Ein Bett im Aprikosenfeld – Árpád Dupla 60° Ágyas Kajszibarack Pálinka

Man lernt immer wieder dazu, wenn man sich mit offenen Augen durch die Spirituosenwelt bewegt. Die neueste Entdeckung, die ich bei einem Aufenthalt in Budapest machen konnte, war eine besondere Herstellungsweise für den ungarischen Pálinka. Pálinka ist eine regulierte Spirituose, die nur aus in Ungarn angebauter, frischer Frucht hergestellt werden darf, und auch dort gebrannt und abgefüllt werden muss. Weder der Maische noch dem Brand dürfen Zusatzstoffe hinzugefügt werden; dahingehend ist eine vom Standard abweichende Herstellungsweise durchaus spannend – man muss auf die ungarische Wikipedia-Seite gehen, um die feinen Details erklärt zu bekommen, die man sonst übersieht. Und so habe ich gelernt, dass im Zusatz zu den obigen Punkten gilt: Getrocknete Früchte sind zwar nicht für eine Maische erlaubt, aber bei der Reifung in Form eines „Fruchtbetts“ schon. Dafür wird der Pálinka für mindestens 3 Monate auf einem Bett aus Frucht gereift und nimmt dabei Extrakt und Aromen auf.

Ein Beispiel für diese Mazerationsalterung ist der Árpád Dupla 60° Ágyas Kajszibarack Pálinka. Einen Aprikosenpálinka aus dem Hause Árpád hatte ich vor einer Weile schonmal besprochen, um so gespannter bin ich darauf, wie sich ein offensichtlicher Könner dieser besonderen Herstellungstechnik annähert. Wir nähern uns erstmal den ungarischen Wörtern im Namen an, die Sprache ist schwierig und nicht offensichtlich durchschaubar. „Ágyas“ bedeutet „gereift“, „Dupla“ beschreibt hier, dass ein doppeltes Bett für die Reifung des aus zwei Basispálinkas bestehenden, auf 80% Alkoholgehalt eingestellten Grunddestillats genutzt wird; erst 6 Monate auf frischen, danach nochmal 6 Monate auf getrockneten Früchten, hier gehe ich dabei von hauptsächlich Aprikosen aus, was zum Destillat passt. „Kajszibarack“ schließlich ist schlicht die Aprikose; und auf dem Etikett findet man noch das Wort „szűretlen“, das „ungefiltert“ bedeutet. Am Ende wird der Pálinka auf üppige und für diese Kategorie durchaus ungewöhnliche 60% Alkoholgehalt eingestellt. Ich verrate nicht zu viel, dass die Verkostung, die nun folgt, eine ganz besondere sein wird; man ahnt es schon aus den vielen speziellen Details, die in so einen Brand eingeflossen sind.

Árpád Dupla 60° Ágyas Kajszibarack Pálinka

Die zeigefreudige Flasche mit dem Abrisskantenetikett versteckt nichts, im Glas ist die hellorange, bernsteinige Farbe noch konzentrierter zu sehen. Dort sieht man dann auch, wie schwer und viskos sich der Brand bewegt, fast sirupartig schwappt er hin und her und lässt fette Artefakte an der Glaswand zurück, schöne Beine bilden sich beim Ablaufen.

Wie bei allen gut gemachten Obstbränden ist die eingesetzte Frucht auch hier direkt klar und ohne Umschweife abgebildet, die ungarische Aprikose ist herrlich vorhanden; wer einmal auf einem der vielen Obststände in den überall in der Stadt verteilten Markthallen ein paar reife, heimische Aprikosen probiert hat, weiß, wovon ich spreche, das ist schon etwas besonderes. Man riecht das saftige Fruchtfleisch, eine getrocknete Variante davon, und einen Hauch des Steins, also drei unterschiedliche Eindrücke, die aber alle mit der Frucht verbunden sind. Ein bisschen Sandelholz, ein bisschen Pfeffer, ein bisschen Kardamom, ein bisschen Muskatnuss, sie alle erhöhen die Komplexität und machen den Duft des Dupla Kajszibarack zu einem sehr angenehmen, aber nicht unbedingt wahnsinnig anschmeichelnden Bouquet, man spürt die klare Kante, die zeigt, dass man keinen Likör vor sich hat.

Árpád Dupla 60° Ágyas Kajszibarack Pálinka Glas

Der Antrunk ist ein Erlebnis – das fühlt sich wirklich an, als würde man in eine gedörrte, aber innen noch saftige Aprikose beißen. Die Aromen sind extrem stark, dicht und füllen schnellstens den ganzen Mundraum aus. Die Textur ist fett und voll, man meint zwischendurch, Fruchtfleisch zu kauen, so dicht ist das; durch die Herstellungsweise ist natürlich etwas Extrakt tatsächlich vorhanden, und das macht das alles noch wuchtiger. Für einen Sekundenbruchteil hat man Fruchtsüße, diese wird aber fast sofort durch knackige Säure und eine ausgeprägte Bittere aufgehoben. Kein Moment vergeht, in dem man nicht an die gedörrte Aprikose denkt, das ist wirklich beeindruckend in seiner Dichte und Kraft. Der Abgang wirkt dann fast übertrieben, hier wird der Árpád Dupla Kajszibarack Pálinka ein bisschen unrund in all seiner Extremheit, da weiß die Zunge gar nicht mehr, wohin sie schmecken soll und ist durchaus überlastet, weit hinten im Rachen grummelt er dann sehr lange noch vor sich hin. Der hohe Alkoholgehalt tut sein übriges dazu, man spürt ihn deutlich. Süß, sauer, salzig, bitter, fruchtig, heiß, texturiert, lang – ein Brand, den man in keiner Sekunde ignorieren kann, der einem wirklich den Geschmacksapparat durch den Wolf dreht. Ich liebe es, aber nicht für jeden Tag.

Ja, das muss man abkönnen, ich glaube nicht, dass dieser Pálinka jedem so richtig gefallen wird, einfach, weil er in jeder Beziehung extrem ist, ihm ist Eleganz und Feinheit fremd, dafür bietet er Aprikosenwucht in Perfektion: ein Glas, das man nicht so schnell vergisst.


Man könnte erstmal denken, wenn man das Rezept des Rhythm Section liest, dass die Aprikose darin nur eine untergeordnete Rolle spielt. Doch sie drängt sich klar nach vorne, wenn man den Árpád Dupla dafür einsetzt, wie ich es nach der Geschmacksprobe erwartet habe, ohne dabei aber aufdringlich zu wirken; man ahnt sie dann im Antrunk, schmeckt sie deutlich im Verlauf und im Nachhall überholt sie alle anderen Zutaten. Der Cocktail ist an sich schon komplex und spannend, und mit einem guten Aprikosenbrand verstärkt sich das ganze nochmal.

Rhythm Section Cocktail

Rhythm Section
1½oz / 45ml Blended Scotch
¾oz / 23ml Orgeat
¾oz / 23ml Zitronensaft
½oz / 15ml Aprikosenbrand
½oz / 15ml Bénédictine
1 Eiweiß
1 Spritzer peated Scotch
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Death & Company]


Die quaderförmige Flasche ist einfach schön anzuschauen, der Plastikdrehverschluss hochfunktional und praktisch, die Etikettengestaltung einfach eindrucksvoll. Der Karton ist noch eine Erwähnung wert – das hat in seiner reduktionistischen Gestaltung fast schon was von dem geheimnisvollen Monolithen aus Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, mir gefällt das außerordentlich gut, ich bin sonst kein Fan von Kartonverpackungen, aber hier musste ich die Flasche mit Karton haben.

Wer erstmal probieren will, der holt sich einfach die kleine Miniatur im identischen Design, die es auch zu kaufen gibt. Diese beiden Dinge zeigen für mich, dass hier ein echter Könner engagiert wurde, um die Produktpräsentation auf eine neue Ebene zu heben, insbesondere, weil die meisten Pálinkas in Ungarn eher sehr traditionell gestaltet und in den von mir besonders ungeliebten hohen, schmalen Flaschen abgefüllt wird.

Wer diese Flasche in Budapest kaufen will, sollte sehr vorsichtig sein – die Preisspreizung für den Árpád Dupla ist enorm. Ich habe ihn für ungefähr 15000 Forint bei Mr. Alkohol (was ein schöner Name für einen Spirituosenladen!) in der Nähe des Nyugati-Bahnhofs gekauft, ihn aber auch für 26000 Forint in Wein- und Souvenirläden an der Váci Utca gesehen. Nicht, dass er diesen Preis nicht wert wäre, aber übertreiben muss man es ja auch nicht, die Verkäufer an den touristischen Orten dort verdienen sich eh dumm und dämlich an der Kundschaft, die sich noch in Schockstarre der überwältigenden neogotischen und neobarocken Architektur befindet und keine Preise vergleichen kann oder will.

Rum am Freitag – Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition 6 / 62

Das Madeira Rum Festival kommt gefühlt viel zu langsam näher, das Gefühl, das ich hier habe, kennt wahrscheinlich jeder, der auch die sich wie Gummi ziehenden Tage vor einem besonderen Ereignis zählt. Was tut man in der Wartezeit bis zum 14. April, wenn es in Funchal endlich losgeht? Man holt Samples aus dem Keller, um sich weiter an den Rum aus Madeira heranzutasten. Vor wenigen Tagen hatte ich schon über ein paar Rums von dort berichtet, heute kommen nochmal zwei Single Casks von der Insel aufs Tablett. Die Brennerei Engenhos do Norte hat eine ganze Reihe von Einzelfassabfüllungen im Angebot, unter dem Namen Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition, und daraus präsentiere ich heute die No. 6 und die No. 62. Erneut, wie schon in dem oben verlinkten Artikel, handelt es sich dabei um eine Flaschenteilung, von der ich mir je 10cl schnappen konnte.


Den Anfang macht der Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition Cask No. 6. Gebrannt wurde der Rum 2006, und lag dann bis 2017 in Fässern aus französischer Eiche. Nur 159 Liter waren das, die nach der Abfüllung dann 227 Flaschen ergaben, ohne Verdünnung in Fassstärke von 53,3% Alkoholgehalt.

Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition 6

Farblich dunkelbraun, mit Tendenz zu Pariser Rot. Sehr dunkel für einen natürlich gereiften Rum dieses Alters. Im Glas ist etwas Schwere beim Schwenken erkennbar, aber nicht wirklich ölig. Die Beine laufen schnell ab. Geruchlich sehr interessant – erinnert mich eigentlich mehr an einen Brandy, als an einen Rum. Da ist etwas feuchter Keller, Kardamom, viel Vanille, etwas dunkle Fruchtigkeit nach Pflaumen und getrockneten Goji-Beeren, Banane und Aprikose. Der Rum wirkt sehr komplex in der Nase, man entdeckt ständig etwas neues. Richtig süß im Antrunk, fast schon unnatürlich süß – das verändert sich aber sehr schnell. Der Rum wird im Verlauf immer trockener, bis zum Abgang, wo er fast staubt – daher gehe ich von keiner Süßung aus. Sehr breit, mit gleichzeitig schöner Tiefe, etwas Rancio, viel Schwefel, sehr viel Holz und Vanille und einer milden holzigen Bitterkeit, die ich mag. Da kommt ein gewisses Feuer gegen Ende auf, eine dunkle Würzigkeit, etwas Salz und eine interessante Säure. Der Abgang ist sehr brombeerig, das Merkmal, das ich völlig mit Rum von Madeira verbinde – in allen Produkten von dieser Insel habe ich das bisher sehr deutlich gefunden. Aromatisch lang, sehr angenehm warm, immer beerig bleibend, angenehm am Gaumen haftend, wieder zur Süße hin tendierend, immer noch leicht schwefelig. Ganz zum Schluss kommt der feuchte Keller noch mal hoch.

Wirklich, das gefällt mir sehr. Die Beerigkeit dominiert das Geschmackserlebnis etwas zu extrem für meinen Geschmack, aber außerhalb davon ist in diesem Rum sehr viel zu entdecken, er ist charaktervoll, aromatisch und interessant. Mehr kann man nicht wollen.


Was mag der Unterschied sein zum zweiten Sample, das wir heute probieren, dem Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition Cask No. 62? Die Produktion ist vergleichbar, gebrannt 2007 und abgefüllt 2016, also zwei Jahre weniger Lagerung. 221 Flaschen kommen aus dem Fass, ebenso in Fassstärke, diesmal sind dies 59,2% Alkoholgehalt.

Engenhos do Norte Rum Agricola da Madeira 970 Single Cask Edition 62

Farblich sehe ich kaum einen Unterschied, auch hier ist die dunkle, rotbraune Farbe, die ich nicht mit einem 9-jährigen Rum assoziiere. Etwas Schweres hat er an sich, bewegt sich zwar mühelos, aber mit einer Eleganz im Glas. Der Geruch ist fruchtiger, milder, mehr nach Birne, Kirsche und prägnant nach Eukalyptus. Holzleim und Holzspäne, wie in einer Schreinerei riecht es. Überraschend und dadurch allein schon angenehm – aber auch die Aromen wissen zu gefallen. Auch hier im Antrunk die Süße, sie kippt nicht ganz so stark ins Ultratrockene, aber auch hier ist dieser Effekt da. Menthol, Eukalyptus, der Alkohol ist deutlicher spür- und schmeckbar. Erinnert mich sehr viel mehr an karibischen Rum (Barbados vielleicht?) als der Cask 6. Starke Säure, starke Süße, Tiefe und Breite – hier ist von allem sehr viel da, da muss man schon schlucken ob dieser Gewalt. Sehr hauchig im Abgang, fruchtig, dabei aber nicht ganz so beerig wie der Vorgänger. Extrem lang, also so richtig richtig richtig lang, sehr kräftig, sehr voluminös. Ein Rum wie eine Granate, stark, explosiv, vielleicht für den einen oder anderen schon zu wuchtig.

Wer das Beerige an Madeira-Rum nicht mag, sollte hier mal probieren – dieser Rum ist deutlich unterschiedlich zum anderen, viel konventioneller, dafür aber auch kräftiger, wuchtiger und noch aromatischer. Was man vorzieht – das ist wahrscheinlich persönlicher Geschmack. Ich für meinen Teil mag den Cask 62 vielleicht einen Ticken mehr.


Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier zwei so unterschiedliche Rums im Glas haben würde. Umso erfreuter bin ich – das zeigt, dass hier keine Dauerwurst ohne Abwechslung gekocht wird, sondern ein Produkt, das sich mit jedem Fass wandelt, und das nicht zu knapp. Ausgesprochen tolle Rums, ich will sie wirklich jedem ans Herz legen; ungewöhnlich, ohne spinnert zu sein, toll ausgearbeitet, zum richtigen Zeitpunkt abgefüllt: das sind Rums, an die man sich erinnert.

Epische Agavenkraft – Cachasol Tequila Blanco Epic Strength

Mexiko hat eine Klassifikation für seinen Tourismus eingeführt, der besonders sehenswürdige Orte auszeichnet – „pueblo mágico“ nennt sich das, die Orte Tequila und Mascota, die sich so nennen dürfen, habe ich schon besucht, vielleicht kommen im Laufe der folgenden Jahre noch der eine oder andere Ort dazu. Der Bundesstaat Nayarit hat auch pueblos mágicos, einer davon ist Sayulita, ein klassischer Badeort am Pazifik, soweit war ich damals gar nicht davon entfernt, als ich in Puerto Vallarta zu Besuch war. Wie komme ich darauf? Als ich mir die Flasche Cachasol Tequila Blanco Epic Strength ein bisschen genauer anschaute, stellte ich fest, dass der Ort oben auf dem Etikett erwähnt wird, und auf dem kleinen Rücketikett steht, dass dieser Tequila eben Sayulita gewidmet ist, seiner lebendigen Energie, und die Marke Cachasol hat dort eben auch ihren Sitz, zusammen mit einem Besucherzentrum.

Nayarit? Ja, tatsächlich ist Nayarit ein mexikanischer Bundesstaat, in dem offiziell Tequila hergestellt werden darf (Jalisco ist natürlich bei weitem der größte Produzent, Guanajuato und Tamaulipas gehören auch dazu). Der Tequila selbst wird allerdings im Auftrag bei NOM1522, der Hacienda de Oro in Jalisco gebrannt, die Agaven für den Cachasol stammen aber immerhin aus Nayarit, und den Master Tequilero, der für die Herstellung verantwortlich ist, kenne ich verrückterweise sogar persönlich – es ist der sehr rührige und aktive Jimmy Villalobos Sauza, der Name deutet schon an, dass Tradition hinter seiner Arbeit steht, in 5. Generation macht die Familie Sauza Tequila, er hat aber nichts mit dem Tequila, der aktuell unter diesem Namen vermarktet wird, zu tun, sondern macht sein eigenes Ding. Noch etwas Besonderes findet man im Cachasol – es wird eine Bierhefe eingesetzt, genauer gesagt eine, die normalerweise für ein IPA verwendet wird. Aktuell wird er wohl nur in Mexiko selbst verkauft, ich habe meine Flasche als persönliches Geschenk von Jimmy von unserer gemeinsamen Reise während Spirits Selection by CMB 2025 in Jalisco mitgebracht. Hat es sich gelohnt, die schwere Flasche nach Deutschland zu schleppen?

Cachasol Tequila Blanco Epic Strength

Man merkt vielleicht, in letzter Zeit gebe ich die Stieltulpengläser öfters auf, um eine Spirituose aus einem meiner Meinung nach schöneren Gefäß zu trinken – heute ist es wieder mal ein Caballito aus Glas, mit einer in den Boden eingelassenen Agave. Das runde, schwere Glas liegt echt gut in der Hand und ich liebe es. Der Cachasol ist darin auch gut aufgehoben, dass er kristallklar und schwer ölig ist, sieht man darin auch gut.

Oh, die Nase fühlt sich mindestens genauso gut an. Ich habe immer wieder Tequilas vor mir, bei denen ich die Inspiration suchen muss, hier springt sich mich regelrecht an. Das ist eine fette, mineralische, maritime Agave, saftig, dunkelgrün, hocharomatisch, mit schwervegetabilen Anklängen von Chipotle und frischer Poblano. Darunter liegt eine gewisse Fleischigkeit, irgendwo zwischen rotem Rind und Carne Seca, und eine tiefdunkle Erdigkeit mit sowohl Dschungel als auch feuchtem Keller als Assoziation. Man riecht die besondere Hefe heraus, sie ist aromatisch noch vorhanden. Ein Touch von pfeffriger Spearmint und etwas Menthol ist da, wenn man tiefer schnuppert. Unterhaltsam und einfach toll.

Cachasol Tequila Blanco Epic Strength Glas

Süß und weich, mit viel Breite von Anfang an, landet er dann im Mund. Erstmal hält sich der Cachasol zurück, liefert Geschmack wie gerochen, eine herausragend gute Abbildung der gekochten Agave, mit leichten Karamellanklängen, aber immer noch dediziert grün im Bild. Wirklich ölig, angenehm sich im Mund bewegend, eine grandiose und evolvierende Struktur, weil sich im Verlauf wirklich ordentlich Power aufbaut, die Süße durch mineralische Trockenheit ablöst, und grüne Serrano-Chilis und weißer Pfeffer den Gaumen zum Glühen bringen. Dann spürt man auch die ausgeprägte Salzigkeit, die zusammen mit eintretenden Umami-Effekten das Volumen im Mund noch verstärkt. Knackige Bittere leitet dann den langen Abgang ein, der heiß auf der Zunge und warm im Rachen wirklich Ausdauer und Durchsetzungsvermögen hat, sicher auch dem erhöhten Alkoholgehalt geschuldet, aber im Grunde durch Würze und Aromatik definiert. Der Nachhall ist lang, grün, ganz am Ende etwas hefig, davor erneut mit verschiedenen Chili-Sorten versehen, und mit ganz vorsichtiger Jasmin-Floralität ergänzt.

Das Ding hat Kraft, Dichte, Volumen und Aromatik, wie ich sie liebe, nichts zum Nachdenken und kein eleganter Gentleman, sondern ein braungebrannter, schwitzender Barkeeper, der dir in einer kleinen Strandbar in Sayulita mit einer Hand die überschwappende Flasche und zwei klirrende Veladoras auf den Holztisch knallt. Ein herausragender Tequila, der mir alles das gibt, was ich von dieser Kategorie erwünsche, leider viel zu selten bekomme. Jeder Tequilafreund sollte versuchen, sich eine Flasche davon zu organisieren, egal was man dafür bezahlt, es ist es wert.


Wenn man diese Urgewalt in ein Cocktailrezept gießt, muss man sich keine Gedanken um die anderen Zutaten machen, das steht fest. Das einzige, was dann in so etwas wie dem Camarón Cocktail noch etwas zusätzliche Spannung bringen kann, ist eine gleiche Menge Mezcal, gerne aber eher rauchreduziert. Eine Aromabombe, dank des Orgeats auch mit schöner, cremiger Textur versehen, die die Kraft des Cachasols wunderbar auffängt und abrundet.

Camarón Cocktail

Camarón Cocktail
1oz / 30ml Tequila blanco
1oz / 30ml Mezcal joven
¾oz / 23ml Limettensaft
½oz / 15ml Orgeat
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Robert Simonson]


Die Flasche ist extrem schwer, aus dickem Glas, bei dem man die Einschlüsse sieht, die einer Recyclingherstellung entstammen. Das Etikett ist sehr sommerlich-urlaubig gestaltet, mit einem netten, schwungvollen Schriftzug, atmosphärisch und 50er-Jahre-Retro insgesamt, und trotzdem mit ein paar Details versehen, die ich von modernen Abfüllungen erwarte.

Es ist auch genug Platz darauf, um eine Widmung des bereits oben erwähnten Master Distillers, der für diesen Tequila mitverantwortlich ist, unterzubringen – ich bin sehr stolz, Jimmy Villalobos Sauza so kennengelernt zu haben, dass er mich als „amigo“ bezeichnet. Ich gebe das Kompliment gern zurück und hoffe, dass ihm der Dirker-Kümmelbrand, den ich ihm als Gegengeschenk gegeben hatte, auch nur ansatzweise so schmeckt, wie mir sein Tequila. Da treffen zwei große Meister aufeinander, und ich fühle mich demütig dazwischen platziert; das fühlt sich trotzdem gut an, so im Schatten.

Bier am Freitag – Zum Wøl Brauart Onsen Spiced Infused Red Double Rice IPA

Bei diesem Bier hat ganz klar die Gestaltung des Etiketts den Kaufimpuls gegeben – die japanischen Affen, die im heißen Wasser sitzen, sind mir so sympathisch, ich liebe heißes Badewasser mehr als alles andere. In Japan nennt man solche heißen Quellen Onsen, und sie sind ein traditioneller Ort der Entspannung dort, sowohl für Menschen als auch für Affen. Die Quellen gaben dem Zum Wøl Brauart Onsen Spiced Infused Red Double Rice IPA ihren Namen, das ist nicht nur rein willkürlich gewählt, man will damit vielleicht auf die Reisflocken als Zutat anspielen und so einen asiatischen Klang erzeugen. Neben dem Reis findet man in dem auf 7% Alkoholgehalt eingestellten Bier noch Haferflocken, die Hopfensorten Cashmir, Saphir, Pacific Jade und Talus – und, wie schon im Namen ebenso deklariert ist, Gewürze, genauer gesagt Zimt, Piment, Muskat, Ingwer und Kardamom. Also gibt es viel zu entdecken, oder? Ich hatte vor einer Weile das Zum Wøl Brauart Du Geila aus derselben Brauerei sehr positiv besprochen, kann das Onsen da mithalten?

Zum Wøl Brauart Onsen Spiced Infused Red Double Rice IPA

Rot ist das Bier, ein dunkles Rostrot, mit vielen winzigen Partikeln, die im Bier stehen und mit für die starke, aber nicht blickdichte Trübung sorgen. Man erkennt keine Perlage. Der kontrastreich gefärbte Schaum ist fluffig-cremig und feinstblasig, initial sehr dick, später sackt er immer mehr zusammen, bleibt aber flächendeckend lange erhalten.

Das Aroma des Zum Wøl Onsen springt einen in der Nase direkt an, ungewöhnlich, exotisch, und irgendwie passend zum fetten optischen Eindruck. Da sind überreife Früchte, viel matschige Mango und fast verrottender Pfirsich, die mit einem ordentlich Satz an Gewürzen aromatisiert wurden. Da ist deutlich Zimt und Sternanis, aber auch Nelken und Kardamom. Dazu kommt eine klar stallige Note, dunkel und erdig. Die drei Aspekte kombinieren sich richtig gut, erzeugen ein richtig volles, schweraromatisches Bouquet, das mich fasziniert.

Im Mund setzt sich diese durchgängige Erwartung fort, eine sehr cremige, dicke und voluminöse Textur, die sich am Gaumen ausbreitet und durchaus kauig und lutschig wirkt. Malz und Gewürze drängen sich initial nach vorn, schnell gefolgt von fruchtigherbem Hopfen, der auch eine sich immer stärker entwickelnde Bittere mitbringt. Auch hier gilt – alle Aspekte sind perfekt ineinander verwoben, Säure und Süße, Bittere und Frische, helle und dunkle Töne. Der Abgang ist lang, sehr fruchtig, am Zäpfchen im Rachen kitzelnd, die ganzen Aromen aufsammelnd und nochmal präsentierend.

Großartig, überschwellend, ungebremst, kraftvoll und dicht. Das Onsen Spiced Infused Red Double Rice IPA ist ein richtig starkes Bier, an dem man viel hat und das mir richtig, richtig viel Spaß macht.

Nett hier, aber hatten Sie schonmal Rum aus Baden-Württemberg? Ramero Rum Terra Blanc

Es gibt Momente, in denen man spürt, dass sich etwas verändert. Es ist ein seltsames Gefühl, das sich unangenehm wie auch angenehm äußern kann, in kleinem und großem Maßstab. Ich bin mir im Moment noch nicht sicher über meine Gefühlslage, wenn ich über den Ramero Rum Terra Blanc der Heimat Distillers aus der Nähe von Heilbronn schreibe. Denn hier geht es nicht nur um ein Produkt, das ich verkosten will, sondern darum, an einer sehr besonderen Geschichte teilzuhaben. Der Rum, über den ich heute schreibe, ist der erste seiner Art. Das Basismaterial für ihn ist Zuckerrohrsaft, das aus Zuckerrohr gepresst wurde, das 2025 geerntet wurde. Bei Heilbronn. Also dem Heilbronn in Baden-Württemberg, nicht dem in Südafrika. Und um noch deutlicher zu werden, das Zuckerrohr ist nicht geerntet irgendwo in der Welt und dann gepresst in Baden-Württemberg, sondern dort angebaut. Nein, ich bin mir doch sicher, wie sich das anfühlt – angenehm und großmaßstabig.

Wie geht das? Einerseits ist das natürlich dem Klimawandel zuzuschreiben, in einem Interview vor einer Weile mit Florian Faude, der am Kaiserstuhl sein Obst anbaut, wurde mir schon deutlich, dass heute viel möglich ist, was vor 20 Jahren undenkbar war; Rouven Richter, Marcel Eßlinger und Raphael Heiche, die Köpfe und Hände hinter Heimat Distillers, bringen nun noch den Pioniergeist mit, den es braucht für so einen Versuch, und die Unterstützung der Universität Hohenheim. Das Zuckerrohr wird in zwei Szenarien gezogen – eine Hang-Weinberglage, bei der man natürlich die alte Winzererfahrung und das für Weltniveau-Weine geeignete Terroir nutzen kann. Dazu kommen Gewächshäuser in Tunnelform, die helfen, Temperaturschwankungen zu vermeiden und dem Zuckerrohr eine durchgängig konstant Umgebung zu bieten. Keine Hexerei, wie man sieht – es musste aber halt jemand mal die Energie und Ausdauer aufbringen dafür. Man könnte natürlich noch viel Theoretisches schreiben über so einen Versuch, doch mein unbremsbarer Impuls geht ohne Frage erstmal dahin, mir einen Schluck aus der auf 500 Flaschen limitierten Abfüllung einzugießen und herauszufinden, wie das schmecken mag.

Ramero Rum Terra Blanc

Die Flüssigkeit ist vollkommen transparent und ohne jeden Einschluss, und erkennbar viskos, durchaus schon ölig, bleibt aber lebendig. Beim Drehen des Glases bildet sich eine breite Kante, die einen Film speist. Ultradicke Tropfen bilden sich daraus, die sehr träge ablaufen, hin und wieder fast stehenbleiben zu scheinen.

Ich gehe hier bewusst ohne Erwartungen in die Verkostung und halte die Nase gespannt ans Glas, aber eigentlich hat man die ersten Düfte schon beim Eingießen weit übers Glas hinaus im Riechkolben. Erstmal nehme ich ganz viel Minze wahr, frisch zwischen den Fingern zerdrückt, die Spitzen werden durch ein tieferes Mandelaroma ausgeglichen. Eine anisartige Seite erscheint, aber vorsichtig, vielleicht doch eher Fenchel. Kamille ist sehr präsent, mit einem herberen Beiton von Beifuß, diese Eindrücke bilden einen herbalen, grasigen Aspekt, der sich sehr fein mit einem ausgeprägten Zuckerrohrsaft-Aroma kombiniert. Frucht entsteht auch aus letzterem, unreife Guave, Mango und Aprikose. Ein alkoholischer Hauch schwebt über dem ganzen, aber nie stechend oder auch nur pieksend, mehr etwas erwachsene Komplexität unterstützend.

Ramero Rum Terra Blanc Glas

Mag man in manchen Momenten bei der Geruchsprobe noch denken, ja, das erinnert schon sehr stark an einen rhum agricole aus der französischen Karibik, so ist dieser Eindruck beim Geschmack fast komplett weggewischt. Sofort erkennt man, dass der Terra Blanc etwas komplett eigenständiges, anderes, ist. Erstmal finde ich ausgeprägte Pfefferaromen und Pfefferwürze, eine exotische Varietät, vielleicht Kampotpfeffer. Etwas medizinal erscheint der Rum, Noten von Wachs und Harz gefallen durch ihre Ungewohntheit. Ausgesprochen salzig ist er, dies bildet die Basis für die große Textur, ölig, kauig, fett, das liegt extrem breit und tief im Mund, und erzeugt trotz der fehlenden Fassreifung einen sehr reifen und ausgewogenen Eindruck. Estragon und Minztee greifen Noten aus dem Duft auf, und die Kamille drängt sich ganz stark nach vorne, und bleibt auch im Nachklang lange erhalten. Eine kräftige, aber würzige Süße wie die von weißem Kandis begleitet uns, im Abgang übernimmt dann eine wilde Bittere, zusammen mit weicher, gesüßter Lakritz, wie die von Haribo-Schnecken.

Es ist beim Ramero Rum Terra Blanc wirklich nicht nur eine Marketing-Idee oder ein Gimmick – dieser Rum hat ein eigenständiges Profil, das ihn echt klar von allen anderen Zuckerrohrsaft-Rums, die ich kenne, abgrenzt. Und gleichzeitig ist eine Qualität in ihm spürbar, die ihn über manche Konkurrenz hinaushebt. Ein ganz besonderes Erlebnis, und zwar nicht nur aus der Besonderheit der Herstellung heraus, sondern intrinsisch. Davon können sich manche Brenner in traditionellen Gebieten was abschauen.


Es ist bestimmt spannend, den Terra Blanc in einem Rezept einzusetzen, das nach rhum agricole verlangt; rein um zu sehen, wie sich das veränderte Profil darstellt. Ich wähle den The Isle of Pure Imagination, weil ich mir vorstellen kann, dass der Rum gerade in Tiki-Drinks besonders zum Leuchten kommt. Und ich habe mich nicht getäuscht, selbst in einem so vielzutatigen Rezept zeigt er seine Identität. Deutsches Tiki? Vielleicht eine Marktlücke.

The Isle of Pure Imagination Cocktail

The Isle of Pure Imagination
1oz / 30ml ungereifter Rhum agricole
1oz / 30ml Kokosnusslikör
½oz / 15ml gereifter Jamaica-Rum
¾oz / 23ml Orgeat
¾oz / 23ml Limettensaft
¾oz / 23ml Ananassaft
5 Spritzer Chocolate Bitters
Auf crushed ice shaken, mit crushed ice auffüllen.
Mit ein paar Spritzern Peychaud’s Bitters toppen.

[Rezept nach Brian Maxwell]


Eine flache, aber schwungvoll gestaltete, individuelle Flasche passt zur Idee des Rums, ein Kunststoffkorken verschließt sie. Das Etikett zeigt, seltsamerweise, eben nicht die Heimat, aus der der Rum stammt, sondern Palmen und eine Plantage mit Hochnebel und einem roten Riesenmond; das sieht eher nach der klassischen Rumumgebung aus, vielleicht überlegt man sich für einen zweiten Batch eine Illustration, die süddeutscher wirkt.

Ramero Rum Sample 2025

Zusätzlich zu der Flasche hatten mir Heimat Distillers lange davor ein Sample eines Vorabbatches aus dem Februar 2025 geschickt, das einen anderen Alkoholgehalt aufweist, aber auch schon mit dem deutschen Zuckerrohr gebrannt ist.

Die Nase ist dort etwas anders, noch etwas erdiger, mit einer leicht blumigen Beinote, dafür erkennbar weniger aromatisch. Auch geschmacklich ist ein Unterschied spürbar, das Februar-Sample ist ebenso erdiger, hat dazu eine gewisse Seifigkeit bei sich; der Alkohol wirkt härter und schärfer, der Nachklang kürzer. Im Direktvergleich spürt man sofort, dass man sich bei Heimat Distillers diesbezüglich zum Endprodukt noch wirklich weiterentwickelt hat, der fertige Terra Blanc ist ein viel runderes, effektiveres, in toto einfach besseres Produkt. Es ist trotzdem spannend, die Wurzeln dieses Rums nachzuverfolgen, und wie hier eine wirkliche Evolution stattgefunden hat, der Terra Blanc ist ganz offensichtlich nicht einfach so perfekt aus der Distille gelaufen, man hat daran gewerkelt.


Ich weiß nicht, warum die Veröffentlichung dieses Rums nicht riesige Wellen weltweit geschlagen hat; für mich läutet er eine Zeitenwende ein. Wir reden hier nicht mehr nur über das Handwerk des Rumbrennens, dass auch hierzulande aus importiertem Material qualitativ gute Rums gemacht werden können. Nein, hier ist eine Veränderung schon viel früher und tiefgreifender erfolgt – nicht einfach nur ein neuer Brand ist nun hierzulande verfügbar, sondern ein komplett neues Basismaterial. Man könnte auch sagen: mit dem Rum Ramero Terra Blanc ist Rum zum ersten Mal tatsächlich und vollständig in Deutschland angekommen. Die Tragweite sollte man nicht unterschätzen.

P.S. Wer die aktuelle Ernte 2025 verpasst hat, kann die 2026er-Ausgabe schonmal vorbestellen!

Bier am Freitag – Horizont Brewing Night Shift Peanut Butter Jelly Imperial Pastry Stout Aged in Pedro Ximénez Sherry Barrels Vintage 2025

Ich bin mir nicht 100%ig sicher, aber es ist definitiv ein Kandidat für den längsten Namen eines Produkts, das ich auf meinem Blog bespreche: das aus Budapest in Ungarn stammende Horizont Brewing Night Shift Peanut Butter Jelly Imperial Pastry Stout Aged in Pedro Ximénez Sherry Barrels Vintage 2025. So, erstmal Luft holen, die Zutatenliste ist schließlich auch nicht kurz und will bei so einem Produkt durchaus gelesen und verstanden werden. Wasser, Gerstenmalz, Laktose, Weizenmalz, Roggenmalz, Erdnussbutterpulver, Hopfen und Hefe. Ungewöhnlichst dabei ist natürlich das Erdnussbutterpulver – aber die Idee dieses Biers ist es schließlich, ein Erdnussbutter-Marmelade-Sandwich abzubilden. Die Erdnuss kommt aus eben diesem Pulver, das beim Brauprozess verwendet wird, die Marmelade aus der mindestens 6 Monate dauernden Reifung im frischgeleerten PX-Sherry-Fass, dazu kommen noch 2 Monate je in Edelstahltanks vorher und in den Flaschen danach. Ungefiltert, 11,1% Alkoholgehalt, mir reicht es aber nun an trockenen Fakten, ich will das Bier probieren.

Horizont Brewing Night Shift Peanut Butter Jelly Imperial Pastry Stout Aged in Pedro Ximénez Sherry Barrels Vintage 2025

Man merkt schon beim Ziehen des Kronkorkens, dass da kein Dampf in der Flasche ist; beim Eingießen bildet sich auch ausschließlich an der Glaswand kurz eine dünne Linie cremafarbener Schaum, der dort bleibt, während auf der Oberfläche des Biers nur ganz dünne Flauminseln entstehen. Das Bier selbst ist komplett blickdicht, mahagonischwarz, und färbt das Glas kurz braun ein, man ahnt schon, dass hier was schwereres vor uns steht.

Die Nase ist dann wirklich so bunt, wie der Name es andeutet. Erstmal findet man Karamell, dann direkt danach Espresso; dann Kirmessahne und Marshmallows. Bitterschokolade wird gefolgt von Anflügen von Erdnuss, türkischer Honig, Nougat und reife Banane kommen dazu. Etwas Kirsche rieche ich, Pflaume auch, bevor wieder ein nussigerer Aspekt übernimmt, buttrige Macadamia vielleicht. Gerade letzteres nimmt immer mehr zu, ein cremig-sahniger Aspekt ist dominierend. Huiuiui, da gibt es soviel zu entdecken, ein derart vielgestaltiges Bier hatte ich bisher nur sehr selten im Glas.

Horizont Brewing Night Shift Peanut Butter Jelly Imperial Pastry Stout Aged in Pedro Ximénez Sherry Barrels Vintage 2025 Karton

Die Textur ist fett, breit, dunkel und voll, hat aber auch direkt eine säurelastige Kante in sich, die das ganze aus der Schwere hebt. Das Bier ist kauig, aber mit einer herben Trockenheit versehen, ich mag die Spannung, die daraus entsteht; und auch wenn man zu Beginn keine Perlage oder Schaum bekommt, ist da richtig viel Frische und Prickeln drin. Die Aromen normalisieren sich etwas, die für diesen Stil klassischen Kakao-, Kaffee- und Röstaromen übernehmen nun deutlicher, eine knackige Bittere verdrängt die Süße des Antrunks, und die ganzen bunten Eindrücke von Erdnuss, Pflaume, Butter und Karamell findet man eher im Untergrund – etwas, was mir sehr gefällt und dann doch für Komplexität und nicht nur Wildheit sorgt. Die Frucht zeigt sich, wenn man einen Schluck länger im Mund lässt, ein sehr schöner Effekt, da spürt man dann auch den Alkohol auf kitzelnde Weise. Der Abgang schließlich ist lang, bitter, röstig.

Dies ist für mich wirklich ein Meisterwerk, das gekonnt auf der Rasierklinge zwischen Verrücktheit und Stilsicherheit tanzt, wirklich viel zu entdecken bietet und dabei nicht vogelwild wird. Ein Genuss, dem ich jedem Bierfreund allerwärmstens ans Herz legen will; für mich sicher eines der interessantesten Biere, die ich in meiner Bierkarriere getrunken habe, und eins, mit dem man gut eine halbe Stunde verbringen kann.

Grüner Genuss – Suntory Kanáde Matcha

Über die letzten Jahre haben die Leser meines Blogs sicher miterlebt, dass man nicht unbedingt in ferne Länder schweifen muss, um exotische Spirituosen zu finden; da reicht hin und wieder der Blick um die Ecke. Dennoch ist es eine der schönsten, luxuriösesten Seiten dieses Hobbys, dass man sozusagen als Armchair Explorer die Welt in einem einzelnen Glas umreisen kann, ganz ohne den Stress der tatsächlichen Reise, die exotischen Düfte und Geschmäcker genießend, schwelgend in der geheimnisvollen Kultur des Orients. Ach, ich merke, ich exotisiere und romantisiere, aber es fällt auch leicht, wenn man was Gutes im Glas hat – wie den Suntory Kanáde Matcha, der den ganz unbescheidenen Untertitel „The Japanese Craft Liqueur“ trägt.

Es handelt sich dabei um einen Likör aus der Yamazaki-Destillerie in Osaka, der mit hochwertigem steingemahlenem Matcha hergestellt wird, dazu mit Gyokuro-Teeblättern aus Uji in der Region von Kyoto. Beide werden in Alkohol mazeriert und dadurch die natürlichen Aromen aus dem Tee extrahiert, das ganze dann nochmals destilliert und zu einem Likör mit 25% Alkoholgehalt verarbeitet. Der Name deutet auf das Selbstverständnis hin – keine belanglose Massenware, sondern ein Kunstwerk ist intendiert. 奏でる (kanaderu) ist die Tätigkeit, ein Musikinstrument zu spielen, und wird seit den 70er Jahren auch als Name in Japan verwendet, sowohl für Mädchen als auch für Jungen. Lassen wir mal den Likör erklingen, im Verkostungsglas, und schauen, ob uns die Melodie gefällt.

Suntory Kanade Matcha

Farblich sieht er erstmal komplett schwarz und blickdicht aus. Nur an den Rändern sieht man eine kräftige, moosgrüne Farbe aufblitzen, die deutlicher wird, wenn man das Glas ein bisschen dreht. Bei einem Likör erwarte ich eine gewisse Viskosität, und ich finde sie hier auch ohne suchen zu müssen; der entstehende Film färbt die Glaswand für einen Sekundenbruchteil auch grün.

Die Nase des Kanáde Matcha fühlt sich ähnlich dunkel an wie der optische Eindruck. Schnell riecht man den grünen Tee, sehr aromatisch ausgeprägt und dicht, leichte Beinoten von Heu, Kandis und ein bisschen balsamischem, grünem Aromaholz. Sehr frisch, trotz all der Dunkelheit, mit einem Hauch von Bergamotte und Brombeere. Nicht extrem intensiv, aber charaktervoll und besonders, etwas, an dem man gerne schnuppert.

Die Textur ist sehr angenehm, voll und breit, getragen von sehr schwerer, aber nicht klebriger Süße. Das initiale Mundgefühl gefällt mir sehr, es wirkt ausfüllend und dicht, und bleibt am Gaumen haften bis lange nach dem Abgang. Der erste Eindruck ist der von braunem Kandiszucker, langsam entwickelt sich der Tee, süß und grün, und dieser Verlauf geht immer weiter, bis zum Nachhall, in dem die heuige Seite mit klar ausgeprägtem Grüntee voll und prächtig lange dasteht. Eine milde Pikanz kommt dazu, die die Zunge ganz vorsichtig ankribbelt, und die Süße wird gegen Ende immer mehr durch effektive Bittere und einen Hauch von ausgleichender Säure begleitet. Ein wirklich schönes Geschmackserlebnis, bei dem Tee immer mehr aufblüht; die Melodie ist wirklich schön.

Liköre haben oft das Problem, dass die Süße alles plattmacht und Aromen oberflächlich gehalten werden, ohne Tiefe zu entwickeln und schnell wieder abbauen. Beim Kanáde Matcha ist das anders, sogar gegenteilig, der entwickelt sich im Verlauf und wird immer schöner. Ein ausgesprochen eleganter und unterhaltsamer Likör!


Ich hatte mich im Herbst mit meiner Freundin Amy Bartholomeusz aus Australien unterhalten, die dort mit ihrer Firma The Kokoro World japanische Spirituosen importiert und vertreibt, und wir kamen auf das Thema Matcha-Liköre. Sie erzählte mir, dass gerade ein Sturm über Melbourne hinwegfegt, und da packte mich die Inspiration zum Melbourne Thunderstorm. Kein komplexes Rezept, aber so unerwartet schmackhaft, dass ich mich nicht schäme, es hier als Referenzmixtur für den Suntory Kanade Matcha zu offerieren.

Melbourne Thunderstorm Cocktail

Melbourne Thunderstorm
½oz / 15ml Matcha-Likör
1oz / 30ml Dry Gin
2oz / 60ml Tonic Water
Auf Eis bauen.
[Rezept nach Helmut Barro]


Hervorragend gefällt mir natürlich die Produktpräsentation, die in einem unnachahmlich japanischen Stil gleichzeitig dezent und opulent wirkt, mit dem Shippo-Muster mit den sich überlagernden Kreisen und dem Etikett aus Washi-Papier. Man schaut die Flasche einfach gern an, und die Materialien gefallen in Gestaltung und Qualität, bis hin zum Plastikschraubverschluss, der praktisch ist und nicht nach unten ausbricht, was den optischen Eindruck angeht.

Der Bedarf für Matcha-Likör ist gewiss in jeder Hausbar eher übersichtlich, das gebe ich gerne zu – doch sieht man sich den Suntory Kanade einfach unter dem Aspekt der Produktqualität und der Schmackhaftigkeit an, und weniger unter dem Aspekt der Exotik der Basismaterialien und der Präsentation, so passt der eigentlich zu jedem. Wer etwas Besonderes zuhause haben will, das aber nicht nur rumstehen sondern tatsächlich gern getrunken werden wird, ist hier richtig.

Armagnac am Freitag – Grape of the Art Castarède 1986 Armagnac

Die Entdeckungsreise durch Armagnac geht weiter. Nach vielen neuen Abenteuern kommen wir heute mal wieder zu einem Bekannten zurück, denn über einen Brand aus dem Hause Castarède hatte ich ja schonmal berichtet. Beim dort beschriebenen XO handelte es sich um einen Blend, mit dem Grape of the Art Castarède 1986 Armagnac stelle ich im Gegensatz dazu einen Single-Cask-Jahrgangsarmagnac vor; dies bildet die beiden Extreme der Herstellung gut ab. In der Region Armagnac Ténarèze wachsen die Trauben der Rebsorten Ugni Blanc und Colombard, die 1986 eingesetzt wurden, um ein Destillat zu brennen, das dann 36 Jahre in Fass #B10 lag, bis es im Februar 2024 in Cask Strength mit 53,4% Alkoholgehalt in 246 Flaschen abgefüllt wurde, und nun als Sample für meine Leser verkostet wird.

Grape of the Art Castarède 1986 Armagnac

Archetypisch ist jedenfalls schonmal die Farbe, das ganz klassische orange-terracotta-bernstein-Gemisch. Im Glas schwenkt sich der Armagnac lebendig und fröhlich, es bleibt ein durchgängiger Film an der Glaswand, der ein breiten Flächen abläuft und sich erst spät in Beinchen aufspaltet.

Sehr angenehm und breit entwickelt sich die Nase des Castarède 1986, auch hier nichts Überraschendes, nicht, dass ich das wollte; manchmal ist es ein größerer Genuss, etwas Bekanntes wiederzufinden, als immer neue Eindrücke verarbeiten zu müssen. Rosinige Fruchtigkeit, süß und schwer, verbunden mit dem milden, eleganten Holz einer zum idealen Zeitpunkt unterbrochenen Fassreifung. Dezente Anflüge von Zimt und Sternanis, ein Hauch Piment. Nicht wahnsinnig komplex, aber effektiv, rund, sauber strukturiert und einfach nur fein schnupperbar.

Und auch im Mund setzt sich diese Reise fort, der Antrunk ist natürlich süß, leicht melassig und rosinig, zu diesem Zeitpunkt noch leichtkörperig, aber bereits hier mit dichter Textur versehen, die sich am Gaumen schnell ausbreitet und ihn fett belegt. Vanille, Karamell, Toffee, ein rundes und klassisches Geschmacksbild, das im Verlauf strukturell immer trockener und feuriger wird und so die Volte aus der Gemütlichkeit macht. Der Abgang ist heiß, sehr würzig, nun deutlicher holzig, mit einem leicht blumigen Nachhall, bei dem sich leichte Astringenz zeigt.

Ich habe das Wort „klassisch“ oft verwendet in diesem Artikel, und das ist der Castarède 1986 einfach. Für mich wäre dieser Brand die Definition eines Armagnacs, ein Beispiel für die Kategorie, etwas, das man als Lehrbeispiel bei einer Spirituosenschulung präsentieren kann.

Offenlegung: Ich danke Wet Drams für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Samples.

Drei grüne Agaven – Læpoca Mezcal Premium Tasting-Set

Es gibt sie ja immer wieder, die Artikel, die groß ankündigen, was das „Next Big Thing“ sein wird. Im Spirituosenbereich kommt da des öfteren auch Mezcal zur Sprache – ich halte das mehr für eine Art Marketingoffensive und Wunschdenken als für Realität. Mezcal hat zwar ohne Frage das Potenzial, die Spirituosenwelt aufzurollen und sich auch in der Breite bei den Konsumenten durchzusetzen, doch zwei Dinge sprechen für mich einfach dagegen, die sich auch in mittelfristiger Zukunft nicht großartig ändern werden. Erstens, die Produktionssicht. Guten Mezcal zu machen ist aufwändig, das Basismaterial ist knapp, die gesamte Tradition widerspricht dem Gedanken, das Endprodukt großartig auf Masse zu skalieren, und der Preis eines guten Mezcals macht ihn nicht zur Supermarktware. Ein paar seelenlose Pseudomezcals findet man ja heutzutage schon, sowas braucht man meines Erachtens gar nicht. Und die andere Seite ist die des Geschmacksprofils, das nicht schmeichelnd und braun ist, sondern oft eher hocharomatisch, komplex und nicht ganz einfach zu verstehen und genießen.

Daher ist es wichtig, dass potenzielle Konsumenten die Möglichkeit haben, Mezcal erstmal kennenzulernen und erste Schritte zu gehen. Nicht, um einen Hype auszulösen, sondern um ein grundliegendes Verständnis zu promoten, denn eine Kategorie wie Mezcal braucht das. Mit dem Læpoca Mezcal Premium Tasting-Set wäre soetwas möglich, denke ich, wenn man über das Sonderzeichen im Namen hinwegkommt, der natürlich trotzdem einfach „La Epoca“ ausgesprochen wird. Das Set beinhaltet drei Sorten Mezcal, einen reinsortigen Espadín, eine Agavenmischung (ein „Ensamble“), und einen reinsortigen Cuishe. Alle sind natürlich 100% Agave, in der Artesanal-Herstellungskategorie produziert (was bedeutet, dass industrialisierte Methoden und Werkzeuge nur sehr eingeschränkt genutzt werden können), und ungereift („joven“). Sie stammen aus der Stadt San Dionisio Ocotepec in Oaxaca, dem Zentrum der Mezcalherstellung; als Brennerei wird Destiladora de Maguey y Mezcal Santa Fátima S.A. de C.V. angegeben. Der Wahlspruch „From Mexico to the Alps“, der die Flaschen ziert, definiert die Idee hinter dem Unternehmen; der Importeur sitzt in Liechtenstein. Gehen wir die drei Mezcals, die in dem Tasting-Set enthalten sind, einfach zusammen durch.

Læpoca Mezcal Premium Tasting-Set

Nehmen wir uns den Læpoca Mezcal Espadín als erstes vor. Er ist hergestellt zu 100% aus der namensgebenden Espadín-Agave (agave angustifolia) und wird eingestellt auf 38% Alkoholgehalt, ein niedriger Wert, aber aktuell gar nicht ungewöhnlich und insbesondere in Mexiko selbst durchaus beliebt. Im Veladora-Glas wirkt er sehr klassisch, natürlich kristallklar, mit einer ansprechenden, aber noch nicht fettigen Viskosität, die eine Kante am rilligen Glas hinterlässt, aus der Tropfen dann mit Geschwindigkeit aufnehmender Art ablaufen.

Læpoca Mezcal Artesanal Joven Espadín

Die Nase wirkt zunächst leicht säuerlich, für mich eher in Richtung Apfelessig und Verjus, mit einem Hauch von warmem, leicht speckigem Rauch. Die Typizität der Agave zeigt sich sofort, grüne und vegetabile Noten bilden sich ohne zu zögern. Eher leichtvolumig gestaltet wirkt der Mezcal, ein bisschen Tiefe und Breite vermisse ich, ebenso wie die Komplexität, die die Agave von sich aus anbietet.

Vom Antrunk bis zum Schluss ist der Læpoca Espadín extrem sanft, mit einer leichten natürlichen Süße, die alles begleitet. Die Aromen sind zurückhaltend, schwanken zwischen grüner frischer und karamellisierter gekochter Agave. Diese ist gut ausgeprägt und angenehm, zeigt sich aber für meinen Geschmack etwas eindimensional und ohne Spannung. Der Abgang ist dunkel, kakaolastig, ganz mild bitter und mit einer dezenten Chiliwärme an den Zungenseiten, aber nie scharf oder kantig. Der Nachhall ist voller Jasminblüte, die alles übernimmt und das runde, warme Mundgefühl stützt; die Aromen bleiben sehr lange am Gaumen.

Ein sehr milder Mezcal, der niemanden überfordert, aber den Kenner, ehrlich gesagt, ziemlich kalt lassen wird. Handwerklich ist das makellos gemacht, aber auch ohne Inspiration – ich vermute, es ist für eine Zielgruppe gedacht, die eher eine Mixspirituose haben will, die sich gut in ein Rezept einpasst. Sogar da hätte ich aber persönlich gern etwas mehr Charakter.


Diesen hoffe ich nun im Læpoca Mezcal Ensamble zu finden. Ein Ensamble ist kein sortenreiner Mezcal, sondern aus verschiedenen Agavensorten zusammengestellt; das kann ein Blend sein, aber auch bereits beim Fermentieren aus einer Agavenmischung stammen. Hier wird die Espadín-Agave (40% Anteil) mit Cuishe, Tobalá und Tepeztate (je 20% Anteil) ergänzt. Allein schon, dass er auf 46% Alkoholgehalt eingestellt ist, deutet für mich schon darauf hin, dass wir hier einen anderen Kaliber probieren werden als den zuvor.

Læpoca Mezcal Artesanal Joven Ensamble

Man erkennt beim Drehen auch direkt eine sehr ansprechende Öligkeit, die Flüssigkeit schwappt schwer im Glas, und hinterlässt üppige Glaswandeffekte. Kristallklar ist er, wie es sein soll. Für die Nase bietet sich ein wirklich wunderbares, farbenprächtiges Agavenbild – sehr grün, sehr braun, mit ein bisschen gelb. Die frische Agave ist das grüne, eine karamellisierte, erdige und leicht holzige Seite das braune, die offensive Frucht das gelbe. Integriert und gleichzeitig vielseitig, hier finde ich wirklich die Komplexität, die ich zuvor vermisste. Kiefer, Mandarine, Bitterschokolade und Basilikum, da gibt es richtig viel zu entdecken, ohne Störeffekte, mit einem Anflug von Rauch.

Auch am Gaumen wird deutlich, dass man nun in einer anderen Liga spielt. Initial erstmal etwas zurückhaltend, mit feiner Struktur und milder Süße, explodiert der Læpoca Ensamble dann geradezu, mit würzigen, grünen und spannenden Aromen von Wintergrün, gekochter Agave, Blattschnitt und Geranien, und grünem Pfeffer. Schnell kommt eine hübsche Floralität dazu, die sich bis zum Nachhall hält, während im Untergrund dunkle Kakao- und Kaffeearomen eine schwere Basis bilden. Eine ausgesprochen schöne Bittere bildet sich heraus, mit etwas Grapefruit, ideal verbunden mit der schweren, fetten Textur, die alles trägt. Ein warmes Brummen bleibt erhalten, der Alkohol ist perfekt eingebunden. Der Abgang ist mittellang, zeigt sich dann mit allen zuvor gefundenen Aspekten nochmal neu, mit dominierender Agave.

Das ist ein Mezcal, wie ich ihn liebe – arkadisch, agavebeherrscht, mit eleganter Struktur und trotzdem wuchtigem Charakter, aromatisch, ganz vorsichtig rauchig, ohne dabei zu streng zu werden. Ein tolles Beispiel für jeden, der in die Kategorie einsteigen will.


Die Hürde, die nun anliegt, ist deutlich höher für den Læpoca Mezcal Cuishe, namensgebend vollständig aus Cuishe (Agave karwinskii) gemacht, auch hier auf 46% Alkoholgehalt eingestellt. Diesen trinke ich aus einem handgemachten mexikanischen Caballito, in das am Boden ein kleiner Glassombrero eingelassen ist – für mich steigt der Genuss, wenn ich ein hübsches Trinkgefäss nutze. Man sieht auch in ihm die wichtigen optischen Details, wie die leichte Viskosität und die kristallene Klarheit.

Læpoca Mezcal Artesanal Joven Cuishe

Die Nase ist durchaus eigenwillig, man beginnt die Reise hier mit einer leichten Säurenote, gemischt in etwa aus Schmand und Limettenzeste, direkt begleitet von einem effektiven Kaltrauch, der überhaupt nicht speckig wirkt, sondern mehr an abgekühlte Holzkohle vom Lagerfeuer erinnert. Die Frucht der Limette wird im Verlauf weiter aufgegriffen, weniger zestig, dafür weiterhin ätherisch, als Kopfnote zu der schwereren Mango und Ananas, die sich darunter in Stellung bringt. Nicht, dass man nun denkt, dass hier eine Fruchtbombe vorliegt, das ganze bleibt sehr grün und klar, die Agave ist stark ausgeprägt und frisch, kein bisschen karamellisiert.

Noch pflanzlicher erscheint der Læpoca Cuishe dann am Gaumen, richtig dunkelgrün, balsamisch, voller Blattschnitt und dann sogar ins Eukalyptus übergehend, mit einem minimalen mentholischen Beihall. Sehr frisch, vom Antrunk an deutlich trocken mit spürbarer Astringenz, im späten Verlauf sogar staubtrocken wirkend. Eiskalt liegt das am Gaumen, hauchig und dennoch mit ordentlich Volumen versehen. Diese Struktur ist faszinierend, sie passt zum mineralischen und frischgrünen Charakter des Brands. Ein Hauch von laktischen Noten blitzt ab und zu auf, später auch weißer Pfeffer und Ideen von aromatischem Duftholz und einem Tick harzigem Fichtenzapfen. Der Abgang ist lang, trocken und kalt, bleibt aber mit beharrlicher Salzigkeit am Gaumen, wenn noch ein bisschen Geranie und Aquariumkies nachklingt.

Ganz anders wiederum als die beiden Vorgänger, hier präsentiert sich die Agave pur und rein, aber auch ein bisschen schwieriger zu verstehen. Ein Brand, dem man Zeit geben muss, in den man dann aber auch sehr tief eintauchen kann, ohne dass einem langweilig wird – ein Bücherwurm, keine Partymaus, das ist sicher. Sehr spannend und beeindruckend!


Ich gebe zu, ich bin kein großer Fan von extrem aromatischen Spirituosen in Cocktails. Ein Cocktail sollte immer ausgeglichen und nicht von einem Aspekt kontrolliert sein, und bei Bränden wie Baijiu, Mezcal oder Hochesterrum passiert sehr oft genau das. Mit den Laepoca-Mezcals kann man eigentlich gut mixen, der Loaded Pistol beispielsweise braucht keinen superrauchigen Mezcal, um seinem Namen gerecht zu werden.

Loaded Pistol Cocktail

Loaded Pistol
1½oz / 45ml Mezcal
¾oz / 23ml süßer Wermut
½oz / 15ml Strega
1 Spritzer Grapefruit Bitters
Auf Eis rühren.

In einem Tumbler mit Eis und einem Gusano-Salz-Rand servieren.
[Rezept nach Erick Castro]


Das Tasting Set von Laepoca ist toll gestaltet, ein aufwändiger Karton zum aufklappen, in dem die drei 100ml-Fläschchen liegen. Schöne Illustrationen, die sich vom Karton auch auf die beigelegten Informationsbroschüren fortsetzen. Besonders mag ich das Tasting Wheel, das sowohl dem Anfänger als auch dem Kenner helfen wird. Das Sonderzeichen im Namen soll natürlich der Aufmerksamkeit dienen, es wird aber nicht helfen, sondern eher schaden, denn das macht sowohl Aussprache als auch Suche danach schwieriger, als das Set es verdient hätte.

Insgesamt ein großartiges Set, das insbesondere dem interessierten Neuling einen Einblick darin gibt, dass die unterschiedlichen Agavensorten und Herstellungsarten wirklich einen enormen Unterschied ausmachen – ich bewundere den Mut, den die Abfüller hier beweisen, so komplexe Spirituosen in einem Tastingset, das von der Gestaltung her eher den Anfänger anspricht, zu verpacken, ich hatte nicht damit gerechnet. Bepreist ist das ganze mit rund 50€, ein vernünftiger Preis – wem das teuer vorkommt, muss sich vielleicht nochmal vor Augen führen, wie viel Arbeit in der Herstellung eines Artesanal-Mezcals steckt. Ich für meinen Teil bin immer froh, wenn sich einsteigerfreundliche und dennoch ehrliche, hochqualitative Produkte hierzulande verbreiten. Beides muss zusammen kommen; niemand ist mit billigschlechtem Neulingssprit gedient. Und Læpoca macht das schon echt gut.

Offenlegung: Ich danke Læpoca Mezcal für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Tasting-Sets.

Bier am Freitag – Toekan Aperitiefbier

Ich sage es ja schon so lange – ein gutes, leichtes, frisches Bier kann genauso gut als Aperitif serviert werden wie man das aus Gewohnheit ganz selbstverständlich mit Sekt tut. Die Brauerei Brouwerij Beer 4 Nature in Mol in Belgien bringt mit dem Toekan Aperitiefbier sogar ein dementsprechend benamtes und genau für diesen Zweck gestaltetes Bier auf den Markt. Es ist mit Gerste, Weizen und Hafer gebraut, hat also voraussichtlich ein breites Profil, und ist mit 5,2% Alkoholgehalt auch nicht zu stark. Ich probiere es allgemein als Bier, aber auch gedanklich mit dem Hintergrund, dass jemand plant, es bei einem Empfang als Aperitif vor einem Essen zu servieren. Kann es beide Aspekte erfüllen?

Toekan Aperitiefbier

Optisch sieht man ein blasses Eierdottergelb, das volltrüb im Glas steht. Der Schaum bleibt fingerdick lange erhalten, hauptsächlich feinblasig, mit einzelnen großen Blasen.

Fruchtig und getreidig wirkt das Toekan in der Nase, ein sehr typischer und angenehmer Bierduft, frisch, hell, klar und trotzdem durchaus aromatisch. Minimale Zitrustöne ergänzen das Bild. Ebenso geht das im Mund weiter: hohe Rezenz mit kräftiger Karbonisierung, milde Zitronensäure, fast schon zestig, ohne dabei kratzig zu werden oder in die Sauerbierrichtung zu gehen. Gerste dominiert den Geschmack, mit feinen Aromahopfennoten, die das Bier aber nicht beherrschen, sondern nur mitgestalten. Das initial cremige Mundgefühl geht im Verlauf in herbe Trockenheit über, doch auch hier passt sich das sauber in ein Gesamtbild ein. Der Abgang ist mildtrocken, herbbitter, immer noch leicht säuerlich, eher kurz, lässt aber am Gaumen noch ein paar florale Töne aufklingen.

Klar, stringent, unaufgeregt: so ein Bier gefällt, und das Toekan Aperitiefbier liegt gut auf der Zunge. Das kann man wunderbar süffig und erfrischend trinken. Keine extremen Höhepunkte, keine Tiefpunkte, ich kann es mir wirklich gut als Aperitif vorstellen.