Jahrgänge aus dem Fass – Vieux Sajous Aged 5 Years Vintages 1998, 1999, 2000

Man hört nicht mehr so dramatisch viel von Clairin, wie damals, als Velier die Rumwelt mit seiner Marketingkampagnie für den Brand aus Haiti aufwirbelte. Da war Clairin in aller Munde, jeder wollte es probieren, doch nicht jeder konnte mit dem wilden, unzivilisierten Destillat aus Zuckerrohr wirklich etwas anfangen, dazu war es zu aromatisch und direkt für den Gaumen der breiten Masse. Dennoch setzte sich Clairin fest im Kanon der Weltspirituosen, sicherlich eine gute Sache für das geplagte Haiti, auch mal gute Schlagzeilen zu machen, nicht nur schlimme. Und auch wenn aktuell keine Clairin-Sensationen mehr erfolgen, so tropft immer wieder eine Neuabfüllung bis zu uns nach Deutschland durch, und Stetigkeit ist für die Brenner auf Haiti sicherlich lieber als Flash-and-Burn, wie das bei anderen Dingen zu oft passiert.

Die Destillerie Chelo im Grand Terroir Saint Michel de l’Attalaye, besser bekannt als die Brennerei von Michel Sajous, hat sich hartnäckig gezeigt und sich nicht auf dem initialen Erfolg ausgeruht. Dort hat man schnell begonnen, den nun beliebten Clairin auch in Fässer zu legen und im tropischen Klima Haitis zu reifen. Die ersten Ergebnisse waren vielversprechend, ich hatte hier schon ein paar der Clairin Ansyens, wie sie genannt wurden, besprochen. Doch nun scheint es sich herauszubilden, dass die Fassreifung in ein durchgängiges Schema transiert ist, so dass wir nun vielleicht jährlich einen neuen gereiften Jahrgangsclairin von Michel Sajous bekommen können, mit dem prestigeträchtigeren Titel „Vieux“ ausgezeichnet – aus dieser Reihe stelle ich heute mal drei Jahrgänge vor, die im VSGB-Projekt erschienen sind: Vieux Sajous Aged 5 Years Vintages 1998, 1999 und 2000.

Vieux Sajous Aged 5 Years Vintages 1998, 1999, 2000

In Erweiterung zu dem schon hier erwähnten „Vieux Sajous“, der 4 Jahre gereift wurde, sind diese Brände aus dem indigenen „Cristalline“-Zuckerrohr alle 5 Jahre im Fass gelegen – ein Zeichen für mich, dass hier durchaus Fassmanagement mit unterschiedlichen Altern und Vorbelegungen Einzug gehalten hat. 2018 wurde ein Clairin in 18 Fässer mit Single-Malt oder Rum-Vorbelegung verpflanzt, und dann mit 57,5% Fassstärke abgefüllt. Ähnlich machte man es 2019, 21 Fässer mit Single-Malt oder Rum-Vorbelegung wurden dafür dann genutzt, die Abfüllstärke ist 58,3%. Und schließlich 2020, das gleiche Vorgehen, 19 Fässer gleicher Art wurden herangezogen, am Ende mit 59,52% in die Flasche gefüllt. Ich bespreche hier alle drei in einem Sammelartikel, um die kleinen, aber feinen Unterschiede, die dabei hoffentlich entstanden sind, herauszuarbeiten.


Farblich sind sie alle sehr ähnlich, der 2018er hat vielleicht einen Hauch mehr Kontrast als die beiden anderen, das ist aber im Minimalstbereich. Ich würde irgendwie auf klares, leuchtendes Bernstein verweisen, mit orangefarbenen Lichtreflexen. Auch in der Viskosität ist kein wirklich nennenswerter Unterschied sichtbar; sie verhalten sich schwer, ölig und lassen fette Tropfen an der Glaswand.

In der Nase finde ich dann aber die Eigenheiten. 2018 ist deutlich esterig, quietschig und hat Töne von Leder, würzigem Tabak und einen Hauch von feuchtem Karton. Hell, klar und fast minzig frisch wirkt er, leicht und dennoch mit Charakter. 2019 hat einen völlig anderen Zuschnitt, hier sticht sofort Banane, reife Ananas und Mango hervor, er ist viel fruchtiger, weniger würzig. Ein Hauch Anis kommt vor, etwas grünes Gras. Ein insgesamt weicherer, voller und sanfterer Duft. Für den 2020 klärt sich das wieder etwas auf, er ähnelt erkennbar mehr dem 2018er als dem 2019er. Auch hier finde ich Leder und Tabak, kombiniert mit etwas Muskatnuss und einem Anflug von Sternanis, er bleibt dabei etwas wärmer im Gefühl als der kühle 2018.

Vieux Sajous Aged 5 Years Vintages 1998, 1999, 2000 Glas

Im Antrunk zeigt sich der 2018er initial süß und weich, das ändert sich aber sehr zeitig, pochende Wärme bildet sich aus der sich ausbreitenden Würze, die sich in dem wunderbar eingebundenen Alkoholgehalt tragen lässt. Die Mischung aus Trockenheit und Frucht ist typisch für gereifte Clairins, Anis und Süßholz geben den exotischen Touch, zusammen mit feiner Salzigkeit. Der Abgang ist sehr lang und hält die Aromatik aufrecht, Tabak und Ananas klingen lange nach, und der Gaumen und Rachen bleiben gewärmt. Beim 2019er schießen die Ester dagegen sofort beim ersten Kontakt voll nach vorne, mit einer erkennbar zur Säure tendierenden Balance. Ananas und Mango bilden die Frucht ab, darunter ist Lakritz und im späten Verlauf eiskalte Minze, die sich frisch und frech am hinteren Gaumen festsetzt und von dort aus alles runterkühlt. Der Abgang ist nicht ganz so lang wie beim 2018er, aber in der kürzeren Zeit effektvoller. Für den 2020er verstärkt sich das alles nocheinmal, zwar deutlich weniger ausgeprägte Frucht, aber esterig wirkt er dennoch am meisten. Auch sind die Minz- und Aniseffekte hier am klarsten vorhanden. Gegen Ende wird er auch wirklich staubtrocken, saugt etwas Spucke aus den Backentaschen, und glüht in der Speiseröhre. Bei ihm entdecke ich erstmals nun auch im Nachhall Eindrücke von Single Malt, nur in winzigen Dosen, aber doch spürbar.

Ja, sie ähneln sich definitiv, die drei Jahrgänge, aber haben dennoch klare eigene Eigenschaften, so dass man nicht befürchten muss, einfach dreimal den sensorisch gleichen Rum verkauft zu bekommen. Es ist auch mehr die generelle Typizität eines gereiften Clairins, die sie ähnlich machen, bleibt man gedanklich rein in dieser Kategorie, muss man die Unterschiede doch deutlicher betonen. Für alle gilt – es sind großartig ausgebaute Rums, die die Eckigkeit und Wildheit des ungereiften Clairins abbauen, ohne sie zu zerstören. Der Alkohol ist in allen großartig verbaut, die Holznoten bleiben elegant und nicht übertanninig, das Mundgefühl ist breit und voll. Weiterhin sind es aber Clairins, das heißt, das hier nichts gemütlich oder wirklich weich wird, sondern immer noch grasige, freche, maritime, salzige und würzige Eindrücke dominieren. Und das mag ich sehr an den Vieux Sajous 2018, 2019 und 2020, mit den Besonderheiten, die jeder für sich aufweist.


Für solche Brände darf man gern klotzen, was die anderen Zutaten angeht, ein Clairin geht schlicht nicht unter, egal, was man sonst verwendet. Der Wordsmith ist eine Variation auf den Last Word, und zeigt genau das. Aber vorsicht, so ein Drink haut rein, das ist kein leichter Aperitif, sondern ein Late Night Absacker, der den Abend beendet. Hier habe ich die Chance genutzt, und gleiche Teile von allen drei Jahrgängen verwendet, das macht den Cocktail direkt noch ein bisschen besonderer.

Wordsmith Cocktail

Wordsmith
25ml gereifter Clairin
25ml Chartreuse Verte
25ml Maraschino-Likör
25ml Limettensaft
Auf Eis shaken. Mit Limettenzeste dekorieren.

[Rezept nach Chuck Taggart]


Ich finde es fast ein bisschen schade, dass man mit dem 2020er aus der Reihe der Gestaltung ein bisschen ausgebrochen ist und statt dem Schwarzweiß- ein Farbbild genutzt hat fürs Etikett und den Karton. Tatsächlich stört mich aber, dass für den Karton Text und Bild nach unten versetzt wurden, das bricht den Eindruck, wenn alle drei nebeneinander im Regal stehen. Na, mal schauen, was 2021 diesbezüglich bringt, ich gehe fest davon aus, dass weitere Einträge in dieser sehr gelungenen Reihe folgen werden.

Bei der letzten Bestellung über Spirit Academy habe ich neben dem 2020er Vieux Sajous auch gleich noch ein Hemd aus der B-tik-Kollektion von Velier mitbestellt. Das ist von der Gestaltung eher an die Clairins der Destillerie von Faubert Casimir angelehnt, aber letztlich ist das auch egal – schöne Hemden, wirklich hübsch gestaltet, angenehm zu tragen, und durchaus auffällig in dem knalligen Rot. Ich hatte es während des Madeira Rum Festivals an, und habe gemerkt, dass Leute interessiert darauf geschaut haben – wer auffallen will, ist mit dieser Kollektion gut bedient, das ist eher nichts für den, der in der Öffentlichkeit unter dem Radar fliegen will. Rum schmeckt jedenfalls noch besser, wenn man es trägt.

Weine aus Madeira – Blandy’s Madeira Wine

Ich habe Kopfschütteln und verdrehte Augen gesehen, als ich auf die Frage, wie man in Deutschland Madeira-Wein trinkt, ehrlich geantwortet habe – gar nicht, es ist eine Kochzutat hierzulande. Und ich glaube, damit spreche ich für einen Löwenanteil der Bevölkerung, die nur die eine Flasche, die man in Märkten findet, für Soßen oder Aromatisierung heranzieht. Dabei sind die Madeiraner extrem stolz auf ihren Wein, der Tradition und Geschichte aufzuweisen hat. Das Handwerk wird auch heute ernst genommen, der Wein in alle Welt exportiert, lieber natürlich in Länder, die den Wein von der Insel als edles Getränk zu schätzen wissen. Ich habe ein kleines Set der Basisprodukte eines Herstellers mitgebracht, Blandy’s Madeira Wine, mit den Rebsorten Sercial, Verdelho, Bual und Malmsey. Bei Blandy’s in Funchal arbeitet man seit mehr als 200 Jahren und 7 Generationen mit den besonderen Weinen der Insel.

Alle vier sind die traditionellen großen portugiesischen Rebsorten, die für Madeira-Wein schon immer eingesetzt wurden. Madeira-Wein ist ein fortifizierter Wein, auch vinho generoso genannt, ähnlich wie Portwein und Sherry. Besonders hervorzuheben ist beim Madeira die durch Hitze geförderte Karamellisation und Oxidation – man legt die Fässer gerne unters Dach (Canteiro), in die pralle Sonne, und nutzt keine Weinkeller wie bei anderen Weinen dieser Art. Alternativ werden sie im Estufagem-Verfahren künstlich erhitzt. Die in meinem Set enthaltenen Sorten sind alle monovarietale Blends, wie ein Großteil der Produktion insgesamt, aus verschiedenen Ernten und weisen 19% Alkoholgehalt auf.

Wie ich es bei der Verkostung in der Lodge (siehe dazu unten mehr) gelernt habe, fangen wir mit dem trockenen Wein an, dem Blandy’s Sercial 5 Years Old. Sercial ist eine autochthone portugiesische Weißweinrebe, die säurebetonte, strenge Weine liefert.

Blandy's Sercial 5 Years Old Madeira Wine

Zwischen Terracotta und Rostbraun liegt die Farbe, mit strohgelben Lichtreflexen. Die Textur ist ölig und schwer. Die Nase findet viele nussige Aromen, dazu getrocknete Pflaumen und gelbe Rosinen, und Datteln. Frische Mango liegt darüber. Ein minimaler Alkoholhauch ist erkennbar. Der Antrunk ist säuerlich, zitronensaftig, mit einer bitteren Unterseite. Dies bleibt in Kombination auch lange bestehen, das trockene, aber nie astringierende Mundgefühl kommt dazu, insgesamt ein sehr frischer, klarer, strenger Eindruck, der sich durch die nussigen und trockenfruchtigen Aromen aber auflockert und dann elegant und filigran wirkt. Die Kombination aus Zitrone und Mandel ist wirklich apart – so etwas als kleiner Aperitif zur Gaumenöffnung funktioniert sicher sehr gut.


Als „Medium Dry“ wird der Blandy’s Verdelho 5 Years Old eingestuft. Die weiße Rebsorte Verdelho ist auch unter dem Namen Gouveio bekannt, und wird auch gerne für weißen Portwein verwendet; der Wein aus ihr ist säurebetont und alkoholreich.

Blandy's Verdelho 5 Years Old Madeira Wine

Akazienholzfarben mit deutlichen orangefarbenen Lichtreflexen landet er im Glas, und er hinterlässt richtig dicke, fette Tropfen an der Glaswand beim Drehen des Glases. Die Trockenfrüchte sind hier noch ausgeprägter, das fühlt sich an, als riecht man an einem Dattel-Rosinen-Sirup; eine kleine herbe Kante lockert das aber sofort auf, mit feinsten Holztönen. Honig, Nussmischung und ein Beiklang von Pflaume sorgen für Komplexität. Im Mund fühlt man sofort die Balance aus Süße und Säure, mit letzterer als Gewinner über den Verlauf; die schweren Frucht- und Nussaromen werden davon getragen. Das Mundgefühl ist weich, immer noch durchaus trocken, ohne Astringenz. Im Finish finde ich eine leichte Pikanz, und ein entstehendes Wintergrünaroma, das lange anhält. Richtig süffig trinkt sich das, ein bisschen schmeichelnder als der Sercial, hier gehe ich schon in Richtung Dessertbegleitung.


Die dritte Süßestufe, „Medium Rich“, erreichen wir mit dem Blandy’s Bual 5 Years Old. Bual (oder portugiesisch eigentlich Boal) ist autochton in Portugal und wird neben der Weinherstellung auch gerne als Tafeltraube genutzt, sie ist balanciert und aromatisch.

Blandy's Bual 5 Years Old Madeira Wine

Die Farbe geht hier fast schon ins Kastanienbraun über, und die Viskosität ist beeindruckend schwer. Fette Beine laufen nach dem Drehen des Glases langsam ab. Aromatisch ist der Bual hier ein kleines bisschen zurückgenommen, ich finde aber mühelos Honigmelone, reife Ananas und weiterhin natürlich Rosinen; es gibt etwas weniger Nüsse zu entdecken. Die Süßestufe erkennt man im Antrunk noch nicht, hier knackt die Säure noch, im späteren Verlauf zieht hier aber dann doch die Süße auf und zeigt sich erstmals als fast gleichwertiger Spieler, hat sogar Chancen gegen die Trockenheit. Tropische Früchte bilden die Hauptgeschmäcker, erneut Ananas und Melone, und im Finish ist auch das Wintergrün wieder da, nun aber gekontert von erkennbarer Holzherbe. Für mich persönlich ist der Bual etwas unentschieden, wo er hinwill, und es ist erkennbar weniger Spannung im Wein – doch vielleicht ist diese aufkeimende Gemütlichkeit genau das, was andere daran mögen.


Die süßeste Stufe, „Rich“, hat am Ende nun der Blandy’s Malmsey 5 Years Old. Malmsey oder Malvasia ist eine weiße Rebsorte und hat eigentlich wohl griechischen Ursprung (ich verweise gerne auf meinen Artikel über den Wein und Traubenbrand aus Malagouzia hier).

Blandy's Malmsey 5 Years Old Madeira Wine

Einen Sprung machen wir auch in der Farbe, die nun deutlich gebranntes Siena ist, mit Zwischentönen von Rost und Kupfer. Ölig schwappt der Wein im Glas, zeigt sich sehr haftfreudig. Für die Nase gibt es nun feine, puddingartige Vanille, richtig ausgeprägte Butter, und darunter dichtes, nasses Fassholz – eine ausgesprochen schwere Mischung, und klar abgegrenzt zu allen drei Vorgängern, auch wenn die typischen Rosinen und Nüsse immer noch erkennbar bleiben. Im Mund fühlt es sich nun schwerer an, bleibt immer noch säuregetrieben gegen die Süße, insbesondere im Finish; man darf trotz des Namens hier keinen Süßwein erwarten, auch wenn man sich dem nähert. Die Rosinen sind nun dichter, dunkler und gedörrter im Gefühl, dazu kommen Pflaumen und ein Anklang von Backgewürz. Der Abgang ist viel holziger als bei den anderen Varianten und das Holz brummt lange nach. Hier erreiche ich etwas, das ich gerne einfach so schlürfen würde, ohne Anlass oder Begleitung, ein sehr ausgewogener Wein für den reinen Genuss.


Was ist das Fazit? Alle vier sind deutlich säuregetriebene Weine, in unterschiedlichen Stufen der Trockenheit am Gaumen, die aber genug gemeinsame Typizität aufweisen, um erkennbar in eine Kategorie verortet werden zu können. Die Ähnlichkeit zu Sherry ist gegeben, und wer das eine mag, darf ruhig auch das andere mal betrachten, um seinen Geschmackshorizont zu erweitern. Ich finde die Weine von Blandy’s jedenfalls handwerklich hervorragend gemacht, und voller Spannung und Abwechslung.


Hier nun noch ein paar Eindrücke, die ich beim Besuch der Blandy’s Wine Lodge aufgesammelt habe. 23€ kostet die Tour aktuell, die in mehreren Sprachen verfügbar ist, auch deutsch, sie beinhaltet eine ausführliche Erklärung der Herstellung und Geschichte, und sogar auch eine geführte kleine Verkostung von drei Sorten am Ende. Wer in Funchal eine Stunde Zeit findet, wird sie dort sinnvoll und unterhaltsam nutzen können!

Wer etwas elaborierteres trinken möchte als diese 5 Jahre alten Weine, der findet ein ähnliches Set auch mit 10-jährigen Inhalten; wer seinen Favoriten gefunden hat, kann natürlich die Großflasche der vielen rebsortenreinen und rebsortengemischten Blends des Hauses, oder eine Colheita-Abfüllung mit Angabe des Erntejahrs erwerben. Ich habe meinen Blick auf eine Terrantez-Variante geworfen, allerdings ist sowas schwer zu bekommen und sehr teuer.

Für mich ist Madeira-Wein nun, nachdem ich ihn am eigenen Leib vor Ort erlebt habe, natürlich keine Kochzutat mehr. Aber so geht es mir oft – durch die Reisen sieht man viele Dinge, die man als gegeben hinnimmt, plötzlich mit anderen Augen, reichhaltiger, wärmer, bedeutsamer. Und ich hoffe, ich kann ein paar Leser dazu bringen, sich diesem Weg anzuschließen.

Versilberter Ahorn – Rose Valley Single Malt Whisky Cask No. 14

Inzwischen sind die offiziellen Resultate des German Whisky Award 2026 veröffentlicht, es war wieder einmal ein großer Spaß und eine große Ehre, als Juror für die fast 130 eingereichten Produkte dienen zu dürfen. Die Hauptergebnisse hänge ich am Ende des Artikels an, sie zeigen wie schon letztes Jahr, dass der deutsche Whisky Qualitäten aufweist wie kaum eine andere Nation sie durchgängig und reproduzierbar aufweist. Dabei wurde mir aber auch wieder erneut klar: da ist eine große Spannbreite an Stilen, Typen und Eigenheiten im Markt, entstehend aus den weit verstreuten Brennereien, den historischen Hintergründen der Brenner, und den vielfältigen Basismaterialien, Reifungsarten und technischen Anlagen, auf denen der Whisky gemacht wird. Es gibt keinen „typischen deutschen“ Stil, und das ist vielleicht gut so.

Was könnte diese Aussage besser beweisen als das Produkt, das mir von dem Wettbewerb am meisten in Erinnerung geblieben ist: der Rose Valley Single Malt Whisky Cask No. 14 von der Feinbrandmanufaktur Eric Brabant in Striegistal (Sachsen). Es handelt sich hierbei um einen Whisky, gebrannt 2021, abgefüllt 2026 mit 48,5% Alkoholgehalt, der eine ganz besondere Reifung erhalten hat – das Fass, in dem er für die Vollreifung 4 Jahre gelegen hat, ist ein Ex-Bourbon-Fass, das 2 Jahre lang mit Ahornsirup zwischenbelegt wurde. Dass hierbei ein besonderes Aroma übertragen werden könnte, das die Verkoster spaltet, war sicherlich beabsichtigt; mich hat es direkt fasziniert, und darum musste ich nach dem Wettbewerb zeitnah eine der 301 Flaschen, auf die dieser Whisky limitiert ist, bestellen, und als er bei mir zuhause eintraf, konnte mich nichts davon abhalten, sofort die Flasche zu öffnen und tief daran zu schnuppern, um zu schauen, ob ich das Wettbewerbserlebnis wiederholen kann. Hat es geklappt? Ich berichte.

Rose Valley Single Malt Whisky Cask No. 14

Die Farbe würde ich als strohig bezeichnen, mit champagnerfarbenen Lichtreflexen, ein ehrlicher Farbton für 4 Jahre in gebrauchten Fässern; nicht kaltfiltriert und ohne Färbung, so mag ich das. Im Glas bewegt sich der Whisky sehr lebendig und mit leichter Viskosität, es bildet sich beim Drehen eine Teppichkante, aus der Beinchen ablaufen.

Die Nase hatte mich beim ersten Schnuppern verwirrt. Diese absurde Mischung aus Liebstöckel, Sojasauce, Holz, Getreide und etwas, das man erstmal gar nicht zuordnen kann, wirft selbst den erfahrenen Verkoster aus der Bahn. Wenn man weiß, dass hier ein Ahornsirup-Fass zum Einsatz kam, fällt es einem auch dann plötzlich wie Schuppen von den Augen, was diese Ungewöhnlichkeit ausmacht. Der Spitzname „Maggi-Whisky“, den er von uns während der Verkostung zum German Whisky Award bekam, trifft es aber dennoch – man sieht, Sinneseindrücke gehen ineinander über und sind nicht unbedingt treffsicher festlegbar, wenn man blind probiert. Es kommt noch eine leicht mentholische Note und sicherlich auch etwas von einem Erdhaufen, der kürzlich von Wildschweinen umgegraben wurde, ins Spiel, eine leichte Bestialität, sozusagen, ohne je ins Unangenehme zu kippen. Insgesamt ist der Duft dieses Whiskys zu hundert Prozent einer, den kein Mensch vergisst, und der wirklich besonders und einmalig ist. Ich liebe sowas ja über alles.

Rose Valley Single Malt Whisky Cask No. 14 Glas

Die Textur am Gaumen wirkt initial erstmal weich und süß, rund und breit, aber im Verlauf wird der Whisky immer weniger süßmild, sondern würzig und herzhaft, ohne dass das Mundgefühl auch nur ein bisschen darunter leidet. Im Gegenteil, eine effektvolle Komplexität erscheint, weniger von der geschmacklichen, mehr von der strukturellen und texturellen Seite: deutliche Salzigkeit bildet sich heraus, Säure kontert die Süße, frische Weißpfeffrigkeit erscheint. Auch aromatisch passiert etwas, so wird der Ahornsirup nun immer prägnanter. Die Getreidebasis nimmt diese besondere Aromatik bereitwillig auf, trägt sie, lässt sich aber nicht komplett überdecken; gerade im Nachhall blitzt das Getreide nochmal auf, mit heuigen und leicht spelzigen Aspekten. Das Finish ist eher kurz, leicht bitter, mit einem gewissen Kitzeln am Zäpfchen, und einem warmen Brummen im Rest des Mundes.

Der Whisky hat am Ende eine Silbermedaille beim German Whisky Award gewonnen. Für mich ist er die Entdeckung des Wettbewerbs, einfach weil er so besonders und untypisch ist – gerade das ist aber oft das Problem mit solchen Produkten bei Wettbewerben. Ich begreife, dass ein Single-Malt-Fanatiker beim Rose Valley Cask No. 14 die Augen verdrehen mag, und ein Stilrichter soetwas abwerten muss. Für den, dem solche Kriterien aber egal sind, und der einfach einen wirklich schönen, ungewöhnlichen und trotzdem handwerklich sehr gut gemachten Whisky trinken will, ist dieser Brand schlicht ein Ereignis.


Was macht man daraus? Ich habe von einem guten Freund gelernt, dass man so spezielle Produkte nicht mit anderen Zutaten kaschieren sollte, sondern sich voll in die Besonderheit reinlehnen muss, und diese sogar noch betonen. Darum passt er als Alternative perfekt in einen Don Lockwood. Ich würde hier sogar noch weiter gehen, und die Anteile zugunsten des Rose Valley Cask No. 14 verschieben. Das Originalrezept findet ihr auf meiner Cocktailseite; hier gebe ich die getwistete Variante an. Ein großartiger Cocktail!

Don Lockwood Cocktail

Don Lockwood (Twist)
50ml Rose Valley Single Malt Cask No. 14
10ml Smokehead Terminado
10ml Ahornsirup Grade A
2 Spritzer Angostura Bitters
2 Spritzer Bonpland Chocolate Mace Bitters
Auf Eis rühren. Auf einen großen Eiswürfel abseihen.
Mit einer Orangenzeste absprühen.

[Rezept nach Abraham Hawkins]


Optisch macht die Präsentation was her – die Halbliterflasche selbst noch nicht einmal so sehr, dafür der gut funktionierende und praktikable Schraubverschluss mit Holzkappe, die hübsche Schnur um den Flaschenhals, die sogar mit einer Plombe versehen ist; und eine handeingetragene Flaschennummer auf den zurückhaltend gestalteten Etiketten. Der vorne offene Geschenkkarton überzeugt mich dagegen nicht, darauf kann man gerne einfach komplett verzichten, ohne etwas vom Erlebnis zu verlieren.

Hier nun ein paar Eindrücke vom German Whisky Award 2026, wie versprochen. Die Whiskywelt Burg Scharfenstein hat erneut als grandiose Location perfekt abgeliefert, wie auch das angegliederte Boutique Hotel Burg Scharfenstein, und dem Restaurant, in dem wir wie Könige versorgt wurden. Danke an Bernd Ehbrecht und Martin Henning!

Der Wettbewerb hat sich etabliert, denke ich, die höchstprofessionelle Leitung von Julia Nourney, die jeden Tag frühmorgens bis spätabends die Organisation in die knapp bemessenen 2 Tage quetschte und genau die richtige Mischung aus jovialem Lachen und harter Hand zeigte, die so eine verrückte Jury braucht, um effektiv zu arbeiten und dabei den Spaß nicht zu vergessen. Hier nun der Hauptgewinner und die Goldmedaillen des diesjährigen Wettbewerbs.

German Whisky Award 2026 - Gold Medaillen

Auch der vieles gewohnte Verkoster wurde durch die Produkte erneut überrascht – wenn es möglich ist, bin ich auch 2027 gerne wieder dabei und hoffe auf genauso spannende Produkte und Ergebnisse!

Biermischgetränk am Freitag – Brasserie Licorne Slash Mango und Slash Red

Ich bin nicht unempfindlich gegenüber schön gemachten Sachen. Im Gegenteil, ich bin sogar höchst empfänglich für hübsche Dinge, und die Gestaltung bei Brasserie Licorne Slash Mango und Slash Red fallen mir natürlich ins Auge. Die Etikettentexte sind, naja, etwas esoterisch, aber vielleicht muss man heutzutage mit buntem Vokabular punkten – ich schreibe ja selbst oft gern leicht blumig, daher fühle ich mit dem Texter bei Licorne mit.

Liest man die Zutatenliste, wird einem fast ein bisschen übel – drei Sorten Süßungsmittel (Glukosesirup, Zucker, Invertzuckersirup) lassen einen nichts Gutes erwarten, dazu Säuerungsmittel und natürliche Aromen, und sogar einfach „Aromen“. Das Produkt ist als Biermischgetränk und nicht als Fruchtbier deklariert, darum muss man das wohl bei derartig industriell hergestellten Bierderivaten akzeptieren, aber „gut finden“ und „akzeptieren“ sind immer noch zwei Paar Schuhe. Ich gehe nun mit einer gesunden Portion Skepsis in die Verkostung.

Brasserie Licorne Slash Mango und Slash Red

Erstmal gießen wir uns das Slash Mango in ein Glas, und schauen dabei nochmal auf die Angaben auf der Dose. Zitronenfruchtsaft aus Konzentrat und Mangofruchtsaft aus Konzentrat, letzteres immerhin mit 2%, das hört sich wenig an, ist aber für ein Mischgetränk ganz normal.

Auge: Sonnenblumengelb, gefühlt passend zur Mango. Minimalste Trübung, kaum eine Perlage erkennbar. Der Schaum ist schlank, nach einer Minute ist nur ein Flaum übrig.

Brasserie Licorne Slash Mango

Nase: Deutlich dominiert von der Frucht, die Mango ist fett, reif und in der Intensität fast ein bisschen künstlich. Jedenfalls ist da nur ein Anflug von herberer Biernote, die die Mango nicht ganz überdecken konnte. Frisch, fruchtig, durchaus angenehm.

Mund: Direkt vom Antrunk an findet sich eine knackige Säure, kombiniert mit frischen Fruchtaromen; persönlich kenne ich Mango eher süßer, die zusätzlichen Zutaten wie Zitronensäure hebeln das aber fast komplett aus. Angenehmes Mundgefühl mit viel Rezenz, klar, und schön bitter, erst spät entdeckt man dann dazu ein bisschen Biertypizität. Der Abgang ist herbtrocken, kurz, hinterlässt aber ein schönes Frischegefühl.

Fazit: Eine Alternative zu einem Radler, ganz sicher – ich bin höchsterfreut, dass hier keine pappige Kunstsüße da ist, sondern ein erfrischendes, klares, gefühlt naturnah gemachtes Fruchtmischbier. Könnte ich öfter trinken!


Überraschend positiv gestimmt wende ich mich dem Slash Red zu, das weist auf der Dose auch schonmal 8,7% Kirschsaft aus Konzentrat aus.

Auge: Rostbraun, leicht getrübt, bei Gegenlicht sieht man eine feine, kräftige Perlage. Schaum ist feinblasig und flauschig, aber wenig ausdauernd und bildet schnell eine plane Fläche auf dem Bier.

Brasserie Licorne Slash Red

Nase: Insgesamt zurückhaltend, dezent fruchtig, wobei die Sauerkirsche natürlich dominiert, darunter findet sich eine stallige Komponente mit dunklem Getreide. Sonst ist ehrlich wenig zu berichten.

Mund: Überraschend frisch und klar, mittelfester Körper ohne großes Volumen, aber cremig und fluffig im Mundgefühl. Die Kirsche ist deutlich da, drängt sich aber nicht auf, bleibt auf einem einigermaßen natürlichen Niveau. Sonst ist allerdings praktisch nichts da, die Rezenz ist offensichtlich das Hauptargument für dieses Bier, denn das prickelt frisch und bunt, klärt wunderbar den Gaumen, ohne künstliche Fruchtaromen zu hinterlassen. Am Ende wirkt es mir dann aber doch etwas zu süß.

Fazit: Ich bin hier etwas weniger überzeugt als von der Mangovariante, irgendwie fehlt es hier an allen Ecken und Enden – zuwenig Kirsch, zuwenig Bier, zuwenig Körper, und trotzdem funktioniert es als reines Erfrischungsbier ohne Anspruch. Kein Vergleich zu einem echten Kriek oder Fruchtbier, aber süffig und erfrischend.


Ein Gesamtfazit – drückt man beide Augen zu, wenn man die Zutatenliste anschaut (oder schaut sie einfach gar nicht an), bekommt man hier leckere, unkomplizierte und erfrischende Biermischgetränke, die ihren Zweck voll erfüllen, und dies tatsächlich besser tun, als ein Großteil der Konkurrenz in diesem Sektor, und mit 8% Alkoholgehalt bekommt man auch was geliefert. Das ist keine Kunst, auch wenn die Dosenetiketten das mit ihrer sehr ansprechenden und gut gemachten Illustrationsstrategie mit den Einhörnern andeutet, aber Kunst macht auch nicht immer glücklich, hin und wieder will man auch unanspruchslos aber trotzdem gut gemacht unterhalten werden. Die Getränke aus der Slash-Reihe bei Licorne werde ich persönlich darum sicher öfter mal im Glas haben, besonders das Mangobier; die Skepsis des Anfangs hat sich gelöst.

Wiederbelebte Fauna – Distillerie de Labourdonnais Raph The Dodo of Mauritius Floral Limited Edition 5 Year Old Rum

Ich bin Juror bei Spirituosen, und man verkostet dort immer blind. Man bekommt ein neutrales Glas serviert mit einer Nummer, und beschäftigt sich dann damit. Doch das ist natürlich ein künstlicher Sonderfall. Die Begründung dafür ist klar – man will eine Spirituose allein aufgrund ihres intrinsischen Werts beurteilen, ohne Einfluss von Äußerlichkeiten. Doch so trinkt halt kein echter Mensch ein Genussmittel. Für mich, wie für die meisten anderen, gehört die Flasche mit zum Trinkerlebnis. Ist sie optisch aufwändig gestaltet, liegt sie gut in der Hand? Wie fühlt es sich haptisch an, sie zu öffnen, den Korken zu ziehen, den Schraubverschluss zu drehen? Das Geräusch, wie die Flüssigkeit aus der Flasche ins Glas fließt, und der Geruch, der sich dabei verbreitet. All das fällt bei Blindverkostungen unter den Tisch, und darum bildet so etwas immer nur einen Teil eines Gesamterlebnisses ab. Darum stehe ich auch gerne dazu, dass mich eine Flasche wie die des Raph The Dodo of Mauritius Floral Limited Edition 5 Year Old Rum von der Distillerie de Labourdonnais auf Mauritius beeinflusst, und ich es gar nicht schlimm finde.

Der Rum stammt aus Mauritius, wo der namensgebende Dodo schon vor langer Zeit ausgerottet wurde – ein flugunfähiger und kontaktfreudiger Vogel hatte kaum eine Chance gegen die Fleischjäger, die im Zuge der Entdeckungs- und Kolonisierungsreisen auf die Insel kamen, hungrige Menschen und eingeschleppte Ratten bedeuteten den Untergang für den Dodo schon im späten 17. Jahrhundert. Zur Flasche sage ich am Schluss noch etwas, jetzt soll erstmal doch der Inhalt im Fokus stehen. Der Rum wird also auf Mauritius, bei der Distillerie de Labourdonnais, aus Zuckerrohrsaft in einer Säulenanlage gebrannt. In tropischem Klima wird er dann für 5 Jahre in ein Ex-Sauternes-Fass gelegt (dies ist die Besonderheit für den Floral Raph im Vergleich zum „normalen“ Raph). Es erfolgt eine Süßung von 15g/L, die leider weder auf Karton oder Flasche, noch auf der Homepage der Brennerei erwähnt wird; der deutsche Importeur ist diesbezüglich ehrlich und versteckt sie nicht. Mit 42% Alkoholgehalt landet der Rum am Ende in der tollen Flasche, die auf 2000 Exemplare limitiert ist.

Distillerie de Labourdonnais Raph The Dodo of Mauritius Floral Limited Edition 5 Year Old Rum

Sonnenblumengelb gluckert der Rum aus der Keramikflasche, das ist ein bisschen ungewohnt, aber wenn man den Dodo am Schnabel hält und quer gießt, klappt das gut. Die Flüssigkeit ist leicht viskos, bewegt sich lebendig im Glas, und lässt die Beinchen aus einer klaren Kante ablaufen.

Im Geruch ist direkt eine interessante Spannung vorhanden. Die dominierende Note ist für mich klar eine holzig-gewürzige Mischung aus Muskatnuss, trockenem Zimt, feiner Vanille und aromatischem Zedernholz. Dazu kommen herbpflanzliche Töne wie heller Tabak, Lorbeerblatt und ein Hauch Liebstöckel, vielleicht sogar ein Tick Anis. In der Basis ist Zuckerrohrsaft erkennbar, mit den typischen grasig-grünen Aspekten, die man von vielen derartigen Rums kennt. Nach etwas Atmung kommen später auch sehr fruchtige, traubensaftige und schließlich dediziert beerige Noten nach vorne, die vielleicht der Sauternes-Vorbelegung des Fasses geschuldet sind. Ein wirklich schönes, komplexes und feinaromatisches Gesamtbild, an dem man gerne lang schnuppert.

Distillerie de Labourdonnais Raph The Dodo of Mauritius Floral Limited Edition 5 Year Old Rum Glas

Die nicht unerhebliche Süßung von 15g/L erkennt man schon beim Antrunk, sie ist ein Makel, über den man hinwegkommen muss – hier ist der Rum zu süß, fast schon pappig. Zum Glück vergeht das Gefühl im Verlauf, und dann kommt an den Platz der Süße dann genau diese spannende Gewürz-Kräuter-Holz-Mischung, die man schon in der Nase gefunden hatte, und die wirkt am Gaumen genau so gut wie zuvor; dazu kommt eine feine, edle Blauschimmelnote wie die von Löffelgorgonzola. Die Süße vergeht langsam, macht einer halbtrockenen Herbheit mit starkgeröstetem Karamell Platz, und lässt auch dem Zuckerrohr nun viel Raum. Eine runde, weiche, dichte Textur gefällt mir sehr, das Mundgefühl bessert sich hier erkennbar. Das Finish ist dann von Sandelholz, Lorbeer, und einem milden schwarzen Pfeffer bestimmt, mit langem Aromaholz-Nachklang, der fast schon parfümiert wirkt, auf eine angenehme Weise.

Ein aromatischer, sehr intensiver und nicht gewöhnlicher Rum, der seine Eigenheiten wunderbar präsentiert. Die Süßung würde ich gerne weggelassen sehen in zukünftigen Abfüllungen, sie ist unnötig und sogar störend in manchen Momenten, der Rum wäre ohne sie noch besser. Trotzdem gefällt mir das Gesamtpaket des Raph the Dodo extrem, das ist unterhaltsam in so vielen Aspekten, dass ich froh bin, mir eine der 400 Flaschen, die Europa aus dem Gesamtkontingent bekommt, organisiert zu haben.


Wenn man den Namen „David Embury“ hört, denkt man sofort an strenge, klassische Cocktails, wenigzutatig, aus der Post-Prohibitionszeit. Dass er auch anders konnte, zeigt der Abacaxi Ricaço. Der Raph the Dodo fügt sich hier sehr schön in das Rezept ein, bringt die Komplexität, die der Drink benötigt, um nicht zu lasch zu werden. Und dass er in einer ausgehöhlten Ananas serviert wird, passt irgendwie auch zu dem Thema des Artikels – das Auge trinkt mit. Bei Cocktails beschwert sich aber nie jemand darüber.

Abacaxi Ricaço Cocktail

Abacaxi Ricaço (2 Portionen)
Eine Babyananas aushöhlen und einfrieren.
Aus dem Fruchtfleisch den harten Kern entfernen.
90ml leicht gereifter Rum
25ml Limettensaft
1 Teelöffel Puderzucker
Alles mit dem Fruchtfleisch und Eis im Mixer blenden.
In die Ananasschale füllen und mit Strohhalmen servieren.

[Rezept nach David Embury]


Nun nochmal zur Flasche, oder besser Skulptur. Der Dodo als Vogel war wohl, nach zeitgenössischen Berichten, über 1m groß – wir können also davon ausgehen, dass die Flasche in Kopfform des Vogels nahezu in Originalgröße vorliegt. Sie ist aus weißer Keramik gemacht, in hoher Qualität und mit vielen Details versehen. Die Floral-Edition hat zusätzlich bunte Blumen- und Pflanzenmuster aufgedruckt, was den Eindruck noch verbessert. Der Korken ist bei meiner Flasche sehr fest, und beim ersten Öffnen musste ich einen Löffelgriff zum Hebeln einsetzen, um ihn aus dem Flaschenhals zu lösen, da war ordentlich Unterdruck drin. Auch der Karton, in dem der Raph geliefert wird, ist außergewöhnlich schön gestaltet, fest und stabil, und trägt durchaus zum Gesamtbild bei. Wenn der Rum dann irgendwann getrunken ist, wird die Flasche mit Karton als Dekoartikel eingesetzt werden – sowas entsorgt man nicht.

Mir macht Raph The Dodo of Mauritius Floral Limited Edition 5 Year Old Rum viel Spaß. Würde ich den Rum anders bewerten, wenn die großartige Keramikskulptur nicht wäre, und er in einer standardisierten Glasflasche mit Schraubverschluss bei mir gelandet wäre? Vielleicht. Ich denke aber, dass dieser Rum genug inhärente Qualitäten hat, um auch bei einer Blindverkostung gut abzuschneiden. Ich bin mir aber auch gleichzeitig sicher – das ist eh keine Abfüllung, die sich an den strengen, rein auf den Geschmack konzentrierten Rumnerd richtet, sondern an Leute wie mich, die zwar sowohl guten Rum mögen, aber auch beim Genuss in allen anderen Sinnen unterhalten werden wollen. Und für die wird hier echt viel geboten.

Armagnac am Freitag – Grape of the Art LRV 2001 #82 Armagnac

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LRV ist die geheimnisvolle Abkürzung für die für die deutsche Zunge schwierig auszusprechende, schwungvolle Domaine LaRoche-Vacquié in der Region Haut Armagnac, die im Vergleich zu den anderen Armagnac-Appellationen seltener in meinem Verkostungsglas auftaucht. Unter der Leitung von Bruno und Morgan Compagnon hat sich die Domaine zu einem voll auf Bioqualität und Nachhaltigkeit konzentrierten Haus entwickelt, das das Terroir ins Zentrum stellt, und bezüglich der jährlichen Produktionsmenge aussagt – „mal 1 Fass, mal 20“. Im Grape of the Art LRV 2001 #82 Armagnac wurde im Januar 2002 Wein der Rebsorten Colombard und Ugni Blanc fermentiert und gebrannt, das Destillat 23 Jahre in den Keller gelegt, und das Fass #82 im Januar 2026 auf 150 Flaschen abgefüllt, wie von GotA inzwischen gewohnt natürlich in Fassstärke mit 51,8%.

Grape of the Art LRV 2001 #82 Armagnac

Der LRV 2001 #82 zeigt sich in perfektem Terracotta, kräftig strahlend, mit sehr schönen Farbübergängen vom Glasboden nach oben. Wie glühende Kohlen glimmt er, ein ausgesprochen attraktives Aussehen, passend dazu kommt eine mittlere Viskosität.

Die Fruchtigkeit, die ich sofort beim ersten Naseinsglashalten wahrnehme, ist beeindruckend für ein so lange gereiftes Destillat. Gelbe Rosinen, getrocknete Aprikose, ausgeprägte Orangenschale und eine frische Gewürzigkeit bilden die Basis, sehr edle Holztöne mit Anklängen von nasser Eiche, etwas ätherisches Zedernholz und dazu stimmig wirkende geschälte Karotte bringen Eleganz und Struktur. Der gesamte Duft wirkt kompakt und dicht, konzentriert auf das Wesentliche, ein idealer Holzeinfluss macht sich bemerkbar.

Schnell nach dem Antrunk bildet sich eine feine Süßbittere heraus, die mit milden Anistönen und Kardamom kühl wirkt. Der Körper ist rund, aber eher leicht, klar und sauber, hat keinerlei belastende Schwere. Mentholisch und mit Anflügen von Melisse und Kamille geht es genauso frisch und elegant weiter. Das Finish ist lang, mit einer aparten Mischung aus Blumigkeit und Karottentouch, minimalst Spucke anziehend, leicht salzig und durchaus pfeffrig, und dabei immer noch perfekt balanciert in jedem Aspekt. Und ja, die Ähnlichkeit zu Bourbon ist unverkennbar.

Manche Weinbrände werden mit dem Alter dunkel und brütend, schwer und holzig. Der LRV fühlt sich spielerisch leicht und frisch an dagegen, hat aber durch die Reifung ein ideales Maß an Ausgleich und Entspanntheit gewonnen. Das liegt wirklich gut im Mund, ein Wohlfühlarmagnac, wenn es je einen gab, und ein perfektes Umstiegsprodukt für die, die guten Bourbon mögen und mal was anderes ausprobieren wollen.

Langsame Getränke – Entre Manos Tequila Blanco

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„Respetar, confiar“, das ist der Wahlspruch des Tequilas, den ich heute vorstelle. Respekt und Vertrauen sind große Worte für modernen Tequila, der diesbezüglich durchaus ein Tal durchlaufen hat, aus dem er sich mühselig wieder herausarbeiten muss. Nicht alle Hersteller legen wirklich viel Wert darauf, für sie ist Tequila ein Massenkonsumprodukt; andere, wie Jimmy Villalobos Sauza, leben diese Begriffe aus tiefstem Herzen. Natürlich ist er trotzdem ein Realist – mit ihm über die aktuelle und historische Situation von Tequila zu sprechen ist immer wieder ein Augenöffner und eine stete Quelle direkter und ehrlicher Information aus erster Hand, bei dem die nostalgisch-utopischen Ansichten eines weit entfernt von den Zwängen der echten dort lebenden Menschen schreibenden Berichterstatters wie mir immer wieder gechallenged werden, manchmal schmerzhaft, manchmal inspirierend. Wie bei allen Tequilas, die er als Master Distiller verantwortet, steht er voll hinter dem Entre Manos Tequila Blanco, und will nicht einfach nur einen weiteren Agavenschnaps auf den Markt werfen, sondern die Kategorie mit einer Mischung aus Traditionsbewusstsein und Moderne voranbringen.

„Langsam“ ist ein beliebtes Wort aus diesem Glossar des Tequilabrenners, das man häufiger als bei vielen anderen Produkten in den Informationen über diesen Tequila liest. Das ist bezogen auf alle Aspekte der Herstellung dieses 100%-de-Agave-Tequilas von der Hacienda de Oro, NOM1522, in Amatitán im mexikanischen Bundesstaat Jalisco. Die Zeit, die man der Los-Valles-Agave lässt (wobei hier die 5 Jahre eher üblich als besonders viel ist), über das Kochen in Hochdruck-Autoklaven, über die natürliche Fermentation mit wilden Hefen, und dem doppelten Brennen. Ja, da ist viel unnötige Betonung auf dem Wort, aber allein den Verzicht auf Zusätze jeder Art, inklusive Zuchthefen, finde ich schon sehr lobenswert, da habe ich keine Schwierigkeiten mit dem Wort „Artesanal“ auf dem Etikett. 40% Alkoholgehalt sind kategorietypisch, wer mehr will, findet auch einen High Proof Entre Manos mit 50%.

Entre Manos Tequila Blanco

Glitzernd, fast schon chromartig liegt der Tequila im Glas, mit klarweißen Lichtreflexen. Lebendig bewegt er sich beim Schwenken, mit mittlerer Öligkeit, bildet dabei Beinchen an der Glaswand, die zügig aber nicht zu schnell ablaufen.

Für die Nase bieten sich klassische Tequilaaromen, ein grüner Aspekt deutet deutlich auf die Agave hin, nicht komplett dominierend, aber klar das Geruchsbild anführend. Darunter entdecke ich eine leichte Nussigkeit, Erdnuss und grüne Walnuss, ergänzt mit einer interessanten Hefenote, vielleicht sogar etwas Brotteig. Für einen Blanco ist es interessant, deutliche Anklänge von Vanille zu finden. Einen gewissen traubigen, fast schon weinigen Aspekt hat der Entre Manos, weiße Traubenschale, Trester und mineralische Seitentöne, die sich gut mit dem Hefeton paaren. Insgesamt ist die Aromatik aber leicht, sehr klar, frisch und sich nicht wirklich aufdrängend.

Entre Manos Tequila Blanco Glas

Die Textur ist fein und rund, sehr weich im Antrunk, mit einer natürlichen Süße unterfüttert, das schmiegt sich angenehm an den Gaumen, ohne wirklich cremig oder sehr tief zu wirken dabei – die Struktur bleibt auch hier klar und linear, mit mineralischen Eindrücken und einer erkennbaren milden Salzigkeit. Vanille und Erdnuss sind die ersten Geschmäcker, die dann gemächlich erscheinen, im Verlauf vergrünt sich der Entre Manos immer mehr, nimmt auch bezüglich Würze an Fahrt auf, lässt die Agave langsam aber sicher in den Vordergrund, bis sie am Abgang voll erblüht ist. Dort findet sich dann auch eine warme Pfeffrigkeit, kein Brennen, mehr ein wohliges Glühen, das lange am Gaumen verbleibt, mit dann immer mineralischer und steiniger werdenden Eindrücken, leichte Algen, eine durchaus maritime Endstufe. Ein sehr runder, interessanter Spannungsbogen, durchgängig elegant und leicht, strukturiert und aufgeräumt.

Das ist auch das Fazit, das ich hier ziehe – ich persönlich mag meine Blancos expressiver, explosiver; der Entre Manos ist zart und elegant, mild und zurückhaltend, vielleicht ein Tick zu sehr. Das Ende gefällt mir, ich hätte auf dem Weg dorthin gerne ein paar Steine auf dem Weg, über die man rumpeln muss, statt der recht glatten Straße. Doch genau das ist sicherlich für den Genießer, der statt meiner Vorliebe für wildere Spirituosen lieber etwas Ausgefeiltes, sich wirklich höchst unkompliziert Trinkendes und dabei dennoch sehr aromatisch Wirkendes bevorzugt, genau das richtige.


Natürlich passt so etwas dann entsprechend besser in Cocktails, die mit anderen feinen Zutaten ausgestattet sind, statt in solche mit viel Saft oder Eis. Ein Rührdrink wie der The Armada lässt den Entre Manos dann auch so scheinen, wie er es diesbezüglich verdient. Der Campari mag dem einen oder anderen zu dominant erscheinen, doch letztlich ergänzen sich die Bitterspirituose und der klare Tequila auf eine faszinierende Weise.

The Armada Cocktail

The Armada
1½ oz / 45ml Campari
1 oz / 30ml Sherry (Amontillado oder Cream)
¾ oz / 25ml Tequila blanco
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Lynnette Marreo]


Die Flasche hat natürlich einen echten Augenfängercharakter, sie ist ungewöhnlich von der Form her mit der konischen Zuspitzung nach oben hin, und der Schnur, die um den oberen Teil der Flasche gewickelt ist (alles von Hand gemacht), mit dem weißfarbenen Aufdruck des Produktnamens. Da fühlt man sich wirklich exotisch abgeholt, im positiven Sinne.


Ich habe Jimmy Villalobos Sauza nun schon ein paar Mal getroffen, es ist immer ein Highlight für mich, denn der Typ ist echt unterhaltsam und für jeden Spaß zu haben, und ich beneide ihn um seinen großartigen Bart. Treviso 2023, Jalisco 2025 und dann Chihuahua 2025, und ich hoffe sehr, noch viel Zeit mit ihm verbringen zu können und (mit ein bisschen Glück) ihn auch 2026 in Mexiko zu sehen. Ich denke, es ist nicht falsch, wenn ich ihn inzwischen als Freund bezeichne.

Er hatte mir die Flasche im Hotel in Chihuahua in die Hand gedrückt, ganz ohne Hintergedanken, was Werbungsfolgen angeht, da bin ich mir sicher. Ich hatte neulich erst schon seinen Cachasol hier vorgestellt, darum weiß ich, dass der Mann seinen Job versteht. Ich freue mich auf jede Arbeit, die er in Zukunft vorstellen wird – und da er schon dabei ist, seine Söhne ins Tequilamachen einzuführen, mache ich mir auch keine Sorgen darum, dass auch in vielen Jahren noch guter Tequila aus der traditionsreichen Familie kommen wird.

Süßwein am Freitag – Mistela de Cordelia

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Es war ein außergewöhnlicher Nachmittag, den wir da in San Luis Potosí bei Viña Cordelia verbracht haben; ich habe mich so an herausragend gemachten Lamm-Barbacoa-Tacos überfuttert, dass mein Spitzname „Taquito“ entstand und mich alle nur noch ungläubig angeschaut haben. Dazu die spätherbstliche Stimmung auf dem Weingut mit einem nie enden wollenden Strom an dem dort gemachten Wein… ein echter Traum, ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Dazu bekamen wir am Ende noch die bekannteste, besonderste Spezialität des Hauses als Geschenk: den Mistela de Cordelia.

Dabei handelt es sich um einen Süßwein, der seit 1948 dort hergestellt wird. Man kennt Mistela an sich ja vielleicht aus Katalanien, wo er eigentlich beheimatet ist, doch der aus Katalanien eingewanderte Gründer des Weinguts führte die Tradition einfach in Mexiko fort. Er wird allein aus der Rebsorte Rosa del Perú gemacht. Die Trauben werden spät geerntet und dann mit den Füßen gepresst, und der Fermentationsprozess zu einem gewählten Zeitpunkt durch Zugabe von Alkohol unterbrochen, so bleibt Restzucker im Wein. Nach einer Reifung in Eichenfässern kommt er mit 14% Alkoholgehalt in die hohe, schmale Flasche, und dann nach langer Reisezeit aus Mexiko zu mir ins Saarland, wo ich ihn nun endlich probiere.

Mistela de Cordelia

Die Farbe liegt zwischen Rehbraun und Terracotta, mit leuchtenden orangefarbenen Lichtreflexen. Sehr gemächlich dreht sich die Flüssigkeit im Glas, mit erkennbarer Viskosität, die für fette Glaswandartefakte sorgt, fast wie bei einem Likör.

Die Nase zeigt eine gewisse Säure, die an milden Weinessig erinnert, vielleicht mit einem Anklang von Fino Sherry, dazu deutliche Veresterung. Darunter sind frische und getrocknete Trauben, erstere mit ihrer knackigen Fruchtigkeit und frischer Säure, zweitere mit Noten von weißen Rosinen, getrockneten Feigen und Aprikosen. Ein Hauch von Schwefel ist da, und eine unterschwellige, aber effektive Nussigkeit. Kein wirklich anschmeichelnder Duft, mehr etwas, wofür man zwei Proben braucht, um es zu verstehen.

Mistela de Cordelia Glas

Im Mund spielen dann auch die Ester, die Säure und die Süße ein komplexes Spiel miteinander. Man kann die drei Aspekte wabern spüren, sich abwechseln, immer wieder dabei einen neuen Aspekt aufblitzen lassen, der schnell wieder verschwindet. In solchen Miniepisoden erscheinen dann Schokolade, Karamell, Honig, Pulque, Federweißer, Sauerkirschen, Rosinen, Verjus, roter wie grüner Apfel, Quitten und sowohl PX- wie auch Fino Sherry. Ausgesprochen bunt, frisch und trocken, herb und süß, je nach Momentaufnahme fallen einem komplett gegensätzliche Assoziationen auf. Der Nachklang ist süß, mit Ideen von Nougat, Trockenpflaume, und lässt einen sehr angenehmen Geschmack mit viel Süße auf den Lippen. Mit erweiterter Oxidation kommt die Nussigkeit immer mehr zum Tragen.

Das ist für mich kein einfacher Süßwein, hier muss man etwas investieren, und bereit sein für ein extrem abwechslungsreiches Erlebnis. Selten habe ich etwas so wenig eindeutig greifbares im Mund gehabt, und das fasziniert mich extrem. Jedenfalls darf man sich so eine Flasche durchaus für eine besondere Gelegenheit zuhause einlagern, wenn man drankommt!

Rumreise nach Madeira, Teil 1 – William Hinton Rum 6 Anos Rum Agrícola da Madeira

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Ich gebe es gerne zu: eine der schönsten Eigenschaften meiner Tätigkeit als Spirituosenexperte ist das Reisen. Die Einladung des IVBAM (Instituto do Vinho, do Bordado e do Artesanato da Madeira) nach Madeira, die ich im April 2026 wahrnehmen durfte, ist nur ein Beispiel dafür. Ich habe auf diesem Blog schon verschiedene Rums von der Insel vorgestellt, man suche einfach nach dem Stichwort „Madeira“ hier, da findet sich schon etwas. Und viele Bekannte hatten mir immer vom Madeira Rum Festival vorgeschwärmt, und ich bekam durchaus etwas FOMO, wenn ich die Bilder von Kristin Melchert und Christopher Seidlitz auf Instagram gesehen habe, die schon so oft auf Madeira waren, dass sie von allen anderen Rumfreunden dort schon vermisst werden, wenn sie mal ein Jahr aussetzen wollen (was sie auch dieses Jahr nicht geschafft haben, das ist einfach Charakterschwäche, wenn man mich fragt). Endlich gehöre ich auch zum Randkreis dieser Leute! Es hat Spaß gemacht, alte Bekannte wie Johnny Drejer und Ian Burrell wiederzutreffen, und Patricia Santana und Pedro Dias, die ich seit einer Weile von Spirits Selection by CMB her schon schätze. Solveig Gerz war auch da, und eben Kristin und Christopher. Dazu habe ich einen Haufen neuer, netter und faszinierender Menschen kennengelernt – die Rumfamilie ist groß und nimmt jeden auf, der sich dafür begeistern kann.

Eine kleine Gruppe von Rumfreunden hat sich dann auch für die Pressetour, organisiert von Rum da Madeira, zusammengetan, und über 3 Tage haben wir alle 6 Rumhersteller besucht. Die erste Reise ging zu Engenho Novo da Madeira in Calheta an der Südwestseite der Insel, hoch in den Bergen, abseits der Küste. Ich zeige ein paar Bilder am Ende des Artikels, wer ungeduldig ist, kann dahin runterscrollen. Von dort bringe ich eine Flasche des William Hinton Rum 6 Anos Rum Agrícola da Madeira mit nach Deutschland. Es handelt sich um einen Rum, der, typisch für die Insel, aus frischem Zuckerrohrsaft gebrannt wird. Madeira ist die einzige nicht-französischgeprägte Region, die den Qualifizierer „Agrícola“ in der EU verwenden darf; das ist kein Schlupfloch, sondern einfach der Geschichte des Rums dieser Insel geschuldet. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts macht man dort Rum, seit Mitte des 15. Jahrhunderts baut man dort Zuckerrohr an. Also reden wir hier über Tradition, kein Aufspringen auf einen fahrenden Zug. Der William Hinton 6 Anos ist ein Blend, natürlich ist der jüngste Tropfen darin mindestens 6 Jahre, wie das die EU-Vorgaben fordern, aus unterschiedlich vorbelegten Fässern aus französischer Eiche. Ich freue mich selbst darauf, nun in Deutschland das Geschmackserlebnis nachzuvollziehen; auf der Insel habe ich eine ganz erstaunliche Menge dieses Rums getrunken, und hoffe, er schmeckt hierzulande noch genauso wie dort auf Madeira.

William Hinton Rum 6 Anos Rum Agrícola da Madeira

Ganz klassisches Bernstein begrüßt uns im Glas – ich verwende heute eines, das ich aus Madeira mitgebracht habe, und das schon bei meinem Brennereibesuch dort zum Einsatz kam. Darin erkennt man auch die beeindruckende Viskosität, wenn man es dreht, und die hübschen, vielen, dicken Beinchen, die entstehen. Optisch schonmal ein wunderschöner Rum.

Für die Nase ist sofort erkennbar, dass es sich hier um einen Zuckerrohrsaftrum handelt. Natürlich ist der Holzeinfluss stark, doch das Basisdestillat hat sich durch die 6 Jahre Reifung und die zusätzlichen Einflüsse aus den unterschiedlichen Finishes nicht unterkriegen lassen. Da ist die typische Grasigkeit, nicht mehr ganz grün, aber erkennbar pflanzlich, vegetabile Frische, die sich fast ein bisschen mentholisch äußert, und dazu die süßlichherbe Zuckerrohrsaft-Komponente, die man auch riechen kann, wenn man den Hof bei Engenho Novo in Calheta betritt. Eingebunden sind dazu Madeira-Rum-Noten, ein paar Rosinen und Feigen, und Anflüge von herbem Tabak. Ein insgesamt sehr fruchtiges Bild, das durch Holz eingerahmt wird.

William Hinton Rum 6 Anos Rum Agrícola da Madeira Glas

Wunderbar weich legt sich der Rum dann auf den Gaumen, ölig und cremig, mit einer ganz natürlichen Süße, die alles steuert und bis zum Schluss erhalten bleibt. Die Textur wird dabei nie schwer, man fühlt immer die Frische des Zuckerrohrsafts, die sich ganz am Ende mentholisch sogar durchsetzt und ein klares, erfrischendes Bild hinterlässt. Auf dem Weg dahin bekommt man herrliches Zuckerrohr in wirklich reiner Form präsentiert, das ähnelt einem frisch ausgepressten Saft schon richtig deutlich, die Abbildung ist hervorragend gelungen. Milde Würze aus Tabak, Honig und ein bisschen Süßholz und Sternanis gibt Komplexität dazu, ohne das wirklich zu übertreiben. Das liegt wirklich breit und gleichzeitig fein im Mund, hat eine angenehme Länge, die am Ende noch ein bisschen Kakao und ganz elegante Bittere zeigt.

Ein völlig unkomplizierter Rum, supertrinkig und gefällig, ohne jede Ecke oder Kante, aber trotzdem nicht langweilig. Das ist was für jeden Tag, eine Flasche, die nicht lang aushalten wird, da trinkt man auch gerne mal zwei oder drei davon, und in Gesellschaft ist die garantiert sofort leer.


Alternativ macht man sich einen Drink damit, und für mich ist dieser Rum eine perfekte Alternative zu dem sonst ungereiften Rum, den man für den traditionellen Poncha auf Madeira nutzen würde. Da es eh kein alleingültiges Rezept für diesen Cocktail gibt, würde ich meinen Vorschlag des Poncha Sombra hier nichtmal als Twist oder Adaption bezeichnen, sondern nur als weitere mögliche Ausprägung – eine, die etwas dunkler und aromatischer wird als das, was man normalerweise darunter versteht.

Poncha Sombra Cocktail

Poncha Sombra
60ml gereifter Rum da Madeira
15ml Sirop de Batterie
30ml Orangensaft
30ml Limettensaft
30ml Bananensaft
In einem Rührglas mit einem Caralhinho verrühren, bis der Drink schaumig ist.

Auf Eis abseihen.
[Rezept nach Helmut Barro]


Die Flasche selbst ist schwer, mit dickem Glasboden, da spürt man wirklich, dass man was in der Hand hat. Der Verschluss ist aus Kork, mit einer schön designeten Holzkappe. Das Etikett ist zurückhaltend gestaltet und passt mit dem dunklen Braunton wirklich gut zum Inhalt. Die Flasche ist ganz anders gestaltet als zum Beispiel der Aguardente derselben Brennerei, den ich vor einer Weile hier besprochen hatte.


Im April 2026 konnte ich die Brennerei von Engenho Novo da Madeira im vollen Betrieb besichtigen, da lief der Rum frisch aus dem Brennapparat, als wir dort waren. Es ist immer großartig für mich, so etwas live vor Ort sehen, riechen und schmecken zu dürfen. Hier ein paar Bilder meines Besuchs, geleitet von Mário Gomes selbst, der jedes Detail erläuterte. Ein unterhaltsamer Typ, muss ich sagen!

Die ersten Schritte sind immer das Zuckerrohr, das täglich frisch geerntet angeliefert wird. Der Berg hinter mir ist ein Teil der täglichen Menge, die während der Hauptsaison von April bis Mai abgearbeitet wird. Einzelne Lieferungen werden Stück für Stück mit dem hochgestapelten LKW herangeschafft.

Die „kleinen“ Bündel von 20kg bis 50kg, die wegen der Tragbarkeit durch die Arbeiter so geschnürt werden, werden vor dem Pressen mit der Machete aufgeschnitten und ein bisschen in Reihe gebracht. Der Saft wird durch die große Presse extrahiert, und landet dann direkt in Gärtanks, wo die Fermentation mit kultivierten Bäckerhefen beginnt.

Ein Großteil des Weins wird in der Kupfersäule destilliert. Die Hitze dafür kommt aus dem neuen Boiler, der den Wasserdampf dafür erzeugt. Er wird mit einer Mischung aus Holz und Pellets manuell befeuert.

Das Destillat läuft in unterschiedlichen Auslässen heraus, Mário hat uns vor Ort ein bisschen was vom aktuell laufenden Stoff ins Glas abgezapft. Rund 70% Alkoholgehalt, und trotzdem sanft wie ein Kätzchen.

Das, was nicht als ungereifter Rum abgefüllt werden soll, kommt dann in die Fässer aus Eiche. Eine große Auswahl von Vorbelegungen ist bei Engenho Novo bereit, diese werden genutzt, um unterschiedliche Rumprofile zu schaffen, aus denen am Ende entweder ein Single-Cask-Rum abgefüllt wird, oder ein Blend, wie der William Hinton 6 Anos, den ich hier vorgestellt habe.

Man sieht hier, grundsätzlich ist der Produktionsprozess von Rum da Madeira nicht viel anders als woanders, zum Beispiel in der Karibik. Um so spannender ist das Profil, das ich für mich persönlich ja schon ausgemacht hatte für den Rum dieser Insel, und der sich in vielen Abfüllungen zeigt, und definitiv Unterschiede zu Rums von anderen Regionen aufweist. Ich habe im April noch andere Brennereien auf Madeira besucht, und werde Stück für Stück Produkte daraus vorstellen. Viele dieser Brennereien kann man, wenn man Urlaub auf Madeira macht, relativ einfach besichtigen – ich würde es empfehlen, selten kommt man in den Genuss, die Herstellung von Rum einfach so direkt zu erleben.

Sirup am Freitag – Siwo Batterie Le Moysan Pur Jus de Canne

Ich habe sehr gemischte Gefühle, wenn ich an meinen Besuch während Spirits Selection by CMB 2022 auf Marie-Galante zurückdenke, der Teilinsel des Guadeloupe-Archipels in den kleinen Antillen der Karibik. Einerseits ist die Region natürlich toll und begeisternd, und Marie-Galante im speziellen noch mehr so als die Hauptinseln; andererseits war für mich die Überfahrt im Katamaran ein Höllenritt, den ich lieber vergessen würde. Mir ging es nie so schlecht mit meiner Seekrankheit wie da, ich habe die Speitüten vollgemacht und für eine halbe Stunde sogar mein Gehör verloren, so schlimm war das, und ich bin froh, dass mir Peter Holland damals geholfen hat, das vergesse ich ihm nie. Ach, nun aber wieder zu den guten Seiten der Reise. Ich finde ja oft auf solchen eigentlich auf Spirituosen konzentrierten Reisen auch Dinge, die mir fast noch besser gefallen, und so ging es mir mit dem Siwo Batterie Le Moysan Pur Jus de Canne. Dabei handelt es sich um durch Verdunstung und Konzentration aus Zuckerrohrsaft hergestellten Sirup. Der Name stammt von der „Batterie“, dem letzten Kocher einer Apparatenreihe, in der Zuckerrohrsaft zu Zucker verarbeitet wird. „Siwo“ ist kreolisch für „Sirup“, natürlich. Joël Moysan macht diesen Sirup in Capesterre-de-Marie-Galante, und die ikonische Flasche musste ich natürlich für zuhause haben.

Farblich finden wir ein dunkles, kräftiges Schokoladenbraun, das ab einer gewissen Menge komplett blickdicht wird. Die Konsistenz ist dickflüssig, ein richtig dicker Sirup, der sich nur langsam bewegt, und er bleibt eine ganze Weile in dünnerer, durchsichtigerer Form an der Glaswand haften. Man sieht winzige Partikel im Gegenlicht.

Die Nase ist direkt eine Melasse-Attacke, nicht ganz so fruchtig vielleicht, aber klar daran erinnernd. Dunkle, überreife Pflaume, dazu auch Trockenpflaume und getrocknete Aprikosen, letztere wirklich prägnant. Die konzentrierte Fruchtsüße wird durch eine gewisse Würzigkeit aufgefangen, ganz unterschwellig Lakritz und Zimt. Brauner Kandis und würziges Salzkaramell kommen dazu.

Pur trinkt das natürlich niemand, ich probiere es trotzdem, und finde diese Mischung aus getrockneten Pflaumen und Aprikosen voll wieder, die ich schon gerochen hatte. Natürlich ist die Textur so schwer, dass man das Glas lange hochhalten muss, um ein paar Tropfen überhaupt in den Mund zu bekommen, und der Sirup legt sich dann breit und voll an den Gaumen, sehr süß, aber nie pappig oder klebrig, ein sehr natürliches Mundgefühl. Man findet später noch gute Säure und milde Bittere, die Süße bleibt auf den Lippen lange erhalten, ebenso wie der Nachhall von Zuckerrohr und Melasse.

Ein wirklich besonderer Sirup, sehr aromatisch, natürlich, direkt, und weniger extremsüß als der klare Zuckersirup, den man sonst so kennt. Ich setze ihn für besondere Cocktails ein, die das dichtere Volumen und die zusätzliche Aromatik vertragen können (was bei weitem nicht alle sind!). Diese profitieren dann aber richtig davon, wie ein Ti’Punch mit Rum von derselben Insel. Großartig, ehrlich, bodenständig, und eine schöne Erinnerung an die Zeit auf Guadeloupe.