Der kleine Gute – Boazinha Cachaça

Aktuell brennen auf der Welt gerade die Wälder. Australien löste dabei Brasilien in den Nachrichten ab, und man will gar nicht darüber nachdenken, was 2019 und 2020 für die botanische Artenvielfalt bedeuten. Für uns Spirituosenfreunde scheint es grundsätzlich erstmal unproblematisch zu sein, was die Hölzer für Fässer angeht – der riesige Löwenanteil stammt aus unbedrohten Gebieten wie Nordostamerika und Frankreich. Auch Cachaça wird, wenn gereift, meist in Eiche gelagert. In der Wahrnehmung allerdings ist zumindest in Deutschland häufig das exotische native brasilianische Holz im Vordergrund – wie zum Beispiel Bálsamo, das für den Boazinha Cachaça zum Einsatz kam. Bálsamo ist ein sehr aktives Holz, das Aromen und Farbe gern willig abgibt, und ist daher einer der Lieblinge der Cachaça-Hersteller – ein weiterer Grund wäre wohl, dass diese Holzart noch eine der am wenigsten bedrohten in Brasilien ist, man kann also unbesorgt zugreifen (was sicherlich nicht für alle Holzarten gilt, da sollte man sich informieren). Wie das nach den großen Feuern in Südamerika 2019 aussieht, bleibt noch zu klären; einfacher wird es für die Pflanzenwelt Brasiliens sicher nicht, vor allem nicht unter einem Präsidenten, dem die Natur am Arsch vorbei geht. Man kann hoffen, dass die mit traditionellen Methoden arbeitenden Cachaça-Brenner mehr an Nachhaltigkeit interessiert sind als die populistische Politik.

Der Boazinha stammt aus der Destillerie Seleta & Boazinha in Salinas, einem Zentrum der Cachaca-Herstellung. Der Werbetext sagt, dass 17 Zuckerrohrsorten entsaftet wurden, ich habe persönlich keinerlei Vorstellung davon, ob das viel oder wenig ist, oder ob es wirklich einen großen Unterschied macht, wieviele Sorten Zuckerrohr in einer Maische angesetzt werden, sobald es mehr als eine einzelne ist – die parzellarische Einzelsortenverwendung ist dabei eh eher ein Experiment, das bei rhum agricole hin und wieder statt findet. Gießen wir uns ein Glas des „kleinen Guten“, so eine freie Übersetzung des Namens, ein, und versuchen uns dem Thema einfach sensorisch zu nähern.

Boazinha Cachaça

Die Farbe ist strohig, wie Weißwein – 4 Jahre Reifung in oben erwähntem brasilianischem Bálsamo-Holz haben diesen Farbton erzeugt. Insgesamt unauffällig, da will ich mir nichts aus den Fingern saugen, nur eine leichte Viskosität. Dazugehörige Beine am Glasrand laufen schnell ab.

In der Nase ist der Boazinha Cachaça sehr floral, nach Lavendel, angedrücktem Kardamom, erkennbar grasig, eher schon nach getrocknetem Heu im Sommer, dabei aber milder als viele rhums agricoles. Etwas Pferdestall. Die Zuckerrohrbasis ist klar erkennbar. Eine Weichspülernote ist da (gäbe es einen Weichspüler mit diesem Aroma, ich wäre Markenabonnent). Keine Spur von Lack oder Ethanol. Hört sich vielleicht seltsam an, aber diese Spirituose riecht warm und weich.

Im Antrunk bleibt alles entsprechend sehr weich und süß. Im Verlauf setzt eine zunächst milde, dann immer feuriger werdende Würze ein. Eukalyptus, Kardamom, Fenchel, Gras, grünes Holz, Harz und Fichtennadeln. Sehr ätherisch, waldig, holzig, kühl und hauchig – ein sensationelles Mundgefühl mit vielen sonst bei Spirituosen selten zu findenden Komponenten. Dabei durchgängig mild, rund und vollkörperig, ohne die Frische zu vergessen. Nie stumpf, immer hellklingend und leicht. Sehr komplex, breit und tief gleichzeitig. 42% Alkoholgehalt sind ideal gewählt.

Boazinha Cachaça Glas

Zum Schluss, der Abgang – herrlich kühl, grasig, lang und intensiv. Ein leichter Eisenton. Mild adstringierend. Die Eukalyptusnote des Bálsamo-Holzes klingt sehr lange nach, als hätte man ein Kräuterbonbon gelutscht.

Nun, wer immer dachte, dass Cachaça eine reine Mixspirituose sei, der wird spätestens hier eines besseren belehrt. Ich trinke den Boazinha gern langsam, pur, handwarm im Glas und genieße die ausgeprägte Zuckerrohrbasis, die angenehme Bodenständigkeit und die faszinierenden Holztöne.

Im Street & Flynn Special wird normalerweise gereifter Rum verbaut. Nachdem ich diesen wunderbaren Cocktail das erste Mal getrunken hatte, war mir klar, dass er die ideale Verkleidung für den Boazinha ist – die Holz- und Grasnote montiert sich herrlich in die Mischung aus Ingwer, Piment und Limette. Ein echter Gewinnercocktail, einer meiner liebsten.

Street & Flynn Special


Street & Flynn Special
1½ oz gereifter Cachaça
½ oz Pimento Dram
½ oz Ingwersirup
½ oz Limettensaft
Auf Eis shaken, abseihen in ein Glas voll Eis. Mit Soda aufgießen.
[Rezept adaptiert nach Zachary Gelnaw-Rubin]


Die Flasche ist sehr ungewohnt – eine undurchsichtige Keramikflasche mit krummschiefen Winkeln. Sehr charmant ist der kleine Griffhenkel, an dem man die Flasche zum Eingießen halten kann. Der Echtkorken wird normalerweise von einem Holzdeckel gehalten; wie man auf dem Foto sieht, hat meine Flasche bei der Lieferung etwas gelitten und der Deckel ist abgequetscht worden. Das tut dem Ganzen keinen Abbruch, mit einem Korkenzieher ist so ein Korken auch leicht aus einer Spirituosenflasche geholt. Und da sich so ein toller Zuckerrohrbrand bei mir eh nicht lang hält, der wird ruckzuck weggetrunken, besteht auch keine Gefahr, dass der fehlende Originalverschluss für Nachteile im Aroma sorgt.

Bier am Freitag – Maisel & Friends Hopfenreiter #5 Double IPA (2020)

Es ist inzwischen eine liebgewonnene Tradition – der alljährliche Hopfenreiter geht nun in die fünfte Runde, allesamt durfte ich sie seit 2016 verkosten und die Entwicklung beobachten. Mit dem Maisel & Friends Hopfenreiter #5 Double IPA legt der fränkische Brauer aus Bayreuth nochmal ne Hopfenschippe auf die Idee drauf, und holt sich mit Sierra Nevada (Azacca), Steamworks (Hallertauer Blanc), Yankee & Kraut (Ariana), Hanscraft & Co. (Hüll Melon) und Poppels Bryggeri (Olicana) ein paar zusätzliche Freunde und Hopfenlieferanten ins Brauhaus. Dazu noch Denali aus dem eigenen Lager – hier sind ein paar Hopfensorten versammelt, von denen ich gleich mehrere noch nicht kenne. Das allein ist schon spannend; was taugt das DIPA im Glas?

Maisel & Friends Hopfenreiter #5 Double IPA (2020)

Im Glas hat der Hopfenreiter eine schöne Naturtrübe, die den dunklen Bernstein-Ton noch betont. Man erkennt dadurch geradenoch so vereinzelt langsam hochsteigende Bläschen. Der Schaum ist sehr hübsch gemischtblasig, zunächst fett, nach wenigen Minuten dann immer noch als attraktive Insellandschaft auf der Bieroberfläche.

Vollhopfenattacke! In der Nase merkt man, dass hier ordentlich kaltgehopft wurde. Zitrusaromen en masse, Grapefruit, unreife Ananas, grüne Banane. Knackig säuerlich riechend, mit einem mildfruchtigen Unterbau – es ist hier schon klar erkennbar, wohin der Ritt geht.

Vorher bekommt man im Antrunk noch eine satte Cremigkeit mit einer gewissen Grundsüße, die aber schnell abgelöst wird von zischiger Frische aus dem ganzen Hopfen. Sehr limettenschalig in den Kopftönen, darunter kommt die schon gerochene Beeren- und Steinfrucht dann aber voll zur Geltung. Das Bier ist sehr schön balanciert, voller Wumms (8,5% Alkoholgehalt!), dabei immer rund und sauber. Herrliches Mundgefühl, insbesondere die üppige Bittere mit 70 IBU ist toll eingebunden und wirkt nie kratzig oder unangenehm. Der Abgang ist lang, floral und effektvoll, trockenherb und dabei weiterhin vollbitter, die Würze kommt langsam auf und sorgt für einen vollmundigen Ausklang.

Ich lehne mich aus dem Fenster – das ist neben dem für mich immer noch leicht führenden Maisel & Schanzenbräu Gestopften Bär das beste Bier, das ich von Maisel & Friends bisher im Glas hatte, und ich glaube, es gibt nicht viele, die ich nicht kenne. Jungs, das habt ihr echt top gemacht. Da ist es ein Jammer, dass das Bier limitiert ist – hier lohnt es sich so richtig, schnell und großflächig zuzuschlagen!

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kosten- und bedinungslose Zusendung einer Flasche des Hopfenreiters #5.

Flüssige, süße Geschichte – Bodegas La Cigarrera Pedro Ximénez Sherry

Die Geschichte der Region, die heute Südspanien ist, hat mehr Wandel gesehen als die meisten anderen Regionen dieser Art. Nach kurzem karthagischem Intermezzo sowie Aufstieg und Fall des Weströmischen Reichs kam sie unter germanische Herrschaft, wurde dann vom Umayyaden-Kalifat erobert, als unabhängiges maurisches Königreich eingesetzt, dann als Emirat unter Granada weitergeführt und später von Kastilien annektiert. Schließlich wurde Spanien gegründet, und dort finden wir sie dann auch heute noch, in der autonomen Region Andalusien. Bei dem ganzen Ärger mit den wechselnden Vorgesetzten braucht man wirklich einen guten Tropfen zur Entspannung, und entsprechend findet sich dort der Ursprung und die Heimat eines wirklich großen, bedeutenden alkoholhaltigen Getränks – des Sherry.

Die Geschichte spiegelt sich schon im Namen des fortifizierten Weins wieder, wie man auf dem Etikett des Bodegas La Cigarrera Pedro Ximénez Sherry sehen kann; der Untertitel „Jerez – Xérés – Sherry“ deutet die wechselhafte Geschichte an, und bringt das letzte Kapitel, die Anglizierung des Namens, der auf dem Namen der Region beruht, für die sherryverrückten Briten noch dazu. Man sieht, da ist viel Historie drin. Die Bodega selbst passt sich dem an, ist seit 9 Generationen im Familienbesitz, und natürlich wurde dieser Sherry daher im klassischen „Criaderas y Soleras“-System in amerikanischen Eichenfässern ausgebaut, etwas, was hier Tradition hat – der Begriff „Solera“ hat bei Rum keinen so besonders guten Ruf, man muss das aber klar von der Sherrywelt trennen. In welcher wir uns nun ans Glas begeben.

Bodegas La Cigarrera Pedro Ximénez Sherry

Dunkelbraun, kaffeefarben, ohne Gegenlicht beinahe blickdicht, mit etwas Lichteinfall orangebraune Reflexe, so präsentiert sich der La Cigarerra PX. Durch die starke Öligkeit bleibt am Glas für einige Sekunden ein bräunlicher Film beim Schwenken, der in dicke, sehr langsam ablaufende Beine übergeht.

Ganz starke Eindrücke von Feigen, Datteln, Rosinen, Trauben und Nüssen nimmt die Nase wahr – wie eine frisch geöffnete Packung Studentenfutter. Leichte Schokoladennoten und etwas Röstiges kommen danach dazu. Dunkler Rotwein, Johannisbeersaft, da ist neben dem Trockenobst auch viel frische Beerigkeit. Eine Idee von Rauchigkeit und Rancio. Komplex und sehr angenehm zu Riechen.

Im Antrunk süß und fruchtig, wie verflüssigtes Studentenfutter mit seinen Komponenten. Sehr fett und breit, und wie schon im Glas gesehen auch extrem ölig und schwer im Mundgefühl. Dicht und aromatisch, Rosinen, Feigen, Datteln. Durch die alles überwältigende Süße wirkt der La Cigarrera Pedro Ximénez hier nicht ganz so komplex wie in der Nase, ist aber immer noch vielschichtig. 18% Alkoholgehalt gehen im natürlichen Restzucker unter.

Bodegas La Cigarrera Pedro Ximénez Sherry Glas

Der Abgang ist dann die Krönung der Süße, gleichzeitig entsteht auch etwas Säure dazu, die allerdings keine Chance hat, sich großartig weiterzuentwickeln. Sehr lang, effektvoll und mit sehr milder Wärme.

Der Nachhall ist mildnussig, leicht rosinig und dann am Ende doch sehr pappig süß, so sehr, dass der Gaumen eine Weile klebrig wirkt, an den Lippen eine Zuckerkruste entsteht und man außer Süße lange nichts anderes mehr schmecken kann.

Der La Cigarrera Pedro Ximénez hat sich zur Standardzutat in meiner Heimbar gemausert – er ist typisch, dabei aber nicht übermäßig komplex und hat ein tolles Preisleistungsverhältnis. Jedes Cocktailrezept, das nach PX verlangt, ist mit ihm bestens bedient; als Beispiel nenne ich hier das Bermuda Triangle, in dem der Sherry Körper und Aromen gibt, und sich bestens in das würzig-süße Gesamtbild einfügt, ohne alles zu übernehmen.

Bermuda Triangle Cocktail


Bermuda Triangle
1 oz Arrack
½ oz PX Sherry
¾ oz Ananassaft
1 Teelöffel Zuckersirup
1 Spritzer Aromatic Bitters
Auf Eis shaken. Mit etwas Muskatnuss servieren.
[Rezept nach Ralf Ramirez]


Die Flasche selbst ist unauffällig, dunkles Braun mit einem rotbekopften Echtkorken als Verschluss. Mir gefällt das Etikett sehr – man sieht es nicht oft, dass ein Spirituosenetikett ganz ohne Illustration auskommt und sich nur auf Text verlässt. Dieser ist dann aber üppig gestaltet, mit Schreibschrift und dem Markennamen in Westernschrift.

Sherry ist gerade nicht wirklich hip – ich versuche dennoch, und auch trotz der doch erhöhten Veränderlichkeit (nicht wirklich Verderblichkeit) von fortifizierten Weinen, immer eine Flasche Fino, wechselnd Oloroso/Amontillado, und PX im Hause zu haben. Der Bodegas La Cigarrera Pedro Ximénez Sherry hat große Chancen, letztere Stelle beständig gefüllt zu halten.

Zen vs Eichhörnchen – Heidenpeters American Pale Ale

Die Verpackung gehört heutzutage mit zum Gesamtpaket. Das gilt für Spirituosen, aber auch für Bier. Gerade die Craftbierszene hat sich noch nicht so recht geeinigt, was nun der präferierte Weg der Präsentation ist – knallig-bunt-frech-laut-schrill, um den alteingesessenen Traditionsbrauereien mit ihren langweilig-konservativen Etiketten so richtig eins vor den Latz zu knallen; oder lieber asketisch-einfachst-zurückhaltend-streng, ohne Mätzchen, und das Produkt, also das Bier, selbst für sich sprechen lassen, höchstens noch ein paar Informationen beigebend? Ein Extrembeispiel für ersteres liefert aktuell die schottische Brauerei BrewDog ab.

Die sehr emotional geführte Diskussionen über eine derart grelle Art der Bierverpackung geht teilweise fast in die Richtung, ob das unmoralisch und tierverachtend ist. Persönlich sehe ich das entspannt, denn das Tier, das hier als Flaschenschutz dient, musste nicht für das Bier sterben, was man nicht über alle sonstigen tierischen Produkte, die wir als Kleidung oder Nahrung nutzen, sagen kann. Manche mögen es als geschmacklos sehen, ich sehe darin nur eine, zugegebenermaßen etwas extreme, Fortführung der seit Jahrhunderten beliebten Geweihe und präparierten Tierköpfe in Gasthäusern. Vom Kauf werde ich allerdings durch den etwas erhöhten fünfstelligen Preis abgehalten.

Weg von der plastisch-plakativen, hin zur still-reduktionistischen Art und Weise sein Bier zu präsentieren. Das Heidenpeters American Pale Ale ist ein perfektes Beispiel dafür, wie man mit fast schon japanischem Zen-Ansatz punkten kann. Das Design ist äußerst streng – einfache Longneck-Standardflasche, nur Vorderseitenetikett, kein Blabla oder cooler Spruch, eine einfache Schriftart, nur die nackten Fakten abgedruckt. Selbst die Hopfensorten werden nur als „amerikanischer Hopfen“ angegeben – das gefällt mir in seiner Konsequenz sehr. Ist dieses Bier dann auch im Glas so mauerblümchenhaft?

Heidenpeters American Pale Ale Flasche

Doch schon schnell nach dem Eingießen ist Schluss mit Understatement. Da wird von Anfang bis Ende geprotzt, ohne jegliche Scham, schlimmer als mit dem toten Eichhörnchen! Trübe bis fast schon komplett blickdicht, Farbe Kupfer bis Terracotta. Beim Eingießen ensteht eine enorme Schaumentwicklung, ungewohnt für Ales, und daraus folgend die sehr attraktive Schaumkrone, mit einer schönen Mischung aus großen und feinsten Blasen, die leider nach einigen Minuten wieder zusammenfällt, weil die leichte, feine Perlage diese Schaumwucht natürlich nicht aufrechterhalten kann. Ein halber Zentimeter feinster Schaum verbleibt aber bis zum letzten Schluck – und sogar danach: Selten erlebt man es, dass am Ende noch einiges an Schaum im Glas verbleibt, wenn das Bier schon ausgetrunken ist.

Man vergebe mir, dass ich nun ein bisschen ins Schwärmen gerate, aber ich habe nie ein besser duftendes Pale Ale riechen dürfen. Höchstaromatisch, nach Honigmelone, Pfirsich, Orange, mit einer sehr subtilen Würze nach Muskatnuss und Nelke, die das ganze mit deftigem Körper unterstützt. Ein Anflug von Thymian und Schwarztee komplettiert ein absolut sensationelles Geruchsbild.

Weiter im Mund: Sehr frischer Antrunk, dichtes, voluminöses Mundgefühl, dabei aber zitronigfrisch und klar. Wilde Säure überrascht, dazu viele Zitrusfruchtaromen aus allen Ecken der Welt, sogar leichter Essigcharakter im Fortschreiten. Effektive, aber nicht sich in den Vordergrund drängelnde Bittere. Die Würze verdrängt schließlich aber doch die Frucht, Nelke und sogar ein leicht salziger Ton kommen zum Vorschein. 5,3% Alkohol fallen nicht auf.

Heidenpeters American Pale Ale Glas

Im mittellangen Abgang kämpfen Säure und Bittere um die Vorherrschaft; es sieht so aus, als ob die Säure gewinnt. Herrlich erfrischend, ohne zu aggressiv vorzugehen. Der lange Nachklang besteht dann wiederum aus mildem Obst. Ein sehr breites Spektrum an Eindrücken geht damit erst spät zu Ende. Nun, ich mag kräftige Säure in Bieren. Daher ist für mich das Heidenpeters Pale Ale ab sofort mit eine Referenz für Pale Ales. Wer allerdings eher auf weiche, süße Ales steht, wird hier vielleicht etwas überfahren.

So ein Bier muss ich einfach auch als Cocktailzutat anpreisen – Biercocktails führen immer noch ein Nischendasein, zu Unrecht natürlich. Mit dem Heidenpeters American Pale Ale machen wir, passend zur Einfachheit der Präsentation, auch einen einfachen, aber hocheffektiven Cocktail. Die Ultimate Beergarita ist wirklich ein toller Spaß und ein Höhepunkt eines jeden Bierabends.

Ultimate Beergarita


Ultimate Beergarita
2 oz Heidenpeters American Pale Ale
…in ein Glas mit Salzrand geben.
Dann auffüllen mit einer geschüttelten Mixtur aus…
1 oz Tequila Reposado (z.B. Corralejo Reposado)
1 Teelöffel Agavendicksaft
Am Ende ein Viertel Limette ausdrücken und ins Glas werfen.
[Rezept nach draftmag.com]


Persönlich mag ich schon ein bisschen optische Opulenz, wenn ich ein Produkt erwerbe, das gebe ich zu. Doch immer wieder erlebt man das – die Optik ist ein einmaliger Effekt, schöne Dinge verlieren ihren Reiz einfach recht schnell, und wenn dann nicht viel dahinter steckt, hat man viel investiert in oberflächlichen Putz. Am Ende des Tages dann also lieber etwas, was seine Qualitäten auf Dauer im Geschmack beweisen kann. Dieses Bier ist ein Beispiel dafür.

Kölner Fassabfüllung – Simon’s Valkyrie „Port Cologne“ Bavarian Nordic Rum

Spirituosenmessen haben den Vorteil, dass man viele Brände probieren kann, ohne sich direkt eine Flasche ins Haus holen zu müssen. Hin und wieder gibt es sogar besondere Ideen, die nur an diesem speziellen Termin zu haben sind – „exklusive Messeabfüllung“, das ist dann immer ein Highlight für den Raritätensammler.

Auf meinem Besuch der Cologne Spirits 2018, dem Jahr, in dem die Messe, die aktuell schon ins dritte Jahr ging, gegründet wurde, gab es genau sowas – und dazu noch von einem Brenner, dessen Arbeit ich sehr schätze; ich denke noch gern an den Tag zurück, den Marcus Stock und ich damals in Simon’s Feinbrennerei in Alzenau verbrachten. Simon’s Valkyrie „Port Cologne“ Bavarian Nordic Rum trägt schon alles im sehr schön wortspielerischen Namen, was man bekommt. Severin Simon destilliert via Tres Hombres importierte Melasse und lagert das Destillat dann insgesamt 5 Jahre, davon viereinhalb in Spessarteiche, einer Besonderheit dieser Brennerei, und gönnt dem Rum dann noch ein Finish von 5 Monaten im Portweinfass.

Simon’s Valkyrie „Port Cologne“ Bavarian Nordic Rum

Jenes Portweinfass, das für das Finishing verwendet wurde, gab nicht mehr wirklich viel Farbe zusätzlich ab – die anderen Valkyrie-Rums, die ich besitze, weisen eine sehr ähnliche Farbgebung auf. Severin Simon ist Verfechter sauberen Rums, er süßt weder undeklariert nach noch färbt er, daher ist die rotbraune Tönung natürlichen Ursprungs. Im Glas bleibt der Port Cologne beweglich, Tropfen laufen mit dicken Köpfen langsam ab.

Die Typizität der Rums aus dieser Destillerie ist hoch – man erkennt in ihnen schon im Geruch viel der verwendeten Melasse, die eine markante Pflaumennote aufweist. Der Rum ist in der Nase kantig, unbequem, dadurch aber charakterstark und spannend. Melasse, Marzipan, Pflaumen, vergorene Früchte, ich fühle mich etwas nach Jamaica versetzt. Was das Portweinfass nicht in Farbe veränderte, hat es im Geruch geleistet: Da erkennt man deutlich weinige, tanninige, süßliche Portweinnoten. Eine holzige Komponente bildet den Abschluss.

Natürliche Süße schwappt einem zunächst beim Antrunk entgegen – schokoladig und voll liegt er im Mund. Schnell wandelt sich das Bild aber, und aus dem Schmeichler wird ein Rocker: Süße wandelt sich in Trockenheit, milde Frucht wird zu feuriger Würze, weißer Pfeffer, Zimt und eine mineralische, salzige Algennote kombinieren sich zu einem Bild, das mich in manchen Momenten überraschend deutlich an schottischen Küstenwhisky erinnert.

Simon’s Valkyrie „Port Cologne“ Bavarian Nordic Rum Glas

Der Abgang ist staubtrocken, glühend heiß, lang und charaktervoll. Hier zeigen sich zu guter letzt die 56,25% Alkoholgehalt, mit denen dieser Rum abgefüllt wurde, dann doch etwas stärker, als gewünscht – etwas längere Ruhezeit im Fass hätte das vielleicht noch etwas abgefangen.

Das ist aber nur ein Detail am Schluss, denn, und das gilt für mich für praktisch alle Rums aus der Destillerie Simon, da ist richtig viel Power, Spannung und Charakter drin, etwas, was ich sehr schätze. Da wird nichts weichgespült durch das Portweinfinish, sondern im Gegenteil, noch etwas Kraft draufgesetzt. Dieser deutsche Rum kann mit vielen karibischen ohne Mühe mithalten, und seine ganz eigene Typizität zeugt von Handwerkskunst und Eigenständigkeit.

Sowas brummt dann natürlich auch in einem Mixed Drink. Der Mulata Daiquiri ist eine kleine Abwandlung auf einen klassischen Rum-Limette-Zucker-Drink, der zusätzlich eingesetzte Kakaolikör ist nur ein feines Detail. Mit den Portweinnoten des Simon’s Valkyrie „Port Cologne“ Bavarian Nordic Rum wird die Variante noch besonders betont.

Mulata Daiquiri Cocktail


Mulata Daiquiri
2 oz gereifter Rum
½ oz Crème de Cacao
½ oz Limettensaft
¼ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Constantino Ribalaigua Vert / Jose Maria Vazquez]


Meine 35cl Flasche wurde von Severin Simon persönlich frisch abgefüllt, damals auf der Cologne Spirits 2018. Er hatte das Fass auf die Messe gekarrt, und jedesmal, wenn ich an seinem Stand vorbeischlenderte, war er voll. Also der Stand, nicht Severin. Keine Ahnung, ob und wenn ja wieviel er von seiner Sonderedition wieder mit nach Hause nahm, ich glaube nicht, dass es viel sein konnte, denn der Rum taugt was.

Cologne Spirits Valkyrie Port Cologne Handabfüllung

Darum bin ich zuhause eigentlich gut ausgestattet mit Rum aus Alzenau. Ab und zu gibt es neue Varianten des Valkyrie-Sortiments; da fällt mir ein, dass ich mal wieder nachschauen muss, ob Severin einen neuen Geistesblitz hatte. Wem sein Rum schmeckt, sollte sicher auch seine anderen Destillate, Whisky, Gin und so weiter, ausprobieren.

Bier am Freitag – Brouwerij Emelisse White Label Dark Ale Tres Hombres BA

Die niederländische Brouwerij Emelisse bringt unter dem hauseigenen White Label immer wieder experimentelle Biere heraus, die sich durch Fassreifung oder ähnliche Spezialbehandlung von der Masse abgrenzen. Hier habe ich nun als Rumfreund eines gefunden, das ich spannend finde – das Brouwerij Emelisse White Label Dark Ale Tres Hombres BA. Informationen darüber sind spärlich gesät, das Etikett ist ebenso sehr zurückhaltend mit Details, das einzige, was man erfährt, steht alles bereits im Namen („BA“ ist wohl die Abkürzung für „barrel aged“). Welcher Rum genau da zuvor im Fass war und wie lange, und wie lange das Bier dann die Fassmiete übernahm – man weiß es nicht.

Brouwerij Emelisse White Label Dark Ale Tres Hombres BA

 Dark Ale, ja, das zumindest ist eindeutig. Espressofarben, nur Andeutungen von Lichtreflexen schaffen es durch die Dunkelheit. Sehr viele, recht große Schwebeteile sind erkennbar, vielleicht Hefeausflockungen. Feiner Schaum bleibt zumindest am Glasrand hängen. „Touched by Tres Hombres“ steht am Rand des Etiketts, das riecht man – das Bier hat klare Fasscharakteristika übernommen, und neben viel Kaffee, Kakaopulver und dunklem Malz riecht man daher auch Holz, Rumsüße und Vanille. Dazu kommt eine Portweinnote.

Dieses White Label ist süßlich im Antrunk, was sich im Verlauf sogar steigert. Sehr malzig, karamellig, dunkelfruchtig. Da meint man darüber hinaus, tatsächlich noch etwas milden Rum herauszuschmecken – auf jeden Fall sind holzige und heuige Töne da. Ein sehr volles, breites, aber nur wenig tiefes Mundgefühl ist kombiniert mit eher vorsichtiger, aber für diese Bierart völlig ausreichender Rezenz – das ist kein Bier zum Erfrischen, sondern zum Dessert (oder zum Rindercarpaccio mit Trüffelkäse, zu dem ich es genossen habe). 8,0% sind gut eingebunden und sorgen für Power. Der Abgang ist lang, sehr floral, dann am Ende überhaupt nicht mehr süß, sondern trocken und feinherb, mit leicht aufkommender Säure. Jasmin hängt sehr lange im Mundraum nach.

Meine aktuelle Reise durch fassgereifte Biere zeigt mir, dass ich diese Art der Veredlung bei Bier einfach sehr mag – und das Brouwerij Emelisse White Label Dark Ale Tres Hombres BA ist erneut für mich der Beweis dafür, dass Bier und Spirituosenfass eine tolle Kombination bilden.

Sterne des Südens – Starward Two-Fold Australian Whisky

Die Verwendung von Ex-Wein-Fässern zur Reifung ist bei verschiedenen Spirituosen Tradition. Vor einiger Zeit hatte Richard Seale, Inhaber der Foursquare Rum Distillery auf Barbados, Fotos veröffentlicht, auf denen eine Menge an leeren Weinfässern zu sehen war, die er für seinen Rum einsetzt. Dazu hatte er die interessante Information geschrieben, dass zumindest auf Barbados Weinfässer eigentlich über Jahrhunderte die traditionelle Methode zur Reifung von Rum waren; erst seit ca. 1950 wurde auch dort auf die inzwischen allgegenwärtigen Ex-Bourbon-Fässer umgestellt. Geschichte wiederholt sich: Heutzutage kommen die etwas in Vergessenheit geratenen Weinfässer wieder in Mode; Rum erinnert sich wieder an sie, für Whisky, der ja immer auf der Suche nach Möglichkeiten des neuartigen Fassfinishes ist, kommen sie ins Blickfeld.

Doch nicht nur für Finishes, auch für die Hauptreifung ist so ein Fass natürlich bestens geeignet. Gerade in Australien, das sich durchaus auf eine sehr lebendige Weinkultur berufen kann, bietet sich die Wiederverwendung eines solchen benutzten Holzgefäßes besonders an. Ein Beispiel dafür ist der Starward Two-Fold Australian Whisky. Für diesen „Double Grain Whisky“, also einem Blend aus separat gereiften Destillaten aus Weizen und Gerstenmalz, durften sich Barriques und Hogsheads, die vorher australische Weine der Rebsorten Shiraz, Cabernet Sauvignon und Pinot Noir beherbergten, eine neue dreijährige Beschäftigung aneignen. Soviele Brände aus Australien kennt man hierzulande ja nicht, also ist es doppelt spannend, diesen Whisky auszuprobieren.

Starward Two-Fold Australian Whisky

Ungefärbt, und nicht kühlfiltriert, das sind Worte, die ich gern in Zusammenhang mit Spirituosen höre. Ich bin mir sicher, kaum jemand würde es merken, wenn alle Whiskys auf der Welt plötzlich nicht mehr gefärbt und kaltfiltriert würden. Um so mehr freue ich mich über den hellen flüssigen Bernstein, den ich da im Glas habe. Die Weinfässer geben genug Tönung ab, um alle Ideen über Färbung eh ad absurdum zu führen. Leicht ölig schwenkt sich der Two-Fold, mit schnell ablaufenden, dicken Beinchen an der Glaswand. Während ich das tue, beginnt sich schon der Geruch ums Glas herum zu verströmen. Honig rieche ich da, Ahornsirup, Vanille, wirklich leicht rotweinige Traubennoten, insgesamt etwas an Bourbon erinnernd. Orange, vielleicht Mandarine. Süßlich, karamellig. Ein gewisses Zwicken in der Nase ist jedoch auch präsent.

Auch süßkaramellig ist der Antrunk, wie ein Sahnebonbon beginnt der Australier. Da sind gewisse Komponenten, die mich an einen Highland Scotch denken lassen, ein Anflug von dieser Medizinalität, die ich dort immer schmecke. Schnell wird das aber von weichen, milden Wein- und Fruchtnoten eingeholt. Im Verlauf ensteht langsam aber sicher Würze, die sich über Pfeffrigkeit zu echtem Feuer am Ende entwickelt. In diesem Zusammenhang: 40% Alkoholgehalt sind heute für Kennerprodukte einfach nicht mehr zeitgemäß, da würde ich gern sehen, wenn ordentlich was draufgelegt wird, obwohl die vorhandene Trinkstärke dem Whisky nicht wirklich schadet. Da geht es mehr ums Prinzip. Der Abgang schließlich hat blumige Jasminnoten, Vanille und dunkle Frucht hängen damit zusammen noch eine schöne Weile am Gaumen und hinterlassen insgesamt ein schönes Mundgefühl mit leichtem Kribbeln auf der Zungenspitze und Adstringenz am Gaumen.

Starward Two-Fold Australian Whisky Glas

Was ist das Fazit? Erstens, der Starward Two-Fold ist noch ein Beweis dafür, dass Reifungsalter eben nicht immer alles ist. Auch ein vergleichsweise junger Spund kann sehr viel Aromatik aufweisen, und genug Komplexität haben, um mich zu erfreuen. Dann finde ich, dass man die namensgebende Zweiteilung der Getreidesorten schmeckt – dieser Whisky beginnt wie ein Highland Scotch und endet wie ein Ire. Das allein ist für mich schon unterhaltsam genug, um eine klare Empfehlung aussprechen zu können, für Fans beider Kategorien, und sowieso für die, die gern experimentieren.

Der Highland Fling, den ich für diesen Whisky als Cocktailrezept ausgesucht habe, hat mir echt Schwierigkeiten gemacht. Kein Foto, das ich von ihm machte, hat mir am nächsten Tag noch gefallen. Also musste ich ihn an 4 Tagen jeden Abend neu mixen, fotografieren und dann trinken. Durch diese Prozedur ist er mir sehr ans Herz gewachsen, und zu einem meiner neuen Lieblingsdrinks geworden – ein abgewandelter Manhattan, würde ich sagen. Mit dem Two-Fold ein unaufdringlicher, stiller, aber extrem süffiger Drink. Den gibts bei mir in der Zusammenstellung nun noch öfter, bis die Flasche leer ist.

Highland Fling Cocktail


Highland Fling
2 oz Whisky
1 oz roter Wermut
1 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren. Mit grüner Olive servieren.

[Rezept nach unbekannt]


Die Flasche an sich ist unauffällig, das Etikett dagegen hat mich eine ganze Weile beschäftigt – man denkt zunächst, das ist eine Sternenkarte im Hintergrund (passend natürlich zum Namen „Starward“), doch es könnte auch eine Landkarte der Gegend um Melbourne sein, wo der Whisky herkommt. Es ist zu schwer zu erkennen und zu stilisiert, vielleicht findet sich jemand, der mich diesbezüglich aufklärt. Auf dem Rücketikett findet sich noch ein nettes Gimmick – ein Code, mit dem man seine Flasche registrieren kann. Leider ist der entsprechende Teil der Website des Herstellers noch nicht online, das Anmelden meiner Flasche wird daher nachgeholt.

Australien macht sich auf, auch den europäischen Markt mit seinen Spirituosen endgültig zu erreichen. Erhältlich in Deutschland sind inzwischen außergewöhnlich schöne Rumsorten von dort (ich werde bald ein paar davon besprechen), und, wie man sieht, auch Whisky. Nach diesen sehr positiven Erfahrungen freue ich mich auf hoffentlich bald auftauchende weitere Neuigkeiten von down under!

Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Whiskys.

Bier am Freitag – Heubacher Braukunst Una Cerveza

Ich bin nun schon lange weg aus dem Schwabenländle, aber habe natürlich immer noch enge Beziehungen zu meiner ursprünglichen Heimat. Gerne probiere ich Produkte aus der Region, wenn ich sie bekommen kann (wie beispielsweise Whisky von der Ostalb) – und gerade, was Bier angeht, ist da in der Zeit, in der ich länger abwesend war, offensichtlich viel passiert. So zum Beispiel das Heubacher Braukunst Una Cerveza, ein Bier, das als Bier Edition 007 ein bisschen Zeit zur Reifung im Tequila-Fass verbringen durfte, für den konservativen Schwaben etwas Höchstsuspektes!

Heubacher Braukunst Una Cerveza

Gemischtporiger Schaum entsteht beim Eingießen, der sichtbar beim Betrachten in sich zusammenfällt, da auch praktisch keine Perlage vorhanden ist. Das Bier selbst ist trüb und beinahe blickdicht, ohne milchig zu werden, dennoch sind feinste Partikel erkennbar – man sieht, dass das Bier unfiltriert ist. Zur Nase – für mich persönlich ist das Bier beinahe geruchsneutral. Leichte Fruchtnoten, leichte Hefigkeit, leichtes Malz, aber nichts davon im Vordergrund. Man muss schon etwas wohlwollend Schnuppern, um Aromen zu identifizieren – dann aber tatsächlich noch am ehesten Honig.

Im Mund sieht das dann anders aus. Der Honig ist vom Antrunk an extrem präsent, milde Frucht, die man in der Nase nur erahnte, erobert den Mundraum. Zusammen mit der feinen Cremigkeit liegt das Una Cerveza herrlich breit im Mund, ist dabei rezent und leicht, trotz der 6,4% Alkoholgehalt. Eine fette Süße entsteht im Verlauf, die natürlich und nie pappig wirkt. Ja, Kokos ist etwas da, tatsächlich, wie auf dem Rücketikett angegeben. Tequila? Eher nicht. Der Abgang ist mildbitter (dezente 28 „EBC“ steht als Bittereinheitenangabe auf dem Etikett, das wurde wohl mit „EBU/IBU“ verwechselt), zitronig, frisch, stark am Gaumen perlend, sehr trocken und kohlensäurehaltig – herrlich erfrischend und dabei sehr angenehm im Süße-Bittere-Verhältnis. Das Tequilafass suche ich bis zum Schluss vergeblich, man sollte allerdings vielleicht auch nicht zuviel erwarten, wenn Bier nur vergleichsweise kurz, hier 12 Wochen, in einem Fass reift; in diesem Zeitraum ist nicht unbedingt ein großer Aromenübersprung möglich, mehr ein Hauch.

Auch wenn das Tequilafass nicht wirklich viel bringt – insgesamt betrachtet ist das Una Cerveza ein wirklich ausgesprochen angenehmes, schön rundes und nahezu perfekt komponiertes Bier. Was für öfter, für meinen Geschmack.

Spiritus sanctus – Siglo Cero Pox

Alkoholische Getränke werden schon immer bei religiösen Zeremonien benutzt. Man muss nicht ins antike Griechenland (Libation mit ungemischtem Wein) oder ins shintoistische Japan (geweihter Sake) gehen, um das zu beobachten – der gute christliche Kirchgänger kennt die Transsubstantiation seit früher Kindheit, auch wenn man dann noch nicht vom Messwein kosten darf. Auch in Mexiko und den es bildenden präkolumbianischen Staatsgebilden war und ist Alkohol Teil vieler heiliger Akte. Ein Beispiel dafür ist Pox (ausgesprochen „Posch“), eine Spirituose gebrannt aus zu Piloncillo eingedampftem Zuckerrohrsaft, verschiedenen Maissorten und Weizen, das früher bei den Maya religiöse Funktion hatte. Im heutigen Chiapas, dem südlichsten Bundesstaat Mexikos, wird es noch heute bei Festivals und Zeremonien eingesetzt, ist allerdings auch ein beliebter Freizeitdrink geworden.

Ein Exemplar dieser Spirituosenkategorie hat es nun zu mir ins Glas geschafft: Der Siglo Cero Pox. Die Basiszutaten für diese Marke kommen alle aus kleinen Betrieben in Chiapas selbst, werden dort in Bio-Qualität für den Hersteller produziert. Nach 10 bis 18 Tagen der Fermentation in Holzbottichen durch wilde Hefen wird doppelt in Kupferbrennblasen mit Holzbefeuerung destilliert. Aber was rede ich, wenn man den Prozess in einem sehr atmosphärischen Video des Herstellers selbst anschauen kann.

Ich finde Details des kulturellen, geografischen und historischen Hintergrunds einer Spirituose immer extrem spannend, lasse mich aber dabei nicht beeinflussen, was die Geschmacksbeurteilung angeht. Denn wenn ein heiliges Wasser nicht schmeckt, muss man es auch nicht verkaufen, egal, wie heilig es ist. Im Gegenteil, dann lässt man es lieber für Zeremonien im Schrank und vermarktet es nicht. Schauen wir also mal unter sehr neutralen Gesichtspunkten an, ob der Siglo Cero Pox auch bei Atheisten und Rationalisten eine Chance hat.

Siglo Cero Pox

Der Mischbrand ist ungereift und hat entsprechend keine Farbe, keine Partikel oder andere Fehler sind sichtbar. Beim leichten Schwenken erkennt man eine gewisse Viskosität, die Flüssigkeit bewegt sich überraschend träge im Glas. Dreht man das Glas langsam, bleibt ein Film an der Wand, der sich langsam in dicke Beine aufteilt und dann abläuft. Ich weiß immer nicht, was mich erwartet, wenn ich die Nase an eine vollkommen neue Spirituosengattung halte. Hier mischen sich bekannte und unbekannte Eindrücke, da sind dunkle Beeren, Lavendel, reife Pfirsiche, Getreide, Gras, aber auch eine präsente Lacknote und Ethanolspitzen. Das zwickt etwas direkt nach dem Eingießen, mit etwas Offenstehzeit geht dies zurück, aber verschwindet nicht ganz. Tatsächlich fühle ich mich wie bei einer Mischung aus White Dog und Rum aus Madeira.

Im Mund kommt der Siglo Cero erstmal sehr weich, süß und bequem an. Ein sehr breites, volles Mundgefühl entsteht direkt, mit hauptsächlich diesen beerigen Aromen. Im Verlauf schleicht sich eine bitterschokoladige Würze ein, die sich immer weiter entwickelt, bis sie zur richtig pikanten, minzigen Schärfe wird und an der Zunge und Gaumen kitzelt; das ist nicht den 40,5% Alkoholgehalt (handschriftlich auf dem Etikett nachgetragen!) zuzuschreiben, sondern wahrscheinlich den Basiszutaten, die durchaus für solch ein kaltes Feuer in Spirituosen sorgen können. Getreidige Noten kommen dazu, verdrängen etwas die Frucht. Der Abgang schließlich ist eiskalt, pfeffrig, minzig, feinherb, den ganzen Geschmacksapparat ausfüllend, aromatisch lang und effektvoll.

Siglo Cero Pox Glas

Ich bin sehr angetan gerade von der Entwicklung, die der Siglo Cero im Mund macht – wie vom gesamten Brand an sich. Eine runde, spannende Sache, an der man sich lange abarbeiten kann, ohne dass es langweilig wird. Noch ein Beispiel dafür, dass nicht immer alles lange in einem Holzfass liegen muss, um komplex und rund zu sein.

Für seltene Spirituosen wie Pox ist die Auswahl an bereits vorhandenen Cocktailrezepten natürlich praktisch gleich null, da muss man improvisieren. Ich hatte diesen Pox da, ich hatte eine große Menge frisch handgepflückter Brombeeren da, und die beiden schrien lauthals nach Vermählung wegen der oben erwähnten beerigen Noten. Der Especial Day verlangt normalerweise nach un- oder nur leichtgereiftem Rum, doch ich glaube, der mexikanische Mischbrand ist hier ein mehr als würdiger Vertreter und gibt schöne, zusätzliche Würze und Komplexität in den Drink – und es zeigt, dass man für exotische Spirituosen nicht immer extremexotische Cocktailrezepte haben muss, sie funktionieren oft auch mit sehr europäischen Komponenten.

Especial Day Cocktail


Especial Day
5 Brombeeren im Shaker muddeln
2 oz Pox
½ oz süßer Wermut
¾ oz Crème de Mure
½ oz Ananassaft
3 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken. Doppelt abseihen.

[Rezept adaptiert nach Tonin Kacaj]


Es ist immer ein Zeichen, wenn Besucher beim Betrachten meiner Heimbar direkt zu speziellen Flaschen greifen – der Siglo Cero ist so eine Flasche. Natürlich kennt kein Mensch diese Spirituose, aber die Aufmachung ist halt ein Blickfang, mit dem bunten Etikett mit indigenen geometrischen Formen und dem sehr attraktiven, in gleichen Farben gehaltenen Stoffstück am unteren Ende der Flasche. Die Schnur, die den Stopfen mit dem Flaschenhals verbindet, kommt natürlich noch dazu, so wirkt das ganze wie aus dem Regal einer kleinen Mezcaleria irgendwo im Nirgendwo.

Vielen wird es sicherlich sehr schwer fallen, rund 50€ für eine Flasche einer Spirituose auszugeben, die ungewöhnlich ist und für die man keine Vergleichswerte hat. Ich rede hier also wohl hauptsächlich mit den Lesern meines Blogs, die offen für Neues sind, die gerne mal etwas Verrücktes ausprobieren, die die kulturelle Komponente bei solchen Bränden zu schätzen wissen, und die vielleicht sogar kleine Hersteller unterstützen wollen, statt den üblichen Großkonzernverdächtigen das hartverdiente Geld in den Rachen zu werfen. Ich würde mich richtig glücklich schätzen, viele derartige Leser zu haben.

Offenlegung: Ich danke dem Importeur Dr. Sours, dem deutschen Vertrieb bei fifteenlions GmbH & Co KG sowie Tequila-Mezcal-Shop für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche des Siglo Cero Pox.

Bier am Freitag – Maisel & Friends Sour IPA

Bierstile sind heutzutage nicht mehr eindeutig abgrenzbar. Viele Brauer experimentieren mit Grenzgängern, die zwei Stile miteinander vermählen, um etwas Neues zu schaffen, das sich nicht mehr in die althergebrachten Stilmuster einpassen lässt. Das Maisel & Friends Sour IPA ist wohl so ein unangepasster Bursche. Sauerbier und IPA in einem Glas, das klingt jedenfalls spannend für mich, der ich beide Stile sehr liebe. Mit 6,6% Alkoholgehalt, auf Basis von Gersten- und Weizenmalz und mit Mosaic-Hopfen ist es eingebraut; ich hoffe, das Beste von beiden Welten zu finden.

Maisel & Friends Sour IPA

Bei Gegenlicht ist das Bier fast schon Eigelb-gelb, komplett trüb, und weist eher weniger Perlage auf, einzelne große Bläschen rutschen schnell nach oben. Schaum ist kurz da, dann aber direkt weg, aletypisch halt. Sommerlich fruchtig dringt es in die Nase, die üblichen hopfentropischen Früchte, mit allerdings schon einer Andeutung, dass das ganze etwas saurer werden könnte; ein milder Anflug von Milchsäure ist erkennbar.

Im Mund bleibt dann keine Frage mehr – das ist wirklich schön sauer. In die Richtung grüner Apfel, Buttermilch, Naturjoghurt, ein Anflug von mildem Weinessig. Sehr trocken dabei, und effektiv bitter. Die Hopfenfrucht kommt mit, die Stärke eines IPA auch. Der Abgang ist mittellang, mildfruchtig, etwas kratzig von der Säure, das mag ich aber bei solchen Bieren durchaus, es hilft bei der Rezenz- besonders apart finde ich die fast schon holzig-brotig-krautige Endnote, die im Rachen hängen bleibt.

Ein gelungenes, charaktervolles, ungewöhnliches Sauerbier mit IPA-Charakteristik. Das Crossover ist gelungen. In letzter Zeit haben mich die kreativen Maisel & Friends-Biere nicht übermäßig umgehauen, ich erwarte von ihnen immer das hohe Niveau, das ich sehr zu schätzen gelernt habe, was aber echt schwer ist, auf Dauer beständig durchzuhalten, darum bin ich oft etwas ungerecht. Das hier allerdings ist wieder mal ein echter Hauptgewinn.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche des Sour IPA.