Familienzusammenführung – Booker’s Bourbon

Der verlorene Sohn – endlich kommt er heim. Der Booker’s Bourbon ist ein weiterer Verwandter aus der Jim-Beam-Small-Batch-Serie; das fehlende Element der Familie für mich, denn ich hatte bereits den Basil Hayden’s, Knob Creek und Baker’s Bourbon verkostet, die die anderen Mitglieder dieser Serie sind. Seit neuestem ist allerdings noch der Knob Creek Rye dazugekommen, irgendwie werde ich also nicht fertig mit dieser Verwandschaft. Aber eins nach dem anderen, jetzt erstmal zum Booker’s, von dem ich mir eine Flasche aus dem „Batch 2014-06“ geschnappt hatte.

Bei manchen Spirituosen muss man froh sein, wenn man überhaupt eine grobe Richtung erfährt, wie alt das Produkt ist – auf dem Etikett dieses Whiskys findet sich die Altersangabe „7 Jahre, 2 Monate, 14 Tage“, da steigen mir als Freund der Transparenz Freudentränen in die Augen. Ich lasse mir dadurch allerdings nicht die Sicht verschwurbeln darauf, dass „Small Batch“ bei derartigen Produkten ein extrem relativer Begriff ist und auch bei den kleinen Abteilungen im Hause Jim Beam eher amerikanische Größenverhältnisse als Maßstab anzulegen sind denn der Ausstoß eines kleinen Handwerksbetriebs. Nun, das muss ja aber auch nicht schlecht sein – meine persönliche Meinung: ein gut gemachtes Mengenprodukt ist einem schlechten aus einem kleinen Betrieb vorzuziehen. Schauen wir mal, was wir hier haben.

Booker's Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Farblich sehen wir ein dunkles, leuchtendes Kupfer, das sich sehr schwer und dick im Glas bewegt. Am Glasrand entsteht ein öliger Film, der lange haften bleibt und sich dann nur langsam in Beinchen aufteilt, die träge ablaufen.

Die Nase muss man nicht ins Glas halten, nach einem vorsichtigen Schwenken riecht man die Aromen bis einen halben Meter entfernt ohne Mühe – reife Früchte, frisch geschnittene Karotte, Karamellbonbons, warmer Schokoladenkuchen, Vanille und einen Hauch von Lack. Ein Geruch, der jedem ohne viele Worte direkt erklären sollte, warum ich guten Bourbon so liebe.

Nehmen wir einen Schluck, zunächst ohne Verdünnung – bei 63,85% Alkoholgehalt oder 127,7 Proof ist das durchaus noch möglich, wenn für mich persönlich auch nicht so wirklich sinnvoll und erstrebenswert. Was passiert, wenn man so einen starken Bourbon pur trinkt? Erstmal kommen durchaus Aromen durch; doch sehr schnell fängt dann die Zunge, das Zahnfleisch und der Gaumen an zu kitzeln, die Alkoholschärfe betäubt mit lautem Brummen alle Geschmacksknospen, man schmeckt nur noch einen kleinen Teil dessen, was dieser Whiskey liefern kann. Eine Verschwendung! Eine Spirituose in Fassstärke unverdünnt zu trinken, führt nach meiner persönlichen Meinung nur dazu, dass man sie nicht wirklich würdigen kann, denn die vordergründigen Geschmacksaspekte überdecken alles an Komplexität und Tiefe.

Booker's Bourbon Glas

Entsprechend wirkt der Booker’s Bourbon unverdünnt im Antrunk zunächst flach und schal. Der Verlauf ist zwar süß, aber die Hitze des Alkohol sorgt für kaum Aromen, außer den typischen, die Bourbon ausmachen – Vanille, reife, dunkle Früchte und Karotte. Der Abgang ist mittellang und unspannend. Man merkt, dass da etwas ist, aber der Geschmacksapparat kann es nicht wirklich auseinanderdividieren.

Ich gebe ein paar Tropfen Wasser aus einer Pipette dazu, in etwa soviel, um vielleicht ein Dutzend Prozente wegzunehmen. Der geruchliche Eindruck verändert sich, wirkt saurer und würziger. Im Mund denkt man, etwas ganz anderes zu haben – der Booker’s ist nun plötzlich sehr dicht, unglaublich voluminös, prachtvoll; und das, obwohl er „verdünnt“ wurde. Er zeigt nun, was in ihm steckt: Kraft, Wucht, Stärke, sehr breite Aromenspektren vor allem in Richtung Würze und Umami-Eindrücken, fast schon salzig. Tabak und Röstaromen entstehen, Espresso und geröstete Nüsse fliegen mit. Das Mundgefühl ist grandios, ölig, cremig, schwer. Es geht bei diesem Whiskey weniger um die Breite an Aromen: das Mundgefühl ist es, was den Booker’s für mich so besonders macht. Darunter liegt immer eine starke, natürliche Süße. Der Abgang ist nun lang, Aromen kleben fast schon am Gaumen und am Zungenrand, Karotte und Vanille bleiben minutenlang aktiv, hauchige Eukalyptuskälte spürt man bei jedem Atemzug im Mund. Der Nachhall ist im Rachen und Magen dagegen sehr warm, rund und befriedigend; man kann einen Schluck fünf oder sechs Minuten danach noch nachfühlen und genießen.

So eine Wuchtbrumme übernimmt natürlich dann auch ohne jede weitere Aufforderung die Hauptrolle in einem Mixed Drink. Braucht man mal einen Bourbon, der sich gegen richtig schwere Zutaten durchsetzen kann, wie die gemuddelten Erdbeeren im Bourbon Blush, dann ist der Booker’s Bourbon genau die Waffe, die der Cocktailkämpfer braucht.

Bourbon Blush


Bourbon Blush
3 Edbeeren muddeln
2 oz Bourbon
¾ oz Himbeerlikör
¼ oz Ahornsirup
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Simon King]


Selbst von der Präsentationsseite sorgt dieser Whisky für großen Spaß bei mir – auch wenn ich inzwischen weg davon bin, die ganzen Kartons und Gimmicks, in denen Spirituosen ausgeliefert werden, aufzubewahren, so wird der Holzkasten mit transparentem Plastik als verschiebbarem Sichtfenster noch einen guten Verwendungszweck in meiner Heimbar finden. Die Weinflasche mit den vielen Etiketten, die mit sehr viel Pseudohandschrift befüllt sind, und dem Wachsverschluss gibt darüberhinaus dem Auge einiges zu tun. Ein tolles Produkt, von vorne bis hinten.

Bier am Freitag – Stone White Geist Berliner Weisse

„Gebraut in Berlin“ steht auf der Dose, man sieht daran, dass sie etwas länger in meinem Kühlschrank lag, versteckt vor dem Blick und deshalb etwas vergessen hinter diversen anderen Dingen, die man halt so im Kühlschrank hat. Ich müsste häufiger aufräumen da drin! Seit April 2019 hat sich Stone Brewing aus Berlin zurückgezogen, ein sehr ambitioniertes Projekt, den Deutschen das amerikanische Craftbier näherzubringen, scheiterte aus vielerlei Gründen. Der Stone-Freund, zu denen ich mich durchaus zähle, ich mag ihre frechen, oft sehr wuchtigen Biere, kann natürlich weiterhin auf die Brauerei zählen, es wird nur halt nicht mehr in Deutschland gebraut. Mit leichtem Seufzen öffne ich darum die Dose des Stone White Geist Berliner Weisse, gebraut in Berlin, der Heimat dieses Sauerbierstils.

Stone White Geist Berliner Weisse

Ich sehe: sehr grobblasigen, hohlen Schaum, der sich zunächst zwar wild auftürmt, dann aber sehr schnell in sich zusammenfällt. Nach kurzem Warten bleibt nur ein grober Rand am Glas zurück. Die Flüssigkeit selbst ist hefetrüb, blassgold. Die Nase nimmt direkt Zitrone, grünen Apfel, milden Weinessig und Grapefruit wahr. Fruchtkaugummi- oder Zuckerwattesüße und Mango liegen darunter.

Man spürt direkt beim Antrunk die stiltypische Säure, die das Geschmacksbild wie erwartet dominiert, und durch den Verlauf bis zum Abgang sogar noch zunimmt. Ein schöner Körper und eine unterschwellige Süßlichkeit balancieren das ganze aus. Deutliche Fruchtnoten nach Ananas, Apfel und Limette kommen dazu. Die Rezenz ist gut, die Karbonisierung ebenso wie der Alkoholgehalt von 4,7% fühlen sich sauber eingebettet an. Der Abang ist aromatisch dann eher kurz, durchaus noch fruchtig-blumig, mit vielen länger andauernden Säureeffekten im ganzen Rachen und am Gaumen.

Eine schöne fruchtige Berliner Weisse, für Stone-Verhältnisse rund und ausbalanciert und fast schon zurückhaltend, dabei nicht aufdringlich oder wild. Ein schöner Mittelweg für ein Sauerbier – eine Weisse für Einsteiger.

Das Goldene Zeitalter – Ron Libertad Dorado

Der moderne, leicht nerdig angehauchte Rumfreund wird immer wissbegieriger. Vor einigen Jahren war es noch das höchste der Gefühle, herauszufinden, aus welcher Destillerie ein Rum überhaupt stammt – die Hersteller übten sich in, sagen wir es positiv, Diskretion, und gaben auf Etiketten praktisch nichts über die Produktionsweise ihres Produkts preis. Das änderte sich Schritt für Schritt, irgendwann wurde auch der Unterschied zwischen Pot Still und Column Still interessant, dann die Art der Holzreifung und Fasshölzern, irgendwann Marks und chemische Zusammensetzungen, schließlich noch Fermentationsdauern und -methoden, und im Moment gehen wir sogar runter bis auf die Arten des Zuckerrohrs, die für den Rum jeweils eingesetzt werden. Das interessiert natürlich nur noch eine Handvoll Menschen, das ist mir klar, gerade in einem Bereich, der sich mit Genuss beschäftigt: zuviel Kopf ist dem Genuss oft abträglich.

Dennoch finde ich als Genießer, der gleichermaßen mit dem Magen wie mit dem Hirn genießt, es immer sehr angenehm, wenn ich derartige Details heutzutage nachlesen kann, und dahingehend sind wir wirklich in einem goldenen Zeitalter für den interessierten Rumfreund angekommen. Beim einjährig gereiften Ron Libertad Dorado (das spanische Wort für „vergoldet“ spielt auf die Farbe, die der Rum bei seinem Jahr im Fass aufsammelt, an) kann man zum Beispiel schnell herausfinden, dass dieser „Ron de Caña“ aus dem südmexikanischen Bundesstaat Chiapas aus dem ausgepressten Saft der drei Zuckerrohrarten Criolla, Vetada und Violeta hergestellt wird. Hier zeigt sich dann aber, dass manche Fakten aber für die allermeisten unter uns keine Information mehr darstellen, sondern eben nur noch Fakten sind: Hand aufs Herz, wer von meinen Lesern hat je den Unterschied zwischen verschiedenen Zuckerrohrarten tatsächlich selbst geschmacklich probiert und kann etwas über die Vor- und Nachteile dieser Sorten sagen? Nun, immerhin, wir wissen es jetzt, und mit diesem Wissen machen wir uns ans Probieren.

Ron Libertad Dorado

Ein blasses Messing erwartet uns im Glas, das entspricht durchaus dem, was ich beim Reifungsalter dieses Rums erwarte. Er schwenkt sich auch recht lebendig, mit einem Anflug von Widerstand, und der Film, der sich dabei an der Glaswand bildet, läuft schnell in dicken Beinen ab.

Wenn man die Nase ins Glas hält, ist man zunächst etwas verblüfft – ein durchaus eigener Geruch findet sich da. Sehr grün, sehr pflanzlich, erinnernd an geschnittene grüne Blätter, frisch geerntetes Heu und Algen, unterstützt von einer deutlichen Mineralität, die Reminiszenzen an feuchten Kies und Lehm erzeugt. Etwas Vanille sorgt für Süße, und im Hintergrund meine ich, eine leichte Blumigkeit zu finden, die mich an blühende Kräuter und tropische Blüten denken lässt. Da ist eine leichte Ethanolnote, nicht stechend allerdings, mehr ein alkoholischer Hauch. Irgendwie fühle ich mich wie bei einem Zwischending, das Tequila reposado und ungereifte Cachaça verbindet. Ungewohnt, aber interessant.

Ron Libertad Dorado Glas

Auch im Mund geht die Reise ins Unbekannte weiter. Der Antrunk wirkt zunächst sehr von der mineralischen Feuchtkieskomponente beherrscht, hat Anflüge von Lakritz, Fenchel und beinahe schon erbsig-gemüsige Töne, Gurkenwasser und Senfsamen, das erwartet man so gar nicht. Im Verlauf wird die zu Beginn leicht vorhandene Süße komplett durch wildes, pfeffriges Feuer ersetzt, da ist mehr Wucht drin, als die 44% Alkoholgehalt andeuten, das gefällt mir sehr. Und ich finde dann auch viele Holzeffekte und -aromen, trotz der kurzen Reifung. Zuckerrohraromen entwickeln sich langsam aber stetig, um gegen Ende dann wieder in die vegetale Mineralität zurückzugleiten, die dann schon durchaus salzig wirkt. Der Abgang ist trocken und bitter, sehr pikant, jugendlich scharf eigentlich schon, kitzelt die gesamte Zunge und hinterlässt einen leichten Alkoholhauch im Mund. Aromatisch ist er eher kurz, hinterlässt einen metallischen Ton, der sich aus der Mineralität entwickelt.

Insgesamt empfinde ich den Ron Libertad Dorado als ein interessantes Zwitterwesen zwischen Spirituosen, die ich kenne; die Kombination ist ungewöhnlich und hat durchaus ihren Reiz, letztlich wirkt der Rum dadurch aber gewöhnungsbedürftig. Man kann jedenfalls nicht über ihn sagen, dass es „halt noch ein Rum“ ist – im Gegenteil, er ist sehr markant und eigenständig im breiten Spektrum der Rumwelt in einem ganz eigenen, kleinen Segment verortet.

So einen Rum würde ich nicht in Rezepten einsetzen, bei denen man auf ein bestimmtes, bekanntes, gewohntes Geschmacksbild hingerichtet sind. Der Sand Dollar ist allerdings ein gutes Beispiel dafür, wie der Ron Libertad Dorado einem Rezept seinen Stempel aufdrücken kann; die restlichen Komponenten geben Körper dazu und ergänzen die Aromatik.

Sand Dollar Cocktail


Sand Dollar
1½ oz leicht gereifter Rum
¾ oz Holunderblütenlikör
1 oz Zitronensaft
¾ oz Orgeat
3 Spritzer Zitronenbitter
Auf Eis shaken. In einem Glas mit Lavendelzuckerrand servieren.

[Rezept nach Max Solano]


Mir gefällt das Flaschendesign mit der groben Stoffumhüllung, bunt bedruckt, am Rand apart ausgefranst; die Präsentation passt wirklich zum Inhalt. Die kleinen Miniaturen, die ich dazu erhalten habe, haben ein Papieretikett mit demselben Design. Ich probiere die ungereifte Variante immer gern dazu, um zu vergleichen, wie die Reifung die Spirituose verändert; dank der Miniaturen kann ich das hier unkompliziert tun.

Ron Libertad Blanco

Schon der Unterschied im Geruch ist frappierend – der weiße Rum ist sehr viel fruchtiger, aromatischer in Richtung gewohnter Zuckerholzsaft-Brände, offensichtlich nimmt die Eichenholzfassreifung diese Komponente etwas weg. Sie betont dafür die Vegetalität und Mineralität, die bereits im ungereiften Produkt klar vorhanden, wenn auch deutlichst weniger ausgeprägt ist. Im Geschmack verschwimmt der Unterschied etwas, doch auch hier gilt, dass der weiße Rum süßer und zuckerrohrfruchtiger ist. Vanilletöne aus dem Holz sind vielleicht die größte Veränderung, die den Dorado betreffen. Gleich bleibt die Pikanz und die Effektivität am Gaumen und der Zunge, und die leichte Salzigkeit. Ein spannender Vergleich jedenfalls, der mich dem Ron Libertad in Gänze noch mehr zugetan macht.

Wer sich für ungewöhnliche Spirituosen interessiert, die man durchaus pur trinken kann, die aber auch in Cocktails einen gewohnten Rezept einen Twist geben können, der darf sich hier bedienen!

Offenlegung: Ich danke tequila-kontor.de für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines Samples des Ron Libertad Dorado und des Ron Libertad.

Bier am Freitag – Ayinger Celebrator Doppelbock

Die Helden des Radsports fahren gerade zum Cormet de Roselend auf knapp 2000m hoch, an einem sehr regnerischen Tag, und nicht nur in den französischen Alpen regnet es, auch hier in Saarbrücken schüttet es den ganzen Tag wie aus Eimern. Anfang Juli hatte ich eigentlich auf besseres Wetter gehofft, die Radlerprofis bei der Tour de France 2021 sicher auch, aber im Gegensatz zum Hochenergie-Gel, das die Sportler während ihrer Quälerei den Berg hoch essen, trinke ich lieber beim Zuschauen auf der Couch ein gemütliches Bier, für das Wetter passt ein dunkler Doppelbock einfach gut, und der Ayinger Celebrator Doppelbock lag schon eine ganze Weile in Kühlung bei mir – manchmal muss man die Chance ergreifen, die sich bietet!

Ayinger Celebrator Doppelbock

Es ist, wie gesagt, ein trüber Tag, darum kann ich das Bier kaum ins Gegenlicht halten, um zu prüfen, ob die schwarzbraune, dicke Flüssigkeit auch da keinerlei Durchschaubarkeit bietet. Ein bisschen Rubinrot schimmert durch. Der Schaum ist dünn, cremafarben, bedeckt nur wenig der Bieroberfläche. Die Nase gefällt dem Starkbierfreund durch dunkle Malztöne, röstig, kräftig, nussig. Ein bisschen Holzkohle, leichte Rauchigkeit, ohne dabei speckig zu werden. Ein Anflug von Hopfen bietet aufhellende Frische, dezente Frucht, doch die Stoßrichtung des Celebrators ist klar – eine schwarze Seele liegt da im Glas.

Süßlich, nussig, röstig mit milden Kaffeearomen, man sieht, der Gaumen bestätigt die vorherigern Eindrücke. Eine grandios schwere Textur legt sich auf den gesamten Mundinnenraum, prickelt da leicht beim Ablaufen, die Süßlichkeit wird komplementiert durch eine deftige, aber grundsätzlich gut integrierte Bittere. Im Verlauf wird das Bier sogar immer herber, kaffeelastiger, hier meint man zwischendurch auch immer wieder, eine helle Zitrus- und Aprikosennote rauszuschmecken; jedenfalls ist trotz der dunklen Eindrücke der Bock durch eine hübsche Säure immer frisch und rezent. Der Abgang ist mittellang, rundet sich hier dann, fügt all die gesammelten unterschiedlichen Aromen und Effekte zusammen, und endet schließlich süßbitter, erhält dabei die Gaumeneffekte der Bittere und Säure lange aufrecht im Nachhall.

Ein wuchtiger Doppelbock, da steckt in dem kleinen 33cl-Fläschchen ein echter Kerl, ohne dabei zum Krawallbruder zu mutieren – eine sehr gelungene Komposition, die uns das Traditionsbrauhaus Ayinger da serviert. Nicht für jeden Tag, sicher, aber nach der Anstrengung der Bergankunft an einem so feuchtkalten Tag eine lohnenswerte Belohnung für den Couchsportler.

Fasern und Ton – Mezcal Vago Ensamble en Barro by Tío Rey

Man sieht es im Titel – da haben wir schon wieder so eine Spirituose, bei der man erstmal gar nicht weiß, was die ganzen Namensbestandteile bedeuten. Es gehört natürlich mit zu meinem Leserservice, dies aufzuschlüsseln, schließlich hat man als Schnapsblogger, ich wiederhole mich gerne, auch einen Bildungsauftrag. Was verbirgt sich also hinter dem unhandlichen Namen Mezcal Vago Ensamble en Barro by Tío Rey?

„Mezcal Vago“ ist natürlich erstmal der Markenname, so weit, so gut. „Ensamble“ bedeutet, dass hier eine Mischung von Agavensorten als Rohmaterial eingesetzt wurden. Das lässt sich hier sogar sehr genau auf dem Etikett nachvollziehen – 80% Espadín, 20% Coyote. Es werden für jeden Batch die eben reifen, verfügbaren Agaven genutzt, kein Batch gleicht darum dem anderen. Gekocht werden die Agaven 2 bis 3 Tage in einer Erd- oder Steingrube, befeuert mit Eichenholz. Danach werden sie von Hand in einem Trog zerkleinert. Die Fermentation holt sich die Hefen aus der lokalen Luft, während sie in 1000l-Pinienholzfässern und ausgehöhlten Zedernholzstämmen („Canoa de Sabino“) vor sich hin brodelt. Zu guter letzt erfolgt die doppelte Destillation direkt auf einen Zielalkoholgehalt von 48,3% hin (es findet kein Zusatz von Wasser statt), und die ist das sehr Spezielle hier: Brennmeister Salomón `Rey „Tío Rey“ Rodriguez verwendet dafür in seiner Palenque in Gulerá, Sola de Vega/Oaxaca (NOM 0188X), kleine 50l-Potstills aus Ton („olla de barro“ – hier also das letzte Namensdetail). Entsprechend dieser sehr aufwändigen Produktionsmethode entstehen auch nur winzige Abfüllmengen – nur knapp über 500 Liter sind für diese Abfüllung 2019 hergestellt worden.

So, damit sollten wir alle Fragezeichen geklärt haben! Dem Genuss steht nichts mehr im Weg!

Mezcal Vago Ensamble en Barro by Tío Rey

Ungereifter Mezcal ist natürlich klar, idealerweise brilliant und ohne jeden Fehleinschluss von Partikeln oder ähnlichem. All das sieht man bereits in der Flasche, im Glas kann man zusätzlich beim Schwenken noch die leichte Öligkeit wahrnehmen, die dafür sorgt, dass die Flüssigkeit nach dem Drehen des Glases ziemlich schnell wieder still steht. An der Glaswand laufen klar voneinander abgrenzbare Beine dick und langsam ab.

Die Nase beginnt mit einer klaren Rauchkomponente, nicht speckig oder dreckig, sondern sauber, wie von einem Stück frisch angezündeter Holzkohle. Nur initial riecht man das im Vordergrund, schnell geht dieser Rauch in die paradoxerweise oft verwandte dunkle Fruchtnote von Pflaume und reifem Pfirsich über. Im Verlauf wandelt sich das sogar in frischere tropische Frucht, Papaya und Ananas. Gegen Ende finde ich darüber hinaus noch Rosenblüten und eine dazu überraschend orthogonale Note von Leder und Kaffee. Man sieht, ein buntes Aromenspiel in viele Richtungen, komplex und spannend. Ein leichter Alkoholhauch lässt das ganze dann aber doch erwachsen und nicht überschmeichelnd erscheinen.

Mezcal Vago Ensamble en Barro by Tío Rey Glas

Ein sehr weicher Antrunk läutet die Geschmacksverkostung ein, süß, rund. Hier spielen Rauch und Frucht weiter miteinander; während bei der Nase letztere gewann, behält hier ersterer über lange Zeit die Oberhand. Ein ledriger, trockener, warmer Rauch, wie aus einer würzigen Zigarre, und nicht wie ein speckiger Braten. Kakao entdecke ich als dunklen Unterbau, mit Eindrücken von Vanille, vielleicht etwas Kokos und gebräunten Zucker. Im Verlauf entsteht Stück für Stück immer mehr Wärme und Pikanz, gegen Ende ist das dann sogar feurig und heiß, ohne alkoholisch zu wirken – dazu wächst die Agavenaromatik mit jeder Sekunde. Trotz der deutlich adstringierenden Trockenheit bleibt eine feine, süßlichcremige Textur; im langen, sehr warmen und hocharomatischen Nachhall kommen wieder ein bisschen Blüten und grasig-grüne Komponenten dazu.

Tío Rey hat mit diesem Mezcal den für mich perfekten Punkt zwischen Rauch und Agavenfrucht getroffen, die beiden kombinieren sich hier aufs Angenehmste, und es entsteht ein extrem komplexes Destillat, das alles zeigt, was guten Mezcal ausmacht. Hier fehlt einem auch kein Fass, man hat zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, einen ungereiften Brand vor sich zu haben – er ist schlicht und ergreifend „reif“, ohne „gealtert“ zu sein.

Laut Robert Simonson, aus dessen neuem (und übrigens sehr empfehlenswerten!) Cocktailbuch „Mezcal + Tequila Cocktails“ ich den Ztinger hier wiedergebe, gehen Mezcal und Minzlikör immer gut zusammen. Er ist natürlich eine mexikanische Variante auf den klassischen Stinger, so schon ein Cocktail, den ich sehr mag – und mit dem Vago hier wird daraus ein erdiger Drink mit einer coolen Frischekante am Schluss.

Ztinger Cocktail


Ztinger
2¼ oz Mezcal
¾ oz Crème de Menthe (weiß)
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Robert Simonson]


Natürlich, da bin ich ehrlich, habe ich mir diese Abfüllung zugelegt, weil mein Nachname so prominent auf dem Etikett steht. Das ist ja fast wie eine personalisierte Flasche, auch wenn es reiner Zufall ist, dass mein Nachname im Spanischen eine Bedeutung hat. Auf das Etikett will ich aber trotzdem noch separat eingehen: Die grobe Struktur und die fühlbare Dicke des Etiketts stammt daher, dass es vollständig aus recycleter Agavenfaser besteht. Eric Rodriguez von El Artesano Taller de Papel stellt kunstvolle Papiere aus den Resten der Mezcalproduktion her, eine nachhaltige und traditionelle Weise der Wiederverwendung, die neben diesen schon für sich allein wertvollen Eigenschaften auch einfach sehr cool aussieht. Ich bin auch dankbar, dass so ein hochwertig hergestelltes Etikett nicht mit irgendeinem Marketinggelaber zugemüllt wird, sondern stilistisch reduziert ebenso wertvolle Informationen zum Flascheninhalt liefert – die ganze Präsentation konzentriert sich darauf, den Mezcal selbst zu betonen, statt irgendwelcher Luftschlösser. Damit punktet man bei mir schon; und da der Mezcal an sich auch alle Erwartungen noch übertrifft, kann ich jedem Agavenfreund nur dazu raten, die zugegebenermaßen hohen Investitionskosten von rund 90€ zu tragen. Hier bezahlt man neben einem tollen Geschmack einfach wirklich auch Tradition, Handwerk und Nachhaltigkeit. Da ist jeder Cent gut angelegt.

Bier am Freitag – Saartans Saison

Wir Bierfreunde gruppieren Biere gerne nach Bierstil. Früher war das auch kein Problem, heute wird das immer schwieriger – kreative Brauer sprengen gern Grenzen. Und das ist auch gut so, denn, so will ich betonen: Zuerst ist das Bier da, dann die recht willkürliche Einteilung in Bierstile. Letztere sollte immer deskriptiv sein, nicht proskriptiv, wer sind wir schon, einem Bier vorzuschreiben, dass es als einzigen Mangel die fehlende Passgenauigkeit auf einen von einem Bürokraten vorgeschriebenen Stil hat. Wir sind ja gottseidank nicht bei den Hundezüchtern, man sieht ja, was das dort für tragische Ergebnisse hat. Mit diesem Gedankengang gieße ich mir das Saartans Saison ein, wieder einmal persönlich überreicht vom Brauer selbst. Einfach, weil es das Bier aktuell nicht käuflich zu erwerben gibt. Vielleicht ändert sich das mal.

Saartans Saison

Ich sehe nun naturtrübes Ocker, das erst bei Gegenlicht die Perlage erkennen lässt, die den stabilen, attraktiv gemischtblasigen Schaum über eine lange Zeit am Leben erhält. Winzige Hefeflöckchen liegen am Boden des Glases, die als Mousseuxpunkt dafür dienen. Sehr fruchtig wirkt die Nase, das ist für mich geruchlich erstmal gefühlt ein Pale Ale. Hopfig in Richtung Zitrus- und Tropenfrucht, ohne dabei stechend oder überdefiniert zu werden. Honigmelone, Aprikose, Orange.

Auch im Mund setzt sich das fort – hier emanzipiert sich das Bier aber vom Pale Ale, das Mundgefühl ist klar trockener und herber, mit viel Nelkenwürze fast schon pikant. Eine schöne Textur bietet sich trotzdem, mit einem Zwischenspiel zwischen Süße und Säure, wobei letztere am Ende gewinnt. Die Rezenz ist wunderbar, der Alkoholgehalt über dem, was ich für ein Saisonbier normal erwarte. Da könnte man, wenn man wollte, vielleicht noch etwas an der Rundheit und Freundlichkeit feilen, aber vielleicht will man das Bier genau so – wild und ungezähmt. Münchner Malz, Weizenmalz und Pilsner Malz werden hier verarbeitet, und der Universalhopfen Nelson Sauvin. French Saison kommt als Hefe zum Einsatz.

Das Saartans Saison ist im Fazit ein fettes Bier, wie geschaffen für den Biergarten, ein interessanter Zwitter zwischen Pale Ale und Hefeweizen für mich, mit Wucht und frecher saarländischer Schnauze. Geradzu perfekt funktioniert es als Beilage zu einem deftigen Essen, denn hier ist es gleichberechtigter Partner und nicht nur Durstlöscher. Ich mag es eben genau dafür.

Offenlegung: Ich danke Patrick Patton für die kosten- wie bedingungslose Bereitstellung einer Flasche dieses Biers.

Grün, grün, grün sind alle meine Farben – Tanqueray London Dry Gin

Damals, als man noch mit dem Flugzeug reisen durfte, gab es an den Orten, wo die Flugzeuge landeten und starteten, für den klimahassenden und coronafreundlichen Egoisten, der die Welt sehen wollte, Lädchen, in denen man für die Reise noch ein Präsent oder ein (weil steuerfrei) kostengünstiges Schnäppchen für Zuhause erwerben konnte: Duty Free Shops nannte man die damals, in dieser längst vergessenen Zeit. Ja, ich übertreibe, einfach, weil mir das Reisen doch sehr fehlt und ich dank der Umstände so einige Weltsehzeit verpasst habe. Nicht, dass das damals alles komplett reibungslos abgelaufen wäre – nein, ich habe damals am Flughafen Hahn vor Reiseantritt den Pickup-Service des Duty Free Shops nutzen wollen, das Produkt zurücklegen zu lassen und nach Rückkehr dann abzuholen. Man ahnt, worauf es hinausläuft: zuhause angekommen habe ich mich erinnert, dass da noch was wartet am Flughafen. Zum Glück war der Betreiber so kulant, mir die Flasche dann per Post nachzuschicken, danke dafür im langen Nachhinein.

Es handelte sich um die Travel-Retail-Variante des Tanqueray London Dry Gin, damals war die Literflasche mit satten 47,3% Alkohol im normalen Handel eher ungewöhnlich. Heute bekommt man den Gin in dieser Abfüllgröße und -stärke überall im Internet, da muss man gar nicht mehr weit in die Welt reisen und am Flughafen einkaufen. Ich bespreche hier selten Gins, und der Tanqueray hat keinen unerheblichen Anteil daran, dazu aber im Fazit mehr. Schrauben wir erstmal die grüne, markante Flasche auf und probieren den Auslöser dieser leicht peinlichen Reiseanekdote.

Tanqueray Imported London Dry Gin

Da es heute auch hin und wieder fassgereifte Gins gibt, erwähne ich hier einfach mal, dass wir eine komplett transparente, brilliant klare Flüssigkeit vor uns haben, ohne jede Beeinflussung durch Holz. Schwer und sehr ölig wirkt sie beim Schwenken, entsprechend fett liegt sie auch an der Glaswand danach.

Geruchlich muss man sich beim Tanqueray nicht lange mühen, um Eindrücke zu sammeln, Aromen verteilen sich schnell über das Verkostungsglas hinaus. Wacholder im Vordergrund, unterstützt von Zitrusnoten. Ein sehr klares, sauberes Bild, so mag ich meinen Gin. Klassisch, typisch, prägnant. Weiche Kräuter, etwas Pfeffer, sehr floral und hell – ein rundes Spektrum an Geruchskomponenten, bei denen kein extremer Sonderweg gegangen wird (was einfach zuviele Gins heutzutage tun, um sich abzugrenzen), sondern der Wacholder klar dominiert und nur unterpolstert wird durch andere Botanicals.

Tanqueray London Dry Gin Glas

Im Mund kommt der Tanqueray sehr weich an, starksüß sogar, würde ich sagen, auch wenn natürlich, gemäß den Bestimmungen für die Kategorie London Gin, Dry Gin und London Dry Gin nur eine minimalste Süßung (0,1g/L) erlaubt ist; wie bei manch anderen Spirituosen sieht man hier, dass Süße nicht unbedingt nur durch Süßung erreichbar ist, wenn man sich etwas bemüht. Wie schon optisch erkannt, fühlt man auch im Mund die ölige Textur, die dafür sorgt, dass sich die Aromen langsam aber sehr effektiv im gesamten Mundraum verteilen und sich dort breitmachen. Entsprechend lang hat man etwas von Wacholder und erkennbar etwas Zimt, aufgelockert durch die herbe Frische von Zitrusfruchtzesten. Durch die milde Salzigkeit wird das noch unterstützt.

Der Abgang ist dann pikant, pfeffrig, sehr lang und aromatisch. Die Süße bleibt bis zum Schluss, wird aber durch die Bittere der Kräuter etwas aufgefangen. Zunge wie Gaumen glühen warm sehr lange nach, die 47,3% Alkoholgehalt (darunter würde ich inzwischen für Gin niemals gehen wollen!) sorgen für ordentlich Kraft und lassen den Tanqueray mit einem kühlenden Hauch ausklingen.

Na, was soll man da noch groß herumphilosophieren, für mich ist der Tanqueray der Standardgin meiner Heimbar geworden, einfach weil er (neben einem herausragend guten Preisleistungsverhältnis!) stilecht und klassisch ist, sich keine Sperenzchen erlaubt, die ein Cocktailrezept verändern, ohne dass man es will. Denn das ist klar – pur trinke ich Gin eigentlich nie, auch Gin & Tonic ist ein eher seltener Gast in meinem Glas, doch auf Gin zu verzichten ist schlichtweg unmöglich: in unendlich vielen Präprohibitionsrezepten wie auch modernen Klassikern wird genau so ein traditioneller, hochwertiger Gin gefordert. Und er passt auch in leicht verrückte Drinks, wie dem Grie Soß Smash.

Grie Soß Smash Cocktail


Grie Soß Smash
1 Handvoll Grüne-Soße-Kräuter (Borretsch, Kerbel, Petersilie, Kresse, Sauerampfer, Schnittlauch und Pimpinelle) grob zerkleinern
½ Zitrone gestückelt
2 Teelöffel Zucker
Alles im Shakerglas muddeln
2 oz / 60ml Dry Gin
Auf Eis shaken. Doppelt auf Eis abseihen.

[Rezept nach Helmut Barro]


Tanqueray Boston ShakerEin grüner Cocktail in einem grünen Glas mit grüner Deko – man merkt, ich mag die Farbe bei Drinks. Die passend grüne Flasche des Tanqueray hat natürlich extrem hohen Wiedererkennungswert, sie wird auch auf Merchandising übertragen, wie den Cocktailshaker, den ich vor vielen Jahren zufällig auf einem Flohmarkt in Saarbrücken entdeckt hatte, und der mir bis heute beste Dienste leistet, auch wenn er inzwischen ein paar Macken und sehr deutliche Kratzer hat. So ein Boston Shaker (also mit Blechdose und Glas) ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig, ich würde aber niemals mehr auf einen anderen Typ wechseln.

Beim Gin sieht das trotz meines Lobs für den Geschmack anders aus – denn den einzigen, dafür aber umso größeren Wermutstropfen bei diesem Gin hat der Konzern geliefert, zu dem der Hersteller des Tanqueray heute gehört: Diageo hatte neulich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion praktisch das gesamte Feldteam entlassen und will es neu besetzen. Das ist natürlich keine Art, mit verdienten Mitarbeitern umzugehen, und entsprechend groß war der Aufschrei in der Spirituosenbranche, zumindest bei denen, die sich noch für die Menschen in dieser Branche interessieren, was leider offensichtlich nicht alle sind. Gewiss ist Profit die treibende Kraft hinter allen Unternehmungen, doch in Zeiten, in denen Konsumenten auch die Produktions-, Vertriebs- und Marketingbedingungen bei einem Kauf mitberücksichtigen (sollten), ist so ein Move ein dummer und respektloser. Ich werde mal schauen, ob nicht ein Hersteller, der nicht zu einem rücksichtslos agierenden Konzern gehört, mir vielleicht einen Ersatz für den Tanqueray offeriert, so gern ich den Gin selbst mag – denn mir ist wichtig, was ich trinke, nicht nur vom Geschmack her.

Bier am Freitag – Südtondern Brauerei Viererset

Vor einer Weile hatte ich ein besonderes Bier besprochen – ein in Rumfässern der jamaikanischen Destillerie Hampden gereiftes und mit Kaffee aromatisiertes Kunstwerk der nordfriesischen Südtondern Brauerei. Dort stellten sie natürlich nicht nur derartige Spezialbiere her, man braucht schließlich ein vernünftiges Basisbier, um solche Experimente überhaupt durchführen zu können. Ja, richtig gelesen, „stellten“, denn Ende Juni hat die Brauerei den Betrieb eingestellt. So wird aus diesem Artikel, eigentlich gedacht als Übersicht über das Sortiment einer kleinen aber sehr feinen lokalen Brauerei, ein trauriger Nachruf. Das Viererset, das ich vor einiger Zeit direkt dort gekauft und auch schon durchprobiert hatte, kommt hier damit immerhin zu posthumen Ehren.

Südtondern Brauerei Viererset

Wir trinken die einfach von links nach rechts durch, beginnen also mit dem Kiek An Brown Ale. Spezielle Farb- und Aromamalze werden laut Etikett eingesetzt, das Bier wird für mindestens 4 Wochen „obergärig gereift“ (was das auch immer heißen mag), 5,7% Alkoholgehalt finde ich schonmal gut.

Südtondern Brauerei Kiek An Brown AleMan sieht auf dem Foto, dass das Bier milchig trüb wird, wenn man es ganz eingießt – das liegt an einem fetten Hefesatz, den man eventuell nicht mit eingießen muss. Die Farbe jedenfalls ist haselnussbraun, am Boden liegen Hefepartikel, man sieht Perlchen aufsteigen trotz der durch die Trübung vollkommenen Blickdichte. Der Geruch ist metallisch, hefig, leicht malzig, insgesamt zurückhaltend. Diese metallische Note ist auch im Geschmack deutlich vorhanden, sie bleibt vom Antrunk bis zum Abgang. Dazwischen gibt es leicht malzige Erfrischung, sehr rezent ist das Kiek An ganz sicher, mit einer der Färbung spottenden Helltönigkeit und dezenter Hopfung, guter Süßsäurebalance und netter Textur. Der Abgang ist sehr kurz, da ist kaum was zu erwähnen, außer einer etwas unrunden Bittere. Im Fazit ein sehr leichtes Bier, wenig aufregend, aber sehr erfrischend – gut zum Essen, mehr leider nicht.

Südtondern Lüddsche EenDas Lüddsche Een, ein Bier nach Pilsener Brauart mit 5,1% Alkoholgehalt, ist das nächste, das wir uns anschauen. Beim Eingießen fällt auf, dass auch hier ein deutlicher Hefesatz am Boden der Flasche liegt – wer sein Pils kristallklar will, muss vorsichtig eingießen, ich mag gern etwas Trübung, man sieht dann nachher aber auch deutlich Partikel im Bier schwimmen. Die Blume ist feinblasig und liegt schön auf dem Bier. Eine leicht zitronige Note begrüßt die Nase, auf dem Etikett wird der eingesetzte Hopfen aus der Hallertau erwähnt, dabei handelt es sich aber wohl hauptsächlich um Bitterhopfen. Leicht metallisch und stiltypisch zurückhaltend bleibt der Geruch entsprechend. Im Mund entsteht direkt beim Antrunk ein weiches, sanftes Mundgefühl, mit unterschwelliger Süße, aber auch sofort vorhandener Bittere, die effektiv ist, aber nicht kratzig oder kantig. Ein erkennbar norddeutsches Pils, kräftig und herb, mit einigem an Säure und fast schon limettiger Aromatik. Der Abgang ist mittellang, frisch und rezent, leicht am Gaumen prickelnd. Gefällt mir gut, obwohl ich kein wirklich begeisterter Pilstrinker bin.

Südtondern Nr. Een Pale AleKommen wir zu Nummer drei, nein, entschuldigung, zu Nr. Een. Das Pale Ale der Brauerei kommt mit 4,9% ins Glas und hat, wie auch schon die Biere zuvor, diesen stückigen Hefesatz, der eine milchige Trübung erzeugt und das Bier beinahe schon dottergelb macht. Eine tolle Schaumkrone ist da, sie reduziert sich nach einiger Zeit, bleibt aber hübsch gemischtblasig lange vorhanden. Sehr stiltypisch wirkt die Nase, da riecht man das Pale Ale, wie es für mich sein soll – deutlich aromagehopft, aber nicht krass kantig. Schöne, dezente Zitrusnoten, aufgefangen von einer kräftigen Malzigkeit darunter. Und so fühlt es sich dann auch im Mund an, hopfig, aber weich in der Textur, mit attraktiver Süßsauerbalance und gelungener Rezenz, vielleicht leicht überkarbonisiert für meinen Geschmack. Ein prägnant blumiger Jasminnachhall beendet ein gut gemachtes, stilsicheres Pale Ale.

Südtondern Brauerei Ebb und Flot IPADas letzte ist schließlich das Ebb un Flot, ein IPA mit 6,8% Alkoholgehalt – ich warne mal, vorsicht beim Öffnen und Eingießen, bei mir kam es zu starkem Gushing! Sympathisch finde ich die Aussage auf dem Etikett, dass „Rohstoffe kommen und gehen“, und man sich hier nicht auf ein einheitliches Geschmacksbild zwischen den Brauvorgängen festlegen will. Wie gesagt, die Schaumentwicklung ist enorm, wirklich enorm, das kann dauern, bis das Bier endgültig im Glas ist; der Schaum ist fest und beständig. Eine leichte Trübung unterstützt die goldgelbe Farbe, man sieht sehr starke Perlage. Die Nase bekommt eine Mischung aus Aromahopfen und schon hier erkennbaren Bitternoten ab, das ist hier schon erkennbar, dass wir kein weichgespültes Pseudo-IPA vor uns haben. Der Geschmack ist dann erwartungsgemäß so richtig knackig bitter, wie ich das von einem IPA erwarte, mit vielen fruchtigen Hopfennoten, in Richtung Grapefruit – sowohl vom Aroma, als auch vom Effekt her. Da ist einiges an Anästhesie auf der Zunge durch die Bitterstoffe. Schöne Rezenz und Helltönigkeit sorgen für den Erfrischungsfaktor. Ein langer, effektvoller Abgang lässt mich das Fazit fällen: Ein IPA für die, die so richtig Hopfenbittere erleben wollen, ein charaktervolles, frisches IPA der klassischen Schule.

Drei Treffer von vier Schüssen, das ist eine richtig gute Quote. Der Brauer versteht sein Handwerk, und gibt mir durch seine Standardbiere tatsächlich ein besseres Verständnis für die außergewöhnlichen Fassreifungsbiere von dort, die mich wirklich fasziniert haben. Ich hoffe, er bleibt trotz Brauereischließung dem Handwerk verbunden und lässt irgendwann wieder eines seiner Biere irgendwo blicken.

Ab ins Holz – Sajous Clairin Ansyen 37 Months Single Cask

Viele Länder schützen ihr Kulturerbe. Gelebte Traditionen, die heute von Gruppen und Gemeinschaften praktiziert werden, sollen dadurch erhalten, fortgeführt und dynamisch weiterentwickelt werden können. In Deutschland kennen wir das gut, wir haben hier 126 Einträge in einem Register der UNESCO. Die Liste der Einträge in Haiti ist deutlich kleiner, doch es gibt sie: Die Herstellungsprozesse von regionalen, traditionellen Gerichten wie Dous Makos (einer haitianischen Süßspeise), Konparèt de Jérémie (einer Brotsorte), Lalo d’Artibonite und Soup Joumou sind darauf zu finden, aber auch kulturelle Besonderheiten wie der Karneval von Jacmel, typische Pappmaché-Masken, oder die haitianische Kampfkunst Jeu de Baton. Die neuesten Einträge in dieser Liste sind nun die „Technik der traditionellen Herstellung von haitianischem Clairin“ und jene von Rhum Barbancourt.

Clairin-Produktionsmethode als Kulturerbe in Haiti

Ich habe leider noch keine genaue Beschreibung gefunden, was hier genau geschützt wird (der Titel ist ja recht unscharf und weit gefasst), die entsprechenden Internetseiten der haitianischen Regierung und der durchführenden lokalen Organisationen sind noch nicht aktualisiert. Jedenfalls ist das ein wichtiger Schritt für den Schutz des kulturellen Erbes – man will ja nicht in die Tequila-Falle tappen und die Seele der Spirituose an die Großindustrie verlieren und sie später dann mühsam wieder zurückerkämpfen müssen.

Darum ist zunächst für mich unklar, inwieweit eine Fassreifung unter diese Schutzregelung fällt. Ich könnte mir schon vorstellen, dass die Verwendung von exotischen Fässern darin geregelt wird. Denn auch wenn der typische Clairin ungereift konsumiert wird, gibt es immer mehr Experimente, auch fassgereifte Varianten anzubieten – wie der Sajous Clairin Ansyen 37 Months Single Cask. Hier wurde ein Brand der Distillerie Sajous für knapp über 3 Jahre in Fässer gelegt, die vorher Rum aus Guadeloupe enthielten. Anhand der Fassregistrierungsnummer #SJ17BI-3 erkennt man, dass es sich dabei um Rhum Agricole der Destillerie Bielle handelte. Wer schon Clairin probiert hat, weiß, dass es gerade die sehr fruchtigen, frischen Aromen sind, die man an ihm schätzt – werden sie durch die Fasslagerung plattgemacht, oder entsteht vielleicht etwas Neues?

Sajous Clairin Ansyen 37 Months Single Cask

Für gerade drei Jährchen hat der Stoff jedenfalls mal ordentlich Farbe aus dem Fass gezogen. Kräftig kupfern liegt er im Glas, zeigt sich schwer beim Schwenken und offenbart neben der leichten Öligkeit auch hübsche orangene Reflexe. Ein fetter Film bleibt bei dieser Prozedur an der Glaswand hängen, der recht träge abläuft. Man riecht hier schon, mit deutlichem Abstand zur Nase, dass hier ein sehr aromatischer Sprit vorhanden ist.

Man muss auch jene nicht wirklich tief ins Glas stecken, um Details wahrzunehmen – eine sherryartige Nussigkeit, viel bourbonähnliche Karotte, etwas Karamell und Vanille; es ist klar, dass das Fass neben der Farbe ähnlich deutlich Holzaromen übergeben hat. Dennoch ist der Clairin nicht untergegangen, nasses Heu und frisch gebrannte Maronen kommen dazu, unterbaut von einer sehr wirksamen, bunten Fruchtigkeit von Mandarinen, reifen Orangen und Kirschen. Eine erkennbare Frische in der Mischung aus Eukalyptus, Dill und einem Hauch Anis wehrt sich erfolgreich gegen die dunkleren Holztöne und bietet auch aromatisch einen spannenden Kontrapunkt. Tiefer schnuppern sollte man erst nach etwas Offenstehzeit, sonst zwickt einem der Alkoholgehalt von 54,6% doch etwas in die Nasenschleimhäute. Eine leicht iodische Komponente begleitet das. Ein hochspannendes, abwechslungsreiches und komplexes Bild, das uns der Clairin Ansyen von Michel Sajous hier offeriert.

Sajous Clairin Ansyen 37 Months Single Cask Glas

Der Antrunk ist erstaunlich süß und weich, würziger Kandiszucker schwingt mit. Eine extrem volle Textur legt sich auf Zunge und Gaumen, prickelt dabei etwas, bringt jede Geschmacksknospe zum Schwingen. Hier spürt man rein gar nichts mehr von dem Alkoholgehalt, eine würzige Umami-Wärme brummt leise vor sich hin mit fruchtigen Anklängen von Pfirsich und Honigmelone. Im Verlauf entwickelt sich dagegen prägnante Säure, die zusammen mit den grünen Eindrücken in Richtung Olive und Petersilie nun mehr die typische Aromatik des ursprünglichen Clairin hervorbringt – hier finde ich dann auch Pferdestall- und Umkleideraumaromen, leichte Bittere und sehr effektive Trockenheit, die nicht kratzt und sich mit der Süße integriert. Der Abgang ist sehr voll und rund, der Clairin Ansyen findet hier den Bogen zum Antrunk zurück. Am Ende klingen dann die kräuterigen Noten von Bambus, Koriander und Petersilie nach, kombiniert mit dem kühlen Hauch von Eukalyptus.

Ein äußerst komplexes Spiel aus Reifungs- und frischen Zuckerrohrsaftaromen, die sich gegenseitig nicht umwerfen, sondern gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten. Eine beeindruckende Wucht und Kraft, befeuert mit frischem Holz, klar geleitet und ohne Schwanken, der Sajous Clairin Ansyen 37 Months Single Cask ist wie eine Dampflokomotive auf einer geraden Strecke – da hat man wirklich was im Mund, wenn man das genießt.

Das Wortspiel in A Rhum with a Vieux ist, naja, mäßig witzig, finde ich, obwohl ich das Lied von Tony Carey wirklich sehr gern mag – der Drink selbst, eine Variation auf den klassischen Sazerac, passt aber irgendwie zur melancholischen Stimmung des Songs. Der Clairin gibt, statt einem Rhum Agricole eingesetzt, eine gewisse Heuigkeit dazu, und das schadet gar nicht. Ein atmosphärischer Song, ein atmosphärischer Drink. Vorsicht allerdings, zwei davon und man liegt unter dem Tisch. Mit entsprechender Aussicht.

A Rhum with a Vieux Cocktail


A Rhum with a Vieux
1 oz / 30ml leicht gereifter Rhum Agricole
1 oz / 30ml Cognac
¼ oz / 10ml gereifter Jamaica-Rum
¼ oz / 10ml Zuckersirup
4 Spritzer Peychaud’s Bitters
2 Spritzer Angostura Bitters
Auf Eis rühren. In ein mit Absinthe ausgesprühtes Glas abseihen.
[Rezept nach Jim Romdall]


Clairin in Europa, das ist aktuell eigentlich ausschließlich die „Spirit of Haiti“-Reihe, eng verknüpft mit dem italienischen Importeur LMDW & Velier. Auch dieser hier gehört dazu, leicht erkennbar an der gesamten Aufmachung, von der Flaschenform angefangen. Die Gruppe arbeitet stark dafür, Clairin auf der ganzen Welt bekannter zu machen; dazu gehören Events wie die Clairin World Championship, einem Cocktailwettbewerb, bei dem auf internationaler Ebene Bartender einen Drink mit Clairin vor eine Jury bringen – der Gewinner wird nach Haiti verschifft und darf dort eine spezielle Abfüllung der Marke mitverantworten. Für den Sajous Clairin Ansyen 37 Months Single Cask hatte Christian Puszies von der Bar Toddy Tapper in Köln die Ehre, das Fass für die Abfüllung auszuwählen, nachdem er 2019 das deutsche Finale des Wettbewerbs mit seinem „Lazy Sunset“ gewonnen hatte. So bindet man die Bars als Multiplikatoren mit ein, eine sehr clevere Aktion, finde ich – und Christian Puszies hatte ein wirklich gutes Händchen bei seiner Wahl, wovon wir alle nun profitieren.

Clairin Ansyen Single Cask #CARSA1 #CARSA4

Ich für meinen Teil lerne dadurch, dass Clairin auch gereift gut funktioniert. Ein paar andere gereifte Abfüllungen habe ich auch schon probiert, darunter die oben gezeigten 19 Monate alten Varianten, die in abgelegten Fässern aus der geschlossenen Brennerei Caroni auf Trinidad lagerten. Wer weiß, wie die Rumnerds auf Caroni abgehen, ahnt, dass hier allein durch diesen Namen ein „Will-Haben“-Verhalten ausgelöst wurde. Wobei man heutzutage ja alles mögliche in Caroni-Fässern reift, Bier, Orangenlikör, Tequila und so weiter, das hat für mich seinen Reiz verloren und ist mehr ein Marketinggimmick geworden.

Dennoch, unabhängig von meiner Luxusproduktsättigung, diese sind auch sehr süffig trinkbar und lohnenswerte Investitionen für Freunde des haitianischen Sprits, erreichen aber nicht ganz das hohe Niveau des hier besprochenen Sajous. Ich bin gespannt auf noch stärker gelagerte Varianten, vielleicht sogar im zweistelligen Altersbereich, und was dann mit dem Brand passiert. Clairin hat erst vor kurzem genug Aufmerksamkeit bekommen, um solche Experimente der Brenner für sie überhaupt zu einer Option zu machen; jetzt ist es aber wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis wir sie bekommen werden.

Bier am Freitag – Rügener Insel-Brauerei Rumble IPA

Direktverkauf „ab Hof“ ist eine gute Methode, die nicht unerheblichen Kosten der Zwischenhändler einzusparen. Gerade in Branchen, in denen die Gewinnmarge klein und der mengenmäßige Umsatz verhältnismäßig klein, kann sich das rentieren. Bei der Rügener Insel-Brauerei scheint man verstärkt genau diesen Weg gehen zu wollen, diverse Biere sind exklusiv im hauseigenen Shop des Brauers erhältlich, wie die neue, als „Limited Edition“ vermarktete IPA Expedition-Reihe mit hopfenlastigen Bieren. Das erste in dieser Reihe ist das Rügener Insel-Brauerei Rumble IPA. Dank meiner Freunde Kristin und Christopher von der Ostsee habe ich Flasche 01171 von 20000 erhalten – die aufgedruckte Flaschennummer macht die Limitierung glaubwürdig, und 20000 Flaschen sind bei Bier für eine größere, in ganz Deutschland verkaufende Brauerei ja wirklich nicht die Welt. Lohnt sich ein Einkauf auf der Insel?

Rügener Insel-Brauerei Rumble IPA

Farblich sehe ich eine Mischung aus Haselnuss und Terracotta, im Gegenlicht opalisiert das Bier mit seiner natürlichen Trübe hübsch. An der Glaswand steigen sehr viele winzige Perlchen in hoher Frequenz schnell auf, ein Schaum, der sich aus Bläschen vieler unterschiedlicher Größen zusammensetzt, bleibt lange erhalten (wie alle Biere dieser Brauerei setzt man auf Flaschenreifung). Im Geruch wurde der Stil des Westcoast Double IPA gut getroffen. Sehr zitruslastig, mit einem sauerfrischen Grapefruit- und Limettenanklang, knackige Kirschen frisch vom Baum, grüner Apfel, Cranberries und Johannisbeeren. Minimal findet sich eine malzige Süße darunter, aber eher als Unterlage denn als eigenständiger Geruch. Cascade, Mosaic, Citra, Centennial und Simcoe wurden teils mehrfach in unterschiedlichen Herstellungsphasen eingesetzt.

Ähnlich verhält es sich dann auch im Mund – der Antrunk ist noch mild, süßlich und zurückhaltend, mit vollem Mundgefühl, doch im Verlauf bildet sich schnell eine pikante und freche Bitterkeit heraus, die zusammen mit ausgeprägter Säure das Bier definiert. Grapefruitzeste, Limettenschale, Johannisbeeren; die explodierende Hopfenfrucht lässt sich kaum einfangen durch andere Aspekte. Ein Anflug von Lakritz kommt dazu, ohne eine gefühlte Dunkelheit einzubauen, das Bier ist von Anfang bis Ende sehr helltönig und sehr frisch. Die Rezenz, die man optisch schon erahnte, ist auch sensorisch sehr spürbar. 8,0% Alkoholgehalt machen sich erst nach dem Bier bemerkbar.

Rügener Insel-Brauerei Rumble IPA Glas

Der Abgang ist sauer, sehr bitter (60 IBU kann man einfach nicht übersehen), frisch und hell, mit einer ausgewogenen Trocken-Süß-Balance, die verhindert, dass das Bier kratzig wird, obwohl es wirklich knapp davor steht. Wie der Name verspricht, rumpelt es unschmeichlerisch den Rachen hinunter, da wird kein Kompromiss eingegangen. Lange klingen blumige Noten nach Jasmin nach. Noch nach vielen Minuten spürt man die Grapefruitbittere am Gaumen.

Kein einfaches Bier, da muss man den Stil schon mögen, sonst wird es einem sehr wild vorkommen. Wer aber Westcoast-IPAs mag, und mit der heftigen Bittere umgehen kann und will, der findet im Rumble IPA ein sehr ausdrucksstarkes Exemplar, der mir wieder deutlich macht, dass die Rügener Insel-Brauerei immer wieder herausragend demonstriert, wie deutsche Braukunst auch für uns vielleicht in der Breite der Biertrinkerschaft immer noch ungewohnte Stile mit viel Leben und Charakter füllen kann.