Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Titel

IGP, AOC und andere ggAs – Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe

Redet man über Rhum Agricole, beginnt das Missverständnis meist schon im ersten Satz. Selbst Rumexperten verwenden die allerersten Basisbegriffe wie „agricole“ oft, ohne eine wirklich klare Vorstellung davon zu haben, wie komplex die rechtliche und terminologische Lage diesbezüglich ist. Ich will gar nicht auf diese Schwierigkeit eingehen, sondern einen großen Schritt von dieser schwierigen, für mich selbst noch unklaren Schwammigkeit nach vorne an die klar definierte Front machen, und dabei das immer noch häufig gehörte Missverständis aufklären, dass jeder rhum agricole automatisch nach den strengen Regeln des AOC hergestellt wird. Die Kette ist eigentlich klar: Nicht jeder Zuckerrohrsaftbrand ist ein Rum, nicht jeder auf französischen Gebieten hergestellter Rum ist Rhum agricole, nicht jeder Agricole aus derartigen Gebieten ist AOC.

AOC, Appellation d’Origine Contrôlée, ist ein Schutzmechanismus, der nur an sehr ausgewählte Produkte der teilnehmenden Länder vergeben wird (bei dieser französischen Variante eben Frankreich und Schweiz); bei weitem nicht jeder rhum agricole erhält ihn. Zur Zeit hat nur die Insel Martinique das Recht, ihren Rum, der nach diesen sehr explizit formulierten Regeln hergestellt wird, mit diesem Siegel zu markieren. Ein Beispiel für ein nicht-AOC-Rum-produzierendes französisches Gebiet ist Martiniques Nachbarinsel Guadeloupe. Um die Sache zu verkomplizieren, ist der Rum, der dort hergestellt wird, trotzdem auch geschützt – nicht über das AOC-Siegel, sondern über dessen kleinen Bruder, das IGP-Siegel (Indication Géographique Protégée). Kleiner Bruder deshalb, weil die Strenge der Vorgaben, was die Produktionschritte angeht, in diesem Fall doch erkennbar geringer ausfällt – statt detaillierten Vorgaben reicht es schon, wenn die Herstellung allgemein in der angegebenen Region erfolgt, um das Siegel bekommen zu können, das von der EU verliehen wird, nicht von einer unabhängigen Kontrollinstanz, wie das bei AOC der Fall ist.

Wir betrachten in diesem Zusammenhang einfach mal einen Rum – der Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe ist so ein Produkt der Insel Guadeloupe, das das IGP-Siegel trägt. Er wird in der Bellevue-Destillerie für den langjährigen Besitzer der Destille, Damoiseau, den größten Rumhersteller Guadeloupes, gebrannt, und lagert dann mindestens 3 Jahre im Eichenfass, um die Alterskategorie „VO“ zu bekommen.

Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Flasche

Für diese kleinen 3 Jahre weist der Rum eine überraschend kräftige Farbe auf, ein dunkles Kupfer mit goldenen Reflexen. Das lädt direkt dazu ein, die Nase ins Glas zu halten – dort findet man dann erstmal ein schönes Entrée von Zitrusfrüchten. Agricoletypische Noten tauchen schnell auf, Heu und Malz. Leise Anklänge von Kaffee und Schokolade, im Untergrund etwas Pferdedecke.

Der Geschmack überrascht dann zunächst leicht. Honig ist ganz deutlich präsent, ebenso Schwarztee. Passend dazu ist der Eindruck richtig süß, mild, ohne echte Kante und Ecke. Vollmundig und dicht, der Damoiseau VO fühlt sich fast schon dickflüssig im Mund an, wenigstens aber ölig. Leicht grasige Aromen, begleitet von etwas kühler Eukalyptusschärfe im Verlauf. 42% Alkoholgehalt kann man im Ansatz riechen und schmecken, ein paar Jahre mehr werden für noch bessere Einbindung sorgen.

Der Abgang wird sehr trocken, der ganzen Süße im Antrunk spottend. Ansprechend mittellang. Im Nachhall entdecke ich Vanille, noch mehr Heu. Sehr warm und wohlig läuft der Rum den Rachen hinunter und verweilt dort etwas. Ich finde das einen perfekten Rum für Leute, die bisher eher Süßrums im Blickfeld hatten und Agricoles mit Misstrauen beäugen, die grasig-holzigen Komponenten schwierig finden und sich eher gemütlich verwöhnen wollen. Der Abgang ist für diese vielleicht etwas ungewohnt würzig, doch nie unangenehm.

Es gibt unendlich viele Cocktailrezepte, die Rum einsetzen, in all seinen Spielarten. Meist ist dabei rhum agricole nicht die Zutat der Wahl, denn sein doch leicht anderes Aromenprofil würde dafür sorgen, dass die Gesamtaromatik in eine sehr andere Richtung kippt. Für den Damoiseau VO gilt das meines Erachtens nicht – er passt sich gut in Standardrumrezepte ein. Der Agricole Malecon zeigt dies; er wird normalerweise als Malecon mit Melasserum gemacht.

Agricole Malecon


Agricole Malecon
1¾ oz Rhum agricole (z.B. Damoiseau VO)
½ oz Tawny Port
oz Oloroso-Sherry
1 oz Limettensaft
2 Teelöffel feiner Zucker
3 Tropfen Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Erik Lorincz]


Ich kann mit der Art von Schraubverschluss, die sich auf dieser Flasche befindet, bei Spirituosen sehr gut leben – ich brauche keinen Korken, wenn so ein hochwertiger Plastikschraubverschluss es auch tut. Bei dem wirklich richtig guten Preisleistungsverhältnis (man bezahlt in Frankreich im Supermarkt um die 20€ für die 70cl-Flasche) wäre auch jedes Meckern diesbezüglich scheinheilig.

Also, wer sich vor Rhum Agricole bisher gefürchtet hat, greife hier unbesehen zu. Auch bereits Initiierte, die nach einem wirklich milden, vollmundigen Schluck für zwischendurch oder als Cocktailzutat suchen, werden es nicht bereuen, sich diesen Tropfen ins Regal zu stellen.

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Maisel & Friends Juicy IPA Titel

Kurz und bündig – Maisel & Friends Juicy IPA

Viele unerfahrene Biertrinker denken, dass wenn wir Freunde des modernen Gerstensafts über Fruchtaromen im Bier reden, diese künstlich zugesetzt werden, oder dass es sich um Mischgetränke à la Mixery handelt. Entsprechend ablehnend stehen sie einem Ale gegenüber. Dass Hopfen viel kann, wenn er gut eingesetzt wird, auf jeden Fall mehr als nur Bittere ins Pils zu bringen, muss man oft erst mühsam erläutern.

Ich kann mir gut vorstellen, dass das Maisel & Friends Juicy IPA bei konservativen Genießern genau so problematisch ankommen könnte – wenn es schon als „Trobeerical Bomb“ angepriesen wird, entstehen beim Unwissenden vielleicht falsche Assoziationen. Schauen wir mal, ob man das Bier in einer Eckkneipe auf den Stammtisch stellen könnte.

Maisel & Friends Juicy IPA

Zur äußeren Erscheinung: Opalisierend, leicht blasses Gelbgold. Knisternder Schaum beim Eingießen, mittel- bis großblasig. Sehr starke Perlage. Juicy – ja, das unterschreibe ich direkt, wenn ich den Riechkolben ans Glas halte. Extrem fruchtig in der Nase, Himbeeren, Stachelbeeren, Aprikosen, Apfel; toll. Kombiniert mit der leichten Malzwürze im Untergrund ist das ein spektakuläres Bouquet.

Das aletypische cremig-weiche Mundgefühl ist immer wieder eine Freude, im Antrunk ist das Juicy IPA auch sehr fruchtig. 50 IBU schlagen dann schnell zu, die Bittere übernimmt. Geschmacklich sieht es eher mau aus – da ist nicht viel von der extrem tollen Nase übrig geblieben, etwas Zitrone vielleicht. Eine seltsame, leichte Adstringenz betäubt die Zunge. Trotz der 7,2% Alkoholgehalt wirkt das Bier seltsam schwachbrüstig und körperarm. Eine etwas schwierige Mischung aus Säure und kantiger Bittere entsteht schließlich im Abgang, die einem den Speichel in den Mund zieht. Unabhängig davon macht es dann hier seinem Namen Ehre – mittellang, edelhopfig und fruchtig im Nachhall.

Normalerweise bin ich ein echter Fan der Maisel & Friends-Biere – das Juicy IPA trifft als allererstes Bier dieser Marke meinen Geschmack nicht so richtig, es wirkt für mich persönlich irgendwie holprig, die Diskrepanz zwischen Fruchtnase und Geschmacksschwächen ist zu groß.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kostenlose Zusendung einer Flasche des Juicy IPA.

Fio do Bigode Cachaça Titel

Sie ist kein Rum – Fio do Bigode Cachaça

Es ist spannend zu beobachten, wie sich die Wahrnehmung von Spirituosen ändert, sobald sie etwas verbreiterter werden. Gewiss ist Cachaça eine der meistproduzierten Spirituosen überhaupt, doch kennen tut sie außerhalb Brasiliens kaum jemand. Eine spannende Diskussion, was Cachaça nun eigentlich ist, nahm vor kurzem eine interessante Wendung. Musste ich früher harte Kämpfe ausfechten, um zu verdeutlichen, dass Cachaça kein Rum ist (manche wollten in ihrem Drang nach Kategorisierung diese Einordnung durchfechten), so ist inzwischen die völlig eigenständige Tradition von Cachaça einigermaßen akzeptiert – vom völlig unterschiedlichen Geschmacksprofil mal ganz abgesehen, was eigentlich die Basis für jede Kategorisierung sein sollte. Man merkte in solchen Diskussionen schnell, wer ganz offensichtlich noch kaum Cachaça probiert hatte, und trotzdem mitreden wollte.

In letzter Zeit hatte ich eigentlich hauptsächlich gereifte Cachaças im Visier. Hin und wieder muss man auch die „weißen“, eigentlich besser „ungereift“ bezeichneten Verwandten der braunen Spirituosen wieder fokussieren, um die ungeschnittene, rohe Basis nicht aus dem Blickfeld zu verlieren – hier findet man die ungefilterte Wahrheit über einen Brand, nicht abgemildert durch Holzeffekte und -aromen. Inzwischen kann man neben den Supermarktmassenprodukten auch hochwertigere Cachaças in Deutschland leicht erwerben – nehmen wir uns mal zum Beispiel die Fio do Bigode Cachaça vor.

Fio do Bigode Cachaça Flasche

Farbe ist keine vorhanden, kein Wunder bei einer ungereiften Cachaça. Keinerlei Einschlüsse sind zu sehen. Die Konsistenz ist nur leicht ölig, dennoch bilden sich dicke Tropfen und langsam ablaufende Beine am Glas. Der Geruch dagegen ist schon beim Eingießen präsent. Sehr intensiv und prägnant, typisch für Cachaça. Zuckerrohr, Malz, überreife Ananas, etwas frischgemähtes Gras, Kirschen, grüne Banane, Aquariumskies, feuchter Karton. Ich mag diesen Geruch einfach, er ist dicht und fett, charaktervoll und komplex.

Im Mund fällt das Niveau leider etwas ab. Der Antrunk ist sehr süß, schokoladig, mildkräuterig. Sehr weich und cremig im initialen Mundgefühl, für 40% Alkoholgehalt sehr zart – das ändert sich aber im Verlauf, denn ungereifte Cachaça hat noch eine gewisse Wildheit und Rohheit, nicht eingebremst durch mildernde Holzeffekte und -aromen. Da ist viel ungewohntes für den Trinker brauner Spirituosen, doch Cachaça gehört glücklicherweise zu der kleinen Gruppe von Schnäpsen, die auch in ihrer weißen Form sehr spannend zu trinken sind (ich zähle auch rhum agricole und ganz besonders Tequila dazu). Diese Aquariumkieskomponente, die ich hin und wieder bei Bränden finde, ist nicht ganz so meins, bei Fio do Bigode ist sie während des ganzen Trinkerlebnisses dominant. Ananas, grüne Banane, Zitrusfrucht komplettieren das Fruchtbouquet.

Der Abgang ist chili-scharf, heiß, trocken, die mineralische Komponente bleibt am Gaumen. Von der Länge her würde ich mittellang sagen, die Aromatik klingt nur langsam ab.

Für den Purgenuss habe ich rundere Cachaças im Sinne (der Hersteller, von dem darüberhinaus die vielleicht bekannteren Germana-Cachaças  stammen, selbst übrigens scheinbar auch, der diesen Rumbrand als Mixer vermarktet), für einen Cocktail ist Fio do Bigode genau das richtige, um knackige, dichte Zuckerrohrsaftbrand-Aromen zu transportieren, ohne gleichzeitig die Fusel und alkoholischen Spitzen, die viele Massencachaças haben. Der Brazilian Hurricane ist, mit Fio do Bigode zubereitet, ein sehr attraktiver Drink – eine tolle Mischung aus kräftiger Säure, milder Süße und kantiger Bittere.

Brazilian Hurricane


Brazilian Hurricane
2½ oz ungereifte Cachaça (z.B. Fio do Bigode Cachaça)
1 oz Maracuja-Sirup
1 oz Limettensaft
¼ oz Grenadine
Auf Eis shaken. Auf Crushed Ice servieren.

[Rezept nach Rhein Haus, Seattle]


Witzig, wenn auch höchstunpraktisch finde ich den Kronkorken, mit dem die Standardflasche verschlossen ist. Zum Glück findet sich ja in einer Heimbar immer ein Korken einer aufgebrauchten Flasche, der als Ersatz herhalten kann. Ich bin mir im Unklaren darüber, was der Hersteller mit einem derart seltsamen Verschlussmechanismus für eine Spirituose, die ja selten genug so schnell wie ein Bier aufgebraucht wird, bezwecken wollte – vielleicht trinkt man in Brasilien so ein Fläschchen Cachaça aber auch schneller als wir hier in Deutschland.

Fio do Bigode Cachaça Kronkorken

Noch ein paar Worte zu den Details, die auf diversen Etiketten der Flasche zu finden sind – eine handeingetragene Chargennummer ist vertrauensbildend, dass wir hier kein Massenprodukt vor uns haben; ein Qualitätssiegel am Flaschenhals ebenso. Das Zuckerrohr wird entsprechend biologisch aufgezogen und handgeerntet. Die Fermentation erfolgt über wilde Hefen, und die Destillation in einer Kupferbrennblase in einem Schritt auf 55% Alkohol, bevor zur Abfüllung noch Wasser zugegeben wird. Das bunte Etikett wirkt, man möge mir den schrägen Vergleich entschuldigen, wie von Osamu Tezuka gezeichnet – hat zwar Charme und ist sehr auffällig, trifft aber nicht so ganz meinen Geschmack.

Offenlegung: Ich danke Barrel Brothers für die kostenlose Zusendung einer Flasche dieser Cachaça.

Aecht Schlenkerla Rauchbier Titel

Kurz und bündig – Aecht Schlenkerla Rauchbier

Seit ich von einem Besuch ein großes Stück Rauchfleisch mit nach Hause gebracht habe, riecht mein ganzer Kühlschrank, und selbst die nähere Umgebung um den Kühlschrank herum, nach diesem sehr prägnanten und ausdrucksstarken Aroma. Schneidet man sich ein Stück davon ab, kriegt man den Duft kaum mehr von den Fingern. Nicht jeder mag das – solange es auf deftiges Fleisch beschränkt ist, kommen viele noch damit klar, die spätestens dann aber aussteigen, wenn dieser Geruch dann in einem Getränk auftritt. Rauchig-speckiges Bier, wie das Aecht Schlenkerla Rauchbier, da scheiden sich die Geister wie bei sonst kaum einer anderen Biersorte.

Aecht Schlenkerla Rauchbier Märzen

Farblich altbierbraun, mit roten Reflexen. Schaumlich superfein, vielleicht mit der feinste Schaum, den ich bei Bier kenne, aber schwach moussierend, dennoch extremst ausdauernd vorhanden. Rauchbier kann schon mal etwas abschreckend sein, was die Nase angeht; das Aecht Schlenkerla ist diesbezüglich ungefährlich. Zitronig, Grapefruit, nur mild rauchig, etwas speckig. Erinnert mich etwas an ein Radler.

Der Unterschied zum Radler wird aber schnell sehr deutlich. Malzig-süß im Mund, dann doch sehr rauchig. Es erinnert mich an meine Kindheit, als mein Vater Holundersaft eingekocht hatte, und dafür einen alten Kachelofen mit Holz angeheizt hatte. Dafür aber kaum etwas von dem errochenen Speck, der mich beispielsweise am Störtebeker Whisky-Bier so abgestoßen hatte. Leichte Fruchtnoten nach Zitrone. Sehr rezent und erfrischend. Erkennbar ein Märzen, der Rauch ist sekundär. In dieser Form ist Rauchbier sehr angenehm und gut trinkbar – man muss sich aber dennoch natürlich mit dem Rauchgeschmack erstmal anfreunden. Das zweite Glas, die zweite Flasche schmeckt dann schon deutlich besser. Bei 5,1% Alkoholgehalt kann man auch mal zwei am Stück trinken, wenn einen die Lust gepackt hat.

Im Abgang ist das Aecht Schlenkerla sehr trocken, knackig bitter, hier kommt schließlich der Speck etwas stärker durch, aber immer noch eher hintergründig und nicht unangenehm. Der Rauch liegt dezent noch eine Weile auf Gaumen und Zunge, wenn das Bier schon weg ist. Trotzdem ein eher kurzer Abgang.

Rauchbier ist auch für mich kein alltäglicher Gast im Bierschrank. Hin und wieder ist das aber schon ein Genuss, den ich mir gern gönne.

El Maestro Sierra Oloroso Sherry Titel

El Maestro Sierra Oloroso 15y Sherry

Sherry, das kennen selbst die meisten Spirituosenfreunde heutzutage nur noch aus zweiter Hand – in Form von Fassfinishes bei Whisky und Rum. Wer sich nicht mit Cocktails auseinandersetzt, hat meist wenig mit dem Produkt selbst zu tun; Sherry ist in Deutschland mehr eine Kochzutat denn eine ernstgenommene Spirituose. Schade, denn der spanische fortifizierte Wein hat extrem viel zu bieten und kann auch pur im Glas viel, sehr viel mehr als nur als Abrunder für andere Produkte zu dienen.

Oloroso-Sherry liegt von der Herstellungsweise und auch aromatisch so etwa in der Mitte zwischen den Extremen des Fino– auf der einen Seite und des PX-Sherrys auf der anderen. Er wird ohne Florhefe, die den Wein vor Oxidation schützt, ausgebaut, und ist daher voluminöser, genehmer als ein herber Fino; dennoch verwendet man die selbe Rebsorte, nicht eine Süßweintraube wie beim fast schon pappigen PX. Ersterer ist im Allgemeinen daher trocken und säuerlich, letzterer süß und schokoladig – kann man erwarten, dass der goldene Mittelweg des Oloroso, hier beispielsweise in Form des El Maestro Sierra Oloroso 15y, diesen Geschmacksspagat schafft? Schauen wir nach.

El Maestro Sierra Oloroso Sherry Flasche

Nach 15 Jahren im Fass darf ein Wein schon eine kräftige Farbe annehmen. Das ist beim El Maestro Sierra der Fall – irgendwo zwischen Terracotta und Hennarot würde ich es verorten. Beim Schwenken hinterlässt er einen leichten Schleier am Glas.

Der Geruch ist (gottseidank!) sehr sherrytypisch. Alles, was man an diesem Getränk liebt, findet man hier: Eine starke Nussnote, Dörrobst, Rotwein, Schokolade, Orangen, ein Hauch Kaffee, etwas Holz. Man kann schon eine gewisse Grundsäure erriechen, ohne dass diese aggressiv wirken würde. Sehr komplex, sich beim Riechen wandelnd und dadurch, wie auch durch die schöne Aromenkombination, ansprechend.

El Maestro Sierra Oloroso Sherry 15y Glas

Der Antrunk ist sehr trocken. Trockenheit ist auch der Haupteindruck, der bis zum Schluss verbleibt. Zunächst kämpfen Süße und Säure etwas miteinander, bis die Säure nach einer Weile klar gewinnt. Schnell bildet sich der von Sherry bekannte Nussgeschmack heraus. Fruchtaromen kommen dazu, insgesamt das, was man schon errochen hatte – Orangen und Rosinen. Vom Körper bleibt der Sherry hell, leicht und luftig, ein paar dunklere Komponenten sorgen im Verlauf für etwas Tiefe – 19% Alkoholgehalt helfen dabei weiterhin.

Der Abgang ist säuerlich, sehr nussig, mittellang. Stark adstringierend und staubtrocken, fast schon pelzig. Man muss Speichel sammeln, nachdem der El Maestro Sierra den Rachen hinuntergelaufen ist, sonst klebt einem die Zunge im Mundraum fest.

Das ist ein sehr spannender und interessanter Sherry. Ein ideales Getränk als Aperitiv, um mit der feinen Säure den Mund freizuräumen, nicht zu süß, sehr aromatisch und rund. Alternativ auch als Sipper vor dem Kamin, wenn einem die Laune nicht nach schweren, wuchtigen Spirituosen ist. Oder natürlich man verwendet ihn in Cocktails – da zeigt er, dass auch so elegante Tropfen wie Sherry ein tolles Gewicht entwickeln können. Jörg Meyer stellte neulich auf Facebook den Coloroso vor; bei den Zutaten konnte ich nicht widerstehen. Ein wirklich herrlicher Drink, ideal im Sommer als edler Daiquiri-Ersatz.

Coloroso


Coloroso
1⅔ oz alter Oloroso-Sherry
⅔ oz Cognac XO
⅔ oz Orangenlikör
⅔ oz Limettensaft
1 Teelöffel Zuckersirup
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Le Lion]


Die einfach gehaltene Flasche mit dem sehr dezenten, eher am selbstbewusst auftretenden Wein denn an der üblicherweise verzweifelt um Aufmerksamkeit kreischenden Spirituose orientierten Etikett lässt nicht viel Interpretationsspielraum zu. Vielleicht könnte Sherry etwas mehr Beachtung bekommen, würden die Hersteller etwas schriller und aggressiver in der Vermarktung ihrer tollen Produkte vorgehen. Oh mein Gott, höre ich mir eigentlich gerade selber zu, was ich da sage? Bei allem Wunsch, dass Sherry mehr Anerkennung bekommt, so will ich doch, dass dies auf eine vernünftige, ehrliche Art und Weise geschieht, und nicht über flashige Anpreisung. Wer gute Sherrys wie den El Maestro Sierra probiert, weiß, was er daran hat.

Stone Brewing IPA Titel

Kurz und bündig – Stone Brewing IPA

Nach meiner neulichen, etwas gemischten Erfahrung mit dem Ratsherrn Coast Guard Westküsten IPA wollte ich den Bierstil des „West Coast Style IPA“ etwas weiter erkunden. Heutzutage hat man ja kaum Probleme mehr, an die unterschiedlichsten, früher völlig obskuren Biere heranzukommen – sie werden teilweise auch schon in Deutschland gebraut, so wie das schonmal knackig kurz benamte Stone IPA, das der Hersteller selbst mit dem großen Wort „ikonisch“ beschreibt. Stone Brewing hat ein großes Mundwerk, das weiß man inzwischen, ich will mal hinter die Attitüde schauen.

Stone Brewing IPA

Im Glas ist das Stone IPA direkt sehr IPA-typisch mit schöner, kräftiger, goldener Farbe. Trüb. Leichte, aber erkennbare Perlage. Wenig Schaum, dieser ist aber feinperlig. Auch der Geruch überrascht nicht mit unerwartetem: Stark hopfig, viel Grapefruit, Ananas, Kiwi und Banane. Markig und kantig, dabei hat es aber auch eine gewisse Süße.

„West Coast- Simple, straight forward malt profile. Malt flavor should be subtle. Hops flavor dominates the palate. Finish should be very dry. Very one dimensional.“

So die Definition eines Benutzers der Beeradvocate-Community für den Geschmack eines WCIPA. Persönlich finde ich das hier wirklich wieder. Sehr bitter, aber nur noch ansatzweise fruchtig. Herb und eckig, mit einem leichten Fehlgeschmack nach Weichspüler, der im Abgang immer stärker wird und doch etwas störend ist. 6,9% Alkoholgehalt sind eine ordentliche Basis.

Zum Design der 330ml-Dose: wie gewohnt ist es sehr einprägsam, mit vielen Hopfenranken und -dolden als Verzierung, sowie dem bierkrugstemmenden Dämon als Markenzeichen. Man liest beiläufig den Satz: „Dieses Bier wurde nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut, aber wir glauben nicht an diese Einschränkung.“ Klare Ansage! Wirkt aber für mich etwas albern und inkonsequent. Warum das RHG überhaupt erwähnen, wenn es einem so zuwider ist?

Das Stone IPA ist nach Arrogant Bastard Ale und Ruination Double IPA das dritte Stone-Bier, das ich auf meinem Blog verkoste – die Palette wird dauernd ausgebaut, und da mir die Biere dieses Herstellers recht munden, wird noch über das eine oder andere hier zu lesen sein in Zukunft.

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Titel

Ab nach Walhalla – Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum

Die Welt war vor einigen Jahrzehnten noch in Ordnung. Whisky kam aus Schottland, Irland und den USA, Agavenschnaps aus Mexiko, Weinbrand aus Frankreich, Vodka aus Polen und Russland. Und Rum? Rum kam aus der Karibik, alles andere war gepanschter Schmu. Ja, die Zeiten ändern sich. Whisky ist in sehr hervorragender Qualität inzwischen aus Japan beziehbar, Südafrika stellt zwar nicht Tequila, aber doch Spirituosen aus Agavenzucker her, ich habe südamerikanischen Pisco als dem französischen Cognac in nichts nachstehend für mich entdeckt, und Vodka – naja, manches ist beim alten geblieben, auch wenn sehr schöne Ausnahmeprodukte inzwischen auch in Deutschland hergestellt werden (Freimut, zum Beispiel).

In dieser neuen Weltordnung hat selbst Rum keine Sonderstellung inne mehr inne. Während die Basismaterialien für viele anderen Spirituosen weltweit recht problemlos angebaut werden können (Getreide, Trauben etc.), ist Zuckerrohr ein tropisches Gewächs. Die Herstellung ist daher eigentlich auf entsprechende Gebiete konzentriert, doch im Zuge der Globalisierung sind wenig verderbliche Basismaterialien, wie Melasse bei Rum, aber gern um die halbe Weltkugel unterwegs, so dass selbst im klimatisch unwirtlichen Deutschland Rum gebrannt werden kann – experimentierfreudige Brenner wie Severin Simon versuchen also, den karibischen Altmeistern die Schau zu stehlen, mit hochwertigen artisanalen Produkten. Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum will dabei offensichtlich auf eigenen Füßen stehen, ohne künstliche Anbiederung an tropische Gefühle. Ich habe mir eine der schnuckligen 35cl-Flaschen bei einem Besuch in der Destille mitgenommen. Schauen wir mal, ob der deutsche Rum was taugt, und wie er sich in internationaler Konkurrenz schlägt!

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Flasche

Die 4 Jahre Reifedauer im Barrique aus regionaler Spessarteiche haben, wenn man die Farbe betrachtet, ihren Zweck optisch erfüllt – ein strahlendes Safran mit orangenen Reflexen; schön insbesondere, weil nicht künstlich nachgefärbt. Dicke Beine laufen am Glas langsam ab, eine leichte Öligkeit ist sichtbar.

Das Ex-Mackmyra-Fass, in dem der Thorslund für 6 zusätzliche Monate ruhen konnte, zeigt sich dann auch in der Nase. Ein Touch von Whisky liegt da im Untergrund, darüber eine Schicht Getreide, eine kräuterige Zwischenschicht aus Dill und Kümmel, und zur Krönung obenauf hochtönig noch ein paar Obstaromen (Apfel und Birne, würde ich sagen). Besonders schön für die, die die Destille besucht haben und sich erinnern können – man kann die Aromatik der Melasse, aus der dieser Rum gebrannt wurde, tatsächlich noch riechen.

Im Antrunk wirkt der Thorslund erstmal natürlich süß und weich. Die Breite, die man zu Beginn schmeckt, erhält sich, doch bald kippt die Süße um in kantige Trockenheit. Heimlich schleicht sich eine starke Bittere mit ins Bild. Ich schmecke vergorene Ananas, geröstete Gerste, Anis, etwas Apfel und Banane, und fast schon etwas Armagnac. Die Intensität, mit der die Aromen geliefert werden, ist berauschend. Sehr spannend, sehr vielschichtig, sehr aromatisch. Dieser Rum hält sich nie zurück, und ist trotz der 48,8% Alkoholgehalt dabei nirgends kratzig oder beißend. Der Abgang ist voller Haselnüsse, ultratrocken, heiß und lang, erinnert mich dabei sensorisch an eine verrückte Mischung aus jamaikanischem Funk und norddeutschem Kornbrand. Da ist Dampf ohne Ende drin.

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Glas

Ah, wer hier nicht direkt zum Fan deutschen Rums wird, den bedaure ich. Ganz klar: Der Thorslund kann ohne Mühe mit den besten Produkten der großen karibischen Namen mithalten. Das ist ein herrlicher, superaromatischer und dabei so wunderbar unkomplizierter Rum, bei dem ich es extrem bedauere, nur eine Flasche erworben zu haben – bei einer Limitierung auf 150 Flaschen ist es wohl aussichtslos, nochmals eine davon abzustauben, für die schlechten Tage, wenn man nach vielen Samples mittelmäßigen Rums einen Lichtblick gut gebrauchen könnte.

Immer wieder lese ich, dass man hochwertige Spirituosen nicht in Longdrinks oder Cocktails vermischen soll. Nun, selbst Trader Vic hat einen 17-jährigen Wray&Nephew, der heutzutage wahrscheinlich kaum bezahlbar wäre, in seinem originalen Mai Tai untergebracht, und ihn nehme ich mir diesbezüglich gerne als Vorbild. Daher kommt der Thorslund in einen Cocktail, wie eigentlich alle Spirituosen, die ich auf meinem Blog bespreche. Kein Tiki-Cocktail, sondern was kleines, feines – im Pedro Martinez kommt er besonders schön zur Geltung.

Pedro Martinez


Pedro Martinez
1½ oz gereifter Rum (z.B. Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum)
¾ oz roter Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
¼ oz PX Sherry (z.B.  La Cigarrera Pedro Ximénez)
2 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Bryan Schneider]


In der Valkyrie-Reihe hat Severin Simon auch noch zum Beispiel den Castanea im Portfolio, der statt in Whisky-Fässern in Kastanienholz reift. Natürlich folgt eine Besprechung jenes Rums auch noch. Die nordische Mythologie als Storytelling-Rahmen für den Rum gefällt mir gut, ebenso die Illustrationen auf den Etiketten, die wie auch der Schriftsatz edel wirken, ohne sich allzusehr dabei zu verkaspern. Ein praktischer, qualitativer Schraubverschluss ist für mich eine gute Alternative zum Korken. Sehr wichtig für mich –  dieser Rum ist ungefärbt und ungesüßt. Ein paar Infos darüber, wie auch über die doch nicht alltägliche Herstellung und Reifung, hätte ich mir auf einem eventuellen Rücketikett gewünscht.

Wenn es solch großartigen Rum in Walhalla gibt, hat der Tod seinen Schrecken für mich verloren, und ich freue mich auf die Walküren, die mich dann irgendwann mal dorthin bringen.

1800 Tequila Añejo Titel

Schlupfloch im Eisenpanzer – 1800 Añejo Tequila

Tequila ist eine streng reglementierte Spirituose, etwas, das gern als Beispiel für Kontrolle der Qualität eines Produkts herangezogen wird. Nun muss man aber etwas genauer hinschauen, was dieses Reglement eigentlich aber verbietet und was es erlaubt – und da bricht die Fassade der Qualitätskontrolle recht schnell in sich zusammen. Für einen Tequila sind Zusatzstoffe explizit erlaubt, bis zu 1% des Endprodukts können aus Zuckerkulör, Eichenholzextrakt, Glycerin und zuckerbasierten Sirups (die darüber hinaus nicht einmal wenigstens aus Agavenzucker hergestellt sein müssen!) bestehen. Gerade letztere sind doppelt problematisch, denn sie können selbst wiederum künstliche und natürliche Aromen (Kakao, Vanille, Frucht, Kräuter) enthalten, die dann Komplexität und Aromenvielfalt des Destillats vorgaukeln.

Nichts davon muss laut Tequila-Regelung auf dem Etikett angegeben werden. Das, was gerade bei Rum im Gange ist, dass bei interessierten Konsumenten die Reinheit wieder etwas in den Vordergrund rückt und Zusatzstoffe geächtet, wenigstens aber deutlich kommuniziert werden müssen, ist bei Tequila noch in den Kinderschuhen. So muss man, wie bei Rum früher, kaufen und probieren. Als ich den 1800 Añejo kaufte, war mir persönlich diese ganze Sachlage unbekannt – letztlich ist er aber vom Geschmacksbild für mich ein Paradebeispiel dafür, was ich oben beschrieben habe. Doch ich greife vor, gießen wir uns erstmal ein Glas ein.

1800 Tequila Añejo Flasche

Braune Spirituosen, die in so zeigefreudigen Flaschen verkauft werden, wie das bei diesem Tequila der Fall ist, sind im allgemeinen gefärbt, und sei es nur, um die einzelnen Flaschen aneinander anzugleichen – der Standardkäufer ist leider immer noch nicht aufgeklärt genug, um zu verstehen, dass eine handwerklich hergestellte Spirituose nicht immer gleich aussehen muss. Nun, die Färbung beeinflusst den Geschmack normalerweise nicht, daher lebe ich damit. Mich wundert allerdings schon etwas, dass eine dreijährige Reifung in französischer und amerikanischer Eiche einen derart dunklen, kräftigen Mahagoniton erzeugen soll.

Eine recht dominante Kokosnote beherrscht den Geruch. Dazu riecht man milde, schwere Schokoladensüße, mit deutlichen Anklängen an Vanille. Hubba Bubba-Kaugummi, Zimt. Bei tieferem Riechen kommt Ethanol zum Vorschein. Kalter Rauch ist vielleicht eine mehr persönliche Assoziation, die ich wahrnehme.

Der Geschmack ist überraschend – Wintergrün ist ganz stark präsent, Hubba-Bubba-Kaugummi auch. Süß und schwer, aber ohne echte Tiefe. Leichtes Chili-Feuer kann man fühlen, dennoch wirkt der 1800 Añejo sehr weich im Mund. 38% sind eher mäßig eingebunden, insbesondere für ein gereiftes Produkt.

Der Abgang ist sehr kurz, der Zuckerwattegeschmack bleibt etwas am Gaumen, aber nur in Anflügen. Trocken, mild adstringierend. Alle Eigenschaften deuten darauf hin: Ich gehe davon aus, dass ein Diffusor zur Produktion eingesetzt wurde, und dass der dadurch fehlende Charakter durch Zusatzstoffe wie oben beschrieben hinzugeschummelt wurde.

Na, wenn man dann schon dabei ist, dann machen wir selbst noch ein paar Zutaten dazu, für einen Cocktail. La Bella Dona zeigt die Flexibilität von Tequila – er lässt sich mit allem kombinieren, was die Bar hergibt, und seinen einstigen Ruf als „schwierige Barspirituose“ (so las ich neulich erst in einem Buch über Tequila) sollte jeder Bar- und Schnapsfreund schnellstens aus dem Kopf tilgen.

La Bella Dona


La Bella Dona
1½ oz Tequila Añejo (z.B. 1800 Añejo)
½ oz trockener Wermut (z.B. Belsazar Dry)
¼ oz Absinthe (z.B. La Pontissalienne)
¼ oz Amaro (z.B. Averna)
2 Spritzer Lemon Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept adaptiert nach Payman Bahmani]


Das große Holzrad auf dem Plastikschraubverschluss ist auffällig und dekorativ; es verdeckt leider einen der von mir so gehassten AusgießNachfüllstopps, die es so ätzend schwer machen, halbwegs genau zu dosieren. Das augenfällige dreieckige Pyramidendesign der Flasche ist, auch wenn die Marke schon mehrere Redesigns hinter sich hat, schon älter – was das uralte, verstaubte Exemplar, das ich in der Tequilabar meines Vertrauens entdeckt hatte, beweist.

Cuervo 1800 Tequila Añejo Alte Flasche

Man macht als Spirituosenfreund immer viele Phasen durch. Man kauft sich Produkte, die einem schmecken, nur um später festzustellen, dass man es lieber nicht getan hätte, weil die Herstellungsprozesse sehr fragwürdig sind. Ich trinke den 1800 Añejo noch weg, aber Nachkauf wird es von diesem Hersteller keinen mehr geben, und trotz genehmen Geschmacks möchte ich meinen Lesern auch keine echte Kaufempfehlung geben – es gibt genug ehrlichere, bessere Alternativen bei Tequila.

Ratsherrn Coast Guard Westküsten IPA Titel

Kurz und bündig – Ratsherrn Coast Guard Westküsten IPA

West Coast IPA – ein Stil, der das eh schon bittere IPA auf die Spitze treibt. Erfunden ursprünglich in den USA, ist er nun auch in Deutschland angekommen. Diverse Brauer bieten ihn an, in mehr oder weniger ausgeprägter Weise; inzwischen findet man selbst in Supermärkten als häufigen Vertreter das Hamburger Ratsherrn Coast Guard Westküsten IPA, mit seiner flippigen Gestaltung zumindest schonmal ein Augenfang.

Farblich ein gefallendes Pariser Rot, mit schönen orangenen Reflexen, anständige Perlage, feiner hellcremefarbener Schaum. Naturtrüb. Geruchlich leicht fruchtig nach Apfel und Bitterorange, aber eher im Hintergrund, denn vieles wird überlagert von einer kräftigen Sojasaucen-Würze und leichter Malzigkeit. Ein minimalster Fehlton ist erschnupperbar.

Ratsherrn Coast Guard Westküsten IPA

Die 60 IBU schlagen im Mund dann aber gnadenlos zu. Die Definition des WCIPA passt für mich – nur leichte Fruchtaromen, Grapefruit und Orange, dafür kantige, eckige Bittere; tatsächlich für mich schon recht grenzwertig, da sie durch kaum etwas eingebremst oder ausgeglichen wird. Reminiszenzen an ein hochgehopftes norddeutsches Pils, bei 6,3% Alkoholgehalt aber ein stärkeres. Ein weiches Mundgefühl erinnert wenigstens noch daran, dass wir hier ein Ale vor uns haben. Keinerlei Tiefe oder Breite, dafür sehr rezent und erfrischend. Als Hopfensorten sind auf dem Etikett Herkules, Magnum, W. Goldings, Simcoe und Amarillo angegeben; Wiener, Biscuit und Karamellmalz dienen als Malze.

Im Abgang schlägt die Bitterkeit sogar noch eins drauf und zieht einem die Geschmacksorgane zusammen. Insgesamt eher kurz, die Bittereffekte bleiben mit etwas Grapefruiterinnerung aber noch eine Weile im Mund.

Das Ratsherrn Westküsten IPA wirkt für mich recht konsequent in der Ausführung des WCIPA-Stils, dafür mag es manchem schon zu extrem wirken und ihn verschrecken. Ideal finde ich es als Essensbegleiter – für die hausgemachten Gorgonzala Cheese Maccaroni war das Coast Guard jedenfalls ein ebenbürtiger Gegenspieler, was man nicht von jedem Bier hätte sagen können.

After-Work-Tasting - Bier und Tapas - Titel

After-Work-Tasting: Bier & Tapas in der Saarbrücker Beer Society

Man merkt es schon von außen – es ist ein kleiner, schnuckeliger Laden, den sich die Inhaber der Saarbrücker Beer Society da in kurzer Zeit aufgebaut haben. Direkt an einer belebten Stelle der zentralen Mainzer Straße in Saarbrücken gelegen ist der eine oder andere Saarländer bestimmt schon daran vorbeigelaufen. Man sieht, wenn man ihn einfach mal betritt, dass nicht die Gefahr besteht, sich zu verlaufen oder dass die Atmosphäre zu kühl wird – man sitzt bei den Tastings inmitten von Bieren, gemütlich in kleiner Runde. 7 Teilnehmer, plus die zwei ausgebildeten Biersommeliere Katharina und Martin Rolshausen, die durch den Abend führten, das war eine ideale Gruppengröße für das After-Work-Tasting, das diesmal unter dem Motto Bier &Tapas stattfand.

After-Work-Tasting - Bier und Tapas - Saarbrücker Beer Society

Aller Anfang ist leicht – mit einem milden Bier beginnt der Abend. Ich hatte bereits vor einiger Zeit das Kona Brewing Big Wave Golden Ale rezensiert, und während mir das Bier etwas zu flach ist, stellte sich heraus, dass für manche der Teilnehmer hier bereits das Lieblingsbier des Abends vorgestellt wurde. Aromatisch nur ein kleiner Schritt ist es von Hawaii nach Schwaben, von wo das Frau Gruber Modern Times Postmodernes Kellerbier stammt. Unterhaltsam, wie sich hier eine Diskussion um die Dose als Behältnis für Bier entwickelte, und die unterschiedlichen Aufbewahrungsarten von Bier und die Effekte von Licht auf den Geschmack. Die laut Veranstaltern zweitbeste Lagerart für Bier, eine braune Flasche, beinhaltete das dritte Bier des Abends. Das Barcelona Beer Pale Ale stammt aus der entsprechenden Stadt, und für mich, der mit spanischen Bieren bisher nur wenig gute Erfahrungen gemacht hatte, um so überraschender, denn es war mein persönliches Highlight des Tages – ein wirklich schönes Bier mit hoher Drinkability und ansprechender Komplexität.

After-Work-Tasting - Bier und Tapas 1 - Kona Big WaveAfter-Work-Tasting - Bier und Tapas 2 - Frau Gruber Modern TimesAfter-Work-Tasting - Bier und Tapas 3 - Barcelona

Natürlich darf man über all das Bier die zweite wichtige Komponente des Abends nicht vergessen – die üppig gereichten Tapas ergänzten die Bieraromen wunderbar. Salami, Schinken, Oliven, Käse, Fleischbällchen in pikanter Soße, gefüllte Weinblätter und Peperoni, und eine Spinatquiche sorgten für eine gute Unterlage über den ganzen Verlauf der Verkostung. Mir liegt derartiges Fingerfood – besonders die mit Bacon umwickelten Aprikosen mundeten mir ganz hervorragend.

After-Work-Tasting - Bier und Tapas - Tapas

Die zweite Halbzeit beginnt mit einem italienischen Bier – das Baladin Nora wird von einem Brauer aus einer Winzerfamilie hergestellt, und während sich dem Reinheitsgebotsfanatiker die Haare ob der Zutatenliste sträuben mögen (Dattelsirup, Myrrhe, Orangenschale, Ingwer, Gentiana), so entzückt ist der Freund ungewöhnlicher, süßlicher Biere mit leichtem Kräutertouch. Mir gefällt es, und wer es noch außergewöhnlicher will, sollte sich vielleicht das französische Salbeibier aus der grenznahen Region anschauen – das Saint-Nabor 1916 Ambrée à la sauge ist sehr faszinierend, polarisierte die Verkostergruppe aber doch sehr stark. Für mich immer ein gutes Zeichen. Selbst das dritte Bier dieses wirklich spannenden Flights hat Potenzial, den Pilstrinker zu verwirren, denn beim Rügener Insel-Brauerei Strandgut werden im Sud zerhackte Whisky-Fässer eingesetzt, um Holzaromen ins Bier zu transportieren.

After-Work-Tasting - Bier und Tapas 4 - Baladin NoraAfter-Work-Tasting - Bier und Tapas 5 - Saint-Nabor 1916 Ambrée à la saugeAfter-Work-Tasting - Bier und Tapas 6 - Insel-Brauerei Rügen Strandgut

Die 2 Stunden vergingen wie im Flug, eine spaßige Runde mit vielen sympathischen Typen am Tisch, bei der viel gelacht wurde und interessante Gespräche entstanden. Ich bin mir sicher, dass ich weitere Veranstaltungen der Saarbrücker Beer Society besuchen werde, und lege das auch jedem Bierfreund ans Herz. Vom Kaumbiertrinker über den urpilsgestählten Craftbieranfänger bis hin zum verwöhnten Gerstensaftprofi, da findet jeder noch etwas Spannendes, Lustiges und Lehrreiches. Ein Laden, der Saarbrücken wirklich gefehlt hat.