Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 13 – Red Star Erguotou 1680 43% (43度红星二锅头酒)

Eine Weile ists her, dass Baijiu einen Auftritt auf meinem Blog hatte. In der Zwischenzeit habe ich eine Reise nach China gemacht, die dortige Ess- und Trinkkultur besser kennengelernt, und auch diverse Produktionsstätten des klaren Brands besichtigen dürfen. All das ändert durchaus meine Sichtweise auf diese Spirituose. Der Red Star Erguotou 1680 43% (43度红星二锅头酒) ist der erste Baijiu, der die neue Einstellung zu spüren bekommen wird – sie ist bodenständiger, direkter, weniger von einem nostalgischen Chinainteresse (das durch den tatsächlichen Aufenthalt in dem Land sich ebenso Änderungen erfahren musste) beeinflusst. Tatsächlich wurde es wohl Zeit, Baijiu auf den Boden zurückzuholen – daher wird diese Installation von „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“, die dreizehnte immerhin, die letzte der Reihe sein, und Folgebesprechungen von Baijiu den gleichen Kriterien unterworfen werden wie für alle anderen Spirituosen. Da inzwischen Baijiu zumindest in kleinen Vorstößen in Deutschland erhältlich ist, sollte dies auch kein Problem mehr darstellen.

Red Star Erguotou 1680 43%(43度红星二锅头酒)

Über die Farbe bleibt nur zu sagen, dass sie völlig abwesend ist – reinklar, wie man es von einem guten Baijiu erwartet. Da die Reifung in Tonkrügen stattfindet, die selbst nach Jahrzehnten kein noch so kleines Bisschen an Farbe abgeben, sagt dies nichts über das Alter aus – spannend, denn so muss kein Hersteller mit E150 tricksen, eine wunderbare Sache. In der Nase bekommt man einiges an Frucht – Banane, Aprikose, Pfirsich, alles sehr reif, aber ohne überesterig zu wirken. Darunter liegt eine Schicht aus Getreide, Malz und feuchtem Heu. Ganz am Ende ist da noch eine leichte, fast schon minzige Kopfnote, die durch einen Anflug von Ethanol gepusht wird.

Im Mund ist der Red Star Erguotou 1680 direkt trocken, dabei aber mit einem sehr cremigen Mundgefühl. Süßlich, ohne künstlich zu wirken, mit dezenten Fruchtnoten und etwas Getreide. Eine vorsichtige Limettenschalenkomponente ist da, dennoch bleibt alles vorsichtig und zurückhaltend. Etwas Pattexaroma ist schließlich noch dabei. Der Abgang ist lang, extrem schokoladig, süßweich, und im Verlauf dann sehr angenehm warm vom Gaumen bis in den Magen, ohne je kratzig oder harsch zu werden. Wie ich schon öfters sagte – der Abgang ist für mich das, was einen hervorragenden Baijiu ausmacht, und hier hat man einen ganz außergewöhnlich schönen, charaktervollen aber dennoch beinahe schon zarten Abgang, dem am Ende noch etwas Minze nachhallt. Für mich sicherlich, im Fazit, einer der feinsten, elegantesten Baijius, die ich bisher im Glas haben durfte.

Red Star Erguotou 1680 43%(43度红星二锅头酒) Glas

Tatsächlich habe ich am eigenen Leib erfahren, dass Baijiu in China eigentlich hauptsächlich zum Essen getrunken wird, in kleinen, aber sehr vielen Dosen – in den Feiern, an denen ich teilnahm, bestand die Getränkebeilage eigentlich nur aus Grüntee und Baijiu, für uns langnasige Westler wurde noch auf Anfrage hin (meist warmes) Bier herangekarrt. Zu einem würzigen Mahl passt Baijiu mit seiner Aromatik einfach hervorragend, als Trou Chinois funktioniert er bestens. In Mixed Drinks ist die Aromatik für mich weiterhin gewöhnungsbedürftig. Der Erfinder des Baijiu Falls verwendet Starkaroma-Baijiu, ich adaptiere das und verwende Leichtaroma-Baijiu, einfach, weil mir persönlich diese Baijiu-Kategorie besser mundet und für mich leichter in Cocktails unterzubringen ist. Dennoch, sogar nach dieser Änderung – wie bei vielen Baijiu-Cocktails ist es nicht einfach, diese etwas schwierig zu greifende Getreide- und Fruchtnote, die Baijiu mit sich bringt, einzuordnen.

Baijiu Falls Cocktail


Baijiu Falls
1 oz Baijiu
1 oz naturtrüber Apfelsaft
¾ oz Bourbon
⅔ oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Franz Königsberger]


Die üppig gestaltete Flasche (zu diesem Thema habe ich bereits in früheren Baijiu-Besprechungen etwas gesagt) mit dem Kristallstöpsel und dem großen Aufklappgeschenkkarton selbst wurde mir als Geschenk des Herstellers in China übergeben – sozusagen als Danksagung für die zuerkannte Doppelgold-Medaille beim Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2017 in Chile, für deren Präsentation sogar eine Stelle im Glas der Flasche eingelassen wurde. Gleichzeitig wurde es einer kleinen Gruppe erlaubt, die Produktionsstätte von Red Star zu besichtigen – eine einmalige Gelegenheit, die ich natürlich freudig wahr nahm. Die folgenden Bilder habe ich dort selbst aufgenommen.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Luftbild

Die Destillerie an sich könnte überall auf der Welt stehen, da ist nicht mehr viel von irgendeiner Art nostalgischer Aufaltmacherei vorhanden; einzig die langen Reihen von mit rotem Stoff bedeckten Tonkrüge, die der Reifung von Baijiu dienen, sorgen für etwas Ungewohntes. Für die Produktionsmenge wirkt die Fabrik (und anders will ich sie tatsächlich auch nicht nennen) überraschend klein, insbesondere nach den massiven Riesenflächen, die andere Destillerien für uns zum Begaffen bereit gehalten hatten, die eher einer mittelgroßen deutschen Stadt denn einer Brennerei ähnelten.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Fabrikgelände

Unter dem dauerstahlgrauen chinesischen Himmel der Provinz Shanxi schlenderten wir von Gebäude zu Gebäude, und da im August praktisch in allen Baijiu-Destillerien aufgrund der dem Schnaps abträglichen Temperaturen ein Produktionsstop verhängt ist, waren wir bis auf ein paar einzelne, verloren wirkende Verwalter und Aufräumarbeiter allein auf dem Gelände und konnten so in jede Ecke spähen, ohne jemanden zu stören – einerseits natürlich schade, die Herstellung hier nicht live betrachten zu dürfen, andererseits erlaubte das auch einen gewissen Freiraum, den ein auf seine Geheimnisse achtender Produktionsleiter uns vielleicht sonst nicht gewährt hätte.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Fabrikhalle

Edelstahl made in Germany und kalter Beton wohin das Auge blickt – die Destillerie wirkt sehr aufgeräumt, klar strukturiert, mit viel Arbeitsplatz und einer Sauberkeit, dass man vom Boden essen könnte. Offensichtlich ist hier alles auf Effizienz ausgelegt, da ist keinerlei Platz mehr für Nostalgie oder traditionelles Arbeiten. Auch die initiale Dämpfung der Hirse, die das Getreide für die Fermentation bereit macht, erfolgt in riesigen Dampfgarern.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Sorghum-Dämpfer

Für gewisse Produkte der Firma wird noch mit den typischen Fermentationsgruben gearbeitet, die man in jeder Baijiu-Destillerie findet. Sie sind ca. 1,5m tief und einen halben Meter im Durchmesser, werden mit dem gedämpften Getreide gefüllt und dann mit runden Scheiben bedeckt. Schließlich kommen sogar noch gepolsterte Wolldecken auf das Ganze, um die Wärme etwas festzuhalten, während die Hefen und Bakterien, die durch das „qu“ zugefügt wurden, anfangen, die Stärke der Hirse aufzubrechen und dann in Alkohol umzuwandeln.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Fermentationsgruben klassisch

Für die Massenprodukte von Red Star kommen allerdings diese Gruben nicht zum Einsatz, denn für die Mengen, die hierfür fermentiert werden müssen, sind die Gruben schlicht zu klein und zu unpraktisch. Große Betoncontainer kommen als Ersatz zum Zuge, sie sind leichter zu befüllen und zu leeren, leichter zu reinigen und benötigen schlicht weniger Arbeitskraft: praktisch für die Rund-um-die-Uhr-Produktion von Mengen.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Fermentationsgruben modern

Die Beförderung der inzwischen trockenfermentierten Hirse in die Dampfdestille erfolgt zwar hier über Förderbänder statt den Schaufelbrettern, die im manuellen Vorgang genutzt werden, doch die Prozedur ist essenziell immer noch dieselbe – es werden in einer kreisförmigen Bewegung Schichten des Basismaterials gebildet, die dann per Dampf destilliert werden.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Sorghum auf Laufband

Die Dampfdestille selbst ist der ganze Stolz des Produktionsleiters. Sie wirkt erstmal klein und unauffällig – dabei leistet sie die Arbeit, 24/7 lang Baijiu aus der Fermentationsmasse zu destillieren. Natürlich ist das ein Batch-Betrieb, kontinuierlich lässt sich Hirse nicht destillieren, doch werden einmal destillierte Reste nicht direkt entsorgt, sondern ein Teil wieder für den nächsten Batch mitverwendet, und für eine spätere Fermentation mitgenutzt. In dieser Form ist der Destillierapparat in China einmalig, wurde uns versichert; die Moderne zieht nur langsam ein im traditionellen Baijiu-Brennbetrieb.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Destillierapparat

Die vielen tonnenschweren Tonkrüge, die zur initialen Reifung benutzt werden, habe ich hier nicht im Bild festhalten können, denn in den Räumen, in denen diese Krüge vor sich hin dämmern, sind keine elektrischen Geräte erlaubt; man fürchtet elektrostatische Entladungen, so dass Handys und Kameras in dafür vorgesehene Plastikfächer abgelegt werden mussten. 0,3% Angels‘ Share riecht man in diesen Räumen, sie fühlen sich leicht feucht an und duften stark nach Getreide und Baijiu.

Zu guter letzt ist auch die „qu“-Produktion automatisiert und maschinisiert. Große Druckkessel sorgen für die Vermehrung der Bakterien und Hefen, die für diesen Fermentationsstarter nötig sind. Keine Spur mehr von gestapelten Blöcken aus geschroteten Erbsen und Roggen – ein Unterschied, wie er drastischer kaum sein könnte.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Qu-Vermehrung

Wie man sieht, hält sich Red Star in dieser Anlage in Shanxi etwas zurück, was die dekorativen Elemente, die man sonst überall in Baijiu-Destillerien findet, zurück – es ist eine hochmoderne und entsprechend kühle Fabrik. Wenigstens im und vor dem Verwaltungsgebäude finden sich dann doch ein paar schöne Eindrücke. Das Besucherzentrum ist hübsch, aber für chinesische Verhältnisse immer noch sehr dezent gestaltet.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Verwaltungsgebäude

Auch wenn die Fabrik nur noch wenige manuelle Schritte benötigt, erinnert man sich auch dort doch an die harte Arbeit, die die Arbeiter früher mit Schaufeln und Schiebern tun mussten: lebensgroße Statuen zeigen diese, die heute von Laufbändern und hydraulischen Hebern geleistet wird. Eine schöne Dekoration, die wohl hauptsächlich der Erbauung der Mitarbeiter dient, denn, so ehrlich muss man sein, Besucher werden sich in so eine Destillerie, die dazu im chinesischen Pendant zu Hintertupfingen liegt, nicht verirren.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Statuen

Am Ende der Führung wurde natürlich eine Verkostung angeboten – hier besonders spannend, weil ein ungereifter Baijiu als Vergleichsmaßstab angeboten wurde. In diesem New-Make-Baijiu schmeckt man noch sehr deutlich all die Dinge, die die Tonkrugreifung verändert hat: Hirse und sogar Erbsen, ein sehr erstaunlicher Unterschied und eine der eindruckvollsten Demonstrationen der unterschiedlichen Einflussfaktoren bei Baijiu. Im 10 Jahre gereiften Baijiu war dies schon kaum mehr spürbar, und im dazu noch gezeigten 30-Jährigen dann gar nicht mehr.

Spirits Selection 2019 - Besuch bei Redstar Verkostung ungereifter Baijiu

Ein höchst faszinierender Ausflug. Das nachfolgende Essen mit dem Firmenleiter in einem abgegrenzten Raum eines Restaurants erforderte dann nochmal Achtsamkeit, denn zu den köstlichen Speisen wurden wieder einmal diverse Flaschen Baijiu auf den Tisch gestellt und in dauernden Ganbei-Runden auch geleert. Gut, dass ich dann den Alkohol auf der dann folgenden, langen Busfahrt zum Flughafen von Taiyuan wieder etwas abbauen konnte, während ich die vielen unvergesslichen Eindrücke verdaute!

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2019 – Lüliang (China)

Für mich ist es jedes Jahr eine Freude, die Einladung zu erhalten, als Spirituosenjuror am weltweiten Wettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles teilnehmen zu dürfen. 2017 in Chile lernte ich diese außergewöhnliche Gruppe kennen, 2018 in Bulgarien festigte sich der Eindruck, dass es hier um mehr geht als um reines Verkosten und Bewerten von Spirituosen, und dieses Jahr fühlte ich mich direkt willkommen im Kreise von Freunden aus aller Welt. Die große Kreisstadt Lüliang in der nordchinesischen Provinz Shanxi richtete für über 100 Juroren aus 40 Ländern ein höchst opulentes Fest aus, das mir noch Wochen danach in den Ohren klingt.

Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Rein streckenmäßig, zunächst mal, über 10000km einfache Strecke – ich beginne, mich daran zu gewöhnen, um die halbe Welt zu fliegen für diesen Wettbewerb. Frankfurt – Amsterdam – Beijing – Taiyuan – Fenyang, das war die Reiseroute, die, abgearbeitet zweimal in 5 Tagen, und mit wenig Erholung auf den hektischen Umstiegen auf riesigen Flughäfen, dem Körper und dem Geist doch einiges abverlangt.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2019 – Lüliang (China) - Reiseroute

Eine Anstrengung anderer Art war nötig, um überhaupt erst mal diese Flüge möglich zu machen – die chinesische Visaprozedur ist etwas, was man nicht unterschätzen sollte bei der Planung einer Reise ins Reich der Mitte. Ein vielseitiger Fragebogen mit entsprechender Bearbeitungsdauer, das Einsenden des Reisepasses ans chinesische Konsulat in Berlin, das Warten auf die Entscheidung und Rücksendung des Passes, das zehrt an den Nerven und ist wirklich auch nicht billig – 3 Wochen Wartezeit und 150€ sind hier bereits zu investieren, ein fetter Batzen für so ein Dokument. Umso schöner, am Ende den Pass mit dem eingeklebten Visum in Händen zu halten, die Reise kann beginnen.

Spirits Selection 2019 China Visaprozedur

Als fortgeschrittenem Teilnehmer bei Spirits Selection ist einem der Ablauf der Veranstaltung natürlich inzwischen klar – morgens Verkostung, mittags kulturelles Programm. Wer noch nie professionell Spirituosen bewertet hat, bekommt vielleicht ein falsches Bild dieser Tätigkeit, denn das ist wirklich anstrengende Arbeit, bei der man stundenlang hochkonzentriert und vollfokussiert sein muss. Nach den Kriterien der Optik, Nase, Mund und Gesamteindruck will jedes Sample für sich, gruppiert in Flights nach Spirituosenkategorie, auf einer Hunderterskala bewertet werden. Nach der Abgabe werden durch statistische Verfahren Medaillenkandidaten ermittelt, und dann wird in der Jury gemeinsam ausgewählt, wer eine silberne, goldene oder doppeltgoldene Auszeichnung verdient. Für mich standen dieses Jahr unter anderem Armagnacs, Bitter, gereifte Rums, Calvados, Grappe und natürlich viele Baijius, die Nationalspirituose des Gastgeberlands, zum Verkosten bereit.

Spirits Selection 2019 - Tastings

Eine durchaus schöne Sache ist, dass die Jurys jedes Jahr nicht bunt durcheinander gewürfelt werden, sondern man seine Mitstreiter zumindest teilweise schon kennt. Meine schon aus Chile und Bulgarien hochgeschätzten Kollegen Jesús Bernad (Spanien), Bruno Pilzer (Italien) und José Rafael Arango de Ordóñez (Kolumbien) wurden neu ergänzt durch zwei Kenner aus China – Guo Peng und Han Peijie. Eine erneut tolle Mischung von Gaumen aus aller Welt, etwas, was die Bewertung wirklich global ausfallen lässt, und wo man sich sicher sein kann, irgendwo in einer der Jurys einen absoluten Profi für jede nur denkbare Spirituosenkategorie zu finden, bei dem man sich Rat holen kann. In dieser Form gibt es das nirgendwo sonst. Die Organisatoren kümmern sich darüber hinaus auch um die Weiterbildung der Juroren, am ersten Tag finden Masterclasses auf extrem hohem Niveau, von Experten für Experten, statt, zu allerlei Themen in einem Detailgrad, bei dem selbst der Abgebrühteste noch etwas lernen kann – wo sonst kann man Armagnacs und Cognacs einer einzelnen Rebsorte direkt miteinander vergleichen, präsentiert von den Herstellern selbst, oder den Vergleich von in unterschiedlichen Tonkrügen gereiften Baijius?

Spirits Selection 2019 - Jurymitglieder

Auch abseits der Arbeit bemühen sich die Organisatoren von Spirits Selection immer, den Juroren auch etwas Bildung zu vermitteln – und so besucht man im Nachmittagsprogramm nicht nur lokale Sehenswürdigkeiten, sondern auch Produktionsstätten aller Art. In den diversen Stippvisiten konnte man einen tiefen Eindruck der Herstellung von Baijiu gewinnen. Wenn man die unglaublichen Ausmaße der Fenjiu-Destillerie in Xinghuacun nicht selbst gesehen hat, glaubt man mir eh nicht, was ich hier erzähle – 8 Quadratkilometer in der Fläche, man fährt auf einer vierspurigen Prachtstraße im Bus einige Minuten von einem Ende zum nächsten, dabei durch 50 Meter hohe Torbögen… alle Destillerien Schottlands, Kentuckys, Irlands, Frankreichs und der gesamten Karibik würden locker hier zusammen reinpassen und es wäre immer noch Platz für genug andere. Das untenstehende Bild kann nur einen rudimentären Eindruck vermitteln, wie verwirrend groß diese Anlage ist – keiner der 100 anwesenden Experten, die schon überall auf der Welt waren, hatte auch nur ansatzweise etwas Derartiges gesehen. Hier werden jährlich 12 Millionen Flaschen Fenjiu produziert, und die Kapazität ist damit noch nicht mal voll ausgelastet.

Spirits Selection 2019 - Xinghuacun Fenjiu Distillery Town

Gerade die Möglichkeit, selbst die Produktionsmaterialien zu sehen und auch berühren zu können, gibt mir persönlich immer ein sehr viel besseres Verständnis einer Spirituose. Den noch warmen Haufen Sorghum im Hof des Xinghuacun-Fenjiu-Museumsworkshops, der es mir ermöglichte, das Getreide in der Hand zu verreiben und den intensiven Geruch zu erschnuppern, und den Arbeitern, die eine klassische, in den meisten Betrieben noch sehr verbreitete fast ausschließlich manuelle Herstellungsweise für Baijiu für uns demonstrierten, zuzusehen – da erst beginnt man zu verstehen, was Baijiu wirklich ausmacht.

Spirits Selection 2019 - Sorghum

Ähnlich erging es mir bei der Besichtigung einer Qu- und Hefe-Manufaktur. Das „qu“ ist der Fermentationsstarter, der für die Trockenfermentation und -destillation von Baijiu unerlässlich ist, und normalerweise als eines der wichtigsten Firmengeheimnisse gehegt wird. Hier konnte ich die Basismaterialien des qu, unter anderem Roggen und Erbsen, begutachten und die verschiedenen Stapelweisen, die es für die Qu-Blöcke gibt und die dann für unterschiedliche Reifung und Durchwachsung mit Schimmel und Bakterien sorgen, im Detail sehen. Ein höchst aufschlussreicher Besuch, bei dem es unglaublich viel zu lernen gab, während über das Betriebsgelände ständig diese interessante Duftmischung nach Brioche, frisch gebackenem Brot und Pferdestall wehte.

Spirits Selection 2019 - Qu-Herstellung

Die Herstellung von Baijiu braucht viel Platz, ein Grund dafür wurde uns schnell klar, als wir die traditionellen Fermentationsgruben zu Gesicht bekamen. Jede dieser Gruben ist ungefähr anderthalb Meter tief und einen halben Meter im Durchmesser, und in sie wird das mit qu inokulierte Fermentationsgut im trockenen Zustand eingefüllt. Wochen-, oft sogar monatelang lässt man in diesen Gruben die Mikroorganismen ihre Arbeit tun, abgedeckt mit runden Deckeln und gepolsterten Decken, um die Temperatur zu erhalten, die gebraucht wird, um die Trockenfermentation am Laufen zu halten.

Spirits Selection 2019 - Fermentationsgruben

Nach der Destillation (auch diese wird „trocken“ durchgeführt, also ohne vorher einen Wein oder ein Bier zu erzeugen – so ähnlich, wie wir das von Grappa kennen) erfolgt standardmäßig eine Reifung. Auch wenn Baijiu klar ist, wird er praktisch nie ungereift getrunken. Die Chinesen setzen dafür traditionell keine Holzfässer, sondern Tonkrüge ein. Die poröse Struktur des Tons erlaubt einen Luftaustausch mit der Außenwelt, am Ende entstehen darum zwischen 0,3% und 1,0% „angels‘ share“. Eine Vergleichsprobe zwischen frisch destilliertem Baijiu und 10 respektive 30 Jahre gereiftem Baijiu machte sehr deutlich, was die Tonkrugreifung erreicht – Details dazu wurden auch in einem Vortrag einer chinesischen Spezialistin auf physikalischer und chemischer Ebene erläutert.

Spirits Selection 2019 - Reifungstonkrüge

Ein besonderes Schmankerl war am Ende noch ein exklusiver Besuch einer modernen Baijiu-Destillerie – die modernste Produktionsanlage in China bei Hongxing (Red Star) zeigte eine andere Seite der Herstellung. Waren die anderen Destillerien noch sehr traditionell, fast schon romantisch und klassisch aufgestellt, setzt man hier voll auf die moderne, klare, analytische Technik aus Edelstahl und Beton. Schön ist das natürlich nicht, und auch nicht mehr exotisch, denn so eine Destillerie könnte in dieser Art auch in Deutschland oder den USA stehen, doch es ist dennoch hochinteressant, zu sehen, dass auch in China die Automatisierung Einzug hält. Fast alle hochaufwändigen manuellen Arbeitsschritte sind hier durch Förderbänder und abgeschlossene Mechanik abgelöst, die hübschen Fermentationsgruben durch große Betonkästen. Hier läuft die automatisierte Produktion 24/7, für einen der größten Hersteller von Leichtaromabaijiu natürlich eine enorme Kapazitätssteigerung. Man konnte auch den Stolz im Gesicht des Produktionsleiters sehen, als er unsere Gruppe durch seinen Standort führte und alles bis ins kleinste Detail erläuterte – eine wirklich einmalige Gelegenheit, so etwas gezeigt zu bekommen.

Spirits Selection 2019 - Hongxing Redstar Moderne Produktionsanlage

Neben all diesen Weiterbildungsmaßnahmen durfte natürlich aber auch die rein kulturelle Komponente nicht zu kurz kommen. Tempel und Türme, antike Händlerresidenzen und Monumente, Seen und Gärten gab es im Überfluss. China ist gewiss reich an sehr opulenten, dem Auge und dem Bedürfnis nach Wohlgeformtheit schmeichelnden Sehenswürdigkeiten. Der Taifuguan-Tempel, der riesige Konfuziustempel am Wenhu-See, die Wenfeng-Pagode, die als höchster Ziegelturm Chinas leicht geneigt ist und die Tierkreiszeichen wiederspiegelt, das Fenyangwang-Gebäude und das 9000m² große Herrenhaus der reichen Händlerfamilie Qiao aus der Qing-Dynastie waren dabei die spektakulärsten Eindrücke. Natürlich ist China an sich schon so exotisch, dass man selbst normale Straßen und Häuser betrachtenswert findet, und die allgegenwärtigen Wächterlöwen, edel ausgearbeiteten runden Türen, Türklopfer, Skulpturen, Denkmäler und an jeder Ecke zu findenden Details ließen meinem Blick kaum eine Minute Ruhe. Besonders dabei war gewiss, dass in diese Region von Shanxi kaum Ausländer kommen – entsprechend war unsere Gruppe regelmäßig eine Attraktion für die lokale Bevölkerung, die uns beständig fotografierten und filmten, uns ihre Kinder in die Arme drückten für ein gemeinsames Foto mit dem Laowai. Ich kannte diese Art der Neugier und Aufmerksamkeit aus Büchern über das China der 80er Jahre, und hätte nicht gedacht, dies im Jahr 2019 noch am eigenen Leib erfahren zu können; es war ein verrücktes Gefühl, das in Deutschland wohl nur Stars auf dem roten Teppich kennen.

Spirits Selection 2019 - Culture

Eine Gruppe von Spirituosenfreunden ist automatisch eine Gruppe von Genießern. Und so kann ein Bericht über eine Reise nach China in dieser Gesellschaft nicht ohne eine Erwähnung der kulinarischen Kostbarkeiten bleiben, die wir genießen durften. Praktisch jedes Essen, an dem mehr als 3 Leute teilnahmen, war an runden Tischen mit Drehscheibe in der Mitte, auf die ohne Pause neue Speisen gehäuft wurden. Ich räume mit einem beliebten Vorurteil auf, dass das chinesische Essen, das wir in Deutschland essen, mit dem chinesischen Pendant nichts zu tun hat, auf – zumindest in Shanxi fühle ich mich was die Rezepturen und Gerichte angeht wie bei meinem Lieblingschinesen in Saarbrücken, nur interessanterweise etwas weniger gewürzt und insgesamt etwas eleganter und feiner. Highlights für mich waren die gegrillten und mit Glasnudeln unterlegten Austern, die extrem beliebten Baozi (gefüllte Knödel), die herrlichen kalten und warmen Suppen und der hochfaszinierende Eintopf aus Seegurke und Abalone, eine spannende und seltene Speise, die meinem Gaumen sehr entgegenkommt. Unter zwei Stunden braucht man gar nicht erst anzufangen mit dem Essen, und dazu wird flaschenweise Baijiu getrunken – für uns Ausländer wurde auch ausnahmsweise Bier bereitgestellt, und nach einigen Versuchen war es sogar hin und wieder gekühlt. Erst, wenn wirklich keiner mehr einen Bissen mehr runterkriegt, wird aufgehört, neue Gerichte heranzukarren.

Spirits Selection 2019 - Food

All das, die spannende Arbeit, die interessante Umgebung, das gute Essen, wäre für sich schon ein erfüllendes Reiseergebnis gewesen. Doch für mich ist es immer das allergrößte, die Freunde dort zu treffen – ja, es ist bereits eine Art Familie, die sich hier jedes Jahr zum Familientreffen zusammenfindet. Eine großartige Gemeinschaft, mit der man unglaublich viel Spaß hat – insbesondere, wenn das offizielle Programm zu Ende ist. Der eine oder andere hat dann eine Flasche Cachaça, Rum oder Armagnac dabei, aus der eigenen Herstellung, und die wird dann in kleineren Grüppchen, die sich spontan zusammenfinden, geköpft und in Ruhe, ganz ohne Bewertungsstress, zusammen genossen. Ein schönes Erlebnis beispielsweise war, mitten in einem chinesischen Dorf mit zwei Amerikanern, einer Griechin, einer Bulgarin, einer Engländerin und einem Spanier eine Flasche italienischen Weins zu trinken – ohne Vorankündigung, ohne Verabredung, ohne Mühe. La dolce vita in Reinkultur. Diese Menschen sind es, in all ihren Unterschieden und Eigenheiten, die den besonderen Reiz dieses Wettbewerbs ausmachen: Ein Zeichen, dass wir Menschen, egal wo wir auf dieser Welt leben, zusammenfinden können, und Spirituosen ein Bindeglied zwischen den unterschiedlichsten Kulturen sein können. Eine wertvolle Lektion.

Spirits Selection 2019 - People

Zu guter Letzt wird am letzten Tag immer das große, spannende Geheimnis gelüftet, über das es von Beginn an unter den Juroren viel Flurfunk und Raterei gibt – die Bekanntgabe des nächsten Gastgeberlandes. 2020 wird es also auf die entgegengesetzte Ecke der Welt gehen, nach Kolumbien in Südamerika. Die Hafenstadt Barranquilla hat sich vorgestellt, und es wurden Gastgeschenke zwischen aktuellem und zukünftigem Ausrichter ausgetauscht. Für mich eine interessante Wahl; es freut mich sehr, eventuell (sollte ich erneut eingeladen werden) nach 2017 noch einmal nach Südamerika zu kommen, dieser Kontinent hat mich seit meinem Besuch damals, und schon als kleines Kind, sehr in seinen Bann geschlagen, und ich bin hochgespannt, ein Land, das ich in der Fantasie von Romanen und Computerspielen schon oft durchstreift habe, nun vielleicht in der Realität betrachten zu dürfen.

Spirits Selection 2019 - Übergabe an Barranquilla

Es war ein Höllenritt, in 6 Tagen, 22000 Kilometern, nur sehr wenig Schlaf, Nachwirkungen meines Bandscheibenvorfalls wenige Tage zuvor, ein komplett fremder Kulturkreis, kaum eine Minute, die man mal allein hätte durchschnaufen können – doch einer, den ich jedes Jahr aufs Neue genieße wie kaum etwas anderes zuvor. Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, das ist ein Erlebnis, wie es kaum ein zweites gibt, in seiner Intensität, seiner Professionalität, und seinem Spaß. Ich würde mich mehr als nur geehrt fühlen, 2020 in Kolumbien erneut dabei sein zu dürfen. Bis dahin genieße ich die vielen mitgebrachten Baijius, und sage allen Mitteilnehmern und Organisatoren ein herzliches 谢谢, den ausdauernden Lesern meines Blogs ein herzliches 干杯 und salud!

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2018 – Plovdiv (Bulgarien)

Es war eine Riesenfreude für mich, gepaart mit sehr viel Stolz, als ich im Mai dieses Jahres die Einladung erhielt, am internationalen reisenden Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2018, stattfindend in Plovidv (Bulgarien), teilzunehmen. Bis heute erinnere mich äußerst gern an das Abenteuer, das die Teilnahme in Chile letztes Jahr für mich bedeutete – die Frage, ob ich die Einladung annehmen soll, stellte sich mir daher gar nicht. Die Vorfreude darauf, alte Bekannte wiederzutreffen, neue Gesichter kennenzulernen und neue Spirituosen verkosten zu dürfen, ließ mich bis Ende August fiebern. Endlich konnte es losgehen.

Die Anreise, innerhalb Europas und sogar der EU natürlich weit weniger kompliziert und aufregend als die ins südliche Südamerika, führte mich von Saarbrücken über Frankfurt/Main nach Sofia, der Hauptstadt Bulgariens, und von dort zum Austragungsort Plovdiv, der, je nach Aussage, zweit- bis drittgrößten Stadt Bulgariens. 2019 wird Plovdiv Kulturhauptstadt Europas sein; es versprach also nicht nur spiritistisch, sondern auch kulturell eine anregende Reise zu werden.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 00 - Reiseroute

Der erste volle Tag in Plovdiv war reserviert für eine ganze Reihe von Masterclasses. Begonnen wurde mit einem wirklich spannenden Experiment, in dem 12 französische Weinbrände vorgeführt wurden, von denen jeder einen speziellen sensorischen Mangel aufwies. Olivier Chapt und Jean-Luc Braud erklärten, wodurch so ein Mangel entsteht und wie/ob er vom Brenner behoben werden kann. Alexandra Le Floch und Emmanuel Boudaric von der Independent Stave Company zeigten die aktuellen Entwicklungen auf, was Fassmanagement und -konstruktion angeht – die Gestaltungsfreiheit, die ein Fasskäufer heute hat, ist wirklich erstaunlich. Nikolay Bakalov und Nikolay Stoyanov führten in die Geschichte und Herstellungsprozesse der bulgarischen Nationalspirituose Rakiya ein. Danach zeigte Svetlin Mirchev von RakiaShop mittels einer Food-Pairing-Demonstration, dass Rakiya ein idealer Essensbegleiter ist. Darko Angeleski, Barmann der 5L Speakeasy Bar in Sofia, komplettierte diese Trilogie über Rakiya mit einem live gemixten Cocktail. Am Ende wechselten wir zu Whisky – Cyrille Mald, Autor des Buchs „Iconic Whiskies“, stellte neue, interessante Whiskyveröffentlichungen aus Schottland, Frankreich und Belgien vor. Ein langer Tag voll hochkonzentrierter Information, ich habe unglaublich viel gelernt.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 01 - Masterclasses

Es ist Tradition bei Spirits Selection, dass einer der ersten Abende aus einem Zusammentreffen der Juroren mit diversen Herstellern lokaler Spirituosen besteht. So kann man sich ein Bild machen, welche Breite und Tiefe an Produkten in der Region vorhanden ist, und Kontakte knüpfen. Besonders auffällig waren an diesem Abend die Stände von Ракия Исперих / Rakia Isperih, wo Master Distiller Barash Musa persönlich seine erstaunliche Fruchtrakiyapalette vorstellte – die Highlights darunter für mich ein wirklich leckerer Quittenbrand, ein hochinteressanter Feigenbrand sowie ein Kürbisbrand; und von Черноморско Злато / Black Sea Gold, die mit dem feinduftenden Аламбик (Alambic) und ihren langjährig gereiften Weinbränden die andere Seite des breiten Spektrums der bulgarischen Spirituosentrinkkultur abbildeten. Ausführliches Probieren und Diskutieren in einer attraktiven Umgebung, bei angenehmen Temperaturen: Sehr schön organisiert vom Spirits-Selection-Team in Zusammenarbeit mit den lokalen Organisatoren und Produzenten.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 02 - Präsentation der Hersteller im Hotel

Das Hotel Imperial Plovdiv Hotel & Spa, wo diese Veranstaltung abends im Hof stattfand, war dann auch der Ort, wo die tatsächliche Arbeitsstätte für uns Taster lag. Im neunten Stock wurde der Tagungsraum von den 12 Tischen, an denen die Jurymitglieder in Gruppen die 3 Tage des offiziellen Wettbewerbs aufgeteilt saßen, voll ausgefüllt. Mir ist dieses Szenario noch vom letzten Jahr bekannt gewesen, und tatsächlich ist das zweite Mal, wenn man an so etwas teilnimmt, deutlich einfacher als das erste Mal. Ich bin dennoch wieder fasziniert gewesen von der Fokussierung, die die Tester zeigen, sobald sie ihre Samplegläser vor sich auf dem Tisch haben – trotz insgesamt fast 100 Leuten im Raum herrscht dann eine konzentrierte Stille, die nur vom hin und wieder auftretenden Klimpern sich berührender Gläser und dem einen oder anderen Ausruf, wenn ein Glas aus Versehen umkippt, durchbrochen wird. Alles Profis, man spürt das direkt.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 03 - Tastingraum Hotel

Das Vorgehen hatte ich bereits in meinem Artikel für Spirits Selection 2017 beschrieben – es hat sich nichts grundlegendes geändert. Pro Tag waren erneut zwischen 4 und 6 Flights vorgesehen, die jeweils zu einer Spirituosenkategorie gehören. Nur mit einer Reihenfolgennummer versehen werden die Samplegläser vor dem Taster auf dem Tisch aufgebaut, und es erfolgt eine Bewertung hinsichtlich Optik, Aroma und Geschmack, sowie einer Gesamtbetrachtung. Meine Flights dieses Jahr bestanden aus Vodka, jungem Tresterbrand, Rhum agricole VO und XO, sauce-aroma Baijiu, strong-aroma Baijiu, peruanischem Pisco, gereiftem Grappa, diversen Weinbränden, Bacanora, Rhum arrangé und Fruchtwein. Eine sehr schöne Zusammenstellung, die mir und meinen Interessen gut entgegen kam. Insbesondere der Bacanora-Flight war spannend, denn diese mexikanische Agavenspirituose aus der Sonora-Wüste kannte ich bisher noch gar nicht. Auch meine ich, nach 2 Jahren Einarbeitung nun endlich Baijiu wirklich verstehen zu können. Der Wermutstropfen insgesamt an diesem sehr diskreten Verfahren liegt für mich persönlich darin, dass ich nie erfahre, welche Spirituosenmarken genau ich auf dem Tisch hatte – die eine oder andere hätte sicher einen Weg in meine Heimbar gefunden. So muss ich mich gedulden, bis die Endergebnisse vorliegen, um dann anhand der Medaillen zu raten, welche es gewesen sein könnte.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 04 - Tasting Gläser

Natürlich benutzt man einen Cuspidor (Spucknapf) für derartige Tastings, anders wäre das gar nicht möglich bei um die 100 Samples über 3 Tage. Der geneigte Spirituosenfreund ist damit natürlich nicht zufriedenzustellen, darum bestanden die Abende dann oft darin, dass man sich in kleinen Grüppchen auf der Terasse des Hotels oder in der angeschlossenen Whiskylibrary traf, um dort die Arbeit des Tastings hinter sich zu lassen und auf den Genuss umzuschwenken. Das Hotel Imperial in Plovdiv hat eine wirklich schön gestaltete und sehr gut ausgestatte Bar, mit Single Malt Scotch für jeden Geschmack. Wer mehr auf andere Spirituosengattungen steht, fand immer eine Gruppe, in der verschiedene Rakiyas, Mezcals, Cachaças, Bourbons oder Weinbrände, von den Teilnehmern selbst aus ihren Heimatländern mitgebracht, bereit standen. Man sieht daran, dass für alle Teilnehmer Spirituosen nicht nur ein Beruf oder Arbeit sind, sondern eine Leidenschaft – gute Laune und viel Lachen gehörte bei diesen Abendrunden immer dazu, dazu ein babylonisches Sprachgewirr, bei einem Wechsel des Tischs änderte sich oft auch die Sprache, von Englisch auf Französisch auf Spanisch auf Deutsch und wieder zurück. Völkerverständigung par excellence.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 05 - Whiskylounge Hotel

Etwas, was ich an der Teilnahme an Spirits Selection unglaublich schätze, ist, dass wir als Juroren sehr stark ins Gastland miteingebunden werden. Nach den Tastings gibt es immer ein ausgedehntes Besichtigungsprogramm, in dem einem Land und Leute nähergebracht werden. Natürlich dreht sich auch dabei ein Großteil um Spirituosen, passend für die Zielgruppe. Zwei Besuche bei Herstellern nahmen dabei den Löwenanteil ein – einerseits die Ethanolfabrik von VP Brands in Katunitsa, mit beigelagerter Visite der Abfüllanlage und dem Fasslager in Peshtera; andererseits das Weingut Via Vinera bei Karabunar, das neben Wein auch Rakiya produziert. Der Unterschied dieser beiden Hersteller könnte größer kaum sein. Man erkennt auf den untenstehenden Bildern die Säulendestillation von VP Brands, die neben Getreidespirituosen damit auch Ethanol für technische Zwecke mit einem Reinheitsgrad von 99,6% herstellen; eine bestimmt 30 Meter hohe Säule, aus der am Tag 120000 Liter fließen. Gegenüber steht der Alambik von Via Vinera, in dem im Batch-Verfahren vergleichsweise verschwindend geringe Mengen gewonnen werden. Auch die Rohstofflagerung ist unterschiedlich, links unten mag man anhand der Größenverhältnisse der behelmten Besucher in roten Warnwesten die Größe der Getreidesilos von VP Brands einschätzen, aus deren vieltausendtonnigem Inhalt der Sprit produziert wird. Rechts daneben die kleinen Edelstahltanks, in denen Via Vinera seinen Wein fermentiert.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 06 - Vergleich VP Brands - Via Vinera

Von der Besucheranlage bei VP Brands erspare ich dem geneigten Leser die Fotos, da gibt es nichts zu sehen. Das Weingut Via Vinera dagegen hat auch optisch so einiges zu bieten; sehr neu, erst 2007 eröffnet, in einer herrlichen Lage inmitten von Weinbergen gelegen. Vor allem die typisch bulgarischen Rebsorten Dimyat und Misket werden hier angebaut, Weiß- und Rotwein daraus gewonnen und auch die Rakiyas, die unter dem Label Културна (Kulturna) vertrieben werden. Ich schätze die totale Transparenz, mit der wir durch die Produktionsanlagen geführt wurden, und uns alles bis ins kleinste Detail erläutert wurde – erneut eine frappierende Diskrepanz zum Besuch bei VP Brands, in dem Fotos eigentlich verboten wurden, und wir zu Beginn eine DIN-A4-Seite voll Regeln vorgelesen bekamen, unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass bei vermuteten Spionageaktivitäten (!) die Besichtigung sofort abgebrochen und rechtliche Schritte eingeleitet werden. Nun, vielleicht ist das notwendig bei einem derart großen Hersteller mit viel technischen Betriebsgeheimnissen, es wirkte nur seltsam sowjetisch absurd. Nicht, dass die Besichtigungsführer unfreundlich gewesen wären, keineswegs – dennoch lobe ich mir dagegen die Offenheit, Ruhe und Gelassenheit des Weinguts.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 07 - Besuch Via Vinera

Für Laien immer besonders beeindruckend sind die Fasslager. Ich gebe zu, für mich persönlich reicht es aus, kurz durchzulaufen – ein paar interessante Details, der Rest ist halt ein Lagerhaus, das in den meisten Betrieben doch sehr ähnlich ist. Sowohl bei Via Vinera als auch bei VP Brands besichtigten wir deren jeweilige Fasslager. VP Brands wartet mit 6fach gestapelten Fässern auf, tief in den Raum hinein: 12000 Fässer, hauptsächlich aus bulgarischer Eiche in unterschiedlicher Größe. Bei Via Vinera ist der Keller des Haupthauses voll mit Holzfässern, ein Großteil davon enthält allerdings Wein.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 08 - Fässer

Neben den Besuchen bei lokalen Herstellern gehört auch ein eher touristisches Besichtigungsprogramm zu den Annehmlichkeiten, die Spirits Selection dem Juror bietet. Eine Führung durch den alten Stadtkern Plovdivs war hierbei besonders hervorzuheben – es ist gut zu sehen, dass die Stadt versucht, diese alten, traditionellen Gebäude und ihre Inneneinrichtung zu schützen. Beeindruckend war gegen Ende der Führung der Ausblick von der alten Festung, die in Ruinen liegt und von der man nur noch die Grundmauern erkennen kann, über den modernen Rest Plovdivs: Alt und neu einträchtig vereint. Ich mag derartige Spannungsfelder sehr, auch wenn, ehrlich gesagt, die etwas in die Jahre gekommene Architektur des modernen Plovdiv schon deutlichen Renovierungsbedarf aufweist.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 09 - Besuch Plovdiv

Das absolute Highlight des kulturellen Teils des Programms war die Vorstellung, die die Folkloregruppe Plovdivs für uns bereit hielt. Organisiert speziell für die Teilnehmer von Spirits Selection, war die Tanz- und Gesangsdarbietung offen für jeden Bürger Plovdivs, und entsprechend brechend voll war das antike Amphitheater. Ein grandioser Anblick, und ein atemberaubendes Spektakel. Eine gute Stunde dauerte die Darbietung aus traditionellen bulgarischen Gesängen und den Choreographien, die mich in ihrer verblüffenden Komplexität und technischen Ausführung sprachlos mit offenem Mund dasitzen ließen. Das war keine pseudofolkloristische Touristenpräsentation, sondern höchstwertige Unterhaltung. Allein diese Vorstellung war die Reise vielfach wert – sollte ein Leser jemals die Chance haben, bei einem Besuch in Bulgarien so etwas zu besuchen, ich rate dazu, alles andere dafür zurückzustellen. Es war ein berauschendes Erlebnis und hohe Kunst.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 10 - Besuch Amphitheater Plovdiv

Ein weiterer fester Agendapunkt ist die Übergabe der Verantwortung vom aktuellen Gastgeber des Concours an den des nächsten Jahres. Es wird auch vor den Teilnehmern zunächst geheim gehalten, wohin die Reise des Folgejahres gehen wird – 2019 reist Spirits Selection nach China. Die Stadt Lüliang in der nordchinesischen Provinz Shanxi übernimmt den Staffelstab von Plovdiv. Ein Galadiner, organisiert von der chinesischen Delegation im Hotel St. Petersburg, sollte uns darauf schon einmal etwas einstellen – die Tische waren voll mit Baijiu-Flaschen, ein Geschenkset mit chinesischem Porzellan wurde jedem Anwesenden überreicht, und Ulric Njis präsentierte Cocktails, deren Hauptzutat der chinesische klare Hirseschnaps Baijiu war (ich versuche, die Rezepte zu ergattern, denn es waren wahre Köstlichkeiten, die ich gern an die Leser meines Blogs weitergeben würde). Von Tisch zu Tisch schallten die Ganbei!-Rufe, mit denen jedes Zuprosten eingeleitet wurde. Nachdem jeder Teilnehmer sich noch auf der großen Leinwand per Unterschrift verewigt hatte, ging das Dinner mit 5 Gängen bulgarischer Spezialitäten langsam zu Ende; und damit auch die gesamte Woche des Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2018 in Bulgarien.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 11 - Übergabe Bulgarien - China

Natürlich konnte ich nicht widerstehen, neben den Präsenten der Hersteller noch ein paar zusätzliche Schmankerl für die heimische Hausbar mit einzupacken (wohl dem, der daran denkt, genug Luftpolsterfolie auf so eine Reise mitzunehmen!). Black Ram ist ein beliebter Whisky in Bulgarien, Пещерска Отлежала ein Rakiya, wie der Whisky aus dem Hause VP Brands. Der Rakiya Културна Отлежала stammt vom Weingut Via Vinera, wie oben gesehen. Troyanska Slivovitz Special Reserve ist ein 25 Jahre gereifter bulgarischer Pflaumenrakiya; Destilerija Zarič Rakija od Malina Opsesija ein herrlicher Himbeerrakiya aus Serbien. Da Spirits Selection immer ein besonderes Augenmerk auf Baijiu legt, kamen natürlich auch Exemplare des chinesischen Klaren mit ins Gepäck – Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20, ein Präsent des nächstjährigen Gastgebers, sowie Ming River Sichuan Baijiu, den ich großartigerweise von Derek Sandhaus, dem Autor von Baijiu: The Essential Guide to Chinese Spirits, der auch als Juror anwesend war, persönlich bekommen habe. Ein Koffer voll gutem Stoff also, an dem ich viel Freude haben werde. Natürlich folgt für die meisten dieser Brände auch irgendwann ein entsprechender Verkostungsartikel hier auf meinem Blog.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 12 - Mitbringsel

5 Tage mit sehr wenig Schlaf und einem riesigen Informationsoverload vergingen praktisch im Flug – wie schon letztes Jahr war es ein fantastisches Erlebnis, mit sovielen Experten auf so engem Raum soviel Zeit zu verbringen. Nach nur zwei Teilnahmen an Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles fühle ich mich bereits in eine Familie eingebunden, die unendlich lehrreich und gleichzeitig voller Spaß ist; besonders großartig war das Wiedertreffen mit den Leuten, die ich im letzten Jahr gut kennengelernt hatte – inzwischen sind es Freunde. Bulgarien, insbesondere Plovdiv, sorgte für die lebhafte Kulisse. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich all die Erfahrungen verarbeitet habe. Ich danke den Organisatoren für die diesjährige Einladung ganz herzlich und wünsche viel Glück und Erfolg für Lüliang 2019. Bis dahin trinke ich den einen oder anderen Rakiya und stoße an: Наздраве!

Chi chi chi, le le le! Viva Chile! Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Chile 2017

Der Sommer 2017 war ein sehr aufregender für mich – ich wurde mit einer Einladung geehrt, als eines von 66 Jurymitgliedern aus aller Welt am renommierten Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles teilzunehmen. Wie man schon am Ceacheí im Titel erkennen kann, war das diesjährige Gastland das südamerikanische Chile.

2017 fand der global herumreisende Wettbewerb nun also mit mir als kleinem Seitenakteur in La Serena, der viertgrößten Stadtagglomeration Chiles, statt. Man mag sich ausmalen, dass bereits die Anreise ein Abenteuer für sich war: 8700 Kilometer nach Dallas/Texas, um dort umzusteigen, dann weitere 8300 Kilometer nach Santiago de Chile, und ein letzter Inlandsanschlussflug dann nach La Serena. Knapp 40 Stunden dauerte diese Reise, die mich von Europa, über das Überfliegen der Südspitze Grönlands bis tief in die Südhalbkugel unserer Erde führte. Eine Weltreise, die ich dank des freundlichen Personals von American Airlines gut überstand.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Chile 2017 Reise LandkarteNun will ich keinen Reisebericht über Chile schreiben, obwohl das Land mich vom ersten Moment an bezaubert hat. Wer die Chance hat, es zu besuchen, sollte es auf jeden Fall tun, insbesondere, wenn man sich für atemberaubende Natur begeistern kann – Chile hat ein Längen-Breitenverhältnis von 21:1, und entsprechend findet man hier von der trockensten Wüste der Welt im Norden bis zum gemäßigten Regenwald im Süden alles; darüber hinaus weist Chile die klarste Luft der Welt auf, was sich in vielen Sternenobservatorien äußert (leider erwischten wir bei unserem Besuch bei einem solchen den einzigen bewölkten Tag des Jahres). Die Menschen, nur 23 von ihnen pro Quadratkilometer,  sind freundlich, zurückhaltend, gleichzeitig stolz auf ihr Land und seine Produkte.

Eines dieser Produkte ist Pisco. Entsprechend der Verortung in Chile hatte Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles natürlich auch ein besonderes Augenmerk auf diesen Weinbrand gelegt. Am ersten Abend des Wettbewerbs konnten eine Vielzahl der Hersteller an einer Soirée ihre Brände präsentieren, und die beeindruckende Spannbreite darlegen, die der chilenische Pisco aufzuweisen hat. Cocktails mit Pisco, chilenische Snacks (zum Beispiel herausragende chilenische Empanadas mit Meeresfruchtfüllung), viele Reden der lokalen Orts- und Verbandsvorsteher und der Versuch, ein paar der anderen Juroren kennenzulernen, sorgten dafür, dass kaum Jetlag bei mir entstehen konnte, bevor ich dann doch erschöpft im Hotel Club La Serena, nur wenige Schritte vom Strand des Pazifik entfernt, ins Bett fallen konnte. Der Pazifik sorgte dann für eine sehr angenehme Geräuschkulisse über Nacht, und der Ausblick morgens vom Balkon des Zimmers im siebten Stock für sofortige gute Laune.

Blick auf den Pazifik vom Balkon des Hotelzimmers in La Serena

Die Kommunikation begann am nächsten Morgen, beim Frühstück, der wichtigsten Mahlzeit eines Spirituosentesters, wenn man bereits um 09:00 morgens mit dem Verkosten beginnen soll. Eine gute Basis legen ist Pflicht, selbst wenn die Samples, die man vorgesetzt bekommt, natürlich nicht vollkonsumiert werden, sondern nach der ausführlichen Geschmacksprobe in einem Cuspidor landen – vulgo Spucknapf. Bei der durchschnittlichen Menge von 35 Spirituosen, die es pro Tag zu bewerten galt, ist das auch nicht anders möglich. Für mich ein kleiner Mangel, denn das Rachen- und Nachhallgefühl, das erst durch das Schlucken eines Getränks entsteht, entgeht einem dabei natürlich.

Spirits Selection Umhänger

66 Juroren waren also angereist, aus 22 Ländern. Diese wurden dann in kleinere Gruppen von je 6 aufgeteilt, die sich jeweils gemeinsam über dieselben Proben hermachen sollten. Zu Beginn jedes Verkostungstags fand noch eine sogenannte Kalibrierung statt, in der eine einzelne Probe dazu dient, ein gemeinsames Gefühl über Qualität in der jeweiligen Gruppe zu erzeugen. Das Vorgehen des Verkostens selbst ist einfach – auf einer numerischen Skala galt es, jeder blind servierten Probe (selbst im Nachhinein erfährt der Verkoster nicht, was er da im Glas hatte) einen Wert bezüglich Farbe, Geruch, Geschmack und Gesamteindruck zu verpassen; die Einzelwerte werden summiert und ergeben somit einen Gesamtwert auf einer Skala von 1 bis 100. Die 6 Bewertungsbögen wurden dann eingesammelt, und die Wertungen nach dem Winsorizing-Verfahren von Extremwerten bereinigt – dies verhindert, dass einzelne Werter eine Spirituose übermäßig anheben oder extrem abwerten können. Der entstandene Durchschnittswert der 6 Juryteilnehmer wurde im Anschluss gemeinsam in der Gruppe besprochen.

Spirits Selection Chile 2017 Jury 2 Gruppenfoto

Der letzte Schritt bestand darin, den besonders gut bewerteten Spirituosen dann Medaillen zu vergeben – Silber, Gold und Grand Gold standen dabei zur Verfügung. Nur wenn ein jeweils bestimmter Schwellwert überschritten wurde, konnten diese Medaillen zugewiesen werden, doch jeder Juror konnte natürlich in einem demokratischen Mehrheitsverfahren seine Meinung äußern. Nur einmal war die Diskussion etwas komplizierter, weil die Geschmäcker über ein Sample zwischen „keine Medaille“ und „Grand Gold“ schwankten. Da ist dann der Präsident des Tischs gefordert, einen Konsens herbeizuführen. Dieser Präsident ist immer ein erfahrener Veteran des Wettbewerbs, der sein Wissen und Können bereits mehrfach unter Beweis gestellt hat, und entsprechend eine gewisse Autorität darstellt.

Spirits Selection 2017 Chile Urkunde

Der Prozess liest sich insgesamt recht einfach, doch ich gebe gern zu, dass ich zu Beginn meine Schwierigkeiten damit hatte. 1140 Spirituosen sollten in toto bewertet werden, das bedeutet grob über 100 für unsere Gruppe, aufgeteilt auf 3 Tage. Dass dabei nicht wirklich viel Zeit bleibt, jede Nuance eines Brands auszuschnüffeln und herauszukitzeln, ist selbstredend – man hat als Taster kaum Muße, sich einem Produkt wirklich hinzugeben und es in Breite und Tiefe zu würdigen. Nein, man muss fokussiert bei der Sache sein, sich extrem auf den eigenen Gaumen konzentrieren, sich nicht ablenken lassen und streng mit sich selbst sein. Es geht schließlich nicht darum, detaillierte Tasting Notes zu verfassen, sondern um eine Einordnung. Gerade zu Beginn fiel mir das schwer, doch dank der großartigen Mitstreiter am Tisch lernt man schnell, sich in den entsprechenden Flow zu begeben und dort zu versinken. Vielen Dank für Eure Kollegialität, José Rafael Arango Ordóñez (Kolumbien), Jesús Bernad (Spanien), Bruno Sanfilippo (Frankreich), Bruno Pilzer (Italien) und Felipe Rojas Bruna (Chile)!

Verkostung Spirits Selection Chile 2017

Zum ersten Mal beim Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles präsentierten die Organisatoren ein Buch, das Hinweise für alle Spirituosengattungen, die am Wettbewerb teilnahmen, klar verständlich darlegte. Was sind sortentypische Geschmäcker und Aromen, was sind Fehltöne, worauf muss man achten, was ist ein Zeichen von Qualität und was könnte auf einen Mangel hindeuten? Welche Varianten gibt es, und wie unterscheidet man sie? Eine sehr wertvolle Ressource, insbesondere, da es soviele verschiedene Gattungen zu bewerten galt. Auf meinem Zettel beispielsweise stand am Ende Tequila Blanco, Mezcal Añejo, Baijiu, Armagnac hors d‘âge, Cognac VS, Cognac XO, Contemporary Style Gin, Bitter, weißer Rhum Agricole, leicht gereifter Rhum Agricole, Cachaça Armazenada Jequitibá, gereifter Melasse-Rum, mit Banane und Passionsfrucht aromatisierter Rum, Anisette und Wermut. Damit kenne ich mich zwar größtenteils aus, doch in manchen dieser Kategorien war ich für entsprechende Hinweise aus dem Buch dennoch sehr dankbar.

Spirits Selection 2017 Chile Handbuch

Ein zweites Problem für mich, der ich in meinen Artikeln nie eine Note oder absolute Zahl als Bewertung vergebe, ist die Einordnung in eine Skala. Ich glaube nicht daran, den Wert oder die Bedeutung einer Spirituose in Zahlen messen zu können; ich beschied mich am Ende darin, und sah das Vorgehen als Mittel zum Zweck an, eine gemeinsame Basis für die Medaillenvergabe, die der eigentliche Sinn des Wettbewerbs ist, zu finden. Tatsächlich war es spannend zu beobachten, wie ähnlich sich viele Bewertungsbögen, in die ich ab und an kiebitzte, waren – in der Gruppe, in der ich mich befand, waren wir sehr oft auf einer Wellenlänge, was die Beurteilung anging, nur ab und zu gab es deutliche Abweichungen. Ein gutes Zeichen, würde ich sagen!

Spirits Selection 2017 Chile Verkostungssaal

Nach der Verkostung am Vormittag (4 Stunden wirklich anstrengende Arbeit!), war der Nachmittag der Rekreation gewidmet. Die Organisatoren des Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles hatten sich alle Mühe gegeben, uns den Aufenthalt in Chile mit einem üppigen Rahmenprogramm zu versüßen. Ausflüge zu Destillerien (zum Beispiel zu Pisco Bauzá, oder in die Pisco-„Fabrik“ der Capel-Kooperative, über beide werde ich separate Artikel verfassen), oder naturnäher in das Valle de Elqui und in das dank einiger Monate üppigen Regens ungewohnt grüne und blühende Valle del Limarí, immer verbunden mit entsprechenden Empfängen der lokalen Politik und dazugehörigen Dinnern und Lunches, waren höchst beeindruckend. Besonders möchte ich hierbei unserem Tour Guide Marcelo Valenzuela danken, der mit viel Humor und noch mehr Wissen über Chile diese Touren für mich persönlich unglaublich wertvoll und unvergesslich machte.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Chile 2017 Folklore Chile TanzIch habe bei dieser Reise so viel gelernt, dass ich es kaum verarbeiten kann. Das wunderbare Chile spielte seine Rolle als Gastgeber mehr als perfekt, es empfing uns mit offenen Armen und viel Herz. Die Organisatoren des Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles haben es geschafft, die Abläufe des Spirituosenwettbewerbs flüssig und wie ein Uhrwerk zu timen, und uns Juroren dabei noch großartig zu unterhalten. Und schließlich habe ich eine Menge von außergewöhnlichen Menschen kennenlernen dürfen, deren Wissen und teilweise jahrzehntelange Erfahrung über Spirituosen mich doch etwas demütig gemacht hat, die aber gleichzeitig nie arrogant oder abgehoben waren, sondern aufgeschlossen, hilfsbereit und freundlich. Ich glaube, dass ich sogar ein paar davon als Freunde gewonnen habe.

Spirits Selection 2017 Chile Gruppenfoto

Am Ende der Veranstaltung wurde dann der Austragungsort des nächsten Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles bekanntgegeben – Plovdiv, Bulgarien. Sollte ich auch 2018 eingeladen werden, an diesem spannenden Wettbewerb teilnehmen zu dürfen, werde ich ohne darüber nachdenken zu müssen zusagen. Sollte es nicht klappen, wünsche ich meinem Nachfolger, dass er oder sie mindestens so viel Spaß und Erkenntnisgewinn aus dieser Veranstaltung ziehen kann wie ich. Ich für meinen Teil danke den Organisatoren für die Einladung ganz herzlich und wünsche viel Glück und Erfolg für Plovdiv 2018.

Alles Gute geht zuende, und auch der Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles in Chile war nach 5 verrückten, spannenden, lehrreichen und anstrengenden Tagen vorbei. Die Rückreise, erneut um die 40 Stunden, erneut um die 17500 Kilometer, führte mich dann via Dallas über den Tropensturm „Harvey“, der Südtexas mit Überflutungen überzog, hinweg, wieder nach Saarbrücken, wo bereits das nächste Flugzeug auf mich wartete, um mich nach Kreta zu bringen. Doch das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.