Die elfte Auflage der VSGB-Gruppe ist inzwischen veröffentlicht, mit einer bunten Mischung aus japanischen, guyanesischen, jamaikanischen und haitianischen Rums. Mir fällt dabei auf, dass ich noch ein paar Fläschchen zuhause stehen habe, die entgegen dem Verhaltenskodex noch geschlossen sind – das hole ich jetzt Stück für Stück nach, denn Luca hat angekündigt, in Zukunft die Regeln der Gruppe strenger zu machen, es sind wohl schon 400 Accounts gekündigt worden, die sich nicht daran gehalten haben. Dabei geht es meist um die offensichtlichste Regel, die „kein Weiterverkauf, keine Spekulation“ lautet, und man sollte denken, dass die Leute sich wenigstens daran halten würden. Bei mir wird immer jede Flasche aufgemacht, egal ob VSGB oder sonst, dazu bin ich viel zu neugierig. Der einzige Grund, dass der Last Ward 2007 Barbados Pure Single Rum (VSGB) noch zu war, ist, dass ich zeitlich noch nicht dazu gekommen bin. So spezielle Rums zu würdigen ist mir wichtig, die trinke ich nicht einfach so zwischendurch.
Der Last Ward ist benannt nach Frank Ward, der 9 Jahre lang Managing Director bei The Rum Refinery at Mount Gay war und andere wichtige Positionen in der Rumwelt innehatte; die Brennerei war darüberhinaus seit 1918 im Familienbesitz der Wards. Als die Brennerei dann an den Konzern Rémy Cointreau verkauft wurde (ich weiß, ich verkürze die komplizierte Firmengeschichte mit unterschiedlichen Unterfirmen hier, aber das ist eh nur für einen Wirtschaftshistoriker relevant oder interessant), behielt Frank Ward ein paar Fässer, die nun auf Flaschen gezogen erhältlich sind. Man bekommt also hier einen Blend aus 13 Ex-Bourbon-Fässern mit dreifach-destilliertem und 16 Jahre tropisch auf der Insel gereiftem Barbados-Rum von Mount Gay, eingestellt auf runde 60% Alkoholgehalt. Der Name des Rums ist wirklich poetisch, hoffen wir mal, dass der Inhalt mich ähnlich bezaubert!
Perfektes Terracotta leuchtet im Glas, mit orangefarbenen und fast schon sonnenblumengelben Lichtreflexen. Sehr elegant schwenkt sich der Rum, mit angemessener Viskosität und einer gewissen Schwere, ohne schwerfällig zu wirken. Sehr dicke Beine zeigen sich.
Die Nase ist wirklich archetypisch für das, was ich von Barbados-Rum erwarte. Da ist direkt viel Kokosnuss da, verbunden mit einer leichtesterigen Frucht, getrocknete Mango, ein bisschen Pfirsich, ein bisschen Orangenschale. Unterstützt wird alles durch eine außergewöhnlich schöne, wirklich elegante Holznote, die sich überhaupt nicht aufdrängt, aber sehr effektiv alles an sich bindet. Ein Touch Phenol gibt einen Hauch von Medizinialität, und das erzeugt eine wunderbare Komplexität und ein Geruchsbild, an dem man einfach gern und lange schnuppert. Im Verlauf bilden sich noch Banane und ein Touch von Nougat heraus, eine ganz dezente Buttrigkeit klingt dabei mit. Den hohen Alkoholgehalt spürt man zu keiner Sekunde, alles ist rund und fein, nichts bricht aus, piekst oder kratzt. Eine echte Wohltat für die Nase.
Im Mund zeigt sich der Last Ward direkt von einer anderen Seite als viele sehr gemütlich gewordenen Barbados-Rums. Die Textur ist frisch und klar, gar nicht so ölig, wie man das vielleicht erwartet hätte, der Körper bleibt leicht und hell, und die natürliche Süße ist im Antrunk eher unterschwellig als wirklich breit. Ganz schnell entwickelt sich das immer weiter, der Rum wird trockener, später sogar deutlich astringent, und bildet eine pikante Feurigkeit aus. Kein Kratzen oder Beißen stört dabei, das ist einfach Kraft und Holzwürze, und auch hier ist der Alkoholgehalt von 60% so perfekt eingebunden, wie ich das selten erlebt habe. Man erahnt schon zu Beginn diese Frische, die der Rum ausstrahlt, und die evolviert zu einer kalten Minzigkeit mit einem mentholischen Hauch, die fast frostig wirkt, ein paar Momente bevor im Abgang der Wandel zu angenehmer Wärme kommt. Dort klingen dann noch Kokos, diese ideal abgestimmte Medizinalität und eine spannende Blutigkeit mit etwas Eisengeschmack nach.
Ein ausgesprochen runder, perfekt abgestimmter Rum, traumhaft sicher in seinem Charakter, hoher Typizität und trotzdem genug Eigenheiten, trinkig und mit einer Eleganz, die mich völlig bezaubert. Ein großer, wichtiger Rum, keine Frage, in einer kleinen Flasche.
In so einem VSGB-Fläschchen ist wirklich nicht viel drin, aber ich kann einfach nicht widerstehen, ihn trotzdem in einem Cocktail unterzubringen. Der Blood of my Enemies verwendet ihn aufs Beste, gibt mit Wermut noch etwas zusätzliche Würze und Frische, und mit dem Amaro ein bisschen Körper. Wer zunächst davor zurückschreckt, diesen Rum in einem Cocktail unterzubringen, sollte diesen Drink probieren – da wird man nicht enttäuscht sein und sehen, dass das Ganze mehr ist als die Summe der Teile.
Blood of my Enemies
1oz / 30ml Barbados Rum
1oz / 30ml roter Wermut
1oz / 30ml Amaro
Auf Eis rühren. Auf frisches Eis abseihen. Mit Zitronenzeste versehen.
[Rezept nach Erick Castro]
Natürlich erwähne ich weiterhin immer wieder einfach gern die Gestaltung des VSGB-Projekts, es sollte schlicht nicht vergessen werden, wie liebevoll und aufwändig das gemacht ist – niemand anderes in der Spirituosenwelt macht etwas auch nur entfernt ähnliches. Dass das Projekt weiter in hohem Ansehen steht zeigt sich darin, dass es sowohl großen Andrang gibt, in die auf rund 1000 Mitglieder beschränkte Gruppe zu kommen, als auch dass Luca Gargano persönlich sich um die Abfüllungen und die Regeln dort kümmert, statt das einfach so vor sich hin plätschern zu lassen.
Es werden in nächster Zeit immer wieder weitere VSGB-Besprechungen folgen, ich priorisiere die nun langsam mal. Die Leser können sich auf wirklich besondere Rums freuen, auch wenn es oft entweder sehr seltene und/oder sehr hochpreisige Produkte handelt, die nur wenige nachvollziehen werden können. Bei vielen sage ich auch ehrlich, dass es zwar tolle Sachen sind, aber den aufgerufenen Preis oft nicht wirklich wert; beim Last Ward ist das anders, für so einen großartigen Rum kann man schonmal 250€ in der Vollflasche hinlegen und es nicht bereuen.









































