Brasilianische Prinzessin – Princesa Isabel Cachaça Armazenada em Jaqueira

Ich habe eine tolle Idee und will etwas auf den Markt bringen, habe aber selbst nicht die nötigen Geldmittel dafür? Früher bedeutete das Klinkenputzen bei Banken und möglichen Investoren. Gerade letztere wollen dann natürlich einen nicht unerheblichen Anteil am eventuellen Erfolg haben, erstere sind oft zurückhaltend und halten sich zurück, in verrückte Ideen auszuzahlen. Die moderne Lösung für dieses Problem? Crowdfunding. Allerlei Geschäftsideen, die im normalen harten Finanzleben kaum eine Chance hätten, werden durch normale Menschen mit Kleinstbeiträgen gesponsert, die einfach die Idee toll finden und mit gewissen Goodies dafür belohnt werden.

Ich hatte vor einer Weile bei so einer Crowdfunding-Initiative auf der Plattform startnext teilgenommen: „Princesa Isabel Cachaça – Rum aus Brasilien“ hieß die, und es ging darum, einem deutschen Unternehmen den Import dieser brasilianischen Zuckerrohrsaftspirituose (über das Wort „Rum“ im Titel gehe ich einfach mal geflissentlich hinweg) zu ermöglichen. Und das Projekt war dann auch erfolgreich – so kam ich in den Besitz meiner Belohnung dafür, einer Flasche der Princesa Isabel Cachaça Armazenada em Jaqueira. Hergestellt wird sie im brasilianischen Bundesstaat Espirito Santo, wo in der Stadt Linhares die Produktionsstätte Fazenda Tupã beheimatet ist. Der Name ist lang, aber eigentlich nicht kompliziert: „armazenada“ ist der Begriff für „in Holzbehältern aufbewahrt“, Dauer und Fassgröße sind dabei nicht bestimmt. „Jaqueira“ ist die Art des Holzes des Fasses – hier ruhte die Cachaça also in einem Fass aus dem Holz eines Jackfruchtbaums, laut einem Pressetext für ein Jahr. Ich prüfe nun mal, ob sich meine Investition gelohnt hat.

Princesa Isabel Cachaça Armazenada em Jaqueira

Die Farbe passt jedenfalls schonmal zur gelben Jackfrucht – ein sehr helles, aber kräftiges Sonnenblumengelb. Viskosität ist durchaus vorhanden, die Cachaça bewegt sich zwar lebhaft und flüssig, aber doch mit leichtem Schwappen und hinterlässt dann einen Film mit sehr träge ablaufenden Tropfenspitzen.

Die Nase ist sehr typisch für Cachaça, voller Zuckerrohrsaft, einem Korb exotischer, unreifer Früchte, leichter grüne Grasigkeit und milder Gewürze. Riecht man die Jackfrucht heraus? Natürlich nicht, der Brand kam ja nur mit dem Holz des Baums, nicht mit der Frucht selbst, in Kontakt. Selbst wenn, ich könnte es nur nicht zuordnen und benennen, denn ich bin mit diesem Obst nicht wirklich vertraut – eine Bildungslücke, ich weiß, aber ein Beweis dafür, dass man nur riechen kann, was man kennt. Das wird natürlich irgendwann nachgeholt.

Princesa Isabel Cachaça Armazenada em Jaqueira Glas

Superweich und cremig im Antrunk, fast schon ölig schwer – die Konsistenz ist beeindruckend dick. Die Süße des Beginns bleibt zwar erhalten, wird aber im Verlauf durch pikante Gewürze und Ingwerschärfe und -aromen aufgefrischt. Viel Zuckerrohr und Frucht dominiert alles, Birne, Quitte, dazu etwas Zimt und Vanille. Ein Eindruck von Kokosnussfleisch. Später noch etwas Salzigkeit, und eine beeindruckende, vollmundige Bittere. Ingesamt eine tolle Breite und Wucht mit sehr viel Körper. 40% Alkoholgehalt sind angenehm spürbar, ohne aufdringlich zu werden. Der Abgang ist kurz und rostig – doch ein hübscher blumig-fruchtiger Nachhall entsteht aus einer kurzen aromatischen Lücke heraus, ein sehr ungewohnter Effekt, und hängt dann eine ganze Weile nach.

Eine sehr schwere, volle, aromatische und rund wirkende Cachaça, mit einem Bums aus Frucht und Gewürz, die mich ehrlich begeistert. Allein schon das Mundgefühl ist grandios, und wer Cachaça mag, muss auf diese hier einen Blick werfen.

Im Caneflower werden all die Dinge durch Zutaten betont, die ich in der Princesa Isabel sehr mag – die blütige Komponente durch Holunderblütenlikör, die Bittere durch Aperol, die Frucht durch Zitronenöl aus der Zeste.

Caneflower Cocktail


Caneflower
1½ oz Cachaça
¾ oz Aperol
½ oz Holunderblütenlikör
Auf Eis rühren. Mit großer Zitronenzeste absprühen.

[Rezept nach Jeffrey Morgenthaler]


Die Flasche an sich ist unauffällig, um so schöner ist das Etikett gestaltet. Die Fazenda dekoriert alle ihre Cachaças mit Vogelarten ihrer Heimat, hier sieht man den hübschen blauen Saíra-azul. Das ist eine gelungene Idee, und professionell ausgeführt – man erkennt daran, dass hier eine Brennerei mit Erfahrung und auch einem gewissen Anspruch am Werk ist.

Ich freue mich, dass ich einen kleinen Teil dazu beitragen konnte, diese sehr attraktive Spirituose nach Deutschland zu holen. Ich hoffe auch, dass das Unternehmen weitermacht damit, und weitere Produkte dieses Brenners importiert – denn auch wenn Deutschland für Cachaça einer der größten Märkte ist, so sind es eher nicht die hochklassigen, wertigen Cachaças, die hierzulande massig konsumiert werden. Die Waage etwas hin zur Qualitätscachaça zu neigen, das ist eine tolle Arbeit, die es zu unterstützen gilt.

Bier am Freitag – Bitburger/Sierra Nevada Triple Hop’d Lager

Beim Schlendern durch den Supermarkt sprang es mir ins Auge – das Bitburger/Sierra Nevada Triple Hop’d Lager. Immer wieder passiert mir das in letzter Zeit, wir leben in einer großartigen Zeit für innovative Bierprojekte. Sierra Nevada liegt mir am Herzen, mein erstes echtes hopfenlastiges Craftbier stammte von dieser US-amerikanischen Brauerei. Bitburger weniger, mit Fernsehbieren konnte ich nie etwas anfangen. Spannend, dass zwei so ungleiche Bierpartner in einem Boot ein dreifach gehopftes Lager herausbringen. Mit 5,8% Alkoholgehalt und in einer hübsch gestalteten Dose, die sowohl vom typischen Sierra-Nevada-Stil als auch dem der bekannten Bitburger-Dosen geprägt ist, landet es nun in meinem Glas; die Dose ist ein ideales Transport- und Aufbewahrungsbehältnis, aber trinken sollte man trotzdem immer aus einem Glas.

Bitburger/Sierra Nevada Triple Hop’d Lager

Leichte Trübung, die die das Safrangelb nur noch weiter unterstützt. Man erkennt die leichte Perlage kaum, sie besteht aus winzigen, schnell aufsteigenden Bläschen. Der Schaum ist eher dünn, feinblasig, kurzlebig. Die Nase ist, erwartungsgemäß, sehr hopfig, säuerlich, grapefruitig, limettig – die dafür zuständigen Aromahopfen Cascade, Centennial und Chinook kennt der geneigte Craftbierfreund inzwischen sehr gut. Eine gewisse marmeladige Süße liegt darunter.

Im Mund spürt man, dass man hier doch kein Ale, was die Nase vielleicht vermuten lassen mochte, vor sich hat. Der Antrunk ist trocken, kantig, sehr vom Hopfen dominiert, neben den Aromahopfen auch der immer gern beworbene Bitburger Siegelhopfen als reiner Bitterhopfen. Im gesamten Verlauf bleibt die Eckigkeit vorhanden, eine unterschwellige Süße kämpft mit einer Säure und Bittere, die immer die Oberhand haben. Eine leichte Fruchtigkeit entsteht, gegen Ende kommt der Lagercharakter immer weiter voran; man erwartet irgendwie etwas mehr Körper, das wäre aber kaum stiltypisch. Der Abgang ist mittellang, sehr blumig-fruchtig, immer noch hopfenorientiert. Knackige Bittere saugt einem etwas die Spucke aus dem Mund. Rezenz ist initial vorhanden, allerdings findet sich auch eine gewisse Stumpfheit im Verlauf.

Mir kommt es wie ein Crossover-Bier vor: Nicht nur der deutsch-amerikanische Zusammenarbeit wegen, sondern auch wegen der Lager-Pale-Ale-Fusion. Eine interessante Sache, das Bier kann man sehr gut zu einer fettigen Käsepizza trinken, da passt es wunderbar. Alleinstehend als Genussbier bleibt es mir persönlich aber irgendwie zu stumpf und unbalanciert.

Augen zu und durch – Aldi Arc Royal VS Cognac

Ein Aldi-Markt ist direkt in kurzer Gehweite von mir, darum kaufe ich dort manche Dinge ein, bei denen mir ein günstiger Preis relevanter ist als eine übermäßig hohe Qualität. Auf dem Weg durch den Discounter laufe ich immer direkt zu Beginn an einem Spirituosenregal vorbei, und ich kann einfach nichts dagegen tun, dass meine Augen immer gierig über die dort aufgestellten Flaschen streifen. Nun sind Spirituosen bei mir ganz gewiss nicht in der Kategorie, bei denen mir Günstigkeit wichtiger ist als Qualität – es sind Genussmittel, und darum dürften sie es eigentlich bei niemandem sein. Dennoch gibt es offensichtlich Bedarf für hart kalkulierte Schnäpse, selbst in einem Segment, das man normalerweise mit edlen Bränden assoziiert: Cognac.

Eines Tages hatte Aldi mich, und ich ergab mich der geschickten Platzierung, und legte eine Flasche des Arc Royal VS Cognac in den Einkaufswagen. Man muss als Spirituosenblogger auch hin und wieder den Blick nach unten richten, in die Niederungen der Schnapswelt, um nicht das Gesamtbild aus dem Auge zu verlieren und Einordnungspunkte zu behalten; wer immer nur seltene Einzelfassabfüllungen trinkt, hat zwar ein schöneres Leben, läuft aber Gefahr, solide Basisprodukte abzuwerten, einfach weil man nicht mehr weiß, dass es auch noch drunter geht. Man kann bei dem Preis von 12€ zudem nicht viel falsch machen, dachte ich mir, und immerhin hat der Arc Royal VS sogar 2018 eine DLG-Gold-Prämierung erhalten, wenn das auch nur winzig und kaum lesbar auf dem Etikett versteckt ist. Oder kann man doch?

Aldi Arc Royal VS Cognac

Die Farbe ist hell und geht ins Ocker über, mit vielen hellen Reflexen. Eine gewisse Trägheit ist beim Schwenken im Glas erkennbar, schmale Beinchen mit dicken Köpfchen laufen langsam danach ab.

Der Geruch ist zunächst fruchtig, Aprikose, Mango, eine leichte Beerigkeit vielleicht. Schnell kommt ein Blütenbouquet dazu, Rosenblätter, etwas Schwarzteewürze. Leider wird das dann durch eine sehr prägnante Alkoholnote überdeckt, die sowohl in der Nase zwickt als auch die Aromen beinahe vollständig plattmacht; danach ist der Eindruck recht neutralalkoholisch.

Vom Antrunk an wirkt der Aldi Arc Royal VS flachbrüstig und schwach, das Mundgefühl ist dünn und hat weder Breite noch Tiefe. Eine gewisse Süße ist da, auch diese aber wirkt oberflächlich. Dezente Fruchtaromen nimmt man zunächst noch wahr, doch wie schon in der Nase holt sie aber schnell der trockene, neutrale Alkohol ein – der für eigentlich gemäßigte 40% einfach zu stark spürbar bleibt. Milde Bittere und eine leichte Salzigkeit können sich dann ohne Widerspruch breitmachen und definieren das Gesamtbild.

Arc Royal VS Fine Cognac Glas

Der Abgang ist aromatisch kurz, aber vom adstringierenden Effekt mittellang, doch leider klingt außer ein paar Jasminnoten nur ein metallischer Blutton nach. Der Cognac hinterlässt einen mild betäubten Gaumen, und einen ratlosen Tester, der sich nun überlegen muss, was er mit der Flasche tun soll.

Für den Purgenuss ist er völlig ungeeignet, und auch in Drinks, die einen vernünftigen Cognac verlangen, kann man den Aldi Arc Royal VS nicht einsetzen, der geht selbst gegen die leichtesten Mitzutaten unter. Ich weiß es, ich habs ausprobiert – darum kann ich höchstens etwas empfehlen, in dem der Cognac als reiner Fond arbeitet, um etwas alkoholische Stärke mit wenigstens leichtem Weinbrandgeschmack einzubringen: ein The Chatham Hotel Special. Natürlich könnte dieser auch von besserem Cognac profitieren – hier ist es aber nicht ganz so zentral.

The Chatham Hotel Special Cocktail


The Chatham Hotel Special
1½ oz Brandy
½ oz Ruby Port
½ oz Sahne
1 Spritzer Dunkle Crème de Cacao
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Ted Haigh]


Nun, wahrscheinlich darf man einfach nicht viel erwarten bei einem Preis von 12€ und dem Erwerbsort. Dennoch ist das ein interessantes Lehrstück gewesen – es ist immerhin ein Cognac, und diese Kategorie hat eigentlich gewisse Qualitätskriterien selbst für niedrigste Qualitätsstufen. Was man hier sieht ist, dass man selbst bei derartig strengen Regeln dennoch billige, meiner Meinung nach minderwertige, Ware herstellen kann für den unanspruchsvollen Massenmarkt. Vielleicht ist das ein Entgegenkommen der Kontrollorgane, denn nicht jedes Destillat erreicht eben die Qualität, die es weiterzureifen lohnt. Ich hoffe daher ehrlich nicht, dass Produkte wie der Arc Royal VS das alleinige Ziel eines Cognacbrenners sind (der hätte seine Berufung verfehlt), sondern eher eine Möglichkeit, seinen Ausschuss noch halbwegs ohne Verluste loszuwerden.

Wer einen Weinbrand zu sehr günstigem Preis sucht, greife statt zu einem Cognac, wo man bei diesem Preis konsequent in der untersten Qualität landen muss, einfach zu einem guten deutschen Weinbrand wie dem Asbach Privatbrand, der nur wenig teurer dafür Welten besser ist, oder einem italienischen Brandy. Bei Aldi jedenfalls verpasst man nichts, wenn man beim Arc Royal VS meinen Leitspruch der Artikelüberschrift einhält.

Rum – Sonne der glücklichen Inseln

Der moderne Feld-Wald-und-Wiesen-Rumfreund ist ein seltsames Biest. Er hat Zugang zu den meisten Rumsorten, ausreichend Resourcen, um sie sich auch zulegen zu können, und dazu mit der größten Informationsquelle der Menschheitsgeschichte auch die Gelegenheit, sich über Rum zu informieren. Gleichzeitig muss ich aber beklagen, dass nur mäßig Interesse daran besteht, dieses goldene Rumzeitalter auch wirklich zu nutzen, außerhalb des Trinkens – selbst große Freunde des Zuckerrohrbrands wissen manchmal nicht wirklich viel über ihr Getränk.

Um so wertvoller sind Bücher, die auf angenehme und leichte Art und Weise Wissen vermitteln. Verkopfte Fachbücher mögen dem nach vielen Details Suchenden eine große Hilfe sein, und flache, nur als Fachbuch getarnte Werbebroschüren von Herstellern und Verkäufern einen einfachen Einstieg ermöglichen. Doch das Feld dazwischen ist in deutscher Sprache dünn besiedelt. Um so überraschter war ich über Rum. Sonne der glücklichen Inseln. Geschichte, Bilder und Geschichten aus der Welt des Rums, erschienen erstmals 1969, mir vorliegend in einer großformatigen Nachauflage von 1976, im Verlag H. H. Pott Nfgr., der Name könnte Rumkennern etwas sagen. Als Urheber wird etwas verklausuliert Hans H. Krützfeld genannt.

Rum - Sonne der glücklichen Inseln

Bis auf ein paar Absätze, die nichtmal übermäßig marktschreierisch klingen, haben wir hier ein neutral gehaltenes Fachbuch vor uns. In zugegebenermaßen sehr blumiger Sprache, mit vielen Anekdoten, Gedichteinsprengseln und humorigen Einlagen versehen, aber dennoch in der Basis ein Fachbuch. Man erwirbt durch die Lektüre der 134 groß bedruckten, mit viel Weißraum ausgestatteten Seiten ein solides Basiswissen was die Geschichte und die Herstellung von Rum angeht.

In manchen Absätzen ist der Kenner erstaunt, wie aktuell das Wissen ist, das hier vermittelt wird: manch modernes Buch erzählt so viele Fehler und ungenaues Zeug, dass man überrascht wird von Details, die man erst seit kurzem im Wissensschatz des Rumaficionados zu finden glaubte. Der Unterschied zwischen Dunder und Muck beispielsweise, die Esterzählungen bei Jamaica-Rum, die Unterschiede zwischen kontinentaler und tropischer Reifung; all das sind höchstaktuelle Diskussionsthemen, und man findet sie in einem Buch von 1969. Ein bisschen Demut kann das schon lehren. Man ahnt in manchen Beschreibungen von Produkten und Orten, welche Destillierien gemeint sind – Namen werden allerdings keine genannt, die Fokussierung auf Destillerien kannte man damals nicht.

Rum - Sonne der glücklichen Inseln Innenseite 1

Eine tolle Zusammenstellung von zeitgenössischen Illustrationen, Holz- und Kupferstichen, Lithographien und Gemälden in großformatiger, sehr hochwertiger Farbreproduktion machen das Buch zu einem echten Coffee-Table-Book, bei dem man herrlich den Blick über Zuckermühlen, Häfen, Landschaften und soziale Gewohnheiten streifen lassen kann. Das dicke Hochglanzpapier unterstützt durch angenehme Haptik diesen Aspekt.

Sehr wichtig ist, dass auch die negativen Aspekte der Geschichte des Rums nicht ausgelassen werden; der brutale Sklavenhandel, der die karibische Rumproduktion erst möglich machte, und die gnaden- und gedankenlose Ausrottung der nativen Bevölkerung durch die Kolonisten sind Themen, die man auch in einem Buch, das die Sonnenseite des Getränks im Titel trägt, ansprechen muss, denn für einen Großteil der an der Rumproduktion Beteiligten waren die „glücklichen Inseln“ die Hölle.

Natürlich hat das Buch aber auch seine fachlichen Mängel, oder vielleicht besser Abnutzungszeichen der Zeit, seit der es geschrieben wurde. Die Bewertung der Rumstile ist ganz aus der Sicht eines Verschnitthändlers geschrieben, Barbados-Rum wird als „fast körperlos“ beschrieben, Rum aus Kuba als nur zum Trinken im Longdrink klassifiziert. Technisch wird die Kolonnen-Destillation als sehr viel hochwertiger und besser als die Potstill-Destillation beworben. Sehr grob wird manchmal generalisiert, und die Bewertungen vieler Dinge sind eben in den 60er Jahren verhaftet und aus heutiger Perspektive schlicht falsch. Man muss also alles mit einem Körnchen Salz betrachten. Auch sprachlich muss man sich daran gewöhnen, dass ganz selbstverständlich von „Negern“ geredet wird, dies ist natürlich der Zeit zuzuschreiben, der Ton ist dabei aber nie abfällig.

Rum - Sonne der glücklichen Inseln Innenseite 2

Insgesamt finde ich dennoch, dass dies ein sehr lesenswertes Buch ist. Besonders die erste Hälfte, mit all den geschichtlichen und produktionstechnischen Details, ist auf aktuellem Stand. Die paar Mängel werden locker durch die großartige Gestaltung mit all den ganzseitigen Bildern und den Materialien ausgeglichen, und durch die Informationen über Dänemark und Flensburg und deren Einfluss auf die europäische Rumkultur. Wer also ein im lockeren Stil geschriebenes, extrem schön gestaltetes Rumbuch für den Kaffeetisch sucht, das auch noch handfeste Informationen enthält, macht bei Rum – Sonne der glücklichen Inseln nichts falsch.

Mittelamerikanische Ruhe – Copalli Barrel Rested Rum

Das mittelamerikanische Land Belize ist für Rumfreunde eher ein Randgebiet. Die meisten Produkte, die man hier in Deutschland bekommt, sind hochpreisige unabhängige Abfüllungen – kolonnengebrannte Melasserums im typisch süd- und mittelamerikanischen leichten, süßen Stil aus der größten Destillerie des Landes, Travellers Liquors. Unabhängig von der Qualität dieser Rums geht so ein stilistisch nicht herausragend eigenständiges Destillat im karibisch-mittel-südamerikanischen Grundrauschen unter. Doch es geht in Belize auch anders: Die junge Copal Tree Distillery beschreitet einen völlig anderen Weg, der deren Rum wirklich herausstellt. Ihr Copalli Barrel Rested Rum ist ein Beispiel, dass es dort auch ein Interesse an biologisch-naturnah hergestellten Spirituosen gibt, die nicht in das gewohnte Schema passen.

Es handelt sich dabei um einen sogenannten „organic single estate rum“, also nach Bio-Gesichtspunkten hergestellten Rum, bei dem jeder Produktionsschritt auf der eigenen Farm im Regenwald des südlichen Belize stattfindet: Eigenes Zuckerrohr wird angepflanzt, geerntet, zu Saft gepresst, fermentiert, destilliert, gereift und abgefüllt. Es ist also ein Zuckerrohrsaftrum, kein Melasserum. Das von Hand geerntete Zuckerrohr wird innerhalb weniger Stunden gemahlen und der Saft dann unpasteurisiert in einem Stahltank mit Zuchthefen ca. 4 Tage temperaturkontrolliert fermentiert. Für den gereiften Rum folgt eine doppelte Destillation in Pot Stills in charentaiser Bauweise, für den ungereiften eine Mischdestillation in Kolonnen- und Pot Stills. Für die unterjährige Reifung werden Ex-Bourbon-Fässer herangezogen – im Rumumfeld ist das sehr kurz, darum spricht der Hersteller auch von „Barrel Rested Rum“, eine sehr ehrliche Beschreibung. Zur Abfüllung wird der Rum dann mit Regenwasser aus dem Kronendach der Bäume auf die Trinkstärke von 44% eingestellt.

Man sieht also im Copalli Barrel Rested Rum einen reinen, leicht gereiften Pot-Still-Zuckerrohrsaftrum, sowas findet man nun wirklich nicht häufig, die bekanntesten Vertreter des Saftrums, die rhums agricoles, werden schließlich in traditionellen Kolonnen gebrannt, herstellungstechnisch sind wir eher in der Nähe von Cachaça. Ich bin höchstgespannt, wie sich das alles geschmacklich äußert!

Copalli Barrel Rested Rum

Farblich zunächst haben die wenigen Monate in Holzfässern schonmal ordentlich was gebracht – ein helles Ocker. Nur eine minimale Viskosität ist beim Schwenken zu sehen, was dazu führt, dass sich an der Glaswand eher ein Film denn Beinchen bilden, und selbst beim Ablaufen trennt sich der Film kaum auf. Ich weiß gar nicht, was ich erwartet hatte, als ich mir den Copalli zum ersten Mal eingegossen habe. Sicherlich aber nicht das – eine sehr ungewohnte Mischung aus kräuterigen, mineralischen und vegetalen Elementen. Zuerst erinnert dieser Rum etwas an gereiften Grappa, mit dieser Kombination aus Holz und Trester. Schwarzer Tee, grünes Holz, Harz; ein Anflug von Minze, und eine würzige Zuckerrohrsaftbasis.

Auch im Mund sind ähnliche Aromen präsent. Viele Erinnerungen an Grappa. Dazu dann interessante Noten von Süßholz und Tee. Heu und Tannenholz, eine gewisse Grünheit. Dazu Kümmel und Dill, besonders ersteres ist frappant. Milde Fruchtnoten, hauptsächlich Kirschen. Vom Antrunk bis weit in den Verlauf natürlich süß und schwer, dabei nie künstlich (eine selbst durchgeführte Zusatzmessung hat 0g/L ergeben), mehr in Richtung brauner Kandiszucker. Menthol kommt später noch dazu, im Verlauf deutlich zur Bittere hin neigend, dabei aber immer ein süßer Unterton.

Copalli Barrel Rested Rum Glas

Der Abgang ist kühl und heiß zugleich, würzig, süßbitter, leicht umami. Eukalyptus und Süßholz ringen miteinander, heuig-grasige Komponenten sind nun stark ausgeprägt. Mit einem sehr mentholischen Nachhall, mittellang, kühl, klingt der Copalli Barrel Rested Rum aus. Toll. Ein sehr ungewöhnlicher, dafür umso spannenderer Rum, mit einem extrem hohen Wiedererkennungswert und wirklich vollständig komplett losgelöst von dem, was man sonst so aus Mittelamerika im Glas hat.

Die vegetale Charakteristik dieses Rums lässt mich überlegen, wo man ihn gewinnbringend einsetzen kann. Gewiss gibt er jedem Rumdrink eine ganz eigene Note, das allein ist schon spannend, doch in einem Isle of Golden Dreams ist er zusammen mit anderen kräuterigen Komponenten am besten aufgehoben, finde ich, als Ersatz für den angegebenen rhum agricole. Sicherlich kein Cocktail für jedermann, doch wer gern etwas Abwechslung hat, sollte sich dieser Aromatik ruhig mal hingeben.

Isle of Golden Dreams Cocktail


Isle of Golden Dreams
1½ oz leicht gereifter Rhum Agricole
1 oz Quinquina
½ oz Suze
1 Tropfen Salzlösung
Auf Eis rühren.

[Rezept adaptiert nach Martin Stayer]


Grandios und wuchtig ist natürlich die Flasche – sehr hoch, richtig schwer, breitschultrig und doch schmal, kein ideales Gefäß für eine Bar, in der man leicht handhabbare Standards vorzieht, doch zuhause ein echter Blickfang. Plastikkorken sind heutzutage der Verschluss der Wahl, unproblematisch und funktional. Das sehr gelungen gestaltete Etikett ist nicht protzend, aber erkennbar auf die gehobene Qualität und Eigenheit des Rums hinweisend. Ein tolles Gesamtpaket also, was mich freut, denn ich schätze auch den holistischen, nachhaltigen Ansatz der Destillerie sehr – es wird nichts verschwendet, auch die üblichen Abfallprodukte Bagasse und Vinasse werden weiterverwendet. Dazu kommt die Einbindung der lokalen Bevölkerung (die Destillerie gehört einer Stiftung für gemeinnützige Zwecke) und der Einsatz traditioneller Methoden, all das hebt die Destillerie besonders hervor, und dementsprechend darf auch die Präsentation edel sein.

Worüber ich mir völlig klar bin, während ich den Copalli Barrel Rested Rum vor mich hinschlürfe und die Besonderheit genieße – sobald die Copal Tree Distillery soweit ist, einen länger gereiften Rum auf den Markt zu bringen, bin ich der erste, der eine Flasche davon kaufen wird. Ohne jeden Zweifel.

Entzauberter Whiskey – Jameson The Deconstructed Series

Die Jameson The Deconstructed Series besteht aus drei Ausprägungen, die laut Namen die Variabilität der Herstellung bei Jameson zeigen sollen. Da gibt es nun entsprechend Whiskys mit der sprechenden Bezeichnung Bold, Round und Lively. Drei ganze Flaschen mit mehr oder weniger experimentellem Inhalt und gehobenem Preis, das wollte ich (obwohl ich Experimenten immer sehr offen gegenüber stehe) nicht riskieren, und habe mir stattdessen vom geschätzten Spirituosenbloggerkollegen WhiskyJason Samples geholt, der mir auch dankenswerterweise gleich noch ein Bild der Flaschen inklusive Kartons bereitgestellt hat – optisch macht die Gruppe jedenfalls in der aufeinander abgestimmten Gestaltung schon durchaus was her. Was ist aber im Glas?

Jameson The Desconstructed Series Flaschen

Alle weisen den branchenüblichen Farbstoff E150a (Zuckerkulör) auf, wie immer gilt dafür, dass das den Geschmack nicht beeinflusst, und dass meist nur zur Chargenangleichung gefärbt wird, alles andere wäre in meinen Augen auch Kundenbetrug, in der aktuellen Form lebe ich damit, glaube dennoch, dass man darauf verzichten könnte und sollte. Im Endeffekt unterscheiden sich die drei farblich für mich allerhöchstens in minimalstem Ausmaß.

Jameson The Desconstructed Series BoldBeginnen wir mit dem Bold – da erwartet man schon vom Namen her etwas Schweres, Wuchtiges, was die irische Whiskywelt ja durchaus zu bieten hat. In der Nase wundert man sich dann bereits: Sehr viel Vanille, ein erkennbarer Lackton dazu. Kaum sonst etwas. Das Mundgefühl eines irischen Whiskys ist für mich immer besonders angenehm, und hier enttäuscht der Bold auch nicht, cremig, weich, vollmundig. Dennoch sind 40% Alkoholgehalt hier definitiv zu wenig, um viel Charakter verleihen zu können. Der Bold hat eine gewisse Funkigkeit, die ich dem Pot-Still-Anteil zuschreibe, der aber in der restlichen Belanglosigkeit untergeht, vanillige Holznoten sind auch schon das höchste der Gefühle. Der Abgang passt sich dem an, kurz, warm, metallisch, nichtssagend.

Ein schöner Whiskey am Abend, zum eine Weile dran Nippen – für Genießer zu eindimensional und, ja, ich sprechs einfach mal aus, für mich langweilig. Der Werbetext tönt, der Bold „biete[e] hiermit einen Blend, der von schwerem, starkem pot still Whiskey geprägt ist.“ Ich empfinde das als maßlos übertrieben, ebenso wie den Namen, dieser Whisky ist für mich gar nicht kühn oder verwegen.

Jameson The Desconstructed Series LivelyLively, also „lebhaft“, soll der nächste der drei Brüder sein. Passt der Name hier besser? Die Nase ist getreidig, etwas Karton schimmert durch. Erfreulich viel Frucht gefällt mir, ansonst bleibt der Geruch zurückhaltend. Auch im Geschmack dringt die Frucht schön durch. Grain Whiskey scheint hier laut Produktbeschreibung den Hauptbestandteil zu bilden, und man schmeckt die milde Süße und feine Fruchtaromen gut heraus. Der Lively zeigt alle Stärken und Schwächen eines Grain Whiskeys in konzentrierter Form: Eine wunderbare Süße, eine sehr angenehmes Mundgefühl, aber gleichzeitig eine enttäuschende Oberflächlichkeit und aromatische Kürze. Vor allem ist der Abgang so kurz geraten, dass man arg überlegen muss, ihn überhaupt zu erwähnen – nichtexistent ist er, so hart das klingt.

Hm, ich beginne, etwas glücklich darüber zu sein, nicht die 100€, die man für die drei Flaschen (immerhin ganze Liter) hätte investieren müssen, ausgegeben zu haben. Bisher ist der Eindruck eher mäßig – ich sehe keinen Grund, für diese zwei Whiskys vom Standardprodukt der Destillerie abzuweichen und den Aufpreis zu zahlen. Nun, eine Chance gibt es ja noch.

Jameson The Desconstructed Series RoundMit der Benamung gab es ja wenig Glück, ist der Round dann wenigstens rund? In der Nase ist auch hier erstmal hauptsächlich viel Vanille. Diese taucht auch im Geschmack deutlich auf, dazu wird der Round leicht salzig, hat ausgeprägte Holznoten, ich meine auch, Gewürze wie Kardamom und Zimt zu entdecken. Ganz spät punktet der Round dann noch mit einem schönen Abgang, der wenigsten über „kurz und nichtssagend“ hinausgeht – mittellang, toll würzig und warm. Gefällt mir persönlich schonmal sehr viel besser als der Bold, der dagegen, trotz seines Namens, wie ein zartes Lämmchen wirkt. Ich hätte die Benamung der beiden getauscht, aber mich frägt man ja nicht. Persönlich gefällt mir dieser Whisky von den drei Brüdern am besten, er hat endlich den Charme, den ich bei den anderen vermisse.

Zusammenfassend kann man sagen – aromatisch außerordentlich spannend sind sie alle nicht. Sie leben von ihrer Rundheit und Ausgewogenheit. Die Unterschiede zwischen den drei Sorten sind zumindest für mich darüberhinaus vergleichsweise so klein, dass es sich auch aus rein akademischen Gründen kaum lohnt, sich alle zu holen – außer natürlich, man ist Sammler. Ich will damit aber nicht sagen, dass die dekonstruierten Jamesons schlechte Whiskeys sind: Mir gefallen sie in ihrer simplizistischen Art irgendwie auch gut, doch hätten sie ein paar mehr Volumenprozente, die für mehr Körper und vor allem Wucht im Abgang sorgen könnten, könnten sie auch meine Empfehlung bekommen. So erhält man Whiskeys mit einer tollen Drinkability, aber ohne Rafinesse oder Konsequenz – schöne Begleiter für ein Bier in einem Herrengedeck. Mehr nicht.

Indische Gewürzzubereitung – Star of Bombay

Der moderne Gin Craze geht ungebremst weiter. Jedes Jahr liest man von einem „Brancheninsider“, was jeder ist, der schonmal Gin getrunken hat, dass er damit rechnet, dass Gin weiterhin ein Trend sein wird. Keine große Kunst, das vorherzusagen – Gin ist eine einfache Spirituose, man muss nicht viel wissen, um die Feinheiten schätzen und mit dem Wissen dann angeben zu können, getrunken wird er allermeist 1:3 oder noch stärker verschnitten mit einem Filler, dabei ist er unaufdringlich und unkompliziert, und jeder hat ihn schonmal probiert. Kurz – den Platz als Massendichtungsmittel, den ihm Wodka seit den 50er Jahren streitig gemacht hatte, hat Gin nun schlicht und ergreifend zurückerobert. Nicht, weil er besonders interessant wäre, sondern einfach, weil er massenkompatibel wie kaum ein zweiter Schnaps ist und gleichzeitig dennoch ein gewisses Angeberpotenzial bietet.

All das klingt schrecklich negativ, was ich da schreibe. Dabei ist Gin aus meiner Heimbar nicht wegzudenken, trotz all dieser Aussagen; nicht, dass ich ein besonders großer Gin & Tonic-Trinker wäre, nein, das ist sogar einer meiner weniger geschätzten Longdrinks, aber in klassischen, klaren, strengen Aperitifdrinks hat er sich über mehr als ein Jahrhundert einen unaustauschbaren Platz gesichert, und dafür liebe ich ihn. Für meine Zwecke ist ein klassischer London Dry Gin mit viel Wacholder dabei die Standardauswahl, alles andere ist nach meiner Ansicht aromatisierter Wodka; die ganzen Hipstergins, von denen immer noch jede Woche ein neuer auf den Markt kommt, einfach, weil man einen Gin an einem Nachmittag verkaufsfertig haben kann, können mir, noch so eine harte Aussage, in den meisten Fällen schlicht gestohlen bleiben. So etwas wie der Star of Bombay, den ich heute vorstelle, ist meist auch eher ein Ausrutscher beim Einkauf – mal schauen, ob ich hier einen Fehler begangen oder einen unerwarteten Glücksgriff getan habe.

Star of Bombay

Wie natürlich zu erhoffen und zu erwarten ist der Gin völlig klar und transparent. Was nicht heißt, dass er wie Wasser wirkt – im Glas schwenkt er sich schwer und ölig, hinterlässt entsprechend viele Artefakte am Glasrand. Die Nase macht mich, ehrlich gesagt, nicht so richtig an. Ich bin, wie gesagt, Purist, und für mich muss ein Dry Gin zunächst mal nach Wacholder riechen und schmecken, und dann dürfen andere Aromen ihr abwechslungsreiches Werk tun. Hier finde ich direkt erstmal dumpfe Zitrusnoten (Bergamotte wird als Botanical angegeben, und für mich ist das halt ein Klosteingeruch, da kann ich nicht aus meiner Haut), seifige Kräuter, Koriander und auch ein für mich persönlich unangenehmer Moschusgeruch, der wohl den angegebenen „Ambrette“-Samen entstammt.

Uh, da habe ich eigentlich schon die Lust an diesem Gin verloren. Ich probiere ihn aus Pflichtbewusstsein, und im Mund finde ich dann überraschenderweise auch deutlich Wacholder, und noch überraschender – all die anderen Gewürze sorgen im Mund für ein interessantes Bild, das mit der hässlichen Nase so gar nichts mehr zu tun hat. Da ist viel Feuer, nicht aus den löblicherweise eingestellten 47,5% Alkohol, sondern aus würzigen Kräutern. Der Star of Bombay wirkt dadurch dunkel, aromatisch, geheimnisvoll, parfümiert und im Gesamtbild tatsächlich sehr exotisch – wow, ich habe noch nie eine derart krasse Spanne zwischen Geruch und Geschmack erlebt, denn im Geschmack finde ich ihn toll und interessant.

Star of Bombay Glas

Der Abgang ist kurz, unauffällig, doch etwas alkoholisch, heiß, und diese ausgeprägte Ingwerschärfe hängt zusammen mit einem Hauch von Bergamotte noch ein paar Sekunden schön nach.

Da oute ich mich als Purist, und muss dann sagen, dass mir ein nichtklassischer Gin gefällt. Das passiert extrem selten, und muss gewürdigt werden – mit einem ginlastigen Drink, bei dem die Exotik, die der Star of Bombay von sich aus schon mitbringt, noch durch weitere Würzzutaten wie Wermut und Kräuterlikör betont wird. Gerade für Freunde des weniger trockenen Martinis, die vielleicht sogar auch mal gern einen Perfect Martini konsumieren, ist der The Puritan ideal. Auch wenn der Name so gar nicht zu einem üppigen Drink passt.

The Puritan Cocktail


The Puritan
1¾ oz Dry Gin
½ oz trockener Wermut
¼ oz Chartreuse Verte
1 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept adaptiert nach unbekannt]


Natürlich muss man hier die Präsentation ansprechen. Schon die blaue Flasche des Standard-Bombay-Sapphire zieht den Blick an, hier ist das ganze noch potenziert – die Flasche selbst ist noch schöner gestaltet, das Blau sowieso so gut wie ein Alleinstellungsmerkmal, da fällt es einem echt schwer, sie ins Altglas zu geben (dort übrigens bitte in den Grünglascontainer, wenn man es über sich gebracht hat!). Dazu diese schöne Blechdose mit Blickdurchlässen, die an Architekturen und Fresken aus der Mogulzeit erinnert; insgesamt hat die gesamte Präsentation sehr hohen Wiederverwendungswert im innendekorativen Bereich, wenn der Gin den Weg alles Irdischen gegangen ist.

Kurz und bündig – Miel de Tierra Mezcal Reposado

Tequila darf nur so heißen, wenn er in einer der Regionen hergestellt wird, die das CRT dafür vorgesehen hat. Alle anderen Regionen, wie zum Beispiel Zacatecas, aus der der Miel de Tierra Mezcal Reposado stammt, dürfen zwar ähnliche Produkte herstellen, sie jedoch nicht „Tequila“ nennen – man greift dann vielleicht auf die gröbere Bezeichnung „Mezcal“ zurück, selbst wenn sie produktionstechnisch und aromatisch sehr ähnlich zu Tequila sind.

Miel de Terra Mezcal Reposado

Der unterjährig gereifte Mezcal hat etwas Farbe angenommen im Vergleich zu seinem ungereiften Verwandten, dem Miel de Tierra Mezcal Joven, den ich neulich besprochen hatte, aber nicht so sehr, dass es einem auf den ersten Blick direkt anspringt. Im Glas ist nur leichte Öligkeit erkennbar, eine Kante bleibt beim Schwenken, aus der die Beinchen langsam ablaufen.

Das Ausgangsmaterial für diesen Mezcal ist die blaue Weber-Agave – daher sind sensorische Ähnlichkeiten zu Tequila kein Wunder (der ja ausschließlich aus dieser Agavenart hergestellt werden darf). Erdig, mineralisch, deutliche Agavenwürze, mildsüßlich, leicht fruchtig. Leichte Vanillenoten aus der Eichenholzfassreifung. Ein paar Alkoholspitzen, bei einer handwerklichen Spirituose mit 40% eher überraschend. Im Mund beginnt der Reposado süß, weich, erkennbar agavig. Im Verlauf nimmt er an Würze zu, wird pfeffrig, heiß, ohne den errochenen Alkohol dabei aber in den Vordergrund zu stellen. Insgesamt bleibt er aromatisch dezent, und während er eine fette, voluminöse Breite aufweist, fehlt es ihm an Tiefe und Ausdauer. Der Abgang ist daher eher kurz, sehr warm, bittersüß und voll, aber gleichzeitig irgendwie flach und nur vom Effekt am Gaumen, der eine ganze Weile nachglüht. Schöne, sehr blumige Jasminnoten hängen dabei am Ende lange im Raum. Insgesamt sehr angenehm trinkbar und rund, ohne in eine Richtung auszubrechen. Gerade der Jasmin am Ende ist dann aber superattraktiv.

Mir als Tequilaliebhaber kommt diese Art von Mezcal natürlich sehr entgegen, und sie zeigt letztlich, dass die namentliche Trennung dieser Spirituosen eine doch etwas willkürliche ist. Ich will diesbezüglich aber dennoch hoffen, dass Mezcal den Knall gehört hat, den die beinahe totale Industrialisierung von Tequila ertönen hat lassen – und es anders macht.

Kapverden zu Hause – M&G Rhum du Cap-Vert Grogue Velha

Literatur inspiriert. Daran besteht kein Zweifel, auch wenn es manchmal „nur“ recht banale Anreize sind, sich mit einer neuen, noch wenig bekannten Spirituosengattung auseinanderzusetzen. Die chinesische Literatur hatte mich zum Beispiel dazu gebracht, meine komplizierte Liebesgeschichte zu Baijiu zu beginnen; und Luca Garganos Buch „Nomade tra i barili“ drängte mich geradezu dazu, mit seiner poetischen Sprache und Lust aufs Fremde mich selbst als Armchair Explorer aufzumachen, eine Spezialität der Kapverdischen Inseln kennenzulernen: Den Grogue. Gargano schwärmt so begeistert über die native Spirituose dieser Inseln, dass mir der Zuckerrohrbrand nicht mehr aus dem Kopf ging.

Eine Flasche des M&G Rhum du Cap-Vert Grogue Velha ist nun also mein erster Kontakt mit Grogue. Letztlich ist das ein Rum aus Zuckerrohrsaft, der schon seit es Zuckerrohr auf den Kapverden gibt dort gebrannt wird. Eine traditionelle Spirituose also – was nicht heißt, dass es nicht auch Destillier-Neueinsteiger gibt, wie man an der Firma Música e Grogue sieht, die erst 2017 gegründet wurde. Die allgemeinen Grundlagen für Grogue sind  dieselben wie für praktisch alle Zuckerrohrsaftspirituosen – das lokale Zuckerrohr wird geerntet, innerhalb kürzester Zeit gepresst und der Saft dann fermentiert. Für den M&G Grogue Velha wurde so ein Zuckerrohrwein aus den Sorten cana prêta und cana riscada hergestellt und 2017 destilliert und dann für 14 Monate in den Weinkellern des Brenners in Tarrafal de Monte Trigo auf der Insel Santo Antão in Eichenfässern gelagert, die zuvor französischen Wein aus Gaillac enthalten hatten. Man darf sich hier keinen industriellen Hersteller vorstellen, ganz im Gegenteil – nur 604 Flaschen ergab diese Reihe, denn der allermeiste Grogue auf den Kapverden wird ungereift konsumiert. Eine der raren Flaschen habe ich mir also gesichert, schauen wir mal, wie sich der kapverdische Brand im Glas schlägt. 

M&G Rhum du Cap-Vert Grogue Velha

Der erste Eindruck ist überraschend – eine Mischung aus Portwein und mildem Essig, hätte ich gesagt. Dazu kommt eine gewisse Lacknote, und etwas Zitrusfrucht, Orange vielleicht, und erkennbare Ester. Kräuter sind da, eine Idee von Kerbel, und auch Gewürze, Kardamom vor allem. Eine süßlich-blumige Kopfnote schwebt über allem, mit etwas Vanille. Sehr interessant, und ungewohnt.

Weich und mild im Antrunk, süß, schokoladig, mildfruchtig. Schnell kommt aber eine pikante Würze dazu, Kardamom und Kerbel und sogar ein Anflug von Kümmel drücken nach oben, Zuckerrohrsaft und dunkler Kandiszucker unterstützen nun. Das Mundgefühl wechselt zu trocken, eine deutliche Bittere entsteht, Säure explodiert plötzlich und buttert die Süße unter. Eine sehr attraktive Mineralität entsteht, eine Erinnerung an Aquariumkies, Grasigkeit, dazu eine gewisse Salzigkeit und Pfeffrigkeit; eine tolle Vielschichtigkeit. Dabei bleibt der Grogue Velha klar und sauber, helltönig, Holzreifungsnoten sind nur vorsichtig da, Vanille hauptsächlich. 44% Alkoholgehalt geben Kraft, sind aber höchstens durch leichtes Prickeln spürbar. Eine selbst durchgeführte Zusatzmessung hat 0g/L ergeben.

M&G Rhum du Cap-Vert Grogue Velha Glas

Der Abgang ist süßbitter, dabei knackig trocken und nun doch sehr holzig und grün, ohne allzu astringierend zu werden. Der Nachhall ist sehr fruchtig, Johannis- und Brombeeren, Zuckerrohrsaft wird nun sehr prägnant, und hängt auch eine ganze Weile am Gaumen nach; in dieser Phase ähnelt der Grogue einer Cachaça sehr. Mit einem sehr kühlenden Rosenklang als Nachhall endet der Grogue erst sehr spät.

Ich empfinde das Gesamtbild als aufregend – ungewohnt, charaktervoll, einzigartig, komplex. Die naheliegende Verwandschaft zu Cachaça spürt man, sehr viel mehr als zu rhum agricole beispielsweise, dennoch wirkt der M&G Grogue Velha eigenständig genug. Das trinkt sich gut, ohne Anbiederung, für manche ist es allerdings wahrscheinlich etwas zu wild und zu kräuterig in der Komposition. Wer ungewöhnliche, neue Eindrücke bei Spirituosen mag, sollte aber auf jeden Fall einen Blick riskieren.

Als Rezept habe ich mir gedacht, dass ich ein Cachaça-Rezept adaptiere. Der Dummy Run ist ursprünglich für ungereifte Cachaça gedacht, der M&G Grogue Velha passt für mich persönlich noch besser dazu; Bananenlikör und Amaro geben Körper, der Rum die Würze für diese ungewöhnliche, aber extrem unterhaltsame Mischung – das ist ein Drink, von dem man gern direkt einen zweiten will.

Dummy Run Cocktail


Dummy Run
2 oz Cachaça (oder hier: Grogue Velha)
¾ oz Crème de Banane
½ oz Fernet
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Chaim Dauermann]


Die Flasche selbst ist unauffällig, das Etikett professionell, wenn auch etwas einfallslos gestaltet – aber was die Informationspolitik angeht, richtet man sich bei M&G offensichtlich eher an Transparenz aus, als an Geheimniskrämerei, was ich sehr gut finde – die Website des Herstellers bietet viele Informationen und Bilder der örtlichen Herstellung.

In Deutschland ist dieser Zuckerrohrsaftbrand aktuell noch nicht zu bekommen, ich habe ihn mir also aus Frankreich importiert. 40€ pro Dreiviertelliter ist nicht billig, aber für meinen persönlichen Geschmack für eine so interessante Spirituose angemessen, insbesondere, da sie laut eigener Aussage auf dem Rücketikett auch noch „fair“ hergestellt wird. Auch wird das Zuckerrohr ohne Dünger oder Pestizide angebaut. Dass man dabei für diese Nischenspirituose im Moment noch ordentlich drauflegt für den Export und die internationale Vermarktung, sieht man, wenn man Preise für Grogue vor Ort vergleicht; doch man muss als Spirituosenfreund immer bereit sein, finde ich, ein paar Euro extra zu zahlen, um Tradition und Handwerk in den Herkunftsländern zu unterstützen, wenn das auch nur ansatzweise geht.

Ich bin jedenfalls angefixt, habe noch ein Sample eines anderen, ungereiften Grogues zur Verkostung bereit, und eine Bestellung zweier weiterer Grogues direkt von den Kapverden ist auch schon am Laufen. Natürlich folgen dann entsprechende Artikel in Kürze!

Bier am Freitag – Lindemans Gueuze Lambic Beer

Belgisches Bier – ich liebe es. Sauerbier – ich liebe es. Belgisches Sauerbier? Uff, ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll. Lindemans Gueuze Lambic Beer hat also theoretisch schonmal alles, was der Bierfreund mit Neigung zur Säure sich wünschen kann. Hergestellt mittels Spontangärung und eingestellt auf 5,0% Alkoholgehalt beginnt die Vorfreude schon beim Eingießen, doch werfen wir erstmal einen Blick aufs Etikett. Die Zutatenliste enthält den für den RHGler Erschreckendes – Kandiszucker und Ascorbinsäure. Ersteres ist natürlich für die Flaschengärung ein wichtiges und natürliches Mittel; zweiteres dient der Stabilisierung und Verhinderung der Oxidation, ist für ein länger haltbares Bier zur Konservierung der Aromen nützlich – hier stimme ich allerdings dem Kritiker zu, dass ich mein Bier lieber ohne habe.

Lindemans Gueuze Lambic Beer

Auch wenn es filtriert ist, hat das Bier dennoch eine erkennbare, leichte Trübung. Diese betont das tolle, leuchtende Kupfer jedoch nur weiter; auch, dass zu keinem Zeitpunkt auch nur der Anflug von Schaum vorhanden ist, unterstützt das. Dabei findet sich eine erkennbare Perlage, nur bleibt eben nichts liegen. Der Geruch ist sehr typisch für ein Sauerbier dieser Art – Sekt, milder Essig, grüner Apfel. Hier kommt etwas malziges, holziges dazu: das Bier wurde auf Basis eines auf Eiche gereiften, einjährigen Lambics hergestellt, und das ist erkennbar in der Nase. Limettenschale, Grapefruit, insgesamt ein sehr heller, zitronig-frischer Duft.

Auch im Mund geht das nahtlos so weiter: Grapefruit, Limettensaft, Limettenschale. Die saure Frucht wandelt sich im Verlauf zu einer weinessigeren Säure, die von einer würzigen Süße unterlegt ist. Das sorgt für Körper und Komplexität, und macht das ganze verdammt süffig. Die Rezenz kommt zusätzlich über die gute Karbonisierung, dabei ist aber ein zwar frisches, aber doch irgendwie vollmundiges Mundgefühl vorhanden. Der Abgang ist mittellang, deutlich holzig und würzig. Sehr adstringierend und langanhaltend erfrischend. Am Ende bleibt eine starke Grapefruit-Bittere als Eindruck zurück.

Das Lindemans Gueuze Lambic Beer ist ein tolles Bier, trinkt sich herrlich, ist erfrischend und leicht. Ideal für den Sommer, oder zum Essen. Ich jedenfalls lege mir noch ein paar der knuffigen Viertelliter-Fläschchen in den Kühlschrank.