Maisel's Weisse Titel

Fünfmal Weißbier, bitte! Maisel’s Weisse

Die Berliner haben sie, und die Bayern auch. Beide nennen ihr liebstes Bier „Weisse“. Wer beide Sorten schonmal getrunken hat, wird mir zustimmen – unterschiedlicher können Biere kaum sein. Das Haupstadtbier ist ein sehr saures und leichtes Bier, das süddeutsche Getränk ein eher süßes, vollmundiges Schaumbier. Während ersteres eine Weile kurz vor dem Aussterben stand und praktisch nur durch das Interesse an alten Bierstilen im Zuge der Craftrevolution wiederbelebt wurde, hat letzteres ganz Süddeutschland, und auch Teile Restdeutschlands im Sturm erobert und wurde zu einer der beliebtesten regionalen Biersorten überhaupt. Die meisten Nichtbayern kennen es allerdings unter einem anderen Namen – Weizenbier, manchmal auch Hefeweizen.

Für die meisten Biertrinker ist das relativ irrelevant, doch die Weisse (ab sofort nutze ich diesen Begriff ausschließlich für die bayerische Variante) zeichnet gleich zwei Dinge aus. Erstens, sie ist der eine obergärige Braustil, der die Industrievereinheitlichung der deutschen Bierkultur auf ein standardisiertes untergäriges Pils in den letzten Jahrzehnten ohne Schaden überstanden hat, sogar floriert; alle anderen, wie Kölsch, Alt oder eben die Berliner Weisse, sind nur in Kulturtaschen übrig geblieben. Zweitens: einst war das Weißbierbrauen ein Privileg für die Hochherrschaftlichen. Das Weizenbiermonopol sollte dafür sorgen, dass der gute Weizen, eigentlich für die Brotproduktion geschützt durch das Reinheitsgebot, wenn dann doch verbraut wenigstens noch ein gute Einnahmequelle für den Landesherrn darstellte. Heute ist das natürlich nicht mehr der Fall, im Gegenteil, das Weißbier ist das Sommerbier, das die Leute im Biergarten über groß und klein miteinander verbindet.

Eine der ganz klassischen Marken in diesem Segment ist die Maisel’s Weisse. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts stellt die Bayreuther Brauerei Gebr. Maisel dieses Bier her, rund 400000 Hektoliter pro Jahr inzwischen. Fünf Sorten von Weißbier werden inzwischen hergestellt, die ich heute hier vorstellen will: Maisel’s Weisse Original, Kristall, Dunkel, Light und Alkoholfrei. Halten wir es bei einer solchen Menge von anstehenden Verkostungen einfach mal mit dem Herzkönig aus Alice im Wunderland: Beginnen wir am Anfang, fahren dann fort bis zum Ende, und hören dort auf.

Maisel's Weisse Sortiment

Der Anfang ist natürlich das Maisel’s Weisse Original. Wer Weißbier stilecht trinken will, braucht dafür aber erstmal ein entsprechendes Glas – durch die starke Schaumentwicklung, die durch die Flaschengärung entsteht, ist ein „Aus-der-Flasche-Trinken“ bei Weißbier auch schon rein technisch nur sehr suboptimal möglich. Ein echtes Hefeweizenglas präsentiert das Bier darüberhinaus auch schön, so dass man den kräftigen Safranton und die wunderbare Weißbierkrone beim Eingießen bewundern kann. Leider ist letzteres zügig verschwunden.

Der Geruch aber bleibt: Äußerst stark nach Banane. Leicht hefig. Nelken. Der wahre Kick bei Weizenbieren ist aber nicht die Nase, sondern der Geschmack. Und beim Maisel’s Weisse Original bekommt man ein archetypisches Hefeweizen. Voluminös im Körper und seidig im Mundgefühl. Dabei supererfrischend und durstlöschend dank sehr runder Süße-Säure-Balance; es läuft mir jedenfalls ohne jeglichen Widerstand zügig die Kehle runter.

Der nicht erwähnenswerte, kurzer Abgang mit einer etwas vordergründigen Süße sorgt dafür, dass der Gaumen wieder schnell offen für neues ist: Ein ideales Gebrauchsbier für die heißen Tage. Mit 5,2% sind wir auch dafür bereit, mal zwei oder drei davon zu konsumieren, wenn der Durst schlimm ist.

Maisel's Weisse Original

Man kennt es von anderen Bierstilen – eine natürliche Trübung wurde früher gern als Mangel wahrgenommen, der Traum war die strahlende Kristallklarheit. Dass diese scheinbar nur optische Veränderung auch Nachteile mit sich bringt, war der aufs Äußere gerichteten Biergesellschaft lange Zeit egal. Die Folge davon sind Biere wie das Maisel’s Weisse Kristall.

Blassgolden, fast schon bleich, und wie der Name schon sagt, kristallklar, steht es im Glas. Da auch erstmal wenig Schaum auftritt ist der optische Eindruck dann doch nicht so wie gewünscht. Auch beim Geruch muss man mit Einschränkungen rechnen: Leicht nach Hefe, Banane und Nelken – sonst geruchlich ziemlich neutral, sehr deutlich ärmer als das Hefeweißbier. Eine Nummer kleiner ist es auch im Alkoholgehalt: 5,1% weist das Kristall auf. Ich hoffe auf Verbesserung im Geschmack.

Dieser ist süßlich nach Nelken, doch mit einer vorbildlichen klaren Kante im Mund; würzig und dabei trotzdem recht klar. Leider bleibt das Kristall geschmacklich, bis auf die deutliche Nelkenkomponente, fast so neutral wie im Geruch. Mittelmäßig rezent ist es dennoch gut durstlöschend – das einzige, was dieses Bier noch rettet.

Die Einleitung zu diesem Bier machte es vielleicht schon deutlich: Ich bin kein Freund nachfiltrierter Biere. Mir ist unklar, warum jemand ein filtriertes Kristallweizen einem vollsatten, viel aromatischeren Hefeweizen vorziehen will. So ehrlich muss ich dann auch bei dem Bier von Maisel sein: Das Kristall ist ein dünner, oberflächlicher, recht langweiliger Durstlöscher, kein Bier, das man genießt. Das gilt für mich aber auch für die Kristallweizen aller anderen Hersteller. Man kann es aber schön im direkten Vergleich als Beweis dafür hernehmen, dass bei der Filtration und Klärung eine enorme Menge an Aromastoffen mit aus dem Bier herausgeschöpft wird.

Maisel's Weisse Kristall

Da wir schon bei der Farbe sind, können wir fortfahren mit einem Bier, das die Gemüter spaltet. Die einen lieben dunkles Weizenbier, die anderen wollen nichts damit zu tun haben, aus dem einen oder anderen Grund. Wie schlägt sich das Maisel’s Weisse Dunkel in dieser Kategorie?

Kräftige braune Farbe, gebrannte Siena, hefetrüb, dabei im Gegensatz zu manch anderem Dunkel in seiner Intensität nicht mit Colabier verwechselbar. Wenig Schaum für ein Weißbier, der nach einigen Minuten sogar fast ganz verschwunden ist. Erster Geruchseindruck: Metall. Das verfliegt aber schnell, und macht Platz für eine sehr tiefe, feine Würze. Malz, Holz, Rauch. Dazu ein Hauch Aprikosen. Sehr angenehm.

Auch im Mund sind diese Komponenten schön erschmeckbar. Die unabstreitbare Malzigkeit ist dabei aber nur leicht süß, die Würze steht im Vordergrund. Klar holzig und mit einem Anflug von Rauch. Nelken. Sehr attraktiv zu trinken. Hohe Rezenz, gut gekühlt auch sehr erfrischend, mit 5,2% Alkohol auch sortentypisch nicht zu stark. Wer mit dunklem Bier immer schwere Malzbrocken verbindet, wird hier eines besseren belehrt. Wer daher, wie ich oben erwähnte, kein dunkles Weizenbier anfassen will, weil er meint, es sei zu malzig-süß, sollte definitiv mal einen Blick auf das Maisel’s Weisse Dunkel werfen, um Vorurteile abzubauen.

Der Abgang bleibt eher kurz, knackig-säuerlich und nur leicht bitter, mehr edelherb, und trocken. Die von vielen anderen dunklen Bieren erinnerte pappige Süße am Gaumen fehlt komplett. Ich fasse mal kurz zusammen: Ein tolles Bier.

Maisel's Weisse Dunkel

Während diese bisher vorgestellten Sorten typisch und althergebracht sind, bewegen wir uns nun auf ein Segment der Bierherstellung zu, das in den letzten Jahren immer mehr an Anhängern gewonnen hat. Diese müssen dabei allerdings so einiges an Spott seitens der traditionellen, eher etwas unflexiblen konservativen Biertrinkerschaft einstecken.

Trüb und fast schon hennarot, mit feinem Schaum und hübsch anzusehen: Man würde nicht für möglich halten, dass es sich hinter dieser hübschen Oberfläche eine freakige Mutation versteckt – alkoholreduziertes Bier. 3,1%, also 40% weniger als das Original, weist das Maisel’s Weisse Light auf, das schmerzt auf den ersten Blick, da Alkohol ja Geschmacksträger ist. Ich riskiere es trotzdem, daran vorsichtig zu schnuppern, man muss aufpassen, vielleicht beißt es ja.

Etwas metallisch direkt nach dem Eingießen, das verfliegt aber nach wenigen Minuten. Es bleibt eine bananige Note, sahnig, minimalst fruchtig nach mildem Obst wie Birnen. Es ist aber schon zurückhaltend, beißt also nicht. Da kann man ja einen Schluck wagen.

Hm, bei allem vorurteilsbehafteten Spott, das Light weiß schon zu gefallen. Im ersten Antrunk merkt man erstmal nichts von der Alkoholreduktion, da kommen weißbiertypische Aromen wie Bananen und Nelken zum Vorschein, Süße und Säure spielen sich gut ein. Sehr süffig zu trinken, und mit weichem Mundgefühl. Erst im Abgang erkennt man einen deutlichen Unterschied zum Original – da ist sehr viel weniger Körper und Dichte, etwas weniger Würze, was dazu führt, dass die Süße vielleicht überhand nimmt.

Maisel's Weisse Light

Insgesamt bin ich aber sehr positiv überrascht, und mir sicher, dass sehr viele Biertrinker den Unterschied kaum wahrnehmen werden. Und wenn das so ist, dann stellt sich die Frage, warum man nicht öfters lieber ein leichteres Bier trinken sollte, wenn es aromatisch so ähnlich zum Vollbier ist. Wir trinken ja schließlich nicht wegen des Effekts, sondern wegen des Genusses, oder? Ich empfehle das jedem mal auszuprobieren. Gerade als Essensbegleiter ist das Maisel’s Weisse Light daher ein Geheimtip.

Nun begeben wir uns aber auf gaaaaanz dünnes Eis. Alkoholreduziert mag ja noch angehen. Aber komplett ohne Wirkstoff? Spaß beiseite – die allermeisten alkoholfreien Biere, die ich schon probiert hatte, haben durchweg enttäuscht. Doch optisch ist das Maisel’s Weisse Alkoholfrei erstmal nicht vom Original zu unterscheiden, selbe Farbe, selber Schaum, ein Zwilling. Geruchlich ist das Alkoholfrei aber deutlich metallischer, wie eine Packung neuer Stahlnägel aus dem Baumarkt. Etwas Banane, aber nur, wenn man genau aufpasst. Sonst recht neutral.

Geschmacklich ist es natürlich dann aber doch kein echter Vergleich zu einem alkoholhaltigen Bier. Das, was ich beim Light schon dezent angemeckert hatte, trifft hier noch mehr zu: Weniger Körper, deutlich weniger Aromen, bis fast hin zur Neutralität, eine sehr seltsame Süßsäure drängt sich zu stark nach vorn, die Karbonisierung wirkt dadurch zu stark. Mir fehlt diese klare Kante, die Alkohol in ein Bier bringt, hier einfach zu sehr. Auch der Abgang ist dann entsprechend zu trocken, und, im Gegensatz zum diesbezüglich noch gut erträglichen Light, ist die säuerliche Trockenheit im Abgang nicht mehr angenehm.

Maisel's Weisse Alkoholfrei

Nun, letztlich muss man als Genießer einen Tod sterben – entweder, man trinkt ein Bier, und muss mit dem Alkohol leben, oder man man lässt es und trinkt Limonade. Ich als größerer Brauer würde zwar durchaus was Alkoholfreies herstellen, dann aber nicht mehr „Bier“ aufs Etikett schreiben, einfach, um klarzustellen, dass dieses Getränk zwar erfrischend und qualitativ gut sein kann, aber mit einem echten Bier in eigentlich keinem der Faktoren, die wir Biertrinker an unserem Getränk der Wahl so schätzen, mithalten kann. Wie aber schon einleitend gesagt – mich hat noch kein alkoholfreies Bier überzeugt, das von Maisel schafft es auch nicht, landet in dieser Gruppe vielleicht sogar eher nur im Mittelfeld.

Alle diese Biere habe ich gut gekühlt frisch aus dem Kühlschrank getrunken, wie das die meisten Bierfreunde wahrscheinlich tun. Denn es gibt für viele kein größeres Grauen als warmes Bier – dass aber auch erwärmtes Bier durchaus charmant sein kann, sieht man in einem Biercocktail, der die langsam kühler werdenden Herbstabende, vielleicht sogar eine frostige Bayreuther Winternacht vorwegnimmt: dem Winter Sun. Nicht, dass man sowas nicht auch im Sommer trinken könnte.

Winter Sun


Winter Sun
2 oz Weißbier (z.B. Maisel’s Weisse Original)
1 oz heller Rum (z.B. Saint James Royal Ambré)
½ oz Grand Marnier Cordon Jaune
1 oz Orangensaft
½ oz Limettensaft
Alle Zutaten verrühren und leicht erwärmen. Warm servieren.
[Rezept leicht abgewandelt nach Frank Zirn]


Was ist mein Fazit? Dazu hole ich etwas aus. Ich habe seit einiger Zeit viele Dutzende von Bieren verkostet. Das, so merke ich, geht ein bisschen zu Lasten des Genusses – man schenkt sich ein Bier ein, und macht seine Verkostung, achtet auf alles, schnuppert und schmeckt, und notiert sich dabei dann Eindrücke. Mir macht das zwar Spaß, aber ab und zu will sogar ich dann einfach nur mal ein erfrischendes Bier trinken, ohne über Aromen, Farben, Schaum, Rezenz und Bitterkeit nachdenken zu müssen, und ohne dabei aber auf Qualität verzichten zu wollen. Das Maisel’s Weisse ist ein ideales Bier für derartige Gelegenheiten – es ist nicht übermäßig komplex (das würde mich wieder in die Verkosterschiene zwingen), aber gleichzeitig auf einem Niveau, das kaum Wünsche offen lässt. Besonders das Original und das Dunkel sind darüberhinaus archetypische Vertreter ihrer Biergattung, die ich jedem Weißbierfreund, oder denen, die es werden wollen, bedenkenlos ans Herz legen will, und das Light hat Potenzial, meine bevorzugte leichte Privatbiergartenweisse zu werden.

Und wenn man dann doch mal etwas modern-craftiges im Glas haben will, bietet die Brauerei mit ihrer Tochter Maisel & Friends ja sogar ganz hervorragende Alternativen – auch wenn konservative Traditionalisten, die sich mit der Weissen von Maisel noch gut arrangieren können, dazu vielleicht bayerisch-offenherzig Pfui Deife sagen werden.

Offenlegung: Ich danke der Brauerei Gebr. Maisel für die Zusendung von jeweils einer Flasche jedes hier vorgestellten Produkts, und für das passende Weißbierglas.

Bonpland Blanc VSOP Titel

Die Welt zu Gast bei Freunden – Bonpland Blanc VSOP

Rum ist „the next big thing“ in der deutschen Barwelt. Sagte man mir, und lese ich in letzter Zeit häufig in den sozialen Medien und der Fachpresse. Mich fasziniert daran besonders, dass die Barwelt scheinbar immer ein „next thing“ braucht – das gesteigerte Tempo unserer Wirklichkeit kreischt nach immer etwas Neuem. Nun will ich mich nicht grundsätzlich negativ über diese Wellen äußern, denn sie bringen in letzter Zeit auch etwas Gutes mit sich – der Gincraze sorgte für die Wiederbelebung einer langweiligen Spirituose, und brachte im Fahrwasser viel Schwung für Tonic Water und sogar Wermut mit sich. Rum ist ein Getränk, das dringend eine ähnliche Erfrischungskur bräuchte – das, was heutzutage immer noch in vielen Bestenlisten und Verkaufsempfehlungen oben auftaucht, hat mit echtem Rum nur noch selten etwas zu tun.

Umso spannender ist, dass Deutschland, das sich in Sachen Rum früher hauptsächlich als Produzent von mit Neutralalkohol gestrecktem Rum-Verschnitt einen schlechten Ruf hart erarbeitet hatte, nun wirklich in die Pötte kommt und oben bei dieser Erneuerung mitspielen will. Was mit Whisky schon seit einiger Zeit der Fall ist, passiert nun auch bei Rum: er wird plötzlich auch in Deutschland in angemessener Qualität hergestellt, oder aber selektiert, gereift und abgefüllt. Unter der Signatur Bonpland Rum wird letzteres betrieben. Dabei ist der heute hier vorgestellte Bonpland Blanc VSOP also nur am Ende seines Lebenszyklus in Deutschland beheimatet; er ist ein Kind vieler Eltern aus aller Welt – ein Blend aus Rums aus Trinidad, Guyana, Jamaica, Indonesien und Barbados, um genau zu sein. Das Besondere beim Bonpland Blanc VSOP ist das Finish, also die letzte Phase der Reifung, denn es geschieht in badischen Chardonnay-Barriquefässern. Schmeckt man diese Weltläufigkeit, oder wären die Reisenden besser an anderen Gestaden an Land gegangen?

Bonpland Blanc VSOP Flasche

Die natürliche Senf-Farbe ist ansprechend schon allein deswegen, weil sie nicht künstlich hergestellt wurde (siehe dazu später mehr). Aus dem Glas strömt schnell ein ganz eigener Geruch – schwer, süß, dicht. Schottisches Shortbread. Sehr angenehme helle, junge Rumaromen. Keine Ethanolnote oder Lack, dafür etwas Heizöl. Mandeln. Da ich noch den indonesischen Rum von Compagnie des Indes im Regal habe, erkenne ich die Ähnlichkeit; mir scheint also der indonesische Anteil recht groß zu sein. Eine leicht fruchtige Note schwingt nach, erinnernd an Cognac.

Eine leichte medizinische Note, wie bei einem irischen Whiskey fällt als erstes auf. Im Mund liegt der Bonpland Blanc zart und weich, mit leichtem Körper und vielen Obertönen nach Haselnuss, weißer Schokolade und Butterscotch. Sehr mild und rund für einen Rum, der zwischen 4 und 6 Jahre, gemäß dem VSOP-Prädikat, reifte. Im mittellangen Abgang lässt er dann aber doch seine Hemmungen fallen – da ist er dann doch gar nicht unangenehm pfeffrig-scharf, feurig und leicht zungenbetäubend. Eine feine, zurückhaltende Süße bleibt dazu im Mundraum. Auch ein buttriges Gefühl ist noch lange da, sehr ähnlich wie beim Hot Buttered Rum, den ich mir neulich zur Krankheitsprophylaxe angerührt hatte – hier meine ich den Jamaikaner-Anteil rauszuschmecken. Insgesamt vom Geschmacksprofil bleibt er aber ein eher süßlich-weicher Rum.

Man sieht schon – ich ziehe hier ziemlich viele Vergleiche. Der Bonpland Blanc VSOP wildert aromatisch in den unterschiedlichsten Spirituosenkategorien, von Rum über Cognac bis zum Whiskey findet der geneigte Verkoster von allem etwas. Ein Rum, in dem man die einzelnen Rumgebiete, die verblendet wurden, tatsächlich teilweise geschmacklich erkennen und beim Verkosten verfolgen kann: Sehr schön gelöst von Master Blender Andreas Vallendar von der Avadis Distillery hier bei mir um die Ecke zwischen Saar und Mosel, von der auch Ferdinand’s Gin stammt.

Bonpland Blanc VSOP Rücketikett

Das Etikett spricht die mir bei Rum extremst wichtigen Punkte klar aus – kein Zuckerzusatz, keine Färbung. Auch auf eine Kältefiltration wurde zugunsten der Aromen verzichtet, die bei dieser Art der Entfernung von Fuselstoffen oft mit ausgeklärt werden. Allein mit diesen Angaben hat mich der Hersteller schonmal überzeugt, dass er es ernst meint mit seinem Rum, und nicht nur ein Modeprodukt zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt werfen will – hätte er noch 45% statt die vorhandenen 40% Alkohol angesetzt, ich wäre restlos begeistert.

Auch die Idee der Transparenz, was die Herkunft der Blendanteile angeht, ist grundsätzlich sehr lobenswert – bis auf den leider nur in Werbetexten auftauchenden Hinweis auf den Zusatz von Batavia Arrak. Das Etikett jedenfalls schweigt sich über diese Zutat aus, schade, denn ich finde einen Nicht-Rum in einem Rumblend doch durchaus erwähnenswert, selbst wenn javanesischer Arrak ein dem Rum äußerst ähnliches Zuckerrohrdestillat ist. Und die ausschließliche Erwähnung von „Rhum der französischen Antillen“ im Werbetext, statt ihn als Rumquelle auf dem Etikett zu deklarieren, wirkt dann halt zusätzlich noch inkonsequent und stößt tiefer interessierte Rumkenner etwas vor den Kopf, die sich von den oben erwähnten positiven Seiten schon im Siebten Himmel wähnten – das Etikett sollte die zentrale Informationsquelle sein. Ich gebe zu, ich bin hier ein gebranntes Kind und daher kritischer, als man in diesem Fall sein müsste.

Wie macht der Bonpland Blanc VSOP sich in der Mixtur mit anderen Zutaten? Rumcocktail, da denkt man erstmal an Tiki. Und ich mag hin und wieder einen Tiki-Drink, wenn er gut gemacht ist. Mit den langweiligen Saftbomben, die man hier in Saarbrücken immer noch meistens mit Cocktails assoziiert (da sind wir im Saarland irgendwie in den 90ern hängen geblieben), hat schon das nicht mehr viel zu tun. Doch selbst gute Tiki-Drinks bleiben bei mir hinter einem echten, reduktionistischen, alkohollastigen Prohibition-Era-Drink zurück, der ohne Saft – höchstens noch Zitrone – auskommt. Ich halte es da gern mit dem bekannten Hamburger Barchef Jörg Meyer, der den Fruchtanteil eines gutgemachten klassischen Cocktails lakonisch so definiert: „Fruchtzeste“. Ein Beispiel dafür ist sein White Old Fashioned – und der Bonpland Blanc VSOP passt da rein wie die Faust aufs Auge – auch wenn der entstehende Cocktail dann nicht so richtig weiß ist.

White Old Fashioned


White Old Fashioned
2 oz weißer Rum (z.B. Bonpland Blanc VSOP)
⅓ oz Sirop de Canne de Martinique
2 Spritzer The Bitter Truth Old Time Aromatic Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept leicht abgewandelt nach Jörg Meyer]


Das Portfolio ist von Anfang an breit aufgestellt: Neben dem hier gezeigten Blanc VSOP bietet der Hersteller noch einen dunklen Bonpland Rouge VSOP, ebenfalls in Ex-Weinfässern gefinisht, an, sowie eine Barrum-Schiene mit ungereiften Mixrums. Die edelsten Bonplands sind dann über 20 Jahre alt und stammen aus Destillerien, die das Herz der Rumsammler erfreuen, wie Enmore und Caroni. Und schließlich soll es noch Bitters und Liköre unter diesem Label geben – ich hoffe, hier wird sich nicht verhoben, bei so einer Parallellast.

Den halben Liter bekommt man für 37€ – nicht billig, aber für das Gebotene durchaus fair. Neben dem Inhalt erhält man eine opulente Produktpräsentation, in einer Designflasche, üppigen Etiketten, einer stabilen, runden Kartondose und – und das habe ich so bei einem Produkt dieser Preisklasse noch nicht gesehen – einem Glasverschluss.

Bonpland Blanc VSOP Glasverschluss

Jener ist zugegebenermaßen recht schwer zu öffnen und wieder zu schließen, gibt dem ganzen aber diesen letzten Touch an erschwinglichem Luxus, mit fast ein bisschen zu überfließendem Glööckler-Style. Ein schwelgerischer Gegenentwurf jedenfalls zu Felix Kaltenthalers kühl-aggressivem Stil bei Revolte und den minimalistischen Etiketten der neuen Foursquare-Rums.

Normalerweise dienen solche optischen und haptischen Gimmicks ja dazu, über den mäßigen Inhalt hinwegzutäuschen. Beim Bonpland Blanc VSOP scheint es mir wirklich einfach der Ausdruck der Begeisterung beim Herstellen zu sein. Denn der Inhalt ist gut, gefällig, ehrlich (das mit dem Arrak– und Rhum-Anteil könnte deklarativ verbessert werden) und damit ein angenehmer neuer Vertreter für die aufkeimende deutsche Rumszene, die kreativ mit Spirituosen arbeitet und dabei ohne künstliche Hilfsmittel und Geschmacksverstärker auskommt.

Metaxa 3 Stars Titel

Sterne über Griechenland, Teil 1 – Metaxa 3 Stars

Einer der meistaufgerufenen Artikel meines Blogs ist der über den Metaxa-Klon Akropolis des Discounters Aldi. Einerseits freut mich das Interesse an meiner Berichterstattung, andererseits bin ich doch etwas überrascht darüber, dass soviele Leute nach einer Alternative zu Metaxa suchen. Für die einen scheint Metaxa nicht mehr als eine Kochzutat für Gyros in Metaxasauce zu sein, und wollen daher nicht viel Geld ausgeben für etwas, das einen derart eingeschränkten Nutzen für sie hat; andere glauben vielleicht, dass es der Markenname ist, den man bezahlt, und dass No-name-Produkte gleiche Leistung bei niedrigerem Preis bieten, ein Image, das sich die Discounter gern aneignen. Oft mag das stimmen; bei Metaxa ist es jedenfalls falsch.

Offensichtlich muss in Bezug auf Metaxa, einer meiner absoluten Lieblingsspirituosen, mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden. Ich beginne daher eine kleine Serie, in der ich die unterschiedlichen Qualitätsstufen von Metaxa (dem echten und einzigen, natürlich!) vorstellen will – passend zur Bezeichnung dieser Stufen, die vom Hersteller über eine Anzahl von Sternen erfolgt, nenne ich sie „Sterne über Griechenland“. Ich hoffe dadurch die Alternativen Suchenden davon zu überzeugen, dass ein paar Euro mehr, die das Originalprodukt kostet, hier direkt einen enormen Geschmacksgewinn bringen – und bei dem breiten Angebot, das Metaxa dem Konsumenten bietet, findet vom Saucenkoch über den Mixologen bis zum anspruchsvollen Genießer jeder etwas in diesem Sortiment.

Beginnen werden wir unten auf der Qualitätsleiter mit einer niedrigen Anzahl von Sternen: Der Metaxa 3 Stars ist das Basisprodukt des Herstellers. In Deutschland ist er vergleichsweise schwer zu bekommen, da er vom offiziellen Vertrieb nicht aus Griechenland exportiert wird – man muss ihn in kleineren Online-Shops bestellen, meist völlig überteuert zu einem Preis, für den man schon die 5-7-Sterne-Variante bekommt. Oder man macht es wie ich: Ich bringe immer eine kleine 35cl-Flasche davon aus dem Urlaub mit, günstig eingekauft in einem kretischen Supermarkt.

Metaxa 3 Stars Flasche

Wie bei vielen Spirituosen sollte man auch beim Metaxa leider nicht viel auf die Farbe geben; sie entsteht durch Nachfärbung mit Zuckerkulör. Warum die Hersteller dann immer den gleichen, warmbraunen Bernsteinton wählen, wenn sie doch freie Möglichkeiten der Einfärbung haben, sollte uns zu denken geben, die wir gern Spirituosen in diesem Farbton kaufen, der uns bei Whisky, Rum, Weinbrand und anderen vorlügen soll, wir hätten hier einen alten, wertvollen Brand vor uns.

Wer sich fragt, warum der 3-Sterne-Metaxa hier nicht offiziell angeboten wird, wird schon durch ein Riechen am Glas aufgeklärt. Lack, Schwefel und Ethanol sind sehr präsent, erst dahinter erkennt man das Metaxa-typische Rosenaroma. Es ist aber da, im Gegensatz zum Aldi-Akropolis. Und im Mund ist das dann doch eine andere Welt; die kräftige Weinbrandbasis ist mit 36% Alkohol feurig und warm im Mund, süßlich und schokoladig, samtig und mit kaum einem Kratzen. Die Rosenblütenaromatisierung sorgt für eine feine Leichtigkeit und angenehme Blumigkeit, die den Metaxa so einmalig macht. Im kurzen Abgang schließlich leicht trocken und etwas bitter, schweflig und kribbelnd, im Hals etwas eckig und kratzig – das erinnert an billige deutsche Weinbrände und ist auch schon das negativste, was man über diesen Griechen sagen kann. Als Fazit – das ist keine große Kunst, aber eine solide Basisspirituose, auf der man aufbauen kann.

Warum gebe ich mich überhaupt mit dieser nur mittelmäßig begeisternden Basisversion von Metaxa ab? Erstens ist es interessant, dass selbst dieses scheinbar so hässliche Entlein im Metaxa-Teich allen Klonen weit überlegen ist. Gegen die Kopien ist der Metaxa 3 Stars dann doch ein Schwan. Zweitens ist er für mich ein Beweis dafür, dass in Cocktails, Highballs und Longdrinks auch Zutaten, die der Purtrinker eher abschätzend betrachtet, zu allerhöchster Form auflaufen können. In meinen Kreta-Urlauben habe ich es zum unerlässlichen Ritual gemacht, in der Taverna Gorgona in Stalis einen Athens zu trinken. Das ist ein großer Name für die einfache 1:1-Mixtur aus Metaxa und Orangensaft; wer ihn aber schonmal dort getrunken hat, wird sich die Finger nach ihm schlecken. Und sich auf immer neue, spektakuläre Umrührer freuen, die der Wirt dazu ins Glas steckt.

Taverna Gorgona's Athens


Taverna Gorgona’s Athens
Ein Glas mit Eis befüllen.
Dann, im gleichen Verhältnis, Metaxa und Orangensaft eingießen.
Umrühren.
[Rezept nach Giannis Kamnakis]


Das alleraberwitzigste an diesem Highball war, dass ich verzweifelt versucht habe, ihn zu hause nachzumischen, mit 12-Sterne-Metaxa und frisch gepresstem Orangensaft und allerlei Trara. Doch nie erreichte ich die Geschmackserinnerung, die ich mit dem Athens auf Kreta verband. Die Lösung erfuhr ich erst spät vom Wirt der Taverne – der Trick besteht in der scheinbar niedrigen Qualität der Zutaten. Metaxa 3 Stars, aus der seit Wochen offenstehenden 2-Liter-Flasche, dazu der billigste Orangensaft aus Konzentrat, den man im Tetrapack bekommen kann. Und, was soll ich sagen – so funktioniert es! Es ist fast zum Lachen, aber auch ein Augenöffner für Schnapssnobs wie mich, die meinen, alles noch durch immer noch hochwertigere Zutaten verbessern zu können.

Soviel zum ersten Kapitel des Metaxa-Epos bei schlimmerdurst.net. Haltet Ausschau nach Teil 2 der Serie „Sterne über Griechenland“, die dann die Version des griechischen Weinbrands beschreibt, die man in Deutschland als günstigste Fassung bekommen kann – den Metaxa 5 Stars. Wer es bis dahin nicht aushält, kann sich ja vielleicht mal den mit Honig aromatisierten Metaxa with Greek Honey anschauen; ich wünsche jedenfalls Καληνύχτα και όνειρα γλυκά!

Kronenbourg 1664 Titel

Die spinnen, die Gallier – Kronenbourg 1664 Bière Premium

Wie sehr habe ich mich darüber gefreut, dass ich als grenznah Wohnender so leichten und preislich attraktiven Zugriff auf rhum agricole, Cognac, Armagnac und andere französische Spitzenspirituosen habe. Für Schnaps haben die Franzosen ein Händchen, ohne Zweifel. Über Wein brauchen wir auch nicht zu reden (weil ich mich damit überhaupt nicht auskenne, hauptsächlich), doch mir fiel neulich bei einer gedanklichen Retrospektive meiner Bierrezensionen auf, dass ich dieses schöne Land diesbezüglich noch nicht im Besprechungsportfolio habe. Woran liegt das? Ich kenne gute deutsche, belgische, italienische, amerikanische und britische Biere. Warum hält sich ausgerechnet die Genießernation Frankreich so beim Bier zurück? Mögen sie es einfach nicht?

Tintin et les Picaros © Casterman
Tintin et les Picaros © Casterman

Im französischen Supermarkt bietet sich dann ein entsprechendes Bild: Dutzende von deutschen, belgischen und internationalen Biersorten kann man zwar kaufen, doch wenn man sich auf die Suche nach einem landeseigenen Gerstensaft macht, läuft man gegen eine rot-blaue Wand – die Brasseries Kronenbourg aus dem Elsass, mit ihren zwei Hauptprodukten Blonde und 1664, dominiert das Bild zumindest hier im Département Moselle völlig. Neben diesen Industrie-Massenprodukten sind im Supermarkt erhältliche französische Biere kleinerer Hersteller dann oft wenig alltagstaugliche Spezialbiere, mit 15% Alkohol und anderen Sperenzchen, aromatisiert bis zum Umfallen, oder Spaßbiere wie Desperados, die man nur noch mit Mühe als Bier bezeichnen will. Es scheint, als hätten die Franzosen einfach kein Verhältnis zum Bier.

Nun muss ich halt in den sauren Apfel beißen, beziehungsweise das direkt Verfügbare verkosten. Ich habe mich nach kurzem Inmichgehen für das Kronenbourg 1664 (gesprochen „seize soixante-quatre“, also sechzehnvierundsechzig) entschieden; seit 350 Jahren Brautradition, na, da muss doch was rüberkommen.

Kronenbourg 1664 Flasche

Wie so viele Lager gibt sich das Kronenbourg 1664 auch keine Blöße, was den optischen Eindruck angeht – so stellt man sich ein Bier vor. Strahlender Bernstein, kräftige Perlage, schöner, feiner Schaum. Geruchlich ist da Hefe, ein Touch Hopfen, und ein Hauch Orange. Das wars aber auch schon.

Das erste, was mir nach dem ersten Schluck auffällt, ist ein ziemlich unangenehmer Fehlton, der kaum wieder aus dem Kopf zu bekommen ist – chlorig, gemüsig und fast schon ziegenkäsig. Wurde hier chloriertes Wasser zum Brauen benutzt, oder ist das ein Rückstand von DMS (Dimethylsulfid)? Ansonsten habe ich bei Industrie-Lagerbieren inzwischen aufgegeben, groß nach Aromen zu suchen – auch das 1664 hat einen sehr reduzierten Geschmack, es ist eher auf der süßlichen Seite verortet und vergleichsweise dumpf zu trinken. Nur gut gekühlt erhält man einen Frischefaktor, der Hersteller empfiehlt 4-6 Stunden Kühlung, um 6-8° zu erzielen.

Kronenbourg 1664 Glas

Der Abgang ist mild, süßlich, mit nur minimalster Bittere, und sehr sehr kurz, eigentlich praktisch nichtexistent. 5,5% Alkohol sind gut in der Süffigkeit verborgen. Schade, dass Lager als Bierstil inzwischen zu so dünner Brühe verkommen ist, ein Effekt, den man bei sehr vielen massenproduzierten Lagern beobachten kann.

Ich habe, ehrlich gesagt, so meine Schwierigkeiten, dieses Bier als Cocktailzutat zu empfehlen. Diese Chlornote könnte sich auch in Mixturen negativ bemerkbar machen, so meine Befürchtung. Ich riskiere es natürlich, mutig wie ich bin, trotzdem. Im Coupe de Ville hat das 1664 genug starke Kontrahenten, die die schlimmsten Fehler im Bier ausbügeln können sollten – und der Mut zahlt sich tatsächlich aus. Ausgesprochen lecker.

Coupe de Ville


Coupe de Ville
¾ oz Tequila Añejo (z.B. Herradura Añejo)
¾ oz Limettensaft
¾ oz Orangensaft
½ oz Orangenlikör (z.B. Le Favori)
Alle Zutaten auf Eis shaken. Dann…
2 oz leichtes Bier (z.B. Kronenbourg 1664)
…dazugeben und leicht umrühren.
[Rezept nach Lisa Lavery]


Erworben habe ich das Bier im französischen Record, für unter 4€ für 6 kleine 250ml-Fläschchen im typisch französischen vollummantelten Sechsertragerl. Auch wenn ich es nicht wirklich empfehlen will: wenn man dran vorbeiläuft auf dem Weg zu einer Grillparty oder einem Public Viewing, kann man es mal mitnehmen.

Kronenbourg 1664 Tragerl

Als Fazit muss man festhalten, dass es kein Wunder ist, dass die Franzosen so wenig Bier trinken, wenn ein Bier wie das Kronenbourg 1664 ihr liebstes Bier ist (oder ist es umgekehrt?) – die spinnen, die Gallier. Erneut dankt man Gott, dass in Deutschland die Bierindustrie sich nicht dazu herablässt, solche Suppe zu produzieren.

Doch eins gilt es zu bedenken: Die USA waren einst in derselben Situation. Lasches Massenbier war gang und gäbe, bis sich ein paar Leute das nicht mehr gefallen ließen und die Craftbier-Welle lostraten, die nun die ganze Welt erfasst hat, und hervorragendes, charakterstarkes und interessantes Bier hervorbringt. Gerade für ein Genießerland wie Frankreich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Welle auch an die Küsten der Grande Nation schwappt, und bei dem Perfektionismus, den die Franken bei allem, was den Genuss angeht, an den Tag legen können, muss man dann irgendwann garantiert sagen: Gnade Euch Gott, Bierkonkurrenz, wenn die Gallier mal aus ihrem Dornröschenbierschlaf aufwachen sollten. Laut dem Magazin Frankreich erleben #60 gibt es doch viele kleine lokale Brauereien, deren Biere ich nun mal anfordern werde, um bei diesem Aufbruch mitzuhelfen und den Geschmack des Kronenbourg aus dem Mund zu bekommen.

Linie Aquavit Double Cask Titel

Ein Schnaps geht um die Welt – Linie Double Cask Aquavit

Ein sehr gefragtes Qualitätssiegel ist eine geschützte Herkunftsbezeichnung. Sie besagt, dass ein spezielles Produkt tatsächlich nur in einer kleinen Region hergestellt wurde, aus der es ursprünglich stammt. Die bekanntesten Beispiele dafür sind wahrscheinlich Parmaschinken, Nürnberger Rostbratwürste, Bündnerfleisch oder Kölsch. Man erhofft sich davon ein gewisses Qualitätsversprechen – die Ware wird nicht am günstigst möglichen Ort produziert, sondern dort, wo man Erfahrung damit hat.

Einen ganz anderen Weg geht der norwegische Aquavit-Brenner Arcus. Er setzt mit seinem Produkt Linie Aquavit voll auf Globalität – der Brand, hergestellt in Pot Stills aus Kartoffeln, Kräutern und Gewürzen, lagert erstmal ein Jahr in Ex-Oloroso-Fässern in norwegischen Kellern, und tritt dann eine Reise um die Welt an. „Twice across the Equator“ schreiben die Hersteller groß aufs Etikett. Rund 4 Monate ist der Aquavit so unterwegs. Ein Weltenbummler also, der stolz darauf ist, eben nicht in einer kleinen Region als Landei hergestellt zu werden.

Für den normalen Linie Aquavit ist die Reise dann zuende, und er wird in Flaschen abgefüllt und verkauft. Der hier vorgestellte Linie Double Cask Aquavit hat mit seiner Wanderzeit seine Geschmacksausbildung aber noch nicht abgeschlossen – er wird nach seiner doppelten Äquatorüberquerung dann noch ein Jahr in Ex-Portwein-Fässern nachgereift. Merkt man von dieser doppelten Fassreifung und doppelten Erdumseglung etwas im Glas, oder ist das eine Marketinglegende, wie sie es in der Spirituosenwelt so viele gibt?

Linie Aquavit Double Cask Flasche

„Bernstein“ wird ja immer etwas überstrapaziert und benutzt, sobald eine Spirituosenfarbe zwischen gelb und braun liegt. Ich nutze weiterhin gern das Farbenrad von Single Malt Whisky von den Blogkollegen von eyeforspirits.com – und das weist mich auf M5 Ocker, mit Tendenz zum M6 Safran hin. Schnell ablaufende, dicke Beine beim Schwenken gefallen ebenso wie die Farbe.

Ein Aquavit hat eine eindeutige Geruchssignatur, die man auch beim Linie Aquavit wiederfindet. Kümmel, Lack, mit Anklängen von gereiftem Korn. Ein duftkräuteriger Unterton nach Lavendel und Thymian. Vanille. Schwer zu verriechen ist er allerdings schon etwas, weil eine stechende Alkoholnote tiefes Schnuppern unterbindet, die auch nach einigen Minuten offenstehen nicht verschwindet – bei mäßigem Riechen fällt es einem aber kaum auf, da ist also keine starke Alkoholfahne.

Der Kümmel ist auch das dominierende Element im Mund – etwas anderes sollte man von einem Aquavit auch nicht erwarten. Eine tiefe, würzige, kribbelnde Kandissüße begleitet die Kräuteraromen. Den fruchtigen Einfluss von Sherry und Port erkennt man deutlich, darüberhinaus schleift das Finish Kanten rund und gibt ein weiches, samtiges Mundgefühl – ohne aber zu gaumenschmeichlerisch zu wirken, denn man bekommt auch ordentlich zungenreinigendes Feuer ab, das nicht allein durch 41,5% Alkoholgehalt erklärbar ist: In diesem Brand ist Leben.

Der Abgang ist entsprechend pfeffrig scharf, recht kurz, süß und lässt ein warmes Brummen im Mundraum zurück: Durch diese Intensität vermisst man auch die Länge nicht wirklich.

Ja, das ist ein Brand, der pur schon soviele Qualitäten aufweist, dass er diese auch in einem Cocktail weitergeben kann, ohne dass man fürchten müsste, er würde gegen andere Zutaten untergehen. Das Feuer und die Kümmelnote sorgen für wuchtige Drinks – der Scandi Gibson (der erste Teil des Namens steht wahrscheinlich als Abkürzung für „scandinavian“) ist entsprechend eine erfreulich abwechslungsreiche Rezeptur für Gaumen, die sich nicht beirren lassen und auch mal gern etwas würzigeres im Glas haben als immer nur die süß-sauren Standarddrinks.

Scandi Gibson


Scandi Gibson
2 oz Aquavit (z.B. Linie Double Cask Aquavit)
1 oz Saint-Raphaël Ambré
10 Tropfen The Bitter Truth Jerry Thomas‘ Own Decanter Bitters
20 Tropfen The Bitter Truth Celery Bitters
Mit einer Cocktailzwiebel servieren.
[Rezept nach Avery Glasser]


Bei Aquavit geht es wahrscheinlich vielen wie mit Korn – das kennt man eigentlich nur ungereift, als Absacker nach dem Essen, der einem die Papillen ausbrennt. Wie ich schon bei einem aromatisch verwandten Brand, dem Münsterländer Lagerkorn, feststellen konnte, gibt es immer Ausnahmen von solchen Vorurteilen: Mit dem altbackenen Rachenputzer des Opas hat der Linie Double Cask Aquavit nichts mehr zu tun. Das ist ein herrlicher Sipper, den man, wenn man Lust auf ein bisschen Disko im Mund hat und einem gerade ein Bourbon oder Rum zu freundlich vorkommt, vor sich hin nippen kann. Alternativ bleibt er trotzdem immer noch ein perfekter Digestif nach deftigem Essen: Ein Alleskönner also, den man als Spirituosenfreund dringend ausprobieren sollte.

BraufactuM Soleya Saison Titel

Für ein gutes Bier ist immer Saison – BraufactuM Soleya Saison

Ein Kollege von mir brachte mir neulich, Mitte August, eine Packung Spekulatius vorbei. Frisch aus dem Supermarkt. Nun kennen wir ja alle diesen Effekt, dass zu Weihnachten bereits die Ostersaison vorbereitet, zu Ostern schon alles für den Sommer ausgestellt, und im Spätsommer dann wiederum schon langsam die Weihnachtsartikel in die Schaufenster geräumt werden. Doch für manche Artikel scheint selbst diese lange Vorlaufzeit nicht mehr genug zu sein – frühere typische Saisonartikel wie Spekulatius will der ungeduldige Käufer halt auch schon im August kaufen können. Das erodiert auf die Dauer unser Gefühl für eine Jahreszeit, die ein einmaliges Lebensgefühl mit sich bringt – Dauererhältlichkeit von typischen Saisonprodukten macht auch das Ereignis selbst austauschbar, aber scheinbar stehe ich mit dieser Gesellschaftskritik allein da, denn die Konsumenten nutzen das Angebot eifrig, ansonsten gäbe es es nicht.

https://twitter.com/WebChaot/status/769798135216476161
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Auch bei Bier gab es seit jeher Sorten, die man zu einer bestimmten Jahreszeit herstellte und trank. Eisbock und Märzen sollen als einleitende Beispiele dienen, für jahreszeitliche Herstellung. Aber auch der Konsum von manchen Biersorten war zweckgebunden: Ein Saison ist ein Bier, das mit einigem Vorlauf eingebraut wurde, um während der Erntezeit als flüssige Kost belgischen Feldarbeitern das Leben etwas leichter und angenehmer zu machen. Ein kühles Bier während der Schufterei in der Hitze, was besseres gibt es doch nicht. Damit die Erntehelfer nicht torkelnd die Ähren zertreten, war das Bier entsprechend eher leichter, was den Alkoholgehalt angeht, und hochgehopft, um den Erfrischungsfaktor zu steigern.

Nun, natürlich schlägt auch bei Saison-Bier der oben genannte Mechanismus der Dauererhältlichkeit zu. Daher bekommt man auch schon im Frühjahr, und auch ohne dass man hart im Freien dafür arbeiten müsste, in den gekühlten Räumlichkeiten von Getränkefachmärkten Saison-Biere angeboten. Wir nähern uns diesem Bierstil einfach mal durch das BraufactuM Soleya Saison.

BraufactuM Soleya Saison Flasche

Die Farbe, naturtrüb, ocker, mit feinporiger Schaumkrone, lässt zumindest schonmal ein halbabgeerntetes Getreidefeld vor meinem inneren Auge entstehen. Auch die starke Perlage sorgt für Vorfreude auf einen erfrischenden Schluck. Wenn man fantasievoll ist, lässt sich dieser Gedankengang auch im Geruch weiterverfolgen. Zunächst erinnernd an fruchtiges Pale Ale in seiner klaren Hopfenlastigkeit, taucht auch schnell ein leichter Malzcharakter auf. Das Erntefeld ist erriechbar mit erkennbar kräuterigen Komponenten, dazu Anklänge von Basilikum und Lavendel.

Die Fruchtigkeit eines Pale Ale bleibt auch beim Soleya Saison als erster Gaumeneindruck bestehen. Sehr samtiges Mundgefühl. Ich schmecke deutliche Orange, aber auch im Geschmack kommen Kräuter durch – Rosmarin vielleicht, etwas Heu. Die Leichtigkeit des Biers äußerst sich in einer gewissen Körperschwäche, man erhält eigentlich nur Kopfnoten. Dezent bitter, ein Tick salzig, dennoch mildsüß.

Der Abgang schließlich ist extrem kurz, für mich persönlich sogar einer der kürzesten Abgänge bei Bier, die ich kenne. Im Mund verbleiben keine Aromen, höchstens etwas Hefe, nur eine milde Trockenheit. Ein Durststiller, keine Frage.

BraufactuM Soleya Saison Glas

Für viele Bierconnaisseure ist es wichtig, dass ein Bier auch seinem intendierten Bierstil gerecht wird. Der leichte Charakter eines Saison ist klar vorhanden, auch die Frische und Hopfigkeit. Beim Alkoholgehalt dagegen wollen sich die Brauer von BraufactuM dann doch nicht so ganz in die Vorgaben fügen – 6,5% ist schon eine Hausnummer. Da wäre sicher die eine oder andere Ernte daneben gegangen.

In Cocktails kommen normalerweise Biere besser an, die einen gewissen Körper und eine oft damit einhergehende Wucht mitbringen können. Leichte Biere haben es schwerer, und dienen oft dann hauptsächlich nur als aromatisierter Blubberbringer. Das Soleya ist zwar wirklich kein Bodybuilder, legt sich aber im The Reality Check trotzdem bewundernswert ins Zeug. Man beachte den schönen Übergang der zwei Flüssigkeiten, die entsteht, wenn man vorsichtig eingießt.

The Reality Check


The Reality Check
einige gemuddelte Beeren der Saison (ich nehme Stachelbeeren)
⅔ oz polnischer Vodka (z.B. Grasovka)
⅔ oz Becherovka
¼ oz Limettensaft
⅓ oz Zuckersirup
1 Spritzer Zitronenbitter
Alle Zutaten auf Eis shaken, dann aufgießen mit…

2⅔ oz BraufactuM Soleya Saison
[Rezept nach Simone Caporale]


Das Soleya Saison wird mit Pilsener Malz, Karamellmalz, Röstmalz und Weizenmalz angesetzt, und mit Enigma und Magnum gehopft. Das ganze ist dann abgefüllt in 355ml-Sonderflaschen zu einem nicht unbescheidenen aber auch nicht übertriebenen Preis von knapp 2,50€ ganzjährig erhältlich, in den inzwischen weit verbreiteten BraufactuM-Spezialkühlschränken beispielsweise. Ich werde hin und wieder gern zugreifen, auch wenn nicht gerade Erntezeit ist. Und muss mir dann eine Entschuldigung für den Kollegen ausdenken, der mir den Spekulatius brachte, und dem ich eine Tirade über Saisonware hielt.

Niepoort Dry White Porto Titel

Gestörte Farbwahrnehmung – Porto Niepoort Dry White

Portugal ist Fußball-Europameister. Jahrelang hatte ich, als ich mich noch für Fußball interessierte, den Portugiesen die Daumen gedrückt, sie waren bei Tippspielen immer als Titelgewinner gesetzt. Nun ist meine Fußballbegeisterung reduziert auf die großen Turniere, und selbst dort etwas eingeschlafen. Das 7:1 der deutschen Weltmeisterelf gegen Brasilien habe ich im Urlaub in Griechenland tatsächlich verschlafen, die EM 2016 nur noch am Rande verfolgt, beim Bürotippspiel sogar auf Italien gewettet. Und kaum entziehe ich den Portugiesen meine Zuneigung, schon trumpfen sie auf! Ich muss ausprobieren, ob diese Methode auch in anderen Lebensbereichen funktioniert.

Ich muss genauer formulieren: Ich habe nicht den Portugiesen, sondern der portugiesischen Fußballnationalmannschaft meine Aufmerksamkeit aberkannt. Aus Portugal kommt ein weiterer Exportschlager neben #CR7 und Figo: Der Portwein. Diesem fortifizierten, also mit Weinbrand verstärkten, Wein kann man nicht gram sein. Auch wenn er wenigstens in Deutschland eine ähnliche Leidensgeschichte wie der portugiesische Fußball aufzuweisen hat: immer wurde groß geredet drüber, aber im Endeffekt hat der Port tatsächlich nur eine Nebenrolle gespielt. Dabei hat er soviel zu bieten; und er ist wandlungsfähig, wie „weißer“ Portwein, für den ich heute exemplarisch den Porto Niepoort Dry White verkoste, beweist.

Niepoort Dry White Porto Flasche

Die Flasche ist grünbraun, daher fällt es erstmal schwer, die Farbe uneingegossen zu beurteilen. Das tut man natürlich direkt – und ist überrascht, was in der Spirituosenwelt so alles als „weiß“ gilt. So mancher Whisky und Rum wäre froh, wenn er diesen strahlenden braunen Kupferton ohne künstliches Nachfärben erreichen könnte. Die Überraschung hält nicht lange an, wenn man sich ins Gedächtnis zurückruft, dass wir hier einen Portwein vor uns haben, der sonst meist sogar tiefrot (als Ruby) oder dunkelbraun (als Tawny) daherkommt.

Die Nase lässt sich aber nicht austricksen: die Fruchtigkeit eines Portweins, trauben- und rosinenlastig, ist eindeutig. Beim Niepoort Dry White kommt noch eine leichte Nussigkeit dazu, und es fehlt die Säure des roten Artverwandten. Auch die schwere, dichte Konsistenz hätte man allein vom Betrachten nicht ganz so erwartet; die viskose Flüssigkeit schmiegt sich samtig und körpervoll an Zunge und Gaumen, und bringt neben einer attraktiv süßen Traubigkeit noch Dörrobst, getrocknete Pflaumen und dann doch ein Quentchen an Säure mit sich, aber nur gerade soviel, dass sie die Süße ausgleicht, so dass diese nicht den Mund verkleistern kann. Ein sehr schönes Spiel, das die Aromatik hier präsentiert, rund, ausgeglichen, unaufdringlich und trotzdem stark, harmonisch komponiert.

Der Abgang ist lang, hier übernimmt ein bisschen die Säure, und man wird etwas überrascht von einer milden Ingwerschärfe, die bei 20% Alkohol kaum von diesem kommen kann. Gefährlich süffig, leicht und angenehm zu trinken, dabei mit hoher Komplexität – ich höre nun erstmal auf zu schreiben und lasse mich erstmal mit diesem ausgesprochen spannenden Port ein bisschen treiben.

Niepoort Dry White Porto Glas

So, genug geträumt. Zurück zur Wirklichkeit: Wer meinen Blog regelmäßig liest, weiß, wie sehr mir die Inhaltsstoffe einer Spirituose am Herzen liegen. Gesüßte Rums werden gnadenlos angeprangert, wie sie es verdienen. Auch bei Portwein muss man aufpassen, wenn man mit verstecktem Zucker vorsichtig haushalten will, aus welchem Grund auch immer. 60 g/l Zucker (Quelle: Alko) sind in diesem Portwein enthalten, natürlich haben wir es hier aber nicht mit heimlich in betrügerischer Absicht nachträglich zugesetztem Zucker zu tun, sondern mit Fruchtzucker aus den Trauben, der im Basiswein vorhanden ist – ein vollständig natürlicher Zucker also.

Entsprechend braucht man, wenn man Cocktails mit einem Portwein mischt, auch nur selten noch andere Süßungsmittel zuzusetzen, oder zumindest nur in reduzierter Form. Dass das ganze dann auch hervorragend funktioniert, wenn Port die Hauptzutat eines Cocktails ist, zeigt der White Port Cobbler – ein sensationeller Drink, höchstaromatisch, dabei herrlich erfrischend und gaumenfreundlich. Einer meiner Favoriten!

White Port Cobbler


White Port Cobbler
3 oz Porto Niepoort Dry White

¼ oz Orgeat
2 Spritzer The Bitter Truth Old Time Aromatic Bitters
Schütteln, und über kleinen Eiswürfeln mit Minze und gebrannten Mandeln servieren.
[Rezept nach Nick Detrich]


Die kleine „halbe“ Flasche mit 375ml kommt mir sehr entgegen – Portwein ist halt nunmal größtenteils Wein, daher ist die Lagerungsfähigkeit sehr begrenzt, wenn man keine Einschnitte in den Aromen in Kauf nehmen will. Es ist kaum möglich, eine große Flasche auf Anhieb auszutrinken, selbst über mehrere Tage hinweg; die kleine Portionsgröße ist also ein Garant für Qualität, den man nicht verachten sollte – sehr zuvorkommend von Niepoort, auch die Gelegenheitstrinker im Portfolio zu berücksichtigen.

Vier Vogel Pils Titel

Wer trinkt schon Pils – Vier Vogel Pils

Wer mich kennt, weiß, dass ich gern Bier trinke. Wer mich näher kennt, weiß, dass ich praktisch jeden Bierstil gern mag, bis auf einen: Das Bier nach Pilsner Brauart. Zu meinem Unglück lebe ich dann auch noch in einem Bundesland, das dermaßen auf Pils getrimmt ist, dass andere Bierstile kaum eine Chance haben – selbst das sonst überall beliebte Hefeweizen muss hart ums Überleben kämpfen gegen die saarländische Karlsberg-Urpils-Monopolgewalt. Wer hier in Saarbrücken ein „Bier“ bestellt, bekommt automatisch ein Urpils vorgesetzt; wer fragt: „Was haben Sie denn sonst so für Biersorten?“ bekommt Blicke zwischen ungläubig, unwissend und unwirsch zurück. Zum Glück lebe ich nicht in Zeiten, in denen man dieses örtliche Grauen tatsächlich trinken muss, sondern vernünftiges Bier online bestellen kann, denn lokale Getränkemärkte hier im Saarland sind kein gutes Pflaster für Nonkonformisten.

Saarländischer Getränkemarkt mit Urpils

Man sieht, ich bin kein Pilsfreund. Nun muss ich mir aber die Frage gefallen lassen – warum eigentlich? Liegt es am Bierstil, an der Aromatik? Oder ist es vielleicht einfach so, dass ich das spezielle Pils hier vor Ort einfach nicht ausstehen kann? Dann wäre ich ja kein Pilshasser, sondern einfach nur ein Urpilshasser! Mit letzterem könnte ich deutlich besser leben als mit ersterem. Daher habe ich mir zum Selbsttest einige Nichtindustrie-Pilsener zugelegt, mit denen ich hoffe, diese Frage zu klären. Das erste auf der Bucket-Pilsliste ist das Dresdener Vier Vogel Pils.

Vier Vogel Pils Flasche

Bei mir braucht kein Pils 7 Minuten, bis es fertig im Glas ist. Während andere warten, kann ich schonmal die blasse, naturtrübe Farbe begutachten, mit dem beinahe leichten Grünstich – das ist schonmal besonders. Kräftiger Schaum und starke und lang anhaltende Perlage erwarte ich mir von einem Pils, und bekomme ich hier auch.

Damit hat es sich aber auch schon mit den Ähnlichkeiten zu den Industriepilsnern, die ich bisher kannte. Ich rieche Hefe, Grapefruit, ein ungewohnt aromatisch Bild für ein Pils – sehr ansprechend; mir wird immer klarer, dass ich vielleicht bisher einfach nur die falschen Pilsner getrunken hatte. Eine leichte Plastikfehlnote ist ein kleiner Wermutstropfen im ansonsten runden Geruchsprofil.

Der Bierstil bringt es mit sich, dass mehr Wert auf Frische und Klarheit gelegt wird als auf ausgefallene Aromatik. Das Vier Vogel Pils ist deutlich säuerlich und leicht fruchtig mit Zitronenanklängen. Besonders gefällt mir der Rülpsfaktor: dieses Bier ist sehr rezent mit ausgesprochen viel Kohlensäure, und deswegen, wenn gut gekühlt, herrlich erfrischend. Insgesamt wirkt es trotz 5,0% leicht und unbeschwert, eventuell auch dank der punktgenauen Bittere bei 25 IBU.

Vier Vogel Pils Glas

Dann kommt auch schon der mittellange Abgang, bei dem sich die Bittere weiter ausprägt. Doch bis zum Schluss bleiben auch zitronige Noten am Gaumen. Ehrlich gesagt – ich bin äußerst positiv überrascht und sehe Pils nun erstmal mit anderen Augen. Das leichte Vier Vogel Pils ist dennoch ein Grenzgänger, was Pils angeht – es touchiert sensorisch fast schon ein Pale Ale, aber auch eine Weiße, von der Säuerlichkeit her. Sehr spannend und faszinierend: Werde ich öfters trinken.

Auch in Cocktails macht das Bier einen guten Eindruck. Einerseits ist es nicht aromatisch überwältigend und lässt dezenten Zutaten wie Tequila auch eine Chance, andererseits ist es von seiner Frische und Kohlensäurehaltigkeit ideal geeignet, um einen säuerlich-sprudeligen Bums in einen Cocktail zu bringen. El Romero, der seinen Namen nicht vom Zombiefilmregisseur, sondern vom spanischen Namen des Rosmarins herleitet, ist ein Beweis dafür.

El Romero


El Romero
1 oz Tequila Reposado (z.B. Sparkle Donkey Reposado)
½ oz Zitronensaft
½ oz Rosmarin-Sirup
3 Tropfen Habanero-Tinktur*
2 Spritzer The Bitter Truth Celery Bitters
1 Prise Salz
…alles shaken, dann ordentlich aufgießen mit…
Pils (z.B. Vier Vogel Pils)
…und garnieren mit einem Rosmarinzweig.
[Rezept leicht adaptiert nach Solomon Siegel]


Neben dem Inhalt gefällt mir auch die Aufmachung der Standard-Longneckflasche: Das Etikett sehr spartanisch, aber gelungen, mit der auf alt getrimmten Illustration, die aus einem alten Ornithologiebestimmungsbuch zu kommen scheint, dazu die „vier Vögel“ (die Portraits der Braumeister) als Zeichnungen. Auch auf der Rückseite findet sich sehr wenig Text, eine kurze Zutatenliste, dazu das Leitmotto des Herstellers, „con mucho cariño“, das auf die Entstehungsgeschichte und die Bieridee in Kolumbien hinweist (nachzulesen auf der Homepage des Herstellers). Auf die dämlichen „Heute schon gevogelt?“- und „Hossa“-Sprüche könnte ich allerdings verzichten; das ist schon etwas spätpubertär. Dies scheint aber nicht auf allen Flaschen abgedruckt zu sein.

Man bekommt mit dem Vier Vogel Pils ein Bier, das sich doch deutlich von den großen Industriepilsnern absetzt, und zwar im Positiven. Ab sofort braucht man mir mit dem bereits angesprochenen Urpils nicht mehr zu kommen, ebensowenig mit den Neutralbieren von Warsteiner oder Bitburger, gleichzeitig muss ich aber nicht mehr auf den Bierstil per se verzichten. Ich bin nun noch mehr gespannt auf die anderen Pilsner, die ich schon im Regal vorkühle.

The Bitter Truth Drops & Dashes Titel

Holz und Blüte – The Bitter Truth Drops & Dashes Wood und Blossom

Werbung hat heutzutage einen schlechten Ruf. Das Wort wird assoziiert mit peinlich-schlecht gemachten Werbespots, die auf viele Seher und Hörer eher den gegenteiligen Effekt als Kauftriebsteigerung hat, oder mit Zuschüttung des Briefkastens mit unerwünschtem Papiermüll oder des Emailpostfachs mit Spam. Dass Werbung auch unterhaltsam sein kann, wenn sie gut gemacht, zielgruppenkompatibel aufbereitet und nicht aufdringlich ist, zeigt das folgende charmante Werbevideo, von dem ich mich, in Zusatz zu den ganzseitig in Fachmagazinen geschalteten Werbeannoncen, gern zu Käufen von eigentlich nicht benötigten Produkten hinreissen lasse – Werber der Welt, nehmt euch ein Beispiel daran, und nicht an den pseudowitzigen und altbackenen Fernsehspots oder gar der Seitenbacher-Müsli-Radiowerbung!

Der Anlass für derlei Marketingaufwand ist das 10-jährige Gründungsjubiläum der Münchner Firma The Bitter Truth, die einen nicht unerheblichen Beitrag zur Renaissance der Cocktailbitter geleistet hat. Ich kann mir keine Heimbar vorstellen, die ohne mindestens einige der Produkte dieser Firma auskommen kann – auch wenn die Konkurrenz inzwischen erwacht ist und der Bittermarkt inzwischen fast schon unüberschaubar geworden ist. Für so eine Festivität lässt man als Gastgeber schonmal was springen, zum Beispiel eine begrenzte Auflage neuer Bitters, getauft Drops & Dashes, und anlassentsprechend bekommt hier auch das Auge was fürs Geld: Eine sehr edel wirkende 100ml-Glasphiole mit vielversprechendem Inhalt, verpackt in einem herrlich auf Retro gemachten Geschenkkarton.

Für diesen Test habe ich mir zwei der vier neu erhältlichen Limited-Edition-Sorten, die den Lebenszyklus eines Baums repräsentieren sollen, ausgesucht, von denen ich mir das meiste und ungewöhnlichste erhoffe. Nussaromen, versprochen von Drops & Dashes Nut, kann ich leicht durch Sherry erzeugen, für wurzelig-erdige Komponenten, die Drops & Dashes Roots erzeugen will, habe ich bereits andere Bitter und Liköre im Regal. Also fiel die Wahl auf Drops & Dashes Wood und Drops & Dashes Blossom.

The Bitter Truth Drops & Dashes Flaschen

Jeder Packung liegt ein schwarzer Plastikdasher bei, der gegen den massiven Plastikstopfen getauscht werden kann. Das funktioniert sehr gut – erstens sitzt der Dasher sehr sicher auf dem Flaschenhals, wenn man ihn mal aufgesetzt hat, und zweitens kann man damit sehr gut Spritzer wie auch Tropfen dosieren. Sollten die Bitter längere Zeit mal nicht in Gebrauch sein, kann man auch wieder den alten Stöpsel aufsetzen, um zu verhindern, dass sich Aromen durch die dünne Spitze des Portionierers verflüchtigen.

Genug geredet um das Außenrum, kommen wir zum Inhalt der Flaschen. Auch wenn Bitter üblicherweise zunächst mal reine Mixzutaten sind, will ich als Cocktailfreund doch wissen, welche Aromatik ich da meinem Cocktail zufüge, und verkoste sie daher erstmal pur. Bei 42% Alkohol und den winzigen Portionen ist das problemlos möglich.

The Bitter Truth Drops & Dashes Wood Flasche

Werfen wir erstmal einen Blick auf die Holzklasse: Drops & Dashes Wood. Die Farbe, ein dunkles Braun, erkennt man ja schon durch die transparente Glasflasche. Einiger Schüttler auf einen Löffel gegeben und die Nase daran schnuppern lassen, und man bekommt einen Duft serviert, der mich an einen italienischen Amaro erinnert, oder vielleicht sogar Campari. Bittersüß, kräuterig.

Flugs den Löffel mit der Medizin in den Mund gesteckt! Der Name versprach es, tatsächlich wird dieser Teil der Produktbeschreibung anteilig eingelöst: etwas holzig, ein Hauch von Rauch. Natürlich bitter, alles andere hätte mich verwundert, dabei aber auch überraschend süß und mild. Nie beißend oder kratzig erinnert das Drops & Dashes Wood an eine kondensierte Fassung von Campari. Im Vergleich zu anderen Bittern ist diese Variante nicht betäubend auf der Zunge und im Abgang sehr kurz.

Persönlich gefällt mir das, doch eigentlich hätte ich mir aber noch viel mehr Holzcharakter erhofft. In der vorliegenden Form sind es gutgemeinte aromatische Bitter, die allerdings nicht den Effekt erzielen können, den ich mir erhofft hatte – nämlich einem Drink einen klaren, holzig-rauchigen Touch zu geben. Ich hatte mir extra eine Rezeptur dafür ausgesucht, die sich gern dieses Effekts bedient hätte: Dem Revolver hätte ein bisschen Pistolenschmauch und Postkutschenholz den endgültigen Schliff gegeben. Tatsächlich muss ich feststellen, dass die Bitter total untergehen und kaum erkennbar sind im Duell mit Bourbon und Kaffeelikör.

Revolver


Revolver
2 oz Bourbon (z.B. Bulleit Bourbon)
½ oz Kaffeelikör (z.B. Kahlúa)
2 Spritzer The Bitter Truth Drops & Dashes Wood

[Rezept leicht angepasst nach Jon Santer]


Das Holz hat mich also nur mäßig überzeugt, vielleicht schlägt sich die Blüte besser? Auch den Drops & Dashes Blossom wird erstmal abverlangt, in reinem, alleinstehendem Zustand antreten zu müssen.

The Bitter Truth Drops & Dashes Blossom Flasche

Etwas heller als der Holzkollege sind die Blütenbitter schonmal, rostrot und etwas weniger blickdicht. Der Geruch ist jedenfalls auch schonmal klarer an der Prämisse der Blumentinktur ausgerichtet: Auch hier erinnert man sich zunächst an Amaro, aber schnell kommen Erinnerungen nach Thymian, Jasmin, Rose und vor allem Lavendel hoch.

Geschmacklich sind die Drops & Dashes Blossom sehr herbal und vegetal, sie schmecken extrem nach Lavendel, dabei deftig sauer-bitter, mit Anklängen von Grapefruit; insgesamt jedenfalls sehr viel aromatischer als das Woods-Pendant. Wenn man sehr genau sein will, sind diese Bitter eigentlich weniger blumig als vielmehr duftkräuterig, wie ein Duftkissen für den Kleiderschrank, und nicht wie ein Blumengarten.

Zum Cocktailtest überlegte ich nicht lange, was sich anbietet. Wenn eine Rezeptur schon „Gänseblümchen“ heißt, ist sie prädestiniert dafür, sich mit Blütenbittern zu vermählen – also rühren wir eine Tequila Daisy an. Wem das Rezept bekannt vorkommt, sollte seine Spanischkenntnisse herauskramen – das spanische Wort für Gänseblümchen/Daisy ist „Margarita“. Die Abwandlung hier besteht darin, dass noch ein Schuss Sprudelwasser das ganze auffrischt. Ich meine hier tatsächlich einen leichten kräuterigen Anflug herauszuschmecken; die leichte Tequila-Orangenlikör-Mixtur macht es den Bittern aber auch einfacher als die oben gezeigte schwere Bourbon-Kaffeelikör-Bombe.

Tequila Daisy


Tequila Daisy
2 oz Tequila blanco (z.B. Olmeca Altos Plata)

1 oz Limettensaft
1 oz Cointreau
¼ oz Zuckersirup
3 Spritzer The Bitter Truth Drops & Dashes Blossom
Diese Zutaten auf Eis shaken. Am Ende aufgießen mit…

1 Schuss Sprudel
[Rezept nach unbekannt]


Wie schon in der Purverkostung zu erkennen war, haben diese Bitter mehr einen Begleitcharakter. Sie geben dem Getränk etwas Tiefe und einen Hauch von Nuancen; wirklich herausschmecken kann man sie kaum, dazu sind sie zu mild und weich. Ich gebe zu, ich bin etwas enttäuscht – ich hoffte auch wuchtige Aromen, mit denen ich einem Cocktail einen Holztouch oder ein Blumenflair geben kann; beides ist nicht wirklich der Fall – doch, so ehrlich muss man sein, liegt das eigentlich auch auch nicht in der Macht von tropfenweise eingesetzten Bittern. Eventuell bin ich zu ergebnisorientiert an die Sache herangegangen mit einer erträumten Wirkung im Sinn statt den tatsächlichen Produkteigenschaften.

So bleibt eine spektakuläre Produktpräsentation, mit viel Charme und Stil. Die Flaschen geben jeder Bar und auch Heimbar einen Retro-Touch, und sind wiederverwendbar. Mir gefallen sie von außen deutlich besser als die anderen Bitterprodukte von The Bitter Truth; die bittere Wahrheit ist aber leider, dass der Inhalt nicht an die herrlichen Orangen-, Schokoladen-, Zitronen- und Selleriebitter, und schon gar nicht an die brillianten Aromatic, Jerry Thomas‘ Own Decanter und Créole  Bitters heranreicht, die intensiver, kräftiger und im Cocktail wirksamer sind als die „Tropfen und Spritzer“. Eine Ergänzung also für die Heimbar, die schon alles hat, und trotzdem nach neuen Ideen sucht – wer sich hier angesprochen fühlt, kann unbesehen zuschlagen. Bei sehr fairen ca. 12€ pro Fläschchen für eine derartig aufwändig hergestellte Limited Edition ist auch die Hemmschwelle dafür recht niedrig.

BraufactuM Marzus Titel

Im Märzen der Brauer die Bierchen einbraut – BraufactuM Marzus Märzen

Bei vielen Produkten fragt man sich, woher der Name kommt. Oft sind es seltsame, marketinggetriebene Fantasienamen, die in möglichst vielen Sprachen genehm und politically correct ausgesprochen werden können sollen. Bei anderen Dingen liegt das Gute so nah, dass man fast daran zweifelt, wenn man die Auflösung bekommt – das ging mir so beim Bierstil des Märzen. Ja, es ist tatsächlich so einfach: Märzen heißt Märzen, weil es ursprünglich im März eingebraut wurde. Die ganze Geschichte hinter dem Märzenbier lässt sich bei Wikipedia nachlesen; hier die Kurzfassung: Märzen wird im Frühjahr, weil dort die natürlich niedrigen Temperaturen die untergärige Herstellungsweise befördern, als besonders starkes und haltbares Bier gebraut, dann kühl eingelagert als Notnagel für schlechte Zeiten.

Wir befinden uns gerade in der idealen Zeit, ein Märzen zu trinken, wenn man interessiert am authentisch-saisonalen Genuss ist – klassisch wurde es, wie gesagt, solange aufbewahrt, bis all die anderen, weniger lang haltbaren Biere weggetrunken waren, und dann ausgepackt, meist zum Ende des Sommers und Beginn des Herbsts (ich will hier aber nichts beschreien). Tatsächlich habe ich mir daher schon im Frühjahr 2016 eine der imposanten Großflaschen des BraufactuM Marzus Märzen aus einem der inzwischen breitflächig verfügbaren BraufactuM-Spezialkühlschränke gekauft, dunkel und kühl eingelagert, und nun zur Verkostung geöffnet.

BraufactuM Marzus Flasche

Die gefärbte Flasche verbirgt es, im Glas wird es offensichtlich: man könnte das Marzus für ein Dunkelbier halten. Hennarot würde ich den Ton nennen. Die feine, stabile Schaumkrone, zu Beginn noch dick, bleibt lang als dünne Schicht erhalten,gespeist von einer kräftigen Perlage.

Die Nase wird ebenso betört wie das Auge: Süß und würzig, klar malzig, Anflüge von Röstkaffee, nur minimalste Fruchtanklänge. Das wird dann auch vom Gaumen bestätigt – das Marzus wirkt sehr süß und ist vom Malz dominiert, Röstmalz, um genau zu sein, auch der Kaffee taucht auf, aber nicht so präsent wie bei einem Stout, mehr als feines Komplement. Erfrischung ist kein Problem für dieses Märzenbier, die hohe Rezenz sorgt dafür, dabei bleibt es aber gleichzeitig wunderbar cremig und voluminös im Mund.

Im Abgang kommt eine leichte Trockenheit zum Vorschein, sowie die zurückhaltende, aber effektive Bitterkeit durch den Hopfen, der bei einem Märzen weniger der Aromatik als, ganz klassisch, der Haltbarkeit dient. Sehr lange bleiben Aromen am hinteren Gaumen zurück.

BraufactuM Marzus Glas

Der Lebenszyklus eines Märzen wird, wie eingangs gesagt, von der Kälte dominiert; man sollte das Marzus dennoch nicht zu kalt trinken, sonst entgehen einem ein Großteil der Aromen. Für mich persönlich ist es definitiv kein Kühlschrank-, sondern mehr ein Kellerbier (also im Sinne eines Biers, das man aus dem Keller holt, nicht eines Zwickels). Aber ich mag Bier grundsätzlich eigentlich am liebsten knapp unter zimmertemperiert.

Ein zweifelsfrei gutes, interessantes und lohnenswertes Bier – keine Sensation allerdings (man wird als Vielbierverkoster schon irgendwie frech anspruchsvoll), und vielleicht etwas zu teuer für das Gebotene: Für die geforderten 6€ kriegt man schon 2 Liter des Weltenburger Barock Dunkel, das, obwohl es kein Märzen ist, sehr ähnliche Charakteristika aufweist, dabei vielleicht noch einen Tick runder und delikater ist.

Trotz dieser leisen Kritik ist das BraufactuM Marzus natürlich auch eine wunderbare, wenn auch etwas exklusive Cocktailzutat. Doch warum sollen wir bei der Mixologie sparen, wo es auf die Qualität der einzelnen Zutaten ankommt? Ich hatte oft angepriesen, wie gut Whiskey und Bier zusammenpassen, der Kingston 52 ist der Beweis dafür, dass auch Rum und Bier beste Kumpels sein können. Wenn man genau hinschaut, sieht man auf dem Foto des Cocktails die gefloatete dünne Schicht, die dem Drink eine interessante, separate Note verleiht.

Kingston 52


Kingston 52
1½ oz Dunkler Rum (z.B. Zacapa 23)
¾ oz Zitronensaft
½ oz Ingwersirup
¼ oz Honigsirup
1½ oz Dunkles Bier (z.B. BraufactuM Marzus)
Alle Zutaten auf Eis shaken und
am Ende…
1/8 oz Jamaica-Rum (z.B. Hampden Estate Gold)
…auf die Mixtur floaten.
[Rezept nach Brandon Ristaino]


Vom Innenleben zum Außenrum: Neben dem ungewöhnlichen Format von 650ml bietet das Marzus das gewohnte BraufactuM-Flaschen- und Etikettendesign im Briefmarkenstil. Auch wie üblich lobenswert sind viele Informationen zum Bier, wie dass Herkules-Hopfen verwendet wurde, und 50% Karamellmalz. Über das „einmalige Maischverfahren“ hätte ich gern noch mehr erfahren, ein Bierflaschenetikett ist aber vielleicht nicht der richtige Platz für derartige Details. Mit 5,5% Alkohol kann man auch die ganze Flasche in einer Session aufbrauchen, und sich dabei in der Hitze des Spätsommers bierselig an den frischen Frühling erinnern, in dem das Bier in weiser Voraussicht für genau solche Situationen hergestellt wurde.