Adagio 0726

Heute stelle ich unter dem Codenamen „Adagio“ neben dem neuen Blogformat 5 Produkte vor. Die bunte Mischung besteht aus einem Mezcal (Mezcal Koch Tobalá Artesanal Joven), dazu ein Armagnac (Distilled Grapes Domaine Couzard-Lassalle 2005 #R116), ein Rum aus Indien (Maka Zai Dark Jaggery Rum), ein Whisky aus Österreich (Brennerei Guglhof TauernRogg Single Malt Whisky 2014) und schließlich ein englisches Bier (Wychwood Brewery King Goblin Imperial Ruby Beer).


Mezcal Koch Tobalá

Mezcal Koch Tobalá Artesanal Joven

Mexiko, Oaxaca.
100% Agave.
Tobalá.
NOM-0171X
Joven.
47%.
Maestro Mezcalero: Pedro Hernández

Kristallklar, deutlich viskos – eine attraktive erste Präsentation, die man da im Glas findet. Sehr schnell geht die Flüssigkeit nach dem Drehen des Glases in den Ruhezustand zurück, es verbleibt ein Film an der Glaswand, der sich in schnell ablaufende Beinchen aufteilt.

Für die Nase ist der Duft erstmal ein bisschen ungewohnt, das erste, was ich rieche, sind leicht verschmortes Plastik, Gummistiefel, und eine leichte Dieselnote. Ein Hauch von Rauch ist da, aber nur unterschwellig und nicht dominant. Lässt man den Brand atmen, geht die Plastiknote immer mehr zurück, der Duft wird immer grüner, vegetabiler, bis die Agave sich endgültig gegen die produktionsbedingten Aspekte durchsetzt und dann fleischig, saftig und aromatisch dicht gewinnt. Leichte Kirschnoten entstehen, vielleicht sogar mit Stein, und später kommen auch Anflüge von Aprikose und Birne dazu; ein sehr spannender und interessanter Verlauf, der zeigt, dass man manchmal Geduld mitbringen muss und sich nicht nur auf den ersten Eindruck verlassen darf.

Das Mundgefühl im Antrunk ist zweigeteilt – erstmal ist man begeistert von der Textur, die sich weich und voll ausbreitet, mit schwerer, fast sirupartiger, dichter Süße und gleichzeitig klarer Struktur. Gleichzeitig kommt die grüne, fette und sehr vegetabile Agave ohne viel Federlesens zur Dominanz in der Aromatik, sie präsentiert sich lustvoll und lasziv, man meint, Augenkontakt zu bekommen. Deutlich gewürzig wird der Koch Tobalá im Verlauf, Muskatnuss und Piment erscheinen, aber auch kräuterige Aspekte wie Koriander und Salbei machen sich bemerkbar. Leicht salzig, erkennbar umami. Im Abgang erscheint noch eine bitterklare Parfümnote, leicht balsamisch, mit Sandelholz- und Grapefruitzesten-Kopfnoten. Der Nachhall ist minzkalt, etwas mentholisch, lang ausdauernd mit voll aufblühendem Jasmin, der lange am Gaumen verbleibt, und ganz, ganz spät dann in Blattgrün endet.

Die Komplexität des Koch Tobalá ist beeindruckend, die Agavenwucht noch mehr, das ist wirklich eine wunderbare Repräsentation der Pflanze, vielschichtig und dennoch direkt auf die Agave konzentriert. Darüber hinaus schlürft man das einfach so, hat immer Lust auf den nächsten Schluck, bekommt nicht genug davon. Ein wirklich trinkiger Mezcal mit Suchtpotenzial.


Distilled Grapes Domaine Couzard-Lassalle 2005 #R116 Armagnac

Distilled Grapes Domaine Couzard-Lassalle 2005 #R116 Armagnac

Frankreich, Bas Armagnac.
Folle Blanche.
Fassstärke.
49,5%.

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Optisch glänzt der Couzard-Lassalle, dass es eine wahre Pracht ist – von Herbstlaubbraun über Bernstein bis Zitronengelb sind da alle Zwischenfarben vorhanden. Die attraktive Viskosität passt dazu, durchaus ölig, aber immer noch lebendig. Der Armagnac hinterlässt nach dem Drehen des Glases einen fetten Film, der sich nur widerwillig in Beinchen aufspaltet.

Frisch und jugendlich ist die Nase, klar und sauber, mit dem stiltypischen Anisbeiklang, und einigem an Melisse, schwerer Ysop und darunter frische Nektarine und Mirabelle. Das Holz klingt eher mit, als den Duft zu dominieren, auch die sonst oft vorhandenen Lacktöne sind bei diesem Armagnac klar zurückgenommen. Stattdessen ist da noch sehr viel saftiger Apfel und etwas grüne Birne. Man merkt, der Couzard-Lassalle ist deutlich anders als die letzten Armagnacs, die ich hier für meine Leser probiert habe.

Auch im Mund wirkt er klarer und fruchtiger, hat diese „Körnigkeit“, das Gefühl, als würde man winzige Zuckerkristalle lutschen, kombiniert mit einem frechen Prickeln. Der Apfel dominiert auch den Geschmack, mentholisch haucht man ein und aus, das Mundgefühl ist sehr dicht, aber nie schwer, die Textur ist wirklich ausgesprochen angenehm. Der Abgang ist mildbitter, auch hier klar fruchtgetrieben, warm und pikant, lang und kühlend.

Ah, das trinkt sich ganz anders als die doch deutlich holzbetonten Armagnacs, die ich die letzten Male vorgestellt hatte. Das ist ein frisch-frecher Digestif in Perfektion, belebend, klärend, fast schon ein vitalisierendes Tonikum. Herrlich, anders, begeisternd.


Makazai Dark Jaggery Rum

Maka Zai Dark Jaggery Rum

Indien.
Basis: Mischung aus Kakavi aus Goa (Zuckerrohr-Jaggery) und Gud aus Westbengalen (Dattelpalmen-Jaggery).
Batch Oct 2024.
42,8%.

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Tiefes Bernstein mit rostroten Anklängen, leuchtend und optisch sehr ansprechend. Über eine eventuelle Färbung ist nichts bekannt. Beim Drehen des Glases fällt eine ordentliche Viskosität auf, die Flüssigkeit schmiegt sich eng ans Glas und hinterlässt dabei viele Artefakte.

Da wir hier ein recht unbekanntes Rumgebiet vor uns haben, vergleiche ich die Nase einfach mal mit etwas Bekanntem – mich erinnert der Makazai sofort an einen mittelamerikanischen Rum, jedenfalls säulendestilliert, eher leicht vom Körper. Viel Karamell findet sich da, Anflüge von Zimt und leicht holzigen Gewürzen, dazu aber auch klare Mandarinenschale, ein bisschen Orangenfleisch, und herbe Noten, die ein bisschen an lange gelagerten spanischen Brandy erinnern. Eine angenehme Mischung, dabei aber nicht wirklich komplex, das fehlt mir hier aber auch nicht.

Der Antrunk passt zu diesem Geruchsbild, er wirkt sehr weich, sehr süß, gerade so an der Grenze dessen, was ich noch angenehm finde; das Basismaterial zeigt sich, so vermute ich, deutlich in Form von sehr viel Karamell, Toffee und Nougat. Die Textur ist fett und voll, legt sich geschmeidig an den Gaumen wie zuvor ans Glas, und wärmt diesen leicht, im Verlauf entsteht dabei ein sehr angenehmes Brummen. Die Süße wird durch charmante, holzgetriebene Bittere aufgefangen, lässt sich aber nie komplett verdrängen. Auch hier bleiben die Eindrücke der Nase präsent, milde Zestigkeit wie die von Mandarine, saftige Fruchtigkeit von Orange, gewürzige Aspekte aus Zimt, Piment und Muskatnuss. Das liegt echt wirklich gut im Mund, das muss ich sagen, und auch wenn nur wenig Spannung aufgebaut wird, hat man lange was von diesem Rum – der Abgang ist lang, karamellig, fruchtig ohne esterig zu sein, einfach sehr gemütlich und warm.

Die Ähnlichkeit hier besteht für mich definitiv zu spanischem Brandy, mit einer zusätzlichen Rumcharakteristik – das ist ungewöhnlich, aber wirklich nicht auf eine schlechte Art. Jedenfalls ist der Makazai ein sehr trinkiges Produkt, völlig unkompliziert, warm und süß, etwas, das man wirklich einfach so vor sich hin schlürfen kann, ohne drüber nachzudenken; sicher nichts für den Komplexitätssucher, aber für alle anderen ein Easy Sipper.


Brennerei Guglhof TauernRogg Single Malt Whisky 2014

Brennerei Guglhof TauernRogg Single Malt Whisky 2014

Österreich.
Basis: besonderer „Tauernroggen“ aus der Region Salzburg.
Pot Still.
Reifung in Ex-Sauternes-Fässern.
Single Cask.
Fassnummer 1/5.
42%.

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Klares, brilliantes und trotzdem warmes Gold. Sehr deutlich ausgeprägte Öligkeit beim Schwenken, die einen fette Film am Glas hinterlässt.

Sehr getreidig, wohlig und rund, mit ansprechenden Fruchtanklängen und einer leichten Esterigkeit. Milde Heunoten, ein Hauch von Kuhstall und frisch „gedüngter“ Wiese, kombiniert mit ganz vorsichtigem Popcorn. Insgesamt angenehm, aber ein bisschen geschlossen.

Wunderbares Mundgefühl, weich, extrem anschmiegsam, fett und voll, dicht und breit. Richtig großartig liegt das im Mund, mit sauberer und tiefer Süße ohne jede Pappigkeit und ausgeprägtem Getreide – der Roggen ist, im Gegensatz zu vielen anderen Roggenwhiskys, erstmal gar nicht pikant und hat auch nicht diese Kälte, die er manchmal ausstrahlt, im Gegenteil, das ist von vorne bis hinten warm und weich. Perfekt integriert ist der Alkohol, den man kaum spürt – erst im Finish präsentiert der TauernRogg ein bisschen, aber wirklich nur ein bisschen Kühle auf der Zungenspitze und ein die ganze Wohligkeit ein bisschen auflockerndes körniges Kribbeln.

Wahnsinn, wie angenehm sich das trinkt; ein bisschen mehr Expressivität, was die Roggenaromatik in der Nase angeht, könnte man sich wünschen, doch der gesamte Rest gleicht das alles aus. Ein wunderbar süffiger Whisky.


Wychwood Brewery King Goblin Imperial Ruby Beer

Wychwood Brewery King Goblin Imperial Ruby Beer

England.
Inzwischen geschlossene Brauerei.
6,6%.

„Ruby“ erscheint das Bier eigentlich weniger, bei Gegenlicht sieht man ein paar rostrote Lichtreflexe, aber insgesamt erscheint es mir doch eher braun, mit dem leicht rötlichen Touch einer Kastanie, vielleicht. Es ist deutlich trüb, aber nicht vollopak, und der Schaum ist beige mit schlanker Konsistenz. Von ihm bleibt schnell nur ein Flaum auf der Bieroberfläche.

Im Duft wirkt der Koboldkönig recht unaufdringlich, da ist ein bisschen Holz, erkennbar Malz, ein bisschen rostige Eisennägel, ein Hauch von milder gelbfleischiger Frucht, doch das muss man sich alles hart erarbeiten, von sich aus bietet das Bier kaum etwas im Vordergrund an.

Im Mund kommt die Frucht deutlich nach vorn, Pfirsich und Zwetschge, jedenfalls reif und mit schöner Süßsauerbalance. Dort ist auch das Malz dann domininierend, ein Hauch von Röstung findet sich, ein bisschen Melasse. Sehr angenehm ist das Mundgefühl, weich und voll, voluminös und cremig, und trotzdem mit viel erfrischender Rezenz ausgestattet. Der Abgang wirkt holzig und tanninig, herb und mit verbleibender Bittere tief im Rachen. Ein bisschen klingt es nach, sicherlich mehr, als die Nase vermuten ließ.

Trinkig und voll, aber aromatisch eher vorsichtig und mit nur wenig Spannung. Ein Bier, das über das Mundgefühl und die Rezenz punktet, ohne wirklich darüber hinaus zu wollen. Koboldkönig finde ich dahingehend als Name übertrieben, vielleicht eher ein Koboldbaron, höchstens ein Koboldgraf. So richtig viel verliert die Bierwelt damit also nicht.

ISW 2026

„Back to the Future“ war das Motto des diesjährigen International Spirits Award (ISW). Zurück zum konzentrierten Einmaltermin, weg von den zersplitterten Ereignissen der Vergangenheit. Die Ergebnisse sind nun veröffentlicht und können hier nachgelesen werden.

https://www.meininger.de/international-spirits-award/ergebnisse/isw-2026

Es war erneut ein großes Vergnügen und eine große Ehre, dieses Jahr als Juror mitwirken zu dürfen. Unter der Tischleitung von Timo Lambrecht haben wir (Solveig Gerz-Stamenkovic, Kai Dietrich, Silvia Hübner, Conrad Pohlmann und ich) als Jury 3 dieses Jahr alles von Korn über Tequila über Rum und Rumspirituosen über Whisky aus aller Welt und Liköre bis hin zu Aperitivos und RTD-Cocktails probiert, beschrieben und bewertet. Die Leitung hatten Christian Wolf und Jürgen Deibel.

Die Hitze wurde durch die Klimatisierung der Verkostungsräume und Hotelzimmer etwas gemildert; in der Weinregion um Neustadt/Weinstraße boten uns die Weinkeller des Weinguts von Winning und der Essigkeller des Weinessigguts Doktorenhof ein bisschen Abkühlung. Für das restliche leibliche Wohl kümmerten sich die Weinstube Liebstöckl in Neustadt, das Restaurant Leopold in Deidesheim und das Gasthaus zum Winzer in Maikammer – das Rahmenprogramm war damit schonmal ein voller Erfolg, inklusive dem obligatorischen Abstecher ins La Boutique.

Die Medaillen werden in Kürze auf den Flaschen zu sehen sein; ich wünsche allen Spirituosenfreunden, dass sie mit den Ergebnissen ebenso viel Spaß haben werden, wie wir bei der Vergabe. Bis nächstes Jahr!

Artificial Intelligence, der Leser, und dieser Blog

tldr; AI-Verdichtung nimmt den Contentblogs die Zugriffe. Content-Konsumgewohnheiten ändern sich immer mehr. Auch schlimmerdurst ist von beiden betroffen, und ich erkläre die Änderungen, die in Zukunft hier deswegen passieren werden.

Jeder Entwickler großer Codebases mit mehr als trivialkomplexer Struktur kennt den Vorgang. Das erste, was man morgens tat, war Stackoverflow zu öffnen, denn man wird im Laufe des langen Bugfixing- und Entwicklungstags in ein Problem laufen, das man nur durch Nachdenken nicht wirklich lösen können wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand anderes dasselbe Problem schon hatte und sogar eine Lösung, oder zumindest einen klugen Hinweis liefert, ist aber hoch, und stackoverflow.com war die Plattform dafür. Die Zeiten haben sich geändert, Stack Overflow kollabiert. Die Gründe? Zu wenig neuer Content, schwindende Besucherzahlen, eine Änderung der Arbeitsweise eines modernen Entwicklers. Eine Kette aus Entwicklungen, die die AI-Revolution mit sich bringt.

Ich bin doppelt davon betroffen, denn auch ich als Softwareentwickler muss mich dem anpassen. Neuen Code schreiben tut man eh nicht mehr, und auch Bugfixing ist bei Claude besser aufgehoben, Stack Overflow habe ich seit Monaten nicht mehr aufgerufen. Die andere, zweite Seite ist mein Blog über Spirituosen, der aktuell denselben Weg geht wie Stack Overflow. Ich habe neulich von einem Statistiker gehört, dass sich unabhängige Webseiten in Zeiten von AI-Scrapern grundsätzlich warm anziehen werden müssen – dass 95% der Menschen sich völlig ausreichend informiert fühlen, wenn sie die drei, vier Sätze der KI-Zusammenfassung in Google lesen, und die Links darunter, und selbst die Quellenangaben, ignorieren.Tatsächlich spüre ich in meinen Blogstatistiken diesen Effekt deutlich, es werden über die letzten 12 Monate immer weniger Hits, die Zugriffszahlen gehen zurück, konstant im (langsamen) Abwärtstrend. Das Jetpack-Modul zeigt mir nur die Treffer menschlicher Leser an, und die Statistik gibt mir ehrlich zu denken. Der Löwenanteil der bestehenden Treffer kommt über die Google-Suche – wenn Google bald aufhört, überhaupt noch klickbare Links zu präsentieren und sich komplett auf die AI-Summary konzentriert, wird dies noch schlimmer werden. Ich bin, nach Gesprächen mit Kollegen und Bekannten, nicht der einzige, dem das gerade so passiert. Ich schreibe das nicht alles Google zu, denn ich stelle oft fest, dass zum Beispiel bei Facebook, wo ich eine Kurzversion der Einleitung meiner Artikel poste, oft nachgefragt wird „und, wie fandest du den Rum?“, oder ein Kommentar kommt, bei dem klar ist, dass der Artikel selbst nicht gelesen wurde – obwohl direkt darunter der Link ist, in dem alles ausführlich beschrieben wird. Es besteht seit langem kein Interesse mehr daran, sich etwas selbst zu erarbeiten, sondern alle wollen es auf einen Blick serviert bekommen (den Tag tldr; gibt es ja nicht erst seit gestern), und dahingehend macht Google dann alles richtig.

Ich will die AI oder die veränderten Content-Konsumgewohnheiten nicht verteufeln oder nur die Kulturpessimismuskarte spielen. Ich sehe die Vorteile, die gerade diese neuen Technologien bringen können, zu deutlich (und das Titelbild dieser Geschichte habe ich mir auch generieren lassen, und bin belustigt, was herausgekommen ist). Und da gleichzeitig die echten Menschen im Generellen nicht mehr die Geduld für diese nun von der AI gemachte intellektuelle Verdichtungsarbeit haben, und dazu offensichtlich sowieso weniger Interesse an im Speziellen meinen text- und formulierungsdichten Beiträgen, muss ich auch selbstkritisch sein, und wähle ich eine Strategie, bei der ich weiterhin tun kann, weswegen ich meinen Blog gestartet hatte – für mich selbst ein Tastingtagebuch zu führen – und spare mir meine offensichtlich nur noch als Machine-Learning-Input nützlichen Sammlungen von Hintergrundinformationen, Erklärungen zu Kategorien, Aufrufe zur Transparenz und Qualität, und die Reiseberichte. Der moderne Spirituosenkonsument ist eh bereits jetzt viel aufgeklärter, als er es vor über 10 Jahren war, als ich das Schreiben hier anfing, und ich bilde mir ein, ein bisschen dazu beigetragen zu haben.

Change is good, eines meiner Lebensmottos, sich wegducken und verweigern bringt einen ja nicht weiter. Also ändere ich meine Herangehensweise an meinen Blog. Er wird nicht so laberig wie früher sein. Die wöchentliche Veröffentlichung von zwei Artikeln ändere ich zu einem grob getakteten Sammelartikel, in dem ein paar bunt gemischte Produkte, die ich in einem gewissen Zeitraum probiert habe, kurz beschrieben werden. Es wird, nach über 10 Jahren, eh mal Zeit für frischen Wind im Blog, und damit kann ich das elend lange Backlog gleich mitaufräumen. Ich gehe also nicht weg, verfolge die Situation gespannt und genieße weiterhin gute Destillate, Biere und… Nein, die zwei Beispiele müssen reichen, sonst sagt man mir nach, das sei ein AI-generierter Text. Und wenn die AI-Blase platzen sollte, überdenke ich das alles hier vielleicht nochmal, wobei sogar dann die „alte Welt“ nicht zurückkehren wird, eine Leselust wird sich nie wieder einstellen, dazu gibt es zu viele Video-Marktschreier bei YouTube, die ihre persönliche Meinung als Objektivität und Unabhängigkeit verkaufen und damit genug Leute in ihrem Wunsch nach polarisierenden, einfach konsumierbaren „Wahrheiten“ befriedigen. Die Geschwindigkeit, in der sich in der Welt gerade alles in beliebige Richtungen dreht und wendet, macht Voraussagen aber sowieso volatil. Worüber ich mir nie unklar bin: Mit einem guten Rum oder Obstbrand bleibt man gelassen, wen es interessiert, was ich dafür so trinke, weiß ja, wo man mich weiterhin findet. Und für ein echtes, ehrliches Gespräch bin ich eh immer zu haben. Und wer es bis hierher geschafft hat, mitzulesen, dem gebe ich beim nächsten Treffen gerne ein Bier aus.

Autos oder Rum – Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Ace of Guru / Two of Pao (VSGB)

Geschlossene Destillerien strahlen immer einen unausweichlichen Reiz auf den Kenner aus. Das Destillat daraus wirkt plötzlich geheimnisvoll, unerreichbar, besonders – die Frage, warum die Brennerei schließen muss, ist letztlich aber natürlich oft auf dieselbe Antwort reduzierbar: es hat sich nicht gelohnt, das Produkt wurde zu wenig nachgefragt. Und da beißt sich dann die Katze in den Schwanz, und der Jäger, der auf der Suche nach dem Besonderen ist, hätte sich einfach früher engagieren müssen, da hätte man sich viel Zeit, Geld und Nerven sparen können.

Auch die japanische Nine Leaves Distillery ist 2023, nach fast perfekten 10 Jahren Betrieb in Ōtsu (Präfektur Shiga, Honshū) nun Geschichte. Hier ist dies im Gegensatz zu vielen anderen Beispielen freiwillig geschehen, der Brenner Yoshiharu Takeuchi hat sich entschieden, statt seiner Leidenschaft zum Rummachen das Familienunternehmen, eine Autoteilefirma, zu übernehmen – doch auch solche Entscheidungen haben immer eine gewisse Druckkomponente in sich. Takeuchi hat sich aber durchaus einen Namen gemacht in den 10 Jahren, und darum hat sich La Maison & Velier entschlossen, die restlichen Fässer zu übernehmen und dem Markt verfügbar zu machen. Daraus entstand die Unsun Karuta Collection, inspiriert durch das antike japanische Kartenspiel gleichen Namens, aus der ich heute die zwei Rums vorstelle, die im VSGB-Projekt Luca Garganos veröffentlicht wurden: den Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Ace of Guru und den Two of Pao. Muscovado-Zucker von der Insel Tarama/Okinawa wurde dafür mindestens 4 Tage fermentiert und dann in Pot Stills gebrannt. Die Reifungsdetails erwähne ich bei den einzelnen Rums, ebenso die genauen Alkoholgehalte. Beide sind natürlich ohne Zusätze abgefüllt.

Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Ace of Guru und Two of Pao

Wir beginnen mit dem Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Ace of Guru. 3 Fässer, die vorher Armagnac beinhalteten, wurden 2018 im subtropischen Klima mit einem Destillat befüllt, und 7 Jahre später auf Flaschen gezogen. Für diese Abfüllung wurde die Spielkarte „Ace of Guru“ als Pate auserwählt, passend dazu findet man die japanischen Schriftzeichen グル (Guru) auf dem Karton und Rücketikett. Der Alkoholgehalt wird mit 59% angegeben, dazu die Bezeichnung „Full Proof“, die synonym zu Cask Strength zu lesen ist, also ohne Verdünnung. 923 Flaschen ergaben die 3 Fässer, plus ein bisschen was für die knapp 1000 VSGB-Einheiten; viel ist das beileibe nicht.

Die Farbe ist hell, strohig, ein bisschen blass, bei direktem Gegenlicht legt der Brand etwas an Färbung zu und wird fast zu leichtem Gold. Ölig und dicht wirkt dagegen die Konsistenz, die man beim vorsichtigen Drehen des Glases sieht, sie wirkt dann vielbeinig und filmig.

Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Ace of Guru (VSGB)

Die Nase ist besonders und unerwartet. Irgendwie hat man eine Sekunde den Eindruck eines Scotch, im nächsten den eines Zuckerrohrsafts von Guadeloupe; jedenfalls ist da ein starker Getreideaspekt, der sich mit Zuckerrohraromen verbindet und die Fruchtigkeit aus beiden kombiniert. Zu tief kann man nicht schnuppern, der Hauch des Alkohol greift direkt den Riechkolben an, und piekst dann, wirkt aber nicht kratzig; so richtig gut integriert ist der Alkohol nicht. Leichtkörperig und frisch wirkt der Rum, mit leicht maritimen Noten von Algen, Seetang und feuchtem Sand.

Am Gaumen kommt die gesehene Öligkeit in der Textur direkt zum Tragen, das wirkt breit und voluminös, viel mehr jedenfalls, als man von der Nase her erwartet hat. Süß und würzig ist der Antrunk, gerade letzteres verstärkt sich im Verlauf extrem, da fängt der Rum richtig an zu brummen und sich aktiv auf die Schleimhäute zu legen, der immer noch eher mäßig eingebunden wirkende Alkohol macht dabei gerne mit. Der Armagnac scheint erkennbar durch, mit Weinbrandtypizität wird der Getreideaspekt, der auch hier noch da ist, aufgebohrt. Der Abgang ist lang, trocken ohne Astringenz, sehr würzig und leicht salzig.

Die Nase hatte mich nicht viel erwarten lassen, der Geschmack ist aber toll, dicht und exotisch, ungewöhnlich und spannend. Sicherlich ist das ein Rum, auf den man sich einlassen muss, und ihm etwas Vorschuss gewähren; der fünfte und sechste Schluck sind definitiv die, die man berücksichtigen sollte, nicht der erste und zweite.


Wenden wir uns dem Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Two of Pao zu. Hier wurden 2 Ex-PX-Sherry-Fässer ausgewählt, die mit einem 2020er-Destillat belegt wurden, und das 5 Jahre darin bleiben konnte. Die Spielkarte ist „Two of Pao“, das Pao (パオ) ist das japanische Wort für „Jurte“, also eine Art Zelt. Auch hier hat man nur knapp unter 1000 Flaschen aus den Fässern bekommen, die dann genauso wie beim Beispiel zuvor mit Full Proof auch mit 59% Alkoholgehalt abgefüllt wurden.

5 Jahre weniger, andere Fässer, komplett andere Farbe – das geht bereits ins Kastanienbraun über, die PX-Sherry-Fässer haben auch bestimmt noch genug gespeichert gehabt. Optisch ist das attraktiv, weil auch die Konsistenz dazu passt, mit schöner Viskosität und hübschen Beinen in meinem Neat-Verkostungsglas.

Nine Leaves Pure Single Japanese Rum Unsun Karuta Collection Two of Pao (VSGB)

Ähnlich wie zuvor hält sich der Rum geruchlich etwas zurück, dennoch finde ich auch hier eine Komponente, die mich an Sake, Reis und Getreide erinnert; ich hoffe, das klingt nicht seltsam, aber dieser Rum riecht „asiatisch“. Und auch hier ist dieser zweite Duft von Zuckerrohr da, ich denke, da habe ich für mich die Charakteristik der Brennerei gefunden. Leicht parfümig wirkt der Two of Pao, mit einer floralen und fruchtigen Note, die ich der Mischung mit dem PX zuschreibe. Wirklich sehr angenehm, komplex und unterhaltsam, da riecht man sehr gerne dran, insbesondere, weil der Alkohol hier sehr, sehr viel besser integriert ist und nie piekst, sondern eher noch leichte Lacknoten dazuliefert.

Für ein paar Millisekunden hat man einen süßen, weichen Eindruck beim Antrunk, das verfliegt aber sofort und zeigt dann direkt die trockene, herbe Struktur des Two of Pao. Mittlerer Körper, wilde Würze, deutliche Salzigkeit, ein Tick Umami, da ist wirklich Kraft und Feuer drin, der Rum hält sich nicht zurück und bietet Dichte und Explosivität. Das betäubt Zunge und Gaumen etwas, kühlt diese dann runter auf mentholische Ebenen, mit einem ähnlichen Hauch, der nun viel klassische Rumtypizität ausstrahlt; die Exotik der Nase blitzt nochmal kurz im langen, floralen Nachhall auf.

Auch hier gilt – das ist ungewöhnlich und besonders, ein Rum, wie man ihn nicht täglich im Glas hat, mit klarer Brennereicharakteristik und gut gemachtem Ausbau; der Sherry ergänzt dieses Destillat um genau das, was es braucht, um so ein wirklich tolles Geschmackserlebnis zu erzeugen.


Nine Leaves auf Burg Scharfenstein

Natürlich würde ich hier einen Cocktail vorstellen; doch Ace of Guru und Two of Pao sind so unterschiedlich, dass ich einen auswählen müsste, und das würde dem anderen nicht gerecht, denn wo der eine gut geht, wäre der andere Fehl am Platze, und umgekehrt. Da eh nicht so viel drin ist in den zwei VSGB-Fläschchen, habe ich mich stattdessen entschieden, die beiden mit nach Burg Scharfenstein zum German Whisky Award zu nehmen, und die nach der Verkostung übrigen Schlucke mit den geschätzten Kollegen zu teilen, so dass die Whiskynerds endlich auch mal lernen, dass Rum eine enorme Spannbreite haben kann, die der von Whisky weit voraus ist.

Weinessiggut Doktorenhof

Am 25.06.2026 besuchten die Juroren des ISW (Internationaler Spirituosen Wettbewerb) nach der Tagesverkostung das Weinessiggut Doktorenhof in Venningen, einem kleinen Dorf an der Südlichen Weinstraße. Eine Tour durch die Essigkeller und Kräuterkammer, die Georg-Heinrich „Schorsch“ Wiedemann persönlich leitete und historische, biologische, und regionale Anekdoten einflocht. Eine Trinkessigverkostung schloss das Erlebnis ab, das mich sehr beeindruckt hat – nach dem Besuch einer chinesischen Essigmanufaktur war dies das zweite besondere Ereignis, das mich nun mit Essig verbindet. Im angegliederten Shop habe ich 3 Flaschen Trinkessig mitgenommen, die ich im Laufe der Zeit in meinem Blog vorstellen werde, dazu ein Essigverkostungsglas. Als Gastgeschenk haben die Juroren des ISW noch eine Pipettenflasche des „Travel Vinegar“ bekommen, die mir auf der langen, heißen Fahrt bei 40°C bereits gute Dienste leisten konnte.

Weinessiggut Doktorenhof Trinkessige

Ein wirklich lohnenswerter Besuch für alle, die besondere Genuss- und Lebensmittel zu schätzen wissen. Der Manufakturcharakter, der charismatische Besitzer, die grundsätzlich schöne Umgebung sorgen für beste Unterhaltung. Hier nun noch ein paar Bilder der Tour.

Bier am Freitag – Põhjala Cellar Series Barrique Noire BA Imperial Baltic Porter

Exotische Fassvorbelegungen waren ja lange eine Domäne von Spirituosen; manche Brauer trauen sich aber auch immer wieder an fassgereifte Biere, die sie in gebrauchte Fässer legen, in denen vorher schon ein anderes Produkt seine Ecken und Kanten ans Fassholz abgegeben hat. Beim estnischen Brauer Põhjala sucht man sich für die Cellar Series immer wieder derartige Fässer aus. Für das Põhjala Cellar Series Barrique Noire BA Imperial Baltic Porter hat man ein dunkles Bier in französische Crème-de-Cassis-Fässer verbracht. Das Basisbier ist auf 12% Alkoholgehalt eingebraut, mit El-Dorado-Hopfen, und verschiedenen Malzen (Pilsner, Münchner Malz hell, Hafermalz, Caramel 150, Röstmalz, Weizenröstmalz), üppige 40 IBU gibt man als Bitterwert an. Ich habe leichte Mühe, den schwarzen Wachsüberzug über dem Kronkorken zu lösen, ab dann geht alles ganz leicht – auch wenn das Wort „leicht“ in keiner Beziehung für so ein schweres, bitteres, alkoholstarkes Bier passt.

Põhjala Cellar Series Barrique Noire BA Imperial Baltic Porter

Komplett blickdicht, extrem dunkel, zwischen Ebenholz und Mahagoni, also nicht ganz schwarz, aber nah dran. Der Schaum ist nussbraun, auch dunkler, als man es gewohnt ist, mit rostroten Nebentönen. Er ist zu Beginn überraschend kräftig, sackt mit der Zeit in sich zusammen, und bleibt als feiner Flaum dann lange auf dem Bier.

Sehr röstig und malzig, wie ich es erwartet habe. Eindrücke von Kaffee und Bitterschokolade dominieren, aber auch süßere, leicht nussige und cremige Komponenten wie Nougat oder geröstete Maronen kommen vor, mir entstehen Erinnerungen an ungarisches Gesztenyepüré. Man erkennt aber auch sofort den Einfluss des Crème-de-Cassis-Fasses, die dunkle, beerige Frucht ist direkt und prägnant da, wuchtig, und passt sich trotzdem fein ins Gesamtbild ein, ohne als Fremdkörper zu wirken.

Der Antrunk ist schwer, da kämpfen schwere, fast schon klebrige Süße und spitzige, zestige Säure gegeneinander – kein ruhiges, rundes, ausgewogenes Gefühl, mehr kantige Wildheit. Kaffee und Cassis passen im Mund auch nicht so gut zusammen, wie das in der Nase der Fall war, die zappeln gegeneinander an. Die Textur ist dafür voll, schwer und dicht, und sie tut ihr Bestes, all die Gegensätze aufzufangen, schafft es aber nur in Maßen; dafür ist der hohe Alkoholgehalt nie spürbar und gibt stattdessen Volumen. Das Bier ist trotz alledem sehr rezent, fast schon kratzig frisch. Der Abgang ist lang und sehr bitter, mit leichter Astringenz, erneut voller limettiger Zeste und mit milden Nüssen im Nachhall. Ganz spät kommt die Johannisbeere nochmal zum Vorschein, auch sie mit bitterem Beiklang.

Kein unkompliziertes Bier, das muss ich sagen. Es unterhält mich, aber überzeugt mich nicht in letzter Konsequenz; gerade der schon richtig pappige Süßaspekt stört mich sogar. Vielleicht hätte ich es noch ein paar Jahre im Keller liegen lassen sollen, damit sich das Bier noch etwas integrieren kann. Im Gesamtbild ist das Põhjala Cellar Series Barrique Noire BA Imperial Baltic Porter eher was für den Experten, der die Widersprüchlichkeit akzeptieren und genießen kann, und weniger was für den, der ein besonderes Bier für zwischendurch sucht.

Hohes Weinwachstum – Yokich Singani

Wer kennt ihn nicht – die Nationalspirituose Boliviens, den Singani, ein Weinbrand gemacht ausschließlich aus Wein der Rebsorte Moscatel de Alejandría, die im südlichen Bolivien in Höhenlagen angebaut wird. Nun, wahrscheinlich kennt ihn erstmal so keiner hierzulande, ich wäre überrascht, wenn sich ein Leser meldet und sagt, dass er ihn schon seit Jahrzehnten zuhause im Regal stehen hat. Die Globalisierung und das wachsende Interesse an Spezialitäten aus aller Welt macht es aber möglich, dass wir selbst so seltene Produkte inzwischen hierzulande kennenlernen können, inklusive des Erwerbs einer Flasche verschiedener Hersteller. Ich persönlich habe Singani erst durch meine Teilnahme am Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by CMB kennengelernt, als Singani in einem meiner Tischflights auftauchte.

Der Singani, den ich heute vorstelle, steht auch mit diesem Wettbewerb in Verbindung: Yokich Singani hat nämlich eine Großgoldmedaille dort gewonnen, jedes Jahr gibt es nur eine Handvoll dieser Auszeichnungen. Da habe ich natürlich wenig Bedenken, dass da irgendwelche Probleme beim Verkosten auftauchen werden. Ein paar Hinweise erstmal aber zur allgemeinen Herstellung dieses Singanis. Er stammt aus dem Cinti-Valley im Departamento Chuquisaca in Bolivien. Selbst das Tal liegt auf ordentlichen 2450m, eine Höhe, bei der mir beim Wandern in Österreich langsam die Luft ausgeht, und wo man anderswo eher Gipfelkreuze, Steinlandschaften und Eishügel erwartet als Rebstöcke; hier werden die höchsten Weine der Welt gemacht. Traditionell wird dort seit fast 500 Jahren Wein angebaut, und Singani als Folge; die ältesten wurzelechten Weinstöcke Südamerikas sind hier beheimatet, profitieren dabei von der Sonne der Höhenlage und sind durch die Hänge des Tals windgeschützt. Singani ist seit 1992 im Schutzstatus einer Denominación de origen, die Gesetze wurden seitdem immer weiter verfeinert, insbesondere zur Abgrenzung des verwandten Pisco und ungeregelt gebranntem Weinbrand. Singani ist immer single-batch, wird nicht geblendet, darf nicht nachbehandelt werden durch Zusätze, und ist in der Regel ungereift. Öffnen wir die Flasche des Exoten aus Bolivien, und probieren ihn!

Yokich Singani

Singani wird, wie gesagt, meist direkt nach der Destillation auf Flaschen gezogen, eine Reifung in Holzfässern ist nicht vorgesehen, und wenn es passiert, darf sich das Ergebnis nicht Singani nennen. Darum ist der Brand im Glas auch völlig glasklar, glitzernd und rein. Beim Drehen des Glases sieht man mittlere Viskosität; sie sorgt auch für einen adrigen Film an der Glaswand.

Der Duft, der dem Glas entströmt, ist direkt vollfloral und fruchtlastig. Man erahnt sofort die fermentierten süßen Trauben, dazu eine klare Muskat-Typizität, die hier fast in Moschus übergeht, ist präsent und definiert den Brand. Kopfnoten von Bergamotte und Grapefruit sind erkennbar, und ein Hauch Menthol unterstützt diese Frische. Ich rieche aber auch eine grüne Komponente, Geranie und Blattstengel, fast ein Hauch von Agave. Lässt man den Brand atmen, entsteht auch eine dunkle, aromatische Würze, die an Süßholz und Sandelholz erinnert, dazu Muskatnuss. All das zeigt, dass der Yokich mit einer ansprechenden Komplexität ausgestattet ist, die sich aber nicht auffächert, sondern die Rebsortenbesonderheiten in unterschiedlichen Aspekten präsentiert. Sehr elegant, sehr leicht, parfümiert.

Yokich Singani Glas

Die Textur ist sehr mild, sehr weich, fast schon zart, mit einem luftigen und eleganten Körper, 34% Alkoholgehalt machen dies möglich, fallen aber nicht durch Mangeleffekte auf: Durch die intensive, natürliche Fruchtsüße erscheint der Yokich eben nicht flüchtig und wässrig, sondern sogar durchaus dicht und wenn auch nicht voluminös, so zumindest breit. Die Trauben- und Muskataromen präsentieren sich noch intensiver als in der Nase, im Verlauf kommt vorsichtige Würze auf, ein Hauch von schwarzem Pfeffer lässt die Zunge kribbeln, der Brand bleibt aber eckenlos und samtig bis zum Schluss. Ein herrliches Mundgefühl, das den Alkohol perfekt einbindet, führt langsam zum Finish, in dem noch einmal die Muskatnuss aufblitzt, dazu eine ganz dezent herbe Bittere als Unterlage für die langblühende Floralität entsteht. Der Nachhall ist ebenso lang, sehr floral und dabei mit einer schlanken Agavengrüne versehen.

Wenn es je ein Destillat gab, das den Bezeichner „elegant“ verdient, dann ist das der Yokich Singani. Ein schlanker Brand, edel mit leichten aber effektiven Aromen ausgestattet, handwerklich makellos gemacht und dazu mit genau dem Ausmaß an Exotik versehen, um ihn über viele Konkurrenten hinauszuheben. Die Auszeichnung als „Entdeckung“ bei Spirits Selection by CMB 2025 und die gewonnene Großgoldmedaille kann ich voll nachvollziehen.


Eine Ähnlichkeit zu Pisco ist natürlich nicht zu verneinen, da muss man nichts rumdeuteln. Darum habe ich auch ein Rezept für einen Cocktail ausgewählt, das eigentlich gerne Pisco hätte. Vielleicht kommt einem Jamaica-Rum als Mitspieler sehr hart vor, doch tatsächlich spielen der zarte Singani und der wilde Rum richtig gut miteinander im Eternal Mystery Blossom. Ein süffiger Cocktail, der das Beste aus beiden herausholt.

Eternal Mystery Blossom Cocktail

Eternal Mystery Blossom
1oz / 30ml Pisco/Singani
1oz / 30ml ungereifter Jamaica-Overproof-Rum
¼oz / 7ml Yuzu-Likör
½oz / 15ml Mangopüree
½oz / 15ml Limettensaft
Auf Eis blenden. Mit frisch geriebener Limettenzeste überstreuen.

[Rezept nach Shannon Mustipher]


Yokich Singani Papierumwicklung

Man hält sich in der Produktpräsentation sehr zurück – die Flasche ist standardisiert, das Etikett zeigt eine Karikatur eines Lamas vor Berghintergrund, die mir gefällt, weil sie einen leisen Humor miteinbringt, ohne ins Flache zu verfallen. Es ist für den deutschen Markt sogar mit deutschen Texten versehen, etwas, das man nicht oft bei derartig seltenen Produkten antrifft, der Importeur macht sich offensichtlich Gedanken und investiert mit. Bei der Lieferung war meine Flasche dazu noch mit einer Seidenpapier-Hülle umwickelt.

Bolivien ist eines meiner (zugegebenermaßen vielen) Bucket-List-Reiseziele. Den Winzer kann man besuchen, vielleicht ergibt es sich irgendwann mal, dass ich dorthin komme und probieren kann, wie sich Singani so auf zweieinhalbtausend Metern trinkt. In Österreich habe ich oft erlebt, dass Brände in ihrer Heimat anders schmecken als hier im flachen Deutschland – es wäre ein tolles Experiment.

Armagnac am Freitag – Distilled Grapes Domaine de Danis 1985

Gesponsortes Produkt

39 Jahre – das ist für viele Spirituosen ein Alter, ab dem man sie als normaler Mensch nicht mehr bezahlen kann. Whisky ist da völlig aus dem Rennen, bei Rum muss man inzwischen viel Glück und den gefüllten Geldbeutel haben. Für Armagnac ist man mit so einem Alter aber noch im Rennen und kann sich die entsprechenden Abfüllungen tatsächlich noch leisten. Der Distilled Grapes Domaine de Danis 1985 aus der Region Armagnac Ténarèze ist zum aktuellen Zeitpunkt schon ausverkauft, aber 160€ Liste ist tatsächlich nicht völlig aus der Welt, insbesondere für Single-Cask in Cask-Strength (mit 47,1% Alkoholgehalt überraschend niedrig, aber das ist eine Typizität der Domaine de Danis). Folle Blanche ist die alleinige Rebsorte. Ich hatte vor einer Weile schon den Danis 1988 besprochen, mal schauen, wie sich die ältere Variante im Vergleich zeigt.

Grape of the Art Domaine de Danis 1985

Rostrot, mit orangenen und goldenen Lichtreflexen, die sich in der sehr öligen Flüssigkeit gut präsentieren. Üppige Glaswandartefakte bilden sich, die lange haften bleiben.

Wunderbar fruchtig kommt die Nase, mit Weinbergpfirsich, Mirabelle und wuchtiger Traubigkeit. Kategorietypisch finde ich diese feine, herbfrische Anisnote, die Komplexität mit sich bringt. Ein Hauch von Lack unterstützt dies noch. Der Unterbau ist perfekt integriertes Holz, das das Gesamtbild aromatisch veredelt und sich selbst nach 39 Fassjahren nicht aufdrängt.

Zart, mild und feinsüß erscheint er dann am Gaumen, ein wirklich charmanter Antrunk, der das volle, aber dennoch irgendwie leichte Mundgefühl einleitet. Die Textur ist dicht und rund, aber überhaupt nicht schwer, die Früchte erblühen hier voll, basierend auf einer effektiven Süßbittere, die noch eine leichte Salzigkeit mit sich bringt. Im Verlauf entsteht pikante, leicht im Rachen prickelnde Würze, die Früchte werden immer dominanter, dazu ein wunderbarer Süßholzaspekt, der insbesondere im Nachhall richtig toll aufgeht in voller Jasminblüte – dieser Nachhall ist grandios, gleichzeitig völlig unkompliziert.

Süffig, aromatisch, balanciert und mit genau der richtigen Komplexität. Der Distilled Grapes Domaine de Danis 1985 ist sicher was für jeden Genießer, dafür muss man kein Armagnacexperte sein. Wer noch irgendwo eine Flasche bekommen kann… zugreifen!

Jahrgänge aus dem Fass – Vieux Sajous Aged 5 Years Vintages 1998, 1999, 2000

Man hört nicht mehr so dramatisch viel von Clairin, wie damals, als Velier die Rumwelt mit seiner Marketingkampagnie für den Brand aus Haiti aufwirbelte. Da war Clairin in aller Munde, jeder wollte es probieren, doch nicht jeder konnte mit dem wilden, unzivilisierten Destillat aus Zuckerrohr wirklich etwas anfangen, dazu war es zu aromatisch und direkt für den Gaumen der breiten Masse. Dennoch setzte sich Clairin fest im Kanon der Weltspirituosen, sicherlich eine gute Sache für das geplagte Haiti, auch mal gute Schlagzeilen zu machen, nicht nur schlimme. Und auch wenn aktuell keine Clairin-Sensationen mehr erfolgen, so tropft immer wieder eine Neuabfüllung bis zu uns nach Deutschland durch, und Stetigkeit ist für die Brenner auf Haiti sicherlich lieber als Flash-and-Burn, wie das bei anderen Dingen zu oft passiert.

Die Destillerie Chelo im Grand Terroir Saint Michel de l’Attalaye, besser bekannt als die Brennerei von Michel Sajous, hat sich hartnäckig gezeigt und sich nicht auf dem initialen Erfolg ausgeruht. Dort hat man schnell begonnen, den nun beliebten Clairin auch in Fässer zu legen und im tropischen Klima Haitis zu reifen. Die ersten Ergebnisse waren vielversprechend, ich hatte hier schon ein paar der Clairin Ansyens, wie sie genannt wurden, besprochen. Doch nun scheint es sich herauszubilden, dass die Fassreifung in ein durchgängiges Schema transiert ist, so dass wir nun vielleicht jährlich einen neuen gereiften Jahrgangsclairin von Michel Sajous bekommen können, mit dem prestigeträchtigeren Titel „Vieux“ ausgezeichnet – aus dieser Reihe stelle ich heute mal drei Jahrgänge vor, die im VSGB-Projekt erschienen sind: Vieux Sajous Aged 5 Years Vintages 1998, 1999 und 2000.

Vieux Sajous Aged 5 Years Vintages 1998, 1999, 2000

In Erweiterung zu dem schon hier erwähnten „Vieux Sajous“, der 4 Jahre gereift wurde, sind diese Brände aus dem indigenen „Cristalline“-Zuckerrohr alle 5 Jahre im Fass gelegen – ein Zeichen für mich, dass hier durchaus Fassmanagement mit unterschiedlichen Altern und Vorbelegungen Einzug gehalten hat. 2018 wurde ein Clairin in 18 Fässer mit Single-Malt oder Rum-Vorbelegung verpflanzt, und dann mit 57,5% Fassstärke abgefüllt. Ähnlich machte man es 2019, 21 Fässer mit Single-Malt oder Rum-Vorbelegung wurden dafür dann genutzt, die Abfüllstärke ist 58,3%. Und schließlich 2020, das gleiche Vorgehen, 19 Fässer gleicher Art wurden herangezogen, am Ende mit 59,52% in die Flasche gefüllt. Ich bespreche hier alle drei in einem Sammelartikel, um die kleinen, aber feinen Unterschiede, die dabei hoffentlich entstanden sind, herauszuarbeiten.


Farblich sind sie alle sehr ähnlich, der 2018er hat vielleicht einen Hauch mehr Kontrast als die beiden anderen, das ist aber im Minimalstbereich. Ich würde irgendwie auf klares, leuchtendes Bernstein verweisen, mit orangefarbenen Lichtreflexen. Auch in der Viskosität ist kein wirklich nennenswerter Unterschied sichtbar; sie verhalten sich schwer, ölig und lassen fette Tropfen an der Glaswand.

In der Nase finde ich dann aber die Eigenheiten. 2018 ist deutlich esterig, quietschig und hat Töne von Leder, würzigem Tabak und einen Hauch von feuchtem Karton. Hell, klar und fast minzig frisch wirkt er, leicht und dennoch mit Charakter. 2019 hat einen völlig anderen Zuschnitt, hier sticht sofort Banane, reife Ananas und Mango hervor, er ist viel fruchtiger, weniger würzig. Ein Hauch Anis kommt vor, etwas grünes Gras. Ein insgesamt weicherer, voller und sanfterer Duft. Für den 2020 klärt sich das wieder etwas auf, er ähnelt erkennbar mehr dem 2018er als dem 2019er. Auch hier finde ich Leder und Tabak, kombiniert mit etwas Muskatnuss und einem Anflug von Sternanis, er bleibt dabei etwas wärmer im Gefühl als der kühle 2018.

Vieux Sajous Aged 5 Years Vintages 1998, 1999, 2000 Glas

Im Antrunk zeigt sich der 2018er initial süß und weich, das ändert sich aber sehr zeitig, pochende Wärme bildet sich aus der sich ausbreitenden Würze, die sich in dem wunderbar eingebundenen Alkoholgehalt tragen lässt. Die Mischung aus Trockenheit und Frucht ist typisch für gereifte Clairins, Anis und Süßholz geben den exotischen Touch, zusammen mit feiner Salzigkeit. Der Abgang ist sehr lang und hält die Aromatik aufrecht, Tabak und Ananas klingen lange nach, und der Gaumen und Rachen bleiben gewärmt. Beim 2019er schießen die Ester dagegen sofort beim ersten Kontakt voll nach vorne, mit einer erkennbar zur Säure tendierenden Balance. Ananas und Mango bilden die Frucht ab, darunter ist Lakritz und im späten Verlauf eiskalte Minze, die sich frisch und frech am hinteren Gaumen festsetzt und von dort aus alles runterkühlt. Der Abgang ist nicht ganz so lang wie beim 2018er, aber in der kürzeren Zeit effektvoller. Für den 2020er verstärkt sich das alles nocheinmal, zwar deutlich weniger ausgeprägte Frucht, aber esterig wirkt er dennoch am meisten. Auch sind die Minz- und Aniseffekte hier am klarsten vorhanden. Gegen Ende wird er auch wirklich staubtrocken, saugt etwas Spucke aus den Backentaschen, und glüht in der Speiseröhre. Bei ihm entdecke ich erstmals nun auch im Nachhall Eindrücke von Single Malt, nur in winzigen Dosen, aber doch spürbar.

Ja, sie ähneln sich definitiv, die drei Jahrgänge, aber haben dennoch klare eigene Eigenschaften, so dass man nicht befürchten muss, einfach dreimal den sensorisch gleichen Rum verkauft zu bekommen. Es ist auch mehr die generelle Typizität eines gereiften Clairins, die sie ähnlich machen, bleibt man gedanklich rein in dieser Kategorie, muss man die Unterschiede doch deutlicher betonen. Für alle gilt – es sind großartig ausgebaute Rums, die die Eckigkeit und Wildheit des ungereiften Clairins abbauen, ohne sie zu zerstören. Der Alkohol ist in allen großartig verbaut, die Holznoten bleiben elegant und nicht übertanninig, das Mundgefühl ist breit und voll. Weiterhin sind es aber Clairins, das heißt, das hier nichts gemütlich oder wirklich weich wird, sondern immer noch grasige, freche, maritime, salzige und würzige Eindrücke dominieren. Und das mag ich sehr an den Vieux Sajous 2018, 2019 und 2020, mit den Besonderheiten, die jeder für sich aufweist.


Für solche Brände darf man gern klotzen, was die anderen Zutaten angeht, ein Clairin geht schlicht nicht unter, egal, was man sonst verwendet. Der Wordsmith ist eine Variation auf den Last Word, und zeigt genau das. Aber vorsicht, so ein Drink haut rein, das ist kein leichter Aperitif, sondern ein Late Night Absacker, der den Abend beendet. Hier habe ich die Chance genutzt, und gleiche Teile von allen drei Jahrgängen verwendet, das macht den Cocktail direkt noch ein bisschen besonderer.

Wordsmith Cocktail

Wordsmith
25ml gereifter Clairin
25ml Chartreuse Verte
25ml Maraschino-Likör
25ml Limettensaft
Auf Eis shaken. Mit Limettenzeste dekorieren.

[Rezept nach Chuck Taggart]


Ich finde es fast ein bisschen schade, dass man mit dem 2020er aus der Reihe der Gestaltung ein bisschen ausgebrochen ist und statt dem Schwarzweiß- ein Farbbild genutzt hat fürs Etikett und den Karton. Tatsächlich stört mich aber, dass für den Karton Text und Bild nach unten versetzt wurden, das bricht den Eindruck, wenn alle drei nebeneinander im Regal stehen. Na, mal schauen, was 2021 diesbezüglich bringt, ich gehe fest davon aus, dass weitere Einträge in dieser sehr gelungenen Reihe folgen werden.

Bei der letzten Bestellung über Spirit Academy habe ich neben dem 2020er Vieux Sajous auch gleich noch ein Hemd aus der B-tik-Kollektion von Velier mitbestellt. Das ist von der Gestaltung eher an die Clairins der Destillerie von Faubert Casimir angelehnt, aber letztlich ist das auch egal – schöne Hemden, wirklich hübsch gestaltet, angenehm zu tragen, und durchaus auffällig in dem knalligen Rot. Ich hatte es während des Madeira Rum Festivals an, und habe gemerkt, dass Leute interessiert darauf geschaut haben – wer auffallen will, ist mit dieser Kollektion gut bedient, das ist eher nichts für den, der in der Öffentlichkeit unter dem Radar fliegen will. Rum schmeckt jedenfalls noch besser, wenn man es trägt.

Weine aus Madeira – Blandy’s Madeira Wine

Ich habe Kopfschütteln und verdrehte Augen gesehen, als ich auf die Frage, wie man in Deutschland Madeira-Wein trinkt, ehrlich geantwortet habe – gar nicht, es ist eine Kochzutat hierzulande. Und ich glaube, damit spreche ich für einen Löwenanteil der Bevölkerung, die nur die eine Flasche, die man in Märkten findet, für Soßen oder Aromatisierung heranzieht. Dabei sind die Madeiraner extrem stolz auf ihren Wein, der Tradition und Geschichte aufzuweisen hat. Das Handwerk wird auch heute ernst genommen, der Wein in alle Welt exportiert, lieber natürlich in Länder, die den Wein von der Insel als edles Getränk zu schätzen wissen. Ich habe ein kleines Set der Basisprodukte eines Herstellers mitgebracht, Blandy’s Madeira Wine, mit den Rebsorten Sercial, Verdelho, Bual und Malmsey. Bei Blandy’s in Funchal arbeitet man seit mehr als 200 Jahren und 7 Generationen mit den besonderen Weinen der Insel.

Alle vier sind die traditionellen großen portugiesischen Rebsorten, die für Madeira-Wein schon immer eingesetzt wurden. Madeira-Wein ist ein fortifizierter Wein, auch vinho generoso genannt, ähnlich wie Portwein und Sherry. Besonders hervorzuheben ist beim Madeira die durch Hitze geförderte Karamellisation und Oxidation – man legt die Fässer gerne unters Dach (Canteiro), in die pralle Sonne, und nutzt keine Weinkeller wie bei anderen Weinen dieser Art. Alternativ werden sie im Estufagem-Verfahren künstlich erhitzt. Die in meinem Set enthaltenen Sorten sind alle monovarietale Blends, wie ein Großteil der Produktion insgesamt, aus verschiedenen Ernten und weisen 19% Alkoholgehalt auf.

Wie ich es bei der Verkostung in der Lodge (siehe dazu unten mehr) gelernt habe, fangen wir mit dem trockenen Wein an, dem Blandy’s Sercial 5 Years Old. Sercial ist eine autochthone portugiesische Weißweinrebe, die säurebetonte, strenge Weine liefert.

Blandy's Sercial 5 Years Old Madeira Wine

Zwischen Terracotta und Rostbraun liegt die Farbe, mit strohgelben Lichtreflexen. Die Textur ist ölig und schwer. Die Nase findet viele nussige Aromen, dazu getrocknete Pflaumen und gelbe Rosinen, und Datteln. Frische Mango liegt darüber. Ein minimaler Alkoholhauch ist erkennbar. Der Antrunk ist säuerlich, zitronensaftig, mit einer bitteren Unterseite. Dies bleibt in Kombination auch lange bestehen, das trockene, aber nie astringierende Mundgefühl kommt dazu, insgesamt ein sehr frischer, klarer, strenger Eindruck, der sich durch die nussigen und trockenfruchtigen Aromen aber auflockert und dann elegant und filigran wirkt. Die Kombination aus Zitrone und Mandel ist wirklich apart – so etwas als kleiner Aperitif zur Gaumenöffnung funktioniert sicher sehr gut.


Als „Medium Dry“ wird der Blandy’s Verdelho 5 Years Old eingestuft. Die weiße Rebsorte Verdelho ist auch unter dem Namen Gouveio bekannt, und wird auch gerne für weißen Portwein verwendet; der Wein aus ihr ist säurebetont und alkoholreich.

Blandy's Verdelho 5 Years Old Madeira Wine

Akazienholzfarben mit deutlichen orangefarbenen Lichtreflexen landet er im Glas, und er hinterlässt richtig dicke, fette Tropfen an der Glaswand beim Drehen des Glases. Die Trockenfrüchte sind hier noch ausgeprägter, das fühlt sich an, als riecht man an einem Dattel-Rosinen-Sirup; eine kleine herbe Kante lockert das aber sofort auf, mit feinsten Holztönen. Honig, Nussmischung und ein Beiklang von Pflaume sorgen für Komplexität. Im Mund fühlt man sofort die Balance aus Süße und Säure, mit letzterer als Gewinner über den Verlauf; die schweren Frucht- und Nussaromen werden davon getragen. Das Mundgefühl ist weich, immer noch durchaus trocken, ohne Astringenz. Im Finish finde ich eine leichte Pikanz, und ein entstehendes Wintergrünaroma, das lange anhält. Richtig süffig trinkt sich das, ein bisschen schmeichelnder als der Sercial, hier gehe ich schon in Richtung Dessertbegleitung.


Die dritte Süßestufe, „Medium Rich“, erreichen wir mit dem Blandy’s Bual 5 Years Old. Bual (oder portugiesisch eigentlich Boal) ist autochton in Portugal und wird neben der Weinherstellung auch gerne als Tafeltraube genutzt, sie ist balanciert und aromatisch.

Blandy's Bual 5 Years Old Madeira Wine

Die Farbe geht hier fast schon ins Kastanienbraun über, und die Viskosität ist beeindruckend schwer. Fette Beine laufen nach dem Drehen des Glases langsam ab. Aromatisch ist der Bual hier ein kleines bisschen zurückgenommen, ich finde aber mühelos Honigmelone, reife Ananas und weiterhin natürlich Rosinen; es gibt etwas weniger Nüsse zu entdecken. Die Süßestufe erkennt man im Antrunk noch nicht, hier knackt die Säure noch, im späteren Verlauf zieht hier aber dann doch die Süße auf und zeigt sich erstmals als fast gleichwertiger Spieler, hat sogar Chancen gegen die Trockenheit. Tropische Früchte bilden die Hauptgeschmäcker, erneut Ananas und Melone, und im Finish ist auch das Wintergrün wieder da, nun aber gekontert von erkennbarer Holzherbe. Für mich persönlich ist der Bual etwas unentschieden, wo er hinwill, und es ist erkennbar weniger Spannung im Wein – doch vielleicht ist diese aufkeimende Gemütlichkeit genau das, was andere daran mögen.


Die süßeste Stufe, „Rich“, hat am Ende nun der Blandy’s Malmsey 5 Years Old. Malmsey oder Malvasia ist eine weiße Rebsorte und hat eigentlich wohl griechischen Ursprung (ich verweise gerne auf meinen Artikel über den Wein und Traubenbrand aus Malagouzia hier).

Blandy's Malmsey 5 Years Old Madeira Wine

Einen Sprung machen wir auch in der Farbe, die nun deutlich gebranntes Siena ist, mit Zwischentönen von Rost und Kupfer. Ölig schwappt der Wein im Glas, zeigt sich sehr haftfreudig. Für die Nase gibt es nun feine, puddingartige Vanille, richtig ausgeprägte Butter, und darunter dichtes, nasses Fassholz – eine ausgesprochen schwere Mischung, und klar abgegrenzt zu allen drei Vorgängern, auch wenn die typischen Rosinen und Nüsse immer noch erkennbar bleiben. Im Mund fühlt es sich nun schwerer an, bleibt immer noch säuregetrieben gegen die Süße, insbesondere im Finish; man darf trotz des Namens hier keinen Süßwein erwarten, auch wenn man sich dem nähert. Die Rosinen sind nun dichter, dunkler und gedörrter im Gefühl, dazu kommen Pflaumen und ein Anklang von Backgewürz. Der Abgang ist viel holziger als bei den anderen Varianten und das Holz brummt lange nach. Hier erreiche ich etwas, das ich gerne einfach so schlürfen würde, ohne Anlass oder Begleitung, ein sehr ausgewogener Wein für den reinen Genuss.


Was ist das Fazit? Alle vier sind deutlich säuregetriebene Weine, in unterschiedlichen Stufen der Trockenheit am Gaumen, die aber genug gemeinsame Typizität aufweisen, um erkennbar in eine Kategorie verortet werden zu können. Die Ähnlichkeit zu Sherry ist gegeben, und wer das eine mag, darf ruhig auch das andere mal betrachten, um seinen Geschmackshorizont zu erweitern. Ich finde die Weine von Blandy’s jedenfalls handwerklich hervorragend gemacht, und voller Spannung und Abwechslung.


Hier nun noch ein paar Eindrücke, die ich beim Besuch der Blandy’s Wine Lodge aufgesammelt habe. 23€ kostet die Tour aktuell, die in mehreren Sprachen verfügbar ist, auch deutsch, sie beinhaltet eine ausführliche Erklärung der Herstellung und Geschichte, und sogar auch eine geführte kleine Verkostung von drei Sorten am Ende. Wer in Funchal eine Stunde Zeit findet, wird sie dort sinnvoll und unterhaltsam nutzen können!

Wer etwas elaborierteres trinken möchte als diese 5 Jahre alten Weine, der findet ein ähnliches Set auch mit 10-jährigen Inhalten; wer seinen Favoriten gefunden hat, kann natürlich die Großflasche der vielen rebsortenreinen und rebsortengemischten Blends des Hauses, oder eine Colheita-Abfüllung mit Angabe des Erntejahrs erwerben. Ich habe meinen Blick auf eine Terrantez-Variante geworfen, allerdings ist sowas schwer zu bekommen und sehr teuer.

Für mich ist Madeira-Wein nun, nachdem ich ihn am eigenen Leib vor Ort erlebt habe, natürlich keine Kochzutat mehr. Aber so geht es mir oft – durch die Reisen sieht man viele Dinge, die man als gegeben hinnimmt, plötzlich mit anderen Augen, reichhaltiger, wärmer, bedeutsamer. Und ich hoffe, ich kann ein paar Leser dazu bringen, sich diesem Weg anzuschließen.