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Rum Nation Ilha da Madeira Natural Rum Agricole da Madeira Titel

Kurz und bündig – Rum Nation Ilha da Madeira Natural Rum Agricole da Madeira

Rhum agricole, das verbinden die meisten mit den französischen Überseekolonien. Doch die EU-Verordnung 110/2008, die einen Großteil der Vorgaben bezüglich Spirituosen der Union regelt, sieht vor, dass neben diesen auch eine dem europäischen Festland näher gelegene Insel den Begriff tragen darf – Madeira. Hier wird, als einziger Bereich des geografischen Europas (die Insel gehört zu Portugal und liegt noch halbwegs so nahe, dass man davon sprechen kann), tatsächlich auch Zuckerrohr angebaut, fast ausschließlich für den Eigengebrauch allerdings.

Bis vor einiger Zeit dämmerte der madeiranische Rum allerdings, zumindest in meiner Wahrnehmung, etwas vor sich hin. Im Zuge des gestiegenen Interesses an Rumneuheiten rücken nun auch solche Gebiete wieder in den Fokus – ich habe diverse Rumsorten aus Madeira ausprobiert, und werde sie in kleinen Häppchen hier präsentieren. Den Anfang macht ein ungereifter Rum; der Rum Nation Ilha da Madeira Natural Rum Agricole da Madeira.

Rum Nation Ilha da Madeira Natural Rum Agricole da Madeira

Die Farbe ist klar und sauber, ohne Trübung oder Einschlüsse. Im Glas schwingt er lebendig, nur mit leichter Viskosität. Am Glasrand ablaufende Beine bewegen sich langsam nach unten.

In der Nase meint man initial, den typischen Agricole-Geruch, den man von Martinique oder Guadeloupe kennt, wiederzuerkennen. Doch schnell kommt eine andere Komponente dazu, die eine stärkere Süße, eine höhere Fruchtigkeit andeutet – der Ilha da Madeira unterscheidet sich dann doch von den viel grasigeren französischen Verwandten, geht mehr in die Clairin-Richtung. Er darüberhinaus kann eine deutliche, alkoholische, stark getreidige Vodka-Note nicht verbergen – eventuell eine Folge der Destillation in einer nicht-traditionellen Column Still.

Im Mund ist letztere dann auch klar im Vordergrund. Getreide, Malz, nur ein Hauch von Frucht im Hintergrund – ich fühle mich an Korn erinnert, oder an Roggenvodka. Sehr warm, süß und rund im Eindruck. Eine milde Salzigkeit ergänzt das Bild, das insgesamt für einen ungereiften Rum erstaunlich dunkel und schwer daherkommt. 50% Alkoholgehalt machen sich durchaus bemerkbar, nicht unbedingt aber wirklich negativ. Der Abgang ist sehr feurig, heiß und scharf. Ist diese Schärfe verklungen, macht sie einem heißen, langen, malzigen Mundgefühl Platz. Beerenaromen klingen nach.

Es ist klar festzustellen, dass sich dieser Agricole-Rum von Madeira im Geschmack doch sehr deutlich von den Zuckerrohrsaftbränden aus der Karibik unterscheidet; Individualität ist natürlich eine gute Sache. Ich finde diesen ungereiften Inselportugiesen, der bei Rum Nation als Limited Release 2017 erscheint, durchaus interessant, ihm fehlt es für meinen Geschmack etwas an Komplexität und Spannung, doch das grundsätzliche Mundgefühl und die Aromatik wissen schon zu gefallen.

Offenlegung: Ich danke Rum Nation für die kostenlose Zusendung dieses Samples.

Bacardi 8 Años Titel

Summer Dreamin‘ – Bacardí 8 (Ocho) Años

Das „Bacardi-Feeling“ beschreibt ein Lebensgefühl. Natürlich lebt das alles von einer sehr guten Marketingmasche, mit Fernweh-Werbespots und einem sensationellen One-Hit-Wonder-Song, der, kaum angespielt, einen schon in die Karibik versetzt. Leider konnte man die tatsächliche Ausprägung dieses Gefühls dann meist nur mit anderen Rums kennenlernen – Bacardí hat unter Rumkennern nicht den allerbesten Ruf, sie leben von anspruchsloser, geschmacksarmer, billiger Massenware für den All-You-Can-Drink- und Happy-Hour-Markt. Dennoch muss man natürlich hin und wieder auch als Kenner einen Blick auf die Produkte der großen Rumindustrie werfen, und so setzte ich als Rumfreund alles auf eine Karte und legte mir den Bacardí 8 Años zu, ehrlicherweise in der vorschadenfrohen Erwartung, von diesem Experiment enttäuscht zu werden.

(Dieser Artikel ist eine Komplettüberarbeitung einer mehrere Jahre alten Rezension von mir).

Bacardi 8 Años Flasche

Farblich haben wir einen dunklen Ton vor uns, der gewiss nach 8 Jahren Fassreifung natürlich entstanden sein kann. Färbung ist vorhanden, etwas, was ich nicht befürworte, aber auch kein Kopfweh deswegen kriege – alle tun es, und es beeinflusst den Geschmack zumindest nicht.

Die Nase ist dagegen umso interessanter. Tabak, leicht rauchig, Lösungsmittel, Karamell, Vanille, Rosinen. Ein wirklich attraktiver Geruch, an den man sich gewöhnen kann. Im ersten Ansatz vom Mundgefühl her recht weich, rund und mild. Mit Verweildauer setzt ein mittleres Feuer den Mund in Brand (ich übertreibe etwas, es ist mehr ein zartes Brennen). Ich liebe diese Art Abwechslung, so lange das Feuer aromatisch bedingt ist, und nicht aus Alkoholschärfe entsteht. Nun ist der Rum plötzlich würzig und leicht nussig, und vielleicht sogar etwas kräuterig, insgesamt herrscht dennoch eine sehr süße und cremige Eindruck vor.

Der Abgang ist mittellang, Vanille und Tabak verbleiben etwas am Gaumen. Dazu eine milde Süße, die nicht hundertprozentig angenehm ist. Woher kommt die? Auch dieser Rum ist künstlich nachgesüßt. Die Messungen schwanken zwischen 12 und 20 g/L. Der „normale“ Bacardí Superior hat keinen künstlichen Zuckerzusatz – wie seltsamerweise oft sind es also die Pseudo-„Premium“-Marken innerhalb eines Sortiments, die gezuckert werden.

Mein Fazit – ja, so kann man sich täuschen. Sehr fruchtig und gleichzeitig rauchig; ein durchaus überraschender Geschmack für einen Rum. Er geht schon eher in die Tabak- oder Leder-Richtung, ist auf jeden Fall aromatisch und rund. Kein Aromenwunder natürlich, aber gut trink- und mixbar, insbesondere für den Preis, den man bezahlt.

Immerhin hat er Wucht, selbst z.B. in einem fruchtig-süßen Havana Sail kommt er gegen den dicken Maracujasaft an. Das witzige an diesem Cocktail ist, dass er, je nach verwendeter Grenadine, unterschiedliche Farben hat. Im Foto unten habe ich einen Riemerschmid-Granatapfelsirup verwendet; dieser färbt den Cocktail dunkelrot. Eine andere Grenadine, die ich sonst verwende, gibt dem ganzen nur einen Hauch eines Rottouches, der Cocktail bleibt dunkelgelb. Was man nicht alles so entdeckt beim Cocktailmixen.

Havana Sail


Havana Sail
1 oz Bacardi 8 Años Reserva Superior
2 oz Maracuja-Saft
½ oz Grenadine
[Rezept nach unbekannt]


Die sehr schöne Präsentation in einer edlen Flasche rundet das ganze ab – seit der Zeit, in der ich meine Flasche erwarb und austrank, hat sich ein Flaschenredesign ergeben. Die neue Flasche sowie das neue Etikett, das im Zuge der Vereinheitlichung der Produktreihen des Herstellers stattfand, hat diesem Aspekt allerdings keinen Abbruch getan, die neue Präsentation weiß ebenso zu gefallen wie die alte.

Bacardi 8 Años Ausgießer

Wer sich bei meinem Produktfoto über den seltsamen Aufsatz gewundert hat – er wird natürlich nicht standardmäßig mitgeliefert, sondern muss separat erworben werden. So skeptisch ich den Rums von Bacardí gegenüberstehe, so mag ich deren Markenpräsentation (das geht mir mit diversen anderen Spirituosen auch so; man sieht, wir sind doch etwas von der Optik getrieben, selbst wenn wir es nicht wollen). Das Wappentier der Firma, die Fledermaus, ist einfach zu goldig, als dass ich sie einfach so abtun könnte. Man muss einfach für sich aus jeder Spirituose das beste machen. Dann kommt das Karibik-Feeling vielleicht auch mit.

Revolte Spiced Titel

Über manche Sachen scherzt man nicht – Revolte Spiced

Ich habe neulich erfahren müssen, dass man sich gegenseitig vor mir warnt, wenn ich mit Herstellern einfach so reden will. Nicht ernsthaft, aber schon mit einem gewissen scharfen Humor. Dass ich „starke Meinungen“ hätte, und so. Einerseits ist das natürlich ein Kompliment, immerhin muss man sich so einen Ruf erarbeiten. Andererseits hinterfrage ich mich dabei natürlich schon – ich will ja nicht als der Stinkstiefel gelten, der nur darauf aus ist, den Süßrumtrinkern den Spaß zu verderben. Gerade aktuell meine ich feststellen zu können, dass das Pendel, das einige Jahre stark zugunsten der Rumtransparenz ausgeschlagen hatte, nun wieder etwas in die andere Richtung schwingt – Süßrum findet nun plötzlich offensive Verteidiger, und man bekommt Begriffe wie „Taliban“, „Rumpolizei“ oder „Spaßbremse“ an den Kopf geworfen. Nun – aus gegebenem Anlass wird es Zeit, dass ich mir klarmache, dass das nicht eine Attitüde ist, die ich aufbaue, sondern mir das Thema wirklich etwas bedeutet, und darum haue ich jetzt mal eine ungefilterte Meinung raus.

Ganz ehrlich – mir ist es mistegal, was jemand trinkt. Ich will niemand den Zacapa 23 mies machen, will niemand seinen Botucal ausreden oder gar jemandem den Don Papa klauen. Trinkt die Brühe, wenn es Euch lustig macht, und haltet Euch dabei für die Verteidiger der freien Meinungs – und Geschmacksäußerung, wenn Ihr auch noch stolz drauf seid. Freut Euch über Palmen, Piraten und Papageien, habt Spaß mit der Spaßspirituose. Vergesst dabei aber nicht, Euch gleichzeitig über Havana Club und Bacardí mit lustig zu machen – nur „Premium“ ist guter Rum, nicht Supermarktrum, auch wenn letzterer oft ehrlichere Qualität aufweist als die in der edel aufgemachten Flasche. Macht Eure Privattastings mit 10 Pseudorums, um einen möglichst breiten Eindruck dessen zu bekommen, was die Aromenindustrie zu bieten hat. Mir alles egal. Nun flatterte mir aber Ende März ein Paket mit einer unetikettierten Flasche und einem Brief ins Haus. Man lese diesen Brief bitte, um meine Reaktion darauf, und den Ton dieses Artikels, zu verstehen.

Revolte Spiced Pressemitteilung

Verdammte Kacke, dachte ich mir, ich kann gar nicht so viel saufen, wie ich im Strahl kotzen möchte. Nicht wegen dem neuen Produkt, im Gegenteil, das ist eine interessante Reaktion auf den Markt – vielleicht der schrille Aufschrei eines Produzenten, der mit besten Ambitionen gestartet ist und nun von diesem beschissenen Markt auf den Boden heruntergeholt wird. Nein, es ist wegen Produkten, die dasselbe wie Revolte tun, es aber über Jahre heimlich und verstohlen gemacht haben, und so den Boden bereiteten für Konsumenten, die nicht mehr wissen, wie Rum zu schmecken hat – und damit das Leben für die Kaltenthalers dieser Welt schwer machen. Und, ja, ich schaue damit auch Euch an, liebe offensive Süßrumfreunde, die dabei mithelfen, dass es so weitergehen wird und die zarte Transparenzknospe, die so schön am Aufblühen war, unter dem Stiefel der Marktmacht der Betupper zerdrückt wird. So, und jetzt habt Ihr Grund, Euch gegenseitig vor mir zu warnen.

Revolte Spiced

Ende der Wutrede. Es war der 1. April, und das ganze kaltenthalerische Getue, inklusive Brief und allem, war ein Aprilscherz. Ja, ich gebe es gern zu, ich bin voll drauf reingefallen. Felix, das war verdammt gut gemacht, ich hasse und verfluche Dich dafür, dass Du mir dieses Magengeschwür bereitet hast.

Die Farbe des Revolte Spiced, so heißt er offiziell, ist für einen massiv gefärbten Rum noch halbwegs erträglich. Ein schrilles Kotzgelb, etwas an das erinnernd, was Mücken hinterlassen, wenn man sie auf der Autobahn an der Scheibe aufsammelt. Die Nase erinnert an Spülmittel, das billige aus dem Aldi, mit etwas Zitrone und behandelter Orange im Hintergrund. Künstlich und oberflächlich, sehr plakativ, aber mit irgendwas muss man als Hersteller seine Kunden ja ködern. Ich rieche Ingwer, aber das bilde ich mir sicher nur ein. Im Mund setzt sich die Einbildung fort, da ist Ingwer en masse. Eine schrecklich klebrige Süße pappt den Mund zu. Viel Frucht, Zitrone, Orange, können das Spüli etwas überdecken. Die Rumbasis ist noch leicht erkennbar, die Blender haben es nicht geschafft, sie vollends zu verhunzen. Der Abgang ist mittellang, schade, ich hatte auf etwas kürzeres gehofft. So muss ich damit leben, den Revolte Spiced länger als die meisten anderen Spiced Rums am Gaumen haften zu haben.

Gerne zitiere ich nach meiner nicht ganz ernst gemeinten Verkostungsnotiz noch den nachgelagerten Hinweis, dass der Aprilscherz sich nicht nur auf die Motivation, sondern auch auf den Herstellungsprozess bezogen hatte: „Hohe Zuckergehalte, chemische Zusätze wie Glycerin oder die Zugabe von künstlichen Aromen sind uns mehr als fremd. Stattdessen haben wir bei unserem kleinen Aprilscherz mit der Mazeration den natürlichen Weg gewählt, um verschiedene Noten wie z.B. Rosinen, Orangen und Zimt zu erzielen. Und 37,5 % vol. und 99 Gramm Zucker? Zugunsten der Steuern den Alkoholgehalt zu senken und mit 99 Gramm pro Liter den Startschuss zur Diabetes zu geben? Die Frage kann sich wohl jeder selbst beantworten.“

Nun, ehrlich gesagt, für einen Spiced Rum ist das Zeug echt gut trinkbar, und ich hoffe, dass meine Leser im Gegensatz zu mir nicht auf obigen Müll reinfallen und stattdessen ihre Captain Morgans und Sailor Jerrys rausschmeißen und dafür den Revolte Spiced ins Haus holen – ich rate dazu, auch wenns mir echt schwerfällt. Der Haupteinsatzzweck für diesen Spiced Rum wird bei mir, wie es allen gewürzten Rums ergeht, die Vermischung in Cocktails sein. Zu Ehren des wirklich bösen Aprilscherzes habe ich einen Cocktail auf Basis des klassischen Zombie gemixt, praktisch ausschließlich mit Revolte-Zutaten – vom German Zombie Punch brauchte ich aber auch wirklich 3 Stück, um mich wieder von der Wutwolke runterzuholen. Ich gebe zu, ich rege mich leicht auf.

German Zombie Punch


German Zombie Punch
1½ oz Revolte 2014 MTQ
1½ oz Revolte Spiced
1 oz Revolte Overproof
¾ oz Limettensaft
½ oz Revolte Falernum
½ oz Don’s Mix (Zimtsirup und Grapefruitsaft)
1 Teelöffel Grenadine
1 Spritzer Absinthe
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken und auf Eis mit einem Minzzweig servieren.
[Rezept adaptiert nach Don the Beachcomber]


Natürlich wird der Revolte Spiced in derselben Flasche und derselben Aufmachung geliefert wie der Rest der Reihe (den es natürlich weiterhin geben wird). Freundlicherweise schickte mir der Hersteller in einem Entschuldigungsbrief sogar ein Aufklebeetikett mit, das die Wahrheit zeigt. Nicht, dass ich Revolte deswegen weniger hassen würde – der Zug ist abgefahren, mit Tempo 200.

Revolte Spiced Etikett

Offenlegung: Ich danke Revolte für die unaufgeforderte und kostenlose Zusendung einer Flasche des Revolte Spiced. Vielen Dank. VIELEN DANK, Ihr Mistkerle.

Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Titel

IGP, AOC und andere ggAs – Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe

Redet man über Rhum Agricole, beginnt das Missverständnis meist schon im ersten Satz. Selbst Rumexperten verwenden die allerersten Basisbegriffe wie „agricole“ oft, ohne eine wirklich klare Vorstellung davon zu haben, wie komplex die rechtliche und terminologische Lage diesbezüglich ist. Ich will gar nicht auf diese Schwierigkeit eingehen, sondern einen großen Schritt von dieser schwierigen, für mich selbst noch unklaren Schwammigkeit nach vorne an die klar definierte Front machen, und dabei das immer noch häufig gehörte Missverständis aufklären, dass jeder rhum agricole automatisch nach den strengen Regeln des AOC hergestellt wird. Die Kette ist eigentlich klar: Nicht jeder Zuckerrohrsaftbrand ist ein Rum, nicht jeder auf französischen Gebieten hergestellter Rum ist Rhum agricole, nicht jeder Agricole aus derartigen Gebieten ist AOC.

AOC, Appellation d’Origine Contrôlée, ist ein Schutzmechanismus, der nur an sehr ausgewählte Produkte der teilnehmenden Länder vergeben wird (bei dieser französischen Variante eben Frankreich und Schweiz); bei weitem nicht jeder rhum agricole erhält ihn. Zur Zeit hat nur die Insel Martinique das Recht, ihren Rum, der nach diesen sehr explizit formulierten Regeln hergestellt wird, mit diesem Siegel zu markieren. Ein Beispiel für ein nicht-AOC-Rum-produzierendes französisches Gebiet ist Martiniques Nachbarinsel Guadeloupe. Um die Sache zu verkomplizieren, ist der Rum, der dort hergestellt wird, trotzdem auch geschützt – nicht über das AOC-Siegel, sondern über dessen kleinen Bruder, das IGP-Siegel (Indication Géographique Protégée). Kleiner Bruder deshalb, weil die Strenge der Vorgaben, was die Produktionschritte angeht, in diesem Fall doch erkennbar geringer ausfällt – statt detaillierten Vorgaben reicht es schon, wenn die Herstellung allgemein in der angegebenen Region erfolgt, um das Siegel bekommen zu können, das von der EU verliehen wird, nicht von einer unabhängigen Kontrollinstanz, wie das bei AOC der Fall ist.

Wir betrachten in diesem Zusammenhang einfach mal einen Rum – der Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe ist so ein Produkt der Insel Guadeloupe, das das IGP-Siegel trägt. Er wird in der Bellevue-Destillerie für den langjährigen Besitzer der Destille, Damoiseau, den größten Rumhersteller Guadeloupes, gebrannt, und lagert dann mindestens 3 Jahre im Eichenfass, um die Alterskategorie „VO“ zu bekommen.

Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Flasche

Für diese kleinen 3 Jahre weist der Rum eine überraschend kräftige Farbe auf, ein dunkles Kupfer mit goldenen Reflexen. Das lädt direkt dazu ein, die Nase ins Glas zu halten – dort findet man dann erstmal ein schönes Entrée von Zitrusfrüchten. Agricoletypische Noten tauchen schnell auf, Heu und Malz. Leise Anklänge von Kaffee und Schokolade, im Untergrund etwas Pferdedecke.

Der Geschmack überrascht dann zunächst leicht. Honig ist ganz deutlich präsent, ebenso Schwarztee. Passend dazu ist der Eindruck richtig süß, mild, ohne echte Kante und Ecke. Vollmundig und dicht, der Damoiseau VO fühlt sich fast schon dickflüssig im Mund an, wenigstens aber ölig. Leicht grasige Aromen, begleitet von etwas kühler Eukalyptusschärfe im Verlauf. 42% Alkoholgehalt kann man im Ansatz riechen und schmecken, ein paar Jahre mehr werden für noch bessere Einbindung sorgen.

Der Abgang wird sehr trocken, der ganzen Süße im Antrunk spottend. Ansprechend mittellang. Im Nachhall entdecke ich Vanille, noch mehr Heu. Sehr warm und wohlig läuft der Rum den Rachen hinunter und verweilt dort etwas. Ich finde das einen perfekten Rum für Leute, die bisher eher Süßrums im Blickfeld hatten und Agricoles mit Misstrauen beäugen, die grasig-holzigen Komponenten schwierig finden und sich eher gemütlich verwöhnen wollen. Der Abgang ist für diese vielleicht etwas ungewohnt würzig, doch nie unangenehm.

Es gibt unendlich viele Cocktailrezepte, die Rum einsetzen, in all seinen Spielarten. Meist ist dabei rhum agricole nicht die Zutat der Wahl, denn sein doch leicht anderes Aromenprofil würde dafür sorgen, dass die Gesamtaromatik in eine sehr andere Richtung kippt. Für den Damoiseau VO gilt das meines Erachtens nicht – er passt sich gut in Standardrumrezepte ein. Der Agricole Malecon zeigt dies; er wird normalerweise als Malecon mit Melasserum gemacht.

Agricole Malecon


Agricole Malecon
1¾ oz Rhum agricole (z.B. Damoiseau VO)
½ oz Tawny Port
oz Oloroso-Sherry
1 oz Limettensaft
2 Teelöffel feiner Zucker
3 Tropfen Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Erik Lorincz]


Ich kann mit der Art von Schraubverschluss, die sich auf dieser Flasche befindet, bei Spirituosen sehr gut leben – ich brauche keinen Korken, wenn so ein hochwertiger Plastikschraubverschluss es auch tut. Bei dem wirklich richtig guten Preisleistungsverhältnis (man bezahlt in Frankreich im Supermarkt um die 20€ für die 70cl-Flasche) wäre auch jedes Meckern diesbezüglich scheinheilig.

Also, wer sich vor Rhum Agricole bisher gefürchtet hat, greife hier unbesehen zu. Auch bereits Initiierte, die nach einem wirklich milden, vollmundigen Schluck für zwischendurch oder als Cocktailzutat suchen, werden es nicht bereuen, sich diesen Tropfen ins Regal zu stellen.

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Titel

Ab nach Walhalla – Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum

Die Welt war vor einigen Jahrzehnten noch in Ordnung. Whisky kam aus Schottland, Irland und den USA, Agavenschnaps aus Mexiko, Weinbrand aus Frankreich, Vodka aus Polen und Russland. Und Rum? Rum kam aus der Karibik, alles andere war gepanschter Schmu. Ja, die Zeiten ändern sich. Whisky ist in sehr hervorragender Qualität inzwischen aus Japan beziehbar, Südafrika stellt zwar nicht Tequila, aber doch Spirituosen aus Agavenzucker her, ich habe südamerikanischen Pisco als dem französischen Cognac in nichts nachstehend für mich entdeckt, und Vodka – naja, manches ist beim alten geblieben, auch wenn sehr schöne Ausnahmeprodukte inzwischen auch in Deutschland hergestellt werden (Freimut, zum Beispiel).

In dieser neuen Weltordnung hat selbst Rum keine Sonderstellung inne mehr inne. Während die Basismaterialien für viele anderen Spirituosen weltweit recht problemlos angebaut werden können (Getreide, Trauben etc.), ist Zuckerrohr ein tropisches Gewächs. Die Herstellung ist daher eigentlich auf entsprechende Gebiete konzentriert, doch im Zuge der Globalisierung sind wenig verderbliche Basismaterialien, wie Melasse bei Rum, aber gern um die halbe Weltkugel unterwegs, so dass selbst im klimatisch unwirtlichen Deutschland Rum gebrannt werden kann – experimentierfreudige Brenner wie Severin Simon versuchen also, den karibischen Altmeistern die Schau zu stehlen, mit hochwertigen artisanalen Produkten. Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum will dabei offensichtlich auf eigenen Füßen stehen, ohne künstliche Anbiederung an tropische Gefühle. Ich habe mir eine der schnuckligen 35cl-Flaschen bei einem Besuch in der Destille mitgenommen. Schauen wir mal, ob der deutsche Rum was taugt, und wie er sich in internationaler Konkurrenz schlägt!

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Flasche

Die 4 Jahre Reifedauer im Barrique aus regionaler Spessarteiche haben, wenn man die Farbe betrachtet, ihren Zweck optisch erfüllt – ein strahlendes Safran mit orangenen Reflexen; schön insbesondere, weil nicht künstlich nachgefärbt. Dicke Beine laufen am Glas langsam ab, eine leichte Öligkeit ist sichtbar.

Das Ex-Mackmyra-Fass, in dem der Thorslund für 6 zusätzliche Monate ruhen konnte, zeigt sich dann auch in der Nase. Ein Touch von Whisky liegt da im Untergrund, darüber eine Schicht Getreide, eine kräuterige Zwischenschicht aus Dill und Kümmel, und zur Krönung obenauf hochtönig noch ein paar Obstaromen (Apfel und Birne, würde ich sagen). Besonders schön für die, die die Destille besucht haben und sich erinnern können – man kann die Aromatik der Melasse, aus der dieser Rum gebrannt wurde, tatsächlich noch riechen.

Im Antrunk wirkt der Thorslund erstmal natürlich süß und weich. Die Breite, die man zu Beginn schmeckt, erhält sich, doch bald kippt die Süße um in kantige Trockenheit. Heimlich schleicht sich eine starke Bittere mit ins Bild. Ich schmecke vergorene Ananas, geröstete Gerste, Anis, etwas Apfel und Banane, und fast schon etwas Armagnac. Die Intensität, mit der die Aromen geliefert werden, ist berauschend. Sehr spannend, sehr vielschichtig, sehr aromatisch. Dieser Rum hält sich nie zurück, und ist trotz der 48,8% Alkoholgehalt dabei nirgends kratzig oder beißend. Der Abgang ist voller Haselnüsse, ultratrocken, heiß und lang, erinnert mich dabei sensorisch an eine verrückte Mischung aus jamaikanischem Funk und norddeutschem Kornbrand. Da ist Dampf ohne Ende drin.

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Glas

Ah, wer hier nicht direkt zum Fan deutschen Rums wird, den bedaure ich. Ganz klar: Der Thorslund kann ohne Mühe mit den besten Produkten der großen karibischen Namen mithalten. Das ist ein herrlicher, superaromatischer und dabei so wunderbar unkomplizierter Rum, bei dem ich es extrem bedauere, nur eine Flasche erworben zu haben – bei einer Limitierung auf 150 Flaschen ist es wohl aussichtslos, nochmals eine davon abzustauben, für die schlechten Tage, wenn man nach vielen Samples mittelmäßigen Rums einen Lichtblick gut gebrauchen könnte.

Immer wieder lese ich, dass man hochwertige Spirituosen nicht in Longdrinks oder Cocktails vermischen soll. Nun, selbst Trader Vic hat einen 17-jährigen Wray&Nephew, der heutzutage wahrscheinlich kaum bezahlbar wäre, in seinem originalen Mai Tai untergebracht, und ihn nehme ich mir diesbezüglich gerne als Vorbild. Daher kommt der Thorslund in einen Cocktail, wie eigentlich alle Spirituosen, die ich auf meinem Blog bespreche. Kein Tiki-Cocktail, sondern was kleines, feines – im Pedro Martinez kommt er besonders schön zur Geltung.

Pedro Martinez


Pedro Martinez
1½ oz gereifter Rum (z.B. Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum)
¾ oz roter Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
¼ oz PX Sherry (z.B.  La Cigarrera Pedro Ximénez)
2 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Bryan Schneider]


In der Valkyrie-Reihe hat Severin Simon auch noch zum Beispiel den Castanea im Portfolio, der statt in Whisky-Fässern in Kastanienholz reift. Natürlich folgt eine Besprechung jenes Rums auch noch. Die nordische Mythologie als Storytelling-Rahmen für den Rum gefällt mir gut, ebenso die Illustrationen auf den Etiketten, die wie auch der Schriftsatz edel wirken, ohne sich allzusehr dabei zu verkaspern. Ein praktischer, qualitativer Schraubverschluss ist für mich eine gute Alternative zum Korken. Sehr wichtig für mich –  dieser Rum ist ungefärbt und ungesüßt. Ein paar Infos darüber, wie auch über die doch nicht alltägliche Herstellung und Reifung, hätte ich mir auf einem eventuellen Rücketikett gewünscht.

Wenn es solch großartigen Rum in Walhalla gibt, hat der Tod seinen Schrecken für mich verloren, und ich freue mich auf die Walküren, die mich dann irgendwann mal dorthin bringen.

Ron Zacapa Sistema Solera 23 Titel

Der Einstieg in die Zuckerhölle – Ron Zacapa 23 Sistema Solera

Es gibt unter Rumkennern eine Theorie, die sich „Gateway“ nennt. Darunter versteht man im Allgemeinen, dass es kaum einen Rumfreund gibt, der nicht über gewisse Marken in die Szene eingestiegen ist – Botucal/Diplomatico, El Dorado, Plantation XO und der hier besprochene Ron Zacapa 23 Sistema Solera sind dafür übliche Verdächtige. Sie sind stark gesüßte, teils aromatisierte, teils sogar mit Glyzerin versetzte Produkte, die den Konsum vereinfachen sollen (auf den Zacapa trifft, um das vorwegzunehmen, alles drei zu) – das Zeug kann man trinken, selbst wenn man sonst keine Spirituosen mag. „Gateway“ ist entsprechend die englische Bezeichnung für diesen „Einstieg“. Man beginnt danach vielleicht, sich mit Rum auseinanderzusetzen, und wer dranbleibt, bleibt allerdings oft nicht bei diesen Produkten – schnell erkennt man, dass die Aromatik künstlich ist, und man steigt auf saubere Rums um, oder ist sich wenigstens hoffentlich klar, dass man eigentlich eine Art Rummixgetränk oder prebottled Rum Old Fashioned trinkt, aber nicht Rum.

Die Gateway-Theorie ist manchmal das letzte Gute, was man als Fortgeschrittener über bestimmte Produkte sagen kann oder will, und manche geben Anfängern eventuell daher sogar den Rat, mit ihnen einzusteigen – eben weil man selbst damit angefangen hat. Hier hört es für mich aber auf. Als Erklärung für die Bekanntheit dieser Rums mag die Gateway-Theorie dienen, aber auf gar keinen Fall als Handlungsempfehlung. Muss es wirklich sein, dass alle Anfänger erstmal betuppt werden müssen und sie ganz natürlich zunächst gepanschte Ware trinken sollen, nur weil wir als dumme Anfänger diesen harten und teuren Weg gehen mussten, in Zeiten, als die Manipulation von Spirituosen mit Additiven nicht bekannt war? Empfiehlt man angehenden Whiskytrinkern erstmal Drambuie und Irish Mist? Nein. Und bei Rum sollte es auch nicht so sein.

Ron Zacapa Sistema Solera 23 Flasche

Meine Einstellung dazu gefällt manchen nicht, das weiß ich. Dennoch hatte ich mir es auf die Fahnen geschrieben, für sauberen Rum und die Bekanntmachung der Vorgänge bei Rum zu kämpfen. Heute blicke ich nostalgisch zurück – in nur wenigen Jahren ist diesbezüglich unglaublich viel passiert, und das Pendel schwingt in die andere Richtung. Gut und weiter so!

Behäbig und schwer liegt er mit seinem dunklen, kräftigen Terracotta im Glas. Er schwenkt sich sehr gefällig. Man ahnt, wenn man es weiß, hier bereits den Weichmacher, den er enthält – Glyzerin ist per Labortest nachgewiesen, eine Substanz, die auch in so manchen Vodkas zum Gefügigmachen eines nicht ganz so weichen Destillats genutzt wird.

Die Nase des Rums aus Guatemala ist durchaus rumtypisch, Walnüsse, Rosinen, Weihnachsgebäck, Haferkekse, dunkle Schokolade; eine leichte Pferdedeckennote finde ich immer gar nicht unattraktiv. Er wird aus „virgin sugar cane honey“, einem Marketingeuphemismus für konzentrierten, eingedickten Zuckerrohrsaft, hergestellt, was aromatisch näher einem Melasserum ist als einem aus frischem Zuckerrohrsaft hergestellten. Ich entdecke einen nur minimalen, aber erkennbaren Alkoholbeiklang. Der Geschmack ist sehr gefällig, sehr süß im Antrunk, zunächst weich und samtig, vanillig (auch letzteres ist per obigem Labortest als künstliches Aroma entlarvt). Es dauert nicht lang, dann kommt eine störende Säure zum Vorschein; man entdeckt parallel den fehlenden Körper, den eklatanten Mangel an Tiefe, die Pappigkeit, die aus der zunächst noch angenehmen Süße geboren wird. 40% Alkohol werden durch die Zuckerung einigermaßen maskiert – die Maske wirkt aber künstlich und aufgesetzt. Der Abgang kann dann doch nicht komplett verbergen, was hier geschehen ist – ein mittelmäßiges Destillat wurde mit Additiven aufgepimpt, was am Gaumen noch recht gut funktioniert, im Nachhall sich aber als schal, scharf, leer und kurz entpuppt.

Mein Mantra ist – was ich nicht pur trinken würde, kommt mir auch nicht in den Cocktail. Davon gibt es nur wenige Ausnahmen. Für gesüßten Rum mache ich diese nur, solange die Flaschen halt im Haus sind und so langsam aber sicher dann halt doch weg müssen. Dabei achte ich darauf, sie in Rezepten zu verbraten, die eh von sich aus bereits einen süßen Charakter haben – wie der Curiosity. Tatsächlich bringt der Zacapa hier sogar einen gewissen Charme mit in die Mixtur und fällt mit seiner Süße unter den eh schon arg süßen Mitstreitern Sherry, Likör und Sirup kaum negativ auf.

Curiosity


Curiosity
2 oz gereifter, süßer Rum (z.B. Ron Zacapa 23 Sistema Solera)
1 Teelöffel Schwarztee (lose in den Shaker)
⅔ oz PX Sherry
⅓ oz Suze
⅓ oz Vanillesirup
Auf Eis schütteln. Doppelt abseihen. Mit einer Orangenzeste garnieren.

[Rezept nach Kenny Klein]


Während ich mich über die täuscherischen Pseudo-Altersangaben von lateinamerikanischen Solera-Rums, die zumeist nicht mal echte Soleras sind, sondern Blends, anderswo schon ausgelassen habe, muss ich bei diesem Rum nochmal auf die Süßung zurückkommen, einem Thema, das 2018 eigentlich bereits etwas ausgereizt scheint, doch immer wieder entdeckt man neue Facetten dieses Vorgehens. Knapp über 20g/L (im untenstehenden Foto runtergerechnet auf die 700ml-Flasche entsprechend 14 Gramm Zucker) weist der Ron Zacapa 23 heute auf; frühere Messungen hatten über den doppelten Wert ergeben.

Eine interessante Diskussion findet sich im Rum Project dazu. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass Zacapa wohl seinen früheren Anteil von Saccharose tatsächlich sehr stark reduziert hat – dafür aber einfach umgestiegen ist auf eine andere Süßungsart, nämlich Fructose-Glucose-Sirup. Dieser ist geschmacklich deutlich süßer als Zucker; so ist der messbare Anteil an Zucker niedriger, die früher bekannte Süße bleibt erhalten. So einen Stunt muss man erstmal durchziehen. Mich wundert im Rum-Business aber nichts mehr. Scheinbar ist es manchen Herstellern wichtiger, ihre Energie dahingehend zu verbrauchen, die Konsumenten mit immer neuen Tricks zu täuschen und neue Wege der künstlichen Süßung zu suchen, statt einfach diese Energie in die Weiterentwicklung und Säuberung ihrer Produkte zu investieren.

So, Zacapa 23 in ein paar Sätzen zusammengefasst: Glyzerin zum Weichmachen, hochindustrieller Zuckersirup zum Abschleifen und Süßen, künstliches Vanillin für die feinen Aromen, eine täuscherische Altersangabe als Kaufanreiz, viel Marketingblabla zum Blenden der Unwissenden. Habe ich was ausgelassen? Letztlich können nur wir Verbraucher diese Praxis beenden, indem wir derartige Produkte meiden. Man kann mit dem Zacapa 23 damit anfangen – seinen einstigen guten Ruf, der nur auf Betrug basierte, hat er in Kennerkreisen eh schon lange verloren, und entsprechend gibt es weder für Anfänger noch für Kenner eine Pflicht, ihn probiert zu haben.

Mount Gay Pure Silver Titel

Kurz und bündig – Mount Gay Pure Silver

Urlaubsmitbringsel! Herrlich! Es freut einen, wenn die Kollegen an einen denken, selbst im Urlaub. Und wenn man dann sogar noch was mitgebracht kriegt, freut man sich doppelt. Dreifach sogar, wenn es sich um ein Sample eines bajanischen Rums handelt! Vierfach, wenn das Sample tatsächlich auf Barbados gekauft wurde. Fünffach, wenn man schon vor der Verkostung weiß, dass es sich um qualititativ hochwertigen Rum handelt, wie den Mount Gay Pure Silver. Diese Besprechung basiert auf genau so einem mitgebrachten 5cl-Sample.

Mount Gay Pure Silver

In Deutschland ist dieser Rum in dieser Form, soweit ich weiß, nicht leicht erhältlich. Es gibt den Mount Gay Silver, der allerdings nur 40% aufweist, während der Pure Silver 43% Alkoholgehalt hat. Es handelt sich dabei um einen gereiften Rum, der mindestens 2 Jahre er in Ex-Bourbon-Fässern lagerte, und dem die Farbe dann wieder entzogen wurde – entsprechend klar ist er nun. Der Geruch ist erstmal deftig, und fast ausschließlich, lösungsmittelig. Eine tieferliegende Dunkelheit in der Aromatik deutet auf das Alter hin. Etwas Getreidecharakter ist da, dadurch erinnert der Pure Silver mehr an Vodka als an Rum.

Im Antrunk ist der Bajaner sehr süß, das bleibt auch im Verlauf bis zum Schluss die Grundtendenz. Lösungsmittel auch im Geschmack, dazu Getreide, hm, wäre nicht die wirklich tiefe Süße, ich würde es für Vodka halten. Ist das ein Kompliment für Rum? Eher nicht. Der Abgang ist glühend heiß, aber nicht brennend, bis tief in die Speiseröhre hinunter. Das gefällt mir, unzweifelhaft hat der Pure Silver ordentlich Power und Volumen, doch aromatisch bleibt er leider arg kurz, ein milder Eisenton ist schon alles.

Nun, das ist sicher kein Rum, den ich mir abends so vor dem Fernseher eingießen würde, da kann er noch so sehr aus einer Traditionsbrennerei stammen. Seine Kraft und dicke Schwere ist letztlich sein einziger Vorteil, denn sonst hat er sensorisch kaum etwas zu bieten. Bei Melasse-Rum mit hohem Column-Still-Anteil ist es halt wie bei Whisky (und anders als bei Tequila und Cachaça!) – er braucht das Fass, um attraktiv zu werden, und das mehr als 2 Jahre. So bleibt, so leid es mir tut, nur die Freude über das Geschenk. Diese überwiegt natürlich alles, da ist der Geschmack letztlich auch zweitrangig.

Tres Hombres Edition 7 XVIII Años 2014 Fairtransport Rum Titel

Kurz und bündig – Tres Hombres Edition 7 XVIII Años 2014 Fairtransport Rum

Limitiert auf 4569 Flaschen aus 14 Fässern aus amerikanischer Eiche, die mit einem Segelkutter den Atlantik überquerten – das ist der Tres Hombres Edition 7 XVIII Años 2014 Fairtransport Rum. Jedes Jahr schippern die drei Herren über die Weltmeere und bringen dabei mit hervorragender Klimabilanz überseeische Destillate zu uns nach Europa, 2014 war es eben dieser Rum aus der Dominikanischen Republik, gereift in einem Pseudo-Solera-System, für das die Altersangabe von 18 Jahren bedeuten mag, dass der älteste Anteil (nicht der jüngste, wie sonst in der Spirituosenwelt üblich!) 18 Jahre alt ist. Vielleicht bedeutet es auch etwas anderes, man weiß es halt nicht bei dieser Art von Reifung. Diese Besprechung basiert auf einem 10cl-Sample.

Tres Hombres Edition 7 XVIII Años 2014 Fairtransport Rum

Die Farbe würde ich als dunkleres Kupfer bezeichnen – Färbung ist wahrscheinlich. Ich meine, eine leichte Trübung wahrzunehmen (das würde ich nicht unbedingt als Mangel deklarieren). Im Glas verhält sich der Melasse-Rum nur wenig schwer, ablaufende Beine sind dünn und verteilt.

Der Geruch verströmt schnell nach dem Eingießen – ein sehr angenehmes, mildes Geruchsbild aus Rosinen, Bananen und Ananas. Eine unterschwellige Funkigkeit erhöht die Komplexität. Sehr erfreulich soweit.

Im Geschmack kommt schnell Ernüchterung auf. Ist der erste Antrunk noch vielversprechend mit milder, dunkler Würze, holt der Tres Hombres Edition 7 kurz darauf den Zuckerhammer hervor. Pappsüße macht alles platt, was vielleicht interessant sich hätte entwickeln können. Künstliche Süßung? Das Sample ist zu klein für eine eigene Messung, doch rein sensorisch gibt es da für mich keinen Zweifel, da ist ein ordentlicher Batzen Zucker oder Süßwein reingeflossen. Immerhin – 40,7% Alkoholgehalt sind dadurch gut maskiert.

Entsprechend klebrig ist dann halt auch der Abgang. Ein Belag liegt eine Weile auf der Zunge, außer Süße ist da nichts, obwohl man ahnen könnte, dass der Rum ohne Süßung eine interessante Trockenheit aufweisen würde, aber wahrscheinlich auch ein heftiges Alkoholfeuer, denn eine vielsagende dezente Betäubung der Zungenspitze ist der Schluss.

Wie bei vielen Rums von Oliver & Oliver fragt man sich als Freund von Rumtransparenz und unmanipulierender Produktion, ob man sich das wirklich antun muss. Und, ganz hart und ehrlich gesprochen – der hehre Gedanke der Tres Hombres mit ihrem „Fairtransport“ wird für mich dadurch etwas konterkariert, wenn sie sich so wenig für die Ehrlichkeit der transportierten Rums interessieren.

Botucal Distillery Collection Titel

Kurz und bündig – Botucal Distiller Collection N°1 und N°2

Botucal, oder auch Diplomático, wie man diesen Rum aus Venezuela sonst überall in der Welt kennt, war einst der König der Rums. Er stürzte dann doch recht tief, zumindest im Ansehen von Kennern, als die Nachsüßungsvorwürfe bewiesen und Allgemeingut in der Rumwelt wurden. Heutzutage haben es Zuckerbomben immer schwerer, in Rumkreisen ernst genommen zu werden (auch wenn sie sie natürlich immer noch vorzüglich verkaufen!) – da muss gegengesteuert werden. Die Botucal Distiller Collection ist vielleicht ein Ansatz, sich durch limitierte Spezialabfüllungen wieder etwas Respekt in der Community zu erarbeiten. Gelingt es? Ich habe es mit je einem 5cl-Samples der beiden Abfüllungen dieser Serie herauszufinden versucht.

Fangen wir an mit dem Botucal Distiller Collection N°1 Single Batch Kettle Rum. Dieser Rum ist hergestellt aus „Sugar Cane Honey“, dem Marketingbegriff für Zuckerrohrsaftsirup. Er wird in einem Dampfkessel destilliert (dies ist eine Art Brennblase, bei der der Schwanenhals durch eine Kolonne ersetzt wird – man destilliert also diskontinuierlich, aber auf einen hohen Zielalkoholgehalt hin).

Botucal Distiller Collection N°1 Single Batch Kettle Rum

Farblich sehen wir ein Kupfer, entstanden zum einen aus wohl rund 4 Jahren im Ex-Bourbon-/Ex-Scotch-Fass aus amerikanischer Eiche und zum anderen aus Zuckerkulör (lobenswert, dass dies deklariert ist). Sehr beweglich im Glas, schöner Beinteppich. Der Geruch ist sehr alkoholisch und lösungsmittelig, auch nach einer Viertelstunde Offenstehzeit. Er kommt mir helltönig vor, nach Getreide und milder Zitrone; und süßlich, nach Vanille. Wirklich nicht besonders attraktiv, erinnert mich an einen Korn; es ist der typische Geruch eines Kolonnenrums.

Geschmacklich nähern wir uns initial schon eher dem, was ich mir unter gutem Rum vorstelle. Man muss zwar zunächst über die eher mäßig eingebundenen 47% hinwegkommen, dann findet man eine schöne Würze, eine feine, wirksame Trockenheit und milde Gewürzaromen. Ein gutes Feuer brennt aber weiter. Der Abgang ist dann extrem kurz, extrem belanglos, ohne jedes Aroma, dafür mit andauerndem Zungenbrennen.

Ehrlich gesagt – das ist trotz einiger interessanter Ansätze mit das langweiligste, was ich seit langem im Glas hatte. Man wundert sich nicht, dass so ein Destillat in einen Blend überführt und stark gesüßt werden muss, um verkaufbar zu sein. Schauen wir mal, ob der zweite Vertreter es besser macht! Botucal Distiller Collection N° 2 Single Barbet Column Rum wird in einem Barbet-Brennapperat destilliert, das ist eine doppelte Kupferkolonne.

Botucal Distiller Collection N° 2 Single Barbet Column Rum

Destilliert im März 2013, wird er also auch wohl um die 4 Jahre gereift sein, auch hier in amerikanischer Eiche. Die Farbe ist ein kräftiges, strahlendes Kupfer. Optisch unterscheiden die beiden Rums sich kaum. Ich rieche dann Vanille, Shortbread, Apfel, und ordentlich Lack – nett, aber eher gedämpft. Da ist nicht wirklich viel, das mich zum weiteren Schnuppern reizen würde. Oberflächlich und leicht.

Im Mund ist der Botucal Distiller Collection N° 2 dann fülliger und mit mehr Charakter. Eine schöne, kräftige Süße: im Antrunk ist diese zwar schon, danach aber nicht mehr ganz unnatürlich wirkend. Vanille, Zimt und Toffee. Im Verlauf kommt eine pfeffrige Note auf, noch mehr Gewürztöne. Der Abgang ist aber sehr kurz, arm, schmal und nur nach Eisen schmeckend. Dieses hält dann etwas länger vor. Insgesamt ein weiteres Beispiel für den Stil eines Column-Still-Rums, etwas anders und sicherlich interessanter als sein sehr enttäuschender Namensbruder, aber im Endeffekt kaum spannender – es fehlt einfach massiv an Tiefe und Komplexität.

Laut eigenen Aussagen sind diese beiden Abfüllungen, im Gegensatz zum zuckrigen Flaggschiff der Firma, ungesüßt. Nachdem ich die beiden Rums probiert habe, glaube ich dieser Aussage – da ist keine künstliche Süße in der Aromatik. Leider aber auch sonst kaum etwas.

Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002 Titel

Kurz und bündig – Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002

Der Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002 ist ein knapp über 10 Jahre alter Rum aus Martinique, der in Ex-Bourbon- und Ex-Cognac-Fässern reifte. Diese Besprechung basiert auf einem 10cl-Sample, das aus Flasche Nr. 56 von 240 abgefüllten Flaschen gezogen wurde.

Farblich ist diese Rum erstmal erstaunlich, mit seinem kräftigen, dunklen Hennarot. Da selbst bei den strengen Regeln der AOC-Martinique-Rhums, zu denen dieser gehört, das Färben erlaubt ist, kann man nicht davon ausgehen, dass alles davon aus Fasseffekten stammt. Er hinterlässt beim Schwenken kaum Reste am Glas, die vereinzelt vorhandenen Beine laufen langsam bis sehr langsam ab.

Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002

Selbst einige Minuten nach dem Eingießen muss man vorsichtig sein und nicht zu tief schnüffeln, wenn man die Nase ins Glas hält. Ein sehr starker Lackton, in Verbindung mit einer beißenden Alkoholnote, zwicken sonst die Nasenschleimhaut. Erst sehr lange nach Öffnen verfliegt diese langsam. Sehr dominante Holzkomponenenten könnten dabei helfen, diesen Rum als Bourbon zu tarnen – aromatisch sind da verblüffende Ähnlichkeiten. Ein leichter Gewürzhauch und etwas Zuckerrohrwürze sind die einzigen Hinweise auf Rum – das sonst so typische Grasige, Mineralische, fehlt hier völlig. Vanille, Holz und Lack beherrschen das Bild.

Im Mund fährt der Rum fort, mich zu erstaunen – er ist sehr bitter, trocken, deftig salzig. Im Verlauf wird das kleine bisschen an Süße, das unterschwellig da ist, durch eine starke Säure verdrängt. Anis, Lakritz und ein Eindruck von einem Kräuterbonbon schieben sich nach vorn, eine alkoholische Feurigkeit belegt den gesamten Mundraum. 50,6% Alkohol verstecken sich nie. Sehr viel Holz, Tannine und ähnliches, maskieren viel des Rumcharakters – die 10 Jahre in Ex-Bourbon- und Ex-Cognacfässern sind für meinen Geschmack in diesem Fall schon fast etwas zu viel gewesen. Immerhin bekommt man so ein dichtes Gesamtbild mit viel Wucht und Breite und spannendem Mundgefühl, wenn es auch an Tiefe und Komplexität etwas mangelt.

Der Abgang lässt dann endlich die agricolischen Noten, die ich von Anfang an gesucht und erwartet hatte, auftauchen. Hier kommt Zuckerrohrsaft, Gras, Mineralität, Algen und sehr viel Eukalyptus zum Vorschein. Der Abgang selbst ist lang und aromatisch, der Nachhall noch nach vielen Minuten vorhanden.

Nun, wer Holzaromen in Spirituosen mag, sollte hier einen Blick riskieren, es besteht kaum Gefahr, dass junge, frische Rumgeschmäcker diesen Genuss stören. Das ist gleichzeitig auch mein persönliche größte Schwierigkeit, die ich bei diesem Trois Rivières für mich ausmache – neben dem Holz ist da nicht wirklich viel spannendes.