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Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Edition 2018 Titel

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2018 – Plovdiv (Bulgarien)

Es war eine Riesenfreude für mich, gepaart mit sehr viel Stolz, als ich im Mai dieses Jahres die Einladung erhielt, am internationalen reisenden Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2018, stattfindend in Plovidv (Bulgarien), teilzunehmen. Bis heute erinnere mich äußerst gern an das Abenteuer, das die Teilnahme in Chile letztes Jahr für mich bedeutete – die Frage, ob ich die Einladung annehmen soll, stellte sich mir daher gar nicht. Die Vorfreude darauf, alte Bekannte wiederzutreffen, neue Gesichter kennenzulernen und neue Spirituosen verkosten zu dürfen, ließ mich bis Ende August fiebern. Endlich konnte es losgehen.

Die Anreise, innerhalb Europas und sogar der EU natürlich weit weniger kompliziert und aufregend als die ins südliche Südamerika, führte mich von Saarbrücken über Frankfurt/Main nach Sofia, der Hauptstadt Bulgariens, und von dort zum Austragungsort Plovdiv, der, je nach Aussage, zweit- bis drittgrößten Stadt Bulgariens. 2019 wird Plovdiv Kulturhauptstadt Europas sein; es versprach also nicht nur spiritistisch, sondern auch kulturell eine anregende Reise zu werden.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 00 - Reiseroute

Der erste volle Tag in Plovdiv war reserviert für eine ganze Reihe von Masterclasses. Begonnen wurde mit einem wirklich spannenden Experiment, in dem 12 französische Weinbrände vorgeführt wurden, von denen jeder einen speziellen sensorischen Mangel aufwies. Olivier Chapt und Jean-Luc Braud erklärten, wodurch so ein Mangel entsteht und wie/ob er vom Brenner behoben werden kann. Alexandra Le Floch und Emmanuel Boudaric von der Independent Stave Company zeigten die aktuellen Entwicklungen auf, was Fassmanagement und -konstruktion angeht – die Gestaltungsfreiheit, die ein Fasskäufer heute hat, ist wirklich erstaunlich. Nikolay Bakalov und Nikolay Stoyanov führten in die Geschichte und Herstellungsprozesse der bulgarischen Nationalspirituose Rakiya ein. Danach zeigte Svetlin Mirchev von RakiaShop mittels einer Food-Pairing-Demonstration, dass Rakiya ein idealer Essensbegleiter ist. Darko Angeleski, Barmann der 5L Speakeasy Bar in Sofia, komplettierte diese Trilogie über Rakiya mit einem live gemixten Cocktail. Am Ende wechselten wir zu Whisky – Cyrille Mald, Autor des Buchs „Iconic Whiskies“, stellte neue, interessante Whiskyveröffentlichungen aus Schottland, Frankreich und Belgien vor. Ein langer Tag voll hochkonzentrierter Information, ich habe unglaublich viel gelernt.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 01 - Masterclasses

Es ist Tradition bei Spirits Selection, dass einer der ersten Abende aus einem Zusammentreffen der Juroren mit diversen Herstellern lokaler Spirituosen besteht. So kann man sich ein Bild machen, welche Breite und Tiefe an Produkten in der Region vorhanden ist, und Kontakte knüpfen. Besonders auffällig waren an diesem Abend die Stände von Ракия Исперих / Rakia Isperih, wo Master Distiller Barash Musa persönlich seine erstaunliche Fruchtrakiyapalette vorstellte – die Highlights darunter für mich ein wirklich leckerer Quittenbrand, ein hochinteressanter Feigenbrand sowie ein Kürbisbrand; und von Черноморско Злато / Black Sea Gold, die mit dem feinduftenden Аламбик (Alambic) und ihren langjährig gereiften Weinbränden die andere Seite des breiten Spektrums der bulgarischen Spirituosentrinkkultur abbildeten. Ausführliches Probieren und Diskutieren in einer attraktiven Umgebung, bei angenehmen Temperaturen: Sehr schön organisiert vom Spirits-Selection-Team in Zusammenarbeit mit den lokalen Organisatoren und Produzenten.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 02 - Präsentation der Hersteller im Hotel

Das Hotel Imperial Plovdiv Hotel & Spa, wo diese Veranstaltung abends im Hof stattfand, war dann auch der Ort, wo die tatsächliche Arbeitsstätte für uns Taster lag. Im neunten Stock wurde der Tagungsraum von den 12 Tischen, an denen die Jurymitglieder in Gruppen die 3 Tage des offiziellen Wettbewerbs aufgeteilt saßen, voll ausgefüllt. Mir ist dieses Szenario noch vom letzten Jahr bekannt gewesen, und tatsächlich ist das zweite Mal, wenn man an so etwas teilnimmt, deutlich einfacher als das erste Mal. Ich bin dennoch wieder fasziniert gewesen von der Fokussierung, die die Tester zeigen, sobald sie ihre Samplegläser vor sich auf dem Tisch haben – trotz insgesamt fast 100 Leuten im Raum herrscht dann eine konzentrierte Stille, die nur vom hin und wieder auftretenden Klimpern sich berührender Gläser und dem einen oder anderen Ausruf, wenn ein Glas aus Versehen umkippt, durchbrochen wird. Alles Profis, man spürt das direkt.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 03 - Tastingraum Hotel

Das Vorgehen hatte ich bereits in meinem Artikel für Spirits Selection 2017 beschrieben – es hat sich nichts grundlegendes geändert. Pro Tag waren erneut zwischen 4 und 6 Flights vorgesehen, die jeweils zu einer Spirituosenkategorie gehören. Nur mit einer Reihenfolgennummer versehen werden die Samplegläser vor dem Taster auf dem Tisch aufgebaut, und es erfolgt eine Bewertung hinsichtlich Optik, Aroma und Geschmack, sowie einer Gesamtbetrachtung. Meine Flights dieses Jahr bestanden aus Vodka, jungem Tresterbrand, Rhum agricole VO und XO, sauce-aroma Baijiu, strong-aroma Baijiu, peruanischem Pisco, gereiftem Grappa, diversen Weinbränden, Bacanora, Rhum arrangé und Fruchtwein. Eine sehr schöne Zusammenstellung, die mir und meinen Interessen gut entgegen kam. Insbesondere der Bacanora-Flight war spannend, denn diese mexikanische Agavenspirituose aus der Sonora-Wüste kannte ich bisher noch gar nicht. Auch meine ich, nach 2 Jahren Einarbeitung nun endlich Baijiu wirklich verstehen zu können. Der Wermutstropfen insgesamt an diesem sehr diskreten Verfahren liegt für mich persönlich darin, dass ich nie erfahre, welche Spirituosenmarken genau ich auf dem Tisch hatte – die eine oder andere hätte sicher einen Weg in meine Heimbar gefunden. So muss ich mich gedulden, bis die Endergebnisse vorliegen, um dann anhand der Medaillen zu raten, welche es gewesen sein könnte.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 04 - Tasting Gläser

Natürlich benutzt man einen Cuspidor (Spucknapf) für derartige Tastings, anders wäre das gar nicht möglich bei um die 100 Samples über 3 Tage. Der geneigte Spirituosenfreund ist damit natürlich nicht zufriedenzustellen, darum bestanden die Abende dann oft darin, dass man sich in kleinen Grüppchen auf der Terasse des Hotels oder in der angeschlossenen Whiskylibrary traf, um dort die Arbeit des Tastings hinter sich zu lassen und auf den Genuss umzuschwenken. Das Hotel Imperial in Plovdiv hat eine wirklich schön gestaltete und sehr gut ausgestatte Bar, mit Single Malt Scotch für jeden Geschmack. Wer mehr auf andere Spirituosengattungen steht, fand immer eine Gruppe, in der verschiedene Rakiyas, Mezcals, Cachaças, Bourbons oder Weinbrände, von den Teilnehmern selbst aus ihren Heimatländern mitgebracht, bereit standen. Man sieht daran, dass für alle Teilnehmer Spirituosen nicht nur ein Beruf oder Arbeit sind, sondern eine Leidenschaft – gute Laune und viel Lachen gehörte bei diesen Abendrunden immer dazu, dazu ein babylonisches Sprachgewirr, bei einem Wechsel des Tischs änderte sich oft auch die Sprache, von Englisch auf Französisch auf Spanisch auf Deutsch und wieder zurück. Völkerverständigung par excellence.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 05 - Whiskylounge Hotel

Etwas, was ich an der Teilnahme an Spirits Selection unglaublich schätze, ist, dass wir als Juroren sehr stark ins Gastland miteingebunden werden. Nach den Tastings gibt es immer ein ausgedehntes Besichtigungsprogramm, in dem einem Land und Leute nähergebracht werden. Natürlich dreht sich auch dabei ein Großteil um Spirituosen, passend für die Zielgruppe. Zwei Besuche bei Herstellern nahmen dabei den Löwenanteil ein – einerseits die Ethanolfabrik von VP Brands in Katunitsa, mit beigelagerter Visite der Abfüllanlage und dem Fasslager in Peshtera; andererseits das Weingut Via Vinera bei Karabunar, das neben Wein auch Rakiya produziert. Der Unterschied dieser beiden Hersteller könnte größer kaum sein. Man erkennt auf den untenstehenden Bildern die Säulendestillation von VP Brands, die neben Getreidespirituosen damit auch Ethanol für technische Zwecke mit einem Reinheitsgrad von 99,6% herstellen; eine bestimmt 30 Meter hohe Säule, aus der am Tag 120000 Liter fließen. Gegenüber steht der Alambik von Via Vinera, in dem im Batch-Verfahren vergleichsweise verschwindend geringe Mengen gewonnen werden. Auch die Rohstofflagerung ist unterschiedlich, links unten mag man anhand der Größenverhältnisse der behelmten Besucher in roten Warnwesten die Größe der Getreidesilos von VP Brands einschätzen, aus deren vieltausendtonnigem Inhalt der Sprit produziert wird. Rechts daneben die kleinen Edelstahltanks, in denen Via Vinera seinen Wein fermentiert.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 06 - Vergleich VP Brands - Via Vinera

Von der Besucheranlage bei VP Brands erspare ich dem geneigten Leser die Fotos, da gibt es nichts zu sehen. Das Weingut Via Vinera dagegen hat auch optisch so einiges zu bieten; sehr neu, erst 2007 eröffnet, in einer herrlichen Lage inmitten von Weinbergen gelegen. Vor allem die typisch bulgarischen Rebsorten Dimyat und Misket werden hier angebaut, Weiß- und Rotwein daraus gewonnen und auch die Rakiyas, die unter dem Label Културна (Kulturna) vertrieben werden. Ich schätze die totale Transparenz, mit der wir durch die Produktionsanlagen geführt wurden, und uns alles bis ins kleinste Detail erläutert wurde – erneut eine frappierende Diskrepanz zum Besuch bei VP Brands, in dem Fotos eigentlich verboten wurden, und wir zu Beginn eine DIN-A4-Seite voll Regeln vorgelesen bekamen, unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass bei vermuteten Spionageaktivitäten (!) die Besichtigung sofort abgebrochen und rechtliche Schritte eingeleitet werden. Nun, vielleicht ist das notwendig bei einem derart großen Hersteller mit viel technischen Betriebsgeheimnissen, es wirkte nur seltsam sowjetisch absurd. Nicht, dass die Besichtigungsführer unfreundlich gewesen wären, keineswegs – dennoch lobe ich mir dagegen die Offenheit, Ruhe und Gelassenheit des Weinguts.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 07 - Besuch Via Vinera

Für Laien immer besonders beeindruckend sind die Fasslager. Ich gebe zu, für mich persönlich reicht es aus, kurz durchzulaufen – ein paar interessante Details, der Rest ist halt ein Lagerhaus, das in den meisten Betrieben doch sehr ähnlich ist. Sowohl bei Via Vinera als auch bei VP Brands besichtigten wir deren jeweilige Fasslager. VP Brands wartet mit 6fach gestapelten Fässern auf, tief in den Raum hinein: 12000 Fässer, hauptsächlich aus bulgarischer Eiche in unterschiedlicher Größe. Bei Via Vinera ist der Keller des Haupthauses voll mit Holzfässern, ein Großteil davon enthält allerdings Wein.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 08 - Fässer

Neben den Besuchen bei lokalen Herstellern gehört auch ein eher touristisches Besichtigungsprogramm zu den Annehmlichkeiten, die Spirits Selection dem Juror bietet. Eine Führung durch den alten Stadtkern Plovdivs war hierbei besonders hervorzuheben – es ist gut zu sehen, dass die Stadt versucht, diese alten, traditionellen Gebäude und ihre Inneneinrichtung zu schützen. Beeindruckend war gegen Ende der Führung der Ausblick von der alten Festung, die in Ruinen liegt und von der man nur noch die Grundmauern erkennen kann, über den modernen Rest Plovdivs: Alt und neu einträchtig vereint. Ich mag derartige Spannungsfelder sehr, auch wenn, ehrlich gesagt, die etwas in die Jahre gekommene Architektur des modernen Plovdiv schon deutlichen Renovierungsbedarf aufweist.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 09 - Besuch Plovdiv

Das absolute Highlight des kulturellen Teils des Programms war die Vorstellung, die die Folkloregruppe Plovdivs für uns bereit hielt. Organisiert speziell für die Teilnehmer von Spirits Selection, war die Tanz- und Gesangsdarbietung offen für jeden Bürger Plovdivs, und entsprechend brechend voll war das antike Amphitheater. Ein grandioser Anblick, und ein atemberaubendes Spektakel. Eine gute Stunde dauerte die Darbietung aus traditionellen bulgarischen Gesängen und den Choreographien, die mich in ihrer verblüffenden Komplexität und technischen Ausführung sprachlos mit offenem Mund dasitzen ließen. Das war keine pseudofolkloristische Touristenpräsentation, sondern höchstwertige Unterhaltung. Allein diese Vorstellung war die Reise vielfach wert – sollte ein Leser jemals die Chance haben, bei einem Besuch in Bulgarien so etwas zu besuchen, ich rate dazu, alles andere dafür zurückzustellen. Es war ein berauschendes Erlebnis und hohe Kunst.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 10 - Besuch Amphitheater Plovdiv

Ein weiterer fester Agendapunkt ist die Übergabe der Verantwortung vom aktuellen Gastgeber des Concours an den des nächsten Jahres. Es wird auch vor den Teilnehmern zunächst geheim gehalten, wohin die Reise des Folgejahres gehen wird – 2019 reist Spirits Selection nach China. Die Stadt Lüliang in der nordchinesischen Provinz Shanxi übernimmt den Staffelstab von Plovdiv. Ein Galadiner, organisiert von der chinesischen Delegation im Hotel St. Petersburg, sollte uns darauf schon einmal etwas einstellen – die Tische waren voll mit Baijiu-Flaschen, ein Geschenkset mit chinesischem Porzellan wurde jedem Anwesenden überreicht, und Ulric Njis präsentierte Cocktails, deren Hauptzutat der chinesische klare Hirseschnaps Baijiu war (ich versuche, die Rezepte zu ergattern, denn es waren wahre Köstlichkeiten, die ich gern an die Leser meines Blogs weitergeben würde). Von Tisch zu Tisch schallten die Ganbei!-Rufe, mit denen jedes Zuprosten eingeleitet wurde. Nachdem jeder Teilnehmer sich noch auf der großen Leinwand per Unterschrift verewigt hatte, ging das Dinner mit 5 Gängen bulgarischer Spezialitäten langsam zu Ende; und damit auch die gesamte Woche des Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2018 in Bulgarien.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 11 - Übergabe Bulgarien - China

Natürlich konnte ich nicht widerstehen, neben den Präsenten der Hersteller noch ein paar zusätzliche Schmankerl für die heimische Hausbar mit einzupacken (wohl dem, der daran denkt, genug Luftpolsterfolie auf so eine Reise mitzunehmen!). Black Ram ist ein beliebter Whisky in Bulgarien, Пещерска Отлежала ein Rakiya, wie der Whisky aus dem Hause VP Brands. Der Rakiya Културна Отлежала stammt vom Weingut Via Vinera, wie oben gesehen. Troyanska Slivovitz Special Reserve ist ein 25 Jahre gereifter bulgarischer Pflaumenrakiya; Destilerija Zarič Rakija od Malina Opsesija ein herrlicher Himbeerrakiya aus Serbien. Da Spirits Selection immer ein besonderes Augenmerk auf Baijiu legt, kamen natürlich auch Exemplare des chinesischen Klaren mit ins Gepäck – Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20, ein Präsent des nächstjährigen Gastgebers, sowie Ming River Sichuan Baijiu, den ich großartigerweise von Derek Sandhaus, dem Autor von Baijiu: The Essential Guide to Chinese Spirits, der auch als Juror anwesend war, persönlich bekommen habe. Ein Koffer voll gutem Stoff also, an dem ich viel Freude haben werde. Natürlich folgt für die meisten dieser Brände auch irgendwann ein entsprechender Verkostungsartikel hier auf meinem Blog.

Spirits Selection 2018 (Bulgarien) - 12 - Mitbringsel

5 Tage mit sehr wenig Schlaf und einem riesigen Informationsoverload vergingen praktisch im Flug – wie schon letztes Jahr war es ein fantastisches Erlebnis, mit sovielen Experten auf so engem Raum soviel Zeit zu verbringen. Nach nur zwei Teilnahmen an Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles fühle ich mich bereits in eine Familie eingebunden, die unendlich lehrreich und gleichzeitig voller Spaß ist; besonders großartig war das Wiedertreffen mit den Leuten, die ich im letzten Jahr gut kennengelernt hatte – inzwischen sind es Freunde. Bulgarien, insbesondere Plovdiv, sorgte für die lebhafte Kulisse. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich all die Erfahrungen verarbeitet habe. Ich danke den Organisatoren für die diesjährige Einladung ganz herzlich und wünsche viel Glück und Erfolg für Lüliang 2019. Bis dahin trinke ich den einen oder anderen Rakiya und stoße an: Наздраве!

Spirits Selection 2017 Chile Titel

Chi chi chi, le le le! Viva Chile! Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Chile 2017

Der Sommer 2017 war ein sehr aufregender für mich – ich wurde mit einer Einladung geehrt, als eines von 66 Jurymitgliedern aus aller Welt am renommierten Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles teilzunehmen. Wie man schon am Ceacheí im Titel erkennen kann, war das diesjährige Gastland das südamerikanische Chile.

2017 fand der global herumreisende Wettbewerb nun also mit mir als kleinem Seitenakteur in La Serena, der viertgrößten Stadtagglomeration Chiles, statt. Man mag sich ausmalen, dass bereits die Anreise ein Abenteuer für sich war: 8700 Kilometer nach Dallas/Texas, um dort umzusteigen, dann weitere 8300 Kilometer nach Santiago de Chile, und ein letzter Inlandsanschlussflug dann nach La Serena. Knapp 40 Stunden dauerte diese Reise, die mich von Europa, über das Überfliegen der Südspitze Grönlands bis tief in die Südhalbkugel unserer Erde führte. Eine Weltreise, die ich dank des freundlichen Personals von American Airlines gut überstand.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Chile 2017 Reise LandkarteNun will ich keinen Reisebericht über Chile schreiben, obwohl das Land mich vom ersten Moment an bezaubert hat. Wer die Chance hat, es zu besuchen, sollte es auf jeden Fall tun, insbesondere, wenn man sich für atemberaubende Natur begeistern kann – Chile hat ein Längen-Breitenverhältnis von 21:1, und entsprechend findet man hier von der trockensten Wüste der Welt im Norden bis zum gemäßigten Regenwald im Süden alles; darüber hinaus weist Chile die klarste Luft der Welt auf, was sich in vielen Sternenobservatorien äußert (leider erwischten wir bei unserem Besuch bei einem solchen den einzigen bewölkten Tag des Jahres). Die Menschen, nur 23 von ihnen pro Quadratkilometer,  sind freundlich, zurückhaltend, gleichzeitig stolz auf ihr Land und seine Produkte.

Eines dieser Produkte ist Pisco. Entsprechend der Verortung in Chile hatte Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles natürlich auch ein besonderes Augenmerk auf diesen Weinbrand gelegt. Am ersten Abend des Wettbewerbs konnten eine Vielzahl der Hersteller an einer Soirée ihre Brände präsentieren, und die beeindruckende Spannbreite darlegen, die der chilenische Pisco aufzuweisen hat. Cocktails mit Pisco, chilenische Snacks (zum Beispiel herausragende chilenische Empanadas mit Meeresfruchtfüllung), viele Reden der lokalen Orts- und Verbandsvorsteher und der Versuch, ein paar der anderen Juroren kennenzulernen, sorgten dafür, dass kaum Jetlag bei mir entstehen konnte, bevor ich dann doch erschöpft im Hotel Club La Serena, nur wenige Schritte vom Strand des Pazifik entfernt, ins Bett fallen konnte. Der Pazifik sorgte dann für eine sehr angenehme Geräuschkulisse über Nacht, und der Ausblick morgens vom Balkon des Zimmers im siebten Stock für sofortige gute Laune.

Blick auf den Pazifik vom Balkon des Hotelzimmers in La Serena

Die Kommunikation begann am nächsten Morgen, beim Frühstück, der wichtigsten Mahlzeit eines Spirituosentesters, wenn man bereits um 09:00 morgens mit dem Verkosten beginnen soll. Eine gute Basis legen ist Pflicht, selbst wenn die Samples, die man vorgesetzt bekommt, natürlich nicht vollkonsumiert werden, sondern nach der ausführlichen Geschmacksprobe in einem Cuspidor landen – vulgo Spucknapf. Bei der durchschnittlichen Menge von 35 Spirituosen, die es pro Tag zu bewerten galt, ist das auch nicht anders möglich. Für mich ein kleiner Mangel, denn das Rachen- und Nachhallgefühl, das erst durch das Schlucken eines Getränks entsteht, entgeht einem dabei natürlich.

Spirits Selection Umhänger

66 Juroren waren also angereist, aus 22 Ländern. Diese wurden dann in kleinere Gruppen von je 6 aufgeteilt, die sich jeweils gemeinsam über dieselben Proben hermachen sollten. Zu Beginn jedes Verkostungstags fand noch eine sogenannte Kalibrierung statt, in der eine einzelne Probe dazu dient, ein gemeinsames Gefühl über Qualität in der jeweiligen Gruppe zu erzeugen. Das Vorgehen des Verkostens selbst ist einfach – auf einer numerischen Skala galt es, jeder blind servierten Probe (selbst im Nachhinein erfährt der Verkoster nicht, was er da im Glas hatte) einen Wert bezüglich Farbe, Geruch, Geschmack und Gesamteindruck zu verpassen; die Einzelwerte werden summiert und ergeben somit einen Gesamtwert auf einer Skala von 1 bis 100. Die 6 Bewertungsbögen wurden dann eingesammelt, und die Wertungen nach dem Winsorizing-Verfahren von Extremwerten bereinigt – dies verhindert, dass einzelne Werter eine Spirituose übermäßig anheben oder extrem abwerten können. Der entstandene Durchschnittswert der 6 Juryteilnehmer wurde im Anschluss gemeinsam in der Gruppe besprochen.

Spirits Selection Chile 2017 Jury 2 Gruppenfoto

Der letzte Schritt bestand darin, den besonders gut bewerteten Spirituosen dann Medaillen zu vergeben – Silber, Gold und Grand Gold standen dabei zur Verfügung. Nur wenn ein jeweils bestimmter Schwellwert überschritten wurde, konnten diese Medaillen zugewiesen werden, doch jeder Juror konnte natürlich in einem demokratischen Mehrheitsverfahren seine Meinung äußern. Nur einmal war die Diskussion etwas komplizierter, weil die Geschmäcker über ein Sample zwischen „keine Medaille“ und „Grand Gold“ schwankten. Da ist dann der Präsident des Tischs gefordert, einen Konsens herbeizuführen. Dieser Präsident ist immer ein erfahrener Veteran des Wettbewerbs, der sein Wissen und Können bereits mehrfach unter Beweis gestellt hat, und entsprechend eine gewisse Autorität darstellt.

Spirits Selection 2017 Chile Urkunde

Der Prozess liest sich insgesamt recht einfach, doch ich gebe gern zu, dass ich zu Beginn meine Schwierigkeiten damit hatte. 1140 Spirituosen sollten in toto bewertet werden, das bedeutet grob über 100 für unsere Gruppe, aufgeteilt auf 3 Tage. Dass dabei nicht wirklich viel Zeit bleibt, jede Nuance eines Brands auszuschnüffeln und herauszukitzeln, ist selbstredend – man hat als Taster kaum Muße, sich einem Produkt wirklich hinzugeben und es in Breite und Tiefe zu würdigen. Nein, man muss fokussiert bei der Sache sein, sich extrem auf den eigenen Gaumen konzentrieren, sich nicht ablenken lassen und streng mit sich selbst sein. Es geht schließlich nicht darum, detaillierte Tasting Notes zu verfassen, sondern um eine Einordnung. Gerade zu Beginn fiel mir das schwer, doch dank der großartigen Mitstreiter am Tisch lernt man schnell, sich in den entsprechenden Flow zu begeben und dort zu versinken. Vielen Dank für Eure Kollegialität, José Rafael Arango Ordóñez (Kolumbien), Jesús Bernad (Spanien), Bruno Sanfilippo (Frankreich), Bruno Pilzer (Italien) und Felipe Rojas Bruna (Chile)!

Verkostung Spirits Selection Chile 2017

Zum ersten Mal beim Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles präsentierten die Organisatoren ein Buch, das Hinweise für alle Spirituosengattungen, die am Wettbewerb teilnahmen, klar verständlich darlegte. Was sind sortentypische Geschmäcker und Aromen, was sind Fehltöne, worauf muss man achten, was ist ein Zeichen von Qualität und was könnte auf einen Mangel hindeuten? Welche Varianten gibt es, und wie unterscheidet man sie? Eine sehr wertvolle Ressource, insbesondere, da es soviele verschiedene Gattungen zu bewerten galt. Auf meinem Zettel beispielsweise stand am Ende Tequila Blanco, Mezcal Añejo, Baijiu, Armagnac hors d‘âge, Cognac VS, Cognac XO, Contemporary Style Gin, Bitter, weißer Rhum Agricole, leicht gereifter Rhum Agricole, Cachaça Armazenada Jequitibá, gereifter Melasse-Rum, mit Banane und Passionsfrucht aromatisierter Rum, Anisette und Wermut. Damit kenne ich mich zwar größtenteils aus, doch in manchen dieser Kategorien war ich für entsprechende Hinweise aus dem Buch dennoch sehr dankbar.

Spirits Selection 2017 Chile Handbuch

Ein zweites Problem für mich, der ich in meinen Artikeln nie eine Note oder absolute Zahl als Bewertung vergebe, ist die Einordnung in eine Skala. Ich glaube nicht daran, den Wert oder die Bedeutung einer Spirituose in Zahlen messen zu können; ich beschied mich am Ende darin, und sah das Vorgehen als Mittel zum Zweck an, eine gemeinsame Basis für die Medaillenvergabe, die der eigentliche Sinn des Wettbewerbs ist, zu finden. Tatsächlich war es spannend zu beobachten, wie ähnlich sich viele Bewertungsbögen, in die ich ab und an kiebitzte, waren – in der Gruppe, in der ich mich befand, waren wir sehr oft auf einer Wellenlänge, was die Beurteilung anging, nur ab und zu gab es deutliche Abweichungen. Ein gutes Zeichen, würde ich sagen!

Spirits Selection 2017 Chile Verkostungssaal

Nach der Verkostung am Vormittag (4 Stunden wirklich anstrengende Arbeit!), war der Nachmittag der Rekreation gewidmet. Die Organisatoren des Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles hatten sich alle Mühe gegeben, uns den Aufenthalt in Chile mit einem üppigen Rahmenprogramm zu versüßen. Ausflüge zu Destillerien (zum Beispiel zu Pisco Bauzá, oder in die Pisco-„Fabrik“ der Capel-Kooperative, über beide werde ich separate Artikel verfassen), oder naturnäher in das Valle de Elqui und in das dank einiger Monate üppigen Regens ungewohnt grüne und blühende Valle del Limarí, immer verbunden mit entsprechenden Empfängen der lokalen Politik und dazugehörigen Dinnern und Lunches, waren höchst beeindruckend. Besonders möchte ich hierbei unserem Tour Guide Marcelo Valenzuela danken, der mit viel Humor und noch mehr Wissen über Chile diese Touren für mich persönlich unglaublich wertvoll und unvergesslich machte.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Chile 2017 Folklore Chile TanzIch habe bei dieser Reise so viel gelernt, dass ich es kaum verarbeiten kann. Das wunderbare Chile spielte seine Rolle als Gastgeber mehr als perfekt, es empfing uns mit offenen Armen und viel Herz. Die Organisatoren des Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles haben es geschafft, die Abläufe des Spirituosenwettbewerbs flüssig und wie ein Uhrwerk zu timen, und uns Juroren dabei noch großartig zu unterhalten. Und schließlich habe ich eine Menge von außergewöhnlichen Menschen kennenlernen dürfen, deren Wissen und teilweise jahrzehntelange Erfahrung über Spirituosen mich doch etwas demütig gemacht hat, die aber gleichzeitig nie arrogant oder abgehoben waren, sondern aufgeschlossen, hilfsbereit und freundlich. Ich glaube, dass ich sogar ein paar davon als Freunde gewonnen habe.

Spirits Selection 2017 Chile Gruppenfoto

Am Ende der Veranstaltung wurde dann der Austragungsort des nächsten Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles bekanntgegeben – Plovdiv, Bulgarien. Sollte ich auch 2018 eingeladen werden, an diesem spannenden Wettbewerb teilnehmen zu dürfen, werde ich ohne darüber nachdenken zu müssen zusagen. Sollte es nicht klappen, wünsche ich meinem Nachfolger, dass er oder sie mindestens so viel Spaß und Erkenntnisgewinn aus dieser Veranstaltung ziehen kann wie ich. Ich für meinen Teil danke den Organisatoren für die Einladung ganz herzlich und wünsche viel Glück und Erfolg für Plovdiv 2018.

Alles Gute geht zuende, und auch der Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles in Chile war nach 5 verrückten, spannenden, lehrreichen und anstrengenden Tagen vorbei. Die Rückreise, erneut um die 40 Stunden, erneut um die 17500 Kilometer, führte mich dann via Dallas über den Tropensturm „Harvey“, der Südtexas mit Überflutungen überzog, hinweg, wieder nach Saarbrücken, wo bereits das nächste Flugzeug auf mich wartete, um mich nach Kreta zu bringen. Doch das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.