Kurz und bündig – Aspall Draught Cyder

Zu Studentenzeiten war es immer die Wahl, in der man im Shamrock Irish Pub in Konstanz stand – Guinness, Brown Ale oder Cider. Ich weiß nicht, inwieweit das heute noch so ist, meine letzte Irish-Pub-Erfahrung ist schon eine Weile her, dafür aber aus gewissen Gründen unvergesslich. Heute findet sich in manchen Läden inzwischen auch Exotischeres in Sachen Apfelwein, wie der Aspall Draught Cyder, der mich schon aufgrund der schönen Langhalsflasche optisch ansprach.

Aspall Draught Cyder Flasche

Sowohl von Farbe als auch von Geruch hätte ich in einer Blindverkostung felsenfest erstmal „Sekt“ gesagt. Die Strohblässe, die feine, langsame Perlage, der trocken-herbe Geruch nach weißen Trauben, mildem Apfel, Minze und Thymian wäre äußerst ansprechend, wäre er etwas stärker. So muss man schon genau hinschnuppern.

Der erste Schluck – ja, das ist Sekt, denkt man sich. Feine Säure, sehr rezent, eher bitter denn süß. Doch dann kippt im Mund die Sensorik um; der Apfel springt fast schon aus dem Unterholz hervor und bringt dabei eine sehr attraktive, nicht klebrige Süße mit sich. Viele Cider haben das Problem, dass sie viel zu süß sind; der Aspall Draught Cyder hält sich diesbezüglich edel zurück und bietet ein nobles Geschmacksbild, das mit 5,5% Alkoholgehalt gestützt wird. Im Hintergrund liegen noch Nelken und Piment auf der Lauer, doch sie wagen sich nicht wirklich ans Tageslicht. Der Abgang ist eher kurz, süßlich, mit viel Apfel und etwas Gewürzen.

Ein wirklich edles Getränk. Gut gekühlt sehr erfrischend und durststillend. Ein idealer Ersatz sowohl für das Bier zum Essen, als auch für den Sekt zum Anstoßen.

Ich verliere ein Wort über den Rum Club – Rumclub Private Selection Rhum Bielle Aged 8 Years

Neulich hatte ich einen Artikel veröffentlicht, in dem ich über Rum aus Guadeloupe berichtet hatte. Heute ist ein Verwandter des Guadeloupe-Rums im Fokus – er stammt aber nicht von der Hauptinsel dieses französischen Überseedépartements, sondern von der ihm zugeordneten, kleineren Insel Marie-Galante. Der Rumclub Private Selection Rhum Bielle Aged 8 Years wird dort mittels traditioneller Column Still aus frisch gepresstem Zuckerrohrsaft hergestellt, es handelt sich also um einen Rhum Agricole. Hin und wieder findet sich auf Flaschen oder in Werbetexten für Rum dieser Insel der Vermerk „appellation d’origine“ – mir sei der Hinweis gestattet, dass dies nicht zu verwechseln ist mit einem offiziellen AOC („appellations d’origine contrôlée“)-Siegel. Nur Martinique hat zur Zeit AOC-Rum im Angebot.

Auf dieser speziellen Flasche steht es aber auch nicht, das ist nur ein generischer Hinweis für die, die sich für Rum dieser Region interessieren. Das Etikett der vorliegenden Rumclub-Abfüllung des Rhum Bielle hat dennoch einiges zu bieten – handschriftlich eingetragen ist die Flaschennummer (bei mir Flasche 11 von 356), sowas finde ich immer apart, sowie auf dem Rücketikett die wertvolle Anmerkung „Ohne Farbstoff und Zucker“, und das, obwohl für Dirk Becker, der den Rum ausgewählt hat (siehe unten), das Verzichten auf Zuckerzusätze gar nicht so extrem wichtig ist, laut eigener Aussage im Fachmagazin Mixology (Sonderausgabe 2018) – ein kleiner Wankelmut, aber das meine ich natürlich nur schmunzelnd. Im Endeffekt wäre es aber auch schade, wenn so ein Rum durch Additive verhunzt werden würde. Doch ich greife vor.

Rumclub Private Selection Rhum Bielle Aged 8 Years Flasche

Die goldene Farbe mit fast schon weißen Reflexen sieht man schon in der Flasche; die vorhandene Öligkeit dann besonders gut im Glas, ich genieße es immer sehr, wenn sich ein Brand schwer und viskos bewegt, so wie das hier der Fall ist, und die dazu gehörenden langsam ablaufenden Beine.

Apfel, das ist mein erster Eindruck, wenn ich die Nase ins Glas halte. Viel Apfel, und weitere florale Noten. Blattgrün. Rosen. Jasmin. Dazu kommt eine starke Vanillekomponente mit Karamell und Sahne als Begleiter. Man muss zu Beginn etwas aufpassen, da ist ein stechender Pattexbeiklang, wenn man zu tief schnuppert. Sehr attraktiv insgesamt, da rieche ich gerne lange am Glas.

Auch im Geschmack ist noch etwas Apfel da, allerdings geht die Richtung dann schnell weg vom Fruchtigen hin zum Würzigen. Deutlich salzig, kräuterig, grasig, wie man es von Agricoles vielleicht kennt; dabei aber sehr viele Holzeffekte, die für einen Ausgleich sorgen – Tabak, Backgewürze. Süß, karamellig, fast schon toffeeig. Vanille. Die 8 Jahre Reifung, ich gehe mal einfach von der Aromatik her von Bourbonfässern aus, machen aus dem frechen Zuckerrohrsaftbrand einen milden, runden, weichen Opa. 54,1% Alkoholgehalt spürt man nicht – die milde Schärfe, die im Verlauf aufkommt, ist aromatisch bedingt, nicht alkoholisch. Der Abgang ist feurig, stark, charismatisch und mit einem heißen Nachhall verbunden. Lang und aromatisch, mit leichten Betäubungseffekten am Gaumen und den Zungenseiten. Voll, dicht und kraftvoll – ein toller Rum, der mir sehr viel Spaß macht.

Im Smoked Julep würde normalerweise als zweite Zutat Apfelbrand, zum Beispiel Calvados, eingesetzt. Die apfelig-fruchtige Komponente des Bielle verleiten mich dazu, ihn als Ersatz in diesem Drink herzunehmen – und das klappt richtig gut.

Smoked Julep


Smoked Julep
1 oz torfig/rauchiger schottischer Whisky
1 oz Apfelbrand (oder hier: Rhum Bielle Aged 8 Years)
1 Teelöffel Ahornsirup
Klassische Julep-Zubereitung mit viel Crushed Ice in einem Silberbecher.

[Rezept adaptiert nach Phil Ward]


Ausgewählt wurde der Rum wie schon angesprochen von Dirk Becker, importiert und abgefüllt von Spirit of Rum in Berlin. Neben dem sehr gelungenen Inhalt weiß auch die Präsentation zu gefallen, in seiner unprätentiösen, praktischen, bodenständigen Aufmachung – eine geradlinige Flasche, ein Echtkorken mit Wachsversiegelung, ein klar strukturiertes und nicht überladenes Etikett ohne Chichi, darauf ein einfacher Text mit Informationen statt dem sonst so allgegenwärtigen Marketinggeblubber. So mag ich das – hier waren Profis am Werk, vorbildlich für alle unabhängigen Abfüller. Und schmecken tuts auch noch. Was kann man mehr verlangen.

Hausmacherlikör für die Faulen – Revolte Swedish Punch

Wer sich mit Cocktails auseinandersetzt, beginnt eigentlich immer damit, sich erstmal die Rezepturen zu verinnerlichen, die mit leicht verfügbaren Zutaten hergestellt werden – Bourbon, Wermut, Campari, Champagner, Säfte. Das geht eine ganze Weile gut, irgendwann kommt aber jeder interessierte Mixologe an einen Punkt, wo man beginnt, mit hausgemachten Zutaten zu experimentieren. Mein selbstgemachter Swedish Punch hatte damals einen der ersten Artikel auf meinem Blog spendiert bekommen – inzwischen bin ich über diese Phase wieder hinaus, und auch wenn ich unterwegs immer noch gern Cocktails trinke, die mit obskuren, im Hinterzimmer zusammenmazerierten Zutaten hergestellt werden, so überlasse ich das den Profis und belaste meine knapp gewordene Heimbarzeit nicht mehr allzusehr mit dieser zwar spannenden, aber doch etwas mühseligen Arbeit. Insbesondere, da kaum jemand diese Cocktailrezepte je nachbauen wird, es ist einfach zu viel Aufwand, sich zuerst die 10 Sirupe aus Steinen, Blättern und Morgentau herzustellen, die in vielen Rezepten von Cocktailwettbewerbgewinnern aktuell gefordert werden.

Um so erfreulicher, wenn sich ein rühriger Brenner um diese Art von raren Spezereien bemüht. Revolte Swedish Punch ist ein Versuch des deutschen Rumherstellers, sich auch mal in die Likörabteilung zu begeben.

Revolte Swedish Punch

Sowohl bereits in der Flasche als auch später im Glas ist eine deutliche Trübung erkennbar, die dem kräftigdunklen Terracotta einen Nebelcharakter verleiht. Das ist bei einer Spirituose wie Swedish Punch natürlich kein Mangel, sondern eher Zeichen, dass hier nach Herstellung nicht exzessiv nachgefiltert wurde. Als Likör bewegt sich die Flüssigkeit sehr schwer und träge im Glas.

Der Geruch ist schnell übers Glas hinaus erkennbar und wuchtig – tatsächlich riecht man Tee, eine sehr deutliche Zitrusnote, und viel Gewürz. Ein Anflug von dunklem Rauch stammt wohl vom eingesetzten Lapsang-Tee. Auch die Rumbasis ist durch all diese Aromen noch erkennbar. Insgesamt hinterlässt der Revolte Swedish Punch einen sehr schweren, dunklen Eindruck. Dieser Likör verhält sich von Anfang an sehr vorsichtig im Mund. Aus den 60% des Basis-Overproof-Rums aus eigenem Hause wurde auf sehr genehme 20% Alkoholgehalt herabgesetzt – da kratzt und beißt nichts, zusätzlich auch durch die starke Süße, die lange an den Lippen kleben bleibt. Zitrusnoten dominieren zunächst, bis schnell Backgewürze wie Nelken, Piment und Kardamom nach vorne strömen und das Bild komplett übernehmen.

Revolte Swedish Punch Glas

Gegen Ende kippt das ganze dann nocheinmal in Richtung Tee und Rauch, besonders der Abgang, mittellang aber sehr effektvoll, ist aromatisch dicht und mit Anklängen von Rosmarin und Harz. Trotz der Süße wirkt der Revolte Swedish Punch dann irgendwie trocken, mit einer kleinen Bittere im Nachhall, der dann plötzlich von kaltem Rauch und Zedernholz beherrscht wird; man sieht, ein vielschichtiges Spektrum, das Spaß macht – deutlich anders im Geschmack als mein oben erwähnter selbstgemachter Swedish Punch, aber nicht schlechter.

Swedish Punch ist und war nie eine besonders verbreitete Cocktailzutat. Die Rezepte dafür lassen sich an wenigen Händen abzählen. Dabei kann die süße Mischung aus Tee, Rum und Zitrone einen sehr attraktiven Part in einem Mischgetränk spielen, das ist wie ein Premix für eine breite Aromenpalette, die man sonst aus vielen verschiedenen Zutaten jedesmal neu von Hand zusammenstellen müsste. Der Hi Falutin wird durch einen ordentlichen Anteil Swedish Punch beispielsweise sehr aromatisch, würzig und bunt.

Hi Falutin Cocktail


Hi Falutin
1½ oz Bourbon
1 oz Swedish Punch
1 oz Quinquina
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Del Pedro]


Persönlich schätze ich sehr, wenn eine Marke ihren Stil gefunden hat, und den dann auch durchzieht – alle Revolte-Produkte werden in derselben markanten Flasche ausgeliefert, die gut in der Hand liegt und sich auch hübsch im hauseigenen Spirituosenregal macht. Klar etikettiert besteht dennoch keine Verwechslungsgefahr. Auf diesem kleinen Etikett steht alles relevante nachzulesen, dazu die für Revolte übliche und sehr lobenswerte Angabe über den vorliegenden Batch, bei mir ist es Flasche 46 von 500 aus Batch 1. Man sieht unabhängig vom Inhalt damit schon, dass es sich hier um eine kleine Auflage einer handgemachten Spirituose handelt. Und das allein finde ich immer schon unterstützenswert, und wenn man die Pressemitteilungen von Revolte verfolgt, erkennt man, dass der Ideenreichtum noch lange nicht ausgeschöpft ist im Hause Kaltenthaler.

Offenlegung: Ich danke Revolte für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung einer Flasche ihres Swedish Punch.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2019 – Lüliang (China)

Für mich ist es jedes Jahr eine Freude, die Einladung zu erhalten, als Spirituosenjuror am weltweiten Wettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles teilnehmen zu dürfen. 2017 in Chile lernte ich diese außergewöhnliche Gruppe kennen, 2018 in Bulgarien festigte sich der Eindruck, dass es hier um mehr geht als um reines Verkosten und Bewerten von Spirituosen, und dieses Jahr fühlte ich mich direkt willkommen im Kreise von Freunden aus aller Welt. Die große Kreisstadt Lüliang in der nordchinesischen Provinz Shanxi richtete für über 100 Juroren aus 40 Ländern ein höchst opulentes Fest aus, das mir noch Wochen danach in den Ohren klingt.

Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Rein streckenmäßig, zunächst mal, über 10000km einfache Strecke – ich beginne, mich daran zu gewöhnen, um die halbe Welt zu fliegen für diesen Wettbewerb. Frankfurt – Amsterdam – Beijing – Taiyuan – Fenyang, das war die Reiseroute, die, abgearbeitet zweimal in 5 Tagen, und mit wenig Erholung auf den hektischen Umstiegen auf riesigen Flughäfen, dem Körper und dem Geist doch einiges abverlangt.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2019 – Lüliang (China) - Reiseroute

Eine Anstrengung anderer Art war nötig, um überhaupt erst mal diese Flüge möglich zu machen – die chinesische Visaprozedur ist etwas, was man nicht unterschätzen sollte bei der Planung einer Reise ins Reich der Mitte. Ein vielseitiger Fragebogen mit entsprechender Bearbeitungsdauer, das Einsenden des Reisepasses ans chinesische Konsulat in Berlin, das Warten auf die Entscheidung und Rücksendung des Passes, das zehrt an den Nerven und ist wirklich auch nicht billig – 3 Wochen Wartezeit und 150€ sind hier bereits zu investieren, ein fetter Batzen für so ein Dokument. Umso schöner, am Ende den Pass mit dem eingeklebten Visum in Händen zu halten, die Reise kann beginnen.

Spirits Selection 2019 China Visaprozedur

Als fortgeschrittenem Teilnehmer bei Spirits Selection ist einem der Ablauf der Veranstaltung natürlich inzwischen klar – morgens Verkostung, mittags kulturelles Programm. Wer noch nie professionell Spirituosen bewertet hat, bekommt vielleicht ein falsches Bild dieser Tätigkeit, denn das ist wirklich anstrengende Arbeit, bei der man stundenlang hochkonzentriert und vollfokussiert sein muss. Nach den Kriterien der Optik, Nase, Mund und Gesamteindruck will jedes Sample für sich, gruppiert in Flights nach Spirituosenkategorie, auf einer Hunderterskala bewertet werden. Nach der Abgabe werden durch statistische Verfahren Medaillenkandidaten ermittelt, und dann wird in der Jury gemeinsam ausgewählt, wer eine silberne, goldene oder doppeltgoldene Auszeichnung verdient. Für mich standen dieses Jahr unter anderem Armagnacs, Bitter, gereifte Rums, Calvados, Grappe und natürlich viele Baijius, die Nationalspirituose des Gastgeberlands, zum Verkosten bereit.

Spirits Selection 2019 - Tastings

Eine durchaus schöne Sache ist, dass die Jurys jedes Jahr nicht bunt durcheinander gewürfelt werden, sondern man seine Mitstreiter zumindest teilweise schon kennt. Meine schon aus Chile und Bulgarien hochgeschätzten Kollegen Jesús Bernad (Spanien), Bruno Pilzer (Italien) und José Rafael Arango de Ordóñez (Kolumbien) wurden neu ergänzt durch zwei Kenner aus China – Guo Peng und Han Peijie. Eine erneut tolle Mischung von Gaumen aus aller Welt, etwas, was die Bewertung wirklich global ausfallen lässt, und wo man sich sicher sein kann, irgendwo in einer der Jurys einen absoluten Profi für jede nur denkbare Spirituosenkategorie zu finden, bei dem man sich Rat holen kann. In dieser Form gibt es das nirgendwo sonst. Die Organisatoren kümmern sich darüber hinaus auch um die Weiterbildung der Juroren, am ersten Tag finden Masterclasses auf extrem hohem Niveau, von Experten für Experten, statt, zu allerlei Themen in einem Detailgrad, bei dem selbst der Abgebrühteste noch etwas lernen kann – wo sonst kann man Armagnacs und Cognacs einer einzelnen Rebsorte direkt miteinander vergleichen, präsentiert von den Herstellern selbst, oder den Vergleich von in unterschiedlichen Tonkrügen gereiften Baijius?

Spirits Selection 2019 - Jurymitglieder

Auch abseits der Arbeit bemühen sich die Organisatoren von Spirits Selection immer, den Juroren auch etwas Bildung zu vermitteln – und so besucht man im Nachmittagsprogramm nicht nur lokale Sehenswürdigkeiten, sondern auch Produktionsstätten aller Art. In den diversen Stippvisiten konnte man einen tiefen Eindruck der Herstellung von Baijiu gewinnen. Wenn man die unglaublichen Ausmaße der Fenjiu-Destillerie in Xinghuacun nicht selbst gesehen hat, glaubt man mir eh nicht, was ich hier erzähle – 8 Quadratkilometer in der Fläche, man fährt auf einer vierspurigen Prachtstraße im Bus einige Minuten von einem Ende zum nächsten, dabei durch 50 Meter hohe Torbögen… alle Destillerien Schottlands, Kentuckys, Irlands, Frankreichs und der gesamten Karibik würden locker hier zusammen reinpassen und es wäre immer noch Platz für genug andere. Das untenstehende Bild kann nur einen rudimentären Eindruck vermitteln, wie verwirrend groß diese Anlage ist – keiner der 100 anwesenden Experten, die schon überall auf der Welt waren, hatte auch nur ansatzweise etwas Derartiges gesehen. Hier werden jährlich 12 Millionen Flaschen Fenjiu produziert, und die Kapazität ist damit noch nicht mal voll ausgelastet.

Spirits Selection 2019 - Xinghuacun Fenjiu Distillery Town

Gerade die Möglichkeit, selbst die Produktionsmaterialien zu sehen und auch berühren zu können, gibt mir persönlich immer ein sehr viel besseres Verständnis einer Spirituose. Den noch warmen Haufen Sorghum im Hof des Xinghuacun-Fenjiu-Museumsworkshops, der es mir ermöglichte, das Getreide in der Hand zu verreiben und den intensiven Geruch zu erschnuppern, und den Arbeitern, die eine klassische, in den meisten Betrieben noch sehr verbreitete fast ausschließlich manuelle Herstellungsweise für Baijiu für uns demonstrierten, zuzusehen – da erst beginnt man zu verstehen, was Baijiu wirklich ausmacht.

Spirits Selection 2019 - Sorghum

Ähnlich erging es mir bei der Besichtigung einer Qu- und Hefe-Manufaktur. Das „qu“ ist der Fermentationsstarter, der für die Trockenfermentation und -destillation von Baijiu unerlässlich ist, und normalerweise als eines der wichtigsten Firmengeheimnisse gehegt wird. Hier konnte ich die Basismaterialien des qu, unter anderem Roggen und Erbsen, begutachten und die verschiedenen Stapelweisen, die es für die Qu-Blöcke gibt und die dann für unterschiedliche Reifung und Durchwachsung mit Schimmel und Bakterien sorgen, im Detail sehen. Ein höchst aufschlussreicher Besuch, bei dem es unglaublich viel zu lernen gab, während über das Betriebsgelände ständig diese interessante Duftmischung nach Brioche, frisch gebackenem Brot und Pferdestall wehte.

Spirits Selection 2019 - Qu-Herstellung

Die Herstellung von Baijiu braucht viel Platz, ein Grund dafür wurde uns schnell klar, als wir die traditionellen Fermentationsgruben zu Gesicht bekamen. Jede dieser Gruben ist ungefähr anderthalb Meter tief und einen halben Meter im Durchmesser, und in sie wird das mit qu inokulierte Fermentationsgut im trockenen Zustand eingefüllt. Wochen-, oft sogar monatelang lässt man in diesen Gruben die Mikroorganismen ihre Arbeit tun, abgedeckt mit runden Deckeln und gepolsterten Decken, um die Temperatur zu erhalten, die gebraucht wird, um die Trockenfermentation am Laufen zu halten.

Spirits Selection 2019 - Fermentationsgruben

Nach der Destillation (auch diese wird „trocken“ durchgeführt, also ohne vorher einen Wein oder ein Bier zu erzeugen – so ähnlich, wie wir das von Grappa kennen) erfolgt standardmäßig eine Reifung. Auch wenn Baijiu klar ist, wird er praktisch nie ungereift getrunken. Die Chinesen setzen dafür traditionell keine Holzfässer, sondern Tonkrüge ein. Die poröse Struktur des Tons erlaubt einen Luftaustausch mit der Außenwelt, am Ende entstehen darum zwischen 0,3% und 1,0% „angels‘ share“. Eine Vergleichsprobe zwischen frisch destilliertem Baijiu und 10 respektive 30 Jahre gereiftem Baijiu machte sehr deutlich, was die Tonkrugreifung erreicht – Details dazu wurden auch in einem Vortrag einer chinesischen Spezialistin auf physikalischer und chemischer Ebene erläutert.

Spirits Selection 2019 - Reifungstonkrüge

Ein besonderes Schmankerl war am Ende noch ein exklusiver Besuch einer modernen Baijiu-Destillerie – die modernste Produktionsanlage in China bei Hongxing (Red Star) zeigte eine andere Seite der Herstellung. Waren die anderen Destillerien noch sehr traditionell, fast schon romantisch und klassisch aufgestellt, setzt man hier voll auf die moderne, klare, analytische Technik aus Edelstahl und Beton. Schön ist das natürlich nicht, und auch nicht mehr exotisch, denn so eine Destillerie könnte in dieser Art auch in Deutschland oder den USA stehen, doch es ist dennoch hochinteressant, zu sehen, dass auch in China die Automatisierung Einzug hält. Fast alle hochaufwändigen manuellen Arbeitsschritte sind hier durch Förderbänder und abgeschlossene Mechanik abgelöst, die hübschen Fermentationsgruben durch große Betonkästen. Hier läuft die automatisierte Produktion 24/7, für einen der größten Hersteller von Leichtaromabaijiu natürlich eine enorme Kapazitätssteigerung. Man konnte auch den Stolz im Gesicht des Produktionsleiters sehen, als er unsere Gruppe durch seinen Standort führte und alles bis ins kleinste Detail erläuterte – eine wirklich einmalige Gelegenheit, so etwas gezeigt zu bekommen.

Spirits Selection 2019 - Hongxing Redstar Moderne Produktionsanlage

Neben all diesen Weiterbildungsmaßnahmen durfte natürlich aber auch die rein kulturelle Komponente nicht zu kurz kommen. Tempel und Türme, antike Händlerresidenzen und Monumente, Seen und Gärten gab es im Überfluss. China ist gewiss reich an sehr opulenten, dem Auge und dem Bedürfnis nach Wohlgeformtheit schmeichelnden Sehenswürdigkeiten. Der Taifuguan-Tempel, der riesige Konfuziustempel am Wenhu-See, die Wenfeng-Pagode, die als höchster Ziegelturm Chinas leicht geneigt ist und die Tierkreiszeichen wiederspiegelt, das Fenyangwang-Gebäude und das 9000m² große Herrenhaus der reichen Händlerfamilie Qiao aus der Qing-Dynastie waren dabei die spektakulärsten Eindrücke. Natürlich ist China an sich schon so exotisch, dass man selbst normale Straßen und Häuser betrachtenswert findet, und die allgegenwärtigen Wächterlöwen, edel ausgearbeiteten runden Türen, Türklopfer, Skulpturen, Denkmäler und an jeder Ecke zu findenden Details ließen meinem Blick kaum eine Minute Ruhe. Besonders dabei war gewiss, dass in diese Region von Shanxi kaum Ausländer kommen – entsprechend war unsere Gruppe regelmäßig eine Attraktion für die lokale Bevölkerung, die uns beständig fotografierten und filmten, uns ihre Kinder in die Arme drückten für ein gemeinsames Foto mit dem Laowai. Ich kannte diese Art der Neugier und Aufmerksamkeit aus Büchern über das China der 80er Jahre, und hätte nicht gedacht, dies im Jahr 2019 noch am eigenen Leib erfahren zu können; es war ein verrücktes Gefühl, das in Deutschland wohl nur Stars auf dem roten Teppich kennen.

Spirits Selection 2019 - Culture

Eine Gruppe von Spirituosenfreunden ist automatisch eine Gruppe von Genießern. Und so kann ein Bericht über eine Reise nach China in dieser Gesellschaft nicht ohne eine Erwähnung der kulinarischen Kostbarkeiten bleiben, die wir genießen durften. Praktisch jedes Essen, an dem mehr als 3 Leute teilnahmen, war an runden Tischen mit Drehscheibe in der Mitte, auf die ohne Pause neue Speisen gehäuft wurden. Ich räume mit einem beliebten Vorurteil auf, dass das chinesische Essen, das wir in Deutschland essen, mit dem chinesischen Pendant nichts zu tun hat, auf – zumindest in Shanxi fühle ich mich was die Rezepturen und Gerichte angeht wie bei meinem Lieblingschinesen in Saarbrücken, nur interessanterweise etwas weniger gewürzt und insgesamt etwas eleganter und feiner. Highlights für mich waren die gegrillten und mit Glasnudeln unterlegten Austern, die extrem beliebten Baozi (gefüllte Knödel), die herrlichen kalten und warmen Suppen und der hochfaszinierende Eintopf aus Seegurke und Abalone, eine spannende und seltene Speise, die meinem Gaumen sehr entgegenkommt. Unter zwei Stunden braucht man gar nicht erst anzufangen mit dem Essen, und dazu wird flaschenweise Baijiu getrunken – für uns Ausländer wurde auch ausnahmsweise Bier bereitgestellt, und nach einigen Versuchen war es sogar hin und wieder gekühlt. Erst, wenn wirklich keiner mehr einen Bissen mehr runterkriegt, wird aufgehört, neue Gerichte heranzukarren.

Spirits Selection 2019 - Food

All das, die spannende Arbeit, die interessante Umgebung, das gute Essen, wäre für sich schon ein erfüllendes Reiseergebnis gewesen. Doch für mich ist es immer das allergrößte, die Freunde dort zu treffen – ja, es ist bereits eine Art Familie, die sich hier jedes Jahr zum Familientreffen zusammenfindet. Eine großartige Gemeinschaft, mit der man unglaublich viel Spaß hat – insbesondere, wenn das offizielle Programm zu Ende ist. Der eine oder andere hat dann eine Flasche Cachaça, Rum oder Armagnac dabei, aus der eigenen Herstellung, und die wird dann in kleineren Grüppchen, die sich spontan zusammenfinden, geköpft und in Ruhe, ganz ohne Bewertungsstress, zusammen genossen. Ein schönes Erlebnis beispielsweise war, mitten in einem chinesischen Dorf mit zwei Amerikanern, einer Griechin, einer Bulgarin, einer Engländerin und einem Spanier eine Flasche italienischen Weins zu trinken – ohne Vorankündigung, ohne Verabredung, ohne Mühe. La dolce vita in Reinkultur. Diese Menschen sind es, in all ihren Unterschieden und Eigenheiten, die den besonderen Reiz dieses Wettbewerbs ausmachen: Ein Zeichen, dass wir Menschen, egal wo wir auf dieser Welt leben, zusammenfinden können, und Spirituosen ein Bindeglied zwischen den unterschiedlichsten Kulturen sein können. Eine wertvolle Lektion.

Spirits Selection 2019 - People

Zu guter Letzt wird am letzten Tag immer das große, spannende Geheimnis gelüftet, über das es von Beginn an unter den Juroren viel Flurfunk und Raterei gibt – die Bekanntgabe des nächsten Gastgeberlandes. 2020 wird es also auf die entgegengesetzte Ecke der Welt gehen, nach Kolumbien in Südamerika. Die Hafenstadt Barranquilla hat sich vorgestellt, und es wurden Gastgeschenke zwischen aktuellem und zukünftigem Ausrichter ausgetauscht. Für mich eine interessante Wahl; es freut mich sehr, eventuell (sollte ich erneut eingeladen werden) nach 2017 noch einmal nach Südamerika zu kommen, dieser Kontinent hat mich seit meinem Besuch damals, und schon als kleines Kind, sehr in seinen Bann geschlagen, und ich bin hochgespannt, ein Land, das ich in der Fantasie von Romanen und Computerspielen schon oft durchstreift habe, nun vielleicht in der Realität betrachten zu dürfen.

Spirits Selection 2019 - Übergabe an Barranquilla

Es war ein Höllenritt, in 6 Tagen, 22000 Kilometern, nur sehr wenig Schlaf, Nachwirkungen meines Bandscheibenvorfalls wenige Tage zuvor, ein komplett fremder Kulturkreis, kaum eine Minute, die man mal allein hätte durchschnaufen können – doch einer, den ich jedes Jahr aufs Neue genieße wie kaum etwas anderes zuvor. Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, das ist ein Erlebnis, wie es kaum ein zweites gibt, in seiner Intensität, seiner Professionalität, und seinem Spaß. Ich würde mich mehr als nur geehrt fühlen, 2020 in Kolumbien erneut dabei sein zu dürfen. Bis dahin genieße ich die vielen mitgebrachten Baijius, und sage allen Mitteilnehmern und Organisatoren ein herzliches 谢谢, den ausdauernden Lesern meines Blogs ein herzliches 干杯 und salud!

Nichtmal kurz erhitzt – Sawanotsuru Honjozo Namazake

Die Auseinandersetzung mit japanischem Sake, die ich vor kurzem begann, soll nicht stehen bleiben. Da Sake immer noch ein recht neues Thema für mich ist, schreite ich einfach mal fort und probiere Basisqualitäten der verschiedenen Stile aus – und Stile gibt es genug, mich damit für ein paar Monate beschäftigt zu halten. Wir haben schon Honjozo, Junmai und Junmai Daiginjo in der Standardausführung probiert, jetzt kommt eine Sondervariante eines Honjozo dran. Ich verweise auf meinen oben verlinkten Artikel, in dem der geneigte Leser nochmal die Erinnerung an die spezifischen Fachbegriffe für Sake auffrischen kann.

Der Sawanotsuru Honjozo Namazake ist ein Honjozo, der komplett unpasteurisiert abgefüllt wird. Diese Produktionsvariante, im Namen durch den Bestandteil „Namazake“ (manchmal auch einfach „Nama“) gekennzeichnet ist, soll entsprechend auch demonstrieren, wie Pasteurisierung bei Sake eingesetzt wird. Der Standardsake wird zweifach pasteurisiert, einmal direkt nach der Pressung („joso“, wenn die Flüssigkeit von der Reismasse getrennt wird), und einmal vor Abfüllung in Flaschen. Eine erste Variante dieses Vorgehens, bezeichnet als Namachozo, ist nur einmal pasteurisiert (vor Abfüllung), und unser vorliegender Namazake eben gar nicht. Schmeckt man einen Unterschied? Die Profis aus meiner vorliegenden Sake-Literatur sagen, dass diese Art von Sake frischer, frecher wirken soll. Prüfen wir das mal nach.

Sawanotsuru Honjozo Namazake Sake

Klar und ohne Einschlüsse, eine minimale Tönung ist erkennbar, heller als Weißwein. In meinem Tasting-Glas bewegt sich dieser Sake langsam und schwer, und hinterlässt einen dicken, öligen Teppich am Glasrand, mit ineinander übergehenden Beinen.

In der Nase kommt initial ein leichter Hefegeruch vor, der aber schnell von einer überraschenden Fruchtigkeit überholt wird – ganz stark grüner Apfel, junge Birne, viel grüne Banane. Das riecht für mich schon wie Fruchtsaft, mit sehr zurückhaltenden Rieslingnoten.

Im Mund ist dies nachzuvollziehen – Apfel, Birne, Banane. Sehr süß im Antrunk, mit langsam einsetzender Säure, und einer vorsichtigen Trockenheit, die etwas zunimmt, ohne staubig zu werden. Der Sake wirkt voluminös und breit, fast schon fett, dabei aber frisch und leicht. 13,5% meint man gegen Ende zu erkennen, aber nicht störend.

Sawanotsuru Honjozo Namazake Sake Glas

Der Abgang ist warm, mild, aromatisch kurz, mit einem Gefühl und Geschmack von Hefe und halbtrockenem Weißwein. Der Nachhall hat schließlich Töne von Champignons und feuchter Erde.

Die ausgeprägte Fruchtigkeit des Sawanotsuru Honjozo Namazake lässt mich daran denken, ihn in Cocktails einzusetzen, für die ein Ginjo zu zart wäre. Mit Aprikosenlikör und Zitronensaft im Sumo in a Sidecar habe ich einen Cocktail entdeckt, der nahezu perfekt funktioniert, in dem alle Zutaten harmonisch zusammenspielen für ein tolles Endergebnis. Ein wirklich schöner Sommerdrink.

Sumo in a Sidecar Cocktail


Sumo in a Sidecar
2½ oz Honjozo Sake
1 oz Aprikosenlikör
½ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Buddakan]


Was gilt es zu beachten? Unpasteurisiert ist Sake deutlich kürzer haltbar und empfindlicher, und müsste eigentlich auch vom Zwischenhändler, von dem wir als Konsumenten die Flasche erwerben, gesondert behandelt werden. Leider scheitert das in vielen Fällen einfach am Unwissen der Händler, dass sie eine stärker verderbliche Ware anbieten als die anderen Flaschen, die sie im Sortiment haben – und so steht der Sake dann oft im ungekühlten Regal im vollen Sonnenlicht, das habe ich schon mehrfach gesehen. Letztlich ist das oft bei Spirituosen so, der Sake geht zwar nicht kaputt, aber er verändert sich deutlich. Ich bin noch nicht so weit in diesem Thema, um solche Unterschiede herauszuschmecken, und hoffe daher erstmal, dass die Flaschen, die ich für meine Tests heranziehe, halbwegs sorgsam behandelt wurden; schließlich habe ich sie in einem auf japanische Artikel spezialisierten Geschäft gekauft. Dennoch gilt weiterhin, dass man bei Sake auf Frische achten sollte, bei Namazake vielleicht noch mehr als bei pasteurisiertem Sake.

Flüssiger Bratapfel – Lecompte Calvados Pays d’Auge Age 12 Ans

Ende August war ich zum dritten Mal in Folge zu Spirits Selection by Concours Mondiale de Bruxelles als Spirituosenjuror eingeladen worden. Der Wettbewerb, der jedes Jahr in einem anderen Land stattfindet, war dieses Jahr in China zu Gast. Um die 35 Samples, aus allen möglichen Kategorien, gilt es jeden Tag zu verkosten und nach verschiedenen Kriterien zu bewerten. Besonders gefallen hat mir dieses Jahr der Flight mit Calvados XO – 7 Samples, beinahe alle auf einem sehr hohen Niveau, standen in dieser Blindverkostung vor mir auf dem Tisch – da wird die durchaus anstrengende Arbeit des Verkosters zum Vergnügen.

Spirits Selection 2019 Calvados XO Flight

Die Alterskategorie XO, die es auch für Cognacs und Armagnacs gibt, bedeutet im Gegensatz zu jenen, wo sich die Zahl der Jahre auf 10 geändert hat, immer noch „mindestens 6 Jahre gereift“. Nicht alle Produkte verwenden allerdings diese Alterskategorien – der Lecompte Calvados Pays d’Auge Age 12 Ans, den ich hier besprechen will, verlässt sich statt dessen auf eine absolute Altersangabe in Jahren. Wie in der EU rechtlich festgelegt, sagt diese Angabe bei einem Blend aus, dass der jüngste Anteil dieses Alter aufweisen muss.

Darüber hinaus gilt für Calvados aus der Region Pays d’Auge eine striktere AOC-Regelung als für andere Calvados-Gebiete – er wird mindestens 6 Wochen fermentiert, dann doppelt destilliert, und muss schließlich mindestens 2 Jahre gereift werden. Für den Lecompte Calvados hier hat man sich dazu entschlossen, nach der Reifung dem Apfelbrand noch etwas Zeit in Ex-Portweinfässern zu spendieren. Wie schlägt er sich im nahezu direkten Vergleich zu den Samples, die ich in China vor mir hatte?

Lecompte Calvados Pays d'Auge Age 12 Ans

Optisch ist er jedenfalls schonmal beeindruckend – dunkles Terracotta leuchtet im Glas, und der Calvados bewegt sich äußerst ölig, schwenkt sich schwer, hinterlässt dabei eine dicke Flüssigkeitsschicht am Glasrand, die nur träge abläuft.

Ich glaube, ich habe selten etwas im Verkostungsglas gehabt, was meine Nase so angesprochen und verzaubert hat. Dieser Calvados hat wunderbare Apfel- und Birnennoten, gleichzeitig aber auch dunkeltraubige Komponenten und einen Hauch Holzeinfluss. Viele Gewürze klingen mit, Zimt, Nelken, Kardamom.

Der Lecompte beginnt im Mund mit viel Apfel, wandelt sich im Verlauf zu etwas, was zwar noch Frucht enthält, aber mich an einen Armagnac erinnert – die lange Reifung lässt den Apfel etwas verschwimmen. Das Mundgefühl kann nicht so ganz mit der traumhaften Nase mithalten, es wirkt dagegen etwas schmal, doch diese Konzentration auf den Geruch haben viele Brandys an sich. 40% Alkoholgehalt sind erst am Ende erkennbar.

Lecompte Calvados Pays d'Auge Age 12 Ans Glas

Ein langer, würziger, mildbitterer, leicht scharfer, dabei aber auch blumiger Abgang mit Zimt, Bratapfel und Rosenblättern komplettiert ein durchweg positives Gesamtbild, rund, voll und ohne den Apfelcharakter durch die durchaus lange Reifung aufgegeben zu haben. Das Portweinfinish gibt einen netten, gelungenen Twist zur Aromatik dazu – gerade für Calvadosfreunde ist dies absolut einen Versuch wert. Für das klassische Trou Normand während des Essens ist er vielleicht zu mild, dafür nehme ich gerne was frischeres, frecheres, aber zum Dessert als Digestif – ein Traum.

Natürlich ist ein Brand wie dieser auch eine perfekte Cocktailzutat, die für viel Charakter in einem Drink sorgt – für mich persönlich taugt Calvados als Kategorie grundsätzlich deutlich mehr als andere Apfelbrände für diesen Zweck. Die Kombination mit zwei Wermutarten und etwas Cognac als Abrundung ergibt einen ultratrinkbaren, sehr aromatischen und dabei nicht zu starken Drink, ideal für den nun aufkommenden Herbst, wie der Name schon sagt – Fallen Leaves.

Fallen Leaves Cocktail


Fallen Leaves
1½ oz Calvados
1½ oz süßer Wermut
½ oz trockener Wermut
¼ oz Cognac
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Charles Schumann]


Eine weitere schöne Erinnerung verbinde ich mit Calvados – die Teilnahme am Cocktails & Dreams-Forentreffen 2018 in Berlin. Dort wurde neben dem Genuss vieler Liter anderer Spirituosen auch ein Calvados- bzw. Apfelbrandtasting von Tim und Ilja durchgeführt – unterschiedliche Produkte, für die die beiden sogar ein kleines Booklet angefertigt haben. Es war eine Freude, zum langsamen, gemütlichen Genuss des Lecompte Calvados Pays d’Auge Age 12 Ans darin wieder mal zu blättern.

Cocktails & Dreams Forentreffen 2018 Calvados Booklet

Offenlegung: Ich danke conalco.de für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Calvados.

Bourbon: Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig)

Der transatlantische Streit zwischen den Anhängern amerikanischer und schottischer Whiskys ist schon alt – und er geht meist von den europäischen Trinkern aus, die aus irgendeinem obskuren Grund denken, Scotch sei im Vergleich die viel hochwertige Spirituose, und Bourbon minderwertig und billig; analog zu der Trennung zwischen E- und U-Kultur. Nun, ich will mich hier nicht mit denen auseinandersetzen, die diese aus Unkenntnis und Ignoranz entstandene Wertung ernst meinen, das ist verlorene Liebesmüh. Wichtiger erscheint es mir, denen, die offen dafür sind, Unterschiede wertzuschätzen, mit Information zu versorgen. Allerdings bin ich Generalist, kein Spezialist, und daher muss auch ich mir meist erstmal das dafür nötige Wissen aneignen. Zum Beispiel über Bücher.

Nagelneu auf meinem Bücherstapel ist daher Bourbon: Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey von Thomas Domenig gelandet – eben erst im Selbstverlag erschienen. Tatsächlich habe ich diverse Bücher über Tequila, Rum, Sake und andere, über Bourbon dagegen ist mein Regal recht leer; um so erfreulicher, dass sich dieser Umstand nun ändert. Werfen wir einen Blick ins Buch.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey Cover

Die erste Hälfte besteht aus Informationen zu Geschichte, Herstellung und Randbedingungen von Bourbon, Tennessee Whisky, Blended Whiskey und weiteren Ausprägungen dieser amerikanischen Spirituosengattungen. War ich bezüglich der ersten beiden Beispiele noch vergleichsweise up-to-date, so fand ich die Erläuterungen bezüglich Blended Whiskey sehr augenöffnend; vor allem, weil dieser Begriff in den USA offensichtlich etwas sehr anderes bedeutet als in Schottland oder anderswo. Das ist etwas, was ich an einem Buch schätze, wenn es mir, obwohl ich mich schon einigermaßen im Thema auskenne, mir dennoch immer noch ein paar Details präsentiert, von denen ich nichts wusste. Für alle, die komplett blank sind, was Bourbon angeht, ist die Lektüre jedenfalls sicherlich sehr bildend und vollständig, was alle Themen rund um diese uramerikanische Spirituose betrifft.

Die zweite Hälfte erzählt dann Details zu verschiedenen Herstellern. Die Historie von bekannten und weniger bekannten Namen wie MGP, Brown-Forman, Beam Suntory und vielen weiteren werden mit kleinen Anekdoten und einer erfrischend skeptischen Haltung, was die oft blumig ausgeschmückten Geschichten der jeweiligen Firmenheiligen und Ursprungslegenden angeht, geschildert. Mir gefällt sehr, wie Domenig hier pointiert und mit Blick auf die tatsächlichen Gegebenheiten der Zeit durch das Dickicht des Marketinggeseiers sticht, anstatt es unreflektiert wiederzukäuen, was so manch anderer Autor in seinen Büchern tut. Einen Satz wie den auf Seite 274 findet man selten in Fachliteratur, die es sich nicht mit Herstellern verscherzen will: „manchmal muss man sich doch wundern, ob sie die historischen Begebenheiten nur nicht kennen oder aber ganz gezielt torpedieren“.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig) Detailseiten 3

Soviel zum Inhalt, an dem ich überhaupt nichts auszusetzen habe, außer dass ich bei einer Spirituose, die perfekt wie keine zweite für Cocktails geeignet ist und über mehr als ein Jahrhundert eine riesige Menge an herausragenden klassischen Rezepten angehäuft hat, es irgendwie seltsam finde, kaum ein Wort über die Mixologie zu verlieren – ich bin mir sicher, dass ein gar nicht so kleiner Teil des Erfolgs von amerikanischem Whiskey durchaus auch den vielen Whiskey Sours, Manhattans und Old Fashioneds zu verdanken ist, die in aller Welt getrunken werden.

Zum Stil – das Buch ist stark textlastig und vom etwas universitären Stil her eher an den Fachleser ausgerichtet als an den zufällig zugreifenden Spirituosenlaien. Es wirkt hin und wieder dozierend und liest sich dann wie eine Abschlussarbeit – bei einem Fachbuch lese ich persönlich ungern diese Art des prosaartigen erklärenden Stils. Manche Absätze, die aus vielen Aufzählungen, oft mit Zahlen verbunden, bestehen, wären darum vielleicht als simple Tabellen besser aufgehoben gewesen – wie insgesamt ein etwas aufgelockerterer Textgliederungsstil mit mehr Absätzen, Zwischenüberschriften, Hervorhebungen außer durch Kursivsetzung und Strukturgebern wie Diagrammen oder einfließenden Illustrationen den Lesefluss verbessern würde. Auch wäre im Teil über die Konzerne und Hersteller eine Baumstruktur der Marken sinnvoll gewesen.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig) Detailseiten 2

Manche Seiten überlese ich schnell, weil darin für den Spirituosenkenner recht selbstverständliche Dinge lang ausgebreitet werden – gerade da kommt dieses Gefühl der universitären Abhandlung stark hoch in mir, der selbst genug Paper geschrieben hat (und da wahrscheinlich in die selbe Falle getappt ist). Da das Buch insgesamt eher an dieser Zielgruppe ausgerichtet ist, würde eine Straffung diesbezüglich an der einen oder anderen Stelle das Leseerlebnis heben; und auch etwas Schwung in den zwar keineswegs trockenen, aber doch im Vergleich zu vielen angloamerikanischen Fachbüchern unknackigen Stil bringen (das ist aber ein grundsätzliches Problem praktisch aller deutschsprachigen Fachliteratur).

Mit den Augen gerne und lange hängen bleibe ich dagegen an den tollen und richtig gut gelungenen Infografiken, die im Buch verstreut sind und manchmal als Kapiteltrenner den Inhalt komprimiert darstellen – grafisch sehr reduziert im Stil, konzentriert auf die wichtige Information, ohne dabei verflachend zu wirken. Davon hätte ich gern noch mehr gesehen, diese Illustrationen werten das Buch direkt auf.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig) Detailseiten 1

Die Produktionsqualität schließlich steht außer Frage und ist für ein im Selbstverlag erschienenes Buch außerordentlich hochwertig und erfreulich – über 400 Seiten sich gut anfassendes, dickes Papier, eine hervorragende Fadenbindung, die sowohl fest zusammenhält als auch das Aufhalten des Buchs nicht anstrengend macht, ein fester Hardcover-Einband mit sehr farbenfroher und witziger Titelillustration passend zu den Infografiken, und schließlich ein Lesebändchen. Ein funktionierendes Lektorat sorgt für einen von Rechtschreibfehlern praktisch ungestörten Lesefluss. Das Ganze spiegelt sich im Preis von 45€ wieder, doch neben dem Inhalt bietet das Werk dafür eben auch viel Haptisches und wirkt dem Preis durchaus angemessen, ohne sich inhaltlich auf Coffee-Table-Book-Niveau herabzubegeben. Für mich wird Bourbon: Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey inbesondere in Bezug auf die Verflechtungen der Hersteller, Distiller und Konzerne ein wertvolles Nachschlagewerk für die Zukunft sein.

Offenlegung: Ich danke Thomas Domenig für die Zusendung eines Rezensionsexemplars seines Buchs.

Süße Namensprobleme – Sensèa Grappa di Prosecco

Nein, es handelt sich hier nicht um einen Grappa, der aus italienischem Schaumwein gemacht wird. Der Sensèa Grappa di Prosecco wird wahrscheinlich den einen oder anderen mit seinem Namen dennoch dahingehend verwirren. Man sieht daran aber schön, wie sich alte Gewohnheiten durch neue gesetzliche Regelungen ändern. Seit 2010 gibt es eine geschützte geographische Herkunftsbezeichnung „Prosecco“, die genau jenen Schaumwein aus Norditalien schützen soll – und der bis dahin verwendete Name einer Rebsorte gleichen Namens musste dann eben weichen, um Verwechslungen vorzubeugen. Die Traube heißt seitdem „Glera“, und entsprechend müsste dieser Grappa hier nun eigentlich Sensèa Grappa di Glera heißen. Inwieweit die Änderungen im Weinschutzrecht derartige abgeleitete Produkte wie Grappa treffen, ist mir unbekannt – obwohl ich inzwischen richtig viele Gesetzestexte bezüglich Spirituosen gelesen habe, sind sie mir in ihrer seltsamen, oft sehr offenen Formulierungen immer noch großteils ein Rätsel geblieben.

Da es sich bei diesem Grappa aus dem Hause Candolini wohl um einen der meistverkauften Italiens handelt, wird es wohl alles seine Richtigkeit haben. Oder aber der alte Satz „wo kein Kläger, da kein Richter“, der viele schummrige Geschäftspraktiken gerade bei Spirituosen am Leben erhält, gilt auch hier. Nun, es ist nur ein Detail im Namen. Schauen wir uns den Grappa selbst doch auch etwas genauer an.

Sensèa Grappa di Prosecco

Die Farbe ist klar, ohne Fehler, das sieht man schon von außen in der sehr zeigefreudigen Flasche, die praktisch ohne Verhüllung mit ihren wohlgeformten Rundungen da steht. Im Glas bewegt sich der Grappa schwer und ölig. Die Nase ist herbal und kräuterig, mit Noten nach Malz, Honigmelone und feuchtem Karton. Süß und durchaus typisch.

Im Mund verstärkt sich ein Eindruck weiter: Sehr, sehr süß, mir kommt das gesüßt vor – Süßung ist allerdings bei unterjährig gereiftem Grappa nicht erlaubt, und dieser hier ruhte nur 6 Monate in Holzfässern, daher ist die Süße wohl natürlich, dennoch gefällt sie mir nicht in ihrer Intensität. Bis zum Ende hält sich diese leicht klebrige Süße, die alles dominiert. Kräuterige und grünholzige Geschmäcker ergänzen das nur. Das cremig-weiche Mundgefühl wird gegen Ende durch etwas Alkoholfeuer ergänzt – 40% Alkoholgehalt sind eher mäßig eingebunden. Der Abgang ist klebrig, mittellang, leicht floral – das könnte der Einfluss der Glera-Traube sein – und fast schon fruchtkaugummig. Hier zeigt der Sensèa Grappa di Prosecco etwas Zähne, mit starkem, aber etwas belanglosem Kribbeln auf der Zunge.

Sensèa Grappa di Prosecco Glas

Persönlich ist mir dieser Grappa viel zu süß, er wirkt pappig und lässt kaum Aromen zu, die darüber hinaus gehen. Dadurch ist er oberflächlich und zwar voluminös im Mund, dafür aber hat er keine Komplexität und auch keine Tiefe. Ich würde ihn eher als Likör denn als echten Grappa sehen, und ihn auch entsprechend einsetzen.

Während die deutliche Süße für mich persönlich ein gewisses Hindernis im Purgenuss darstellt, macht gerade sie den Sensèa Grappa di Prosecco interessant als ungewohnte Cocktailzutat. Im Antonella jedenfalls macht er sich sehr gut – zusammen mit seinen anderen rein italienischen Zutaten. Ich habe den Limoncello des Originalrezepts ausgetauscht gegen Arancello, einfach weil ich den einen da hatte und den anderen nicht. Selbst eine Hausbar wie meine ist halt begrenzt.

Antonella


Antonella
1½ oz Grappa
1 oz Arancello
¾ oz Amaretto
¾ oz Galliano l’Autentico
Auf Eis shaken.
Mit Orangenschale dekorieren.
[Rezept adaptiert nach Gianni Albanese]


Auf meiner persönlichen Liste der alkoholischen Lieblingsgetränke steht Grappa eigentlich recht weit oben, ich habe mich mit dem Tresterbrand sehr angefreundet. Allerdings zeigen mir Produkte wie der Sensèa Grappa di Prosecco dann doch immer wieder, dass man Kategorien einfach nicht über einen Kamm scheren sollte, denn die Unterschiede innerhalb einer Spirituosenkategorie können wirklich richtig groß sein. Ich für meinen Teil bevorzuge trockenere, herbere Grappe – was aber nicht heißen darf, dass die süßeren Produkte unbedingt schlechter sind.

Wasser marsch! G4 Tequila Reposado, Añejo und Extra Añejo

Die Diskussionen über Spirituosenherstellung, die ich so über allerlei Kanäle verfolge, drehten sich früher fast ausschließlich um Fassreifung und Destillationsmethoden. Erst deutlich später rückte die Fermentation, die eigentlich das Zentrum und der Ursprung fast aller späteren Aromatik ist, in den Fokus der Aufmerksamkeit. Es ist erstaunlich, wie sich das so im Laufe der Zeit verschiebt, es zeigt, wie komplex selbst ein einfacher Schnaps sein kann, was die technische Seite der Herstellung angeht.

Ein Punkt, der hin und wieder zu Marketingzwecken erwähnt wird, ist das eingesetzte Wasser („klar und rein aus der hauseigenen Quelle“), ein von den Diskutanten meist höchst vernachlässigter Grundbestandteil aller Spirituosen – selbst in den trockenfermentierten und -destillierten Spirituosen wie Baijiu wird später Wasser eingesetzt, um zu verdünnen. Dahingehend finden wir es überall wieder, und ein kluger Brenner wird diesen Faktor nicht unberücksichtigt lassen. Manchmal spielt man sogar damit, wie bei den Tequilas aus dem Hause Camarena. Der hier vorgestellte G4 Tequila wird dabei „destilliert mit 50% gesammeltem Regenwasser und 50% natürlichem Quellwasser“, und das soll am Ende einen Unterschied zu den anderen Marken aus der Destillerie El Pandillo (NOM 1579) ausmachen (Terralta und Pasote), die mit anderen Anteilen der Wasserarten hergestellt werden. Schauen wir uns mal drei Ausprägungen des G4 an, namentlich den G4 Tequila Reposado, Añejo und Extra Añejo.

G4 Tequila Reposado, Añejo, Extra Añejo

Ich fange bei dieser Reihe direkt mit dem G4 Reposado an – denn vom G4 Tequila Blanco habe ich eine große Flasche schon vor einiger Zeit erworben, für die ein separater Artikel veröffentlicht werden wird. Dieser Reposado wird „mindestens“ 6 Monate gereift (und per Kategorie automatisch weniger als 12), dafür werden gebrauchte Bourbon-Fässer von Jim Beam und Jack Daniel’s verwendet – einen leichten strohigen Schimmer geben sie an das Destillat ab. Erkennbar viskos schwenkt sich der Tequila, die Beine laufen einigermaßen schnell aus einem ausgefransten Saum ab. Riecht man am Glas, findet man alles, was einen leichtgereiften Tequila ausmacht – da ist noch viel der Agavenfrucht, etwas Zimt, Lavendel und Anis; der vegetale Charakter des Basisdestillats bleibt erkennbar, wird ergänzt um vorsichtige Holznoten von gerösteter Mandel und Kokosnuss. Im Mund springt zunächst eine freche und unerwartete Säure nach vorn, die im Verlauf abebbt, aber bis zum Abgang erkennbar bleibt. Der Geschmack ist sehr kräuterig, mit wirklich definiertem Agavenfleisch, allerlei Grünzeugs und Dill. Ein leicht buttriges Mundgefühl spielt mit der auftauchenden, herben Trockenheit. Sehr würzig und mildscharf, da finde ich viel Salz und schwarzen Pfeffer, der aus der Aromatik entsteht und nicht aus den für Tequila sehr üblichen 40% Alkoholgehalt. Im mittellangen Abgang finden sich dann zusätzlich zu all dem noch etwas Karamell und Vanille – bis zum langen, nun wieder sehr grünen, vegetalen Gewächshausnachhall mit einem blumigen Charakter.

G4 Tequila Reposado

Ein toller Ausbau eines eh schon großartigen Tequilas, an dem man erkennen kann, dass eine Reifung auch bei Tequila, gut gemacht, vorsichtig angegangen, mit einem soliden Basisdestillat, feine Nuancen mit ins Produkt bringen kann.

Für die nächsthöhere Reifungsstufe, den G4 Añejo, werden dieselben Fässer, die ich oben schon beim Reposado erwähnt hatte, eingesetzt. Mindestens 18 Monate (auch hier gilt, dass die Obergrenze durch die nächsthöhere Kategorie gesetzt wird, das heißt 3 Jahre) wird dieser Tequila in jenen Fässern gelagert – für viele Spirituosen ein lächerlich kurzer Zeitraum, für Tequila durchaus schon so lange, dass man beginnen muss, aufzupassen, nicht die Art von Holzigkeit ins Destillat zu kriegen, die Bourbonhersteller erst ab 12 Jahren, Scotchproduzenten erst ab circa 25 Jahren und Brandydestillateure vielleicht ab 50 Jahren leise fürchten.

G4 Tequila Añejo

Die Nase des G4 Añejo ist erkennbar stumpfer, seifiger, weicher, ohne aber komplett die helle Charakteristik eines Tequila abzugeben. Orange, Birne, Banane, roter Apfel – im Vergleich zum Reposado nimmt die Fruchtigkeit doch deutlich zu, und eine rosige Blumigkeit ist neu. Im Mund ist das ganze noch deutlicher spürbar: sehr viel schwerer, voller, tiefer im Register ist der Añejo im Vergleich zum Reposado. Noch mehr Butter, Karamell, schon fast Toffee sind nun die beherrschenden Noten, die der immer noch vorhandenen Agavenfrucht schon erkennbar den ersten Platz in der Aromatik streitig machen wollen. Reife Früchte wie Pfirsich tauchen auf, geblieben ist dafür die Pfeffrigkeit und Würze, und die starke Salzigkeit. Derselbe Alkoholgehalt von 40% fällt hier noch weniger auf als beim jüngeren Bruder. Im Abgang wird das ganze von der Süße übernommen, das Fass dominiert hier nun recht deutlich, die Rosenkomponente hallt lange nach, wenn der G4 Añejo schon lange aus dem Mund verschwunden ist. Das ist sehr schwer im Vergleich zu der etwas jüngeren Reifungsstufe, und ist ein Beweis für die angesprochene Vorsicht, die man als Hersteller diesbezüglich walten zu lassen hat.

Die höchste (und historisch paradoxerweise neueste) Ausbaustufe ist schließlich der G4 Extra Añejo. Mindestens 3 Jahre Reifungsdauer ist die Voraussetzungen, diese Bezeichnung erhalten zu dürfen. Erneut weise ich darauf hin, dass ich nicht viel davon halte, Tequila lang zu reifen – den blumig-fruchtigen Charakter, der Tequila ausmacht, überdeckt man meist einfach nur mit generischen Fassholznoten, die man überall findet. Man raubt diesem edlen Produkt durch lange Reifung oft mehr, als man ihm gibt.

G4 Tequila Extra Añejo

Farblich jedenfalls lohnt es sich nicht, die zusätzliche Zeit zu investieren: man muss ein genaues Auge haben, um die leicht gelblichere Nuance im Ton erkennen zu können. Auch vom Verhalten im Glas ist praktisch kein Unterschied vorhanden, alles, was ich zum optischen Eindruck des Añejo sagte, gilt entsprechend auch für den Extra Añejo. In der Nase unterscheiden sich die beiden dann aber schon – der Extra Añejo wirkt sehr harzig, erinnert mich fast schon an Mastiha. Die Fruchtigkeit des Añejo wurde durch die längere Lagerung fast vollständig durch holzige Noten ersetzt, und insgesamt an Komplexität reduziert. Auch im Mund geht für mich das so weiter – Anflüge von Vanille, deutlich Zimt, aber irgendwie weniger Körper und weniger Breite. Die Süße ist zurückgenommen, eine stärkere Trockenheit nimmt überhand. Die Agavenfrucht erkennt man erst im späten Verlauf, und selbst da nur kurz. Der Extra Añejo wirkt irgendwie schließlich schal im Mundgefühl, und die auch hier vorhandenen 40% wirken sehr viel unrunder eingebunden als bei den jüngeren Geschwistern. Deutlich mehr Feuer, Chili und weißer Pfeffer, alles geht bis in den sehr prickelnden und heißen Abgang über, der aromatisch sehr kurz ist. Im Nachhall tauchen ganz spät schließlich doch noch die floralen Agavearomen auf, wegen denen ich Tequila trinke – zu spät. Denn persönlich gesprochen haben wir hier, für meinen Geschmack, die Obergrenze dessen erreicht (und, um wirklich ganz ehrlich zu sein, bereits überschritten), was man Tequila zumuten kann; selbst ein so gutes Basisdestillat wie das des G4 wird einfach erschlagen durch die lange Reifung, da ist für mich nur noch trockenes Holz und scharfer Pfeffer. Das mag für den einen oder anderen ansprechend sein, doch der Wunsch nach Reifungsaromen und dem oberflächlichen Korrelieren von Alter mit Qualität vieler Konsumenten führt hier und bei anderen langgereiften Tequilas einfach zum Verlust des Charakters. Quod erat demonstrandum.

In Cocktails setze ich eigentlich fast ausschließlich Blancos und Reposados ein, wenn nach Tequila gerufen wird – die älteren Tequilas machen aus oben genannten Gründen nicht mehr so viel her in Mixed Drinks. Will man etwas Knackiges, Fruchtiges, nimmt man einen Blanco, sucht man nach etwas gemilderten, weicheren Agavenaromen, nimmt man einen Reposado – so wie hier im Elixirita. Ein wahnsinnig toller Drink, mit Erinnerungen an den modernen Klassiker Tommy’s Margarita, noch weiter gerundet durch den Einsatz eines Schusses Cognac.

Elixirita Cocktail


Elixirita
2 oz Tequila Reposado
1 oz Limettensaft
½ oz Agavensirup
¼ oz Cognac
Auf Eis shaken.
[Rezept nach H. Joseph Ehrmann]


Es geht einem ja oft so, dass man denkt, man kennt eine Spirituosenkategorie einigermaßen, und trifft dann auf eine Marke, die für den Gaumen einen derartigen Quantensprung vollzieht, dass man nicht glauben konnte, je etwas anderes richtig gut gefunden zu haben. Für jemand, der vorher noch keinen dieser modernen und gleichzeitig sehr traditionellen superhochwertigen Tequilas kannte, kann der G4 genau so ein Quantensprung sein. Und auch für mich, der sich schon mit dem einen oder anderen Traumtequila auseinandergesetzt hat, ist der G4 einer derer, die einen Großteil der restlichen Tequilaproduktion weit in den Schatten stellt. Für mich ist der G4 Blanco einer der besten Tequilas, die ich je im Glas hatte, und die gereiften G4s sind in ihrer jeweiligen Kategorie ähnlich herausragend (ich nehme den Extra Añejo einfach mal aus, mir missfällt die gesamte Altersgruppe grundsätzlich). Ich empfehle allerdringendst jedem, diese Agavenbrände auszuprobieren.

Offenlegung: Ich danke fifteenlions für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples des G4 Tequila.

Kurz und bündig – Velier Royal Navy Very Old Rum

Velier ist ein Vorreiter, was Transparenz bei Rum angeht. Das Etikett des Velier Royal Navy Very Old Rum ist dafür ein Beispiel. Darauf findet man alles in klarer Sprache, was den echten Rumfreund interessiert. Die einzelnen Blendbestandteile werden aufgelistet (Trinidad, Caroni, 20 Jahre Tropenreifung; Guyana, Demerara, 15 Jahre Kontinentalreifung; Jamaica, Pure Single Rums, mehr als 12 Jahre Tropenreifung). Das gewichtete Alter, in diesem Fall also 17,42 Jahre. Zu guter letzt noch Ort des Blending und der Abfüllung – Schottland. Es ist so angenehm, so ein Etikett zu lesen, auf dem nicht mit Marketingluftschlössern und den abgeschmackten Piraten und anderen Fantasiepersonen geschwurbelt wird, sondern handfeste Informationen geliefert werden. Doch was ist mit dem Rum selbst?

Velier Royal Navy Very Old Rum

Dunkles, kräftiges Terracotta, mit orangefarbenen Anklängen. Ungefärbt ist er laut Deklaration, das gefällt mir als Zusatzverweigerer jeder Art. Im Glas scheint der Velier Royal Navy Very Old Rum leicht, bewegt sich ohne Mühe oder Schwere. Dabei entstehen äußerst viele, sehr eng aneinanderliegende, langsam ablaufende Beine. Beim langsamen Schwenken verbreitet sich auch der Geruch über das Glas hinaus. Sehr prägnant, mit vielen teerigen, schmutzigen Noten, darunter schwere Frucht aus Banane, überreifer Ananas und ebensolchem Pfirsich, Rosinen. Etwas Portwein, vielleicht Amarone. Darunter wiederum Malz, Melasse und richtig viel Vanille. Für mich persönlich archetypisch Rum – ein Wunschduft für einen Lufterfrischer. Ein leichtes Beissen in der Nase warnt davor, die Nase zu tief ins Glas zu halten.

Sehr trocken im Antrunk, sehr schokoladig, dunkelmarzpanig, bitterorangenfruchtig. Trotz der Trockenheit dominiert eine natürliche Süße, die allerdings nicht den feurig-wilden Charakter übertönt. Milde Ester, einiges an Fusel, viel Hefe, manch einer wird sich daran stören; doch das ist Rum, nicht die breitgeklatschte, zermantschte Solera-Eintagsfliege auf der Muggeplätsch, sondern die stolze Hornisse, die sich wehrt. Da gibt es viel zu entdecken, der Blend aus Jamaica, Guyana und Trinidad ist deutlich in all seinen Komponenten erkenn- und erforschbar. Diese Komplexität geht aber keineswegs zu Lasten der Trinkbarkeit, selbst die hohe Alkoholstärke von 57,18% (Navy Strength eben) ist zwar deutlich spürbar, aber klasse eingebunden. Der Abgang ist glühend heiß, lang, effektvoll. Fuselnoten hängen lange nach. Die Wärme klingt dafür umso langsamer ab. Es bleibt eine schwere Süße am Gaumen.

Ein wirklich höchstattraktiver Rum für Leute, die echten Rumgeschmack mögen. Hier findet sich ein wirklicher Querschnitt durch die britischen Rumkolonien, mit allem, was ihn auszeichnet, und ihn für mich zum quintessenziellen Rumgeschmack macht. Natürliche Süße, natürliches Feuer, natürliche Aromatik – ein Rumfeuerwerk, wie ich es liebe. Der Preis des Velier Royal Navy Very Old Rum ist letztlich das einzige, was mich abhält, diesen Rum bedingungslos jedem zu empfehlen – wer es sich aber leisten kann, sollte sich eine Flasche davon in die Hausbar holen. Denn eines ist klar: Wert ist er es.