Ma Wo Shan Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 11 – Mawoshan Tujiu (麻窝山土酒)

Gerne leite ich meine Baijiu-Artikel in meiner Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“, die nun schon in die erstaunliche elfte Runde geht, mit ein paar Hintergrunddetails über den gerade besprochenen Klaren ein. Manchmal ist die Recherche dafür einfach, es reicht, den Namen in Kurzzeichen in eine Suchmaschine einzugeben, um entsprechende Treffer zu erhalten, die dann nur noch übersetzt werden müssen; manchmal ist sie mühselig, weil man erst verstehen muss, was einem da überhaupt präsentiert wird. Für den Mawoshan Tujiu (麻窝山土酒) muss ich nach vielen Versuchen einfach, zum ersten Mal in dieser Reihe, komplett aufgeben – ich kann einfach keine Informationen über ihn im Internet finden. Es gibt keine Firmenseite, chinesische Shops bieten ihn nicht an, selbst die Bildersuche liefert (außer meinen Bildern, die weit vorn landen) nur einen Treffer, der dann aber ins Nirvana führt.

Entsprechend halte ich die Informationen nicht zurück, sondern präsentiere in einem Absatz alles, was ausfindlich zu machen war: Der Mawoshan Tujiu ist ein Leichtaroma-Baijiu, eine Gruppe, die auch oft „Fenjiu“ genannt wird. Sie ist eigentlich hauptsächlich in Nordchina beheimatet, doch der namensgebende Mawoshan ist ein Berg innerhalb der Wumengshan-Gebirgskette, die die südlichwestlichen Provinzen Yunnan und Guizhou verbindet, und dort liegt auch die Destillerie.

Ma Wo Shan Baijiu Flasche

Die Zeit gereifter, brauner Baijius ist zwar so langsam gekommen, aber der klassische Baijiu ist eben immer noch klar und ohne Farbe. Auch hier ist das so. Die Konsistenz ist nur minimal schwergängig, mit schön ablaufender Beinbildung am Glas.

Hat man sich einmal mit der Basisaromatik von Baijiu arrangiert, kommt einem ein Leichtaroma-Baijiu sehr angenehm vor. Der Mawoshan Tujiu legt säuerlich vor, mit Anklängen von weißem Wermut, mildem Weinessig, etwas Sojasauce, Ananas, Hefe und Getreide. Eine dezente Röstnote macht ihn würzig. Etwas Lack ist erkennbar.

Im Antrunk ist er süß, bildet hier die typischen Fermentaromen aus. Vergorener Pfirsich, Ananas, aber nicht extrem. Im Verlauf erinnert er mich an weißen Rum, mild, aber kräftig. Leichte Betäubung der Zungenfläche setzt ein. Er wird trocken und herb, behält aber einen gewissen Wermutcharakter, den ich schon gerochen habe.

Erst im Abgang könnte man die enthaltenen 53% Alkohol erkennen, selbst hier ist er aber zurückhaltend. Insgesamt ist der Abgang mittellang, im Vergleich zu anderen Baijius fast kurz. Die salzigen Würzekomponenten drängen nun nach vorn, etwas rauchiges meine ich nun zu schmecken – Zigarettenasche vielleicht. Trocken und adstringierend klingt ein wirklich recht angenehmes Geschmacksbild aus.

Das Fazit? Der Mawoshan Tujiu ist ein schöner Baijiu, gut als Einsteigerprodukt geeignet, mit ausdrucksstarker aber gleichzeitig zurückhaltender Aromatik – sehr gut für den westlichen Gaumen geeignet.

Ich empfinde Leichtaroma-Baijiu als sehr spannende, ungewöhnliche und dabei nicht übermäßig ausbrechende Cocktailzutat. Die Szene für Baijiu-Cocktails ist im Westen trotzdem sehr klein; man kennt sich untereinander. Entsprechend widmet man sich in so einer verschworenen Gemeinschaft gegenseitig auch mal einen Drink – The Yellow Emperor wurde von Ulric Nijs für Derek Sandhaus, den wir ja bereits von meiner Rezension des ultimativen Baijiu-Buches kennen, geschaffen. Man sieht erneut, dass Frucht ein gut funktionierender Gegenpart für Baijiu ist – die Verwendung einer frischen Passionsfrucht statt entsprechendem Sirup gibt dem ganzen eine schöne Komplexität.

The Yellow Emperor


The Yellow Emperor
1½ oz Leichtaroma-Baijiu (z.B. Mawoshan Fenjiu)
Eine halbe Maracuja
¾ oz Zitronensaft
½ oz Kirschlikör (z.B. Cherry Heering)
¼ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Ulric Nijs]


Gleich zwei Medaillenaufkleber des Concours Mondial de Bruxelles zieren die Flasche – 2016 erhielt der Mawoshan eine Gold- und 2015 eine Silbermedaille. Daneben ist die Porzellanflasche natürlich wieder, wie so oft bei Baijiu, eine Augenweide. Die sehr schwungvolle Form, das strahlend weiße Porzellan, die goldenen Applikationen (leider aus recht billigem Plastik hergestellt) – das macht was her in der Heimbar.

Ma Wo Shan Baijiu Rückseite

Offenlegung: Auch diese Flasche habe ich durch die Organisatoren von Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles kostenlos erhalten. Vielen Dank erneut für die großartige Zusammenarbeit.

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Botucal Distillery Collection Titel

Kurz und bündig – Botucal Distiller Collection N°1 und N°2

Botucal, oder auch Diplomático, wie man diesen Rum aus Venezuela sonst überall in der Welt kennt, war einst der König der Rums. Er stürzte dann doch recht tief, zumindest im Ansehen von Kennern, als die Nachsüßungsvorwürfe bewiesen und Allgemeingut in der Rumwelt wurden. Heutzutage haben es Zuckerbomben immer schwerer, in Rumkreisen ernst genommen zu werden (auch wenn sie sie natürlich immer noch vorzüglich verkaufen!) – da muss gegengesteuert werden. Die Botucal Distiller Collection ist vielleicht ein Ansatz, sich durch limitierte Spezialabfüllungen wieder etwas Respekt in der Community zu erarbeiten. Gelingt es? Ich habe es mit je einem 5cl-Samples der beiden Abfüllungen dieser Serie herauszufinden versucht.

Fangen wir an mit dem Botucal Distiller Collection N°1 Single Batch Kettle Rum. Dieser Rum ist hergestellt aus „Sugar Cane Honey“, dem Marketingbegriff für Zuckerrohrsaftsirup. Er wird in einem Dampfkessel destilliert (dies ist eine Art Brennblase, bei der der Schwanenhals durch eine Kolonne ersetzt wird – man destilliert also diskontinuierlich, aber auf einen hohen Zielalkoholgehalt hin).

Botucal Distiller Collection N°1 Single Batch Kettle Rum

Farblich sehen wir ein Kupfer, entstanden zum einen aus wohl rund 4 Jahren im Ex-Bourbon-/Ex-Scotch-Fass aus amerikanischer Eiche und zum anderen aus Zuckerkulör (lobenswert, dass dies deklariert ist). Sehr beweglich im Glas, schöner Beinteppich. Der Geruch ist sehr alkoholisch und lösungsmittelig, auch nach einer Viertelstunde Offenstehzeit. Er kommt mir helltönig vor, nach Getreide und milder Zitrone; und süßlich, nach Vanille. Wirklich nicht besonders attraktiv, erinnert mich an einen Korn; es ist der typische Geruch eines Kolonnenrums.

Geschmacklich nähern wir uns initial schon eher dem, was ich mir unter gutem Rum vorstelle. Man muss zwar zunächst über die eher mäßig eingebundenen 47% hinwegkommen, dann findet man eine schöne Würze, eine feine, wirksame Trockenheit und milde Gewürzaromen. Ein gutes Feuer brennt aber weiter. Der Abgang ist dann extrem kurz, extrem belanglos, ohne jedes Aroma, dafür mit andauerndem Zungenbrennen.

Ehrlich gesagt – das ist trotz einiger interessanter Ansätze mit das langweiligste, was ich seit langem im Glas hatte. Man wundert sich nicht, dass so ein Destillat in einen Blend überführt und stark gesüßt werden muss, um verkaufbar zu sein. Schauen wir mal, ob der zweite Vertreter es besser macht! Botucal Distiller Collection N° 2 Single Barbet Column Rum wird in einem Barbet-Brennapperat destilliert, das ist eine doppelte Kupferkolonne.

Botucal Distiller Collection N° 2 Single Barbet Column Rum

Destilliert im März 2013, wird er also auch wohl um die 4 Jahre gereift sein, auch hier in amerikanischer Eiche. Die Farbe ist ein kräftiges, strahlendes Kupfer. Optisch unterscheiden die beiden Rums sich kaum. Ich rieche dann Vanille, Shortbread, Apfel, und ordentlich Lack – nett, aber eher gedämpft. Da ist nicht wirklich viel, das mich zum weiteren Schnuppern reizen würde. Oberflächlich und leicht.

Im Mund ist der Botucal Distiller Collection N° 2 dann fülliger und mit mehr Charakter. Eine schöne, kräftige Süße: im Antrunk ist diese zwar schon, danach aber nicht mehr ganz unnatürlich wirkend. Vanille, Zimt und Toffee. Im Verlauf kommt eine pfeffrige Note auf, noch mehr Gewürztöne. Der Abgang ist aber sehr kurz, arm, schmal und nur nach Eisen schmeckend. Dieses hält dann etwas länger vor. Insgesamt ein weiteres Beispiel für den Stil eines Column-Still-Rums, etwas anders und sicherlich interessanter als sein sehr enttäuschender Namensbruder, aber im Endeffekt kaum spannender – es fehlt einfach massiv an Tiefe und Komplexität.

Laut eigenen Aussagen sind diese beiden Abfüllungen, im Gegensatz zum zuckrigen Flaggschiff der Firma, ungesüßt. Nachdem ich die beiden Rums probiert habe, glaube ich dieser Aussage – da ist keine künstliche Süße in der Aromatik. Leider aber auch sonst kaum etwas.

Sasse Cigar Special Titel

Immer wenn ich traurig bin – Sasse Cigar Special

Was wird der nächste Trend sein? Diese Frage kommt oft in sozialen Medien bezüglich Spirituosen auf. Was wird „der nächste Whisky“ oder „der nächste Gin“? Persönlich habe ich keine Ahnung, und auch nur mäßiges Interesse daran. Ich trinke Spirituosen nicht, weil sie gerade „in“ oder „hot“ sind, sondern weil ich sie mag. Gern propagiere ich auf meinem Blog auch Spirituosen, die meiner Meinung nach in der aktuellen Phase im Meinungsbild und Popularität zu Unrecht unterrepräsentiert sind – dies trifft derzeit, so glaube ich, auf deutschen Korn zu.

Cocktailhistoriker David Wondrich sieht das ähnlich. Auch er findet deutschen Korn (das ist eigentlich, genau betrachtet, ein Pleonasmus, denn Korn muss immer in deutschsprachigen Gebieten hergestellt werden, um als solcher verkauft werden zu dürfen) spannend, und zieht ein sehr kluges und einsichtsvolles Fazit.

„Der ist ein altes Getreidedestillat, manchmal im Fass gelagert, leichter im Geschmack als die meisten Whiskeys, aber reicher als Wodka. Deutscher Korn ist das Missing Link zwischen Whiskey und Wodka.“

Wie bei den meisten Spirituosen finden wir aber natürlich unterschiedliche Ausbau- und Qualitätsstufen. Der klare Doppelkorn in 2cl-Flaschen an der Supermarktkasse bildet den Bodensatz der Kategorie für die Wirkungstrinker; Produkte wie der Sasse Cigar Special dagegen die Krönung: immerhin hat der Brenner Sasse 300 Jahre Kornerfahrung. Jener Cigar Special wird hergestellt aus Weizen- und Gerstenmalz. 2009 kam das Destillat ins Ex-Cognac-Fass und durfte dort 3 Jahre ruhen, danach folgte noch ein Finishing in amerikanischer Eiche. Man könnte von einem kategorienübergreifenden Schnaps sprechen, denn er erfüllt auch die Kriterien für Whisky (mindestens 3 Jahre Fassreifung).

Sasse Cigar Special Flasche

Sonnenblumengelb, erkennbar viskos, ich tendiere schon fast dazu „dickflüssig“ zu sagen. Langsam ablaufende Beine am Glas passen sich dem an. Ich rieche zunächst sehr viel Vanille, Eiche – könnte hier das Finishing in Fässern aus amerikanischer Eiche Verantwortung tragen? Eine mehr als nur gewisse Erinnerung an Bourbon ist jedenfalls da. Süßes Obst, Pfirsich und Litschi. Orange. Sehr leichte Lösungsmittel- oder Alkoholnoten.

Der Geschmack ist dann nach dieser Ouvertüre erwartungsgemäß süß. Mild und schwer zwar im Mundgefühl, dennoch überwiegt der Eindruck eines eher leichten, helltönigen Körpers, mit einer eleganten Trockenheit vom Antrunk an bis zum Schluss. Die 40% Alkoholgehalt sind kaum zu spüren. Es wiederholt sich der Eindruck der Fruchtigkeit: Pfirsich, Aprikose, Litschi. Im Abgang wird der Cigar Special dann würziger, bleibt dabei aber dennoch höchstzart. Aromatisch ist der Abgang eher kurz, effektmäßig dafür lang, warm und weich. Deutliche Adstringenz. Etwas Eisen (wie Blut) und ein Touch von Rauch hallen nach.

Fein und gut komponiert – im Gegensatz zum Lagerkorn aus demselben Haus ein erkennbar schwerer Brand mit anderer Reifung. Der dort angesprochene Vodka-Charakter ist praktisch völlig verschwunden – ich gehe davon aus, dass dies eine Folge des zusätzlichen Einsatzes von Gerstenmalz ist.

Entsprechend würde ich den Sasse Cigar Special auch als sehr attraktive Alternative zu einem Whisky, insbesondere einem Bourbon, in Cocktails sehen. Die Verwendung des deutschen Korns anstelle des amerikanischen Bourbons gibt einen netten, aufhellenden Touch an whiskylastige Drinks, wie den Clockwork. Damit kann man vielleicht sogar den einen oder anderen Bourbonfreund überraschen!

Clockwork


Clockwork
2 oz Bourbon (oder hier Sasse Cigar Special)
¾ oz Lillet Blanc
½ oz Amaro
¼ oz Gomme Sirup
[Rezept nach Josh Sullivan]


Eigentlich hätte ich diesen Artikel anders eingeleitet. Die Bloggerkollegen von cocktailbart.de haben mir aber den Wind aus den Segeln genommen und den Gag, den ich zu Beginn bringen wollte, frech weggeklaut. Am Schluss soll er aber doch noch zu Sprache kommen, der gute Heinz Erhardt, mit seinem Beitrag zur Korndebatte.

Was hätte Heinz Erhard zum Sasse Cigar Special gesagt? Ich bin mir sicher, dass es ihm zunächst wie vielen gegangen wäre – das ist doch kein Korn, hätte er gesagt. Aber wenn man traurig ist, hilft so ein runder, schöner, dichter Kornbrand doch eh viel besser als ein einfacher Klarer, oder?

Robinsons Old Tom Strong Ale with Ginger Titel

Kurz und bündig – Robinsons Old Tom Strong Ale with Ginger

Im Bierregal bei meinem GaleriaKaufhof findet sich immer wieder die eine oder andere unerwartete exotische Bierspezialität. Die Biere von Robinsons gehören dazu – das Robinsons Old Tom Strong Ale with Ginger, abgefüllt in der üblichen Robinsons-Flasche und zur deutlichen Abgrenzung mit einem orangefarbenen Etikett versehen, ist die dritte Variante dieses Brauers, die ich trinke (ich verweise gern auf die anderen zwei). Ingwer, hm? Ich liebe Ingwer. Ich liebe Bier. Das kann ja nur gut werden, oder?

Robinsons Old Tom Strong Ale with Ginger Flasche

Farblich sehen wir erstmal ein sehr dunkles Ale, gebrannte Siena, nicht blickdicht, mit ungewohnter, sehr feiner Perlage. Nur wenig Schaum, wie bei einem Ale zu erwarten. Ein leichter Hauch von Zitrone, und, wenn man genau aufpasst, nach Ingwer ist vorhanden. Es erinnert mich vom Geruch her an Biermischgetränke wie Schöfferhofer Grapefruit.

Der Ingwer ist das erste, das im Mund dann zuschlägt. Nicht extrem wie bei einem Ginger Beer, oder einem Ingwerlikör, sondern nur als Kopfnote, aber klar erkennbar. Ein fetter süßsaurer Nachschlag verwischt den Ingwer dann direkt wieder. Sehr frisch im Mund, wenn auch für meinen Geschmack für ein Bier zu süß. 6,0% Alkoholgehalt überraschen nicht. Die Süße bleibt auch am Gaumen, wenn das Ale den Mund in Richtung Rachen verlässt. Der Abgang ist eher kurz, trocken, etwas bitter; hier setzt sich das Ale dann wieder durch. Ganz am Ende blitzt auch der Ingwer wieder auf, in Form einer sehr milden Schärfe.

Robinsons Old Tom Strong Ale with Ginger Glas

Eine sehr spannende Variation auf Biermischgetränke. Durchaus angenehm zu trinken, und die Ingwerschärfe am Ende ist wirklich gelungen.

Die Herstellung ist interessant: Es wird nicht etwa Ingwerextrakt oder ähnliches zugesetzt, sondern das Robinsons ist ein Blend aus dem normalen Robinsons Strong Ale mit Fentimans Ginger Beer. Wer also so ein wahres „Ginger Ale“ mal ausprobieren will, aber an das Robinsons with Ginger nicht rankommt, nimmt einfach ein normales dunkles Ale und vermischt es mit etwas Ginger Beer.

Suntory Umeshu Yamazaki Cask Titel

Mehr als ein Absacker – Suntory Umeshu Yamazaki Cask

Man kennt das ja, in Restaurants mit landesspezifischer Küche gibts nach dem Essen oft einen mehr oder weniger exotischen Absacker „aufs Haus“. Beim Griechen den Ouzo, beim Italiener den Grappa. Beim Chinesen kriegt man hin und wieder einen Pflaumenwein. Tatsächlich mag ich diese süße, leichtalkoholische Spirituose sehr, hielt sie aber (wie mir das übrigens auch mit Ouzo und ganz besonders Grappa ging!) für ein grundsätzlich eher niedrigqualitatives Getränk ohne Anspruch. Nun, ich bin inzwischen soweit, derartige alte Vorurteile sofort als solche zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Die Recherche bezüglich Pflaumenwein machte dann aber einen kleinen Umweg, weg von China, nach Japan. Dort findet man Umeshu (梅酒), einen Likör, der durch das Einlegen von grünen, unreifen Ume-Früchten in Alkohol (hauptsächlich shōchū 焼酎) und die Beigabe von Zucker hergestellt wird. Mindestens 3, gern aber auch 6 oder 9 Monate lässt man das ganze ziehen, und ist dann bereit für den Konsum – ein milder, früchtig-süß-saurer Drink, der viele Anhänger hat, vor allem unter denen, die keinen harten Alkoholgeschmack mögen und trotzdem ein bisschen angeschickert werden wollen. Für den Suntory Umeshu Yamazaki Cask ging der bei uns hauptsächlich für seinen Whisky bekannte Hersteller noch einen Schritt weiter: Man benutzte für die Reifungsphase ein Ex-Yamazaki-Whisky-Fass.

Suntory Umeshu Yamazaki Cask Flasche

Mir war es aufgrund der Sprachbarriere nicht möglich, herauszufinden, ob Umeshu gefärbt werden darf. Eine automatisierte Übersetzung der japanischen Wikipediaseite zu Umeshu ergab auch nichts in diese Richtung; daher gehe ich davon aus, dass Färben erlaubt ist, insbesondere, da es sich hier um einen Likör handelt, dem eh schon Zucker und Fruchtstücke zugesetzt werden. Wie es auch immer sein mag – die Farbe gefällt. Ich würde es als Terracotta bezeichnen, mit minimaler Trübung und einem Hauch von Schwebstoffen.

Der erste Naseneindruck ist Honig. Dahinter taucht süße Frucht auf, Pflaume, Birne, Pfirsich, etwas süßer Apfel. Ein Hauch von Lakritz, leichte Malzwürze. Sehr angenehm zu riechen in seiner fruchtigsüßen Rundheit, höchstens der etwas hauchig wirkende Alkoholanteil fällt auf.

Im Mund explodiert der Suntory Umeshu dann aber geradezu. Die Frucht, die sich in der Nase nur angedeutet hatte, springt nach vorne und erfrischt mit einer sehr wirksamen Säure den ganzen Gaumen und die Zunge. Ein sehr voller Körper, der von der Süße gestützt wird, trägt das ganze. Das Mundgefühl ist perfekt rund. Apfel, Birne, Quitte, das Fruchtbouquet ist sehr voll und aromatisch. Ein Touch von Lakritz im hintersten Hintergrund erhöht die Komplexität. Der Alkohol, 17%, ist sehr schön eingebunden, angenehm spürbar, aber nie störend oder auffällig – man merkt, dass man ein alkoholisches Getränk im Mund hat, das schätze ich, denn viele andere Umeshus trinken sich wie Fruchtsaft.

Suntory Umeshu Yamazaki Cask Glas

Der Abgang ist dann sehr trocken, sauer, stark adstringierend, etwas holzig – hier kommt die Fassreifung, die sich bisher zurückgehalten hat, etwas zum Tragen, ich bilde mir auch ein, zumindest ein Gefühl von japanischem Whisky als Aroma zu spüren. Recht lang kommt er mir vor, der Abgang, Frucht und Trockenheit belegen die Zunge über einen ordentlichen Zeitraum.

Ein sehr angenehmes Getränk, das allerdings seine Komplexität in typisch japanischem Understatement etwas vor dem oberflächlichen Betrachter verbirgt, dem man also etwas Zeit geben und so auf die Schliche kommen muss.

Nun, wenn man schon eine so japanische Zutat hat, dann mache man daraus doch einen Cocktail, dessen restliche Ingredienzien auch einen fernöstlichen Hintergrund haben. In Ermangelung eines Yamazaki-Whiskys, der wohl die perfekte Wahl wäre, nehme ich einen Hibiki-Whisky und etwas Matcha-Tee-Pulver, um den The Yume in vollem grünen Glanz und viel Aroma erstrahlen zu lassen. Ein wirklich sehr spannender Cocktail, der die angesprochene Komplexität des Suntory Umeshu schön betont und zur Geltung kommen lässt.

The Yume


The Yume
1½ oz Umeshu (z.B. Suntory Umeshu Yamazaki Cask)
¾ oz Japanischer Whisky (z.B. Hibiki Japanese Harmony)
¼ oz Verjus
1 Teelöffel Zitronensaft
1 Prise Matcha-Pulver
Langsam und vorsichtig auf Eis shaken.
Mit japanischer Gelassenheit servieren.
[Rezept leicht adaptiert nach Igor Pachi]


Die Flasche ist eine klassische Whisky-Flasche, das Etikett ist direkt aufgedruckt. Sehr edel wirkt das ganze, da nimmt man den Plastikschraubverschluss in Kauf.

Gerne empfehle ich so einen wunderbaren, exklusiven Umeshu, bei dem man aufgrund des Preises von rund 50€ pro Flasche davon ausgehen können sollte, dass er nicht künstlich hergestellt wurde, wie es bei vielen Billigprodukten wohl inzwischen der Fall ist – die Produktion von Umeshu hat sich von 2002 bis 2011 verdoppelt, die Ernte von Ume-Früchten ist aber praktisch konstant geblieben. Man kann sich denken, dass das zusätzliche Produktionsvolumen dann halt eben ohne echte Frucht entsteht, aus künstlichen Aromastoffen. Das mag für den kostenlosen, kleinen Absacker beim Chinesen nach dem fetten All-You-Can-Eat-Buffet für 7€ angehen, für uns Genießer aber sicherlich nicht. Man erhofft, dass sich eine Selbstverpflichtung zur klaren Deklaration der Produktionsweise der japanischen Umeshu-Hersteller, die der entsprechende lokale Wirtschaftsverband ins Leben gerufen hat, Wirkung zeigt.

Hallelu Weihnachtsbier der Saarbrücker Beer Society 2017 Titel

Hallelu – Das Weihnachtsbier der Saarbrücker Beer Society 2017

Ich gebe es gern zu, auch wenn es vielleicht nicht in die allgemeine emotional-angesäuselte Stimmung passt – ich bin ein Weihnachts-Grinch und meistens froh, wenn das Hochfest des Kommerzes und Umtauschens vorüber ist. Mit Weihnachtsmärkten kann man mich jagen, und Dekoration ist für mich meist übler Kitsch. So. Ich habe mich dennoch dazu überreden lassen, auf einen dieser für mich nur schwer erträglichen Fress- und Saufmärkte, die im Dezember überall stattfinden, zu gehen, und dort einen Stand der Saarbrücker Beer Society entdeckt. So kann man das beste aus der Situation machen! Schnell habe ich mir eine der hübsch dezent und ohne viel Schmonzes gestalteten Dreiviertelliterflaschen des Hallelu-Weihnachtsbier der Saarbrücker Beer Society 2017 eingepackt. Das Bier wird mit Bio-Zutaten von der Brauerei zum Klosterhof in Heidelberg eingebraut. Mit 6,5% Alkoholgehalt ist es damit ein Bockbier – sowas hilft gewiss in Zeiten des X-Mas-Stresses und erdrückender Feiertagssentimentalität!

Hallelu Weihnachtsbier der Saarbrücker Beer Society 2017

Dunkles Siena-Braun, wie das Holz des Stalls, naturtrüb, fast blickdicht. Mittlere Perlage, sehr feiner Schaum. Optisch mal sehr ansprechend. In der Nase singen hauptsächlich die Malzengel ihr Lied. Leicht heuig, etwas Frucht, das aber nur mild und nur im Hintergrund. Eine hefige Note komplettiert die Weihnachtssymphonie.

Am Gaumen spielt auch das verwendete Bio-Malz die Hauptrolle im Krippenspiel. Sehr süß im Antrunk, mit außergewöhnlicher Cremigkeit und kaum Ecken oder Kanten ist es ein Bockbier für den Freund des Abgerundeten. Dabei erhält es sich doch eine gewisse Rezenz, wenn man es einigermaßen gekühlt trinkt (direkt vom Balkon, bei den aktuellen Temperaturen). Im Verlauf kommt doch noch eine leichte Säure zum Vorschein. Leider fehlt es dann im Gesamtbild doch etwas an Körper und Tiefe.

Der Abgang ist eher kurz, die heiligen drei Könige werden nichts mehr davon mitbekommen, wenn sie sich nicht beeilen. Dankenswerter Weise fehlt der Eisenton im Nachhall, der mich an vielen Bockbieren stört, komplett. Mit leichter Trockenheit und dann doch starker Adstringenz klingt das Hallelu aus.

Ja, das ist ein Bier, das mir trotz kleiner Mängel gefällt, und das die Saarbrücker Beer Society gut ausgewählt hat. Die etwas arg dämlichen Tippfehler auf dem Etikett sollten bei einer Neuauflage 2018 definitiv ausgemerzt werden, aber sonst – Halleluja, das ist ein Bier, das Weihnachten auf jede saarländische und restdeutsche Festtafel passt! Selbst für Grinches wie mich!

Hanscraft Black Nizza Motor Öl Imperial Stout Titel

Kurz und bündig – Hanscraft Black Nizza Motor Øl Imperial Stout

Kreativbier hat ja in gewissen konservativen Bierkreisen den Ruf weg, hauptsächlich an flashigen Namen und verrückten Etiketten interessiert zu sein, statt am Bier selbst. Das Hanscraft Black Nizza Motor Øl Imperial Stout könnte diesem Vorurteil Öl ins Feuer gießen, bei so einem Namen. Schauen wir mal rein, ob das Vorurteil, wie so oft, durch die Realität aufgelöst wird.

Tiefstbraun, blickdicht – die Assoziation zu Öl ist wirklich gegeben (auch wenn hier wahrscheinlich eher das dänische Wort für Bier, Øl, als Pate gedacht war). An der Oberfläche sehr feiner, für ein Stout sehr voluminöser, gemischtporiger Schaum in einer recht dunklen Farbe, die fast schon vom Beige ins Laubbraun übergeht. Die erstaunliche Anzahl von 10 Spezialmalzen (aus Gerste, Weizen, Roggen und Hafer) und 3 Hopfensorten wurden hier verbraut, da muss doch abgesehen von der Optik auch aromatisch was rüberkommen?

Hanscraft Motor Öl

Schokolade, durchaus kräftige Fruchtnoten nach Honigmelone, Rosinen und Pfirsich erfreuen die Nase. Ein überraschender starker Anklang nach Tequila. Kaffeenoten. Tatsächlich rieche ich Heizöl, das mag aber ein psychischer Selbsttäuschungstrick, der aus dem Namen entsteht, sein. Maggi und Speisewürze dagegen sind deutlich.

Der Geschmack ist recht salzig, Kaffee und Sojasauce sorgen für Würze, schwarze Bitterschokolade für Charakter. Das Black Nizza bleibt im Verlauf nur leicht bitter, dafür starksüß, mit sehr dichtem Körper mit viel Wucht, aber ohne echte Tiefe. Wenig Karbonisierung, zumindest teilweise deswegen auch kaum Rezenz, höchstens die milde Säure erfrischt. 9,0% Alkohol sind stiltypisch vorhanden. Sehr kurz, metallisch, etwas pappig: Das ist der Abgang. Der Nachhall hält dann Bitterschokolade pur am Gaumen vor, für eine lange Zeit.

Ich finde es keineswegs schlecht, nur im Vergleich zu anderen Imperial Stouts doch etwas zu belanglos und klebrig. Ich habe noch eine zweite Flasche, die ich etwas kühler trinken werde; normalerweise empfiehlt man für derartige Biere ja eine höhere Trinktemperatur, für das Motor Øl kommt mir persönlich das zu warm vor.

Bunnahabhain 12 Islay Single Malt Scotch Whisky Titel

Volkskrankheit Zungenbruch – Bunnahabhain 12 Islay Single Malt Scotch Whisky

Schottische Whiskys haben ein Problem in Deutschland. Nein, es ist nicht die Qualität, nein, es ist nicht der Preis. Die größte Schwierigkeit, die wir im Allgemeinen mit den modernen Nachfolgern des alten uisghe beatha haben, ist, wie man die Namen ausspricht. Manchmal könnte man denken, die Hersteller haben eine Heidenfreude daran, den Konsumenten mit immer seltsameren, unaussprechlicheren gälischen Namen zu quälen. Wir Deutschen kommen im Gegensatz zu vielen Franko- und Anglophonen mit den „ch“s in Auchentoshan und Glenfiddich noch zurecht, mit dem „ch“ in Glen Garioch dann aber auch schon nicht mehr (letzterer ist sprachlich eh der ultimative Prüfstein für jeden selbsternannten Kenner schottischen Whiskys).

Die Brenner, die Bunnahabhain 12 Islay Single Malt Scotch Whisky herstellen, haben dies erkannt, wollen uns einen Zungenbruch und sich selbst potenzielle Sprachvergewaltigung ersparen und geben darum Hinweise zur Phonetik ihres Produkts – man spricht den Namen „Bunn-a-ha-venn“ aus, so ist es auf dem Rücketikett freundlicherweise aufgedruckt. Nun ist die linguistische Seite also klar, dann hindert uns erstmal nichts mehr daran, uns dem sensorischen Spektakel hinzugeben und die Zunge zum Verkosten zu nutzen statt zum Verbiegen von diversen palatalen und labiodentalen Frikativen.

Bunnahabhain 12 Islay Single Malt Scotch Whisky Flasche

Lobenswert finde ich schonmal die schwarze Flasche – so kommt kein Kunde auf die Idee, den Inhalt von außen rein optisch zu beurteilen. Bei Scotch ist Färbung mit E150a weitverbreiteter Usus, eben wegen diesem Vergleich, den viele Kunden anstellen – hier haben wir aber den Fall eines ungefärbten Whiskys vor uns; „natural colour, un-chillfiltered“ steht auf der Flasche. Die natürliche Farbe liegt irgendwo in der Mitte zwischen Kupfer und Safran. Eine minimale Öligkeit ist erkennbar.

Bunnahahbain ist ein Sonderling auf Islay, das merkt man spätestens, wenn man die Nase ins Glas hält. Die nahen Nachbarn auf der Insel versuchen sich gegenseitig zu übertreffen, was Torfigkeit angeht – hier bekommt man den interessanten Fall eines Islay-Whiskys, der nicht torfig ist. Stattdessen schmeichelt eine wuchtige Süße der Nase, Karamell, Butter, Mandarinen. Ein dezentes Kräuterbeet, Thymian und Fenchel, unterlegt die Aromatik. Riecht man sehr tief, kommt einem eine gewisse Lösungsmittelkomponente entgegen.

Bunnahabhain 12 Islay Single Malt Scotch Whisky Glas

Im Mund ist im ersten Antrunk eine fruchtige Note, aber mild. Mandarine, Erdbeere. Insgesamt sorgt die ununterbrochen vorhandene, schwere, nicht aufdringliche Süße für ein sehr breites Geschmacksbild, mit extrem viel Körper und Dichte. Eine milde medizinische Note und erkennbare Salzigkeit kümmern sich um den Inselcharakter mit Eindrücken von Meer und Strand. Im Verlauf entsteht zur Süßebasis ein Kontrapunkt – eine durchaus feurige Würze, die ich nichtmal den 46,3% Volumenprozent zuschreiben will, weil sie nicht oberflächlich brennt, sondern tief und vielschichtig daherkommt. Man hat wirklich ordentlich was im Mund bei diesem Whisky, vom fruchtigen Hochton bis zum süßen Bass ist alles da.

Der Abgang des Bunnahahbain 12 ist erneut eine kleine Wandlung: kühlend, mit dem Gefühl von Menthol und Minze. Mittellang, würde ich sagen, aromatisch, trocken aber nicht adstringierend, mit einem Nachhall von Holz, Vanille, Kaffee und dunklem Kakao. Tatsächlich empfinde ich diesen Scotch aufgrund der Breite der Eindrücke, und des wirklich ausgesprochen voluminösen Mundgefühls, als sehr komplex und dabei dennoch sehr genehm und nie kompliziert.

Die eine oder andere Zutat, die man in Cocktails einsetzt, hat das Problem, dass sie sich nur mühselig oder gar nicht gegen andere Zutaten durchsetzen kann. Manchmal ist es das Gegenteil – die Brachialität einer Zutat erwürgt alle anderen. Der Bunnahahbain 12 ist ein Beispiel für die Gruppe von Spirituosen, die genug Kraft mit sich bringen, gleichzeitig aber nicht den Raudi heraushängen lassen. Seine Qualitäten machen den Second Sip zu einem Drink, bei dem man gern einen zweiten (und dritten!) Schluck trinken mag.

Second Sip


Second Sip
2 oz Bunnahabhain 12 Islay Single Malt Scotch Whisky
½ oz süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
½ oz Tawny Port (z.B. Porto Cruz Special Reserve)
¼ oz Fernet Branca
2 Spritzer Bittermens Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren und ohne Dekoration servieren.
[Rezept nach Brian Miller]


Neben der schon eingangs angesprochenen schwarzen Flasche in durchaus ungewöhnlichem Format bekommt man noch einen Karton und eine kleine Beilage mitgeliefert. Darin findet man unter anderem ein paar Anekdoten über Geschichte und Topographie der Destillerie. Schön gemacht, und nicht aufdringlich oder allzu marketinglastig.

Bunnahabhain 12 Islay Single Malt Scotch Whisky Karton und Beilage

Wie ich schon sagte – dies ist kein typischer Islay-Whisky. Wer auf der Suche nach Rauch, Iod und Torf ist, hat auf der Insel genug andere Alternativen; daher finde ich es spannend, dass sich Bunnahabhain hier dem starken Gruppenzwang der restlichen Inselanrainer, die sich manchmal für meinen Geschmack an ihren Extremen übermäßig aufgeilen, widersetzt. Für mich gehört dieser Whisky jedenfalls in jedes Regal eines wahrhaften Whiskyfreunds, egal ob Peat-head oder nicht, und sei es nur, um zu erkennen, dass Islay auch anders kann.

Stone Ruination Double IPA Titel

Kurz und bündig – Stone Ruination Double IPA

Die Biere von Stone Brewing leben unter anderem von einer gewissen Attitüde, die sich auf den Dosen abbildet. Der böse Dämon, der einen angrinst, so manch ein markiger Marketingspruch, die Selbstverständlichkeit, mit der die Dose als Transportmedium gefeiert wird („Dosen sind besser. Keine Frage“. Diskutiert wird da nicht!), der Aufbau einer großen Brau- und Bierabfüllanlage in Berlin – da ist viel Potenzial für Gesprächsstoff. Dennoch will ich hier kein Fass aufmachen, sondern lieber die Dose des Stone Brewing Ruination Double IPA, und unabhängig vom lauten Kommunikationston deren Inhalt betrachten.

Stone Brewing Ruination Double IPA

Die Farbe ist erstmal nicht so kreischend, wie man sie von der Aufmachung der Dose vielleicht erwartet hätte. Safran, trübe bis zur Blickdichte, sehr feiner Schaum mit einiger Lebensdauer. Kaum Perlage erkennbar. Der Geruch dagegen dreht den Lautstärkeregler schon hoch – direkt beim Öffnen der Dose ist dieser überwältigend. Tolle, dichte, fast schon tastbare Aromen von Banane, Mango, Papaya und Zitrone. Ein würzig-harziger Unterton gibt Komplexität.

Auch im Geschmack wird kein Blatt vor den Mund genommen. Das Ruination ist sehr bitter schon im Antrunk, trotz des cremigen Mundgefühls. Im Geschmack ist es weniger Obst als vielmehr Gemüse, das alles trägt – Brokkoli, Blumenkohl, Gurke. Sehr ungewohnt, aber gar nicht unangenehm. Die Bittere dominiert natürlich auch im Verlauf alles, da ist es schwer, dagegen anzukommen. Da ist vielleicht noch Mango und Papaya, aber kaum mehr Zitroniges. Nur wenig Süße ist vorhanden, eine kantige Säure dafür schon, die für Rezenz sorgt. 8,5% Alkoholgehalt sind dann noch eine Hausmarke, die beachtet werden sollte. Der Abgang ist aromatisch kurz, von der Bittere gesehen aber sehr lang. Die gemüsig-herzhafte Komponente bleibt vorhanden, mit der das Ale dezent ausschwingt.

Das ist viel extremer in jeder Beziehung als das Arrogant Bastard Ale, das dagegen fast zahm und konventionell wirkt. Für meinen Geschmack ist das übertrieben und sehr eindimensional bitter – das kann man ab und an trinken, aber wirklich oft brauche ich diese Kante nicht. Die Dose ist schon fast komisch lyrisch – „Schönheit und Poesie, A Liquid Poem“? Nur, wenn man Rammstein für Dichtkunst hält.

Beefeater London Dry Gin Titel

Wacholderwache – Beefeater London Dry Gin

Aktuell treibt ein Discounter-Gin die Spirituosenwelt vor sich her – beim renommierten Spirituosenwettbewerb IWSC gewann der Oliver Cromwell London Dry Gin, der von Aldi in Großbritannien vertrieben wird, eine Medaille als bester Gin der Welt. Sogar Spiegel Online war das einen Artikel wert  – Schnapsblogger, Ginfreunde, Barkeeper und andere an Qualitätsbränden interessierte schrien auf, die Freunde des billigen Genusses konnten sich Schadenfreude und ironische Hinweise nicht verkneifen.

Nun muss man das ganze ins rechte Licht rücken – der Aldi-Gin trat in der Kategorie der Gins mit 37-38% Alkoholgehalt an, also an der untersten Grenze dessen, was noch als Gin bezeichnet werden darf (Gin muss laut EU-Verordnung mindestens 37,5% Alkoholgehalt aufweisen). Dadurch ist der Oliver Cromwell London Dry Gin also der beste Gin der Welt in diesem Bereich, der meist von Billigware und wenig anspruchsvollem Schnaps bevölkert wird. Wer etwas vom Gin haben will, besorgt sich höherprozentige Ware – wie zum Beispiel den Beefeater London Dry Gin, der mit 47% in einer ganz anderen Gewichtklasse spielt als die „weltbesten“ Aldi-Gins.

Beefeater London Dry Gin Flasche

Gin ist transparent, selbst manche der modernen „Western“ Gins, die eine bunte Farbpalette aufweisen, sind sich da einig. Klassisch ist er natürlich auch farblos, und kaum viskos.

Der Geruch ist das, was Gin für mich attraktiv macht. Ich mag den Geruch von Wacholder, und je wacholdriger ein Gin ist, um so mehr mag ich ihn. Der Beefeater ist in dieser Beziehung keine Enttäuschung: Ganz klar dominiert Wacholder, begleitet von etwas säuerlichem Zitrus, einem süßlichen Beiklang und etwas floralem Charakter. Leider ziept er in der Nasenschleimhaut auch etwas – das sollte selbst bei respektablen 47% Alkoholgehalt nicht passieren, man erkennt hieran etwas die Massenproduktion.

Laut Hersteller werden 9 Botanicals eingesetzt, die 24 Stunden lang mazerieren dürfen – Wacholder, Orangenschale, Zitronenschale, Angelikawurzel, Angelikasamen, Koriander, Süßholz, Bittermandel und Iriswurzel. Ich danke für diese Transparenz, andere Produzenten machen daraus ein Staatsgeheimnis. Die Kombination sorgt für ein sehr schweres, fett-ölig-dichtes Mundgefühl, das fühlt sich fast schon likörartig an. Die Süße nimmt einen sehr großen Teil des Geschmackserlebnisses ein, Wacholder ist gar nicht mehr so übermäßig präsent wie in der Nase. Lakritz, Angelika und Orange sorgen für einen fetten Unterbau, Zitrone für die Spitzen.

Der volle Körper transportiert sich leider nicht in den Abgang, der zwar heiß und kraftvoll ist, aber leider auch, abgesehen von einer gewissen Adstringenz, kurz und schal. Tatsächlich ist das Nachgefühl im Mund eher bescheiden bis unangenehm, mit einem starken Eisenton und flachem Kräuterbett ohne Differenzierung. So elegant die Nase ist, so behäbig und faul ist der Nachklang.

Es gibt Gins, die ich gern pur trinke, wenn auch selten. Der Beefeater gehört nicht dazu, doch mit seinen 47% hat er andere Qualitäten. In einem Cocktail kann er viel Volumen beisteuern, Power und Dichte, ohne dabei durch zu strenge Aromatik das Gesamtbild zu übernehmen. Der Bebbo Cocktail, zubereitet mit dem Beefeater, zeigt, dass ein Gin-Cocktail nicht immer nur klar und stringent sein muss, sondern auch verspielt und schwer.

The Bebbo Cocktail


The Bebbo Cocktail
1½ oz London Dry Gin
¾ oz Zitronensaft
½ oz Orangensaft
2 Teelöffel flüssiger Honig
Dry shake, dann auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Die eckige Flasche ist platzsparend in einer Heimbar unterbring- und handhabbar und verzichtet auf Sperenzchen. „Der einzige internationale Premium Gin, der in London destilliert wird, und das schon seit 1820“ ist die einzige Marketingaussage, persönlich würde ich dabei auf das verbrannte Wort „Premium“ gern verzichten. Die traditionellen namensgebenden Wächter des Towers in London würden es vielleicht auch schätzen.