Ich habe Kopfschütteln und verdrehte Augen gesehen, als ich auf die Frage, wie man in Deutschland Madeira-Wein trinkt, ehrlich geantwortet habe – gar nicht, es ist eine Kochzutat hierzulande. Und ich glaube, damit spreche ich für einen Löwenanteil der Bevölkerung, die nur die eine Flasche, die man in Märkten findet, für Soßen oder Aromatisierung heranzieht. Dabei sind die Madeiraner extrem stolz auf ihren Wein, der Tradition und Geschichte aufzuweisen hat. Das Handwerk wird auch heute ernst genommen, der Wein in alle Welt exportiert, lieber natürlich in Länder, die den Wein von der Insel als edles Getränk zu schätzen wissen. Ich habe ein kleines Set der Basisprodukte eines Herstellers mitgebracht, Blandy’s Madeira Wine, mit den Rebsorten Sercial, Verdelho, Bual und Malmsey. Bei Blandy’s in Funchal arbeitet man seit mehr als 200 Jahren und 7 Generationen mit den besonderen Weinen der Insel.
Alle vier sind die traditionellen großen portugiesischen Rebsorten, die für Madeira-Wein schon immer eingesetzt wurden. Madeira-Wein ist ein fortifizierter Wein, auch vinho generoso genannt, ähnlich wie Portwein und Sherry. Besonders hervorzuheben ist beim Madeira die durch Hitze geförderte Karamellisation und Oxidation – man legt die Fässer gerne unters Dach (Canteiro), in die pralle Sonne, und nutzt keine Weinkeller wie bei anderen Weinen dieser Art. Alternativ werden sie im Estufagem-Verfahren künstlich erhitzt. Die in meinem Set enthaltenen Sorten sind alle monovarietale Blends, wie ein Großteil der Produktion insgesamt, aus verschiedenen Ernten und weisen 19% Alkoholgehalt auf.


Wie ich es bei der Verkostung in der Lodge (siehe dazu unten mehr) gelernt habe, fangen wir mit dem trockenen Wein an, dem Blandy’s Sercial 5 Years Old. Sercial ist eine autochthone portugiesische Weißweinrebe, die säurebetonte, strenge Weine liefert.
Zwischen Terracotta und Rostbraun liegt die Farbe, mit strohgelben Lichtreflexen. Die Textur ist ölig und schwer. Die Nase findet viele nussige Aromen, dazu getrocknete Pflaumen und gelbe Rosinen, und Datteln. Frische Mango liegt darüber. Ein minimaler Alkoholhauch ist erkennbar. Der Antrunk ist säuerlich, zitronensaftig, mit einer bitteren Unterseite. Dies bleibt in Kombination auch lange bestehen, das trockene, aber nie astringierende Mundgefühl kommt dazu, insgesamt ein sehr frischer, klarer, strenger Eindruck, der sich durch die nussigen und trockenfruchtigen Aromen aber auflockert und dann elegant und filigran wirkt. Die Kombination aus Zitrone und Mandel ist wirklich apart – so etwas als kleiner Aperitif zur Gaumenöffnung funktioniert sicher sehr gut.
Als „Medium Dry“ wird der Blandy’s Verdelho 5 Years Old eingestuft. Die weiße Rebsorte Verdelho ist auch unter dem Namen Gouveio bekannt, und wird auch gerne für weißen Portwein verwendet; der Wein aus ihr ist säurebetont und alkoholreich.
Akazienholzfarben mit deutlichen orangefarbenen Lichtreflexen landet er im Glas, und er hinterlässt richtig dicke, fette Tropfen an der Glaswand beim Drehen des Glases. Die Trockenfrüchte sind hier noch ausgeprägter, das fühlt sich an, als riecht man an einem Dattel-Rosinen-Sirup; eine kleine herbe Kante lockert das aber sofort auf, mit feinsten Holztönen. Honig, Nussmischung und ein Beiklang von Pflaume sorgen für Komplexität. Im Mund fühlt man sofort die Balance aus Süße und Säure, mit letzterer als Gewinner über den Verlauf; die schweren Frucht- und Nussaromen werden davon getragen. Das Mundgefühl ist weich, immer noch durchaus trocken, ohne Astringenz. Im Finish finde ich eine leichte Pikanz, und ein entstehendes Wintergrünaroma, das lange anhält. Richtig süffig trinkt sich das, ein bisschen schmeichelnder als der Sercial, hier gehe ich schon in Richtung Dessertbegleitung.
Die dritte Süßestufe, „Medium Rich“, erreichen wir mit dem Blandy’s Bual 5 Years Old. Bual (oder portugiesisch eigentlich Boal) ist autochton in Portugal und wird neben der Weinherstellung auch gerne als Tafeltraube genutzt, sie ist balanciert und aromatisch.
Die Farbe geht hier fast schon ins Kastanienbraun über, und die Viskosität ist beeindruckend schwer. Fette Beine laufen nach dem Drehen des Glases langsam ab. Aromatisch ist der Bual hier ein kleines bisschen zurückgenommen, ich finde aber mühelos Honigmelone, reife Ananas und weiterhin natürlich Rosinen; es gibt etwas weniger Nüsse zu entdecken. Die Süßestufe erkennt man im Antrunk noch nicht, hier knackt die Säure noch, im späteren Verlauf zieht hier aber dann doch die Süße auf und zeigt sich erstmals als fast gleichwertiger Spieler, hat sogar Chancen gegen die Trockenheit. Tropische Früchte bilden die Hauptgeschmäcker, erneut Ananas und Melone, und im Finish ist auch das Wintergrün wieder da, nun aber gekontert von erkennbarer Holzherbe. Für mich persönlich ist der Bual etwas unentschieden, wo er hinwill, und es ist erkennbar weniger Spannung im Wein – doch vielleicht ist diese aufkeimende Gemütlichkeit genau das, was andere daran mögen.
Die süßeste Stufe, „Rich“, hat am Ende nun der Blandy’s Malmsey 5 Years Old. Malmsey oder Malvasia ist eine weiße Rebsorte und hat eigentlich wohl griechischen Ursprung (ich verweise gerne auf meinen Artikel über den Wein und Traubenbrand aus Malagouzia hier).
Einen Sprung machen wir auch in der Farbe, die nun deutlich gebranntes Siena ist, mit Zwischentönen von Rost und Kupfer. Ölig schwappt der Wein im Glas, zeigt sich sehr haftfreudig. Für die Nase gibt es nun feine, puddingartige Vanille, richtig ausgeprägte Butter, und darunter dichtes, nasses Fassholz – eine ausgesprochen schwere Mischung, und klar abgegrenzt zu allen drei Vorgängern, auch wenn die typischen Rosinen und Nüsse immer noch erkennbar bleiben. Im Mund fühlt es sich nun schwerer an, bleibt immer noch säuregetrieben gegen die Süße, insbesondere im Finish; man darf trotz des Namens hier keinen Süßwein erwarten, auch wenn man sich dem nähert. Die Rosinen sind nun dichter, dunkler und gedörrter im Gefühl, dazu kommen Pflaumen und ein Anklang von Backgewürz. Der Abgang ist viel holziger als bei den anderen Varianten und das Holz brummt lange nach. Hier erreiche ich etwas, das ich gerne einfach so schlürfen würde, ohne Anlass oder Begleitung, ein sehr ausgewogener Wein für den reinen Genuss.
Was ist das Fazit? Alle vier sind deutlich säuregetriebene Weine, in unterschiedlichen Stufen der Trockenheit am Gaumen, die aber genug gemeinsame Typizität aufweisen, um erkennbar in eine Kategorie verortet werden zu können. Die Ähnlichkeit zu Sherry ist gegeben, und wer das eine mag, darf ruhig auch das andere mal betrachten, um seinen Geschmackshorizont zu erweitern. Ich finde die Weine von Blandy’s jedenfalls handwerklich hervorragend gemacht, und voller Spannung und Abwechslung.
Hier nun noch ein paar Eindrücke, die ich beim Besuch der Blandy’s Wine Lodge aufgesammelt habe. 23€ kostet die Tour aktuell, die in mehreren Sprachen verfügbar ist, auch deutsch, sie beinhaltet eine ausführliche Erklärung der Herstellung und Geschichte, und sogar auch eine geführte kleine Verkostung von drei Sorten am Ende. Wer in Funchal eine Stunde Zeit findet, wird sie dort sinnvoll und unterhaltsam nutzen können!












Wer etwas elaborierteres trinken möchte als diese 5 Jahre alten Weine, der findet ein ähnliches Set auch mit 10-jährigen Inhalten; wer seinen Favoriten gefunden hat, kann natürlich die Großflasche der vielen rebsortenreinen und rebsortengemischten Blends des Hauses, oder eine Colheita-Abfüllung mit Angabe des Erntejahrs erwerben. Ich habe meinen Blick auf eine Terrantez-Variante geworfen, allerdings ist sowas schwer zu bekommen und sehr teuer.
Für mich ist Madeira-Wein nun, nachdem ich ihn am eigenen Leib vor Ort erlebt habe, natürlich keine Kochzutat mehr. Aber so geht es mir oft – durch die Reisen sieht man viele Dinge, die man als gegeben hinnimmt, plötzlich mit anderen Augen, reichhaltiger, wärmer, bedeutsamer. Und ich hoffe, ich kann ein paar Leser dazu bringen, sich diesem Weg anzuschließen.

































































