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Highland Park 10 Years Single Malt Whisky Titel

Die süße Jugend – Highland Park 10 Years Single Malt Scotch Whisky

Viele Spirituosenhersteller sind aktuell mit Volldampf dabei, ihr Portfolio umzustellen. Neudesigns von Flaschen und Etiketten gehören dabei zu den offensichtlichsten, gleichzeitig aber belanglosesten Aktivitäten. Stärker interessiert uns Freunde des gereiften Genusses, dass auch Altersangaben immer mehr dieser Lust am Wandel zum Opfer fallen. Ein Grund, der immer wieder genannt wird, ist, dass ein zunehmendes breites Interesse an gereiften Spirituosen auch über Expertenkreise hinaus, insbesondere bei Bourbon und Scotch, dazu führt, dass einfach nicht mehr genug Sprit in der entsprechenden Alterskategorie da ist, um diese Abfüllungen mit dem jeweiligen Alter auszeichnen zu können. So lässt man die Zahl fallen, schreibt einen klugen Spruch stattdessen aufs Etikett („kunstvoll gereift“ oder so etwas) und erfindet in bester Storytelling-Manier die Geschichte, dass es ja um den Geschmack geht, und dass das Alter das unwichtigste am Whisky überhaupt sei. Schön und gut, diese Ausrede hat ja auch einen wahren Kern, doch da gleichzeitig nicht die Preise gesenkt werden, obwohl man ja nun weniger aufwändig hergestellten Whisky verkauft, zeigt, dass hier auch ulteriore Motive ausgelebt werden können.

Dass man es auch anders machen kann, zeigt der Highland Park 10 Years Single Malt Scotch Whisky. Hier wurde einfach ein aus meiner persönlichen Sicht ehrlicheres Vorgehen gewählt: Man füllt halt jüngere Brände ab, um den Markt zu entlasten, gibt diesen aber trotzdem eine Altersangabe, und geht dabei sogar unter die bei Scotch magische 12-Jahres-Grenze. Taugt dieser vergleichsweise junge Whisky dazu, Vorurteile diesbezüglich abzubauen? Kann er eventuell sogar ein Ersatz für älteren Whisky sein?

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky FlascheDie Farbdesigner dieses jüngsten aller Highland-Park-Whiskys haben sich für Ocker entschieden. Ich erwähne es oft, weil es meines Erachtens einfach ein Missstand ist und bleibt – das Färben von Spirituosen wird erst aufhören, wenn wir als Konsumenten fähig dazu sind, den Dreisatz „dunkel = alt = Qualität“ aufzugeben, der eh noch nie gestimmt hat. Bis dahin wird Scotch im Standardfall mit E150 koloriert und die Farbe sagt nichts über den Inhalt aus.

Das Auge trinkt hier also nicht so wirklich mit, dafür darf die Nase aktiviert werden. Milde Zitrusaromen wie Mandarinen, vergorener Traubensaft, Heu. Man ahnt schon etwas Alkohol, für 40% hält es sich aber in Grenzen. Ein leichter, heller Körper.

Der Geschmack des Highland Park 10 Years ist dann im ersten Moment überraschend kräuterig, grasig, holzig, wird dann im Verlauf aber immer süßer und süßer, bis diese Dimension den Mundraum komplett ausfüllt und alles andere verdrängt. Toffee, Sahne und Butterkuchen, das ist mir fast schon ein bisschen zu plump, weil ein Ausgleich für diese breite Weichheit fehlt. Da ist kaum etwas anderes als leicht vanillige, cremige Süße. Komplexität sieht anders aus.

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky Glas

Im mittellangen Abgang kann man höchstens, wenn man mühevoll danach sucht und etwas Fantasie hat, Rauch entdecken. Für mich ist der Abgang des Highland Park 10 mildbitter, trocken und erneut etwas holzig-grasig, bleibt dabei aber seinem grundsätzlich sehr weichzarten, buttrig-süßen Charakter treu. Leicht salzige Pfefferschärfe bleibt lange auf der Zunge liegen, zusammen mit einem etwas mentholigen, langen Nachhall.

Ein Cocktail, der die verblüffende Offenheit der Prohibitionszeit bezüglich Zutaten zeigt, ist der The Modernista. Hier das Rezept aus Ted Haighs wunderbarem Cocktailbuch. Scotch und lakritziger Absinth kämpfen in dieser unbeschreiblichen Melange um die Vorherrschaft. Fehlt eigentlich nur noch Chartreuse, um das Chaos komplett zu machen. Der Rum geht, egal welcher es ist, total unter gegen die aromatische Urgewalt der beiden Starspieler. Das ist ein Cocktail, der heute in einer Cocktailbar niemals serviert wird, er ist zu extrem – doch vor knapp 100 Jahren mochte man diese seltsame Komplexität; ich weiß nicht, ob ich die damalige Zeit, die sowas verrücktes schätzen konnte, oder die heutige Zeit, die nichts mit derartiger Experimentierfreudigkeit anfangen kann, bejammern soll.

The Modernista


The Modernista
2 oz Highland Park 10 Single Malt Scotch Whisky
½ oz Dunkler Jamaika-Rum (z.B. Appleton Estate Extra 12)
1 Teelöffel Absinthe (z.B. Jade Nouvelle-Orléans)
½ oz Swedish Punsch
½ oz Limettensaft
2 Spritzer Orange Bitters (z.B. The Bitter Truth Orange Bitters)


Neulich hatte ich mich über Flaschengrößen ausgelassen und betont, dass ich es sehr schätze, wenn ein Hersteller kleinere Produktgrößen anbietet. Der Highland Park 10 Years ist nun dahingehend eine Ausnahme, dass er ausschließlich in einer „halben Flasche“, also 35cl, angeboten wird. Mir persönlich kommt das entgegen, wenn es nach mir ginge, wäre das die Standardgröße für alle Spirituosen.

Die Flasche selbst ist darüberhinaus schön gestaltet – mit breiten Schultern und großem Ausgussloch, und gleichzeitig elegant schmal in der Tiefe, und dabei doch schwerem Glasgewicht. Der Naturkorken in Zusammenspiel mit dem Holzdeckel mit dem Highland-Park-Logo macht selbst aus der kleinen Flasche ein hochwertiges Produkt, das man gern betrachtet und in der Hand hält. Der schwarze, angenehm zurückhaltend gestaltete Karton komplettiert das ganze aufs positivste.

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky Flaschenseite

Wer einen süßen, unkomplizierten schottischen Whisky sucht, wird hier fündig. Wer etwas mehr Komplexität will, muss auf die längergelagerten Scotches dieses Herstellers zurückgreifen, alles kann so ein Whisky dann halt doch nicht – insgesamt zeigt der Highland Park 10 Years aber, dass Alter nicht alles ist und man auch schon 10-jährigen Single Malt finden kann, der nicht wild, kratzig und ungestüm ist; noch ein Vorurteil, das endlich abgebaut werden kann.

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Glenfiddich IPA Experiment Titel

Es lebt! Es lebt! Glenfiddich IPA Experiment Single Malt Scotch Whisky

It was on a dreary night of November that I beheld the accomplishment of my toils. With an anxiety that almost amounted to agony, I collected the instruments of life around me, that I might infuse a spark of being into the lifeless thing that lay at my feet. It was already one in the morning; the rain pattered dismally against the panes, and my candle was nearly burnt out, when, by the glimmer of the half-extinguished light, I saw the dull yellow eye of the creature open; it breathed hard, and a convulsive motion agitated its limbs.

 

So dramatisch wie in Frankenstein, or the Modern Prometheus geht es bei nur wenigen Experimenten zu. Der Schweizer Victor Frankenstein bastelt sich sein Monster aus chemischen und alchemischen Zutaten und erweckt es zum Leben. Doch er hat nicht damit gerechnet, dass mit dem Leben auch Anforderungen an den Erschaffer entstehen; das Wesen verfolgt seinen Schöpfer und verlangt Antworten auf seine Fragen. Doch will der Wissenschaftler plötzlich nichts mehr mit seiner Kreatur zu tun haben, und das Experiment wird zur Tragödie…

Nun gibt es durchaus auch Experimente in der Spirituosenbranche, die ähnlich tragisch verlaufen und die man besser im Labor gelassen hätte. Da werden Brände gequält mit Zutaten, dass einem das Grauen kommt. So mancher Rum oder Whisky werden in schlimmsten Schnapsversuchsreihen manipuliert, bis man nur noch zusammen mit Victor Frankenstein ausrufen kann:

Oh! No mortal could support the horror of that countenance.

Ist der Glenfiddich IPA Experiment Single Malt Scotch Whisky auch eine ähnliche Monstrosität wie das unbenannte Wesen, das Frankenstein erschaffen und zum Leben erweckt hatte?

Glenfiddich IPA Experiment Flasche

Wir wollen uns mal langsam an dieses Produkt herantasten. Dass Whiskys in Fässern allerlei Herkunft gereift und gefinisht werden, ist ja allgemein üblich und bekannt. Ex-Bourbon-Fässer sind die Standardware; abgelegte Fässer aus der Madeira-, Sherry-, und Portherstellung beliebt, da sie durch die im Holz gespeicherten Aromen der Vorbewohner einen ganz eigenen, im Endprodukt klar erkennbaren Touch an den Whisky abgeben.

Der Glenfiddich IPA Experiment macht das Naheliegende zum richtigen Zeitpunkt – die Craftbierbewegung ist in vollem Gange, die alten britischen Bierstile wie Pale Ale und India Pale Ale erleben eine globale Renaissance. Da fragt man sich eigentlich, warum es so lange dauerte, dass eine Destille auf die Idee kommt, ihren Malt Whisky in einem Ex-Bierfass zu finishen. Nach der unbekannten Reifezeit (dieser Scotch gehört zu den aktuell viel auftretenden NAS-Veröffentlichungen, die keine Altersangabe mehr aufweisen) konnte der Whisky so also noch 3 Monate in einem Fass nachreifen, das vorher ein extra für diesen Zweck gebrautes IPA der Speyside Craft Brewery in Forres, bei Inverness, enthielt. British Challenger ist die Aromahopfensorte, die das Bier mit einer Fruchtigkeit ausstattet, die dann an den Whisky übergehen soll. Soviel zum Bier, und zu den Fässern, aber was ist mit dem Wasser des Lebens selbst?

Glenfiddich IPA Experiment Glas

Betrachten wir es erstmal im Glas: Sonnenblumengold, mit leicht grüngelben Reflexen. Ganz gewiss weit davon entfernt, ein hässliches Monstrum zu sein, im Gegenteil. Die Beine gibt es aber nur zögerlich ab; diese sind dann dünn und langsamfließend.

A strange multiplicity of sensations seized me, and I saw, felt, heard, and smelt at the same time; and it was, indeed, a long time before I learned to distinguish between the operations of my various senses.

Wir sollten uns bei der Verkostung nicht wie Frankensteins Kreatur von den Sinneseindrücken verwirren lassen – wir trennen die Optik von der Olfaktorik. Letztere bietet uns abgestandenes Bier, Honig, mildes Orangenfleisch, Vanille, Banane. Frisch eingegossen ist da eine recht stechende Alkoholnote, die wir erstmal verfliegen lassen müssen.

Der erste Schluck weiß dann aber direkt zu gefallen. Sehr süß, ausgeglichen durch eine spritzige Zitrusnote. Eine gewisse hintergründige medizinische Charakteristik gibt Komplexität. Süßholz. Keinerlei Rauch oder Torf, dafür ein Anflug von Kräuterwiese, nein, eigentlich nur der Wind, der darüber streicht, denn der IPA Experiment hat einen sehr leichten Körper. Ich würde sagen – ein typischer Speyside Single Malt mit einem sehr hellen, fruchtigen Charakter. Persönlich erkenne ich nicht viel des Biers, aber dafür tatsächlich IPA-typische Aromahopfennoten. Im kurzen Abgang wird es dann würziger – Ingwer, weißer Pfeffer, und supertrocken. Stark adstringierend; eine angenehm glühende feine Mentholnote bleibt noch etwas.

I am alone and miserable; man will not associate with me; but one as deformed and horrible as myself would not deny herself to me.

Das Monster ist vielleicht etwas arg pessimistisch in seinem Ausblick auf seine soziale Zukunft. Der Glenfiddich IPA Experiment muss das natürlich nicht sein, denn ich kann ihn mir sehr gut als wunderbaren Partner in scotchbasierten Cocktails vorstellen. Dennoch mache ich hier und heute eine Ausnahme und gebe kein Cocktailrezept an, einfach, weil ich auf einen typisch schottischen Gebrauch hinweisen möchte, den ich in dem Jahr, das ich in Glasgow verbrachte, sehr zu schätzen lernte, und der dem Scotch eine ebenbürtige Partnerin gegenüberstellt, wie sie Frankensteins Schöpfung so sehr ersehnte: Das hauf an a hauf, also ein kleines Glas Scotch und dazu ein halbes Pint Bier. In Deutschland sagt man dazu Herrengedeck. Und was wäre dem kaledonischen Bierfass-Experiment mehr angebracht als ein fassgereiftes, schottisches Ale, wie das Innis & Gunn Oak Aged IPA?

Hauf an a hauf


Hauf an a hauf
1 Dram Scotch Whisky (z.B. Glenfiddich IPA Experiment)
½ Pint Schottisches Bier (z.B. Innis & Gunn Oak Aged IPA)


Die Präsentation ist durchweg gelungen – die für Glenfiddich übliche Dreiecksform findet sich in der stabilen, hübsch zurückhaltend mit Braun und Kupfer gestalteten Dose, als auch in der massiven, dunkelbraunen, fast blickdichten Flasche mit Naturkorken wieder. Die aufgeklebten Briefmarkenstiletiketten lassen viel Glas frei, so dass der aufs Glas gedruckte Hirschkopf wunderbar zur Geltung kommt. Insgesamt sehr wertig und ansprechend.

Glenfiddich IPA Experiment Dreiecksform

Würde das Whisky-Experiment, könnte es sprechen, auch die Master Distiller bei Glenfiddich anklagen, wie es das Monster bei Frankenstein tat?

„Cursed, cursed creator! Why did I live?“

Nein. Vielleicht würde es fragen, warum es für das Gebotene so relativ teuer verkauft werden muss, oder warum es nicht mit 46% statt 43% erschaffen werden konnte; doch das sind keine tiefen Sinnesfragen, sondern mehr Luxusprobleme. Der Glenfiddich IPA Experiment ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass nicht alle Versuche mit Horror, Mord und Verzweiflung enden müssen. Hätte sich Victor Frankenstein statt seiner Labors doch lieber eine Destille zugelegt, und hätte seine schöpferische Energie ins Brennen und Reifen gerichtet – ihm wäre viel Leid erspart geblieben, und wir hätten mehr interessante, unterhaltsame Whiskys wie diesen hier.