BraufactuM Marzus Titel

Im Märzen der Brauer die Bierchen einbraut – BraufactuM Marzus Märzen

Bei vielen Produkten fragt man sich, woher der Name kommt. Oft sind es seltsame, marketinggetriebene Fantasienamen, die in möglichst vielen Sprachen genehm und politically correct ausgesprochen werden können sollen. Bei anderen Dingen liegt das Gute so nah, dass man fast daran zweifelt, wenn man die Auflösung bekommt – das ging mir so beim Bierstil des Märzen. Ja, es ist tatsächlich so einfach: Märzen heißt Märzen, weil es ursprünglich im März eingebraut wurde. Die ganze Geschichte hinter dem Märzenbier lässt sich bei Wikipedia nachlesen; hier die Kurzfassung: Märzen wird im Frühjahr, weil dort die natürlich niedrigen Temperaturen die untergärige Herstellungsweise befördern, als besonders starkes und haltbares Bier gebraut, dann kühl eingelagert als Notnagel für schlechte Zeiten.

Wir befinden uns gerade in der idealen Zeit, ein Märzen zu trinken, wenn man interessiert am authentisch-saisonalen Genuss ist – klassisch wurde es, wie gesagt, solange aufbewahrt, bis all die anderen, weniger lang haltbaren Biere weggetrunken waren, und dann ausgepackt, meist zum Ende des Sommers und Beginn des Herbsts (ich will hier aber nichts beschreien). Tatsächlich habe ich mir daher schon im Frühjahr 2016 eine der imposanten Großflaschen des BraufactuM Marzus Märzen aus einem der inzwischen breitflächig verfügbaren BraufactuM-Spezialkühlschränke gekauft, dunkel und kühl eingelagert, und nun zur Verkostung geöffnet.

BraufactuM Marzus Flasche

Die gefärbte Flasche verbirgt es, im Glas wird es offensichtlich: man könnte das Marzus für ein Dunkelbier halten. Hennarot würde ich den Ton nennen. Die feine, stabile Schaumkrone, zu Beginn noch dick, bleibt lang als dünne Schicht erhalten,gespeist von einer kräftigen Perlage.

Die Nase wird ebenso betört wie das Auge: Süß und würzig, klar malzig, Anflüge von Röstkaffee, nur minimalste Fruchtanklänge. Das wird dann auch vom Gaumen bestätigt – das Marzus wirkt sehr süß und ist vom Malz dominiert, Röstmalz, um genau zu sein, auch der Kaffee taucht auf, aber nicht so präsent wie bei einem Stout, mehr als feines Komplement. Erfrischung ist kein Problem für dieses Märzenbier, die hohe Rezenz sorgt dafür, dabei bleibt es aber gleichzeitig wunderbar cremig und voluminös im Mund.

Im Abgang kommt eine leichte Trockenheit zum Vorschein, sowie die zurückhaltende, aber effektive Bitterkeit durch den Hopfen, der bei einem Märzen weniger der Aromatik als, ganz klassisch, der Haltbarkeit dient. Sehr lange bleiben Aromen am hinteren Gaumen zurück.

BraufactuM Marzus Glas

Der Lebenszyklus eines Märzen wird, wie eingangs gesagt, von der Kälte dominiert; man sollte das Marzus dennoch nicht zu kalt trinken, sonst entgehen einem ein Großteil der Aromen. Für mich persönlich ist es definitiv kein Kühlschrank-, sondern mehr ein Kellerbier (also im Sinne eines Biers, das man aus dem Keller holt, nicht eines Zwickels). Aber ich mag Bier grundsätzlich eigentlich am liebsten knapp unter zimmertemperiert.

Ein zweifelsfrei gutes, interessantes und lohnenswertes Bier – keine Sensation allerdings (man wird als Vielbierverkoster schon irgendwie frech anspruchsvoll), und vielleicht etwas zu teuer für das Gebotene: Für die geforderten 6€ kriegt man schon 2 Liter des Weltenburger Barock Dunkel, das, obwohl es kein Märzen ist, sehr ähnliche Charakteristika aufweist, dabei vielleicht noch einen Tick runder und delikater ist.

Trotz dieser leisen Kritik ist das BraufactuM Marzus natürlich auch eine wunderbare, wenn auch etwas exklusive Cocktailzutat. Doch warum sollen wir bei der Mixologie sparen, wo es auf die Qualität der einzelnen Zutaten ankommt? Ich hatte oft angepriesen, wie gut Whiskey und Bier zusammenpassen, der Kingston 52 ist der Beweis dafür, dass auch Rum und Bier beste Kumpels sein können. Wenn man genau hinschaut, sieht man auf dem Foto des Cocktails die gefloatete dünne Schicht, die dem Drink eine interessante, separate Note verleiht.

Kingston 52


Kingston 52
1½ oz Dunkler Rum (z.B. Zacapa 23)
¾ oz Zitronensaft
½ oz Ingwersirup
¼ oz Honigsirup
1½ oz Dunkles Bier (z.B. BraufactuM Marzus)
Alle Zutaten auf Eis shaken und
am Ende…
1/8 oz Jamaica-Rum (z.B. Hampden Estate Gold)
…auf die Mixtur floaten.
[Rezept nach Brandon Ristaino]


Vom Innenleben zum Außenrum: Neben dem ungewöhnlichen Format von 650ml bietet das Marzus das gewohnte BraufactuM-Flaschen- und Etikettendesign im Briefmarkenstil. Auch wie üblich lobenswert sind viele Informationen zum Bier, wie dass Herkules-Hopfen verwendet wurde, und 50% Karamellmalz. Über das „einmalige Maischverfahren“ hätte ich gern noch mehr erfahren, ein Bierflaschenetikett ist aber vielleicht nicht der richtige Platz für derartige Details. Mit 5,5% Alkohol kann man auch die ganze Flasche in einer Session aufbrauchen, und sich dabei in der Hitze des Spätsommers bierselig an den frischen Frühling erinnern, in dem das Bier in weiser Voraussicht für genau solche Situationen hergestellt wurde.

Asbach Privatbrand Titel

Ein Vorurteil muss gepflegt werden – Asbach Privatbrand 8 Jahre gereift Weinbrand

Seit ich mich mit Spirituosen auf tieferer Basis auseinandersetze, habe ich gemerkt, wieviele Vorurteile ich gepflegt hatte. Ich bin seit einiger Zeit mit der Frage beschäftigt, ob sich neben Schnapsvorurteilen, die sich fast allesamt durch Immersion in ein Thema schnell erledigen, auch andere Ressentiments, die ich nur noch nicht als solche identifiziert habe, in meinem Kopf befinden. Das gute am Niederschreiben von Gedanken zu hochgeistigen Getränken, wie auch zu Büchern und anderen Artikeln, ist, dass man sich nochmal explizit mit dem Konsum auseinandersetzt, und man zu Introspektion angeregt wird. Dabei purzeln die Engstirnigkeiten hin und wieder wie die Dominosteine. Ich würde das gern jedem mal ans Herz legen.

Eines dieser Vorurteile, die ich hegte und pflegte, war das gegen deutsche Weinbrände. Die Werbung versprach immer so viel, und legte sich als Zielgruppe die älteren Herren zurecht, die im Lehnstuhl aus dem elitären Cognacschwenker den ach so besonderen Geist nippten – für junge Leute nicht wirklich ansprechend. Meine Experimente in dieser Richtung waren dann auch erstmal passend-ernüchternd: Ich habe den Asbach Urbrand, und seine direkte Konkurrenz Chantré probiert und ziemlich runtergemacht. Zwei Produkte probiert, zwei Totalausfälle – das ist der Stoff, aus dem die Befangenheit für die Zukunft gemacht ist. Soviel besser können die anderen Brände von Asbach dann ja nicht sein, oder?

Ich bin über meinen Schatten gesprungen, und habe mir eine Flasche des Asbach Privatbrand 8 Jahre gereift zugelegt. Und was soll ich sagen? Das Vorurteil hat sich als genau solches herausgestellt, wie in den allermeisten Fällen, in denen wir diese Präjudizien auf die Prüfstation führen.

Asbach Privatbrand Flasche

Schon farblich ist der Asbach Privatbrand ausgesprochen attraktiv. Dunkles Hennarot, mit glühenden, orangenen Reflexen. Da hat man schon was allein vom Anschauen – auch wenn natürlich berücksichtigt werden muss, dass zumindest ein Teil der Farbe von der zugesetzten Zuckerkulör stammt.

Das Auge hat genug geschwelgt, nun ist die Nase dran, und sie findet Datteln und reife Banane; viel Schokolade und Karamell sowie Butter. Etwas Lösungsmittel ist da, aber praktisch nichts von dem meist etwas unangenehmen Schwefel, den ich bei vielen Weinbränden zu entdecken meine.

Tatsächlich schafft es ein Großteil der Aromen auch auf die Zunge: Der Asbach Privatbrand wirkt buttrig, süß, schokoladig, mit Anklängen von Karamellbonbons. Leichte Fruchttöne nach Banane, Aprikose, Dattel. Das sehr angenehme, weiche, runde Mundgefühl überzeugt in jeder Beziehung, wie auch der Abgang – trocken, leicht bitter, etwas Ingwerschärfe auf der Zunge. Insgesamt lang und süß, warm und weich.

Asbach Privatbrand Glas

Ich bin baff – das ist vielleicht einer der besten Traubenbrände, die ich bisher getrunken habe, auf jeden Fall runder und weicher als alle spanischen Brandys, und dabei aromatischer als alle französischen Cognacs, die ich kenne. Mich wundert es nicht, dass die Herstellerfamilie das als Privatreserve für sich behalten wollte (das ist natürlich nur eine dieser von Schnapsbrennern so geschätzten Fantasiehintergrundgeschichten).

Wie der Name schon sagt, ruht der Asbach Privatbrand mindestens 8 Jahre in Limousin-Eichenfässern, eine reife Leistung im wahrsten Sinne des Wortes für einen Brand. 40 Volumenprozent weist er bei Abfüllung auf, und man bezahlt um die 18€, zum Beispiel im Real-Supermarkt. Ein wirklich überraschend gutes Preisleistungsverhältnis. Dabei erhält man zum Brand selbst noch einen Kunstkorken, eine etwas altmodisch gestaltete Flasche mit dem durchaus schon als ikonisch bezeichenbaren Etikett und einen Karton.

Laut Dale DeGroffs Rezept für den Bull’s Blood gehört spanischer Brandy in diesen Cocktail. Der Asbach Privatbrand kann es mit jedem Spanier aufnehmen, und er passt wunderbar als Ersatz dafür. Ein herrlich süß-lieblicher Cocktail ohne Ecken und Kanten; DeGroff sagt über ihn, dass er durch seine „Freundlichkeit“ punktet. Dem kann ich nur zustimmen.

Bull's Blood


Bull’s Blood
¾ oz Asbach Privatbrand 8 Jahre gereift Weinbrand
¾ oz Weicher Rum (z.B. Vizcaya Cask 23)
¾ oz Orange Curaçao
1½ oz frisch gepresster Orangensaft
[Rezept nach Dale DeGroff]


Nach dem Probieren und Schätzen lernen weiß ich, was ich bei diesem Weinbrand verpasst hätte, hätte ich mich von meinen Vorurteilen leiten lassen. Ich mag mir einfach nicht vorstellen, was ich bereits verpasst habe, weil ich es in Vergangenheit getan hatte. Selbstverständlich haben solche Geisteseinstellungen, dass man von einer Erfahrung auf die Zukunft schließt, ihren Sinn; wir lernen durch diesen Mechanismus schließlich auch, dass man, wenn man einmal von einem speziellen Hund gebissen wird, sich allen Hunden gegenüber vorsichtig verhalten sollte – das ist in uns tiefer verankert als unser Bewusstsein. Aber müssen wir uns wirklich komplett davon steuern lassen? Natürlich nicht. Für mich ist der Asbach Privatbrand ein perfektes Beispiel dafür.

Kona Longboard Titel

Surf’s Up! Kona Brewing Longboard Island Lager

Was macht das Surfen zu so einer beliebten Sportart? Ist es die Technik, die man benötigt, um auf einem dünnen Holzbrett auf einer wackligen Oberfläche zu balancieren, die so begeistert? Ist es der Wagemut, ohne Schutz einer wilden Welle zu trotzen? Ist es die Exotik einer Sportart, die an traumhaften Stränden mit herrlichen Wetterbedingungen von hübschen Frauen und Männern mit gestählten, sonnengebräunten Körpern betrieben wird?

Persönlich habe ich die Begeisterung ums Surfen, was die sportliche Komponente angeht, nie so wirklich verstanden. Was ich sehr nachvollziehen kann ist das, was ich als letztes angesprochen hatte – das Surfen hat ein Flair, das nach Freiheit, Wildheit und guter Laune riecht, nach ungeregelter Auslebung, nach einem Lebensgefühl. Nicht umsonst sind die musikalischen Begleiter der Surfwelt, die Beach Boys, trotz inzwischen durchaus gehobenen Alters selbst 2012 noch mit Surfin‘ U.S.A. beliebt wie damals in den 60ern, als sie mithalfen, die USA in einen „endlosen Strand“ (so Luis Sanchez im Buch The Beach Boys‘ Smile) zu verwandeln – auch wenn sie heute lieber im Sitzen performen und gemütlich wippen statt selbst auf einem Brett zu stehen.

Wie der Surfer auf dem Brett durch den Wellentunnel steuert – meist in Superzeitlupe gedreht und mit dramatischer Musik unterlegt – ist wahrscheinlich eines der meistgebrauchten Fernsehklischees geworden, wenn es um Wasser und Erfrischung geht. Wie sieht es nun mit dem Erfrischungsgehalt eines Inselbiers aus, das sich die klassische, orginiale Form des Surfbretts, das Longboard, aufs Etikett geschrieben hat? Kann das Kona Brewing Longboard Island Lager als leichtes Getränk für Surfer punkten oder ist es mehr ein Schwergewicht für hawaiianische Sumoringer?

Kona Longboard Flasche

Das Longboard ist, wie viele Lager, filtriert und dadurch sehr hell. Kräftige Perlage führt zu einer grobkörnigen Schaumkrone, die lange erhalten bleibt. Auch die Nase wird nicht überlastet: Der leicht fruchtige Geruch, mit Anklängen von Beeren, wird gefolgt von einem lagertypischen Hefeschwall. Sonst ist da nicht viel zu Schnuppern.

Deutlich fruchtig ist dafür der Geschmack, mit einem freundlichen Charakter ohne aggressive Ecken und Kanten, auch bei der äußerst dezenten, aber spürbaren Bitterkeit. Eine starke Süße ist im Vordergrund. Mit 4,6% ist das Longboard Island Lager auch alkoholtechnisch ein leichteres Bier.

Man kann als Bierverkoster etwas das Gesicht ob der mangelnden Komplexität verziehen, aber das ist unangebracht. Mein Fazit würde eher lauten: Sehr leicht und frisch, zurückhaltend in allen Belangen, dabei aber charmant unkompliziert.

Kona Brewing Longboard Island Lager Glas

Die tolle Flasche mit der eingelassenen hawaiianischen Inselkarte, dem Firmenslogan („Liquid Aloha“) und dem stimmungsvollen Strandleben-Etikett haben mir schon bei einem anderen Bier dieser Reihe gefallen, dem Big Wave Golden Ale. Auch das Fire Rock Pale Ale steht schon auf meinem Regal, bereit zur Verkostung – mir gefallen die Produkte von Kona Brewing einfach sehr.

Vom langen Longboard zum langen Gemüse – ich bin ein großer Freund von Gurken in Cocktails. Im Cool Cucumber Lager bietet die gemuddelte Gurke einen netten Gemüsetouch ans Bier, während die Zitrone und die Minze das ganze auffrischen. Ein leichter Cocktail, mit einem leichten Lager gemacht – ideal für den Sommer. Und wenn man ihn in einem zum hawaiianischen Bier passenden Glas serviert, passt auch die Stimmung.

Cool Cucumber Lager


Cool Cucumber Lager
1 oz Zitronensaft
4 Scheiben Gurke
3 Blätter Minze
…diese Zutaten im Glas muddeln, dann abfiltern und mit…
8 oz Lager (z.B. Kona Brewing Longboard Island Lager)
…aufgießen.
[Rezept leicht abgewandelt von craftedpours.com]


Was hindert mich daran, dieses schöne Lager regelmäßig zu trinken, besonders, wenn ich es durchgängig in der Spirituosenabteilung des lokalen GaleriaKaufhof in Saarbrücken kaufen kann? Es sind die Zahlen auf dem Preisschild. Rund 3€ für 330ml machen aus einem Strandbier einen Luxusartikel, den man sich nur hin und wieder gönnt; da bekommt man schon mehr als einen Liter anderer ganz hervorragender Lager.

Nun, vielleicht ist es auch nicht schlecht, wenn nicht jedes gute Bier automatisch auch zu einem Alltagsbier wird. So bleibt der Besonderheitseffekt erhalten, man freut sich jedesmal neu auf einen Schluck eines exotischen Importbiers, und säuft sich nicht satt daran beim gedankenlosen Trinken zur reinen Durststillung oder zum Essen, wie das bei vielen anderen Bieren, insbesondere Lagerbier, passiert. Und es transportiert so ganz nebenbei noch dieses Surfer-Lebensgefühl, wenn man es zulässt.

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Titel

Mark Twain hätte seine Freude dran – Jim Beam Kentucky Dram Whiskey

Vor kurzem gab es bei Facebook eine Diskussion, die der allseits geschätzte Serge von Whiskyfun.com anstieß – die unerträgliche Situation bei Rum, die es ehrlichen, traditionell arbeitenden Brennern schwer macht, sich gegen all die manipulierenden, nachsüßenden und aromatisierenden Pseudorumhersteller durchzusetzen, die den Ruf des Rum für den schnellen Dollar ruinieren, ließ ihn sich fragen, ob es nicht möglich wäre, dies Problem über eine Etikettenkennzeichnung zu lösen: Sauberer Rum solle den Zusatz „straight“ bekommen, in Analogie zur Kennzeichnung bei amerikanischem Whiskey. „Straight Rum“ wäre definiert als unmanipulierter Rum; „Rum“ ohne diesen Zusatz der Rest.

Ob dies für Rum in seiner multinationalen Herstellersituation durchsetzbar wäre, ist eine Frage; die andere, ob nicht trotz einer solchen Regel weiterhin getrickst werden würde. Was meiner Meinung nach wahrscheinlich passieren würde, sieht man exemplarisch am Whiskey, den ich heute vorstellen will: Dem Jim Beam Kentucky Dram Whiskey. Wir haben hier den Fall eines Blends vor uns, und zwar eines besonderen – hier wird amerikanischer Bourbon mit schottischem Whisky vermählt. Da das Reglement für Bourbon sehr streng ist, darf sich das Kentucky Dram nun natürlich aufgrund der schottischen Zugaben nicht Bourbon, und auch nicht Straight Whiskey nennen; dennoch sieht man prominent auf dem Label die Worte „Kentucky Straight Bourbon Whiskey“ – wer es nicht besser weiß, könnte hier auf die Idee kommen, dies auch in der Flasche zu finden. Der Grat ist schmal.

Weg von den Problemen von Kategorien, Etiketten und Tricksereien hin zum eigentlichen Produkt. Das Wunschziel des Kentucky Dram ist wahrscheinlich, den vollen, süßen Körper eines Bourbons mit dem besonderen Rauch- und Torfaroma eines schottischen getorften Single Malts (doch vorsicht: Single Malt wird nirgends erwähnt, nur „peated whisky“) zu verbinden. Gelingt das?

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Flasche

Der Ursprung der Farbe ist hier eine interessante Fragestellung. Für amerikanische Bourbonproduzenten ist Farbstoff kein Thema, weil verboten. Für Scotchhersteller ist Zuckerkulör als Färbemittel dagegen erlaubt. Da wir laut Beschreibung eine Mischung aus beiden haben, die nicht mehr als Bourbon vermarktet wird, könnte Farbstoff sowohl über die Scotch-Zusetzung als auch durch den Wegfall des Farbstoffverbots in diesen Whiskey kommen. Auf dem Label wird nichts diesbezüglich erwähnt – jeder soll je nach Gemütslage seine Schlüsse daraus ziehen. Ob nun natürlich entstanden oder durch Farbstoffhilfe: Das Kentucky Dram strahlt mit Bernstein in Reinkultur. Beim sanften Schwenken entstehen dünne Beinchen.

Begleitet wird der optische Eindruck durch einen sehr bourbontypischen Geruch. Süß nach Vanille, würzig nach Eiche, eine leichte Lösungsmittelskomponente. Dazu kommt allerdings eine etwas stechende Alkoholfahne, die ein tieferes Schnuppern verbietet. Ich lasse ihn daher eine Weile offen stehen. Doch selbst nach 10 Minuten bleibt dieser stechende Geruch und macht mir den Genuss schonmal schwierig. Den angekündigten schottischen Torfrauch vermag ich persönlich geruchlich nichtmal zu erahnen.

Im Mund kommt er dann, wenn man genau weiß, worauf man zu achten hat, zum Vorschein. Nur ein kurzes Aufblitzen allerdings: Schnell holt die etwas generische Vanille-Eiche-Übermacht alles andere ein und macht es platt. Ein darüberhinaus etwas salziger Charakter mit Anflügen von Lakritz ergibt eine spannende Kombination für alle Freunde des deftigeren Whiskeys; man glaubt kaum, dass er nur 40% Alkohol aufweist, denn die unausgeglichene Schärfe verschreckt schon etwas. Der Abgang ist kurz und leider sehr belanglos. Die bourbontypische Karotte steht noch eine Weile im Mund, dann ist alles enttäuschend schnell wieder weg.

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Glas

Vielleicht bin ich sensorisch zu eingeschränkt, aber ich empfinde die Produktprämisse als sehr gewagt. Wenn wenigstens angegeben würde, welcher und wieviel schottischer Peated Whisky hier enthalten ist, könnte man trefflich diskutieren, wie sehr er die Bourbonbasis beeinflusst – in der vorliegenden Form vermute ich, dass die Formulierung „a touch of peated Scotch whisky“ auf der Dose tatsächlich so gemeint ist. Ein paar Tropfen Scotch pro Flasche. Kaum spürbar. Dazu kommt, dass der verwendete Bourbon ein recht scharfer, harter ist, wahrscheinlich aus Beams unteren Qualitätskategorien; weniger der Geschmack als vielmehr der Geruch leidet sehr darunter.

Wir wollen nun einen Cocktail finden, der der Mixtur aus amerikanischem Bourbon und schottischem Whisky, zwei Titanen der Spirituosenwelt, gerecht wird. Und, siehe da, es gibt einen, von dem man unterschiedliche Varianten findet, einerseits mit dem europäischen und andererseits mit dem amerikanischen Getreidebrand. Mark Twain war so begeistert von ihm, dass er seiner Frau auftrug, die Zutaten bereitzustellen, wenn er von seiner London-Reise zurückkommt. Und ihm zu Ehren ist dieser Cocktail dann auch benannt – wir nutzen hier den schottisch angehauchten Bourbon, um beide Spirituosen zu ehren. Ich bin mir sicher, in dieser Form hätte Mark Twain dieser Cocktail noch besser geschmeckt als mit Scotch (zumindest geht es mir so).

Mark Twain Cocktail


Mark Twain Cocktail
2 oz Scotch (oder hier: Kentucky Dram Whiskey)
¾ oz Zitronensaft
1 oz Zuckersirup
2 Spritzer Angostura
Alles auf Eis shaken.
[Rezept leicht modifiziert nach Mark Twain]


Lohnt sich der Kauf? Persönlich würde ich Interessierten lieber raten, die 40€ in einen guten Bourbon oder einen guten Scotch zu investieren statt in diesen etwas marketinggetriebenen Mischmasch – für das Geld kriegt man in beiden Kategorien ganz hervorragende Produkte. Der Komplettist und Beam-Fan kann aber, wenn er mal etwas anderes probieren will, zugreifen, denn, und das sollte man nicht unterschätzen, das Kentucky Dram ist ein Whiskey, der das Flair des Exklusiven mit sich bringt. Warum?

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Dose

Zunächst ist die Aufmachung gelungen – große, eckige Blechdose in einem sehr genehmen Design. Dann die große, wuchtige Literflasche mit Etikett im selben Metallic-Blau-Stil. Darüberhinaus wird er auch noch künstlich verknappt: Gekauft habe ich diesen Whiskey im Duty-Free-Shop des Flughafens Saarbrücken, vor der Abreise nach Kreta – dankenswerterweise bietet der Shop dort einen Hinterlegungsservice an, so dass man die Flasche nicht mit in den Urlaub nehmen muss, sondern bei der Rückkehr bequem am Informationsschalter abholen kann. 41€ kostete der Liter dort, hätte ich zwei mitgenommen, sogar nur 30€. Ähnlich wie beim Metaxa with Greek Honey ist das Kentucky Dram anderweitig als im Travel Retail aktuell etwas kompliziert erhältlich; bei einem großen ehemaligen Buchversender bekommt man ihn zwar, aber für einen im Vergleich deutlich erhöhten Preis.

Rügener Insel-Brauerei Seepferd Titel

Hopphopphopp, Seepferdchen lauf Gallopp – Rügener Insel-Brauerei Seepferd

Die Strategie, wie man ein Bier an den Mann bringt, wird heutzutage immer wichtiger. Mit den langweiligen Mitteln, die die Biergroßindustrie seit Jahrzehnten sehr erfolgreich und höchstrepetitiv anwendet – man präsentiert lustige, fröhliche, coole und sympathische Leute, die das eisgekühlte Bier bewundernd anschauen, nachdem sie einen Schluck gezogen haben – braucht man dem wahren Bierkenner nicht zu kommen, im Gegenteil. Der Craftbierfreund wird durch übermäßige Werbung und ein künstlich von einer Agentur erzeugtes Image eher abgeschreckt. Klein aber fein ist das Motto der Stunde, spartanisch aufgemacht, ohne Siegeletiketten mit Blattgold, ohne Fernsehwerbespots, ohne aufdringliche Attitüde: Das Bier soll für sich sprechen.

Dann gibt es aber auch die kleineren Hersteller, die dann doch wollen, dass nicht nur das Bier was hermacht, sondern auch die Verpackung; etwas, das die Rügener Insel-Brauerei meiner Meinung nach sehr gut macht. Oft wird Marketing mit Trickserei und Rosstäuscherei gleichgesetzt, aber das liegt nur daran, dass viele das Marketing missbrauchen, um ihre minderwertigen Produkte in ein positives Licht zu rücken. Bei der Insel-Brauerei dient das Produktmarketing tatsächlich als Plattform, um zu erklären, was sie tun, wie sie es tun und warum – ein Beispiel dafür sind die vorbildlichen, großformatigen Aushänge, die der Brauer seinen Händlern zur Verfügung stellt.

Insel-Brauerei Sortiment Aushänge

Der Braumeister der Rügener Insel-Brauerei, Markus Berberich, war 16 Jahre Geschäftsführer von Störtebeker (siehe Meiningers Craft 02/2016, das einen spannenden Artikel über Beginne und Zukunft dieser Kleinbrauerei präsentiert); das Unternehmen, das sich zumindest in meiner Region so plötzlich von heute auf morgen stark plakativ in Supermärkten präsentierte, ist also kein Startup eines Spinners, sondern eines erfahrenen Branchenkenners. 12 Biere bietet die maritime Brauerei zur Zeit an, unterschiedlichste Bierstile, vom Dubbel über ein Stout bis zum Saison ist alles im Angebot, was das Bierfreundeherz erfreut.

Für die heutige Verkostung habe ich mir eines der ungewöhnlicheren Biere aus dem Sortiment gefischt. Das Rügener Insel-Brauerei Seepferd.

Rügener Insel-Brauerei Seepferd Flasche

Farblich ist das Meeresross klar und glänzend, keinerlei Trübung. Darauf zu achten fällt aber erstmal schwer, denn die sehr extreme Schaumbildung beim Eingießen erfordert alles an Konzentration – Vorsicht ist geboten. Dieser Schaum ist großblasig und volatil, sobald die starke Perlage, die wahrscheinlich durch die Flaschengärung bedingt ist, etwas nachlässt, sinkt er gemächlich in sich zusammen.

Ist die Farbe noch kein Indikator für das folgende, so macht der Geruch bereits Appetit auf mehr: Erkennbar säuerlich, zitronig, Fruchtsäure wie bei einer Berliner Weissen mit einem Schuss Waldmeister. Wenn ich einen leichten Anklang von Reinigungsmitteln erwähne, hört sich das vielleicht unangenehmer an, als es ist.

Auf jeden Fall bekommt man Lust, vom Seepferd zu trinken. Und, so leid es mir tut, den Pessimisten in mir zu enttäuschen, das Warten während des Schaumabbaus hat sich gelohnt: Sehr zitronig und säuerlich. Schon beim Meerjungfrau desselben Brauers hatte ich Essignoten ausgemacht; diese finde ich auch im Seepferd wieder, aber im Gegensatz zu seinem fischweiblichen Gegenpart nicht ganz so extrem. Hier ist noch klarer Biercharakter vorhanden, den ich beim Meerjungfrau etwas vermisste. Ergänzt wird das Bild durch einen sehr würzigen Beigeschmack, der besonders im Abgang hervorkommt: Herrlich nach kräftigem Malz und vollwürziger Gerste. Trocken und leicht bitter – ein wirklich außergewöhnlich leckerer Abgang. Fantastisch erfrischend und süffig, das trinkt sich erstklassig.

Rügener Insel-Brauerei Seepferd Schaum Rügener Insel-Brauerei Seepferd Glas

Die Bezeichnung „wildsauer“, die sich auf dem Etikett findet, ist durchaus passend. Als Bierstil wird „Sour Ale“ angegeben, was den Charakter gut wiedergibt, allerdings eher eine Stilfamilie als ein Stil ist. Wer ein vergleichbares Bier erwähnt haben möchte: Es erinnert deutlich an Berliner Weisse oder Gueuze. Mit 5,5% Alkohol muss man bei der guten Trinkbarkeit und dem Erfrischungspotenzial sehr aufpassen, dass man sich nicht beim Wegziehen übernimmt.

Pur getrunken erfreut mich das Seepferd sehr; auch als Cocktailzutat macht es was her. Die körpervolle Säure hat so einiges zu bieten. Ein wirklich sehr passender Cocktail für dieses Bier ist der (zugegebenermaßen etwas fantasielos benamte) The Unnamed. Er zeigt zwei Dinge: Wie lecker die Kombination von Whiskey und Bier ist, und wie schön eine Schichtung im Glas aussieht, besonders wenn man das Glas etwas bewegt und die Schichten dann gegeneinander wabern.

The Unnamed


The Unnamed
1 oz Rye Whiskey (z.B. 1776 Rye)
1 oz Kirschlikör (z.B. Cherry Heering)
1 oz Holunderlikör (z.B. The Bitter Truth Elderflower Liqueur)
¾ oz Zitronensaft

mit hellem Bier (z.B. Rügener Insel-Brauerei Seepferd) aufgießen
2 Spritzer Grenadine
[Rezept nach unbekannt]


Eine schöne Sache ist, wenn man Bier in unterschiedlichen Dosierungsgrößen kaufen kann. Die Insel-Brauerei bietet für Ausprobierer die kleine Flasche mit 330ml an, und für Leute mit besonders schlimmem Durst die große Flasche mit 750ml. Da die große Flasche bei meinen Einkäufen immer genau doppelt so viel kostete wie die kleine, bekommt man mit der größeren Flasche also ca. 90ml obendrauf. Das Design ist aber identisch, auf der großen Flasche haben die schönen Etikettenillustrationen einfach ein wenig mehr Raum zur Entfaltung.

Insel-Brauerei Rügen Seepferd große Flasche

Die Biere der Insel-Brauerei Rügen sind sehr unterschiedlich von Stil und Geschmack. Nachdem ich nun eine größere Anzahl durchprobiert habe, kann ich sagen, dass mir das Seepferd (und, wenn man mutig ist, die Meerjungfrau) klar am besten gefällt – es ist unkonventionell, erfrischend und überraschend und sichert sich so einen Platz in den Top 5 meiner Lieblingsbiere. Solange es die Rügener Biere in meinem Supermarkt zu kaufen gibt, werde ich immer mindestens eine Flasche des Seepferds in meinem Bierregal vorhalten, denn gerade im schwülwarmen Sommer ist so ein wildsaures Bier eine Wohltat und ein Genuss.

Sierra Spiced Titel

Mixto Undercover – Sierra Spiced Licor con Tequila Edición Limitada

Manchmal lassen wir uns als rechthaberische Quartalssäufer dazu hinreißen, eine spezielle Spirituose aus tiefstem Herzen zu verachten. Vielen Rumfreunden geht das mit Bacardi so, der Whisky-Connoisseur blickt auf Johnny Walker Red Label herunter, der Gin-Hipster verdreht bei Gordon’s die Augen. Auch bei Tequila gibt es ein Ziel vieler Hassattacken der Kenner, man ahnt schon, was es ist: Sierra. Persönlich lasse ich mich nur ungern von solchen oft unmotivierten Antipathien kontrollieren. Bacardi hat durchaus gute Produkte im Portfolio, und der vielgeschmähte weiße Rum ist so schlecht dann halt doch nicht. Ebenso bei Johnny Walker und Gordon’s – wenn man sich an deren Standardprodukte in der unteren Preisklasse wendet, sollte man halt wissen, dass man keine Geschmacksexplosionen erwarten darf, bekommt aber dennoch vernünftige Qualität.

Anders sieht die Situation für mich bei Sierra aus. Dort bekommt man bei dieser Art von Standardprodukten schon eine Geschmacksexplosion, aber im negativen Sinne. Die Mixtos von Sierra sind objektiv gesehen zutiefst unterdurchschnittlich, um es wohlwollend zu formulieren. Andererseits stellt diese Firma auch halbwegs trinkbare 100%-Agaventequilas her. Da ist man als Spirituoseninteressierter, der sich gegen die oben angesprochene unterschwellige Ablehnung wehren und sich einigermaßen objektiv einem Schnaps gegenüber verhalten will, in einer Zwickmühle, wenn man ein neues Produkt dieser Firma im Regal findet: Soll man es riskieren, dem Hersteller erneute Chancen zu geben, oder es lieber sein lassen? Ich habe mich für das Risiko entschieden, und mutig und optimistisch den Sierra Spiced Licor con Tequila Edición Limitada in meinen Warenkorb gelegt.

Die Flasche verbirgt den Inhalt nicht – die Farbe gefällt schon von außen durch den blassgoldenen, strohigen Ton. Da laut Etikett Farbstoff im Spiel ist (wie bei vielzuvielen anderen Spirituosen auch), ist die Farbe allerdings eigentlich irrelevant für eine Bewertung; schade, dass sowas heutzutage noch sein muss – liebe Hersteller, der moderne Spirituosentrinker ist dahingehend geschult, dass man ihn nicht mit künstlicher Farbe täuschen muss!

Sierra Spiced Flasche

Bei vielen anderen Sierra-Produkten merkt man schon am Geruch, woran man ist. Der Sierra Spiced überrascht mich daher ganz enorm: sehr angenehm. Zurückhaltende Orange. Zimt, zwar nicht so wildzimtig wie bei einer anderen Zimtspirituose, dem Fireball-Whiskey, aber erkennbar.  Eine feine, blumige Tequila-Note scheint durch. Würzig und süß, floral und mild. Leichte Mineralität. Wenn man die Nase tief ins Glas hält, kriegt man eine leichte Schärfe zu riechen. Ich bin baff – der Geruch ist wirklich ausgesprochen angenehm; habe ich Sierra bisher in meinem Rundumschlag unrecht getan?

Das muss nun auch geschmacklich geprüft werden. Und hier zeigt dann der Sierra Spiced seine hässliche Fratze, die er geschickt unter Parfümduft verborgen hatte. Ein Zuckerschwall überflutet meinen Mund. Was schmecke ich? Zucker. Zucker und Zucker. Künstliches Orangenaroma. Künstlicher Zimt. Plastik. Bitter und sauer. Ein unangenehm seifiges Mundgefühl. Der typische Sierra-Fuselgeschmack kommt nun zum Vorschein. Ich muss mich beim Verkosten zwingen, weitere Schlucke zu nehmen. Ein sehr unfeiner, bitter-saurer Abgang, mit oberflächlich zuckrigem Gaumenpapp, komplettiert die Zerstörung der Mundflora und -fauna. Eine leichte Mentholnote verbleibt; von Aromen her nur Zimt. Gottseidank ist der Abgang wenigstens recht kurz.

Nein, ich habe Sierra bisher in meinem Rundumschlag nicht unrecht getan. Dieser Likör ist ein Graus; und das ganze ist noch tragischer, weil mich der wirklich fantastische Geruch auf eine Verbesserung dieses Herstellers hoffen ließ. Diese Hoffnung wurde jäh und brutal zerstört. Der Sierra Spiced sorgt darüber hinaus mit diesem ekligen Mundgefühl für ein neues Highlight in meiner nach unten offenen Liste der grausigsten Getränke.

Persönlich kann ich mir nicht vorstellen, diesen Likör wirklich extensiv oder gewinnbringend in Cocktails einzusetzen, dazu ist er viel zu eindimensional. Es gibt aber eine Zutat, die sich dann doch gut mit ihm verträgt, und seine gröbsten Schnitzer elegant ausbügelt, und daher empfehle ich, diesen Tequilalikör mal in einem Spiced Tequila and Tonic, oder kurz ST&T, auszuprobieren. Ein durchaus leckerer Longdrink.

ST & T (Sierra Spiced & Tonic)


ST & T
2 oz Sierra Spiced
…aufgießen mit Tonic Water (z.B. Fentimans Tonic Water)
…und mit einem Spritzer Angostura krönen.
[Rezept nach schlimmerdurst]


Die Basis dieses Spiced Tequila ist der hauseigene Reposado des Herstellers, der bereits selbst nur ein Mixto ist, d.h. nicht zu 100% aus Agavenzucker hergestellt wird: Mindere Qualität also bereits in der zugrundeliegenden Spirituose. Diese wird dann durch Zugaben auf 25% Alkohol runtergedrückt. Verbessert wird das ganze nicht durch die künstlichen Zimt- und Orangenaromen, und das Pfund Zucker, das wahrscheinlich drin ist; es ist klar, dass in einem Likör per EU-Verordnung mindestens 100g/L Zucker enthalten sind, daher wäre eine Messung meinerseits, die ich für Spirituosen, bei denen ich Zuckerzusatz vermute, gern durchführe, sinnlos. Doch ich kenne Liköre, und auch Crèmes (mindestens 250g/L Zucker), die trotz viel Zucker nicht dermaßen extrem und fast ausschließlich nach Raffinadezucker schmecken wie der Sierra Spiced.

Um mal auch was positives zu sagen: Die Flasche ist fantastisch, mit herrlichem Design, das ins Glas eingelassen ist, und einem hübschen Umhänger. Natürlich vernichtet der dümmlich-bescheuerte Hut auf der Flasche alles an Flair, das das Design durchaus hergeben würde – der Hersteller Sierra kann eben nicht aus seiner Haut. Wenigstens ist der Hut nicht rot, sondern minimal dezenter schwarz. Ich habe mich von dieser ausgesprochen attraktiven Flaschengestaltung und einem guten Preisangebot im örtlichen Globus-Markt ködern lassen und für die 0,7-Liter-Flasche im Sonderangebot 9€ bezahlt; selbst diese Reduktion vom UVP von 13€ rettet den Sierra Spiced nicht. Und die hübsche Flasche selbst kann man ja leider nicht trinken.

Sierra Spiced Angebot

Wer Zimtspirituosen mag, sollte sich lieber an Fireball Whiskey halten, der alles das richtig macht, was Sierra Spiced falsch macht. Selbst wenn ich zugestehe, dass ich Fireball nicht für eine wirklich hochwertige Spirituose halte, so ist der Sierra Spiced dann halt doch noch mehr als eine Stufe darunter.

Erdinger Pikantus Dunkler Weizenbock Titel

Ein deftiges Schlückchen vorneweg – Erdinger Pikantus Dunkler Weizenbock

Frauen trinken plötzlich Bier. Naja, so ganz plötzlich jetzt nicht, aber ich erinnere mich gut daran, dass Bier früher ein fast exklusives Männergetränk war. Bis vor wenigen Jahren konnte man in Stadtcafés und Flaniermeilen die Frauen, die ein Bier vor sich stehen hatten, an einer Hand abzählen. Sie tranken lieber Cappuccino, Weißwein, Fruchtsaftradler oder Aperol Spritz. Doch die moderne Frau lässt all das hinter sich und lässt sich gern ein Hefeweizen oder Pils servieren.

Diese Emanzipation erkennt man auch in der Marketingplatzierung eines Produkts. Den  bärtigen Hipster haben die Traditionsbrauereien schon als Zielgruppe ans Craftbier verloren, vielleicht gibt es dann wenigstens noch die Chance, die neuen Biertrinkerinnen an Land zu ziehen? Tatsächlich beginnt die Bierindustrie, neue Nischen zu suchen, in die sie mit ihrem Bier vorstoßen kann. Wäre der Hersteller Erdinger vor 10 Jahren wahrscheinlich für das Motto „Aperitivo Nero“ ausgelacht worden, ist dieser Untertitel des Erdinger Pikantus Dunkler Weizenbock heutzutage als Versuch zu werten, in einem Segment Fuß zu fassen, das lange von Spirituosen und Wein exklusiv genutzt wurde. Die Zeiten wandeln sich zu gunsten solcher Experimente – zu erkennen an einfachen Dingen wie dass Biersommeliers nun selbstbewusst im Fernsehen auftreten und Food Pairings empfehlen und Tastinghinweise geben können, ohne ausgelacht zu werden; Bier hat einen neuen Stellenwert, auch und insbesondere für Frauen. Da war die Idee, Bier als femininen Aperitiv zu vermarkten, nicht allzu absurd.

Erdinger Pikantus Dunkler Weizenbock Flasche

Der Namen kündet es an: Mit 7,3% Alkohol haben wir hier den doch eher seltenen Fall eines dunklen Weizenbiers in Bockstärke vor uns. Die Farbe hält sich daher zumindest schonmal an die Aufmachung. Dunkelbraun, espressofarben. Die sehr feine Perlage kümmert sich darum, den dicken, festen, aber kleinblasigen Schaum eine respektable Weile aufrechtzuerhalten. Man könnte das Pikantus rein optisch wegen Farbe von Flüssigkeit und Schaum für Caffè crema halten.

Ich kenne Biere, Imperial Stouts beispielsweise, die dann auch den dazu passenden Geruch anbieten würden; nicht so das Pikantus. Es bietet stattdessen einen Kontrapunkt – Metall, Karamell, Brot und Heu. Insgesamt bleibt es diesbezüglich aber eher zurückhaltend.

Wenn wir schon bei den Analogien sind, können wir auch beim Geschmack nahtlos mit Vergleichen fortsetzen – süßcremiger Kaffee, dunkler Kakao, das erinnert den Bierfreund an Porter oder Stout, doch im Gegensatz zu diesen betont das Pikantus dann doch lieber seinen Weizenbiercharakter. Der Abgang ist trockenbitter, weist dabei eine süßliche Klebrigkeit auf, die ich nicht wirklich mag, die ich aber in vielen Bieren in letzter Zeit schmecken musste.

Erdinger Pikantus Dunkler Weizenbock Glas

Insgesamt erahnt man nun schon, wohin mein Fazit geht: Bock, Weizen, Porter, Stout – von allem hat sich das Pikantus etwas geliehen, und darüber vergessen, etwas eigenes zu liefern. Da wollte man vielleicht zuviel bei Erdinger, und so wird aus einer spannenden Idee eines Crossover-Biers schnell eine etwas langweilige Mixtur ohne eigenen Charakter.

Auch die Marketingidee finde ich, ehrlich gesagt, leicht deplatziert – das Pikantus ist ganz sicher nicht als Aperitiv geeignet, denn da trinkt man doch eigentlich gern spritzige Getränke, zum Öffnen der Geschmacksnerven; das Pikantus verkleistert sie eher und bietet nichts spannendes. Zum Essen allerdings ist dieses Bier bei mir ein durchaus gern gesehener Gast, wenn auch kein Stammkunde. Ein Gebrauchs-, kein Gourmetbier halt, trotz der aufwändigen Aufmachung.

Erdinger Pikantus Dunkler Weizenbock Tragerl

Knapp 2,50€ pro Flasche habe ich im Netto-Discounter bezahlt, wo das Pikantus im hübsch designeten Vierer-Tragerl erhältlich war, mit einem darauf abgebildeten rassigen brünetten Model, das ein Glas des Biers anbietet – da bekommt man Lust, das Angebot anzunehmen. Wenigstens mal eine fesche, neue Idee, statt den sonst für Bierwerbung üblichen dauerhippen Partypeople, die mich nur noch anöden.

Nähern wir uns der Idee des Aperitiv-Biers doch nochmal aus einer leicht anderen Perspektive. Ich denke, ich habe nun oft genug klargemacht, dass ich Bier für eine ideale Cocktailzutat halte. Wenn schon das Pikantus allein nicht wirklich als Gaumenöffner taugt, vielleicht aber, wenn man es mit ein paar Hilfsmitteln aufpeppt? Der The Beer & The Nuts-Cocktail beweist, dass man niemand aufgeben sollte, ohne nicht alles versucht zu haben. Ein wunderbares Gebräu.

The Beer & The Nuts


The Beer & The Nuts
1½ oz Polnischer Vodka (z.B. Grasovka)
½ oz Amaretto
½ oz Limettensaft
1 Spritzer Angostura
1 Eiweiß
Alle Zutaten gut schütteln, und im Glas dann…

…mit 1 oz Erdinger Pikantus Dunkler Weizenbock toppen.
[Rezept nach Petros Armakollas]


Persönlich würde ich also, um das oben schon vorweggenommene Fazit nochmals aufzugreifen, Sonstnichtbiertrinkern und Einsteigern nicht gerade einen dunklen Weizenbock als Aperitiv empfehlen. Doch, und damit bewegen wir uns dann doch nicht so weit weg von der Marketingprämisse des Pikantus, als Nachtischbier könnte es somit vielleicht sogar neben dem Bierkenner, der auf etwas Deftiges aber gleichzeitig Unkompliziertes aus ist, den Frauen schmecken, die sich nachmittags in der Sonne mit den Freundinnen etwas anderes gönnen möchten als einen langweiligen Cappuccino.

Kretischer Raki Titel

Hausgemacht schmeckts halt am Besten – Kretischer Raki und Rakomelo

Der Urlaub auf Kreta dieses Jahr war erneut ein Erlebnis. Seit vielen Jahren genieße ich die unglaubliche Freundlichkeit der Kreter, die, im Gegensatz zu vielen anderen Urlaubsländern, nie aufgesetzt oder der Verkaufsförderung dienend wirkt. Filoxenia und filotimo, also Gastfreundschaft und Respekt vor dem sozialen Umfeld, sind in Griechenland keine abstrakten Schlagworte, sondern zumindest bei den Griechen, die ich auf Kreta kennengelernt habe, gelebte Wirklichkeit. Sowohl in den Touristendörfern (wo den Kretern leider selten derselbe Respekt zurückgegeben wird, wie ich dauernd fremdschämend erleben musste), als auch in den abgelegeneren kleinen Bergdörfern, wo trotz Sprachbarriere eine herzliche Freundlichkeit Fremden gegenüber herrscht. Manchmal muss man in Vorleistung gehen, doch dazu reicht es oft schon aus, die älteren Herren in der Taverne beim Frappé von sich aus mit einem lauten kalimera zu begrüßen, sich respektvoll zu verhalten und wenigstens „bitte“ und „danke“ auf Griechisch sagen zu können – das sollte, egal wo, aber eh nicht zuviel verlangt sein.

Mond über Kreta

Das Nationalgetränk Kretas ist entweder dieser Frappé, eine Art Eiskaffee – oder Raki. Der „offizielle“ griechische Name für diesen Tresterbrand ist tsikoudía, und man findet auf Flaschen häufig nur eine der beiden Bezeichnungen, doch die Kreter, die ich zu dieser Spirituose befragt hatte, nutzten praktisch alle das Wort Raki. Im kretischen Dialekt verschleift sich die harte hochgriechische Endsilbe „-ki“ zu „-dschi“, und so bestellt man in der Taverne auf Kreta authentisch halt Souvladschi und ein Glas Rahdschi dazu.

Besonders wichtig ist es den Kretern, immer darauf hinzuweisen, dass ihr Schnaps nichts mit dem türkischen Rakı zu tun hat; wer beide schoneinmal gekostet hat, kann das ohne weiteres leicht bestätigen, denn während der türkische Rakı stark anislastig ist, mehr an Ouzo erinnert, ist der kretische Raki geschmacklich eher dem Grappa oder Pisco verwandt.

Wie es bei Oliven, Olivenöl und oft auch Wein ist, so ist es auch bei Raki: Jede Familie, die was auf sich hält, stellt ihr eigenes Produkt her. In den Supermärkten der Insel finden sich zwar viele überregionale, teils sogar für den Export bestimmte Raki-Marken, doch wenn man sich vor Ort befindet, gibt es keinen Grund, nicht stattdessen auf eine Familienmarke zurückzugreifen, die überall und jederzeit feilgeboten wird.

Kretischer Raki Flaschen

Aus Erfahrung kann ich sagen: Jede hausgebrannte Sorte hat tatsächlich ihren eigenen Charakter, schmeckt leicht anders, für mich persönlich auch besser als die Industrieware. Ich kaufe regelmäßig von unterschiedlichen Orten, wo der Raki dann aus dem Fass frisch in eine Flasche abgefüllt wird. Eine sehr beliebte Alternative zum klaren Raki ist der Rakomelo: Raki verfeinert mit Honig und Gewürzen. Auch hiervon findet man an jeder Straßenecke die Hausmarke eines Heimbrenners, mit der lokalen Charakteristik. Wer sich auf Kreta etwas unter die Leute mischt, und sich als interessierter Gast zeigt, wird oft auch mit einer kleinen Flasche beschenkt.

Wie schmecken die Rakis nun? Der klare, reine Raki riecht schonmal stark nach Trauben, Weinessig, Fino-Sherry. In Blindverkostungen würden viele ihn für Grappa halten – trocken, leicht bitter, sehr fruchtig, und mit angenehmer, zurückhaltender Süße. Im mittellangen Abgang ist er warm und seidig, aber ohne das etwas kratzige Feuer, das viele Grappe aufweisen. Am Ende erinnert er mit etwas Fantasie sogar an einen leichten VS-Cognac.

Der Rakomelo dagegen ist was für die mit dem komplett süßen Zahn: Der Likörcharakter dominiert. Man schmeckt viel Honig, Kräuter, Gewürze, aber praktisch keinen Alkohol. An so einem Gläschen Rakomelo kann man eine Weile schlürfen und lutschen, er ist ideal als Dessertbegleiter geeignet. Im Winter dient er traditionell als Hustenmedizin, ohne nach Medizin zu schmecken, und funktioniert wahrscheinlich besser als Wick Medinait.

Das moderne Kreta erkennt, dass es in ihrem tsikoudia eine ganz eigene, wertvolle Ressource hat. Cocktailbars, wie das frisch renovierte Beachcomber in Stalis, eine wirklich ausgesprochen hochwertige Bar selbst nach westeuropäisch-urbanen Maßstäben, bietet neben anderen faszinierenden Cocktails auch einen mit Raki als Hauptspirituose an; sollte man mal dort sein, muss man den Queen’s Recipe probieren, mit Raki, Kamille und Zitronensaft. Eine Alternative ist der Rakitini, für den ich von meiner eisernen Regel, nie Cocktails zu trinken, die auf -tini enden und dabei nicht mit Mar- beginnen, eine Ausnahme mache. Persönlich hätte ich diesen Drink eh eigentlich eher Raki Smash genannt.

Rakitini


Rakitini
2 Zitronenviertel mit…
3-4 Scheiben Gurke und…
3-4 Zweigen Thymian muddeln.
1 Teelöffel Zucker
1 Prise Salz
3 oz kretischer Raki
Alles auf Eis shaken.

[Rezept nach Georgios Pyrgiotakis]


Ähnlich wie mit Grappa ging es mir auch mit Raki: Zunächst kannte ich nur die scharfe, billige Industrieware, die man in Restaurants vor oder nach dem Essen serviert bekommt. Ein grausiger Spiritus – diese Art, dem Gast einen Pseudogefallen zu tun, hatte mir den Grappa total madig gemacht, bis ich entdeckte, wie toll guter, gereifter Grappa schmecken kann. Auch beim Raki kann einem das auf Kreta passieren: All-inclusive-Hotels oder Touristenkaschemmen bieten oft einen inkludierten Raki an, doch darauf sollte jeder verzichten, der diese Spirituose kennenlernen will.

Sirtaki vor der Taverna Gorgona

Ein paar Schritte in eine authentischere Taverne nebenan, und die Welt sieht anders aus. Und nach ein paar Gläsern davon fallen auch schnell die zivilisatorischen Hemmungen, die uns so beklemmen, und wir tanzen mit anderen Touristen aus Russland, England und Deutschland mit den Griechen zusammen den Sirtaki.

Diebels Premium Altbier Titel

Aus Alt mach Neu? Diebels Premium Altbier

Altbier ist einer der wenigen deutschen obergärigen Bierstile, die die Invasion der untergärigen Biere überlebt haben. Bis auf das allseits beliebte Hefeweizen wurden in den letzten Jahrzehnten obergärige Biere von Export, Lager und Pils an den Rand gedrängt und florierten nur noch in Kulturtaschen; Kölsch in Köln, Berliner Weiße in Berlin, und eben Alt in Düsseldorf. In diesen Gebieten waren diese Biere vorherrschend, doch inzwischen nimmt auch diese Tradition schrittweise ab, wenn man den Verkaufszahlenstatistiken glauben darf.

Wundersam, denn gleichzeitig explodiert das Interesse an britisch-amerikanischen obergärigen Bieren; Pale Ales beispielsweise gehören inzwischen zur Standardausstattung selbst kleiner Supermärkte, und daher springen die modernen Craftbrauer, die sich für solche Exoten interessieren, halt oft lieber auf die sich schon unter Dampf befindlichen angloamerikanischen Brauzüge auf, statt einen alten Waggon vom Abstellgleis zu renovieren. Dabei wäre das bestimmt interessant – im Gegensatz zum Kölsch beispielsweise, das wegen seines Status als geographische Herkunftsbezeichnung nicht außerhalb von Köln so bezeichnet werden darf (manche verlegen sich dann auf die neutrale Bezeichnung „rheinische Brauart“), könnte man Alt auch in Berlin, Hamburg und München ohne rechtliche Konsequenzen herstellen.

Da dies zur Zeit aber höchstens in winzigsten Ausnahmefällen, meist dann sogar im Ausland, geschieht, muss man sich als nichtmobiler Bierfreund auf überregional erhältliche Marken verlassen. Beim Altbier bleibt der erste Anlaufpunkt der Marktführer dieser Biergattung: mit über 50% des verkauften Altbiers ist dies das in Issum gebraute Diebels Premium Alt.

Diebels Premium Altbier FlascheOhne zuviel vorwegnehmen zu wollen, aber die Farbe, ein dunkles Braun mit orangefarbenenen Reflexen, ist ein Täuschungsmanöver für die, die gern malzig-dunkles Bier mögen. Kristallklar und feinperlend steht es im Glas, nur wenig vom leicht beigefarbenen Schaum übersteht die Eingießphase länger als eine Minute.

Der erfahrene, moderne Bierfreund ist sehr verwöhnt, was den Geruch von Bier angeht. Ales und Stouts geizen nicht mit ihren aromatischen Reizen, ganz im Gegensatz zu den aktuell in der Fläche beliebten Bierstilen wie Pils und Helles. Auch beim Alt darf man sich nicht zu lange bei der Nase aufhalten, da man sonst vergebene Liebesmüh in eine fruchtlose Arbeit steckt: Malzig, hefig, sonst eher zurückhaltend; leichte Säuerlichkeit.

Kommen wir zum Wichtigsten: Dem Geschmack. Ich würde den Eindruck als etwas holzig, zumindest aber pflanzlich/vegetal, beschreiben. Kräftig karamellig, dabei aber nicht wirklich süß. Körpervoll und dicht. Säure und Bittere überwiegen. Eine perfekte Rezenz krönt das ganze. Im Abgang ist das Diebels Premium Alt dann trocken und mäßig, aber effektiv bitter. Sehr süffig, mild und bodenständig.

Diebels Premium Altbier Glas

Zurück zu meinem Einwurf bei der Beschreibung der Farbe. Für alle, die daher bei dunklem Bier normalerweise direkt ablehnend den Kopf schütteln, sei gesagt: Bei der dunklen Farbe denkt man direkt zwar erstmal an ein schweres Bier; das Diebels Alt ist aber tatsächlich leicht und äußerst erfrischend, wenn gekühlt konsumiert; so merkt man auch die 4,9 Volumenprozent Alkohol nicht. Gerade diese einmalige Kombination aus karamelliger Würze, angenehmer, nicht übertriebener Bittere und frischer Säure macht das Diebels für mich zu einem Gewinner.

Das Diebels Premium Alt ist in zwei Longneckvariante (0,33l und 0,5l) und Vichyflasche erhältlich, scheinbar teilweise sogar in Dosen. Das sehr markante Logo in Grüngold mit der frakturähnlichen Schrift ist (man vergebe mir den Wortwitz) etwas altbacken, aber der bei Alt scheinbar noch konservativeren Trinkergemeinde, als das in Deutschland flächig eh schon der Fall ist, geschuldet.

Der obligatorische Biercocktail darf hier natürlich auch nicht fehlen. Bei Altbiercocktails kann man guten Gewissens auch recht süße andere Zutaten einsetzen, und da es mit seiner zurückgenommenen Aromatik eh nicht die Hauptrolle spielen kann, dürfen es auch dominante Liköre wie Amaretto oder Southern Comfort sein. Oder beides: Ein sehr süffiger, süßer Drink, der das beste aus allen Zutaten herausholt, ist der Lunchbox.

Lunchbox


Lunchbox
1½ oz Altbier (z.B. Diebels Premium Alt)
1½ oz Southern Comfort

1½ oz Amaretto
3½ oz Orangensaft
[Rezept nach unbekannt]


Tatsächlich habe ich dieses Bier sehr mögen gelernt. Eigentlich, wenn ich ganz richtig formulieren will, habe ich den Bierstil des Altbiers durch das Diebels erstmal kennengelernt, wie das vielen außerhalb des Rheinlands wahrscheinlich so geht, und so Stück für Stück entdeckt, dass das ein wirklich tolles Bier ist. Im Gegensatz zu so manch anderem Stil muss man sich beim Alt auch an nichts zunächst abstoßendes gewöhnen; das ist auf Anhieb gut trinkbar. Und selbst wenn echte Altfanatiker dann sagen, dass das Diebels ein eher durchschnittliches Altbier sei, das nicht mit der original Düsseldorfer Hausbrauszene mithalten kann, so gilt doch: Es ist ein Einstieg und Türöffner, und ohne das leicht erhältliche Diebels müsste man wahrscheinlich nach Düsseldorf fahren, um ein Alt zu bekommen.

Meine Freundschaft zum Alt bleibt dennoch natürlich nicht beim Diebels stehen. Auch wenn es in meiner Region eher schwer ist, andere Sorten des dunklen Biers zu bekommen (freundlicherweise bietet meine Stammbar, das Arnie & Jules in Saarbrücken, ein Alt an), habe ich mir ein Sortiment einiger Brauereien zukommen lassen, und so wird in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft an dieser Stelle noch die Verkostung weiterer Altbiere, von Bolten, Uerige und Füchschen, folgen.

Old Pascas Barbados White Rum Titel

Du trinkst ihn ahnungslos, schon ist der Teufel los – Old Pascas Barbados White Rum

Manche Länder sind untrennbar mit in ihnen hergestellten Produkten verbunden. Deutschland ist das Autoland, Frankreich die Heimat des Croissants. Persönlich ist Italien für mich das Land der Salami, und China das des Tees. Barbados ist diesbezüglich als Geburtsstätte des Rums mit dieser Spirituose auf Gedeih und Verderb verknüpft. Viele sehr hochwertige Rums stammen noch heute von dort, und mir ist bajanischer Rum (das ist eine umgangssprachliche Verkürzung für „aus Barbados stammend“) besonders sympathisch, denn dort ist die Manipulation des Destillats offiziell verboten. Rum aus Barbados ist also etwas Besonderes in der Spirituosenwelt, und wurde daher durchaus zu Recht von Gaby Baginsky in den 80ern besungen.

Schlagertexte sind ja notorisch simpel, doch konzentriert sich in ihnen manchmal eine tiefe Wahrheit.

Er sagte mir: „Ich trink ihn nie mehr pur,
ich kann ihn schon verkraften, aber nur
mit Cola und mit Eis.“

Meint Gaby damit, dass der Rum so stark ist, dass man ihn besser verdünnt? Oder dass er so grausig schmeckt, dass man ihn besser übertüncht? Gewichtige Fragen wirft so ein einfacher Songtext auf, und um herauszufinden, welche Interpretation die gültige ist, greife ich mir einen Rum aus Barbados aus dem Spirituosenregal, einen, den man in fast jedem Supermarkt für unter 10€ bekommen kann: Den Old Pascas Barbados White Rum.

Old Pascas Barbados White Rum FlascheBei der Farbe gibt es keine Überraschungen: klar, mit langen Beinen im Glas, fast dickflüssig. Geruchlich erkenne ich diese typische Lakritznote, die weißer Rum oft hat. Der Old Pascas White erinnert auch etwas an aromatischen Vodka in seiner leicht rauchigen Speckigkeit; dazu Diesel und Lack. Nicht wirklich sehr ansprechend.

Der Geschmack ist zunächst sehr süß, aber vergleichsweise neutral. Leichte Lakritze, etwas Speck, sehr ähnlich wie das, was man gerochen hat; keinerlei Komplexität, alles bleibt an der Oberfläche. Nach einigen Sekunden kommt etwas Feuer auf, eigentlich mehr ein leises Kokeln. Selbst die Alkoholnote ist enttäuschend schwach und langweilig. Der Abgang ist sehr kurz, trocken, hinterlässt eine leichte Bitterkeit auf der Zunge und am Gaumen.

Insgesamt erinnert mich dieser Rum sehr an einfachen polnischen Vodka; in einer Blindverkostung würde ich ihn wahrscheinlich auch für Vodka halten. Nichts von dem, was ich an Rum im Vergleich zu Vodka so schätze, ist vorhanden; die Aromalosigkeit fast schon trist. Da ich mich dagegen sträube, Spirituosen, die ich nicht auch pur trinken würde, in einem Cocktail zu verwenden, ist dieser weiße Bajaner für mich leider ein Komplettausfall.

Die Aräometermessung ergab temperaturkorrigiert 37,4%, das bedeutet, dass dieser Rum immerhin ungesüßt ist. Letztlich sind knapp 38% aber immer noch recht schwach für einen Rum und deutet auf Massenproduktion hin. Daher: wenn es unbedingt billig sein muss, würde ich in dieser Preisklasse dann eher zum nicht arg viel, aber doch erkennbar besseren Captain Morgan White, oder vielleicht direkt zum dreijährigen Havana Club, raten.

Old Pascas Barbados White Rum DetailsSehr gefällt mir aber das Flaschendesign des Old-Pascas-Sortiments, das vor einer Weile ein Facelift erfahren hatte, und nun mit einer tollen, schwungvollen, mit schönen Details versehenen Flasche punkten kann, und dazu mit einem sehr hübsch anzusehenden Etikett.

Verkauft wird dieser Rum natürlich als reiner Mixer. Meine Meinung dazu habe ich schon kundgetan; doch anstatt den Inhalt der Flasche wegzuschütten, brauche ich ihn dann halt in Cocktails, die Rum nur als Alkoholträger einsetzen, Stück für Stück auf. Im Aku Aku beispielsweise ist die Fruchtkomponente eh überwältigend, da passt der Old Pascas Barbados White Rum gut rein. Besonders spektakulär kommt dieser klassische Trader-Vic-Tiki-Cocktail natürlich rüber, wenn man ihn in einer ausgehöhlten, gefrosteten Babyananas serviert, deren Innenleben man auch direkt für den Cocktail einsetzen kann.

Aku Aku Cocktail


Aku Aku
1 oz Old Pascas Barbados White Rum
½ oz Pfirsichlikör
½ oz Zuckersirup
2 oz Ananasstücke
10 Blätter Minze
Alle Zutaten mit dem Pürierstab blenden


Durchaus spannend, dass dieser klare, ungereifte Verwandte des von mir durchaus geschätzten Old Pascas Ron Negro an diesen so überhaupt nicht heranreichen kann. Das liegt aber nicht an der Gattung „weißer Rum“ per se – da gibt es schon außergewöhnlich leckere Verteter, wie den Brugal Titanium oder den El Dorado 3 Jahre, von höchstköstlichem weißem rhum agricole wie dem La Mauny oder Dillon, oder dem jamaikanischen Aromenmonster Wray & Nephew, brauchen wir da gar nicht erst anzufangen.

Wie schon eingangs erwähnt, Barbados bietet viele Exportschlager in Sachen Rum. Leider gehört der Old Pascas Barbados White Rum nicht dazu.