Drei grüne Agaven – Læpoca Mezcal Premium Tasting-Set

Es gibt sie ja immer wieder, die Artikel, die groß ankündigen, was das „Next Big Thing“ sein wird. Im Spirituosenbereich kommt da des öfteren auch Mezcal zur Sprache – ich halte das mehr für eine Art Marketingoffensive und Wunschdenken als für Realität. Mezcal hat zwar ohne Frage das Potenzial, die Spirituosenwelt aufzurollen und sich auch in der Breite bei den Konsumenten durchzusetzen, doch zwei Dinge sprechen für mich einfach dagegen, die sich auch in mittelfristiger Zukunft nicht großartig ändern werden. Erstens, die Produktionssicht. Guten Mezcal zu machen ist aufwändig, das Basismaterial ist knapp, die gesamte Tradition widerspricht dem Gedanken, das Endprodukt großartig auf Masse zu skalieren, und der Preis eines guten Mezcals macht ihn nicht zur Supermarktware. Ein paar seelenlose Pseudomezcals findet man ja heutzutage schon, sowas braucht man meines Erachtens gar nicht. Und die andere Seite ist die des Geschmacksprofils, das nicht schmeichelnd und braun ist, sondern oft eher hocharomatisch, komplex und nicht ganz einfach zu verstehen und genießen.

Daher ist es wichtig, dass potenzielle Konsumenten die Möglichkeit haben, Mezcal erstmal kennenzulernen und erste Schritte zu gehen. Nicht, um einen Hype auszulösen, sondern um ein grundliegendes Verständnis zu promoten, denn eine Kategorie wie Mezcal braucht das. Mit dem Læpoca Mezcal Premium Tasting-Set wäre soetwas möglich, denke ich, wenn man über das Sonderzeichen im Namen hinwegkommt, der natürlich trotzdem einfach „La Epoca“ ausgesprochen wird. Das Set beinhaltet drei Sorten Mezcal, einen reinsortigen Espadín, eine Agavenmischung (ein „Ensamble“), und einen reinsortigen Cuishe. Alle sind natürlich 100% Agave, in der Artesanal-Herstellungskategorie produziert (was bedeutet, dass industrialisierte Methoden und Werkzeuge nur sehr eingeschränkt genutzt werden können), und ungereift („joven“). Sie stammen aus der Stadt San Dionisio Ocotepec in Oaxaca, dem Zentrum der Mezcalherstellung; als Brennerei wird Destiladora de Maguey y Mezcal Santa Fátima S.A. de C.V. angegeben. Der Wahlspruch „From Mexico to the Alps“, der die Flaschen ziert, definiert die Idee hinter dem Unternehmen; der Importeur sitzt in Liechtenstein. Gehen wir die drei Mezcals, die in dem Tasting-Set enthalten sind, einfach zusammen durch.

Læpoca Mezcal Premium Tasting-Set

Nehmen wir uns den Læpoca Mezcal Espadín als erstes vor. Er ist hergestellt zu 100% aus der namensgebenden Espadín-Agave (agave angustifolia) und wird eingestellt auf 38% Alkoholgehalt, ein niedriger Wert, aber aktuell gar nicht ungewöhnlich und insbesondere in Mexiko selbst durchaus beliebt. Im Veladora-Glas wirkt er sehr klassisch, natürlich kristallklar, mit einer ansprechenden, aber noch nicht fettigen Viskosität, die eine Kante am rilligen Glas hinterlässt, aus der Tropfen dann mit Geschwindigkeit aufnehmender Art ablaufen.

Læpoca Mezcal Artesanal Joven Espadín

Die Nase wirkt zunächst leicht säuerlich, für mich eher in Richtung Apfelessig und Verjus, mit einem Hauch von warmem, leicht speckigem Rauch. Die Typizität der Agave zeigt sich sofort, grüne und vegetabile Noten bilden sich ohne zu zögern. Eher leichtvolumig gestaltet wirkt der Mezcal, ein bisschen Tiefe und Breite vermisse ich, ebenso wie die Komplexität, die die Agave von sich aus anbietet.

Vom Antrunk bis zum Schluss ist der Læpoca Espadín extrem sanft, mit einer leichten natürlichen Süße, die alles begleitet. Die Aromen sind zurückhaltend, schwanken zwischen grüner frischer und karamellisierter gekochter Agave. Diese ist gut ausgeprägt und angenehm, zeigt sich aber für meinen Geschmack etwas eindimensional und ohne Spannung. Der Abgang ist dunkel, kakaolastig, ganz mild bitter und mit einer dezenten Chiliwärme an den Zungenseiten, aber nie scharf oder kantig. Der Nachhall ist voller Jasminblüte, die alles übernimmt und das runde, warme Mundgefühl stützt; die Aromen bleiben sehr lange am Gaumen.

Ein sehr milder Mezcal, der niemanden überfordert, aber den Kenner, ehrlich gesagt, ziemlich kalt lassen wird. Handwerklich ist das makellos gemacht, aber auch ohne Inspiration – ich vermute, es ist für eine Zielgruppe gedacht, die eher eine Mixspirituose haben will, die sich gut in ein Rezept einpasst. Sogar da hätte ich aber persönlich gern etwas mehr Charakter.


Diesen hoffe ich nun im Læpoca Mezcal Ensamble zu finden. Ein Ensamble ist kein sortenreiner Mezcal, sondern aus verschiedenen Agavensorten zusammengestellt; das kann ein Blend sein, aber auch bereits beim Fermentieren aus einer Agavenmischung stammen. Hier wird die Espadín-Agave (40% Anteil) mit Cuishe, Tobalá und Tepeztate (je 20% Anteil) ergänzt. Allein schon, dass er auf 46% Alkoholgehalt eingestellt ist, deutet für mich schon darauf hin, dass wir hier einen anderen Kaliber probieren werden als den zuvor.

Læpoca Mezcal Artesanal Joven Ensamble

Man erkennt beim Drehen auch direkt eine sehr ansprechende Öligkeit, die Flüssigkeit schwappt schwer im Glas, und hinterlässt üppige Glaswandeffekte. Kristallklar ist er, wie es sein soll. Für die Nase bietet sich ein wirklich wunderbares, farbenprächtiges Agavenbild – sehr grün, sehr braun, mit ein bisschen gelb. Die frische Agave ist das grüne, eine karamellisierte, erdige und leicht holzige Seite das braune, die offensive Frucht das gelbe. Integriert und gleichzeitig vielseitig, hier finde ich wirklich die Komplexität, die ich zuvor vermisste. Kiefer, Mandarine, Bitterschokolade und Basilikum, da gibt es richtig viel zu entdecken, ohne Störeffekte, mit einem Anflug von Rauch.

Auch am Gaumen wird deutlich, dass man nun in einer anderen Liga spielt. Initial erstmal etwas zurückhaltend, mit feiner Struktur und milder Süße, explodiert der Læpoca Ensamble dann geradezu, mit würzigen, grünen und spannenden Aromen von Wintergrün, gekochter Agave, Blattschnitt und Geranien, und grünem Pfeffer. Schnell kommt eine hübsche Floralität dazu, die sich bis zum Nachhall hält, während im Untergrund dunkle Kakao- und Kaffeearomen eine schwere Basis bilden. Eine ausgesprochen schöne Bittere bildet sich heraus, mit etwas Grapefruit, ideal verbunden mit der schweren, fetten Textur, die alles trägt. Ein warmes Brummen bleibt erhalten, der Alkohol ist perfekt eingebunden. Der Abgang ist mittellang, zeigt sich dann mit allen zuvor gefundenen Aspekten nochmal neu, mit dominierender Agave.

Das ist ein Mezcal, wie ich ihn liebe – arkadisch, agavebeherrscht, mit eleganter Struktur und trotzdem wuchtigem Charakter, aromatisch, ganz vorsichtig rauchig, ohne dabei zu streng zu werden. Ein tolles Beispiel für jeden, der in die Kategorie einsteigen will.


Die Hürde, die nun anliegt, ist deutlich höher für den Læpoca Mezcal Cuishe, namensgebend vollständig aus Cuishe (Agave karwinskii) gemacht, auch hier auf 46% Alkoholgehalt eingestellt. Diesen trinke ich aus einem handgemachten mexikanischen Caballito, in das am Boden ein kleiner Glassombrero eingelassen ist – für mich steigt der Genuss, wenn ich ein hübsches Trinkgefäss nutze. Man sieht auch in ihm die wichtigen optischen Details, wie die leichte Viskosität und die kristallene Klarheit.

Læpoca Mezcal Artesanal Joven Cuishe

Die Nase ist durchaus eigenwillig, man beginnt die Reise hier mit einer leichten Säurenote, gemischt in etwa aus Schmand und Limettenzeste, direkt begleitet von einem effektiven Kaltrauch, der überhaupt nicht speckig wirkt, sondern mehr an abgekühlte Holzkohle vom Lagerfeuer erinnert. Die Frucht der Limette wird im Verlauf weiter aufgegriffen, weniger zestig, dafür weiterhin ätherisch, als Kopfnote zu der schwereren Mango und Ananas, die sich darunter in Stellung bringt. Nicht, dass man nun denkt, dass hier eine Fruchtbombe vorliegt, das ganze bleibt sehr grün und klar, die Agave ist stark ausgeprägt und frisch, kein bisschen karamellisiert.

Noch pflanzlicher erscheint der Læpoca Cuishe dann am Gaumen, richtig dunkelgrün, balsamisch, voller Blattschnitt und dann sogar ins Eukalyptus übergehend, mit einem minimalen mentholischen Beihall. Sehr frisch, vom Antrunk an deutlich trocken mit spürbarer Astringenz, im späten Verlauf sogar staubtrocken wirkend. Eiskalt liegt das am Gaumen, hauchig und dennoch mit ordentlich Volumen versehen. Diese Struktur ist faszinierend, sie passt zum mineralischen und frischgrünen Charakter des Brands. Ein Hauch von laktischen Noten blitzt ab und zu auf, später auch weißer Pfeffer und Ideen von aromatischem Duftholz und einem Tick harzigem Fichtenzapfen. Der Abgang ist lang, trocken und kalt, bleibt aber mit beharrlicher Salzigkeit am Gaumen, wenn noch ein bisschen Geranie und Aquariumkies nachklingt.

Ganz anders wiederum als die beiden Vorgänger, hier präsentiert sich die Agave pur und rein, aber auch ein bisschen schwieriger zu verstehen. Ein Brand, dem man Zeit geben muss, in den man dann aber auch sehr tief eintauchen kann, ohne dass einem langweilig wird – ein Bücherwurm, keine Partymaus, das ist sicher. Sehr spannend und beeindruckend!


Ich gebe zu, ich bin kein großer Fan von extrem aromatischen Spirituosen in Cocktails. Ein Cocktail sollte immer ausgeglichen und nicht von einem Aspekt kontrolliert sein, und bei Bränden wie Baijiu, Mezcal oder Hochesterrum passiert sehr oft genau das. Mit den Laepoca-Mezcals kann man eigentlich gut mixen, der Loaded Pistol beispielsweise braucht keinen superrauchigen Mezcal, um seinem Namen gerecht zu werden.

Loaded Pistol Cocktail

Loaded Pistol
1½oz / 45ml Mezcal
¾oz / 23ml süßer Wermut
½oz / 15ml Strega
1 Spritzer Grapefruit Bitters
Auf Eis rühren.

In einem Tumbler mit Eis und einem Gusano-Salz-Rand servieren.
[Rezept nach Erick Castro]


Das Tasting Set von Laepoca ist toll gestaltet, ein aufwändiger Karton zum aufklappen, in dem die drei 100ml-Fläschchen liegen. Schöne Illustrationen, die sich vom Karton auch auf die beigelegten Informationsbroschüren fortsetzen. Besonders mag ich das Tasting Wheel, das sowohl dem Anfänger als auch dem Kenner helfen wird. Das Sonderzeichen im Namen soll natürlich der Aufmerksamkeit dienen, es wird aber nicht helfen, sondern eher schaden, denn das macht sowohl Aussprache als auch Suche danach schwieriger, als das Set es verdient hätte.

Insgesamt ein großartiges Set, das insbesondere dem interessierten Neuling einen Einblick darin gibt, dass die unterschiedlichen Agavensorten und Herstellungsarten wirklich einen enormen Unterschied ausmachen – ich bewundere den Mut, den die Abfüller hier beweisen, so komplexe Spirituosen in einem Tastingset, das von der Gestaltung her eher den Anfänger anspricht, zu verpacken, ich hatte nicht damit gerechnet. Bepreist ist das ganze mit rund 50€, ein vernünftiger Preis – wem das teuer vorkommt, muss sich vielleicht nochmal vor Augen führen, wie viel Arbeit in der Herstellung eines Artesanal-Mezcals steckt. Ich für meinen Teil bin immer froh, wenn sich einsteigerfreundliche und dennoch ehrliche, hochqualitative Produkte hierzulande verbreiten. Beides muss zusammen kommen; niemand ist mit billigschlechtem Neulingssprit gedient. Und Læpoca macht das schon echt gut.

Offenlegung: Ich danke Læpoca Mezcal für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Tasting-Sets.

Bier am Freitag – Toekan Aperitiefbier

Ich sage es ja schon so lange – ein gutes, leichtes, frisches Bier kann genauso gut als Aperitif serviert werden wie man das aus Gewohnheit ganz selbstverständlich mit Sekt tut. Die Brauerei Brouwerij Beer 4 Nature in Mol in Belgien bringt mit dem Toekan Aperitiefbier sogar ein dementsprechend benamtes und genau für diesen Zweck gestaltetes Bier auf den Markt. Es ist mit Gerste, Weizen und Hafer gebraut, hat also voraussichtlich ein breites Profil, und ist mit 5,2% Alkoholgehalt auch nicht zu stark. Ich probiere es allgemein als Bier, aber auch gedanklich mit dem Hintergrund, dass jemand plant, es bei einem Empfang als Aperitif vor einem Essen zu servieren. Kann es beide Aspekte erfüllen?

Toekan Aperitiefbier

Optisch sieht man ein blasses Eierdottergelb, das volltrüb im Glas steht. Der Schaum bleibt fingerdick lange erhalten, hauptsächlich feinblasig, mit einzelnen großen Blasen.

Fruchtig und getreidig wirkt das Toekan in der Nase, ein sehr typischer und angenehmer Bierduft, frisch, hell, klar und trotzdem durchaus aromatisch. Minimale Zitrustöne ergänzen das Bild. Ebenso geht das im Mund weiter: hohe Rezenz mit kräftiger Karbonisierung, milde Zitronensäure, fast schon zestig, ohne dabei kratzig zu werden oder in die Sauerbierrichtung zu gehen. Gerste dominiert den Geschmack, mit feinen Aromahopfennoten, die das Bier aber nicht beherrschen, sondern nur mitgestalten. Das initial cremige Mundgefühl geht im Verlauf in herbe Trockenheit über, doch auch hier passt sich das sauber in ein Gesamtbild ein. Der Abgang ist mildtrocken, herbbitter, immer noch leicht säuerlich, eher kurz, lässt aber am Gaumen noch ein paar florale Töne aufklingen.

Klar, stringent, unaufgeregt: so ein Bier gefällt, und das Toekan Aperitiefbier liegt gut auf der Zunge. Das kann man wunderbar süffig und erfrischend trinken. Keine extremen Höhepunkte, keine Tiefpunkte, ich kann es mir wirklich gut als Aperitif vorstellen.

Teilung von Madeira – Engenhos do Norte Aguardente de Cana 970

Früher habe ich ausgiebig an Flaschenteilungen mitgemacht. Das Konzept ist eigentlich super – irgendjemand kauft eine Flasche, oft seltene und/oder hochpreisige Produkte, die man sich einzeln nicht wirklich leisten würde oder könnte, und finanziert den Kaufpreis durchs Aufsplitten des Inhalts in Samples, die dann zum Selbstkostenpreis an Interessierte verkauft werden. So kommt man in den Genuss besonderer Dinge, zu einem vernünftigen Preis. Ich weiß leider nicht mehr, wer es war, der vor ein paar Jahren Rumflaschen aus seinem Madeira-Urlaub mitgebracht hatte und diese in einer Facebook-Gruppe dann genauso flaschenteilte, jedenfalls habe ich zugeschlagen und je 10cl des Engenhos do Norte Rum Aguardente de Cana 970 Reserva 6 Años, des Engenhos do Norte Aguardente de Cana 970 Reserva Especial und des Engenhos do Norte Rum Agrícola da Madeira 970 Produção 1990 bekommen, die ich nun heute besprechen will.

Diese Rums stammen alle aus derselben Brennerei, Engenhos do Norte, verortet in Porto da Cruz im Nordosten der Insel. Es handelt sich dabei um Rum aus Zuckerrohrsaft, und wie meine aufmerksamen Leser wissen, ist Madeira eines der wenigen Gebiete, die offiziell dafür auch den Begriff „agricole“ verwenden dürfen. In dampfbeheizten Kupferapparaten wird dort gebrannt, und das Destillat dann in Fässern aus französischer Eiche gereift. Schon seit den 70er Jahren gibt es die Marke, man hat also durchaus ein Traditionsprodukt vor sich, wenn man sich ein paar Gläschen des madeiranischen Rums eingießt. Man vergebe mir die Bildqualität in diesem Artikel, sie wurden vor langer Zeit gemacht.


Wir beginnen, wie meistens, mit dem jüngsten des Sets und arbeiten uns hoch. Also kommt nun der Engenhos do Norte Rum Aguardente de Cana 970 Reserva 6 Años in den Fokus, wie im Namen schon erwähnt ist er 6 Jahre alt, und wird mit 40% Alkoholgehalt abgefüllt.

Engenhos do Norte Aguardente de Cana 970 Reserva

Zur Farbe: Gebrannte Siena mit orangenen Reflexen, das wirkt natürlich, 6 Jahre können das gewiss erreichen. Leicht viskos zeigt er sich beim Schwenken. In der Nase finde ich Teig, feuchten Karton, Rancio, Haselnuss. Eine alkoholische Hauchigkeit, aber nicht stechend, dazu kommt ein leichter Anflug von Schwefel.

Sehr weich und cremig ist der Rum dann im Antrunk, ein Mundgefühl, das sich über den gesamten Verkostungszeitraum erstreckt. Im Gegensatz zum Geruch ist hier die ganz klare Verwandschaft zum karibischen rhum agricole erkennbar, grasig und zitronig, dazu kontrastierend malzig und nussig. Brombeeren sind klar erkennbar. Mit vielen hellen Tönen ist der Körper leicht, trotz der starken Süße. Der Abgang erscheint feinherb, mildbitter, dabei immer noch süß, und auch weiterhin sehr fruchtig, vor allem beerig – Stachelbeeren, und Brombeeren en masse. Mittellang und mild.

Eine sehr interessante Variation auf rhum agricole, wie man ihn kennt. Vor allem diese herrliche Beerigkeit macht viel Spaß.


Gehen wir zum nächsten Fläschchen, das den Engenhos do Norte Aguardente de Cana 970 Reserva Especial enthält. Für ihn ist als Altersangabe vermerkt, dass er Destillate aus den Jahren 1977 bis 2003 enthält, eine erstaunliche Spannbreite. 5000 Flaschen gibt es davon, ebenso auf 40% Alkoholgehalt eingestellt.

Engenhos do Norte Aguardente de Cana 970 Reserva Especial

Die Farbe ist Kaffeebraun, fast schon schwarz und kaum zu durchschauen – ah, ich habe so meine Probleme damit, derartig dunklen Spirituosen zu trauen, selbst wenn sie 26 Jahre alt sind – da wurde nachgeholfen, da bin ich mir eigentlich recht sicher. Ölig und schwer im Glas. Hier rieche ich eigentlich keinen Rum, sondern Sherry. Bei einer Blindverkostung würde ich sagen, klar, das ist ein alter Oloroso, oder sogar PX. Eine leichte Fruchtigkeit nach Orange und Banane ist das einzige, was mich an Rum erinnern könnte, im Verlauf taucht die Basis, die man vom 6 Jahre alten kleinen Bruder nun kennt, auf.

Im Mund ist nun aber die Analogie zum Sherry vorbei. Trocken schon im Antrunk, sehr bitter, dabei aber mit einer starken Basissüße. Sehr viel Holz, fast schon übertrieben. Nein, sicher übertrieben, das Holz verdrängt alles andere. Trockenobst, Nussmischung – flüssiges Studentenfutter. Etwas Tabak. Rancio. Schwefel. Der Abgang ist staubtrocken wie ich es noch nicht bei einer Spirituose erlebt habe, leicht bitter, fruchtig und warm, leicht alkoholhauchig. Sehr lang und einnehmend. Eine gewisse Grasigkeit und die Beerigkeit des 6-Jährigen taucht nun endlich auf, und zeigt, was für eine Spirituose wir hier eigentlich vor uns haben.

Der Reserva Especial ist ein besonderes Biest. Ich finde spannend, zu sehen, was 26 Jahre Lagerung aus einem Rhum Agricole machen können – das ist durchaus attraktiv, wenn auch in dieser speziellen Ausführung für meinen Geschmack übertrieben, und das, obwohl ich holzige Aromen mag. Etwas wirklich besonderes, das ein ambitionierter Rumfreund dringendst probieren sollte.

Ich muss allerdings darauf hinweisen – dieser Rum ist gesüßt, mit lokalem Zuckerrohrsaftsirup. Aufgrund der geringen Menge, die ich habe, kann ich keine Messung vornehmen; allerdings ist die Süßung zumindest deklariert, durch den Zusatz „beneficiada“ auf dem Etikett. Rein aromatisch vermute ich keinen großen Zusatz.


Die dritte Probe für heute kommt aus dem Engenhos do Norte Rum Agrícola da Madeira 970 Produção 1990, einem Jahrgangsrum von 1990, von dem es nur 218 Flaschen gab, mit leicht erhöhter Trinkstärke von 41,6%.

Farblich dunkler als der 6jährige, aber sehr viel heller als der Reserva Especial. Hübsch anzusehen, hübsch, wie er tanzt, wenn man ihn im Glas schwenkt. Die Tränen am Glasrand sind lang und dünn. Der erste Geruchseindruck ist Portwein, schnell ergänzt durch eine feine Agricole-Grasigkeit, Vanille und etwas Wintergrünöl.

Engenhos do Norte Rum Agrícola da Madeira 970 Produção 1990

Sehr weich, cremig, aber auch sich schal anfühlend im Antrunk. Milde Nüsse, Datteln, grüne Banane als Kontrapunkt. Wick-Wildkirsch-Bonbons. Fühlt sich dickflüssig und schwer im Mund an, die Aromatik ist aber eher hell. Auch hier treffen wir die Beerenkomponente – es scheint ein Merkmal der Destillerie zu sein. Nicht, dass es mich stören würde.

Der Abgang ist richtig trocken, nussig, warm, aber auch gewöhnungsbedürftig holzig-bitter. Lang, und im Nachhall dann plötzlich eukalyptisch kühl, die Wildkirsch-Bonbons treten nach vorne, das gefällt mir gut.

Attraktiv zu trinken, wirkt durch die Mischung aus Frucht und Trockenheit sehr edel und fein, ohne dabei verkopft zu werden. Man muss aber die Bittere und Trockenheit mögen.


Insgesamt erkennt man die Verwandschaft dieser 3 Rums sehr deutlich, und das ist etwas, was ich schätze. Ebenso, dass sich diese Zuckerrohrsaftrums ganz klar von den Zuckerrohrsaftrums der Karibik unterscheiden, Madeira hat ganz offensichtlich einen hohen Wiedererkennungswert. Mir gefällt letztlich alles an ihnen – das sind Samples, die ich bei Gelegenheit wirklich ohne nachzudenken durch Großflaschen ersetzen werde.

Bier am Freitag – Tecate Original Cerveza Lager

Es ist immer schön, wenn ein Hotel eine kostenlose Erstbefüllung einer kleinen Kühlschrank-Zimmerbar anbietet. In Guadalajara im Riu Plaza, wo ich eine Nacht während Spirits Selection by CMB 2025 untergebracht wurde, war das sogar recht üppig gestaltet – eine Auswahl an alkoholfreien und alkoholischen Getränken stand bereit. Die Dose Tecate Original Cerveza Lager habe ich mir geschnappt und in den Koffer gelegt, das erste Mitbringsel war damit schonmal organisiert. Das Bier aus der namensgebenden Stadt Tecate in dem mexikanischen Bundesstaat Baja California hat eine lange Geschichte zurück bis 1944, wo es für die dort schuftenden Minenarbeiter geschaffen wurde – drei Jahre später wurde es bereits in die USA exportiert, in den 50ern dann zur zweitwichtigsten Biermarke Mexikos. Es war auch das erste mexikanische Bier, das 1964 in „easy open“-Dosen, die ohne Dosenöffner getrunken werden konnten, abgefüllt wurde. Zum Glück ist das bis heute so, dass wir nicht lange brauchen, es ins Glas zu kippen!

Tecate Original Cerveza Lager

Die Schaumkrone, die sich beim Eingießen bildet, ist beeindruckend, sie nimmt ordentlich Platz ein und plustert sich auf. Nach ein paar Minuten sackt das Ganze fast genauso dramatisch komplett in sich zusammen, es bleibt aber eine Deckschicht immer erhalten. Eine leicht opalisierende, helle senfgelbe Farbe und ein paar aufsteigenden Perlchen komplettieren den optischen Eindruck.

Riechen muss man nicht wirklich an dem Tecate Lager, da sind ein paar Getreidespuren und Gerste, ein Hauch von Bitterhopfen, aber das muss man schon tief in den Riechkolben einziehen, um es wirklich als Aroma hier niederzuschreiben.

Ich habe leichte Lager als einen meiner inzwischen sehr favorisierten Bierstile entdeckt, wenn sie gut gemacht sind. Die Klarheit und Frische sind in vielen Situationen, in denen ich Bier trinke, eigentlich sehr wünschenswerte Eigenschaften, und das Tecate hat diese. Exklusive Geschmäcker zu suchen ist keine Tätigkeit, die sich hier lohnt, ein bisschen Gerste und Hopfen ohne Expressivität, ein bisschen rostiger Nagel. Was das Tecate dafür richtig gut macht, ist die Textur und die Rezenz, weich und cremig am Gaumen und trotzdem erfrischend, klar und sauber, eine wirklich gute Mischung daraus erzeugt ein wunderbar leichtes und trotzdem volles Mundgefühl mit perfekter Bittere und leichter Säure – und einem angenehmen Alkoholgehalt von 4,5%.

Genussbier? Nein. Ein Bier, das man nach 4 Stunden Stau in El Paso am mexikanischen Grenzübergang von Ciudad Juarez in die USA am Abend zu einem 16oz-Ribeye mit loaded potato gerne trinkt? Aber und wie, arriba Tecate!

Sterne über Griechenland, Teil 6 – Metaxa Private Reserve

Lang, lang ist es her, dass ich mich in meiner kleinen Miniserie „Sterne über Griechenland“ mit den verschiedenen Ausprägungen einer meiner Lieblingsspirituosen, dem Metaxa, auseinandergesetzt hatte. 5 verschiedene Varianten, vom 3-Sterne-Basisprodukt über die 5-Sterne-Fassung und die 7-Sterne-Version bis zum 12-Sterne-Brand, dazu mein persönlicher Liebling, der Grande Fine. Ein Metaxa-Honiglikör lief am Rande noch mit, man sieht, da ist viel nachzulesen für die, die sich ähnlich für den griechischen, aromatisierten Weinbrand interessieren wie ich. Beim letzten Griechenlandurlaub vor inzwischen schon mehr als 7 Jahren hatte ich im Rückreisegepäck eine weitere Ausprägung versteckt – die ich lange in meinem wuchernden Spirituosenregal vergessen hatte. Ich fand, es wird Zeit, dass der Metaxa Private Reserve nun endlich die Würdigung erfährt, in meine Miniserie mitaufgenommen zu werden.

Die Flasche mit der Seriennummer No. 007561 steht nun zur Verkostung bereit. Constantinos Raptis, der „Metaxa Master“ von 1992 bis 2024 war, kreierte die Private Reserve, und legte jedes Jahr einen einzelnen Batch davon neu auf. Sein Nachfolger, Konstantinos Kalpaxidis, führt diese Tradition unter dem neuen Namen Private Reserve Metaxa Orama fort, ich bin irgendwie trotzdem froh, noch eine Abfüllung des Erfinders zuhause zu haben. Alle Tastingnotes beziehen sich entsprechend auch auf diese Abfüllung aus dem Jahr 2017. Süßer Muskateller aus Samos ist die Basis, dazu kommen separat gebrannte Weindestillate, und am Ende noch ein Jahr lang mazerierte Kräuter und Pflanzenteile (darunter die natürlich stildefinierenden Rosenblätter), und alles wird zusammen gereift. Aus mehreren solchen komplexen Zwischenprodukten wird dann vom Metaxa Master ein Endprodukt geblendet – der Aufwand ist offensichtlich groß, und ehrlicherweise gibt man dann dafür auch kein Alter an. Trinken wir ihn nun endlich, nach so langer Wartezeit.

Metaxa Private Reserve

Da die Flasche nur ein kleines Etikett aufweist, ist die Farbe des Private Reserve natürlich sofort in ihrer ganzen Pracht erkennbar. Über einen eventuellen Zusatz von Färbemitteln schweigt sich der Hersteller aus. Im Glas schwenkt sich die Flüssigkeit sehr flink und lebendig, kaum eine Viskosität ist sichtbar. An der Glaswand bleiben dennoch Beinchen, die zunächst langsam, ab der Hälfte ihres Weges dann aber plötzlich sehr schnell ablaufen.

Der Geruch ist das, was ich an Metaxa in jeder Ausprägung einfach am meisten liebe. Beim Private Reserve ist das ganze auf die Spitze getrieben – sehr würzig, viele Holz- und schwere, trockenobstige Weinbrandnoten, etwas Buttriges, eine Idee von Rancio. Vanille, Schwarztee, milde Orange. Eine vorsichtige Rosenblütigkeit. Es gibt aber durchaus auch ein paar Ethanolspitzen. Dementsprechend unerwartet weich wirkt er im Antrunk, ohne jedoch wirklich fett zu werden; mir kommt er etwas schmalbrüstig vom Mundgefühl her vor. Das beschränkt jedoch nicht die Aromen – ein feuriger Weinbrand, mit vielen Gewürzaromen, leichter Orange, milden Trauben und etwas Floralität.

Metaxa Private Reserve Glas

Im Verlauf wird er immer heißer, fast schon beißend; die 40% Alkoholgehalt sind eher mäßig eingebunden. Die Süße wird dabei schließlich fast vollständig aufgegeben, macht Süßholz, eichenholziger Trockenheit und Bittere Platz. Der Abgang ist überraschend kurz, feurig, mit deutlich alkoholischem Nachhall. Bittere Lakritznoten und leichte Betäubung klingen gleichzeitig mit. Ein leichter Jasminhauch ist das letzte, was übrigbleibt.

Hm, so richtig begeistern kann mich dieser Metaxa (zieht man den aufgerufenen Preis und die Bewerbung als Krönung eines Handwerks in Betracht, was ich einfach muss) am Ende nicht. Ist der Upgrade von Grande Fine auf den Private Reserve die Preissteigerung um 50% wert? Meines Erachtens, leider, nicht. Ein stabiles Produkt, sicherlich unterhaltsam, aber eben nicht so mitreißend, wie es bei all dem Bohei sein müsste.


Als Digestif bleibt dieser Weinbrand dennoch sicher eine Bank, ohne Frage, die Würzigkeit und Trockenheit räumen den Gaumen nach einem fetten, schweren griechischen Fleischteller zuverlässig ab, und in dieser Situation gibt es für mich kaum etwas besseres. In einem Mixed Drink sehe ich den Private Reserve durchaus als Hauptdarsteller, und zwar trotz Aromatisierung überall da, wo auch nach spanischem Brandy gerufen wird – also zum Beispiel im Brandy Alexander.

Brandy Alexander Cocktail

Brandy Alexander
1½oz / 45ml Brandy
1oz / 30ml Crème de Cacao
¾oz / 23ml Sahne
1 Eiweiß
Dry shake, dann auf Eis shaken. Mit Muskatnuss bestäuben.
[Rezept nach unbekannt]


Die Präsentation ist natürlich, dem Anspruch angemessen, üppig und überfließend; von der schwungvoll gestalteten Karaffe selbst über den großen Holzstöpsel mit Gravur auf der Oberfläche, über die sehr elegant und gleichzeitig edel gestalteten Etiketten bis hin zum aufklappbaren Geschenkkarton – da ist Präsentpotenzial ohne Ende da, und es ist einfach schön, all diesen Augenzucker zu betrachten.

Mit dieser Flasche endet erstmal die Serie „Sterne über Griechenland“. Die Produkte, die Metaxa sonst noch im Angebot hat, wie der Angels‘ Treasure oder die High-End-Abfüllung AEN III, sind ehrlicherweise unerschwinglich – und da die Preisleistungskurve schon bei der Private Reserve einen Punkt überschritten hat, den ich noch gutheißen kann, ist alles darüber völlig uninteressant sowohl für mich als auch für den Genießer, der aufs Geld zumindest mitachten muss. Falls ich irgendwie drankomme, ohne mich finanziell zu ruinieren, werde ich einen weiteren Teil dieser Serie, die mir viel Spaß gemacht hat, nachliefern, aber bis dahin verbleibe ich mit einem fröhlichen Γειά σας für meine Leser!

Armagnac am Freitag – Grape of the Art Charron 2004 Armagnac

Der Nachschub an Armagnac-Samples nimmt kein Ende. Ich bin begeistert – ich erinnere mich an die Zeit, als ich nach Armagnac verzweifelt suchen musste, es gab nur eine Handvoll Flaschen, die einigermaßen zu erreichen waren, ansonsten war das hierzulande eine komplett kryptische Spirituosengattung. Niemand hat mehr dafür getan, das zu ändern, als Grape of the Art. Dank diesem Abfüller bekommt man aktuell großartige Flaschen in vielen Preissegmenten, für jeden Geschmack, vom Schmeichler bis zum Zungenwürger, von der Fruchtbombe bis zum Holzmonster, es ist unglaublich, wie sich der Markt diesbezüglich seitdem entwickelt hat. Heute stelle ich den Grape of the Art Charron 2004 vor, aus der Region Bas Armagnac, sortenrein aus Baco gemacht, abgefüllt in Cask Strength mit 51,3% Alkoholgehalt, der 19 Jahre zwischen November 2004 und September 2024 in Fass #95 beim Hersteller lag.

Grape of the Art Charron 2004 Armagnac

Ich verwende heute frech einfach mal ein Veladora-Glas zur Verkostung statt des sonst üblichen Stielglases. An diese Gläser habe ich mich sehr gewöhnt, und ich mag es, allerlei Spirituosen daraus zu trinken. Den Elitarismus mit der Tulpenform und dem Stiel ignoriere ich inzwischen gern. Man sieht auch im Veladora die schöne Terracotta-Farbe, die fast ins Kastanienbraun übergeht, und fühlt beim Drehen des Glases die deutliche Öligkeit mit vielen Schlieren.

Sehr aromatisch attackiert der Charron die Nase, mit extrem viel süßem, saftigem Kernobst, einer gelungenen Mischung aus Pfirsich und Aprikose. Die Holznoten kombinieren sich außergewöhnlich gut in diese Fruchtmelange, man hat wirklich den Eindruck aus holzfassgereiften, getrockneten Aprikosen, wenn man die Nase ins Glas hält. Ein bisschen erinnert mich das, wie in der Vergangenheit schon, an Bourbon, mit dem leichten Lackaspekt, der für weitere Komplexität sorgt, ebenso wie die mentholische Seite, die sich mild ausbreitet, und von etwas Anis begleitet wird. Pflaume entwickelt sich danach, und auch viele aromatischen Gewürze wie Zimt, Kardamom und Kümmel – beim Charron lohnt es sich, der Geruchsexploration viele Minuten einzuräumen, da passiert tatsächlich viel über die Zeit.

Im Antrunk zeigt sich der Armagnac vorsichtig, weich, süß, aber recht leicht und schon hier gewürzig, ein angenehmes Mundgefühl entsteht aus dieser Textur, mit aber nur mittlerem Volumen, etwas anders als das, was man optisch im Glas gesehen hatte. Doch auch hier – man sollte nicht stehenbleiben und sich abwenden, sondern dem Brand ein bisschen Freilauf gestatten, aus der initialen Süße erwächst eine erwachsene, trockenere Struktur, kein bisschen astringent und bis zum Schluss von der Frucht getragen, nun zusätzlich etwas, das Anis, Grünschnitt, Aloe und Geranien reminiszieren lässt, mit einer ansprechenden milden Salzigkeit und toll eingebundener Bittere, die mit Oliven und Artischocke anklingt. Lang, kühlwarm und sehr blumig ist der Abgang.

Extrem süffig, sehr zugänglich, sich dabei nicht anbiedernd, und mit subtiler Komplexität: der Charron gefällt mir sehr. Wieder mal ein Beweis dafür, wie gut die Auswahl von Grape of the Art für ihre Abfüllungen funktioniert, die haben inzwischen die Erfahrung, auch solche versteckten Wunder zu finden.

Offenlegung: Ich danke Wet Drams für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.

Reh im Schnaps – Flor Del Desierto Carnei Sotol Artesanal

Meine Tour de Sotol geht weiter: Nachdem ich neben ein paar Samples vor einer Weile schon den Los Magos Sotol vorgestellt hatte, folgt nun der nächste der Sotols, dazu einer, der mich besonders beeindruckt hat: der Flor Del Desierto. Es passiert mir selten, dass ich von einer spiritistischen Reise kaum eine Flasche mit zurück bringe, doch während México Selection by CMB 2025 in Chihuahua waren die Zeitfenster für Shopping dermaßen knapp bemessen, dass ich es nicht hinbekommen habe, wirklich viel Sotol mitzubringen. Ich war unendlich froh, in einem Shop in Spanien den Flor Del Desierto Carnei Sotol Artesanal zu finden, denn während der normale Flor Del Desierto bereits ein hervorragendes Produkt ist, so hat man mit einem Brand mit Fleischeinsatz bei der Herstellung doch immer noch einen Tick mehr Exotik im Glas! Ich liebe Pechugas aller Arten, und der Carnei mit seinem Wildfleisch reizt mich eben ganz besonders. Ja, richtig gelesen, Wild!

Der Maestro Sotolero, wie man den Brenner in Chihuahua nennt, ist José „Chito“ Fernandez Flores, und er steuert den aufwändigen und in den meisten Schritten noch komplett in manueller Arbeit geführten Prozess. Die wild wachsenden Dasylirion Wheeleri werden im Alter von 18 bis 22 Jahren geerntet, in niedrigen Erdgrubenöfen, befeuert mit Weiden- und Eichenholz, gekocht, und dann manuell zunächst mit Äxten, danach mit Macheten zerkleinert. Die daraus entstehende Maische kommt in unterirdische Fässer mit 1000L Fassungsvermögen aus Pinienholz, wo die Gärung mit wilden Hefen in 7 bis 9 Tagen vonstatten geht. Für die dreifache Destillation kommt eine hybride Holz-Kupfer-Brennblase zum Einsatz, in die für den Carnei bei der dritten Destillation im Pechuga-Stil ein Korb mit Rehfleisch, Walnüssen, Früchten und Sternanis gehängt wird. Rund 200 Flaschen kommen in einem solchen normalen Durchlauf zustande, die auf 52% Alkoholgehalt eingestellt dann abgefüllt werden. Flor Del Desierto ist stolz darauf, diese handwerklichen und biologischen Traditionen fortzuführen, weswegen der Sotol die Klassifizierung „Artesanal“ erhält. Man trinkt so einen Carnei zu festlichen Gelegenheiten wie Hochzeiten, Geburtstagen oder auch Begräbnissen – für mich ist es schon ein besonderes Erlebnis, überhaupt so eine Flasche dann zuhause zu haben, zu öffnen und zusammen mit meinen Lesern zu verkosten.

Flor Del Desierto Carnei Sotol Artesanal

Natürlich ist die Flüssigkeit komplett transparent und glasklar, und darum habe ich keine Schwierigkeiten damit, statt dem sonst üblichen Verkostungsglas einfach mal das kleine Keramik-Caballito zu verwenden, das ich aus Mexiko mitgebracht hatte. Man sieht darin nicht die Viskosität, darum erwähne ich es separat, dass sich in einem Glas eine sehr ansprechende Öligkeit zeigt, der Carnei bewegt sich schwer, und hinterlässt einen adrigen Film an der Glaswand.

Die Nase ist sehr direkt und prägnant, mit einer richtig klaren Linie, die die Pflanzlichkeit in den Vordergrund stellt. Grüne Schnittpflanzen, Geranienblätter und Aloe sind im Vordergrund, dazu kommt eine sich wunderbar in diese grüne Bild einpassende Fruchtigkeit mit unreifer Aprikose, Stachelbeere und etwas Limettenzeste, dazu etwas Honig. Moschus ist in Anflügen da, und eine minimalste Blütigkeit, die zwischen Lavendel und Orchidee wabert. Man findet aber auch einen überraschend starken Aspekt von aromatischem Holz, Zeder- und Sandelholz, ohne dass es wirklich holzig wird, mit einem Touch Sumatra-Tabak, und zu guter letzt sogar noch etwas Krautiges, das an Basilikum erinnert. Hochkomplex, dabei frisch und frech, und sich beständig wandelnd.

Flor Del Desierto Carnei Sotol Artesanal Glas

Am Gaumen setzt sich diese Komplexität und Wandelbarkeit ohne Umschweife fort. Ist der Antrunk noch eher starkgrün, in Ansätzen fast schon gemüsig-dicht mit Anklängen von Avocado, dreht sich der Flor Del Desierto Carnei im Verlauf um fast 180 Grad und zeigt sich dann trocken, frisch und extrem mineralisch, mit vielen Trockenkräutern und pflanzlichen und wurzeligen Bestandteilen. Enzianwurzel ist da, Angelica, Kardamom und Koriandersamen, Oregano, Salbei und Muskatnuss spielen mit, dazu Sternanis. Das Aromaholz erscheint passend dazu stark. Man könnte zwischendurch meinen, man hat Gin im Mund, doch dann kommt im langen, würzig-warmen Nachhall wieder voll das Grüne hervor, diesmal aber klarer und linearer als im Antrunk, hier schlägt voll das Basismaterial zu und die Sotol-Pflanze klingt dann herrlich stringent und eindeutig definiert. Das Mundgefühl ist durchgängig angenehm, trocken und strukturiert, mineralisch und klar, warm und ohne Astringenz. Fleisch sucht man vielleicht anhand der Herstellungsmethode, das ist aber unnötig, es dient mehr der Verbindung und Abrundung der Aromen, und das tut es richtig gut, und geht aromatisch in der Würzigkeit perfekt auf.

Wer sollte sich den Flor Del Desierto Carnei Sotol anschauen? Jeder, der ein Faible für typische mexikanische Spirituosen und deren Typizität hat, aber auch jeder, der einfach grandios komplexe und trotzdem hochgradig trinkige Brände mag. Hier sieht man perfektionierte Handwerkskunst, eingebettet in eine alte Tradition und dadurch erhaltene Bodenständigkeit. Ein herausragender Brand innerhalb der Sotol-Kategorie, aber auch innerhalb des mexikanischen Umfelds, und für mich persönlich dann auch global gesehen.


Sicherlich gehört der Barbacoa mit zum Abenteuerlichsten, was ich bisher in einem Cocktailglas hatte. Vom Rezept her klingt das irre, doch was bei diesem Drink am Gaumen abgeht, ist schon beeindruckend. Rauchige Noten von der Chipotle, würzige von der Adobo-Sauce, knackige Frische von der Paprika, zestige Säure von der Limette, Schärfe vom Ingwer, Süße vom Agavendicksaft; und dann die klare Kante und die herrliche Struktur vom Flor Del Desierto Carnei. Das muss man erlebt haben. Das Trockenfleisch hier ist ein Stück Carne Seca aus Chihuahua, das weniger gewürzt und herber ist als zum Beispiel ein Beef Jerky (dazu weiter unten mehr).

Barbacoa Cocktail

Barbacoa
3 Limettenecken
3 Stücke grüne Paprika
1 ganze Chipotle in Adobo-Sauce
Alles im Shaker muddeln.
2oz / 60ml Pechuga Mezcal/Sotol
¾oz / 23ml Agavendicksaft
½oz / 15ml Zitronensaft
½oz / 15ml Ingwersirup
Auf Eis shaken. Dirty dump in ein Glas.

Mit einem Stück Trockenfleisch dekorieren.
[Rezept nach Julian Cox]


Die Flasche des Flor Del Desierto selbst ist hoch und schlank, das passt irgendwie zum Inhalt. Das Etikett ist aufwändig gestaltet, mit dieser hochikonischen Schlange, die den Kopf aus einem Pflanzenbusch streckt, mit darunterliegenden indigenen abstrakten Dekorationen. Das Vorder- und das Rücketikett enthalten soviele Informationen, wie es andere Spirituosen nichtmal auf 100 Hochglanz-PDF-Seiten zu vermitteln vermögen, das rechne ich den Herstellern sehr hoch an, vor allem, weil es wirklich viel zu wissen gibt. Für die unterschiedlichen Sorten gibt es unterschiedliche Etikettengrundfarben; braun für den Carnei, weiß für den Standard, schwarz für den Cascabel und so weiter.

Apropos Hersteller – ich habe sowohl Sergio Gonzáles in Jalisco als auch Yaremi Navar in Chihuahua kennenlernen dürfen, beide sind sehr rührige Botschafter für ihren Brand, und haben immer mindestens eine Flasche davon im Gepäck und gute Gespräche dazu. Was nicht schwer fällt, wenn man irgendwann dann anfängt, Sotol aus dem Weinglas zu trinken.

Wie versprochen nun noch ein Wort zu Carne Seca, ich denke, das passt bei einem Artikel über eine Spirituose mit Fleischeinlage ganz gut. Es ist eine Art Trockenfleisch vom Rind, grundsätzlich ähnlich wie das hierzulande recht bekannte Beef Jerky. Der Unterschied ist aber, dass das mexikanische Carne Seca in hauchdünne Scheiben geschnitten wird, durch die man in manchen Varianten fast durchschauen kann. Es ist auch nicht so weich und gummiartig wie viele Beef Jerkys, sondern hart und knusprig, man muss ordentlich drauf rumkauen, um es genießen zu können. Dazu ist es anders gewürzt – gefühl eigentlich nur mit Salz, der reine Rindfleischgeschmack kommt dadurch wirklich schön zur Geltung. Ich habe vier unterschiedliche Sorten aus Chihuahua kennengelernt, und da das Zeug ewig haltbar ist (das war auch der ursprüngliche Gedanke hinter dieser Art Zubereitung), hat man auch lange daran.

Zurück nochmal zum Sotol. Es gibt unterschiedliche Sorten, wie schon angesprochen, und das „Standardprodukt“ mit weißem Etikett ist in Deutschland gut erhältlich, der wird irgendwie seinen Weg zu mir auch noch finden und ich werde darüber schreiben. Ich werde darüber hinaus alles daran setzen, den Flor Del Desierto Cascabel (der mit Klapperschlangengift hergestellt wird) oder auch den Veneno, der Schlangengift und Fassreifung kombiniert, zu mir zu bekommen; diese sind schwerer erhältlich, da der Export dieser Sorten grundsätzlich sehr viel schwieriger ist, aus nachvollziehbaren Gründen. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!

Bier am Freitag – Stone Neverending Haze IPA

Stone Berlin war eine kurzlebige Geschichte – die Idee war eigentlich gut, für den deutschen Markt das Bier auch in Deutschland zu brauen, und es schien auch gut zu funktionieren, doch am Ende war es eine Fehleinschätzung, und 2019 wurde die Location wieder geschlossen und die restlichen Einrichtungen, wie der Biergarten, an Brewdog übergeben. Greg Koch äußerte seine große Frustration über die Situation in einem langen Blogeintrag auf der Stone-Homepage. Aber die Biergeschichte geht trotzdem weiter: Das Stone Neverending Haze IPA wird jedenfalls nun in den USA gebraut und importiert. Für ein IPA ist es mit 4% Alkoholgehalt überraschend leicht eingestellt, und bezieht seine namensgebende und stiltypische starke Trübung aus Hafer. Auf die Dose, rein ins Glas.

Stone Neverending Haze IPA

Passend zum Namen natürlich volltrüb, beim Eingießen fallen auch ein paar Stücke Hefe mit ins Glas, die durch die langsame, aber durchgängig vorhandene Perlage im Glas auf und ab gestrudelt werden. Der Schaum aus großen, groben Blasen fällt schnell in sich zusammen. Geruchlich findet man die IPA-typischen Aromahopfennoten, viel Grapefruit, viel Limette, darunter etwas Mango und Ananas. Nach dem gefühlt 100sten IPA überrascht das (leider) nicht mehr, aber die Zeiten, in denen mich die modernen Interpretationen überrascht haben, sind halt vorbei, dafür kann das Bier nichts – man gewöhnt sich an diese Bierstile. Kein schlechtes Zeichen, eigentlich.

Sehr kantig, bitter und frisch im Antrunk, da ist nichts von irgendeiner Süße, sehr klar und mit eckiger Säure und hoher Karbonisierung. Die Frucht ist deutlich weniger präsent als in der Nase, eine gewisse Getreidigkeit ist eigentlich dominanter. Der Aromahopfen hat keine Chance gegen Bitterhopfeneindrücke: im Verlauf wird es immer bitterer, gegen Ende sogar vielleicht schon aggressiv bitter, schal und sauer. Hier verliert man mich als Trinker, das geht mir persönlich einen Schritt zu weit, weil es alles andere an Komponenten überwältigt. Überraschend für ein IPA sind die kleinen 4% Alkoholgehalt; das stört mich nicht, für ein Mittagsbier ist das sogar angenehm. Der Abgang ist mittellang, extrem viel blumiger Jasmin hängt nach.

Nun, zu einem richtig deftigen Essen, ja, da kann ich mir das gut vorstellen. Als reines Genussbier muss ich hier passen, da ist mir das Neverending Haze trotz des lieblichen Namens einfach zu brutal und gewalttätig – kurz: mir schmeckts nicht wirklich.

Gute Nachrichten aus Haiti – Vieux Sajous Aged 4 Years VSGB

Haiti kommt aus den schlechten Nachrichten selten heraus. Naturkatastrophen wechseln sich mit politischen Hiobsbotschaften ab, die Kriminalität ist hoch, die Lebensstandards niedrig, da muss man als mitfühlender Mensch immer die Zähne zusammenbeißen, um nicht in das allgegenwärtige Lamento einzustimmen. Denn so komplett möchte ich das Land nicht abschreiben, es gehört zu meinen Sehnsuchtsreisezielen, das ich unbedingt sehen und erleben will – die Wahrscheinlichkeit dafür ist niedriger als bei vielen anderen derartigen Wünschen, aber, wie gesagt, ich werde Haiti nicht aufgeben und wünsche dem Land nur das Beste. Woher kommt dieser Wunsch? Zum Großteil ist dafür natürlich Luca Gargano verantwortlich, der mir mit seinen Reiseerzählungen den Floh ins Ohr gesetzt hat. Und natürlich der überraschende, unerwartete und so positive Aufstieg, den die haitianische Nationalspirituose, der Clairin, gemacht hat.

Ich habe schon viel über Clairin berichtet, heute geht es zumindest indirekt weiter, denn mit dem Vieux Sajous Aged 4 Years VSGB erzähle ich etwas über einen Rum, der aus einer traditionellen Clairin-Brennerei kommt. Die Entscheidung, diesen Brand als Rum zu deklarieren und nicht als Clairin, kommt vielleicht daher, dass Clairin in seiner Essenz ungereift (oder zumindest nur ansatzweise gereift) ist, und durch eine lange Fassreifung eher der Rumcharakter betont wird. Jedenfalls wird er aus der alten, indigenen Zuckerrohrsort Cristalline hergestellt, die Brenner Michel Sajous auf einem Feld in der Nähe seiner Brennerei nördlich von Port-au-Prince anbaut. Für den Vieux Sajous wird dieser dann mit wilden Hefen fermentiert, und die hier vorliegende „zweite Auflage“ wurde 2017 gebrannt, lagerte dann komplett im tropischen Klima Haitis und wurde 2021 abgefüllt, natürlich in Fassstärke mit 56,3% Alkoholgehalt. Es handelt sich um einen Blend aus 12 Fässern, die vorher Rum und Single Malt Whisky enthielten.

Vieux Sajous Aged 4 Years

Zwischen Bernstein und Sonnenblumengelb würde ich die Farbe des Vieux Sajous verorten, sehr hübsch anzuschauen und eine ehrliche Farbe für 4 Jahre in gebrauchten Fässern. Sehr deutlich sieht man die Viskosität beim Schwenken, an der Glaswand bilden sich dabei fette Beinchen, die ausdauernd dort haften.

Ich hatte in den letzten Monaten viele Brände, die eine laktische Seite aufweisen, und gewöhne mich so ein bisschen daran – der Vieux Sajous hat jedenfalls eine, ohne Frage. Leicht milchig, nicht unbedingt käsig. Schnell aufgefangen wird sie durch eine schwere, dunkle Fruchtsüße, ganz ausgeprägt reifer Pfirsich und matschige Feige, vielleicht ein paar gelbe Rosinen dazu. Die Holzreifung glättet die Aromen, nimmt die für die Herkunftsregion oft übliche esterige Spitzigkeit aus dem Destillat und ersetzt sie durch weiche aber nicht kantige Holzeindrücke, ein Tick Vanille dazu. Die Typizität bleibt dennoch erhalten, die reinen, frischen Zuckerrohrsaftaromen sind weiterhin klar erriechbar und dominieren trotz allen anderen Aspekten den Brand.

Vieux Sajous Aged 4 Years Glas

Auch im Mund spürt man sofort diese Typizität für Haiti, da hat die Holzreifung deutlich weniger Einfluss gehabt als in der Nase. Für ein paar Sekunden hat man im Antrunk das runde Mundgefühl mit der Süße, das man nach der Geruchsprobe erwartet hat, schnell aber dreht sich das ins Trockene, Herbe, Bittere, alles auf eine sehr angenehme Weise natürlich. Eine frische Säure hellt das Destillat auf, die pikante aber nicht scharfe Würze lässt den Mundraum und später den Rachen brummen. Im Zwischenspiel ist das Zuckerrohr voll da, sehr spürbar aber doch weniger esterig als erwartet, eine sehr gelungene Balance wird da gefunden. Holz übernimmt dann im späten Verlauf, nur leicht getoastet, mit dem Whisky-Einfluss nur in Ansätzen schmeckbar. Der Abgang ist lang, würzig, aromatisch voll und effektvoll, mit einem Hauch von Jasmin im Nachhall, das sich mit grünem Holz verbindet.

Der Vieux Sajous ist wirklich gut gelungen, ich finde, die Holzreifung holt hier das Beste aus dem Zuckerrohrsaftbrand heraus, ohne die wichtigen Eigenschaften zu überdecken oder wegzukapseln. Handwerklich hervorragend gemacht, vorsichtig komplex, dabei unterhaltsam und immer noch ein bisschen frech. Supersüffig zu trinken, ohne dabei willkürlich zu werden!


Das Rezept für den New York Chocolate Rum Sour habe ich in der Weihnachtsausgabe des Magazins Fizzz gefunden und minimalst adaptiert, weil ich den schokoladenaromatisierten Süßwein nicht zuhause habe, der statt Rotwein und Schokoladendestillat eingesetzt wurde. Es funktioniert auch so sehr gut, und der herbsüße, kräftige Rum aus Haiti passt hier bestens in das Ensemble. Auch wenn Weihnachten nun vorbei ist, im kalten Januar macht so ein Drink weiterhin viel Spaß.

New York Chocolate Rum Sour Cocktail

New York Chocolate Rum Sour
1⅔oz / 50ml gereifter Rum
1oz / 30ml Zitronensaft
⅔oz / 20ml Zuckersirup
½oz / 15ml Rotwein
¼oz / 5ml Schokoladendestillat
1 Eiweiß
Auf Eis shaken. Auf frisches Eis abseihen.

Mit geriebener Schokolade und Zitronenzeste dekorieren.
[Rezept nach unbekannt]


Was gibt es über die VSGB-Reihe noch zu sagen, was ich nicht schon ein Dutzendmal erzählt habe? Die Liebe, die in diese Reihe geht, ist einfach einmalig, ein wirklich besonderes Projekt von Rumliebhabern für Rumliebhaber. Da passt halt einfach alles, und ich freue mich auf jedes neue Fläschchen.

Ich habe nun diverse gereifte Clairins probiert, und muss sagen, für mich persönlich funktioniert das ausgesprochen gut. Die Fassreifung des Vieux Sajous macht aus einem, seien wir mal ehrlich, nicht unkomplizierten und durchaus kantigen Rohstoff ein wirklich süffiges Teil, das Kompliziertheit mit Komplexität tauscht, und dabei weiterhin seine Wurzeln bewahrt und das Terroir erhält. Und so bin ich gespannt, was noch stärker gereifte Clairins und Rums aus Haiti uns in Zukunft bringen mögen!

Armagnac am Freitag – Grape of the Art Marquestau 1998 Armagnac

Mit Selbstbewusstsein wird der Grape of the Art Marquestau 1998 Armagnac mit dem schwarzen Etikett mit einem Superhelden versehen, mit plakativem „M“ auf der Brust, der in bester Superman-Manier, die Faust voraus, auf einen zufliegt. Aus der Region Bas Armagnac stammt er, seine Basis findet er rein in der Rebsorte Baco. Alles andere als Fassstärke wäre dem Helden nicht angemessen, hier sind es 51,7% Alkoholgehalt – das Fass #225, das Grape of the Art für sich ausgewählt hat, hat nur 310 Flaschen dieser Art hervorgebracht, abgefüllt im September 2024, nach 25 Jahren Lagerung in eben jenem Fass. Ich hoffe, mein Verkostungsglas springt nicht bei soviel geballter Armagnacmacht!

Grape of the Art Marquestau 1998 Armagnac

Fast kastanienbraun ist die Färbung nach dieser Lagerzeit, terracottafarbene Lichtreflexe hellen etwas auf, ändern aber nichts an der optischen Schwere, die der Marquestau ausstrahlt. Dazu passt die fette Textur, fast sirupartig schwappt er im Glas und hinterlässt dabei einen adrigen Film.

Die Nase ist fast zurückhaltend für diese Art Spirituose, dafür aber sehr elegant – dunkle Frucht und aromatisches Holz greifen ineinander wie Zahnrädchen. Saftige Nektarine, leicht matschige Birne und Mango bilden die Fruchtbasis, alle in recht reifem Zustand, frisches und duftendes Sandelholz mit leicht grasigen Einflüssen den würzigen Gegenpart. Je länger man an dem Armagnac riecht, um so verführerischer kommt einem dieser Geruch vor, der nicht versteckte Alkohol macht das ganze noch erwachsener. Nicht überwältigend, aber hochgradig faszinierend.

Am Gaumen dann schlägt die schon gesehene Textur voll zu, superweich, richtig voll und cremig, fettölig schmiegt sich der Marquestau 1998 beim Antrunk an, wie wenn man Öl in einen Motor gießt und das die beweglichen Teile sofort mit einem Film versieht. Ein großartiges Erlebnis. Natürliche Fruchtsüße mit Eindrücken von karamellisierter Dattel, überreifer Feige und schweren, roten Tafeltrauben definiert die erste Phase, kühlere, trockene Herbe mit Geranien, Rosmarin und Estragon den späteren Verlauf, dort findet man auch hellen Tabak, Sandelholz, und balsamische Töne aus Eukalyptus, zusammen mit einer ganz vorsichtigen Salzigkeit. Im Nachhall liegen ganz tief irgendwo noch Nelken, die das dezent aufblühende Wintergrün gewürzig untermalen, und ganz spät kommt sogar noch ein bisschen Jasmin zum Einsatz.

Ein wirklich unterhaltsames Erlebnis, hochgradig sich wandelnd, nie sich aufdrängend, dennoch wuchtig und gleichzeitig elegant. Perfekt integriert sind diese unterschiedlichen Aspekte ineinander beim Marquestau 1998, so dass mein Analysehirn gar nicht zuschlagen muss. Aufgrund des grandiosen Mundgefühls allein ist das ein Brand zum gemütlichen Schlürfen und sich gehen lassen.

Offenlegung: Ich danke Wet Drams für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.