
Pulque hat eine schwierige Geschichte – über Jahrhunderte war sie das Erfrischungsgetränk der Wahl in Mexiko, bis es vom Bier verdrängt wurde, dahinter steckt auch ein durchaus kommerziell getriebenes Interesse mit einer Art Schmutzkampagne gegen das Traditionelle zugunsten des Modernen. Was Pulque eigentlich ist erkläre ich am Ende dieses Artikels, denn eigentlich soll es hier nicht um Pulque selbst gehen, sondern um ein Destillat daraus. Es gibt noch nicht richtig viele Destilados de Pulque auf dem Markt, doch die, die ich während meiner Tätigkeit als Juror während Spirits Selection und México Selection by CMB probieren konnte, haben mich fasziniert; und um so mehr freute ich mich darüber, dass mir meine Kollegin Carlota Montoya in Chihuahua ein Sample ihres eigenen Nsoki Destilado de Pulque in die Hand drückte. Der Name Nsoki ist aus der Sprache Otomí, einem indigenen Volk in Mexiko, und bedeutet „Schlüssel“ – ein Schlüssel, der uns die Tür zur Vergangenheit öffnet, zu der Zeit, als die Götter den Menschen die Pulque schenkten. Man sieht, ein bisschen Mystizismus ist immer dabei, wenn man mexikanische Spezialitäten probiert.
Die verwendeten Maguey (es handelt sich um die Varietät Salmiana, die ich ja extrem schätze) sind kultivierte Pflanzen aus der Gegend von Nopala de Villagrán (Hidalgo), die 10 bis 12 Jahre wachsen dürfen. Im Gegensatz zu Mezcal wird hier natürlich nicht die Pflanze selbst geerntet, sondern der sogenannte Aguamiel, der Saft der Pflanze. Diese stirbt dabei nicht direkt, auf Dauer am Ende aber schon, das ist schließlich ein großer Eingriff, den ein Pulquero da vornimmt (siehe am Ende Bilder des Vorgangs). Die Pulque wird dann doppelt in traditionellen Kupferbrennblasen destilliert und mit 36% abgefüllt.
Auge: Klar, fehlerlos, brilliant. Erkennbare Öligkeit, die sich filmig an die Glaswand legt und dort langsam ablaufende Beinchen produziert.
Nase: Der erste Eindruck ist Plastik, Altöl, leicht verschmorte Leitung. Darunter wird der Brand extrem erdig mit höchstgradig ausgeprägtem Petrichor, richtig viel warme, dampfende Walderde nach einem Regen, dazu nasses, verrottendes Laubholz, abgefallene Rinde und herber Baumpilz. Kompost, grüne Tonne, alte Bananenschalen. Die Assoziationen mögen nicht charmant klingen, aber es ist wirklich spannend und ungewöhnlich. Dann, wenn man weiß, wonach man suchen muss, findet man auch frischen Aguamiel und dann die Pulque, grün, fermentiert, herb.
Mund: Weich im Antrunk, leichte, klare Textur mit initial feiner Süße. Auch hier erdig und rottig, schöne Übertragung aus der Nase, mit etwas weniger Wildheit, und noch deutlicher sich zeigender Pulque. Kribbelnd und warm, mit sehr gut eingebundenem Alkohol, der sich aber nicht versteckt. Der Abgang ist mittellang, sehr herb und nun etwas trockener; der Nachklang ist effektvoll herb im Rachen, zeigt eine spannende Mischung aus voll aufblühenden Jasmin und dunkler Schokolade.
Wer mal „etwas anderes“ im Glas haben will, sollte keine Sekunde zögern und sich den Nsoki anschauen, das ist komplex und exotisch, dabei sehr ehrlich zu seinem Basismaterial, und handwerklich sehr gut gemacht.
Eben dieses Basismaterial, Pulque, ist hierzulande unbekannt, darum zeige ich hier noch ein paar Bilder, die ich 2024 geschossen habe, als ich einen Pulquebrauer in San Luis Potosí bei der Erntearbeit begleiten konnte – frischen Aguamiel zu trinken, vor ein paar Momenten aus der Agave geschöpft, ist ein wirklich besonderes Erlebnis. David und seine Mutter Eufemia (die in der Region La Jefa del Pulque genannt wird, das muss man nicht übersetzen) sind großartige Gastgeber, die uns zur am Vortag angesetzten Pulque auch Erfrischungen und Snacks anboten.












Man sieht an den Bildern, das Pulquemachen ist eine harte, dreckige Arbeit, die Pflanze wehrt sich gegen die Prozedur mit ihren harten Stacheln, und alle Pflanzen außenrum schließen sich diesem Kampf gegen die Ernte gerne an und zerreißen Hosen und verursachen juckende Wunden. Das Ergebnis lohnt sich aber, und das Destillat aus ihr ergänzt die Aromenspannung noch. Tradition, die erhalten und gefördert werden muss!



























