Meukow VSOP Cognac Titel

Pack den Tiger in den Tank – Meukow VSOP Superior Cognac

Man kann schon immer kaum den Fernseher einschalten, ohne nicht auf mindestens einem Kanal mit einer Dokumentation über Raubkatzen berieselt zu werden. Der grundsätzliche Tenor einer solchen Tierdoku ändert sich immer wieder mal – früher waren sie die Jäger, stolz, wild, edel, und die Gnus und Gazellen fielen diesem König der Wildnis leicht zum Opfer. Jagd- und Verfolgungsszenen beherrschten die Filme. In letzter Zeit schaue ich solche Dokus nicht mehr gern, denn oft sind sie heute schrecklich deprimierend geworden. Verhungernde Jungen, verletzte Katzen, die sich nur noch herumquälen, wochenlang erfolglose Jagden, Geparden, denen die hart erkämpfte Beute von anderen Tieren abgenommen wird. Das ist mir alles, so ehrlich bin ich, zu nah an der Realität, als dass ich das noch als Fernsehunterhaltung genießen will. Es muss ja wirklich nicht das überdrehte Kasperletheater von „Die Wüste lebt“ sein, aber diese Echtwelt-Kälte, die viele modernen Tierfilme ausstrahlen, will ich mir nicht geben. Dann kann ich gleich Nachrichten schauen.

Trotz dieses Wandels in Tierdokumentationen sind Großkatzen immer noch höchstbeliebte Werbeträger – hier können sie noch die Königinnen und Herrscher über das Tierreich sein, ganz oben in der Nahrungskette stehen und stolz ihren perfekten Körper darstellen, selbst wenn sie ihn für banale Dinge wie Eiskrem, Sportwagen oder Staubsauger verschwenden müssen. Es gibt aber auch Produkte, für die so ein wunderbares, wildes und elegantes Tier auch vom Eindruck her perfekt passt – wie beispielsweise der Meukow VSOP Superior Cognac. Dort prangt auf Karton und selbst im Glas der Flasche eine mächtiges Exemplar der Familie der Felidae. Hier hört aber meist das Interesse des Marketings auf, denn was das nun tatsächlich ist, was wir da auf der Flasche sehen, wird schnell zum Gegenstand der Spekulation. Manche Werbetexte halten es für einen Tiger, andere für einen Puma. Tatsächlich stellt es einen Panther dar. Meukow hat ihn sich ausgesucht, weil der Cognac ähnliche Charakteristiken aufweisen soll wie ein Panther: „Ce superbe animal symbolise à la perfection la force, l’élégance et la souplesse qui sont les qualités intrinsèques des cognacs Meukow.

Die komplett etikettenfreie Flasche präsentiert ohne viel Federlesen den Inhalt: Glühendes Terracotta, mit strahlenden goldenen Reflexen. Eine wirklich höchstattraktive Farbgebung, da muss ich dem Farbdesigner, den diesen Ton mit Zuckerkulör kreiert hat, gratulieren. Schade allerdings, dass sowas sein muss; bei Cognac ist es aber wie bei vielen anderen Spirituosen erlaubt. Schöne, schnell entstehende und langsam ablaufende Beine verzieren das Glas beim sanften Schwenken.

Meukow VSOP Cognac Karton

Wir haben aber trotz all der Katzenmetaphorik keinen stinkigen Kater vor uns, sondern ganz im Gegenteil. Süßer Traubenmost, Portwein, Vanille, Rosinen. Mandarinen. Frisch gekochter Langkornreis. Höchstmild und zart, nicht angreifend, mehr zurückhaltend, auch nur wenig Fasseiche. Nur bei sehr tiefem Schnuppern eine leichte Alkoholnote. Kein Schwefel, der sich bei Brandys sonst oft in den Vordergrund drängt.

Der Meukow VSOP schmiegt sich wie eine Kuscheldecke an den Gaumen und die Zunge. Weich, rund, kandiszuckersüß, mit Erinnerungen an Nougat: Bei diesem Cognac ist das Mundgefühl das Herausragende. Die weiteren Aromen von Rosinen, Vanille, mildem Zitrusobst, Haselnuss und Kokosnuss sind allesamt zurückgenommen und bilden mehr einen hochflorigen Geschmacksteppich, aus dem keine Komponente ausfranselt. Ein sehr schön komponiertes Aromenspektrum.

Im Abgang fährt der Panther doch noch etwas seine Krallen aus. Eine warme Ingwerschärfe und eine feine Lakritzwürze entsteht im Mund. Im Rachen und Kehle heiß wie Lava, aber ohne auch nur den Hauch eines Kratzens. Schließlich trocken und sehr adstringierend. Süße Vanille-Eiche-Lakritz-Kombination bleibt extrem lange am Gaumen; wer auf supermilde, warme, süße Spirituosen steht, findet hier sein Nirvana. Und das mit nur mindestens 4 Jahren Lagerzeit (VSOP). 40% Alkohol enthält dieser Blend.

Sobald Cognac in einem Cocktail die mengenmäßig größte Zutat ist, und keine Fruchtsäfte im Rezept enthalten sind, empfehle ich immer den Einsatz eines hochwertigen VSOP-Cognacs. Der Philadelphia Fish-House Punch zeigt, dass sich diese Mühe auszahlt – der uralte Cocktail profitiert enorm von der zusätzlichen Tiefe und Komplexität, die so ein Destillat mitbringt. Dasselbe Rezept, hergestellt mit einfacherem Hennessy VS, wirkt dagegen erkennbar flacher und weniger aufregend. Zwei davon sind aber auch schon die Höchstmenge, die ich einem Gelegenheitstrinker empfehlen würde: Da ist Bums drin, den man kaum schmeckt, dann aber umso stärker fühlt.

Philadelphia Fish-House Punch


Philadelphia Fish-House Punch
2 oz Cognac (z.B. Meukow VSOP)
1 oz Jamaica-Rum (z.B. Appleton Estate 12)
1 oz Pfirsichschnaps
1 oz Zitronensaft
20g Zucker
½ oz Wasser
Alle Zutaten auf Eis rühren.
[Rezept nach unbekannt]


Kurz noch zum Namen – Meukow klingt nicht wirklich französisch. Doch die Cognac-Welt ist eine kosmopolitische, schließlich haben wir neben dieser ursprünglich aus Russland stammenden Herstellerfamilie unter anderem auch Iren (Hennessy), Engländer (Hine) und Schweizer (Davidoff).

Es passiert nicht so wirklich oft, dass das Mixology Taste Forum und ich klar einer Meinung sind, doch diesmal muss ich den Verkostern in Berlin zustimmen: der Meukow VSOP hat seinen ersten Platz dort (siehe auch Printausgabe 06/2015) voll verdient. Die Raubkatze hat sich ihren glorreichen Platz an der Spitze der Nahrungskette wieder, trotz aller Versuche der traurigen Verweltlichung der Depri-Tierdokus, zurückerobert und erstrahlt in vollem Glanze, wie es sich für diese Gattung gehört.

Beverly Pils, Pepper Pils, Bitter 42 Titel

Raus aus dem Pilseinerlei – Mashsee Beverly Pils, Welde Pepper Pils und Rittmayer Bitter 42

Ich will es nicht ruhen lassen, das Thema „Pils“. Der wahrscheinlich beliebteste Bierstil Deutschlands, der von sehr vielen Konsumenten dazu noch als Synonym zu Bier gesehen wird, hat mir immer schon Sorgen bereitet. Zu langweilig, zu bitter, zu aromenlos – von allen Biersorten fand ich persönlich das Pilsner als Bier, wie es nicht sein soll, ein reiner Durstlöscher, ohne Spannung. Entsprechend habe ich über das Pils an sich immer schlimm hergezogen. Dabei kannte ich, so ehrlich muss ich dann sein, praktisch nur die Fernsehpilsner, industriegetrimmt, vereinheitlicht, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Biertrinker Deutschlands gebracht und damit verflacht. Irgendwann musste selbst ich erkennen, dass ich dem Bierstil mit meiner starken Meinung, entstanden aus nur begrenztem Wissen, Unrecht tue. Und so habe ich mich auf eine Pilsreise begeben, abseits eben der großen Fernsehbiere. Mein erstes Erfolgserlebnis hatte ich dann mit dem Vier Vogel Pils – das spornte mich an, mehr von dieser Welt kennenzulernen.

Und so stehe ich heute hier und präsentiere weitere, tapsige Schritte auf meinem Weg, dem Pils endlich die Ehre zukommen zu lassen, die es eigentlich verdient. Unterstützt werde ich dabei von drei Pilsnern, wie sie unterschiedlich kaum sein könnten: dem Mashsee Beverly Pils aus Hannover, Welde Pepper Pils aus Baden und Rittmayer Bitter 42 aus Franken.

Beverly Pils, Pepper Pils, Bitter 42 Flaschen

Fangen wir einfach mal im Norden an, mit dem Mashsee Beverly Pils. Der Name ist ein Beispiel dafür, wie verspielt die modernen Craftbrauer mit ihren Produkten umgehen – kaum vorstellbar, dass ein solcher Biername auf dem Etikett einer traditionellen Brauerei erschiene. Mir geht das stellenweise aber schon etwas zu weit, solche Gags nutzen sich recht schnell ab. Die Erfahrung im Bekanntenkreis zeigt auch, dass Biere mit so „lustigen“ Namen nicht wirklich ernst genommen werden. Also Vorsicht damit!

Die Pilsner aus der Industrie sind meist filtriert und strahleklar. Das Beverly Pils sieht schonmal ganz anders aus – helles Gelbgold, naturtrüb, feinster, wolkiger Schaum, gespeist aus regelmäßige Perlage. Auch der Geruch überrascht den Fernsehbiertrinker – extrem fruchtig. Orange, Himbeeren, Kirschen, Bananen, Grapefruit. So eine Kalthopfung macht halt aus jedem Bierstil einen Obstkorb. Höchstattraktiv und gefällt mir außerordentlich – schöner als so manches Pale Ale oder IPA.

Mashsee Beverly Pils

Die Bierstile gehen heutzutage immer mehr ineinander über und verschwimmen. Die klassische, strenge Ausprägung ist oft vom Industriestandard geprägt, und davon wollen die modernen Brauer eben weg. Daher muss man sich daran gewöhnen, dass auch ein Pils mal im Antrunk sehr fruchtig nach Orange, leicht grapefruitbitter und insgesamt etwas süßer und weicher als gewohnt daherkommt. Erst im Abgang merkt man Pilscharakter, dann aber so richtig mit Wumms: Trocken, herb, bitter, dabei aromatisch dann stark zurückgenommen. Der Bitterhopfeneffekt ist es, der hier das Kommando übernimmt. So entdecken wir dann doch noch das Pils im Beverly Pils. Mit 4,7% und 30 IBU fallen wir rein zahlenmäßig nicht aus dem Rahmen. Wirklich interessant, und dieses Pils könnte für so manchen Pilsfanatiker ein Aha-Erlebnis sein, da bin ich mir sicher.

Wir machen einen Sprung nach Südwestdeutschland, nach Baden. Das dort beheimatete Welde Braukunstkeller Pepper Pils wird bei Reinheitsgebotsfanatikern für Zähneknirschen sorgen, denn es hält sich nicht daran. Statt dessen propagiert es auf dem Etikett eine andere Form der Bierregel: „Das Natürlichkeitsgebot von 2016 umfassst alle natürlichen und weitestgehend unbehandelten pflanzlichen Lebensmittel.“ Die Abgrenzung zum industriefreundlichen RHG, das alles mögliche an Chemie erlaubt, solange es nachher im Bier nicht nachweisbar ist, ist deutlich. Schmeckt man den eingesetzten, titelgebenden, nachhaltig angebauten und fair gehandeltem rosa Pfeffer? Ist das so dann noch ein Pils?

Welde Pepper Pils

Die Farbe ist erstmal sehr dunkel für ein Pils. Dazu naturtrüb. Kräftige Perlage. Dünner, aber feiner Schaum. Der Geruch ist frisch und luftig, fruchtig nach Banane, Mango, Litschi, aber auch nach Heu und Kräuterwiese. Hefe. Und ein Touch von Linseneintopf, so blöd es sich anhört. Geschmacklich kommt dann das Fruchtige nicht mehr ganz so zum tragen, sondern eine sehr blumig-kräuterige Komponente, die wahrscheinlich durch den rosa Pfeffer entsteht. Veilchen und Jasmin, sehr ungewohnt, aber auch höchstattraktiv. Dazu eine knackige Zitronensäure mit hohem Erfrischungsfaktor. Eine Grundwürze ist da, aber ich würde es keinesfalls „pfeffrig“ nennen, wie es der Hersteller auf dem Vorderetikett tut. Ein leicht schales Mundgefühl ist schon das Negativste, was ich finden kann.

Im Abgang ist das Pepper Pils zitronig-sauer, sauber, bitter und edelherb: Schön eingestellt, und dann doch pilstypisch. Eine feine Trockenheit bleibt noch eine ganze Weile, wie auch die Kräuteraromen. Ein ordentlicher Rülpsfaktor selbst nach kleinen Schlucken zeigt, dass hier ordentlich Kohlensäure eingesetzt ist. 4,8% Alkohol finden wir vor. Ah, und ich habe dem Pfeffer unrecht getan – ganz am Ende liegt doch etwas feines, hauchiges Kribbeln auf der Zunge. Sehr ansprechend: Ein Spitzenbier, sicherlich eins der interessantesten und angenehmsten, die ich bisher getrunken habe. Applaus!

Als letzte Station dieser Pilsreise machen wir in der Nähe von Nürnberg halt, wo das Rittmayer Bitter 42 hergestellt wird. Von den drei vorgestellten Bieren weist es das pilstypischste Aussehen auf: Nur minimale Trübung, blasses Gold. Sehr feiner Schaum, ebenso ausdauernd wie die starke Perlage.

Rittmayer Bitter 42

Bitterhopfen dominiert die Nase. Sehr angenehme, herbe Würze; ansonsten recht zurückhaltend. Im Mund dann eine kräftige Bittere, ohne aber in Extreme auszuschlagen (die namensgebenden 42 IBU sind dennoch schon ordentlich). Sehr klares, kantiges Geschmacksbild. Kaum Frucht oder sonstige sortenuntypischen Einschläge – wer sich immer darüber beschwert, dass modernes Bier nicht mehr nach Bier schmeckt, wird hier fündig. Das ist archetypischer Pilsgeschmack. Am Gaumen sind minimalste Fruchtaromen, aber nur so dezent, dass sie das Gesamtbild unterstützen, es nicht prägen. Sehr süffig und erfrischend bei 5,5% Alkohol.

Das Rittmayer Bitter 42 weist zum Schluss noch einen kurzen, sauberen Abgang ohne Reste oder Effekte auf. Trocken und mit erkennbarer Adstringenz. Sicherlich mit weitem Abstand das pilsigste Pils dieser Verkostungsreihe. Das ist ein perfekter Durstlöscher, von dem man gern mehr als ein Gläschen wegziehen will – und das sage ich, als ausgewiesener Pilsverächter. Naja, Ex-Pilsverächter, muss in nun sagen: Ich habe meine Meinung zu diesem Bierstil überdacht.

Für Cocktails passte ein Pils aber für mich schon immer ideal – genau das, was ich sonst am Pils ablehnte, macht es ideal als Cocktailzutat – oder als Filler in einem Longdrink. Beim Sexy Tequila Beer haben wir eine Mischform: es handelt sich praktisch um einen fertigen Cocktail, der dann aber noch mit Bier aufgegossen wird. „Aufgießen“ ist dabei immer nicht ganz wörtlich zu nehmen, wenn man ein Halbliterglas dafür hernimmt, bleibt vom Tequila geschmacklich nicht viel übrig. Daher empfehle ich hier ein 1:1-Verhältnis aus Cocktailbasis und Bier. Das ist dann im Ergebnis gar kein Vergleich zu den industriellen Mixgetränken wie Desperados.

Sexy Tequila Beer


Sexy Tequila Beer
1 oz Tequila Blanco (z.B. Olmeca Altos Plata)
1 oz Orangensaft
1 oz Limettensaft
½ oz Orangenlikör (z.B. Grand Marnier Cordon Jaune)
1 TL Agavendicksaft
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit…
hellem Bier (z.B. Rittmayer Bitter 42)
In einem Glas mit gemischter Zucker-Salz-Kruste servieren.
[Rezept nach unbekannt]


„Die endgültige Antwort auf die Frage nach dem wahren Pils“ steht selbstbewusst auf dem Etikett des Rittmayerschen Pilses. Natürlich muss man hier abwägen, was man von einem Pils erwartet, um die Frage für sich persönlich zu beantworten – wer es gern traditionell, klassisch, stiltypisch und unaufgeregt hat, für den ist das Rittmayer Bitter 42 das richtige. Wer eigentlich eh lieber ein Pale Ale statt einem Pils trinkt, greift zum Mashsee Beverly Pils. Und wer experimentierfreudig ist, und sich bei jedem Schluck überraschen lassen möchte, ist beim Pepper Pils am besten aufgehoben.

Für jeden etwas – die moderne Craft-Pilswelt ist eine vielgestaltige, spannende, die sehr deutlich aufzeigt, wie sehr vereinheitlicht dieser Stil durch die Bierindustrie inzwischen leider wurde. Wer sich dann abseits der Fernsehpilsner umschaut, findet viele unterschiedliche Interpretationen, bei denen Pilsfreunde viel erleben können, ohne ihren Lieblingsstil verlassen zu müssen. Wer da immer nur bei seinem Industriepils bleibt, verpasst sehr viel.

Revolte Rum Titel

Obstmezcal aus Rheinland-Pfalz – Revolte Rum

Es gibt Geschäfte, die sind personengetrieben, obwohl es eigentlich gar nicht nötig oder üblich in der Branche ist. Apple war schon immer Steve Jobs, Virgin ist in egal welcher Schattierung des Konzerns nichts ohne Richard Branson, und der FC Bayern München fühlt sich ohne seinen alten Präsidenten so missmutig, dass man ihn, kaum aus dem Knast,  sofort wieder per Akklamation ins Amt hievt. Die tatsächliche operative Arbeit dieser Menschen ist leicht zu delegieren oder weiterzugeben. Was ganz und gar nicht übertragbar ist, ist deren Aura und Persönlichkeit, die am Ende den oft gar nicht so kleinen Unterschied zwischen gutem Erfolg und Weltspitze ausmacht.

Bei Spirituosen denkt man auch zunächst direkt, dass es doch nur darauf ankommt, wie der Brand schmeckt, der aus der Destille läuft – da geht es um gute Basismaterialien, um gute Ausstattung, um vernünftiges Handwerk. Was soll da die Persönlichkeit des Brenners noch groß mit reinspielen? Meiner Meinung eine ganze Menge – es wandert ein Stück des Brenners mit in sein Produkt, wenn die Firma entsprechend aufgebaut ist. Jede Entscheidung, die auf dem langen Weg vom zarten Zuckerrohrpflänzchen bis der Korken auf der Flasche sitzt getroffen wird, entstammt der Persönlichkeit des Master Distillers. Was wir trinken, ist nicht ein schnöde zusammengebrautes Rezept, sondern die flüssige Essenz der Vision eines Menschen.

Selten ist so ein Brenner allerdings bereit, öffentlich Details über seinen Produktionsprozess zu erzählen – das Geheimnisvolle trägt schließlich oft mit zu der Aura bei. Felix Georg Kaltenthaler dagegen plaudert in einem Interview mit der Hamburger Bargröße Jörg Meyer dermaßen offen aus dem Nähkästchen und berichtet allerlei spannende, witzige und erstaunliche Details, dass es eine wahre Freude ist, den beiden zu lauschen. Wen also die Herstellung und Geschichte von Revolte Rum interessiert, sollte sich dringend dieses launige Interview anhören.

 

Ja, der Brenner wirkt sympathisch, keine Frage. Doch wollen wir uns als vollkommen neutrale, objektive und höchstkritische Schnapsblogger (gibt es sowas wirklich?) nicht von derartiger Sozialkompetenz blenden lassen, nein, wir wollen die Brennkompetenz prüfen, und ob der Inhalt der für Rumverhältnisse zumindest schonmal ungewöhnlich gestalteten Flasche, die mit teilvereister Oberfläche, strengem Etikett und so ganz ohne die in dieser Branche sonst üblichen Allüren wie Piraten, Plantagen oder Pseudokaribikflair eine ganz eigene Stimmung ausstrahlt, auch genauso unterhaltsam rüberkommt.  Schauen wir uns also mal den Revolte Rum im Glas an!

Revolte Rum Flasche

Man ahnt es schon durch die dunkle, leicht graue Flasche – die Farbe ist klar, ohne Anflug von Tönung. Kaum ist der interessante Vollkorkenstöpsel aus der Flasche, bewegt sich der Revolte Rum im Glas leicht viskos, mit vielen Beinen. Der Geruch steigt dann dann nach diesem langsamen Start voll in die Eisen: Teer, Erdbeeren und Kirsche. Tolle Kombination, man sollte es kaum glauben, ist aber wahr. Rauchig und auch leicht speckig, nach Schwarzwälder Schinken. Insgesamt aber weich; erinnert mich etwas an Mezcal.

Auch im Mund erleben wir eine kleine Rumrevolution. Sehr süß, weich und zart, cremiges Mundgefühl, und, und das ist der Knüller, mit deutlichem Obstlercharakter – ein buntes Potpourri verschiedener gebrannter Früchte, Aprikose, Pfirsich, Kirsch, Birne. Den leichten Ethanoltouch können wir, da trotz 41,5% sonst kein Brennen auffällt, gern akzeptieren. Leicht buttriger Ansatz. Im Abgang quietscht er nochmal durch die Kurve – der Abgang ist sehr kurz, mildpfeffrig, mit einem Anflug von Lakritz und Butter, die Zunge bleibt noch etwas betäubt. Im Nachklang entsteht ein angenehmer, warmer Alkoholhauch mit etwas rauchigem Hall.

Ein sauberer, klarer Rum, mit einem Twist: Mir gefällt diese geschmackliche Anlehnung an Obstbrand sehr. Viele weiße Rums, die ich kenne, explodieren entweder vor starken Aromen (rhum agricole und jamaikanischer Overproof), oder orientieren sich fast schon an Vodka in ihrer Neutralität und leben nur vom Mundgefühl (Brugal Titanium). Hier ist ein schöner Mittelweg gefunden worden, mit feinen Aromen, ohne dabei überwältigend zu werden – man spürt das Handwerk, das in ihn geflossen ist. Sehr gut pur zu trinken.

Revolte Rum Batches

Die strenge, kühle Aufmachung der Halbliterflasche hatte ich ja bereits oben angesprochen; ein interessantes kleines Detail fällt einem erst auf, wenn man die Flasche zur Seite dreht. Dort ist die Batch-Nummer (also die Nummer der Produktionscharge) handschriftlich eingetragen, und dazu die Flaschennummer. Meine Flaschen sind also die 416. von den 500, die im ersten Produktionsdurchlauf abgefüllt wurden, und die 170. aus dem 12. Durchlauf. Wir erfahren daraus die Batchgröße (250 Liter, vielen großen Hersteller, die sich gern auf „small batch“ berufen, wäre das wahrscheinlich nicht mal das Anfahren der Abfüllanlage wert), und dass sich hier noch jemand wirklich die Mühe macht, jede Flasche einzeln anzufassen um sie zu nummerieren.

Schmecken die Batches unterschiedlich? Da zwischen diesen meinen Abfüllungen rund ein Jahr lag, und sich der Brenner in dieser Zeit ja auch weiterentwickelt hat (erinnert man sich noch an die Einleitung?), sollte man mit Geschmacksunterschieden rechnen. Ein Selbstversuch ergab: Im Vergleich zu Batch 1 ist bei Batch 12 dieser geruchliche Anklang an rauchig-teerigen Mezcal fast komplett weg, statt dessen ist der Obstbrandcharakter extrem verstärkt. Auch geschmacklich könnte man Batch 12 fast für einen Birnenbrand halten, hier ist die Butter verschwunden und durch eine reinere Klarheit ersetzt worden. Tatsächlich wirkt Batch 12 etwas erwachsener und reifer, aber dafür etwas weniger funky und frech. Man erkennt noch die grundsätzliche Verwandschaft der beiden Abfüllungen; im Blindtest, da bin ich sicher, würden viele selbst diese nicht mehr anerkennen. Grundsätzlich ist das, das muss man klar sagen, eigentlich eine tolle Sache, so ein lebendiges Produkt – wir als echte Craft-Spirit-Interessierte können damit gut leben, dass die Sensorik sich von Abfüllung zu Abfüllung durchaus ändert. Wer immer genau dasselbe will, muss sich halt an mindestens halbindustrialisierte Hersteller wenden.

„Vodka cocktails will never teach you anything“, diese von mir bereits vielzitierte Meinung Ted Haighs teile ich voll. Auch wenn es inzwischen eine Fahrt aufnehmende Bewegung gibt, Vodka weg vom neutralen Effekttrinkerstoff hin zu einer höherwertigen Spirituose zu bringen, meide ich die Verwendung von Vodka in Cocktails aktuell noch, solange ich nicht wirklich eines besseren belehrt werde. Wenn es dann doch mal ein reizendes Rezept gibt, ersetze ich darin gern den Vodka durch einen aromatisch interessanteren Brand, und der Revolte Rum ist nahezu ideal dafür. Der Beweis ist der Basil Watermelon Cooler, der durch die zusätzliche Obstaromatik des Revolte Rums deutlich an Tiefe und Komplexität gewinnt im Vergleich zur Vodkavariante.

Basil Watermelon Cooler


Basil Watermelon Cooler
3 große Blätter Basilikum
1 Stück geschälter Ingwer
1 Stück Wassermelone
½ oz Zuckersirup
…diese Zutaten muddeln, dann…
2 oz weißer Rum (z.B. Revolte Rum)
½ oz Limettensaft
…dazugeben und shaken und schließlich toppen mit…
Ginger Ale
[Originalrezept nach Nick Mautone, der allerdings Vodka benutzt]


So ein milder, aromatisch feiner Rum ist aber dann doch nicht unbedingt für alle Zwecke geeignet. Aus der Kaltenthaler-Schnapsschmiede folgt entsprechend aktuell eine Abhilfe für all die, die gern etwas mehr Wucht im Drink hätten – der Revolte Overproof. Eine Flasche steht schon im Regal bei mir bereit, eine Besprechung dieses Revolutionsgenossen folgt auf diesem Kanal in naher Zukunft. Wenn wir schon bei Varianten sind, muss ich einen vorweihnachtlichen Wunsch an den Brenner äußern – gern würde ich diesen Rum auch mal fassgereift erleben, ich könnte mir vorstellen, dass dabei recht Spannendes herauskäme, wenn er ein paar Jahre in einem Holzfass statt den aktuellen 6 Monaten in einem Steingutkrug liegen dürfte (der Rum, nicht der Brenner).

Today, the flag for European rum is flown by Ron Montero, based in Motril, Andalucía.

Der Spirituosenautor Dave Broom schrieb das in seinem Buch Rum: The Manual. In einer eventuellen Neuauflage seines Buchs sollte Broom das ändern. Denn rein von der Spannung her weht die europäische Rumfahne heute eigentlich über Westhofen, Rheinland-Pfalz.

Crew Republic Drunken Sailor IPA Titel

What shall we do with the CREW Republic Drunken Sailor IPA?

Es war der schwärzeste Tag in der Geschichte der britischen Marine. Nein, wir reden nicht über Medway (1667) oder Cartagena Las Indias (1741), sondern über den 31. Juli 1970, ein Tag so schlimm, dass er als Black Tot Day von britischen Seeleuten bis heute betrauert wird: An diesem Tag wurde die tägliche Rum-Ration auf Kriegsschiffen abgeschafft.

Tatsächlich war der Alkohol trotz der unzweifelhaften Erfolge der Royal British Navy wohl wirklich ein Problem auf den Kriegsschiffen, so dass der daily tot von einer halben Pinte auf ein Viertel und schließlich sogar auf ein Achtel reduziert wurde, bevor man sich dazu durchrang, ihn ganz einzusparen. Ein interessantes Detail dabei – die ursprüngliche Ration an Alkohol bestand aus einer Gallone (viereinhalb Liter!) Bier; der Alkohol diente dazu, die schlechte Trinkwasserqualität auf Schiffen zu bekämpfen. Heutzutage müssen wir uns darüber kaum mehr Sorgen machen, und können uns Biere wie das CREW Republic Drunken Sailor IPA, das zumindest vom Namen her an die gute alte Zeit der täglichen Alkoholration erinnert, in der Freizeit zuführen, auch wenn es natürlich immer noch ein spannender Incentive in Firmen sein könnte.

Crew Republic Drunken Sailor IPA Flasche

Was sollen wir mit dem betrunkenen Seemann nun tun? Wir stecken ihn ins Glas und schauen ihm erstmal nur zu. Naturtrüb in leichtem Kupfer; wenig Perlage, Sehr feiner, cremiger und langlebiger Schaum. Der allererste Geruchseindruck ist schonmal ungewöhnlich: Basilikumpesto und Olivenöl. Sellerie. Daneben, wie IPA üblich erstmal der Fruchtkorb: Grapefruit, Honigmelone, Nektarine. Eine malzig-würziger Unterton. Ein sehr breites Spektrum.

Auch im Mund ist Basilikum der erste Eindruck. Auch der zweite. Das ist ein Pesto-Genovese-Bier. Die gemüsigen Komponenten überwiegen auch hier, begleitet von etwas überreifer Grapefruit und Nektarine, im Gegensatz zu vielen anderen IPAs sind die Zitrusaromen aber deutlich reduziert. Weiches Mundgefühl, und trotz der für ein Ale hohen Karbonisierung nicht übermäßig rezent, daher ein eher mittlerer Erfrischungsfaktor.

Im Abgang sehr würzig, erkennbar salzig, trocken und deftig bitter, dabei noch extrem adstringierend. die Zungenspitze bleibt eine Weile betäubt, die Bitterkomponenten sehr lang am Gaumen. Ein echtes Seemannsgebräu, in dem man das Meer und die Brise herausschmeckt.

CREW Republic Drunken Sailor IPA Glas

Höchst ungewöhnlich, finde ich. Natürlich ist die Gemüse- und Basilikumkompoente gut in das Gesamtbild eingebunden, daher ist „ungewöhnlich“ hier im Sinne von „spannend und lecker“ zu verstehen, nicht als kleinen Bruder von „schlecht“. Der Rest in reinen Zahlen liest sich dann auch schon wieder bekannt für die Freunde des India Pale Ales: 6,4% Alkohol, 58 IBU, Herkules, Citra, Cascade, Simcoe als Hopfen- und Pilsener, Münchner und Karamellmalz als verwendete Malzsorten sorgen scheinbar in Kombination für die interessante Geschmacksbildung. 0,33l sind im gutsortierten Handel für 2,00€ erhältlich.

Ich glaube, es gibt kein Bier, das sich besser für die Vermischung in einem American Ti Punch eignet als das CREW Republic Drunken Sailor IPA. Die gemüsigen Noten passen perfekt zum herbal-vegetalen Charakter eines weißen rhum agricole, so dass ein wirklich runder Biercocktail entsteht. Dazu ist er mit den unterschiedlichen Dichten der beiden Komponenten auch optisch ein Hingucker; das Schichten ist einfacher, als man zunächst denken mag, es erfordert nur eine ruhige Hand, den Rest erledigen die Flüssigkeiten und die Physik von selbst.

American Ti Punch


American Ti Punch
1 oz weißer Rhum agricole (z.B. La Mauny 50°)
¾ oz Limettensaft
½ oz Zuckersirup
1½ oz hopfenfruchtiges Bier (z.B. CREW Republic Drunken Sailor IPA)
Alle Zutaten auf Eis rühren.
[Rezept nach Moritz Niederstrasser und Matthias Ingelmann]


Schon diverse andere Crew-Republic-Biere, wie das 7:45 Escalation Double IPA oder das Roundhouse Kick Imperial Stout, haben mich sehr überzeugt. Das Drunken Sailor IPA reiht sich nahtlos in diese positive Erfahrungsreihe ein – ich freue mich sehr, dass mein lokaler Getränkemarkt dieses Bier nun ins (zumindest vorläufige) Dauerangebot aufgenommen hat und ich es öfters genießen kann, ohne große Internetbestellungen tätigen zu müssen. Und ich werde es in Zukunft zu jedem Black Tot Day zusammen mit einer Viertelpinte Rum eingießen, um auf vergangene Traditionen anzustoßen.

Whiskytruhe Macduff Highland Single Malt Titel

Von Kisten, Truhen und Fässern – Whiskytruhe Macduff Highland Single Malt Scotch Whisky

Mir geht der Platz aus. In einem meiner Artikel über den Aufbau einer Heimbar hatte ich auch über ein Spirituosenregal gesprochen; dort empfahl ich ein IKEA-Regal. Nun, mehr als ein Jahr später, platzt das Regal aus allen Nähten; jedes Fach ist in vier Reihen gefüllt, so dass man an die hinteren gar nicht mehr richtig herankommt. Das Erweckungserlebnis neulich war, dass ich abends eine Taschenlampe benutzen musste, um den Himbeerlikör im Fach unten rechts zu finden. So richtig schön ist das nicht mehr; ich denke über eine Alternative nach.

Das ist natürlich ein ganz besonderes Problem, das ich nicht mit wirklich vielen Leuten teile. Für die allermeisten Spirituosenfreunde ist so eine umfangreiche Bar gar nicht unbedingt erstrebenswert – sie interessieren sich für einzelne Spirituosen, haben einen Lieblingswhisky oder -rum, und brauchen daher kein großes Regal mit viel Stellfläche, sondern eher etwas kleines, charmantes, atmosphärisches, das die wenigen Einzelflaschen optimal zur Geltung bringt. Die Möbelindustrie bietet ein breites Portfolio an standardisierten Vitrinen für solche Zwecke; wer aber etwas besonderes will, gar ein Unikat, der muss sich an Unternehmer wie whiskytruhe.de wenden, wo individuelle Aufbewahrungstruhen nach Kundenwünschen angefertigt werden.

Whiskytruhen bei Whiskytruhe.de

Whiskytruhe.de bietet allerdings neben individuell geformten Hartholz auch die flüssige Ware, die in den entsprechenden Kisten aufbewahrt werden soll, an. Auch hier zeigt sich, dass vor allem der nicht nur am offiziellen Standard interessierte Käufer sich hier wohlfühlen wird – eine individuelle, unabhängige Abfüllung eines schottischen Hochlandwhiskys ist der aktuelle Star im Angebot: der Whiskytruhe Macduff Highland Single Malt Scotch Whisky.

Eine erste Überraschung erfolgt schon beim Lesen des Namens. Wer Whisky-Kataloge durchblättert,  sich die Auslagen von Whiskyläden anschaut oder seine Augen über die Regale von Whiskybars schweifen lässt, sieht immer wieder dieselben Namen. Da sind die großen Destillerien, die selbst abfüllen, wie Glenfiddich, Glenmorangie, Bruichladdich oder The Glenlivet meist leicht wiedererkennbar. Doch was ist mit der Destillerie Macduff? Man wird Mühe haben, einen dort destillierten Whisky unter diesem Namen zu finden; der Hersteller beliefert stattdessen hauptsächlich Blender (der weltweit sechstgrößte Blend nach Verkaufszahlen, William Lawson’s, beruht zum Großteil auf Macduff-Malt), und bringt ein Produkt unter dem Namen The Deveron auf den Markt (früher: Glen Deveron). Ich bin ein großer Freund unabhängiger Abfüllungen, und daher sehr gespannt, wie sich dieser Highland-Whisky im Glas schlagen wird.

Whiskytruhe MacDuff Highland Single Malt Scotch Whisky Flasche

Bei vielen anderen Spirituosen erwähne ich inzwischen, wenn es um die Farbe geht, nur noch lapidar das Wort „Zuckerkulör“. Soviele Produkte sind inzwischen gefärbt, dass die Tönung praktisch nichts mehr über die Qualität oder Beschaffenheit aussagen kann. Hier ist das anders – die sehr helle Kolorierung mit fast schon weiße Reflexen spricht eine klare Sprache: hier ist nichts gefärbt, und auch nicht kühlgefiltert. Damit punktet der Whisky schonmal, bevor man ihn überhaupt im Mund gehabt hat.

Der Laie, der nur die dunklen Whiskys aus den Supermarktregalen kennt, denkt sich vielleicht, das würde bedeuten, der Whisky sei dann dünn und schwach. Das prüfen wir sofort- zunächst ohne Wasserzugabe.

Direkt nach Eingießen nimmt man erstmal ein sehr starkes Lösungsmittel wahr, das nach einer Weile atmen dann aber fast komplett verschwindet. Mildes Obst und Vanille erkennt man vordergründig, außenrum ist der Whiskytruhe Macduff blumig und grasig. Mit etwas Wasser kommt die süße und blumige Komponente noch stärker zum Vorschein, er erinnert dann an Traubenmost, mit einem ausgeprägtem Veilchenduft.

Whiskytruhe Macduff Highland Single Malt Scotch Whisky Glas

Der erste Geschmackseindruck ist süß, mild, die errochene Vanille ist präsent, dazu Karamell und Schokolade, dahingehend fast schon an leichten Bourbon erinnernd, insgesamt aber meines Erachtens bleibt der Macduff recht typisch für einen Highland-Whisky.  Im Verlauf kommt eine kräftige Schärfe dazu, Zimt, grüner Pfeffer. Das Lösungsmittel taucht wieder auf, Holznoten entstehen, Pfefferminze kühlt den Mundraum. Mit Wasser – bei immerhin 56,5% Cask-Strength-Alkohol ist das für den echten, unbetäubten Genuss unerlässlich – wird der Macduff wunderbar süß und weich, schokoladig, viel runder und dichter, karamellig. Die vorherige Schärfe wandelt sich zu mentholiger Minze, Kandiszucker-Würze, mit Anklängen von gebrannten Mandeln und Ahornsirup. Ein perfektes Beispiel dafür, dass Wasser einen Whisky noch verbessern kann.

Der Abgang ist kurz, frech und pikant, dann im Verlauf wieder milder, vanillig, grasig, etwas feuchter Karton. Ganz am Ende kommt dann eine unerwartete, dafür umso erfreulichere umami-Komponente dazu. Der Nachhall ist mittellang.

Whiskytruhe Macduff Highland Single Malt Scotch Whisky Etikett

Der Whiskytruhe Macduff 9 ist eine Einzelfassabfüllung. Bei dem Fass handelt es sich um ein Ex-Bourbon-Fass (auf dem Etikett ist sogar die entsprechende Fassnummer angegeben); 257 Flaschen konnten mit dem Inhalt dieses Fasses befüllt werden. Erfrischend konsequent ist die Altersangabe – während bei vielen Rums Fantasiezahlen auf die Etiketten gedruckt werden, die mit dem echten Alter nur noch selten etwas zu tun haben, ist bei Scotch eine strenge Regelung in Kraft, so streng, dass dieser Whisky eben als 9-jähriger deklariert wird, obwohl er laut den angegeben Destillations- und Abfülldaten (11.10.2006 respektive 07.09.2016) eigentlich schon so gut wie 10 Jahre alt ist.

Zum Zeitpunkt des Erstellens dieses Artikels ist Spätherbst. Draußen wird es langsam ungemütlich, das Laub ist schon fast komplett gefallen, und vom Spaziergang mit dem Hund kommt man immer feuchter und schmutziger nach Hause. Da ist es dann doch Zeit für einen ebenso herbstlichen Cocktail, der mit seinen Nuss- und Laubaromen das namensgebende Eichhörnchen in Erinnerung ruft, das seinen Wintervorrat hoffentlich schon angelegt hat: der Drunken Squirrel. Ein Cocktail, der mit jedem Schluck besser wird. Ich gebe zu, der erste ist nicht prickelnd. Der letzte entschädigt aber für alles. Wer diesen Weg nicht gehen will, lässt den Eiswürfel eine Weile vor sich hin schmelzen und steigt erst später ein.

Drunken Squirrel


Drunken Squirrel
2 oz Highland Scotch Whisky (z.B. Whiskytruhe Macduff 9)
¾ oz Haselnusslikör (z.B. Frangelico)
½ oz Maraschino-Likör
¾ oz Zitronensaft
½ oz Ginger Ale

Auf Eis rühren und mit einem großen Eiswürfel servieren.
[Rezept nach Stéphane The Mad Malt Mixologist]


Persönlich mag ich jüngere, charaktervolle Whiskys, die nicht fett, faul und bequem geworden sind. Der Whiskytruhe Macduff mag kein Scotch sein, den man sich nach einem harten Arbeitstag abends vor dem Kamin eingießt, und dann beim gemütlichen Schlürfen entspannt – nein, das ist ein fordernder Whisky, der geschmeckt und erforscht werden will, der mehr den Kopf als den Bauch anspricht, ohne dabei zu intellektuell und abgefahren zu sein. Kurz: spannend und unterhaltsam. Meine etwas eingeschlafene Liebe zu Scotch wird durch diese Art von Abfüllungen zu meiner eigenen Überraschung wieder aufgefrischt.

Offenlegung: Ich danke Whiskytruhe für die Zusendung von einigen Samples dieses Whiskys.

Tequila - Kultur und Genuss Titel

Tequilakunde für Anfänger – Tequila: Kultur & Genuss

Ich erwähne es immer wieder und gern – bei aller Freundschaft zu Rum, Whiskey und Likören gilt meine wahre, echte Liebe dem Tequila. Wie dies entstehen konnte ist mir selbst ein Rätsel – diese Spirituose hat in Deutschland einen schlimmen Ruf, gilt als Feuerwasser für Partysäufer. Im Supermarkt bekam man bis erst vor kurzem praktisch nur die Produkte eines Herstellers, auch in Bars wird man heute noch oft mit verknautschtem Gesichtsausdruck angeschaut, wenn man einen Tequila bestellen will – die freundlich-naive Nachfrage „weiß oder gold?“ zwingt mich dann meist dazu, doch lieber einen Scotch zu bestellen.

Wie diese Liebe entstehen konnte mag ein Rätsel sein; woran es liegt, dass ich diese Spirituose über alle anderen stelle, ist offensichtlich – ein guter Tequila ist die Krönung an Aroma, Duft und Mundgefühl. Wer ihn nicht kennt, verpasst das Beste. Nun will sich der eine oder andere vielleicht neben dem ausgiebigen Verkosten, dem besten Weg, eine Spirituose kennenzulernen, auch über ein Fachbuch in die Thematik einlesen. Da sucht man beim größten Online-Bücherhändler nach Fachbüchern über Tequila, und wird schnell fündig: Tequila – Kultur & Genuss von Werner Obalski und Jürgen Deibel bietet sich schnell an.

In diesem 96-Seiten-Buch, das durch dickes Hochglanzpapier, dicken Einband und viele Fotos entsprechend dicker aussieht, als es der Inhalt hergibt, erfährt man vieles über die Hintergründe des mexikanischen Agavenbrands – Geschichte, Pflanzenkunde, Ernte, Verarbeitung und Lagerung sind Themen, die jeweils in wenigen Sätzen kurz vorgestellt werden. Dazu gibt es eine Liste von Destillerien, einige Seitenbemerkungen zur Kultureinbindung des Tequila und am Ende Koch- und Cocktailrezepte, die sich des Tequilas bedienen. Ein attraktiv gestaltetes Buch, in dem Anfänger erste Hinweise finden?

Tequila - Kultur und Genuss Cover

Soweit, so gut. Die fachlichen Informationen sind korrekt und kurz und knapp präsentiert – wer noch keine Ahnung über die Herstellung und Herkunft von Tequila hatte, wird in wenigen Seiten kompetent darüber aufgeklärt. In einer guten Viertelstunde hat man das Buch komplett durchgelesen und ist nachher etwas klüger, was Tequila angeht, als vorher. Das ist aber leider auch schon alles, was ich an Positivem über das Buch sagen kann. Anschnallen, der offizielle Verriss beginnt hier.

Beginnen wir die Kritik mit dem, was mir als erstes aufgefallen ist. Jedes zweite Foto einer Flasche ist eine Sierra-Flasche. Bei der Aufzählung der Destillerien bekommt jede erwähnte Firma ca. eine halbe Seite – Sierra bekommt drei Vollseiten. Der Firmenname des Sierra-Importeurs (der auch Mehrheitsteilhaber an der Destillerie ist) wird ein Dutzend mal erwähnt, ich will ihn hier nicht auch noch wiederkäuen. Nein, das ist kein unabhängig geschriebenes Buch, sondern über große Teile ein Werbeprospekt für Destilerías Sierra Unidas, S.A. de C.V., Guadalajara, Mexiko.

Tequila - Kultur & Genuss Innenseite 1

Die Weigerung, das klare Wort Mixto zu verwenden und statt dessen dauernd vom „normalen“ Tequila zu reden, missfällt mir sehr – die Begründung dafür ist auch eine sehr Mixto-verkäuferfreundliche (und es ist bestimmt reiner Zufall, dass Sierra in Deutschland hauptsächlich Mixtos verkauft). Ganz ehrlich – heutzutage noch davon zu reden, dass die 100%-Agave-Tequilas die Ausnahme und die Mixtos der Standardfall ist schon etwas fremdartig und stimmt nur, was Verkaufszahlen angeht – aber gewiss nicht für Leute, die Spirituosen wegen des Genusses trinken („Kultur & Genuss“ ist schließlich der Untertitel des Buchs). Der nur am Effekt Interessierte auf der Studentenparty, der sich einen Tequilarausch ansäuft, ist sicher nicht die Zielgruppe des Buchs. Man sollte es klar aussprechen: Ein Mixto ist eine Minderqualität des Standardfalls 100%-Agave, die es ausschließlich deswegen gibt, um billige Mengen verkaufen zu können.

Die Fotos und die Beschreibung der Herstellungsart passen sich diesem mixtofreundlichen Trend aber nicht an – da werden dann plötzlich die Hornos und Tahonas gezeigt, die selbst für die hochwertigen 100%-Agave-Tequilas in der heutigen industrialisierten Massenproduktion nur noch in Ausnahmefällen genutzt werden. Gerade Mixtos werden in Autoklaven (erwähnt werden sie wenigstens!) und Stahlmühlen produziert; diese zu zeigen würde sich aber wahrscheinlich einfach nicht in das folkloristisch-touristische Restbild des Buchs einpassen, das gern über Kultur und Legenden salbadert.

Tequila - Kultur & Genuss Innenseite 2

Grundsätzlich wird Tequila stark exotisiert, als aromatisch seltsam hingestellt und dies immer wieder runtergebetet. Dass es schwierig sei, einen Tequila in einen Cocktail einzubinden („Drinks mit Tequila gehören für einen Barkeeper zum Kompliziertesten, denn der intensive Eigengeschmack…“) ist natürlich ebenso Nonsense – ein guter Tequila ist ein perfekter, leicht handzuhabender Cocktailspieler.

Ein paar weitere störende Punkte fallen mir noch ein, die sich aber in das grundsätzliche Konzept des Buchs dann gut einpassen: In einem Buch über die Spirituose Tequila brauche ich keine „Reisetips Mexiko“. Die Kochrezepte mögen ja vielleicht noch angehen, allerdings nehmen sie einen viel zu großen Anteil des Buchs ein (über 20%!) – insbesondere, weil gleichzeitig nur 5 Cocktailrezepte auf einer mageren Doppelseite angegeben werden, dazu noch recht offensichtliche. Margarita mit zwei Variationen, Tequila Sunrise und „El Diabolo“ – letzteres sollte wohl ein El Diablo sein, aber Spanisch ist halt nicht jedermanns Sache. Hochwertiges Deutsch übrigens aber auch nicht so wirklich: Der Schreibstil ist sehr prosaisch, Hauptsatz wird an Hauptsatz gereiht und es werden Phrasen gedroschen, dass es eine wahre Freude ist. Das kann Jürgen Deibel, Co-Autor des Buchs, den ich sehr schätze und der auf seinen Vorträgen wortgewaltig, eloquent und höchstunterhaltsam ist, eigentlich viel besser.

Ein Buch, das die Tequilawelt vor 10 Jahren gewiss gern gelesen hat (es erschien 2008 zum ersten Mal und wurde 2016 wiederaufgelegt) – heute wirkt es stilistisch altmodisch, inhaltlich veraltet und viel zu einseitig-herstellernah, als dass es als echtes Informationsmaterial (von Nachschlagewerk gar nicht zu sprechen!) funktionieren könnte. Das ist doppelt schade, denn der deutschsprachige Markt für Bücher über Tequila ist derart winzig, dass viele Leute es rein deswegen kaufen, weil es praktisch das einzige dedizierte Fachbuch über Tequila überhaupt ist. Immerhin mag es als Blick in die dankenswerterweise lang zurückliegende Vergangenheit dienen, als der 100%-Agave-Tequila noch nicht den Siegeszug angetreten hatte, dem wir heute viele Dutzend tolle und breit erhältliche Ausprägungen einer großartigen Spirituose verdanken.

Metaxa 7 Stars Titel

Sterne über Griechenland, Teil 3 – Metaxa 7 Stars

Unser Ausflug an den griechischen Nachthimmel mit seinen Sternen hat seine Halbzeit erreicht. Waren die Sternbilder mit 3 und 5 Sternen noch eher etwas für den unambitionierten Astrologen, drehen wir nun das Teleskop auf einen ersten sideralen Höhepunkt: den Metaxa 7 Stars. Inzwischen wissen wir ja, dass der Name bedeutet, dass wir hier eine 7 Jahre gereifte Weinbrandbasis vor uns haben – das ist schon ein ordentliches Alter für einen Weinbrand, bei Cognac hätten wir vor 2016 hier bereits von der Qualitätsstufe XO gesprochen.

Metaxa 7 Stars Flasche

Wir beginnen mit dem leider etwas wenig Starhaften. „Zuckerkulör“ – mehr muss ich inzwischen für regelmäßige Leser meines Blogs nicht sagen. Für alle anderen: Die schöne Farbe ist getürkt, ich halte mich also nicht allzu lang damit auf.

Um so länger könnte ich dann aber dafür am Geruch hängen bleiben. Ein sommerliches Blumenbeet. Rosen, Jasmin, dazu gibt es Unterstützung von Vanille, Feigen und reifen Bananen; Zitronenfrische etwas später. Eine leichte Schwefelnote kommt aus der Weinbrandbasis.

Und, ah, butterzart ist der Metaxa 7 Stars, mit einem Anflug von Kribbeln. Weich und rund, leicht schwefelig im Verlauf. Vanille. Karamell. Milchschokolade. Rosinen. Ansonsten kommt hier die Rosennote zum ersten Mal in der Produktreihe richtig schön zur Geltung. Sie liegt nun im Vordergrund, mit einer kräftigen, aber unaufdringlichen traubig-saftigen Süße – als würde man eine Rosenblüte essen. Immer mehr Kanten sind abgeschliffen, die uns im 3- und 5-Sterne-Metaxa noch störten.

Der Abgang bleibt eher kurz und trocken, dafür würzig und warm im Mund, weich im Rachen und in der Kehle. Da ist nun überhaupt kein Kratzen mehr, das läuft runter wie warmes Öl. Eine leicht klebrige Süße bleibt am Gaumen. Die blumige Komponente hängt noch eine Weile im Mund nach, mit einem milden Brandy-Schwefel.

Wir bewegen uns hier im Bereich dessen, was ich schon gern pur trinke. Gut handwarm, in einem großen Cognacschwenker. Darüber hinaus ist das die Fassung des Metaxa, die bei mir als Standard für Cocktails gilt – beispielsweise im Democritus. Ein Alleskönner also, und die Qualität, die ich einem Einsteiger in die Welt des Metaxa empfehlen würde. Mit einem sehr guten Preisleistungsverhältnis – für um die 15€ pro 700ml ist es auch keine große Investition, während man eine sehr schöne Spirituose als Gegenleistung erhält.

Democritus


Democritus
5 Minzblätter
½ oz Limettensaft
Zusammen vorsichtig muddeln.
2 oz Metaxa 7 Stars
½ oz Rye Whiskey (z.B. 1776 Straight Rye Whiskey)
1 oz Ananassaft
½ oz Orgeat
2 Spritzer The Bitter Truth Jerry Thomas‘ Own Decanter Bitters
Auf Eis gut shaken.
[Rezept nach Ryanimo]


Ich nutze diese Variante des griechischen Weinbrands, um mal darauf hinzuweisen, dass man sie auch in allerlei Größen bekommt – den 7er-Metaxa beispielsweise habe ich als 5cl-Miniatur, als 20cl-Flachmann und in der 70cl-Amphorenflasche zu Hause. Gerade die Mittelgrößen, wie 20cl und 35cl sind in Deutschland nicht flächig erhältlich; in griechischen Supermärkten, insbesondere dort, wo Touristen unterwegs sind, dagegen schon.

Metaxa 7 Stars Verschiedene Größen

Und natürlich ist sich der Hersteller von Metaxa nicht zu schade, hin und wieder Sonderaktionen durchzuführen, bei denen eine Flasche zusammen mit einem Gimmick verkauft wird. Mitte des Jahres 2016 beispielsweise war Metaxa 7 Stars zu einem sehr günstigen Preis zusammen mit einem sehr formschönen Tumbler beim Supermarkt Real erhältlich. Ein echter Fan wie ich konnte da einfach nicht widerstehen, insbesondere, da diese Art von Markenglas allein gekauft schon oft 5€ und mehr kosten kann.

Metaxa 7 Sterne Glas und Karton

Wer sich unsicher ist, sollte bei seinem griechischen Restaurant der Wahl einfach nach dem Essen mal statt dem Standard-Ouzo diesen Metaxa bestellen. 7 Stars sollte in jeder Taverne, die etwas auf sich hält, auf der Karte stehen. So ein schönes Glas Metaxa ersetzt einen Nachtisch, und lässt einem die Zeit, nach einem üppigen Mahl nochmal ein bisschen zu schwelgen und träumerisch an den Nachthimmel Griechenlands zu denken.

Der hellenische Sternenhimmel wird im nächsten Teil ergänzt um den großen Bären der Sterne-Metaxa-Himmelsbilder: Wir sehen uns nächsten Monat, wenn der Metaxa 12 Stars an die Reihe kommt, in meiner Reihe „Sterne über Griechenland“ verkostet zu werden.

Samuel Smith's Imperial Stout Titel

Imperius Rex! Samuel Smith’s Imperial Stout

Alte Rezensionen… man sollte sie nicht mehr lesen, wenn man sich nicht für sich selbst fremdschämen will. Doch wenn man sich verbessern will, muss man in den sauren Apfel beißen und verstehen, warum sich frühe Besprechungen so anders lesen als die neueren. Man sammelt Erfahrung im Verkosten, man verändert seine Sichtweise auf Dinge, man schraubt an seinem Schreibstil – all das ist einfach nötig, denn von Anfang an hat kein Rezensent goldene Eier gelegt.

Ich publiziere hin und wieder hier auf meinem Blog auch ältere Besprechungen aus meiner Amazonzeit. Oft poliere ich sie etwas auf, damit sie zu meinem neuen Stil passen; ich dachte mir aber, dass es auch mal wertvoll sein könnte, eine Rezension als Ausgangspunkt für eine Metadiskussion herzunehmen. Beginnen wir einfach damit, dass ich eine Rezension vorstelle, so wie ich sie damals am 12. Juli 2015 bei Amazon veröffentlichte, einige Zeit, bevor ich den Blog schlimmerdurst.net startete. Natürlich noch ohne Fotos, damals, für das Samuel Smith’s Imperial Stout. Lassen wir den alten Rezensenten, damals noch „Nunc est bibendum“ genannt, sprechen.

Samuel Smith's Imperial Stout Flasche


„Die Zeiten, in denen man in Deutschland außer Pils und Hefeweizen kaum etwas kannte, sind vorbei: IPA und Stout beginnen so langsam, sich einen Weg über die Craft-Beer-Szene auch in die eher konservativen Haushalte und Bars zu bahnen. Bei mir in der Provinz dauert alles immer ein bisschen länger, daher ist dies eines der ersten Imperial Stouts, die ich verkoste.

Pechschwarz fließt die Flüssigkeit ins Glas, eine feinperlige dünne Schaumkrone bildet sich schnell. Von der Konsistenz her erkennbar dickflüssiger als unser typisches deutsches untergäriges Bier, und mit vergleichsweise wenig Kohlensäure ausgestattet, ist es auch herrlich dunkel-aromatisch im Geschmack: Bitterschokolade, Kakao, Kaffee und ein Touch von herben Früchten, dazu ein Hauch Gewürz, Röstnoten und Nüsse. Ich werde dieses Bier bei der nächsten Party als Nachtisch servieren, da braucht man weder Käse noch Süßspeisen, obwohl es ganz sicher auch dazu passt. Trotz der ausgesprochenen Bitterkeit und für ein Bier etwas erhöhten Alkoholgehalts ist Samuel Smith’s Imperial Stout sehr weich und rund im Mund, und dabei nicht so supermalzigsüß, wie man es vielleicht vom irischen Guinness kennt. Der Drittelliter, so interessant und angenehm sich dieses Bier auch trinken lässt, ist dann aber auch genug für einen Abend – mehr muss nicht sein. Auch als Durstlöscher taugt es nur sehr bedingt.

Die Aufmachung ist sehr schick, ungewöhnlich und mit einem beeindruckenden Etikett versehen. Da dieses Stout beim Mixology-Test auch auf einem respektablen 8. Platz mit wohlwollenden Kommentaren gelandet ist, sollte man selbst auch mal einen Schluck davon riskieren. Und ich werde weiterhin noch das eine oder andere Stout probieren, das steht fest.“


Samuel Smith's Imperial Stout Glas

Grundsätzlich finde ich diese Review auch heute noch nicht schlecht, wenn auch etwas fortgeschritten amateurhaft – es fehlt mir die Angabe des tatsächlichen Alkoholgehalts (7%), der Malzsorten und eine Geruchsverkostung. Was mir stilistisch rückblickend auffällt, ist, dass die Rezension einfach so ins Blaue startet, mit einer nur kurzen Hinführung. Durch diese kurze Hinführung wird aber schon deutlich, dass ich damals mehr im Sinn hatte, als einfach nur Geschmacksnotizen oder Kaufhinweise zu geben – ich will den Leser auf eine Lesereise mitnehmen. Spannungsbogen, Story Telling und Einbettung in ein interessantes Rahmenthema: Das war mir damals noch alles fremd. Was mir schon immer lag, war ein Bonmot für den Titel der Rezension zu finden; die Verbindung eines Imperial Stouts mit der kaiserlichen Meerescomicfigur The Submariner, dessen Wahlspruch „Imperius Rex!“ auch von der Wortwahl her passt, schien mir ein kleiner, nerdiger Hinweis auf meine Comicbegeisterung zu sein.

Darüber hinaus muss man aber festhalten, dass es nicht allein an mir lag. Amazon ist ein denkbar schlechtes Portal für schön gestaltete Reviews – ein schlecht implementierter Editor, man kann Fotos nur an den Artikel hängen, nicht an eine bestimmte Stelle einbetten, Hyperlinks sind kaum möglich, man kann keine typografischen Änderungen wie Kursiv- oder Fettschreibung vornehmen, und man muss aufpassen, welche Worte man verwendet, um nicht im automatischen Content-Filter hängen zu bleiben. Die teilweise tagelange Wartezeit, bis die Besprechung veröffentlicht oder nach Änderungen geupdatet wurde, ist ein Ärgernis. Mir missfiel auch immer schon, dass man eine Sternebewertung abgeben muss (ich bezweifle bis heute deren Sinnhaftigkeit), und die Zuordnung von Rezensionen zu Produkten ist bei der grauenhaften Qualität des Amazon-Produktkatalogs, der vor Dubletten und Doppeltzuordnungen nur so strotzt, nur eine gewisse Weile gewährleistet. Von der anonymen Abklickerei mit dem unsäglichen „Nicht-Hilfreich“-Button will ich gar nicht erst anfangen (diese Rezension ist bis heute glücklicherweise davon verschont geblieben).

Samuel Smith's Imperial Stout Amazonrezension

Warum hatte ich bei Amazon rezensiert? Erstens ist Amazon eine natürliche erste Anlaufstelle für dahingehend Interessierte, und auch eine, an der man schnell ohne viel Aufwand Artikel veröffentlichen kann. Der enorm große Rezipientenkreis hat auch seinen Reiz. Doch dieses Makeup verblasst schnell, wenn man beginnt, semiprofessionell zu arbeiten. Dann ist der eigene Blog die einzig richtige Wahl, auch wenn der Beginn nicht stolpersteinfrei ist.

In meiner ursprünglichen Rezension hatte ich auch noch kein Cocktailrezept für das Samuel Smith’s Imperial Stout angegeben. Die Idee, zu jedem Bier eine Mixempfehlung anzugeben, kam mir erst später, als ich das Potenzial von Bier dafür erkannte. Bis heute ist dies allerdings ein Nischenthema in der Mixologie; ich bin dennoch sehr stolz darauf, dass man auf meiner Seite inzwischen eine erkleckliche Anzahl von Biercocktails für jede Art von Bierstil passend abrufen kann. Nun reiche ich auch ein Rezept für das damals besprochene Bier nach – The Outlaw Czar soll mit seinem Namen wahrscheinlich an die russische Verbindung eines Imperial Stouts hinweisen, denn diese Art Bier wurde als Hofbier des russischen Zarenhofs seit Katharina der Großen berühmt. The Outlaw Czar hat aber auch so etwas Royales an sich. Und er ist mit Sicherheit einer der besten Biercocktails, die ich bisher genießen durfte. Ausprobieren ist Pflicht!

The Outlaw Czar


The Outlaw Czar
2 oz Rye Whiskey (z.B. 1776 Straight Rye Whiskey)
¾ oz Orangenlikör (z.B. Grand Marnier Cordon Jaune)
3 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit…

6 oz Imperial Stout (z.B. Samuel Smith’s Imperial Stout)
[Rezept adaptiert nach Rock & Rye]


Soweit also mein etwas rosig gefärbter Rückblick auf das wie und warum meines Blogs. Ich hoffe, ich habe mich seit dieser Zeit verbessert; verändert habe ich mich auf jeden Fall, auch persönlich, durch das Schreiben. Allein durch das Verfassen von Rezensionen setzt man sich viel intensiver mit einem Produkt oder Gedanken auseinander, man muss Disziplin und Konsequenz lernen, seine Gedanken ordnen und in Form bringen. Das bringt einem auch im Privat- und Berufsleben etwas, wie ich glücklicherweise erfahren durfte. Außerdem ist dieser Blog ein sehr praktischer Tagebuchersatz für mich geworden, über den ich Gedanken niederschreiben kann und der manchmal auch als Ventil dient.

Ich weiß, dass hin und wieder auch Bloggerkollegen hier mitlesen; wie seht Ihr das? Ging es Euch ähnlich? Was sind Eure Anfänge und Gründe? Traut Ihr Euch, Eure alten Rezensionen nochmal auszupacken und zu analysieren? Gern würde ich von Euch hören, wie auch von den reinen Lesern, die meinen Blog schon seit längerer Zeit verfolgen.

Bellman Porto Titel

Süßbombenalarm bei Aldi – Bellman Tawny Port

Ich beneide manche Schnapsblogger. Sie haben immer höchstexklusive Spirituosen zum Ausprobieren und Rezensieren, 25 Jahre alte Enmore-Rums, Pappy Van Winkles, Spezialabfüllungen aus den 80er Jahren oder 50-Jahre-Sherrys. Das ist ein tolles Leben, wenn man sowas probieren darf. Der Sinn, solche Raritäten dann aber ausführlich zu rezensieren, geht allerdings streng gegen Null. Die Zielgruppe für derartige Artikel ist winzig, da es meist nur ein rein akademisches Interesse befriedigt – wer kann oder will sich schon derartige High-End-Spirituosen leisten? Viele der Käufer öffnen die teuer erstandene Flasche darüberhinaus sowieso nie, da sie sie als Spekulationsobjekt oder als Schatz für einen besonderen Anlass, der dann nie kommt, aufbewahren. Da bleiben nur die Hardcore-Fans übrig, die wissen, dass eine Spirituose nicht fürs Handeln auf Ebay und Begaffen in einer Vitrine gemacht wurde, sondern fürs Trinken – diese kennen sich aber dann oft genug eh schon soweit aus, dass sie nur wenig Hilfestellung benötigen.

Daher schreibe ich auch gern Rezensionen über Produkte, die weit gestreut erhältlich sind, und, ja, sogar im Discounter. Denn interessanterweise ist die Anzahl von Reviews über Discounterprodukte stellenweise genauso niedrig wie die der Besprechungen der „Einhörner“, also superseltenen Abfüllungen, der Spirituosenwelt – entweder denken die Blogger, dass es sich nicht lohne, sich mit so niedrigwertigen Produkten abzugeben, oder sie tauchen gar nicht erst auf deren Radar auf. Dabei gibt es genug Verbraucher, die jeden Cent umdrehen müssen (oder wollen), und trotzdem nicht auf Qualität verzichten sollten. Und wenn es dann noch um eine in Deutschland eh stiefmütterlich behandelte Spirituosenkategorie wie Portwein geht, ist mein Interesse doppelt geweckt. Daher schauen wir uns heute mal ein Saisonprodukt des Discounters Aldi an, das meist im Herbst oder in der Vorweihnachtszeit als Aktion erhältlich ist: Den Bellman Tawny Port.

Bellman Porto Flasche

Direkt zu Beginn wird man erstmal überrascht. Hat man den Echtkorken gelöst und sich ein Glas eingegossen, glitzert einem der Port rubinrot an. Das könnte man für einen Ruby halten – eigentlich geht ein Tawny oft eher ins Braune.

Gibt es weitere unerwartete Ereignisse, wenn man die Nase ins Glas hält? Eher nicht. Säuerlich und holzig ist der erste Eindruck, nach trockenem Rotwein. Eine leichte Kakaonote, dazu Vanille gleichen das etwas aus. Man meint, vorausahnen zu können, wie dieser Portwein schmecken wird…

…und wird eines anderen belehrt. Der Geschmack ist überhaupt nicht weinig und sauer, sondern extrem süß, fast schon pappig, zuckrig. Das Mundgefühl ist sehr dicht und vollmundig, dabei weist der Bellman aber nur enttäuschend wenig Komplexität auf. Die Süße erschlägt alles andere. Nur Rosinen, Piment und Kardamom können im Hintergrund noch etwas beitragen.

Ein mittellanger Abgang, nun doch weinig und adstringierend, mit schokoladigen Noten am Gaumen, dazu ein leichter Eisenton. Der Port hinterlässt einen Belag im gesamten Mundraum, und ein Hauch Alkohol entströmt dem Rachen nach dem Genuss – 19 Volumenprozent sind halt schon eine Marke, die man vertragen können muss, vor allem, wenn sie so durch Süße verdeckt werden.

Bellman Tawny Port Glas

Nun, wer auf süße Sachen steht, wird hier glücklich werden: das ist von Körper und Süße her eine Bombe. Wer seine Ports aber eher trocken und komplex mag, sollte einen Bogen um Aldi in der Zeit machen, wo es diesen Porto in der Sonderfläche zu kaufen gibt. Tatsächlich mag der Bellman aber dennoch als Dessertbegleiter in jedem Haushalt gute Dienste leisten. Bei 6€ pro 750ml-Flasche kann man mit diesem Portugiesen diesbezüglich ein Schnäppchen machen.

Ein dermaßen süßer und dabei dichter Portwein ist natürlich eine exzellente Wahl als Cocktailzutat – laut manchem Kenner ist es verpönt, für Cocktails hochwertige Vintage-Ports heranzuziehen (den Grund dafür konnte man mir nicht wirklich erklären, ich vermute, es ist das übliche wie-kann-man-es-wagen-Gejammere), dann muss eben der billige Stoff dafür her. Und der Bellman macht sich entsprechend auch ganz hervorragend als Helfer in Mixturen, in denen Portwein eine Nebenrolle spielt. Dass er auch die Hauptrolle gut ausfüllen kann, zeigt der Port Cobbler. Ein ganz typisches DeGroff-Rezept – gemuddelte Fruchtstücke sind seine Signatur, das mag ich nicht immer, hier kombinieren sie sich aber herrlich mit dem Port.

Port Cobbler


Port Cobbler
½ Orange (gestückelt)
½ Zitrone (gestückelt)
2 Stücke Ananas
¾ oz Curaçao (z.B. Grand Marnier)
1 oz Wasser
Diese Zutaten muddeln.
4 oz Portwein (z.B. Bellman Tawny Port)
Auf Eis shaken. In ein Glas mit Crushed Ice geben.
Mit Orangen-, Zitronen- und Ananasstücken dekorieren.
[Rezept nach Dale DeGroff]


Der Bellman Tawny Port kann als Einstiegsprodukt vielleicht den einen oder anderen dazu bringen, sich diese in Deutschland oft zur Kochzutat degradierten Spirituosenkategorie etwas genauer anzuschauen. Er weist dazu ein Niveau auf, das im Gegensatz zu manch anderer Discounterspirituose durchaus als akzeptabel bezeichnet werden kann. Natürlich ist es ein Basisprodukt, das den Kenner nicht befriedigen kann – logische weitere Schritte für den Einsteiger, die sich nur unwesentlich preislich äußern, wären dann beispielsweise der Porto Cruz Reserve, oder, wenn man sich farblich verändern will, der Niepoort White.

Ich für meinen Teil habe mir jedenfalls 3 Flaschen dieses portugiesischen Süßmonsters gesichert. Für die trockene Zeit zwischen den Aktionsangeboten bei Aldi, wenn man Lust auf was Schmeichlerisches hat, oder für den milden Port-Cocktail am Abend.

Fortaleza Tequila Blanco Titel

La sangre de nuestra vida – Fortaleza Tequila Blanco (Los Abuelos)

Die Welt stürzt sich gern auf gereifte Spirituosen. Je dunkler, je älter, desto besser, so scheint das Credo zu sein. Bei Scotch geht es soweit, dass alles, was weniger als 10 Jahre gereift ist, von so manchem selbsternannten Kenner als minderwertig abgetan wird – und NAS-Abfüllungen ohne Altersangabe als der Untergang der Whiskykultur betrachtet werden. Bei Rum überschlagen sich die Hersteller mit Pseudoaltersangaben, die meist reine Augenwischerei sind – große zweistellige Zahlen, prominent auf dem Etikett, für ein Produkt, das rein technisch schon kaum so ein Alter erreichen kann (zumindest nicht zu dem ausgeschriebenen Preis). Die Ausnahme unter den braunen Spirituosen ist der Tequila, der sich nicht an dieser Hetzjagd nach möglichst großen Zahlen beteiligt. Selbst die längstgereifte Standardkategorie bei Tequila, der Añejo, wird meist unter 3 Jahren gereift. Tequila hat natürlich den Vorteil, dass die Pflanze, aus der er destilliert wird, nicht jährlich komplett neu heranwächst, wie das bei Gerste, Mais, Zuckerrohr oder Kartoffeln der Fall ist, sondern über mehrere Jahre hinweg Zucker und Aromen aufbauen kann – da wäre es ja eine Sünde, diese mühevolle Arbeit der Agave zunichte zu machen, indem man diese Aromen durch Fassholzgeschmäcker überdecken würde.

Für mich persönlich jedenfalls sind die weißen, ungereiften Varietäten von Spirituosen (ganz besonders bei Rum und Tequila) unabhängig davon eh immer die interessantesten. Sie zeigen den wahren Charakter des Destillats, unbeeinflusst von externen Effekten. Bei langgereiften Spirituosen schmeckt man oft nur noch das Fass – bei weißen dagegen die Essenz der Basismaterialien, oder wie Guillermo Sauza von Fortaleza Tequila in dem nachfolgenden Video etwas romantischer sagt, „the true blood of the destillery“. Selten genug sind mittelamerikanische Spirituosenhersteller so freigiebig mit Informationen über ihre Herstellungsmethoden und -lokalitäten wie Don Sauza, daher sollte man dies hoch schätzen.

Er hat aber auch nichts zu verbergen, im Gegenteil: der Fortaleza Tequila Blanco ist einer der wenigen Tequilas, die noch in kompletter Handarbeit hergestellt werden. Schon in der Flaschengestaltung weist der Hersteller darauf in Details hin: das handgeerntete Agavenherz, die piña, ziert als Stöpsel die Flasche. Gekocht wird die piña bei Fortaleza in klassischen hornos, also Steinöfen, nicht in modernen Autoklaven. Besonders herauszuheben ist die Zerkleinerung der geernteten und gekochten Agavenherzen in Vorbereitung für die Fermentation: industrieller Tequila nutzt Schredder-Maschinen, die traditionelle Methode allerdings ist die Verwendung eines Mühlsteins, der tahona. Die tahona ist heute deswegen zum Symbol für die Handarbeit beim Tequila geworden – und auch den Mühlstein findet man prominent auf der Flasche abgebildet.

Bei all dieser Tradition, bei all dieser Mühe muss letztlich die Frage gestellt werden – lohnt es sich, allein deswegen um die 60€ für eine Flasche dieses ungereiften Sprits zu investieren, oder bietet er auch einen geschmacklichen Gegenwert? Für den Preis bekommt man immerhin 5 Flaschen des Sierra-Mixtos!

Fortaleza Tequila Blanco Flasche

Das war natürlich nur ein Scherz (ein geschmackloser dazu!), kein Mensch sollte überhaupt den Sierra-Mixto kaufen, wenn ihm am Geschmack von Schnaps etwas liegt.

Wie von einem Blanco zu erwarten, ist die Farbe vollkommen klar; man könnte aber meinen, einen leichten Blaustich wahrzunehmen. Die Flüssigkeit ist viskos und schwer. Der Geruch setzt ein erstes Ausrufezeichen – süß und vegetal. Sehr aromatisch nach Agave, Apfel, Rosmarin, Lavendel.  Anklänge von Anis und Motoröl. Aber auch fruchtig, in Richtung Honigmelone. Nur unterschwellig alkoholisch.

Der Geschmack toppt den eh schon komplexen Geruch noch deutlich. Cremig, superweich und öligschwer im Mund, herrlich natursüß nach Kandiszucker. Die „Aquarium“-Note, die mir bei Sotol das erste Mal auffiel, ist hier auch vorhanden, aber reduzierter. Ein sehr deutlicher Agavencharakter wird ergänzt durch Fruchtigkeit (Pfirsich?). Später wird es kräuterig-würzig, Pfefferminze, Thymian, Nadelgewächs und eine hintergründige Tabakwürze. Sehr komplex. Der Körper, die Dichte und der gefühlte Reifegrad dieser weißen Spirituose übertrifft viele añejos, die ich kenne, und die meisten reposados: Ein Beweis dafür, dass Alter eben doch nicht alles ist, sondern nur ein Hilfsmittel.

Im Abgang gibt es keine negative Überraschung – warm und weich, dabei leicht pfeffrig. Leicht betäubend und kühlend an der Zungenspitze. Der Abgang ist zwar nur mittellang, dafür aber hocharomatisch. Sehr gefällig und unglaublich fein zu trinken, übertrifft der Fortaleza Tequila Blanco dabei viele Cognacs, ohne sich dabei aber anzubiedern. Kurz – eine edle Spitzenspirituose. Es ist nicht zu fassen, dass so etwas direkt aus der Pot Still, ohne Reifung, läuft; da fangen viele andere Brenner an zu heulen.

40% Alkohol sind ein üblicher Wert für Tequilas, man merkt aber nichts davon. Dennoch bin ich voller freudiger Erwartung auf den bald erscheinenden Still Strength Forty Six mit 46%, von dem ich neulich einen winzigen Schluck schon probieren konnte, und seitdem davon träume.

Fortaleza Tequila Blanco Glas

Passend zum handgefertigten Inhalt trinke ich diesen Tequila aus einem handgemachten Caballito, wie es auch Guillermo Sauza in seiner Destillerie tut. Alternativ sind natürlich langstielige, kaminförmige Verkostungsgläser, wie sie auch für Whisky und Rum bei Kennern üblich sind, bestens geeignet.

Für manche ist es ein Sakrileg, eine derart hochwertige Spirituose in einem Cocktail zu verwenden. Nicht für mich, im Gegenteil. Natürlich verzichte ich darauf, einen Tequila Sunrise, mit seinem großen Saftanteil, mit Fortaleza Tequila herzustellen, das wäre zugegebenermaßen schon leicht dekadent (wenn ich mir es durchgängig leisten könnte, wäre allerdings auch das kein moralischer Stolperstein für mich). Aber bei Cocktails, in denen die Spirituose eine große Rolle spielt, wie bei einer Margarita oder The Bermondsey Minute, zählt jedes Grad an Qualität. Da kann so ein Tequila dann noch das letzte Quäntchen an Genuss aus einer Mischung herausholen und diese von der Kategorie „lecker“ in die Kategorie „göttlich“ verschieben. Was hier definitiv passiert. Man beachte, dass das Originalrezept nach einem reposado verlangt. Der vorliegende blanco allerdings füllt Rezepte dieser Art ohne jede Mühe aus.

The Bermondsey Minute


The Bermondsey Minute
2 oz Tequila Reposado (oder hier: Fortaleza Tequila Blanco)
¾ oz Roter Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
1 Teelöffel Maraschino-Likör (z.B. Bols)
1 Teelöffel Lavendelsirup
2 Teelöffel Stilles Wasser
Auf Eis rühren. Mit Zitronen- und Orangenzesten dekorieren.
[Rezept nach Simon Difford]


Interessant ist die Abfüllungschargen-Nummer, die auf der Rückseite handschriftlich (da haben wir es wieder!) eingetragen ist. Im Gegensatz zu Jahreszahlen bei Jahrgängen bei Wein oder bei manchen Spirituosen, und auch im Gegensatz zu Single-Barrel-Fassnummern bei manchen Whiskeys oder Rums handelt es sich hier um die Nummer des Abfüllungsvorgangs in Flaschen. Jahrgänge sind bei Tequila schwer durchzuführen, da die Agavenernte das ganze Jahr über erfolgt und immer andere Teile eines Felds geerntet werden, und Single-Barrel-Produktionen sind auch (noch) eher selten und für ungereifte Spirituosen, die kein Fass zu Gesicht bekommen, wie beim vorliegenden Tequila, natürlich eh nicht relevant.

Fortaleza Tequila Blanco Rücketikett

Sehr rustikal kommt der bereits oben angesprochene, manufakturierte Stöpsel daher; die bei meiner Flasche etwas schiefe Anfertigung lässt keinen Zweifel daran, dass hier wirklich Handarbeit im Spiel war. Alles andere als ein Naturkorken wäre dem Rest nicht angemessen.

Fortaleza Tequila Blanco Stöpsel

Die letzte Frage, die noch offen bleibt, ist die nach dem Namen. In Mexiko wird dieser Tequila unter dem Namen Los Abuelos („die Großeltern“) verkauft – und es geschieht öfter, als man denkt, dass solche Namen im globalisierten Markenrecht anderswo bereits geschützt sind. Der Rum Diplomatico musste so in Deutschland in Botucal umbenannt werden, um Verwechslungen mit dem Aldi-Billigweinbrand Diplomat zu vermeiden; ähnlich ging es Los Abuelos in den USA, als der panamanesische Rumhersteller Abuelo erfolgreich dagegen klagte, dass der zu ähnliche Name verwendet werden durfte. Man sieht an diesen zwei Fällen, meist gewinnt der Schnellere, nicht der Bessere. So wurde eben der Name der Destillerie La Fortaleza als Ersatz für das Produkt herangezogen.

La sangre de nuestra vida – das Blut unseres Lebens, so bezeichnete Francisco Javier Sauza die Erde, auf der die Agaven für den La Fortaleza Tequila wachsen, in einem sentimentalen Moment gegenüber seinem oben erwähnten Enkel Guillermo. Diesem abuelo und den anderen Vorfahren zu Ehren wurde der Tequila dieser Heimaterde wieder neu erschaffen, basierend auf den alten Methoden, nachdem die Produktion 30 Jahre lang eingeschlafen war. Wenn es eine Spirituose gibt, die die überstrapazierte Bezeichnung „craft“ verdient, dann ist es dieser Tequila, der gleichzeitig zeigt, dass sich die Mühe auch in Qualität auszahlt. Wer ihn probiert, wird mir zustimmen.