Die Geschichte mit der Kirsche – Luxardo Maraschino Originale

Einige Spirituosen haben eine Gegenwart, aber keine Vergangenheit; und manche haben eine Vergangenheit, aber keine Gegenwart. Es ist ein Glücksfall, wenn sich ein Produkt sowohl früher als auch heute halten kann. Es passiert in so einem Fall dann aber oft, dass sich trotz der beständigen Verfügbarkeit über Jahrzehnte oder Jahrhunderte  ein auf und ab in der Beliebtheit zeigt. Die schwierigen Zeiten zu überstehen, und in den Hochphasen nicht zu überdrehen, das ist die Kunst, die es zu meistern gilt.

Ein Beispiel dafür ist der Likör Maraschino. Dieses Jahr darf der italienische Likörhersteller Luxardo mit seiner weltbekannten Marke Luxardo Maraschino Originale ein 200-Jahre-Jubiläum feiern, etwas, das wahrhaft nicht viele Marken von sich sagen können. Der Kirschlikör, hergestellt aus zerstoßenen dalmatischen Marasca-Kirschen (inklusive dem Kern!), hat dabei noch die gesamte Geschichte der Cocktails mitgemacht – mal geliebt, mal verachtet, aber immer dabei. Für viele klassische Präprohibitionsrezepte ist er nicht wegzudenken, und zu Beginn der modernen Cocktailrevolution in den 2000ern hat er eine gewichtige Rolle gespielt. Dass es dabei dann auch Phasen gab, in denen er als überschwere, zu aromatisch prominente und anderes überdeckende Gimmickzutat gesehen wurde, nun, wie gesagt, das gehört in der zyklischen Welt unseren Vorlieben dazu. Schauen wir uns mal an, wie der moderne Trinker der 2020er Jahre diesen Likör mit der wechselhaften Geschichte wahrnimmt.

Luxardo Maraschino

Wer bei Kirschlikör erstmal an die dunklen Varianten wie Cherry Heering oder Eckes Edelkirsch denkt, ist von der klaren Transparenz eines Maraschino-Likörs vielleicht überrascht. Natürlich ist jede Alkoholbasis, auf die ein Likör aufsetzt, erstmal klar, und entsprechend kommt bei zuerst genannten die dunkle Farbe dann aus Zusätzen, nicht aus den destillierten Kirschen selbst. Im Glas schwappt der Luxardo schwer hin und her, einen Film an der Glaswand hinterlassend, der in breiten, fast nicht voneinander abgrenzbaren Streifen abläuft.

Die Nase hat für mich etwas parfümartiges – da sind schwere Aromen aus dunklen Kirschen, Honig und reifen Pfirsichen und Birnen, aber auch sehr florale Komponenten, die an Rosenblätter und Jasmin erinnern. Ein betörender Eindruck, unterfüttert von Ideen von Thymian und Banane, insgesamt sehr voll, rund und vielschichtig. Schnuppert man länger und tiefer, kommt eine kleine Lacknote aus Ethanol dazu, doch auch diese bindet sich eher ein als zu stören. Ein Tipp voraus – das Glas nach der Verkostung nicht ausspülen, sondern leer stehen lassen und ein paar Stunden danach reinschnuppern. Wow! Das riecht wie ein ganzer Rosenbusch.

Luxardo Maraschino Originale Glas

Ein Likör ist natürlich per Definition süß, und der Luxardo Originale macht hier keine Ausnahme. Die Süße dominiert, wirkt aber nicht übermäßig pappig. Im Verlauf entsteht sogar etwas Würze, die viel des Zuckers ausgleicht und ein harmonisches, rundes und, ja, sogar feines Mundgefühl erzeugt. Die Aromen, die man im Mund wahrnimmt, unterscheiden sich kaum von dem, was die Nase so schon wusste – dunkle Kirsche, weitere Steinfrucht, Honig und diese so attraktive Blumigkeit. Eine leichte marzipanige Bittermandelnussigkeit kommt dazu. Das ist was, woran man echt schön und lange lutschen kann, 32% Alkoholgehalt sorgen dazu für ein bisschen mehr Kraft als manch anderer Likör das aufweisen kann. Der Abgang ist mittellang, auch hier von den bereits beschriebenen Eindrücken definiert, mit milder Wärme, und den Gaumen belegender Süße. Der Mangel an Spannung zwischen Nase und Mund ist vielleicht der einzige Mangel, den ich ausmachen kann.

Der klassische Drink mit Maraschino ist wahrscheinlich der Last Word, unglaublich lecker; hier kann der Luxardo alles zeigen, was er kann und lässt den Cocktail glitzern, für manche ist dort der dunkle Kirschgeschmack aber zu präsent – wie oben in der Einleitung angesprochen. Er hat aber auch soviel Kraft, dass er sich auch in kleineren Portionen bemerkbar machen kann (was moderne Bartender in ihren neuen Kreationen bevorzugen) – und das selbst gegen Enzianlikör, Kräuterschnaps und Zitrone. Der Picotin beweist das.

Picotin Cocktail


Picotin
¾ oz Suze
¾ oz Aquavit
⅔ oz Zitronensaft
½ oz Quinquina
⅓ oz Maraschino
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Florian Dubois]


Ein Problem, das ich oft in meiner Hausbar habe, ist, eine spezielle Spirituose schnell zu finden. Das ist beim Luxardo kein Thema – die hohe, sehr markante Flasche sticht heraus, nicht zuletzt auch wegen der aufwändigen Karton-/Papierumwickelung und des großen, mit Medaillen übersäten Etiketts. Dass der Markengründer selbst auf der Flasche „unterschreibt“ und damit die Echtheit zertifiziert, kennen wir ja von anderen Spirituosen, deren Beliebtheit viele Nachahmer auf den Markt gerufen hat (Southern Comfort, nur als ein Beispiel, hat das identische Konzept).

Maraschino ist selbst in einer kleinen Heimbar nicht ersetzbar (auch nicht durch die oben schon erwähnten dunklen Kirschliköre!), insbesondere nicht, wenn man sich für klassische Cocktailrezepturen interessiert. Natürlich muss es dabei nicht unbedingt die Marke Luxardo sein, es gibt heute so einige Alternativen. Bei mir persönlich punktet der Norditaliener halt zusätzlich mit der langen Tradition und der sehr opulenten Aufmachung – darum stehen bei mir zwar oft zwei oder drei Marken dieses Likörs parallel im Regal, aber der Stammplatz ist dauerhaft besetzt vom Original von 1821.

Bier am Freitag – Maassens Caffeebier

Deutschland hat echt viel zu bieten, wenn man kleine, knackige Tagesausflüge machen will. Da gibts an jeder Ecke was schönes zu sehen, und manchmal wird man trotz Vorschusslorbeeren überrascht. Meine Kurzreise nach Monschau in der Eifel war aus speziellen Gründen so etwas – normalerweise ist der Ort mit seiner gut erhaltenen Fachwerkhausinnenstadt, den vielen Museen und der interessanten, hauptsächlich auf früher Textilwirtschaft bauenden Stadtgeschichte ein Touristenmagnet; in Coronazeiten war es dort sehr viel entspannter und weniger gedrängt, so dass man all die Sehenswürdigkeiten besser genießen konnte. Darunter auch die Caffee-Rösterei Wilhelm Maassen, seit über 150 Jahren röstet man da Kaffee – und seit einiger Zeit kann man dort auch Bier erwerben, natürlich eins, das mit Kaffee aromatisiert wurde. Maassens Caffeebier wird in der Brasserie Grain d’Orge in Belgien für den Kaffeeröster gebraut und mit Arabica Espresso Brasil-Kaffeebohnen versetzt.

Maassens Caffeebier

Espressofarben, mit entsprechender Crema, die allerdings eher mittel- bis grobblasig ist und kurz nach Eingießen etwas in sich zusammenfällt. Völlig blickdicht, selbst gegen das Licht erahnt man mehr, dass da rostrote Reflexe sein könnten. Der Geruch ist betörend nach einer Mischung aus frisch gebrühtem Espresso und einer malzigen Unterlage, ohne zu extrem in die Aromatisierungsrichtung zu gehen – das erinnert an so manche Imperial Stouts. Würzig, mit der Zeit kommt leichte, dunkle Fruchtigkeit auf.

Auch im Geschmack überwältigt einen der Kaffee nicht, im Gegenteil – er ist toll eingebunden in ein würzig-aromatisch-malziges Gesamtbild. Eine schöne Säure balanciert das Ganze etwas aus, und nach dem initialen Kaffeebohnengeschmack kommt dann schnell das malzige belgische Dubbel zum Vorschein, mit der schönen Rezenz, leichten Cremigkeit und vollen Aromatik, gepowert von 6% Alkoholgehalt. Man mag mit Kaffee dunkle Aromen verbinden, hier hat man eher helle, frische, freche Töne als Kontrapunkt zum Kaffee. Der Abgang ist kurz, mit leichten Espressodüften und etwas fast schon zitroniger Säure. Leicht adstringierend, mildherb und trocken.  Ganz am Ende, wenn das Bier schon eine Weile aus dem Mund heraus ist, tauchen dann nochmal sehr deutlich frisch gemahlenes Kaffeepulver auf, das noch eine Weile nachklingt.

Also, mir gefällt das außerordentlich gut. Ich hatte, ehrlich, mit einem pappsüßen Cappuccinobier gerechnet, nicht mit einem erwachsenen, wirklich schön komponierten und zusammengestellten Bier, das das beste aus der belgischen Bier- und der Monschauer Kaffeewelt verbindet. Richtig gut gemacht! Wer nicht nach Monschau kommt (obwohl sich ein Tagesausflug sicherlich lohnt!), kann das Bier auch im Maassen-Onlineshop ordern.

Aus dem Hohen Norden – Bendita Tentación Mezcal Artesanal Joven

Nein, Mezcal wird niemals der Hype werden, den so mancher aufgeregte Journalist ihm aktuell und im letzten Jahr angedichtet hat. Die Spirituose ist zu speziell, zu unangepasst, und auch nicht in entsprechender Menge zu niedrigem Einstiegspreis anbietbar, um die Massen zu ködern. Man muss auch vorsichtig sein, was man einem Brand wünscht – denn zu einem Massenprodukt zu werden ist sicherlich nichts, was irgendeinem, der sich um Qualität und Tradition kümmert, ein Anliegen sein kann. Mezcal ist geradezu die Antithese zur großen Industrialisierung, und ich würde mich freuen, wenn es so bleiben würde.

Wir sind tatsächlich immer noch erst in der Findungsphase, Mezcal ist noch lange nicht mal ansatzweise bei uns in Europa angekommen. Erst so langsam entdecken wir die Bandbreite, die dieser Agavenbrand bietet, zum Beispiel durch unterschiedliche Agavenarten abseits der inzwischen vielleicht am besten bekannten Espadín, oder die starke Regionaliät, oder spezielle Brenn- und Produktionsweisen. Und auch ich stoße ständig auf spannende neue Varietäten, von denen ich zuvor nie etwas gehört hatte – wie der Agave Durangensis (Cenizo), die im Norden Mexikos im Bundesstaat Durango wächst. Die Brenner von der NOM-D55G machen daraus den Bendita Tentación Mezcal Artesanal Joven, natürlich aus 100% Agavenzucker destilliert, in kleinen Auflagen.

Bendita Tentación Mezcal Artesanal

Der Mezcal ist „joven“, also ungereift, und entsprechend völlig klar und transparent. Im Glas bewegt er sich beim Schwenken sehr lebendig, mit gefühlt höchstens leichter Viskosität – dafür bleibt paradoxerweise an der Glaswand so einiges hängen, ein fetter Film, der in breiten, dicken Tropfen langsam abläuft. Nach einem ersten Test in einem Nosing-Glas dachte ich mir, dass ich auch endlich mal wieder meine handgemachten Caballitos auspacken sollte, und so trinke ich diesen Mezcal dann aus genau so einem mit viel Genuß.

Die Nase ist zunächst dominiert von sehr viel aromatischer, vegetaler, grüner Agave, komplementiert von einer Erdigkeit, die schwere Basis dazu erzeugt. Ein leichter Fehler ist wahrscheinlich die subtile Laktat-Note, die eine gewisse, sehr milde Käsekomponente dazufügt. Weiterhin bleibt der Bendita Tentación aber sehr mineralisch, mit einem Hauch Rauch, und leichten Anklängen von Zitrus, die bei tieferem Schnuppern in Ethanol übergehen. Insgesamt ein ungewöhnlicher, sehr eigener Geruch.

Bendita Tentación Mezcal Artesanal Glas

Das alles, was man erschnuppert hat, findet sich dann auch im Mund wieder, beginnend mit einem sehr schweren, dunklen und süßen Antrunk voller weißer Schokolade und reife Früchte, Pfirsiche und Mango, die in hellere Fruchttöne wie Zitronen übergehen. Ein sehr ungewohnter Geschmack für einen Mezcal, erinnernd an Obstpechuga, nur mit noch ausgeprägteren Fruchtaspekten. Im Verlauf kommt Agavenfleisch langsam durch, und die mineralisch-rauchige Komponente nimmt etwas zu, der Bendita bleibt aber weiterhin sehr süß, schwer und voll. Im Abgang kommt sehr hübsche Wärme auf, die den gesamten Geschmacksapparat erhitzt, ohne zu kratzen oder zwicken; 45,68% Alkoholgehalt sind wunderbar eingebunden. Schokoladig endet die Verkostung, mittellang, mit sehr blumig-rauchigem Nachklang, der von feinherber Trockenheit und nun doch noch erscheinender Säure mit deutlicher Adstringenz unterstützt wird.

Mir gefällt diese Interpretation eines Mezcal sehr, für manche mag sie untypisch wirken, weil die fruchtige Schwere schon überraschend ist. Doch gerade das macht den Bendita Tentación so apart – man erkennt hier, dass es sich um eine eigene Agavengattung und Herstellungsregion handelt, und wenn ein Produkt es schafft, eine eigene Identität zu zeigen, schätze ich das sehr.

Da passt es nur zu gut, wenn so ein Mezcal zusammen mit anderen eher dunkelaromatischen Komponenten in Verbindung gebracht wird – wie beim El Molino mit Sherry, Allspice und Kakaolikör. Das Ergebnis ist ein Drink, der in seiner Konsistenz gar nicht mehr aus dem Mund heraus will.

El Molino Cocktail


El Molino
1½ oz Mezcal
¾ oz Palo Cortado Sherry
¼ oz Allspice Dram
¼ oz weiße Crème de Cacao
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Jim Meehan]


Vielleicht bin ich etwas beeinflusst, denn zu meiner Freude war es mir möglich, die Markeninhaberin Alejandra Anderson Diaz persönlich kennengelernt zu haben während meines Aufenthalts in China als Juror für Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2019.  Sie tut viel für Mezcal, ist auch Direktorin des Mezcal-Museums in Durango und Ko-Präsidentin des Verbands Mujeres del Mezcal, Maguey y Destilados de México.

Bendita Tentación Mezcal Artesanal Alejandra Anderson

Zum Abschluss die übliche Frage – für wen ist der Bendita Tentación was? Wer auf harte, klar definierte und/oder sehr rauchige Mezcals steht, wird wahrscheinlich eher woanders glücklich. Wer gerne fruchtlastige Pechugas trinkt, oder mal einen schwersüßen Mezcal zur Abwechslung probieren möchte, ja, der könnte sicherlich gut Freund mit diesem Mezcal aus Nordmexiko werden!

Bier am Freitag – Brauerei Krieger Floriani Bock

Sankt Florian ist der Patron der Feuerwehrleute und Brauer, beide löschen schließlich Brände. Kleiner Kalauer zur Einleitung, ich weiß. Nun, der Zusammenhang ist wohl eher mit dem Schutz vor Wasser- und Feuergefahr verbunden, und Brauer haben schließlich mit beiden viel zu tun. Und so wird der Heilige Florian von Lorch zum Namensgeber für den dunklen Doppelbock der niederbayerischen Familienbrauerei Krieger. Ich bin ein großer Freund dieses Bierstils, und so konnte ich im Getränkemarkt natürlich nicht am Brauerei Krieger Floriani Bock vorbeigehen, als ich ihn das erste Mal entdeckte – und ich nehme nichts vorweg, wenn ich jetzt schon verkünde, dass das dann nicht meine letzte Flasche war.

Brauerei Krieger Floriani Bock

Im Glas wirkt er tatsächlich sehr dunkel, mehr als haselnussbraun, mit rubinroten Reflexen, wenn man ihn gegen das Licht hält. So dunkel jedenfalls, dass man nicht sehen kann, ob Perlage vorhanden ist. Der Schaum, der beim Eingießen noch da ist, fällt schnell in sich zusammen, es bleibt eine feine Schaumfläche, die das ganze Bier bedeckt, mit einzelnen Großblaseninseln. In der Nase kommt er sehr malzig, leicht röstig an. Milde Fruchtaromen, Orangenschale, Pfirsich vielleicht, lockern das Ganze etwas auf. Durchaus erkennbar rostig, nach alten Stahlnägeln, das finde ich eigentlich oft apart bei Starkbieren.

Im Mund ist der Floriani Bock direkt vom ersten Antrunk an extrem voll, cremig und schwer. Dazu eine tolle Breite, da hat man echt was im Mund. Süßlich, malzig, röstig beginnt es, eine tolle Frische kommt dazu, die verhindert, dass das Bier stumpf wird. Perfekte süß-sauer-Balance. Würzigkeit baut sich auf, die Röste wird immer präsenter, bis sie in Kaffeepulver übergeht. Wunderbar karbonisiert und mit 7,5% Alkoholgehalt gut im Rahmen eines Doppelbocks platziert. Der Abgang ist kurz, immer noch voll, hier entsteht erst leichte Bittere, die aber hervorragend eingebunden ist ins Gesamtbild. Leicht trocken, etwas astringierend wie bei Grapefruit – mit etwas Rost und Röste endet das Bier schließlich.

Ich versuche, diesen Bock immer zuhause zu haben. Das ist eines meiner absoluten Lieblingsbiere, ich freue mich immer darauf, ihn einzuschenken. Wer ihn bekommen kann (ich habe ihn in meinem toll ausgestatteten Edeka öfters gesehen), muss zugreifen.

Mhoba Pure Single Sugarcane Juice French Cask Rum Select Reserve

Knud Strand hatte mich bei unserem gemeinsamen Aufenthalt in Brüssel mit seiner mitgebrachten Flasche des ungereiften Mhoba Rum Pot Stilled High Ester 66,2% dazu gebracht, endlich mal die Samples von drei Varianten dieses südafrikanischen Rums auszuprobieren, die ich schon eine geraume Zeit zu Hause stehen hatte. Die ungereifte Variante, die Knud wild und voller dänischem Verve anpries, kann mich bei allem neutralen Qualitätserkennens nicht wirklich zu Jubelstürmen veranlassen, dazu ist mir die Hochesterigkeit zu ungebändigt. Doch als ich dann das kleine Sample des Mhoba Pure Single Sugarcane Juice French Cask Rum Select Reserve öffnete und verkostete, ja, da kam dann das anerkennende Kopfnicken, das Knud, so leid es mir im Rückblick tut, für die ungereifte Variante nicht von mir erhalten hat. Da musste tatsächlich eine ganze Flasche her!

Steven James hat auf seinem Rum Diaries Blog schon vor einem Jahr eine ganz herausragende Geschichte über Mhoba Rum mit tollen Fotos und Videos verfasst, die ich hier einfach verlinke, statt die Details wiederzukäuen – Nachlesen deutlichst empfohlen! Ein paar Dinge möchte ich hier als Extrakt dennoch wiedergeben. Erstens, Mhoba ist praktisch ein Single Estate Rum, alle Produktionsschritte vom Anbau des Zuckerrohrs bis zur Flaschenabfüllung werden auf dem eigenen Gut durchgeführt. Die Fermentation des von Hand geernteten und mit einfachen Maschinen ausgepressten Zuckerrohrs erfolgt mit einer Mischung aus wilden und gezüchteten Hefen über 7 bis 10, für Hochestervarianten sogar 21 Tage. Destilliert wird mit Edelstahlpotstills, und nach der kurzen Holzreifung (für den vorliegenden Rum mindestens 12 Monate in aufgearbeiteten Ex-Rotweinfässern aus französischer Eiche) werden sie unfiltriert und zum Teil unverdünnt abgefüllt. Man sieht, handwerklich gut gemacht, und für mich persönlich ist das schon die halbe Miete! Ich habe oben leider unvernünftigerweise bereits vorweggenommen, dass sich diese Arbeit gelohnt hat – hier nun meine geschmacklichen Eindrücke.

Mhoba Pure Single Sugarcane Juice French Cask Rum Select Reserve

Die kurze Reifezeit hat dennoch ihre Spuren hinterlassen – ein frischausgeflammtes Fass bietet halt auch in kurzen Perioden ordentlich Charakter, sowohl optisch als auch sensorisch. Ein kräftiges poliertes Kupfer liegt da im Glas, mit ansprechender Schwere beim Schwenken. An der Glaswand laufen Tropfen mit fetten Köpfen langsam ab.

Der erste Eindruck ist geprägt von Klebstoff und Estern. Eine gewisse säuerliche Note von „feuchten Turnschuhe“ kommt dazu. Nach etwas Offenstehzeit kommen weinige Aspekte dazu, und man meint, das feuchte Fassholz im Untergrund herausriechen zu können. Keine Spur von Stechen oder Zwicken. Ein rundes und volles Bouquet!

Mhoba Pure Single Sugarcane Juice French Cask Rum Select Reserve Glas

65% Alkohol sind natürlich üppig – unverdünnt wanderte der Rum schließlich vom Fass in die Flasche. Heutzutage gar nicht so ungewöhnlich für derartige Rums. Das wunderbare ist, dass man bei derartiger Qualität nicht verdünnen muss; der Antrunk ist trotz der Alkoholstärke zuerst weich und rund. Viel natürliche, unklebrige Süße spielt am Anfang mit, wuchtige, schwere, vanillige und zimtige Holztöne verbinden sich mit der frischen Helligkeit und Aromatik eines Zuckerrohrsaftbrands. Etwas Kleber ist weiterhin dabei, ja, wird aber deutlich vom Holz aufgefangen. Im Verlauf entsteht feurige Würze, esterige Tropenfrucht kombiniert sich mehr mit den holzigen, ledrigen Tönen als gegen sie anzukämpfen. Sehr schön entwickelt sich dann milde Trockenheit, die sich überall am Gaumen anlegt und ein fettes Mundgefühl erzeugt, das einen den Rum fast schon kauen lässt.

Der Abgang ist sehr warm, eher kurz, mit einem sehr aparten gegenklingenden mentholischen Nachhall, der nach all dem Feuer den Gaumen wieder runterkühlt. Ein leicht floraler Blütennachhall mit langer Wirkung bendet die Verkostung. Das Fazit ist klar und kurz – charaktervoll, stark, schwer und hochkomplex, ohne kompliziert zu werden, für mich rückblickend definitiv eine der Spirituosen meines Schnapsjahres 2020!

Der Embassy Cocktail stammt aus den 1930ern, ich habe ihn in Dale DeGroffs The Craft of the Cocktail gefunden, und er hat mich direkt angesprochen in seiner schon im Rezept erkennbaren Alkohollastigkeit. Durch den Einsatz des Mhoba French Cask bekommt er noch mehr Wucht, und auch eine eigenwillige, zunächst etwas seltsame Aromatik, die für mich aber mit jedem Schluck interessanter wird und in einer herrlichen Jasminblütigkeit endet.

Embassy Cocktail


Embassy Cocktail
¾ oz gereifter Rum
¾ oz Cointreau
¾ oz Brandy
½ oz Limettensaft
1 Spritzer Angostura bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Dale DeGroff]


Was Geschenkverpackungen angeht bin ich sehr zwiegespalten. Einerseits stellt sich bei mir immer heraus, dass sie direkt nach dem ersten Anschauen entweder auf dem Schrank als Staubfänger landen, oder sogar direkt entsorgt werden. Bei der Bambus-Holzkiste des Mhoba French Cask würde mir das ehrlich wehtun, denn sie ist wirklich hübsch. Dasselbe angeflammte und mit Lasertechnik gravierte Holzmaterial wurde, und das finde ich shockingly cool, auch anstelle eines Papieretiketts auf die Flasche aufgebracht. Dort ist dann sogar die Flaschennummer erkennbar von Hand angebracht, bei mir 284 von 462 des Batches 2019FC2. Sowas zeigt mir dann, dass hier eine echte Limitierung der Flaschenzahl stattfindet – „small batch“ mal in echt.

So ein Rum ist nicht ganz billig, für rund 80€ bekommt man aber auch extrem viel – ein hocharomatischer, spannender Rum in toller Präsentation aus einem ungewöhnlichen Herstellungsgebiet, dazu in kleiner Auflage ehrlich hergestellt. Da muss sich so manch Jamaikaner trotz des Klimas warm anziehen, in Südafrika entsteht gerade Konkurrenz. Man muss sicherlich schon etwas Lust auf Wildheit und Frechheit haben, aber diese Safari lohnt sich!

Neujahrsbier am Freitag – Gulden Draak Calvados Barrel Aged Ale

Von meiner Reise nach Brüssel Ende Oktober 2020 habe ich bereits berichtet. Eines der Mitbringsel von dort war das Gulden Draak Calvados Barrel Aged Ale. Das obergärige Bier aus der Brouwerij Van Steenberge ist ein dunkles belgisches Starkbier, das nach dem Brauvorgang noch 4 bis 6 Monate in einem Ex-Calvados-Fass nachreifen konnte. Nach etwas Internetrecherche habe ich wahrscheinlich etwas überbezahlt mit 29€ für eine Dreiviertelliter-Sektflasche mit Korken und Drahtkorb, doch die Flasche war zu verlockend in dem kleinen, aber feinen Bierfachhandel in Brüssel – die absurd hohe belgische Alkoholsteuer schlägt hier vielleicht auch noch etwas zu. Bin ich nun enttäuscht deswegen?

Gulden Draak Calvados Barrel Aged Ale

Optisch punktet der „goldene Drache“ direkt nach dem Eingießen ins passende Glas, das ich in dem Lädchen gleich noch mit eingepackt hatte – dunkler Bernstein, mit minimaler Trübung. Hält man das Glas gegen Licht, sieht man eine sehr kräftige, schnelle Perlage. Der Schaum ist ein Traum, superfeinblasig, cremig, identisch zu der Crema auf frisch gebrühtem Kaffee. Er ist auch für ein Ale langlebig, wird zwar dünner, aber bedeckt langfristig die gesamte Bieroberfläche. Die Nase findet direkt Fassreifungsnoten, leichte warme Holztöne, etwas Vanille, und auch wirklich etwas das Aroma roter, reifer Äpfel und Birne mit Zimt. Deutliche Malzigkeit liegt darunter, Hopfen bleibt hier außen vor. Eindrücke von Orangenmarmelade und Kirschsaft sorgen für weitere Fruchtigkeit. Ein wirklich tolles Bouquet, das zum langen Schnuppern einlädt.

Im Mund geht das ansatzlos weiter. Fantastische Cremigkeit, der Schaum ist also kein Augenwischer, sondern Verkünder des Mundgefühls. Perfekte Süßsauer-Balance, dadurch ist das Ale gleichzeitig aromatisch voll und mit schöner Rezenz. Schöne Würze, die die Frucht unterstützt – tatsächlich ist milde Apfelfrucht vorhanden. Die Fassreifung gibt Holztöne und Wärme; die 10,5%, die das Bier zu einem Quadrupel machen, fallen nie negativ auf, man schmeckt und fühlt sie aber, und sie geben ordentlich Körper und Kraft. Der Abgang ist lang, mildholzig, feinherb und lässt die Verkostung mit vorsichtiger Jasmin-Blumigkeit ausklingen. Eine angenehme Trockenheit liegt noch eine Weile auf dem hinteren Gaumen.

Für mich ist diese fassgereifte Version des Gulden Draak ein perfektes Bier. Ich habe nullkommanull zu kritisieren, und genieße jeden einzelnen Schluck mit erneuter Überraschung, wie rund und großartig komponiert dieser belgische Traum ist. Wer die Chance hat, es zu probieren, sollte das tun – ich bin froh, die Sektflasche voll zu haben, da ist der Genuß noch verlängert. Und der Preis, nunja, das Bier ist es tatsächlich wert. Besonders zu schönen Angelegenheiten, wie Neujahr, statt dem allgegenwärtigen billigen Sekt.

Sizilianisch für Fortgeschrittene – Averna Riserva Don Salvatore

Die gewöhnliche Heimbar eines typisch deutschen Haushalts ist (wenn überhaupt vorhanden) klein, besteht meist nur aus wenigen Flaschen. Je nach Geschmack findet sich darin ein Whisky, ein Obstbrand oder ein Likör – am häufigsten sehe ich aber einen Amaro, meist dann Ramazotti oder Cynar. Die italienischen Kräuterbitterliköre haben den Vorteil, dass sie sowohl ein bisschen Urlaubsfeeling geben, als auch mit ihrem verrückten sowohl süßen als auch bitteren Geschmacksprofil eine breite Schicht an Interessenten ansprechen.

Es gibt diverse Kategorien von Amaro – eine davon, „Medium“, beinhaltet die großen Marken, die wir alle in Deutschland aus dem Supermarkt und der Fernsehwerbung kennen, darunter auch den sizilianischen Averna. Von dieser Marke wurde 2018 eine Sonderedition herausgebracht, die ihr 150. Jubiläum feiern soll. Nicht nur wurde die „Edizione Riserva“ entsprechend nach dem Gründer der Firma, Salvatore Averna, benannt, sondern ist auch ein vom Standard-Averna deutlich abweichendes Produkt. Der Averna Riserva Don Salvatore hat einen höheren Alkoholgehalt und wurde dazu 18 Monate in kleinen Eichenfässern im sizilianischen Caltanissetta gereift. Das allein klingt für den Spirituosenfreund schon aufregend – hat auch der bescheidene deutsche Heimbarbesitzer was davon, seinen Schrank mit dieser Sonderauflage zu bestücken?

Averna Riserva Don Salvatore

Man ahnt es auf den Fotos, hat man es vor sich, ist es noch frappierender – der Amaro ist beinahe schwarz, völlig blickdicht und nur, wenn man etwas Gegenlicht hat, sieht man braunrote Reflexe in der Tinte. Beim Schwenken legt sich ein bräunlicher Film an die Glaswand, der lange stehen bleibt, selbst wenn der Großteil der dicken und sehr öligen Flüssigkeit schon wieder abgelaufen ist.

Gar nicht unerwartet sind dann die Eindrücke, die man über die Nase sammelt: Süßholz, allerlei aromatische Küchenkräuter; süßliche Komponenten wie Karamell und dunkle Schokolade; aber auch hellere Töne, wie etwas Minze, Eukalyptus, Bitterorange und Mango. Ein leichter Ethanolhauch schwingt noch mit, wenn man tiefer schnuppert. Durchaus vielschichtig und mit Unterhaltungscharakter.

Ein Amaro ist ein Likör, und darum wundert es nicht, wenn sich beim Antrunk erstmal eine fette Zuckerschicht auf Zunge und Gaumen legt. Diese Süße ist teilweise schon pappig, aber auch sehr aromatisch, brauner Kandis, Karamell, schwerer Nougat. Kurz danach entsteht aber die amarotypische, knackige, harzige Bittere, die sich über die Süße legt – Chicoree, Süßholz, Fenchel. Kräuterig, schwer und passend zur Farbe auch sensorisch schwarzbraun. Leichte Bitterorangentöne hellen minimal auf. Die für einen Amaro üppigen 34% geben dem Don Salvatore ordentlich Power und Körper.

Averna Riserva Don Salvatore Glas

Der Abgang ist schwer, bittersüß, recht herb und lang. Man spürt richtig, wie sich Reste im gesamten Mund festgesetzt haben, wie man das schon im Glas mit dem Film gesehen hat. Süße bleibt auf den Lippen, starke Bittere im Rachen, ein leichtes Kitzeln und Betäubung auf der Zunge. Mit deutlichen Holznoten, ja, die anderthalb Fassreifungsjahre schmeckt man wirklich raus, und einem leicht minzigen Nachhall klingt die Verkostung aus.

Manche Dinge, die man früher gekauft, und unter der Kategorie „Kitsch“ nach einer Weile dann doch in den Keller verbannt hatte, sind nahezu ideal dafür geeignet, den überfließenden Exotikdrang von Tikicocktails zu begleiten. Die Tukan-Tasse ist als Kaffeebehältnis grenzwertig, als Tiki Mug genial. Und der Drink mit dem Namen Tuscan Toucan passt dann halt wie die Faust aufs Auge in so eine Tasse; und der Don Salvatore wiederum wie die Faust aufs Auge in diesen Cocktail. Man sieht hier, Amaro ist eine echte Tiki-Sensation.

Tuscan Toucan Cocktail


Tuscan Toucan
1½ oz Amaro
1 oz ungereifter Overproof-Rum
1 oz Limettensaft
¾ oz Zimtsirup
¾ oz Ananassaft
¾ oz Grapefruitsaft
Auf Eis blenden.

[Rezept nach False Idol]


Für den deutlichen Aufpreis (rund 20€ bezahlte ich für die Flasche des Averna Don Salvatore) bekommt man im Vergleich zum Standard-Averna schon eine Packung, die sich rentiert: allein schon die 5% mehr Alkoholgehalt machen sich in jeder Beziehung bezahlt, doch auch die Holzreifung sorgt für ein sehr viel tieferes, komplexeres Trinkgefühl. Die schöne Flasche mit dem edel gestalteten Etikett macht sich auch hübsch in einer Vitrine zuhause. Für mich persönlich eine absolute Empfehlung für Freunde des italienischen Bitterlikörs. Solange die limitierte Auflage erhältlich ist, kann man ohne jeden Gewissensbiss zuschlagen.

Weihnachtsbier am Freitag – Gold Ochsen Kristallweizen Doppelbock Jahrgangsbier 2020

Es sind manchmal die Zufälle, die tolle Gelegenheiten ergeben. So fand ich während eines Besuchs bei meinen Eltern in der Schwäbischen Post beim Durchblättern eine riesige Werbebroschüre des von mir sehr geschätzten schwäbischen Brauers Gold Ochsen aus Ulm. Dort erfuhr ich, dass die Brauerei jedes Jahr ein Jahrgangsbier besonderer Brauart herausbringt, mit sowas fixt man mich direkt an. Das Gold Ochsen Kristallweizen Doppelbock Jahrgangsbier 2020 wurde noch in derselben Stunde in deren Onlineshop bestellt (zusammen mit ein paar weiteren Leckereien, die ich hier bald auch noch besprechen werde). So ein Bier trinkt man nicht zwischendurch, das hebt man sich für eine besondere Gelegenheit auf – bei mir wurde es also Weihnachten, und passend wurde es dann in Schwaben, im Heimatland des Biers und des Autors dieser Zeilen, geöffnet.

Gold Ochsen Kristallweizen Doppelbock Jahrgangsbier 2020

Bevor das passierte, genoss ich erstmal die Präsentation – in einem großen, attraktiv gestalteten Karton wird der Doppelbock geliefert, und auch die bauchige Flasche selbst hat Geschenkpotenzial: schön geschwungen, Dreiviertelliter, schwarz getönt, mit auf die Flasche direkt aufgebrachten Details statt einem Papieretikett, und stilgerecht eingegittertem Sektkorken. Da kommt echt Vorfreude auf!

Und im Glas geht es, nach einem sehr befriedigenden Plopp!, wenn man den Korken mit einem Korkenzieher gezogen hat, grad so weiter: schönes, leuchtendes Gold, kristallklar filtriert, mit sehr ausdauerndem und lebendigem Mousseux, das einen gemischtblasigen Schaum speist. Nach kurzer Zeit halbiert sich die Schaummenge, und dann können wir die Nase ins Glas halten. Leicht gerstig, etwas malzig, mit einem kleinen Metallton, den eingesetzten Tettnanger Aromahopfen und den Citra riecht man höchstens in einer minimal kleinen Zitrusspitze und einem sehr dezent mildfruchtigen Gesamteindruck. Auch hefeweizentypische Aromen muss man eher suchen, da ist nur eine kleine Bananigkeit.

Gold Ochsen Kristallweizen Doppelbock Jahrgangsbier 2020 Glas

Der Antrunk ist unglaublich voll und breit – das ist schon nicht mehr cremig, sondern buttrig fett, man muss regelrecht darauf herumkauen und kann das Bier lutschen wie einen Smoothie. Ein herausragend tolles initiales Mundgefühl, das durch die süßlich-herbe Art aber nicht langweilig wird. Im Verlauf erkennt man schließlich doch den Aromahopfen, leichte Säuerlichkeit und ganz vorsichtige Grapefruit zeigen sich hier, aber wohl integriert ins Gesamtbild, wie auch die 7,8% Alkoholgehalt; einem Bier wie diesem sehr angemessen. Sehr aromatisch wirkt es, ohne, dass eine spezielle Komponente sich in den Vordergrund drängt; hier wirkt es dann auch stiltypisch rund, weich und leicht bananig. Später entsteht aus der flauschigen Wolle dann noch eine leicht pikante Chili- und Ingwerwürze, die die Süße aufpeppt. Tatsächlich entwickelt sich diese Würze am Ende sogar zu einer leichten Chilischärfe, sehr unerwartet, sehr erfreulich. Zu guter letzt klingt das Jahrgangsbier 2020 dann mit leicht blumigen Tönen mittellang aus, am Gaumen bleibt die Flauschedecke noch etwas haften. Wow! Ein grandioses Bier, dem Anlass höchst angemessen, und den gehobenen Preis von rund 15€ ohne auch nur die Andeutung von Zweifeln wert.

Ich habe, wie gesagt, bei der Gelegenheit noch das Jahrgangsbier 2018 und eine Flasche des hauseigenen Single Malts bestellt, und ich freue mich schon darauf. Gold Ochsen hat sich in kurzer Zeit zu meiner Lieblingsbrauerei entwickelt – für die Lücke zwischen den Verkostungen dieser Edelprodukte empfehle ich daher ohne Gewissensbisse das beständig erhältliche und beständig hervorragende Gold Ochsen Dunkle Kellerbier. Frohe Weihnachten und ein Gutes Neues Jahr!

Frisch und fruchtig – Yuhe Laojiu (御何老酒)

Die Informationslage, was Baijiu angeht, ist immer noch sehr mäßig. Ich versuche mein bestes, über meinen Blog hier ein bisschen Wissen über die chinesische Nationalspirituose zu streuen, doch da geht natürlich noch viel mehr. Mein sehr geschätzter Baijiu-Mitstreiter Ulric Nijs und ich haben uns darum zusammengetan und ein paar Videos zu den unterschiedlichen Stilen, die es bei Baijiu gibt, gedreht – keine Expertenvideos, aber zumindest mit klarem Grundlagenwissen, die gegen die auf Youtube wild kursierenden Fehlinformationsquellen angehen sollen. Hier zum Beispiel das Video über Starkaroma-Baijiu!

Früher war die Bezeichnung „Luzhou-Aroma“ durchaus verbreitet, heute versucht man, neutraler zu definieren – während Luzhou eine Marke ist, ist das Wort „Starkaroma“ eben nicht markengebunden und damit auch für andere Hersteller wie Cangzhou Dongsu Group Yuhe Liquor Marketing Co, Ltd für den hauseigenen Yuhe Laojiu (御何老酒) besser nutzbar. Darüber hinaus hat der Stil somit eine Bezeichnung erhalten, die dem sensorischen Eindruck gerecht wird und auch von Anfängern direkt zugeordnet und verstanden werden kann. Woher der Name kommt, wird jedem auch noch so unerfahrenen Verkoster sofort klar, wenn er oder sie sich ein Gläschen des chinesischen Sprits eingießt – was wir hiermit tun wollen.

Yuhe Laojiu (御何老酒)

Optisch wie erwartet kristallklar und ohne Einschlüsse, was, das betone ich hier mal erneut, nicht bedeutet, dass die Spirituose ungereift ist – da Baijiu in Tonkrügen gelagert wird, die keine Farbe abgeben, sagt die Farblosigkeit nichts über das Alter aus. Selbst an meinem Minishotglas bleibt an der Glaswand allerdings ein öliger Film.

Die Nase ist superfruchtig, die üblichen Verdächtigen springen einen sofort an – reife Ananas, überreife Banane, verrotteter Pfirsich. Darunter liegt eine mildkäsige Sojasaucenkomponente, die Volumen und Weichheit dazuliefert. Eine leichte, fast mentholige Frische lockert alles auf, und da praktisch null Alkoholstechen vorhanden ist, schnuppert man da gern und lang daran. Lässt man das Verkostungsglas eine Weile stehen, duftet nach kurzer Zeit der ganze Raum danach – gar nicht unangenehm, muss ich sagen.

Yuhe Laojiu (御何老酒) Glas

Auch im Mund beginnt der Yuhe Laojiu mit einem weichen Antrunk. Schnell entsteht der Eindruck einer Maschinenwerkstatt, mit dreckigen Tönen aus Öl, Metall und Rost. Die Kompostfrucht kommt dazu, allerdings nicht so stark, wie bei anderen Vertretern des Stils. Eine kantige Trockenheit wehrt sich im Verlauf gegen die durchweg vorhandene starke Süße, und eine feine Bittere hilft später auch dabei. Sehr aromatische Getreidenoten bilden den Ausklang. Der Abgang schließlich ist mild, sehr würzig aber nicht scharf, und eher kurz. Leicht getreidige und ganz vorsichtig laktische Noten hängen noch kurz nach, dann ist der Baijiu vom Gaumen wieder komplett verschwunden.

Ein balancierter und weicher Starkaroma-Baijiu, der sich allerdings nicht anbiedert – die dreckigen Noten geben Charakter, das volle Mundgefühl sorgt für wohlige Wärme am Gaumen. Und, und das ist durchaus bemerkenswert, der für Baijiuverhältnisse sehr niedrige Alkoholgehalt von 39% macht das Ding dann sogar sehr kompatibel mit dem westlichen Gaumen, der die hochprozentigen Verwandten nur mäßig verkraftet.

Gerade die Milde macht den Yuhe Laojiu zu einer für Baijiuverhältnisse attraktiven Cocktailzutat – denn auch wenn man im Allgemeinen sagt, dass höhere Alkoholprozente gerade für Mixturen sehr vorteilhaft sind, weil sie aromatisch dann mehr Durchschlagskraft haben, so ist das für Baijiu vielleicht eher unerwünscht, die Aromatik ist selbst bei niedereren Prozentzahlen schon arg kräftig genug. Darum wirkt der Green Asia in dieser Kombo auch nicht extrem, sondern ausbalanciert – genug anderes an Zutaten wirkt ausgleichend.

Green Asia Cocktail


Green Asia
1 oz Starkaroma-Baijiu
⅓ oz Wassermelonen-Likör
¾ oz Grünteekonzentrat
⅔ oz Limettensaft
Auf Eis shaken. In ein Glas mit Eis geben.
Mit Bionade Litschi aufgießen, und 4 Tropfen Lemon Bitters toppen.

[Rezept nach Dominic Loße]


Kurz zur Flasche – die ist natürlich ausgesprochen hübsch. Chinesische Destillerien geben sich so richtig Mühe, ihren Stoff in attraktive, verspielte und manchmal schon übermäßig opulente Gefäße zu verpacken – hier wurde genau der goldene Mittelweg zwischen Kitsch und Kultur getroffen, finde ich. Die goldene Schrift auf dem Milchglas der geschwungenen Flasche leuchtet toll, und man sieht erst auf den zweiten Blick, dass der Verschluss nur vergoldetes billiges Plastik ist.

Sehr präsent auf meiner Flasche ist der Aufkleber mit der Goldmedaille des internationalen Spirituosenwettbewerbs Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – mich wundert es ehrlich nicht, dass die Juroren sich dafür entschieden haben. Der Yuhe Laojiu kommt dem westlichen Markt sehr entgegen, und hat darüberhinaus auch inhärente Qualitäten. Wer das Zeug bekommen kann, und sich an Starkaromabaijiu herantasten will, der findet kaum einen einfacheren Einstieg als diesen Brand.

Bier am Freitag – Ladenburger Helles

Ich halte absolut nichts von der ganzen Pseudomedizin. Ich will keine Globuli, Bach-Blüten oder Kristalle, wenn ich krank bin, sondern was Reelles, entwickelt nach wissenschaftlichen Standards, das erwiesenermaßen über den Placebo-Effekt hinausgeht. Um so skeptischer werde ich, wenn ich auf einem Bieretikett lese: „gebraut mit belebtem Wasser nach Grander“. Nun, glücklicherweise dürfen Genussmittelhersteller nicht mit therapeutischen Wirkungen ihrer Zutaten werben, darum nehme ich das einfach als etwas überflüssige Zusatzinformation war. Dennoch hat das Ladenburger Helles damit erstmal einen kleinen Negativvorsprung bei mir – doch wir wollen, um mit Indiana Jones zu sprechen, unser Urteil ja nicht präjudizieren.

Ladenburger Helles

Optisch jedenfalls mal ein Knaller – leuchtendes, strahlendes Herbstlaubgold. Dazu ein attraktiver, gemischtblasiger Schaum, der schnell auf eine Krone an der Glaswand reduziert. Feine aber ausdauernde, schnelle Perlage macht was her. Wie auch die sehr herbe, gerstige, leicht hefige Nase. Das gefällt mir sehr, abseits all des aktuell überall eingesetzten Aromahopfens eine Wohltat. Sehr intensiv und mit großer Fülle, dabei typisch und nicht übertrieben. Ich mag diesen Duft.

Klar und sauber im Mund, allerdings doch mit einiges an Cremigkeit, gerade im initialen Antrunk. Schnell kommt deutliche Herbe dazu, ohne wirklich je bitter zu werden. Frisch und klar gebraut, mit schöner Rezenz und einem extrem ausgewogenen Gesamtbild – besonders gefällt mir aber die knackige Kante, die den Gaumen freimacht. Der Abgang ist mittellang, herb, leicht salzig, voller Getreide und einem Hauch von Blumigkeit. 4,9% Alkoholgehalt halten sich genehm zurück.

Das Ladenburger Helle ist ein tolles Helles, unaufgeregt, sauber und frisch. Das zieht ohne Mühe an vielen Bieren dieser Brauart vorbei und setzt sich nahe an die Spitze dessen, was ich diesbezüglich kenne. Man sieht, man muss auch ab und zu mal in die direkte Umgebung (Neuler ist praktisch um die Ecke meines Geburtsorts) schauen, um die Perlen zu finden – sie sind oft nicht fern. Und das belebte Wasser, naja, wenn es auch keinen medizinischen Effekt hat, vielleicht macht es was am Geschmack.