großblasiger Schaum. Starke Perlage. Farblich dunkles Gold, mit deutlicher Trübung.

Ich rieche ihn in letzter Zeit bei Bier häufig, diesen metallischen Geruch. Hier ist er dominant, begleitet, von Grapefruitschale, Zitrone und Banane. Ein erster Schluck aus dem Glas, in dem die Flasche wegen des Schaums noch nicht komplett eingegossen war: Sehr sauer, extrem sauer eigentlich schon, Limette, Grapefruit. Gießt man den Rest der Flasche, insbesondere den Bodensatz, noch ein, mildert sich das ganze. Das Mundgefühl ist nun cremig und weich, die extreme Säure wird durch einen vollen, süßlichen Körper ersetzt. Die Aromen von Grapefruit und Limette sind noch da, werden aber durch Bananengeschmack und Kümmelnoten aufgefangen. Leicht rauchige Noten. Für manche bitteren Biere wird empfohlen, den Bodensatz nicht einzugießen; bei diesem Bier muss es definitiv sein.

Der Abgang ist sehr lang, sehr trocken, superbitter, stark adstringierend. Der Kümmel kommt stärker vor. Auf dem Etikett steht: „Ein Bier wie Berlin: Es ist großmäulig. Laut. Direkt. Intensiv.“, gefolgt von anderen mehr oder wenig schmeichelhaften Adjektiven, die die Intensität des und der Berliner Art ausdrücken sollen. Es passt irgendwie.

Was halte ich als Fazit für alle drei Biere fest? Das ist verdammt spannendes Zeug. In einer Zeit, in der selbst viele selbsternannte Craft-Biere sich dem Massengeschmack annähern, braucht es so mutige, unkonventionelle und vielleicht auch gewöhnungsbedürftige Produkte wie die von Brewbaker. Dass sie neben dem tollen Geschmackserlebnis noch witzig, aber nicht überdreht aufgemacht sind, und zu guter letzt sogar noch ein Biosiegel tragen, krönt das Ganze. Alice Wunder, ich will mehr davon.

The Alpinist Swiss Premium Dry Gin Titel

Trockene Verordnungen und trockener Gin – The Alpinist Swiss Premium Dry Gin

Eines meiner Lieblingsthemen im Spirituosenbereich sind Gesetzesvorgaben und Kategorienbeschreibungen. Ich habe mich in den letzten Jahren sehr ausgiebig mit EU-Verordnungen und Landesvorgaben für regionale Spezialitäten auseinandergesetzt, ein Gebiet voller Tretminen und Fallgruben. Was einem dabei sehr schnell auffällt – das Wissen um gesetzliche Vorgaben wie auch um historische, regionale und produktspezifische Gegebenheiten, die man mit diesen Gesetzen schützen will, ist nur wenig verbreitet. Selbst unter den Herstellern scheint es nur wenig Interesse daran zu geben, sich dahingehend weiterzubilden, und unter den Konsumenten, selbst den Experten, ist viel Halbwissen vorhanden, das mit gern von den Herstellern gestreuten Legenden und Pseudofakten gewürzt ein wildes Gemisch an Fehlinformation ergibt, das schnell ein Eigenleben annimmt und sich dann in sozialen Medien verselbständigt.

Ich hoffe, mit meinem Blog für Interessierte ein paar Hilfestellungen zu geben, was die für viele wenig spannenden Bereiche des Gesetzes und der Vorgaben angeht. Ein schönes Beispiel für erste Probleme, auf die ich oft stoße, ist der The Alpinist Swiss Premium Dry Gin. Zerpflücken wir mal den Namen – „The Alpinist“ ist der Markenname, „Swiss“ soll auf die Herkunft aus der Schweiz hindeuten. Soweit, so gut, der Markenname ist schön gewählt und dieser Gin wird tatsächlich in der Schweiz hergestellt. Immer wenn ich das Wort „Premium“ lese, rollen sich mir die Fußnägel auf – ein völlig inhaltsleerer Begriff, der rein marketingtechnisch zu verstehen ist – bitte, liebe Spirituosenproduzenten, lasst es sein. Und am Ende noch „Dry Gin“; was ist das? Laut EU-Verordnung 110/2008, die alles, was Spirituosen angeht, für Europa regelt, gibt es diesen Term als legal geschützten Begriff nicht, nur „London Gin“, der durch den Zusatz „Dry“ ergänzt werden darf. Wichtig ist die Begriffsklarheit deswegen, weil einem „Gin“ so einiges an Zucker und anderen Stoffen beigegeben werden darf, einem „London Dry Gin“ aber nur sehr wenig. Wir kommen darauf nachher noch zurück, jetzt schauen wir uns den Schweizer Gin mal im Glas an.

The Alpinist Swiss Premium Dry Gin Flasche

Klar und ohne Fehler ist die Farbe. Eine gewisse leichte Öligkeit ist beim Schwenken im Glas erkennbar, entsprechende Schlierenbildung und einigermaßen schnell ablaufende Beine gehören dazu. Die Nase ist sehr parfümig, blumig und fruchtig, ich rieche viel Blütenduft, Zitrone, Ananas, Kirschsaft. Auffällig ist die vollkommene Abwesenheit von Wacholder im Geruch – für mich als Puristen, der Wert auf zumindest grundsätzliche Typizität bei Spirituosen legt, ein kleiner Mangel. Dafür macht dieser Gin schon vom Geruch her einen eher süßlichen Eindruck. Insgesamt ein sehr angenehmes Geruchsbild, da kann man lange dran schnuppern und sich die blühenden Bergwiesen im Geiste ausmalen.

Bei der aktuellen Lage des Ginmarkts ist es scheinbar wichtig, sich über Signatur-Botanicals zu definieren – sonst geht man in der Masse der Neuerscheinungen, die auch heute noch praktisch jeden Tag hereinprasseln, unter. Bei The Alpinist hat man sich passenderweise für Alpenkräuter entschieden: Arnika, Silberdistel und Frauenmantel sollen für die besondere Charakteristik sorgen. Das „Gletscherwasser vom Jungfrauenjoch“ komplettiert die Produktstory, wenn man mich kennt, weiß man, dass ich von derartig nostalgischen Bildern nicht viel halte, aber sei es drum.

42% Alkoholgehalt sind für einen Gin ein recht üblicher Wert, hier schmeckt man ihn aber doch stark heraus, er wird dann doch noch von den mazerierten Pflanzenaromen aufgefangen. Zuvorderst entdecke ich Zitrone, mit Kräuterunterlage. Da ich die Signaturbotanicals geschmacklich nicht pur kenne, kann ich kaum beurteilen, ob sie es sind, die diese Kräuterbasis bilden; angenehm ist es auf jeden Fall, wenn auch leicht untypisch für klassischen Gin. Im Antrunk kommt er mir noch recht schwachbrüstig vor, die Kantigkeit eines trockenen Gins entsteht erst im Verlauf, wo er auch ein leichtes Alpenglühen entwickelt. The Alpinist wirkt mir insgesamt aber etwas weichgespült. Süßung ist, wie oben schon erwähnt, bei Gin erlaubt, eine Messung ergibt, dass hier trotz der gefühlten Süße kein Zucker über die für einen London Dry Gin erlaubten 0,1g/L zugesetzt wurde.

Im Abgang gefällt er dagegen sehr, hier entsteht klare Trockenheit, ordentliche Adstringenz, deutliches Pfeffergefühl; es bleiben die blumigen Aromen und die Zitrone lange am Gaumen und versüßen einem damit noch einige Minuten, wenn der Gin schon längst wieder aus dem Mund ist.

Selbstverständlich habe ich diesen Gin auch in einem Gin & Tonic probiert, da wirkt er fast schon verführerisch in seiner floralen Süße und seiner eidgenössischen Zurückhaltung. In klassischen Cocktails wäre er überfordert, so ehrlich muss man sein, dazu hat er weder genug Wucht noch erwarteten Wacholder. Der Violet Sunset aber ist ein sehr blumiger Cocktail, dem ein Gin gut steht, der nicht brachial und extremwacholderig daherkommt. Ideal also für den The Alpinist, der hier seine ganze Blumen- und Blütenpracht ausspielen kann. Violet Sunset


Violet Sunset
1 oz Gin
¾ oz Ingwerlikör
¼ oz Aperol
¼ oz Crème de Violette
2 Spritzer Aromatic Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach drinkstraightup.com]


Die Produktbroschüre und die Etikettierung weist natürlich sehr ausführlich auf die Herkunft dieses Gins her, mit Schweizerkreuz, einem Schweizer Skisportidol als Markengesicht und ähnlichem. Die Firma, die den The Alpinist herstellt, ist aber im Fürstentum Liechtenstein beheimatet; ich muss aus Unwissenheit und mir innewohnendem Misstrauen rein steuerliche Gründe dafür vermuten, aber immerhin ist Liechtenstein rein geografisch noch nah genug an der Schweiz, und auf jeden Fall in den Alpen, dass man das natürlich akzeptieren kann. Hergestellt wird der The Alpinist aber scheinbar komplett in der Schweiz, das Brennen findet in einer nichtgenannten „Craft Distillery“ (auch hier wieder der fast schon obligatorische Hinweis auf das Wort „Craft“, analog zu sehen zu „Premium“) im Kanton St. Gallen statt.

The Alpinist Swiss Premium Dry Gin Karton

Noch ein paar Worte zur Produktpräsentation. Die Flasche selbst ist zurückhaltend, mit einer gefälligen Form. Ein paar Details wie ein kleines Lederbändchen mit Druckknopfverschluss um den kurzen Flaschenhals und ein Lederanhänger sorgen für den Chichi-Effekt, der im Kontrast zum sehr edlen und strengen Etikett mit viel Weißfläche und silberner Schrift steht. Sehr auffällig und hübsch gemacht ist jedenfalls der Karton, in dem die Flasche geliefert wird – die Aufklappidee finde ich außergewöhnlich schön, und da dafür auch hochwertige Materialien verwendet wurden, macht es Spaß, die Flasche aus ihrem Behältnis zu holen und sie nach Gebrauch wieder darin zu verstauen.

Summasummarum ist The Alpinist ein moderner, etwas untypischer Gin für die Ginaficionados, die schon alles sonst durchhaben und ein neues Geschmackserlebnis suchen. Ob ich allerdings bereit wäre, den aufgerufenen Preis von knapp 50€ für 700ml einer ungereiften und sehr einfach herzustellenden Spirituose zu bezahlen, steht auf einem anderen Blatt; diese Einschränkung gilt bei mir aber für alle Gins, nicht nur für Schweizer Alpinisten.

Offenlegung: Ich danke The Alpinist AG für die kostenlose Zusendung einer Flasche ihres Gins.

Ungarischer Pálinka Titel

Egészségedre! Ungarischer Pálinka

Hierzulande ist, wenn man an ungarische Spirituosen denkt, aller Wahrscheinlichkeit nach der Kräuterlikör Unicum die erste Idee, die man hat. Tatsächlich sieht man in Ungarn sehr viele Werbungen dafür, der Likör ist insbesondere für Touristen ein beliebtes Mitbringsel (dabei, so meine Erfahrung, kostet er in Ungarn nur unwesentlich weniger als in Deutschland). Die tatsächliche Nationalspirituose Ungarns ist aber etwas ganz anderes – Obstbrand, oder auf ungarisch Pálinka.

Die Bandbreite an überregionalen Produkten ist unüberschaubar in Breite und Tiefe, und natürlich gibt es dazu regionale Abfüllungen, die man nur dort bekommt, und schließlich werden natürlich in jedem Hundertseelendorf auf dem Lande jeweils hundert Varianten hausgebrannt. Letztere muss man mit einer gewissen Vorsicht genießen, so meine Erfahrung aus weit mehr als einem Dutzend Aufenthalten in Ungarn – da wird mit den beschränkten Mitteln einer Haus- oder Gemeindedestille ein hochprozentiger, fusellastiger Stoff gebrannt, von dem mehr als ein Gläschchen schnell auf die Leber schlägt – und doch gilt Pálinka in Ungarn auch als Hausmittel gegen allerlei Zipperlein.

Im Mai 2017 war ich erneut in Ungarn unterwegs, in der Hauptstadt Budapest. Dort entkommt man dem Pálinka praktisch kaum, vor allem die kleinen, schnuckligen Abfüllungen, die sowohl in Supermärkten als auch (dann natürlich gleich sehr viel teurer) in Souvenirläden erhältlich sind, haben es mir dort angetan. Ich habe mir also ein kleines Sortiment an Obstbränden zusammengestellt, von mehreren Herstellern, um zu schauen, ob der Pálinka auch außerhalb Ungarns noch schmeckt. Palotás Vilmoskörte und Golden Alma, Pannonia Meggy, Bolyhos Birs und Kajszibarack, sowie Panyolai Elixír Feketeribizli haben die Erstauswahl in meinen Warenkorb geschafft.

Pálinka Flaschen

Das erste Wort in der Kombination ist immer der Markenname, das letzte die Frucht, aus der der Brand hergestellt wird. Williamsbirne, Apfel, Sauerkirsche, Quitte, Aprikose und schwarze Johannisbeere sind also die Sorten, die ich vor mir habe; nur ein kleiner Ausschnitt aus dem sehr breiten ungarischen Markt.

Beginnen wir mit dem Palotás Vilmoskörte. Das ist ein Williams-Birnen-Brand mit 40% Alkoholgehalt. Die Flasche mit ihrem hübschen Design sprang mir spontan in einem kleinen 24h-Märkte, die man überall in Ungarn findet (wie nützlich sowas ist und wie schade, dass es das nicht in Deutschland gibt!), in einer Schauvitrine ins Auge. Die dunkle Flasche verbirgt einen vollkommen klaren Brand mit leicht öliger Konsistenz.

Palotás Vilmoskörte Pálinka

Die Birne ist natürlich der dominante Geruch, mit Anklängen von gelbem Apfel und Zimt. Eine leichte Plastiknote kenne ich bei dieser Art von Birnenbrand auch von anderen, deutschen Sorten. Im Mund liegt er wie Birnenkompott, süß, breit und rund, mit dieser seltsamen Art von würziger Fruchtnote, die ich schnell sehr lieben gelernt habe. Lavendel und Jasmin bringen eine blumige Komponente ins Spiel. Auch hier schwingt das Plastik etwas mit, aber nicht wirklich unangenehm. Der Abgang ist heiß, würzig und leicht alkoholisch, und mittellang. Ein attraktiver Tropfen, ganz gewiss sehr geeignet als Digestif oder Trou Normand, oder nahezu perfekt als Cocktailzutat (siehe dazu unten mehr).

Vom selben Hersteller und mit demselben Alkoholgehalt kommt der Apfelbrand Palotás Golden Alma. Der Plastikkorken der Palotás-Fläschchen gibt dem ganzen noch etwas Wertigkeit im Vergleich zum Schraubverschluss der meisten anderen Miniaturen.

Palotás Pálinka Golden Alma

Farblich klar und ohne Einschlüsse, recht viskos im Glas. Sehr langsam ablaufende Beine. Der Geruch ist wirklich ein Traum von Bratapfel, frisch aufgeschnittenem Golden Delicious und Apfelmus. Sehr süß und voller Gewürzaromen.  Da könnte ich drin baden. Geschmacklich fällt er gegen diesen sensationellen Geruch dann leider etwas ab. Da tauchen direkt zu Beginn schon kleine Fehlnoten nach Plastik auf, die den Apfelgeschmack beeinflussen. Einiges an Vanille und Zimt, also doch mehr Bratapfel als Apfel. Sehr cremig, vollmundig und mild, kaum Säure. Der Abgang ist pfeffrig, hier meint man, die 40% erkennen zu können, und etwas unrund. Die Apfelaromen tauchen aber im Nachhall nochmal auf und klingen dann sehr lange nach. Ein schöner Brand, der für mich persönlich hauptsächlich über seine Nase glänzt, und dort richtig.

Wechseln wir nun den Hersteller. Der Pannonia Meggy ist ein Sauerkirschenbrand, der in einer Bügelflasche präsentiert wird, mit einem Umhänger an einer Kordel, die in den ungarischen Nationalfarben rot-weiß-grün geflochten ist.

Pannonia Meggy Pálinka

Die klare Transparenz ist nun schon gewohnt, die leichte Öligkeit ebenso. In der Nase treffe ich auf unerwartete und ungewohnte Geruchsbilder – da ist zunächst erstmal Klebstoff, Ethanol und etwas Plastik. Die Sauerkirsche zeigt sich wenn, dann nur am Rande. Auch im Geschmack hätte ich nach der Verkostung nicht spontan ausgerufen – „ja, das ist ein Kirschbrand!“, nein, ich hätte mich über die wirklich wuchtige Bazooka-Kaugummi-Note im Abgang und über den starken Waldmeistergeschmack ausgelassen. Was ich hiermit tue. Tatsächlich ist der Abgang im Gegensatz zur etwas belanglosen Art des Mundgeschmacks wirklich sehr attraktiv und erinnert mich an meine Kindheit (die natürlich ohne Kirschschnaps und statt dessen mit viel Kaugummi verlief). Ein paar Noten tauchen im gescholtenen Geschmack dann doch noch auf, nach ein paar weiteren Versuchen – eine leichte Rauchigkeit und, wenn man weiß, wonach man suchen muss, auch die verschollene Kirsche. 46% weist der Pannonia Meggy auf, eine herrliche Süße-Säure-Balance, und er ist für mich einer „auf den zweiten Blick“, der nicht so forsch-oberflächlich wie die Birnen- und Apfelvorgänger daherkommt, sondern subtil und am Ende doch gefällig.

Eine Alternative zum klaren Pálinka findet sich beim nächsten Hersteller, den wir betrachten. Der Bolyhos Birs hat als Besonderheit nicht nur die strohige Farbe, die ihn abgrenzt, sondern man sieht auch direkt den Grund dafür – kleine Fruchtstücke liegen in der Flasche, hier dann eben ein Stück Quitte, die für eine zusätzliche Mazeration sorgen.

Bolyhos Birs Pálinka

Der Geruch ist entsprechend intensiv – die Frucht ist hier klar dominant, nicht zu süß, leichter Würzkörper nach Zimt. Ein Anflug von Ethanol klingt mit, ist aber vergleichsweise gut eingebunden und wirkt nicht als Fremdkörper. Der Geschmack ist dann eine fette Breitseite, die 50% Alkohol merkt man deutlicher, als es einem lieb ist. Süßlich, ohne die Säure zu vernachlässigen, wilde Gewürze, getrocknete Quitte. Der Abgang ist dann nochmal eine Schippe draufgelegt, wirklich extrem trocken, fast schon kratzig, heiß, stark adstringierend, schon leicht salzig, sehr lang und fruchtig nach Dörrobst. Eine klare Abkehr zu den zuvor verkosteten Pálinkas, hier verlassen wir das Gebiet des süßlichen Schlürfers und sehen Männerschnaps vor uns. Sehr aromatisch, aber auch insgesamt etwas unreif und unelegant wirkend, vor allem im Vergleich zum sehr edlen direkten Vorgänger in dieser Verkostung.

Vom selben Hersteller gibt es verschiedene Fruchtvarianten, ich hatte mir noch den Aprikosenschnaps ausgesucht, also den Bolyhos Kajszibarack. In der Aufmachung ist er natürlich identisch zum Vorgänger, und auch hier finden wir 50% Alkoholgehalt vor. Die Farbe ist eine, die ich nicht zögern würde, als apricot zu bezeichnen, auch wenn das etwas oberflächlich banal ist bei einem Aprikosenbrand, der sogar noch ein Stück Aprikose in sich liegen hat.

Bolyhos Kajszibarack Pálinka

Die Nase bietet ähnlich offensichtliche Eindrücke, mit Aprikose im Vordergrund. Dies wird begleitet von einer sahnigen Note, ja, es erinnert mich wirklich an Aprikosenjoghurt. Ein bisschen Offenstehenlassen ist angesagt, damit das zunächst vorhandene Stechen abflaut. Eine milde, dezente Würze gibt Spannung. Der Antrunk setzt dies alles fort – sehr cremig, weich, breit und süß beginnt es, mit klarer Frucht und ohne Fehltöne. Doch im späteren Verlauf, und ganz stark im Abgang, kippt die Aromatik komplett um hin zum Trockenen, sogar leicht Bitteren. Eine unrunde Alkoholhitze flackert auf, und insgesamt ensteht nun ein Eindruck von Pelzigkeit auf Zunge und Gaumen. Für mich wirkt dieser Brand ähnlich wuchtig, frech und unausgewogen wie die Quittenvariante kurz zuvor, auch wenn der Nachhall wirklich sehr stark und definiert aprikosig da steht.

Zu guter letzt wenden wir uns noch einer meiner persönlichen Lieblinge aus dem Obstreich zu – der schwarzen Johannisbeere. Ihre Seele wurde im Panyolai Elixír Feketeribizli eingefangen, der optisch kleinsten der Miniaturen.

Panyolai Elixír Feketeribizli Pálinka

Wir schließen den Kreis zurück zum Anfang, was die Farbe und auch was den Alkoholgehalt angeht. Ein klarer Brand mit 40% Alkohol, der recht flüssig im Glas schwingt und schnell ablaufende Beine aufweist. Geruchlich erinnert er mich an Kirschwasser, vielleicht sogar noch mehr aber an Tequila. Ja, allein von der Nase würde ich unter das Glas das Schild mit Tequila stellen, hätte ich diesen Pálinka in einer Blindverkostung vor mir. Entsprechend sehr floral und duftend wirkt der Panyolai Elixír auf mich. Im Mund ist er sehr süß, cremig und flauschig, im Antrunk noch mehr als im Verlauf, wo er langsam eine mildpfeffrige Schärfe und eine aromatische Salzigkeit entwickelt. Immer noch habe die starke Assoziation zu einem guten Tequila Blanco. Der Abgang bringt dann das, was ich die ganze Zeit schon erwartet hätte – hier taucht endlich die schwarze Johannisbeere auf, immer noch nicht überwältigend, aber sehr effektiv im Hintergrund, sehr natürlich, als hätte man eine kleine Beere mit im Mund. Dies hält dann auch lange an, wenn alle anderen Aromen wieder verklungen sind. Sehr fein und geschickt gelöst vom Brenner. Wieder ein Pálinka aus der eleganteren Kategorie.

Die ungarische Barkultur hat den Pálinka ins Herz geschlossen. In allen Bars, in denen ich mich aufhielt, gibt es neben dem puren Pálinka auch Cocktails, die ihn als Zutat einsetzen; ich habe einen amerikanischen Cocktail ausgewählt, um zu zeigen, dass man Pálinka auch ohne Probleme in Rezepturen einsetzen kann, die nach anderen Obstbränden verlangen – nein, ich empfinde den Apfelpálinka im Autumn Leaves beispielsweise sogar als Gewinn gegenüber Applejack oder Calvados. Dieser Cocktail funktioniert auch gut mit allen anderen Obstsorten – ideal zum experimentieren für Cocktailnerds.

Autumn Leaves


Autumn Leaves
¾ oz Apfelbrand (z.B. Palotás Golden Alma Pálinka)
¾ oz Rye Whiskey (z.B. Jim Beam Rye)
¾ oz Süßer Wermut (z.B. Martini Riserva Speciale Ambrato)
¼ oz Strega
1 Spritzer Zimttinktur
Auf Eis rühren. Auf Eis servieren.
[Rezept nach Jeffrey Morgenthaler]


Das Pálinka-Gesetz seit 2008 legt fest, dass Pálinka zu 100% aus Frucht- oder Tresterdestillat bestehen muss und keine Zusätze (wie Zucker oder Honig, oder Farbstoffe) enthalten darf. Nur Früchte, die in Ungarn aufgezogen wurden, dürfen verwendet werden; der gesamte Produktionsprozess von Ernte über Destillierung und Reifung bis zur Abfüllung muss in Ungarn erfolgen. Der Alkoholgehalt muss zwischen 37,5% und 86% liegen. Man erkennt die Abfüllungen, die nach diesem Gesetz kontrolliert wurden, an einer über den Verschluss geklebten Banderole mit der Aufschrift „Pálinkazárjegy“ (was, fast etwas überraschend in seiner Banalität, tatsächlich übersetzt auch nur „Schnapsbanderole“ bedeutet) – wer keinen illegalen oder verschnittenen Sprit kaufen will, achtet darauf.

Pálinka Pálinkazárjegy

Preislich muss man, wie oben bereits erwähnt, darauf achten, wo man seinen Pálinka kauft – Preisunterschiede von 100% sind keine Seltenheit. Ich empfehle, wie ich das auch schon in Griechenland tue, lieber in kleinen Supermärkten derartige Mitbringsel zu kaufen, statt in den Souvenirläden, wo der in Urlaubsstimmung befindliche Tourist mit dem locker sitzenden Portemonnaie schnell über den Tisch gezogen wird. Zirka 1000 bis 1500 Forint, also aktuell in etwa 3€ bis 5€, sollte man für eines der oben verkosteten Miniaturfläschchen einplanen, nach oben ist die Preisliste, wie fast immer, offen, und selbstverständlich gibt es alle auch in großen 0,7l-Flaschen. Ich kann diese tollen Brände jedem Fruchtschnapsfreund jedenfalls wärmstens ans Herz legen. Zum Wohl, oder wie man auf Ungarisch sagt – egészségedre!

Gran Classico Bitter Titel

Kurz und bündig – Tempus Fugit Gran Classico Bitter

Heute in Kurz und bündig, meiner unregelmäßig erscheinenden Reihe an kurzen Tastingnotes, ein Bitterlikör aus dem Hause Tempus Fugit – der Gran Classico Bitter. Dabei handelt es sich um einen klassischen italienischen Bitter, der allerdings seit 1925 von E. Luginbühl in der Schweiz hergestellt wird, die damals das Rezept einem Turiner Hersteller abkauften. In neuem Glanz erstrahlt er nun, da die Spirituosenwelt sich ändert („tempus fugit“, in der Tat! Die Zeit fliegt!) und man Interesse an alten, fast schon vergessen geglaubten Zutaten entwickelt.

Gran Classico Bitter Glas

Die dunkle terracottafarbene Flüssigkeit, die ohne künstlichen Farbzusatz entsteht, liegt schwer im Glas, langsame, ölige Wellen bewegen sich beim vorsichtigen Drehen des Glases. Die Glaswand bleibt lange von den Resten dieser Flüssigkeit benetzt, nur langsam laufen diese ab.

Ich halte die Nase ins Glas – Essig, Lakritz, Chinarinde, Orangenschale,Fruchtbonbons, Grapefruit, Holz, ein Gefühl von Rauch. 25 Kräuter und Wurzeln sollen laut Hersteller verwendet werden; ich glaube es direkt, die entsprechende Komplexität ist ohne Mühe erkennbar. Ein Alkoholhauch sticht die Nasenschleimhaut, ein bisschen Geduld und Offenstehen lässt diese verfliegen.

Sehr süß und cremig im Antrunk. Dies bleibt auch während der ganzen Verkostung des Gran Classico Bitter so und bildet den Gegenpart gegen die kräftige Bittere, die gut eingebunden wirkt. 28% Alkohol kümmern sich um den ordentlichen Wumms. Grapefruit, bittere Kräuter, leicht holzige Aromen, eine milde Salzigkeit und dazu eine dezente aber wirkungsvolle Würze sorgen für einen dichten Körper mit erstaunlich viel Kraft. Stark adstringierend, recht pfeffrig, sehr lang und effektvoll ist der Abgang schließlich.

Pur ist er mir dann doch viel zu süß, aber der Purgenuss ist auch nicht das übliche Einsatzgebiet eines solchen Likörs. Tatsächlich muss mein geliebter Campari sich in diesem Wettbewerb warm anziehen – der Gran Classico Bitter ist ein mehr als akzeptabler Ersatz für ihn in vielen Drinks. Gerade Cocktails, die sich stark auf diese Komponente verlassen, wie der Negroni, der Boulevardier oder der Old Pal, können sicherlich von der zusätzlichen Komplexität, die der Gran Classico im Vergleich zweifelsohne mitbringt, profitieren – und das sage ich als ausgesprochener Campari-Fan. Und auf die künstliche rote Farbe kann man eh verzichten, ob Fan oder nicht.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgefoderte, kostenlose Zusendung einer 10cl-Probe dieses  Produkts.

Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 8 – Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu 土豪金元宝酱酒

Es gibt Spirituosenprodukte, über die kann man einfach nicht berichten, ohne zunächst ihr Äußeres zu besprechen. Selten konnte ich diesem Drang so wenig widerstehen wie bei dem Baijiu, den ich im inzwischen schon achten Teil meiner Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“ nun vorstellen werde. Natürlich muss daher als allererstes ein Wort über die Flasche des Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu 土豪金元宝酱酒 verloren werden – sie besteht aus Keramik mit Goldlacküberzug und ist wahrscheinlich die extravaganteste aller eh schon nur wenig zurückhaltenden Baijiu-Flaschen, die ich kenne. Man könnte die Flasche einem Schiff nachempfunden sehen, doch da würde man sich täuschen; vielmehr haben wir hier eine künstlerische Interpretation eines alten chinesischen Zahlungsmittels vor uns – der Name und die Farbe der Flasche deuten es an: 金元 (jinyuan) bedeutet „Goldbarren“, und derartig geformte Goldbarren wurden tatsächlich benutzt. Spannend dabei ist der Zusatz 土豪 (tuhao), der wörtlich „Tyrann“ bedeutet, wahrscheinlich in übertragenem Sinne dann als „königlich, luxuriös“ verwendet wird, aber auch gern derogativ die Idee von „neureich“ transportiert. Ein goldfarbenes Apple-Handy, das die Bezeichnung 土豪金 (Tyrannengold) trug, zog in China beispielsweise viel Aufmerksamkeit auf sich. Es soll sich jeder seinen eigenen Reim auf die Bedeutung in diesem Schnapskontext machen.

Mit dem Thema „Gold“ geht es auch gleich weiter – der Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu gewann bei einem der bedeutendsten internationalen Spirituosenwettbewerbe, dem Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, der 2016 in China abgehalten wurde und entsprechend die lokale Spirituose Baijiu im Fokus hatte, eine Goldmedaille. Es handelt sich hier um einen Baijiu mit Soßenaroma, ähnlich dem Platzhirsch dieser Kategorie, Maotai. Genug vom Blingbling, werfen wir einen Blick auf den Inhalt der opulenten Luxusverpackung.

Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu Baijiu Flasche

Wie von klassischem Baijiu zu erwarten verbirgt die Flasche einen völlig transparenten Brand. Er wirkt recht viskos im Glas, hinterlässt am Rand einen nur sehr zögerlich ablaufenden Teppich. Der Geruch ist extrem intensiv, eigentlich schon penetrant. Nougat, Vollmilchschokolade, Sojasauce, vergorene Banane, Kompost, Blauschimmelkäse, altem französischen Rohmilchkäse, aber auch eine für mich durchaus unangenehme Note nach, und das ist jetzt vielleicht krass, Erbrochenem. Diese Mischung aus Schokolade, Käse und Maggi ist für mich höchst unangenehm und erzeugt einen Würgereiz. Bei vielen Baijius habe ich vorsichtig formuliert, hier kann ich das einfach nicht mehr tun – das ist wirklich übel und macht mir überhaupt keinen Spaß.

Ich hatte Angst davor, einen Schluck zu nehmen. Was soll ich sagen – sie hat sich bestätigt. Kaum lag der Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu auf der Zunge, fühlte ich einen Brechreiz aufsteigen, ich zwang mich, die Flüssigkeit herunterzuschlucken, doch das war ein Fehler. Eine wilde Serie von Spasmen durchzuckte mich, ich konnte mich nur mit Mühe davon abhalten, zur Toilette zu rennen und mich zu erleichtern. 53% Alkohol sorgen schließlich für den Gnadenstoß mit Kratzen und Beißen im Hals, weil ich mich natürlich verschluckt hatte dabei. Wer die Videos von Surströmming kennt, die im Internet kursieren, mag ahnen, wie ich mich fühlte – und dabei habe ich die schwedische Spezialität Surströmming schon gerochen und gegessen, und es war nichtmal ansatzweise so schlimm. Entsprechend kann ich über den Geschmack und den Abgang auch nichts mehr sagen. Auch ein Erlebnis, aber keins, das ich wiederholen wollen würde.

Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu Baijiu Glas

Ich habe immer versucht, das Ungewohnte zu schätzen, einer gewissen Fremdartigkeit ihren Raum zu lassen und dennoch zu versuchen, sie unabhängig vom persönlichen Geschmack wertzuschätzen – hier kann ich das einfach nicht mehr, ich finde diesen Baijiu grausig und unmöglich für mich zu riechen oder gar zu trinken. Es war zu erwarten, wenn man ehrlich ist, dass dieser Zeitpunkt irgendwann kommen würde, dass ich auf ein Exemplar des chinesischen Hirseschnaps stoße, den ich nicht mehr verteidigen kann. Der Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu ist meine persönliche Grenze.

Vielleicht gibt es eine Chance, diesen Schnaps in einem Cocktail noch so unterzubringen, dass die Ekelgrenze wieder unterschritten wird? Der Guizhou Elixir könnte mit seinen anderen Zutaten dies erbringen. Allein, er schafft es nicht. Die penetrante Käsenote des Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu durchdringt alles, übertönt alles, macht alles andere ohne jeden Ansatz von Gegenwehr platt. Ich habe den Cocktail entsprechend noch mit einem anderen Sauce-Aroma Baijiu nachgemixt, und siehe da, da funktioniert er – es lag also sicher nicht am Rezept, als der Cocktail nicht schmeckte, sondern an dieser brachialen Zutat.

Guizhou Elixir


Guizhou Elixir
1½ oz Soßen-Aroma Baijiu
½ oz Maracuja-Ananas-Sirup
3 Spritzer Chili-Tinktur
¼ oz Maraschino-Likör

½ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept leicht angepasst nach Paul Mathew]


Was bleibt? Die Erkenntnis, dass es hin und weder mehr bedarf als nur Interesse an einem fremden Kulturkreis und exotischen Spirituosen. Manchmal muss man in einer Kultur aufgewachsen sein, um deren extremste Geschmäcker wertschätzen zu können. Vielleicht findet sich unter meinen Lesern jemand, der mir diese Spirituose erklären kann? Ich bin wirklich offen für alles – aber nicht für den Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu. Der landet im Kuriositätenkabinett für Gäste, die meinen, sie kennen schon alles. Im Freundeskreis gelte ich als der, der alles isst und trinkt und keinen Ekel kennt, doch dieser Baijiu hat mich das Fürchten gelehrt.

Offenlegung: Ich danke erneut der belgischen Firma Vinopres SA und Spirits Selection für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche dieses Baijius. Vinopres SA und Spirits Selection haben mir ganz enorm geholfen, und mich mit einer Reihe von Qualitäts-Baijius versorgt, denn die Beschaffung dieser chinesischen Spirituosen ist in Deutschland sonst sehr schwierig – ohne sie wäre diese Reihe nicht möglich gewesen.

RumChata TItel

Transparenz durch Sahnebeigabe – Rumchata Liqueur with Rum

Die Blicke waren unbezahlbar – da stehe ich inmitten einer Gruppe von wahren Rumfreunden, beim Rum-Club-Treffen 2017 Mitte Juli in Köln, wo jeder einen tollen Tropfen seiner Wahl mitgebracht hatte, und ich packe einen Rumlikör aus. Als wäre ich von einem anderen Stern. Gerade ich, der ich immer so über Zuckerbeigaben und Reinheit bei Spirituosen labere! Man konnte die Fragezeichen über den Köpfen der Teilnehmer am Tisch fast schon plastisch sehen.

Nun, vielleicht muss ich das klarstellen. Ich mag es nicht, wenn hinter meinem Rücken Rum manipuliert wird. Wenn es unnötig passiert, nur um vielleicht die eine oder andere Flasche mehr an die an Süße gewöhnten Käufer verscherbeln zu können. Wenn es nötig ist, um ein schlimmes Destillat überhaupt verkaufen zu können. Wenn es aber klar und transparent ist, dass wir keinen Rum vor uns haben, sondern einen Spiced Rum, eine Spirituose auf Rumbasis oder einen Rumlikör, dann kann ich damit gut leben und genieße auch Produkte aus diesen Kategorien, ohne mich deswegen zu echauffieren. Und dass der RumChata Liqueur with Rum in letztere Gruppe gehört, ist aufgrund der fehlenden Transparenz der Flüssigkeit natürlich sofort transparent (ha, man verzeihe mir diesen Kalauer).

Beim RumChata hatte ich deswegen auch überhaupt keine Gewissensbisse, diese Flasche auch mit in die Höhle der Löwen des Rum-Clubs mitzunehmen und dort zu präsentieren. Auch wenn die Nachfrage nach Kostproben eher übersichtlich war, zugegebenermaßen. Gab es Grund dazu, oder war nur das Alternativangebot an wunderbarem Pure Single Rum aus aller Herren Länder zu groß?

RumChata Flasche

Die Farbe des Inhalts der Flasche ist der der Flasche selbst sehr ähnlich; wir finden im Glas allerdings kein Reinweiß vor, sondern ein milchfarbene Flüssigkeit, die mich rein optisch an Kondensmilch erinnert (keine Farbstoffe wurden zugesetzt). So ähnlich bewegt sie sich auch im Glas; beim Schwenken entsteht ein blasser Schleier, der breitflächig abläuft und kaum Beine bildet. Die Mischung ist homogen und ohne Ausflockungen oder Separierung.

Im Geruch denke ich sofort, spontan und ohne Zweifel an Spekulatius. Diese Eindeutigkeit ist deswegen so frappierend, weil man das bei Spirituosen selten erlebt, dass einem auf Anhieb ein klares Wort für Aromen einfällt. Die Mischung aus Zimt, Backgewürzen, Kardamom, Sahne und Vanille führt mich dazu. Wer also Butterspekulatius in der Vorweihnachtszeit (die inzwischen ja im September, also bald, beginnt) mag, sollte hier definitiv einen Blick riskieren. Riecht man tiefer, entdeckt man noch ein leicht muffiges Lederaroma und einen Hauch des Basisalkohols, der für einen Alkoholgehalt von 15% sorgt. Rum suche ich allerdings vergebens.

Im Mund liegt der RumChata sehr breit und voluminös. Die Sahnekomponente sorgt natürlich für die extreme Cremigkeit. Eine leichte Fruchtigkeit beginnt, sich bemerkbar zu machen, ich nehme an, dass hierfür die Rumbasis verantwortlich ist. Dennoch tue ich mich auch im Geschmack schwer, wirklich typische Rumaromen identifizieren zu können. Natürlich ist der Gesamteindruck extrem süß, vielleicht an Stellen sogar klebrig süß; das ist aber dem Konzept eines Sahnelikörs geschuldet und ich kreide es entsprechend nicht an, auch wenn es nicht meinen persönlichen Geschmack trifft. Ansonsten finde ich eben den schon errochenen Spekulatius, Vanille und viel Zimt.

RumChata Glas

Im Abgang kommt die andere Seite des Zimts heraus, deutliche Zimtschärfe, die auf der Zunge kitzelt. Das empfinde ich als sehr angenehm, es hebt diesen Likör von vielen vergleichbaren Produkten wie Bailey’s oder Crema de Tequila ab. Ansonst klingt die Verkostung mit einem leichten Weihnachtsgefühl aus.

Der Hersteller selbst empfiehlt auf der Rückseite der Flasche eine Vermischung mit Vodka, Kaffee oder „jedwedem anderen Mixer“. Tatsächlich empfinde ich das etwas wenig Vertrauen in sich selbst, mit einem kleinen Eiswürfel pur macht sich RumChata ganz allein schon recht gut. Auch in einer 1:1-Mischung mit Cointreau wirkt dieser Likör sehr schön. Als Cocktailzutat bietet er zu wenig eigene Aromen abseits der Sahne, als dass er wirklich viel leisten könnte. So unterstützen wir ihn mit ein bisschen mehr Rum, und machen einen herrlichen Dessert-Drink – der Mint Orange Choco Chata fühlt sich an, wie ein 2000cal-Nachtisch. Aber manchmal muss man sich halt sowas gönnen können.

Mint Orange Choco Chata


Mint Orange Choco Chata
2 oz RumChata
1 oz weißer Rum
½ oz grüne Crème de menthe
¼ oz
Orangen-Schokoladen-Likör
Auf Eis shaken.

[Rezept stark adaptiert nach einem Originalrezept der Herstellerseite]


Für einen Sahnelikör ist im Gegensatz zu anderen Spirituosen natürlich eine Mindesthaltbarkeit zu beachten. Diese ist bei meiner Flasche mit Ende 2018 angegeben. Wurde sie einmal geöffnet, empfiehlt der Hersteller, sie innerhalb von 6 Monaten aufzubrauchen, da keine Konservierungsstoffe eingesetzt wurden; eine Kühlung ist dabei aber nicht erforderlich.

Die Flasche ist, das muss man ohne jeden Zweifel zugeben, sehr hübsch designt, mit viel Schwung und Kurven, erinnernd an einen überdimensionierten Parfümflakon. Das auffällige Weiß, die goldene Schraubverschlusskappe und die Schrift in derselben Goldfarbe sorgt für einen Hinguckereffekt – RumChata ist sicher ein Blickfang in jeder Heimbar. Und Süßmäuler, denen es egal ist, dass das Zeug letztlich auch VodkaChata oder TequilaChata oder WhiskyChata heißen könnte, weil man kaum Rumaromen herausschmeckt, werden sicherlich auch sehr glücklich damit, auf jeden Fall ist es eine interessante Alternative zu den bekannten anderen Sahnelikören. Diesen Sahneliebhabern lege ich einen Kauf sehr nahe – dem puristischen Rumfreund, der sonst in seiner Freizeit ausschließlich Caroni und Grande Arôme trinkt, eher weniger. Alle dazwischen können, wenn sie entsprechend veranlagt sind, sich mit RumChata schonmal langsam auf die Weihnachtszeit eintrinken.

Offenlegung: Ich danke der Sélection Prestige GmbH für die Zusendung einer kostenlosen Flasche dieses Rumlikörs.

Tempus Fugit Kina l'Aero d'Or Titel

Kurz und bündig – Tempus Fugit Kina l’Aero d’Or

Kina ist eine der verlorenen Zutaten, deren Fehlen Ted Haigh in seinem Buch Vintage Spirits and Forgotten Cocktails beklagt. In einer Zeit wie heute, in der es ein neues, starkes Interesse an derartigen Spirituosen gibt, die lange ausgestorben waren, tun sich findige Hersteller wie Tempus Fugit mit dem Schweizer Oliver Matter zusammen, um sie wiederzubeleben. Ein Ergebnis davon ist der Tempus Fugit Kina l’Aero d’Or – würde James Bond ihn in seinen Vesper-Cocktail mischen lassen, als Ersatz für den damals verwendeten, heute nicht mehr hergestellten Kina Lillet?

Tempus Fugit Kina l'Aero d'Or Glas

Die Farbe ist frappierend – ein strahlendes Sonnenblumengelb, das wahrscheinlich Namensgeber für diesen Quinquina ist („Das goldene Flugzeug“, das man auch auf dem Etikett sieht). Oder umgekehrt, je nachdem, wie man es sehen will. Eine leichte Viskosität ist im Glas erkennbar, die sehr langsam ablaufenden Beine sind sehr attraktiv.

Der Geruch verbirgt die Wurzeln des Kina l’Aero d’Or nicht. Da ist viel Weißwein, erfreulich, dass man das Basisprodukt noch erkennt. Darüber liegen Schichten aus Zitrus und Kräutern – laut Hersteller wird der Weißwein aus dem Piedmont mit Chinarinde, Orangenschale, Wermut und Gewürzen infundiert. Dies ist tatsächlich auch schön nachvollziehbar, und bildet ein sehr intensives Aromenbild, ich rieche viele Minuten daran und werde es nicht müde.

Das goldene Flugzeug fliegt mit einem sehr trockenen Antrunk los. Bitter und herbal ist der erste Eindruck, obwohl eine fette Süße immer für Bodenkontakt sorgt. Eine starke parfümige Komponente überrascht dabei. Ich fühle mich sehr stark an einen Kräuterlikör wie Jägermeister erinnert, oder vielleicht an Unicum. Im Verlauf kommen die Zitrusnoten stärker zum Tragen, eher bittere aber, Orangenschale und Grapefruit. Die enthaltenen 18% Alkohol sind nicht spür- oder schmeckbar.

Der Abgang ist süß, eher fast schon klebrig, dabei aber mit einer unterschwelligen Würze, die als Chilieffekt die Zungenspitze betäubt. Insgesamt bleiben adstringierende Effekte extrem lange am Gaumen, viele Minuten nach der Verkostung. Eine leichte holundrige Blumigkeit sorgt für den ausgleichenden Ausklang und eine sichere Landung.

Ein sehr interessanter Likör, den man sehr angenehm pur als Apéritif genießen kann, der aber auch in Cocktails genug Charme und Wucht mit sich bringt; ich werde ihn in Kürze in einem Boulevardier als Campari-Ersatz ausprobieren. James Bond würde ihn in seinem Cocktail jedenfalls mögen, da bin ich mir sicher. Und Ted Haigh auch.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgefoderte, kostenlose Zusendung einer 10cl-Probe dieses  Produkts.

Sierra Milenario Fumado Blanco Tequila Titel

Heimlicher Raucher – Sierra Milenario Fumado Blanco Tequila

Manchmal braucht man einen Pionier, um mit einer kleinen Gruppe von Leuten einen Weg ins Inland zu schlagen, auf dem dann Siedler und ihre Familien mit weniger Mühe folgen können. Das galt historisch für die menschliche Besiedlung von neuen Regionen, viele Pflanzen und Tiere machen es ebenso. Und auch bei Spirituosen kann man ohne weiteres etwas ähnliches beobachten.

Ein einfaches Beispiel: Je mehr Tequilas es schaffen, sich in Deutschland zu platzieren, um so mehr Chancen haben auch dazugehörige Nischenprodukte oder Subkategorien, sich im Fahrwasser anzuhängen. Neulich hatte ich so etwas im Glas, einen Tequila, in dem Agavenfruchtfleisch mazeriert wurde – ein tolles Erlebnis. Heute stelle ich ein zweites derartiges abgeleitetes Spezialprodukt vor. Der Sierra Milenario Fumado Blanco Tequila weist als Besonderheit auf, dass er geräuchert wurde, und zwar über mexikanischem Mesquite-Holz. Da aktuell der rauchige Verwandte des Tequila, der Mezcal, sehr beliebt ist, fragt man sich: Wird hier vielleicht das beste aus zwei Welten miteinander vereint? Oder ist das Räuchern nur ein Gimmick?

Sierra Milenario Fumado Blanco Tequila Flasche

Die Farbe eines Blancos steht selten zur Diskussion, auch hier besteht nicht die Gefahr, dass Trübungen oder Einfärbungen die namensgebende Farbe beeinträchtigen. Auch der Räucherprozess hat offensichtlich keinen Einfluss darauf. Die Konsistenz gefällt durch eine gewisse Schwere, Beine laufen langsam am Glas ab.

Der Geruch des Sierra Milenario Fumado ist sehr markant. Sehr „grün“, das mag ich an Tequilas grundsätzlich gern. Vegetal und pflanzlich, mit viel Agavenhintergrund. Eine milde Süße deutet sich an, da ist, auch ohne Holzreifungseffekte, etwas Vanille und Karamell. Ein Hauch von Rauch deutet sich an, ohne aber, wie bei Mezcal, direkt sehr dominant zu werden.

Im Geschmack kommt dann der Gedanke doch auf, dass wir hier einen Mezcal vor uns haben könnten, wüsste man es nicht besser. Der Räucherprozess sorgt für einen starken, aber nicht überwältigenden Rauchcharakter – wer einen „Mezcal Light“ probieren will, ist hier genau richtig. Eine cremige, feine Süße bildet die Unterlage für einen wuchtigen Agavenkörper. Ich danke dem Hersteller für die Einstellung auf 41,5% – weniger dürfte es nicht sein, der vorhandene Alkoholgehalt ist nahezu ideal für diese Spirituose. Da ist eine leichte Mineralität (oder, wie ich gern sage, „Aquariumkies“), und ein Anflug von Fenchel und Rosmarin. Mir gefällt diese Komplexität sehr gut; wie bei den meisten weißen Qualitätstequilas fehlt einem, im Gegensatz zu vielen anderen weißen Spirituosen, nie die Reife, selbst wenn er nicht gereift ist – der Sierra Milenario Fumado wirkt trotz seines jugendlichen Alters sehr erwachsen und rund, kann ohne jede Mühe als „Sipper“ durchgehen.

Sierra Milenario Tequila Fumado Blanco Glas

Der Abgang ist extrem weich, dabei aber vergleichsweise trocken, mit schöner, milder Wärme und herrlicher mildpfeffriger Würze. Die mineralische und pflanzliche Komponente bleibt, auch wenn der Abgang selbst eher kurz ist, noch eine Weile am Gaumen.

Oh, das ist ein Tequila, der mit dem von mir vielgescholtenen Sierra Mixto rein gar nichts mehr zu tun hat – im Gegenteil, das ist ein wunderbares Produkt mit viel Herz und Verstand. Gerade die deutlichst erkennbare Nähe zu Mezcal, ohne dabei seine Tequilawurzeln aufzugeben, machen den Sierra Milenario Fumado extrem spannend und zu einer meiner neuen Lieblingssorten. Man sollte ihn als Tequilafreund definitiv probieren.

Ich konnte es entsprechend kaum erwarten, diese Spirituose auch in einem Cocktail unterzubringen. Eine Paloma ist ein herrliches Sommergetränk, herb und frisch. Mit einem kleinen Schuss Lavendelsirup, dann eben als Lavendel-Paloma, wird sie noch aromatischer und sommerlicher; der Fumado gibt dem ganzen schließlich als Krönung eine hintergründige Rauchigkeit, die für Komplexität und Spannung sorgt.

Lavendel Paloma


Lavendel-Paloma
3 oz Grapefruit-Saft
2 oz Tequila Blanco
½ oz Lavendelsirup
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Die neuen Flaschen, die die Destilerías Sierra Unidas, S.A. de C.V. (NOM 1451) für ihre Milenario-Reihe benutzen, gefallen mir sehr. Sie liegen gut in der Hand, machen einen wuchtigen und wertigen Eindruck, insbesondere mit dem Holzdeckel des Kunststoffkorkens, der umgehängten Kordel in der grauen Sortenfarbe und dem kleinen Metallanhänger. Es ist chi-chi, ja, doch hin und wieder lasse ich mich davon einnehmen, auch wenn es eigentlich unnötig und ablenkend ist.

Sierra Milenario Tequila Fumado Blanco Rücketikett

Kurz will ich noch die Etikettierung ansprechen. Am Hals steht in einer Banderole „Concrete Jungle Luxury“, das müsste mir mal erklärt werden – im Gegensatz zu obiger, offensichtlicher, harmloser Augenschmeichlerei ist das völliger Quatsch, der abgestellt werden sollte. Mir missfällt auch etwas die Gestaltung des Rücketiketts, die sich an handausgefüllten Vordrucken orientiert; hier ist aber nichts handausgefüllt, selbst die Flaschennummer ist (nachträglich) aufgedruckt. Ein Täuschungsmanöver, ebenso wie der Versuch, den Eindruck zu erwecken, dass hier tonnenweise Informationen abgedruckt seien. Das übelste ist die Vermischung von wertvoller Information, wie die Erwähnung der Agavenherkunft (Los Altos, also Hochland), der Destillationsmethode (zweifach im Kupfer-Pot-Still) und des zur Reifung verwendeten Holzes (wobei „Mexican Wood“ auch nicht gerade wirklich sehr erleuchtend ist), mit Marktinggeblubber und nutzloser Pseudoinformation („Quality: The Crocodile, Imix“? „Mayan Sign“?). Bei einem ernstzunehmenden Produkt ist diese Art von schwalliger Übermütigkeit und schlechtem Storytelling unangebracht – und es lenkt vom wirklich herausragend guten Inhalt ab, was ich schade finde. Wenn diese Kritikpunkte noch aus der Welt geschafft werden könnten, hätten wir mit dem Sierra Milenario Fumado ein völlig uneingeschränkt empfehlenswertes Produkt; aber auch so lege ich ihn jedem Tequila- und auch Mezcalfreund definitiv ans Herz.

The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual Titel

Tief in den Innereien – The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual

New York, das verbindet man heute meist mit Wolkenkratzern, dem Times Square und dem Lebensgefühl einer riesigen Metropole. Das war nicht immer so. Tatsächlich ist es noch gar nicht so lange her, dass die Stadt ein Schlachtfeld von rivalisierenden Banden war, die sich bis aufs Blut auf brutalste Art und Weise bekämpften. Wer den Scorsese-Film „Gangs of New York“ gesehen hat, den ich unglaublich gut finde, und vielleicht dann sogar das diesem Film zugrundeliegende Buch von Herbert Asbury gelesen hat, bekommt einen Eindruck davon, welche höchstspannende Geschichte dieser Melting Pot hinter dem modernen Glamour aufzuweisen hat. Die Plug Uglies, die Rip Raps, die Bowery Boys, die Dead Rabbits und andere Gangs leben heute noch in der Folklore weiter. Letztere dienten sogar einer Bar als Namenspaten, die als eine der besten der Welt gilt, wenn man authentische Cocktails aus der Zeit vor der Prohibition trinken möchte – The Dead Rabbit Grocery and Grog. Bill the Butcher hätte sie sicherlich kurz und klein geschlagen, wir zivilisierte Genießer dagegen wollen einen Blick auf das Buch werfen, das die Gründer Sean Muldoon und Jack McGarry zusammen mit Texter Ben Schaffer herausgebracht haben.

The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual Cover

Der erste Eindruck des The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual überzeugt – die Materialien sind wohlgewählt, der Hardcover-Einband in hübschem Anthrazit auf Leinen gestaltet. Das Papier ist schwer und dick, mit Mattglanz versehen, was die vielen, oft ganzseitigen Fotos bestens zur Geltung bringt. Die gute Fadenbindung hebt das Buch von vielen anderen derartigen Publikationen ab, ich schätze das sehr, denn so kann man das Buch offen liegen lassen, während man eines der Cocktailrezepte nachmixt, und muss es nicht mühsam mit der Hand oder einem schweren Gegenstand aufhalten.

Nun zum Text. Die Einleitung mit der langen Geschichte über Sean Muldoon und Jack McGarry finde ich, ehrlich gesagt, etwas mühselig konstruiert, ein bisschen schwallend, etwas belanglos – mich interessieren derartige Biografien nicht so sehr, denn so spannend war das Leben der beiden nicht, dass das mich packen könnte – hier wird viel aufgebauscht und das Bartendertum sensationalisiert. Das wird den beiden zurückhaltenden Bartendern meines Erachtens auch nicht gerecht, die ungern im Rampenlicht stehen, wenn ich diese Einleitung richtig verstanden habe.

The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual Innenseite

Muss man also nicht gelesen haben. Glücklicherweise können wir dann schnell zu den Rezepten springen. Diese bringen dann aber eine neue, ganz eigene Problematik mit sich. Wer sich nicht an die Vorgabe der Autoren halten will, die über ihre sehr expliziten Zutatenlisten selbst sagen, dass „for maximum fidelity, the same brand of ingredient should be used“, und darüber hinaus nicht bereit ist, für jeden Cocktail einen anderen Sirup herzustellen, eine andere Spirituose mit einer anderen Frucht zu infundieren, der wird viel Sucharbeit nach Alternativzutaten haben. Jeder einzelne Drink lässt selbst mich, mit meiner wirklich sehr großen Heimbar und Energie, verrücktes auszuprobieren, ins Schwitzen geraten. Sowas macht man einfach nicht auf dauerhafter Basis, außer, man ist derart veranlagt und sieht im Cocktail nicht einen Drink, sondern ein Projekt. Stellenweise meint man, ein obskures Rechtsmedizinbuch über detaillierte Obduktion vor sich zu haben, das sich mit der Vivisektion eines Kaninchens beschäftigt.

David Wondrich schreibt es auf der Buchrückseite in seiner Empfehlung sehr passend: „a grimoire of occult potionology“. Persönlich glaube ich, dass praktisch alle Cocktails, in der Form in der sie im Buch beschrieben sind, nicht für den Hausgebrauch taugen. Für derartige Drinks geht man in die Bar, die macht man nicht daheim, punkt. Entsprechend sehe ich auch die Zielgruppe dieses Buchs nicht im normalen, cocktailinteressierten Heimbartender, sondern im Mixologen und im professionellen Bartender, der eine Inspiration für seine eigene Bar sucht.

The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual Beispielrezept

Trotz des Lobs bei der amerikanischen Fachveranstaltung Tales of the Cocktail als „Best New Cocktail & Bartending Book 2016“ kann mich das Buch nicht so recht begeistern. Obwohl viele Anekdoten zu den meisten Cocktailrezepten vorhanden sind, lesen diese sich dröge und prosaisch. Das Buch hat, obwohl es dauern davon redet, wie sehr das Dead Rabbit davon lebt, selbst kein Feuer, keine Energie, keine Kraft, und leider auch viel zu wenig Charme und Humor. Gerade letzteres braucht ein Buch, das notgedrungen Aufzählungscharakter haben muss, unbedingt. Diverse andere Bücher machen das viel besser, und diese würde ich dem rezeptinteressierten Leser klar eher empfehlen als das The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual. Wer aber gern mit hausgemachtem Oleo-Saccharum, Tinkturen, Sirups, infundierten Spirituosen und Lime Sherbet hantiert, gern alles selbst macht, keine Mühen, Kosten und Aufwände scheut, obskure Zutaten zu besorgen oder herzustellen, und bis ins letzte Detail geplante Drinks liebt, sollte sich dieses dahingehend zugegebenermaßen beeindruckende Handbuch der Mixologie nicht entgehen lassen.