Bier am Freitag – Fischer Blonde Tradition und 3 Houblons Alsaciens

Mein Kontakt mit französischem Bier läuft, nun, sagen wir mal, schleppend. Immer wieder kaufe ich in den nahegelegenen Supermärkten auf französischer Seite der Grenze Bier aus dem Nachbarland, oft gebraut im Elsass; und immer wieder stelle ich fest, dass es mich nicht so recht wundert, dass die französischen Supermärkte viel belgisches und deutsches Bier anbieten, die deutschen Gegenparts allerdings so gut wie nie französisches. Nun sind unsere Nachbarn ja deutlich eher Wein- denn Biertrinker, doch die grenznahen Regionen wie das Elsass und Lothringen, und auch Gebiete in Nordfrankreich, haben eigentlich eine reiche Tradition an Brasserien, und daher gebe ich nicht auf, das Bier von dort zu finden, das mich begeistert. Seit 1821 zum Beispiel wird in der Brasserie Fischer Bier gemacht, mit regionalen Zutaten sogar, wie das Etikett stolz aussagt. Die 65cl-Flaschen des Fischer Blonde Tradition und 3 Houblons Alsaciens mit Bügelverschluss haben mir optisch extrem gefallen – und so folgt nun der nächste Versuch den Gerstensaft à la française kennenzulernen.

Fischer Blonde Tradition und 3 Houblons Alsaciens

Beginnen wir mit dem Fischer Blonde Tradition, einem mit Glukosesirup und Hopfenextrakt hergestelltem untergärigen Bier, 6% Alkoholgehalt machen es zumindest mal stärker als viele Helle in Deutschland. Es ist immer sehr befriedigend, einen Bügelverschluss aufzuploppen, das ist hier keine Ausnahme. Ins Glas schwappt das Bier mit nur leichter Schaumbildung, dieser sinkt weiterhin in sich zusammen, ein dünner Flaum bleibt erhalten – zusammen mit der leuchtenden, kristallklaren, goldenen Flüssigkeit ein sehr attraktives Blondes. Der Geruch ist dafür weniger hübsch, nun, das kann man so nicht sagen – er existiert halt kaum. Mehr zu erratende Anflüge von Gerste und Bitterhopfen, etwas rostiges Metall, ein Touch von Plastik. Nicht wirklich ansprechend, schade, der Kontrast zwischen Optik und Nase ist frappierend.

Fischer Blonde Tradition

Im Mund hat man dann halt ein gesüßtes Helles, es ist fast lustig, wie offensichtlich der Glukosesirup sowohl das Mundgefühl als auch den Geschmack anführt. Getreidearomen versuchen, sich dagegen durchzusetzen, bleiben aber unerfolgreich dabei. Eine fast schon künstliche Fruchtnote, die an Fruchtkaugummi erinnert, kommt dazu. Immerhin ist die Rezenz da, sowohl von der Frische als auch der Säure, das klappt gut. Doch der Rest ist oberflächlich und artifiziell, und der Abgang dauert höchstens 2 Sekunden, und ist am Ende dann sogar noch kratzig.

Ich könnte sagen, ja, das ist halt ein einfaches Bier, aber die Süße macht schlicht alles kaputt, was da an Spannung da sein könnte, oder wenigstens an einfachem Bierstandard. Mich wundert, dass sowas bei den Franzosen mit ihrem Qualitätsbewusstsein, was alle anderen Lebens- und Genussmittel angeht, zu verkaufen ist. Man stelle sich vor, man würde ihnen gesüßten Wein vorsetzen – ich ahne schon das Drama, das da folgen würde.


Die Erwartung an das Fischer 3 Houblons Alsaciens ist nach der Erfahrung des Blonde Tradition nicht besonders hoch, insbesondere, da die drei namensgebenden alsässischen Hopfensorten nicht namentlich erwähnt werden, und dann auch nur als Hopfenextrakt und nicht als Frischhopfen eingesetzt werden. Mit 7,2% Alkoholgehalt ist es etwas stärker, und obergärig eingebraut. Hier hat man sich auch entschieden, zusätzlich zum Glukosesirup auch noch Zucker einzusetzen – die Erwartungshaltung sinkt immer mehr.

Fischer 3 Houblons Alsaciens

Auch hier weiß allerdings die Optik erstmal über viel hinwegzutäuschen, schönes, kräftiges Kupfer, kristallklar und leuchtend, dazu ein feinblasiger Schaum; mir gefällt es. Mit der Nase muss man dann den so offensiv beworbenen Hopfen echt suchen, das hat keinesfalls auch nur ansatzweise deutliche Fruchtigkeit, wie man sie vielleicht bei einem Pale Ale erwartet, oder auch nur einem hopfengestopften Hellen. Eigentlich riecht es genauso wie das Blonde Tradition, leicht gerstig, leicht nach Plastik, nur minimal orangig vielleicht. Das ist aber mehr meiner Fantasie zuzuschreiben, wahrscheinlich.

Der Gaumen findet dann aber doch noch die Hopfenfrucht, sehr viel deutlicher, als es die Nase vermochte. Hier könnte man leichte Aprikose, Orange und Mango feststellen, die durch die künstliche Süße unterstützt auftauchen. Im Verlauf wandelt sich das Bild hin zu etwas Floralität, auch hier ist der Hopfen wahrscheinlich verantwortlich, während eine ganz milde Getreidewürze dazukommt. Frische ist mäßig gegeben, leicht kantige Säure kitzelt den Gaumen wenigstens, obwohl die Süße das Bier sehr stumpf macht. Der Abgang ist kurz bis mittellang, hier weiterhin von Blumigkeit dominiert – das schönste am ganzen Bier.


Das 3 Houblons Alsaciens ist das klar interessantere Bier der zwei hier vorgestellten, aber das will nichts heißen: Der Zucker zerstört bei beiden jede Komplexität und damit den Genuss. Da beißt die Maus keinen Faden ab – für den deutschen Gaumen taugen beide nicht wirklich. Dass der Zuckerzusatz eine klare Geschmacksentscheidung ist, sieht man an den auf dem Rücketikett mitgelieferten Tasting Notes, die die Süße betonen. Vielleicht trinkt man im Elsass einfach gern süßes Bier. Das muss ich dann hinnehmen, aber ich weiß, dass ich nicht dorthin zum Bierausflug muss. Meine Queste geht weiter.

Rosen und Pflaumen – Yumehibiki Rose Ume Liqueur

In ganz Ostasien sind sie verbreitet, besonders die Chinesen und Japaner mögen ihre leichten aber aromatischen Pflaumenliköre sehr. Der europäische Gaumen kennt sie eigentlich auch, gerade in chinesischen Restaurants hierzulande findet sich oft ein Gläschen davon als Absacker nach einem üppigen Essen auf dem Tablett mit der Rechnung, und hin und wieder habe ich sogar eine Miniaturflasche als Geschenk des Hauses beim All-you-can-eat-Buffet des Restaurants des Vertrauens bekommen (ich hoffe, es handelte sich dabei nicht um einen Preis bei einem Esswettbewerb, bei dem ich unwissentlich teilnahm). Es hört sich also erstmal exotisch an, im Endeffekt kennen wir den Geschmack aber – frische Säure, aromatische Frucht, leichte Süße, niedriger Alkoholgehalt, so würde ich den Archetyp eines Pflaumenlikörs im asiatischen Stil beschreiben; deutlich unterschiedlich also zu dem oft eher schwereren, süßwürzigen Pflaumenlikör europäischer Provenienz, der ja aber auch auf einer völlig anderen Frucht basiert.

Es gibt unzählige Varianten, die oben verlinkten Beispiele zeigen schon, dass die Hersteller gerne experimentieren, es ist keine kleine Kategorie, sondern eine breit gefächerte mit unzähligen Produkten – von fassgereiften Exemplaren über Vintage-Liköre bis zu aromatisierten Exemplaren gibt es für jeden Geschmack eine Fassung. Der Yumehibiki Rose Ume Liqueur ist dafür wunderbares Anschauungsmaterial: Ein klassischer japanischer Umeshu von der klimatisch für den Anbau der japanischen Ume-Pflaume perfekt geeigneten Insel Kyushu wird mit echten Rosenblättern aromatisiert. Der Hersteller Oyama Yume Kobo betont, dass diese essbaren Rosen aus pestizidfreiem Anbau stammen, eine Zusage, die beim Einsatz natürlicher Zutaten ein wichtiger Bestandteil der modernen Lebensmittelsituation geworden ist. Man ahnt bereits, dass die Verwendung echter Rosen und der Verzicht auf künstliche Aromastoffe darauf hindeuten, dass wir hier ein hochwertiges Produkt vor uns haben – verifizieren wir das aber auch mal sensorisch mit einem ersten Schluck.

Yumehibiki Rose Ume Liqueur

Die Farbe ist tatsächlich ein dezentes Rosé, wie man das auch von Wein kennt, mit leichten Anklängen von Orange. Im Glas bewegt sich die Flüssigkeit schwer, und steht wieder schnell, nachdem man sie in Bewegung versetzt hat. An der Glaswand bleiben vereinzelte Artefakte zurück, eher ein Tropfenmuster als die sonst üblichen Beinchen, das ist natürlich dem niedrigen Alkoholgehalt von 12% geschuldet.

Dass es sich um einen aromatisierten Umeshu handelt stellt die Nase dann direkt fest. Trotz der Rosenblätter ist die japanische Ume-Pflaume mit ihrer leichten Fruchtigkeit und schon erriechbaren Säure dennoch die beherrschende Komponente. Das erinnert etwas an milden, trüben Apfelsaft, an Quitten und Birnen, beide noch nicht ganz reif; mit einem Touch von Himbeere. Die Rosenblätter kommen erst sehr spät im Duft vor, und dann auch eher subtil als Beinote denn wirklich prägnant.

Yumehibiki Rose Ume Liqueur Glas

Auch im Mund kommt die Säure der Ume-Pflaume als erstes zur Geltung, und bleibt bei uns im gesamten Verlauf. Roter Apfel, Birne und Quitte sind vielleicht wirklich die besten Vergleiche, die man dafür findet. Gleichzeitig spielt eine natürliche Süße mit, die aber nie versucht, gegen die Säure und milde Bittere wirklich anzutreten. Schön weich ist die Textur initial, geht aber dann doch ins Herbtrockene über, passend zur Frucht. Den Alkohol des Yumehibiki Rose Ume Liqueur ahnt man nur durch eine zarte Wärme, die im Rachen und der Speiseröhre beim Herunterschlucken entsteht. Als Kopfnote kommen dann die Rosenblätter ganz leise vor, hier hat man wirklich nicht versucht, einen künstlichen Rosendampfhammer einzubringen, sondern sich auf ganz natürliche Extraktion aus Rosenblättern verlassen – und die geben eben nicht Massen an Geschmack ab. Der Abgang ist schließlich kurz, weiterhin vom Effekt der Säure und den Aromen der Pflaume getragen.

Ein wirklich subtil und vorsichtig gemachter Rosen-Umeshu, natürlich und sauber wirkend, mit idealer Balance und einer angenehmen Zurückhaltung. Das gefällt mir sehr, insbesondere in Momenten, wenn man etwas ganz Leichtes trinken möchte, das trotzdem aromatisch ist. Für Freunde des sensorischen Overkills ist das natürlich nichts, die werden sich unterfordert fühlen – man sollte sich auf die sanfte Zartheit und das japanische Understatement dieses Getränks einlassen können.


Im Original heißt der nun vorgestellte Cocktail Killer Queen und verwendet mit Rosenblättern aromatiserten Lillet und Angostura. Ich habe die beiden Zutaten japanisiert, nehme statt dem Lillet den Yumehibiki und statt Angostura die The Japanese Bitters Shiso. Damit ist der Namenswechsel dann hoffentlich gerechtfertig – ich benenne ihn hier nach dem Ehrentitel der japanischen Kaiserin Killer Kogo.

Killer Kogo Cocktail

Killer Kogo
2oz / 60ml Dry Gin
¾oz / 23ml Rosen-Ume-Likör
¼oz / 7ml Bénédictine
4 Spritzer Shiso-Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept adaptiert nach Robin Wolfs „Killer Queen“]


Der deutsche Importeur schlug den Yumehibiki Rose Ume Liqueur als Muttertagsgeschenk vor – ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen, dass das in so einem Umfeld gut ankommt (leider bin ich mit meiner Rezension hier ein paar Tage zu spät dafür dran, das ihm gleichzutun, aber es gibt bestimmt weitere Anlässe, einer geschätzten Person so etwas zukommen zu lassen).

Nicht nur, weil der Likör selbst einfach sehr angenehm zu trinken ist, sondern auch wegen der Gestaltung der Verpackung: Die kleine 200ml-Flasche ist wunderbar, fragil und gleichzeitig elegant, mit der Form eines Rosenblatts, sehr breit und sehr dünn, mit schönem Korken und einem edlen Geschenkkarton. Aaahs und Oooohs sind garantiert.

Bier am Freitag – Stone Viking Space Probe Hazy Double IPA

Mir geht es ehrlichwerweise oft so – ein Spontankauf wird vom Flaschendesign getriggert. Beim Stone Viking Space Probe Hazy Double IPA war es genau so. Das grandiose Etikett mit transparentem Hintergrund, das das Firmenmaskottchen mit den markanten Hörnern zeigt, vor einem Hintergrund einer Sternenkarte und mit der in krassem Kontrast zu diesem futuristischen Bild stehenden Frakturschrift des Produktnamens. Da bleibe ich einfach mit den Augen hängen, und damit ist der erste Schritt zum Kauf schon getan. Nicht, dass mich Stone Brewing noch groß überzeugen müsste, da weiß ich, was ich bekomme. Hier ist auch einiges schon am Etikett erwähnt: 8,5% Alkoholgehalt, hergestellt aus Weizenmalz und Gerstenmalz, der Einsatz von Ella– und Citra-Hopfen sowie überraschend Zuckersirup.

Stone Viking Space Probe Hazy Double IPA

Deutliche Hefebrocken schwimmen schon in der Flasche sichtbar herum, beim Eingießen kann man nur schwer verhindern, dass die mit ins Glas kommen. „Hazy“ wird es dadurch ganz sicher, hübsch ist allerdings anders, und ein witziger Effekt tritt auf: durch die Perlage werden die Hefeklumpen dauernd wild aufgespült und bewegt, das erinnert fast an eine Lavalampe. Feiner Schaum bleibt etwas erhalten. Die Nase ist extrem hopfig, neben den limettigen, zestigen, grapefruitigen Aromen, die in Säure und Ätherik durchaus schon kribbeln in der Nase, ist da eine sahnejoghurtige Note, die das ein bisschen auffängt – ja, das riecht wie ein Fruchtsahnejoghurt. Litschi und unreife Guaven, reife Ananas

Nur der initiale Antrunk hat dann auch geschmacklich was von dieser Süßspeise, schnell kommt die stiltypische Bittere auf, die im Verlauf immer stärker wird. Säure und Würze sind da, besonders letztere ist wirklich kräftig ausgebaut, da ist Honig, Heidekräuter und Schüttelbrot da, das sich gegen die Komposition aus vielgestaltiger tropischer Hopfenfrucht zur Wehr setzt. Eine dicke Textur kommt dazu. Frische und Rezenz sind fraglos, aber diese wilde Mischung aus Süßsauerbitter ist schon etwas gewöhnungsbedürftig – der zugesetzte Zucker gibt zwar Volumen, aber auch ein bisschen Oberflächlichkeit ins Bier. Gegen Ende ist da eine fast schon kratzige Bittere, die im hinteren Rachen beständig liegen bleibt, während sich die anderen Aromen und Effekte langsam ausgleichen – das Stone Viking Space Probe zeigt sich verrückterweise dann von seiner besten Seite, wenn man es schon heruntergeschluckt hat.

Wenn man diesen Bierstil mag, ist Stone wieder mal eine Bank, dass sie abliefern. Anbiedern tun sie sich mit ihren Bieren jedenfalls nicht – und das mag ich irgendwie. Nicht immer, manchmal darf es ruhig etwas freundlicher und sanfter sein, aber oft.

Jamaikanische Nostalgie – Worthy Park Single Estate Reserve und Cask Finishes

Damals, als die Facebookgruppe „Der Rum-Club“ noch so richtig aktiv war, wurden hin und wieder spannende Events veranstaltet; es gab ein Rum-Club-Treffen in Köln, das ich sehr gut in Erinnerung habe. Auch online traf man sich, so denke ich gern an das Meeting mit Richard Seale, in dem er geduldig Fragen beantwortete. Oder die Präsentation über Worthy Park von Zan Kong, in der er die Destillerie vorstellte und viele schöne Details über jamaikanischen Rum erzählte. Ja, die guten alten Zeiten.

Worthy Park Pot Still Forsyths

Ich mochte den Rum von dort vorher schon, doch die neuen Abfüllungen, die seit einigen Jahren von dort erscheinen, haben mich noch mehr überzeugt. Nehmen wir einfach mal als Beispiel das Standardprodukt der Brennerei, den Worthy Park Single Estate Reserve. Auf dem Etikett sieht man den Stolz, den die Firma auf ihre Geschichte und Anlagen hat: „Estate distilled, aged, blended & bottled“, das heißt, es wird dort also jeder Arbeitsschritt für die heimische Flasche selbst gemacht, und die Tausende von Hektar an Zuckerrohr-Plantagen stellen sicher, dass auch das Basismaterial nicht eingekauft werden muss. Es handelt sich also nach der Gargano-Klassifikation um Pure Single Rum, rein in Potstills gebrannt, und dann für 6-10 Jahre in Ex-Bourbon-Fässern gelagert.

Worthy Park Single Estate Reserve

Im Glas finden wir dann eine ganz klassische Farbe für das Alter, helles Kupfer, im Gegenlicht schon in Richtung Gold gehend. Schön gemächlich schwenkt sich die Flüssigkeit, in sehr regelmäßigen Abständen bilden sich dabei die Beinchen, die jeder Spirituosenliebhaber so schätzt. Schon während des Schwenkens entfleuchen dem Verkostungsglas die so typischen Jamaika-Rum-Aromen, Marzipan, Butterscotch, viel Vanille, gebräunte Butter, Karamellbonbons und ganz dezent im Hintergrund reife, tropische Früchte. Wirklich extrem angenehm zu schnuppern, zu tief sollte man die Nase aber nicht ins Glas halten, sonst kitzelt der leichte Lack- und Klebstoffton etwas im Riechkolben.

Worthy Park Single Estate Reserve Glas

Der initiale Antrunk wirkt leicht, gar nicht so süß, wie vielleicht erwartet, sondern schon direkt am Anfang mit Herbe und Würze. Die 45% Alkoholgehalt verstecken sich nicht, da spürt man ordentlich Kraft und Feuer, ohne, dass es zu aggressiv rüberkommt. Im Verlauf sind Vanille, Karamell und Butter dann die dominierenden Elemente, Marzipan unterstützt, Trockenfrucht wie Datteln und Rosinen melden sich, doch gerade Butter und Karamell bleiben von vorne bis hinten sehr präsent. Milde Herbe von Tabakblättern sorgt dafür, dass wir hier nicht nur süße Aromen finden, sondern sich ein erwachsenes, sehr rundes und vielschichtiges Gesamtbild herausschält, mit weicher, aber nicht wirklich anschmeichelnder Textur. Voll und schwer, aromatisch dicht und mit ordentlich Wumms – so klingt der Single Estate Reserve dann auch aus, hinterlässt lange süßen Butterscotch am Gaumen und bildet dann, ganz zum Schluss, sogar noch eine kräftige, prägnante Jasminblumigkeit aus. Ich liebe diese Art Rum, da gibt es eigentlich nichts zu meckern für mich, mein persönlicher Geschmack ist nahezu perfekt getroffen.


Ich gebe ja zu, ich bin ein bisschen ein Worthy-Park-Fanboy, darum habe ich mir über die Zeit auch drei Ausgaben der Special Cask Releases zugelegt. Für diese wurden unterschiedliche Reifungsmethoden eingesetzt, und ich sage schon jetzt, dass es sich für potenzielle Käufer durchaus lohnt, mehrere davon zu haben: Sie unterscheiden sich definitiv vom Single Estate Reserve, und auch untereinander. Ich gehe jetzt die drei Mitglieder der Cask Selection Series, die ich zuhause habe (#4 Port, #5 Madeira und #8 Quatre Vins), mal durch.

Worthy Park Special Cask Releases Quatre Vins, Madeira und Port

Beginnen wir mit dem Worthy Park Special Cask Release Quatre Vins (Cask Selection Series #8). Zunächst die bloßen Daten. Für dieses Release hat man eine doppelte Reifung („Double Maturation“) eingesetzt: Zuerst gab man das reine Potstill-Destillat aus 2013 für 4 Jahre in Ex-Bourbon-Fässer, dann hat man es aufgesplittet und vier Stränge angelegt, die jeweils 2 Jahre in Ex-Weinfässern (Monbazillac, Sauternes, Moscatel und Jurançon) lagerten. Diese vier Lagerungen wurden dann wieder miteinander verblendet, und man hat 1318 Flaschen mit 52% Alkoholgehalt abgefüllt.

Worthy Park Special Cask Release Quatre Vins Glas

Leuchtend kupferfarben steht das vierfach gereifte Destillat im Glas, etwas heller wirkt es als in der Flasche, wo es fast rot aussieht; jedenfalls ist es erkennbar dunkler als der Single Estate Reserve zuvor. Schwenkt man es, schwappt es schwer hin und her, und lässt entsprechende Artefakte am Glas. In der Nase kommt initial erstmal die WP-Typizität zum Vorschein, sehr angenehme, hochtypische Rumaromen von Marzipan, milder Trockenfrucht und einer süßen Gewürzmischung mit viel Vanille. Karamell und verbrannter Zucker, Nougatschokolade, und mildesterige Frucht kommen darunter. Schwerer und fruchtiger als der Vorgänger kommt es mir vor, die Weinfässer geben klar mehr Tannine und dunkle Obstaromen in den Quatre Vins ab. Sehr deutlich wird die Weinvorbelegung bei der leichten Schwefelnote.

Geschmacklich kommt sie auch direkt vor, bleibt über den ganzen Verlauf schmeckbar. Dunkle Rotweinnoten sorgen für Fülle, eine ganz dezente, zurückhaltende Vanille- und Türkisch-Honig-Süße gleicht die Herbheit und Trockenheit aus. Fast schon Highland-Scotch-artige Medizinialität erzeugt etwas zusätzliche Komplexität, die man genießt, während man auf der runden Textur lutscht. Der Abgang ist mittellang, feurig heiß, trocken aber nicht staubig, und hinterlässt ein sehr angenehmes, warmes Mundgefühl, das lange anhält und mit schön gerundeten Frucht- und Gewürznoten insgesamt sehr attraktiv ist: irgendwie fühlt es sich an, als hätte man ein Streichholz im Mund angezündet und ausglimmen lassen. Die Weinfinishes haben tolle Arbeit geleistet, das ist für mich persönlich ein klarer Wandel zum Basisprodukt!


Gehen wir zum nächsten Release, dem Worthy Park Special Cask Releases Madeira (Cask Selection Series #4). Die Herstellung ist ähnlich, reines 2013er-Potstilldestillat hat 4 Jahre Ex-Bourbon-Fass hinter sich und bekommt dann ein klassisches einjähriges Finish im Ex-Madeira-Fass. Das ergab 677 Flaschen mit 58% Alkoholgehalt.

Worthy Park Special Cask Releases Madeira Glas

Die Optik ist schonmal gelungen, dunkles Kupfer, beinahe Hennarot, deutlich viskos im Glas, mit schön langsam dickbauchig ablaufenden Beinen. Der Duft folgt diesem Eindruck: Zunächst herb und erdig, nasser Ton und Kokosnussschale, schnell darauf süße Noten von gerösteten Mandeln, Vanille und Karamell. Direkt im Anschluss kommt dann eine sehr fruchtige, traubige Note zum Vorschein, das Madeira-Fass präsentiert sich deutlich. Süßwein, Birne, Honigmelone. Sehr angenehm, allerdings schon sehr weinlastig.

Ähnlich angenehm geht es auch weiter. Im Antrunk, weich, mild, süß und schwer. Im Verlauf kommt sehr stark Vanille nach vorn, und auch hier beginnt man, das Finish herauszuschmecken. Süßer Wein, Butterscotch, deutliches Rancio, Kokosmark, Karamell – die 58% sorgen für ordentlich Wumms, ohne zu kneifen; das pfeffrige Feuer, das nach kurzer Zeit entsteht, ist würzig und heiß.  Sehr komplex und voller Eindrücke. Der Abgang ist hefig und mineralisch, Ton und Kokosschale wie schon zu Beginn errochen. Lang, süß, warm und rund. Der Nachhall ist alkoholhauchig (man merkt, dass „nur“ 5 Jahre Reifung wirken konnten), angenehm und trocken, ohne adstringierend zu werden. Ein wirklich sehr schöner Rum, viel Power, viel Charakter, dabei aber sehr rund und gleichzeitig nie wild und aggressiv.


Zu guter letzt noch die vierte Flasche: Worthy Park Special Cask Releases Port (Cask Selection Series #5). Hierfür hat man sich mehr Zeit gelassen, immerhin 9 Jahre Ex-Bourbon-Fass mit einjährigem Ruby-Port-Finish; entsprechend ist das Destillat von 2008. 585 Flaschen hat man daraus gewonnen.

Worthy Park Special Cask Releases Port Glas

Der Port macht sich schon farblich bemerkbar – ein rötliches Kupfer. Auch hier sieht man, wie schon beim Madeira Cask, leichte Öligkeit bei mittlerer Schwere mit attraktiven Glaswandverhalten, was Beine angeht. Zunächst nehme ich eine leichte Hefigkeit wahr, gefolgt von einer deutlichen Marzipannote. Der Port ist klar erkennbar, liegt als Schicht über den dunkleren Rumtönen von Rosinen, Mandeln und reifer Frucht – eine sehr spannende geruchliche Melange aus Port und Jamaika-Rum. Ein runder, milder, aber sehr vollsüßer Eindruck.

Sehr süß wirkt das initial im Antrunk, dann aber doch schnell zum Trockenen hin tendierend. Eine gewisse Grundsüße bleibt aber dauerhaft erhalten. Sehr voll, breit und tief, und 56% Alkohol sind perfekt verarbeitet, da gibt es keinen Fehler. Milde Ester breiten sich aus, reife, aber nicht überreife Frucht, etwas Brotiges kommt dazu, und auch hier Rancio. Der Mundraum kitzelt nicht vor Alkohol sondern vor deftiger Würze, etwas umami. Sehr intensiv und einnehmend. Der mittellange Abgang ist ein Traum – hocharomatisch, sehr warm, dicht und voll, süß, mit milder Trockenheit. Eine sehr weintraubige, fast schon kirschige Note hängt extrem lange nach, am Ende meine ich sogar, etwas Jasmin herauszukitzeln.


Im Originalrezept des Across the Pacific wird der Rum gesplittet – Appleton 12 und Smith&Cross, beides jamaikanische Rums, aber mit unterschiedlicher Aromatik. Persönlich glaube ich, dass der Worthy Park diese Kombination zweier Stile auf Jamaica bereits repräsentiert, darum nehme ich einfach nur den Single Estate Reserve her – wunderbar könnte natürlich auch einer der Special Cask Releases für noch einen Ticken mehr Komplexität funktionieren. Das Ergebnis gefällt mir jedenfalls sehr.

Across the Pacific Cocktail

Across the Pacific
1½oz / 45ml gereifter Jamaica-Rum
½oz / 15ml Amaro
¾oz / 23ml Limettensaft
¾oz / 23ml Orgeat
Auf Eis shaken. Auf crushed ice servieren. Mit Muskatnuss bestäuben.

[Rezept nach Meaghan Dorman]


Die Flaschen gefallen mir nicht weniger, modern und klar sowohl in der Form als auch in der Etikettierung. Das wirkt alles aus einem Guss, sehr hochwertig, und das Auge ansprechend, ohne je in Kitsch oder Narzissmus zu verfallen. Das massive Glas sorgt dafür, dass die Flasche gut in der Hand liegt, der ebenso gut handhabbare Verschluss aus Holz dafür, dass es eine gewisse zusätzliche haptische Befriedigung beim Öffnen gibt. Im Regal der Heimbar sehen sie jedenfalls toll aus.

Worthy Park – das ist das Jamaica, das ich liebe, viel mehr als das brutale Hampden-Superester-Jamaica, das mir persönlich einfach viel zu anstrengend ist. Das hier dagegen ist nicht weniger spannend, trinkt sich aber gleichzeitig einfach großartig. Hochkomplex, vielschichtig, superaromatisch, voller Intensität und das alles kombiniert mit einer Drinkability, wie man sie selten findet. Kurz – perfekte Rums für den Anfänger wie für den Kenner. Man merkt, ich bin begeistert, insbesondere der Quatre Vins hat mich wirklich voll überzeugt. Und ich schäme mich nicht dafür; diese Rums sollte man probiert haben, gerade, weil sie ein sensationelles Preisleistungsverhältnis haben – hier muss man sich für einen extrem gut gemachten Rum nicht verschulden. Zugreifen, sofort!

Bier am Freitag – Corsendonk Agnus Tripel

Von meiner letzten Brüssel-Reise hatte ich so einige Spirituosen und Biere belgischer Provenienz mitgebracht. Leider wohne ich in einer Gegend, in der man keinen Respekt vor der Mühe solcher Beschaffungsarbeit hat – als ich das Auto ausräumte und eine Tasche mit einem belgischen Likör und zwei Flaschen des Corsendonk Agnus Tripel kurz vor der Eingangstür abstellte, um andere Gepäckstücke ins Haus zu tragen, musste ich feststellen, dass jemand die Tasche gestohlen hatte in den wenigen Minuten, in denen ich nicht aufmerksam war. Sehr ärgerlich, und ich verstehe nicht, warum man so wenig Nachbarschaftlichkeit haben kann. Nun, zum Glück hatte ich vor einiger Zeit bereits ein Foto und Geschmacksnotizen des Corsendonk Agnus, im Auftrag gebraut für Corsendonk durch die Brasserie du Bocq, angefertigt. Ich gebe das hier so wie damals geschmeckt wieder und werde die Notizen mit irgendwann zu kaufenden neuen Flaschen anpassen.

Corsendonk Agnus

Beim Eingießen ins Glas zischt es laut, wie bei vielen Bieren mit Flaschennachgärung. Eher großblasiger Schaum entsteht dabei, der von sehr starker, sichtbarer Perlage am Leben erhalten wird. Das Bier ist hell, farblich weist es ein naturtrübes Ocker auf. Milde, aber durchaus bittere Zitrusnoten sind der erste Geruchseindruck, kombiniert mit Limettenschale und Grapefruitsaft. Etwas Waldmeister entdecke ich, dazu eine direkte Assoziation zu dem bekannten Brausepulver. Ein leichter Eindruck von Hefe.

Cremig und voll wirkt das Agnus im Antrunk, die Süße, die man zu schmecken meint, wird direkt ersetzt durch prägnante, aber nicht derbe Säure und feinherbe Bittere (30 IBU). Auch hier – viel Zitruscharakter der bitteren Art, Limette, Grapefruit. Kandiszucker und Malzigkeit unterbaut das ganze. Sehr rezent und frisch. 7,5% Alkohol sind für ein Tripel wenig, dafür ist der Alkohol schön eingebunden. Der Abgang ist kurz, effektvoll bitter, sehr trocken mit säurebasierter Astringenz. Ein seltsames, rauchig-erdiges Gefühl hallt eine ganze Weile nach, mit erneuter Reminiszenz an Waldmeister.

Im Fazit ein leichtes, interessantes Tripel, das sowohl als Essensbegleiter den Gaumen effektiv reinigen, als auch alleinstehend als Genussbier überzeugt. Die hohe Rezenz und die zitruslastige Frische lassen mich an den Sommer denken – die eine oder andere Flasche wird mir die Sommerhitze erleichtern, da bin ich mir sicher.

Kindergeburtstage und andere Erinnerungen – Stedeler’s Heuschnaps (amaro al fieno)

„Schnaps“ ist ein Wort aus der Umgangssprache, das nicht klar definiert ist. Manche sehen es als Synonym für „Spirituose“, oft im Zusammenhang mit der Wortherkunft des „Schnappens“, grob gemeint etwas Hochprozentiges aus einem kleinen Glas schnell zu trinken – also eher was, was dem Effekttrinken entstammt und weniger dem Genusstrinken. Das kann man theoretisch sowohl mit einem klaren Obstwasser als auch mit einem dicken Likör machen, mit einem mehr oder weniger ansprechenden Ritual, wie das Glas auf den Tisch zu klopfen, ein bisschen Salz und Limette dazu zu konsumieren oder das Glas danach umgekehrt wieder hinzustellen. Nichts von alle dem will ich aber meinen Lesern empfehlen, aus der Pubertät sind wir schließlich raus.

Umso kniffliger wird es aber, wenn ich das Wort auf einem Etikett lesen kann, wie beim Stedeler’s Heuschnaps (amaro al fieno) von Stedeler’s Stamperl aus Deutschnofen/Nova Ponente in Südtirol. Die deutsche Bezeichnung hier ist „Heuschnaps“, das ist erstmal relativ unspezifisch, was die tatsächliche Spirituosenkategorie angeht – es gibt ja Heugeiste, Heuliköre und Stufen dazwischen. Der italienische Untertitel ist da schon klarer, ein Amaro ist per Definition ein Likör. Und ich nehme es einfach mal vorweg, sensorisch ist das auch ziemlich schnell deutlich, dass wir hier einen Likör vor uns haben. Hergestellt wird er aus einem Grappa-Basisdestillat, das mit Zucker gesüßt und mit Heublumen aromatisiert wird. Die genaue Herstellung hatte ich beim Brenner erfragt, aber noch keine Rückmeldung erhalten – das liefere ich nach, wenn ich mehr weiß. Jedenfalls haben wir 38% Alkoholgehalt im Glas, und schauen uns den Schnaps mal an, bevor wir ihn den Rachen hinunterkippen – langsam und gemütlich, bitte!

Stedeler’s Heuschnaps (amaro al fieno)

Optisch passt das jedenfalls schonmal: eine heuige, nicht strohige, Farbe, kräftig dunkel, mit leichten Eindrücken von braun, gelb und grün, das ist wirklich geerntetes und leicht gelagertes Heu. Die Flüssigkeit bewegt sich etwas viskos, schwappt schwer hin und her, hinterlässt dabei dicke Beine am Glas.

Ich halte die Nase ins Glas, und bin verzaubert. Eine krasse Zeitreise findet plötzlich statt, ich fühle mich versetzt in meine Kindheit, als wir bei meinem Klassenkameraden Josef auf den Bauernhof eingeladen wurden und im Heu gespielt haben. Gerüche sind perfekt passende Schlüssel zu den Schlössern unserer Erinnerungen, kein anderer Sinneseindruck spielt so direkt und auf atavistische Art und Weise mit unserem Gehirn, und Stedeler’s Heuschnaps ist ein ideales Beispiel dafür für mich. Diese wunderbare Mischung aus herben, gereiften Grappa-Aromen, einer Kandiszucker- und Honigwürze, dazu diese grasig-vegetale Kombination aus gelagertem Heu und frisch geschnittenem Rasen im Frühsommer, die darin gefangenen, langsam trocknenden Kornblüten. Leichte Erdigkeit, bunte Trockenfrucht, ganz ehrlich, es ist das Gesamtbild, das aus diesen Komponenten entsteht, das mich begeistert und fasziniert. Ich liebe diese Spirituose schon allein wegen des Dufts von ganzem Herzen.

Stedeler’s Heuschnaps (amaro al fieno) Glas

Ich würde, wie oben schon erwähnt, sagen, das ist geschmacklich dann eher ein Likör als ein Schnaps oder Amaro, obwohl gewisse Bitterkomponenten durchaus da sind. Die initiale Süße macht die Textur schwer und dicht, ist aber gleichzeitig punktgenau und sauber, wirkt nicht pappig oder klebrig, und bildet dann die Basis für die Eindrücke von Heu, Gras, einem Weizenfeld im Spätsommer, über das sanfter, heißer Wind streift. Der Grappa ist als Basisdestillat klar erkennbar, wird nicht durch die Aromatisierung untergebuttert, im Verlauf kommt er mit schönem Feuer und wilder Würze, fast schon etwas Pfefferschärfe noch stärker zum Vorschein. Der Abgang ist lang, herbbitter (also doch vielleicht „amaro“?), voller Heuaromen, mit deutlicher Anästhesie am Gaumen und der Zunge, die durch die Süße und Würze von Honig und Kräuterzucker langsam abgebaut wird. Am Ende bleibt ein krautig-grasiges Gefühl zurück, und ein leichtes Süßegefühl auf den Lippen, die man dann gerne sauberleckt, während das langsam erlöschende Feuer nachglüht.

Man merkt vielleicht, dass mir der amaro al fieno gefällt. Nein, das ist nicht die richtige Beschreibung, es ist eine Spirituose, die etwas in mir auslöst, die Begeisterung und Nostalgie weckt, und dann am Ende eine tiefe Befriedigung zurücklässt. Ich mache ja immer jährlich eine Shortlist der besten Spirituosen, die ich in dem Jahr getroffen habe – Stedeler’s Heuschnaps wird mit hunderprozentiger Sicherheit 2022 dabei sein.


Ich ersetze einfach frech den Aperol im Commedia All’italiana durch den Stedeler’s Heuschnaps, und erhalte dann einen herausragenden Cocktail, den man garantiert rein auch mit südtiroler Zutaten machen kann und ihn dann vielleicht Commedia All’Altoadige nennen darf. Ich stimme bei beiden Varianten aber Simon Difford zu, der diesen Drink auf Eis serviert – etwas eiskalte Verdünnung gleicht die starke Süße aus, die der Cocktail entwickelt. Wer das mag, kann das Eis natürlich weglassen.


Commedia All’italiana
5/6oz / 25ml italienischer Bitterlikör
5/6oz / 25ml süßer Wermut
5/6oz / 25ml Aperol
½oz / 15ml Grappa
½oz / 15ml Maraschino-Likör
Auf Eis rühren. Auf Eis servieren.

[Rezept nach Seba Atienza]


Wie komme ich eigentlich zu dieser Spirituose? Es war ein sehr unterhaltsamer Arbeitstrip nach Bozen, um für den kommenden Gault&Millau Genussführer Südtirol (2022/2023) lokale, südtiroler Liköre, Grappe und Obstbrände zu verkosten und zu bewerten. Eine kleine, nette, aber sehr fachkundige Jury bestehend aus Mitgliedern aus Südtirol, Österreich und Deutschland setzte sich da im klassischen Parkhotel Laurin unter der Leitung von Jürgen Schmücking zusammen, um diesen neuen Bereich im Genussführer zu füllen.

Neben den zu verkostenden Spirituosen habe ich auch die kulinarische Seite Südtirols etwas kennengelernt, saftige Schlutzkrapfen, Knödeltris in brauner Butter, jeweils mit wunderbar angemachtem Kraut, Vesperplatten mit lokalem Speck, Schinken und Käse, und eine unglaublich hübsche Hotelbar mit sehr gut geschultem Personal, bei dem Perfect Manhattans, Smoky Negronis und andere Drinks sauber zubereitet und unaufgeregt angerichtet über den Tresen gingen. Bozen ist wirklich eine Reise wert, und vielleicht trägt der eine oder andere dann sogar den nächstjährigen Gault&Millau Genussführer Südtirol mit sich, um vielleicht unseren Schnapsempfehlungen darin zu folgen und sich eine der wirklich großartigen Brände aus Südtirol mit nach Hause zu nehmen.

Bier am Freitag – Pax Bräu Rhöner Hopfensonne

Grundsätzlich nur lokale Zutaten zu verwenden, das ist ein Trend, den immer mehr Hersteller aufgreifen. Natürlich sind es immer noch nur eine Handvoll Mutiger, die das wirklich konsequent durchziehen können (neulich habe ich bei der Fernsehkochshow „Kitchen Impossible“ einen schwäbischen Gastwirt aus der Nähe von Reutlingen gesehen, der selbst auf Pfeffer verzichtet, weil dieser nicht innerhalb von 25km rund um sein Restaurant angebaut werden kann, und stattdessen Senfsaat zum Würzen einsetzt). Die Pax Bräu Rhöner Hopfensonne gehört laut eigener Aussage zu dieser kleinen, aber feinen Gruppe von Produkten, die nur mit in der Rhön örtlich direkt verfügbaren Zutaten hergestellt wird. Heraus kommt eine schwierig zu kategorisierende Bierspezialität, irgendwo zwischen Pale Ale und Lager, mit 5,5% Alkoholgehalt in eine Literflasche mit Bügelverschluss abgefüllt, und wie für Pax Bräu eigentlich üblich unfiltriert, unpasteurisiert und unstabilisiert.

Pax Bräu Rhöner Hopfensonne

Gold im Glas, mit leichter Blässe und Trübung. Schaum baut sich beim Eingießen auf, ist nach ein paar Minuten auf einen feinen, aber immer noch als Krone bezeichenbaren Flaum zusammengefallen. Deutliche Perlage ist erkennbar. Die Nase ist sehr Pale-Ale-typisch, mit milden, aber effektiven Hopfenfruchtaromen von Mango, Grapefruit und einem Anflug von Gurke.

Deutlich herbe Bittere ist schon im Antrunk vorhanden. Die Fruchtaromen von der Nase sind im Mund sehr zurückgenommen, dafür hat eine getreidige Würze nun Vorrang. Ich finde das ein bisschen unrund, kantig, das wirkt nicht zu hundert Prozent durchkomponiert. Selbst in den ersten Schlucken hat man durch die ungesteuerte Herbe ein gewisses Schalheitsgefühl, das sich bei steigender Trinktemperatur weiter ausbildet. Ein Bier zum richtig kalt trinken, definitiv. Im Abgang kommt nochmal eine Schippe Bittere drauf (23 Bittereinheiten sind gemessen), in Kombination mit der ebenfalls zunehmenden Trockenheit hat man dann schon ordentlich Astringenz am Gaumen – ein richtiger Spuckesauger ist das Ding dann. Der Nachhall ist sehr blumig, von den Aromen aber eher kurz, die Bittere bleibt lange als Effekt vorhanden.

Hier sieht man etwas die Probleme, die auftreten, wenn man in Literbomben abfüllt. Das erste Glas hat mich überhaupt nicht überzeugt, es war nur flach und bitter; die späteren Gläser waren deutlich trüber, mit mehr Hefe, und dadurch mehr Volumen und Körper. Hier zeigt sich die Rhöner Hopfensonne von einer völlig anderen Seite. Ich denke mal, ich erinnere mich lieber an das letzte Glas – und wenn meine Leser so eine Flasche kaufen, sollten sie dran denken, sie vor dem Trinken ein paar mal sanft zu wenden, um eine bessere Durchmischung von Anfang an zu haben.

Die Mischung machts – Mount Gay XO Triple Cask Blend Reserve Rum

Man findet ja recht viel Material zweifelhafter Qualität, wenn man sich über Spirituosen, deren Herstellung und Geschichte informieren möchte. Alte Mythen halten sich lang, neue Fantasien breiten sich schnell aus, und oft genug haben Hersteller auch sehr großes Interesse daran, die eigene Variante der Geschichte von Rum und wie man ihn traditionell herstellt als die einzig wahre darzustellen, oder seltsame Praktiken zu rechtfertigen. Man braucht schon etwas Sitzfleisch und Einblick, um manche der Aussagen, die in diesem Geschäft getätigt werden, richtig einordnen zu können. Um so mehr freut es mich, wenn man im Fernsehen auf Arte plötzlich auf eine kleine Minidokumentation stößt, die zwar herstellernah gedreht ist, aber doch mit genug Hintergrundinformation den gesamten Beitrag aufwertet – und hübsche Fernweh-Bilder dazu mitliefert.

Nicht, dass ich den Mount Gay XO Triple Cask Blend Reserve Rum unter den Verdacht stellen wollte, an unstatthaften Praktiken, von denen es im Rumgeschäft mehr als genug gibt, teilzuhaben, im Gegenteil: Den Vorgänger dieses Rums hatte ich oft genug als Beispiel empfohlen, wenn mich jemand nach ehrlichem, sauberen, typischen und hochwertigen Rum gefragt hat. Vorgänger? Ja, denn die hier besprochene Variante ist ein neuer Blend, den die neue Master Blenderin von Mount Gay, Trudiann Branker, als eine ihrer ersten Amtshandlungen vor einigen Jahren einführte. Er ist anders zusammengestellt, und in Deutschland zumindest etwas teurer geworden. Kann ich ihn trotzdem weiter genauso empfehlen, wie ich es früher mit dem Blend ihres Vorgängers Allen Smith getan habe? Ich nehme das Fazit vorweg und sage: Ja. Die Details zu dieser knappen Aussage folgen nun.

Mount Gay XO Triple Cask Blend Reserve Rum

In Deutschland muss, wenn Farbstoff eingesetzt wird, dies auch bei Spirituosen deklariert werden, und entsprechend findet man den Hinweis hier auf dem Rücketikett und der Kartonunterseite (im Gegensatz zu dem ganzen Restetikett verrückterweise in deutsch). Selbst bei hochwertigen Produkten meinen die Hersteller, es sei nötig, auch wenn es nur in kleinsten Mengen zur Chargenangleichung getan wird – irgendwie sollte sich diese Sitte auch irgendwann mal selbst erledigen. Es hinterlässt höchstens ein schlechteres Gefühl, wenn man diese wunderbare, leuchtend bernsteinfarbene Flüssigkeit vor sich hat, die sich mit leichter Viskosität im Glas bewegt und dabei mit erstaunlicher Krummwinkligkeit nach unten strebende Beinchen an der Glaswand hinterlässt.

Die Nase ist für mich persönlich ein kleines Träumchen, eine hübsche Melange aus Kokosfleisch, Marzipan, Nougat, Shortbread und Butter. Eigentlich wie ein leckerer Kuchenteig, dazu ein paar zerdrückte Nüsse und dezente Fruchttöne von Aprikosen, Rosinen und Orangen. Von letzterer ist vielleicht noch etwas Zestigkeit da, die das Gesamtbild etwas auffrischt und nicht zu dunkel werden lässt. Ein gewisser Alkoholhauch sollte nicht unterschlagen werden, schnuppert man zu tief, zwickt es etwas in der Nase, aber bei diesem Duft hat man eh wirklich schnell Lust, den Stoff auch zu probieren.

Mount Gay XO Triple Cask Blend Reserve Rum Glas

Ein dazu passendes Mundgefühl begrüßt den Verkoster dann auch, süß und mit all diesen Kuchenteigaromen von Marzipan bis Streusel, aber leicht und luftig von der Textur her, gar nicht so schwer, wie man es vielleicht erwarten würde. Sehr süffig und rund, ganz ohne jede Kante, erst im Verlauf bildet sich ganz vorsichtig etwas Würze heraus, die aus den drei zur Reifung verwendeten Holzsorten stammen könnte – aber gar nicht wirklich holzig wirkt. Etwas Zimtschärfe kommt dazu, wärmt zusammen mit den gut gewählten 43% Alkoholgehalt den Gaumen, und bereitet die Leinwand für die so typischen Barbados-Rum-Aromen von Kokosfleisch und Nougatschokolade, unterfüttert von Trockenobst, Honig und Butterscotch, mit minimalen Anflügen von Ledrigkeit und Tabakblättern. Der Abgang ist leicht und eher kurz, hier kommt diese Kokosnote ganz besonders zum Tragen, und etwas Holz taucht dann auch noch auf. Mit ganz milder Anästhesierung und Astringenz klingt der Mount Gay XO dann aus – ein wirklich archetypischer Barbados-Rum, mit extrem hoher Typizität, einfacher Drinkability und einem sehr schmeichelnden Charakter.

Rum dieser Art funktioniert in praktisch jedem Rumcocktailrezept, da muss man nicht groß überlegen. Ich dachte mir, er könnte in einem December Morn durch seine natürlich Süße den sauren Komponenten etwas zusätzlich entgegenstellen, und, was soll ich sagen, das funktioniert prächtig. Ein wirklich hübscher Drink, der mit dem Mount Gay XO Triple Cask nahezu perfekt wirkt.

December Morn Cocktail

December Morn
1½oz / 45ml gereifter Rum
½oz / 15ml Apple Brandy
¾oz / 23ml Grenadine
½oz / 15ml Zitronensaft
1 Eiweiß
Auf Eis shaken, dry shake. Mit Zimt bestreuen.

[Rezept nach Jane Danger]


Die dem Triple Cask namensgebenden drei Fässer waren vorher mit American Whiskey, Bourbon und Cognac belegt (zum Unterschied zwischen „American Whiskey“ und „Bourbon“ verweise ich gern auf die Bourbon-Artikel bei mir). Es heißt nicht, dass das gesamte Destillat in drei Holzarten gereift wurde – es ist nur ein Teil in der jeweiligen Holzart gelagert worden und die Teile werden dann miteinander verblendet. Die gesamte Reifung fand in tropischem Klima statt und dauerte zwischen 5 und 17 Jahren für die einzelnen Blendteile. Das Destillat dafür entstammt einer Fermentation mit Wild- und Zuchthefen von Melasse aus Barbados und „der Karibik“, d.h. man greift auch auf importierte Melasse zurück, wie in vielen Ländern und bei vielen Herstellern, selbst, wenn selbst noch Zucker hergestellt wird; die eigen hergestellte Menge reicht einfach nicht mehr aus. Vier unterschiedliche Brennapparate kommen zum Einsatz, Pot Stills wie Column Stills. Man sieht: Das ist ein wirklich stark durchmischter Blend, da kommt alles zum Einsatz, was die Brennerei an Material und Technik zu bieten hat.

Zu guter letzt gilt es, noch die Geschenkverpackung und das opulente Design anzusprechen. Neben den unzweifelhaften Qualitäten dieses Brands und der aufwändigen Herstellung weckt dieser letzte Punkt sicherlich auch das Interesse von Präsentsuchern – und mit dem sehr guten Preisleistungsverhältnis in Kombination mit dieser geschenktauglichen Verpackung ist der Mount Gay XO Triple Cask Blend Reserve Rum ganz sicher für viele Käuferschichten interessant und kaufenswert. Ich mag ihn einfach, weil er toll schmeckt, mir reicht das als Anreiz.

Bier am Freitag – Grimbergen Blonde und Double Ambrée

Ich habe neulich erwähnt, dass mein lokaler Edeka-Markt eine sprudelnde Quelle toller Biere ist. In der Reihe mit den belgischen Bieren, die man dort findet, steht auch das Duo Grimbergen Blonde und Double Ambrée. Doch auch wenn die Aufmachung, die Sprache und die Regaleinsortierung auf belgisches Bier hindeutet, muss man hier vorsichtig sein. Der Hersteller lässt sich auf dem Etikett genüsslich über die Geschichte eines Klosters aus dem Jahr 1128 aus, nur um dann auf dem Rücketikett den kleinen Hinweis zu platzieren, dass das Bier in Polen gebraut ist, unter der Aufsicht des riesigen Carlsberg-Konzerns. Mit einem belgischen Abteibier hat das hier also nichts mehr zu tun, auch wenn es sich so gibt. Bei mir sammelt man mit so einem Marketingmove schonmal Negativkarma, aber ich will das Bier selbst auch probieren, bevor ich mich allzusehr aufrege.

Grimbergen Blonde und Double Ambrée

Fangen wir mit dem helleren der beiden Biere an. Das Grimbergen Blonde ist kristallklar im Glas, mit einem der Flaschenfarbe sehr ähnlichen Ton, einer Mischung aus Haselnussbraun und gehämmertem Messing. Schaum ist eher Mangelware, schon beim Eingießen entsteht kaum welcher, und nach einer Weile ist höchstens noch eine Idee davon da. Ordentlich gekühlt gibt es kaum einen Geruch von sich, leichte Getreidetöne vielleicht, ein Anflug von dunkler Frucht, etwas leicht rostige Stahlnägel. Kein Bier, an dem ich lange schnuppern muss.

Grimbergen Blonde

Das erste was mir auffällt, ist eine sehr unrunde Süßsauer-Balance, das wirkt künstlich, ist es wahrscheinlich auch: der Zusatz von Glukosesirup und karamellisiertem Zucker dient oft der Flaschengärung, hier halte ich es für Panscherei. Auch die Fruchtigkeit wirkt nicht aus Hopfen entstanden, von vorne bis hinten ist die Aromatik seltsam, das beste ist noch der Nelkenton, der hin und wieder durchscheint. Das Mundgefühl und der Alkoholgehalt von 6,7% retten, was zu retten ist, eine schöne Textur und saubere Frische können aber nur ansatzweise verhindern, dass das Bier bei mir vollständig durchfällt – das wirkt wie ein Biermischgetränk, künstlich, falsch, billig gemacht.


Das war ein herber Dämpfer für meine Bierbegeisterung. Dem Grimbergen Double Ambrée hat man damit eine heftige Anfangslast aufgebürdet. Farblich grenzt es sich von seinem unschönen Vorgänger jedenfalls mal ab – ein dunkles Espressobraun, mit crèmefarbenem Schaum, der nach kurzer Zeit nur noch als feiner Flaum auf der Bieroberfläche bleibt. Geruchlich merke ich kaum einen Unterschied, leichte Getreidetöne, etwas Malz vielleicht, die Stahlnägel sind auch hier vorhanden. Ein Anflug von Röstaromen, aber nur ein Anflug.

Grimbergen Double Ambrée

Geschmacklich ist hier jedenfalls mal mehr als beim Blonde zu finden, jedoch ist auch hier die pappige, unangenehme Süße vorherrschend und alles andere zerstörend. Malz und Röstaromen kommen etwas nach vorne, bei einem dunklen Bier verzeiht man irgendwie auch die Süße etwas mehr als bei einem Hellen. Dennoch wirkt auch das Double Ambrée leichtkörperig, insgesamt fehlt es ihm trotz der 6,5% Alkoholgehalt an Tiefe, nur die Süße sorgt für etwas Breite und Mundgefühl, aber das ist ingesamt viel zu wenig. Rostiges Eisen und Getreide, mehr ist da auch geschmacklich nicht. Der Abgang bleibt kurz, adstringierend, fast schon klebrig süß. Oh, das ist vielleicht einen Ticken besser trinkbar als das grausige Blonde, aber nur unwesentlich.


Ardet nec consumitur, „verbrannt aber nicht zerstört“, das ist das Motto dieses Biers, das auf die in der Einleitung angesprochene Erzählung des dreimal abgebrannten Klosters Grimbergen anspielt. Also, wegen des Biers hätten sie die Abtei nicht wieder aufbauen müssen, im Gegenteil – manchmal hat das Schicksal schon seine Wege, jemandem zu sagen, dass das Produkt nichts taugt. Caveat emptor wäre das bessere Motto.

Ein neuer Lote ist wie ein neues Leben – Los Danzantes Mezcal Añejo

Wir sind es gewohnt, uns Lieblinge zuzulegen. Das Lieblingsessen, das nur bei der Oma so schmeckt, wie es soll, oder der Wein, den man durch viel Ausprobieren gefunden hat. Oder der Whisky dieser speziellen Brennerei aus Schottland, der ist die Krönung, der Geschmack ist einmalig und man freut sich darauf, sich abends ein Gläschen davon einzugießen, in der Erwartung genau dieses Geschmacks. Es ist die Arbeit von Masterblendern und Sensorikern bei den Herstellern, sicherzustellen, dass jede Flasche einer Sorte, die man als Kunde kauft, genau gleich schmeckt, heute, und auch nächstes Jahr und das Jahr darauf.

Nun ist das aber sehr aufwändig, und eigentlich nur leistbar, wenn man mindestens halbindustrielle Anlagen hat, das dafür nötige Destillatlager, und das darauf geschulte Personal sowie den finanziellen Background, so ein Unterfangen durchzuziehen. Und, und das ist das entscheidenste, den Willen dazu. Bei Produkten wie dem Los Danzantes Mezcal Añejo ist wahrscheinlich keines dieser Kriterien erfüllt, und darum muss man damit leben, dass unterschiedliche „Lotes“, neudeutsch Batches oder Chargen, auch recht unterschiedlich schmecken können. Die Brenner sehen sich nicht in der Pflicht, jede Abfüllung einer Geschmacksangleichung zu unterziehen, sie benutzen manchmal sogar unterschiedliche Agavenzusammenstellungen, manchmal unterschiedliche Fasshölzer, da würde es eh schwer sein, den Geschmack vom letzten Jahr zu reproduzieren. Und ich verstehe es – ich als Brenner hätte auch keine Lust, mich dauernd zu wiederholen in meiner Arbeit und Rücksicht auf derartige nostalgische Befindlichkeiten zu nehmen. Ein neuer Lote ist wie ein neues Leben, sang schon Jürgen Marcus in den Siebzigern und drückte damit das Lebensgefühl der Mezcaleros in Oaxaca aus. Naja, beinahe zumindest. Darum sage ich nun vorab klar: Ich beziehe mich bei der nun folgenden Verkostungsnotiz auf Lote 11, Flasche 1400 von 1500.

Los Danzantes Mezcal Añejo

Für Mezcal gibt es ähnliche Alterskategorien wie bei seiner Unterkategorie Tequila – und die Zeiten sind auch identisch. Ein Mezcal Añejo hat also gemäß dieser Regelungen mindestens 1 Jahr im Fass geruht. Auf dem Etikett ist keine genauere Reifedauer angegeben – recherchiert man kurz auf der hervorragend informativen Seite des Importeurs, findet man aber schnell die Information, dass es sich um „bis zu 16 Monate“ handelt. Das Holz der eingesetzten Nevier-, Limousin- und Weißeichenbäume hat in dieser Zeit bereits ganze Arbeit geleistet, was die Farbe angeht – honigfarben, vielleicht etwas blasser. Im Glas schwenkt sich der Los Danzantes sehr viskos, was dicke Beine an der Glaswand hinterlässt, die schnell ablaufen.

Die Nase ist zunächst mildsäuerlich, aber sehr fruchtig, klar agavenlastig. Apfelessig und -saft, Anflüge von Birnen und eine vorsichtige seifige Blumigkeit, die mich etwas an Weichspüler erinnert, ergänzen das. Nur ganz am Rande riecht man Rauch und Röstung, aber keine speckige Komponente, die sonst bei Rauch oft mitkommt. Dunkle Elemente stützen das ganze, geben Volumen und erinnern an Kakao und Toffee, doch insgesamt bleibt die Aromatik hell und leicht.

Los Danzantes Mezcal Añejo Glas

Das Mundgefühl ist sehr weich im Antrunk, mit einer süßlichen Note. Auch hier tritt die florale Lavendelkomponente von Anfang an stark in den Vordergrund. Im Verlauf wandelt sich dieser Mezcal dann aber stetig hin zum Trockenen, Feurigen, Würzigen, und der Lavendel verliert dann schließlich auch klar gegen die Espadín-Agave. Letztere gibt dann richtig viel weißen Pfeffer und Ingwerschärfe; 46% Alkoholgehalt sind sehr gut gewählt, sorgen für viel Breite und Tiefe. Holz ist natürlich deutlich schmeckbar, aber unterstützt nur, statt zu überwältigen, wie das leicht passieren kann bei fragilen Agavendestillaten. Eine sehr wirksame Schwarztee- oder Lapsang-Souchongnote ist beständig da und bis zum letzten Hauch erkennbar.

Der Abgang ist lang, mildwarm, sehr trocken, sehr aromatisch nach gekochter Agave, milde, fast grün wirkende Holzaromen und eine extrem dezente, aber wirksame Rauchigkeit. Ganz am Ende kommt Wintergrünöl und Jasmin hervor, und letzterer klingt sehr lange nach. Ein sehr kraftvoller, voluminöser und starker Mezcal, dabei handwerklich gut ausgebaut, hier greifen die Komponenten des frischen Destillats und der Holzreifung wirklich passgenau ineinander – ich bin sehr begeistert.

Erneut habe ich mich bei Robert Simonson und seinem sehr guten Buch „Mezcal and Tequila Cocktails: Mixed Drinks for the Golden Age of Agave“ bedient, und mir daraus mit dem The Last Mechanical Art einen Drink herausgesucht, in dem der gereifte Los Danzantes eine der vier gleichberechtigten Rollen übernimmt und zeigt, dass es nicht immer kratzig-rauchige Ergebnisse sein müssen, wenn man Mezcal in einem Cocktail einsetzt, nein, es kann auch dunkelflauschig-aromatisch sein.

The Last Mechanical Art Cocktail

The Last Mechanical Art
¾oz / 23ml gereifter Meczal
¾oz / 23ml Cynar
¾oz / 23ml roter Wermut
¾oz / 23ml Campari
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Maks Pazuniak]


Die Flasche ist sehr ungewöhnlich, mit ihren Dellen und dem Bügelverschluss – vor kurzem hat Axel Huhn, der Importeur von Los Danzantes in Deutschland, ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie die Verschlüsse noch von Hand aus Ton hergestellt werden, interessant und bei Facebook auf seiner Seite nachschaubar. Die Etikettierung wirkt edel und vornehm, hält sich aber leider mit Details zurück, was ein Jammer ist – denn zu verstecken gibt es hier nichts, im Gegenteil, man könnte ruhig ein bisschen angeben mit Details.

Ich habe aber bereits die informative Seite von mezcaleria.de angesprochen, die für ihre Produkte diese Details nachliefert, und so erfährt man dort auch, dass dieser Mezcal sehr traditionell hergestellt wird, was bei mir immer gut ankommt. Eine mit Mesquiteholz befeuerte Erdgrube, wilde Hefen, Vergärung in offenen Pinienholzbottichen, eine echte, vom Pferd gezogene Tahona – da versteht man, warum so eine Spirituosenkultur schützens- und unterstützenswert ist, sie ist der Kontrapunkt zu einer seelenlos gewordenen Industrieproduktion, einer Sackgasse, in die wir uns hineinbewegt haben, weil wir immer mehr und mehr wollen, zu immer niedrigerem Preis. Qualität und Tradition werden weniger wichtig als Preis- und Verteilungsstrukturen gesehen, wir sind da in einer Abwärtsspirale, in der sich Konsument und Hersteller gegenseitig verstärken. Es ist wichtig, dass wir als Genießer aus dieser Spirale aussteigen, und die Hersteller dabei mitnehmen. Mezcal hat noch die Chance, diesen Weg mit uns zu gehen: retten wir ihn, bevor auch er abstürzt, er ist kurz davor.