Bier am Freitag – Brauerei Kaiser Ur-Trunk 1783

Bei meinen Bayreuth-Reisen habe ich es immer selbst erlebt – jedes kleine Dörfchen hat in Franken in der allernächsten Umgebung eine eigene Brauerei. Als Hausbräu wird das Bier dort in kleinen Mengen gebraut und entweder direkt vor Ort frisch verzehrt, oder kann in Flaschen oder Fässern abgefüllt für zuhause erworben werden. Altfränkisches Kellerbier wird in der Privatbrauerei Kaiser in Grasmannsdorf bei Bamberg seit 1783 hergestellt – und das Jahr gab dann dem Brauerei Kaiser Ur-Trunk 1783 auch seinen Namen.

Brauerei Kaiser Ur-Trunk 1783

Naturtrüb, das ist offensichtlich, wenn man das Bier eingegossen hat. Gleichzeitig sieht man auch einen herrlichen Farbverlauf von Eidottergelb bis Terracotta, wenn man es in einem schön geformten Glas genießt. Schaum entwickelt sich sofort, reduziert sich dann aber auch ziemlich schnell wieder auf eine grobblasige flache Krone. Getreidig und rostig riecht das Bier dann, ganz vorsichtig nur fruchtig, leichte Aprikose vielleicht. Ansonsten gibt es da nicht wirklich viel zu berichten: Bei einem klassischen Kellerbier mit 4,9% Alkoholgehalt sollte man aber auch nicht erzwingen, viel zu suchen, der Stil ist eher klar und sauber denn superaromatisch.

Auch im Geschmack setzt sich dieser Eindruck fort; der Ur-Trunk wirkt ausgesprochen gerstig und bitterhopfig, und punktet dennoch mit einem sehr satten, vollen Mundgefühl mit fast schon viskoser Textur. Eine milde Orangennote meine ich festzustellen, bevor Säure und Bittere klar übernehmen und im Mund eine kantige, hefige Trockenheit erzeugen. Das fühlt sich am Ende fast schon wie ein norddeutsches Pils an, nur eben fetter und nicht so klar. Sicherlich eines der herbsten Kellerbiere, die ich bisher getrunken habe – vielleicht liegt es daran, dass es Frischbier ist, unbehandelt und unpasteurisiert, das gerade mal zwei Wochen alt ist. Rezenz ist gegeben, mit wirklich viel Aufstoßpotenzial. Der Abgang ist mittellang, auch hier dominiert von einer ausgesprochen herben, trockenen Bittere. Am Gaumen liegt das Bier noch eine Weile, man meint, eine Lage Bier vom Gaumen mit viel Spucke abspülen zu müssen, hier zeigt sich wieder die Textur.

Ganz wirklich warm werde ich mit diesem Bier nicht. Die hefige Bittere liegt mir nicht so recht, doch ich glaube, dass es einfach einen guten Begleiter braucht, um wirklich zur Hochform auflaufen zu können. Ein fränkisches Schäufele, zum Beispiel, ein halbes Hähnchen oder einen Zwiebelrostbraten, alles mit dunkler, fetter Bratensoße. Da, und das werde ich mit einer zweiten Flasche verifizieren, wird das Kaiser Ur-Trunk 1783 dann sehr wahrscheinlich besser abschneiden als einfach so getrunken.

Agavenregeln – Mezonte Tepe

Mexiko hat sich ein wahres Wundergeflecht aus geschützten geografischen Angaben für Brände geschaffen. Der erste war der Tequila, dann kam Mezcal, inzwischen sind auch Raicilla, Bacanora, Charanda und Sotol entsprechend mehr oder weniger klar definiert und geschützt, und bestimmt noch viele weitere, von denen ich aktuell nur nichts weiß. Unterschiedliche Herkunftsregionen, für die Agavenbrände in der Liste oben unterschiedliche erlaubte Agavensorten, es ist nicht ganz einfach, da noch klar durchzublicken. Insbesondere, wenn das Aromaprofil zweier Produkte ziemlich ähnlich ist und sie sogar ihn regionaler Nähe zueinander hergestellt werden, sie aber aufgrund einer Grenzziehung in unterschiedlichen mexikanischen Bundesstaaten beheimatet sind, und allein darum nicht mit demselben Kategorienlabel versehen werden dürfen.

Ein gutes Beispiel dafür ist Mezonte Tepe. Es wird zu 100% aus wilder Maguey Masparillo (das ist in der Herstellungsregion scheinbar ein Überbegriff für die botanischen Sorten Agave bovicornuta und Agave maximiliana) hergestellt. Jetzt die 64000-Euro-Frage – ist das ein Mezcal? Ist es ein Raicilla? Schwierig, denn auch wenn die Agavenart hier passt, so kümmern sich die Tepehuán, das Volk, bei dem der Mezonte Tepe von Maestro Mezcalero Antonio Flores gebrannt wird, frecherweise nicht um die moderne Verbundesstaatung Mexikos, sie leben isoliert und zurückgezogen auf dem Gebiet mehrerer Bundesstaaten, hauptsächlich in Durango. Jedoch darf legal nur ein Produkt aus den Bundesstaaten Jalisco und Nayarit sich Raicilla nennen, und auch für Mezcal gibt es Staatenvorschriften – und auch wenn die Tepehuán teilweise in diesen Staaten ihre Gemeinschaften haben, ist nicht gesagt, dass dieser Brand auch immer dort gemacht wird, sie halten nicht viel von der modernen Zivilisation und ihren Segnungen (wie Grenzen und gesetzliche Regelungen zu ihrem auch heute noch oft für religiöse Zwecke genutzten Agavenbrand). Wir haben also wahrscheinlich einen Grenzgänger im wahrsten Wortsinne vor uns; das Produkt selbst versucht auch nicht, sich einzupassen, nirgends auf dem Etikett finden sich die Begriffe „Mezcal“ oder „Raicilla“, man hält sich mit einer Kategorisierung bedeckt und entgeht damit der rechtlichen Einordnung.

Vielleicht ist es unabhängig von den Tepehuán aber auch ein Anschließen an die Bewegung, sich von diesem einengenden, stellenweise absurd gewordenen und eigentlich doch nur den von großen, internationalen Konzernen protegierten Marken dienenden Netz aus Rechtsspinnennetzen des CRM und CRT zu lösen, wie das einige traditionell arbeitende Hersteller bereits tun… beides ist möglich und eine relevante Bewegung innerhalb der mexikanischen Agavenbrände. Und so gehe ich also ohne eine Erwartung an irgendeine Konformität mit künstlichen Regelungen in die Verkostung.

Mezonte Tepe

Es findet am Ende keine Holzreifung statt, entsprechend ist die Flüssigkeit klar und ohne jede Form von Einschlüssen oder Fehlern. Recht lebendig bewegt sie sich nach dem Einschenken ins Glas, nur minimal viskos wirkt sie dabei. Dennoch bilden sich an der Glaswand dicke, schwere Beine, die eine Weile daran haften und träge ablaufen.

Beim Eingießen verbreitet sich um das Glas herum zunächst ein leicht teeriger Duft, der sich schnell wandelt und dann an nasses Zedernholz und das Deckblatt einer hellen Zigarre erinnert. Kirschen, Erdbeeren und Aprikosen meint man wahrzunehmen, eine milde Joghurtsäure und -frische ebenso. Etwas Rosenwasser, und eine minimalste Speckigkeit. Eine sehr ungewöhnliche Nase, sehr komplex und vielschichtig, sich in viele sehr unterschiedliche Richtungen gleichzeitig entwickelnd: fruchtig, floral, erdig und vegetal alles zugleich. Derart ausgeprägt findet man es selten!

Mezonte Tepe Glas

Im Mund ist initial deutliche Süße zusammen mit einer schweren Textur erkennbar. Schnell verschwindet aber die Süße, macht einer milchsauren Trockenheit Platz, die den Gaumen kitzelt. Joghurt, Kirsche, der Eindruck, den man hat, wenn man über Zedernholz leckt, trockenes Getreide und Staub. Eine deutliche Feurigkeit entsteht, die weißpfeffrig und chilischarf wirkt, den 51% Alkoholgehalt angemessen. Der Abgang ist kurz und fruchtig, hauptsächlich vom Effekt gesteuert. Ein sehr blumiger Nachhall, zusammen mit einer kühlen Frische im Mund, die wunderbar paradox zur gleichzeitig Wärme in der Speiseröhre und im Magen wirkt. Ein Anflug von Rauch klingt noch lange nach.

Man merkt es von Anfang bis Ende – es ist schwer, in Worten eine klare Richtung zu definieren, wie der Mezonte Tepe schmeckt. Dieser Brand wandelt sich während der Verkostung wie ein Chamäleon, immer, wenn man etwas gegriffen zu haben meint, verschiebt sich das Aroma woanders hin. Er wabert und schimmert wie der Chitinpanzer eines Rosenkäfers. Toll und aufregend!

Der Firmin’s Folly hat etwas, was ich an Cocktails sehr schätze – einen deutlich erkennbaren, spür- und schmeckbaren Verlauf. Zunächst wirkt der Drink sehr unrund, als ob die Zutaten so gar nicht zusammenpassen, dann entwickelt er sich im Mund immer mehr, und der Nachklang ist wirklich richtig schön, ein tolles Mundgefühl und hübsche Aromatik hinterlassend. Ein komplexer, kantiger, aber spannender Cocktail zum Philosophieren, nicht für die Party. Passt irgendwie vom Ansatz zum Mezonte Tepe.

Firmin's Folly Cocktail

Firmin’s Folly
1½oz / 45ml Mezcal
¾oz / 22,5ml trockener Wermut
¼oz / 7,5ml Crème de Banane

2 Spritzer Mole Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Dylan O’Brien]


Übermäßig attraktiv ist die Flasche und das Etikett nicht, das muss man sagen – es ist alles bodenständig, einfach, ohne großes Bohei und offensichtlich auch ohne viel Marketingbudget gemacht; jeder Pfennig, der statt in die Aufmachung in die Flüssigkeit selbst geht, ist für mich aber definitiv auch besser angelegt. Die einzige Extravaganz, die man sich erlaubt, ist das Einwickeln der Flasche in ein Papier, das ein vergrößerter Ausschnitt aus einem Poster über Agavensorten zu sein scheint. Ansonsten hält man sich auf dem Rücketikett an Fakten statt an Fantasien. Agavenart, Herstellungsdetails, sehr lobenswert, was man da lesen und lernen kann: Die wilde Maguey Masparillo wird von Hand geerntet und mit der Machete zerkleinert, freie Hefen fermentieren die Maische in Pinienholzbottichen und dann wird in Brennblasen, die zum Teil aus Kupfer und zum Teil aus Holz sind, zweifach destilliert. Spannend ist die Angabe, dass zur Einstellung des Alkoholgehalts dabei die Vor- und Nachläufe („cabezas y colas“) eingesetzt werden, wie das auch bei manchen anderen Destillaten gemacht wird.

Zu guter letzt ist noch zu erwähnen, dass es sich bei Mezonte um eine Nonprofit-Organisation handelt, die sich um das Wohlergehen der kleinen Produzenten (wir reden hier oft von winzigen Anlagen, kleinsten Produktionsmengen – hier beispielsweise nur 120 Liter! -, meist eigentlich nur für den lokalen Gebrauch) kümmert, statt sie auszubeuten. Ein schöner Artikel darüber findet sich hier. Die hohen Verkaufspreise, die hierzulande für die von ihnen unterstützten Brenner aufgerufen werden, sind für Spirituosenfreunde damit auch eine Investition in die Zukunft sowohl der Familien, die diese ungewöhnlichen, traditionellen, handwerklichen und hocharomatischen Brände herstellen, als auch der Kategorie selbst, so dass sie eben nicht den Weg des hochindustrialisierten, auf den Massenmarkt orientierten, dadurch inzwischen allzuoft seelenlos und leer gewordenen Tequilas gehen muss – oder eben ausstirbt, weil ein Brenner keinen Nachfolger, der die Palenque weiterführen würden, findet, da es sich für niemanden lohnt. Es wäre außerordentlich wünschenswert, wenn Mezonte mit ihrem Projekt viel Erfolg haben.

Bier am Freitag – Boon Geuze Mariage Parfait 2017

Neulich erst hatte ich eine Geuze vorgestellt, die ich aus Belgien mitgebracht hatte. Das war natürlich nicht die einzige Flasche dieses Bierstils in meinem Gepäck, heute stelle ich die zweite davon vor. Boon Geuze Mariage Parfait 2017 nennt sie sich, es handelt sich dabei um eine (laut Etikett) „Oude Geuze / Gueuze à l’Ancienne“, hier zeigt sich wieder die Zweisprachigkeit Belgiens, und auch die im oben verlinkten Artikel angesprochene unterschiedliche Schreibweise in unterschiedlichen Sprachen des Bierstils. Lambiks, die mindestens 3 Jahre fassgereift wurden, werden mit kleinen Anteilen jüngerem Lambik „verheiratet“ (also geblendet) und dann mit 8% Alkoholgehalt abgefüllt, in der Flasche weitervergärt und für mindestens 6 Monate weitergelagert – der Sektkorken muss entsprechend mit einem Drahtkorb gehalten werden, sonst könnte er unerwartet zwischendurch rausploppen. Begrenzt auf 500 Hektoliter im Jahr ist das auch kein extremes Massenprodukt – mal schauen, wie sich das 2017er Jahrgangsbier im Bierglas schlägt.

Boon Geuze Mariage Parfait 2017

Sehr feiner Schaum liegt auf dem Bier, ein Zentimeter erhält sich langdauernd und bedeckt das schön opalisierende, naturtrübe Bier, das mit einer wunderbaren sonnenblumengoldenen Farbe aus der Flasche kommt. Sehr feines Mousseux sieht man bei Gegenlicht. Die Nase ist sehr fruchtig, da ist viel Sauerkirsche, Aprikose und Ananas, einiges an Banane. Insgesamt wirkt es mild, nicht ganz so säuerlich wie viele andere Geuze. Etwas hefig im Nachklang, aber sonst sehr hübsch zu schnuppern, wenn auch die Trinktemperatur dagegen wirkt.

Im Mund zeigt sich dann aber doch der wahre Geuze-Charakter, kantig sauer bereits im Antrunk, gerade im Widerstreit mit dem flauschigen Mundgefühl und der fetten Textur spürt man das. Die sehr an frisch gepresste Grapefruit erinnernde Säure dominiert von vorne bis hinten, gleichzeitig ist aber genug andere Frucht da, um das Mariage Parfait zu einer gewissen Komplexität und Abwechslung zu verhelfen. Über Rezenz braucht man bei Geuze selten wirklich zu sprechen, die Säure, die Trinktemperatur und die ideale Karbonisierung aus der Flaschengärung machen das Bier supererfrischend und ideal als Begleiter zum Essen. Gerade im Abgang kommt Grapefruit ganz deutlich sowohl im Geschmack als auch in den für diese Zitrusfrucht sehr üblichen Effekten wie Adstringenz und Trockenheitsgefühl vor, das kennt ja jeder – frappierend, wie ähnlich das ist. Der Nachhall ist weiterhin trocken, mildsauer, eine leichte Süße bildet sich heraus.

Es ist wirklich, wie der Name sagt, eine „perfekte Hochzeit“, die Frank Boon da aus seinen Lambics zusammengestellt hat. Heftig sauer, aber nicht kratzig, immer noch fruchtig und mit schönem Mundgefühl. Ein sehr unterhaltsames Bier!

Der brennende Wolf – BrewDog LoneWolf Chilli & Lime Gin Distillers Cut 2021

Gin, eine unverstandene Kategorie. 2021, als ich bei Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles und beim ISW als Juror diverse Flights von Gins aus aller Welt vor mir auf dem Tisch hatte, wurde es mir wieder einmal äußerst schmerzlich vor Augen geführt, dass man sich nur selbst weh tut, wenn man bei Gin heutzutage nach Wacholder sucht. Die meisten Produkte, die ich dort zu verkosten, beschreiben und bewerten hatte, wiesen nur noch Spuren, wenn überhaupt, von Wacholder auf. Für mich demontiert sich der Gin seit Jahren, er verliert Seele, Kohärenz und Identität – ich hoffe für ihn, dass er nicht enden wird wie die aromatisierten Wodkas, die noch vor wenigen Jahren die Supermarktregale bevölkerten und heute beinahe vollständig verschwunden sind. In der aktuellen Form ist manch ein Gin mühelos durch eine beliebige andere, aromatisierte Spirituose ersetzbar.

Ich gebe zu, ich war darum erstmal extrem skeptisch, als ich den Namen und die Produktbeschreibung des BrewDog LoneWolf Chilli & Lime Gin Distillers Cut 2021 gelesen hatte – das klang für mich erstmal wie so ein typisches Gimmick-Produkt, das mit fetter Aromatisierung eine mittelmäßige Spirituose aufpeppen und damit den nach neuen Partykicks Suchenden versorgen sollte. Die wilde Aufmachung tat ihr übriges dazu. Gerade heutzutage ist man ja schnell mit Vorverurteilungen und Meinungsbildung auf magerer Faktenbasis, diesem gesellschaftlichen Trend will ich mich eigentlich nicht wirklich anschließen. Darum würde ich sowas nie schreiben, wenn ich nicht direkt danach das Produkt selbst sprechen lassen würde – und, ich spoilere hier mal: wie so oft war das Vorurteil falsch.

BrewDog LoneWolf Chilli & Lime Gin Distillers Cut 2021

Kristallklar, keine Fehler oder Mängel, optisch gibt es aber über die meisten Gins, egal welcher Art, selten etwas zu meckern. Man spürt beim Schwenken im Glas eine gewisse Trägheit, fast schon ölig wirkt das. Ganz entsprechend das Glaswandverhalten – filmig, beinchenbildend, fett.

Der initial geschilderte Zweifel verflog eigentlich schon beim Eingießen. Wacholder ist sehr präsent, klar alles andere an Botanicals dominierend – ich nähere mich dem einsamen Wolf nicht nur aromatisch, sondern auch schon emotional an, so einfach kann das bei mir sein, was Gin angeht. Ein schönes Kräutersträußchen unterstützt den Wacholder, eine leichte Korianderseifigkeit ist da, sehr deutliche Limettenzeste, und, wenn man es weiß, entdeckt man auch hier schon die Piniennadeln mit ihrer harzigen Art.

BrewDog LoneWolf Chilli & Lime Gin Distillers Cut 2021 Glas

Ähnlich dem optischen Eindruck ist das erste Mundgefühl, eine fette Textur, schwer und viskos, mit einer grundlegenden, karamelligen Süße, die von der Muskatblüte und den Mandeln kommen könnte und überhaupt nicht künstlich, sondern sogar sehr subtil wirkt. Wacholder ist zunächst auch im Mund vorne, wird aber schnell von den ätherischen Ölen der Limette eingeholt, sie gibt dem Gin schöne Fruchtigkeit, die bis zum Nachklang erhalten bleibt. Leichte Vegetalität kommt von den restlichen Botanicals, sie spielen aber tatsächlich nur eine unterstützende Rolle. Auch das, was mich zunächst etwas abgeschreckt hat, funktioniert wirklich gut: Scotch Bonnet und Habanero. Wer schonmal die Chilisorte Scotch Bonnet (in Supermärkten kann man das leicht kaufen) gegessen hat, weiß, wie abartig scharf das Zeug ist – hier geben die zwei Chilisorten eine spürbare, sehr wirksame, aber keinesfalls übertriebene Pikanterie in den Gin, ohne, dass man sich auch nur ansatzweise die Zunge verbrennt; da hat man wohl dosiert und fein abgestimmt. 44% Alkoholgehalt wirken gut, sogar ein bisschen mehr würde diesem Gin trotzdem gar nicht schaden. Im Nachklang kommen dann nochmal Muskatblüte, Limettenzeste und Wacholder hervor, lang und gaumenkitzelnd scharf klingt der LoneWolf Gin aus. Und er hinterlässt ein leichtes Lächeln in meinem Gesicht – wirklich geschickt gemacht!

Der Warday’s Cocktail tendiert, je nach eingesetztem Calvados, eher zum Süßen. Persönlich mag ich die Kombination Gin-Calvados sehr gern – in diesem Drink wird ein sehr knackiger Gin die benötigte Frische liefern. Der LoneWolf Chilli & Lime Gin tut genau das, und setzt noch ein freches Finish hintan. Ja, der Charakter des Drinks ändert sich, aber, nach meiner persönlichen Meinung, tatsächlich zum Positiven. William J. Tarling hatte sicherlich keinen solchen Gin, als er das Rezept in den 30ern des letzten Jahrhunderts niederschrieb, doch hätte er ihn gehabt, hätte er ihn auch so eingesetzt, da bin ich sicher.

Warday's Cocktail

Warday’s Cocktail
1 oz / 30ml Dry Gin
1 oz / 30ml Calvados
1 oz / 30ml süßer Wermut
1 Teelöffel Chartreuse verte
Auf Eis rühren.

[Rezept nach William J. Tarling]


Auch wenn die Aufmachung sehr plakativ ist, mir gefällt es – mattierte Flasche, ein tolles Etikett mit sehr gelungener Illustration, die auch irgendwie zum Inhalt der Flasche passt. Ein echter Korken müsste für mich persönlich bei einem Gin eh nie sein, hier schon gleich gar nicht, aber ich wehre mich auch nicht dagegen.

Es ist ein schmaler Grat, den manch ein Hersteller geht, und es ist manchmal ein schmaler Grat für den verantwortungsbewussten Spirituosenjournalisten, so ein Produkt zu bewerten, wenn man eigentlich eine Neigung zum Purismus hat wie ich. Ich für meinen Teil kann aber ohne Gewissensbisse sagen, dass ich den LoneWolf Chilli & Lime Gin gern im Glas habe, seine Eigenheiten sind gut in einen vernünftigen, als solchen erkennbaren Basisgin eingearbeitet, ohne dass hier das „New Western“-Pseudogin-Argument hervorgeholt werden muss. Sauber gemacht, mit einem Twist: Das passt genau so.

Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose, unaufgeforderte Zusendung einer Flasche dieses Gins.

Bier am Freitag – Gutmann Hefeweizen

Die Gemeinde Fucking in Oberösterreich hatte genug davon, dass Touristen nur deswegen dorthin kamen, um sich mit dem Ortsschild fotografieren oder jene sogar mitgehen zu lassen. Seit Anfang 2021 heißt der Ort offiziell Fugging, und die Gagsammler müssen sich andere Locations suchen, um ihren Durst nach spätpubertären, semiwitzigen Selfies zu stillen. Ich empfehle dazu den oberbayerischen Ort Titting, damit kann man sicher auch viel Spaß haben. Und wenn man schon dort ist, kann man das lokale Bier probieren: das nach dem bayerischen Reinheitsgebot und mit Zutaten aus kontrolliert heimischem Anbau in Flaschengärungsweise hergestellte Gutmann Hefeweizen.

Gutmann Hefeweizen

Ich kenne kaum ein Hefeweizen, das einen derart prägnanten Hefesatz aufweist, wie dieses Bier. Hier kann man deutlichst sehen, warum man ein Hefeweizen einschenkt, wie man es eben tut – das Bier ist fast klar, bis man das letzte Viertel etwas aufschwenkt und dann nachgießt. Man kann der Hefe dabei zuschauen, wie sie das Bier eintrübt, während sie nach unten sinkt. Sehr interessant. Der Schaum ist gemischtblasig und kurzlebig, die Farbe nach der Trübung ein beinahe blickdichtes Safran.

Ganz stark bananig und hefig ist das Bier im Geruch, mit feiner Würze und einem Hauch von brauner Soße, ansonsten eher zurückhaltend. Eine runde Cremigkeit beginnt schon im Antrunk, mit milder Süße und schöner bananig-zitroniger Fruchtigkeit. Sehr breit und voll im Mund, dezent würzig, eine leichte Salzigkeit baut sich auf. Sehr frisch, leicht säuerlich und rezent, dadurch sowohl hocherfrischend als auch leicht. Der Abgang ist dann doch sehr säuerlich, immer noch frisch, für ein Hefeweizen vergleichsweise lang und mit einer Zitronennote. Etwas astringierend, trocken und feinherb. Dies alles schließt einen sehr spannenden und komplexen Geschmacksbogen, ohne je schwierig zu werden, 5,2% Alkoholgehalt tun ihren Teil dazu.

Ein wirklich tolles Bier, definitiv in den Top 3 meiner Hefeweizenfavoriten, mit Tendenz nach ganz oben. Im Sommer unerreichbar. Ich rate jedem Hefebierfreund, jetzt noch schnell zuzuschlagen, bevor der Herstellungsort sich auch nach Tidding umbenennen und der Preis des Bieres wegen der dadurch nötigen Umetikettierung steigen wird!

Karibische Rumreise – Rum Artesanal Barbados WIRD, Guyana VSG und Jamaica HD

Als Dominik Marwede noch bei Rum Artesanal verantwortlich war für die Single Casks, war es immer das gleiche: Er kündigte eine Abfüllung an, den Followern seiner Seite lief der Sabber aus dem Mund und kaum war die Abfüllung kaufbereit, war sie schon weg und das Geheule ging los – wieder nichts bekommen! Die Spezialistenblogs für Rum (nein, ich zähle mich nicht wirklich dazu, ich bin eher ein Spirituosengeneralist denn ein -spezialist) machten immer schon vorab laut Stimmung, kein Wunder, es waren meist auch wirklich außergewöhnliche Fässer, die Dominik da an Land zog. Ich wünsche ihm alles Gute für die Zukunft! Einen Teil seines Erbes darf ich hier nun vorstellen, drei Rums aus der Single-Cask-Reihe des deutschen unabhängigen Abfüllers. Rum Artesanal WIRD Rockley Style 2000/2021 aus Barbados, Rum Artesanal Guyana Enmore Distillery „VSG“ 1985/2021 aus Guyana und Rum Artesanal Hampden HD 1990/2021 aus Jamaica. Allein die Namen sind schon klangvoll; lassen wir die Rumreise durch die Karibik beginnen.

Die West Indies Rum Distillery (meist praktisch abgekürzt zu WIRD) ist eine der vier auf Barbados verbliebenen Destillerien. Der Rum Artesanal WIRD Rockley Style 2000/2021 Single Cask Barbados Rum kommt als erster ins Glas, nach der Destillation wurde er laut den Angaben auf dem Etikett 21 Jahre gereift und dann mit 47,1% abgefüllt; nur knapp über 300 Flaschen resultierten aus dem Fass. Ich hätte mir gerne eine ganze Flasche davon gegönnt, allein war sie schon, wie bei vielen Rum-Artesanal-Single-Casks, schon kurz nach Veröffentlichung ausverkauft. Immerhin komme ich durch das Sample an die Möglichkeit zu prüfen, ob ich wirklich was verpasst habe.

Rum Artesanal WIRD Rockley Style 2000-2021 Single Cask Barbados Rum

Helles, etwas blasses Gold, ein sehr ehrlicher Farbton, an dem offensichtlich nicht nachgeholfen wurde. Dicke Schlieren bilden sich an der Glaswand, gemütlich laufen sie ab. In der Nase finde ich zunächst den Geruch von Wachs, insbesondere das von Wachsmalstiften, es ist ein typisches Kennzeichen dieser Rumart, die man in Kennerkreisen „Rockley“-Stil nennt. Pfirsich und Honig, ein bisschen einer medizinalen, harzigen, fast phenolischen Komponente gibt Charakter. Feuchte Schwarztee- oder Oolongteeblätter übernehmen die Nase nach einer Weile. Initial wirkt der Rum im Mund süßlich, nach Pfirsich, Honig und eben diese Teeblattnote. Eine leichte Säure kommt auf, dazu eine milde Bittere – aber insgesamt finde ich kaum wirklich Aufregendes am Gaumen. Der sehr kurze Spannungsbogen lässt nach der Vorfreude des Geruchs etwas Enttäuschung zurück, der kurze Abgang bestätigt dann das weiter, da bleibt kaum etwas zurück. Mein etwas flapsiges Fazit: Tolle Nase, wenig dahinter. Um zurückzukommen zum Anfang der Verkostung: ne, ich habe nichts dramatisches verpasst.

Ich ahne schon, dass sich das mit dem nächsten Sample ändert. Der Rum Artesanal Guyana Enmore Distillery „VSG“ 1985/2021 hat die meisten Jahre des Trios auf dem Buckel – 36 Jahre, das ist für Rumverhältnisse schon steinalt. Anfang der 2000er war es möglich, solche Produkte auf dem ganz normalen Markt zu Spottpreisen zu kaufen, allein es wollte scheinbar keiner – erst die Renaissance des Rums sorgte dafür, dass wir bei Rum dem Scotch, was die Preisgestaltung angeht, nun in nichts mehr nachstehen. Das Mark „VSG“ deutet auf die hölzerne Versailles-Potstill hin, noch etwas ganz Besonderes, gerade für mich, der ich Enmore-Rums sehr mag. Rein vom Etikett ist das also ein Gewinner – aber probieren wir erstmal.

Rum Artesanal Guyana Enmore Distillery VSG 1985-2021

Dunkles Gold, Bernstein – eine hübsche Farbe, ohne Fehler oder Einschlüsse. Eine schöne Schwere ist beim Schwenken erkennbar, das Glaswandverhalten verhält sich mit vielen Beinchen entsprechend. Auch für diese Art Rum gibt es ein Erkennungszeichen, wie man das beim oben geschilderten Rockley-Stil auch schon hatte – hier sind es frisch gespitzte Bleistifte und Zedernholz. Es kommt aber auch eine wachsige Komponente dazu, und ein ganzes Kräutersträußchen aus getrockneten Heide- und Gartenkräutern, feuchtes Holz und Cola. Mildesterige Frucht, etwas Bitterorange, minimale Medizinalität mit etwas Eukalyptus; das mag ich. Die 54,3% Alkoholgehalt merkt man, wenn man zu tief schnuppert. Sehr cremig beginnt er im Mund, leicht streuselkuchig, süßfruchtig und sehr mandelig, süß und schwer. Diese Gebäck- und Trockenobstnoten gehen im Verlauf deutlich zurück, die Süße wird durch knackige, trockene Bittere ersetzt, eine fast pfeffrige Schärfe lässt den Gaumen zunächst glühen, um ihn dann mit Eukalyptus und Minze abzukühlen bis hin zum eisigen Hauch des Nachhalls, in dem leichte Anistöne und etwas ganz mildes Süßholz dazukommen und den Charakter des Rums endgültig komplett ändern. Der Abgang ist mittellang, sehr aromatisch, klingt mit etwas kräuterigen Tönen sehr vegetal, leicht schwefelig und holzig, aber keinesfalls, trotz des Alters, überholzt aus. Ein sehr attraktiver Rum, der meinem persönlichen Rumgeschmack wirklich entgegen kommt, das würde ich echt gern öfter trinken – bei rund 500€ für den halben Liter wird das aber nicht passieren können, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Hampden, das ist immer eine Arbeitsanweisung dafür, dass man in einer Verkostungsreihe dieses Produkt besser ganz nach hinten stellt. Auch der Rum Artesanal Hampden HD 1990/2021 ist mit seinen 30 Jahren dafür sicherlich keine Ausnahme.

Rum Artesanal Hampden HD 1990-2021

Farblich sieht man blasses Gelbgold, aber bei einem Hampden dieser Art hat man eigentlich eh kaum Chancen, sich auf die Farbe zu konzentrieren, denn schon beim Eingießen, und auch Minuten danach, strömt einem der bunte Fruchtkorb des High-Ester-Rums entgegen. Überreife Ananas, fauliger Pfirsich, verrottende Banane, der übliche Inhalt des Biomülls eben, wenn man sich einen Fruchtsalat gemacht hat. Pferdeschweiß, speckiges Reitstiefelleder und nasse Tennissocken geben ihren ganz eigenen Reiz dazu, ich möchte hierbei nochmal explizit darauf hinweisen, dass für den Liebhaber dieser Aromatik der chinesische Baijiu durchaus ein Blick wert sein kann. Insgesamt wirkt das aber dennoch rund und gut integriert, auch die 57,8% Alkoholgehalt, da hatte ich schon Hampdens im Glas, die sich viel kratziger und biestiger zeigten. Das setzt sich auch im Mund fort, obwohl dort die kantige, körnige Trockenheit eines Hochesterrums schon etwas schwieriger ist. Sehr fruchtig, leicht getreidig fast schon, süßbitter und eiskalt voller Eukalyptus und milder Minze, mit Anflügen von Lakritz. Salzig und dabei fett in der Textur, eine Mischung, die spannend ist, aber mit der sicher nicht jeder warm werden kann. Ein kalter, teeriger, kaltrauchiger Nachhall, effektvoll am Gaumen und der Zunge bleibend, klingt noch eine ganze Weile nach. Manche sagen, dass Hochesterrums nicht zum Purgenuss erfunden wurden; zumindest bei diesem hier funktioniert das eigentlich noch ganz gut, wir sind aber auch noch nicht am obersten Ende der Estergehalte angelangt. Das hat was!

Drei Rums, drei Eindrücke, drei Charaktere. Eine schöne Reise durch die Bandbreite, die Rum Artesanal da aufspannt mit ihren Single-Cask-Abfüllungen. Wer offen ist für ungewöhnliche Geschmäcker, und das für den Kauf nötige sehr dicke Portemonnaie hat (und dazu noch den Jägerinstinkt, so eine Flasche überhaupt zu erwischen!), der bekommt dann was wirklich Besonderes für die exklusive Heimbar. Zuviele Flaschen davon werden sicherlich in Sammlerschränken ein trauriges Staubfängerdasein fristen – umso schöner ist, dass Rum Artesanal diese Samples verteilt hat.

Offenlegung: Ich danke Rum Artesanal für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser drei Samples.

Bier am Heiligabend – Kehrwieder Kreativbrauerei Moustique Rum Barrel Aged Russian Imperial Stout

Man merkt das an Collab-Brews, an Zusammenarbeiten vieler kleiner Brauereien, dass die Craftbierszene zusammenhält. Und da tut man, was man kann, um sich und das Umfeld zu unterstützen. So ist das Kehrwieder Kreativbrauerei Moustique Rum Barrel Aged Russian Imperial Stout einem verstorbenen Freund gewidmet, und die Gewinne aus dem Verkauf geht an dessen Familie – eine schöne Aktion, die einfach dadurch unterstützt werden kann, indem man das Bier kauft. Aktuell ist es ausverkauft, aber die Website der Brauerei kündigt eine Neuauflage an.

Zum Produkt selbst – ein kleiner Flüchtigkeitsfehler auf dem Rücketikett hat mich zur Nachfrage bei Oliver Wesseloh veranlasst: Normalerweise ist die Rum-Edition in Rumfässern aus Barbados (von Plantation) gelagert; für die vorliegende Auflage konnte der Fasshändler allerdings (nicht genauer spezifizierte) Ex-Rumfässer von den französischen Antillen besorgen.

Kehrwieder Kreativbrauerei Moustique Rum Barrel Aged Russian Imperial Stout

Schwarz wie die Nacht, mit höchstens dunkelstbraunen Reflexen, fließt das Bier ölig schwappend ins Glas, man erkennt hier schon eine fette Konsistenz; dreht man das Glas langsam beim Eingießen, sieht man an der Glaswand einen dunkelbraunen Film, sehr ähnlich wie bei einem PX-Sherry. Dunkelbrauner Schaum erscheint dabei kurz, ist aber Sekunden später schon komplett verschwunden, nur eine minimale Tonsur bleibt erhalten. Rein optisch also schon sehr beeindruckend.

Auch die Nase hat etwas von süßfruchtigem Sherry, da ist viel dunkle Frucht aus Datteln und getrockneten Pflaumen. Ein Hauch von gesüßten Haferflocken, und dann aber auch frischer Kirschsaft. Vanille, Toffee, Butterscotch – insgesamt riecht das komplex, fruchtigsüß und abwechslungsreich.

Sehr ähnlich ist dann auch das Geschmacksbild, man erschmeckt das alles, was man gerochen hat, sehr deutlich. Es beginnt mit der Pflaume und der Kirsche, direkt gefolgt von einer leichten Grasigkeit, die ich wirklich den Antillenfässern zuschreibe, etwas reife Banane, geht dann in Schokoladigkeit über, mit ausgesprochen ausgeprägter Malzigkeit, bevor dann die wirklich krasse Bittere zuschlägt, einem Russian Imperial Stout angemessen, allerdings immer noch aufgefangen von der durchgängigen, schweren Süße. Herausheben muss man die Textur und Struktur, da ist wirklich deutliche Öligkeit, fast schon geschmolzene Butter, und diese legt sich auf den ganzen Gaumen, ohne je dabei pappig oder klebrig zu werden. Im Gegenteil, gegen Ende wird es sogar trocken mit leichter Adstringenz. Trotz all dem wirkt es ausgesprochen rezent und hat eine schöne Karbonisierung, die eine milde aber effektiv sich aufbauende Säure unterstützt. 11,1% Alkoholgehalt, nun, am Ende spürt man das, aber man schmeckt es nie negativ, außer in dem ordentlichen Wumms, den das Bier liefert.

Der Abgang ist lang, malzig, aber auch trocken mit Anflügen von Cerealien und schönen, milden Röstaromen, die an Kaffeepulver und dunkle, geriebene hochkakaoanteilige Bitterschokolade erinnern. Mit einer sehr aparten Holzigkeit, die fast schon an den staubigen Holzzuschnittraum in Baumärkten erinnert, klingt das Moustique aus, die Bittere bleibt noch sehr lange hängen.

Ein krasses Bier, unglaublich dicht und voluminös, schwer und nichts für Zwischendurch – an diesem Drittelliter kann man echt lang und gemütlich trinken, das macht Spaß und wird nie langweilig, hat überraschenderweise wirklich fast etwas von einem spanischen PX-Sherry. Komplex, aufregend, rund und handwerklich ein Meisterwerk. Wer Stouts mag, sollte sich das Kehrwieder Moustique zu Hundertprozent mal gönnen. Aber vorsicht, die kleine Flasche mit dem hübschen Etikett täuscht total über den Presslufthammer hinweg, der in ihr verpackt ist!

Fünf Körner – Wuliangchun (五粮醇)

Baijiu ist außerhalb Chinas weiterhin, in Deutschland sowieso, eine Nischengattung. Auch wenn sich das Sortiment, das der deutsche Kunde erwerben kann, stetig erweitert, ist das im Vergleich zu den ganzen anderen Spirituosenkategorien nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, ich bin mir sicher, es gibt Hersteller, die mehr Einzelmarken von zum Beispiel Obstbrand anbieten, als es Baijiusorten in Deutschland gibt. Manche Baijius kommen durch mutige Importeure hierher und müssen dann noch für den Verkauf hierzulande aufbereitet werden (die Unlesbarkeit chinesischer Etiketten und Labels schränkt den unberatenen Spontankauf doch sehr ein), andere werden diesbezüglich durch ihre Hersteller bereits für den Export vorbereitet.

„For overseas market“ steht entsprechend auf dem Etikett des Wuliangchun (五粮醇), einem Starkaroma-Baijiu der größten Brennerei für diesen Stil in China, Wuliangye. Nicht, dass man hier dann in lateinischer Schrift viele Informationen bekommen würde – vielleicht geht es dabei mehr um die ungewöhnliche Flaschengröße von 25ml. Die Baijius von Wuliangye sind jedenfalls schon länger in Deutschland erhältlich, in unterschiedlichen Abfüllgrößen und Alkoholgehalten, neulich erst hatte ich mit den drei Flammas ein hübsches Set dieses Herstellers besprochen. Auch ist Wuliangye einer der ersten Baijiu-Hersteller, die ihr Standardprodukt in der EU als g.g.A. (geschützte geographische Angabe) seit März 2021 registriert haben. Schauen wir uns den „Fünf-Getreide-Schnaps“ (so meine amateurhafte Übersetzung des Namens), der aus Hirse, Mais, Klebreis, Langkornreis und Weizen hergestellt wird, im Verkostungsglas an.

Wuliangchun (五粮液)

Glasklar, ohne Einschlüsse, so wie man das von einem Baijiu erwartet – über das Alter kann man hier natürlich keine Aussagen treffen, ich gehe von einem Blend aus diversen mehrjährig gereiften Destillaten aus, wie das bei Baijiu üblich ist. Eine gewisse Trägheit ist beim Schwenken im Glas zu erkennen; dreht man das Glas langsam, bildet sich ein durchgängiger Film, der sich erst langsam in Beine aufspaltet und dann abläuft.

Ein Starkaroma-Baijiu ist immer etwas, was Einsteiger überfordern kann, gerade in der Nase. Der Wuliangchun gehört dabei eher zur „schmutzigeren“ Kategorie im Geruch, neben dem typischen Duft nach Pfirsich, Aprikosen und weißen Gummibärchen, grüner Banane und Lakritze hat man auch ordentlich frisch aufgetragenen Straßenteer und angefahrene Autoreifen. Etwas Fenchel und Kümmel kommen dazu, und ein Anflug von gekochten Eiern. Minzige Frische und ein spürbarer alkoholischer Hauch lassen alles leicht und hell wirken.

Wuliangchun (五粮液) Glas

Schon das erste Mundgefühl bestätigt diese Eindrücke, es ist zunächst mildtrocken, wird dann immer trockener bis hin zu einem staubtrockenen Finish mit richtig viel Astringenz. Die 45% Alkoholgehalt, die man vorher noch zu riechen meinte, spürt man im Mund überhaupt nicht mehr, da ist der Wuliangchun weicher. Lavendel, Lakritz und Eukalyptus definieren den Geschmack, eine sehr starke Bittere sorgt für leichte Anästhesie am Gaumen. Vorsichtig salzig ist er, in Richtung von Salmiakpastillen. Insgesamt fühlt er sich eiskalt an, bleibt aber für die Kategorie rund. Der Abgang ist minzig kühl, fast schon mit Eisbonbon-Effekt. Mildes Teer, Lakritz und dezenter Pfirsich hängen noch eine Weile nach.

Dieser Baijiu gehört für mich sicher eher zu den funkigeren, esterigeren, wilderen Starkaroma-Baijius, die Frucht ist zurückgenommen zugunsten der teerigen Komponenten. Was ich an ihm aber schätze ist diese Frische – wer, wie man es üblicherweise tut, Baijiu mit Essen kombiniert, der wird diese Frische, die den Gaumen putzt, noch deutlich besser zu schätzen wissen als pur genossen.

Das Rezept für den The Cuban Baijiu Crisis habe ich in dem süßen, kleinen Ming River Cocktail Book gefunden, das daneben einige weitere tolle Rezepte enthält. Die Autoren erwähnen selbst, dass auch andere Starkaroma-Baijius eingesetzt werden können – und das stimmt, der Wuliangchun ist sicherlich eine andere Geschmackskategorie als Ming River, doch die Minzigkeit unterstützt die im Rezept verwendeten Minzblätter, um dem Ganzen einen echten Frischekick zu geben.

The Cuban Baijiu Crisis Cocktail

The Cuban Baijiu Crisis
1⅓ oz / 40ml Starkaroma-Baijiu
⅓ oz / 10ml Jägermeister
⅔ oz / 20ml Zitronensaft
⅔ oz / 20ml Zuckersirup
8 Minzblätter
Auf Eis shaken. Aufgießen mit 1⅔ oz / 50ml Champagner.

[Rezept nach Michael Thurm]


Die Flasche ist griffig und knuffig, der Nachfüllstop im Flaschenhals wie bei praktisch allen Baijius, die ich kenne. Ein Plastikdrehverschluss ist ebenso üblich und angemessen. Ein Ausflug in die Kindheit dagegen ist der Karton, in dem die kleine Flasche geliefert wird – er hat diesen Effekt wie die Wackelbilder, die, je nach Blickwinkel ein anderes Bild zeigen. Das ist natürlich ein Gag, aber mir gefällt es, ebenso wie die rotgelbe Gestaltung.

Ich kann mir vorstellen, dass der Wuliangchun es etwas schwerer hat, sich dem westlichen Gaumen aufzudrängen, als manch anderer Starkaroma-Baijiu; hier sieht man allerdings dann deutlich, dass „Baijiu“ eigentlich keine Spirituosenkategorie ist, sondern nur eine grobe Gruppierung mehrerer Kategorien, die in sich jeweils wiederum ein breites Spektrum an Aromaprofilen offerieren. Wer sich mit Baijiu auseinandersetzt, und diese Breite kennenlernen will, hat nun die Möglichkeit dazu.

Offenlegung: Ich danke der Jaxin Wein & Spirituosen GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Baijius.

Bier am Freitag – Becker’s 9.0 Super Strong

Dieses Bier ist ein Mysterium. Die saarländische Brauerei Gebrüder Becker ist seit langer Zeit geschlossen, 1989 wurde sie zunächst von der Karlsberg Brauerei (die mit „K“, nicht der Konzern mit „C“!) übernommen, 1997 wurde die Produktion am Firmenstandort in St. Ingbert endgültig eingestellt. Bis heute allerdings findet sich fast ausschließlich in französischen Supermärkten in Grenznähe zum Saarland das Becker’s Pils in der markanten silbernen Dose, das bei Karlsberg weiterhin hergestellt wird, und sich bei lokalen Campern großer Beliebtheit erfreut, weil in Frankreich kein Pfand auf Dosen fällig wird – so kann man im Italienurlaub weiterhin saarländisches Pils trinken, muss aber nicht darauf achten, das Leergut wieder mit zurückzubringen. Das vorliegende Becker’s 9.0 Super Strong ist aber sogar erfahrenen Bierfreunden hierzulande unbekannt gewesen, man findet es leichter in italienischen und spanischen Onlineshops als im Saarland. Das ist einen Artikel wert, dachte ich mir!

Becker’s 9.0 Super Strong

Kristallklar, wie man es von einem saarländischen Pils erwartet – mit einem schönen, kupferfarbenen, dunklen Farbton. Der beim Eingießen entstehende Schaum ist nach wenigen Sekunden bis auf winzige Schauminseln und eine Glasrandküste verschwunden. In der Nase nimmt man milde, überreife Frucht wahr, und eine dumpfe Fleischigkeit, die ich schwer zuordnen kann. Leicht hopfig, aber sonst bleibt der Geruch vergleichsweise neutral.

Im Mund steht zunächst eine schwere Floralität da, nach Blüten und reifen Früchten. Das Bier wirkt sehr schwer und, unterstützt durch die recht künstlich wirkende Süße, auch stumpf und sehr oberflächlich. Der Hopfen zeigt sich nur in milder Bittere, die eine recht ungute Allianz mit der Süße eingeht – das passt irgendwie so gar nicht zusammen. „With selected ingredients“ steht auf dem Etikett, man findet auch Zutaten, die man in deutschem Bier eher weniger gern sieht – Glukosesirup zum Beispiel, der alles zuvor gesagte erklärt, und hier dient er garantiert nicht der Flaschenreifung, sondern einfach der Süßung und Aromatisierung. 9,0 namensgebende Volumenprozent Alkoholgehalt sind dazu mäßig, leicht kratzig eingebunden. Diese Fleischigkeit ist auch im Geschmack durchweg da, und für mich ein klarer Braufehler, oder zumindest eine schlechte Brauentscheidung. Im Nachklang findet sich dann wieder künstliche Blumigkeit, die wenigstens über den pappig-trocken-bitteren Abgang, der glücklicherweise nur kurz ist, hinwegtröstet.

Nein, das wundert mich nicht, dass das Bier schwer zu bekommen ist (wer will das schon ein zweites Mal kaufen, wenn man es einmal probiert hat), und niemand verpasst auch nur ansatzweise etwas, wenn man das nicht kennt. Ein langweiliges Bier, das auch noch stark gesüßt ist, und in keiner Form Spaß macht, außer für die, denen der Gagfaktor wichtiger ist als der Geschmack. Grausig und ein Zeichen der durch eine desinteressierte Großfirma zentralisierte saarländische Bierkultur, die gerade mühselig von kleinen, ambitionierten Brauern wieder interessant gemacht werden muss.

Gemeinsam unterwegs – Darroze Les Grands Assemblages 20 Ans d’Âge

Die Personen hinter den Spirituosen, die ich auf meinem Blog vorstelle, kennenlernen zu können ist mir immer eine große Freude; man lernt viel über die Hintergründe, Motivationen und Anliegen, die in einem Brand stecken. In zweiter Generation führt aktuell Marc Darroze das Maison Darroze, und ihn zu treffen, war ein besonderes Vergnügen – mittags saßen wir beim Chez Léon in Brüssel nebeneinander beim Muschelessen, spätnachts packte er seine mitgebrachten Schätze aus, und wir konnten seine Vintage-Armagnacs von 1971 und 1982 probieren – die Flaschen waren schneller leer, als man denken konnte, und die Diskussionen darüber dauerten lange, er ist ein unterhaltsamer und fröhlicher Gesprächspartner. Das war nicht unser erstes Treffen, zwei Jahre zuvor hielt Marc darüber hinaus in China eine interessante Masterclass über Armagnac, und eine sehr spannende Vergleichsreihe zwischen unterschiedlichen Einzelrebsortendestillaten, über die ich damals schon berichtet hatte.

Man sieht, das Haus Darroze ist sehr interessiert daran, das Wissen über Armagnac weiterzuverbreiten, und in mir hat das jedenfalls das rege Interesse geweckt, auch mal ein „Standardprodukt“ des Maisons auszuprobieren: sehr bezahlbar und trotzdem edel wirkend bot sich dafür der Darroze Les Grands Assemblages 20 Ans d’Âge an, ein guter Mittelweg der Alterskategorien, die von der Brennerei zu bekommen sind. Marc Darroze zeichnet sich für diese Reihe selbst als Master Blender verantwortlich; die „Großen Blends“, so die für unsere Branche übliche denglische Übersetzung, ist eine Zusammenstellung verschiedener Destillate aus verschiedenen Rebsorten, von denen das jüngste eben, wie der Name schon sagt, 20 Jahre alt ist. Natürlich, wie es für Armagnac üblich ist, sind diese „nur“ einfach destilliert, und reiften in Eichenfässern mit 400 Litern Kapazität. Rein ins Glas damit!

Darroze Les Grands Assemblages 20 Ans d’Âge

Optisch gefällt der Darroze 20 schon mal: Klares, kräftiges Bernstein mit orangenen, stellenweise fast weißen Reflexen. Die Farbe ist komplett natürlichen Ursprungs, hier wird auch nicht nur zum Angleich an andere Chargen mit Farbstoff nachgeholfen. Gemächlich bewegt sich der Armagnac im Glas, hinterlässt dabei dicke, fette Tropfen an der Glaswand, die sich schnell zu Beinen vereinen und dann schnell ablaufen. Viele Artefakte davon bleiben am Glas hängen.

Die Nase beginnt fruchtig, nach Rosinen und dunklem Apfelmost, viel Vanille süßt den Eindruck. Angequetschte Datteln, getrocknete Feigen, reife Pflaumen und schon braun gewordene Birnen geben eine Erinnerung an Fruchtkuchen, insbesondere zusammen mit den Backgewürzen. Bei all dem bleibt der Darroze 20 vergleichsweise frisch und helltönig, ein Anflug von Süßholz unterstützt den durchaus derben, aber nicht wilden Charakter. Ein bisschen Leder, ein bisschen frisches Holz.

Darroze Les Grands Assemblages 20 Ans d'Âge Glas

Im Mund führt sich das in einer logischen Kette fort – zunächst süß, voller Vanille und süßen, getrockneten Aprikosen und Feigen, mit einem fetten Mundgefühl und viel Breite, mit Nougat und Honig. Im Verlauf entwickelt sich ein kräftiges aromatisches Feuer, definitiv nicht den 43% Alkoholgehalt zuzuschreiben, zusammen mit dem Wandel von süß hin zu bittersauer. Die Frucht bleibt trotz der sich dann deutlich zeigenden Trockenheit immer erhalten, es entsteht eine minimale Salzigkeit, die die Spucke fließen lässt. Höchstens Anflüge von Rancio sind da, spät meine ich, eine leichte Nussigkeit zu entdecken. Ein leichter Körper passt zur helltönigen Nase, Vanille, Zimt und Streuselkuchen definieren schließlich den Schlussakkord. Sehr warm, lang und mit einem sehr prägnanten Blütencharakter klingt der Darroze 20 aus und hinterlässt andauernde Aromen und Effekte am gesamten Gaumen.

Ein sehr attraktiver Armagnac, zwar durchaus mild und weich, dabei aber sich nicht anbiedernd. Komplex und vielschichtig, mit toller Intensität und dabei hübscher Rundung, der am Ende sogar noch Charakter aufweist: Da ist von allem was für alle dabei. Das trinkt sich einfach toll. Eine Spirituose, über die man sinnieren kann, während man sie trinkt – es aber nicht muss, man kann sich auch einfach gehen lassen.

Der Claudine Cocktail nimmt von allen seinen Zutaten etwas mit – die herbalen Gewürztöne der zwei Wermuts, die Eigenheit des Quinquina, die Bitterkeit der Bitters, und schließlich die Fruchtigkeit, Wärme und Tiefe des Armagnacs. Ein eleganter, leichter, aber dennoch sehr aromatischer Drink, der nicht laut nach Aufmerksamkeit schreit, sondern dem man sich wunderbar als Aperitif hingeben kann.

Claudine Cocktail

Claudine Cocktail
1⅓ oz Armagnac
⅓ oz trockener Wermut
⅓ oz süßer Wermut
⅓ oz Quinquina
1 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Matteo Malisan]


Sehr gefällt mir die reduktionistische Präsentation – schon der Karton in grauem, grobstrukturierten Karton weist als einzige Extravaganz den handschriftliche Namen des Hauses Darroze auf. Echtkorken erwarte ich heute auch bei höchstwertigen Spirituosen eigentlich nicht mehr, hier ist er noch vorhanden. Ähnlich dezent auch die Flasche selbst, und deren Etiketten. Die große 20 ist scheinbar alles, was man für diesen Brand wissen muss – und es wirkt, zumindest auf mich, auch wenn ich gern mehr Aufschlüsselung über Rebsortenanteile, Fassarten und ähnliches erfahren wollen würde; ein bisschen Optimierungspotenzial muss man einem für Armagnac-Verhältnisse noch jungen Maison ja auch zugestehen. Und wenn das sich hauptsächlich auf die Verpackung bezieht, nun, da gibt es andere Hersteller mit sehr viel größeren Baustellen. Ich glaube, die meisten wird es eh nicht interessieren, wenn das Endprodukt so gut schmeckt wie dieses hier.