Bier am Freitag – Brewdog & Rettergut Planet A New England IPA

Leider ist es immer noch ein Verbrechen in Deutschland, Lebensmittel, die weggeworfen werden, aus dem Müll zu retten – eine Schande, deren sich die deutsche Justiz hoffentlich bald klar wird. Wir verschwenden Nahrungsmittel im richtig großen Stil, teilweise werden Dinge entsorgt, weil sie rein optisch nicht mehr mithalten können oder seltsame Formen haben. Das Unternehmen Rettergut nimmt sich derartigen Missständen an. Und zusammen mit der Brauerei Brewdog haben sie ein Bier aus genau solchen Mängelzutaten hergestellt. Das Brewdog & Rettergut Planet A New England IPA ist mit 6,3% Alkoholgehalt eingebraut worden und, in einer Dose mit Papieretikett abgefüllt, bei mir gelandet.

Brewdog & Rettergut Planet A New England IPA

Dunkles Eigelb-Gelb. Stilgerecht komplett trüb und blickdicht („hazy“), dennoch sieht man an der Glaswand meines IPA-Glases die Bläschen schnell und aktiv aufsteigen. Der Schaum ist sehr grobblasig und wirkt dadurch wie Styropor, fällt aber auch bald in sich zusammen.

Zwei Zutaten teilen sich die Geruchsdominanz – typische Aromahopfeneindrücke, sehr bitter, sehr in Richtung Grapefruitschale; und dann aber auch wirklich sehr, sehr, sehr viel Aprikose. Die pürierten „Misfit“-Aprikosen, die sonst weggeworfen worden wären, hauchen diesem Bier wirklich eine zusätzliche Fruchtebene ein. Und selbst das Brot meint man herausriechen zu können; leicht hefig, leicht gerstig, leicht teigig. Insgesamt dominiert dennoch der stiltypische Aromahopfen mit fruchtigen Noten.

Im Mund wirkt das ganze dann aber deutlich unrunder. Die Bitterkeit und Fruchtigkeit sind für meinen Geschmack sehr mäßig ineinander integriert, das fühlt sich so richtig kantig und falsch an. Cremigkeit und Säure verhalten sich zueinander ähnlich unfreundlich; die Säure ist viel zu beherrschend. Statt eines komplexen Charakters hat das Bier vier Aspekte, die so überhaupt nicht miteinander spielen wollen, und jeder für sich bleibt oberflächlich. Der Abgang schließlich ist sehr kurz, sehr bitter, sehr brotig; ein schöner Aprikosennachhall versöhnt ganz am Ende dann noch etwas, und das ist der Eindruck, der noch etwas bleibt.

Tolle Optik, toller Geruch, toller Abgang – schade, dass der Geschmack dazwischen nicht mithalten kann. Für meinen Geschmack ist das ein fehlgeschlagenes Experiment, das allerdings einen sehr lobenswerten Charakter hat. Vielleicht tun die beiden Firmen sich mal erneut zusammen und probieren nochmal, etwas ähnliches (von den Zutaten her!) zu entwickeln. Sicherlich würde ich dem positiv gegenüber stehen, denn gerade bei einem Produkt wie Bier, wo die reine Optik des Basismaterials nun wirklich keine Rolle spielt, darf man ruhig nachhaltiger arbeiten.

Offenlegung: Ich danke Brewdog für die kosten- und bedingungslose Zusendung von 2 Dosen dieses Biers.

Volle Fassdröhnung – West Cork Blended Irish Whiskey Black Cask

In meiner Tätigkeit als Juror beim Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles habe ich schon diverse Masterclasses besucht, bei denen eine der größten Fassholzmanagementfirmen der Welt, die Independent Stave Company (ISC), am lebendigen Beispiel aufzeigte, welche Möglichkeiten ein Brenner heutzutage hat, rein mittels Auswahl des Fassholzes und der Behandlung dieses Holzes das Aromenprofil seines Produkts zu steuern. Besonders beeindruckend war dabei dieses Jahr ein Beispiel, in dem ein Rhum Agricole eines bekannten Martiniquer Destillateurs vorgeführt wurde, der allein durch die Wahl des Toastings und Charrings in einem Sample sehr vanillig-schokoladig schmeckte, im nächsten Sample rauchig-holzig und im dritten Beispiel würzig nach Nelken. Der moderne Fassmanager kann en detail und in höchst erstaunlicher Konsistenz und Konsequenz entscheiden, welche Aromen er im Endprodukt haben möchte.

Daher wundert es mich nicht, dass immer mehr Brenner verschiedene Ausprägungen ihres Destillats veröffentlichen, die sich durch solche Details im Holz unterscheiden. Der West Cork Blended Irish Whiskey Black Cask ist ein Beispiel dafür – schon der Name deutet es an, auf dem Etikett findet man weitere Informationen dazu. Doppelt ausgebrannte first-fill Ex-Bourbon-Fässer mit dem Ausbrenngrad #5 wurden zur Reifung dieses Blends aus Grain- und Maltwhiskys eingesetzt. Nach meiner Erfahrung ahne ich allein anhand dieser Informationen schon sehr klar, wohin die Reise bei diesem Iren gehen wird – bewahrheitet sich das im Glas?

West Cork Blended Irish Whiskey Black Cask

Zumindest farblich steht die Produktion außer Frage – kräftiges Ocker, mit orangefarbenen Reflexen. Beim Schwenken zeigt sich eine deutliche Öligkeit, und an der Glaswand laufen einzelne, richtig fette Tropfen langsam in Bahnen ab. Die Nase ist vom Fass dominiert. Vanille, Zimt, milde Holztöne; blind könnte man das auch für einen Bourbon halten. Ein Hauch von Ethanol piekst etwas, doch ansonsten wirkt der Black Cask süßlich rund. Ein Hauch von Fruchtkaugummi und Zuckerwatte kommen dazu.

Der Antrunk haut einen um mit völliger Cremigkeit, Fettheit, Rundheit und Süße, ohne pappig oder oberflächlich zu sein; das ist wirklich Ultraflauschstufe. Vanille, Kandiszucker, Anflüge von Honig und Aprikosen. Dabei bleibt es allerdings nicht, im Verlauf entwickelt sich eine milde Würze mit leichten Gewürznoten, auch diese kann ich wahrscheinlich dem Fass zuschreiben. Der Körper wirkt später leichter und dünner; so langsam bildet sich eine getreidige Note heraus, die sich all dem Holzaromen widersetzt, trotzdem aber gut eingebunden ist. 40% sind für heutige Verhältnisse wenig, doch sie bringen genug Stärke mit sich. Der Abgang ist immer noch süß, nicht mehr ganz so wie zu Beginn, bietet sogar etwas warme Adstringenz am Ende. Sehr hübsche florale Jasminnoten lassen den Whisky dann mittellang ausklingen.

West Cork Blended Irish Whiskey Black Cask Glas

Nun, das ist schon wirklich ein sehr charmanter, unkomplizierter, sich wirklich extrem einschmeichelnder Blend, der mit voller Fassdröhnung arbeitet, um dem Genießer „smoother“ Produkte das Wasser im Munde zusammen laufen zu lassen. Mir gefällt es sehr, ein bisschen mehr Komplexität würde sicher nicht schaden, doch der West Cork Black Cask hat andere Vorteile; manchmal will man den Kopf angesprochen haben, manchmal einfach nur niedere Gelüste befriedigt sehen.

Das trinkt sich toll abends in einem großen Tumbler, ohne Eis, handwarm, und lädt dabei zum Schwärmen ein. Doch auch in einem Mixed Drink punktet die Süße und der Körper. Andere Zutaten müssen hier nun etwas Aufregung mitliefern, dass wir nicht im Süßsumpf ertrinken; Chartreuse, drei Sorten Bitter und Absinthe bieten genau diese Abwechslung, und erzeugen zusammen mit dem Whisky im Hearn Cocktail eine Aromabombe.

Hearn Cocktail


Hearn Cocktail
1½ oz irischer Whisky
1½ oz roter Wermut
½ oz Chartreuse verte
4 Spritzer Orinoco Bitters / TBT Drops&Dashes Wood Bitters
2 Spritzer Absinthe
2 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept adaptiert nach Jack McGarry]


Auch die Präsentation spricht mich sehr an – die schwungvolle Flasche, das schön gestaltete und am unteren Ende in Inselform geschnittene Etikett, dazu ein repräsentativer Karton, der Geschenkpotenzial hat. Man sieht, mir gefällt, was ich vor mir habe. Sicherlich wäre es interessant, die anderen Ausprägungen dieser Destillerie im Vergleich dazu zu sehen, vor allem, in weniger stark fassbeherrschten Reifungsvarianten, um zu schauen, was das Destillat sonst so kann. Für 25€ jedenfalls ist der West Cork Blended Irish Whiskey Black Cask ein kleiner Preisleistungsknüller, den ich jedem ans Herz legen will, der gern volle, schwere Spirituosen mag.

Bier am Freitag – Privatbrauerei Schweiger 1516 Bayrisch Hell

Kleine Fläschchen mit Bier finde ich total niedlich. Oft will man ja auch nicht gleich den ganzen halben Liter, sondern nur ein schnuckiges Schlückchen zum Genuss für Zwischendurch. Die Flasche des Privatbrauerei Schweiger 1516 Bayrisch Hell hat meinen Blick diesbezüglich geradezu angezogen, der putzige Viertelliter erfüllt genau diese Funktion wunderbarst, und ist darüber hinaus noch mit einem echt richtig schön gestalteten Etikett ausgestattet, mit dem Wahlspruch „guad und süffig“ und dem leicht rundlichen bayerischen Paar.

Privatbrauerei Schweiger 1516 Bayrisch Hell

Aus dem Fläschchen ins Gläschen – kristallklar, blassgelbgold leuchtend, mit schöner Perlage; auf Schaum muss man allerdings nahezu vollständig verzichten. Auch die Nase ist sehr zurückhaltend, ein Anflug von Bitterhopfen, mildem Malz, ein Hauch Zitrone vielleicht, aber das war es schon.

Süß im Antrunk, und süß ist auch der dominante Eindrück über die Verkostung hinweg, zusammen mit einem sehr voluminösen, vollen, mittelschweren Körper. Eine feine Herbe kommt dazu, leichte Zitronenfrische und -säure, vorsichtige pikante Noten, doch der Stil verlangt eben nicht nach außergewöhnlichen Aromenexkursionen – hier bekommt man ein sauber gebrautes, typisches, sehr rundes und angenehm süffiges Helles mit milden 4,9% Alkoholgehalt. Der Abgang ist passend dazu kurz, leicht getreidig, unauffällig.

Früher war ich auf der Suche nach verrückten, spinnerten Besonderheiten. Erst heute, mit all meiner Erfahrung was Bier angeht, weiß ich diese ruhigen, unaufgeregten, handwerklich toll gemachten Leichtbiere zu schätzen.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2020 – Brüssel (Belgien)

Normalerweise würde ich einen Bericht über Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles mit der Beschreibung der Anreise beginnen. Bei dem Spirituosenwettbewerb, der jedes Jahr in einem anderen Land stattfindet, hatte ich schon so illustre Ziele wie Chile, Bulgarien und China besuchen dürfen – dieses Jahr war die Reise allerdings mehr ein Katzensprung über zwei Grenzen hinweg im Auto. Brüssel, die Hauptstadt Belgiens, war ein Ausweichziel, da die ursprüngliche Location, Barranquilla in Kolumbien, aufgrund der SARS-CoV-2/Covid-19-Pandemie nicht mehr zur Verfügung stand, und für mich sind das nur knappe 3h über Luxemburg zu fahren. Ein seltsames Gefühl allerdings, wenn man Luxemburg nach Belgien verlässt, und das Navigationsgerät sagt, man soll der Strecke 185km folgen – das hat man selten, eine sehr unereignisreiche Fahrt daher.

Brüssel selbst ist dagegen für den Autofahrer selbst mit Navigation kein Spaß, die Stadt mit Straßen ohne rechte Winkel und viel Gefälle, viel Kopfsteinpflaster im Zentrum und Radfahrern und Fußgängern ohne Gnade machte mir etwas zu schaffen. Am Ende war das Auto geparkt, im engsten Parkhaus, das ich je gesehen habe, wo meine Radioantenne auf dem Autodach an der Decke des Parkhauses streifte.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2020 – Brüssel (Belgien) Tasting Flights 2

Nun, es gab also doch so etwas über die Anreise zu berichten, offensichtlich. Der Wettbewerb selbst war unter keinen wirklich guten Vorzeichen eröffnet worden – Lockdowns, Ausgangssperren, Versammlungsverbote, die Welt Ende Oktober 2020 halt. Nur das klar ausgearbeitete und durchgehaltene Hygienekonzept erlaubte es überhaupt, dass sich erneut ein paar Dutzend Spirituosenkenner im Hotel treffen konnten, um ihre Arbeit zu tun und über 1400 Spirituosen aus aller Welt zu verkosten, zu bewerten und zu prämieren. Da aus verständlichen Gründen auch keine internationalen Kenner anwesend sein konnten, füllten die Organisatoren die Panels mit Experten hauptsächlich aus Frankreich und Belgien auf; das eh schon sehr frankophone Event wandelte sich in ein beinahe komplett französischsprachiges Ereignis.

Da die gesamte Logistikkette von der Ausnahmesituation betroffen war, änderte sich auch der Tagesablauf für uns Juroren. Normalerweise besteht der Ablauf einer Spirits Selection aus Arbeit morgens, mit der Verkostung mehrerer Flights unterschiedlichster Brände, und aus Erhohlung nachmittags, mit dem Besuch von Destillerien, kulturellen Aktivitäten und ähnlichem. Letzteres fiel natürlich leider dieses Jahr völlig flach, und alles konzentrierte sich auf das Hotel. Nur kurze fußläufige Expeditionen ins Zentrum der Stadt, zum extrem beeindruckenden Grand-Place (den man beinahe leer besonders genießen konnte), zum deutlich weniger aufregenden Manneken Pis und ein paar hochgradig gut ausgestatteten Schokoladen- und Biergeschäften waren möglich.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2020 – Brüssel (Belgien) Grand-Place

Statt einem großen Tisch für eine Jury gab es mehrere kleine, Abstände und Maskenpflicht sorgten für ein bisschen Heiserkeit und Kopfschmerz, weil man beständig schreien musste, um sich über die Sprachbarrieren hinweg verständigen zu können; hier erkennt man, wie wichtig es ist, den sich bewegenden Mund zu sehen bei der Kommunikation. Ein sardischer Brenner versorgte uns mit einem selbstgebrannten Desinfektionsmittel aus 85% reinem Alkohol mit lokalen Kräutern, und Desinfektionsgelspender waren alle drei Meter verfügbar.

Auch die tatsächliche Arbeit war für mich dieses Jahr anders – während die Prozeduren und Abläufe inzwischen sehr gewohnt für mich sind, hatte ich die Ehre erhalten, als Vorsitzender meiner Jury antreten zu dürfen. Der Vorsitzende organisiert den täglichen Ablauf des Tischs, kümmert sich um Fragen zu eher unbekannten Bränden, und hat am Ende das letzte Wort, was die Vergabe von Medaillen angeht – also viel Verantwortung, der ich hoffe, gerecht geworden zu sein.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2020 – Brüssel (Belgien) Tasting Tables

Was waren die Highlights dieser Lockdown-Ausgabe? Erneut natürlich die Masterclasses, teilweise als Videokonferenz abgehalten, bei denen die aus vorigen Jahren schon gut bekannten Experten der Independent Stave Company (ISC) über die Holzauswahl zur Aromaprofilbildung informierten, und Maryse Bolzon von Lallemand Biofuels & Distilled Spirits über die unterschiedlichen Möglichkeiten, die Fermentation in bestimmte Richtungen zu steuern mittels Selektion von Hefestämmen, Einsatz von Bakterien, und verschiedenen anderen modernen Technologien.

Wenn der Ochs nicht zum Berg geht, kommt der Berg zum Ochsen. Da leider keine Destilleriebesuche möglich waren, zeigten belgische Brenner ihre Arbeit per Präsentation und Vortrag im Hotel vor Ort. Etienne Bouillon, der Gründer der The Owl Distillery, präsentierte seinen belgischen Single Malt Whisky Belgian Owl – eine Destillerie, die ich sicher in besseren Zeiten einmal besuchen werde, besonders da ich Etienne als Mitglied „meiner“ Jury etwas kennengelernt habe. Christophe Mulatin erzählte etwas über die Biercée Distillery, deren Hauptprodukt, der Zitronenlikör Eau de Villée, vielleicht eine der populärsten und verbreitetsten Spirituosen in ganz Belgien ist. Die Brüsseler Cocktailikone Alain Vervoort versorgte uns abends schließlich noch mit einem Negroni-Twist, basierend rein auf belgischen Zutaten.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2020 – Brüssel (Belgien) Masterclasses

Die Mitbringsel dieses Jahr konzentrierten sich auf Bier; für mich gar kein Problem, denn Bier ist der wahre Schatz Belgiens. Höchsterfreut war ich insbesondere, endlich ein paar Flaschen des doch eher kompliziert zu bekommenden Westvleteren-Trappistenbiers in die Hände zu bekommen, mit 18€ pro Drittelliterflasche doch ein Luxus, den man sich eher selten gönnt. Dazu ein Gulden Draak, das im Calvadosfass gereift wurde, und ein paar Fläschchen Orval, das nun für ein oder zwei Jahre erstmal im Keller schlummern darf, um seine Genussreife zu erhalten. Jede Biermarke hat in Belgien ihr eigenes Glas, und so brachte ich auch davon eine Selektion mit. Da verlässt man einen Shop mit ein paar Flaschen Bier und einer Rechnung von 120€ – nun, es ist es wert. Leider habe ich wegen der leichten Hektik am Ende des Wettbewerbs vergessen, auch noch eine Flasche des oben bereits erwähnten Eau de Villée einzupacken; das wird beim nächsten Belgienbesuch dann nachgeholt, denn dieser klare Zitronenlikör hatte mich schon etwas fasziniert. Das Event klingt nun noch etwas nach, ein Coronatest folgte direkt am Tag nach der Rückkehr, und nun verbringe ich etwas Zeit in Quarantäne, bis das Ergebnis feststeht, um sicher sein, dass ich außer den erwünschten Mitbringseln nichts Unerwünschtes im Gepäck hatte.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2020 – Brüssel (Belgien) Mitbringsel

Nach drei intensiven Tagen war die Arbeit getan, ich habe erneut viel über Spirituosen gelernt, und viele sehr interessante Leute kennengelernt. Das ist für mich immer der Grund, warum ich mich jedes Jahr auf dieses Event freue – Spirits Selection ist die Möglichkeit, alte Freunde wiederzusehen und neue zu finden. Schnaps verbindet. Und auch wenn das eventuelle Gastland für 2021 aufgrund der unplanbaren Umstände dieses Jahr noch nicht bekannt gegeben wurde, habe ich die Zeit dafür schon reserviert; egal, wo es hingeht, es wird grandios, wie jedes Jahr. Dort hoffe ich dann auch, die dieses Jahr arg vermissten Freunde aus Brasilien, Mexiko, Chile, den USA und Kolumbien endlich wiederzusehen.

Geschenkbier am Freitag – Birra Eja Bionda

Seit 15 Jahren wird bei Birra Lara (manchmal auch Birrifico Lara oder sogar Microbirrifico Lara genannt) in Tartenia in Ostsardinien Bier gebraut. Hört sich nach einer eigentlich recht überschaubaren Zeit an, im Vergleich zu vielen Traditionsbrauereien, doch jedenfalls ist damit klar, dass es sich nicht um ein Hipsterstartup handelt, das nur für ein einzelnes Experimentalbier gegründet wurde. 15 Jahre überlebt man in der Branche nur, wenn das Produkt, das man herstellt, was taugt. Holen wir uns das mit 4,7% eingebraute untergärige Lager Birra Eja Bionda ins Glas, um das zu überprüfen.

Birra Eja Bionda

Das erste, was nach dem Eingießen auffällt, ist die enorme Perlage – da steigen gefühlt Millionen winzigster Bläschen in rasantem Tempo nach oben, in dieser Form sehe ich das selten; vielleicht eine Folge der unpasteurisierten Flaschenreifung. Der Schaum gefällt ebenso, sehr üppig, feinporig und langlebig. Die Farbe des Biers ist blassocker, man erkennt eine schöne Trübung, weil das Bier ungefiltert ist.

Das eingesetzte sardische Gerstenmalz dominiert die Nase zunächst, dazu ist es etwas hopfig, aber eher bitterhopfig, vorsichtige Steinfrucht kommt dazu. Bei der empfohlenen Trinktemperatur von 6-8°C schafft sonst nicht viel Aroma den Sprung in den Riechkolben.

Würzig, leicht salzig, sehr voll für ein Lager – das sind die ersten Eindrücke. Die Salzigkeit gefällt mir sehr, und nimmt im Verlauf sogar noch zu. Getreide dominiert den Geschmack, das wirkt klassisch und rund. 35 IBU sind gut gewählt und sorgen für ordentliche, aber nicht übertriebene Bittere. 4,7% Alkoholgehalt erzeugen dazu einen schönen Körper, der vielleicht einen Ticken zu stumpf für die Vorfreude der Optik ist. Der Abgang ist kurz, hefig und passt sich in das restliche Bild ein, mit mittlerer Rezenz.

Auch dieses Bier aus der Brauerei Lara wurde mir als Geschenk eines freundlichen Lesers meines Blogs zugesandt. Wahrscheinlich hätte ich es sonst nie probieren können, und umso dankbarer bin ich Uwe dafür, denn  wie schon das Eja Rossa ist auch das Eja Bionda ein tolles Lager, mit eigenem Charakter und Stil.

Königliche Knolle – King’s Ginger Liqueur

Früher war es ein beliebtes Mittel des Marketings vieler Hersteller, ihre hochprozentigen Produkte als gesundheitsförderlich zu bewerben. Magenbitter sollten bei der Verdauung helfen, Kräuterliköre dem allgemeinen Wohlbefinden dienen, und Bier und Wein sind ja heute noch im Ruf, neben dem Effekt auch lebensverlängernd zu wirken. Das allermeiste davon ist heute wissenschaftlich wiederlegt, Alkohol als solcher ist nun mal einfach ein Gift und unvorsichtig konsumiert auch ein Suchtmittel. Laut EU-Verordnung ist heutzutage nun auch verboten, irgendein Produkt, das Alkohol enthält, mit Gesundheitsangaben jedweder Form zu versehen.

Das bedeutet nicht, dass ein Ingwerlikör wie der King’s Ginger nicht trotzdem noch ein paar der höchst wohltuenden Eigenschaften der Ingwerknolle aufweisen könnte. Zumindest glaubte der englische König Edward VII. wohl fest daran, denn er ließ wohl den holländischen Likör regelmäßig als Tonikum auftischen. Zumindest laut Etikett, Legenden aus diesen Quellen ist im Normalfall wenig zu trauen, da es aber eine nette, unkomplizierte Geschichte ist, lasse ich das mal so stehen. Was aber sicher feststeht: auch heute wird der Likör noch in Holland für Berry Bros & Rudd, London, produziert. Gießen wir uns ein paar Tropfen des königlichen Genusses ein.

King’s Ginger Liqueur

Blasser Mais, etwas strohig. Eine leichte Trübung durch winzige, schwebende Partikel – bei einem Ingwerlikör könnte ich mir vorstellen, dass das so gehört. Beim Schwenken entsteht ein durchgängiger Film an der Glaswand, der an der Oberkante sich in Beine auffranst, die aber beim Ablaufen wieder zu einem Teppich zusammenfließen, erst nach einer Weile trennt sich dieser Film wieder in einzelne Fäden.

Die Nase ist direkt pikant, einerseits vom dominierenden Ingwer, als auch von der kräftigen Alkoholstärke von 41%, für einen Likör recht üppig gewählt. Gleichzeitig kommt eine milde Zitrusnote in Richtung Orangenschale dazu. Der für ein Säulendestillat typische Ethanolgeruch entsteht, das deutet auf das Basisdestillat hin. Letztlich muss man aber sagen – da ist ordentlich Ingwer drin, sowohl frisch geschnittene Wurzel, als auch deren Schale.

King’s Ginger Liqueur Glas

Natürlich beginnt der King’s Ginger extrem süß im Antrunk, ein Likör muss schließlich per Gesetz mindestens 100g/L Zucker aufweisen. Das merkt man hier im gesamten Verlauf. Ingwerschale steigt allerdings schnell als Aromatik ein, mit der auch schon gerochenen, leicht bitteren Orangenschale. Sehr rund und vollkörperig, dabei jedoch helltönig. Im Abgang entsteht dann tatsächlich etwas Ingwerschärfe, die die Zungenspitze leicht zum Kitzeln bringt. Eine gewisse Heunote lässt den Likör am Ende ausklingen.

Ich kann mir vorstellen, dass das als Digestif auf Eis seinen Charme hat – die Ingweraromatik ist stark ausgeprägt, und wer das mag, der sollte es mal probieren. Für mich persönlich ist es aber mehr eine Cocktailzutat, die in überraschend vielen Drinks ihren Einsatz finden kann, mehr als viele andere Liköre jedenfalls. Der Eva Perón ist ein Longdrink, bei dem die Ingwerkomponente sowohl von Likör als auch von Ingwerbier unterfüttert wird; doppelt hält besser.

Eva Perón Cocktail


Eva Perón
1 oz Fernet
1 oz Roter Wermut
1 oz Ingwerlikör
1 oz Limettensaft
1 oz Ingwerbier

[Rezept nach Darren Crowford]


Für mich ist der King’s Ginger im Fazit mein Go-To, was Ingwerlikör angeht, aufgrund der starken Aromatik und des tollen Alkoholgehalts; viele andere Produkte sind oft eher in Richtung 25% verortet, was für mich gerade in der Mixologie einen durchaus deutlichen Unterschied macht. Dazu macht sich die schwarze, komplett ummantelte 500ml-Flasche auch sehr hübsch in der Heimbar, mit dem elaborierten Etikett hat man auch immer was zu erzählen für interessierte Gäste. Diese freuen sich sicherlich aber auch neben der netten Anekdote auch über einen ungewöhnlichen Digestif nach einem schönen Essen; man muss wahrhaft kein König sein, um das wertschätzen zu können.

Bier am Freitag – Hops Brewing Franzmann’s No. 1 Lager

In letzter Zeit habe ich mich gefühlt etwas von superaromatischen, starkgehopften Bieren abgewendet, naja, das ist übertrieben, aber ich hatte doch eher Interesse an leichteren Bieren, klassisch gebraut, ohne übermäßige Hopfung und Blabla, was heutzutage scheinbar auch bei traditionellen Brauereien dazugehört. Es fällt mir dabei immer deutlicher auf, dass die Grenze zwischen Bierstilen doch fließend ist. So habe ich mit dem Hops Brewing Franzmann’s No. 1 Lager ein deutlich gehopftes und gemalztes Lagerbier vor mir, das nicht ins typische Schema passt. Mit Pilsner-, Cara– und Münchner Malz als Basis sowie den Hopfensorten Perle, Saphir, Simcoe und Cascade als Aromahopfung hat dieses Bier nur noch wenig zu tun mit einem eher dünnfeinen Pale Lager, was die meisten wahrscheinlich mit diesem Stil verbinden.

Hops Brewing Franzmann's No. 1 Lager

Farblich ein gut getrübter Bernstein. Wie so oft sieht man hier schöner Schaum beim Eingießen, der aber danach ziemlich schnell weg ist. Kaum Perlage. Der eingesetzte Hopfen kommt sensorisch voll zum Tragen, sehr hopfenfruchtig, das Lager riecht wie ein Pale Ale. Johannisbeeren, Ananas, Pfirsich.

Auch beim Geschmack denkt man zunächst: Pale Ale. Die Cremigkeit, der Körper, die Fruchtigkeit, die Bitterkeit – alles ist da. Mittlere Rezenz, gute Frische. Knackige Bittere mit 30 IBU. Leichter Fehlton nach Weichspüler. Gute Relation von zurückhaltender Süße und dominanter Säure. 5,9% Alkoholgehalt sind für den Stil üppig und geben Körper. Erst im durchaus langen Abgang kommt dann eine trockene, klare, frische Komponente dazu, die sich abhebt. Leichte Rauchigkeit, ein vorsichtiges Gefühl von Menthol. Eine Säuregefühl verbleibt.

Das Franzmann’s No. 1 ist für mich ein sehr spannendes Lagerbier, das ich gern in einer Verkostungsreihe mit anderen Lagerstilen probieren würde (hier natürlich am aromatischen Ende, im krassen Kontrast zu einem typischen Pale Lager beispielsweise), rein um die Breite dieser Ausprägung der Bierbrauerkunst zu demonstrieren.

Il brandy che crea un’atmosfera – Vecchia Romagna Brandy Etichetta Nera

Ein spontaner Besuch bei meinen Eltern, nur wenig Handgepäck mitgenommen, und schon hat man die Probleme – da will man Abends als Spirituosenfreund nach dem Essen einen kleinen Drink nehmen, und die Eltern haben praktisch nichts im Haus. Da noch etwas Zeit ist, springt man schnell in den Supermarkt, im Dorf gibt es halt keinen Fachhändler für Hochprozentiges, und schaut sich durch die Regale voller Zeug, das man schon kennt und deswegen nicht kaufen will. Eine aufwändig gestaltete Flasche fängt das Auge, sie landet im Korb, und schon wird der Abend italienisch, mit dem Vecchia Romagna Brandy Etichetta Nera.

Der italienische Weinbrand hat eine überraschend lange Geschichte, seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts wird das Hauptprodukt der Distilleria Giovanni Buton aus der norditalienischen Region Emilia Romagna unter diesem Namen vertrieben – sehr erfolgreich, 2018 war er der meistverkaufte Brandy Italiens. Hergestellt wird er aus Trauben der Rebsorte Trebbiano. Der fermentierte Wein dieser Trauben wird zum Teil in Kolonnenbrennapparaten, zum Teil in charentaiser Brennblasen destilliert, um dann für 3 Jahre in Eichenfässern zu reifen, und schließlich in einem Blend zu landen. Hat der Vecchia Romagna nun das Potenzial, einem Spirituosenfreund den Abend zu retten?

Vecchia Romagna Brandy Etichetta Nera

Die Farbe ist zwischen Safran und Kupfer, viele orangefarbene Reflexe hellen etwas auf. An der Glaswand bilden sich dicke Schlieren, die langsam in einzelne Beinchen zerfallen und dann gemächlich ablaufen.

Viel Frucht riecht man, wenn man an der „alten Romagna“ schnuppert. Trauben, Rosinen, Orange, Kirschen. Zusammen mit der süßlichen Note ergibt das eine Idee von Fruchtkaugummi. Milde Blumigkeit ergänzt das ganze zu einem runden Aroma, das eher einem Cognac ähnelt als einem spanischen Brandy. Früher wurde dieser Brandy wohl deshalb auch als „Cognac Buton“ vermarktet, was heute natürlich aufgrund der Schutzgesetze nicht mehr möglich ist.

Der Antrunk ist ähnlichsüßlich, fruchtig, wie es die Nase schon andeutet. Leichte Holzreifungstöne, Vanille, Zimt, meint man schmecken zu können. Im Verlauf kommt vorsichtige Würze auf, allerdings entsteht dabei nur wenig Körper – die doch niedrig angesetzten 38% schaffen nicht, viel Spannung aufzubauen: ein angenehmes Mundgefühl, aber viel zu wässrig wirkend, um wirklich zu begeistern.

Vecchia Romagna Etichetta Nera Glas

Das ist auch mit Abstand der größte Mangel an diesem Weinbrand: zur Ehrenrettung muss ich sagen, dass ich mir vorstellen könnte, dass er mit 43% sehr attraktiv werden würde. So bleibt kaum etwas übrig, wenn er den Mund verlassen hat, denn der Abgang ist kurz und unspektakulär, leicht trocken, mildherb. Der Nachhall ist immerhin schön blumig, der Fruchtkaugummi wieder, dazu etwas Wintergrün und Jasmin. Insgesamt eher kurz, ein paar Blüten hängen als Nachklang noch eine Weile am Gaumen.

Persönlich habe ich keinen echten Einsatzzweck für diesen italienischen Weinbrand. Zum Purtrinken ist er im Endeffekt zu belanglos, auch wenn er seine Momente hat und mit Blumigkeit punktet; im Cocktail und Longdrink geht er gegen alles, mit dem er vermixt wird, irgendwie unter. Ich setze ihn für diesen Test in einem Betsy Ross ein – die Kombination aus Weinbrand und Port hat einen besonderen Charme, und hier kann der Vecchia Romagna immerhin seine Floralität schön zeigen.

Betsy Ross Cocktail


Betsy Ross
1½ oz Weinbrand
1½ oz Ruby Portwein
½ oz Triple Sec
2 Spritzer Aromatic Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach unbekannt]


Etwas Besonderes ist jedenfalls die Flasche – höchstgradig unpraktisch in der Handhabung, doch hübsch anzusehen mit der dreieckigen Form und den abgerundeten Kanten. Sehr aufwändig hergestellt; bei einem Einkaufspreis von rund 13€ fragt man sich aber schon, ob man nicht ein paar der Euro, die allein in die Flasche fließen, nicht für ein paar Prozente mehr an Alkoholgehalt besser investiert gewesen wären. Nun, so hart es klingt, alles in allem macht das Gesamtbild die Vecchia Romagna zu einem anspruchslosen Supermarktmassenprodukt, das man kaufen kann, aber nichts verpasst, wenn man es im Regal stehen lässt; der Werbespruch „il brandy che crea un’atmosfera„, den ich für den Titel ausgewählt habe, zog vielleicht noch damals in den 60ern. Für ein paar Euro mehr bekommt man den Asbach Privatbrand, der eine ähnliche Richtung in Bezug auf die Aromatik einschlägt, dem Italiener aber in jeder Beziehung weit überlegen ist.

Geschenkbier am Freitag – Birra Eja Rossa

Manchmal schafft man es, mich zu überraschen – das Paket, das unerwartet auftauchte und 4 Biere aus Sardinien beinhaltete, gehört dazu. Ein Leser meines Blogs hat mir dieses höchsterfreuliche Geschenk gemacht, und gerade, weil derartige lokale Spezialitäten in Deutschland nur extrem schwer zu bekommen sind, ist die Freude noch größer. Ich fühle mich sehr geehrt, dass meine Artikel zu Bier und Spirituosen soviel Freude bei meinen Lesern schaffen, dass ich derart beschenkt werde.

Natürlich wird dieses Bier dann auch direkt probiert. Nach zwei Nächten der Kühlung und Ruhe beginne ich mit dem Birra Eja Rossa, einem obergärigen Rotbier. Das Etikett sagt, dass es sich um „Birra Agricola Vera“, also echtes Landbier, handelt, was auch immer das bedeuten mag. Es ist unfiltriert und nicht pasteurisiert – Zeichen von Handarbeit und Mühe.

Birra Eja Rossa

Schauen wir uns es an. Haselnussbraun, volltrüb bis zur kompletten Blickdichte. Eindeutig erkennbar als unfiltriert; Sedimente, die auf dem Rücketikett erwähnt werden, konnte ich aber nicht feststellen. Extrem starke Schaumentwicklung beim Eingießen, der Drittelliter braucht einige Minuten und mehrere Schritte, bis er vollständig im Glas gelandet ist. Dann sackt der großblasige Schaum nach einiger Zeit in sich zusammen, bleibt aber lange erhalten. Geruchlich gibt es sehr viel weniger zu erwähnen – leichtes Malz, etwas Rost, ein Hauch von Hefe.

Der Antrunk ist bereits sehr cremig, dieses fette Mundgefühl setzt sich im gesamten Verlauf auch so fort. Eher zum Säuerlichen hin tendierend, ohne aber wirklich kantig zu werden. Der grundsätzlich malzige Geschmack wird dadurch aufgefangen. Milde Hopfung bringt leichte Fruchtaromen, und eine deutliche Herbe, die gegen Ende auch astringierend wird und die Zungenseiten belegt. Sehr frisch, rezent und leicht wirkend, trotz der 6,5% Alkoholgehalt. Der Abgang ist mittellang, etwas blumig, mildfruchtig und dann doch vom Hopfen beherrscht.

Ein sehr hübsches Bier, ausgewogen, voll und richtig gut erfrischend. Das gefällt mir, im Gegensatz zu dem etwas billig wirkenden Etikett, sehr; da bin ich auf die weiteren Sorten, die schon im Kühlschrank liegen, gespannt. Vielen Dank, Uwe, für dieses unerwartete und sehr erfreuliche Geschenk!

Personalwechsel – Mount Gay Eclipse Barbados Rum

Es ist immer ein Zeitenwandel, wenn sich der Master Distiller bei einer Brennerei ändert. Meist geschieht dies einfach aus Altersgründen; eine neue Generation wagt sich an die alten Traditionen. Auf der Karibikinsel Barbados bei Mount Gay, der ältesten noch aktiven Rumbrennerei der Welt (gegründet 1703), ist so ein Schritt natürlich um so auffälliger. Trudiann Branker folgt 2020 dem langjährigen Vorgänger, Allen Smith, der seit 2010 diese Rolle innehatte. Ein erster Schritt von ihr war, einige der Blendrezepte leicht zu verändern, um Ihre eigenen Ideen von bajanischem Rum zu verwirklichen. Dazu gehört dann natürlich auch das Redesign der Flaschen und Etiketten.

Ein davon betroffener Rum ist der Mount Gay Eclipse. Man sieht hier auf meinen Fotos, dass ich noch die alte Flasche habe; die neue weist ein anderes Etikett auf. Dort wird der Eclipse dann auch als Heritage Blend bezeichnet, was auch immer das bedeuten mag. Alle meine Kommentare beziehen sich hiermit leider auch auf den alten Blend, und da es noch eine ganze Weile dauern wird, bis die vorhandenen Vorräte bei europäischen Händlern verbraucht und durch die neue Version ersetzt sind, ist es wohl auch noch in Ordnung, hier meine Meinung zum alten Eclipse wiederzugeben.

Mount Gay Eclipse Barbados Rum

Die Farbe ist blassgolden, im Glas noch deutlich blasser als in der Flasche, deutet schon auf wenig Fassreife hin – es handelt sich entsprechend auch um einen Blend mit unspezifiziertem Alter. Persönlich würde ich auf eine Reifungsdauer von maximal 3 Jahren tippen. Im Glas schwenkt sich der Eclipse mittelschwer, eine Öligkeit ist erkennbar, die sich dann auch in einem Film mit schnell ablaufenden Beinchen an der Glaswand bemerkbar macht. Die Nase wirkt süßlich, wenn man sich über die doch recht zwickende Ethanolkomponente gearbeitet hat. Getreidig, fruchtig, mit dieser Wodkanote, die viele leichte Rums aufweisen. Auch wenn dieser Blend ausschließlich aus Pot-Still-Destillaten besteht, erinnert er mich doch an säulendestillierte Rums aus Kuba.

Im Mund zeigt sich der Eclipse zunächst weich und süß, sich schnell über alle Flächen im Mundraum legend. Leichte Vanille, etwas Backgewürze, milde, reife Banane. Im Verlauf wandelt er sich aber schnell, bildet eine leichte Pfeffrigkeit aus und parallel dazu gleichzeitig ein gewisses Alkoholfeuer. Die eher mäßig eingebundenen 40% Alkoholgehalt zeigen, dass hier eher ein Massenprodukt in die Flasche gefüllt wurde; wie bei allen Spirituosen tendieren wir modernen Genießer auch bei Rum heutzutage mehr zu erkennbar stärkeren Tropfen, die dann paradoxerweise oft milder im Mund wirken. Voluminös vom Körper her, aber eher schmal in der Aromatik.

Mount Gay Eclipse Glas

Der Abgang ist kurz, leicht rostig-metallisch, immer noch karamelligsüß, dabei aber auch mildbitter mit etwas Trockenheit, die klar macht, dass wir hier ein ungesüßtes Produkt vor uns haben. Der Eindruck, dass man hier einen weißen Rum trinkt, drängt sich von der Aromatik auf. Mit viel weißem Pfeffer und etwas Gras und Heu klingt der Rum am Ende recht warm aus.

Wo setzt man so einen Rum ein? Schwierig. Wer einfach eine klassische Rumcola trinken will, kann den Eclipse sicherlich ohne Probleme dafür nutzen; in Rezepturen allerdings, die einen schweren Rumgeschmack benötigen, wie zum Beispiel die meisten Tiki-Drinks, ist er fehl am Platze, da bringt er einfach nicht genug Power mit. Soll allerdings die Mixtur mit leichten Rumaromen aufgemotzt werden, wie im Paddington, wo die Orangen- und Fruchtkomponente die Hauptrolle spielen soll, ist der Eclipse eine solide, wenn auch zugegebenermaßen etwas unspektakuläre Wahl.

Paddington Cocktail


Paddington
1½ oz leicht gereifter Rum
½ oz Lillet Blanc
½ oz Grapefruit-Saft
½ oz Zitronensaft
1 Teelöffel Orangenmarmelade
Auf Eis shaken.

[Rezept nach David Slope]


Mir gefällt die Flaschenform, breitschultrig und mit einer hübschen Schrift ins Glas eingelassen. Der Blechschraubverschluss ist eine Preisreduktionsmaßnahme, das ist klar, und für einen derartigen Rum auch durchaus akzeptabel, der sollte eh nicht lang im Keller vor sich hin schlummern, sondern zügig getrunken werden. Das Etikett zeigt eine Karte der Insel Barbados, und gibt noch ein paar handfeste geschichtliche und produktionstechnische Hinweise – ich bin dankbar dafür, dass hier nicht auf die bei Rum immer noch so beliebte, abgeschmackte Piratenmasche gesetzt wird.

Ein traditioneller Rum, unprätenziös, unaufgeregt, ehrlich, einfach. Dazu ein vernünftiges Preisleistungsverhältnis. Die Frage bleibt aber dennoch, wer sich diese Flasche zulegen sollte – für die Heimbar als Mischrum eine Wahl, bei der die mageren 40% Alkoholgehalt nicht viel Aroma ins Glas bringen; und wer Rum auch hin und wieder einfach so pur im Glas haben will, dem empfehle ich deutlichst das Upgrade auf den Mount Gay XO aus demselben Hause, da hat man dann doch etwas Feineres zum Schlürfen. Irgendwie bleibt der Tester ratlos zurück, trotz all der Tradition muss man diese spezielle Marke nicht unbedingt haben, finde ich – vielleicht probiere ich den neuen Blend dann aber doch irgendwann mal, um zu vergleichen, ob er sich besser schlägt als dieser hier.