Nichtmal kurz erhitzt – Sawanotsuru Honjozo Namazake

Die Auseinandersetzung mit japanischem Sake, die ich vor kurzem begann, soll nicht stehen bleiben. Da Sake immer noch ein recht neues Thema für mich ist, schreite ich einfach mal fort und probiere Basisqualitäten der verschiedenen Stile aus – und Stile gibt es genug, mich damit für ein paar Monate beschäftigt zu halten. Wir haben schon Honjozo, Junmai und Junmai Daiginjo in der Standardausführung probiert, jetzt kommt eine Sondervariante eines Honjozo dran. Ich verweise auf meinen oben verlinkten Artikel, in dem der geneigte Leser nochmal die Erinnerung an die spezifischen Fachbegriffe für Sake auffrischen kann.

Der Sawanotsuru Honjozo Namazake ist ein Honjozo, der komplett unpasteurisiert abgefüllt wird. Diese Produktionsvariante, im Namen durch den Bestandteil „Namazake“ (manchmal auch einfach „Nama“) gekennzeichnet ist, soll entsprechend auch demonstrieren, wie Pasteurisierung bei Sake eingesetzt wird. Der Standardsake wird zweifach pasteurisiert, einmal direkt nach der Pressung („joso“, wenn die Flüssigkeit von der Reismasse getrennt wird), und einmal vor Abfüllung in Flaschen. Eine erste Variante dieses Vorgehens, bezeichnet als Namachozo, ist nur einmal pasteurisiert (vor Abfüllung), und unser vorliegender Namazake eben gar nicht. Schmeckt man einen Unterschied? Die Profis aus meiner vorliegenden Sake-Literatur sagen, dass diese Art von Sake frischer, frecher wirken soll. Prüfen wir das mal nach.

Sawanotsuru Honjozo Namazake Sake

Klar und ohne Einschlüsse, eine minimale Tönung ist erkennbar, heller als Weißwein. In meinem Tasting-Glas bewegt sich dieser Sake langsam und schwer, und hinterlässt einen dicken, öligen Teppich am Glasrand, mit ineinander übergehenden Beinen.

In der Nase kommt initial ein leichter Hefegeruch vor, der aber schnell von einer überraschenden Fruchtigkeit überholt wird – ganz stark grüner Apfel, junge Birne, viel grüne Banane. Das riecht für mich schon wie Fruchtsaft, mit sehr zurückhaltenden Rieslingnoten.

Im Mund ist dies nachzuvollziehen – Apfel, Birne, Banane. Sehr süß im Antrunk, mit langsam einsetzender Säure, und einer vorsichtigen Trockenheit, die etwas zunimmt, ohne staubig zu werden. Der Sake wirkt voluminös und breit, fast schon fett, dabei aber frisch und leicht. 13,5% meint man gegen Ende zu erkennen, aber nicht störend.

Sawanotsuru Honjozo Namazake Sake Glas

Der Abgang ist warm, mild, aromatisch kurz, mit einem Gefühl und Geschmack von Hefe und halbtrockenem Weißwein. Der Nachhall hat schließlich Töne von Champignons und feuchter Erde.

Die ausgeprägte Fruchtigkeit des Sawanotsuru Honjozo Namazake lässt mich daran denken, ihn in Cocktails einzusetzen, für die ein Ginjo zu zart wäre. Mit Aprikosenlikör und Zitronensaft im Sumo in a Sidecar habe ich einen Cocktail entdeckt, der nahezu perfekt funktioniert, in dem alle Zutaten harmonisch zusammenspielen für ein tolles Endergebnis. Ein wirklich schöner Sommerdrink.

Sumo in a Sidecar Cocktail


Sumo in a Sidecar
2½ oz Honjozo Sake
1 oz Aprikosenlikör
½ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Buddakan]


Was gilt es zu beachten? Unpasteurisiert ist Sake deutlich kürzer haltbar und empfindlicher, und müsste eigentlich auch vom Zwischenhändler, von dem wir als Konsumenten die Flasche erwerben, gesondert behandelt werden. Leider scheitert das in vielen Fällen einfach am Unwissen der Händler, dass sie eine stärker verderbliche Ware anbieten als die anderen Flaschen, die sie im Sortiment haben – und so steht der Sake dann oft im ungekühlten Regal im vollen Sonnenlicht, das habe ich schon mehrfach gesehen. Letztlich ist das oft bei Spirituosen so, der Sake geht zwar nicht kaputt, aber er verändert sich deutlich. Ich bin noch nicht so weit in diesem Thema, um solche Unterschiede herauszuschmecken, und hoffe daher erstmal, dass die Flaschen, die ich für meine Tests heranziehe, halbwegs sorgsam behandelt wurden; schließlich habe ich sie in einem auf japanische Artikel spezialisierten Geschäft gekauft. Dennoch gilt weiterhin, dass man bei Sake auf Frische achten sollte, bei Namazake vielleicht noch mehr als bei pasteurisiertem Sake.

Flüssiger Bratapfel – Lecompte Calvados Pays d’Auge Age 12 Ans

Ende August war ich zum dritten Mal in Folge zu Spirits Selection by Concours Mondiale de Bruxelles als Spirituosenjuror eingeladen worden. Der Wettbewerb, der jedes Jahr in einem anderen Land stattfindet, war dieses Jahr in China zu Gast. Um die 35 Samples, aus allen möglichen Kategorien, gilt es jeden Tag zu verkosten und nach verschiedenen Kriterien zu bewerten. Besonders gefallen hat mir dieses Jahr der Flight mit Calvados XO – 7 Samples, beinahe alle auf einem sehr hohen Niveau, standen in dieser Blindverkostung vor mir auf dem Tisch – da wird die durchaus anstrengende Arbeit des Verkosters zum Vergnügen.

Spirits Selection 2019 Calvados XO Flight

Die Alterskategorie XO, die es auch für Cognacs und Armagnacs gibt, bedeutet im Gegensatz zu jenen, wo sich die Zahl der Jahre auf 10 geändert hat, immer noch „mindestens 6 Jahre gereift“. Nicht alle Produkte verwenden allerdings diese Alterskategorien – der Lecompte Calvados Pays d’Auge Age 12 Ans, den ich hier besprechen will, verlässt sich statt dessen auf eine absolute Altersangabe in Jahren. Wie in der EU rechtlich festgelegt, sagt diese Angabe bei einem Blend aus, dass der jüngste Anteil dieses Alter aufweisen muss.

Darüber hinaus gilt für Calvados aus der Region Pays d’Auge eine striktere AOC-Regelung als für andere Calvados-Gebiete – er wird mindestens 6 Wochen fermentiert, dann doppelt destilliert, und muss schließlich mindestens 2 Jahre gereift werden. Für den Lecompte Calvados hier hat man sich dazu entschlossen, nach der Reifung dem Apfelbrand noch etwas Zeit in Ex-Portweinfässern zu spendieren. Wie schlägt er sich im nahezu direkten Vergleich zu den Samples, die ich in China vor mir hatte?

Lecompte Calvados Pays d'Auge Age 12 Ans

Optisch ist er jedenfalls schonmal beeindruckend – dunkles Terracotta leuchtet im Glas, und der Calvados bewegt sich äußerst ölig, schwenkt sich schwer, hinterlässt dabei eine dicke Flüssigkeitsschicht am Glasrand, die nur träge abläuft.

Ich glaube, ich habe selten etwas im Verkostungsglas gehabt, was meine Nase so angesprochen und verzaubert hat. Dieser Calvados hat wunderbare Apfel- und Birnennoten, gleichzeitig aber auch dunkeltraubige Komponenten und einen Hauch Holzeinfluss. Viele Gewürze klingen mit, Zimt, Nelken, Kardamom.

Der Lecompte beginnt im Mund mit viel Apfel, wandelt sich im Verlauf zu etwas, was zwar noch Frucht enthält, aber mich an einen Armagnac erinnert – die lange Reifung lässt den Apfel etwas verschwimmen. Das Mundgefühl kann nicht so ganz mit der traumhaften Nase mithalten, es wirkt dagegen etwas schmal, doch diese Konzentration auf den Geruch haben viele Brandys an sich. 40% Alkoholgehalt sind erst am Ende erkennbar.

Lecompte Calvados Pays d'Auge Age 12 Ans Glas

Ein langer, würziger, mildbitterer, leicht scharfer, dabei aber auch blumiger Abgang mit Zimt, Bratapfel und Rosenblättern komplettiert ein durchweg positives Gesamtbild, rund, voll und ohne den Apfelcharakter durch die durchaus lange Reifung aufgegeben zu haben. Das Portweinfinish gibt einen netten, gelungenen Twist zur Aromatik dazu – gerade für Calvadosfreunde ist dies absolut einen Versuch wert. Für das klassische Trou Normand während des Essens ist er vielleicht zu mild, dafür nehme ich gerne was frischeres, frecheres, aber zum Dessert als Digestif – ein Traum.

Natürlich ist ein Brand wie dieser auch eine perfekte Cocktailzutat, die für viel Charakter in einem Drink sorgt – für mich persönlich taugt Calvados als Kategorie grundsätzlich deutlich mehr als andere Apfelbrände für diesen Zweck. Die Kombination mit zwei Wermutarten und etwas Cognac als Abrundung ergibt einen ultratrinkbaren, sehr aromatischen und dabei nicht zu starken Drink, ideal für den nun aufkommenden Herbst, wie der Name schon sagt – Fallen Leaves.

Fallen Leaves Cocktail


Fallen Leaves
1½ oz Calvados
1½ oz süßer Wermut
½ oz trockener Wermut
¼ oz Cognac
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Charles Schumann]


Eine weitere schöne Erinnerung verbinde ich mit Calvados – die Teilnahme am Cocktails & Dreams-Forentreffen 2018 in Berlin. Dort wurde neben dem Genuss vieler Liter anderer Spirituosen auch ein Calvados- bzw. Apfelbrandtasting von Tim und Ilja durchgeführt – unterschiedliche Produkte, für die die beiden sogar ein kleines Booklet angefertigt haben. Es war eine Freude, zum langsamen, gemütlichen Genuss des Lecompte Calvados Pays d’Auge Age 12 Ans darin wieder mal zu blättern.

Cocktails & Dreams Forentreffen 2018 Calvados Booklet

Offenlegung: Ich danke conalco.de für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Calvados.

Bourbon: Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig)

Der transatlantische Streit zwischen den Anhängern amerikanischer und schottischer Whiskys ist schon alt – und er geht meist von den europäischen Trinkern aus, die aus irgendeinem obskuren Grund denken, Scotch sei im Vergleich die viel hochwertige Spirituose, und Bourbon minderwertig und billig; analog zu der Trennung zwischen E- und U-Kultur. Nun, ich will mich hier nicht mit denen auseinandersetzen, die diese aus Unkenntnis und Ignoranz entstandene Wertung ernst meinen, das ist verlorene Liebesmüh. Wichtiger erscheint es mir, denen, die offen dafür sind, Unterschiede wertzuschätzen, mit Information zu versorgen. Allerdings bin ich Generalist, kein Spezialist, und daher muss auch ich mir meist erstmal das dafür nötige Wissen aneignen. Zum Beispiel über Bücher.

Nagelneu auf meinem Bücherstapel ist daher Bourbon: Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey von Thomas Domenig gelandet – eben erst im Selbstverlag erschienen. Tatsächlich habe ich diverse Bücher über Tequila, Rum, Sake und andere, über Bourbon dagegen ist mein Regal recht leer; um so erfreulicher, dass sich dieser Umstand nun ändert. Werfen wir einen Blick ins Buch.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey Cover

Die erste Hälfte besteht aus Informationen zu Geschichte, Herstellung und Randbedingungen von Bourbon, Tennessee Whisky, Blended Whiskey und weiteren Ausprägungen dieser amerikanischen Spirituosengattungen. War ich bezüglich der ersten beiden Beispiele noch vergleichsweise up-to-date, so fand ich die Erläuterungen bezüglich Blended Whiskey sehr augenöffnend; vor allem, weil dieser Begriff in den USA offensichtlich etwas sehr anderes bedeutet als in Schottland oder anderswo. Das ist etwas, was ich an einem Buch schätze, wenn es mir, obwohl ich mich schon einigermaßen im Thema auskenne, mir dennoch immer noch ein paar Details präsentiert, von denen ich nichts wusste. Für alle, die komplett blank sind, was Bourbon angeht, ist die Lektüre jedenfalls sicherlich sehr bildend und vollständig, was alle Themen rund um diese uramerikanische Spirituose betrifft.

Die zweite Hälfte erzählt dann Details zu verschiedenen Herstellern. Die Historie von bekannten und weniger bekannten Namen wie MGP, Brown-Forman, Beam Suntory und vielen weiteren werden mit kleinen Anekdoten und einer erfrischend skeptischen Haltung, was die oft blumig ausgeschmückten Geschichten der jeweiligen Firmenheiligen und Ursprungslegenden angeht, geschildert. Mir gefällt sehr, wie Domenig hier pointiert und mit Blick auf die tatsächlichen Gegebenheiten der Zeit durch das Dickicht des Marketinggeseiers sticht, anstatt es unreflektiert wiederzukäuen, was so manch anderer Autor in seinen Büchern tut. Einen Satz wie den auf Seite 274 findet man selten in Fachliteratur, die es sich nicht mit Herstellern verscherzen will: „manchmal muss man sich doch wundern, ob sie die historischen Begebenheiten nur nicht kennen oder aber ganz gezielt torpedieren“.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig) Detailseiten 3

Soviel zum Inhalt, an dem ich überhaupt nichts auszusetzen habe, außer dass ich bei einer Spirituose, die perfekt wie keine zweite für Cocktails geeignet ist und über mehr als ein Jahrhundert eine riesige Menge an herausragenden klassischen Rezepten angehäuft hat, es irgendwie seltsam finde, kaum ein Wort über die Mixologie zu verlieren – ich bin mir sicher, dass ein gar nicht so kleiner Teil des Erfolgs von amerikanischem Whiskey durchaus auch den vielen Whiskey Sours, Manhattans und Old Fashioneds zu verdanken ist, die in aller Welt getrunken werden.

Zum Stil – das Buch ist stark textlastig und vom etwas universitären Stil her eher an den Fachleser ausgerichtet als an den zufällig zugreifenden Spirituosenlaien. Es wirkt hin und wieder dozierend und liest sich dann wie eine Abschlussarbeit – bei einem Fachbuch lese ich persönlich ungern diese Art des prosaartigen erklärenden Stils. Manche Absätze, die aus vielen Aufzählungen, oft mit Zahlen verbunden, bestehen, wären darum vielleicht als simple Tabellen besser aufgehoben gewesen – wie insgesamt ein etwas aufgelockerterer Textgliederungsstil mit mehr Absätzen, Zwischenüberschriften, Hervorhebungen außer durch Kursivsetzung und Strukturgebern wie Diagrammen oder einfließenden Illustrationen den Lesefluss verbessern würde. Auch wäre im Teil über die Konzerne und Hersteller eine Baumstruktur der Marken sinnvoll gewesen.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig) Detailseiten 2

Manche Seiten überlese ich schnell, weil darin für den Spirituosenkenner recht selbstverständliche Dinge lang ausgebreitet werden – gerade da kommt dieses Gefühl der universitären Abhandlung stark hoch in mir, der selbst genug Paper geschrieben hat (und da wahrscheinlich in die selbe Falle getappt ist). Da das Buch insgesamt eher an dieser Zielgruppe ausgerichtet ist, würde eine Straffung diesbezüglich an der einen oder anderen Stelle das Leseerlebnis heben; und auch etwas Schwung in den zwar keineswegs trockenen, aber doch im Vergleich zu vielen angloamerikanischen Fachbüchern unknackigen Stil bringen (das ist aber ein grundsätzliches Problem praktisch aller deutschsprachigen Fachliteratur).

Mit den Augen gerne und lange hängen bleibe ich dagegen an den tollen und richtig gut gelungenen Infografiken, die im Buch verstreut sind und manchmal als Kapiteltrenner den Inhalt komprimiert darstellen – grafisch sehr reduziert im Stil, konzentriert auf die wichtige Information, ohne dabei verflachend zu wirken. Davon hätte ich gern noch mehr gesehen, diese Illustrationen werten das Buch direkt auf.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig) Detailseiten 1

Die Produktionsqualität schließlich steht außer Frage und ist für ein im Selbstverlag erschienenes Buch außerordentlich hochwertig und erfreulich – über 400 Seiten sich gut anfassendes, dickes Papier, eine hervorragende Fadenbindung, die sowohl fest zusammenhält als auch das Aufhalten des Buchs nicht anstrengend macht, ein fester Hardcover-Einband mit sehr farbenfroher und witziger Titelillustration passend zu den Infografiken, und schließlich ein Lesebändchen. Ein funktionierendes Lektorat sorgt für einen von Rechtschreibfehlern praktisch ungestörten Lesefluss. Das Ganze spiegelt sich im Preis von 45€ wieder, doch neben dem Inhalt bietet das Werk dafür eben auch viel Haptisches und wirkt dem Preis durchaus angemessen, ohne sich inhaltlich auf Coffee-Table-Book-Niveau herabzubegeben. Für mich wird Bourbon: Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey inbesondere in Bezug auf die Verflechtungen der Hersteller, Distiller und Konzerne ein wertvolles Nachschlagewerk für die Zukunft sein.

Offenlegung: Ich danke Thomas Domenig für die Zusendung eines Rezensionsexemplars seines Buchs.

Süße Namensprobleme – Sensèa Grappa di Prosecco

Nein, es handelt sich hier nicht um einen Grappa, der aus italienischem Schaumwein gemacht wird. Der Sensèa Grappa di Prosecco wird wahrscheinlich den einen oder anderen mit seinem Namen dennoch dahingehend verwirren. Man sieht daran aber schön, wie sich alte Gewohnheiten durch neue gesetzliche Regelungen ändern. Seit 2010 gibt es eine geschützte geographische Herkunftsbezeichnung „Prosecco“, die genau jenen Schaumwein aus Norditalien schützen soll – und der bis dahin verwendete Name einer Rebsorte gleichen Namens musste dann eben weichen, um Verwechslungen vorzubeugen. Die Traube heißt seitdem „Glera“, und entsprechend müsste dieser Grappa hier nun eigentlich Sensèa Grappa di Glera heißen. Inwieweit die Änderungen im Weinschutzrecht derartige abgeleitete Produkte wie Grappa treffen, ist mir unbekannt – obwohl ich inzwischen richtig viele Gesetzestexte bezüglich Spirituosen gelesen habe, sind sie mir in ihrer seltsamen, oft sehr offenen Formulierungen immer noch großteils ein Rätsel geblieben.

Da es sich bei diesem Grappa aus dem Hause Candolini wohl um einen der meistverkauften Italiens handelt, wird es wohl alles seine Richtigkeit haben. Oder aber der alte Satz „wo kein Kläger, da kein Richter“, der viele schummrige Geschäftspraktiken gerade bei Spirituosen am Leben erhält, gilt auch hier. Nun, es ist nur ein Detail im Namen. Schauen wir uns den Grappa selbst doch auch etwas genauer an.

Sensèa Grappa di Prosecco

Die Farbe ist klar, ohne Fehler, das sieht man schon von außen in der sehr zeigefreudigen Flasche, die praktisch ohne Verhüllung mit ihren wohlgeformten Rundungen da steht. Im Glas bewegt sich der Grappa schwer und ölig. Die Nase ist herbal und kräuterig, mit Noten nach Malz, Honigmelone und feuchtem Karton. Süß und durchaus typisch.

Im Mund verstärkt sich ein Eindruck weiter: Sehr, sehr süß, mir kommt das gesüßt vor – Süßung ist allerdings bei unterjährig gereiftem Grappa nicht erlaubt, und dieser hier ruhte nur 6 Monate in Holzfässern, daher ist die Süße wohl natürlich, dennoch gefällt sie mir nicht in ihrer Intensität. Bis zum Ende hält sich diese leicht klebrige Süße, die alles dominiert. Kräuterige und grünholzige Geschmäcker ergänzen das nur. Das cremig-weiche Mundgefühl wird gegen Ende durch etwas Alkoholfeuer ergänzt – 40% Alkoholgehalt sind eher mäßig eingebunden. Der Abgang ist klebrig, mittellang, leicht floral – das könnte der Einfluss der Glera-Traube sein – und fast schon fruchtkaugummig. Hier zeigt der Sensèa Grappa di Prosecco etwas Zähne, mit starkem, aber etwas belanglosem Kribbeln auf der Zunge.

Sensèa Grappa di Prosecco Glas

Persönlich ist mir dieser Grappa viel zu süß, er wirkt pappig und lässt kaum Aromen zu, die darüber hinaus gehen. Dadurch ist er oberflächlich und zwar voluminös im Mund, dafür aber hat er keine Komplexität und auch keine Tiefe. Ich würde ihn eher als Likör denn als echten Grappa sehen, und ihn auch entsprechend einsetzen.

Während die deutliche Süße für mich persönlich ein gewisses Hindernis im Purgenuss darstellt, macht gerade sie den Sensèa Grappa di Prosecco interessant als ungewohnte Cocktailzutat. Im Antonella jedenfalls macht er sich sehr gut – zusammen mit seinen anderen rein italienischen Zutaten. Ich habe den Limoncello des Originalrezepts ausgetauscht gegen Arancello, einfach weil ich den einen da hatte und den anderen nicht. Selbst eine Hausbar wie meine ist halt begrenzt.

Antonella


Antonella
1½ oz Grappa
1 oz Arancello
¾ oz Amaretto
¾ oz Galliano l’Autentico
Auf Eis shaken.
Mit Orangenschale dekorieren.
[Rezept adaptiert nach Gianni Albanese]


Auf meiner persönlichen Liste der alkoholischen Lieblingsgetränke steht Grappa eigentlich recht weit oben, ich habe mich mit dem Tresterbrand sehr angefreundet. Allerdings zeigen mir Produkte wie der Sensèa Grappa di Prosecco dann doch immer wieder, dass man Kategorien einfach nicht über einen Kamm scheren sollte, denn die Unterschiede innerhalb einer Spirituosenkategorie können wirklich richtig groß sein. Ich für meinen Teil bevorzuge trockenere, herbere Grappe – was aber nicht heißen darf, dass die süßeren Produkte unbedingt schlechter sind.

Wasser marsch! G4 Tequila Reposado, Añejo und Extra Añejo

Die Diskussionen über Spirituosenherstellung, die ich so über allerlei Kanäle verfolge, drehten sich früher fast ausschließlich um Fassreifung und Destillationsmethoden. Erst deutlich später rückte die Fermentation, die eigentlich das Zentrum und der Ursprung fast aller späteren Aromatik ist, in den Fokus der Aufmerksamkeit. Es ist erstaunlich, wie sich das so im Laufe der Zeit verschiebt, es zeigt, wie komplex selbst ein einfacher Schnaps sein kann, was die technische Seite der Herstellung angeht.

Ein Punkt, der hin und wieder zu Marketingzwecken erwähnt wird, ist das eingesetzte Wasser („klar und rein aus der hauseigenen Quelle“), ein von den Diskutanten meist höchst vernachlässigter Grundbestandteil aller Spirituosen – selbst in den trockenfermentierten und -destillierten Spirituosen wie Baijiu wird später Wasser eingesetzt, um zu verdünnen. Dahingehend finden wir es überall wieder, und ein kluger Brenner wird diesen Faktor nicht unberücksichtigt lassen. Manchmal spielt man sogar damit, wie bei den Tequilas aus dem Hause Camarena. Der hier vorgestellte G4 Tequila wird dabei „destilliert mit 50% gesammeltem Regenwasser und 50% natürlichem Quellwasser“, und das soll am Ende einen Unterschied zu den anderen Marken aus der Destillerie El Pandillo (NOM 1579) ausmachen (Terralta und Pasote), die mit anderen Anteilen der Wasserarten hergestellt werden. Schauen wir uns mal drei Ausprägungen des G4 an, namentlich den G4 Tequila Reposado, Añejo und Extra Añejo.

G4 Tequila Reposado, Añejo, Extra Añejo

Ich fange bei dieser Reihe direkt mit dem G4 Reposado an – denn vom G4 Tequila Blanco habe ich eine große Flasche schon vor einiger Zeit erworben, für die ein separater Artikel veröffentlicht werden wird. Dieser Reposado wird „mindestens“ 6 Monate gereift (und per Kategorie automatisch weniger als 12), dafür werden gebrauchte Bourbon-Fässer von Jim Beam und Jack Daniel’s verwendet – einen leichten strohigen Schimmer geben sie an das Destillat ab. Erkennbar viskos schwenkt sich der Tequila, die Beine laufen einigermaßen schnell aus einem ausgefransten Saum ab. Riecht man am Glas, findet man alles, was einen leichtgereiften Tequila ausmacht – da ist noch viel der Agavenfrucht, etwas Zimt, Lavendel und Anis; der vegetale Charakter des Basisdestillats bleibt erkennbar, wird ergänzt um vorsichtige Holznoten von gerösteter Mandel und Kokosnuss. Im Mund springt zunächst eine freche und unerwartete Säure nach vorn, die im Verlauf abebbt, aber bis zum Abgang erkennbar bleibt. Der Geschmack ist sehr kräuterig, mit wirklich definiertem Agavenfleisch, allerlei Grünzeugs und Dill. Ein leicht buttriges Mundgefühl spielt mit der auftauchenden, herben Trockenheit. Sehr würzig und mildscharf, da finde ich viel Salz und schwarzen Pfeffer, der aus der Aromatik entsteht und nicht aus den für Tequila sehr üblichen 40% Alkoholgehalt. Im mittellangen Abgang finden sich dann zusätzlich zu all dem noch etwas Karamell und Vanille – bis zum langen, nun wieder sehr grünen, vegetalen Gewächshausnachhall mit einem blumigen Charakter.

G4 Tequila Reposado

Ein toller Ausbau eines eh schon großartigen Tequilas, an dem man erkennen kann, dass eine Reifung auch bei Tequila, gut gemacht, vorsichtig angegangen, mit einem soliden Basisdestillat, feine Nuancen mit ins Produkt bringen kann.

Für die nächsthöhere Reifungsstufe, den G4 Añejo, werden dieselben Fässer, die ich oben schon beim Reposado erwähnt hatte, eingesetzt. Mindestens 18 Monate (auch hier gilt, dass die Obergrenze durch die nächsthöhere Kategorie gesetzt wird, das heißt 3 Jahre) wird dieser Tequila in jenen Fässern gelagert – für viele Spirituosen ein lächerlich kurzer Zeitraum, für Tequila durchaus schon so lange, dass man beginnen muss, aufzupassen, nicht die Art von Holzigkeit ins Destillat zu kriegen, die Bourbonhersteller erst ab 12 Jahren, Scotchproduzenten erst ab circa 25 Jahren und Brandydestillateure vielleicht ab 50 Jahren leise fürchten.

G4 Tequila Añejo

Die Nase des G4 Añejo ist erkennbar stumpfer, seifiger, weicher, ohne aber komplett die helle Charakteristik eines Tequila abzugeben. Orange, Birne, Banane, roter Apfel – im Vergleich zum Reposado nimmt die Fruchtigkeit doch deutlich zu, und eine rosige Blumigkeit ist neu. Im Mund ist das ganze noch deutlicher spürbar: sehr viel schwerer, voller, tiefer im Register ist der Añejo im Vergleich zum Reposado. Noch mehr Butter, Karamell, schon fast Toffee sind nun die beherrschenden Noten, die der immer noch vorhandenen Agavenfrucht schon erkennbar den ersten Platz in der Aromatik streitig machen wollen. Reife Früchte wie Pfirsich tauchen auf, geblieben ist dafür die Pfeffrigkeit und Würze, und die starke Salzigkeit. Derselbe Alkoholgehalt von 40% fällt hier noch weniger auf als beim jüngeren Bruder. Im Abgang wird das ganze von der Süße übernommen, das Fass dominiert hier nun recht deutlich, die Rosenkomponente hallt lange nach, wenn der G4 Añejo schon lange aus dem Mund verschwunden ist. Das ist sehr schwer im Vergleich zu der etwas jüngeren Reifungsstufe, und ist ein Beweis für die angesprochene Vorsicht, die man als Hersteller diesbezüglich walten zu lassen hat.

Die höchste (und historisch paradoxerweise neueste) Ausbaustufe ist schließlich der G4 Extra Añejo. Mindestens 3 Jahre Reifungsdauer ist die Voraussetzungen, diese Bezeichnung erhalten zu dürfen. Erneut weise ich darauf hin, dass ich nicht viel davon halte, Tequila lang zu reifen – den blumig-fruchtigen Charakter, der Tequila ausmacht, überdeckt man meist einfach nur mit generischen Fassholznoten, die man überall findet. Man raubt diesem edlen Produkt durch lange Reifung oft mehr, als man ihm gibt.

G4 Tequila Extra Añejo

Farblich jedenfalls lohnt es sich nicht, die zusätzliche Zeit zu investieren: man muss ein genaues Auge haben, um die leicht gelblichere Nuance im Ton erkennen zu können. Auch vom Verhalten im Glas ist praktisch kein Unterschied vorhanden, alles, was ich zum optischen Eindruck des Añejo sagte, gilt entsprechend auch für den Extra Añejo. In der Nase unterscheiden sich die beiden dann aber schon – der Extra Añejo wirkt sehr harzig, erinnert mich fast schon an Mastiha. Die Fruchtigkeit des Añejo wurde durch die längere Lagerung fast vollständig durch holzige Noten ersetzt, und insgesamt an Komplexität reduziert. Auch im Mund geht für mich das so weiter – Anflüge von Vanille, deutlich Zimt, aber irgendwie weniger Körper und weniger Breite. Die Süße ist zurückgenommen, eine stärkere Trockenheit nimmt überhand. Die Agavenfrucht erkennt man erst im späten Verlauf, und selbst da nur kurz. Der Extra Añejo wirkt irgendwie schließlich schal im Mundgefühl, und die auch hier vorhandenen 40% wirken sehr viel unrunder eingebunden als bei den jüngeren Geschwistern. Deutlich mehr Feuer, Chili und weißer Pfeffer, alles geht bis in den sehr prickelnden und heißen Abgang über, der aromatisch sehr kurz ist. Im Nachhall tauchen ganz spät schließlich doch noch die floralen Agavearomen auf, wegen denen ich Tequila trinke – zu spät. Denn persönlich gesprochen haben wir hier, für meinen Geschmack, die Obergrenze dessen erreicht (und, um wirklich ganz ehrlich zu sein, bereits überschritten), was man Tequila zumuten kann; selbst ein so gutes Basisdestillat wie das des G4 wird einfach erschlagen durch die lange Reifung, da ist für mich nur noch trockenes Holz und scharfer Pfeffer. Das mag für den einen oder anderen ansprechend sein, doch der Wunsch nach Reifungsaromen und dem oberflächlichen Korrelieren von Alter mit Qualität vieler Konsumenten führt hier und bei anderen langgereiften Tequilas einfach zum Verlust des Charakters. Quod erat demonstrandum.

In Cocktails setze ich eigentlich fast ausschließlich Blancos und Reposados ein, wenn nach Tequila gerufen wird – die älteren Tequilas machen aus oben genannten Gründen nicht mehr so viel her in Mixed Drinks. Will man etwas Knackiges, Fruchtiges, nimmt man einen Blanco, sucht man nach etwas gemilderten, weicheren Agavenaromen, nimmt man einen Reposado – so wie hier im Elixirita. Ein wahnsinnig toller Drink, mit Erinnerungen an den modernen Klassiker Tommy’s Margarita, noch weiter gerundet durch den Einsatz eines Schusses Cognac.

Elixirita Cocktail


Elixirita
2 oz Tequila Reposado
1 oz Limettensaft
½ oz Agavensirup
¼ oz Cognac
Auf Eis shaken.
[Rezept nach H. Joseph Ehrmann]


Es geht einem ja oft so, dass man denkt, man kennt eine Spirituosenkategorie einigermaßen, und trifft dann auf eine Marke, die für den Gaumen einen derartigen Quantensprung vollzieht, dass man nicht glauben konnte, je etwas anderes richtig gut gefunden zu haben. Für jemand, der vorher noch keinen dieser modernen und gleichzeitig sehr traditionellen superhochwertigen Tequilas kannte, kann der G4 genau so ein Quantensprung sein. Und auch für mich, der sich schon mit dem einen oder anderen Traumtequila auseinandergesetzt hat, ist der G4 einer derer, die einen Großteil der restlichen Tequilaproduktion weit in den Schatten stellt. Für mich ist der G4 Blanco einer der besten Tequilas, die ich je im Glas hatte, und die gereiften G4s sind in ihrer jeweiligen Kategorie ähnlich herausragend (ich nehme den Extra Añejo einfach mal aus, mir missfällt die gesamte Altersgruppe grundsätzlich). Ich empfehle allerdringendst jedem, diese Agavenbrände auszuprobieren.

Offenlegung: Ich danke fifteenlions für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples des G4 Tequila.

Kurz und bündig – Velier Royal Navy Very Old Rum

Velier ist ein Vorreiter, was Transparenz bei Rum angeht. Das Etikett des Velier Royal Navy Very Old Rum ist dafür ein Beispiel. Darauf findet man alles in klarer Sprache, was den echten Rumfreund interessiert. Die einzelnen Blendbestandteile werden aufgelistet (Trinidad, Caroni, 20 Jahre Tropenreifung; Guyana, Demerara, 15 Jahre Kontinentalreifung; Jamaica, Pure Single Rums, mehr als 12 Jahre Tropenreifung). Das gewichtete Alter, in diesem Fall also 17,42 Jahre. Zu guter letzt noch Ort des Blending und der Abfüllung – Schottland. Es ist so angenehm, so ein Etikett zu lesen, auf dem nicht mit Marketingluftschlössern und den abgeschmackten Piraten und anderen Fantasiepersonen geschwurbelt wird, sondern handfeste Informationen geliefert werden. Doch was ist mit dem Rum selbst?

Velier Royal Navy Very Old Rum

Dunkles, kräftiges Terracotta, mit orangefarbenen Anklängen. Ungefärbt ist er laut Deklaration, das gefällt mir als Zusatzverweigerer jeder Art. Im Glas scheint der Velier Royal Navy Very Old Rum leicht, bewegt sich ohne Mühe oder Schwere. Dabei entstehen äußerst viele, sehr eng aneinanderliegende, langsam ablaufende Beine. Beim langsamen Schwenken verbreitet sich auch der Geruch über das Glas hinaus. Sehr prägnant, mit vielen teerigen, schmutzigen Noten, darunter schwere Frucht aus Banane, überreifer Ananas und ebensolchem Pfirsich, Rosinen. Etwas Portwein, vielleicht Amarone. Darunter wiederum Malz, Melasse und richtig viel Vanille. Für mich persönlich archetypisch Rum – ein Wunschduft für einen Lufterfrischer. Ein leichtes Beissen in der Nase warnt davor, die Nase zu tief ins Glas zu halten.

Sehr trocken im Antrunk, sehr schokoladig, dunkelmarzpanig, bitterorangenfruchtig. Trotz der Trockenheit dominiert eine natürliche Süße, die allerdings nicht den feurig-wilden Charakter übertönt. Milde Ester, einiges an Fusel, viel Hefe, manch einer wird sich daran stören; doch das ist Rum, nicht die breitgeklatschte, zermantschte Solera-Eintagsfliege auf der Muggeplätsch, sondern die stolze Hornisse, die sich wehrt. Da gibt es viel zu entdecken, der Blend aus Jamaica, Guyana und Trinidad ist deutlich in all seinen Komponenten erkenn- und erforschbar. Diese Komplexität geht aber keineswegs zu Lasten der Trinkbarkeit, selbst die hohe Alkoholstärke von 57,18% (Navy Strength eben) ist zwar deutlich spürbar, aber klasse eingebunden. Der Abgang ist glühend heiß, lang, effektvoll. Fuselnoten hängen lange nach. Die Wärme klingt dafür umso langsamer ab. Es bleibt eine schwere Süße am Gaumen.

Ein wirklich höchstattraktiver Rum für Leute, die echten Rumgeschmack mögen. Hier findet sich ein wirklicher Querschnitt durch die britischen Rumkolonien, mit allem, was ihn auszeichnet, und ihn für mich zum quintessenziellen Rumgeschmack macht. Natürliche Süße, natürliches Feuer, natürliche Aromatik – ein Rumfeuerwerk, wie ich es liebe. Der Preis des Velier Royal Navy Very Old Rum ist letztlich das einzige, was mich abhält, diesen Rum bedingungslos jedem zu empfehlen – wer es sich aber leisten kann, sollte sich eine Flasche davon in die Hausbar holen. Denn eines ist klar: Wert ist er es.

Veganer Pechuga – Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca

Aromatisierte Spirituosen finden sich zuhauf in den Regalen der Spirituosenhändler – jede Gattung hat ihre eigene Art, mit dem Wunsch nach Abwechslung umzugehen. Scotch aromatisiert über Fassfinishes mit Sherry- und Portgeschmäckern (ja, für mich ist das Aromatisierung), manche Hersteller fügen ihrem Bourbon mehr oder weniger natürliche Honig- und Zimtaromen hinzu, und bei Rum gibt es mit Spiced Rum sogar eine eigene Kategorie für kaum mehr als Rum zu erkennende Produkte – bis zum völlig grenzenlos aromatisierten Vodka, den es in praktisch jeder Geschmacksrichtung gibt, die den Käufer ansprechen mag.

Auch bei Mezcal gibt es eine Kategorie, die sich mit zugegebenermaßen hin und wieder gewöhnungsbedürftigen Aromengebern schmückt. Pechuga ist in der bekanntesten Variante mit diversen Früchten, Gewürzen und Hühnerbrust aromatisiert – nicht mazeriert oder zum Endprodukt hinzugegeben, wie das bei den anderen oben erwähnten Beispielen geschieht, sondern vor einem weiteren, zusätzlichen Destillationsschritt, so dass nur nuancierte Feinheiten später in der Flasche landen, nicht überwältigende, das Destillat maskierende Aromen. Der Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca ist nun aber kein klassischer Pechuga, denn es wird hier in ein Destillat aus Espadín-Agaven statt der namensgebenden Hühnerbrust ein veganer Mix aus Mango und Habanero-Chilis gegeben.

Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca

Da die Mango und die Chilis erst vor der letzten Destillation zugefügt werden, kommt natürlich nichts des eventuell dadurch entstandenen Farbstoffs oder von Partikeln ins Endprodukt – entsprechend sehen wir einen glasklaren, ungetrübten und einschlussfreien, klaren Brand vor uns, der sich leicht schwer im Glas beim Schwenken bewegt.

In der Nase merkt man zunächst erstmal auch noch nichts von der Aromatisierung – da riecht man einen klassischen, leicht rauchigen, sehr würzigen Mezcal. Hm, ich revidiere – etwas Tropenfrucht ist vielleicht doch da, die gut zusammen mit der deutlichen Agavenfrucht spielt. Und leicht zwicken tut es auch, sind das die Habaneros? Beeren sind da, Birne vielleicht, ja, ein Anflug eines Williams-Christ-Birnenlikör. Ein sehr komplexes Geruchsbild, auf jeden Fall, und hochattraktiv dazu.

Im Mund überrascht der Mezcalosfera völlig: diese ungewohnte Mischung aus klassischen Mezcalgeschmäckern mit etwas Blumigen und Würzigen ist verrückt. Sehr trocken, extrem würzig, sehr breit und tief ist das in keinster Form etwas, wie wir uns landläufig aromatisierte Spirituosen vorstellen: vordergründige Honig- oder Zimtaromen machen normalerweise alles platt, was sonst da ist. Hier ist das nicht so, im Gegenteil. Die Mango ist allerhöchstens zu erahnen, die Habanero-Chilis ebenso, und doch sind sie im Gesamtbild irgendwie da, ohne dass man sie wirklich greifen könnte. Recht salzig, sehr umami, rauchig und vegetal wirkt das, mit Anflügen von Zitrus und Speck gleichzeitig. Sauer, wild und frech, dabei mit genug süßem Körper, um dagegen halten zu können und das Bild nicht kippen zu lassen. 46,6% sind gut gewählt und sorgen für zusätzliche Kraft.

Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca Glas

Der Abgang ist sehr lang und floral, supertrocken, etwas fleischig und rauchig, ohne dabei übermäßig zu überwältigen. Um es erneut zu betonen – das ganze wirkt nie aromatisiert oder künstlich. Die zusätzlichen Zutaten sorgen nur für weitere Tiefe und ein paar besondere Aspekte. Richtig gut gemacht und voller Charakter, selbst nach einigen Minuten hat man noch Aromen im Mund.

Diese Spirituosenkategorie ist normalerweise keine, die man üblich in Cocktails kombiniert, weil sie irgendwie schon etwas Rezeptiertes, Zusammengestelltes hat, und man die nur feinen Nuancen des besonderen Herstellungsprozesses damit nicht genug würdigt. Dennoch kann ich nicht widerstehen – diese leichte Erinnerung an Birnenlikör, die ich im Mezcalofera entdeckt hatte, ließ mich nach einem Cocktailrezept suchen, in dem Mezcal mit Birne kombiniert wird, um das ganze noch etwas zu definieren. Im Suzette au Bal ist der Mezcal nicht der Hauptdarsteller, dennoch sorgt er durch seine Eigenheit für ein tieferes Gesamterlebnis.

Suzette au Bal Cocktail


Suzette au Bal
1 oz Suze
½ oz Williams-Christ-Likör
½ oz Mezcal
⅔ oz Zitronensaft
⅓ oz Zuckersirup
1 Spritzer Miraculous Foamer
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Alexandre Girard]


Ich bin ein Etikettenfreund. Ich lese gern Details auf Etiketten nach – und werde oft mit Marketingmüll allerlei Couleur belästigt, lese dann von legendären Familienmitgliedern, fantastischen Produktionsorten, geheimnisvollen Herstellungsweisen und Rezepturen, oder von der (für mich persönlich nicht wirklich nachvollziehbaren) Begeisterung, mit der ein Büroarbeiter sich einen obskuren Landesheiligen ausgesucht hat, der ungefragter und unfreiwilliger Namenspate für das neue Produkt sein darf. Gähn. Hier dagegen – eine Tabelle mit Details. Echten, harten Fakten. Agavenart, Höhenmeter, Ofenart, Dauer und Art der Fermentation, verwendetes Wasser, Zeitpunkt und Menge der Destillation. Und mehr. Das ist ein Traum – wenn ich wählen dürfte, alle Spirtuosenetiketten sollten genau so gearbeitet sein wie dieses. Transparenz pur, und mit nur 250 hergestellten Litern auch noch echtes traditionelles Handwerk. Da schmeckt mir der Schnaps gleich dreimal so gut: Bei mir trinkt der Kopf mit.

Offenlegung: Ich danke fifteenlions für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines Samples dieses Mezcals.

Sex sells (solange er hetero ist) – Bulleit and Beer Limited Edition

Seit 25 Jahren ist Homosexualität in Deutschland straffrei; 1994 wurde §175 vollständig abgeschafft. Wir als Gesellschaft sind dennoch noch richtig weit davon entfernt, die vielen Formen von sexueller Identität, die es gibt, als naturgegeben zu akzeptieren. Kaum etwas ist mehr durchdrungen von Angst, Unwissen, einfach nur Dummheit und Doppelmoral. Selbst hochrangige Politikerinnen reißen unter lautem Gelächter ihre platten Stammtischwitze über Transgender, oder sind lesbisch und polemisieren dann, wenn es dem Wählerwillen passt, gegen die Ehe für Alle. Gleichzeitig werden in Deutschland jedes Jahr knapp über 300 Vergehen angezeigt, die aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung geschehen und darum als Hassverbrechen eingestuft werden – das klingt erstmal nach nicht viel, doch die Dunkelziffer ist dabei extrem hoch, um die 90%. Die Täter können aufgrund vieler Aspekte damit rechnen, ungestraft durchzukommen. Und das in einem fortschrittlichen, offenen Land wie Deutschland – über andere Länder, in denen sogar erst vor kurzem die Todesstrafe für Homosexualität eingeführt wurde, sollten wir vielleicht lieber gar nicht erst nachdenken.

Wir als Konsumenten von Spirituosen machen uns selten Gedanken über das Umfeld, in dem ein Produkt entsteht. Ich bin zugegebenermaßen zufrieden, wie sich die Diskussion um Zusatzstoffe in Spirituosen, Produktionsbedingungen und Nachhaltigkeit in den letzten Jahren zumindest unter den fortgeschrittenen Spirituosenfreunden entwickelt hat – und auch viel mehr interessierte Käufer achten auf derartige Aspekte bei ihren Entscheidungen. Für mich persönlich ist der Kauf der Bulleit and Beer Limited Edition auch etwas, über das man vorher nachdenken sollte. Nicht wegen den Produkten an sich, die sind schon in Ordnung, doch ist Firmengründer Tom Bulleit homophob, und zwar so weit, dass er seine eigene Tochter aus der Familie und (nach eigenen Aussagen, denen vom Mutterkonzern Diageo allerdings widersprochen wird) auch aus der Firma gedrängt hat, weil sie lesbisch ist – ihre Partnerin wird bei Familienfeiern ignoriert, ihre Arbeit im Nachhinein schlecht geredet, und diverse andere still diskriminierende Aktionen durchgeführt, die Hollis B. Worth das Leben schwer machen. Leider habe ich die bedrückende Geschichte hinter diesem Whiskey erst nach dem Kauf des hier vorgestellten Sets erfahren, sonst hätte ich davon Abstand genommen. Man lese die Besprechung hier also definitiv nicht als Werbung, sondern im Gegenteil als Hinweis dahingehend, dass man bei Bulleit nicht nur einen Schnaps kauft, sondern auch einen homophoben Geschäftsführer im Amt hält. Jeder sollte seine eigenen Schlüsse ziehen, und da Worth selbst nicht zum Boykott aufruft, will ich das auch nicht tun – die Geschichte ist es aber wert, zumindest zum Nachdenken aufzurufen. Nun aber zum Produkt selbst.

Bulleit Bourbon and Beer Tragerl

Im Tragerl, das speziell für dieses Set designt ist, ist eine breite Aussparung für die Bourbon-Flasche und vier Plätze für die Bierflaschen. Es handelt sich beim Bier durchweg um kleine deutsche Craft-Hersteller, die dem Bierfreund allesamt schon mehr oder weniger gut bekannt sein sollten – BRLO, Landgang, Überquell und Superfreunde.

Das Set, das es für rund 40€ zu kaufen gibt, enthält eine Flasche der limitierten Bulleit Bourbon Tattoo Edition. Außer dem Flaschendesign besteht kein Unterschied zum normalen Bulleit Bourbon. Es wird auch nichts über den Umfang der Limitierung ausgesagt, ich gehe davon aus, dass wir hier eher über viele Tausende Flaschen und eine zeitliche Limitierung reden als über eine echte Flaschenzahlbegrenzung. Die „Tattoos“ auf meiner Flasche wurden von Jess Mascetti, einer Tätowiererin aus New York, gestaltet – man muss genau hinschauen, um gegen den dunklen Bourbon Details zu erkennen, dazu sind die Vorder- und Rücketiketten darüber geklebt, was einen Großteil überdeckt; das wirkt etwas undurchdacht, wertet die Flasche aber trotzdem durchaus auf.

Bulleit Bourbon Tattoo Edition

Zum Bourbon an sich gibt es für mich aus gegebenem Anlass also nicht viel mehr zu sagen als das, was ich bereits in meiner frühen Rezension beschrieb, einer der ersten auf meinem Blog (man ist selbst immer wieder erstaunt, wie man sich sowohl als Schreiber als auch Verkoster weiterentwickelt) – der Bulleit ist ein roggenlastiger Bourbon mit ordentlichen 45% Alkoholgehalt, der in seiner Süße zu überzeugen weiß.

Kommen wir daher direkt zu den Bieren. Das Nachreifen von Bier in Whiskyfässern konnte ich nun schon bei diversen Brauern nachvollziehen, ich finde, dass es Bier eine ganz besondere Note gibt, die ich persönlich sehr mag – wenn es gut gemacht ist. Für die vier hier präsentierten Biere ist noch zu erwähnen, dass es sich bei dreien um zusätzlich noch aromatisierte Biere handelt, beziehungsweise eins sogar ein Mischgetränk ist; ich stehe natürlicher Aromatisierung nicht negativ gegenüber, dazu gibt es zuviele uralte Rezepturen, die nur in der industriegetriebenen Vermarktung eines Pseudo-Reinheitsgebots verloren gegangen waren.

So ähnelt die Zutatenliste des Überquell Julebryg Barrel Aged beispielsweise einem Witbier, Weizenmalz, Koriandersamen und getrocknete Orangenschalen sind typisch für diesen Stil. Aromatisch muss das 2017 gebraute und dann auf unbestimmte Zeit fassgereifte Bier natürlich dann ganz anders als das leichte, frische Witbier sein – oder? Ich sage schonmal vorab: nicht wirklich.

Überquell Julebryg Barrel Aged

Selbst wenn man das Bier gegen Licht hält, fallen nur leichte Farbänderungen auf – das dunkle Braun ist fast blickdicht. Perlage ist nicht erkennbar, der grobblasige Schaum, der zu Beginn schon nur dünn ist, verschwindet schnell vollständig. In der Nase riecht man Zitrusfrucht, Limettenschale, aber auch direkt Whiskyfassnoten von Holz und Vanille. Etwas Banane vielleicht noch. Der Antrunk ist sehr unerwartet sauer, das hätte ich durchaus als Gose durchgehen lassen. Eine verrückte Mischung aus Gewürz-, Whisky-, Sauerbier- und Fruchtnoten durchtanzt den Mund. Die Säure dominiert bis zum sehr bitteren Schluss, wo im Abgang dann tatsächlich Sternanis auftaucht. Dieser und Muscovadozucker geben aber nicht wirklich eine weihnachtliche Note dazu („Julebryg“ ist eigentlich ein dänisches Weihnachtsbier), sondern mehr Würze, und die Hopfensorten East Kent Golding, Perle, Mosaic und Sorachi Ace sorgen für Fruchtpower. 8,0% Alkoholgehalt bringen festliche Feierlaune. Da ist viel Spannung und Unruhe in diesem Bier, die Fassreifung bringt nur etwas Tiefe und unterschwellige würzige Süße sowie Bourbonaromen im Nachhall dazu. Persönlich finde ich es sehr ungewöhnlich, ein Sauerbier fasszureifen – aber, wie man hier sieht, birgt selbst das viel Potenzial, auch wenn man Sauerbier sicher mögen muss, um das Julebryg Barrel Aged zu schätzen. Die Kombination aus sehr rezenter Frische mit frecher holziger Bittere gefällt zumindest mir mit jedem Schluck mehr.

Auch im BRLO Bulleit Barrel Aged Imperial Stout findet sich eine unerwartete Zutat: Rosinen. Das passt sicherlich zum dunklen, schweren Bier, das dazu noch drei Monate in Bourbonfässern ruhte. Mit 12% Alkoholgehalt ist es das stärkste der vier Biere hier, und sicherlich auch das dunkelste – es fehlt fast nichts zur totalen Schwärze, der feine, cremafarbene Schaumkranz am Glasrand hellt das ganze nur leicht auf, auch wegen der starken Öligkeit. BRLO Bulleit Barrel Aged Imperial Stout

Extrem feinperliges Mousseux, das man trotz der völligen Blickdichte erkennen kann, speist ihn eine ganze Weile lang. Im Unterschied zu einem ungereiften Imperial Stout finde ich hier deutliche Holz- und Vanillenoten, die Süße des Bourbon ist hier schon spürbar. Sahne, Latte Macchiato, milde Kaffeeröste, deutlich geröstetes Malz – ein sehr süßlich-runder Geruch. Auch das Mundgefühl sortiert sich so ein, das fühlt sich an wie ein Milchkaffee mit Doppelrahmstufe oben drauf. Sehr fett und breit. Knallige 80 IBU aus dem Herkules-Bitterhopfen sind für ein Imperial Stout nicht ungewöhnlich, machen sich aber erst im langen Abgang bemerkbar, der interessanterweise mit Wintergrünöl ziemlich blumig wird. Die Aromatik ist natürlich sehr dunkel, die Rosinen tun ihren Teil dazu, für Trockenfruchteindrücke zu sorgen, die die ansonsten dominierenden Röstnoten und Nussigkeit etwas auflockern. Ganz klar ist die Bourbonfassreifung erkennbar, sowohl die Holzigkeit als auch die typischen Bourbongeschmäcker meine ich zu erkennen. Den üppigen Alkoholgehalt spürt man tatsächlich, da ist viel Hauch im Abgang. Das ist ein Bier, das ich als Dessert empfehle, das Milchspeiseeis, Kaffee und Digestif in einem kombiniert. Sehr gelungen gerade in der Milde, die Kratzigkeit, die ich bei einigen anderen Imperial Stouts immer wieder finde, ist hier völlig abwesend.

Einen Schritt zurück, aber nur einen kleinen, machen wir mit dem nächsten Bier: Das Landgang Hop the Barrel Barley Wine weist immer noch 10,3% Alkoholgehalt auf. Landgang Hop the Barrel Barley Wine

Man sieht schon beim Einschenken, dass die Kategorie „Barley Wine“ ihren Namen zu recht trägt – da ist nach wenigen Sekunden jedwede Anwandlung von Schaumbildung direkt verschwunden, ein paar vorsichtig aufsteigende Luftbläschen sind das einzige, was die Flüssigkeit von Rotwein unterscheidet, denn auch die Farbe ist braunrot. Das Auslassen der Filtrierung sorgt für ein starkes Opalisieren. Halten wir die Nase ins Glas, so können wir gleich bei den Weinanalogien bleiben. Ich fühle mich an einen Barrique-Wein erinnert, milde Säure, leichte Zitrusfrucht, Mango und Banane. Viel Holz und Vanille. Im Mund erlebt man ein buntes Farbenspiel – leichte Rauchigkeit, viel Holz, dunkles Malz (es kommt auch Roggenmalz zum Einsatz, das gibt schmeckbaren Charakterunterschied). Eine traubige, mildsäuerliche Weinigkeit kombiniert sich mit schön blumigen Kopfnoten. Dazu viel reife Frucht. Vom Mundgefühl her fett, voll und tief zugleich – selbst die Rezenz wurde nicht vergessen. Der Abgang ist äußerst rund, dazu warm (hier spürt man den Alkoholgehalt, doch nicht unangenehm), mittellang und nur noch mildherb, Süße und Trockenheit wechseln sich ab. Ein toll im Fass ausgebautes Bier, das durch seine extreme Rundheit, Balance und herrliche Komplexität punkten kann.

Zu guter letzt kommen wir zu einer für Craftbierfanatiker schwierigen Kategorie, einem Biermischgetränk. Diese Kategorie hat im letzten Jahrzehnt so viel Mist gesehen, dass einem als Bierfreund schlecht werden kann, weil hier alles an Chemie und Kunst (im negativen Wortsinn) verklappt wurde, was das Labor zu bieten hatte. Das Superfreunde & The Dudes Beerzebulb IPA Infused with Bulleit Bourbon will ich eigentlich wirklich nicht in eine Schublade mit den Schöfferhofer Grapefruits und Desperados stecken, denn hier kommt kein künstliches Aroma, sondern echter Bourbon als Aromageber zum Einsatz.

Superfreunde & The Dudes Beerzebulb IPA Infused with Bulleit Bourbon

Nach dem Eingießen hat man eine schöne, gemischtblasige Schaumkrone, die nach einigen Minuten in sich zusammenfällt. Die Farbe ist gebrannte Siena, eine starke Trübung lässt nur wenige Lichtstrahlen durch die Flüssigkeit fallen. Geruchlich finde ich das Beerzebulb direkt spannend – diese seltsame Mischung aus Bourbon und hopfigem Bier spricht mich an. Bittere Hopfenfrucht, nicht allzu zitruslastig, in Kombination mit malzig-vanilliger Süße. Auch im Mund finde ich dieses Gegeneinanderspielen sehr attraktiv, die Eindrücke wechseln ständig zwischen holzig, süß, bitter und sauer, man weiß kaum, wo man hinschmecken soll – keine der Komponenten, Bier und Bourbon, überwältigt die andere, im Gegenteil, beide zeigen sich vorteilhaft. Obwohl breit und cremig im Mundgefühl bleibt es vom Eindruck dennoch ein IPA – die Bittere schlägt erst ganz am Ende des langen Abgangs zu, hinterlässt dazu eine starke Astringenz auf der Zungenspitze und viel trockene Holzigkeit. Das ist sicherlich nicht ein Biermischgetränk für jedermann, ich finde es charaktervoll und sehr interessant gemacht – das ist was, was ich gern öfter mal trinken würde; mit 7,5% Alkoholgehalt hat das mit Bourbon gemischte Beerzebulb IPA auch die ideale Kraft, mir als Cocktailersatz dienen zu können.


Das Fazit fällt gemischt aus. Ich finde die Idee richtig gut, ein Set anzubieten, das fassgereiftes Bier mit dem Whisky zusammenbringt, der vorher in dem Fass lag. Die Biere sind für mich alle sehr gut ausgeführt, denn ganz so einfach, wie es sich anhört, ist Fassreifung bei Bieren auch nicht – ich habe schon garstiges Zeug getrunken, das nach alten Socken und gammligem Schinken schmeckte. Um so erfreulicher, dass hier sehr unterschiedliche Bierstile zum Vergleich vorliegen, man kann hier wunderbar nachvollziehen, was der Whisky mit dem Bier macht. Dahingehend eine tolle Produktidee.

Als Tip, wer die einleitende Diskussion ernst nimmt und sich mit Bulleit nicht mehr anfreunden will – die Biere gibt es auch separat zu erwerben. Das wäre auch zum Schluss dann meine persönliche Empfehlung: Die Biere sind nämlich echt gut und es wert, probiert zu werden, und außerhalb des Sets nicht teurer als zusammen mit einem Bourbon, der zumindest mir unappetitlich geworden ist.

Kurz und bündig – Miel de Tierra Mezcal Joven

Es gab eine Zeit, in der Mezcal recht neu in Deutschland war, in der man davon ausging, dass Mezcal immer superrauchig sein muss, und dass dies das Identifikationskriterium für guten Mezcal sei; in etwa wie die Torfigkeit bei Islay-Whiskys. Nun, das war ein Trugschluss. Tatsächlich ist extreme Rauchigkeit bei Mezcal eigentlich etwas, was der Kenner leise skeptisch sieht, denn sie dient oft genug dazu, die mittelmäßige Qualität des Destillats zu überdecken. Ein bisschen qualmen darf es aber schon, es ist einfach ein Ausdruck der Herstellungsweise im Erdofen. Wie sieht es diesbezüglich beim Miel de Tierra Mezcal Joven aus?

Miel de Tierra Joven Mezcal

„Joven“ ist die alternative Bezeichnung für ungereiften Mezcal (in der Norma, die alles regelt, was Mezcal angeht, sind „joven“ und „blanco“ gleichwertig). Erwartungsgemäß ist dieser Mezcal völlig transparent und ohne Fehler klar. Er bewegt sich dennoch mit einer gewissen Schwere im Glas, ohne dabei aber ölig zu wirken. Am Glasrand entstehen dicke Beine. Die Nase ist agavenlastig, mit einem Hauch Glasreiniger. Blumig, nach Jasmin und Lavendel. Mineralische Noten, nach Kalk, Kies und Beton. Kein Rauch, etwas, was wie gesagt viele Leute mit Mezcal assoziieren.

Hat mich die Nase noch etwas an Tequila erinnert, ist der Geschmack im Antrunk dann doch anders – erdiger, mineralischer, trockener. Agave, Honig, Karamell – sehr süß und weich, recht breit, aber ohne große Tiefe. Etwas Birne, ein Anflug von Minze. Etwas später wandelt es sich zu deftiger Würze, mit Tabak- und Holznoten, schwarzem Tee und einem prickelnden, milden Feuer. 40% Alkoholgehalt sind nicht erkennbar. Der Abgang ist mittellang, herbbitter, immer noch mit einer unterschwelligen Süße kombiniert. Grasigkeit klingt nach, ein wenig Wintergrünöl, und ganz am Ende etwas metallisch im Nachhall.

Ein schöner, milder, aber dennoch nicht langweiliger Mezcal, der wieder einmal beweist, dass es ungereifte Spirituosen gibt, die sich von der Spannung und der Aromatik nicht hinter jahrelang gereiften Bränden verstecken müssen. Mir fehlt etwas Körper und Tiefe für die endgültige Begeisterung – dennoch ein schöner Brand. Ich bin sehr gespannt auf die gereiften Varianten, die in der Verkostungspipeline schon bereit stehen.

Städtebierpartnerschaft Homburg/Seattle – Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell

Im Saarland war es lange gang und gäbe, wenn ich den Aussagen meiner bierophilen Kollegen trauen darf, Bier in Literflaschen, sogenannten „Literbomben“ oder „Libos“, zu erwerben. Ich bin seit 10 Jahren im Saarland, habe diese spannende Phase der hiesigen Bierkultur verpasst, heutzutage geht es ja eher mehr hin zu immer kleineren Gebinden – die Drittelliter-Longneck-Flasche ist zusammen mit dem „Stubbi“ wahrscheinlich die heute beliebteste Konsumform von Bier im Saarland, wie überall in Deutschland. Persönlich mag ich derartige Gleichmacherei eigentlich nicht. Mit dem Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell lässt der saarländische Bierplatzhirsch die „gute alte Zeit“ der Literbombe wieder ein wenig aufleben, und öffnet sich gleichzeitig durch die Zusammenarbeit mit einer amerikanischen Craft Brewery auch der frechen modernen Bierkultur – eine schöne Spannung, die durch diesen scheinbaren Widerspruch entsteht.

Die große Bügelflasche trägt ein passendes, vielsagendes Etikett – der witzige, auf einem Bierfass balancierende Elefant schwenkt eine Collaboration-Brew-Fahne, der Hintergrund des Etiketts ist im traditionellen Karlsberg-Grün gehalten. Schön gestaltet, modern und gleichzeitig in die klassische Produktpalette passend; da war ein guter Marketeer am Werk. Nur 222 Flaschen dieses hellen Bockbiers mit 6,5% wurden abgefüllt, meine war die 15. davon, was handschriftlich auf dem Etikett eingetragen ist. Da die Haltbarkeit scheinbar durch Handabfüllung drastisch gesenkt wird, habe ich in bester Kollegialität meine Flasche in einem Büro-Bier-um-Vier-Termin mit einigen Kollegen geteilt, das beste, was einer Literflasche passieren kann – schließlich bin ich Biertrinker, nicht Biersammler.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell

Für einen guten Bock braucht man eine stabile Malzbasis, diese wurde hier mit Pilsener-, Münchener- und Wiener-Malz gelegt. Das äußert sich in der Farbe – das Wort „hell“ in der Stilbezeichnung „heller Bock“ ist dabei natürlich relativ zu sehen, da ist viel kupfernes, fast schon kristallklares Strahlen. Feiner, dünner Schaum bleibt nach dem Eingießen zurück (die Variante frisch vom Fass – siehe unten – konnte dabei natürlich viel mehr auftrumpfen). Die Nase ist sehr hopfenfruchtig: Die für den Stil auch erwartete leichte Hopfigkeit entstammt den schon gut bekannten Aromahopfen Chinook, Magnum, Hallertauer Mittelfrüh und dem zumindest mir absolut neuen Mount Hood-Hopfen, diese sorgen wahrscheinlich auch zum Teil für die fetten 51 IBU. Bittere ist entsprechend kräftig vorhanden, dazu kommt aber ein supercremiges, volles und breites Mundgefühl. Malz, Grapefruitschale, ein Hauch Frucht-Sießschmeer (das ist das saarländische Wort für Marmelade), milde Schokolade, da ist viel Geschmack da. Eine nahezu ideale Süß-Sauer-Balance, und eine tolle Rezenz führen zu einem langen, sehr bitter-trockenen Abgang mit langem Nachhall von bitterer Grapefruit und leichter Blumigkeit. Das läuft gefährlich gut den Rachen runter.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell Glas

Hat es mir geschmeckt? Nun, während der Release-Party, die Karlsberg in meiner Stammkneipe schmiss, der Schillers Pop Up Bar in Saarbrücken, habe ich mir 5 Gläschen davon gegönnt, frisch vom Fass. Untenstehend ein paar Eindrücke, nett insbesonders der geschnitzte „Big Time“-Zapfhahn aus Holz. Ich danke auch für die Möglichkeit, einen Schnappschuss eines 30-Liter-Plastikfasses machen zu können, von denen mehrere an diesem Abend geleert wurden. Tatsächlich kamen hier viele Elemente zusammen, die mir das Bock to Hell etwas ans Herz wachsen ließen, in der kurzen Zeit, in der es verfügbar war (inzwischen ist es natürlich schon lange vergriffen) – ein heißer, sonniger Spätnachmittag, nette Unterhaltung mit Bierfreunden, die ich schon aus anderen Biertastings der Saarbrücker Beer Society kannte, Bier frisch vom Fass, gut gekühlt, und die fast genauso coolen Jungs vom Schillers; da kann ein Bier ja gar nicht nicht schmecken.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell Fassprobe

Ja, es hat mir aber auch unabhängig von den äußeren Einflüssen geschmeckt, und ich finde es schön, dass sich Karlsberg auch dem aktuellen Trend zu Collaboration Brews anschließt und so den in den letzten Jahrzehnten vielleicht etwas eng gewordenen saarländischen Bierhorizont erweitert. Ich hoffe, dass Karlsberg das nicht nur als einmalige Werbeaktion sieht, sondern sich derartigen Ideen offen hält, und wir in Zukunft weitere Produkte dieser Art sehen werden – und dann eventuell sogar so, dass mehr als nur eine Handvoll Bierfreunde davon profitiert.

Offenlegung: Ich danke Karlsberg für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche des Bock to Hell. Und Christian vom Schillers, der die Bereitstellung selbstlos in die Wege geleitet und mich mit dem Fläschchen überrascht hat.