Kurz und bündig – Schneider Weisse Aventinus Eisbock

5 Jahre lang stand es bei mir im dunklen Schrank, nun versuche ich, diese ganzen Altlasten an Bier loszuwerden. Der Schneider Weisse Aventinus Eisbock hat, wie viele Starkbiere und insgesamt Bier, das nicht allzu aromahopfenlastig ist, kein Problem damit, lange aufbewahrt zu werden. Jetzt ist seine Zeit gekommen, und er landet in meinem Glas!

Schneider Weisse Aventinus Eisbock

Beim Eingießen achte man darauf, dass sich eventuelle Hefeverklumpungen, die sich bei längerer Lagerung bilden, nicht mit ins Glas hüpfen. Dann bleibt das Bier trotzdem trüb, Mezzomix-farben, aber wird nicht ganz so bitter. Durch die dunkelbraune Farbe sieht man einzelne Bläschen vorsichtig aufsteigen, die sich am Glas als feinster Rand ablegen, ansonsten ist das Bier schaumfrei. Die Nase ist weinig, hefig, leicht speckig. Sehr zurückhaltende Zitrusfruchtnoten bilden den Kopf, dunkle Malznoten den Körper. Insgesamt wenig an Geruch, und das, was da ist, erinnert den Laien eher an Wein als an Bier.

Im Geschmack ändert sich das dann wieder etwas, mildmalzig und nur sehr vorsichtig hopfig allerdings. Eine definierte Säure ist da, bildet mit dem dunklen Körper einen bockbierähnlichen Charakter. Kaffeenoten. Die erstaunliche Alkoholstärke von 12% entstammt dem aufwändigen Herstellungsverfahren, und man merkt die Stärke schnell und deutlich, sowohl vom Effekt als auch von der Aromatik her. Durch die Säure und Bittere wird das Bier sogar etwas rezent. Persönlich überzeugt mich die ungewohnte Aromatik nicht so sehr, das wirkt zwar alles rund und extrem vollkörperig, aber das Hin und Her zwischen Wein und Bier, zwischen Süße und Säure, und Milde und Bittere lässt mich stirnrunzeln. Der Abgang ist wiederum weinig, hefig und mittellang, ganz am Ende dann Trocken und astringierend, mit einem leicht blumig-fruchtkaugummiartigen Nachhall.

Man merkt, es ist nicht so ganz mein Fall. Vielleicht muss ich mehr Eisböcke probieren, um diesen hier einordnen zu können – allein, mir fehlt nach dieser Erfahrung die Motivation.

The Johnnie Walker Celebrity Roast – Johnnie Walker Blenders‘ Batch Espresso Roast Blended Scotch Whisky

Eine Sendung, die ich erst vor vergleichsweise kurzer Zeit für mich entdeckt habe, ist Dean Martin’s Celebrity Roast – tolle, klassische Unterhaltung mit den besten und frechsten Komikern ihrer Zeit. Political Correctness war weit, weit entfernt, viele der Witze, die in dieser Show gerissen wurden, würden heute für Entsetzensschreie und wütende Facebookposts mit Rücktrittsforderungen sorgen. Nicht, dass es wirklich jemals in Ordnung war, sich über Minderheiten lustig zu machen, aber da hier alle austeilen, und auch einstecken, findet man einfach zu viele „höhöhö“-Momente, als dass man nicht mit schlechtem Gewissen mitlachen müsste. Dagegen ist jede heutige Comedy-Show ein lahmer Kindergarten mit Nonnen und Jungfrauen.

Wir wollen hier aber nicht jemanden grillen oder rösten, auch nicht Herrn Walker, obwohl er es sicherlich verdient hätte. Nein, wir schlagen einen zugegebenermaßen etwas weiten Bogen, der sich am Namen der Sendung und an Martins Vorliebe für Scotch (seine zur Schau gestellte Trinkerei war aber eigentlich nur ein Showact; ach, die guten alten Zeiten, in denen Alkoholismus noch ein echter Schenkelklopfer war!) entlanghangelt – hin zum Johnnie Walker Blenders‘ Batch Espresso Roast Blended Scotch Whisky.

Die Details zu dem langen Namen: Blenders‘ Batch ist eine Reihe von Experimentalwhiskys bei Johnnie Walker, die sich durch kleine Änderungen von Gewohnheiten ergeben. Da wird nichts großartig neu erfunden, sondern einfach zum Beispiel, wie bei diesem als Exp #9 gekennzeichneten Whisky, für einen Teil des Blends die Gerste stark geröstet, was Kaffeearomen freisetzen soll (daher der Name Espresso Roast). Schauen wir mal, ob wir das in dem Blend auch finden, und ob wir ihn veralbern oder bewundern sollen.

Johnnie Walker Blenders' Batch Espresso Roast Blended Scotch Whisky

Die Farbe begeistert mich schonmal, ein wirklich strahlendes, leuchtendes Terracotta, mit vielen Reflexen. Leider gefärbt, wie das bei Scotch überall Usus ist – ich kann es nicht leiden, denn die Augen trinken mit und beeinflussen den Geschmack, ob man es will oder nicht (auch wenn Zuckerkulör in der Menge, die eingesetzt wird, sich geschmacklich neutral verhält). Nur eine leichte Öligkeit ist beim Schwenken erkennbar.

Die leicht medizinale Note, die man von Scotch kennt, ist zunächst dominant in der Nase. Getreide, Hefe, Malz, das ganze aber in einem hellen Register. Etwas Lakritz und Zimt. Mildes Holz, Vanille. Orange und Aprikose, Kakao. Der Antrunk ist sehr süß, cremig, schokoladig; leichter Schwefel. Im Verlauf entsteht etwas Feuer – tatsächlich wirkt der Espresso Roast sehr viel würziger als sein „roter“ Gegenpart, ohne dabei aber wirklich viel an Komplexität gewonnen oder Rundheit verloren zu haben. Die namensgebenden Kaffeenoten entdecke ich nicht in voller Konsequenz, höchstens eine Idee von länger offen stehenden Kaffeebohnen. Etwas flach und schmal, da ist nicht viel Körper, dafür eine ansprechende Pfeffrigkeit gegen Ende, und ein Drehen hin vom Süßen zum Sauerbitteren.

Johnnie Walker Blenders‘ Batch Espresso Roast Blended Scotch Whisky Glas

Der Abgang ist sehr schokoladig, viel Chili und mit deutlich brummenden, kitzelnden Effekten auf der Zunge und am Gaumen – 43,2% Alkoholgehalt machen sich bemerkbarer als es sein müsste. Mittellang, sehr trocken und hauchig, ein minimaler Anflug von Rauch – und ganz zum Schluss doch noch etwas Kaffee.

Insgesamt ein leichter Easy-Drinking-Blend, mit einem durchaus ansprechenden würzigen Charakter, der nicht zu schwer und verkopft daherkommt. Mir fehlt am Ende aber doch deutlichst die Ausdauer in allen drei Dimensionen – Länge, Breite und Tiefe.

Scotch hat seinen einstigen Ruf, nicht als Cocktailspieler zu funktionieren, inzwischen abgelegt – in klassischen Drinks ist er als eine tolle, charaktervolle Zutat anerkannt. Einen weiteren Sprung, den er zu machen hat, ist nun aber, nicht nur in trockenklassischen Rezepten eingesetzt zu werden, sondern auch in bunteren Verbindungen, wie einem Tiki-Cocktail. Der Tall as a Tree and Twice as Shady zeigt, dass das geht; und gerade der Espresso Roast gibt einen Anflug von Feuer in den Drink, die ich in derartigen Drinks immer sehr gern sehe.

Tall as a Tree and Twice as Shady


Tall as a Tree and Twice as Shady
1½ oz Blended Scotch Whisky
½ oz Arrak
1 oz Ananassaft
¾ oz Orgeat
¾ oz Zitronensaft
Mit crushed ice blenden.

[Rezept nach Paul McGee]


Die Halbliterflasche ist für ihre Größe schwer ausgeführt, mit dickem Boden, der für zusätzliche Lichtspiele mit dem Inhalt sorgt; das ist wirklich hübsch anzufassen und zu betrachten. Echtkorken und ein dezentes Etikett in einem Retro-Stil sowie ein Kartonumhänger an grober Schnur komplettieren eine sehr schöne Präsentation. Für mich ist diese Art der Gestaltung der ideale Mittelweg zwischen anbiedernder Opulenz einer- und zu kühlem Regalstil andererseits.

Man sieht, die enge Regelführung, die Scotch aufzuweisen hat, lässt trotzdem noch genug Spielraum für kreative Ideen. Wer auch immer meint, klare, stringente, die Tradition schützende Regeln für Spirituosen führten zu Stagnation und Langeweile, zeigt einfach, dass er keine Ahnung hat.

500! Vranken Grand Réserve Brut Champagner

500 Artikel! Eine stattliche Zahl, als ich am 17.07.2015 begann, diesen Blog aufzuziehen, hatte ich nicht im Kopf, dass er so lange und inhaltsvoll laufen würde. Letztlich ist ein großer internationaler Konzern, der als Buchversandhändler begann, daran schuld, denn die Quälerei, die man dort den Rezensenten jeder Art auferlegt, hat mich dazu gebracht, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Seit diesem kleinen Beginn ist das Rezensieren von Spirituosen und Sammeln von Cocktailrezepten, für das ich eigentlich nur ein Hilfsmittel für meine eigene Vergesslichkeit benötigte, scheinbar für immer mehr Leser interessant geworden, und das macht mich doch etwas stolz.

500 Artikel Badge

Vor allem rechnete ich aber nicht damit, dass diese Text- und Bildersammlung mir soviel Bereicherung schenken würde. Durch den Blog habe ich viele unglaubliche neue Leute kennengelernt, ohne die mein Leben ärmer wäre. Durch den Blog konnte ich am Spirituosenwettbewerb Spirits Selection teilnehmen, und habe dadurch Teile der Welt gesehen, an die ich sonst wahrscheinlich nicht gekommen wäre – Chile, Bulgarien, China, bald vielleicht Kolumbien. Ein kleines bisschen Lokalruhm sprang sogar auch dabei raus.

Was eignet sich besser, um so ein Jubiläum zu feiern, als ein oder zwei Gläschen Champagner? Robin Weiss, ein langgedienter und sehr erfahrener Bartender, hatte mir vor einer ganzen Weile mal einen Champagner empfohlen, der ideal für die Heimbar geeignet sein soll. Köpfen wir eine Flasche Vranken Grand Réserve Brut Champagner zur Feier des Tages! Aus Chardonnay-Trauben der Region Montagne de Reims in der, selbstverständlich, Champagne wird dieser trockene Tropfen mit maximal 15g/L Restzucker (genau das sagt das Wort „brut“ im Namen aus) hergestellt.

Vranken Champagner Brut Flasche

Die Farbe ist schönes, edel wirkendes Messing. Ein leichter Schleier hängt darüber, aber keine wirkliche Trübung. Schöne, großblasige Perlen steigen ausdauernd vom Glasboden auf und bilden kleine Inseln auf der Oberfläche. Der Geruch ist sehr fruchtig, da rieche ich grünen Apfel, Grapefruitschale, Himbeeren, etwas Essig, ein Anflug von Minze, und grüne Banane.

Das Mundgefühl im Antrunk ist erstmal cremig und süßlich, kippt aber fast direkt um in eine saure Richtung. Die Säure ist wirklich kräftig, aber tief und nicht kantig, deswegen auch nicht unangenehm, wie mir das bei manchen Crémants passiert. Grüne Banane, Apfel und Grapefruit sind auch im Geschmack prominent. Die Frische ist enorm und attraktiv, sehr perlig und kitzelnd; 12% Alkoholgehalt als Mindestwert für Champagner das Übliche. Im Verlauf kann sich dann doch eine gewisse, feine Süße wieder gegen die Säure in Stellung bringen, das ist auch gut so und gibt dem ganzen eine gewisse Rundung. Sehr trocken ist der Vranken dann im Abgang, hell, leicht bitter, hier nur noch mildsäuerlich und lang.

Manch ein Cocktail besteht aus den absurdesten Zutaten, oder hat ein Rezept, das ein Dutzend Zutaten auflistet. Dagegen der Champagne Cocktail – eines der einfachsten Rezepte, die ich im Portfolio habe. Man kann fast soweit gehen, hier von einem Champagner Old Fashioned zu sprechen, oder?

Champagne Cocktail


Champagne Cocktail
1 Zuckerwürfel, getränkt mit Angostura
…aufgießen mit Champagner und mit einer Zitronenzeste garnieren.

[Rezept nach Jerry Thomas]


Den Vranken Grand Réserve Brut Champagner trinke ich gern nicht unbedingt ausschließlich als Aperitiv, sondern auf jeden Fall auch zum Essen als Begleiter für leichte Speisen. Mir gefällt er sehr, und auch als Cocktailzutat wird er wohl, gemäß der Empfehlung von Robin Weiss, der Standard in meiner Heimbar werden. Betrachtet man noch das für mich sehr gute Preisleistungsverhältnis (man bekommt ihn schon für um die 25€), kann man kaum etwas Negatives über dieses Produkt sagen, und will es auch gar nicht.

So, genug gefeiert. Ich bereite mich geistig nun mal langsam auf die nächsten 500 Artikel vor. Mal schauen, was daraus wird!

Das Beste aus zwei Welten – BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition

Imperial Stout und Tequila, zwei meiner Lieblingsgetränke. Wenn die zusammen gebracht werden, das kann ja nur ein Fest für die Sinne werden, oder? Das BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition versucht das – ein Bier, gereift in einem Tequilafass. Nur wenige Flaschen wurden hergestellt, und zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels wird es wohl seit sehr langem schon ausverkauft sein, und die Flaschen in Kellern von Bier- und Tequilafreunden lagern, um zu gegebenem Anlass geköpft zu werden. Ich habe meine Flasche nun geöffnet – hier meine Eindrücke dazu.

BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition Flasche

Bei einem komplexen Produkt wie diesem Bier sammle ich zunächst mal die Fakten zusammen – selten muss man das in dieser Art für Bier tun. 2013 wurde es gebraut, unter Verwendung der Hopfensorten Perle, Chinook und P. Jade und 8 Schokoladen-, Karamell- und Röstmalzen. 10,9% Alkoholgehalt stellen klar, dass wir hier wirklich ein Imperial Stout vor uns haben. Bis 2014 wurde es dann im Ex-Tequila-Fass gelagert. Ein letztes Datum – bis 2024 ist es mindestens haltbar, kein allzu ungewöhnlicher Wert für ein derartiges Bier. So, nun aber genug der Zahlen und Daten, probieren wir das Bier im Glas.

Optisch könnten wir auch Schweröl vor uns haben – Tiefstdunkles Braun, fast schon blauschwarz wie Tinte. Dickflüssig, blickdicht, keine erkennbare Perlage. Nur wenige Schaumbläschen; am Glasrand bleibt ein Ring wie eine Corona bei Sonnenfinsternis. Geruchlich sehr schokoladig, man könnte es für Milchkakao halten. Milde Tropfenfrucht. Sahne. Vielleicht etwas Seife. Ein minimalster Anklang von Rauch und Rotwein. Insgesamt eher dezent.

BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition Glas

Das ändert sich schnell: Ultracremig, dick und schwer ist das BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila im Mund. Nicht besonders rezent oder frisch, eher dumpf. Sehr süß und wuchtig. Der Tequila ist mehr ein Beiaroma als ein definierendes Element; er ist aber erkennbar. Leichte Rotweinaromen, etwas Röstung und Honig komplettieren das Bild. Holz ist geschmacklich zunächst kaum erkennbar… aber im Abgang fährt das Fass seine Urgewalt aus. Hier kommen Holzeffekte plötzlich deutlichst zum tragen. Sehr trocken und sehr adstringierend, ohne aber die starke Süße dabei aufzugeben. Sehr lang. Milchkakaoaromen bleiben am Gaumen, sehr spät springen die Röstmalze nochmal hoch und geben einen sehr würzig-aromatischen Ausklang.

Der genaue Gegenentwurf zu einem Imperial Stout wie dem Brewbaker Berliner Nacht – beides Imperial Stouts, beide jedoch am exakten Gegenpol dieses Bierstils, soweit voneinander entfernt, dass man es kaum glauben will, dass hier derselbe Bierstil vorliegt.

BrauKunstKeller Imperial Stout Single Barrel Aged Tequila Limited Edition Umhänger

Die Präsentation passt sich der aufwändigen Herstellung an. Die 0,33l-Flasche ist mit silbernem Wachs versiegelt, weist einen riesigen, aufgeklebten Holzbesatz auf, auf dem der Produkt- und Herstellernamen als Brandzeichen prangt. Dazu kommt ein hübsch designter Kartonumhänger, der ein paar Werbesprüche enthält. Das ganze wirkt schon etwas übertrieben und nicht elegant, sondern plump.

Ist es den exorbitanten Preis von 15€ wert? Da bin ich sehr zwiegespalten. Einerseits gestehe ich den kleinen Brauereien, die bei solchen Bieren enorm viel investieren und Aufwand betreiben, gern einen Preiszuschuss zu, da diskutiere ich nicht. Bei diesem Preisleistungsverhältnis allerdings fällt es mir schwer, hier nicht etwas zu grummeln anzufangen. Es gibt viele Imperial Stouts, die mir deutlich besser schmecken, die nur ein Viertel kosten. So überlasse ich es dem Genießer, sich dieses Bier zuzulegen, für einen besonderen Anlass. Freunde gereifter Bierspezialitäten? Ja, für die ist es sicherlich einen Versuch wert. Wenn sie es noch bekommen können.

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 13 – Red Star Erguotou 1680 43% (43度红星二锅头酒)

Eine Weile ists her, dass Baijiu einen Auftritt auf meinem Blog hatte. In der Zwischenzeit habe ich eine Reise nach China gemacht, die dortige Ess- und Trinkkultur besser kennengelernt, und auch diverse Produktionsstätten des klaren Brands besichtigen dürfen. All das ändert durchaus meine Sichtweise auf diese Spirituose. Der Red Star Erguotou 1680 43% (43度红星二锅头酒) ist der erste Baijiu, der die neue Einstellung zu spüren bekommen wird – sie ist bodenständiger, direkter, weniger von einem nostalgischen Chinainteresse (das durch den tatsächlichen Aufenthalt in dem Land sich ebenso Änderungen erfahren musste) beeinflusst. Tatsächlich wurde es wohl Zeit, Baijiu auf den Boden zurückzuholen – daher wird diese Installation von „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“, die dreizehnte immerhin, die letzte der Reihe sein, und Folgebesprechungen von Baijiu den gleichen Kriterien unterworfen werden wie für alle anderen Spirituosen. Da inzwischen Baijiu zumindest in kleinen Vorstößen in Deutschland erhältlich ist, sollte dies auch kein Problem mehr darstellen.

Red Star Erguotou 1680 43%(43度红星二锅头酒)

Über die Farbe bleibt nur zu sagen, dass sie völlig abwesend ist – reinklar, wie man es von einem guten Baijiu erwartet. Da die Reifung in Tonkrügen stattfindet, die selbst nach Jahrzehnten kein noch so kleines Bisschen an Farbe abgeben, sagt dies nichts über das Alter aus – spannend, denn so muss kein Hersteller mit E150 tricksen, eine wunderbare Sache. In der Nase bekommt man einiges an Frucht – Banane, Aprikose, Pfirsich, alles sehr reif, aber ohne überesterig zu wirken. Darunter liegt eine Schicht aus Getreide, Malz und feuchtem Heu. Ganz am Ende ist da noch eine leichte, fast schon minzige Kopfnote, die durch einen Anflug von Ethanol gepusht wird.

Im Mund ist der Red Star Erguotou 1680 direkt trocken, dabei aber mit einem sehr cremigen Mundgefühl. Süßlich, ohne künstlich zu wirken, mit dezenten Fruchtnoten und etwas Getreide. Eine vorsichtige Limettenschalenkomponente ist da, dennoch bleibt alles vorsichtig und zurückhaltend. Etwas Pattexaroma ist schließlich noch dabei. Der Abgang ist lang, extrem schokoladig, süßweich, und im Verlauf dann sehr angenehm warm vom Gaumen bis in den Magen, ohne je kratzig oder harsch zu werden. Wie ich schon öfters sagte – der Abgang ist für mich das, was einen hervorragenden Baijiu ausmacht, und hier hat man einen ganz außergewöhnlich schönen, charaktervollen aber dennoch beinahe schon zarten Abgang, dem am Ende noch etwas Minze nachhallt. Für mich sicherlich, im Fazit, einer der feinsten, elegantesten Baijius, die ich bisher im Glas haben durfte.

Red Star Erguotou 1680 43%(43度红星二锅头酒) Glas

Tatsächlich habe ich am eigenen Leib erfahren, dass Baijiu in China eigentlich hauptsächlich zum Essen getrunken wird, in kleinen, aber sehr vielen Dosen – in den Feiern, an denen ich teilnahm, bestand die Getränkebeilage eigentlich nur aus Grüntee und Baijiu, für uns langnasige Westler wurde noch auf Anfrage hin (meist warmes) Bier herangekarrt. Zu einem würzigen Mahl passt Baijiu mit seiner Aromatik einfach hervorragend, als Trou Chinois funktioniert er bestens. In Mixed Drinks ist die Aromatik für mich weiterhin gewöhnungsbedürftig. Der Erfinder des Baijiu Falls verwendet Starkaroma-Baijiu, ich adaptiere das und verwende Leichtaroma-Baijiu, einfach, weil mir persönlich diese Baijiu-Kategorie besser mundet und für mich leichter in Cocktails unterzubringen ist. Dennoch, sogar nach dieser Änderung – wie bei vielen Baijiu-Cocktails ist es nicht einfach, diese etwas schwierig zu greifende Getreide- und Fruchtnote, die Baijiu mit sich bringt, einzuordnen.

Baijiu Falls Cocktail


Baijiu Falls
1 oz Baijiu
1 oz naturtrüber Apfelsaft
¾ oz Bourbon
⅔ oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Franz Königsberger]


Die üppig gestaltete Flasche (zu diesem Thema habe ich bereits in früheren Baijiu-Besprechungen etwas gesagt) mit dem Kristallstöpsel und dem großen Aufklappgeschenkkarton selbst wurde mir als Geschenk des Herstellers in China übergeben – sozusagen als Danksagung für die zuerkannte Doppelgold-Medaille beim Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2017 in Chile, für deren Präsentation sogar eine Stelle im Glas der Flasche eingelassen wurde. Gleichzeitig wurde es einer kleinen Gruppe erlaubt, die Produktionsstätte von Red Star zu besichtigen – eine einmalige Gelegenheit, die ich natürlich freudig wahr nahm. Die folgenden Bilder habe ich dort selbst aufgenommen.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Luftbild

Die Destillerie an sich könnte überall auf der Welt stehen, da ist nicht mehr viel von irgendeiner Art nostalgischer Aufaltmacherei vorhanden; einzig die langen Reihen von mit rotem Stoff bedeckten Tonkrüge, die der Reifung von Baijiu dienen, sorgen für etwas Ungewohntes. Für die Produktionsmenge wirkt die Fabrik (und anders will ich sie tatsächlich auch nicht nennen) überraschend klein, insbesondere nach den massiven Riesenflächen, die andere Destillerien für uns zum Begaffen bereit gehalten hatten, die eher einer mittelgroßen deutschen Stadt denn einer Brennerei ähnelten.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Fabrikgelände

Unter dem dauerstahlgrauen chinesischen Himmel der Provinz Shanxi schlenderten wir von Gebäude zu Gebäude, und da im August praktisch in allen Baijiu-Destillerien aufgrund der dem Schnaps abträglichen Temperaturen ein Produktionsstop verhängt ist, waren wir bis auf ein paar einzelne, verloren wirkende Verwalter und Aufräumarbeiter allein auf dem Gelände und konnten so in jede Ecke spähen, ohne jemanden zu stören – einerseits natürlich schade, die Herstellung hier nicht live betrachten zu dürfen, andererseits erlaubte das auch einen gewissen Freiraum, den ein auf seine Geheimnisse achtender Produktionsleiter uns vielleicht sonst nicht gewährt hätte.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Fabrikhalle

Edelstahl made in Germany und kalter Beton wohin das Auge blickt – die Destillerie wirkt sehr aufgeräumt, klar strukturiert, mit viel Arbeitsplatz und einer Sauberkeit, dass man vom Boden essen könnte. Offensichtlich ist hier alles auf Effizienz ausgelegt, da ist keinerlei Platz mehr für Nostalgie oder traditionelles Arbeiten. Auch die initiale Dämpfung der Hirse, die das Getreide für die Fermentation bereit macht, erfolgt in riesigen Dampfgarern.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Sorghum-Dämpfer

Für gewisse Produkte der Firma wird noch mit den typischen Fermentationsgruben gearbeitet, die man in jeder Baijiu-Destillerie findet. Sie sind ca. 1,5m tief und einen halben Meter im Durchmesser, werden mit dem gedämpften Getreide gefüllt und dann mit runden Scheiben bedeckt. Schließlich kommen sogar noch gepolsterte Wolldecken auf das Ganze, um die Wärme etwas festzuhalten, während die Hefen und Bakterien, die durch das „qu“ zugefügt wurden, anfangen, die Stärke der Hirse aufzubrechen und dann in Alkohol umzuwandeln.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Fermentationsgruben klassisch

Für die Massenprodukte von Red Star kommen allerdings diese Gruben nicht zum Einsatz, denn für die Mengen, die hierfür fermentiert werden müssen, sind die Gruben schlicht zu klein und zu unpraktisch. Große Betoncontainer kommen als Ersatz zum Zuge, sie sind leichter zu befüllen und zu leeren, leichter zu reinigen und benötigen schlicht weniger Arbeitskraft: praktisch für die Rund-um-die-Uhr-Produktion von Mengen.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Fermentationsgruben modern

Die Beförderung der inzwischen trockenfermentierten Hirse in die Dampfdestille erfolgt zwar hier über Förderbänder statt den Schaufelbrettern, die im manuellen Vorgang genutzt werden, doch die Prozedur ist essenziell immer noch dieselbe – es werden in einer kreisförmigen Bewegung Schichten des Basismaterials gebildet, die dann per Dampf destilliert werden.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Sorghum auf Laufband

Die Dampfdestille selbst ist der ganze Stolz des Produktionsleiters. Sie wirkt erstmal klein und unauffällig – dabei leistet sie die Arbeit, 24/7 lang Baijiu aus der Fermentationsmasse zu destillieren. Natürlich ist das ein Batch-Betrieb, kontinuierlich lässt sich Hirse nicht destillieren, doch werden einmal destillierte Reste nicht direkt entsorgt, sondern ein Teil wieder für den nächsten Batch mitverwendet, und für eine spätere Fermentation mitgenutzt. In dieser Form ist der Destillierapparat in China einmalig, wurde uns versichert; die Moderne zieht nur langsam ein im traditionellen Baijiu-Brennbetrieb.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Destillierapparat

Die vielen tonnenschweren Tonkrüge, die zur initialen Reifung benutzt werden, habe ich hier nicht im Bild festhalten können, denn in den Räumen, in denen diese Krüge vor sich hin dämmern, sind keine elektrischen Geräte erlaubt; man fürchtet elektrostatische Entladungen, so dass Handys und Kameras in dafür vorgesehene Plastikfächer abgelegt werden mussten. 0,3% Angels‘ Share riecht man in diesen Räumen, sie fühlen sich leicht feucht an und duften stark nach Getreide und Baijiu.

Zu guter letzt ist auch die „qu“-Produktion automatisiert und maschinisiert. Große Druckkessel sorgen für die Vermehrung der Bakterien und Hefen, die für diesen Fermentationsstarter nötig sind. Keine Spur mehr von gestapelten Blöcken aus geschroteten Erbsen und Roggen – ein Unterschied, wie er drastischer kaum sein könnte.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Qu-Vermehrung

Wie man sieht, hält sich Red Star in dieser Anlage in Shanxi etwas zurück, was die dekorativen Elemente, die man sonst überall in Baijiu-Destillerien findet, zurück – es ist eine hochmoderne und entsprechend kühle Fabrik. Wenigstens im und vor dem Verwaltungsgebäude finden sich dann doch ein paar schöne Eindrücke. Das Besucherzentrum ist hübsch, aber für chinesische Verhältnisse immer noch sehr dezent gestaltet.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Verwaltungsgebäude

Auch wenn die Fabrik nur noch wenige manuelle Schritte benötigt, erinnert man sich auch dort doch an die harte Arbeit, die die Arbeiter früher mit Schaufeln und Schiebern tun mussten: lebensgroße Statuen zeigen diese, die heute von Laufbändern und hydraulischen Hebern geleistet wird. Eine schöne Dekoration, die wohl hauptsächlich der Erbauung der Mitarbeiter dient, denn, so ehrlich muss man sein, Besucher werden sich in so eine Destillerie, die dazu im chinesischen Pendant zu Hintertupfingen liegt, nicht verirren.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Statuen

Am Ende der Führung wurde natürlich eine Verkostung angeboten – hier besonders spannend, weil ein ungereifter Baijiu als Vergleichsmaßstab angeboten wurde. In diesem New-Make-Baijiu schmeckt man noch sehr deutlich all die Dinge, die die Tonkrugreifung verändert hat: Hirse und sogar Erbsen, ein sehr erstaunlicher Unterschied und eine der eindruckvollsten Demonstrationen der unterschiedlichen Einflussfaktoren bei Baijiu. Im 10 Jahre gereiften Baijiu war dies schon kaum mehr spürbar, und im dazu noch gezeigten 30-Jährigen dann gar nicht mehr.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Verkostung ungereifter Baijiu

Ein höchst faszinierender Ausflug. Das nachfolgende Essen mit dem Firmenleiter in einem abgegrenzten Raum eines Restaurants erforderte dann nochmal Achtsamkeit, denn zu den köstlichen Speisen wurden wieder einmal diverse Flaschen Baijiu auf den Tisch gestellt und in dauernden Ganbei-Runden auch geleert. Gut, dass ich dann den Alkohol auf der dann folgenden, langen Busfahrt zum Flughafen von Taiyuan wieder etwas abbauen konnte, während ich die vielen unvergesslichen Eindrücke verdaute!

Kurz und bündig – Brlo Craft Beer Porter

Ich habe es schon öfter erwähnt – der Bierstil des Porter ist einer, mit dem man mich begeistern kann. Es ist diese faszinierende Mischung aus dunklen Aromen und gleichzeitig angenehmer Frische, die man rein vom Ansehen her dem Bier nicht zutrauen würde, die mich begeistert. Das Brlo Craft Beer Porter ist dabei, wie so viele aktuellen Produkte auf dem Biermarkt, eine moderne Interpretation des alten britischen Bierstils; es wird als Baltic Porter gelabelt.

Das Berliner Bier weist 7% Alkoholgehalt auf, bleibt unfiltriert, und wird unter Einsatz von Herkules und Tettnanger als Hopfenzutaten, Pilsner Malz, Karamellmalz und Röstmalz als Malze gebraut.

Brlo Craft Beer Porter

Farbe und optischer Eindruck – sehr dunkles Braun, nicht blickdicht, weinrote Reflexe. Keine Perlage erkennbar. Nur Ansätze von cremefarbenem Schaum.

Geruch – sehr angenehm fruchtig, beerig, dazu milde Röstaromen, erkennbar säuerlich, schließlich leicht metallisch-rostig.

Geschmack – säuerlich bereits im Antrunk, ohne aber zu aggressiv zu sein. Klar und hell im Eindruck, zwar schon herb röstmalzig, aber eher zurückgenommen. Typische Kaffee- und Kakaoaromen erscheinen nur im Hintergrund. Frisch und leicht insgesamt.

Abgang  – sehr kurz, eher feinherb, im Nachklang dann doch bitter. Dennoch – ein mildes Porter, sehr leicht und frisch.

Das Brlo Craft Beer Porter ist ein Bier, das definitiv öfter seinen Weg in mein Glas finden wird, gerade als Essensbegleiter funktioniert es durch seine mildherbe Rezenz ganz hervorragend.

Man lernt nie aus – Saint James Royal Ambré

Wie so oft gibt es hier nun zunächst wieder etwas zu lernen. Das Etikett des Saint James Royal Ambré weist einige interessante Details auf, die dem Rumfreund, der sich etwas mit Rhum Agricole auseinandersetzen will, ein Begriff sein sollten. Die Sprachbarriere ist, da es sich nur um wenige Worte handelt, leicht übersprungen – beginnen wir mit dem Wort, das sehr plakativ platziert ist und die erste Aufmerksamkeit auf sich zieht: Ambré.

Ambré ist keine offizielle Kategorie, sondern einfach eine Beschreibung der Färbung des Rums – das, was man auch heute noch oft sieht, obwohl inzwischen klar sein sollte, dass die Farbe keine wirkliche Klassifizierung erlaubt. Gold oder Amber liest man als ähnliche Beschreibung oft im englischsprachigen Raum; übersetzt ins Deutsche heißt es schließlich simpel bernsteinfarben. Das wichtigere Kriterium ist aber auch auf dem Label der Flasche zu finden: „Élevé sous bois“ (wörtlich „aufgezogen unter Holz“). Dies ist eine der drei Reifungsstufen, die für AOC-Martinique-Rum möglich sind (die beiden anderen sind jüngere blancs und ältere vieuxs). Um das Kriterium zu erfüllen, muss der Rum mindestens 12 Monate am Stück in Eichenfässern in der Region der Herstellung gereift sein. Für den Saint James Royal Ambré ist keine exakte Angabe gemacht worden, laut Herstellerwebsite kann man aber mit ungefähr 18- bis 24-monatiger Lagerung in Eichenholzfässern rechnen, ist damit also recht deutlich über der Mindestanforderung der AOC. Von der Theorie nun zur Praxis!

Saint James Royal Ambré Rhum Agricole

Farblich weist der Rum ein zum Orangenen hin tendierendes Kupfer. Er hinterlässt sehr zaghaft ablaufende Beinchen am Glas, und hat eine gewisse Viskosität. Die Nase ist sehr malzig, grasig und holzig. Unter dieser Oberfläche liegt eine zweite Schicht an Aromen, die fruchtig sind – Ananas, Erdbeeren, Kirschen. Eine sehr attraktive Mischung, würde ich sagen. Zu guter letzt ist da noch eine Ebene, die grasig, kräuterig und süßlich ist – eine schöne Komplexität in der Nase.

Im Mund ist der Rum dann sehr malzig, mit sehr deutlichen Holzaromen. Durch die Produktionsweise des Ambré schimmert noch sehr viel vom Charakter eines weißen Rhum Agricole durch, da ist noch viel Gras und Heu, etwas Lakritz und auch noch ordentlich Pfeffer, aber auch schon leichte Reifenoten sind erkennbar, Honig, und sehr viel bunte Frucht, von Pfirsich bis Mango. Zunächst sind die gut gewählten 45% (oder ° / degrés, wie man im französischsprachigen Raum sagt) nur leicht erkennbar, sie geben aber Kraft für eine gewisse Breite. Der Abgang ist feurig, mentholig, eher kurz, dafür charakterstark.

Saint James Royal Ambré Glas

Ein Rum, der gerade Anfänger sehr stark polarisieren wird. Mir ging es nicht anders, darum zitiere ich gern Auszüge aus meiner ersten Rezension zu diesem Rum, geschrieben vor einigen Jahren. Man sehe daran, dass sich Gaumen weiterentwickeln. Meist zum Positiven hin, ich kann mir heute meine Meinung von damals kaum mehr erklären.

Man muss diesen Geschmack mögen. Mir geht es bei jedem Cocktail, den ich mit Rhum agricole mixe, so – ich muss erst ein, zwei Schlucke nehmen, die ich runterzwinge; und alle Folgeschlucke sind dann Wundern darüber, wie eigen dieses Aroma ist. (…) Und ich halte Rhum agricole für einen typischen „acquired taste“, den man erst schätzen lernen muss. Tatsächlich geht er mehr in die Grappa-Richtung als in die typische Dunkelrum-Richtung. Im Leben käme ich nicht auf die Idee, diese Art Rum pur zu trinken – da gruselt es mir davor.

Natürlich passt der Saint James Royal Ambré dennoch nicht in einen sanften, zarten Rumcocktail. Er will in wilden, starken Rezepturen vermischt werden, passend zu seinem Naturell. Eines davon wäre das sehr würzige, kratzige und maskuline Dreams of Cane. Dieses Getränk, supereisgekühlt – am heißen Sommerabend, mit Freunden, und ein fettes Cajun-gewürztes Grillsteak dazu, und die Karibik kommt nach Hause. Aber vorsicht, das knallt leicht in die Birne.

Dreams of Cane


Dreams of Cane
1½ oz Gereifter Rhum agricole
½ oz Ingwerlikör
½ oz Limettensaft
½ oz Orangenlikör
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Chemistry of the Cocktail]


Um auf meine frühere Meinung zurückzukommen: heute gruselt es mir gar nicht mehr davor, im Gegenteil, ich habe den Geschmack des Saint James Royal Ambré liebgewonnen. Gern trinke ich ihn inzwischen pur. Und bei einem Preis von deutlich unter 20€ für den Dreiviertelliter ist das eine Flasche, die direkt ersetzt wird, wenn sie leer ist – für mich hat dieser Rum ein beinahe schon unheimliches Preisleistungsverhältnis. Man bilde sich also seine eigene Meinung; doch, das ist wichtig, man hinterfrage seine Meinung immer wieder mal (das gilt nicht nur für Rum, übrigens). Überraschung garantiert.

Kurz und bündig – Uerige Doppelsticke

Die erste Flasche des Uerige Doppelsticke habe ich durch einen netten Menschen in der Facebookgruppe um Craftbier im deutschsprachigen Raum erhalten – er schickte sie mir aus Düsseldorf. In der Zwischenzeit, gut ein dreiviertel Jahr später, habe ich in der kleinen aber feinen Craftbierabteilung meines Real-Supermarkts doch tatsächlich auch die markante Bügelflasche entdecken können – wenn auch mit einem anderen Etikett -, und natürlich mehrfach zugeschlagen. Ein besonderes Bier; warum gefällt es mir so gut?

Uerige Doppelsticke

Farblich ein dunkles Alt, schokoladenbraun, komplett blickdicht und trüb, mit hellbrauner Crema und leichter, aber erkennbarer Perlage. Der Geruch ist sehr aromatisch und stark, mit vielen Eindrücken von Hefe, Kakao, Mango, Papaya, und interessanterweise sogar einer Würzigkeit, die mich Maggi-Würze erinnert.

Uerige Doppelsticke

Die Vielschichtigkeit geht im Mund weiter – Das Doppelsticke ist sehr dicht und voluminös, im Antrunk weich, es entwickelt sich aber schnell eine wuchtige Bittere. Die soßig-würzigen Komponenten übernehmen die Show und kämpfen gegen die schokoladig-süßen Noten. Es erinnert im Mundgefühl mehr an ein fettes Stout als an ein dünneres Alt, wie Diebels. 8,5% sorgen für Power, „Starkbier“ steht entsprechend auf dem Rücketikett. Nur mittlere Rezenz, diese hauptsächlich auch wegen der effektiven Säure. Ich denke beim Trinken an Malz, Kastanien, Holz und Herbstwald. Der Abgang ist schließlich sehr trocken, hefig und fett, sehr lang, sehr malzig und bitter. Süßlich und dabei trotzdem etwas eckig.

Ein besonderes Bier, wird nicht mein Lieblingsalt, einfach weil es schon extrem wuchtig wird und deutlich hin zum Stout tendiert, aber dennoch etwas für eine besondere Angelegenheit!

Tropfen des Geistes, Gießet hinein! Palms Arrak

Nicht über alle Spirituosen, die man so im Laufe des Verkosterlebens trinkt, weiß man ausgesprochen viel. Transparenz bezüglich der Herstellung ist bei vielen Brennern ein Fremdwort – manche wollen einfach nichts sagen, weil sie etwas zu verbergen haben, andere interessiert es einfach nicht, dass sich andere für ihr Produkt tiefer interessieren, sie wollen einfach verkaufen, und weitere wissen gar nicht, dass sie zu wenig Informationen bereit stellen für die Aficionados dieser Welt. In der Hoffnung, auf letztere Gattung zu treffen, frage ich bei lückenhafter Detaillage darum oft beim Hersteller oder Importeur nach; doch die übliche Antwort ist Totenstille, man muss sich bereits freuen, wenn nach vielen Wochen eine knappe Mail mit nur wenig Neuem ankommt, oder einfach das offensichtlich erfundene Marketinggeseier erneut vorgeleiert wird.

Anders beim Palms Arrak. Auch hier war zunächst nur wenig über diese Marke der südostasiatischen Palmsaftspirituose (nicht zu verwechseln mit der Art von  Arrak, die aus Melasse gebrannt wird, und schon gar nicht mit dem Anisschnaps des nahen Ostens) aus den leicht zugänglichen Quellen eruierbar, und ich rechnete nicht damit, vom Hersteller eine schnelle und vor allem derart detailreiche Antwort auf meine Anfrage zu bekommen, wie sie kurz nach Abschicken eintrudelte. Die für mich wichtigen Punkte wurden klar und deutlich erläutert, und ich gebe sie hier in eigenen Worten wieder für alle die, denen die Herstellung ähnlich wichtig ist wie mir.

Palms Arrak

Die Arenga-Palmen, aus deren Blüten der Saft stammt, aus dem schließlich der Palms Arrak gebrannt wird, stehen laut dieser Information in Kambodscha. Dabei handelt es sich nicht um eine Plantagenkultur, sondern wild wachsende Palmen in den dortigen Reisfeldern. Nur in der Trockenzeit nach der Reisernte werden die Blüten in den Baumkronen angezapft, ohne dauernden Schaden an den Palmen zu verursachen – 5 bis 12 Liter süßer Saft (13 Grad Brix) pro Tag und Pflanze können so erreicht werden. In Gärbottichen wird er unbestimmte Zeit fermentiert, und anschließend in Pot Stills doppelt destilliert, um einen Zielalkoholgehalt von 70% zu erreichen. Die Reifung erfolgt dann in Fässern aus dem rötlichen asiatischen Halmilla-Holz mit einer Kapazität von 250l. Hier kommt eine Information des Etiketts dazu – mindestens 3 Jahre lagert der Palms Arrak so, und bekommt dadurch eine rotgelbliche Farbe. Eigens aus dem selben Saft hergestellte Zuckercouleur wird verwendet, um den Farbton anzupassen; andere Zusätze werden nicht beigegeben. Die Filterung und Abfüllung schlussendlich erfolgt in Bad Bevensen in Norddeutschland: eine deutsch-kambodschanische Koproduktion also.

Natürlich hätte ich zumindest Teile dieser Informationen gern auf dem Etikett gesehen, doch die freundliche Offenheit in der Kommunikation gleicht das für mich aus – vielleicht bin ich doch ein Sonderling, und die meisten trinken den Stoff einfach, ohne sich allzuviel Gedanken zu machen. Was wir nun tun werden.

Palms Arrak Glas

Die angesprochene Färbung hilft, das dunkle Hennarot mit terracottafarbenen Reflexen entstehen zu lassen. Im Glas sieht man die Flüssigkeit schwer hin und her schwappen, eine ausgeprägte Viskosität bringt den Arrak dazu, lang und fett am Glasrand zu haften, so dass er nur in Zeitlupe in dicken Tränen abläuft. In der Nase fühle ich mich an harzige Tannenäste erinnert, Fichtennadeln, schwarzer Tee. Dabei ist auch deutlich etwas Klebstoff, vielleicht Getreide. Dezenter sind Zitrusnoten, Orange vor allem. Etwas Menthol ist noch in der Kopfnote.

Im Mund ist der Palms Arrak schwer und breit, zunächst wirkt er süß, mit Kokosaromen, die im Verlauf immer stärker werden. Orange, Milchschokolade, Nougat, eine vorsichtige Nussigkeit, etwas Kümmel sogar. 40% Alkohol sind stärker erkennbar, als es sein müsste. Süße bleibt durchweg da, kämpft am Ende aber gegen eine kräftige Bitterkeit, die ich wiederum sehr apart finde und für etwas Texturkomplexität sorgt. Über den Abgang ist nicht wirklich viel zu sagen – er ist kurz, kühl und bitter, leicht kitzelnd, dennoch etwas flach und leicht metallisch. Nach wenigen Sekunden ist nichts mehr da, auch kaum ein aromatischer Nachhall verbleibt, vielleicht etwas vom Kümmel und Menthol.

Arrak war in Europa lange Zeit die Spirituose der Wahl, wenn es um Mixgetränke ging – Schiller, Mozart, Goethe und andere Geistesgrößen gaben sich besonders gern der damals sehr lebendigen Punschkultur hin, in der gemeinsam aus einer großen Schale geschöpft und getrunken wurde. Die heutige Individualtrinkkultur ist mehr auf Einzelportionen ausgerichtet, doch hin und wieder ist so ein geteiltes Getränk durchaus eine Freude. Darum verwende ich den Palms Arrak mit einer anderen, mit Arrak stark verbundenen Zutat (Swedish Punch) in einem Punsch für Zwei. Ein passendes Gefäß, zwei (Glas-)Strohhalme, und fertig ist der Saturday Night Bath Punch, in Reminiszenz an barocke Trinkgewohnheiten und ein heutzutage ebenso vergessenes Samstagabendritual.

Saturday Night Bath Punch Cocktail


Saturday Night Bath Punch
2 Portionen
3 oz gereifter Arrak
2 oz Swedish Punch
2 oz Blue Curaçao
1½ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken.
In einer Schale mit crushed ice und Strohhalmen für zwei servieren.

[Rezept nach Helmut Barro]


Laut eigener Aussage wird bei Palms Arrak viel Wert auf Nachhaltigkeit gelegt – das ist in einem schnelllebigen, oft genug ausschließlich auf den kurzfristigen Profit ausgerichteten Business ganz sicher erwähnens- und lobenswert. Dazu passt das EU-Biosiegel, das auf dem Rücketikett zu finden ist. Insgesamt gefallen mir Flasche und Etikettengestaltung sehr, sie wirken modern, dezent, stilsicher und durch die transparenten Teile sehr attraktiv.

Für mich persönlich ist der Palms Arrak im Purgenuss etwas zu kurz und schmal, als kleiner Digestiv und Cocktailzutat dafür spannend. Eine ungewöhnliche Spirituose mit Charakter und Geschichte – gerade letzteres ist für mich als Kopftrinker immer etwas, was mir den geschmacklichen Genuss weiter versüßt. Wer sich für Rum oder Cachaça interessiert, sollte sich von den Vergleichen mit diesen Spirituosenkategorien, die man immer wieder mal liest („Rum aus Palmsaft“ et cetera), nicht einwickeln lassen, Arrak dieser Art ist aromatisch doch etwas ganz anderes, und vom Basismaterial her sowieso gar nicht verwandt. Dennoch (oder gerade deswegen?) rate ich zum Selbstversuch, denn die Erweiterung des Aromenhorizonts ist immer etwas Gutes, wissenschaftliches Weiterbildungstrinken sozusagen.

Offenlegung: Ich danke conalco.de für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung einer Flasche des Palms Arrak.

Kurz und bündig – Aspall Draught Cyder

Zu Studentenzeiten war es immer die Wahl, in der man im Shamrock Irish Pub in Konstanz stand – Guinness, Brown Ale oder Cider. Ich weiß nicht, inwieweit das heute noch so ist, meine letzte Irish-Pub-Erfahrung ist schon eine Weile her, dafür aber aus gewissen Gründen unvergesslich. Heute findet sich in manchen Läden inzwischen auch Exotischeres in Sachen Apfelwein, wie der Aspall Draught Cyder, der mich schon aufgrund der schönen Langhalsflasche optisch ansprach.

Aspall Draught Cyder Flasche

Sowohl von Farbe als auch von Geruch hätte ich in einer Blindverkostung felsenfest erstmal „Sekt“ gesagt. Die Strohblässe, die feine, langsame Perlage, der trocken-herbe Geruch nach weißen Trauben, mildem Apfel, Minze und Thymian wäre äußerst ansprechend, wäre er etwas stärker. So muss man schon genau hinschnuppern.

Der erste Schluck – ja, das ist Sekt, denkt man sich. Feine Säure, sehr rezent, eher bitter denn süß. Doch dann kippt im Mund die Sensorik um; der Apfel springt fast schon aus dem Unterholz hervor und bringt dabei eine sehr attraktive, nicht klebrige Süße mit sich. Viele Cider haben das Problem, dass sie viel zu süß sind; der Aspall Draught Cyder hält sich diesbezüglich edel zurück und bietet ein nobles Geschmacksbild, das mit 5,5% Alkoholgehalt gestützt wird. Im Hintergrund liegen noch Nelken und Piment auf der Lauer, doch sie wagen sich nicht wirklich ans Tageslicht. Der Abgang ist eher kurz, süßlich, mit viel Apfel und etwas Gewürzen.

Ein wirklich edles Getränk. Gut gekühlt sehr erfrischend und durststillend. Ein idealer Ersatz sowohl für das Bier zum Essen, als auch für den Sekt zum Anstoßen.