Feueralarm – Wuliangye Flamma (五粮液火爆)

Ich habe in den letzten Jahren sehr viele Dutzende von Baijius probiert, hauptsächlich im Zuge meiner Tätigkeit als Spirituosenjuror bei Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, wo jedes Jahr mehrere Hundert Sorten eingereicht werden. Die allermeisten davon sind rein in China erhältliche Marken, die den Wettbewerb für regionales Marketing nutzen wollen – auch in China ist eine Medaille, vergeben von einer internationalen Jury, für die Kunden etwas wert, damit kann man sagen: Sogar die Langnasen im Westen mögen unser Produkt, also ist es super! Ein Export in den Westen ist vielleicht in ferner Zukunft interessant für diese Hersteller, doch im Augenblick ist der Markt hierzulande einfach zu klein für viele Sorten Baijiu.

Andere Hersteller exportieren schon länger nach Europa. Dazu gehört Wuliangye Yibin Company Limited, der nach (schon etwas älteren) Zahlen der größte Baijiu-Hersteller ist; deren Produkte konnte man schon vor Jahren auch hier in Deutschland erwerben. Dass der westliche Gaumen nicht derselbe ist wie der chinesische, was Spirituosen angeht, wurde aber jedem Beteiligten schnell klar, die Verbreitung von Baijiu außerhalb Chinas ist eher mau. Man versucht nun, dieser Gegebenheit entgegen zu kommen mit speziell für den Export designten Sorten: Das Dreierset Wuliangye Flamma (五粮液火爆, pinyin huǒbào) entspringt diesem Gedanken, die Welten zusammenzubringen.

Wuliangye Flamma (五粮液火爆) Dreierset

Wir verkosten von links nach rechts, was bedeutet, von leicht nach stark. Man erkennt das schon auf den kleinen Flammensymbolen auf der Flasche, beim „Blau“ ist eine der Flämmchen ausgefüllt, beim „Gold“ zwei, und beim „Rot“ am Ende alle drei.

Wuliangye Flamma Blau ist für einen Baijiu mit extrem niedrigen 33% Alkoholgehalt ausgestattet. Bei vielen Spirituosen gibt es in verschiedenen Gesetzgebungen Mindestalkoholgehalte, wie bei Rum in der EU 37,5% oder ähnliches – mir ist nicht bekannt, dass für Baijiu solche Regelungen existieren. Ich müsste da tatsächlich mal dringend recherchieren.

Die Farbe ist baijiutypisch klar, eine leichte Viskosität ist beim Schwenken sichtbar: es bildet sich ein Beinchenteppich, der praktisch in dem Moment abläuft, in dem man das Glas ruhiger hält. und hinterlässt dann nur einzelne Tröpfchen an der Glaswand. In der Nase ist sehr viel Anis, mehr, als bei vielen anderen Starkaroma-Baijius, die ich sonst so kenne, Fenchel und dazu etwas Lakritz. Eine deutliche Autoreifennote und Erinnerungen an frisch aufgebrachten Straßenteer ist für die westliche Nase zunächst ungewohnt. Starke Ananas- und leichte Bitterorangentöne hellen das aber wieder auf und sorgen für die typische Baijiunase.

Der Antrunk ist direkt trocken, leicht säuerlich, und auch hier vom Anis dominiert. Das ist dabei aber nicht zu vergleichen mit einem Ouzo oder türkischen Raki, die Gummi- und Plastiktöne, die zu diesem Baijiu gehören, bringen eine ganz andere, nur fern verwandte Tönung hinein. Im Verlauf nähern wir uns aber einem trockenen Ouzo immer mehr an, die krautigen Fenchel- und Süßholznoten kommen nach vorn und verdrängen das Teer. Eine milde Wärme entsteht, die Zunge und Gaumen minimal zum Prickeln bringt, zurückhaltende Adstringenz saugt einem die Spucke weg. Der Abgang ist dann kurz, fruchtigkräuterig, geht dann doch noch ins Süße (ich fühle mich an Keksteig mit Vanille erinnert) und Blumige über, und klingt dann warm und sehr mild aus.

Der Wuliangye Flamma Blau ist ein sehr leichter Baijiu, der trotzdem eine sehr typische Aromatik für den Stil des Starkaroma mitbringt. Gerade der Abgang ist sehr fein, auch wenn der westliche Gaumen erstmal über den herben Antrunk hinwegkommen muss. Dennoch: das ist sehr interessant, auch für mich, der ich normalerweise stärkere Produkte kenne.

Gehen wir zur nächsten Stufe über – ein Glas des Wuliangye Flamma Gold soll mir den Unterschied zeigen, den 9% mehr Alkoholgehalt aus dem Produkt herausholen können. Farblich hat sich nur der Balken auf dem kleinen Fläschchen geändert, die Flüssigkeit selbst bleibt natürlich vollkommen farblos. Man sieht allerdings, dass die Beinchen schon etwas langsamer ablaufen. Auch in der Nase spürt man die Veränderung: Da ist viel weniger Anis, Gummi und Teer als beim blauen Flamma, auch wenn es noch da ist. Eine erdigere Komponente übernimmt stattdessen, getreidig und nach sehr stark verrottetem Obst riechend. Fermentierte Pfirsiche, und weiße Gummibärchen, das ist ein klassisches Beispiel, wie der Flamma Gold riecht. Auch nimmt man nun einen minimalen Alkoholhauch wahr.

Noch stärker ist die Säure im Antrunk präsent, diese baut sich dann im Verlauf sogar noch sehr deutlich aus. Lakritz und Teer, schon fast verflüssigte Ananas, braunverfärbte Banane, dazu eine knackige Trockenheit, die mit einer starken Bittere einhergeht: Das ist kein Wohlfühlgetränk, eigentlich die Antithese dazu. Minze, Eukalyptus, weißer Pfeffer, Kardamom – später wirkt der Flamma Gold dann sehr frisch, erinnert etwas an ein sehr starkes Hustenbonbon, aus dem milden Lakritz entwickelt sich freches Salmiak. Im Abgang verschwindet das dann schnell, der Gaumen ist blitzeblank von allen vielleicht zuvor noch dagewesenen Eindrücken, ein Hauch von Ethanol klingt etwas nach, mit einem krautigen, süßholzigen, kardamomfrischen Glühen.

Das ist schon eine ganz andere Kategorie, mit 42% Alkoholgehalt hat der Gold nicht viel mehr als der Blau, die Aromatik ist aber sehr viel strenger, frischer, voller. Hier gilt es, falls sich jemand nach meiner Beschreibung fragt, warum man sowas trinken sollte, zu erinnern: Normalerweise trinkt man Baijiu zu Essen, sehr würzigem, scharfen und fetten Essen. Da, und ich weiß, wovon ich rede, ist so ein Brand wirklich willkommen: Ein großes, vielgängiges chinesisches Essen profitiert ganz enorm von einem Baijiu wie dem Wuliangye Flamma Gold (und umgekehrt). Beim nächsten All-you-can-Eat-Buffet beim Chinesen vor Ort einfach mal ausprobieren!

Die letzte Ausprägung des Flamma-Sets ist schließlich der Wuliangye Flamma Rot. Rote Warnfarbe, drei brennende Symbole, nur klein dagegen der Hinweis auf die für Baijiu-Verhältnisse gar nicht übermäßig ungewöhnliche Alkoholstärke von 58%. Wir trauen uns trotzdem dran.

Auch hier – die Nase ist diese faszinierende Mischung aus verrottender Frucht und Anis. Wie es bei Baijiu oft ist, ist eben wegen des hohen Alkoholgehalts der Anteil der oft etwas störend wirkenden Fuselstoffe am geringsten. Kaum Gummi, kaum Teer. Milde Düfte von Sojasauce und Parmesan geben etwas Würze, eine beinahe schon minzige Frische kitzelt in der Base. Vom Geruch her ist der Flamma Rot sicherlich der Gewinner des Trios.

Der Antrunk beginnt süßlich, dieser Eindruck verschwindet aber schnell und macht einer heftigen Trockenheit platz, mit viel Adstringenz und Schleimhautanwärmung. Minze, Anis, Fenchel wirken frisch, und Radicchiobittere sorgt für den Reinigungseffekt am Gaumen, den man bei Baijiu immer haben will. Danach wandelt es sich zu Bitterschokolade und Espresso, bleibt also bitter, aber in würzigerer Form. Salmiakpastillen und Lakritze sind typisch, eine leichte Salzigkeit und deutliche Umamieindrücke ebenso. Der Abgang ist kurz, sehr warm, der Baijiu läuft gemächlich die Speiseröhre runter und wärmt diese langsam Schritt für Schritt, ohne auch nur im Geringsten zu kratzen. Am Ende ist noch etwas Fenchel, Teer und Gummi im Nachhall, das sich mit dem Getreidigen der Hirse aus dem Basismaterial verbindet und ein schönes Mundgefühl hinterlässt. Für mich persönlich ist Baijiu eine Spirituose, die von hohem Alkoholgehalt profitiert; beim Flamma Rot ist dies klar zu erkennen.

Mixed Drinks und Baijiu, das kann kompliziert sein. In vielen Rezepten übernimmt Baijiu die komplette Aromatik und drückt alles andere weg. Im Nuclear Banana Daiquiri setzt man normalerweise ungereiften Overproof-Rum ein, und hier zeigt sich erneut die Nähe, die diese Spirituosen teilen: Mit beispielsweise dem Wuliangye Flamma Rot kriegt man hier ein prächtiges Tropifrutti-Aromenspiel. Ich nehme eigentlich immer Chartreuse Verte statt Jaune, das gibt mehr Charakter, und ein kräftiges Falernum statt meines sonst üblichen zarten Velvet Falernum sorgt für zusätzlich Körper.

Nuclear Banana Daiquiri Cocktail

Nuclear Banana Daiquiri
1 oz / 30ml ungereifter Overproof-Rum (oder, noch interessanter: Baijiu)
⅔ oz / 20ml Chartreuse jaune (verte für die Profis)
⅔ oz / 20ml Falernum
⅔ oz / 20ml Limettensaft
½ Banane
Auf Eis blenden.
Mit Bananenscheibe und Sternanis dekorieren.
[Rezept nach Gregor de Gruyter]


Sehr nett sind die Flaschen aufgemacht – ganz im Gegensatz zu den sonst bei Baijiu durchaus üblichen Kitscheffekten, Plastikgold und Materialschlachten sind die drei Flammen sehr dezent gestaltet. Dass die drei Sorten mit zunehmendem Alkoholgehalt auch immer mattierter werden, ist ein hübscher Effekt. Auch, dass man hier nicht große Marketinggeschichten erzählt, sondern die Steigerung des Alkoholgehalts über diese Flammensymbole darstellt, finde ich sehr apart, das erinnert irgendwie an diese ultrascharfen Chilisaucen, bei denen man sich von unten an die Königsklasse herantasten kann. Auch die Füllmenge ist gut gewählt: Kleine Fläschchen, bei denen man erstmal ausprobieren kann, und nicht gleich 750ml kaufen muss, das ist selbstbewusste Kundenfreundlichkeit.

Die Frage, wo man das kaufen kann, muss ich endlich mal nicht mit „selbst aus China importieren!“ beantworten – es hat sich ein Importeur gefunden, der verschiedene Sorten Baijiu in Deutschland zu vernünftigen Preisen und in überraschender Vielfalt anbietet. Das ist noch keine Situation wie bei anderen Spirituosen, aber allein, dass man nun rund 10 Sorten Baijiu verschiedener Stile und Hersteller einfach so gut kaufen kann (sogar ein Ladengeschäft in Köln gibt es!), ist schon sehr zufriedenstellend.

Offenlegung: Ich danke der Jaxin Wein & Spirituosen GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Baijiu-Sets.

Bier um Vier – Leffe Brune

Das belgische Trappistenbier Leffe findet man, zumindest im Saarland, heutzutage überall selbst in Supermärkten. Man hat also ein weit über die Grenzen Belgiens hinaus verbreitetes Bier vor sich, das ein paar Mönche in dieser Menge gar nicht mehr brauen können; entsprechend wird es, im Unterschied zu vielen anderen Klosterbieren aus Belgien, insbesondere den Trappistenbieren, heute „für das Kloster“ gebraut. Ich habe viele Varianten dieses Biers ausprobiert, mit unterschiedlichen Brauarten und Hopfensorten. In meiner damaligen Unwissenheit hatte ich die Zutat „Zucker“ bei meiner Besprechung des Leffe Blonde angeprangert; heute weiß ich natürlich, dass dieser für die traditionelle Methode der Flaschengärung unersetzlich ist und im Endprodukt nicht mehr auftaucht. Nun, man lernt immer weiter dazu. Kommen wir also zum nächsten Gebräu der Gebrüder, dem Leffe Brune.

Leffe Brune

Im Gegensatz zum hellen Blonden ist das „Brune“ nun natürlich tiefdunkelbraun, im Gegenlicht sieht man in der ungetrübten Flüssigkeit haselnussbraune Reflexe. Bei dieser Gelegenheit fallen einem auch nur vereinzelte, einsame Bläschen auf, die nach oben steigen und den schnell verschwundenen, cremafarbigen, gemischtblasigen Schaum füttern.

Die empfohlene Trinktemperatur ist frostige 5°C, daher hat die Nase schon etwas Mühe, aus dieser Kühle viele Aromen herauszuschnuppern. Definierend ist dabei dunkles Malz, und eine für belgische Dubbels sehr typische, leichte Fruchtnote nach Trocken- und Steinobst. Ich mag diese Aromatik, die mit zunehmender Temperatur deutlicher hervorkommt.

Eine sehr gelungene Süßsauerbalance ist der erste Eindruck, den man im Mund dann hat. Malz dominiert hier nun noch mehr als im Geruch, besonders im mittellangen Abgang, wo man fast meint, die Röstung des Malzes noch mehr zu erkennen. Klar erkennt man eine leichte Trockenfruchtnote. Die Cremigkeit des Antrunks geht schnell über in eine attraktive, aber nicht übermäßige Trockenheit, durch die die Würzigkeit noch etwas betont wird. Der Körper ist durch die 6,5% Alkoholgehalt voll. Feinherb, leicht säuerlich und mit schöner Rezenz endet das Bier schließlich.

Das ist, ehrlich gesagt, kein Kunstwerk des belgischen Biers, aber ein sehr solides Exemplar, das abgerundet und voll ein sehr entspannendes Gesamtbild abgibt. Ideal zum Essen oder als knackige Erfrischung in der Sommerhitze, weniger als Genussbier. Dafür hat Belgien dann doch viel Spannenderes zu bieten.

Kosteneffizienz – Patrón Silver Tequila

Ich hatte das Thema schon vor ein paar Jahren angesprochen: Kaum eine Spirituose verdient ihren Ruf so wenig wie Tequila, daran scheint sich aber seltsamerweise kaum etwas zu ändern. Neulich erst habe ich bei Facebook eine Umfrage gesehen, bei der diese Frage gestellt wurde: „Von welchem Essen/Getränk war Dir schonmal so schlecht, dass Du es bis heute nicht mehr sehen kannst?“ Ich habe die über 5000 Kommentarantworten ein bisschen durchgescrollt, und Tequila kam so oft vor, dass ich beinahe in Tränen ausgebrochen wäre, denn ein guter Tequila ist für mich mit das Beste, was die Spirituosenwelt zu bieten hat. Und es gibt 2021 auch überhaupt nicht mehr die Ausrede, dass in Deutschland ja nur der schlechte Stoff erhältlich ist, im Gegenteil: man kommt hier an Topqualitäten ohne Mühe ran, muss also keinen Kopfwehmixto im Supermarktregal mehr kaufen, sondern hat Zugriff auf eine riesige Auswahl an 100%-de-Agave-Tequilas aus allen Preisbereichen. Wie zum Beispiel den Patrón Silver Tequila.

Interessant an diesem Tequila ist, dass er aus zwei Komponenten besteht: Ein Teil der Agavenherzen wurde traditionell mit Tahona (also einem klassischen Mühlstein) zerkleinert, der andere Teil stammt aus höher mechanisierter Herstellung. Das ist, so vermute ich, ein Kostenfaktor, denn für mich persönlich würde ich die Tahonaproduktion in jedem Fall vorziehen, aber ein kostenorientierter Brenner sieht das natürlich andersrum. Anders als damit kann ich mir das Vorgehen nicht erklären, bei mir gehen bei derartigen Verfahren schon vorab ein paar kleine Warnlämpchen an, immerhin kann man so mit dem traditionsreichen Verfahren werben, hat aber nicht den vollen Aufwand. Nun, in dubio pro reo, auch wenn das in der Schattenwelt der Spirituosenbranche eigentlich kein Hersteller verdient. Ein Gläschen davon soll Klarheit bringen, wie sich das alles geschmacklich niederschlägt.

Patrón Silver Tequila

Wie wir es für einen Blanco natürlich erwarten, ist auch dieser Tequila kristallklar, ohne jeden Einschluss oder Fehler. Beim Schwenken wirkt er nur leicht ölig, viele, schnell ablaufende Beine zeigen dies deutlicher.

In der Nase ist von Anfang an die Agave dominierend, da wird nicht viel herumgespielt. Würzig, dabei aber süß, mit sehr ausgeprägter Mineralität und pflanzlicher Vegetalität. Frisch geschnittene grüne Blätter, ein Anflug von rauchiger Kohle. Flieder und Veilchen sind die zweite Schicht, mir gefällt diese aromatische Entwicklung hin zur Floralität sehr. Der Eindruck wird am Ende durch eine etwas zu deutliche Ethanolnote, die sich in einem Alkoholhauch und leichtem Nasenzwicken äußert, getrübt, das ist sehr schade.

Patrón Silver Tequila Glas

Der Antrunk wirkt weich und mild, eine schöne Textur legt sich auf den Gaumen. Geschmacklich ist hier eher Erdigkeit, würzige Kräuter und etwas Brotteig vorherrschend, ein doch erstaunlicher Wechsel weg von den Eindrücken der Nase. Cremig und körpervoll, aber aromatisch dann doch etwas zurückhaltend, auch wenn auch hier die Agave klar erkennbar bleibt. Leichte Ingwerschärfe kämpft gegen die schwere Süße an. Der Abgang fühlt sich mittellang an, wird im Verlauf immer würziger, gegen Ende schon deutlich salzig. Warm und trocken: durchaus angenehm, aber auch hier kommt gegen Ende der Alkohol etwas zum Vorschein, bei 40% müsste das nicht sein. Schön brummend und fett, wie die Biene, die als Firmenlogo dient, aber insgesamt dann doch etwas oberflächlich.

Das kann man in einem Cocktail aber leicht ausgleichen: Im Los Altos verbindet sich Tequila und Mezcal, und sorgt damit für etwas zusätzliche Aromatik, die sich besser gegen Saft und Verdünnung mit Sprudel durchsetzt. Ich trinke nicht oft Longdrinks, weil sie mir oft zu langweilig und eindimensional sind, aber sowas hier – das hat Wumms, macht Spaß und ist trotzdem eher easy drinking für den Sonntagnachmittag auf der Terrasse oder dem Balkon.

Los Altos Cocktail


Los Altos
1½ oz Tequila blanco
½ oz Mezcal
1½ oz Ananassaft
½ oz Limettensaft
½ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken. Auf Eis abseihen. Mit Sprudel aufgießen.
[Rezept nach Dave Molyneux]


Die Flasche selbst – die ist zwar für Barbedürfnisse wahrscheinlich schrecklich unhandlich, aber mir sagt sowas irgendwie zu. Klein, gedrungen, bauchig, man sieht die vielen Einschlüsse aus kleinen Luftblasen im Glas, dazu mit kugelförmigen Stöpsel versehen, das wirkt zumindest handgemacht. Dazu ist auf der Rückseite ein Minietikett mit einer tatsächlich von Hand eingetragenen Seriennummer. Der bunte Blechkasten, in dem die Flasche aus der Limited Edition zu mir kam, ist dann ein kleines i-Tüpfelchen, mit mexikanischen Illustrationen in leicht abstrahiertem Stil versehen. Ich gehe davon aus, dass viele Flaschen schon allein deswegen verkauft werden; das Marketing zahlt sich dann aus.

Man legt heutzutage rund 40€ für dieses Produkt auf den Tisch, das ist für einen gut gemachten 100%-de-Agave-Tequila ein akzeptabler Preis, selbst wenn der Brenner inzwischen zu einem großen Konzern wie Bacardí gehört, etwas, worauf ich in letzter Zeit mehr achte als zuvor. Ob man sich nun für die limitierte Luxusaufmachung oder die einfache normalen Präsentation entscheidet, der Inhalt ist schließlich derselbe: Für die Heimbar taugt der Patrón Silver jedenfalls, vielleicht eher als Zutat in Tequilacocktails denn als Purgenuss. Dieser Tequila ist irgendwie Opfer des oben schon angesprochenen erweiterten Angebots, das sich inzwischen bezüglich Agavenbränden hierzulande auftut: Vor 5 Jahren wäre ich schwer begeistert gewesen, heute bekomme ich dann aber doch Spannenderes leicht auch in Deutschland zum selben Preis.

Bier am Freitag – Gold Ochsen Ulmer Rauch Doppelbock Jahrgangsbier Edition 2018

Zu Weihnachten hatte ich mir eine kleine Bierbestellung bei der Ulmer Brauerei Gold Ochsen gegönnt – darunter zwei Sonderausgaben, von denen die Brauerei scheinbar jedes Jahr welche veröffentlicht. Das erste hatte ich bereits direkt zu Weihnachten getrunken und beschrieben; die zweite Großflasche folgt nun. Das Gold Ochsen Ulmer Rauch Doppelbock Jahrgangsbier Edition 2018 ist identisch aufgemacht, schön mit Karton, Sektflasche und -korken geschenktauglich präsentiert. Kann es mit der 2020er-Edition mithalten? Es ist ein komplett anderer Bierstil, Rauchbiere trinke ich eher selten, umso gespannter bin ich nun darauf.

Gold Ochsen Ulmer Rauch Doppelbock Jahrgangsbier 2018

Im beinahe orangefarbenen Bier erkennt man deutlich unzählige, winzige Partikel, die im Bier schwimmen. Dies sorgt dafür, dass die ansonsten vorhandene Kristallklarheit etwas eingeschränkt wird. Leichte Perlage speist einen dünnen Schaum, der schnell beinahe ganz verschwunden ist und nur an der Glaswand als Schaumküste verbleibt.

Die Nase erklärt sich durch den Bierstil – eine milde Rauchigkeit, die in Speckigkeit übergeht, aber nicht so extrem wie beispielsweise bei einem Bamberger Rauchbier. Für mich gehen Rauch und Frucht ja immer Hand in Hand, bei manchen ultrarauchigen Scotches kann man beides kaum mehr trennen. Hier riecht man auch Pfirsiche, etwas Mango, und vielleicht Birne; die Kombination ist sehr apart und, wie gesagt, nicht bedrängend oder aggressiv.

Gold Ochsen Ulmer Rauch Doppelbock Jahrgangsbier Edition 2018 Glas

Das setzt sich im Mund auch fort, sogar noch etwas hübscher. Rauch und Frucht, man muss schon überlegen, was der Eindruck jeweils ist. Die Frucht kommt hier deutlicher zum Vorschein, verdrängt den Rauch etwas, was ich gar nicht schlimm finde. Das Malz gibt eine nette Süße, die im späteren Verlauf erst durch Säure aufgefangen wird und sich so ausbalanciert. Die Textur ist cremig, das Mundgefühl voll und breit, allerdings wenig tief. Rezenz sollte man bei so einem Bier eh nicht so sehr suchen, man findet sie auch eher nicht. 9% Alkoholgehalt sind einem besonderen Bier sehr angemessen.

Der Abgang ist kurz, malzig, leicht adstringierend auf der Zungenspitze. Leider der deutlich schwächste Punkt des Biers – hier wird es etwas nichtssagend, und wenig ausdrucksstark, der Rauch ist komplett verschwunden, leichte Jasminblüteneindrücke hängen etwas nach.

Ein hübsches Bier, das mir gerade durch den sehr gemäßigten, aber immer noch charakteristischen Rauch gefällt, da wird nichts übertrieben, alles ist im Lot und schön aufeinander abgestimmt. Das trinkt sich sehr süffig und ohne übermäßige Komplexität, jedenfalls ohne jede Ecke oder Kante. Rund und stimmig – heutzutage, wo ich seit langem keine Extreme mehr in Bier suche, das höchste Kompliment, das ich machen kann. Wieder mal ein solides Stück Handwerk aus der Brauerei, die sich zu meiner Lieblingsbrauerei gemausert hat.

Blaue Monokultur – Clément Canne Bleue Rhum Blanc Agricole 2015

Zuckerrohr ist die Basis von Rum. Die meisten Rums werden aus Melasse, der bei der Zuckerproduktion entstehenden, dunklen, dickflüssigen Masse, hergestellt. Ein kleiner Teil der Rums wird allerdings auch aus dem frischen Saft des geernteten Zuckerrohrs produziert, insbesondere die franzöischen Überseedépartements sind dafür bekannt, man nennt das dort „rhum agricole“. Üblicherweise werden verschiedene Zuckerrohrsorten und Zuckerrohr von verschiedenen Feldern gemischt. Doch es gibt inzwischen auch diverse Hersteller, die sich bei der Sammlung des Rohmaterials für einige ihrer Brände auf einzelne Parzellen (Longueteau auf Guadeloupe, beispielsweise) oder einzelne Sorten Zuckerrohr konzentrieren – letzteres geschieht zum Beispiel bei dem Clément Canne Bleue Rhum Blanc Agricole 2015.

Der Name sagt es schon: Nur Zuckerrohr der Varietät Canne Bleue („blaues Zuckerrohr“ auf deutsch), die einen besonders hohen Zuckeranteil hat, wird hier eingesetzt. Clément betont, dass sie im Jahr 2001 die ersten waren, die diese Auswahl einer einzelnen Sorte für ein kommerzielles Produkt vornahmen. Man erhofft sich davon eine besondere Aromatik, die sich dann auch im Geschmack im Endprodukt zeigen soll – auf die Idee des Terroir, den Weinkennern wohlbekannt, wird hier natürlich auch für Spirituosen angespielt. Heute ist das schon weit verbreitet in der Diskussionswelt der Schnapsnerds, 2001 war es noch vergleichsweise visionär. Meine Jahrgangsflasche, 2015 gekauft, ist nun im Jahre 2021 geleert, ein guter Zeitpunkt für mich, noch einmal auf diesen Rum zu blicken.

Clément Canne Bleue Rhum Blanc Agricole 2015

Über die Farbe muss man nicht viel sagen, es gibt sie nicht. Die Konsistenz ist viskos, nicht ganz schwer, aber man sieht schon, dass der Rum sich dagegen wehrt, geschwenkt zu werden. Entsprechend ölig ist der Film, der an der Glaswand danach verbleibt, und sich zu dicken Beinen versammelt, bevor er abläuft.

In der Nase kommen zunächst sehr fruchtige Töne an, Limette, Ananas, Aprikosen, Kirschen, Quitten, alle in schon stark fortgeschrittenem Reifungszustand, irgendwie hat es was von einem gemischten Obstler. Da ist eine deutliche Malzigkeit, erinnernd an Pflaumenmarmelade, ohne dabei dunkeltönig zu werden. Im Gegenteil, eine frische Grasigkeit beherrscht das Gesamtbild, sehr viel Zuckerrohrsaft, und hier bewegen wir uns dann doch sehr weg vom oben noch erahnten Obstler.

Clément Canne Bleue Rhum Blanc Agricole 2015 Glas

Das initiale Mundgefühl bestätigt den beschriebenen optischen Eindruck erstmal, das liegt schwer und weich im Mund, mit viel natürlicher Fruchtsüße und -aromen. Da mag man zunächst denken, hmmm, das ist aber ein lieber Schmeichler, doch im Verlauf zeigt sich der Canne Bleue 2015 von einer ganz anderen Seite – er wird pfeffrig, eine deutliche Bittere entsteht aus dem malzig-grasigen Körper, gegen Ende entwickelt sich dann sogar eine eukalyptusähnliche, leicht minzige Komponente, die mich an ein scharfes Hustenbonbon erinnert. Trotz allem bleibt er dabei rund und voll, und weich von der Textur her – 50% Alkoholgehalt sind gar nicht ungewöhnlich für ungereifte Rums von Martinique und wunderbar eingebunden, ohne sich allerdings zu verstecken.

Der Abgang ist heiß, pfeffrig, scharf und die Zungenspitze anästhesierend. Ein leichter Plastikton kommt am Ende dazu, der sich dann in einen floralen Nachhall wandelt, wo Jasmin noch einige Minuten am Gaumen verbleibt. Ja, das ist stark und charaktervoll, ein Rum, den man sich in vielerlei Szenarien vorstellen kann und man in keinem davon enttäuscht wird.

Der Hersteller empfiehlt den Genuss in Cocktails. Natürlich trinke ich äußerst gern öfters mal einen Ti’Punch, also Rum mit Zucker und Limette, gerade dieser Rum funktioniert darin extrem hervorragend, aber es geht auch komplexer, ohne gleich kompliziert zu werden – der The The ergänzt dieses Grundmuster um grünen Jasmintee. So wird der Drink leichter, und bekommt diese florale Jasminnote, die ich persönlich liebe.

The The Cocktail


The The
1⅓ oz ungereifter Rhum Agricole
⅓ oz Zitronensaft
2 oz grüner Jasmintee
½ oz Zuckersirup
Auf Eis werfen.
[Rezept nach HSE/Caribbean BartenderZ]


Seit 2015 hat Clément jedes Jahr eine neue Auflage des Canne Bleue veröffentlicht, und jedesmal ändert sich das Flaschendesign. Immer betont man die Farbe blau, natürlich, und die Designer überlegen sich immer etwas neues, wie man die Flasche einzigartig macht. Mir gefällt das System gut, auch, dass man sich hier auf einen funktionalen Schraubverschluss festgelegt hat, bei Gebrauchsspirituosen eigentlich perfekt.

Ich habe oft über die Lernkurve bei französischen Rums geredet, und wie ich eine ganze Weile gebraucht habe, diese Art von Spirituose schätzen zu lernen. Inzwischen liebe ich sie, und empfehle jedem, diesen Weg auch zu gehen. Wer das getan hat und hungrig nach mehr ist, sollte dann auch einen Blick auf die Nachbarn auf Haiti werfen, Clairin ist dann noch eine Spur wilder und ungezähmter, aber deutlich verwandt, oder die von den Kapverden, mit Grogue hat man eine weitere, auch heute noch recht unbekannte Variante des Zuckerrohrsaftrums. Man sieht, auch wenn Rum aus Zuckerrohrsaft immer noch nur einen kleinen Teil des Rumweltmarkts ausmacht, es lohnt sich, in dieses Thema einzusteigen!

Bier am Freitag – Brouwerij Van Steenberge Bornem Dubbel und Tripel

Mönche und Alkohol, das ist eine uralte Geschichte. Whisky, Kräuterliköre, Wein und vor allem Bier: Die Männer Gottes waren immer schon mehr als interessiert an dem Spiritus Sanktus, der ein bisschen himmlischen Genuss auf Erden versprach. Gerade in Belgien sind die Bierbrüder auch heute noch gern gesehene Gäste im Glas. „Belgisches Abteibier“, so steht es auf den Flaschen des Brouwerij Van Steenberge Bornem Dubbel und Tripel – diese Phrase bedeutet, dass ein Bier in einer Abtei oder nur noch nach Klosterrezept gebraut wurde. Hier handelt es sich um Letzteres, die Abgrenzung zur Unterkategorie des Trappistenbiers ist dann besonders wichtig, denn der Orden der Zisterzienser hat mit der Herstellung dieses Biers nichts mehr zu tun. Ursprünglich hieß es Sint-Bernard Abdijbier Bornem, nach der Sint-Bernardusabdij in Bornem, aber um Verwechslungen mit der gleichnamigen Abtei St. Bernardus in Watou, die auch Bier herstellt, zu vermeiden, wurde es einfach zu „Bornem“ verkürzt. Belgisches Bier geht, egal ob nun in religiösem Umfeld hergestellt oder nicht, finde ich immer, darum zögere ich nicht, die zwei Sorten zu probieren.

Brouwerij Van Steenberge Bornem Dubbel

Zu Beginn das Bornem Dubbel, eingebraut auf schön satte 7,2%, unter der Verwendung von Reis. Mahagonibraun, blickdicht, volltrüb – nur bei Gegenlicht sieht man braunorangen Schimmer im Glas. An der Glaswand erkennt man aufgrund des Kontrastes die winzigen Perlchen, die rasend schnell aufsteigen und den sehr attraktiven, hellcremafarbenen Schaum aus Blasen vieler Größe speisen. Die Nase ist leicht säuerlich, sehr metallisch und erinnert damit deutlich an eine Kiste voller rostiger Stahlnägel. Eine Getreidenote kommt dazu, leichtes Malz. Ein minimaler Anflug von Frucht ist mehr erahn- denn wirklich klar riechbar.

Die Textur ist zunächst das, was bereits beim Antrunk auffällt – sehr cremig, weich und breit. Eine leichte Süße ist nur ganz zu Beginn da, schnell wird sie durch die schon erschnupperte Säure ausgelöscht. Das Bier hält sich aromatisch eher zurück, etwas Getreide ist erkennbar, ansonsten lebt es vom Mundgefühl. Im Verlauf wird es immer trockener, herber, ohne wirklich richtig bitter zu werden – dieser Bogen gefällt mir, er macht das Bier sehr erfrischend und süffig, mit sehr viel Aufstoßpotenzial. Mit einem würzigen Getreidenachhall klingt das Bier recht schnell aus, hauptsächlich die Säureeffekte bleiben noch etwas am Gaumen. Fazit – trinkbar, süffig, aber auch aromatisch und von der Komplexität her eher eindimensional; kein wirkliches Genussbier, mehr ein Durststiller und Gaumenreiniger zum Essen.

Brouwerij Van Steenberge Bornem Tripel

Das Bornem Tripel hat ein helleres Etikett, und entsprechend heller ist es auch im Glas. Das Senfgelb wird durch die Trübung unterstützt. Kleine, vereinzelte Bläschen kann man erkennen. Der Schaum ist, wie auch schon beim Dubbel, nur durch vorsichtiges Eingießen zu kontrollieren, ist am Ende sehr gemischtblasig mit feinen wie auch sehr großen Blasen. In der Nase merkt man deutlich mehr als beim Dubbel den Hopfen, er macht das Bier erkennbar fruchtig, keine IPA-Fruchtexplosion natürlich, aber er macht sich bemerkbar. Deutlich bitter und getreidig, doch mehr riecht man bei der empfohlenen Trinktemperatur von kühlen 8°C nicht.

Im Mund überrascht das Bornem Tripel dann aber doch, mit sehr starker Süße im Antrunk und sehr präsenter, marmeladiger Frucht in Richtung Aprikosen und Pfirsich. Eine richtig fette Textur legt sich auf den Gaumen, das Mundgefühl wird durch eine schönes Wechselspiel zwischen Süße und Säure aufgewertet. Eine kräftige Bittere aus ätherischen Zestenölen kommt dazu, verdrängt zusammen mit der Säure im Verlauf immer mehr den süßen Aspekt, nicht aber die helle Frucht aus Kirschen, Aprikosen und Quitten. Der Abgang wirkt schließlich fast schon trocken, herb, hinterlässt ein leichtes Prickeln am ganzen Gaumen und der Zunge, und einen langen, sehr angenehmen Nachhall aus Gerste und blumiger Kaugummifrucht. Das Tripel kann mich insgesamt sehr viel mehr überzeugen als das Dubbel, da ist Charakter und Spannung drin, etwas, was ich zuvor vermisst hatte. Davon will ich sicherlich mehr – bei 9,0% muss man aber aufpassen.

Die Brouwerij Van Steenberge hat noch andere Marken im Portfolio, die mir persönlich noch mehr zusagen (Piraat ist ein tolles Beispiel dafür), aber für Zwischendurch sind die Bornems ein schöner Zeitvertreib für die Freunde kräftigen Biers.

Geschichten aus dem Pflaumengarten – MeiJian Green Plum Wine (梅見青梅酒)

In Kapitel 21 des großen chinesischen Epos „Drei Königreiche“ spielen grüne Pflaumen eine wichtige Rolle. Der Heerführer Cao Cao, auf der Suche nach Verrätern, besucht Liu Bei in seinem privaten Garten, in dem gerade grüne Pflaumen wachsen – und die zwei unterhalten sich über Heldentum und genießen währenddessen frisch geerntete Pflaumen und gewärmten Pflaumenwein. Natürlich führt Cao Cao dabei etwas im Schilde, er will herausfinden, ob Liu Bei nicht vielleicht ein etwas zu ambitionierter Gegenspieler werden könnte, und hofft, dass die vorgespielte Freundlichkeit und der Wein die Zunge lockern. Ein zufälliger Donnerschlag während einer entscheidenden Frage und Liu Beis immer fast schon an Ängstlichkeit grenzende Vorsicht retten ihn hier vor dem hinterlistigen Versuch Cao Caos; andere, die nicht so viel schauspielerisches Talent haben wie Liu Bei, werden später ohne viel Aufhebens einen Kopf kürzer gemacht.

Ich empfehle mangels auch nur ansatzweiser Quellentreue der deutschen Bearbeitungen Moss Roberts‘ zweibändige englische Übersetzung des epochalen Werks von Luo Guanzhong, sie ist vollständig und verhältnismäßig lesbar, und quillt über vor derartigen Anekdoten. Meistens, wenn in so alten Texten von 酒 (jiu) die Rede ist, ist damit Pflaumenwein, Huangjiu oder anderer, niedrigprozentiger Alkohol gemeint, nicht das harte Zeug, das wir heute mit dem Wort verbinden – die Destillation auf hohe Grade wurde auch in China erst sehr viel später zur Gewohnheit. Das erklärt vielleicht auch die Mengen an Wein, die die alten chinesischen Helden in den „großen vier klassischen Büchern“ so konsumieren. Ich fühle mich darum fast irgendwie wie die wilden Trinker Li Kui oder Zhang Fei, wenn ich die Flasche des MeiJian Green Plum Wine (梅見青梅酒) öffne und mir ein Glas davon eingieße – eine moderne Interpretation einer extrem traditionsreichen Spirituose, wie man sieht. Die für Südchina sehr typischen grünen Pflaumen werden dabei mit Hirsebrand (vielleicht Baijiu) mazeriert und am Ende mit Pflaumensaft und Zucker versetzt.

Meijian Green Plum Wine (梅見青梅酒)

Auf der Rückseite ist vermerkt, dass Farbstoff enthalten ist, bei einem likörähnlichen Produkt ist das auch gar nicht unerwartet, und ich finde hier auch keine verrückte Farbgebung, sondern etwas, was zum Design und zu den Basismaterialien passt: ein leicht blasses Sonnenblumengelb. Beim Schwenken ist kaum ein Haften an der Glaswand erkennbar, keine Beine oder ähnliches – bei 12% Alkoholgehalt ist auch dies natürlich kein Mangel, sondern genau daraus bedingt.

Ich halte das Gläschen, aus dem ich diesen Pflaumenwein trinke, an die Nase, und rieche direkt, worum es hier geht. Die Pflaume ist sehr präsent, sowohl von der süßen als auch der sauren Komponenten dieser Frucht her, mit Erinnerungen an Kirschen, Beeren und einem Tick von Nelken. Zimt könnte man erahnen, und etwas milder Weinbergpfirsich. Man sieht, es geht alles in die leicht gewürzte Fruchtrichtung, bleibt dabei mild und rund. Auch wenn Hirsebrand als Spirituose dafür eingesetzt wurde, ist dies geruchlich nicht erkennbar – auch wenn der Vergleich offensichtlich ist, erwähne ich es: mich erinnert das sehr deutlich an japanischen Umeshu. Die Herstellungsweise ist natürlich sehr ähnlich, Japan hat sich ja immer schon vom chinesischen Kulturvorbild inspirieren lassen (das meine ich überhaupt nicht despektierlich).

MeiJian Green Plum Wine (梅見青梅酒) Glas

Im Mund ist der MeiJian leicht und frisch, mit einer gelungenen Süßsauerbalance. Die grüne Pflaume ist beherrschend, für den, der nicht weiß, wie die schmeckt: eine Mischung aus Pfirsich und unreifer Aprikose, würde ich als Beschreibung anbieten. Auch hier erkennt man den leichten Alkoholgehalt, das trinkt sich viel eher wie Wein als wie eine Spirituose. Nach dem initialen Fruchtantrunk verliert sich das Aroma schnell im Mund, wirkt hier etwas dünn, und ist dann auch in einem sehr kurzen Abgang schnell wieder verschwunden. Adstringierende Säureeffekte bleiben etwas länger am Gaumen und der Zunge, eine Idee von Pflaume und herber Bitterkeit klingt noch etwas nach.

Der MeiJian ist für mich ein sehr leichter Drink, vielleicht einen Ticken zu leicht sogar, pur schlürft man das wie nix weg, vielleicht auf Eis, aber auch gern auf Zimmertemperatur: ein schöner Gaumenreiniger nach dem Essen, oder zwischen Hauptgang und Nachspeise, oder einfach so. Unkompliziert, leicht und süffig. Ein Getränk, von dem die Helden aus alten Epen sicherlich mal ein Dutzend Schalen kippen können, ohne danach Amok laufen zu müssen wie Wu Song.


Das Negroni-Template ist ein guter Ansatzpunkt, wenn man einen neuen Drink erschaffen will. Gleiche Anteile von starker Spirituose, herbem Bitter und milden Ausgleichs dazwischen, das funktioniert mit vielen Einsetzwerten für diese Variablen. Gagliardo Bitter Radicale funktioniert etwas besser als beispielsweise Campari in diesem Drink für die Bitterkomponente, Wuliangchun oder Ming River wunderbar als Baijiu. Und, um der Tradition die Ehre zu erweisen, und an die Drei-Königreiche-Anekdote zu Beginn anzuschließen, nenne ich den Drink Xuande’s Plum Garden.

Xuande's Plum Garden Cocktail

Xuande’s Plum Garden
1 oz / 30ml Starkaroma-Baijiu
1 oz / 30ml MeiJian Green Plum Wine
1 oz / 30ml italienischer Bitterlikör
Auf Eis shaken. Auf Eis servieren.

[Rezept nach Helmut Barro]


Zur Präsentation – da hält sich der Hersteller Jiangji aus der südwestchinesischen Megametropole Chongqing (die wahrscheinlich bevölkerungsreichste Stadt der Welt!) sehr zurück, für chinesische Verhältnisse. Eine schön geformte Flasche, unauffälliger Plastikschraubverschluss, und ein Etikett, das neben einer dezenten Pflaumenillustration noch eine schöne Kalligrafie aufweist. Das ganze ist in einem angenehmen, passenden Farbton gehalten, mir gefällt das insgesamt sehr. Dazu kommt das Ganze in einem geschenktauglichen Karton: persönlich halte ich das für ein tolles, exotisches Mitbringsel für einen Spirituosenfreund, oder auch die Eltern, die gern mal etwas Liebliches nippen wollen. Schön, dass solche Produkte nun auch in Deutschland leicht erhältlich sind.

Offenlegung: Ich danke der Jaxin Wein & Spirituosen GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieser Spirituose.

Bier am Freitag – Rügener Insel-Brauerei German Aviation Beer

Ich glaube, ich hatte sie alle mal durchprobiert – die Biere der Rügener Insel-Brauerei waren vor einigen Jahren ein Trendsetter, was Craftbier im bierkonservativen Saarland anging. Auffällig gestaltet, mit polarisierender Preisgestaltung („3€ für e Bier? Hann die en Knall?“) und einem geschickten Product Placement auch in Supermärkten nicht nur mit Einzelflaschen, sondern direkt mit einem ganzen Regal. Das hat sich bis heute nicht geändert, das Sortiment wird erweitert und verändert, doch der neueste Trend ist, die hochwertigen Biere als limitierte Editionen anzubieten, teils im Geschenkkarton mit einem großen Stielglas, teils als nur auf Rügen (oder per Post) zu erwerbende Spezialsets mit einem durchgängigen Thema. Wie dem Rügener Insel-Brauerei German Aviation Beer, das ich dank meiner Bierfreunde von der Saarbrücker Beer Society mitbestellen konnte.

Rügener Insel-Brauerei German Aviation Beer Set

Trinken wir uns einfach gemächlich von links nach rechts durch das Viererset im passend gestalteten Tragerl (darauf wurde ich nach der Übergabe mitten in der Saarbrücker Fußgängerzone mehrfach neidvoll angesprochen). Beginnen wir also mit dem German Coast Double IPA und seiner dicken, stabilen Schaumkrone, die aus sehr vielen gemischtgroßen Bläschen besteht. Farblich haben wir hier ein trübes, opalisierendes Ockerbraun, mein IPA-Glas bietet genug Mousseuxpunkte, von denen ausdauernd und schnell die Perlage aufsteigt. In der Nase kommt sehr viel marmeladenfruchtigkeit an, Papaya, Mango, süßlich tropenfruchtig wirkend, ohne die Limettenspitzen, die man bei dieser Art Bier oft findet. Eine leichte Essignote, kombiniert mit Sekttrockenheit macht es der Nase aber auch nicht zu einfach. Prägnante Getreideeindrücke sorgen für eine unerwartete, gar nicht unangenehme Abwechslung zu dem sonst üblichen Hopfeneinerlei.

Rügener Insel-Brauerei German Coast Double IPA

Auch im Mund wird das German Coast nicht kratzig oder biestig, sondern überschreitet eine angenehme Schwelle an Bitterkeit nicht. Im Gegenteil, im sehr cremigen Mundgefühl findet sich eine schöne Rundheit, die sich weich an den Gaumen legt. Dazu kommt eine Fruchtsüße, die im Gesamtbild fast schon Anklänge an Fruchtkaugummi, Zuckerwatte oder aber auf jeden Fall große Blumigkeit aufkommen lässt. Im Verlauf bildet sich eine sehr aparte säuerliche Trockenheit aus, auch hier, integriert, ohne zu dominieren. Der Körper wirkt dann leichter, heller, frischer, unterstützt die Rezenz. Die 7,5% Alkoholgehalt sind toll eingebunden.

Ein so richtig süffiges IPA, das sich weder anbiedert, noch den Genießer vor den Kopf stößt. Wer so richtig knallige IPAs mag, ist hier sicher falsch, für mich ist es ein richtig gut komponiertes Bier, das sich verdammt gut trinkt, Schluck für Schluck.

Ein guter Einstieg in die Welt der Deutschen Luftfahrt war das. Heben wir nun von der Küste ab, dampfgetrieben, und schauen uns das German Steam Wood Pale Ale an. Wie bei den Flaschenreifungsbieren der Insel-Brauerei üblich, sollte man beim Eingießen etwas vorsichtig sein – in dieser traditionellen Methode entsteht wie bei Champagner noch ordentlich Kohlensäure in der Flasche, die für Schaum sorgt. Am Ende kommt noch etwas Hefe nach, also sollte man die Flasche wie ein Hefeweizen eingießen. Die Trübung kommt daher, sie macht das Bier in seiner Haselnussfarbe dann blickdicht. Der Schaum sackt schließlich etwas in sich zusammen, ein paar Millimeter feinblasige Crema bleibt aber erhalten.

Rügener Insel-Brauerei German Steam Wood Pale Ale (German Aviation Beer #2)

Die Nase wirkt, der Stilbezeichnung entsprechend, tatsächlich leicht holzig, sehr malzig, ohne Rösttöne allerdings, leicht getreidig. Wer bei einem Pale Ale auf viel Hopfen spekuliert, wird hier überrascht – da sind leicht hopfige Fruchttöne, aber sie prägen das Bier nicht. Im Mund entsteht eine sehr aparte Mischung aus Bockbier und Pale Ale, es erinnert mich etwas an ein belgisches Dubbel, ähnlich in der süßen Basis, doch es grenzt sich durch eine stärkere Trockenheit ab. Die sehr deutliche Karbonisierung („German Steam“ passt wirklich gut, da ist genug Luft drin, um den Ballon auf dem Etikett zu füllen!) sorgt für ein fettes Mundgefühl, man kann auf dem Bier kauen. Es wirkt rezent und frisch, bleibt dabei aber eher dunkeltönig, die Holzkomponenten integrieren sich gut. Man findet hier dann milde Hopfenfrucht, eher in Richtung Aprikose denn in Richtung Zitrus, mit ein paar Anklängen von Ahoj-Waldmeisterbrause, sowohl vom Geschmack als auch vom Effekt her; hier zeigt sich auch schöne Säure. 5,6% Alkoholgehalt passen gut zu diesem Bier. Der Abgang ist kurz, schaumig, nun sich aufs Getreidige konzentrierend, mit einem Nachhall von so richtig trockener Holzigkeit und leichter Rostigkeit, und einem deutlichen Säureeindruck.

Schön zu trinken, sehr süffig, rezent und mit angenehmer Textur. Mir mangelt es etwas an Komplexität, aber nur, weil ich von der Brauerei inzwischen immer etwas Besonderes erwarte, und das ist ungerecht – bei vielen anderen Brauereien wäre ich wahrscheinlich viel enthusiastischer. Man bedenke dies beim Lesen.

So, nun sind wir in der Luft, und darum ist jetzt der ideale Zeitpunkt, sich das dritte Bier vorzuknöpfen: German Sky Bière de Saison, ich hoffe, der Zeppelin auf dem Etikett deutet nicht auf eine historische Gegebenheit hin – ein Absturz ist aber, wenn ich die Produkte der Brauerei betrachte, keine echte Gefahr.

German Sky Bière de Saison

Fast schon ins Rötliche übergehendes Sienabraun liegt im Glas. Volltrüb mit einer minimal gefärbten Crema, die aus einer Schicht gröberer, und darüber liegend einer Schicht feinster Flaumbläschen besteht. Die Nase ist zunächst würzig, nach Nelken und Kardamom, unterlegt mit etwas frecher Limettenzestenfrische. Erinnerungen an Sekt kommen auf; dazu grüner Apfel, milder Essig, darunter dann frisch geerntetes Getreide. Der Antrunk ist direkt sauer und frisch, klar und mit deutlicher Kante, die sich über Zunge und Gaumen zieht. Zitrusfrucht und fast schon minzig im Eindruck. Im Verlauf lässt dies erkennbar nach, eine feine Süßherbe ersetzt die Säure. Zusammen mit der fetten Struktur entsteht ein volles Mundgefühl, ohne dass die Rezenz dafür aufgegeben wird. Kirschen und Nelken stehen vorn in der Aromatik, das hat wirklich was. Im mittellangen Abgang werden dann wieder die Säureeffekte dominant, es kitzelt und prickelt auf Zunge und Gaumen, dass es eine wahre Freude ist, man hört fast das Zischen. Der Nachhall ist fast Zuckerwattig, mittellang, und hinterlässt einen leicht anästhesierten Geschmacksapparat.

Ein toll frisches, leichtes Sommerbier, das sich gerade in der Sonne wirklich toll macht, auch wenn man da mit den 5,6% Alkoholgehalt etwas vorsichtig sein sollte – als Genussbier jedenfalls eine wahre Freude, auch als Sektersatz bei einem Stehempfang kann ich mir das für Bierfreunde wirklich gut vorstellen.

Rügener Insel-Brauerei German Pioneer Bière Brut

Wer sich so von Küste mit Dampf in die Luft erhebt, ist wirklich ein Pionier. Die Krönung der Luftreise ist darum das letzte Bier aus dem Mottoset, das German Pioneer Bière Brut. Vom bei der Flaschenreifungsmethode, wie bereits erwähnt, durchaus üblichen üppigen Schaum habe ich während des Eingießens, das etwas Zeit in Anspruch nimmt, immer wieder einen Mundvoll abgesaugt – ein sehr cremiger, feinblasiger, aber bereits auch sehr aromatischer Schaum, der sich am Ende eine ganze Weile auf dem Bier hält. Die Farbgebung ist dabei auch sehr attraktiv: das eidottergelbe, volltrübe Bier im Kontrast zur reinweißen Blume darüber. Im Gegenlicht erkennt man das feine Mousseux an der Glaswand – nicht nur hier eine Nähe zu Schaumwein. Der Geruch ist bitterfruchtig, sehr zurückgenommen, leichte Getreidigkeit, ein bisschen Weinessig – da gibt es nicht viel zu schnuppern und zu berichten. Am Gaumen konkurrieren direkt die zwei definierenden Eigenschaften des German Pioneer: die flauschigweiche Cremigkeit in der Textur, und die mildherbe Säure in der Aromatik. Zitrone, Apfelessig, Verjus, aber nicht wirklich kratzig sauer oder frech werdend. Eine hübsche, dezente Säure, bei der man dieses Bier eher nur mit etwas Fantasie zur Kategorie der Sauerbiere zählen kann, selbst wenn sie ein prägendes Element ist. Mir fällt es schwer, das einzuordnen, ich kann nur sagen, dass es mir gefällt; ein Zwitter aus halbtrockenem Sekt und einem herben Hellen, vielleicht. Man muss hier nicht nach vielen Aromenbeispielen suchen, das Bier steuert sich über die Effekte, klar, sauber: Ein Bier für die Zunge und deren natürliche Fähigkeiten, nicht für die Zusatzarbeit, die die Nase sonst beisteuert. Dahingehend ein wirklich spannendes und interessantes Erlebnis für den aufgeschlossenen Bierfreund. Der Abgang hält sich entsprechend des Verkostungsbogens wieder deutlich zurück, bleibt aromatisch mager, dafür effektvoll und von dem Tanz von Säure, Texturweiche und Zartherbe gesteuert.

Hochinteressant; das German Pioneer ist ein höchst ungewöhnliches, dafür umso feineres und edleres Bier, das mit 5,6% Alkoholgehalt auch nicht überfordert bei der nun nötigen Landung.

Nachdem ich die Reise in die deutsche Bierluftfahrt nun hinter mir habe, bleibt ein etwas melancholisches Gefühl zurück – diese vier German Aviation Beers der Rügener Insel-Brauerei werde ich mit großer Sicherheit vermissen. Sie sind wirklich, ohne zu übertreiben, „seltene Biere“, und auch „besondere Biere“, um zwei der Catchphrases auf den Etiketten zu nutzen. Es freut mich sehr, auch solche Biere in Deutschland inzwischen durchgängig erhalten zu können, wenn auch mit etwas mehr Aufwand – darum danke ich nochmal der Biersommelière Katharina Rolshausen, dass sie die Sammelbestellung angeleiert und durchgeführt hat. Gerne wieder bei Gelegenheit!

Geheimnisse des Amazonas – Muyu Chinotto Nero

Es ist ein Trend, der letztes Jahr begonnen hatte – sogenannte Low-ABV-Drinks begeistern den Trinker, der nicht immer Cocktails haben will, bei denen man nach höchstens zwei Iterationen schon unter dem Tisch liegt. Die Verwendung leichterer Zutaten ist dabei der Schlüssel, denn man will ja nur den Alkoholgehalt reduzieren, nicht durch schlichte Verdünnung die Aromatik gleich mitverwässern. In diesem Zuge haben Wermut, Quinquina, Sherry, Porto und leichte Liköre einen gewissen Aufschwung erfahren – sie eignen sich natürlich durch ihre niedrigprozentige und trotzdem hocharomatische Anlage ideal dafür, Low-ABV-Drinks herzustellen. Ich gebe zu, ich mag meine Cocktails lieber bombenstark, mit Overproof-Rums und BiB-Bourbon, darum finden sich auf meinem Blog verhältnismäßig wenig Rezepte, die dezenter daherkommen, aber manchmal braucht man ja nur einen Anlass, um auf den fahrenden Trendzug noch aufzuspringen.

Der Anlass bei mir ist Muyu Chinotto Nero, der mir vor ein paar Wochen ins Haus geflattert ist. 2019 haben die Cocktaillegenden Berg, Kratena und Caporale (der geneigte Cocktailnerd kennt die Namen) zusammen mit dem niederländischen Likörhersteller De Kuyper ein Trio von Likören designt. Der hier besprochene Vertreter, von Simone Caporale erdacht, scheint mir passgenau in diese Low-ABV-Schiene zu gleiten, und mit einem ungewöhnlichen Aromenprofil gleichzeitig denjenigen ansprechen, der sonst schon alles probiert hat, was das Backboard einer Bar normalerweise zu bieten hat. Die namensgebende Chinotto ist eine Art italienischer Bitterorange, darum herum werden Zutaten wie Curaçao-Orangen, Chinarinde, Eichenmoos („Pflaumenflechte“ ist wohl der hierzulande übliche botanische Name dafür) und Kakao gelegt – man ahnt also schon, dass das nicht einfach nur ein weiterer Orangenlikör in der eh schon gut gefüllten Spirituosenkategorie sein wird. Aber ich greife vor, öffnen wir die Flasche und probieren den Stoff erstmal pur, bevor wir uns für eine Konsumvariante entscheiden.

Muyu Chinotto Nero

Die Farbe jedenfalls gibt die grobe Stoßrichtung schon vor. Ein leuchtendes, kräftiges Orange, lange schon blühende Sonnenblumen, sehr hübsch. Woher sie kommt, kann ich nicht sagen, denn eine Fassreifung findet nicht statt – es ist also wohl Farbstoff, wenn nicht irgendwelche der Zutaten nach der Destillation der Einzelbestandteile noch zugefügt wurden. Jedenfalls passend! Beim Schwenken bewegt sich der Muyu gemächlich mit schönem Glaswandverhalten.

Die Nase ist direkt faszinierend; gewiss ist die Bitterorangenkomponente initial dominierend und leicht erkennbar, doch die Chinarinde springt direkt danach hervor und gibt dem Likör eine krautige Note. Unterschwellig ist unter der Bittersüße und Zitrusfruchtigkeit noch eine weitere, erdig-vegetale Schicht, ich würde das wirklich einem Moos oder Zedernholz zuschreiben. Und, zu guter Letzt, erkennt man ganz spät auch noch sanfte Kakaotöne. Ich muss wirklich sagen, dass das Etikett hier nicht lügt: Hier wurden wirklich linear-klare Aromen ausgewählt und zusammengefügt, auf eine Art und Weise, dass jede noch erriechbar ist, sie aber ein rundes Gesamtgeruchsbild ergeben. Da gibt es für mich nicht viel zu interpretieren, nur bewundernd mit dem Kopf zu nicken.

Muyu Chinotto Nero Glas

Ich wiederhole das immer wieder gern, meine Leser wissen es inzwischen: Ein Likör muss in der EU mindestens 100g/L Zucker aufweisen, und das schmeckt man im Antrunk des Chinotto Nero auch. Schnell wird diese Süße aber ausgeglichen, die Frische und Herbe der Bitterorangen wandelt das Mundgefühl, man hat eine schöne Säureattacke, die sich mit bitterer Kräuterigkeit bestens kombiniert. Im Verlauf beginnt der Likör auf der Zunge zu prickeln. Die Textur ist breit und voll, ohne einem Drang nach Pappigkeit nachzugeben. Blind wäre es schwer für mich, zu definieren, was ich da aromatisch eigentlich im Mund habe – ein Bitterlikör mit Wermut oder Quinquina vermischt? Das wäre meine Vermutung, wahrscheinlich. Gegen Ende kommt die Süße wieder stärker zum Vorschein, während der Muyu mit herbbitterem Frucht- und Mentholnachhall ausklingt und auf den Lippen etwas Orangenzucker hinterlässt.

Der Muyu Chinotto Nero ist sicher eine Art Strukturbrecher, er kombiniert mehrere bekannte Spirituosenkategorien in sich, hat vor allem die Würzigkeit, die viele Bitterorangenliköre wie Campari oder Aperol im Vergleich vermissen lassen. Dahingehend kann ich als bekennender Campari-Fan im Muyu sehr viel Spannendes finden; handwerklich ist das Produkt dazu über jeden Zweifel erhaben, gerade in der Nase erkennt man das sehr deutlich.

Um auf die Einleitung zurückzukommen: 24% Alkoholgehalt weist dieser Likör auf; das ist auch leider seine (einzige) Schwäche – aber nur, wenn man ihn in Mixed Drinks verwenden will, für den Purgenuss reicht das völlig aus, um Kraft und Volumen zu bieten. Man kann ihn darum eigentlich nicht vergleichbar wie andere Bitterorangenliköre, die oft mit 40% daherkommen, einsetzen, da geht er oft unter, da viele Rezepte auf hochprozentige Produkte ausgelegt sind. Simon Difford empfiehlt, ihn mit Wodka zu pimpen, wenn man den von Produktdesigner Caporale auf dem Rücketikett vorgeschlagenen Highball mit Chinotto Nero und Tonic Water mixt, irgendwie geht mir dabei dann aber die Idee des Likörs selbst verloren. Darum biete ich hier einen Cocktail an, in dem der Muyu Chinotto Nero so genutzt werden kann, wie er abgefüllt wurde: Im seltsam benamten Toffee Negroni. Kein Toffee, kein Negroni, aber was solls. Da habe ich dann auch kein Problem, den geforderten Aperol durch Chinotto Nero zu ersetzen – das Ergebnis: herb, bitter, nussig, unbequem, genau dadurch mein Geschmack.

Toffee Negroni Cocktail

Toffee Negroni
1 oz / 30ml leicht gereifter Rum
1 oz / 30ml Amontillado
1 oz / 30ml Aperol
Auf Eis rühren. Auf Eis servieren.

[Rezept nach Lynette Marrero]


Man muss die Flasche, in die der Likör abgefüllt ist, einfach mögen – mattiertes Schwarz, das sich haptisch toll anfühlt, ein leicht abstrahierter Amazonas-Dschungel auf dem strukturierten Etikett (auch hier kann man mit den Fingern mitfühlen), der Echtkorken auf dem mit einem weiten Rand ausgestattenen Flaschenhals. Irgendwie zurückhaltend und opulent zugleich; ein wirklich gelungenes Design. Wenn man zusammen auf Reisen in exotische Regionen wie das Amazonasgebiet geht, wie das Kratena, Berg und Caporale wohl taten, um sich für diese Likörreihe inspirieren zu lassen, sollte am Ende auch was Ansprechendes rauskommen, und das ist hier der Fall. Vielleicht haben sie auch aus Versehen ein paar der dort in rauhen Mengen vorkommenden bewusstseinserweiternden Pflanzen geschluckt, das könnte die selbst für meine Verhältnisse etwas exaltierte Beschreibung des Likörs auf dem Seitenetikett erklären. Ha, es ist mir gelungen, das Haar in der Suppe zu finden! Ich bitte ehrlich um Verzeihung, denn der Muyu Chinotto Nero ist ein wirklich tolles Produkt, das ich jedem Freund des gehobenen Genusses echt empfehlen kann, selbst (oder gerade!), wenn man zuhause nur pur gern ein feines Likörchen nippen will und überhaupt keine Cocktailambitionen hat.


Offenlegung: Ich danke Trinkabenteuer/jrgmyr für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Likörs.

Bastelstunde am Freitag – Funky Monkey aus der Kokosnuss

Manchmal habe ich so einen Basteldrang, der seit der Aufgabe meines Warhammer-Tabletop-Hobbies nicht mehr gestillt wird, und den ich jetzt hin und wieder hier auslebe. Als ich neulich im Fernsehen einen Bericht über die karibische Insel Dominica gesehen habe, tranken dort ein paar Reisende einen Cocktail aus Kokosnussschalen. Der erste Versuch war, solche Behältnisse im Internet zu kaufen zu finden – die Erkenntnis, dass die Betreiber der winzigen Bar auf Dominica diese aber sicher auch nicht fertig kaufen, brachte mich dazu, diese selbst zu machen.

Zäumen wir das Pferd von hinten auf – und beginnen mit dem Endergebnis. Ein Cocktailbehältnis ohne Inhalt ist ja langweilig, darum stelle ich hier erstmal einen Drink vor, den ich genüßlich aus der Frucht meiner Arbeit getrunken habe. Der Funky Monkey ist ein vom Alkoholgehalt her sicher leichterer Drink, bezüglich des Kaloriengehalts dagegen… naja, zwei schafft man nur, wenn man dann das Abendessen weglässt. Persönlich habe ich einen kleinen Twist darauf ausprobiert, indem ich die Sahne durch griechischen Joghurt ersetzt habe – dadurch wird er einen Ticken weniger süß, minimal herber und frischer.

Funky Monkey Cocktail


Funky Monkey
1 oz / 30ml leicht gereifter Rum
¾ oz / 25ml Bananenlikör
¾ oz / 25ml Crème de Cacao
1 oz / 30ml Cream of Coconut
1 oz / 30ml Sahne
1 oz / 30ml Milch

1 ganze reife Banane
Auf Eis blenden.

[Rezept nach Tony Abou-Ganim]


Der Hauptgrund für diesen Artikel ist natürlich aber das Trinkgefäß, in dem ich den Funky Monkey serviere. Es ist eigentlich ganz einfach zuhause herzustellen, man braucht nur etwas Werkzeug, ein paar billige Materialien und nur Anflüge von handwerklichem Geschick. Der erste Schritt besteht darin, eine Kokosnuss aufzubohren und das Kokoswasser abzugießen. Das kann man für andere Drinks verwenden, oder, wie ich, in eine große Eiswürfelform gießen, gut gefrieren lassen und dann später in einem Tumbler mit etwas Scotch übergießen, als wunderbaren Sommerdrink.

Die schwerste Aufgabe folgt nun: das Aufsägen der Nuss. Kokosholz ist sehr hart, das merkt man dabei; eine vernünftige Säge und ein Schraubstock, den man idealerweise mit Schaumstoff auspolstert, um die Nuss nicht zu beschädigen, leisten dabei hervorragende Dienste. Der Schnitt muss dabei nicht gerade sein, gerade etwas schräg aufgeschnitten gibt das dem Endprodukt etwas DIY-Charme. Das Fruchtfleisch kratzt man mit einem Löffel heraus, und, wenn das ganze etwas getrocknet ist, geht man noch mit feinem Sandpapier innen durch.

Die Nuss bleibt natürlich nicht von alleine stehen auf dem Tisch – man braucht einen Ständer oder Halter. Ich habe dafür ein altes, handgedrehtes Seil, das ich im Keller gefunden hatte, hergenommen. Beim Zurechtschneiden muss man die Schnittstelle vorher fixieren, damit sich das Seil nicht aufzwirbelt, ich habe dafür Draht genommen und am Ende noch etwas Kerzenwachs. In Kreisform gebracht kann man nun die ausgehöhlte Nuss darauf stellen. Mit etwas Heißkleber bleibt der Seilhalter mit der Nuss dauerhaft verbunden.

Den Deckel der Kokosnuss habe ich aufbewahrt, und mit einem großen Holzbohrer (10mm) das zum Ablassen des Wassers genutzte kleine Loch so vergrößert, dass man einen Strohhalm bequem durchstecken kann, falls man das will. Die Nussmug funktioniert aber, finde ich, offen am Besten. Sie ist wasserdicht, zumindest für die Dauer, die man für einen Cocktail üblicherweise ansetzt, und oft wiederverwendbar, sicherlich ein Spaß für die nächste Cocktailrunde unter Freunden tropischer Drinks. Viel Spaß beim Nachbasteln!