Seltene Trauben im verlorenen See – Lost Lake Distillery Small Batch Collection Mouhtaro, Malagouzia, Robola

Traubenbrand ist etwas anderes als Weinbrand. Ich reite ja immer gern auf Definitionen und Klassifikationen herum, hier ist das klar geregelt und auch im Namen schon eigentlich recht deutlich: Weinbrand wird aus Wein gemacht, Traubenbrand aus Trauben. Das klingt jetzt erstmal offensichtlich, doch wer die beiden Produktionsprozesse anschaut, sieht sofort, dass es da einen entscheidenden Unterschied gibt. Der Wein für den Weinbrand ist aus gepressten Trauben gemacht, also eigentlich nur ihrem Saft, und für einen Traubenbrand werden die ganzen Früchte, inklusive Haut und Kernen, verwendet. Ich hatte vor einer ganzen Weile mal über den Prime Uve aus Treviso berichtet, wo ich die Brennerei von Buonaventura Maschio besichtigt hatte, heute kommt ein weiterer Traubenbrand (oder besser drei) auf die Palette, aus Griechenland diesmal, nämlich die Lost Lake Distillery Small Batch Collection mit den Rebsorten Mouhtaro, Malagouzia, und Robola.

Nach der Ernte und der Auswahl der Trauben dieser seltenen, besonderen Rebsorten (zu den Details jeweils mehr beim jeweiligen Brand) werden diese also nicht gepresst, sondern nur entstielt, und dann in ganzer Frucht direkt in die Fermentationstanks verbracht. Mit Cryo-Hefen wird ein Wein erzeugt, das Wort ist hier mehr als terminus technicus zu sehen, nicht im Sinne des Getränks, sondern als Destillationsbasis. Die Fermentation beginnt unten im Tank, arbeitet sich langsam nach oben, und durch das dabei entstehende Kohlendioxid platzen die Trauben auf und geben ihren Saft frei, der sich verteilt. Alles findet bei kontrolliert niedriger Temperatur statt, um die Aromen der Rebsorten zu erhalten. Nach der Fermentierung wird die Temperatur auf 5°C abgesenkt, der Tank mit Sauerstoff befüllt, bis die Destillation stattfindet. Für diese wird eine Kupferpotstill-Säule-Kombination verwendet, in einem diskontinuierlichen Verfahren. Schließlich ruhen die Destillate für mindestens ein Jahr in Edelstahltanks. Und zu guter letzt wandern sie natürlich dann auf 40% Alkoholgehalt eingestellt in die Flasche; für Malagouzia und Mouhtaro gibt es 0,5L- und 0,2L-Varianten, für den Robola aktuell nur noch die Halbliterflasche. Alle drei stehen nun bereit zum Probieren!

Lost Lake Distillery Small Batch Collection Mouhtaro, Malagouzia, Robola

Wir fangen an mit dem fuchsiafarben gelabelten Lost Lake Distillery Small Batch Collection Mouhtaro. Für ihn sind ausschließlich Trauben der roten Rebsorte Mouhtaro (Μούχταρο) verwendet worden. Dass es sie überhaupt noch gibt, ist der Arbeit engagierter Weinbauern zuzusprechen, die die Trauben aus kleinen, alten, fast vergessenen Weinbergen gerettet haben. Moderne Weine aus ihr greifen oft noch auf diese alten Reben zurück. Sie ist auch fordernd und kompliziert im Anbau, empfindlich gegenüber Umwelteinflüssen und Krankheiten, wodurch die Produktionsmenge limitiert ist. Keine Massenware, offensichtlich, umso spannender ist für mich, wie sich diese Rebsorte als Destillat präsentiert.

Lost Lake Distillery Small Batch Collection Mouhtaro

Klar und fehlerfrei, die Flüssigkeit schwenkt sich schwer und ölig im Glas. Fette Glaswandartefakte verbleiben und laufen langsam ab.

Die Nase ist initial extrem maritim; das hat eine faszinierende Mischung aus grünen Oliven, fangfrischem Fisch, verbunden mit süßer, grüngrasiger Frucht aus gerade gepresstem Zuckerrohr. Ein erdiger Unterton macht den Brand dann gefühlt dunkler, und nach einer Weile findet man auch schwere, saftige, reife rote Trauben. Ein sehr spannender Verlauf, der sich immer wieder reproduzieren lässt und Komplexität beweist. Ist man zunächst leicht irritiert, führt man später das Glas immer gerner an die Nase.

Eine äußerst weiche Textur, vollständig abgerundet und ohne jede Ecke, bezaubert beim Antrunk den Gaumen. Natürliche, schwere, buttrige Süße expandiert, unterstützt von dunkelfruchtigen Tönen aus Trauben, und später ganz deutlich schwarzen Johannisbeeren. Das Mundgefühl ist wirklich herausragend, und bleibt erhalten, auch wenn sich der Brand später zum Herbtrockenen wendet, ein bisschen kribbelt und warm die Speiseröhre hinunterläuft. Der Nachhall ist lang, warm, gleichzeitig mentholisch und nun voll von schwarzen Johannisbeeren beherrscht.

Ein sehr aromatischer, dabei perfekt ausgeglichener und handwerklich herausragend integrierter Traubenbrand, mit einem leicht exotischen Touch und toller Schwere. Das trinkt sich so gut und vielgestaltig, dass ich den Lost Lake Distillery Small Batch Collection Mouhtaro in jedem Szenario von Foodpairing mit Seafood und Trou Normand bis Absacker am warmen Sommerabend bedenkenlos empfehlen kann.


​Kommen wir zu dem blau behalsbandeten Lost Lake Distillery Small Batch Collection Malagouzia. Wir wechseln mit ihm zu weißen Trauben der Rebsorte Malagouzia (Μαλαγουζιά). Sie ist autochton in Griechenland, war fast ausgestorben und hatte dann aber ein Comeback in den 1990ern und gilt heute als ein Flaggschiff der griechischen Weinkultur. Die Rebsorte ist inzwischen wieder weitverbreitet und passt sich vielen Gegebenheiten an, die Weine aus ihr sind balanciert, aber gleichzeitig charaktervoll und intensiv, und ich hoffe, diese Eigenschaften auch nun im Destillat wiederzufinden.

Lost Lake Distillery Small Batch Collection Malagouzia

Auch hier ist die Farbe natürlich klar und transparent, fehlerfrei und brilliant. Eine lebendige Beweglichkeit zeigt sich im Glas, viskose Glaswandeffekte sind trotzdem üppig vorhanden.

Als würde man durch einen Fruchtmarkt laufen. Die Nase nimmt buntes Obst auf, von reifem Pfirsich über saftige Aprikose und weiße Trauben bis hin zu richtig präsenter Mango mit exotischer Litschi als Beiton. Gleichzeitig sind da florale Töne von Rosenblättern und Veilchen, süß und parfümig. Zusammen ergibt das ein so schönes Bouquet, dass ich das Glas gar nicht von der Nase nehmen will. Herausragend, selten hatte ich einen so wunderbaren Duft in einem Verkostungsglas.

Das Mundgefühl ist weich und zart, wird im Verlauf deutlich herber und würziger, fast schon salzig, jedenfalls mit einem deutlichen Wandel zum Antrunk. Die Fruchtigkeit transferiert perfekt auf den Gaumen, nicht mehr ganz so intensiv, aber effektiv und aromatisch. Spät brummt der Traubenbrand dann feurig auf der Zunge, zieht etwas Spucke an, lässt der Floralität dann im Nachhall freien, sehr langen Lauf mit Wintergrün und Jasmin.

Wer hiervon nicht begeistert ist, dem kann ich auch nicht helfen. Diese grandiose Mischung aus Frucht und Blume lässt mich entspannt schwelgend zurück, eine Spirituose, an der es nichts zu kritisieren gibt. Das muss man probieren, ohne Frage, hiermit erfolgt sofortiger Kaufbefehl!


​Für den Lost Lake Distillery Small Batch Collection Robola, der ein lindgrünes Halsetikett aufweist, findet man auf dem Etikett auch eine Jahrgangsangabe, bei mir ist das 2022. Natürlich werden hierfür ausschließlich die namensgebenden Trauben der Rebsorte Robola (Ρομπόλα) eingesetzt; dabei handelt es sich um eine griechische, autochtone Weißweinsorte, die besonders auf Kefalonia angebaut wird und besonders prestigeträchtig ist, aber auch schwer zu kultivieren gilt auf der bergigen, kalksteinigen Insel. Kleinvolumige, aber qualitativ hochwertige Ergebnisse erzielt man dort. Dieser vorliegende Brand ist der einzige, der aus dieser Rebsorte hergestellt wird, wir haben also ein sehr besonderes Erlebnis vor uns, die Anzahl der verfügbaren Flaschen jedes Jahr ist stark limitiert.

Glasklar, brilliant und ohne jeden Fehler, wie erwartet und auch schon in der Flasche gesehen, landet er nun im Verkostungsglas, und bewegt sich dort schwer und ölig. Ein fetter Film schmiegt sich an die Glaswand und lässt dicke Beine ablaufen.

Frische Zitronentöne, Anklänge von Bergamotte und frisch geschnittener Orangenzeste finden ihren Weg in meine Nase. Dazu kommen grüne, leicht grasige Beitöne, von frisch angeschnittenen Schnittblumen, Lilienblättern und gepresstem Zuckerrohr. Die Kombination wirkt sehr klar, elegant strukturiert und erfrischend, leicht herb und dadurch mit einer sehr feinen Komplexität versehen, ohne verkopft zu werden. Weiße Trauben finden später noch einen Weg zu mir, und ein Hauch von Weinbergpfirsich, wenn sich der Brand weiter geöffnet hat.

Ich spreche jetzt große Worte aus – aber der Lost Lake Robola hat die schönste Textur, die ich je in einem Glas hatte. Vom Antrunk an ist das superweich, wie Öl läuft das über die Zunge, schmiegt sich zart an den Gaumen und breitet von dieser grandiosen Basis die Aromatik ganz sanft aus. Toll daran ist, dass hier auch deutlich herbe, fast schon bittere Aspekte mitintegriert sind, die sich mit einer unterschwelligen Süße und den gelben Früchten perfekt verstehen. Im Verlauf kommt eine warme, leicht salzige, sehr mineralische Würze auf, die mild brummt und lang nachwirkt. Der Nachhall ist ebenso lang, trocken, nun extrem floral, und gleichzeitig erdig, und ich finde da tatsächlich die Kastanie, die der Klappentext des Herstellers vorschlägt.

Ein perfekter Brand, der so gut im Mund liegt, dass ich allein darüber ins Schwelgen gerate, dass die anderen Seiten fast dagegen untergehen, obwohl sie ebenso gelobt werden müssten. Das ist Weltklasse, wer das nicht probiert, verpasst ein Erlebnis, das man in dieser Form nicht zu oft bekommt.


Feingliedrige, elegante Brände wie diese tun sich manchmal ein bisschen schwer, wenn man sie in einen Cocktail zwingt, das ist oft nicht ihre Stärke. Doch ich riskiere mal, einen Schluck des Robola in einem Drink unterzubringen, wo er nicht mit den anderen Zutaten ringen muss, sondern zusammen mit ihnen Musik macht. Das passiert im Southern Border, der darüber hinaus mit emulsifiertem Eiweiß das tolle Mundgefühl der Lost-Lake-Destillate noch weiter betont. Und dass hier die griechischen Farben auftauchen hat natürlich auch seinen eigenen Charme.

Southern Border Cocktail

Southern Border
50ml Traubendestillat
15ml Blue Curaçao
20ml Limettensaft
7ml Zuckersirup
1 Eiweiß
Dry shake, dann auf Eis shaken. Doppelt abseihen.
Mit ein paar Tropfen Peychaud’s Bitters dekorieren.

[Rezept nach Pamela Wiznitzer]


Noch ein Wort zur Präsentation – ich finde diese sehr gelungen, und dem Inhalt der Flaschen angemessen. Beide Flaschengrößen haben das identische Design, die große punktet noch mit einem dieser tollen Klick-Glasstöpsel, den die kleinen durch einen Kunststoffstopfen mit Glaskopf ersetzen. Das Etikettendesign ist streng, gefällt mir aber genau deswegen gut, die griechischen Buchstaben sind gleichberechtigt mit den lateinischen; die Farbenlegende für die Rebsorten ist gut gemacht.


Mich haben diese Destillate so fasziniert, dass ich mich auch der anderen Verwendung der Trauben zugewendet habe und mir ein Set je einer Flasche griechischer Weine zugelegt habe. Ich bin gespannt, wie sich der Vergleich zwischen Wein und Traubendestillat zeigt.

Beim Ktima Erithtrou Rodou Malagousia 2024 aus der Region Drama in Makedonien finde ich sowohl die Floralität als auch die exotische Frucht aus dem Lost Lake Malagouzia wieder, ersteres im Geschmack, zweiteres in der Nase. Durchaus säuerlich und frisch ist der Wein, für mich ein sehr unterhaltsamer Begleiter zu einem herzhaften Essen, gegrillten Oktopus mit Kritharaki kann ich mir richtig gut vorstellen. Der Foivos Barcarola Robola 2021 von der Insel Kephalonia begeistert mich schon durch die sonnengoldene Farbe; die volle, herbe Steinfrucht kombiniert mit der frischen Zitrusnote genauso, ein großartiger Wein, und man erkennt den oben beschriebenen Brand darin extrem wieder. Ich habe ihn zu einer wunderbaren Dose King Crab aus Portugal und Weißbrot mit frischem Rindermark genossen. Und beim Château Kaniaris Mouchtaro 2021 bekommt man wilde Würze, tanninige Trockenheit, pfiffige Säure, kombiniert mit voller, dramatischer Frucht; die schwere Struktur, die Erdigkeit und die ausgeprägte Johannisbeere, die den Lost Lake Mouhtaro ausmachten, sind hier schon deutlich vorgezeichnet, die Rebsorte hat wirklich Charakter und es macht dann richtig Spaß, Wein und Destillat gemeinsam auf dem Tisch zu haben.

Anbei noch ein paar Bilder der Brennerei selbst, die ich freundlicherweise von dort zugeschickt bekommen habe; ich habe wirklich vor, dort einmal vorbeizuschauen und ergänze dann eigene Bilder. Man sieht jedenfalls, warum ich da hin will, das ist eine sehr hübsche Anlage, luxuriös, aber auch kleinmaßstabig und reduktionistisch.

Drei Destillate aus griechischen Rebsorten, drei dramatisch unterschiedliche sensorische Eindrücke. Es lohnt sich wirklich, alle drei nach Hause zu holen, wer auch nur ansatzweise auf klare Obstbrände steht, kann ohne Bedenken das Geld in die Hand nehmen (was gar nicht so viel ist, das Preisleistungsverhältnis ist völlig absurd gut) und sich an der griechischen Weinkultur berauschen. Ich hebe keinen speziell heraus, auch wenn der Robola vielleicht etwas rarer ist. Aber ich will hier nicht die Sammler und Investoren ansprechen, sondern die Genießer, die die Flaschen auch aufmachen, darum greife zu, wer sich angesprochen fühlt!

Letzte Schlucke – Last Ward 2007 Barbados Pure Single Rum (VSGB)

Die elfte Auflage der VSGB-Gruppe ist inzwischen veröffentlicht, mit einer bunten Mischung aus japanischen, guyanesischen, jamaikanischen und haitianischen Rums. Mir fällt dabei auf, dass ich noch ein paar Fläschchen zuhause stehen habe, die entgegen dem Verhaltenskodex noch geschlossen sind – das hole ich jetzt Stück für Stück nach, denn Luca hat angekündigt, in Zukunft die Regeln der Gruppe strenger zu machen, es sind wohl schon 400 Accounts gekündigt worden, die sich nicht daran gehalten haben. Dabei geht es meist um die offensichtlichste Regel, die „kein Weiterverkauf, keine Spekulation“ lautet, und man sollte denken, dass die Leute sich wenigstens daran halten würden. Bei mir wird immer jede Flasche aufgemacht, egal ob VSGB oder sonst, dazu bin ich viel zu neugierig. Der einzige Grund, dass der Last Ward 2007 Barbados Pure Single Rum (VSGB) noch zu war, ist, dass ich zeitlich noch nicht dazu gekommen bin. So spezielle Rums zu würdigen ist mir wichtig, die trinke ich nicht einfach so zwischendurch.

Der Last Ward ist benannt nach Frank Ward, der 9 Jahre lang Managing Director bei The Rum Refinery at Mount Gay war und andere wichtige Positionen in der Rumwelt innehatte; die Brennerei war darüberhinaus seit 1918 im Familienbesitz der Wards. Als die Brennerei dann an den Konzern Rémy Cointreau verkauft wurde (ich weiß, ich verkürze die komplizierte Firmengeschichte mit unterschiedlichen Unterfirmen hier, aber das ist eh nur für einen Wirtschaftshistoriker relevant oder interessant), behielt Frank Ward ein paar Fässer, die nun auf Flaschen gezogen erhältlich sind. Man bekommt also hier einen Blend aus 13 Ex-Bourbon-Fässern mit dreifach-destilliertem und 16 Jahre tropisch auf der Insel gereiftem Barbados-Rum von Mount Gay, eingestellt auf runde 60% Alkoholgehalt. Der Name des Rums ist wirklich poetisch, hoffen wir mal, dass der Inhalt mich ähnlich bezaubert!

Last Ward 2007 Barbados Pure Single Rum (VSGB)

Perfektes Terracotta leuchtet im Glas, mit orangefarbenen und fast schon sonnenblumengelben Lichtreflexen. Sehr elegant schwenkt sich der Rum, mit angemessener Viskosität und einer gewissen Schwere, ohne schwerfällig zu wirken. Sehr dicke Beine zeigen sich.

Die Nase ist wirklich archetypisch für das, was ich von Barbados-Rum erwarte. Da ist direkt viel Kokosnuss da, verbunden mit einer leichtesterigen Frucht, getrocknete Mango, ein bisschen Pfirsich, ein bisschen Orangenschale. Unterstützt wird alles durch eine außergewöhnlich schöne, wirklich elegante Holznote, die sich überhaupt nicht aufdrängt, aber sehr effektiv alles an sich bindet. Ein Touch Phenol gibt einen Hauch von Medizinialität, und das erzeugt eine wunderbare Komplexität und ein Geruchsbild, an dem man einfach gern und lange schnuppert. Im Verlauf bilden sich noch Banane und ein Touch von Nougat heraus, eine ganz dezente Buttrigkeit klingt dabei mit. Den hohen Alkoholgehalt spürt man zu keiner Sekunde, alles ist rund und fein, nichts bricht aus, piekst oder kratzt. Eine echte Wohltat für die Nase.

Last Ward 2007 Barbados Pure Single Rum (VSGB) Glas

Im Mund zeigt sich der Last Ward direkt von einer anderen Seite als viele sehr gemütlich gewordenen Barbados-Rums. Die Textur ist frisch und klar, gar nicht so ölig, wie man das vielleicht erwartet hätte, der Körper bleibt leicht und hell, und die natürliche Süße ist im Antrunk eher unterschwellig als wirklich breit. Ganz schnell entwickelt sich das immer weiter, der Rum wird trockener, später sogar deutlich astringent, und bildet eine pikante Feurigkeit aus. Kein Kratzen oder Beißen stört dabei, das ist einfach Kraft und Holzwürze, und auch hier ist der Alkoholgehalt von 60% so perfekt eingebunden, wie ich das selten erlebt habe. Man erahnt schon zu Beginn diese Frische, die der Rum ausstrahlt, und die evolviert zu einer kalten Minzigkeit mit einem mentholischen Hauch, die fast frostig wirkt, ein paar Momente bevor im Abgang der Wandel zu angenehmer Wärme kommt. Dort klingen dann noch Kokos, diese ideal abgestimmte Medizinalität und eine spannende Blutigkeit mit etwas Eisengeschmack nach.

Ein ausgesprochen runder, perfekt abgestimmter Rum, traumhaft sicher in seinem Charakter, hoher Typizität und trotzdem genug Eigenheiten, trinkig und mit einer Eleganz, die mich völlig bezaubert. Ein großer, wichtiger Rum, keine Frage, in einer kleinen Flasche.


In so einem VSGB-Fläschchen ist wirklich nicht viel drin, aber ich kann einfach nicht widerstehen, ihn trotzdem in einem Cocktail unterzubringen. Der Blood of my Enemies verwendet ihn aufs Beste, gibt mit Wermut noch etwas zusätzliche Würze und Frische, und mit dem Amaro ein bisschen Körper. Wer zunächst davor zurückschreckt, diesen Rum in einem Cocktail unterzubringen, sollte diesen Drink probieren – da wird man nicht enttäuscht sein und sehen, dass das Ganze mehr ist als die Summe der Teile.

Blood of my Enemies Cocktail

Blood of my Enemies
1oz / 30ml Barbados Rum
1oz / 30ml roter Wermut
1oz / 30ml Amaro
Auf Eis rühren. Auf frisches Eis abseihen. Mit Zitronenzeste versehen.

[Rezept nach Erick Castro]


Natürlich erwähne ich weiterhin immer wieder einfach gern die Gestaltung des VSGB-Projekts, es sollte schlicht nicht vergessen werden, wie liebevoll und aufwändig das gemacht ist – niemand anderes in der Spirituosenwelt macht etwas auch nur entfernt ähnliches. Dass das Projekt weiter in hohem Ansehen steht zeigt sich darin, dass es sowohl großen Andrang gibt, in die auf rund 1000 Mitglieder beschränkte Gruppe zu kommen, als auch dass Luca Gargano persönlich sich um die Abfüllungen und die Regeln dort kümmert, statt das einfach so vor sich hin plätschern zu lassen.

Es werden in nächster Zeit immer wieder weitere VSGB-Besprechungen folgen, ich priorisiere die nun langsam mal. Die Leser können sich auf wirklich besondere Rums freuen, auch wenn es oft entweder sehr seltene und/oder sehr hochpreisige Produkte handelt, die nur wenige nachvollziehen werden können. Bei vielen sage ich auch ehrlich, dass es zwar tolle Sachen sind, aber den aufgerufenen Preis oft nicht wirklich wert; beim Last Ward ist das anders, für so einen großartigen Rum kann man schonmal 250€ in der Vollflasche hinlegen und es nicht bereuen.

Jeder nur ein Kreuz – Savanna × RumX Co-Bottling Grand Arôme 2007

Gesponsortes Produkt

Mit den Rums von Savanna Réunion Island Rum hatte ich mich Mitte 2023 mal etwas ausführlicher beschäftigt, die Ergebnisse kann man hier nachlesen. Nun kommt ein weiterer Rum dazu. Der Savanna × RumX Co-Bottling Grand Arôme 2007 ist, wie der Name schon sagt, aus der Zusammenarbeit der Brennerei aus dem Indischen Ozean und der deutschen Community RumX entstanden. Wer statt meiner wertungsfreien, rein beschreibenden Salbadereien lieber harte Punktewertungen mit Nachkommastellen für Rums sieht, findet dort, was er sucht. Die Abfüllung mit dem Jahrgang 2007 hier nun ist entstanden aus dem langen Fermentieren von Melasse, typisch im Grand-Arôme-Stil, destilliert auf der traditionellen Savalle Column Still, für die die Brennerei bekannt ist. Das Ergebnis wurde dann für 17 tropische Jahre in ein Ex-Cognac-Fass gelegt, um am Ende noch mit einem Armagnac-Fassfinish versehen zu werden. So ein Nerd-Bottling kann natürlich nur mit Fassstärke (hier 68,7% Alkoholgehalt) zu uns kommen – und ich probiere ihn nun ganz entspannt nach meinem Madeira-Trip mit Euch.

Savanna × RumX Co-Bottling Grand Arôme 2007

Das Neat-Glas steht auf einem Akazienholzteller, und die Farben gehen dabei ineinander über. Im Gegenlicht bekommt der Rum eine deutlicher rostrote Tönung, mit kastanienbrauner Grundfarbe. Sehr attraktiv wirkt die Viskosität, das dreht sich ausgesprochen hübsch und schwer, mit dicken, ausdauernden Glaswandartefakten.

Ich sage es vorab – ich bin kein extremer Fan von hochesterigen Rums, sie überdehnen oft und sind nicht wirklich rund zu trinken, sondern wirken auf mich als Effektrums. Dass Savanna das trotzdem ganz gut kann, hatte ich schon bei meinem oben erwähnten Sammelartikel über ein paar der Rums von dort besprochen. Und der Savanna × RumX, der fast dreimal so lang reift wie der älteste in meinem Artikel zuvor, zeigt sich diesbezüglich auch ähnlich: ausgeprägte Fruchtester, aber nicht so quietschig wild wie bei manchen anderen Produkten dieser Art. Grüne Ananas, grüne Banane, matschige Mango, eingelegt in mentholischen Sirup, mit ein paar der typischen schweißigen Sportschuh-Aromen ergänzt. Ein minimalster Hauch von Lagerfeuer mit verkohltem Grillgut ist da im Untergrund, der mir richtig viel Spaß macht, sich besonders im geleerten Glas zeigt und den bunten exotischen Fruchtkorb einen Ticken komplexer macht – das Holz zeigt sich sehr wohlwollend. Ein kühler, frischer und integrierter Duft insgesamt.

Im Antrunk wirkt der Savanna × RumX erstmal herbsüß, zeigt dann aber sehr schnell seine wahre Natur – astringierende Trockenheit, herbe Aromen verbunden mit gleichzeitiger Zuckerwatte, und ausgeprägte Säure. Das Mundgefühl ist bei weitem nicht so weich, wie man das von der Optik erwartet hätte, kombiniert die Effekte der Ester und der langen Holzlagerung, bleibt dabei aber bei beiden auf einem Level, der diesen Eindruck elegant und komplex macht. Im Verlauf bildet sich kräftige, pikante Würze heraus, mit Sumatra-Tabak und einer Mischung aus Süßholz und Piment, später kommt kalter Kardamom dazu, und deutliche Nelken. Mentholisch ist der Abgang, mittellang, mit leichtem Kribbeln auf der Zunge, und warmem Gefühl tief in der Speiseröhre – der Alkoholgehalt wirkt nie aufdringlich dabei, durchaus eine Leistung bei fast 70%. Der Nachhall ist sehr aromatisch, sehr lang, und macht Lust auf einen weiteren Schluck.

Ja, der Savanna × RumX Co-Bottling Grand Arôme 2007 ist einer der wenigen Hochester-Rums, von denen ich wirklich ohne Zweifel sagen kann – das genieße auch ich, einfach, weil er diesen Aspekt nicht übertreibt und wohlintegriert mit dem Holz die positiven Seiten hochspielt und die (für mich) negativen unterdrückt. Ein besonderer Rum, ohne Frage, und darum schon wenige Sekunden nach Veröffentlichung ausverkauft, wie das heute halt oft so ist, leider.

Rückkehr nach Lissabon – Mariquinhas Licor de Ginja Blended Reserve

Es ist in Kürze soweit – meine zweite Reise nach Portugal steht an. Es geht diesmal erst ein paar Tage nach Lissabon, reiner Urlaub ohne Spirituosenbezug, mit ein paar Freunden, und danach von dort weiter zum Rum Festival auf die Insel Madeira. Mein erster Besuch in Lissabon hat mir sehr gefallen, eine wirklich ausgesprochen schöne Stadt, die unterschwellig gefühlt zwar ihre besten Tage hinter sich hat, aber weiterhin mit einer atemberaubenden Architektur und tollen Sehenswürdigkeiten punktet. Der Lebensstil dort fühlt sich außerdem sehr entspannt an, etwas, was ich immer genieße und mich daran erfreue, insbesondere, wenn diesmal kein Terminstress oder Verkostungsarbeit drohen. Wie bereitet man sich auf so eine Reise vor? Indem man endlich mal den Likör, den man bei der letzten Reise mitgebracht hatte, verkostet und vorstellt: den Mariquinhas Licor de Ginja Blended Reserve. Wird auch ehrlich Zeit.

Ginja, oder Ginjinha (was nichts mit Gin zu tun hat), ist eine traditionelle Spezialität der Stadt, ich bin an der Bar, die es seit 1840 in Familienbesitz gibt, vorbeigelaufen und habe dort die klassische Variante „auf die Hand“ im Stehausschank probiert. Der Blended Reserve, den ich heute zeige, stammt nicht aus Lissabon, sondern aus Óbidos, einem Ort nördlich von Lissabon. Es ist eine besondere Variante und eine limitierte Auflage, 5000 Flaschen wurden erzeugt, Nummer 2054 habe ich zuhause. Er hat mit 20% einen höheren Alkoholgehalt als üblich, und wird, das ist der Clou, 12 Monate in französischer und amerikanischer Eiche gereift, was ihn herber und weniger süß machen soll, eine Eigenschaft, die meinem Geschmack durchaus entgegenkommen würde. Die Sauerkirschen für diesen Likör wurden 2017 geerntet, abgefüllt wurde er 2020, und schon 6 Jahre später probiere ich ihn für meine Leser!

Mariquinhas Licor de Ginja Blended Reserve

Die Farbe ist auf den ersten Blick fast schwarz, in den Lichtreflexen und bei Gegenlicht sieht man aber ein tiefes Rubinrot, das auch kristallklar ist und wirklich wie ein Edelstein leuchtet. Am Flaschenboden sieht man, wenn man die Flasche von unten anschaut, auch noch ganze Kirschen liegen – ich gehe davon aus, dass die Farbe natürlich entstanden ist, da auch keine Farbstoffe angegeben sind. Für einen Likör wirkt die Flüssigkeit lebendig, erstmal nur wenig viskos, doch beim Drehen bleiben üppige Filmartefakte an der Glaswand.

Auch die Nase scheint sofort recht natürlich. Da ist kein sich aufdrängendes künstliches Kirscharoma, wie man es woanders her kennt, sondern ein tiefes, fruchtfleischiges und durchaus auch steiniges Aroma, sehr direkt Sauerkirschen, die ganze Frucht. Ein paar florale Beitöne kommen dazu, und eine durchaus gewürzige Komponente, die das über einen Sirup oder ein Glas eingelegter Kirschen hinaushebt; ein Hauch Kardamom, ein bisschen Muskatnuss, und etwas sanftes, aber effektives Holz. Das hat richtig viel Charme, weil es erwachsener wirkt als viele Massenmarkt-Kirschliköre, auch wenn ich rein von der Nase her noch nicht wirklich von hoher Komplexität sprechen will.

Mariquinhas Licor de Ginja Blended Reserve Glas

Die Textur ist auch am Gaumen eher leicht, hat zwar Charakter, aber keine echte Breite oder Tiefe. Die einem Likör angemessene Süße ist gut ertragbar, nicht pappig, und durch die natürliche Säure der Kirschen recht gut ausbalanciert. Und nochmal verwende ich das Wort „natürlich“, denn tatsächlich hat man hier wirklich schöne, echte Kirscharomen, richtig voll und kräftig, dabei aber auch mit einer knackigen Frische, wie die Frucht eben sein soll. Ein Hauch Stein ist dabei, aber wirklich nur minimalst in Form von einer Idee von weicher Mandel, viel stärker ist der Eindruck von Holzreifung, der aber die Frische und Fruchtigkeit nie angreift, sondern erst im Nachgang ein bisschen Herbe und Trockenheit ins Gesamtbild bringt. Der Abgang ist kurz, fruchtig, mildbitter, und sogar fast ein bisschen pikant, hinterlässt auch dann keine Klebrigkeit, sondern eine angenehme, sehr dezente Wärme.

Diesen Likör kann man wirklich pur schlürfen und genießen, der ist hervorragend balanciert und präsentiert die Sauerkirsche in einer wunderbaren Form, reif und edel, und ohne jede Künstlichkeit. Großartig und ein kleines, in dieser Form wirklich unerwartetes Juwel.


Die Regelung bei Rezepten ist oft ähnlich – erstmal werden die härteren Zutaten erwähnt, dann Liköre, sogar wenn sie mengenmäßig gleichberechtigt sind. Darum wird der Gin vor dem Kirschlikör genannt im Xanthia, auch wenn er aromatisch kaum eine Chance gegen die Liköre hat. Wie üblich verwende ich grüne Chartreuse auch in Rezepten, die nach der gelben Variante verlangen – der Drink wird dadurch herbaler und griffiger, etwas, was gar nicht schadet, wenn zwei Drittel aus Likören bestehen, und der Mariquinhas hilft bei dieser Sache ebenso.

Xanthia Cocktail

Xanthia
¾oz / 23ml Dry Gin
¾oz / 23ml Kirschlikör
¾oz / 23ml Chartreuse jaune
2 Spritzer Abbotts Bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Harry Craddock]


Die Flasche habe ich bei der Rückreise von Lissabon vor ein paar Jahren im Duty-Free-Shop mitgenommen. Eine knuffige Flaschenform mit einem recht aufsehenerregenden Echtkorken macht was her, diese seltsamen Kartons mit Durchblick mochte ich eigentlich nie, sie werden in praktisch allen Fällen einfach entsorgt, denke ich, denn im Gegensatz zu echten Kartons oder Dosen ist der dekorative Aspekt überhaupt nicht gegeben, wenn die Flasche mal raus ist.

Vergleicht man diesen Likör mit den beliebten Massenmarkt-Platzhirschen hierzulande, wie zum Beispiel Eckes Edelkirsch, ist das gar kein Wettbewerb, da liegen tatsächlich Welten in Qualität, Aromatik und Ausführung dazwischen. Der eine ist dünn, sprittig, aromenarm; der Mariquinhas Licor de Ginja Blended Reserve ist eine Spirituose, die alles in jeder Beziehung besser macht. Und zwar nicht in Details, sondern massiv. Ich lege diesen Likör jedem ans Herz, der Kirschen mag.

Getränk der Götter – Nsoki Destilado de Pulque

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Pulque hat eine schwierige Geschichte – über Jahrhunderte war sie das Erfrischungsgetränk der Wahl in Mexiko, bis es vom Bier verdrängt wurde, dahinter steckt auch ein durchaus kommerziell getriebenes Interesse mit einer Art Schmutzkampagne gegen das Traditionelle zugunsten des Modernen. Was Pulque eigentlich ist erkläre ich am Ende dieses Artikels, denn eigentlich soll es hier nicht um Pulque selbst gehen, sondern um ein Destillat daraus. Es gibt noch nicht richtig viele Destilados de Pulque auf dem Markt, doch die, die ich während meiner Tätigkeit als Juror während Spirits Selection und México Selection by CMB probieren konnte, haben mich fasziniert; und um so mehr freute ich mich darüber, dass mir meine Kollegin Carlota Montoya in Chihuahua ein Sample ihres eigenen Nsoki Destilado de Pulque in die Hand drückte. Der Name Nsoki ist aus der Sprache Otomí, einem indigenen Volk in Mexiko, und bedeutet „Schlüssel“ – ein Schlüssel, der uns die Tür zur Vergangenheit öffnet, zu der Zeit, als die Götter den Menschen die Pulque schenkten. Man sieht, ein bisschen Mystizismus ist immer dabei, wenn man mexikanische Spezialitäten probiert.

Die verwendeten Maguey (es handelt sich um die Varietät Salmiana, die ich ja extrem schätze) sind kultivierte Pflanzen aus der Gegend von Nopala de Villagrán (Hidalgo), die 10 bis 12 Jahre wachsen dürfen. Im Gegensatz zu Mezcal wird hier natürlich nicht die Pflanze selbst geerntet, sondern der sogenannte Aguamiel, der Saft der Pflanze. Diese stirbt dabei nicht direkt, auf Dauer am Ende aber schon, das ist schließlich ein großer Eingriff, den ein Pulquero da vornimmt (siehe am Ende Bilder des Vorgangs). Die Pulque wird dann doppelt in traditionellen Kupferbrennblasen destilliert und mit 36% abgefüllt.

Nsoki Destilado de Pulque

Auge: Klar, fehlerlos, brilliant. Erkennbare Öligkeit, die sich filmig an die Glaswand legt und dort langsam ablaufende Beinchen produziert.

Nase: Der erste Eindruck ist Plastik, Altöl, leicht verschmorte Leitung. Darunter wird der Brand extrem erdig mit höchstgradig ausgeprägtem Petrichor, richtig viel warme, dampfende Walderde nach einem Regen, dazu nasses, verrottendes Laubholz, abgefallene Rinde und herber Baumpilz. Kompost, grüne Tonne, alte Bananenschalen. Die Assoziationen mögen nicht charmant klingen, aber es ist wirklich spannend und ungewöhnlich. Dann, wenn man weiß, wonach man suchen muss, findet man auch frischen Aguamiel und dann die Pulque, grün, fermentiert, herb.

Mund: Weich im Antrunk, leichte, klare Textur mit initial feiner Süße. Auch hier erdig und rottig, schöne Übertragung aus der Nase, mit etwas weniger Wildheit, und noch deutlicher sich zeigender Pulque. Kribbelnd und warm, mit sehr gut eingebundenem Alkohol, der sich aber nicht versteckt. Der Abgang ist mittellang, sehr herb und nun etwas trockener; der Nachklang ist effektvoll herb im Rachen, zeigt eine spannende Mischung aus voll aufblühenden Jasmin und dunkler Schokolade.

Wer mal „etwas anderes“ im Glas haben will, sollte keine Sekunde zögern und sich den Nsoki anschauen, das ist komplex und exotisch, dabei sehr ehrlich zu seinem Basismaterial, und handwerklich sehr gut gemacht.


Eben dieses Basismaterial, Pulque, ist hierzulande unbekannt, darum zeige ich hier noch ein paar Bilder, die ich 2024 geschossen habe, als ich einen Pulquebrauer in San Luis Potosí bei der Erntearbeit begleiten konnte – frischen Aguamiel zu trinken, vor ein paar Momenten aus der Agave geschöpft, ist ein wirklich besonderes Erlebnis. David und seine Mutter Eufemia (die in der Region La Jefa del Pulque genannt wird, das muss man nicht übersetzen) sind großartige Gastgeber, die uns zur am Vortag angesetzten Pulque auch Erfrischungen und Snacks anboten.

Man sieht an den Bildern, das Pulquemachen ist eine harte, dreckige Arbeit, die Pflanze wehrt sich gegen die Prozedur mit ihren harten Stacheln, und alle Pflanzen außenrum schließen sich diesem Kampf gegen die Ernte gerne an und zerreißen Hosen und verursachen juckende Wunden. Das Ergebnis lohnt sich aber, und das Destillat aus ihr ergänzt die Aromenspannung noch. Tradition, die erhalten und gefördert werden muss!

Unscheinbar am Wegesrand – Edelbrennerei Dirker Geist von der Gundelrebe

Ich gebe zu, ich bin botanisch ein echter Laie. Es interessiert mich aber durchaus, was man so wachsen sieht, am Wegesrand, im Wald, und überall, wo ich eine mir unbekannte Pflanze sehe, versuche ich herauszufinden, um was es sich handelt. Und manchmal lese ich auch einfach einen Namen, oder probiere einen Geist auf Basis einer Pflanze, und recherchiere dann, was das eigentlich ist. So ging es mir beim Edelbrennerei Dirker Geist von der Gundelrebe. Arno Dirker ist ja bekannt dafür, dass er nichts, was irgendwo wächst, ungebrannt lassen kann, und mit seiner Tätigkeit somit gleichzeitig was für die Schnapskultur in Deutschland als auch für die Aufrechterhaltung lokaler Pflanzen tut.

Ich lese also mal beim Nabu nach, was der Arno da für uns eigentlich vergeistet hat. Ein Alternativname für die Gundelrebe ist auch Gundermann – „der aromatische Gundermann zeigt seine Vorzüge in der Hausapotheke und in der Küche. Für seine Heilwirkung wurde er bereits von den Römern und Germanen geschätzt, in der Küche kann er so manchem faden Salat eine feine Würze verleihen.“ Und wenn ich die dazu mitgelieferten Bilder anschaue, denke ich mir, ja, das habe ich tatsächlich schonmal gesehen; das nächste Mal stecke ich mir auch was davon in den Mund und probiere es, ohne Kenntnis der Eigenschaften ist es ja nicht unbedingt ratsam, einfach so Pflanzenteile zu konsumieren. Ich trinke den Geist erstmal also, ohne den Rohstoff selbst geschmacklich zu kennen, aber wie ich die Produkte von Arno bisher kennenlernen konnte, wird es eine genaue Abbildung sein. Und nun ins Glas damit, bevor das Verzehrempfehlungsende im Jahr 2028 erreicht ist!

Edelbrennerei Dirker Geist von der Gundelrebe

Klar und fehlerfrei, man könnte meinen, eine minimalste Tönung zu sehen, das liegt aber wohl eher an meinem Verkostungsglas. Beim Drehen desjenigen spürt man eine leichte Viskosität, die aber die Lebendigkeit kein bisschen einschränkt.

Nun, der Duft, ich habe ja gesagt, dass ich hier nur beschreiben kann, was ich rieche, nicht, ob das der Geruch der Glechoma hederacea ist. Das ist so ein Beispiel für etwas, was wirklich exotisch wirkt, obwohl aus der nahen Gegend kommt. Da ist überreife Mandarinenschale, Kamille, abgestandener Pfefferminztee, ein Hauch Matcha. Leichte Harztöne und etwas Süßholz vielleicht, und getrockneter Beifuß. Eine Idee Salbei erkenne ich noch, und ganz mild Oregano und Thymian. Man sieht, ein wirkliches Kräutersträußchen, das uns da in flüssiger Form entgegenkommt. Die Aromen sind alle kräftig in ihrer Vielformigkeit, schön blütig und frisch, mit einer Tendenz zum Grünen.

Edelbrennerei Dirker Geist von der Gundelrebe Glas

Am Gaumen kommt der Gundelrebengeist sehr sanft an, weich in der Textur, sehr abgerundet und mild, ein Kennzeichen des Handwerks von Arno Dirker, da ist keine Spitze und keine Ecke da, wirklich insgesamt zart und dennoch voll. Die Aromen liegen fein darin, nun etwas individueller, deutlich weniger mit Vergleichen beschreibbar, finde ich – die ganzen Alternativkräuter, die ich oben aufgezählt habe, passen am Gaumen nicht mehr in der Form. Der Geschmack ist nun minziger, frischer, noch viel grüner, blattstieliger und erinnert mich sehr deutlich an weiche, leicht lakritzige Zitronenmelisse. Der Abgang ist würzig und pikant, mittellang, und hinterlässt eine leicht kribbelnde, immer herber werdende Bittere am Gaumen.

Ich kann hier keine Empfehlung aussprechen, wer das mögen könnte oder nicht. Das ist ein dermaßen individueller Brand, dass man ihn probieren muss, um zu wissen, ob der was für den persönlichen Geschmack ist. Ich finde ihn handwerklich hervorragend gemacht, und man erkennt die Persönlichkeit des Brenners in ihm: das muss man sich trauen, sowas zu vergeisten, und es dann so gut zu machen, dass jeder sich fragt, warum eigentlich nicht.


Für einen derartigen Geist gibt es natürlich keine vorgefertigte Cocktailrezeptur zu finden, da muss man selbst tätig werden. Aber während der Verkostung des Gundelrebengeists ist mir immer wieder Lust auf einen Gin Tonic entstanden, und irgendwie fühlt sich das richtig passend an – die Aromen von Wacholder, Gundelrebe und Tonic sind wie füreinander gemacht. Darum theoretisiere ich auch nicht lange und mache mir einen Gundermann Tonic. Easy und schmackhaft, und die Gundelrebe kommt richtig gut durch.

Gundermann Tonic Cocktail

Gundermann Tonic
2oz / 60ml Dry Gin
1oz / 30ml Gundelrebengeist
6oz / 120ml Tonic
Auf Eis bauen. Mit etwas Zitronenmelisse oder Gundermann dekorieren.

[Rezept nach Helmut Barro]


Die Flasche ist in ihrer Form natürlich besonders und gefällt mir, das hatte ich auch schon bei anderen Destillaten von der Edelbrennerei Dirker angesprochen. Es ist immer gut, wenn man den Hersteller schon an der Flasche erkennt, und ich erinnere einfach nochmal dran, dass es ein Rücknahmesystem gibt, wenn sie geleert ist.

Was bleibt hängen? Sicherlich die Erfahrung, dass, wenn handwerklich gut gemacht, es sogar ganz unscheinbare Kräuter zu einem hochwertigen, unterhaltsamen Destillat schaffen können. Und dass man die Augen für solche Unikate offen halten sollte, ab und zu über den Tellerrand des Üblichen hinausblicken. Das Portfolio der Edelbrennerei Dirker bietet dafür einen guten Übungsspielplatz, denn der Geist von der Gundelrebe ist dort nur eine der Dinge, die ein Spirituosenentdecker finden kann um diese Welt zu explorieren.

Eintrinken auf den GWA – Spielberger Whisky³ Single Grain Whisky

Der German Whisky Award 2026 steht an. Am Wochenende werden auf der Burg Scharfenstein in Thüringen wieder viele Whiskies probiert werden, ausschließlich deutsche Produkte. Ich war schon 2025 Mitglied der Jury, und freue mich sehr, auch dieses Jahr wieder als Verkoster eingeladen worden zu sein. Es ist eine Freude, in so illustrer Gesellschaft diese Whiskys probieren zu können, unter der impekkablen Leitung von Julia Nourney, die herausragende Gastfreundschaft von Bernd Ehbrecht und Martin Henning zu genießen und einfach mit den alten Bekannten ein bisschen Spaß zu haben. Ich bin überzeugt, dass erneut, wie schon letztes Jahr, die durchgängig hohe Qualität der Einreichungen eher dafür sorgen wird, dass es schwer wird, einen klaren Gewinner zu finden, statt dass man Spreu und Weizen trennen muss; viel Spreu wird es nicht geben.

Ich trinke mich gedanklich auf dieses Event ein, und habe dafür nicht nur einen deutschen Whisky ausgesucht, sondern sogar einen, der aus meiner alten Heimat kommt, dem Härtsfeld auf der Schwäbischen Alb. In Schweindorf, einem wirklich kleinen Dorf mit rund 250 Einwohnern ganz in der Nähe von Neresheim, steht die Brennerei Spielberger, in der schon seit 100 Jahren Schnaps gebrannt wird. Besonders stolz ist man dort auf den Spielberger Whisky³ Single Grain Whisky. Er wurde 2008 aus Weizen und Gerstenmalz gebrannt, dann 4 Jahre in Eichenfässer gelegt, mit einem Folgefinish in Ex-Sherryfässern versehen und dann noch im frostigen Eiskeller in ein Tongefäß verbracht, wo er seine endgültige Abrundung bekommen hat; diese drei unterschiedlichen Reifeprozesse sind auch der Grund für den Namen mit der hochgestellten 3. Am Ende ist er dann in die Flasche gekommen, mit wohlgewählten 46% Alkoholgehalt.

Spielberger Whisky³ Single Grain Whisky

Die Farbe ist herrlich anzusehen, ein klares, strahlendes Gold, brilliant und mit strohfarbenen Lichtreflexen. Die Viskosität ist ausgeprägt, schwer schwappt der Whisky im Glas, erzeugt dabei eine Flocatikante an der Glaswand, aus der dicke Beine ablaufen.

DIe Nase ist sehr getreidegetrieben, man meint wirklich, in einer Spelzerei zu stehen und tief einzuatmen. Trockener Weizen, Stroh und Malz verbinden sich mit Sägespänen, frisch gesägtem Weißholz und leichtem Mehlstaub. Unterschwellig findet man vorsichtige Fruchtigkeit, vielleicht weiße Trauben und ein Hauch grüner Banane. Das Bouquet insgesamt ist nicht wirklich komplex, aber wirklich sehr rund, integriert und angenehm, man riecht gern am Glas und dreht es dabei, eine spielerische Leichtigkeit ersetzt ohne Mühe den vielleicht aufkommenden Wunsch nach Wucht im Whisky.

Spielberger Whisky³ Single Grain Whisky Glas

Im Mund geht es ähnlich weiter. Der Körper des Spielberger Whisky³ ist initial leicht und schlank, ohne dünn zu wirken, die natürliche Süße und milde Fruchtigkeit verhindern das zusammen mit einer sehr weichen, zarten und ausgesprochen smoothen Textur, die sich aber effektiv am Gaumen ausbreitet. Hier klingen die Getreidearomen fein mit, ohne heuig oder strohig zu werden; das Sherryfinish ist ganz leicht spürbar, drängt sich überhaupt nicht nach vorn, bietet nur zusätzliche Geschmacksaspekte nach Trockenfrucht. Im Verlauf wird der Whisky ordentlich würzig, nie alkoholisch dabei, und klingt warm und mittellang aus, mit schön aufblühender Floralität irgendwo zwischen Jasmin und Veilchen.

Ein feiner, leichter, sehr süffiger und trotzdem charaktervoller Whisky, das muss ich sagen. Insbesondere am Gaumen liegt der echt wie ein flauschiger Wattebausch, die milden und süßen Aromen komplettieren ein durchweg angenehmes Erlebnis.


MQS, das steht wohl für „Mary, Queen of Scots“. Man kann ihn mit einem kräftigen Scotch machen, aber auch mit einem milden Grain Whisky wie dem Spielberger Whisky³. Das eine versetzt einen nach Schottland, das andere zwar nicht wirklich auf die Schwäbische Alb, sondern einfach nur in eine gute Stimmung, mit einem süßen, guten Mundgefühl – und Mary, Queen of Swabia funktioniert als Name eigentlich mindestens genauso gut, finde ich. Der Zuckerrand ist die Krönung, auch wenn die Geschichte mit der Krone Maria Stuart selbst kein Glück gebracht hat.

MQS Cocktail

MQS
2oz / 60ml Blended Whisky
1oz / 30ml Whiskylikör
1oz / 30ml Chartreuse Verte
Auf Eis rühren. In einem Glas mit Zuckerrand servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Die Brennerei selbst ist dem Ort, in dem sie steht, angemessen, das ist ein einzelnes Haus im Ortskern. Neben den normalen Flaschen gibt es dort auch Miniaturen des Whiskys zu kaufen. Ich habe bisher nicht das Glück gehabt, die Brennerei innen zu besichtigen, werde dies aber bei Gelegenheit nachholen. Im angegliederten Gasthof kann man jedenfalls gutes, bodenständiges und authentisches schwäbisches Essen genießen, wie immer gehört dazu zum Beispiel der originale Zwiebelrostbraten mit Spätzle und Soße, ein Genuss, den ich nie verpassen will, wenn ich in der Gegend bin.

Nun packe ich meinen Koffer, bereite mich auf den German Whisky Award vor, habe dafür ein angenehmes Mundgefühl von dem Härtsfelder Whisky gesammelt, und bin dann demnächst unterwegs. Natürlich berichte ich von dem Event im Nachgang – idealerweise dann mit einer Flasche des Gewinners des 2026er Wettbewerbs!

Bier am Freitag – Cerveza Victoria

Gesponsortes Produkt

Die letzte Ration des Biers, das ich aus Mexiko mitgebracht habe, ist das Cerveza Victoria. Es ist das älteste mexikanische Lagerbier, wird seit 1865 gebraut, damals noch rein handgemacht in einer kleinen Manufaktur in Toluca (Estado de México). 1935 wurde die Firma von Cervecería Modelo übernommen, die die erfolgreiche Marke weiterführt bis heute. Es wird aus Wasser, Gerstenmalz, ungemälztem Getreide und Hopfen gebraut, mit milden 4% Alkoholgehalt kommt es in die Dose, die ich im Koffer aus Chihuahua nach Deutschland gebracht habe.

Cerveza Victoria

Auge: Dunkles Bernstein, ins Kastanienbraun übergehend. Kristallklar, mit leichter Perlage, und einem sehr schmalen Schaum aus feinen Blasen.

Nase: Herb, hefig, leicht malzig. Anklänge von Nuss, und etwas Bitterhopfen. Ansonsten fast neutral.

Mund: Deutlich aromatischer als nach der Nase erwartet, vollmundig, fast schon kauig und cremig, und mit Anklängen von Hopfenfrucht, leichte Getreidetöne, erkennbar malzig. Sehr frisch, ausgesprochen klare Struktur mit ausgeprägter, aber nicht kratziger Bittere und deutlicher Säure. Mittellanger Abgang, der stark hopfengetrieben wirkt; im Nachhall klingen Malz und Nuss noch durchaus lange nach.

Das Cerveza Victoria ist ein tolles Sommerbier, das überhaupt nicht unter dem niedrigen Alkoholgehalt leidet, sondern dafür richtig dicht daherkommt. Wirklich unterhaltsam und nahezu ideal als Essensbegleiter für schwereres Essen. Erneut ein Beweis, dass Mexiko diesen leichten Bierstil, den ich inzwischen wirklich mag, perfekt beherrscht.

Neues aus Mexiko, wieder mal – Tres Pilares Lechuguilla con Sotol Ensamble

Egal, wie tief man drinsteckt in der Spirituosenwelt, man findet immer wieder etwas, von dem man nie zuvor gehört hatte. Mir passiert das ständig, und ich zähle mich eigentlich schon zu der Gruppe von Kennern, die sich breit aufstellen. Das letzte Erlebnis dieser Art hatte ich im November 2025, als ich als Juror für México Selection by CMB in Chihuahua war. Dort gibt es nämlich eine traditionelle Spirituosenkategorie, die man Lechuguilla nennt, übersetzt „kleiner Salat“. Wie so oft in Mexiko handelt es sich dabei um einen Brand aus Agaven, zum Beispiel, aber nicht ausschließlich, der Agave lechuguilla. Es gibt keine offiziellen Regelungen für diese Kategorie aus dem Norden Mexikos, und sie hat auch noch keinen Schutzstatus wie andere alkoholische Getränke von dort, wie Sotol, Raicilla oder Bacanora. Man orientiert sich aber natürlich an den grundsätzlichen Herstellungstraditionen des Mezcal. Mitgebracht habe ich von dort eine Flasche des Tres Pilares Lechuguilla con Sotol Ensamble, etwas besonderes, denn es handelt sich hier um einen Brand aus einer Zusammenstellung aus klassischen Lechuguilla-Agaven und einer Zugabe von Sotol-Pflanzen (die ja, wie jeder Leser meines Blogs inzwischen selbstverständlich weiß, keine Agaven sind). Die Herstellung erfolgt nur in minimalen Abfüllungsgrößen, nicht mehr als 500 Liter pro Jahr, und nicht auf breite Verteilung ausgerichtet, darum war für diese spezielle Abfüllung kein eigenes Etikett vorhanden, es wurde dafür das des „normalen“ Tres Pilares weiterverwendet.

Die Details haben sich allerdings nicht geändert. Ein Brenner dort wird maestro vinatero genannt, und für den Tres Pilares ist Guadalupe Horacío López Quinteros verantwortlich, der gleichzeitig auch erfahrener Sotolero ist. Er kontrolliert in Madera, Chihuahua, die Zerkleinerung der Pflanzen mittels Handbeil und Mühle; das Kochen in einem unterirdischen Loch, das mit Flusssteinen ausgelegt und mit Steineichenholz befeuert wird; die wilde Gärung in ebenso unterirdischen Holzbottichen für 5 bis 6 Tage; und schließlich auch das Brennen in einer Hybridanlage aus Kupfer und Holz. Eingestellt wird der Tres Pilares dann auf 48%. Die Erwartungshaltung ist bei jedem mexikanischen Brand hoch, die Neugier, wie sowas schmeckt, noch höher – da will ich meine Leser jetzt nicht länger warten lassen.

Tres Pilares Lechuguilla con Sotol Ensamble

Farblich ist er kristallklar und transparent, mit einer sichtbaren, schweren, fast schon sirupartigen Öligkeit und einer weichen Kante, die viele Glaswandartefakte hinterlässt, aus denen sich Beinchen bilden und dick ablaufen.

Die Nase des Tres Pilares ist extrem vegetabil und grün, man riecht frisch geschlagene Agave, dazu Blattschnitt von Grünpflanzen, das Fleisch von Aloe, und Geranienblätter. Fast gleichzeitig findet man eine ausgeprägte Mineralität, die an Aquariumkies, feuchten Beton, Feuerstein und Flor de Sel erinnert. Und schließlich kommt deutlich Harz und ein Hauch Latschenkiefer dazu, mit etwas herber Orangenzeste kombiniert. Als Kopfnoten finden sich noch leicht florale und im Ansatz zitrische Töne, auch hier eher Gardenie als Jasmin, und vielleicht Wachsblume. Es ist, in toto, ein wirklich besonderer und sehr grünkiesiger Duft, wer mal daran geschnuppert hat, wird sofort verstehen, was ich damit meine. Frisch, aber mit Volumen, sehr spannend strukturiert, und sehr nah an dem Basismaterial, das dafür eingesetzt wurde.

Tres Pilares Lechuguilla con Sotol Ensamble Glas

Im Antrunk erkennt auch der Gaumen die ölige Textur, die das Auge schon wahrgenommen hatte; breit und tief, mit viel Kraft aus dem Alkohol, legt sich der Tres Pilares in den Mund und breitet sich schnell und effektiv aus. Ein warmes, dennoch leicht mentholisches Mundgefühl bleibt sehr lange erhalten. Die Aromen sind schwerer zu beschreiben als bei vielen anderen Spirituosen; am auffälligsten ist eine gewisse Parfümigkeit, bittertrocken, die aus schweren Blüten und erdigen Gewürznoten entsteht, eine Mischung aus Sandelholz, Lilie und Agave. Dazu ist die Mineralität stark ausgeprägt mit viel Kieselstein und Alge, letztere insbesondere im Nachhall, der wirklich fast maritim wirkt, wie der Steinstrand bei Ebbe, und hyperlang ist – selbst eine Stunde und eine Tasse Kaffee später schmeckt man den noch stark nach. Eine natürliche Süße ist durchgängig da, dazu im späteren Verlauf auch eine knackige Säure, die zu einer gewissen milden Astringenz führt. Sehr spannend, ungewöhnlich, exotisch, faszinierend!

Man könnte denken, nachdem man nun so viele mexikanische Traditionsspirituosen probiert hat, dass sich der Aromenfundus langsam erschöpft, doch der Tres Pilares Lechuguilla beweist, dass man immer wieder etwas Neues finden kann. Er ist wirklich eigenständig und besonders, dabei aber, wenn man eine Verwandschaft suchen will, definitiv näher am Sotol als am typischen Mezcal. Ein Brand für Entdecker, für Genießer, die offen für neue Eindrücke sind, und die gern experimentieren.


Im Sotol Pepino wird eigentlich, wie der Name schon andeutet, Sotol als Hauptspirituose verlangt; der Tres Pilares passt grundsätzlich gut als besondere Ausprägung. Der zweite Namensteil, „pepino“, weist auf die andere Hauptzutat hin, nämlich Gurken. Gurken und Agavenbrand passen sehr gut zusammen, und der Drink ist erfrischend, grün und aromatisch, dabei klar und ein herrlicher Aperitif mit Charakter.

Sotol Pepino Cocktail

Sotol Pepino
Ein paar Stücke Gurke
1 großer Minzzweig
1 Prise Meersalz
Im Shaker gut muddeln.
1½oz / 45ml Sotol
¾oz / 23ml weißer, süßer Wermut
¾oz / 23ml Limettensaft
¼oz / 7ml Agavendicksaft
Auf Eis shaken. Auf frisches Eis abseihen und mit Minze dekorieren.

[Rezept nach Rebekah Peppler]


Die Flasche ist generisch, ein Kunststoffstöpsel schließt sie, ein ganz einfaches Etikett befindet sich auf ihr, und im Zweifelsfall klebt man halt, statt aufwändig ein neues zu machen, das von einem Vorgängerbatch dran – man sieht, hier ist man ganz bodenständig und ohne große Erwartungen unterwegs, dass sich ein deutscher Schnapstourist die Flasche mit nach Hause nimmt und am Ende sogar noch analysiert.

Flor del Desierto Yaremi Navar 3

Ich habe 600 Pesos für die Flasche vor Ort bezahlt, rund 30€, ein Schnäppchen für einen so außergewöhnlichen Brand, finde ich, und besonders danke ich Yaremi Navar, die während meines Aufenthalts in Chihuahua so schnell während einer Kaffeepause der Jurortätigkeit organisieren konnte, dass mir jemand den Tres Pilares zu unserem Tasting Room bringt, obwohl es eigentlich ein Konkurrenzprodukt zu ihrem Sotol Flor del Desierto (über den ich vor ganz kurzem natürlich auch schon berichtet hatte) ist. Das ist Kollegialität und Kurzwegigkeit, wie ich sie liebe.

Cognac am Freitag – Grape of the Art Voyer Lot 85 Cognac

1985 war wohl ein herausragendes Jahr für Wein, wenn man den einschlägigen Quellen glauben darf. „In Bordeaux gab es nach einem sehr kalten Winter mit massiven Frösten einen traumhaft schönen, warmen und ziemlich trockenen Sommer“, schreibt zum Beispiel Achim Becker von wineterminator.com, und mit Bordeaux sind wir ja schon recht nah an der Region Cognac, aus der der Grape of the Art Voyer Lot 85 Cognac stammt, und der dann natürlich indirekt auch von diesem tollen Erntejahr profitiert haben müsste. Er wird aus Ugni Blanc gemacht, 295 Flaschen gab es für Grape of the Art, in Cask Strength mit 53,7% abgefüllt im März 2025, nach langen 38 Jahren Reifung. Schmeckt man den tollen Sommer im Glas?

Grape of the Art Voyer Lot 85 Cognac

Optik: Klarer Bernstein, mit orangefarbenen Lichtreflexen. Deutliche Öligkeit, beim Drehen des Glases schwappt der Cognac schwer, und bildet einen fetten Film, aus dem sich nur langsam dicke Beine bilden.

Nase: Sehr süß und fruchtig, reife Ananas und Mango, dazu ein bisschen Aprikose und grüne Banane. Dezente Vanille aus der Holzreifung ergänzt das sehr angenehm, für einen so lange gelagerten Brand ist das Holz kaum spürbar, stattdessen hat man eine Idee von herbem Kakao. Ein Hauch einer iodischen Note mit minimalstem Anis macht den Eindruck komplexer; insgesamt wirkt der Voyer aber zurückhaltend und etwas still.

Gaumen: Hier wirkt der Voyer direkt sehr viel trockener, als man es von der Optik vermutet hätte, auch klarer und weniger voluminös, ich vermisse etwas Körper und Aromendichte. Das Holz, das man kaum gerochen hat, hat den Brand deutlich ausgetrocknet, und es ist nun sehr viel präsenter. Salzig und bitter, nur ein Anflug von Süße, die dies ausgleichen könnte. Der Alkohol ist feurig, im späten Verlauf sogar leicht brennend, aber immer noch im Angenehmen. Ein mittellanger Abgang, der medizinisch wirkt und fast einen Touch von Lagavulin hat, lässt ganz spät nochmal die Ananas aufblitzen.

Fazit: Interessant und sehr unangepasst, mit Ecken und Kanten, etwas, was man bei Cognac ja dann doch seltener findet. Mir fehlt ein bisschen Struktur und Dichte, und auch Spannung. Dennoch ein Brand, der mir irgendwie gefällt – ohne, dass mir wirklich klar ist, wieso.

Offenlegung: Ich danke Wet Drams für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.