Bier am Freitag – Fuller’s London Black Cab Stout

Ein Kollege fragte mich neulich nach einer Empfehlung für ein Stout. Ich trinke Stouts, Extra Stouts und Imperial Stouts eigentlich sehr gern, sie kommen mangels einfacher Kaufmöglichkeiten aber doch eher selten bei mir zu Hause an. Die Anfrage, die ich erfolgreich beantworten konnte, führte deshalb dazu, dass ich mal wieder Ausschau nach einem der schwarzen Gebräue hielt. Und das Fuller’s London Black Cab Stout war das erste, das ich fand und noch nicht kannte. Es handelt sich dabei um ein klassisches britisches Stout. 5 Malzsorten werden eingesetzt, erwähnenswert ist dabei vielleicht gesondert der Hafer, ein Getreide, das ich inzwischen in vielen Bieren finde.

Fuller's London Black Cab Stout

Komplett blickdicht und nachtschwarz, selbst wenn man es gegen das Licht hält – seinem Namen macht es schonmal alle Ehre. Wie ein Tintenfass präsentiert sich das Stout, mit dem einzigen Unterschied der gemischtblasigen Crema, die sich leicht beige auf der Oberfläche bildet, nachdem der Schaum sich gelegt hat. Die Nase ist dagegen überraschend helltönig, mit leichten Zitrus- und Fruchtnoten, einem Hauch von Verjus vielleicht sogar. Diese Frische wird dann aber doch untermauert von röstigen, malzigen Kaffeeeindrücken. Gerade die Kombination aus hell und dunkel ist für mich sehr reizvoll. Aprikose mit Espresso, Johannisbeeren mit Malzsirup, das klingt verrückt, funktioniert aber geruchlich ausgesprochen gut.

Auch das Mundgefühl des Fuller’s London Black Cab Stout ist gar nicht so schwarz, wie der optische Eindruck vermuten lassen könnte. Frisch und sehr rezent, säuredominiert, und dabei doch durch üppige Karbonisierung und den eingesetzten Hafer mit einem gewissen Kaufaktor. Ungewohnt vielleicht auch hier, doch ebenso wie in der Nase klappt es einfach. Die Röstmalzkomponenten sind im Mund stärker, tendieren fast zum Kaltrauchigen hin, werden aber immer noch durch beerige Frucht und Steinobst eingefangen. Der Körper ist leicht, mit 4,5% Alkoholgehalt haben wir, so will ich das mal einschätzen, ein schönes Erfrischungsbier, das sich ideal auch zu leichterem Essen eignet. Der Abgang ist entsprechend passend kurz, knackig sauerbitter, hinterlässt deutliche Trockenheits- und Adstringenzeffekte am ganzen Gaumen und der Zunge.

Mir gefällt das, die Spannung zwischen Farbe und Sensorik ist bei diesem Bierstil halt frappierend – vielleicht auch einer der Reize eines Stouts. Sicherlich sollten Freunde dieses urbritischen Bierstils es sich mal anschauen; und wer noch nicht so viel Erfahrung mit Stouts hat, kann hier sehr genehm und leicht einsteigen.

Pappy Lite – Old Weller Antique Kentucky Straight Bourbon Whiskey

In letzter Zeit hat die Renaissance von Rye Whiskeys dafür gesorgt, dass auch Bourbons mit hohem Roggenanteil in der Rezeptur beliebt sind. Sie sind etwas würziger als das Gegenstück, die Bourbons mit höherem Weizenanteil, die im Gegensatz dazu mit der Weichheit und Drinkability werben, die der Weizen mit sich bringt (dem geneigten Bierfreund ist das Phänomen sehr bekannt). Das hierzulande wahrscheinlich bekannteste Beispiel für diese „wheated Bourbons“ ist Maker’s Mark, ein anderes Beispiel ist der hier besprochene  Old Weller Antique Kentucky Straight Bourbon Whiskey – und es besteht ein Konkurrenzkampf darüber, wer das Recht an der „Erfindung“ von weizenlastigen Bourbons hat. Buffalo Trace, der Hersteller von Old Weller Antique, präsentiert sich mit dem selbstbewussten Spruch „The Original Wheated Bourbon“ auf dem Etikett – Maker’s Mark versichert, dass die Idee auf ihrem Familienmist gewachsen sei.

Der Bourbonexperte Chuck Cowdery klärt in einem lesenswerten Artikel auf seinem Blog darüber auf, dass wahrscheinlich beide Unrecht haben, und sich in Marketingfiktion ergehen. Die Geschichte darüber sollte jeden Genusstrinker interessieren, nicht nur Spirituosenhistoriker, denn es betrifft einen Aspekt, der gerade in der sehr von Blabla und Blubbblubb gesteuerten Welt des Hochprozentigen aktuell ist: Das Gelaber und Zusammenfantasieren von Geschichten über die eigenen Produkte ist ein beliebter Zeitvertreib vieler Hersteller in allerlei Spirituosenkategorien. Der moderne, interessierte Schnapsfreund will Transparenz und nicht derartige Täuschungsmanöver. Wollen wir mal sehen, ob der Inhalt der Flasche wenigstens was taugt? Schreiten wir zur Verkostung.

Old Weller Antique Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Es ist keine Altersangabe auf dem Etikett vermerkt, „Antique“ ist hier wohl eher als Markenname als als echte Altersangabe zu verstehen. Die Farbe wirkt aber sehr antik, geht fast schon ins Haselnussbraun über; da bei Straight Bourbon verboten, ist keine Nachfärbung vorhanden. Im Glas schwenkt sich dieser Bourbon leicht ölig, mit schönen Überresten am Glasrand.

Dabei nehmen wir auch schon direkt den Geruch wahr, der sich schnell weit ums Glas herum verbreitet. Aprikose, Erdbeere, Malz, das sind die Eindrücke, die man schon von weit entfernt riecht; geht man mit der Nase ins Glas kommen die holzigen und würzigen Komponenten zum Tragen. Vanille ist bei Bourbon immer da, eine leichte Karottennote, und eine milde, aber präsente Lösungsmittelnote. Insgesamt höchstattraktiv.

Weizenlastige Bourbons sind immer sehr genehm im Antrunk, der Old Weller Antique macht hier keine Ausnahme. Sehr süß, cremig, weich, rund und dabei trotzdem sehr breit. Zunächst fruchtig und leicht milchig im Geschmack, im Verlauf wird er immer würziger und wuchtiger, pfeffriger. Ein gelungener Spannungsbogen, der von den üppigen 53,5% (107 proof in der amerikanischen Sprechweise) perfekt getragen wird, ohne dass diese auch nur ansatzweise negativ auffallen.

Am Ende wird es heiß und schokoladig, trocken und noch fruchtiger, Aprikose und Pfirsich dominieren den Abgang. Sehr komplex und spannend, langanhaltend und beeindruckend. Im Nachhall ist sehr lange reife Banane und Vanille am Gaumen. Ein Bourbon, der sowohl dem Einsteiger als auch dem Experten viel zu bieten hat.

Ich erwähne es oft und gern – Bourbon ist die Cocktailspirituose schlechthin. Für mich schlägt er selbst den vielseitigen Rum in diesem Bereich. Nicht nur, dass die Bourbonaromatik großartig in süßen und schweren Drinks ankommt wie in frischen und leichten – man muss sich echt wirklich dumm anstellen, um einen Cocktail mit Bourbon zu versauen. Die ideale Einsteigerspirituose für Cocktailfreunde also. Und er arbeitet freundlich und kollegial mit praktisch allen anderen Zutaten zusammen, seien sie auch noch so verschieden – wie man gut im sehr bunt zusammengesetzten Beelzebub sehen kann. Old Weller Antique ist selbst in dieser gehobenen Gesellschaft ein feiner Gentleman und darum als Hausbourbon für die Heimbar perfekt geeignet.

Beelzebub


Beelzebub
1½ oz Kentucky Straight Bourbon Whiskey
¾ oz Zitronensaft
½ oz Orgeat
½ oz Amaro
½ oz Mezcal
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Blade and Bow]


Pappy Van Winkle – ein Name wie ein Donnerhall in der Bourbon-Welt. Unbezahlbar und nicht erreichbar für die allermeisten Bourbonfreunde ranken sich Gerüchte und Legenden um diesen Tropfen, der wie der Old Weller Antique bei Buffalo Trace hergestellt wird, und, verknappt und beweihräuchert, regelmäßig absurde Preise in Zuweisungslotterien und Versteigerungen erzielt. Ich gehe tatsächlich davon aus, dass viele sich diesen Bourbon kaufen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie dieser legendäre Schnaps schmeckt. Was ist der Unterschied in der Herstellung? Eigentlich, von der Destillation her, keiner. Die Mashbill, also die Rezeptzusammensetzung, ist bei allen Wheaters von Buffalo Trace identisch. Es ist ausschließlich die Fassauswahl, die entscheidet.

Die Van-Winkle-Abfüllungen kommen aus den besten, handausgewählten Fässern und erfahren eine entsprechende Vorzugsbehandlung, was die Reifungsdauer und Platzierung im Lagerhaus angeht. Aus dem, was diesen hohen Ansprüchen nicht gerecht wird, macht man Van Winkle Lot B, und dem, was da nicht verwendet wird, den Weller 12 Years. Dasselbe Material geht schließlich in den Old Weller Antique, der einfach weniger gereift wird – man sieht, es ist trotzdem Qualität, die man in der Flasche findet, keineswegs Ausschuss.

Einen letzten Tip noch. Wenn man sich dann mal ein Glas des Old Weller Antique eingegossen und genossen hatte, das Glas ungespült einfach über Nacht stehen lassen. Am nächsten Morgen wird einen ein gar herrliches Bouquet, das weit über das Glas hinausströmt, begrüßen. Das kann guter Bourbon wie keine andere Spirituose auf der Welt, und ich genieße das immer wieder erneut.

Geschenkbier am Freitag – A Tottu Fua Birra Pale Ale

Curre, curre, o caddu ispanu, | curre, curre, a tottu fua,
como ch’isolta in sa giua | tenes sa brìglia in sa manu.
Pèsalas reas umpare | sas orijas che bandelas,
e in sas ruzas carrelas | faghe sos ferros sonare!

Dieses hübsche Gedicht von Giorgio Pinna, verfasst in der auf Sardinien beheimateten logudoresischen Sprache, findet sich auf dem Etikett des A Tottu Fua Birra Pale Ale. Das gesamte Design bezieht sich auf das Vollblutrennpferd, das poetisch an uns vorbeirennt, darüberhinaus optisch festgehalten im dynamischen Bild. Die Brauerei Luppolo & Birra hat ihr obergäriges Bier also ganz dieser unglaublichen, energiegeladenen und faszinierenden Wundermaschine der Natur gewidmet (seit der Lektüre von Seabiscuit bin ich ein Pferdefan) – kann das Bier selbst mit soviel Vorschuss auch ins Ziel laufen?

A Tottu Fua Birra Pale Ale

Im Glas sieht man herrliches Sonnenblumengelb und eine starke Naturtrübe, durch die man mit etwas Mühe bei Gegenlicht eine kräftige Perlage erkennen kann. Der Schaum verhält sich palealetypisch, hat sehr hübsche großblasige Inseln auf der ansonsten feinblasigen Oberfläche, die einige Minuten nach Eingießen immer noch da ist. Die Nase – feinfruchtig, dezente Orangenschale, nur ein Hauch von Grapefruit, etwas Aprikosenmarmelade. Das gefällt mir, wirkt nicht so aggressiv wie manch andere Craftbierales.

Die Weiche, die man im initialen Antrunk spürt, geht schnell über in eine mildsaure Bittere, aber auch hier, nicht wirklich mit der Faust ins Gesicht, eher ein sanfter Klapser. Die Karbonisierung fühlt sich an, als hätte man etwas Aufgeschäumtes im Mund – das ist ein seltsames Mundgefühl, nicht unangenehm, aber mit sehr hohem Aufstoßpotenzial. Getreidige Süße kommt zur Hopfenfrucht dazu. Mit 4,5% hat man für ein Pale Ale einen eher niedrigen Alkoholgehalt gewählt. Der Abgang ist blütig, voller Hopfeneindrücke, auch hier aber doch leider etwas stark bestimmt vom Effekt der Karbonisierung.

Ein wirklich ausgesprochen süffiges Pale Ale mit einem eigenen Twist auf den Stil. Ein bisschen weniger Gas, und es wäre perfekt; aber auch so macht das Lust auf mehr. Zum Glück habe ich noch ein weiteres Bier dieser Brauerei von einem netten Leser meines Blogs geschenkt bekommen, der mir mit seinem Paket eine ganz neue Bierregion eröffnet hat – nochmals vielen Dank dafür, Uwe!

Süßes von der Saar – Ferdinand’s Vermouth Red

Es ist schon ein Jammer, wenn man so gar keinen Willen oder Disziplin hat. Mir wurde diese meine Schwäche neulich wieder demonstriert, als ich beim lokalen Spirituosenhändler der Wahl, der WineFactory in Saarbrücken, einfach nur eine Flasche des neuen Bonpland-Rums kaufen wollte. Da schlendert man dann durch diesen sehr hübschen, wunderbar sortierten Laden, und geht direkt mit dreimal soviel Ware raus, wie man eigentlich erwerben wollte. Dass da nun das Angebot um einen Feinkostladen erweitert wurde, nun, das wird in Zukunft nicht dabei helfen, das Rückgrat, was ungeplante Käufe angeht, zu stärken.

Neben dem Rum also landete dann plötzlich auch der Ferdinand’s Vermouth Red auf dem Kassentresen. Daneben, dass man lokale Produkte ja auch unterstützen sollte, war auch just zu dem Moment meine Flasche roten Wermuts leer geworden, also kann man sich da ja wenigstens in die Tasche lügen, dass es dringend war. Betrachtet man die Flasche, und lässt sich von Denis, dem Inhaber des Ladens, der das Produkt auch mitgestaltet hat, darüber informieren, so fällt einem der Kauf plötzlich leicht – es ist kein Feld-Wald-und-Wiesen-Wermut. Schon allein die 19% Alkoholgehalt sind für so einen fortifizierten Wein sehr ordentlich, dazu kommt, dass er aus dem guten lokalen Saar-Mosel-Riesling (Jahrgang 2015) hergestellt wird, mit ebenso regionalen Kräutern und Blüten, bei denen man den Weinberg fast schon riechen kann. Weinrose, Weinberg-Lauch, ein Dutzend weitere pflanzliche Zutaten (darunter, das fand ich besonders apart, grüne Walnuss) und natürlich Wermutkraut. Abends wird das direkt geöffnet und probiert!

Ferdinand's Vermouth Red

Schon beim Eingießen ins Verkostungsglas spürt man die dicke, schwere Konsistenz dieses Wermuts, er will die Flasche fast nicht verlassen. Schwenkt man das Glas, wehrt er sich auch dagegen und schwappt schwer hin und her und hinterlässt einen fetten Film an der Glaswand, der sich erst spät löst. Kombiniert mit der opaken, rotbraunen Farbe mit attraktiven rubinroten Lichtreflexen hat man echt einen Brummer vor sich! Wer denkt, dass hier Rotwein mit zuständig ist, täuscht sich – nur weißer Riesling ist drin. Preiselbeeren, Kirschen und Pflaumen sorgen für die Farbe und Textur.

Die Nase ist zunächst vom Wein dominiert, mit schon riechbarer Säure und Traubigkeit. Die typische Kräuterigkeit eines Wermuts kommt dann aber schnell nach, gibt eine fast schon mentholige, fenchelige Frische mit Erinnerung an Kümmel in den Sud. Bitterorange und holzige, grüne Töne streiten miteinander um einen Platz in der Erwähnungsliste. Da ist viel Komplexität und Spannung drin, jedenfalls eine Abwechslung vom typischen roten italienischen Wermut, wie man ihn ja gut kennt.

Ferdinand’s Vermouth Red Glas

Der Antrunk ist süß, und diese Komponente steigert sich sogar noch im Verlauf. Zu erwähnen ist dabei, dass diese Süße rein natürlich dem Restzucker des Rieslings und einem Traubenmostkonzentrat entstammt. Frucht – Orange und Trauben – beherrscht die Aromatik, der Wein ist weniger stark präsent als noch in der Nase. Ein sehr rundes, volles Geschmacksbild entsteht, mit einem dazu passenden Mundgefühl – der Ferdinand’s Red füllt wirklich jede kleine Ecke und Winkel im Mund aus. Der Abgang lässt dann die Süße etwas hinter sich, entdeckt eine freche Säure und vor allem eine richtig schöne herbe Bittere, die die Zungenspitze anästhesiert und sich Spucke aus den Backeninnenseiten saugt. Pikante Gewürze sorgen für etwas vorsichtiges Feuer, leichte Nussigkeit, fast schon an Sherry erinnernd, kommt dazu. Der Nachhall ist blumig, mit viel Jasmin und Lavendel, während sich die beschriebenen Effekte sehr langsam abbauen. Tatsächlich ist der Abgang für mich das Highlight dieses Wermuts, da ist Pfeffer drin und Vielschichtigkeit, die Krönung eines tollen Wermuts insgesamt.

Normalerweise erlaubt die Struktur des Palmetto, dass man ihn rührt. Harry Craddock schüttelt ihn aber laut dem Rezept in seinem Cocktailbuch von 1930, darum tu ich das auch so – wer wäre ich, mit einer Ikone wie Craddock darüber uneins zu sein. Leider kann ich ihm bei der Wahl seines Rums nicht folgen, einfach, weil ich keinen Rum aus St. Croix zuhause habe – einer aus St. Vincent musste dafür dann ran. Egal welche Heiligkeit reinkommt, die Martini-Variante macht selig! Insbesondere, wenn man einen so fettaromatischen Wermut wie den Ferdinand’s Red einsetzt, der keine Mühe hat, sich auch gegen starken Rum zu behaupten.

Palmetto Cocktail


Palmetto
1½ oz gereifter Rum
1½ oz roter Wermut
2 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Harry Craddock]


Die Flasche hält sich an das Design der anderen Ferdinand’s-Produkte, mit der hübsch geschwungenen Flasche und den floral gestalteten Etiketten – hier passend zum Produkt natürlich alles in blassrot gehalten. Ein Echtkorken gibt die Nähe zum Wein wieder; man kann ihn wiederverwenden, wenn man den Wermut nach Öffnung im Kühlschrank aufbewahrt, was ich bei derartigen, leicht durch Licht, Wärme und Oxidation veränderlichen Spirituosen immer empfehle. Wermuts werden nicht schlecht, verlieren aber deutlich an Aromastärke, wenn man sie nicht sorgsam behandelt.

Mir gefallen die Wermuts von Ferdinand’s insgesamt – schon der Ferdinand’s Saar White Vermouth war eine Bombe. Wer schwere, süße Wermuts mag, sollte sich den Ferdinand’s Vermouth Red definitiv anschauen, da wird es viel Freude geben. Auch als Mixzutat für Drinks, die mit so einer Wucht umgehen können – was nicht alle sind, da muss ich warnen. Es gibt also schon weiterhin Bedarf nach einem zusätzlichen, leichteren, frischeren Wermut in der ambitionierten Heimbar, doch für die guten alten Prä-Prohibitions-Granatendrinks, wo man sich austoben kann, da ist dieser hier eine echte Empfehlung.

Bier am Freitag – Fürst Wallerstein Zwickel

Ich habe das vor kurzem erst entdeckt – auf vielen Bieren, die ich aus Schwaben und Altbayern mitgebracht habe, finde ich inzwischen ein Siegel mit der geschützten geografischen Angabe „Bayerisches Bier“. Es ist eigentlich verrückt, dass mir das jetzt erst auffällt, diese g.g.A. ist schon seit 2001 im Einsatz und das Siegel ist mit seinem blaugelben Design recht auffällig. Nicht alle Brauereien setzen es aber ein, ich habe diverse Biersorten aus Bayern, die es nicht tragen. Nun, zumindest findet es sich auf dem Rücketikett des Fürst Wallerstein Zwickel. Das Kellerbier ist sowohl in einer knuffigen Drittelliter- als auch in der Halbliter-Bügelflasche erhältlich; die kleine Flasche mit dem witzigen Etikett mit sehr hübscher Illustration und dem Schragenkreuz des Wappens des Adelsgeschlechts der Oettinger im Hintergrund hat mich magisch angezogen.

Fürst Wallerstein Zwickel

Im Glas zeigt es sich rostrotbraun. Trüb, wie es sich für ein Kellerbier gehört, aber ohne sichtbare Partikel. Schaum ist zu Beginn etwas vorhanden, er fällt aber schnell in sich zusammen, so dass nur einzelne Schauminseln verbleiben. Schnuppert man daran, wirkt das Fürst Wallerstein Zwickel leicht metallisch, malzig und etwas hefig in der Nase, insgesamt sehr zurückhaltend, mit nur wenigen hängenbleibenden Eindrücken.

Auch im Mund geht das ähnlich weiter, rostige Nägel, Hefe, Malz. Milder Bitterhopfen bringt etwas Frucht mit. Deutlich bitter, herb, würzig, eher zur Säure tendierend. 4,9% Alkoholgehalt sind gut eingebunden und helfen, die knackige Frische zu liefern, weiterhin unterstützt durch freche Karbonisierung. Der Abgang ist eher stumpf und fast schon plump im Vergleich dazu, sehr bitter, trocken und adstringent, nimmt leider wieder viel von der bis dahin gelieferten Rezenz.

Insgesamt fälle ich aber dennoch ein positives Fazit – schön, ungewöhnlich, spannend, aber ohne Kinkerlitzchen oder Übetreibung, gute bayerische Qualität halt, wie man sie auf durchgängigem Niveau in diesem Bierland findet. Ein klassisches Bier mit Charakter aus meiner Heimat, das ich mir durchaus öfters wünsche.

Da ist Musik im Fass – HSE Ragtime Rhum Agricole

„Gereift in 200-Liter-Fässern aus amerikanischer Eiche.“ Sowas liest man auf Etiketten oder in Werbetexten hin und wieder. Was sagt uns das? Der interessierte, aber nicht wirklich informierte Leser dieser Aussage steht nachher genauso klug da wie vorher. Sind das vergleichsweise große oder kleine Fässer? Erst dann könnte man ja eine Feststellung treffen, ob wir das als Qualitätskriterium zu verstehen haben. Hier mal ein Vergleichsbild, welches Volumen die unterschiedlichen, für Spirituosen und fortifizierte Weine eingesetzten Fässer so normalerweise haben (Danke an Cognac Daily News für das Bild). Tatsächlich sind die 200-Liter-Barrels die Standardgröße für die meisten Spirituosen, die Information ist also von eher mäßigem Wert, könnte man meinen.

Barrel Sizes

 

Doch wenn man darüberhinaus weiß, dass kurz gereifte Rums (sogenannte Ambrés) auf den französischen Antillen normalerweise in riesigen Holzfässern (foudres) gelagert werden, die mehrere tausend Liter fassen und die man eher als Tanks bezeichnen müsste, gewinnt die Information doch deutlich an Wert. Wichtig ist für mich persönlich auch der Teil über die Herkunft des Holzes für die Fässer, etwas, was es auch auf das Frontetikett des HSE Ragtime Rhum Agricole, für den obige Phrase in Onlineshops oft nachzulesen ist, geschafft hat: „American Barrel“. Rhum Agricole wird gern eher in französischer Eiche gereift, wahrscheinlich einfach aus kulturellen Gründen, doch hin und wieder findet ein Produkt auch den Weg ins amerikanische Fass, um dem Endprodukt einen ungewohnten Twist zu geben. Prüfen wir mal, ob der Ragtime genug Twist hat.

HSE Ragtime Rhum Agricole

Man sieht es schon in der Flasche – der Farbton geht schon fast ins Rotbraun, ein sehr dunkler Ton für einen wahrscheinlich kaum 2 Jahre alten Rum. Es ist keine Altersangabe vorhanden. Im Glas schwappt er praktisch wie Wasser leichtgängig hin und her, hinterlässt auch dementsprechend kaum Artefakte an der Glaswand.

Ein sehr prägnanter Geruch entströmt dabei dem Glas: sehr grün, grasig, heuig einerseits, mit sehr deutlichem Zuckerrohrsaftcharakter. Malz, Honig, Rosinen, schokoladig andererseits, das zusammengesetzt wirkt insgesamt sehr attraktiv. Eine deutliche Süßholznote gibt dem Bild ein paar Ecken, Vanille rundet es. Ein frisches, junges Destillat, mit ein paar Holzeffekten angereichert.

Im Mund ist der HSE Ragtime dann von Anfang an sehr trocken, herb und grün. Ganz klar liegt Süßholz im Vordergrund, eine nur vorsichtig gebremste Zuckerrohrfrische macht sehr deutlich, dass der Brand nur kurz in Holzkontakt war; dieser Rum hat noch viel von der frechen Ungestümheit eines weißen Rhum Agricole – insbesondere das leichte, klare Mundgefühl. Vanille aus dem „American Barrel“ kommt trotzdem vor, und ein bisschen pfeffrige Würze, unterstützt von 40% Alkoholgehalt. Eine feine, natürliche Süße ist nur unterschwellig spürbar, sie gleicht etwas die fehlende Breite aus.

HSE Ragtime Rhum Agricole Glas

Der Abgang ist rund, lang und voller milder Lakritz, oder vielleicht auch hier eher Süßholz. Er geht schließlich über ins richtig herb Trockene, man könnte auch schon „bitter“ sagen. Leichte Adstringenz am Gaumen, und deutliche Betäubung auf der Zungenspitze. Mit einer leisen Blumigkeit klingt der Rum erst sehr spät aus.

Mir gefallen diese Ambrés einfach grundsätzlich. Sie haben eine gewisse Lernkurve, ich musste sie erst verstehen lernen, doch inzwischen trinke ich diese Art Rum extrem gerne, als eine ideale Mischung aus trockener Leichtheit und milden Reifungsaromen, besonders, wenn mir nicht nach etwas Schwerem ist.

Und in Cocktails finden sie auch ohne große Mühe ihren Platz. Ihre Ecken und Kanten lassen sich einerseits durch andere Zutaten abschleifen, andererseits sind es genau diese Eigenheiten, die dem Cocktail zusätzlichen Charakter verleihen. Zu begutachten ist diese wundersame Eigenschaft zum Beispiel im Pablo à Paris, wo es schon etwas an Stärke braucht, um sich gegen Enzianlikör durchzusetzen. Eine spannende, ungewöhnliche, tolle Kombination.

Pablo à Paris


Pablo à Paris
⅔ oz gereifter Rhum Agricole
⅔ oz Suze
1 oz trockener Wermut
2 Spritzer Absinth
Auf Eis rühren. Auf Eis servieren.
[Rezept adaptiert nach Julian de Féral]


Die Flasche hält sich an die für HSE übliche runde, unauffällige Form, die wir von anderen Produkten der Firma bereits kennen. Die Etikettierung passt sich der Zielvermarktung an, man spart sich das Pseudoexotik-Gebrabbel, das Rum heutzutage so oft hinter sich her zieht, und präsentiert sich modern. Ein bisschen tatsächliche Information fände ich immer gut, ist aber bei einem Ambré, der sich hauptsächlich an den Standardkonsumenten und Cocktailmixer richtet, wahrscheinlich gar nicht gesucht. Preislich liegen wir in Deutschland bei um die 25€, wie bei vielen Agricoles bekommt man echt ein so richtig gutes Preisleistungsverhältnis, wie ich finde – darum landen derartige Rums auch leicht und gern in meinem Einkaufswagen, wenn ich in Frankreich einkaufe, wo diese Art Rum noch deutlich billiger ist. Der HSE Ragtime wird nicht der letzte gewesen sein.

P.S. Dieser Rum hat im Wettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2019 eine Goldmedaille gewonnen. Ich bin selbst Mitglied der Jury bei diesem Wettbewerb und kann garantieren, dass so eine Medaille etwas bedeutet.

Bier am Freitag – Kriek Boon

Bei der belgischen Bierspezialität Kriek gibt es solche, solche und solche, wie ich feststellen konnte. Ich entschlüssele meine kryptische Anmerkung direkt: Solche, die mit Aromastoffen arbeiten; solche, die rein Kirschsaft oder Kirschsaftkonzentrat verwenden; und schließlich solche, die zur Herstellung tatsächlich frische Früchte nutzen. Selbst der Bierlaie erkennt hier eine graduelle Qualitätsverbesserung, denke ich. Das Kriek Boon gehört zur letzteren Gruppe, es handelt sich um ein belgisches, in Eichenfässern gereiftes Lambik, das mit frischen Kirschen seinen typischen Geschmack bekommt – am Ende hat man rund 25% Anteil an frischen Kirschen. Ich ahne darum jetzt schon, dass das besser sein wird als manch anderes Kriek, das ich schon im Glas hatte (hier und hier nachzulesen) – aber verifizieren wir das sicherheitshalber.

Kriek Boon

Dunkles, kräftiges Rubinrot, mit einer deutlichen Trübung, ohne dabei blickdicht zu werden. Man erkennt dadurch mit etwas Mühe einzelne aufsteigende Bläschen. Eine sehr hübsche rosafarbene Crema liegt auf dem Bier.

Der Geruch ist leicht säuerlich, Verjus oder milder Essig, Champagner, in diese Richtung. Ein bisschen Malz, und ein bisschen Frucht, Sauerkirsche natürlich. Vielleicht würde eine höhere Temperatur mehr Aromastoffe für die Nase freisetzen, doch die empfohlene Trinktemperatur ist „très frais“, sehr kalt, und gerade bei solchen Bieren halte ich mich natürlich daran.

Entsprechend rezent ist das Bier am Antrunk, unterstützt durch ordentliche Säure aus dem Lambik. Trotzdem wirkt es weich und cremig im Mundgefühl. Sehr intensiv kommen die Kirschen zum Vorschein, wirklich der Geschmack frischen, gepressten Kirschsafts, dieser gibt auch etwas Fruchtsüße bei. Dazu als Unterlage die Aromen eines belgischen Lambiks, leicht säuerlich, würzig, rezent. 4% Alkoholgehalt machen das Bier endgültig zu einer perfekten Erfrischung. Der Abgang ist kurz, fruchtig, feinherb.

Im Vergleich zu den Krieks, die auf Fruchtsaftkonzentrat basieren, ist das Vorgehen beim Kriek Boon ein enormer Gewinn – die gesamte Aromatik ist tiefer und dunkler, sehr viel kirschiger, weniger oberflächlich. Ich liebe dieses Kirschbier, und empfehle es jedem, der mal ein echtes belgisches Kriek kennenlernen will.

Zitronen und Rosen – Bruno Pilzer Grappa Delmè d’Or

Wir kennen das vom Besuch des freundlichen italienischen Ristorante nebenan – nach dem Essen bietet der Gastronom einen kleinen Digestif aufs Haus an. Viele nehmen da den allgegenwärtigen Ramazotti auf Eis, manche einen Martini Rosso mit Zitronenscheibe – ich präferiere etwas herberes, stärkeres nach einem guten italienischen Essen, einen Grappa. Hauptsächlich ist dieser Tresterbrand in Norditalien beheimatet; und er ist dort tief verankert. Es gehört scheinbar zur trentinischen Gastkultur, dass man einem geschätzten Besucher das beste anbietet, was man im Hause hat – und ein gut gemachter Hausgebrannter ist natürlich die Krönung jedes Hausschatzes. Dort sagt man zu dieser freundlichen Geste im lokalen Dialekt „delmè“, deutsch „von mir“. Und so hat der Bruno Pilzer Grappa Delmè d’Or seinen Namen bekommen.

Dieser Grappablend stammt also aus dem Trentino, und wird nur aus dem Trester von Rebsorten aus der direkten Region (Müller Thurgau, Traminer, Pinot Nero, Pinot Grigio und weitere) gebrannt. Nach der typischen Herstellungsweise mittels Dampfdestillation konnten die Blendbestandteile dann mindestens 5 Jahre in Barriquefässern aus französischer, amerikanischer und ungarischer Eiche reifen – beim Kauf ist darauf zu achten, dass es auch einen 3 Jahre alten Blend gibt, der Unterschied ist aber klar deklariert („invecchiata 5 anni“ steht hier groß auf dem Hauptetikett). Mit angenehmen, modernen 43% auf Trinkstärke eingestellt wird er dann abgefüllt und landet bei mir auch gerne vor dem Essen oder einfach so zum genussvollen Schlürfen im Glas!

Bruno Pilzer Grappa Delmè d’Or

Im Glas wirkt der Grappa etwas blasser als in der Flasche, er ist dennoch von schöner gelbgoldener Farbe. Er bewegt sich dort lebendig, nur leichte Viskosität sorgt für ein bisschen schwereres Schwappen hin und wieder. Auch an der Glaswand bleibt entsprechend nur ein dünner Film, der sich während des Ablaufens in Beinchen aufteilt.

Die Nase gefällt mir persönlich direkt sehr – das wirkt von Anfang an sehr aromatisch, insbesondere zitrusfruchtig nach Bergamotte, Bitterorange und der Albedo einer Amalfizitrone. Eine leichte harzige, pinienholzige Note liegt darunter. Dazu kommt sehr viel Floralität, eine riesige Schippe an Rosenblüten hauptsächlich. Das ergibt einen sehr dichten und bunten, gleichzeitig aber helltönig-frischen Geruch. Leichte Vanille liefert die Fassreifung, und im Verlauf kommen noch weitere tresterbrandtypische, heuige, weinige und krautige Töne dazu. Komplex und attraktiv!

Das lässt mir das Wasser im Munde schon zusammenlaufen – verdünnen wir die Spucke mit einem kleinen ersten Schluck des Grappa Delmè. Voll und süß im Antrunk, weiterhin sehr zitrusfruchtig, auch hier das, was man gerochen hat, Bergamotte und die bittere Säure von Zitronenschale. Im Mund ist deutlich mehr Vanille als in der Nase, der Grappa bekommt dadurch Anklänge von Bourbon. Dazu aber im gesamten Bild zu sehr zur spitzigen, pikanten Säure und Vittere tendierend. Anflüge von Holz, Gras und Trester. Eine milde medizinische Komponente entsteht im Verlauf, vielleicht ein Tick Süßholz.

Bruno Pilzer Grappa Delmè d'Or Glas

Im Abgang wächst Feuer, am gesamten Gaumen und der Zunge. Deutlich adstringerend, ohne aber zu sehr spuckeziehend zu werden. Effektvoll, sehr lang, sehr floral und weiterhin zitrusfruchtig, dazu nun Zimttöne. Mit prägnantem, bitterem Grapefruiteffekt, der die Zunge betäubt, klingt der Grappa Delmè d’Or schließlich aus und hinterlässt ein sehr blumiges Bouquet aus Jasmin und Rose.

Sehr komplex und gleichzeitig unkompliziert, mit vielen Geschmacksrichtungen spielend und sich ständig wandelnd. Das ist toll, speziell, eigen und gleichzeitig typisch – ein norditalienischer Grappatraum!

Eigentlich ist es ein Affront, dass der Cocktail, den ich jetzt vorstelle, Irish Lullaby heißt. Selbst wenn er die Hauptrolle spielt, scheinen viele Bartender dem Grappa nicht zuzutrauen, auch die Ehre dafür in Empfang nehmen zu können – dabei wäre dieser Drink mit Italian Lullaby eigentlich viel besser benamt. Um dem gerecht zu werden, habe ich die Dosis des Grappa noch ein bisschen erhöht. Graaad zalääätz, wie man hier im Saarland sagt.

Irish Lullaby Cocktail


Irish Lullaby
1½ oz gereifter Grappa
1 oz Irischer Whisky
½ oz Zitronensaft
¼ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach Marea Reyes]


Die Flasche selbst ist ohne jeden Schnörkel, geradlinig und klar, wie der Erzeuger des Grappa selbst. Ich habe Bruno Pilzer während drei Jahren Teilnahme am Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles gut kennengelernt, wir sitzen regelmäßig in derselben Jury und hatten auch schon während langer Busfahrten in Chile, Bulgarien und China spannende und interessante Gespräche über Gott, die Familie, Grappa und die Restwelt – ein Gentleman und, wie ich nun feststellen konnte, absoluter Könner seines Fachs!

Bruno Pilzer Spirits Selection 2019

Grappa ist in Deutschland eine verkannte Spirituose – jeder kennt sie, und gleichzeitig niemand. Diverse Sorten dieser italienischen Tresterbrände habe ich zuhause, und einige gehören zu meinen Favoriten überhaupt, wenn ich mal was Herbes und trotzdem Schmeichelndes genießen möchte. Dieser Grappa ist dabei ganz weit oben mit dabei – ich werde sicherlich in Zukunft noch weitere Produkte aus dem Hause Pilzer betrachten.

Bier am Freitag – Mori 1984 Flying Pale Ale

Exotische Biere, sowas mag ich. Besonders, wenn sie selten sind und nicht in jedem Supermarkt stehen. Es ist spannend zu sehen, wie Bier auf der ganzen Welt getrunken wird, und jedes Land eine andere Vorliebe hat, was Geschmack und Brauart angeht. Auch in Japan mag man Bier – das Mori 1984 Flying Pale Ale ist ein Beispiel dafür, dass man auch dort inzwischen die neuentdeckten alten Sorten wie Pale Ale zu schätzen weiß und selbst nachbraut. Man typisiert es als „American Pale Ale“, die Betonung liegt auf der Verwendung des „besonders weichen“ japanischen Wassers. Und im Gegensatz zu manch anderem „japanischen“ Bier ist das Mori 1984 wirklich in Japan gebraut und abgefüllt. Ich bin gespannt darauf!

Mori 1984 Flying Pale Ale

Die Methode der Flaschengärung und das Auslassen jeder Filtrierung hat einen ordentlichen Bodensatz in der Flasche hinterlassen, beim Eingießen schwappt am Ende ein fetter Schuss davon mit ins Glas und trübt das Bier extrem. Wer also sein Pale Ale lieber etwas klarer und ohne Hefesatz trinkt, achtet darauf, den letzten Schluck in der Flasche zu lassen. Dann ist die Farbe auch nicht ganz so blassbrauntrüb. Trotzdem sieht man die sehr starke Perlage, die an die sehr dünne Schaumkrone immer viele weitere erkennbar abgegrenzte Bläschen anfügt. Die Nase ist sehr mild, sehr fruchtig, der eingesetzte Citra-Hopfen gibt ein mildaromatisches Bouquet ab in Kombination mit der Gerste. Aprikosen, Pfirsiche, eine leichte Brombeerigkeit. Das wirkt sehr ausgewogen und wohlbedacht.

Der Antrunk beginnt bereits mit schöner Säure, ohne aggressiv zu werden. Ein leichter Körper, den leichten 4,5% Alkoholgehalt entsprechend, wird durch tolle Rezenz unterstützt. Die Fruchtaromen kommen ebenfalls gut zur Geltung, im Verlauf dominiert dann allerdings eher die getreidige Komponente. Deutliche Astringenz ist gegen Ende erkennbar, und mit sehr viel Blumigkeit klingt das japanische Bier aus. Der Abgang ist kurz, trocken, frisch und klar. Wirklich sehr gelungen gebraut, ohne Spitzen, ohne stumpfe Kanten, ohne Fehler; rund und toll gemacht.

Ein leichtes, sich wirklich sehr sauber anfühlendes Bier, nahezu perfekt geeignet für den irre guten Sushi-Teller, den das traditionsreiche Restaurant Hashimoto in Saarbrücken „to-go“ bereitstellte. Das Mori 1984 Flying Pale Ale glänzt sowohl als alleinstehendes, sehr erfrischendes Genussbier, als auch als wunderbar den Gaumen klärender Essensbegleiter. Wer es kriegen kann, sollte es probieren.

Der bessere Applejack – Laird’s Straight Apple Brandy

Wenn man sich mal anschaut, wo in der Welt die meisten Äpfel wachsen, so stößt man neben China, das wohl in fast jeder Liste dieser Art weit oben und darüber hinaus sowieso das Ursprungsland des Apfels an sich ist, direkt auf die USA. Insbesondere der Nordosten ist eine traditionelle Apfelregion; schon früh in der Geschichte der Besiedelung des nordamerikanischen Kontinents durch Europäer waren Apfelhaine, herangezogen aus aus Europa mitgebrachten Apfelsamen, der Stolz und das Einkommen so manchen Kolonisators. Nicht, dass man hauptsächlich auf den Nährwert geschaut hätte – nein, die Herstellung von Alkohol war eines der Hauptziele. Cider als leichtalkoholisches Getränk in einer Zeit, in der sauberes Wasser nicht immer gut erhältlich war, kam selbst für Kinder regelmäßig auf den Tisch.

Von Cider ist es nur ein Katzensprung zur Idee, diesen Apfelwein dann zu Höherprozentigem zu verarbeiten – geboren war der Applejack. Hergestellt zunächst wahrscheinlich in einem der Eisbockherstellung ähnlichen Verfahren, in dem Apfelwein gefroren und dann das Eis entfernt wird, so dass nur der alkoholstärkere Teil, der nicht gefriert, erhalten bleibt (englischsprachig jacking genannt, daher auch der Name der Spirituose), wurde später dann auch destilliert. Entsprechend ist im Kontrast zu Laird’s Applejack – der allerdings heutzutage auch nicht mehr gejackt wird – beim heute vorgestellten Laird’s Straight Apple Brandy die Bezeichnung „Branntwein“ prominent auf dem Etikett – schmeckt man den Unterschied zwischen diesen Produkten?

Laird's Straight Apple Brandy

Wie üblich stelle ich mir beim Betrachten der Flüssigkeit im Glas zuerst immer die Frage nach der Farbe. Das leuchtende, klare Kupfer im Glas muss aus einem Grund natürlichen Ursprungs sein – keiner Spirituose, die in den USA mit dem Vermerk „Bottled in Bond“ versehen wird, darf irgendeine Art von Zusatz beigefügt werden. Keine Färbung, keine Aromatisierung, nichts, und sie muss mindestens 4 Jahre gereift werden. Das „Straight“ des Etiketts dagegen, das wir von vielen Bourbons kennen, hat in Bezug auf Apfelbrand keine regulatorische Definition, ist hier wohl nur erklärendes Beiwerk, um dem Kunden in Analogie zum bekannten Begriff bei Bourbon klarzumachen, dass hier nicht hinter den Kulissen im Labor nachgearbeitet wird.

In der Nase ist dann erstmal deutlich weniger Apfel, als man als Kenner vielleicht von einem deutschen Apfelbrand oder einem Calvados gewohnt ist. Hier riechen wir zwar Apfel, aber das Holz ist doch sehr präsent und übernimmt zum Großteil. Ein Bourbon mit leichtem Apfelaroma, so würde ich den Eindruck beschreiben. Karottig, vanillig, holzig, leicht apfelig, mit deutlich zwickender Ethanolnote. Den muss man erstmal etwas offen stehen lassen, finde ich.

Das Mundgefühl beginnt sehr weich und mild, süßlich, dezent fruchtig; er entwickelt sich aber stetig weiter bis zu einem sehr würzigen, scharfen, vorsichtig trockenen und heißen Finish. 50% Alkoholgehalt halten sich nicht zurück und fügen der Würze der Holzreifung noch ordentlich Power dazu. Leicht seifig wirkt der Laird’s auf mich, und bleibt aromatisch im Holz verfangen – das Ding hat jedoch eigentlich allein dadurch Feuer und Pfeffer. Der Apfel kommt nur in Ansätzen durch, doch das ist wohl auch so gewünscht – ich wiederhole mich, wir haben hier sensorisch eindeutig einen Whisky aus Äpfeln vor uns, nicht einen Obstbrand; das macht den Apple Brandy aber auch besonders, und sehr trinkbar und spannend, wenn man die Schärfe abkann.

Laird's Straight Apple Brandy Glas

Der Abgang ist vom Effekt her mittellang, sehr würzig, glühend heiß und dabei aromatisch eher kurz. Im Nachhall hängt noch eine Idee von gewürztem Bratapfel nach, und ein gewisser Eisenton mit etwas Vanille. So feurig er im Mund ist, so flüchtig ist er auch, und macht schnell Platz für mehr – worauf ich durchaus Lust habe.

Wenn ein Cocktailrezept nach einem deutlich nach Apfel schmeckenden Brand wie Calvados verlangt, ist ein Applejack oder Apple Brandy nicht die allererste Wahl, aus obigen Gründen. Dennoch hat er eine Aromatik, die in Cocktails hervorragend wirkt, wenn man ihn richtig einsetzt. The Ruffian ist entsprechend ein Whiskycocktail, und durch die Beigabe von Laird’s Straight Apple Brandy bekommt er einen interessanten Touch, den ein Bourbon allein nicht bringen würde.

The Ruffian Cocktail


The Ruffian
3 Thymianzweige in ¾ oz Zuckersirup muddeln
1 oz Rye Whiskey
¾ oz Applejack
½ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken.
Doppelt abseihen, in einem Glas, das mit Absinthe ausgespült wurde, auf Eis servieren.

[Rezept adaptiert nach Alla Lapushchik]


Es ist oft so, dass man gute, bekannte Qualität nicht mit flashigen Verpackungen verkaufen muss, und auch beim Laird’s Straight Apple Brandy ist das so. Die Flasche ist unauffällig, ein Plastikdrehverschluss ist zwar optisch unschön, aber doch praktisch, und das Etikett glänzt auch nicht mit augenschmeichlerischem Zucker. Hier wurde offensichtlich jeder Cent in den Inhalt gesteckt, und das schätze ich sehr. Ich habe bereits auch die ungereifte Variante im Regal, ein Artikel folgt natürlich bald.

Für Whiskyliebhaber, insbesondere die, die auch Bourbon oder Rye Whisky mögen, ist das eine echte Alternative für die Momente, wo es im Mund mal krachen darf. Ich finde die ungebremste Wucht sehr attraktiv. Apfelliebhaber dagegen müssen schon etwas suchen, um die Frucht ihrer Begierde in dieser Spirituose zu finden. Doch die Mühe lohnt sich sicher auch für diese – die verrückte Abwechslung ist allein schon toll, und das Qualitätsversprechen hinter dieser Traditionsspirituose, die so schon seit 200 Jahren hergestellt wird und eigentlich der wahre amerikanische „native spirit“ ist, den schon George Washington herstellte und liebte, ist für mich auch ein Wert für sich.