You better not leave that Whiskey alone – Redbreast Single Pot Still Irish Whiskey Aged 12 Years Cask Strength 57.4%

Man steht als Spirituosenfreund, und ganz besonders als Spirituosenblogger, schnell als Alki da, wenn man Leuten davon erzählt. Doch in Wahrheit ist es andersrum – der Alkoholkonsum wird, wenn man sich mit dem Trinken tatsächlich etwas ernster auseinandersetzt, sogar eher reduziert, denn man trinkt nicht mehr wahllos, sondern zielgerichtet, und mindestens mir geht es so, dass ich lieber verzichte, als schlechten Schnaps zu trinken. Man tendiert auch leider irgendwie dazu, viel zu viel zu analysieren, statt zu genießen – 科学饮酒, „wissenschaftliches Trinken von Alkoholischem“, wurde das auf einer Folie eines chinesischen Kollegen genannt, von der ich einen Schnappschuss während meines Aufenthalts bei Spirits Selection 2019 in Lüliang, China, machte. Der Begriff faszinierte mich, und ich eigne ihn mir offiziell an, auch wenn es sich wahrscheinlich einfach nur um eine missglückte Übersetzung handelt – es ist wohl die wissenschaftliche Basis des gesundheitlichen Aspekts von Alkoholkonsum gemeint.

Spirits Selection 2019 - Scientific Drinking

Widmen wir uns nun, natürlich aus rein wissenschaftlichem Interesse, einer Spirituose aus Irland mit einem sehr langen Namen – Redbreast Single Pot Still Irish Whiskey Aged 12 Years Cask Strength 57.4%. Aus gegebenem Anlass wiederhole ich mich meine Aussage, dass ich außer bei direkten Namensreferenzen grundsätzlich „Whisky“ schreibe, um mich dem Kaspertheater des dramatisch umkämpften „e“s zu entziehen. Trotz meiner Weigerung, diese irisch-amerikanische Sonderlocke zu berücksichtigen, steht dieser Whisky dennoch in echter irischer Tradition: Er ist ein Single Pot Still-Whisky, der aus einer Mischung von gemälzter und ungemälzter Gerste dreifach destilliert wurde, insgesamt eine sehr spezielle Produktionsweise, nur in Irland zu finden. Danach verlassen wir die Besonderheiten der grünen Insel – 12 Jahre Reifung in für diesen Zweck international üblichen Eichefässern fanden danach statt. Und zu guter letzt wurde hier keine Herabsetzung auf eine übliche Trinkstärke vorgenommen, sondern der Whisky mit Fassstärke abgefüllt. Nun ist genug der linguistisch-wissenschaftlichen Seite dieses Brands gewidmet worden, gehen wir ins Glas.

Redbreast Single Pot Still Irish Whiskey Aged 12 Years Cask Strength 57.4%

Betrachten wir diesen Whisky zunächst unverdünnt. Sehr kräftiges, wirklich leuchtendes Kupfer, mit vielen hellorangenen Reflexschichten. Deutlich ölig und schwer. Viele lange, sich langsam bewegende Beine am Glas. Geruch: Getreide, Malz, Datteln, holzig-staubig, irgendwie erinnernd an den Holzzuschnittraum im Baumarkt, mit milden Vanille- und Pfirsichnoten. dunkel und verführerisch. Mit etwas Wasser nimmt die getreidige Komponente zu, die Frucht lässt nach.

Der Redbreast ist weich und ölig im Mundgefühl, im Geschmack dicht, süß, leicht phenolisch oder iodisch, mildfruchtig, mehr als nur Anflüge von Sahnekaramell, trotz der 57,4% Alkoholgehalt auch unverdünnt praktisch nicht alkoholisch. Sehr breit, aber nur wenig tief. Mit etwas Wasser verdreifacht sich der Redbreast gefühlt im Mund, nimmt in jeder Dimension zu – ein Whisky, der wirklich davon profitiert, mit etwas Wasser geöffnet zu werden, denn von „verdünnen“ kann man hier keineswegs sprechen, im Gegenteil. Es entstehen blumige Komponenten, die Tiefe wird ausgebaut, alles, was vorher da war, wird deutlicher und prägnanter. Im Abgang finde ich den Whisky kurz, pfeffrig, ingwerscharf und gleichzeitig auch voller Ingwergeschmäckern, salzig, dann aber wieder süß und karamellig, und wieder zurück, ständig im Wechsel – ganz am Ende sogar etwas karottig, wie ein guter Bourbon.

Redbreast Single Pot Still Irish Whiskey Aged 12 Years Cask Strength 57.4% Glas

Ein sehr angenehmer Whisky mit viel Kraft, die aber nicht protzend vorgeführt wird, sondern leise und still, eigentlich so gar nicht die irische Art. Weich und rund, sehr gut ausbalanciert, mit Charakter, aber ohne anzuecken. Wem die schottischen Single Malts zu medizinisch sind, und die amerikanischen Bourbons zu süßvanillig, der sollte sich mal diesen Iren anschauen – ein idealer Zwischenweg, ohne dabei aber Kompromisse einzugehen.

Für einen Whiskey Rickey ist es unabdinglich, einen starkaromatischen Brand zu finden, der nicht durch die „Verdünnung“ mit dem Filler untergeht. Gerade, weil Sprudelwasser aromatisch eher mäßig spannend ist. Der Redbreast in Cask Strength bietet hier genau das, was dieser Drink braucht – und wer sich bisher ob der scheinbaren Langweile eines Rickeys eher müde abgewendet hat, sollte diesen wuchtigen Iren mal in diesem Rezept ausprobieren. Da ist nichts mehr langweilig.

Whiskey Rickey


Whiskey Rickey
½ Limette in ein Glas mit viel Eis ausdrücken
1½ oz Whiskey (z.B. Redbreast Irish Whiskey 12 Years Cask Strength)
…mit Sprudel auffüllen


Die Flasche selbst ist bauchig, ansonst eher unauffällig, mit einem sehr klassisch gestalteten Etikett. Geliefert wird sie in einem identisch aufgemachten Geschenkkarton. Man sieht an derartigen Produkten, dass es nicht immer wirklich protzig zugehen muss, und der Inhalt dennoch voll und ganz überzeugen kann. Ich persönlich bleibe, ehrlich gesagt, sehr gern mit den Augen an üppigen, übertriebenen Flaschendesigns hängen, doch dieser Effekt nutzt sich so schnell ab, dass es mir trotzdem lieber ist, wenn der Hersteller dieses Geld stattdessen ins Produkt steckt. Wie es beim Redbreast Irish Whiskey 12 Years Cask Strength jedenfalls passiert ist.

Kurz und bündig – Koukoudo Liqueur Mastic

Mitbringsel von Kreta – das gute, auf einer typischen Ferieninsel Urlaub zu machen ist, dass viele lokale Spirituosen in kleinen Größen leicht verfügbar sind. Mein letzter Aufenthalt auf der Insel meiner Träume ist nun schon eine Weile her, aber ich habe mir genug kretischen Tsikoudia, Raki, Rakomelo und auch Mastiha mitgebracht, um diese Lücke solange zu füllen, bis ich wieder dort sein kann. Ein kleines Fläschchen mit einem sehr hübschen Design konnte ich in einem kleinen Laden einfach nicht stehen lassen – der Koukoudo Liqueur Mastic wird auf Chios aus Mastixharz hergestellt und mit 25% Alkoholgehalt abgefüllt. Jetzt landet er bei mir im Glas.

Koukoudo Mastic Liqueur

Farblich völlig klar. Im Glas bewegt sich der Koukoudo, wie man es sich von einem Likör erwartet – schwer und viskos. Beinchen bilden sich, und manche davon bleiben fast am Glasrand stehen. Rauchig, herbal, harzig in der Nase. Sehr charakteristisch, es gibt manche Spirituosen, die erkennt man ohne jeden Zweifel sofort, Mastiha ist eine davon. Leichte Vodkanoten. Kräuterig und sehr pflanzlich.

Supersüß und zuckrig im Antrunk, die Süße bleibt auch bis zum letzten Schluss dominierend. Richtig harzig und damit sehr typisch für die Gattung. Milde Frische kommt durch Zitrusnoten. Etwas Plastik. Der Abgang ist mittellang, sehr pappig, auch hier wieder beherrscht das Harz das Bild. Leichte Rauchigkeit.

Ein schöner Likör, den man allerdings für meinen Geschmack nur auf Eis oder als Cocktailzutat wirklich genießen kann – in Zimmertemperatur ist die Süße einfach viel zu klebrig und drönend. Zumindest hier in Deutschland, der Grieche sieht das vor Ort vielleicht anders. Unabhängig davon mag ich Mastiha als Kategorie sehr, und Koukoudo Liqueur Mastic braucht sich nicht vor anderen Mastihas zu verstecken.

Karibische Gesetze – The Rum Factory Double Cask Collection Cognac Cask

Das Problem von Rum ist, dass er keine Regeln hat, nicht so wie Whisky. Diesen Satz hört man hin und wieder, und mancher mag denken, ja, das verstehe ich, man sieht ja all die seltsamen Praktiken der Rumherstellung. Auch wenn der Satz erstmal plausibel klingt, so stimmt er natürlich nicht. Es gibt keine globalen Regeln für Rum, das ist wahr – aber die gibt es für „Whisky“ auch nicht. Scotch hat Regeln in Schottland. Bourbon hat Regeln in den USA. Und ebenso hat Rum in den Ländern, in denen er hergestellt wird, Regeln. Die bekanntesten sind wahrscheinlich der Verbot von Zusätzen auf Barbados und Jamaica, der CARICOM-Standard oder die Alterungsregeln für kubanischen Rum. Im Gegensatz zu den schottischen oder amerikanischen Regeln werden diese jedoch bei uns nicht im Zuge der Rechtshilfe mit durchgesetzt – wahrscheinlich ist es das, was die Sprecher des obigen Satzes in Wahrheit sagen wollen.

Doch auch Länder, wo man sonst eher nicht damit rechnet, haben dedizierte Rumgesetze – zum Beispiel die Dominikanische Republik, aus der das Destillat des heute hier vorgestellten The Rum Factory Double Cask Collection Cognac Cask stammt. In der EU und den USA muss bei einem Blend der jüngste Bestandteil angegeben werden. In der Dominikanischen Republik ist das anders, dort gilt scheinbar (meine Quelle muss noch verifiziert werden), dass bei einem Blend nur über die Hälfte des verwendeten Destillats mindestens das Alter haben muss, das auf dem Etikett angegeben ist – der Rest muss wenigstens durchschnittlich das Alter haben. Eine gewisse Aufweichung, die wahrscheinlich der dort oft eingesetzten Pseudosolera-Methodik Rechnung tragen soll. Grundsätzlich ist solchen schwummrigen Altersangaben natürlich zu misstrauen. Entsprechend ist das Alter auf diesem Rum hier zu lesen: „12 Jahre Solera“ in den Tropen. Spannend wird es nun, wie es weitergeht mit diesem Rum. The Rum Factory importiert ihn, und lässt in dann in der Tschechischen Republik noch 8 Monate in einem Ex-Cognac-Fass finishen. 2784 Flaschen erhält man am Ende im ersten Batch. Meine ist nun offen und ich probiere ihn.

The Rum Factory Double Cask Collection Cognac Cask

Helles Bernstein sehen wir schon in der Flasche, im Glas wirkt der Rum noch heller und glitzernder. Er bewegt sich schwerer, als die helle Farbe zunächst vermuten lassen mag. Dabei hinterlässt er einen dicken Film an der Glaswand, in dem dicke Tropfen schnell ablaufen.

Die Nase ist eher zurückhaltend, Eindrücke von Toffee, milder Tropenfrucht wie Ananas und etwas Orange werden durch eine leicht würzige Süßholzspitze aufgehellt. Man muss etwas tiefer schnuppern als bei manch anderem Rum, aber die Belohnung ist es wert, die Aromen gehen gut zusammen, bilden ein wirklich hübsches Bouquet, nicht aufdringlich, aber ansprechend.

Ähnlich geht es auch im Mund weiter. Der Rum baut sich in einem tollen Bogen auf – zunächst ist da der zurückhaltende, süße Antrunk, der sich an die Geruchseindrücke anpasst. Milde Orange, etwas Toffee, geröstete Mandeln, Zuckerwatte und Wintergrünöl. Leichte Floralität. Je länger man ihn im Mund behält, um so würziger wird er, dazu kommt eine präsente, aber nie unangenehme Schärfe, die voller Pfeffer und Chili ist. 45% Alkoholgehalt sind ideal gewählt. Der Eindruck bleibt helltönig, doch Breite und Tiefe sind dennoch vorhanden. Bilder von jungem Cognac kommen auf.

The Rum Factory Double Cask Collection Cognac Cask Glas

Der Abgang ist beinahe spektakulär – eine lang anhaltende Chili-Schärfe, die ich wirklich großartig finde, lässt den Rum dann doch mit dunklen Fruchttönen, sehr viel Holz und Vanille ausklingen. Dezente Trockenheit entsteht. Der Nachhall ist dafür recht kurz, nun wieder balanciert süßlich, und mit Eisenton, der in etwas Fruchtkaugummi übergeht.

Mir gefällt The Rum Factory Double Cask Collection Cognac Cask außerordentlich gut. Er hat eine perfekte Balance, und ist dennoch in seinem Spannungsaufbau toll konstruiert. Eine selbst durchgeführte Zusatzmessung hat um die 10g/L ergeben – ja, man merkt etwas die Süßung, doch sie ist gelungen, nicht die natürlichen Aromen überwältigend. Das ist ingesamt sehr süffig und gefährlich einfach zu trinken. Der Charakteristik des Cognac Cask entsprechend darf er ruhig als gleichberechtigter Partner in einem Drink eingesetzt werden. Er gibt Rezepten wie dem Le Cannonier etwas Punch und Würze.

Le Canonnier N°2 Cocktail


Le Canonnier
1 oz gereifter Rum
1 oz süßer Wermut
1 oz Grand Marnier Cordon Rouge
Auf Eis shaken. Auf crushed ice servieren.

[Rezept nach Ulric Nijs]


Ich gebe zu, meine Meinung bisher zu Rums aus der Dominikanischen Republik war eher mäßig, ich hatte eigentlich nur Produkte, die übermäßig oder schlecht gesüßt waren, flach und inspiriationslos hergestellt. Das ändert sich nun mit dem The Rum Factory Double Cask Collection Cognac Cask – ich lasse mich davon überzeugen, dass das Land doch Rum kann, wenn es will. Es tut sehr gut, seine eigenen Vorurteile über Bord werfen zu können. Die Auswahl des Basisrums ist den Jungs und Mädels von The Rum Factory perfekt gelungen, und ich meine auch, dass die Cognacfassnachreifung sehr positive Effekte auf den Endgeschmack hat. Jedem, der ähnlich wie ich den Domreprum eher müde angelächelt hat, rate ich, das Experiment zu machen und diesen Rum hier auszuprobieren.

Offenlegung: Ich danke The Rum Factory für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.

Lichtet den Bieranker! Anchor Brewing Steam Beer, Liberty Ale und Porter

Ich habe vor einiger Zeit einige Artikel begonnen, die ich aus irgendwelchen Gründen nie veröffentlicht hatte – es kam immer was anderes, interessanteres dazwischen. Diese hole ich nun Stück für Stück aus der Versenkung, und zeige sie nun. Ich überarbeite sie teilweise, aber an den Fotos erkennt man, dass sie aus einer früheren Schaffensphase stammen; ich bitte, die Qualität der Fotos zu entschuldigen.

Ich habe ein schönes Poster im Büro hängen – The Periodic Table of Beer Styles. Das hilft mir immer, Bierstile, die ich nicht so wirklich gut kenne, einzuordnen. Und das Betrachten fördert auch Bierstile zu Tage, die ich noch nie probiert habe, zum Beispiel Element 63Steam Beer. Moderne Interpretationen dieses Stils nennt man auch California Common. Der Name „Dampfbier“ scheint daher zu stammen, dass das Abkühlen der fermentierenden Maische auf den kühlen Dächern der Brauereien stattfand und dadurch Dampfwolken erzeugt wurden. Sowas fasziniert mich natürlich, und als ich beim Schlendern durch einen Supermarkt mit guter Biertheke über ein Dampfbier stolperte, musste ich zuschlagen – und die anderen Produkte der Anchor Brewing Company, die daneben standen, wurden gleich mit erlegt.

Anchor Steam Beer FlascheAnchor Steam Beer Glas

Beginnen wir aber mit dem Anchor Steam Beer. Ein kräftiges Pariser Rot mit schönen orangenen Reflexen – das wirkt sehr dunkel für ein Lager. Kristallklar. Der Schaum ist schon Sekunden nach dem Eingießen auf einige Inseln reduziert; Perlage ist nur vereinzelt zu beobachten. Die Nase riecht Bitterhopfen und Hefe, dazu leichte Fruchtnoten im Hintergrund. Das ist lagertypisch und eher zurückhaltend. Geschmacklich wird das Anchor Steam Beer dann etwas mächtiger – malzig und karamellig, fruchtmarmeladig im Antrunk, schnell verschwinden aber die süßen Komponenten und machen einem milden, etwas bitteren Hopfenaroma Platz (Northern Brewer wird eingesetzt). Im Gegensatz zu so manchem Pils wirkt die Bittere aber nicht kantig, sondern weich und gut eingebunden ins Gesamtbild. Wie bei vielen Lagerbieren ist es nicht die Vielfalt an Aromen, die ein solches Bier auszeichnen, sondern das Mundgefühl und die Frische; beides ist beim Anchor Steam Beer hervorragend dazu geeignet, den Trinker dazu zu nötigen, erst mehrere Schlucke, dann vielleicht sogar noch ein zweites Fläschchen davon zu nehmen. Der Abgang ist lang und mildherb, leicht nussig: Sehr gelungen. Aromatisch dichter als bei vielen anderen Lagerbieren, aber dennoch herrlich leicht und rezent – 4.9% Alkoholgehalt passen ins Bild.

Anchor Brewing Liberty Ale FlascheAnchor Brewing Liberty Ale Glas

Das Liberty Ale sieht deutlich anders aus – heller Bernstein, feiner Schaum, für ein Ale überraschend viel davon sogar. Schöne Perlage. Leicht fruchtiger Mandarinengeruch, mit einer deutlichen Hefekomponente. Das Ale ist von Anfang an sehr bitter im Mund, vom Gefühl und Geschmack her sehr ist da sehr deutlich Grapefruit. Passend dazu kräftige Säure. Das samtige Mundgefühl passt irgendwie nicht ganz so zum doch recht dünnen Körper. Dafür ist das Liberty Ale Rezent und erfrischend, wenn man mit der knackigen Bittere umgehen kann. Der mittellange Abgang lässt die Grapefruit am Gaumen bleiben, und adstringierende Effekte ebenso. Ich hätte gesagt, wenn ich es nicht besser wüsste, dass das hier ein Grapefruitsaft-Bier-Radler ist. 5,9% Alkoholgehalt widersprechen dem natürlich aufs Entschlossenste.

Anchor Brewing Porter FlascheAnchor Brewing Porter Glas

Man erlebt ja so einiges, wenn man eine Flasche öffnet, auf der „Porter“ steht. Gottseidank halten sich Anchor an den definierten Stil – völlig blickdicht, schwarz wie die Nacht, mit feiner, dicker beiger Crema. In der Nase wirkt das Anchor Porter säuerlich und metallisch, leicht nach schwarzem Kakao und Heu. Im Mund kommt eine milde Süße zwar zum Vorschein, diese ist aber im Hintergrund. Vorne ist Säure, extreme Bitterkeit, schwarze Schokolade und eine heuig-grasige Komponente. Viel dunkles Malz sorgt dafür, dass der Biercharakter dabei nicht verloren geht; eine sehr angenehme Rezenz für eine für viele bei einem so dunklen Bier vielleicht überraschenden Erfrischung. 5,6% Alkoholgehalt fallen nicht gesondert auf. Der Abgang ist dann wie eine Tasse Espresso ohne Zucker – Kaffee, Röstaromen, sehr bitter und trocken. Der Abgang selbst ist lang und stark, von Zunge bis tief in den Rachen bleiben Nachwirkungen. Ein wirklich wuchtiges Bier, bis zum Schluss. Mir als Porterfreund gefällt das sehr, auch wenn es schon eher ein recht deftiger Vertreter seiner Gattung ist.

Hin und wieder sieht man ein Cocktailrezept, das man meint, auf die sich aktuell im Glas befindliche Zutat anwenden zu können. Ab und zu passiert es, dass es dann doch nicht so wirklich harmonisiert, dass das Ergebnis etwas langweilig ist, oder unrund. Hier und da klappt es aber perfekt, und darüber berichte ich nun an dieser Stelle. Beim Liberty Ale dachte ich mir, dass das knackig-eckige Bier zum Ausgleich ein paar süßlichere Zutaten gut vertragen könnte – vielleicht mal den Harvey Alebanger ausprobieren? Und tatsächlich erreicht diese Bier-Saft-Likör-Kombination, kreiert in Anlehnung an den bekannten Harvey Wallbanger, ungeahnte Biercocktailhöhen.

Harvey Alebanger


Harvey Alebanger
1 oz Galliano l’Autentico
2 oz Orangensaft
6 oz Anchor Brewing Liberty Ale
In einem Bierglas voll Eis bauen und leicht umrühren.

[Rezept adaptiert nach einer Idee von Jacob Grier]


Für die knuffigen 355ml-Fläschchen legt man rund 3€ auf den Tisch, das kann man durchaus mal riskieren, einfach weil die Interpretationen der Bierstile sehr einprägsam und ohne Scheu durchgeführt sind. Mir gefallen diese Flaschen auch optisch sehr: das Design ist gelungen retro, mit einem verwaschenen Aquarell-Effekt in den Zeichnungen des Etiketts. Inzwischen sind sie nicht mehr in dem Getränkemarkt, in dem ich sie ursprünglich erworben hatte, erhältlich – sehe ich sie heute irgendwo, werde ich zumindest das Porter und das Steam Beer gewiss ohne viel zu überlegen wieder in den Einkaufswagen legen.

Exzellenzinitiative – Excellia Tequila Blanco, Reposado und Añejo

Wenn sich früher Europäer für außereuropäische Spirituosen zu interessieren begannen, waren das meist Großkonzerne, die einen möglichen Trend erkannten und sich ein paar Pfründe sichern wollten. Da ging es dann in der Regel nicht darum, Traditionen zu erhalten, mit den Brennern und Bauern fair zu handeln oder gar Qualität zu fördern – Quantität und der mögliche Gewinn standen im Vordergrund, und die aus dieser Einstellung gewonnenen Produkte tranken sich oft entsprechend. Viele Mixtos, Massen- und Pseudopremium-Tequilas, die wir heute in Europa kennen, entstanden dieser Bewegung, und damit wurde der Ruf des Tequila dauerhaft ruiniert.

Dass es auch Europäer gibt, die sich anders für den Tequila engagieren, zeigen Beispiele wie Calle 23, wo eine Französin in Mexiko einen großartigen Agavenbrand herstellt. Oder auch die Zusammenarbeit der Tequilakoryphäe Carlos Camarena mit den Franzosen Bruno de Reilhac und Jean-Sébastien Robicquet, die zusammen die Marke Excellia Tequila unter der NOM 1110 (früher 1139) gegründet haben. Da wird auf Details geachtet – die blauen Weber-Agaven dürfen schonmal 12 Jahre im Hochland (Los Altos) von Jalisco reifen. Gekocht werden sie in Backsteinöfen, zerkleinert mit einer Stahlmühle. Die Fermentationstanks sind aus Holz, und es wird in Kupferpotstills zweifach destilliert; für die Reifung, und das ist das Besondere dieser Marke, bringen die Franzosen die Fässer ihrer Heimat mit ins Spiel. Das Ergebnis dieser Mühen sind am Ende der Excellia Tequila Blanco, Reposado und Añejo. Taugt die frankomexikanische Kooperation was?

Excellia Tequila Blanco, Reposado und Añejo

Zu Beginn immer der Blanco. Bei vielen Spirituosenkategorien ist die un- oder nur minimal gereifte Variante entweder gar nicht groß erhältlich oder wird als minderwertig wahrgenommen. Bei Tequila ist das anders – der Blanco ist, zumindest für den Kenner, der wahre König des Agavenbrands. Der Excellia Blanco gibt sich keine Blöße, was die Farbe angeht – kristallklar, ohne Mängel. Dazu ein ansprechendes, lebendiges Schwenkverhalten mit langsam ablaufendem Ölfilm an der Glaswand. Die Nase ist herrlich mineralisch, erdig, voller Agavenfruchtigkeit, frisch und leicht, weist dabei aber auch eine bereits hier erkennbare Süße auf. Sehr vegetal, grün und dabei noch leicht blütig. Im Antrunk kommt direkt jene letzte Komponente nach vorne, unterstützt von viel Mineralität, Kiesigkeit. Vollsüß, dabei nie künstlich. Im Verlauf entsteht sehr langsam Würze, die Agavenkraft bildet sich aus und wird mildpfeffrig. Weich und sehr rund, dabei aber klar und rein, eine sehr gelungene Kombination, sie macht den Blanco wirklich elegant. Der Abgang ist salzig, umami, sehr mineralisch, voll und mittellang. Er geht am Ende sehr ins Jasminblühende, was dann auch den Nachhall sehr lange definiert. Eben das bleibt ohne Quatsch fast eine halbe Stunde noch am Gaumen hängen. Ein hervorragender Tequila, milder und runder als viele, sehr blumig, elegant und frisch, dabei aber nicht den Charakter vergessend.

Excellia Tequila Blanco

Für den Excellia Reposado kommen nun die angesprochenen französischen Fässer, die vorher Cognac und Sauternes enthalten hatten, zum Einsatz. Für 8 Monate liegt das Destillat darin und zieht etwas Farbe – nicht dramatisch, eine leichte Strohigkeit, erinnernd an Weißwein. Die dezente Viskosität des Blancos hat der leicht gereifte Bruder beibehalten. Ich hätte mich geärgert, wenn nicht auch die Blumigkeit noch erkennbar gewesen wäre – sie ist da, hier ergänzt und unterfüttert durch vanillige, zimtige Eichenholznoten. Und, vielleicht ist das auch nur Einbildung, auch tatsächlich süße Komponenten, die von den Vormietern der Fässer stammen könnten, Süßwein und Weinbrand. Es überlagert dabei aber nichts die Teile, die ich in einem Tequila, egal wie lange gereift, immer suche – die gekochte, fruchtige, mineralisch-erdige Agave. Im Mund fügt sich das alles dann zusammen, Zimtschärfe, Vanillewürze, natürliche Süße und die Floralität des Destillats. Es wirkt immer noch jung, grün und frisch, hat nur leichte Lagernoten. Mich stört etwas, dass ich ein paar seltsame Kaffirlimettenblättereindrücke vorfinde; während ich dieses Gewürz in Thaigerichten über alles liebe, irritiert es mich hier, denn es erzeugt einen gewissen Waschmittelgeschmack. Das Mundgefühl wechselt dramatisch von anfänglich sehr mildsüß zu sehr trockenbitter gegen Ende; der Abgang ist mittellang, sehr pfeffrig – deutlich mehr noch als der Blanco – und dann doch holzig. Insgesamt also ein ungewohnter Tequila Reposado, mit eigener Charakteristik – nicht hunderprozentig meins, aber interessant dennoch, weil eine Abwechslung und Demonstration, was die Fassvorbelegungswahl ausmacht.

Excellia Tequila Reposado

Zu guter letzt werfen wir noch einen Blick auf den Excellia Añejo. Dieselben Ex-Cognac– und Ex-Sauternes-Fässer werden für ihn verwendet, die Reifedauer hat sich allerdings auf 16 Monate verdoppelt. Farblich allerdings ist dieser Tequila nicht doppelt so dunkel wie sein Vorgänger – eine Stufe auf meinem Farbenrad würde ich zusätzlich veranschlagen, der Añejo wirkt optisch jedoch trotzdem deutlich wärmer. Auch für den Geruch kann man das so sagen, es gibt doch deutlich mehr vanillige süße Holznoten. Eine erkennbare milde Fruchtnote, in Richtung Mandarine, ist ebenfalls neu – hierfür kann man wahrscheinlich durchaus das Süßweinfass verantwortlich machen. Im Mund hat man dann auch entsprechend einen sehr aromatischen, süßfruchtigen, mildholzigen Brand mit Anklängen an Honig und Eiswein, der nicht sofort als Tequila mehr erkennbar ist; ein Problem, das ich mit beinahe allen Añejos habe. Das ändert nichts daran, dass diese Aromatik ausgesprochen ansprechend ist – die Fehlnote des Reposados ist hier vollständig weg. Im Verlauf baut sich Würze und Salzigkeit auf, und dann kommt auch noch gegen Ende gekochte Agave zum Vorschein. Der Nachhall ist wieder sehr blumig, das Jasmin ist sehr dominant und bleibt lange am Gaumen, mit etwas Holzwürze, Pfefferschärfe, einer sehr überraschenden Meerrettichnote und einem angenehmen Alkoholhauch. Unglaublich süffig und voll. Für mich einer der besten Añejos, die ich bisher im Glas hatte.

Excellia Tequila Añejo

Ich freue mich sehr, dass ich damals den Schritt getan habe, zu einer Bestellung einfach das Miniaturenset von Excellia beilegen zu lassen. Wir haben hier ganz tolle Tequilas, die sich hinter kaum einem anderen, den ich kenne, verstecken müssen und ihrem Namen wirklich alle Ehre machen; wer reinkosten will, sollte sich, sofern noch irgendwo erhältlich, wie ich dieses Set holen, da kann man das Geld echt viel schlechter ausgeben. Der Name Camarena enttäuscht einfach nie, und die beiden Herren aus Frankreich haben auch interessante Arbeit geleistet.

Tequila-Cocktails, da denkt jeder erstmal an die Margarita. Natürlich wäre jeder dieser Tequilas hier ein perfekter Kandidat dafür, doch ich will mal ein bisschen was Üppigeres empfehlen. Im Corallo verbinden sich Tequila, Kräuterlikör, Honig und Apfelbrand zu einem süßbitteren Schlürferlebnis, das ein Dessert ersetzen kann. Wer ein richtiges Süßmaul ist, nimmt statt des Reposados einfach noch zur Krönung den Añejo.

Corallo Cocktail


Corallo
1½ oz Tequila Reposado
1 oz Calvados
½ oz Bénédictine
½ oz Honig
1 Spritzer Orange bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Paige McCune]


Die drei 5cl-Miniaturen sind hübsch gestaltet, und in einem schönen, geschenktauglichen Karton verpackt. Die entsprechenden großen Flaschen sind in ihnen wunderbar nachgebildet. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass eines Tages eine dieser Vollflaschen in meiner Hausbar landet, vor allem der herrlich blumige Blanco oder der süßaromatische Añejo – das einzige Problem dabei ist, dass aktuell so viele herausragende Tequilas nach Deutschland strömen. Es ist faszinierend, wie sich die Erhältlichkeit der Topqualitäten dieses wunderbaren Brands in den letzten Jahren verbessert hat, soweit, dass ich kaum hinterherkomme, mir den guten Stoff auch tatsächlich zuzulegen, schließlich ist das alles nur ein Hobby für mich. Aber das sind Luxusprobleme, über die ich mich eher freue; eine Exzellenzinitiative, die wirklich was gebracht hat.

Bier am Freitag – BrewDog Punk IPA

Freibier, das ist ein magisches Wort. Es hat schon über den eigentlichen Wortsinn hinaus als Symbol für unerwartete Zuwendungen, unverdiente Geschenke und unentziehbare Lockung einen erweiterten Sinn bekommen. Nach der Krise will BrewDog die Stimmung wieder etwas aufhellen und bietet Freibier für alle, die es haben wollen – man registriere sich einfach, und bekommt dann in einer der BrewDog-Bars ein BrewDog Punk IPA aufs Haus. Tolle Sache! Für mich, der ich weit entfernt bin von diesen Locations in Hamburg und Berlin ist es um so schöner, dass ich mein Freibier schon bekommen habe und nun hier vorstellen kann –  das Punk IPA ist als (laut eigener Aussage) meistverkauftes Craftbier in Großbritannien und Europa vielen Bierfreunden sicherlich schon bekannt, doch nun hat es den Weg aus der Dose in die Drittelliterpfandflasche geschafft.

Brewdog Punk IPA 4er Pack

Trübung ist in letzter Zeit gern gesehen bei Bieren, hier ist das anders – kristallklar, ein helles Ocker verbirgt nichts. In meinem IPA-Glas sprudelt es vor sich hin, dass es eine wahre Freude ist, die extrem vielen ausdauernd aufsteigenden Bläschen bilden einen festen, feinblasigen Schaum. Der IPA-Freund fühlt sich direkt daheim, wenn die Nase ans Glas kommt. Sehr viel frische Hopfenfrucht, die üblichen Verdächtigen wie Grapefruit und Limette dominieren. 6 Hopfensorten werden erwähnt, aber nicht genannt, doch man kann sie ja bei BrewDog genauestens nachlesen. Die Kalthopfung zahlt sich aus, da findet sich noch unreife Ananas, knackige Orange, aber auch unter den Spitzen liegende milde Fruchtaromen, wie Honigmelone.

Im Mund explodiert das ganze dann direkt im Antrunk – Zitrusfrüchte aller Art, die man dann kaum mehr zuordnen kann. In Kombination mit der schon angesprochen hohen Karbonisierung kitzelt das Punk IPA den Gaumen und betäubt ihn sogar leicht. Eine sehr strenge, kantige Bittere entwickelt sich, ich hätte mehr als die 40 IBU vermutet. Dazu wird das Bier im Verlauf immer saurer. Die optische Klarheit ist auch sensorisch nachvollziehbar. Der Gaumen ist allerdings so strapaziert mit diesem Bier, dass es trotz aller Rezenz und Frische nach ein paar Schlucken einen Eindruck von Schaligkeit entwickelt.

BrewDog Punk IPA Glas

Der Abgang ist hauptsächlich effektvoll, sauerbitter, mildtrocken, und klingt mit einem andauernden Jasminnachhall aus. Mit 5,6% Alkoholgehalt ein vergleichsweise zurückhaltendes IPA (die modernen Brauer legen oft gern ne Schippe drauf), was mich persönlich gar nicht stört, es ist auch so genug an Körper und Kraft da. Ein „Post modern classic“? Ja, mit dieser Selbstbeschreibung kann ich leben. Man muss aggressiv-hopfenlastige Biere allerdings mögen, um sich wirklich mit dem Punk IPA anfreunden zu können – mir persönlich ist es einen Ticken zu eckig.

Brewdog Pale Ale & Punk IPA

Neben dem BrewDog Punk IPA erschien im April auch zeitgleich das nagelneue BrewDog Pale Ale, ein gelungenes Sommerbier, in der selben neuen Aufmachung – Glaspfandflasche, Vierertragerl.

Offenlegung: Ich danke BrewDog für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines 4er-Packs dieses Biers.

Bulgarischer Früchtekorb – Rakiya Isperih (ракия Исперих)

Mein erster Kontakt mit Rakiya war vor Ort in Bulgarien, als ich mit den Jungs und Mädels von Spirits Selection by Concours Mondiale de Bruxelles 2018 in Plovdiv einige Zeit und Drinks verbringen durfte. Dabei lernte ich auch den Rakiya-Brenner Barash Musa kennen, und wir haben uns seitdem nochmal auf dem Flughafen in Amsterdam auf der mehr oder weniger gemeinsamen langen Reise nach China für die Folgeveranstaltung wiedergesehen. Auf der Rückreise drückte er mir völlig unerwartet eine Selektion seiner Rakiyas in die Hand. Feiner Kerl, das muss man sagen. Dabei war mein Gepäck schon zum Bersten gefüllt mit Baijius, doch so einen guten Stoff (das wusste ich damals schon), den muss man einpacken, dafür hätte ich auch eine Flasche Baijiu zurückgelassen, wenn es nicht anders gegangen wäre. Bitte ignorieren Sie einfach den Baijiu-Typen in der Mitte auf dem untenstehenden Foto. Der war zufällig auf dem gleichen Flug.

Barash Musa, Derek Sandhaus und ich

Zuhause angekommen, stellte ich die Samples von Rakiya Isperih (ракия Исперих) in mein Spirituosenregal, und, ich gebe zu, habe die Fläschchen aus den Augen verloren, weil immer irgendwas anderes dazwischen kam. Nun gehe ich das Thema aktiv an, schließlich habe ich bisher Zeugs besprochen, das es sicher nicht auch nur annäherend so wert gewesen wäre, mal einen Blick drauf zu werfen. Also wird nun ein Rakiya nach dem anderen ausprobiert. Das Set bestand aus 7 Sorten, in einem Kartontragerl verpackt, der die Reise aus dem Reich der Mitte leider überhaupt nicht überstanden hat. Doch das tut dem bulgarischen Obstbrand selbst natürlich keinerlei Abbruch. Wer noch keine Ahnung von Rakiya hat, dem empfehle ich die Lektüre dieses Artikels, geschrieben von Svetlin Mirchev, der Ahnung von der Materie hat wie kaum ein zweiter. Und ein cooler Typ ist er auch noch. Aber irgendwie sind alle Bulgaren, die ich kenne, coole Typen.

Rakiya Isperih (ракия Исперих)

Beginnen wir, relativ willkürlich, mit dem Birnen-Rakiya (Крушова ракия). Nicht, weil er eine Silbermedaille bei eben jenem Wettbewerb gewonnen hatte, aber stören tut so eine Auszeichung natürlich nicht, ganz besonders weil ich weiß, dass hier echte Profis bewerten und verkosten. Ich mag die Frucht selbst im Allgemeinen und Birnenbrände im Speziellen einfach sehr, und freue mich über neue Interpretationen. Hergestellt wird er aus den Birnensorten Beurré Giffard und Santa Maria, die in Südwestbulgarien angebaut wurden. Farbe ist nicht vorhanden, der Rakiya ist makellos rein ohne Einschlüsse. Man spürt beim Schwenken eine gewisse Viskosität. Die Nase ist sehr klar und rein, Birne natürlich, ohne Fehltöne. Etwas Butter, wenn man tief riecht, sticht es etwas, ohne allerdings sensorisch Ethanoltöne zu haben. Der Antrunk ist superweich, sehr fett, mit viel Breite und Süße. Diese wandelt sich im Verlauf hin zu Würze, leichter Salzigkeit, und milder Trockenheit. 40% sind spürbar, das sollen sie in dieser Form aber auch sein. Der Abgang ist entsprechend feurig, ohne jedes Kratzen allerdings, Chili und Ingwer. Mittellang, mit schönem fruchtigen Nachhall. Das trinkt sich wirklich ausgesprochen angenehm und hat dabei gleichzeitig viel Birnencharakter. Ein hervorragend ausgeführter Brand mit toller Süßsauer-Balance.

Rakiya Isperih (ракия Исперих) - Birne (Крушова ракия)

Da kriegt man Lust auf mehr. Mal schauen, ob die anderen Früchte auch so schön ausgearbeitet sind. Gehen wir ohne viel Aufhebens zum nächsten über, dem Pflaumen-Rakiya (Сливова ракия). Auch hier erfährt man, welche Arten von Pflaumen eingesetzt wurden, nämlich Stanley und Chachanska lepotitsa aus dem Donautal im Nordosten Bulgariens. Ich sage es hier nochmal, später gehe ich nicht mehr darauf ein – wie alle hier besprochenen Rakiyas ist auch dieser kristallklar und ohne Einschlüsse, Fehler oder Trübungen, wie es sein soll. Wer Slivovitz kennt, einen sehr verwandten Brand, wird sich hier direkt heimisch fühlen. Süße Pflaumenaromen, sehr fruchtig, etwas Vanille, etwas Zimt. Ein wirklich schönes Bouquet, das der Pflaume als Frucht Rechnung trägt. Im Mund ist nach einem kurzen Süßschwall direkt ein bisschen mehr Würzigkeit und Feuer spürbar als beim Vorgänger; der Pflaumen-Rakiya wirkt schwerer und noch aromatischer, mit ordentlich Wumms, obwohl auch er auf 40% Alkoholgehalt eingestellt ist. Der Abgang ist warm, mittellang, aromatisch und effektvoll, vielleicht etwas flach im direkten Vergleich zum Vorlauf. Dennoch auch hier – eine wunderbare Interpretation eines Obstbrands.

Rakiya Isperih (ракия Исперих) - Pflaume (Сливова ракия)

Der nächste in der Reihe ist nun der Aprikosen-Rakiya (Кайсиева ракия). 8kg Frucht der Sorten Hungarian, Marculesti und Silistra aus dem Nordosten Bulgariens werden für eine Halbliterflasche angesetzt. Auch hier ist eine Silbermedaille von SSCMB vorhanden. Schöne Viskosität zeigt sich beim Schwenken, es bleibt schön viel am Glasrand hängen und läuft dann langsam ab. Beim Schwenken kommen die herrlich süßen, fruchtigen Aprikosendüfte dann schon in der Nase an, leicht esterig, etwas Klebstoff dazu. Minimalste Teernoten geben etwas Komplexität dazu. Aprikosen sind zwar natürlich das Basismaterial, aber ich meine auch Beinoten von Pfirsich und Kirschen zu riechen. Weich, mild und sehr fruchtig zeigt sich der Rakiya dann im Mund, sehr fruchtig, dazu eine spannende Zuckerwattekomponente, und feine Würze. Zitrusfrüchte, die dann in eine schöne, aufblühende, trockene, leicht grasige Floralität übergehen. Ein toller, endlos langer, blumiger Nachhall mit richtig viel Jasmin und einem Anflug von Wintergrünöl. Wow, ein wirklich ausgesprochen beeindruckender Abgang. Das ist ein sehr eleganter, kompatibler und einsteigerfreundlicher Rakiya – wer eine Chance hat, ihn zu probieren, sollte das definitiv tun.

Rakiya Isperih (ракия Исперих) - Aprikose (Кайсиева ракия)

Gehen wir nun zu einem Verwandten der Pflaume – der Mirabelle. Nancy-Mirabellen aus den Dörfern Belitsa und Yakim Gruevo wurden für den Mirabellen-Rakiya (Мирабелова ракия) verwendet. Inzwischen kann ich wohl sagen, dass sich diese Rakiyas optisch nicht voneinander unterscheiden, und auch nicht im Verhalten im Glas. Darum gehe ich direkt zu den Eindrücken über, die meine Nase sammelt. Der Mirabellen-Rakiya hat etwas leicht Parfümiertes, leicht blumig, leicht fruchtig, und so ein Anklang von Gewürzen, Nelken und Piment vielleicht. Etwas Ethanol riecht man hier durchaus durch, aber nur im Unterbau. Im Mund wirkt er nicht ganz so süß wie seine Vorgänger (aber genauso fett und breit), er beginnt schon würzig-trocken, edel herb und weniger fruchtig als erwartet. Am Gaumen ist er sehr effektvoll, piekst ein bisschen, und geht dann sogar leicht über ins Scharfe. Der Abgang ist mittellang, eiskalt mit Eukalyptushauch, und leicht blumig. Durchaus unerwartet im Gesamtbild, das ist etwas völlig anderes als beispielsweise der Aprikosen-Rakiya – der Mirabellenbrand ist was für Männer, heißkalt, würzig. Spannend, wie man im Direktvergleich die Unterschiede massiv wahrnimmt.

Rakiya Isperih (ракия Исперих) - Mirabelle (Мирабелова ракия)

Ich mag Kirschen sehr, eine der Früchte, auf deren Saison ich mich immer freue. Mit entsprechend viel Spannung habe ich mir also den Kirsch-Rakiya (Черешова ракия) eingegossen. Hergestellt wird er aus Süßkirschen der Sorten Bing, Van, Cordi und Lambert aus den Regionen Plovdiv und Isperih. Ein weicher, milder, fruchtiger Geruch verbreitet sich direkt schon beim Eingießen ins Glas. Süßkirsche, Marmelade, Johannisbeere, ganz vorsichtige Gewürze wie Nelken und Kardamom. Toll, sehr aromatisch und voll. Im Mund dann sehr trocken vom Antrunk an, dezente Frucht, nur wenig Süße. Sehr klar im Mundgefühl, die Kirsche baut sich erst Stück für Stück auf, mit viel Gewürz und leisem Feuer. Leichte Parfümnoten, floral und bunt. Das ist gar nicht so fruchtig wie erwartet, dafür aber extrem trinkbar, sehr süffig, das macht richtig Spaß. Der Abgang ist mittellang, warm, klar und streng. Im leeren Glas verbleiben sehr aromatische Frucht-Blumen-Noten. Da bekomme ich direkt Lust, mir ein zweites Glas einzugießen, das ist gefährlich leicht zu trinken. Im Nachhall kommt dann die Kirsche vollends zur Blüte mit leichter Bitterkeit und einer sehr angenehmen warmen Fülle im Mundraum. Oh, das gefällt mir sehr.

Rakiya Isperih (ракия Исперих) - Kirsche (Черешова ракия)

Wir nähern uns dem Ende, der vorletzte Brand der Reihe beschäftigt sich mit dem Pfirsich. In Südzentralbulgarien ist das Wetter scheinbar passend genug, um dort Pfirsiche der Sorten Hale, Red Haven und Glohaven anzubauen. Diese können meiner Meinung nach eigentlich kein besseres Schicksal erleiden, als im Pfirsich-Rakiya (Прасковена ракия) zu landen. Die Nase ist sehr vanillig, fruchtig, leicht buttrig. Etwas milder Weinessig vielleicht, und ein Anflug von Milchschokolade. Rein vom Geruch hätte ich gesagt: der ist gereift; ist er aber nicht, hat dennoch Reifungsnoten. Im Mund kommen genau diese Eindrücke auch vor. Sehr süß ist er, und hat ein sehr fettes, buttriges Mundgefühl. Leider fällt er im Vergleich zu allen bisherigen Proben bezüglich Aromenreichtum und Komplexität deutlich ab, da bin ich überrascht, aber es wäre auch ein Wunder gewesen, wenn dieses extrem hohe Niveau komplett durchgehalten werden würde. Der Abgang ist kurz, würzig, mildwarm, und vergleichsweise aromenarm, etwas Grasiges-Kiesiges hat er noch. Schade, aber das ist dann wohl der Ausreißer, den wir zugestehen müssen.

Rakiya Isperih (ракия Исперих) - Pfirsich (Прасковена ракия)

Zu guter letzt wenden wir uns einer Frucht zu, die einen sehr gemischten Ruf hat. In letzter Zeit erfährt sie, so habe ich den Eindruck, im Zuge des geweckten Interesses an nichtalltäglicher Nahrung etwas an Aufwind. In Spirituosen wird sie eigentlich immer gern eingesetzt, weil sie als Speiseobst nicht besonders begehrt ist – die Quitte. Die alten bulgarischen Sorten Asenitsa und Pazardjik aus der Region Dobrich scheinen gut geeignet, weil sie klein und weich sind. Was macht der Obstfreund aus ihnen? Natürlich einen Quitten-Rakiya (Дюлева ракия). Leichte Weißweinnoten, etwas Apfel, Apfelessig dazu, Bergamotte und schließlichen einen Batzen dieser sehr prägnanten Quittenfrucht. Hell, leicht, aber mit Körper, so meint die Nase. Im Mund wirkt der Quittenbrand plötzlich überraschend stumpf dagegen, doch das ist nur der erste Eindruck. Von dieser Stumpfheit aus entwickelt sich die Quitte wirklich sehr deutlich, wuchtig und aromatisch. Schwersüß, gleichzeitig sehr würzig, mit milder Ingwerschärfe. Gegen Ende wird dieser Rakiya sehr anästhesierend und pieksend, der Nachhall ist mittellang und heiß, im ganzen Mundraum spürbar, mit etwas Pfeffer am Ende. Spannend, weil ich persönlich nicht so wirklich viele Quittenbrände kenne – es ist wirklich etwas anderes, und sowas liebe ich ja immer.

Rakiya Isperih (ракия Исперих) - Quitte (Дюлева ракия)

Nach der Verkostung der 7 Sorten weiß ich, dass Brenner Barash Musa nicht nur ein feiner Kerl ist, sondern sein Handwerk auch beherrscht. Die Früchte sind fehlerlos gebrannt, klar definiert und sehr prägnant ausgearbeitet, tolle, saubere Destillate mit viel Charakter und sehr hoher Typizität. Ich mag darüber hinaus den eher zum Süßen, Schweren tendierenden Stil des bulgarischen Rakiya, er sorgt dafür, dass die ganze Frucht erkennbar bleibt und man wirklich was im Mund hat, und nicht nur ein steriles Destillat. Persönlich für mich der Gewinner dieses Sets ist der Aprikosen-Rakiya – das ist aber ein Sieger unter Siegern. Ich habe im Nachhinein erfahren, dass dieses Destillat in holzgereifter Variante auch eine Spirits-Selection-Goldmedaille gewonnen hat. Wundert mich nicht.

In Drinks kann man die Rakiyas natürlich hervorragend in Szene setzen. Obstbrandrezepte an sich sind seltsamerweise eher selten, vielleicht brauchen sie auch den Schubs, den Scotch brauchte, um ihn aus seinem elitären Wolkenkuckucksheim zu holen und ihn fürs Vermixen freizugeben. Bulgarian Spring ist ein Cocktail, der im Zuge der Spirits Selection in Plovdiv als „Visitenkarte“ für die Veranstaltung kreiert wurde – ein fantastisch aromatisches Rezept, ich habe dafür den Pfirsichrakiya benutzt, andere gehen aber genauso gut.

Bulgarian Spring Cocktail


Bulgarian Spring
1 Stück Gurke
2 Zweige Thymian
3 weiße Weintrauben
2 Teelöffel brauner Zucker
…zusammen muddeln
1½ oz bulgarischer Rakiya
½ oz Zitronensaft
1 Eiweiß
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Filippo Baldan]


Ich fände es großartig, die bulgarische Connection aus Barash, Elena, Darko und Svetlin auch 2020 wiederzusehen, wenn es klappt, auch für meinen vierten Auftritt bei dem Spirituosenwettbewerb eingeladen zu werden. Bis dahin vertreibe ich mir die Zeit mit den Resten Barashs Rakiyas, und den anderen Sorten, die ich damals aus Bulgarien mitgebracht hatte. Man kann die Zeit echt sehr viel schlechter verbringen.

Um die Welt in Sachen Rum – Nomade parmi les fûts (Luca Gargano)

Es war eine unterhaltsame Videokonferenz, die der bekannte deutsche Spirituosenimporteur Kirsch Whisky da neulich für seine interessierte Kundschaft aufgesetzt hatte. Der Gast des Abends war natürlich ein Star für alle, die sich mehr als nur an der Oberfläche für Rum begeistern – Luca Gargano, der Inhaber von Velier, einem der größten Namen im Rumbusiness. Neben der Vorstellung der heißersehnten Neuerscheinungen seiner Firma, die trotz (manchmal mag man denken – gerade wegen?) ihrer extrem geringen Erhältlichkeiten und entsprechend hohen Preisen für Rumfreunde ein beständiges Ziel der Begierde sind, erzählte er auch ein bisschen etwas über sich und seine Geschichte.

Die ganze Geschichte dieser ausgesprochen schillernden Persönlichkeit kann man nun auch nachlesen. Veröffentlicht im hauseigenen Verlag edizioni Velier gibt es sein Buch nun auch – gar nicht verknappt und hochbepreist – als ebook. Für die italienische Originalfassung („Nomade tra i barili“) reicht mein Italienisch nicht aus, daher greife ich auf die französischsprachige Übersetzung von Arturo Armone Caruso zurück: Nomade parmi les fûts.

Nomade parmi les fûts (Luca Gargano) Cover

Wer ihn schon einmal sprechen gehört hat, erkennt in den ersten Kapiteln sofort Luca Garganos melodischen Erzählsingsang wieder, seine jung gebliebene, aber vom Rauchen etwas heisere Stimme, seine poetischen Bilder, seine Gedankensprünge, seine Pausen, in denen er offensichtlich in seine eigene Vergangenheit zurückgleitet und darin schwelgt. Man fühlt sich mit ihm zusammen in Hugo Pratts La ballade de la mer salée versetzt. Sein Buch ist an diesen Stellen kein Fachbuch über Rum, sondern ein unaufgeregter, nostalgischer Blick des Autors auf sich und seine Geschichte. Dass Rum darin vorkommt, nun, das ist dann ein Detail. Man spürt viel mehr seine Liebe zu den Menschen, zu der Landschaft, dem Klima, dem Meer, der Musik und dem Wind – sei es in der Karibik, in Südamerika, in Afrika, in Polynesien.


La biguine: Son rhythme langoureux de rumba ralentie, son Ba moin en ti bo / Deux ti bo, trois ti bo / Doudou; les corps séduisants des femmes créoles; le bruissement des palmiers dans le vent; l’humidité de l’air; le coassement nocturne des petites grenouilles tropicales qui ressemble à s’y méprendre au chant des grillons… me ravissent.


Und zum Rum dann doch immer wieder, ja. Man seufzt als Rumfreund beständig auf, wenn man die Namen der Guyana-Rums aus den 80ern aus schon fast mythischen Brennapparaten hört, und wie Gargano so viele heute oft unerreichbare Schätze probiert. Aber der Rum wird nicht analysiert und kühl betrachtet und bewertet, nein, der Rum ist für Gargano oft eher eine Ausprägung eines Lebensgefühls, ein Symbol für etwas sehr viel größeres als ein alkoholisches Getränk. Rum ist das Leben, die Insel, die Kultur. Er hangelt sich entsprechend nicht von Rumempfehlung zu Rumempfehlung, wie das die meisten Autoren in dieser Situation tun, sondern von Mensch zu Mensch, von Dorf zu Dorf. Seine Einflüsse sind eben nicht die unzähligen Proben des Zuckerrohrbrands, sondern die Menschen, die ihn hergestellt haben.

In anderen Kapiteln erkennt man jedoch deutlichst den knallharten ligurischen Geschäftsmann, den Typus, der Genua einst zur geheimen Weltmacht aufsteigen ließ. Er handelt und trickst, sucht nach neuen Geschäftsfeldern, um sich zu beweisen, und entdeckt wie ein Schnapskolumbus (auch jener war Genuese!) auch immer wieder neue Archipele – der Fund der nach der Schließung der Destillerie praktisch vergessenen Caroni-Fässer im Jahr 2004 ist dabei wohl sein größter Coup, der bis heute Wellen schlägt und letztlich seinen internationalen Ruf begründet.


Je découvre tous ces rhums, et je suis conquis. Très riches en esters et en aldéhydes, avec quelques touches d’acétone, ils sont uniques, extrêmement typés. Ce ne sont pas des produits pour la grande public mais ils vont rendre fous les passionés.


Ein Suchender wie Gargano setzt sich aber selbst nach so einem Donnerschlag nicht zur Ruhe. Er ist weiter unterwegs, mit Frauen und Freunden, und scheint in Haiti irgendwie sein Nirvana gefunden zu haben. Für mich war das Kapitel über Haiti jedenfalls ein Seitenfresser, hier läuft er zur Höchstform auf. Man kann das Buch nun kaum aus der Hand legen. Seine neue Liebe dort ist der Clairin, ein sehr ruraler, natürlicher und ursprünglicher Proto-Rum. Ohne Gargano würden wir ihn heute nicht kennen, und ich nicht zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels einen Ti’Punch mit Clairin, Limette, Zucker und Eis trinken. Erst beim Trinken versteht man, was er sagt.


Le Clairin n’est pas quelque chose d’inanimé, cèst un produit vibrant, qui change a chaque foi. Il est naturel et sauvage, on ne doit pas vouloir le domestiquer, il faut le respecter, l’apprécier dans sa profonde authenticité.


Er führt sein noch kleines Unternehmen durch die Mixtur aus Großgeschäft und Liebhaberprodukten geschickt zwischen den großen Interessen der multinationalen Konzerne, die sich parallel zu Velier in Stellung bringen. Diese Kapitel über die Entwicklung des Portfolios seiner Firma und die dafür nötigen Reisen und Verhandlungen lesen sich dann gar nicht mehr so charmant, hier werden Thema und Stil plötzlich und mit hartem Schnitt prosaisch und bekommen etwas ermüdenden Aufzählungscharakter.

Das Buch wirkt deshalb zwiespältig auf mich – wie die Person Luca Gargano selbst. Einerseits ist da ein toller Erzähler mit einer poetischen Ader, wenn er einfach über sein Leben, seine Leidenschaft und über Menschen und Länder spricht. Andererseits ein natürlich preis- und absatzorientierter Geschäftsmann, der mit deutlich weniger Verve praktisch eine Liste der Rumproduzenten der Karibik herunterbetet. Der Unterschied zumindest in literarischer Qualität ist dramatisch, als wären zwei Autoren am Werk gewesen. Weniger vom letzteren, mehr vom ersteren, das hätte mir besser gefallen, auch wenn Rumaficionados auf der Suche nach Details es vielleicht anders herum sehen werden. Ein Koautor, oder ein kritischer Lektor, hätte dem Buch an manchen Stellen gut getan, jener hätte vielleicht auch die manchmal etwas unzusammenhängend wirkenden Episoden besser verbunden.

Die geschäftlichen Details haben letztlich irgendwie doch einen Sinn – es ist spannend zu sehen, wie unterschiedlich das Portfolio von Velier in den 80ern und 90ern war im Vergleich zu heute – der heutige Abfüller höchstexklusiver Brände importiert damals voller Begeisterung das, was wir heute als generische Massenprodukte wahrnehmen. Der Wechsel erklärt sich durch den in diesem Buch auch geschilderten Wandel der Persönlichkeit des Inhabers allerdings mehr als deutlich – nach seiner polynesischen Zeit sucht Gargano nun etwas anderes als die einfache Lira; er prägt dabei unsere aktuelle Fokussierung auf Qualität statt Quantität sicherlich mit, auch wenn es gegen Ende dann hin und wieder etwas arg missionarisch wirkt.


Notre souci n’est pas de selectionner mais plutôt d’élargir. (…) L’approche qualitative n’est pas encore une donnée déterminante du marché du rhum. (…) Grâce à la découverte du Grogue, je comprends qu’il y a encore de par le monde beaucoup de destillateurs inconnus. Pour le moment, je ne pense pas à importer le Grogue. Mais je songe que je peux reprendre ma recherche de produits unique, particuliers, hors normes; travailler pour un approche qualitative, dans le monde du rhum.


So bleibt für mich als Fazit – die Lektüre ist ein gemischtes Erlebnis. Wer auf knallharte Fakten aus erster Hand hofft, wird hier durch den poetischen Stil und die Anekdotenhaftigkeit abgelenkt; der Leser, der wie ich die Stimmung sucht, dagegen durch die manchmal etwas unpointierte Aufzählung von Destilleriebesuchen. Beide Gruppen werden dennoch etwas in diesem Buch finden, und wahrscheinlich gehören beide Aspekte einfach zusammen und bilden damit tatsächlich die Persönlichkeit Luca Garganos ab.

Was am Ende übrig ist, ist ein diffuser Wunsch, sich mit dem Autor des einen Teils des Buches zusammen setzen, einen alten Bally oder Saint James aus seinem unglaublichen Fundus zu trinken, eine kubanische Zigarre zu rauchen, und mich mit ihm über das Leben und die ligurische Küche, die Inseln der Südsee und der Karibik, über Haiti und Afrika, über Frauen und die Welt an sich zu unterhalten – darüber hat dieser Ruruki mehr als genug Unglaubliches, Spannendes, Faszinierendes zu erzählen. Ich brauche da dann kein Fachgespräch mit dem Rumkenner, keine Verkostung mit dem Geschäftsführer, kein Interview mit dem Autor des anderen Teils des Buchs. Ein toller Abend wäre das. Und vielleicht könnte ich ihm dann noch das genaue Rezept für den authentischen Café Cantarelli entlocken.

Allerlei Fassrundungen – The Rum Factory Double Cask Collection Oloroso Cask

Fassfinishes, also eine Abrundung oder Veredlung eines eigentlich schon gereiften Destillats in geschmacksgebenden Fässern, das ist eine inzwischen auch bei Rum völlig normale Form der Herstellung. Übernommen haben wir das vom Whisky, wo die Scotch Whisky Association seit letztem Jahr sogar die sehr engen und strengen Regeln, in welche Art Fässer Whisky gelegt werden darf, etwas gelockert hat. Nicht soweit, dass wir den diesjährigen Aprilscherz eines bekannten Importeurs, der einen angeblich extra für Deutschland produzierten Whisky mit Gurkenfassfinish zum Verkauf in Aussicht stellte, je für bare Münze hätten nehmen können; aber doch soweit, dass beispielsweise ein Tequilafassfinish möglich geworden ist. Bei Rum ist man in der Breite noch nicht ganz so weit, man beruft sich für Abrundungen meist weiterhin erstmal auf die Klassiker: Port-, Sherry- und Weinfässer. Einige Abfüller bieten für den nach Abwechslung lechzenden Kunden ganze Serien von unterschiedlichen Rums mit diversen Finishes an. Die Double Cask Collection des jungen unabhängigen Abfüllers The Rum Factory ist ein Beispiel dafür.

The Rum Factory Double Cask Collection Oloroso Cask ist das erste Mitglied eben dieser Reihe von karibischen Rums, die nach einer tropischen Reifung noch ein Finish in Europa in Fässern erhielten, die vorher andere Dinge enthielten. Das Etikett sagt es, hier haben wir einen Blend aus Barbados-Rums, der (durchschnittlich) 8 Jahre tropisch in Ex-Bourbon-Fässern reifte. Angeschlossen wurde eben dann das kontinentale Finish, 6-9 Monate in Ex-Oloroso-Sherry-Fässern in der Tschechischen Republik, mit Unterstützung der wieder auferstandenen historischen Albert Michler Distillery in Buková. 2670 Flaschen konnte man am Ende für den ersten Batch aus den Fässern abziehen, und eine davon haben wir jetzt vor uns, nur darauf wartend, geöffnet und verkostet zu werden.

The Rum Factory Double Cask Collection Oloroso Cask

Sehr warm und edel wirkt der Rum im Glas. Die Safranfarbe mit orangenen Reflexen tut ihres dazu, und die leichte Trägheit beim Schwenken der Flüssigkeit das ihrige. Ein Ölfilm entsteht dabei, in dem dickköpfige Tropfen langsam ablaufen.

Karamell und Honig sind die ersten Eindrücke, die ich wahrnehme, wenn ich die Nase ins Glas halte. Aprikosen und Birnen bilden eine fruchtige Schicht unterhalb der süßcremigen Oberfläche. Etwas reife Banane, und überreife Ananas, aber bei weitem nicht so esterig wie ein Jamaica-Rum, mehr nur ein Anflug davon. Das Gesamtbild im Geruch ist hell und leichttönig.

Im Mund kommen dann schon eher barbadostypische Rumaromen zum Vorschein, wenn auch vom Eindruck süßer als gewohnt – Tabaknoten, Nougat, Gewürze, sehr viel Marzipan und Ahornsirup. Vanille aus der Holzreifung natürlich, dezente Mandel. Frucht ist immer mit dabei, ohne wirklich in den Vordergrund zu drängen, ich halte es für Kirschen, rote Beeren, Weintrauben – vielleicht der Sherryeinfluss. 45% Alkoholgehalt sind erkennbar, sowohl von einer leichten Schärfe, als auch vom Körper und der schönen Breite. Eine gewisse Salzigkeit bietet Abwechslung am Gaumen.

The Rum Factory Double Cask Collection Oloroso Cask Glas

Meine selbst durchgeführte Zusatzmessung hat um die 5g/L ergeben, bei einer Doppelreifung (Reifung mit Finish) sehe ich das gerade noch so als normale Zusätze aus den Bourbon- und Sherryfässern. Auch sensorisch wirkt dieser Rum auf mich nicht künstlich gesüßt, selbst wenn er sehr deutlich zur Süße hin tendiert.

Der Abgang ist schließlich überraschend fruchtig, eine Mischung aus mildem Pfirsich und würziger Quitte. Ein leichtes Feuer entsteht, Trockenheit baut sich auf und verdrängt die süßen Antrunkseindrücke, ohne wirklich staubig oder astringierend zu werden; eine Grundsüße bleibt von Anfang bis Ende. Der Nachhall ist mildnussig, sehr würzig, leicht salzig, warm und lang.

Ein wirklich attraktiver Rum, komplex, aber nicht verkopft, easy drinking, aber nicht billig, süß, aber nicht künstlich. Ein rundes, warmes, schönes Bild – für mich ist das ein großes Kompliment, gerade in Zeiten, wo manche übersättigte Nerds sowas als langweilig empfinden. Den Double Cask Collection Oloroso Cask kann man wirklich einfach so schön vor sich hin schlürfen; oder ihn im Cocktail gewinnbringend einsetzen. Mother Rum ist eine Art Twist auf einen Old Fashioned – die alternativ zur einfachen Süßung eingesetzten Kakaolikör und Ahornsirup geben neben der Süße noch eine gewisse Aromatik mit, die den Drink interessanter machen. Davon genieße ich gern zwei hintereinander, und der Abend kann kaum mehr besser werden.

Mother Rum Cocktail


Mother Rum
2 oz gereifter Rum
¼ oz Crème de Cacao
¼ oz Ahornsirup
Auf Eis rühren. Auf Eis servieren.
[Rezept nach Milo Rodriguez]


Die Flasche selbst ist einfach gehalten, aber gerade das gefällt mir. Ein Plastikkorken ist heutzutage verbreitet und hat seinen schlechten Ruf von früher eigentlich abgelegt. Das elegante, klar strukturierte Etikett enthält die nötigen Informationen – der Stil liegt mir insgesamt mehr als der der Distillery Collection. Mir gefällt, wie auf dem Karton, in dem die Flasche geliefert wird, die Story von The Rum Factory aufgedruckt ist – eine schöne Illustration, offensichtlich handgemalt, in der die unterschiedlichen Produktlinien erklärt werden. Man sieht an Details wie diesem, dass hier keine schnelle Mark mit einem Trendprodukt gemacht werden soll, sondern der Abfüller mit Herz dahinter steht – die persönliche, sehr ausführliche Kommunikation beweist es mir darüber hinaus. Mir persönlich ist sowas wichtig, und es sorgt dafür, dass mir die Rums von The Rum Factory noch ein bisschen besser schmecken, denn der Kopf trinkt bei mir immer mit.

Offenlegung: Ich danke The Rum Factory für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.

Bier am Freitag – BrewDog Pale Ale

In letzter Zeit hatte ich mich irgendwie wieder mehr auf klassische deutsche Bierstile konzentriert – ein gutes Helles zum Essen, ein fetter Maibock zum genießen, ein Weizenbier für die Sonne hinterm Haus. Da flatterte dann sehr unerwartet ein dickes Postpaket ins Hause Schlimmerdurst – mit unter anderem einem Pale Ale, ein Stil, den ich seit einiger Zeit etwas vernachlässigt hatte. Das BrewDog Pale Ale gibt mir die Gelegenheit, diese Liebe wieder aufzufrischen. Es ist ein nagelneues Produkt des schottischen Bierbrauers, erst seit Mitte April in dieser Form erhältlich. Schnell die Flaschen kühl gestellt und danach dann ab ins Glas damit!

Brewdog Pale Ale 4er Pack

Das Pale Ale ist kristallklar, mit einem starken Terracotta-Farbton, so dass man sehr schön die Perlage beobachten kann, die aus vielen, schnell aufsteigenden Bläschen besteht. Sie füttert den grobblasigen Schaum, der bald nur noch aus einem dünnen Flaum und einer Tonsur an der Glaswand besteht. Die Nase ist natürlich vom Aromahopfen dominiert, auf einer marmeladigen, süßfruchtigen Basis kommen minimale Spitzen von Grapefruit und Limette. Malz scheint durch. Insgesamt nicht übertrieben, sondern typisch und stilsicher wirkend.

Das Mundgefühl ist klar, sauber, kernig frisch. Direkt von Anfang an ist da eine starke Säure, die das Bier von vielen anderen sehr cremigweichen Pale Ales unterscheidet. Limette, Grapefruit sind klar definiert, aber man hat noch erkennbaren Biercharakter, der im Verlauf dann immer stärker übernimmt, bis man meint, ein Export im Mund zu haben. Herb und sehr rezent erfrischt das BrewDog Pale Ale den Gaumen in dieser Phase; es wirkt nun sehr klassisch britisch, selbst wenn es als „West Coast Classic“ gelabelt ist.

Brewdog Pale Ale Glas

Trotz leichten 4,2% Alkoholgehalt ist viel Körper und Kraft da. Der Abgang ist sehr getreidig, trocken, nicht übermäßig, aber erkennbar bitter mit weiterhin starker Säure. Mittellang, mit nachklingenden Astringenzeffekten und einem Anflug von Wintergrün. Bis zum Schluss klar und sauber. Das ist ein tolles Sommerbier für den Biergarten (wenn man wieder hindarf, was hoffentlich bald geschieht). Gut gekühlt, und wegen dem leichten Alkoholgehalt, kann man da ohne Mühe den Viererpack mit einem Kumpel wegzischeln.

Brewdog Pale Ale & Punk IPA

Neben dem BrewdDog Pale Ale erscheint zeitgleich auch das unter Bierfreunden wohlbekannte Punk IPA in derselben Präsentation – den meisten wird es als Dosenbier in Erinnerung sein. Obwohl ich die Dose weiterhin als ideales Transport- und Aufbewahrungsgefäß sehe, aus aromatischer Sicht, ist doch eine Pfandflasche am Ende des Tages umweltfreundlicher. Dass es dann noch eine Standardflasche ist, die man überall abgeben kann, macht das noch besser.

Offenlegung: Ich danke BrewDog für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines 4er-Packs dieses Biers.