Man lernt immer wieder dazu, wenn man sich mit offenen Augen durch die Spirituosenwelt bewegt. Die neueste Entdeckung, die ich bei einem Aufenthalt in Budapest machen konnte, war eine besondere Herstellungsweise für den ungarischen Pálinka. Pálinka ist eine regulierte Spirituose, die nur aus in Ungarn angebauter, frischer Frucht hergestellt werden darf, und auch dort gebrannt und abgefüllt werden muss. Weder der Maische noch dem Brand dürfen Zusatzstoffe hinzugefügt werden; dahingehend ist eine vom Standard abweichende Herstellungsweise durchaus spannend – man muss auf die ungarische Wikipedia-Seite gehen, um die feinen Details erklärt zu bekommen, die man sonst übersieht. Und so habe ich gelernt, dass im Zusatz zu den obigen Punkten gilt: Getrocknete Früchte sind zwar nicht für eine Maische erlaubt, aber bei der Reifung in Form eines „Fruchtbetts“ schon. Dafür wird der Pálinka für mindestens 3 Monate auf einem Bett aus Frucht gereift und nimmt dabei Extrakt und Aromen auf.
Ein Beispiel für diese Mazerationsalterung ist der Árpád Dupla 60° Ágyas Kajszibarack Pálinka. Einen Aprikosenpálinka aus dem Hause Árpád hatte ich vor einer Weile schonmal besprochen, um so gespannter bin ich darauf, wie sich ein offensichtlicher Könner dieser besonderen Herstellungstechnik annähert. Wir nähern uns erstmal den ungarischen Wörtern im Namen an, die Sprache ist schwierig und nicht offensichtlich durchschaubar. „Ágyas“ bedeutet „gereift“, „Dupla“ beschreibt hier, dass ein doppeltes Bett für die Reifung des aus zwei Basispálinkas bestehenden, auf 80% Alkoholgehalt eingestellten Grunddestillats genutzt wird; erst 6 Monate auf frischen, danach nochmal 6 Monate auf getrockneten Früchten, hier gehe ich dabei von hauptsächlich Aprikosen aus, was zum Destillat passt. „Kajszibarack“ schließlich ist schlicht die Aprikose; und auf dem Etikett findet man noch das Wort „szűretlen“, das „ungefiltert“ bedeutet. Am Ende wird der Pálinka auf üppige und für diese Kategorie durchaus ungewöhnliche 60% Alkoholgehalt eingestellt. Ich verrate nicht zu viel, dass die Verkostung, die nun folgt, eine ganz besondere sein wird; man ahnt es schon aus den vielen speziellen Details, die in so einen Brand eingeflossen sind.
Die zeigefreudige Flasche mit dem Abrisskantenetikett versteckt nichts, im Glas ist die hellorange, bernsteinige Farbe noch konzentrierter zu sehen. Dort sieht man dann auch, wie schwer und viskos sich der Brand bewegt, fast sirupartig schwappt er hin und her und lässt fette Artefakte an der Glaswand zurück, schöne Beine bilden sich beim Ablaufen.
Wie bei allen gut gemachten Obstbränden ist die eingesetzte Frucht auch hier direkt klar und ohne Umschweife abgebildet, die ungarische Aprikose ist herrlich vorhanden; wer einmal auf einem der vielen Obststände in den überall in der Stadt verteilten Markthallen ein paar reife, heimische Aprikosen probiert hat, weiß, wovon ich spreche, das ist schon etwas besonderes. Man riecht das saftige Fruchtfleisch, eine getrocknete Variante davon, und einen Hauch des Steins, also drei unterschiedliche Eindrücke, die aber alle mit der Frucht verbunden sind. Ein bisschen Sandelholz, ein bisschen Pfeffer, ein bisschen Kardamom, ein bisschen Muskatnuss, sie alle erhöhen die Komplexität und machen den Duft des Dupla Kajszibarack zu einem sehr angenehmen, aber nicht unbedingt wahnsinnig anschmeichelnden Bouquet, man spürt die klare Kante, die zeigt, dass man keinen Likör vor sich hat.
Der Antrunk ist ein Erlebnis – das fühlt sich wirklich an, als würde man in eine gedörrte, aber innen noch saftige Aprikose beißen. Die Aromen sind extrem stark, dicht und füllen schnellstens den ganzen Mundraum aus. Die Textur ist fett und voll, man meint zwischendurch, Fruchtfleisch zu kauen, so dicht ist das; durch die Herstellungsweise ist natürlich etwas Extrakt tatsächlich vorhanden, und das macht das alles noch wuchtiger. Für einen Sekundenbruchteil hat man Fruchtsüße, diese wird aber fast sofort durch knackige Säure und eine ausgeprägte Bittere aufgehoben. Kein Moment vergeht, in dem man nicht an die gedörrte Aprikose denkt, das ist wirklich beeindruckend in seiner Dichte und Kraft. Der Abgang wirkt dann fast übertrieben, hier wird der Árpád Dupla Kajszibarack Pálinka ein bisschen unrund in all seiner Extremheit, da weiß die Zunge gar nicht mehr, wohin sie schmecken soll und ist durchaus überlastet, weit hinten im Rachen grummelt er dann sehr lange noch vor sich hin. Der hohe Alkoholgehalt tut sein übriges dazu, man spürt ihn deutlich. Süß, sauer, salzig, bitter, fruchtig, heiß, texturiert, lang – ein Brand, den man in keiner Sekunde ignorieren kann, der einem wirklich den Geschmacksapparat durch den Wolf dreht. Ich liebe es, aber nicht für jeden Tag.
Ja, das muss man abkönnen, ich glaube nicht, dass dieser Pálinka jedem so richtig gefallen wird, einfach, weil er in jeder Beziehung extrem ist, ihm ist Eleganz und Feinheit fremd, dafür bietet er Aprikosenwucht in Perfektion: ein Glas, das man nicht so schnell vergisst.
Man könnte erstmal denken, wenn man das Rezept des Rhythm Section liest, dass die Aprikose darin nur eine untergeordnete Rolle spielt. Doch sie drängt sich klar nach vorne, wenn man den Árpád Dupla dafür einsetzt, wie ich es nach der Geschmacksprobe erwartet habe, ohne dabei aber aufdringlich zu wirken; man ahnt sie dann im Antrunk, schmeckt sie deutlich im Verlauf und im Nachhall überholt sie alle anderen Zutaten. Der Cocktail ist an sich schon komplex und spannend, und mit einem guten Aprikosenbrand verstärkt sich das ganze nochmal.
Rhythm Section
1½oz / 45ml Blended Scotch
¾oz / 23ml Orgeat
¾oz / 23ml Zitronensaft
½oz / 15ml Aprikosenbrand
½oz / 15ml Bénédictine
1 Eiweiß
1 Spritzer peated Scotch
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Death & Company]
Die quaderförmige Flasche ist einfach schön anzuschauen, der Plastikdrehverschluss hochfunktional und praktisch, die Etikettengestaltung einfach eindrucksvoll. Der Karton ist noch eine Erwähnung wert – das hat in seiner reduktionistischen Gestaltung fast schon was von dem geheimnisvollen Monolithen aus Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, mir gefällt das außerordentlich gut, ich bin sonst kein Fan von Kartonverpackungen, aber hier musste ich die Flasche mit Karton haben.
Wer erstmal probieren will, der holt sich einfach die kleine Miniatur im identischen Design, die es auch zu kaufen gibt. Diese beiden Dinge zeigen für mich, dass hier ein echter Könner engagiert wurde, um die Produktpräsentation auf eine neue Ebene zu heben, insbesondere, weil die meisten Pálinkas in Ungarn eher sehr traditionell gestaltet und in den von mir besonders ungeliebten hohen, schmalen Flaschen abgefüllt wird.


Wer diese Flasche in Budapest kaufen will, sollte sehr vorsichtig sein – die Preisspreizung für den Árpád Dupla ist enorm. Ich habe ihn für ungefähr 15000 Forint bei Mr. Alkohol (was ein schöner Name für einen Spirituosenladen!) in der Nähe des Nyugati-Bahnhofs gekauft, ihn aber auch für 26000 Forint in Wein- und Souvenirläden an der Váci Utca gesehen. Nicht, dass er diesen Preis nicht wert wäre, aber übertreiben muss man es ja auch nicht, die Verkäufer an den touristischen Orten dort verdienen sich eh dumm und dämlich an der Kundschaft, die sich noch in Schockstarre der überwältigenden neogotischen und neobarocken Architektur befindet und keine Preise vergleichen kann oder will.
































