Spontankäufe im Discounter – Ron Palma Mulata 7 Añejo Gran Reserva

Ich bin gerade dabei, Flaschen, die ich vor Jahren gekauft hatte, und schon zum Gutteil geleert hatte, nun endgültig zu beenden – ich will tatsächlich meine Heimbar verkleinern, und halbleere, schon Staub fangende Flaschen werden die ersten Opfer sein. Meistens hat es einen Grund, warum die Flaschen nach Anbruch so lange überleben, und es ist oft kein guter. Vor allem bei spontangekauften Supermarktprodukten, wie dem Ron Palma Mulata de Cuba 7 Añejo Gran Reserva, kann man sich mein Fazit also nach dieser Einleitung eigentlich schon irgendwie vorstellen. Ich muss diese Art der Käufe einfach sein lassen. Nun bringe ich es aber doch mal hinter mich, diese Besprechung zu schreiben.

Ein langer Name mit zwei Klärungspotenzialen. Das Wort „Palma“ scheint auf den neueren und redesigneten Abfüllungen weggelassen zu werden; dafür prangt nun das Wort „años“, spanisch für „Jahre“, neben der Zahl 7 auf dem kleinen Flaschenhalsetikett, bei meiner älteren Abfüllung fehlte das, was mich als Skeptiker direkt Fragen stellen ließ. Das Rumgesetz auf Kuba ist diesbezüglich aber klar – 7 heißt mindestens 7 Jahre Reifung. Nicht wie in anderen Gebieten „vielleicht 7 Jahre“, „höchstens 7 Jahre“ oder „irgendwas zwischen 2 und 4 Jahren, aber 7 ist eine schöne Zahl“. „Gran Reserva“ ist normalerweise eine Alterungsstufe bei Solera-Rums, eine Wortkombination, die keinerlei rechtliche oder verpflichtende Bindung hat – wir lesen es mit, verlassen uns aber lieber auf die echte Altersangabe, wenn wir uns ein Schlückchen des Rums ins Verkostungsglas eingießen.

Ron Palma Mulata Añejo Gran Reserva

Wir sehen orangerote Farbe im Glas, mit goldenen Reflexen. Leichte Viskosität beim Schwenken, dazu kommen mittelschnell ablaufende Beine, insgesamt ein schöner Anblick. Geruchlich weiß der Rum meiner Nase sehr zu gefallen – ungewöhnliche, derbere Aromen sind im Vordergrund, Zigarettenrauch, Tabak, Leder. Leichte Fruchtkomponenten kommen dazu, auch diese aber eher vom dunklen Typ, Honigmelone, Rosinen, Feigen. Erinnert mich persönlich durchaus an Cognac. Attraktiv, da ungewohnt und spannend.

Die gesammelten Eindrücke setzen sich im Geschmack fort. Man könnte mir diesen Rum in einer Blindverkostung als einen VS-Cognac unterschieben, und ich würde nicht allzusehr protestieren. Leider ist die gesamte Spannung, die die Nase aufgebaut hatte, im Mund ziemlich schnell verschwunden und auf die Basis reduziert – Rosinen und Mandarinen, sonst ist da wirklich nicht viel. Eine Messung ergibt 7-11g/L Zucker, die man leider auch spürt, mehr sogar, als es bei dieser Menge sein müsste. Kaum Körper, oberflächlich und süß.

Ron Palma Mulata Añejo Gran Reserva Glas

Der Abgang lässt mich leider die aufgezählten Vorteile wieder schnell vergessen. Hier kommt eine beinahe schon unangenehme Süße, auf jeden Fall aber eine langweilige, zum Vorschein. Der Abgang ist kurz und mildbitter, ein leichter Alkoholgeschmack zeigt sich. Eine trockene Pappigkeit macht sich breit, insgesamt eher unangenehm. Leichter Rauchnachhall ist noch das schönste daran.

Insgesamt ist der Ron Palma Mulata de Cuba 7 Añejo Gran Reserva damit ein sehr antiklimaktischer Rum – er beginnt sehr toll und sehr vielversprechend, baut dann immer mehr ab, bis zum fast schon abstoßenden Ende. Dazu kommt die Alkoholstärke von 38%, nur knapp über dem gesetzlichen Minimum: es ist immer ein sicheres Zeichen für lieblose Massenprodukte.

Ich sträube mich immer wieder gegen die Verwendung des Worts „Mixrum“, denn ich trinke eigentlich auch im Cocktail keine Spirituose, die ich nicht pur genießen will. Dennoch sage ich hier einfach mal – wenn man die Flasche eh im Haus hat, dann macht man halt mit dem Ron Palma Mulata lieber einen Mixdrink, in dem er nicht allein den Geschmack tragen muss, sondern Unterstützung von anderen Komponenten kriegt. Und wenn es so viele Zutaten sind wie im Bermuda Punch, dann sind auch die Mängel des Ron Palma Mulata irgendwie nicht mehr ganz so schlimm auszuhalten.

Bermuda Punch


Bermuda Punch
2 oz gereifter Rum (z.B. Ron Palma Mulata Añejo Gran Reserva)
1 oz Dunkler Rum (z.B. Botucal Reserva Exclusiva)
½ oz Falernum (z.B. The Bitter Truth Golden Falernum)
½ oz Aprikosenlikör
1½ oz Zitronensaft
¼ oz Limettensaft
5 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken.

[Rezept nach saveur.com]


In einem Schnäppchen bei Aldi Süd habe ich ihn für 15€ erworben, wo er in der Vorweihnachtszeit verfügbar war; mehr würde ich für diesen Rum auch wirklich nicht veranschlagen wollen. Die rassige, heiße Latino-Dame mit den großen Augen und dem Schmollmund auf dem Etikett hat mich verleitet, ich gebe es zu, ich bin empfänglich für derartige Reize. Nun wird er seine Zeit als Cocktailzutat fristen, bis er leer ist (was zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels bereits geschehen ist); ein Neukauf ist definitiv nicht geplant. Für nur wenig Geld mehr bekommt man bereits einen Havana Club 7, der seinem gleichaltrigen Landsmann in jeder Beziehung um Längen voraus ist, wenn man auf der Insel bleiben will.

Dreifach gereift hält besser – Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años

„Rum hat keine Regeln“, das ist ein beliebter Satz, den man immer wieder hört. Tatsächlich gibt es keine globale Regelung von „Rum“. Andererseits gibt es auch keine globale Regelung für „Whisky“. Es gibt aber sehr strenge Regeln für „Bourbon“ und „Scotch Whisky“, und ähnlich muss man das auch bei Rum sehen – neben den Gesetzen, die in der EU-Spirituosenverordnung niedergelegt sind, die nur als minimal geltende Grundlage für die gesamte Kategorie dienen, haben eigentlich alle rumherstellenden Länder jeweils eigene Gesetze dafür, was dort als Rum gelten darf und was nicht. Manche sind strenger, manche lascher; manche ausgefeilt, manche eher lose formuliert; manche stehen in Widerspruch zu Details in der EU-Verordnung, manche fügen zusätzliche Rahmenbedingungen hinzu.

Kuba beispielsweise präsentiert ein langes Traktat, das beschreibt, wie Rum, der als solcher verkauft werden soll, hergestellt werden darf, mit vielen Vorschriften, die in anderen Ländern nicht gelten. Darin ist auch festgelegt, wie die Reifung auszusehen hat. Die dreifache Reifung, die als „triple añejamiento“ auf dem Etikett des Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años ausgewiesen wird, ist ein Beispiel dafür. In der kubanischen Regelung ist vorgesehen, dass eine (optionale) dritte Reifungsstufe dem bis dahin in Ex-Bourbon-Fässern dahindümpelnden Destillat wieder frischen Sauerstoff zufügt – durch einen Blending-Zwischenschritt und das Umfüllen in andere Fässer. Diese sollten allerdings alt und aromatisch neutral sein. Dieser Schritt soll laut eigener Aussage dafür sorgen, den Geschmack und das Aroma zu optimieren. Schmeckt man einen Unterschied zwischen einem „doble añejamiento“ wie beim Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años und einem Blend, der diesen dritten Schritt auch noch gemacht hat? Ganz sicher tut man das, wie dieser Rum beweist.

Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años

Farblich ist der 15 Jahre alte Kubaner (über die eigene Art, wie auf Kuba das Alter von Rum berechnet wird, hatte ich schon beim 7-jährigen Verwandten dieses Rums berichtet) sehr dunkelbraun, geht schon fast ins rötliche über – die orangefarbenen Reflexe und die leichte Viskosität, mit der sich der Rum im Glas bewegt, sorgen für einen insgesamt wirklich tollen optischen Eindruck.

Hält man das Glas an die Nase, riecht man zunächst den typisch kubanischen Stil, leicht, nur dezent fruchtig, süßlich, alkoholisch, ohne große Tiefe. Beim Santisima Trinidad 15 kommt eine gewisse Nussigkeit dazu, viel Vanille, Toffee, Butterscotch und Gewürze aus der Weihnachtsbäckerei, insbesondere Kardamom.

Im Antrunk wirkt er überraschend süß und schwer, die selbst durchgeführte Zuckermessung ergibt grob 14g/L, das erklärt das. Im Verlauf nimmt die Süße dann ab und wird unterfüttert durch eine sehr würzige Kardamom- und Nelkennote, die das Geschmacksbild ab dann prägen. Schön breit und voll liegt er im Mund, sehr gefällig und rund, ohne wirkliche Komplexität, mild und dabei doch nicht zu bequem – da könnte etwas mehr Spannung aufgebaut werden. 40,7% Alkoholgehalt sind letztlich leider zuwenig dafür, der Hersteller hält sich dabei an den maximalen Bottling Proof von 41%, wie in kubanischen Rumgesetzen festgelegt (ja, es gibt eine Möglichkeit, dem auszuweichen, aber das muss man ja nicht nutzen).

Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años Glas

Pfeffrig und aromatisch ist dann der Abgang, hier geht dem Rum sehr deutlich die Luft aus, das Volumen schwindet und macht einem alkoholischen Feuerhauch mit Kribbeln auf der Zungenspitze Platz. Der Nachhall ist noch mit viel Gewürzen versehen, aber im Endeffekt etwas leer im Vergleich zum süßschweren Antrunk.

Das ist insgesamt sehr trinkbar und unterhaltsam, ein Rum, den man sehr schön abends vor sich hin schlürfen kann, auch gern mehrere Gläser, ohne dass einem dabei langweilig wird. Kopf und der Gaumen werden nicht überanstrengt, aber auch nicht unterfordert oder beleidigt – der Ron Santisima Trinidad 15 hat das, was sich der Kenner von leichtem Rum erwartet, und was dem Anfänger sicherlich auch gefallen wird. Ich gebe zu, die Gewürzkomponente ist so stark und speziell rumuntypisch, dass ich im Stillen eine leichte Aromatisierung vermute, ohne dies aber belegen zu können.

Entsprechend ist er auch eine Wohltat in Cocktails, die nach leichtem Rum verlangen – oft nutzt man da dann Produkte, die komplett ohne Charakter sind. Der Santisima Trinidad 15 eignet sich für Cocktails wie den La Florida nahezu perfekt. Das Ergebnis ist ein würzig-aromatischer, schwersüßer und dabei trotzdem seltsamerweise leichter Drink.

La Florida


La Florida
2 oz Rum
¾ oz Limettensaft
½ oz Crème de Cacao
¼ oz süßer Wermut
1 Teelöffel Grenadine
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Äußerst attraktiv finde ich die Präsentation – insbesondere, wenn man die beiden Flaschen der Marke nebeneinander betrachtet. Die grundsätzlich Flaschenform ist ähnlich massiv und schwer, aber nicht gleich, die des Fünfzehner ist deutlich schlanker und höher als die des in der Einleitung schon erwähnten Siebener. Das Etikett ist sehr hübsch, schwungvoll und dabei immer noch elegant zurückhaltend ohne die flashige Plumpheit vieler anderer Rums. Der geformte Korken im wuchtigen Flaschenhals tut sein übriges dazu

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años und 15 Años

Wie man auf dem Foto mit dem Glas sieht, habe ich die Flasche schon fast leer. Das ist schon eine Art von Auszeichnung, denn nicht viele Rums kann ich so unbeschwert und ohne eintretende Langeweile und Wunsch nach Abwechslung trinken wie den Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años. Ich würde wirklich gern eine ungesüßte Variante davon probieren – die Süßung ist der einzige Wermutstropfen in einem ansonsten wirklich schönen Rum, der mir viel Freude bereitet hat. Die Vergangenheitsform schon deswegen, weil ich davon ausgehe, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels die Flasche vollständig geleert sein wird.

Dreierlei vom Rum – Foursquare Triptych Single Blended Rum

Immer im Auftrag für den Leser unterwegs – so ein Blogger hat dauernd gewichtige Entscheidungen zu treffen. Welche Spirituose ist als nächste dran? Welche wird besorgt, für die Zukunft? Lohnt es sich, diesem oder jenen Trend zu folgen, damit man am Puls der Zeit bleibt, oder wartet man lieber ab, um nicht einem flüchtigen Hype nachzurennen? Fragen über Fragen. Dabei stelle ich mir eigentlich schon die Frage, welche Rezensionen sich überhaupt zu schreiben lohnen. Bei den meisten Produkten ist alles klar, aber gleichzeitig denke ich ernsthaft, dass es zwei Gruppen von Spirituosen gibt, die es sich für mich und meine Art von Blog nicht zu rezensieren lohnt.

Supermarktware für unter 10€ ist uninteressant, weil sich das jeder leisten kann – da schlägt man einfach zu und probiert es, der Aufwand eines potenziellen Käufers, sich vorher darüber zu informieren steht in keinem Verhältnis zum Preis, und das tut man höchstens aus Interesse; Ausnahmen bestätigen die Regel, wie meinen Artikel über Martini Fiero, der mit weitem Abstand der meistgelesene auf meinem Blog ist. Einhörner andererseits (also superseltene und rare Spezialitäten) lohnen sich nicht, weil an die kaum jemand herankommt, selbst für Profis ist es schwer, und wer es sich leisten kann und den Aufwand nicht scheut, hat eh schon genug darüber gelesen, weil es genug Spezialistenblogs für genau diese Zielgruppe gibt, die sich, statt wie ich über alles, was die Schnapswelt zu bieten hat, zu schreiben, auf beispielsweise Rums aus Trinidad aus den 1980er Jahren in speziellen Flaschen fokussieren.

Der Foursquare Triptych Single Blended Rum ist so ein Grenzgänger, was diese Thematik angeht. Bei weitem nicht superleicht und überall erhältlich, aber zum Zeitpunkt meines Kaufs auch kein Einhorn. Dennoch werden die wenigsten ihn je zu Gesicht bekommen, insbesondere jetzt, wo die Vorräte langsam aufgebraucht sind.

Foursquare Triptych Single Blended Rum Flasche

Ich hatte das Glück, eine Flasche bei LMDW zu ergattern. Der Erwerb allein schon war eine spannende Sache – einige Tage vor dem tatsächlichen Verkaufsstart wurde bei Facebook darauf hingewiesen, dass der Triptych nun in Frankreich und Italien released würde. Es dauerte noch bis zum 02.06.2017, bis bei LMDW der Rum auch im Sortiment auftauchte, und dann führte es zu Verwirrung. Einige konnte wohl schon gegen 6 uhr morgens Flaschen erwerben, dann änderte der Status sich auf „bald erhältlich“ und viele (darunter ich) dachten schon, aha, das wars dann wohl, wieder mal Pech gehabt. Einige Stunden später war dann plötzlich wieder etwas „en stock“, und da habe ich blitzschnell zugeschlagen. Nur Sekunden danach ging der Bestandsstatus dann auf ausverkauft. Man sieht, für derartige Spirituosen muss man flott sein, gleichzeitig trotzdem Geduld haben und eine gewisse Leidensfähigkeit mit sich bringen. Gerade Foursquare erreicht inzwischen unter Rumaficionados zur Zeit einen Kultstatus, der dafür sorgt, dass die kleinen Sonderabfüllungen, die immer wieder erfolgen, innerhalb von Minuten ausverkauft sind. Nun aber weg vom Geschäftlichen, hin zum Triptych selbst.

Ich bin ein Freund der Praxis, dunkel getönte Flaschen zu verwenden, um beim eventuellen Kunden gar nicht erst die Idee aufkommen zu lassen, dass man nach der Farbe der Flüssigkeit einkaufen geht und dunkle Spirituosen holt und dafür hellere stehen lässt. Abfüller Velier ist mit seinen schwarzen Flaschen diesbezüglich natürlich gleichzeitig eine sofort erkennbare Marke geworden, win-win sozusagen. Dadurch, dass Foursquare seine Spezialsorten auch nicht färbt, haben wir eine natürliche, tropisch gereifte Schönheit vor uns im Glas.

Beim Abfüllen der Samples (siehe unten dazu mehr) verströmte sich schon dieser herrliche Geruch im ganzen Zimmer – er ist stark, körpervoll und ohne jede Scheu. Marzipan, Kardamom, Piment, dunkle Schokolade, aber auch überreife Früchte, Banane. Schalentiere. Höchstkomplex und extrem attraktiv. Eine leichte Lacknote. Sehr komplex und sich im Verlauf der Verkostung wandelnd.

Foursquare Triptych Single Blended Rum Glas

56% Alkoholgehalt lassen mich nicht direkt zu Wasser zur Trinkstärkenherabsetzung greifen; ich nippe so daran, wie er aus der Flasche kommt. Hmm, das trinkt sich gut. Sehr breit und fett, dicht und rund im Mundgefühl. Wunderbare, natürliche, reine Süße mit viel Kraft, nicht die oberflächliche, klebrige, die man von Süßrums kennt. Dabei aber auch eine attraktive Bittere, die die Süße gut ausgleicht, so dass keine Langeweile aufkommt. Eine adstringierende Säure komplettiert das Sensoriktrio – sehr spannend und vielseitig.

Der Abgang ist glühend heiß, würzig, langsam läuft der Tropfen den Hals hinunter, man kann ihn dabei verfolgen. Im Mund verbleiben esterige Teeraromen, ledrig und holzig, dabei aber immer süß und ohne jede Gewalt. Nur leicht trocken, aber dauerhaft am Gaumen haftend. Ein wirklich spannender Rum.

Bezüglich der Zusammensetzung, die sich im Namen schon wiederspiegelt (ein Triptychon ist ein dreiteiliges Bild), verweise ich auf ein Foto, das ich mit freundlicher Genehmigung von Matt Pietrek vom Blog Cocktailwonk hier wiedergebe. Es wurde bei der Fachveranstaltung Tales of the Cocktail 2017 geschossen. Ex-Bourbon-, Ex-Madeira- und frische amerikanische Eichenfässer dienten den drei verwendeten Jahrgangsdestillaten (2004, 2005 und 2007) als Zwischenbehausung, bis sie zu einem Blend zusammengeführt wurden.

Foursquare Triptych Tales of the Cocktail 2017

Was würde sich für diesen Rum besser als Cocktail eignen, als der, den der globale Rum Ambassador Ian Burrell zu Ehren des Master Blenders und Inhabers der Foursquare-Destillerie erfunden hatte? Der The Richard Seale kann warm und kalt gerührt serviert werden, ich habe mich für die warme Variante entschieden – hin und wieder schadet es nicht, aus dem alten „eisgekühlt“-Muster auszubrechen und was anderes zu probieren. Ich finde darüberhinaus höchst unterhaltsam, wie in diesem Cocktail die Themen, die Seale oft umtreiben, auftauchen – Rum, Süßwein, Zucker.

The Richard Seale


The Richard Seale
1⅔ oz Foursquare-Rum
⅓ oz Madeira
1 Teelöffel Zuckersirup
3 Spritzer Orange Bitters
Warm rühren und in einem Cognacschwenker servieren.

[Rezept nach Ian Burrell]


129€ für eine Flasche Rum hören sich nach viel an, tatsächlich bewegen wir uns hier aber, was Highend-Rum angeht, erst im mittelpreisigen Segment, da ist noch viel Luft nach oben. Meine Meinung, dass das Preisleistungsverhältnis ab einer gewissen Größe (diese ist natürlich individuell festzulegen, bei mir liegt sie aktuell bei ca. 70€) plötzlich extrem schnell abschmilzt, bleibt dennoch bestehen.

Ungefähr Dreiviertel der Flasche habe ich im Rum-Club auf Facebook mit anderen Rumfreunden geteilt, die nicht dasselbe Glück wie ich hatten, eine Flasche davon im Lotteriespiel des Erwerbs ergattern zu können. Gerade für so seltene Abfüllungen ist es geradezu Pflicht für jeden echten Rumfreund, derartig besondere Tropfen mit Freunden zu teilen, und ihn nicht geizig für sich zu behalten, ihn im Regal als Schaustück vergammeln zu lassen oder ihn bei Ebay als Spekulationsobjekt auf peinlichste Weise an den Meistbietenden zu verhökern (außer, der Käufer öffnet und trinkt die Flasche dann tatsächlich selbst; etwas, was meiner desillusionierten Erfahrung nach dann aber selten geschieht und die Spekulationskette nur in anderen Händen weiterführt). Nur durch das breite Teilen eines Rums wie diesem kann allgemein klar gemacht werden, wie fantastisch guter Rum sein kann.

Kurz und bündig – Hampden Estate Pure Single Jamaican Rum 7y 46%

Normalerweise setze ich mich, wenn ich ein Sample einer Spirituose erhalte, für mich hin, und beschäftige mich in winzigen Schlückchen lange mit dem Produkt. Ich hatte das Sample des Hampden Estate Pure Single Jamaican Rum 7y 46% über die Weihnachtsfeiertage mit in die Heimat zu einem Familienbesuch genommen, und wollte dort in einer ruhigen Stunde meine Tastingsnotes schreiben. Nun habe ich nicht mit dem Interesse und dem Durst meiner Verwandten gerechnet – nach drei Flaschen Champagner, ein paar Kostproben von anderen Spirituosen und fröhlichen Diskussionen über Zutaten für hausgemachte Rumkugeln wollte ich den Mittrinkern dann doch nicht vorenthalten, ihnen den Eindruck von gutem jamaikanischem Rum mitzugeben. Voller Vertrauen habe ich also dieses Sample ausgepackt, eingeschenkt, und gehofft, dass mein Optimismus mich nicht enttäuscht. Es gab interessante Reaktionen, nur soviel möchte ich sagen – ich bin froh, dass noch ein paar Schlucke übrig blieben, um meine Tasting Notes später doch noch zu schreiben.

Hampden Estate Pure Single Jamaican Rum 7y 46%

Dieser Rum ist ungefärbt, und strahlt trotzdem in dunklem, kräftigem Bernstein. 7 Jahre Reifung rein in den Tropen (ja, es macht einen Unterschied) haben diese Farbe ins Glas gezaubert; ich freue mich, wenn sich ein Hersteller dazu entscheidet, die Färbung wegzulassen und sich stattdessen auf sein Produkt verlässt. Die Flüssigkeit ist ölig und bewegt sich langsam im Glas.

Jamaica-Rum ist selbst für Rumanfänger leicht identifizierbar, denn alles, was der Laie so an Rumaromen in Schokoladen und Kuchen kennt, stammt im Endeffekt aus einer jamaikanischen Fermentation. 100%-Pot-Still-Destillation hat diese Aromen veredelt – Ananas, Zimt, überreife Banane, Schokolade, Milchkakao, ganz viel Marzipan. Ich will nicht übertreiben, aber das ist herrlich, cremig, süß, dabei aber funkig und frech.

Sehr mild, weich und süß im Antrunk (hier sprechen wir von einer natürlichen, feinen Süße, denn der Rum ist nicht künstlich nachgesüßt), schokoladig, mandelignussig, mit milder Frucht aus der Biotonne, wo sie schon eine Weile lag – für Kenner ist das ein Kompliment. Im Verlauf entsteht sehr langsam etwas Würze, immer mehr, bis zum mildpfeffrigen, sehr trockenen Abgang, der aromatisch sehr lang mit Banane, Kirsche, Minze und Ananas am Gaumen bleibt, und im Rachen und im Magen ein warmes Gefühl hinterlässt.

Ausgesprochen trinkbar, sehr gefällig, aber dennoch charaktervoll und typisch. Eine wirklich schöne Abfüllung, die dankenswerterweise nicht eine von denen ist, bei denen man schnell zuschlagen und mehrere hundert Euro auf den Tisch legen muss – offizielle Abfüllungen mit länger geplanter Laufdauer wie diese hier haben auf jeden Fall ihre Vorteile. Der Hampden Estate Pure Single Jamaican Rum 7y 46% ersetzt jedenfalls die bisherigen Empfehlungen, die ich für jamaikanischen Rum hier gegeben habe, als die Referenz für Anfänger wie Profis – und er macht sicherlich abartig gute Rumkugeln. Ich bin gespannt auf die stärkere Overproof-Variante, die ebenfalls erhältlich ist, und hier auch demnächst vorgestellt werden wird.

Offenlegung: Ich danke dem Importeur Kirsch Whisky für die kostenlose Zusendung des Samples dieses Rums.

Ein Schiff wird kommen – Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años

Es ist schon eine Weile her, dass ich einen kubanischen Rum im Glas hatte. Das Land hat in der Allgemeinheit einen guten Ruf, was Rum angeht; für die Kenner unter uns ist das Bild meist weniger rosig. Kuba hat sich früh von Pot-Still-Rum verabschiedet und sich voll auf Säulendestillation geworfen – das heißt erstmal nichts grundsätzlich schlechtes, doch der kubanische Stil hat sich dadurch im Laufe der Jahrzehnte sehr verändert. Heute bin ich den alkoholischen Produkten Kubas eher skeptisch eingestellt, ich sehe eigentlich ausschließlich leichte Rums ohne großen Charakter, meist sind sie darüber hinaus leicht bis mittelstark gesüßt. Man kann das alles sicher trinken, aber umhauen tut mich nichts von der Insel. Was aber nicht heißen darf, dass man neue Produkte, die man noch nicht kennt, nicht unvoreingenommen und erstmal freudig willkommen heißen sollte – so wie den Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años.

Der Begriff des „doble añejamiento“, der sich auf dem Etikett findet, ist ein guter Aufhänger, um ein paar der Regelungen, die für kubanischen Rum gelten, kurz zu erläutern. Laut den Denominación de Origen Protegida-Regeln des Landes muss ein kubanischer Rum mindestens zweimal gealtert sein – die erste Phase besteht darin, das Destillat für mindestens zwei Jahre in gebrauchte Eichenfässer einzulagern und dann zu filtrieren. Erst danach darf es sich „Rum“ nennen – vorher ist es ein Aguardiente. Die Zählung des Alters beginnt auch an diesem Zeitpunkt; die 7 Jahre des Etiketts des vorliegenden Rums sind also eigentlich 9 Jahre, wenn man reine Fasslagerungszeit betrachten will. Der frischgebackene Rum wird dann mit anderen hochprozentigen Destillaten verblendet und dann für die „tatsächliche“ Reifung in Fässer eingelagert. Werfen wir einen Blick auf das Ergebnis dieses Vorgangs.

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años

Die Farbe ist ein dunkles Kupfer, bei 7+ Jahren Fassreifung kann so eine Farbe durchaus entstehen. Im Glas bewegt der Rum sich schwer und gemächlich, recht langsam ablaufende Beinchen wissen optisch zu gefallen.

In der Nase kommt mir als erstes eine Süßweinnote entgegen. Etwas Port, etwas Madeira. Es folgt eine prägnante Gewürzkomponente, Nelken, Kardamom. Orangenschale und Rosinen bringen etwas bittere, dunkle Frucht dazu. Im Untergrund lauert dann genau das, was ich oben angesprochen hatte – eine milde, aber erkennbare Alkoholnote, die ich oft bei Column-Still-Rums finde.

Der Geschmack dreht diese sensorischen Eindrücke dann aber spannenderweise um – erstmal ist der typische alkoholisch-schale Geschmack eines Säulendestillats da. Im Mundgefühl beginnt der Kubaner aber trotzdem mild und weich, im Verlauf kommt ein zartes Feuer auf, das sich bis zum Abgang steigert, ohne aber je wirklich unangenehm zu werden. Insgesamt ist der Eindruck sehr süß, mit vielen Süßweinimpressionen, etwas Gewürz und dunkler Frucht, analog zu dem, was die Nase schon fand. 40,3% Alkoholgehalt sind trotz der angesprochenen Ethanolnote im Gesamtbild gut eingebunden. Es ist nur knapp unter dem in Kuba eigentlich maximal erlaubten Bottling Proof von 41% (eine spannende Sache für sich, übrigens).

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años Glas

Der Abgang ist heiß, etwas pfeffrig, mittellang und charakterstark. Eine gewisse Schaligkeit im Nachhall ist dann wieder recht typisch für leichte Rums. Eine hausgemachte Zuckermessung ergibt grob 5g/L, das ist so an der Grenze dessen, was zwischen Messungenauigkeit und leichter Süßung schwebt. Für meine Zwecke kategorisiere ich ihn als „gesüßt“, einfach weil der Wert bereits zu groß ist, um ohne Absicht entstanden zu sein.

Die unterschwellige Würze dieses Rums hat mich dazu verleitet, ihn in einem Cocktail einzusetzen, der auch sonst nicht mit Aromen geizt. Im City of Spice wird so einiges an Gewürzen präsentiert, und daher schadet es nicht, wenn ein Rum eingesetzt wird, der sich dessen zu erwehren weiß und selbst etwas zu diesem Gesamtbild beisteuern kann. Vorsicht, dieser Drink hat Suchtpotenzial.

City of Spice


City of Spice
1¾ oz gereifter Rum
½ oz Pimento Dram
½ oz Zuckersirup
¾ oz Limettensaft
¾ oz Maracujasirup
1 Eiweiß
1 kleines Stück Chili
Auf Eis shaken. Auf crushed ice servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Hervorheben will ich die Gestaltung – wir haben hier eine sehr schön gestaltete Flasche mit tollen Rundungen, im Glas eingelassener Schrift und einem floralen, aber nicht übermäßig protzenden Etikett. Ein geformter Echtkorken ohne Dekoration komplettiert die sehr attraktive Präsentation. Der Name des Rums ist auf ein altes spanisches Schiff zurückzuführen – es ist also keine Firma oder Abfüller, sondern ein Fantasiename, den sich Hersteller Tecnoazúcar de Cuba y Destilerías MG S.L. ausgedacht hat.

Neben dem Siebenjährigen hat der Hersteller auch einen Rum mit 15 Jahren im Portfolio. Dieser wird in naher Zukunft auch noch auf meinem Blog besprochen werden – ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass ich jenen auch recht interessant finde.

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años und 15 Años

Das Fazit fällt eigentlich recht positiv aus. Das ist ein Rum mit großer Drinkability, der eine schöne Spannung zwischen Süße und Würze aufbaut. Wäre der Abgang etwas komplexer und länger, könnte man sich mit einem Glas davon durchaus lange beschäftigen – so bleibt der siebenjährige Ron Santisima Trinidad dennoch ein interessantes und sehr gelungenes Produkt, das meine Meinung über kubanische Rums wieder hebt. Mehr kann man kaum wollen.

Der weite Weg vom Erntefeld – Rumult Bavarian Rum 2018

Die sogenannte Gargano-Klassifikation ist ein Versuch, etwas fachliche Struktur in die recht willkürlichen gewohnte Gruppierungen bei Rum zu bringen. Statt völlig nichtssagenden Kriterien wie der Farbe („brauner“ und „weißer“ Rum) oder groben Länderstilen („spanischer“ oder „britischer“ Stil), die letztlich mehr verwischen als sie aufklären, sollen hier herstellungsbedingte, objektive Faktoren Einzug in die Etiketten halten – so wie es bei schottischem oder amerikanischem Whisky schon selbstverständliche Praxis ist; wer würde sich schon mit einem „braunem Whisky nach schottischem Stil“ zufrieden geben statt einem „Single Malt Scotch“?

Es ist ein gutes, aber erstmal freiwilliges Kategorisierungsverfahren, und darum ist es schön, wenn man Produkte sieht, die sich dieser Initiative anschließen. „Pure Single Agricole Rum“ liest man zum Beispiel auf dem Etikett des Rumult Bavarian Rum 2018. Nun muss man sich trotz der Freude über diese Anwendung der Gargano-Klassifikation schon fragen – „Agricole“? Aus Bayern?

Rumult Bavarian Rum Etikett

Wer sich mit diesem Rumstil auskennt, stellt sich zunächst die Frage nach der Produktion. Agricole-Rum wird aus frischem Zuckerrohrsaft hergestellt, und dieser Saft ist nur extrem begrenzt haltbar; die Hersteller auf den französischen Antillen prägten den Spruch „mit dem Fuß im Boden, mit dem Kopf in der Mühle“, was aufzeigen soll, wie schnell das Zuckerrohr verarbeitet werden muss, um gute Qualität zu erreichen. Meines Wissens ist der Klimawandel noch nicht weit genug fortgeschritten, um bayerisches Zuckerrohr kultivieren zu können, also wie kommt das Basismaterial für den Rum nach Bayern? Die Hersteller importieren nach eigener Aussage das Rohmaterial aus Mauritius. Zuckerrohr selbst zu importieren und zu mahlen ist wohl nicht das Mittel der Wahl, weil zu aufwändig, und den Saft kann man schlicht nicht importieren, weil er auf der langen Reise von Mauritius, wenn man ihn nicht direkt von der Ernte einfliegen lässt, schlecht wird. Bleibt also nur die Möglichkeit des Eindickens des Saft, so dass er länger haltbar wird. Das wird von einigen Rumherstellern gemacht, das nennt sich dann aber halt Zuckerrohrsirup und nicht -saft. Für mich ist also rein produktionstechnisch der Rumult kein „Agricole“-Rum.

Es gibt aber noch eine zweite Falle, in die Hersteller Lantenhammer getappt ist. Der Begriff „Agricole“ ist nämlich in der EU geschützt, und darf nur für Produkte aus den französischen Überseedépartements und der autonomen Region Madeira verwendet werden (siehe EU-Verordnung 11/2008). Der aktuelle Gesetzestext ist etwas schwammig formuliert, doch es gibt zwei Fakten, die mich darin bestätigen, dass ich den Text richtig lese: Erstens ein persönliches Gespräch mit Marc Sassier, dem Präsidenten der AOC Martinique, das ich beim Frühstück in einem Hotel in Bulgarien hielt, der dies ebenso versteht; zweitens ein Gesetzesvorschlag bei der EU, der die Lesart aufklären soll, und meine Lesart ganz eindeutig macht. Siehe dazu aber auch den unten angehängten Hinweis.

Nach der Problematik des Basismaterials und vor der Problematik des Etiketts steht allerdings eine weitere Baustelle: Der Geschmack. Dieser ist dann doch eher ein subjektives Kriterium – werfen wir einen Blick darauf.

Rumult Bavarian Rum 2018

Der Rumult ist laut Hersteller ein Blend aus in 4 unterschiedlichen Fasssorten (Ex-Bourbon, Ex-Cognac, Ex-Sherry sowie Ex-Madeira) gereiften Destillaten. Jene Destillate wurden in „Pot Stills“ gebrannt, es ist bei Lantenhammer wohl davon auszugehen, dass es sich um ehemalige Obstbrennapparate handelt (das ist keineswegs wertend gemeint – derartige Apparate erzeugen einen eigenen Charakter, das mag ich eigentlich). Es ist keine Altersangabe vorhanden.

Farblich sehen wir ein schönes Ocker, mit strohigen Reflexen. In meinem Nosingglas bewegt er sich sehr gediegen, mit einer gewissen Schwere. Bei einem als „Agricole“ betitelten Rum erwartet man eine gewisse Typizität, die sich oft stark in der Nase äußert. Diese Erwartung wird beim Rumult direkt enttäuscht – da ist nicht mal der Ansatz einer Grasigkeit, Zuckerrohrsaftfrische oder ähnlichem. Eigentlich rieche ich fast nur Vanille, die wohl aus dem Bourbonfass stammt. Eine starke Ethanolnote ist die zweite Komponente. Erst, wenn man viel Geduld aufbringt, kommt in der Tiefe eine gewisse karamellige Würze und eine Erinnerung an Zuckerwatte auf; doch auch hier sind das eher Holz-, und keine Zuckerrohrnoten.

Auch die Geschmacksknospen fragen sich – wo bitte soll das hier ein Agricole-Rum sein? Sehr süß und im Antrunk (aber nur dort) angenehm breit, jedoch ohne große Tiefe. Alkoholfeurig im Verlauf und praktisch ausschließlich Holzaromen wie Vanille, Karamell, Reste von Süßwein. Das wars, ich will mir hier nichts aus den Fingern saugen, was nicht da ist. Der Abgang ist heiß, sehr alkoholisch (43% Alkohol sind praktisch nicht eingebunden, da bin ich am Keuchen nach dem Schlucken), aromatisch sehr kurz und besteht selbst in dieser Kürze fast nur aus Betäubungseffekten. Ein Eisenton und eine gewisse Pappigkeit klingen nach.

Wer trinkt das? Niemand, der sich für einen auch nur ansatzweise typischen Geschmack dessen interessiert, was man sonst als „rhum agricole“ bezeichnet. Niemand, der unabhängig davon an einem weichen, feinen Rum interessiert ist. Höchstens jemand, der einen gewissen Lokalpatriotismus zu Deutschland und/oder Bayern hat und dem dies wichtiger ist als alles, was ich in diesem Artikel ankreide. Man treffe seine eigene Entscheidung.

Später hinzugefügter Hinweis (aus gegebenem Anlass): Natürlich spreche ich, was die Gesetzgebung angeht, nur für die Produkte, die in der EU vermarktet werden wollen. Wenn irgendwo auf der Welt sich jemand entscheidet, seinen Zuckerrohrsaftrum „Agricole“ benennen zu wollen, dann darf er das natürlich – erst die gewünschte Vermarktung in Europa zwingt einen Hersteller, sich an EU-Vorgaben zu halten. Die EU-Gesetzgebung ist darüberhinaus scheinbar aktuell noch so schwammig, dass laut eigenen Aussagen Lantenhammer dieses Produkt als „Agricole“ vermarkten darf. Ich hoffe auf Besserung in der Klarheit der Gesetzgebung – mal schauen, was die neue, geplante EU-Spirituosenverordnung bringen wird.

Sweet little lies 2018 – Ein Update auf die Manipulationsdebatte

Es war der Grund, warum ich einen Spirituosenblog gestartet habe. Zuvor hatte ich mehr oder weniger regelmäßig hier und dort über Spirituosen geschrieben, doch ein Thema, das mich zwickte wie kaum ein anderes war an diesen Stellen nicht vernünftig einpackbar. Ich begann also einen Blog, stolperte mich durch die Schwierigkeiten, die ein Hobbyblogger zu Beginn eben hat, und veröffentlichte dann irgendwann den Artikel, der mir bis heute sehr am Herzen liegt: Tell me sweet little lies – Warum ist unser Rum so süß?

Damals, Mitte 2015, war das Thema in kleinen Fachkreisen bereits bekannt, Anfang der 2010er Jahre wurde es leise losgetreten. Doch es dauerte, bis es weitere Kreise zog, und insbesondere in  Deutschland ankam. Ich bin stolz darauf, dass mein Artikel vielleicht einen kleinen Teil dazu beigetragen hat, das Wissen über Süßung im Rum zu verbreiten.

Statistik Tell me sweet little lies

Nun haben wir 2018, und das Thema ist in der Mitte der Konsumgesellschaft angekommen. Nicht nur extreme Fachidioten (den Begriff „Profis“ will ich hier aus gegebenem Anlass nicht verwenden) wie ich, sondern selbst der nur halbwegs an Rum Interessierte hat davon gehört. Zeit für ein Update auf die Situation, denn auch wenn sich viel getan hat, so richtig beliebt ist das Thema immer noch nicht – aus anderen Gründen.

Durch die inzwischen weitgestreuten und leicht selbst nachstellbaren Beweise für Rummanipulation wurde vielen Leugnern und heimlich agierenden Herstellern die Argumentationsgrundlage entzogen. Sie müssen eingestehen, dass Rum gezielt gesüßt und aromatisiert wird – und suchen eine neue Basis für ihre Ablehnung einer Transparenzbewegung. Ich höre jeden Tag eine neue Variante dafür, warum Transparenz unnötig ist, Süßung toll oder Kritik grundsätzlich blöd – hier sind nun ein paar meiner liebsten davon gesammelt.


Vanillin in WhiskyEinen wahren Aufschwung hat Whataboutism 2017 erlebt und ist in Fachkreisen inzwischen sehr beliebt. Man leitet die Kritik einfach auf die andere Verdächtige um – ja, Rum wird manipuliert (zähneknirsch), aber, was ist mit Vodka? Und Whisky? Die sind doch genauso schlimm, wenn nicht noch schlimmer! Warum hackt man trotzdem immer ausgerechnet auf Rum herum? Rum ist so vielfältig, das ist doch das schöne dran, warum sollte man ihn einschränken?


Lexikon der Verschwörungstheorien

Eine immer noch gern genommene, weitverbreitete Taktik ist, Kritiker als Truther hinzustellen, sie als Verschwörungstheoretiker zu diffamieren, und sich über sie lustig zu machen. „Taliban“, „Sugar Police“ und „Hater“ sind beliebte Begriffe, mit denen wir belegt werden. In diese Schiene schlägt auch der Vorwurf, eine „Spaßbremse“ zu sein, und sich dem wahren Geiste des Rums zu verwehren, der ja ein Piratengetränk ist und sich nicht um Regeln scheren sollte – Piraten, Palmen, Papageien.


Mauscheln

Manche Hersteller bekommen von vielen Bloggern aktuell einen Freifahrtschein, weil sie in Privatgesprächen zwischen Markenbotschafter und Blogger die Süßung zugeben. Aufs Etikett schafft der Zucker es aber dennoch nicht, und auch nirgends auf den Hersteller-Internetseiten ist ein Hinweis darauf zu finden: eine geschickte Strategie. So sichert man sich das Wohlwollen der Kenner mit Pseudotransparenz, während man gleichzeitig den Verkaufszahlen nicht schadet, weil man die Masse der uninformierten Laien im Dunkeln lässt.


Krümelmonster
Cookie Monster Clipart

Das älteste Argument, „Hauptsache, es schmeckt, es interessiert mich nicht, wie es hergestellt wird!“ greift tatsächlich auch heute noch gut, insbesondere in Kreisen, die Rum als Partygetränk oder Unterhaltungsdrink sehen. Jeder soll doch trinken, was ihm/ihr schmeckt, wieso willst Du mir vorschreiben, was ich zu trinken habe? Du Snob! „Die Leute wollen Süßes“, das höre ich oft und bestreite es ja auch gar nicht, aber da es auch sehr natursüße Rums gibt, die einer künstlichen Nachsüßung gar nicht bedürfen, um zu schmeicheln, fällt auch diese Konstruktion in sich zusammen.


Rafael Arroyo

Die Süßung und Aromatisierung sei eine traditionelle Herstellungsweise, die man nicht zu kritisieren hat, wird einem aus herstellernahen Quellen oft vorgehalten – oft mit einem herablassenden Lächeln über die Banausen, die noch nicht genügend Einblick in die Rumgeschichte haben, denn „es wird ja immer schon so gemacht“ (was nicht stimmt, in den Vierzigerjahren hat Raffael Arroyo diese damals neue Praxis kritisiert).


Rum Labels

Wie verzweifelt manche sind, erkennt man an dem folgenden Punkt, den ich allen Ernstes schon mehrfach gehört habe: Angaben auf dem Etikett würden die hübschen Rumetiketten verunstalten, Verbraucher würden verwirrt durch die Angaben oder sie erst gar nicht verstehen, das bringt doch alles eh nichts und sorgt nur für Chaos. Lasst das Volk dumm sterben, Bildung hält sie nur vom Malochen ab und sorgt für unangenehme Ansprüche. Dass es anders geht, zeigen beispielsweise sehr neutral und sachlich gehaltene Labels von Velier und Foursquare.


Ungesundes EssenIn Zeiten, in denen die Gesundheit so wichtig ist, dass man als Genießer sich rechtfertigen muss, wenn man überhaupt außer Körnern und stillem Wasser etwas zu sich nimmt, wird es leicht, eine Nebelkerze zu zünden und die Manipulationdiskussion auf einen kleinen Teilaspekt umzuleiten: Alkohol ist eh schon ungesund, was macht da der Zucker noch aus. Wer eine Nährwerttabelle auf Spirituosen braucht ist offensichtlich ein Alkoholiker, denn man trinkt ja nur winzige Mengen. Und die Kalorienzahl von Alkohol ist so hoch, da soll man sich wegen der Zuckerkalorien nicht so anstellen. Dass die Süßung ganz andere, viel gewichtigere Probleme mit sich bringt als Kalorien, wird dabei bewusst oder unbewusst unterschlagen.


Zucker

Über stolz vorgetragene Unwissenheit („Rum wird doch aus Zucker hergestellt!“ oder „Der Zucker kommt aus dem Fass!“) muss ich heute nur noch lächeln, denn meist steckt hier gar kein böser Wille dahinter, sondern nur genau das – Unwissenheit. Je weniger man über etwas weiß, desto sicherer ist man sich, dass man alles darüber weiß – das gilt in allen Lebensbereichen.


Ron Mulata Aräometermessung

Die Messungen sind ungenau und können nicht so funktionieren. Natürlich haben wir Hobbymesser kein professionelles Labor zuhause, mit dem wir aufs Mikrogramm genau feststellen können, was in der Flasche drin ist außer Rum. Dennoch haben Vergleiche gezeigt, dass die Hydrometer-Methode, die jeder zuhause mit wenig Aufwand durchführen kann, erstaunlich genau arbeitet. Immer wieder gilt zu betonen – es geht mehr darum, herauszufinden, ob nun 5 oder 20 Gramm pro Liter drin sind, nicht, ob es 33 oder 35 sind.


Mixology on rum

Zu guter letzt muss ich auch manche Rumfreunde hinterfragen, die sich gut auskennen, und aber desillusioniert sind, um ihre Pfründe fürchten, oder desinteressiert an Anfängern sind – sollen die Neulinge doch weiterhin Zacapa 23 trinken, so bleibt mehr für mich von den Single Casks übrig, die würden sonst noch teurer werden! Ja, das stimmt wahrscheinlich. Es wird sich aber eh nicht verhindern lassen, dass Whisky-Verhältnisse bald bei Rum einziehen, dazu ist Rum inzwischen zu beliebt. Und was ist das für eine Community, die die Anfänger mit dem schwachen Zeug abspeisen will, nur weil man selbst gezwungenermaßen früher mit Zuckerbomben eingestiegen ist?


Man sieht, da ist genug Material da, mit dem man als aufgeklärter Rumfreund zu kämpfen hat. Ich wünsche mir wirklich, dass das nächste Update in 3 Jahren sehr viel kürzer ausfällt, oder gar nicht mehr nötig ist. Allerdings bezweifle ich leider, dass mir die Gegnerschaft ausgeht – dazu sind zuviele materielle, finanzielle und reputative Partikularinteressen im Spiel.

Kurz und bündig – Rum Nation Rare Cask Engenho Novo Rum Agricole da Madeira

Meine Reise durch die Rumwelt Madeiras geht weiter – nach einem ungereiften Zuckerrohrsaftbrand kommt nun ein gereifter Rum der Insel ins Glas: der Rum Nation Rare Cask Engenho Novo Rum Agricole da Madeira wurde 2009 destilliert, ruhte dann bis zur Abfüllung in einem Ex-Madeira-Fass. 570 Flaschen ergab das ganze am Ende zu 52% Alkoholgehalt. Laut einer Messung von thefatrumpirate enthält dieser Rum 10g/L Zusätze, ich teile seine Vermutung, dass dies Reste aus den verwendeten, nicht ganz sauber geleerten Madeira-Fässern sind.

Rum Nation Rare Cask Engenho Novo Rum Agricole da Madeira

Direkt nach dem Eingießen nehme ich eine starke Klebstoffnote wahr, die schnell verfliegt. Danach bleibt etwas Lack, Vanille, grünes Holz, Haselnuss, eine durchaus kräftige Essignote, dazu Schwefel. Mich erinnert der Geruch an eine Mischung aus rhum agricole und Brandy de Jerez. Jedenfalls spannend!

Im Mund – ui, ist der sauer. Die Essigkomponente bestätigt sich sehr deutlich, auch der Schwefel. Eine milde Schärfe (schwarzer Pfeffer?) ist von Anfang an da, verstärkt sich zum Ende. Insgesamt ist der Rum richtig trocken, saugt einem die Spucke vom Gaumen; man sieht, die Zusätze müssen nicht unbedingt geschmacklich in Form von Süße erkennbar sein. Er ist sehr nussig, dunkelfruchtig, hat fast schon etwas von einem Sherry. Etwas später: Vanille, Vanille, Vanille – opulent, muss man sagen.

Der Abgang ist höchstens mittellang, heiß, metallisch und adstringierend. Eine leichte Betäubung setzt an der Zungenspitze ein. Die Pfefferschärfe bleibt lange auf der Zunge und im Rachen, ein Nachklang von Sahnetorte überrascht etwas, und die scheinbar supertypische Brombeernote, dich ich in allen Rums aus Madeira entdecke, komplettiert das ganze.

Hm, ich fühle mich hin- und hergerissen. Einerseits mag ich Rums, die mich überraschen und etwas aus dem Raster fallen; andererseits wirkt dieser Madeiraner doch im Gesamtbild sehr unrund, springend, unstet – da ist keine Linie erkennbar. Die Säure ist für meinen Geschmack darüberhinaus bereits übertrieben, die Vanilleopulenz dagegen betört. Ich bleibe ratlos zurück.

Offenlegung: Ich danke Rum Nation für die kostenlose Zusendung dieses Samples.

Fass(ungs)los – Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum

Es ist eine große Investition in die Zukunft, die man als Hersteller von braunen Spirituosen tätigen muss. Gebrannt ist schnell, wenn man das Equipment und Knowhow mal hat, doch die Kehlen der Kunden verlangen eher selten nach frisch aus der Destille gelaufenem, weißen, klaren Sprit; sie wollen dunkle, braune Flüssigkeiten, die nach Vanille und Karamell schmecken. Der Zufall, der einst die frühen Brenner dazu brachte, ihre Destillate in Holzfässern zu lagern, die dann den Geschmack entscheidend beeinflussten, ist heute ganz selbstverständliche Praxis geworden. Doch diese jahrelange Ruheperiode ist halt eben eine Investition – man kann in vielen Spirituosenkategorien seinen Stoff erst 10, 12 oder 20 Jahre später vernünftig verkaufen.

Das muss doch auch anders gehen, denken sich findige Geister. Man fährt ja heutzutage auch nicht mehr in Pferdekutschen oder surft mit einem langsamen Quietschmodem, dieser Prozess der Reifung muss doch zu beschleunigen sein. Und so haben wir heute das Highspeed-LTE-Äquivalent der Rumwelt im Glas, den Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum. Dieser Rum ist, wie man auf dem Foto erkennen und aus dem Namen ablesen kann, von brauner Farbe, und hat dabei aber in seiner kurzen Reifezeit von „wenigen Wochen“ (eigene Aussage auf der Webseite des Herstellers) nie ein Fass von innen gesehen. 10 Jahre Fassreifung sollen durch das neue Hightech-Verfahren eingespart werden können, und der Geschmack dabei gleich sein. Ich bin extrem skeptisch, was solche Aussagen angeht, musste aber aus rein professionellem Interesse dann den Versuch wagen. Haben wir hier die Zukunft des Rums vor uns?

Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum

Die Farbe ist tatsächlich der vergleichbar, die ich bei einem natürlich gereiften, ungefärbten 10 Jahre alten Rum erwarten würde. Eine leichte Trübung stört den Eindruck und deutet eventuell auf die Art des Verfahrens hin, das eingesetzt wurde – da keine Details darüber veröffentlicht werden, gehe ich einfach mal von einer Druck-Hitze-Intensivkur mit Holzchips aus. Der Boilerrum bewegt sich wie Wasser im Glas, keine Form von Öligkeit oder Schwere ist erkennbar.

Im Geruch erkenne ich zunächst Getreide. Da ist eine gewisse Vanillekomponente, etwas Kirsche und Aprikose, vielleicht aber eher Hubbabubba-Kaugummi; ja, das ist es – Kaugummi. Ein mehr geahnter als tatsächlicher Hauch von Rauch. Doch insgesamt, um ehrlich zu sein: Es riecht wie Vodka, der künstlich aromatisiert wurde, nicht wie Rum. Bei „achtfacher“ Destillation ist es auch kein Wunder, wo soll da noch Rumaroma übrig geblieben sein.

Der Geschmack ist leicht, typisch für einen hochdestillierten Multi-Column-Still-Rum. Wenig Körper. Sehr süß, viel Vanille, viel Hubbabubba. Diese Rauchkomponente ist auch geschmacklich vorhanden, das spannendste an diesem Rum. Er wirkt oberflächlich, klar, ohne Breite, sehr künstlich. Die auf der Webseite angepriesene Mildheit finde ich nicht, da ist viel Alkoholhauch  und -feuer und Pfeffer, insbesondere im aromatisch extrem kurzen Abgang. Der Nachhall ist dezent rauchig, erinnert mich mit meiner überbordenden Fantasie entfernt an Mezcal.

Als Vergleich für die Alterseinordnung dienen mir hier ein 3-bis-5-jähriger karibischer Blend (Compagnie des Indes Caraïbes), ein gesüßter Column-Still-Dominikaner ohne Altersangabe (Atlántico Gran Reserva) und ein tatsächlich echte 7Jahre alter Kubaner (Havana Club 7). Keine unfairen Bedingungen, wie man sieht, leichte Rums allesamt, keine superaromatischen Single-Cask-Abfüllungen, und recht unterschiedliche Stile, denn es geht nun ja nicht um den tatsächlichen Geschmack, sondern mehr um den Eindruck des Alters, der sich auch unabhängig vom Geschmack äußert. Der Boilerrum wirkt gegen alle  extrem dünn, jung, unrund, aromenarm und alkoholisch, das ist gar kein echter Wettbewerb. Die Konkurrenten schlagen ihn ohne jede Mühe und Aufwand. Ich habe, so hart es klingt, diverse ungereifte, weiße Rums in meiner Heimbar, die den Boilerrum deklassieren in Bezug auf Reife und Rundheit.

Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum Glas

Man kann diesen Rum wenigstens als schönes Beispiel dafür hernehmen, was Fassreifung alles mit einem Destillat anstellt. Es geht halt eben nicht nur um Farbe und Aromenübergang, sondern auch um das Atmen über Jahre durch den Filter des Fassholzes, das sich Setzen des Destillats, die Interaktion mit der Umgebung. „Reifung“, das Wort allein drückt es eigentlich schon aus: Per Definition gehört Zeit dazu. Man kippt nicht Enzym XYZ in den Tank und bekommt damit ein gereiftes Produkt, höchstens eins, das einem Reifung vortäuscht. Ist es das, was wir wollen? Es dem Hersteller möglichst einfach zu machen, uns etwas zu verkaufen, das dem, was wir eigentlich wollen, ähnelt, ein Rumersatzprodukt? Nichts anderes ist der Boilerrum, in der gleichen Kategorie wie Analogkäse und Formfleisch.

Mit Holz aromatisierter Vodka, das ist der Eindruck, den der Boilerrum hinterlässt. Butter bei die Fische – das Reifungsverfahren kann im Endeffekt so gut sein wie es will, wenn das eingesetzte Destillat nichts taugt, wird es nichts bringen – es kann ja keinen Zuckerrohrvodka in Rum verwandeln.

Fürs reine Genießen halte ich diesen Rum in dieser Form also für ungeeignet, sowohl von der physischen Aromatik als auch von der psychischen Genusskomponente her. Wer mich kennt, weiß, dass ich derartig klassifizierte Spirituosen auch ungern in Cocktails einsetze – wozu auch, man braucht gute Zutaten für einen guten Drink. Letztlich landen solche Produkte dann in Rezepturen, in denen sie nicht der Hauptdarsteller sind, sondern mehr eine unterstützende Rolle spielen. Im Kerala Cocktail braucht man einen leichten Rum, da kann der Boilerrum seine Dienste mehr oder weniger zufriedenstellend tun, die Aromen liefern andere Zutaten, und er muss so nicht gegen seine eigenen Marketingfuzzis kämpfen, die ihm ein Image aufzwingen, das er nicht ausfüllen kann.

Kerala


Kerala Cocktail
5 Kardamom-Schoten im Mixglas andrücken
1 oz leichter Rum
1 oz Bourbon
½ oz Ananassaft
½ oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
1 Spritzer Angostura
1 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken. Doppelt abseihen.
[Rezept adaptiert nach Joaquín Simó]


Letztlich missfällt mir fast alles an diesem Produkt, vom Geschmack mal ganz abgesehen. Die Wortwahl „bionaturally designed rum“ widerspricht allem, was ich in einer Spirituose sehen will, ich brauche keine Designer für einen guten Rum. Was an dem Verfahren mehr „bionatural“ sein soll als eine einfache Fassreifung ist mir auch unklar – wahrscheinlich soll damit der Verzicht auf unnötige Zusatzstoffe verklärt werden, etwas, was ich als Grundlage jeder gut gemachten Spirituose aber sowieso erwarte. Das großmäulige Versprechen, den Effekt von 10 Jahren Fassreifung in wenigen Wochen zu erreichen, das in keiner Form eingehalten werden kann, kommt dazu. Die süffisante Herablassung über karibische Herstellung in Kombination mit dem Stolzsein auf achtfache Destillation (!) zeugt davon, dass man keinerlei Interesse an Rum an sich hat. Und schließlich das Gerede übers Klonen auf dem Rücketikett und das Klonschaf Dolly als Wahrzeichen – wow, die haben echt den Knall nicht gehört oder auf die Kundschaft, die Natürlichkeit fordert, und nicht Laborprodukte.

Holzfassexperten, wie die Leute von der Independent Stave Company, mit denen ich in einer Masterclass-Veranstaltung bei meiner Reise zum Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles in Plovdiv (Bulgarien) im August 2018 reden konnte, bestätigen, dass derartige Verfahren auch von den Holzprofis erforscht und mit wachem Auge verfolgt werden – für sie ist es aber in weiter Ferne, dass ein traditionelles Holzfass durch technische Verfahren bei der Reifung von Spirituosen ersetzt werden könnte. Ich stimme ihnen zu, nachdem ich den Boilerrum probiert habe. Reden wir in 10 Jahren nochmal, mit verbesserter Technik und einem sehr viel besseren Basisdestillat – in dieser Form ist das Müll und keine Werbung für das Verfahren.

Karibisches Klima – Ron Elmilio Selected Blended Premium Rum

Aktuell ist im Rumbereich wieder mal eine neue, hitzig geführte Diskussion im Gange – Alterung und Reifung von Rum in tropischem Klima vs. in europäischem Klima. Es gibt ja doch so einige Abfüller, die sich Fässer karibischen Rums kaufen und diese dann in Europa weiteraltern lassen, das bekannteste Beispiel ist wahrscheinlich Plantation. Natürlich macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man ein Fass in einer Lagerhalle auf Barbados liegen hat, oder in einem Weinkeller in Frankreich – der Angels‘ Share ist im tropischen Klima oft um den Faktor 10 und mehr größer, aber auch die gesamte Interaktion mit Fassholz und Umgebung ist anders.

Wie gesagt, dies ist eine Diskussion, die aktuell recht neu ist, wie so viele Aspekte der Rumherstellung aktuell erstmals ernsthaft betrachtet und mit Expertenwissen unterfüttert werden. Daher war ich zugegebenermaßen etwas überrascht, im Pressetext zur Premiere des Ron Elmilio Selected Blended Premium Rum den Hinweis zu finden, dass die Bestandteile des Blends in tropischem Klima gereift wurden; ein Detail, das man nicht überall findet. Persönlich halte ich das für einen wichtigen Bestandteil eines Rums, der sich auf eine Herkunft beruft (hier: für meinen Geschmack viel zu generisch „Mittelamerika“), und stimme mit den auch in diesem Bereich vorpreschenden Richard Seale und Luca Gargano überein, dass es eigentlich vorgeschrieben sein müsste, dass ein Rum, wenn er sich auf eine geographische Region beruft, auch komplett in dieser Region hergestellt und gereift sein müsste. Nun, weg von der Metadiskussion hin zum tatsächlichen Rum des Tages!

Ron Elmilio Selected Blended Premium Rum

Laut eigener Aussage ist der Rum nicht mit Zuckerkulör gefärbt. Nun, dafür weist er eine sehr ansprechende goldene Tönung auf, mit sonnengelben Reflexen. Die Schwere, die er beim Schwenken im Glas zeigt, weiß auch zu gefallen, die dicken Schlieren komplettieren ein optisch sehr gelungenes Bild.

Die Nase im Glas entdeckt schöne Aromen – reife Ananas und Banane als Fruchtnoten, Marzipan, Walnuss und Kardamom. Ethanol ist im Untergrund erkennbar, wirkt aber nicht übermäßig lästig. Ein gewisser Hauch von Funkigkeit ist da, die für ein „Hoppla!“ bei mir sorgte – das hatte ich erstmal nicht erwartet. Insgesamt finde ich das ähnlich interessant wie die Optik, wenn das so weitergeht haben wir hier einen Treffer gelandet.

Im Mund kommt eine gewisse Ernüchterung auf. Die klebrige Süße beginnt schon im Antrunk, setzt sich im Verlauf ununterbrochen fort und steigert sich im Abgang zu einem pappigen Brei. Aromatisch finde ich überreife Ananas, Banane, Schokolade. Das Aroma, das gewiss vielschichtiger sein könnte,  wird leider von der überwältigenden Süße großteils plattgemacht; was sie aber leider nicht schafft, ist das kitzelnde Alkoholfeuer  auszubremsen.

Meine Messung per Spindel ergibt 31%, bei knapp 26° Flüssigkeitstemperatur bedeutet das in etwa grob 35-40g/L Zusätze. Das heißt, dieser Rum weist ähnliche Werte auf wie Botucal Reserva Exclusiva und liegt damit ebenso im starkgesüßten Bereich. Leider hat auch dieser Rum, wie fast alle starkgesüßten Rums, keine entsprechende Angabe auf dem Etikett. Sehr schade – ich erwarte die geplante Nährwerttabelle auch für Spirituosen mit Ungeduld.

Ron Elmilio Selected Blended Premium Rum Glas

Eine langsam einsetzende Bittere im Abgang korreliert so gar nicht mit der üppigen Süße, die zunehmende Alkoholschärfe ist überraschend bei nur 40%, und dadurch, dass kaum natürlicher Körper da ist, entsteht ein sehr unrundes, wackeliges Panoptikum an Eindrücken, die kein klares Bild aufkommen lassen. Im Nachhall muss man viel Spucke produzieren, um die Klebrigkeit vom Gaumen zu bekommen; etwas Bitterschokolade und Kaffee liefert die letzten, dann recht lang vorhandenen und gar nicht unangenehmen Überbleibsel im Mund.

Im Geschmacksfazit muss ich sagen, dass ich glaube, dass der Blend eventuell Potenzial hätte, da sind schon interessante Aromen vorhanden – wäre da nicht diese alles überdeckende Süße. Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass schon mit einer Halbierung des Zuckerzusatzes ein großer Schritt getan werden könnte, den Ron Elmilio für Rumfreunde spannender zu machen. In dieser Form kann ich ihn höchstens denen empfehlen, denen Süße wichtiger ist als Rundheit und echter Rumgeschmack.

Der Guyana Zombie hätte natürlich gemäß seinem Namen einen Demerara-Rum in sich. Tatsächlich weist der Ron Elmilio aber genug Schwere, Süße und Würze auf, um sich in diesem modernen Tiki-Drink wacker zu schlagen.

Guyana Zombie


Guyana Zombie
2 oz gereifter Rum
1 oz Ananassaft
1 oz Honigsirup
1 Teelöffel Cream of Coconut
½ oz Limettensaft
Alle Zutaten mit Crushed Ice blenden. In einem Glas mit frischem Crushed Ice servieren.
Mit einem Float aus Overproof-Rum und etwas braunem Zucker garnieren.

[Rezept nach A Mountain of Crushed Ice]


700ml hält die aparte braune Apothekerflasche mit Kunststoffkorken. Das Etikett ist insgesamt, abgesehen von den für meinen persönlichen Geschmack etwas abgedroschenen Symbolen von Anker und Fässern extrem inhaltsleer. Man findet praktisch keine Hinweise auf irgendwas, was dem Rumkenner wichtig wäre – keine Destillenangabe, nicht einmal eine Länderangabe (man muss schon den oben angesprochenen Pressetext heranziehen, um wenigstens an die sehr schwammige Aussage „mit sorgfältig selektierten Destillaten kleiner Brennereien aus Mittelamerika“ zu kommen). Auf eine Altersangabe wird ebenso verzichtet, und zwar aus dem spannenden Grund, dass man lieber keine angibt als eine täuscherische – auch diesbezüglich verlasse ich mich einfach mal auf die Aussage des Vertriebs. Bei einem Blend kann ich aber sehr gut damit leben, keine Altersangabe vorzufinden, das ist tatsächlich ehrlicher als manche Kundenfängerei. Dass der Rest des Marketingtexts in bester Storytelling-Manier die üblichen Seefahrer-Platitüden runterblubbert („Die lange verschollen geglaubte Handelsfregatte Elmilio dient als Namensgeber“), nun, das gehört leider mit zum Business – liebe Leute, verwendet Eure Energie doch besser darauf, etwas handfeste Information aufs Etikett zu packen, statt Euch so Zeugs aus den Fingern zu saugen.

Das gilt aber für sehr viele Rums, nicht nur für den Ron Elmilio. Wer also mittelamerikanische Aromatik und sehr viel Süße mag, und sich nicht an der Praxis des Nachsüßens stört, darf einen Blick riskieren. Ich für meinen Teil wäre an einer ungesüßten (oder deutlich weniger stark gesüßten) Variante durchaus interessiert.

Offenlegung: Ich danke myspirits.eu für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche des Ron Elmilio.