Schlagwort-Archive: rum

Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002 Titel

Kurz und bündig – Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002

Der Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002 ist ein knapp über 10 Jahre alter Rum aus Martinique, der in Ex-Bourbon- und Ex-Cognac-Fässern reifte. Diese Besprechung basiert auf einem 10cl-Sample, das aus Flasche Nr. 56 von 240 abgefüllten Flaschen gezogen wurde.

Farblich ist diese Rum erstmal erstaunlich, mit seinem kräftigen, dunklen Hennarot. Da selbst bei den strengen Regeln der AOC-Martinique-Rhums, zu denen dieser gehört, das Färben erlaubt ist, kann man nicht davon ausgehen, dass alles davon aus Fasseffekten stammt. Er hinterlässt beim Schwenken kaum Reste am Glas, die vereinzelt vorhandenen Beine laufen langsam bis sehr langsam ab.

Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002

Selbst einige Minuten nach dem Eingießen muss man vorsichtig sein und nicht zu tief schnüffeln, wenn man die Nase ins Glas hält. Ein sehr starker Lackton, in Verbindung mit einer beißenden Alkoholnote, zwicken sonst die Nasenschleimhaut. Erst sehr lange nach Öffnen verfliegt diese langsam. Sehr dominante Holzkomponenenten könnten dabei helfen, diesen Rum als Bourbon zu tarnen – aromatisch sind da verblüffende Ähnlichkeiten. Ein leichter Gewürzhauch und etwas Zuckerrohrwürze sind die einzigen Hinweise auf Rum – das sonst so typische Grasige, Mineralische, fehlt hier völlig. Vanille, Holz und Lack beherrschen das Bild.

Im Mund fährt der Rum fort, mich zu erstaunen – er ist sehr bitter, trocken, deftig salzig. Im Verlauf wird das kleine bisschen an Süße, das unterschwellig da ist, durch eine starke Säure verdrängt. Anis, Lakritz und ein Eindruck von einem Kräuterbonbon schieben sich nach vorn, eine alkoholische Feurigkeit belegt den gesamten Mundraum. 50,6% Alkohol verstecken sich nie. Sehr viel Holz, Tannine und ähnliches, maskieren viel des Rumcharakters – die 10 Jahre in Ex-Bourbon- und Ex-Cognacfässern sind für meinen Geschmack in diesem Fall schon fast etwas zu viel gewesen. Immerhin bekommt man so ein dichtes Gesamtbild mit viel Wucht und Breite und spannendem Mundgefühl, wenn es auch an Tiefe und Komplexität etwas mangelt.

Der Abgang lässt dann endlich die agricolischen Noten, die ich von Anfang an gesucht und erwartet hatte, auftauchen. Hier kommt Zuckerrohrsaft, Gras, Mineralität, Algen und sehr viel Eukalyptus zum Vorschein. Der Abgang selbst ist lang und aromatisch, der Nachhall noch nach vielen Minuten vorhanden.

Nun, wer Holzaromen in Spirituosen mag, sollte hier einen Blick riskieren, es besteht kaum Gefahr, dass junge, frische Rumgeschmäcker diesen Genuss stören. Das ist gleichzeitig auch mein persönliche größte Schwierigkeit, die ich bei diesem Trois Rivières für mich ausmache – neben dem Holz ist da nicht wirklich viel spannendes.

Advertisements
A.H. Riise Non Plus Ultra und Royal Danish Navy Rum Titel

Kurz und bündig – A.H. Riise Non Plus Ultra und Royal Danish Navy Rum

„Wenn du dich und den Feind kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.“

So ein Aphorismus, den Sunzi in seinem Buch „Die Kunst des Krieges“, heutzutage verkommen zur neoliberalen Managerbibel, formuliert hatte. Tatsächlich ist das ein kluger Gedanke, und so mache ich mich auch auf, meinen Feind besser kennenzulernen. Die Produkte des dänisch-amerikanischen Herstellers A.H. Riise stehen auf meiner Liste der Staatsfeinde ganz oben, und so landen entsprechend nun zwei Abfüllungen dieses Hauses, gegen das eine Schokoladenfabrik wie ein Diabetikerzentrum wirkt, bei mir im Glas. Diese Besprechung basiert auf 4cl-Samples, weit mehr als genug für diesen Rum.

Beginnen wir mutig mit dem A.H. Riise Non Plus Ultra, angeboten in einem spektakulären Glasdekanter. Da man nichts über den Rum in diesem Gemisch weiß, als dass er von den amerikanischen Jungferninseln stammt (die Altersangabe „der älteste und beste, den wir haben“, die auf dem Karton zu finden ist, zähle ich mal nicht ernsthaft), gehe ich davon aus, dass auch ein Schuss Färbemittel den Weg in die Flasche gefunden hat. Eine schwere Öligkeit sorgt für schönes Schwenkverhalten im Glas.

A.H. Riise Non Plus Ultra

Die Nase erkennt eine schwere Süße, Toffee, Shortbread, Zuckerwatte – ein bisschen künstlich. Ein buttriger Unterton ist vorhanden, aber auch eine gewisse leicht säuerliche Fruchtnote. Ein leichter Lackton schwingt mit, und ein erkennbarer Ethanolgeruch.

Im Mund hat man dann halt alles mögliche, aber keinen Rum. Da ist Orangenaroma, künstliches Vanillearoma und Zucker. Der Rum hält nichts, was die Nase vielleicht noch versprechen mag. Praktisch kein Körper, keine Tiefe, alles klebt an der Oberfläche wie ein Schwimmer am Rettungsring. Null Komplexität, man schmeckt im Verlauf nur noch Alkohol und Zucker. Ersterer ist darüber hinaus nicht eingebunden, bei 42% spürt man das.

Der Abgang ist scharf, heiß, sehr kurz. Ich will es auch nicht länger machen, als nötig – das ist wirklich schlimm; es schmeckt nicht mal wirklich schlecht, sondern einfach halt billig, schlampig und lieblos gemacht, und oberflächlich.

82 g/L Zucker ist mit einer der höchsten Werte, die für einen Rum mit dem Hydrometer-Test je gemessen wurden. Übertroffen wird er eigentlich fast nur noch vom Ron Jeremy XO und, ja, dem nun im folgenden probierten A.H. Riise Royal Danish Navy Rum. Jener macht mit 96 g/L Zucker eigentlich am Ende jeder Zuckerliste das Licht aus. Ich will ihn eigentlich gar nicht probieren, aber was tut man nicht alles für die Wissenschaft.

Farblich unterscheidet er sich nicht vom Non Plus Ultra – helles Braun, mit Sicherheit gefärbt. Dieser künstliche Zuckerwatte- und Fruchtgummiunterton, den ich auch beim NPU gerochen hatte, ist hier das dominante Aroma. Wer sich von der Bezeichnung „Navy Rum“ etwas ähnliches wie einen britischen Tot erhofft hatte, verdreht die Nase. Man könnte mit viel gutem Willen, wenn man das Ethanol mal wegriecht, und die penetranten Orangen ignoriert, etwas wie Rum erkennen.

A.H. Riise Royal Danish Navy Rum

Geschmacklich ist es dann Orangenlikör. Sogar ein recht scharfer (ein grausiges Destillat muss es sein, das bei nur 40% und fast 100g Zucker noch so ziept!), unausgewogener, ohne jedwede Form der Komplexität – die arme dänische Marine. Im Abgang schmecke ich noch alte Socken und Kautabak, sogar eine leicht käsige Note. Ne, also wirklich. Am Ende dann doch noch ein kleines Highlight – der scharfe, kratzige Abgang ist sehr kurz. Leider pappt der pure Zucker einem noch minutenlang den Gaumen zu, ohne jedwedes Aroma.

Absurde Mondpreise werden für diese beiden Zuckersuppen aufgerufen – ich gebe einen Tipp. Man kaufe sich Rumaroma und E150a im Supermarkt, vermische das mit einer dreiviertel Flasche Vodka und gieße den Rest mit Zuckersirup auf. So zahlt man, nimmt man einen vernünftigen Vodka (obwohl selbst das nicht nötig ist, um das Geschmackserlebnis zu replizieren), unter 10€ statt 100€, hat aber ein von Geschmack und Qualität sehr vergleichbares Produkt im Glas. Will man noch was fürs Auge: einen opulenten Dekanter, wie den in dem der Non Plus Ultra geliefert wird, bekommt man auf dem Flohmarkt nachgeworfen.

Meine Kritik würde nicht ganz so ätzend ausfallen, würden die Hersteller sich dazu bequemen, statt „Rum“ einfach „Rumlikör“ oder „stark gesüßte Spirituose auf Rumbasis“ (am ehrlichsten wäre aber „mit Rum versetzter Zuckersirup“) aufs Etikett zu schreiben, und 20€ für den Liter zu verlangen. Selbst dann würde ich aber vom Kauf abraten, denn: das Zeug  schmeckt einfach nur künstlich.

Heinr. von Have The Amber Falernum Spiced Rum Infusion Titel

Falernumzentrum Deutschland – Heinr. von Have The Amber Falernum Spiced Rum Infusion

Es ist faszinierend – die ganze Zeit war Falernum ein in Deutschland ungekanntes Produkt. Dabei ist der Likör, für den es kein wirklich festes Rezept gibt, der aber meist mit Gewürzen, Limetten und Ingwer hergestellt wird, doch Teil einer erklecklichen Anzahl von Cocktails.  Das aufwändige Selbstherstellen war die einzige Alternative zum praktisch einzigen kommerziellen Falernum über sehr lange Zeit – John D. Taylor’s Velvet Falernum, hergestellt von R. L. Seale & Co. Ltd, der Firma, zu der auch die inzwischen wohlbekannte und -geschätzte Foursquare Distillery gehört.

Seit kurzem hat man aber die volle Auswahl, und, und das halte ich für sehr erstaunlich und erwähnenswert, insbesondere mit Produkten, die nicht mühsam importiert werden müssen, sondern in Deutschland hergestellt werden  – The Bitter Truth war der Vorreiter in Deutschland für den eigentlich ur-bajanischen (also von Barbados stammenden) Rumlikör, es gibt ein deutsches Falernum von Intense, und seit kurzem hat auch Revolte Rum ein Falernum im Angebot.

Meine persönliche Meinung – da es keine klaren Vorgaben gibt, wie ein Falernum herzustellen ist, kann jeder Hersteller diesem Likör seinen eigenen Twist geben (was auch, wie ich aus erster Hand bestätigen kann, genauso geschieht), und entsprechend darf die wohlausgestattete Heimbar auch gern mehr als ein Falernum beinhalten. Warum also nicht entweder als Erstausstattung, oder als Alternativversion mal ein weiteres deutsches Produkt ausprobieren? Das Heinr. von Have The Amber Falernum Spiced Rum Infusion bietet sich dafür sehr an.

Heinr. von Have The Amber Falernum Spiced Rum Infusion Flasche

Die komplett schwarz überzogene Flasche schützt den Inhalt vor Lichtstrahlen und neugierigen Blicken. Im Glas wird die Farbe erkennbar – ein leicht trübes, blasses Strohgold, eine recht natürlich wirkende Kolorierung. Es verhält sich recht leichtflüssig und hinterlässt kaum Spuren am Glasrand.

Der Geruch ist dafür umso auffälliger, der sich direkt weit um das Glas herum verbreitet, wenn man es schwenkt. Man fühlt sich in wohl, wenn man daran riecht: Nelken, Zimt, Ingwer, Orange, Limettenschale. Bei tieferem Schnuppern kommt eine milde Rumnote zum Vorschein. Ich denke etwas an gut gemachten Glühwein.

Da bekommt man Lust, einen Schluck zu nehmen. Der Antrunk ist mild, süß, zitruslastig, sehr breit aber ohne große Tiefe. Auch im Verlauf bleibt der Likör leicht und vielleicht fast schon etwas wässrig – mit seinen 17% Alkohol liegt es im unteren Mittelfeld der oben in der Einleitung angesprochenen Falernums, wirkt aber deutlich dünner als diese. Der Zucker, der in einem Likör definitionsgemäß ordentlich enthalten ist, hält sich zurück, vielleicht ein Grund für diese gefühlte Leichtigkeit, und wirkt nie pappend, das ist sehr angenehm.

Heinr. von Have The Amber Falernum Spiced Rum Infusion Glas

Die Gewürze, vor allem Zimt, aber auch Nelken und Piment, drängen sich auch nicht auf, die Rumbasis (laut Etikett „gereifter Karibik-Rum“, das heißt alles und nichts, da könnte für meinen Transparenzextremismus etwas deutlicher geworden werden) sorgt für den harmonischen Beiklang – das ist ein schöner, runder, feiner, edler Geschmack; man kann diesen Rumlikör dadurch, obwohl Falernum an sich im Allgemeinen eher eine Cocktailzutat ist, auch gut pur, eventuell mit einem Eiswürfel, genießen.

Der Abgang ist dann nelkenbetont, doch die milde Schärfe aus dem Ingwer setzt einen kleinen, pikanten Schlussstrich. Hier spürt man schließlich doch etwas den Zucker am Ende, doch immer noch wirkt The Amber Falernum hier aus einem Guß – handwerklich sehr gelungen.

Zum Zeitpunkt des Erstellens dieses Artikels ist es tiefster Herbst – die Bäume werden gelb und braun, die Blätter fallen, der Wald riecht nach Pilzen und Moder. Abends wird es schnell dunkel, und passend dazu habe ich mir für das The Amber Falernum ein herbstliches Rezept ausgesucht. Cider à la Minute kombiniert aufs innerlich wärmendste die ganze Aromenwelt der dritten Jahreszeit, und das Falernum sorgt für aromatische Tiefe. Wunderbar.

Cider à la Minute


Cider à la Minute
1½ oz gereifter Rum (z.B. Ron Zacapa Solera 23)
½ oz Falernum (z.B. The Amber Falernum)
⅓ oz Becherovka
¼ Apfel, gerieben
1 Prise Zimt
1 Prise Muskatnuss
Auf Eis shaken. In ein Glas voll Eis doppelt abseihen, mit Ginger Beer aufgießen.
Mit 2 Spritzer Old Time Aromatic Bitters krönen.

[Rezept nach Heather Mojer]


Auch die Präsentation weiß zu gefallen – die verwendeten Zutaten, Nelke, Piment, Zimt, Ingwer und Limetten, sind auf der Flasche in einem schönen Glanz-vs.-Matt-Effekt abgedruckt, was man erst sieht, wenn man die Flasche leicht dreht und wendet. Auf dem Schraubverschluss findet man den Hinweis, dass The Amber Falernum beim Spirituosenwettbewerb ISW eine Goldmedaille gewonnen hat.

Heinr. von Have The Amber Falernum Spiced Rum Infusion Details

Die Deklaration des Produkts ist zweigestaltig – auf dem Frontetikett findet sich die Bezeichnung „Spiced Rum Infusion“, die Verkehrsbezeichnung auf der Rückseite ist aber treffender als „Liqueur mit Rum“ angegeben, da Falernum an sich natürlich nicht als gesetzliche Kategorie in der Spirituosenverordnung existiert, dazu ist es einfach zu  gering verbreitet und speziell. Unabhängig davon fühlt es sich für mich sehr typisch für Falernum an, das heißt es wird nichts spinnertes gemacht, sondern sich an traditionelle Rezepturvorgaben gehalten. Alles andere wäre auch dem Anspruch des Produkts nicht angemessen.

Offenlegung: Ich danke dem Hersteller für die kostenlose Zusendung einer Flasche des The Amber Falernum.

Atlántico Gran Reserva Titel

Rumreserven – Atlántico Gran Reserva

Es spricht sich so langsam rum – Altersangaben auf vielen, hauptsächlich lateinamerikanischen Rums sind Schall und Rauch. Da prangen große Zahlen im Bereich zwischen 12 und 30 auf den Flaschen, die teilweise entweder gar keine Altersangaben sind (wie bei Flor de Caña zum Beispiel), oder das Wort „Solera“ in der Nähe stehen haben, also zwar als Altersangabe gemeint sind, wie das aber dann bei einem Solera-Verfahren (bei dem man rein technisch kein absolutes Alter angeben kann) zu interpretieren ist, wird meist offengelassen.

Eine alternative Form, zumindest ein Gefühl für das Alter der Spirituose zu vermitteln, haben sich andere Hersteller zugelegt. Sie leihen sich dafür Altersangaben, die sonst im Spirituosenbereich für spanischen Brandy zum Einsatz kommen. So finden sich dann die Wörter „Reserva“ oder „Gran Reserva“ auf dem Etikett. Bei Brandy ist geregelt, was sie bedeuten: Brandy de Jerez Solera Reserva weist das minimale Durchschnittsalter von einem Jahr auf, Brandy de Jerez Solera Gran Reserva ein minimales Durchschnittsalter von 3 Jahren. Weitere Bedingungen gelten für diese Begriffe, die ich hier nicht erwähne. Man beachte dabei das wichtige Schlüsselwort „Durchschnitt“. Auch für spanischen Rotwein gibt es diese Begriffe, mit etwas anderer Bedeutung. Die Frage ist natürlich, inwieweit sich die Rumhersteller an diese Vorgaben halten, oder ob sie einfach die prestigeträchtigen und wohlklingenden Bezeichnungen übernehmen. Für Rum gibt es meines Wissens keine klare Regelung, was diese Begriffe in diesem anderen Kontext bedeuten, und erst recht keine Kontrollinstanz wie das Consejo Regulador Especifica Brandy de Jerez, das die Einhaltung überprüfen würde – daher muss man im leider allzuoft sehr zwielichtigen Umfeld des Rums davon ausgehen, dass diese Auszeichnung reine Dekoration ist.

Einer der Rums, die sich diese Wortkombination aufs Etikett geschrieben haben, ist der Atlántico Gran Reserva, der Nachfolger des Atlántico Private Cask, den vielleicht der eine oder andere Rumfreund schon kennt.

Atlántico Gran Reserva Flasche

Die Farbe, ein glitzerndes, strahlendes Kupfer mit orangefarbenen Reflexen, gefällt bereits in der Flasche, wo sie einen attraktiven Kontrast zum dunklen Blau des Etiketts bildet. Eine Färbung mit Zuckerkulör ist vorgenommen worden, wie bei den meisten der heutzutage erhältlichen Rums, hier wird sie wenigstens auf dem Etikett klar angegeben. Im Glas liegt der Rum dünn, hinterlässt am Glas aber doch Schlieren.

Die Nase lässt schon darauf schließen, was wir im Mund nachher zu erwarten haben. Da ist viel vordergründige Süße, Karamell, Werther’s-Echte-Sahnebonbons, viel Vanille und Zimt, Kaffee und etwas Minze. Der Alkohol ist zunächst leicht stechend, er verfliegt aber nach einer Weile Offenstehzeit.

Im Mund liegt der Atlántico Gran Reserva zunächst sehr breit und süß, und die Nachsüßung (immerhin nach einer eigenen Bestimmung ordentliche rund 22g/L) schlägt volle Pulle und ohne Gnade zu. Da sind noch deutliche Erdnussaromen, etwas Ahornsirup, Cappuccino und dezente Gewürznoten. Der Alkoholgehalt von 40% ist nur mäßig gut eingebunden, man schmeckt und spürt ihn deutlich. Es handelt sich laut Hersteller um einen Blend aus Melasse- und Zuckerrohrsaft-Rums, etwas, das ich rein sensorisch kaum erkennen kann. Die sehr charakteristische grasige Note eines Zuckerrohrsaft-Rums ist nichtmal ansatzweise schmeckbar.

Atlántico Gran Reserva Glas

Im Abgang entsteht etwas Würze, leichtes Chili, und eine gewisse Trockenheit fängt endlich an, sich gegen die bis hierher dominierende Süße zur Wehr zu setzen. Ein kühlendes Gefühl sorgt eine Weile für einen recht angenehmen Nachhall, der allerdings dann schnell wieder von einem leicht pappig-klebrigen Gefühl eingeholt wird, das mich an übersüßten Cappuccino erinnert, was leider das einzige ist, was nach einer Weile als Eindruck dieses Rums übrig bleibt.

Ich bin wirklich kein Süßrumtrinker, daher muss ich mir darüber klar werden, was ich mit diesem Rum anfangen kann. Im The Black Sands sind genug Säure- und Frischekomponenten vorhanden, um die oberflächliche Süße des Atlántico Gran Reserva auszugleichen, so dass ein sehr trinkbarer, leckerer Cocktail entsteht. Das ist daher auch meine grundsätzliche Empfehlung – säurelastige Drinks bieten ein schönes Umfeld für diesen Rum, so dass er hier zumindest etwas glänzen kann.

The Black Sands


The Black Sands
1 oz gereifter Rum
1 oz Calvados
¾ oz Limettensaft
½ oz Zuckersirup
8 Minzblätter
Auf Eis shaken und auf Eis abseihen.
Mit etwas Sprudel aufgießen und einem Minzstrauch servieren.

[Rezept nach Gregory Saavedra]


Zu guter letzt sollten wir als interessierte Rumfreunde natürlich noch ein paar Fragen klären, bei denen viele Hersteller anfangen, mit den Zähnen zu knirschen. Wo wird der Rum destilliert? Er ist laut Etikett ein Produkt der Dominikanischen Republik, die Destillate werden aber wohl, wenn man vertrauenswürdigen Quellen glauben darf, von der Firma Oliver & Oliver anderswo eingekauft, z.B. in Trinidad oder Panama, und sie werden nur in der Domrep geblendet.

Das führt dann direkt zur nächsten Frage – wie alt ist der Atlántico Gran Reserva? Wie schon in der Einleitung angesprochen, bedeutet die Wortkombination „Gran Reserva“ auf einer Rumflasche nichts handfestes. Das Solera-Verfahren wird einerseits angesprochen, in Werbetexten liest man aber dann von einem fassweisen Blend („Es handelt sich um einen Blend aus small batch Rums, die bis zu 25 Jahre lang reiften“). Wie man auch bei anderen Herstellern sieht, ist Solera und Blend für viele Rumproduzenten scheinbar dasselbe. Das Alkoholfeuer, das noch gut spürbar ist, und das insgesamt eher oberflächliche Geschmacksbild, lässt mich die Frage stellen, wie groß der Anteil der 25-jährigen Rums in diesem Blend sein kann; ich gehe von Tröpfchen aus, der Löwenanteil ist gefühlt sehr jung und wenig gereift.

Womit wir beim dritten Problempunkt sind – zur Geheimnistuerei kommt dann noch Marketingblabla Formulierungsunklarheit. Sätze wie folgender, entnommen dem Exposé Atlánticos zum Rumfest Berlin 2017, lassen bei einem Rumkenner schon leicht die Fragezeichen über dem Kopf sichtbar werden.

Atlántico umfasst zudem eine Art von Rum, die sich Malta nennt. Darunter versteht man Rum, der mit einem niedrigeren Alkoholgehalt destilliert wurde. Das ermöglicht es dem Blend, mehr der natürlichen Aromen und Charakteristika des Zuckerrohrs beizubehalten.“

Keiner der sehr informierten Rumkenner aus diversen Gruppen, in denen ich unterwegs bin, konnte mit dem Begriff Malta etwas anfangen. Andere Quellen sprechen aber auch vom Zusatz von Aguardiente. Auf jeden Fall ist der Herstellungsprozess, wenn man noch die Nachsüßung mit in Betracht zieht, nicht wirklich mit meinem Bild einer transparenten, traditionellen Rumproduktion vereinbar. Was für mich persönlich schon ein Grund für sich ist, derartige Produkte nicht zu kaufen, das muss aber jeder mit sich selbst ausmachen.

Nachtrag: Wenige Tage nach der Veröffentlichung dieses Artikels erhielt ich eine Nachricht vom deutschen Brand Ambassador für Ron Atlántico, der mir einige Details mitteilte, die den Herstellungsprozess doch erkennbar aufklären. Ich bedanke mich bei Florian Perret ausdrücklich für diese Hinweise. Selbstverständlich gebe ich diese nun an meine Leser weiter und ziehe meine Kritik bezüglich der Transparenz teilweise und die Wörter „Marketingblabla“ und „Geheimnistuerei“ ganz zurück. Ideal wäre natürlich eine entsprechende Anpassung auf der produkteigenen Homepage (und, obwohl das ein frommer Wunsch bleiben wird, auf dem Etikett).

Der Melasse-Anteil des Rums, der in den Blend für den Atlántico eingeht, wird in der Destillerie Alcoholes Finos in der Dominikanischen Republik in einer Column Still gebrannt, die Melasse dafür bei der Central Romana Sugarmill eingekauft. Der Zielalkoholgehalt dafür liegt bei ca. 90%-95%.

Ron Atlántico vor Ort

Der zweite Anteil, der Zuckerrohrsaftrum (aus gegebenem Anlass, unabhängig vom Atlántico, verwende ich nicht das Wort „agricole“, dazu in einem späteren Artikel mehr), wird ebenfalls komplett in der Dominikanischen Republik hergestellt: Das Zuckerrohr wird in La Romana geerntet, ausgepresst und auch in einer Column Still auf einen ähnlichen Alkoholgehalt destilliert.

Der dritte Anteil, das geheimnisvolle „Malta“, wird auch in diesem Schritt erzeugt; es handelt sich dabei um Zuckerrohrsaftrum, der statt auf über 90% einfach auf rund 75% destilliert wird.

Diese drei Komponenten lagern und reifen separat voneinander und werden am Ende in einem Blendingprozess miteinander kombiniert. Insgesamt ungewöhnlich, aber gewiss keine Mauschelei.

Offenlegung: Ich danke Sierra Madre GmbH für die kostenlose Zusendung einer Flasche des Atlántico Gran Reserva.

Habitation Velier Hampden 2010 HLCF Jamaica Pure Single Rum Titel

U-Boot-Diesel in der Flasche – Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum

Wenn ich gefragt werde, welchen Rum ich Neulingen empfehle, lege ich dem Fragenden gern einen Jamaikaner vor. Ich glaube fest daran, dass man so früh wie möglich echte Rumgeschmäcker vorzeigen sollte, nicht aromatisierte und gesüßte Produkte, die man oft sonst so als Anfängerrums angeboten kriegt (die man dann selbst, als doch etwas fortgeschrittener Kenner, komischerweise oft selbst nicht mehr trinkt). Es gibt ein paar Jamaica-Rums, die sehr einsteigerfreundlich sind, wie der Appleton Rare Blend, und dabei gleichzeitig aber nicht oberflächlich oder uninteressant.

Jamaica hat aber auch ganz anderen Stoff zu bieten, der selbst dem gestandenen Profi die Knie wackeln lässt, und der als Einsteigerrum doch etwas ungeeignet wäre. Ich rede hier speziell von Hochester-Rums, die in ihrer Aromatik sehr eigen sind. Der Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum ist so ein Rum. Das Kürzel HLCF steht für „Hampden Light Continental Flavour(ed)„, und ist also eine Sortenbezeichnung der Destillerie Hampden Estate, kein generischer Rumbegriff. Derartige Rums wurden früher nach Europa, insbesondere Deutschland, zum Verschneiden verschifft, daher das Wort „continental“. Ich empfehle die Lektüre von Matt Pietreks Artikel über jamaikanische Rums, der sehr lesbar erklärt, wie die hohen Esterzahlen mancher Rums dieser Insel entstehen. Und wenn man theoretisch versteht, was da auf Jamaica teilweise passiert, und danach noch wirklich interessiert am Geschmack ist, ist man reif für den praktischen Selbstversuch…

Habitation Velier Hampden 2010 HLCF Jamaica Pure Single Rum Flasche

Die Farbe ist dunkles, kräftiges Gold. Praktisch keine Viskosität ist erkennbar, die Beine beim Schwenken laufen sehr schnell ab. Ich beginne diese Geschmacksnotizen mit einem unverdünnten Schluck; bei 68,5% ist das sehr grenzwertig. Viele Highproof-Rums kann man immer noch halbwegs gut trinken bei dieser Stärke; ich nehme nicht zuviel vorweg, wenn ich meiner Meinung direkt von Anfang an Ausdruck verleihe, dass der Velier Hampden HLCF 2010 nicht zu dieser Gruppe von Rums gehören wird.

Unverdünnt rieche ich auf anhieb Marzipan, Kardamom, Karamell und Toffee, sowie eine leichte Grapefruitschalennote. Unterschwellig, aber erkennbar ist da dann aber auch Teer, Diesel, Plastik. Man ahnt schon, dass das keine leichte Geschmacksverkostung sein wird.

Wie gesagt, zunächst ein Versuch unverdünnt in voller Stärke. Im Antrunk denkt man hier noch, hm, ja, das ist schön süß und angenehm. Das war aber nur die Zundschnür – die Bombe geht dann schnell hoch und lässt einem das Zahnfleisch im Munde zusammenziehen, die Fußnägel aufrollen und die Augen überfließen. Superextreme Adstringenz, superextreme Trockenheit, fast ausschließlich Aromen von Teer, Zigarettenasche, verbranntem Gummi, schmorendem Plastik und Benzin. 550ppm an Estern ist nun wirklich nichts für zarte Gemüter. Da ist nichts süßes, mildes, schmeichlerisches mehr. Ich habe mich oft über die Inkompatibilität von chinesischem Baijiu mit dem westlichen Gaumen beschwert, aber ganz ehrlich – pur und unverdünnt ist der Velier Hampden HLCF 2010 an diesbezüglicher Problematik selbst jedem Starkaroma-Baijiu noch einen Schritt voraus. Dazu kommt diese extreme Kratzigkeit und deftige, und zwar wirklich deftige Säure. Ich sage das selten – das ist wirklich nicht gerade angenehm zu trinken.

Habitation Velier Hampden HLCF 2010 Glas

Unverdünnt ist der Abgang kaum erträglich in seiner Brutalität. Ich habe mich leicht verschluckt, und noch eine halbe Stunde später ein richtig übles Kratzen und Beißen im Hals davon gehabt – man achte darauf, dass dies einem nicht passieren möge, es ist keine sehr angenehme Erfahrung. Jedenfalls ist der Nachhall dann ebenso extrem wie der Geschmack – superlang, man wird die Ester eigentlich gar nicht mehr los.

Ich halbiere nun die Trinkstärke mit Wasser. Weniger macht, nach dieser Erfahrung, keinen Sinn. In der Nase wirkt der Velier Hampden HLCF 2010 nun etwas muffig, nach Schuhleder, dabei etwas mentholig und fruchtiger als zuvor. Williamsbirne, Pflaume, Honigmelone. Beim Geschmack bin ich mir sicher, dass man das in China als Baijiu verkaufen könnte, und keiner würde es merken – da ist Fenchel, Menthol, Heu, Leder, Tabak und Rosinen, die teerig-schmutzigen Komponenten sind immer noch sehr präsent, aber erkennbar abgemildert. Insbesondere die extreme Kratzigkeit ist kaum noch da. Im Abgang ist noch immer eine wilde Säure vorhanden, und Trockenheit und Adstringenz sind ebenso noch stark ausgeprägt.

Nun, was soll ich sagen? Für mich persönlich ist das kein Rum, den ich gern pur trinke. Er ist einfach zu wild, ungebändigt, unzivilisiert, aggressiv, streng und hart. Die Ester sind interessant zu entdecken, aber es reicht einem dabei auch ziemlich schnell, der Killerinstinkt des Velier Hampden HLCF 2010 macht jede freundliche Annäherung zunichte. Wer also an Sipping-Rums interessiert ist, macht besser einen sehr sehr weiten Bogen um diesen Jamaikaner. Nur wirkliche Aficionados mit viel Ausdauer, Leidenspotenzial und dem Willen, diesem jungen Affen entsprechende Mittel entgegenzusetzen, werden etwas Freude an ihm haben. Die Komplexität und Vielschichtigkeit ist unbestritten; die Drinkability ist dabei auf der Strecke geblieben.

Für mich wird er ein Prachtstück in Tiki-Cocktails werden. Selbst dort allerdings, wo man starke Rumaromen schätzt, kann er aber zur Last werden, daher ist immer Aufmerksamkeit angesagt. Ein atmosphärisch passender Cocktail ist der The Lost U-Boat. Was mag ich an diesem Cocktail am liebsten? Es ist der Name: Das verlorene Unterseeboot. Er erweckt in mir Tiki-Gefühle wie kaum ein anderer Cocktail, nach den grell kolorierten Abenteuer- und Horrorfilmen der 50er und 60er Jahre, nach „Voyage to the Bottom of the Sea“ und „Der Mann aus Atlantis“. Und ein Rum wie der Velier HLCF sorgt dafür, dass das U-Boot einen Extraschub Energie kriegt, den man schmeckt und spürt.The Lost U-Boat


The Lost U-Boat
2 oz Rum (z.B. Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum)
½  oz Limettensaft
½ oz Grapefruit-Saft
½ oz Jägermeister
½ oz Holunderblütenlikör
2 Spritzer Angostura
4 Tropfen Orangenblütenwasser
Auf Eis shaken, in ein Tiki-Mug mit crushed ice abseihen. Mit viel Grün dekorieren.
[Rezept nach Frederic Yarm]


Nun, was lerne ich daraus? Die erste, etwas unerwartete und überraschende Erfahrung ist, dass ich Baijiu nun mit etwas anderen Augen sehe: das, was mich daran immer etwas überfordert hat, sind tatsächlich Ester, die man auch bei anderen Spirituosen findet. Mein Ratschlag daher – wem dieser Rum schmeckt, sollte sich allerdringendst mit der chinesischen Nationalspirituose bekannt machen. Die zweite ist, dass man es mit Rum auch etwas übertreiben kann, was die Extreme angeht; wir bewegen uns in einem Gebiet, das nur noch echte Rumfanatiker begeistern kann, und selbst dort wird man auf viele entsetzte Gesichter treffen.

Doch, und damit schließe ich, muss man Velier dafür dankbar sein, dass sie ein derartiges Experiment durchgeführt und uns diesen Rum bereitgestellt haben. Anders wäre man kaum je an die Möglichkeit gekommen, einen derart esterlastigen Rum kennenzulernen, und auch das Mundgefühl, das dazu gehört. Ich bin froh, ihn zuhause zu haben; er wird als Austellungs- und Probierstück immer eine Referenz des jamaikanischen Hochesterrums für mich sein.

Rum Curious Titel

Neugierig auf Rum – Fred Minnicks „Rum Curious“

Ich kaufe nur noch selten Bücher aus Papier. Einst war ich eine Bibliotheksratte und liebte es, mit dem Finger über die Reihen und Reihen von Büchern, mit denen ich meine Wände pflasterte, zu streichen und konnte mir im Leben nie vorstellen, nur noch elektronisch zu lesen. Das haptische Gefühl! Der Geruch! Das Umblättern! Wie kann sowas durch ein schnödes Gerät ersetzt werden, das Papier durch einen Bildschirm? Nun, die Zeiten ändern sich, und ich mich mit ihnen. Inzwischen weiß ich zu schätzen, dass auf meinen eBook-Reader mehr Bücher passen, als ich im Leben lesen kann, alle in der Tasche dabei wohin es auch geht. Und der ganze Platz, der durchs Verschenken, Verkaufen und Wegwerfen der Papierbücher entsteht, wird nun frei für Flaschen voller Spirituosen und Gläser.

Ein paar Bücher habe ich dennoch gern in der physischen, gedruckten Form vor mir liegen – keine Romane, auch selten Fachbücher, aber wenn es um Spirituosen und Cocktails geht, dann blättere ich immer noch gern im Papier, insbesondere, da derartige Bücher gern etwas opulenter aufgemacht sind, mit festem, dicken Papier, guter Bindung und vielen Fotos. Hat es sich rentiert, dass ich mir Rum Curious von Fred Minnick, der eigentlich mehr als Bourbon-Spezialist bekannt ist, in dieser altmodischen Ausgabe zugelegt habe?

Rum Curious Cover

Das Leseerlebnis ist zweigeteilt. Die ersten 80 Seiten enthalten einen Abriss über Geschichte und Produktionsprozess bei Rum – wer sich nicht als totaler Laie in die Lektüre begibt, erfährt nicht extrem viel neues, der Inhalt ist aber sehr lesbar aufbereitet und mit vielen attraktiven Fotos versehen. Eine schöne, gelungene Kurzzusammenfassung über Rum, möchte ich sagen.

Besonders hervorheben möchte ich darüber hinaus einige Dinge, die mir sehr gut gefallen haben. Erstens, Minnicks Position gegenüber dem Manipulieren von Rum. Er lässt nichts aus diesbezüglich, wählt sehr klare Worte und ist auch ausführlich genug, so dass das Thema nicht als kleines Randproblem erkennbar ist. Dabei bleibt er aber einigermaßen neutral und lässt auch in Zitaten die Gegenposition der Nachsüßer zu Wort kommen (die sich dabei aber, praktischerweise, meist selbst entlarven).

Rum Curious Innenseiten 1

Aufgrund einer hitzigen Diskussion, die ich neulich bei Facebook im Ministry of Rum führte, möchte ich Minnick auch extra dafür danken, dass er explizit klarstellt, dass Batavia Arrack und Cachaça kein Rum sind – Zuckerrohrbrände, ja, aber kein Rum. Seine Erklärung diesbezüglich ist klar, stringent und verständlich.

Vom Guten zum Schlechten – die andere Hälfte des Buchs, eigentlich mehr zwei Drittel sogar, ist leider nur wenig spannend. Sie besteht aus Bleiwüsten. Es werden viele Rums aufgezählt, dazu Tasting Notes und eine numerische Bewertung in der Skala von 1 bis 100 abgegeben (wobei die schlechteste Note eine 60 ist –  wozu dienen die restlichen 60% der Skala?). Leider ist nur bei einem winzigen Bruchteil ein Bild vorhanden. Wie ich schon zu reinen Rezeptbüchern, die einfach nur Rezept nach Rezept auflisten, schrieb – sowas ist recht nutzlos und wäre auf einer Webpage mit Suchfunktion besser aufgehoben (oder eben in einem indexierten eBook). Wäre wenigstens zu jedem Rum noch eine Anekdote oder ähnliches vorhanden, könnte ich damit leben. In der vorliegenden Form enttäuscht es einfach nur maßlos.

Rum Curious Innenseiten 2

Nützlich finde ich, dass Minnick auch Spiced Rum berücksichtigt, und diesem einen separaten Bereich mit einer separaten Bewertungslogik gönnt. Viele der gereiften südamerikanischen Rums würden eigentlich auch in diesen Bereich gehören, aber diesen Schritt wagt er nicht, das wäre allerdings vielleicht auch zuviel verlangt.

Auch wäre ich dem Autor sehr dankbar, wenn er seine pseudowitzigen Sprüche lassen könnte, die er immer bringt, wenn er persönlich meint, ein Rum sei „nicht zum mixen“. Schon allein die Idee finde ich bei einem Spirituosenprofi seltsam, vor allem, da er keinen Grund für diesen immer wieder auftretenden Einwurf bringt; da ist Dave Broom mit seinem Buch näher an meiner Meinung, dass es keine Spirituose gibt, die „zu gut“ fürs Verwenden in Cocktails wäre – höchstens zu teuer für den einen oder anderen. Je besser die Zutat, um so besser der Cocktail.

Das Buch schließt mit ebensolchen Cocktailrezepten, meist Klassiker, aber auch viele mir noch unbekannte Rezepte, die ich bald nachkochen werde. Ein Anhang mit einer Liste bekannter Destillen und deren Produktionsweisen ist eine tolle Sache, die ich sehr nützlich als Nachschlagewerk finde; kleine Fehler, die sich selbst einem Profi einschleichen, gehören leider dazu – Gosling’s süßt doch, Barbancourt auch.

Nun habe ich vielleicht das Buch auch einfach nur falsch gelesen – der Untertitel sagt mir, dass es sich um einen „Tasting Guide“ handelt. Und das ist er sicherlich. Wer also nach Geschmackshinweisen für viele Rums sucht, und nebenbei noch ein bisschen über Rum lernen will, der ist mit diesem Reiseführer durch die Rumgeschmackswelten bestens bedient.

Our Rum & Spirits Guyana 2003 Diamond Titel

Ein Fass ist ein Fass – Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 12y Single Cask Rum

Neulich hatte ich hier auf meinem Blog mit dem Mount Gay 1703 meinen persönlichen Testsieger des Rum-Club-Adventskalenders 2016 vorgestellt. Ich hatte dezent darauf hingewiesen, dass es drei Proben waren, die mich aus dem Set der 24 Türchen besonders beeindruckt hatten, und entsprechend folgt nun eine Besprechung des Rums, der ihm diesen Titel leicht streitig machen könnte, und nur aus purer Willkür auf dem etwas undankbaren Silberrang gelandet ist – der Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 12y Single Cask Rum.

Bei Bourbon sieht man oft den Zusatz „Single Barrel“. Dort bedeutet er, dass der Inhalt der Flasche aus einem einzelnen Fass stammt, es also kein Blend aus mehreren Fässern ist. Der Zusatz bedeutet nicht, dass die gesamte Abfüllung nur aus einem Fass stattfand, das wäre bei der Auflage, die viele Single-Barrel-Bourbons haben, auch gar nicht möglich. Bei Rum ist das meist noch anders – ein „Single Cask Rum“ ist eine Einzelfassabfüllung, bei der der Inhalt aller Flaschen aus demselben Fass stammen, und wenn dieses leer ist, ist die Auflage beendet. Sie wird nicht einfach mit einem zweiten Fass fortgeführt; das Wort „single“ ist hier also sehr viel strenger zu interpretieren als bei Bourbon. Ein Fass ist ein Fass, und nicht viele.

Der hier vorliegende Rum wurde also in einer Column Still destilliert, dann in ein Fass gefüllt und zunächst 2 Jahre in den Tropen, im Anschluss weitere 10 in England gelagert (insgesamt Dezember 2003 bis Januar 2016). 216 Flaschen zu je 700ml konnten noch aus Fassnummer 90, nachdem der Durst der Engel gestillt wurde, am Ende in Deutschland gezapft werden, meine Flasche hat die Nummer 28. War es ein gutes Fass?

Our Rum & Spirits Guyana 2003 Diamond Flasche

Man kann der Farbe dieses Rums kaum entgehen – gebrannte Siena, mit tollen Lichtreflexen von Orange bis Gelb. Langsam ablaufende, lange Beine. Erkennbare Viskosität. Wer seine Rums geruchlich gern klar und leicht mag, kriegt hier eine aufs Maul. Pfeifentabak. Leder. Karamell. Toffee. Buttrig und schwer, extrem dicht in der Nase. Eine leicht beißende Alkoholnote, die nach dem Eingießen durchaus präsent ist, verfliegt mit Offenstehdauer, trotzdem darf man die Nase nicht zu tief ins Glas halten. Haselnuss, Schokoladenkekse, Ahornsirup und Rosinen.

Nachdem ich die Erfahrung gemacht habe, dass Rum in diesen Alkoholregionen noch durchaus pur trinkbar ist, versuche ich zunächst einen Schluck bei unverdünnten 62,8%. Im ersten Antrunk kommt er zunächst süß und cremig an, wird aber schon schnell sehr würzig, vielleicht sogar leicht salzig. Backgewürze sind der erste Eindruck, dazu Tannine, Vanille, Toffee, dunkle Schokolade, aber auch Rosmarin, Menthol, mit sogar etwas gemüsigem Anklang. Viel Kraft und Wucht, mit einer Idee von Teer und verbranntem Gummi. Sehr komplex und dicht, dabei perfekt gerundet und trotz der Vielschichtigkeit genehm und schmeichelnd. Erneut ein Beispiel dafür, was Natursüße bei Rum bedeuten kann. Mit der Zugabe von ein paar wenigen Tropfen Wasser wird der Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 noch süßer, cremiger, seltsamerweise wirkt er im Mundgefühl sogar dickflüssiger. Die Schokoladenkomponente übernimmt komplett die Oberhand, das ist wie ein noch warmer Double Chocolate Cake mit flüssigem Kern. Total super.

Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 Glas

Im Abgang ist dieser Rum heiß, glühend wie Lava, einen Vulkan im Mundraum hinterlassend, der langsam ausklingt. Ein tolles Gefühl. Geschmacklich mittellang, trocken, leicht metallisch und mit dunklen Schokoladenaromen und Espressobittere. Pfeffrig. Der Nachhall wirkt mentholig und minzig.

Ich möchte ausdrücklich sowohl die einfach gehaltene Flasche als auch das informative Etikett loben, das sich auf Fakten konzentriert, statt sich in allerlei folkoristischer Augenwischerei-Artwork oder Pseudolegenden zu ergehen. Der Abfüller Our Rum & Spirits beweist sich gerade als Hoffnungsträger der modernen Rumwelt, was Transparenz angeht, indem er einen Blend anbietet, auf dem der zugesetzte Zuckergehalt ausgewiesen ist; auch hier finde ich es ausgesprochen lobenswert, dass viele Details, die sich andere Abfüller einfach sparen, angegeben sind, und das sogar handschriftlich.

Our Rum & Spirits Guyana 2003 Diamond Rücketikett

Schaut man sich mal um, was man außer dem Purgenuss mit so einem Rum machen kann, sollte man bei Cocktails sein Augenmerk auf eine Rezeptangabe legen, die oft in Verbindung mit derartigen Melassebränden gebracht wird: „Demerara-Rum“. Dieser Begriff wird oft falsch für alle dunklen, süßen, schweren Rums aus Südamerika verwendet, für den Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 passt er aber. Und entsprechend wirkt er auch im Kane at Midnight ganz toll – im Zusammenspiel mit frisch-würzigem Rhum agricole und altem Sherry entsteht eine Aromenbombe, der man sich kaum entziehen kann.

Kane at Midnight


Kane at Midnight
2 oz Demerara-Rum (z.B. Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003)
½ oz Rhum Agricole Vieux (z.B. HSE Black Sheriff)
¼ oz Sherry Pedro Ximénez (z.B. Byass Noé VORS)
2 Spritzer Angostura
1 Spritzer Schokoladenbitter
Auf Eis rühren und auf Eis, mit Orangenzeste und Maraschino-Kirsche, servieren.
[Rezept nach Oriol Elias]


Ich freue mich, dass mir Our Rum & Spirits Ende April noch eine kleine Kostprobe eines engen Verwandten dieses Rums zukommen ließ – 3cl des Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 13 Jahre (12/2003 – 04/2017), Cask 75, 63,7%. Natürlich musste ich vergleichen, worin die beiden sich unterscheiden, und worin sie sich ähneln.

Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 13y

Farblich und vom Verhalten im Glas sind die beiden sich täuschend ähnlich. Auch meine Beschreibung der Nase trifft für den 13-jährigen Rum aus Fass 75 so zu, wie für den 12-jährigen aus Fass 90 zuvor; eventuell sorgt das zusätzliche Jahr für eine leichte bananige, weichere Note und einen kleinen zusätzlichen Kaffeeduft. Das knappe Volumenprozent mehr Alkohol macht nur wenig echten Unterschied, mit viel Fantasie wirkt der 2017er Rum noch leicht fruchtiger als der 2016er, und hat einen Tick mehr Teeranklänge, ansonsten gleichen sie sich sehr. Der Abfüller bezeichnet ihn informell als „griffiger“, das trifft es eigentlich sehr gut, denn da ist einen Tick mehr Definition und Würze. Was natürlich letztlich eine verdammt gute Nachricht ist – es sollte Rumfreunde freuen, dass ein so tolles Projekt wie die 12-jährige Guyana-Rumabfüllung von Our Rum & Spirits keine Eintagsfliege war, sondern sich die extrem hohe Qualität wiederholen, vielleicht sogar steigern lässt. Der Abfüller ist damit für mich mit Sicherheit einer, den es zu verfolgen gilt.

Simon's Feinbrennerei Titel

Walkürenrum aus Deutschland – Simon’s Feinbrennerei

Es ist immer so eine Sache mit theoretisch erworbenem Wissen, das praktische Vorgänge betrifft. Da kann man sich viel anlesen, sich was von selbsternannten Profis erzählen lassen, oder sich im schlimmsten Fall selbst was aus den Fingern saugen. Gerade im Rumbereich sind viele Scharlatane unterwegs, die einem ihr Schlangenöl verkaufen wollen, und dazu Legenden und Lügen miteinander in ein verführerisches Gebilde vermischen. Marcus Stock, der Inhaber von 4finespirits, Rumkenner und Mitbegründer des Rum-Clubs, und ich wollten diesen Zustand ändern, und Rumproduktion aus erster Hand betrachten. Am 08. Juli 2017 trafen wir uns mit Severin Simon, dem Inhaber und Meisterbrenner des seit 1879 bestehenden Familienbetriebs Simon’s Feinbrennerei in Alzenau im nordwestlichsten Eckchen von Bayern, nicht weit entfernt von Frankfurt, und schauten ihm beim Herstellen seines deutschen Rums etwas über die Schulter. Ich nehme nicht zuviel vorweg, wenn ich sage, dass dies ein höchstspannender Tag war, an dem viel, was uns bisher nur als Theorie bekannt war, auf eindrucksvolle Weise in Praxis umgewandelt wurde.

Schon direkt beim Ankommen auf dem Hofgelände merkt man, dass auf dem malerischen Dörsthof ein bisschen Humor mit im Spiel ist: Das Gebäude, das die Brennanlage beherbergt, trägt ein Straßenschild mit der Aufschrift „Platz des Rums“. Weitere Örtlichkeiten sind ähnlich nach den hier hergestellten Spirituosen benannt.

Simon's Feinbrennerei Platz des Rums

Wir hielten uns gar nicht groß mit viel Smalltalk auf, nach der Vorstellung mit festem Händedruck ging es direkt ans Eingemachte – und das ist in diesem Fall keine Redewendung, denn der erste Blick galt dem im Plastikfass eingemachten Rohstoff des Rums, der Melasse. Severin Simon bezieht diese aus der Dominikanischen Republik, sie wird ihm über den Tres-Hombres-Segler geliefert, eine spannende Geschichte für sich. Für den Rumfreund ist es natürlich ein Erlebnis, den Finger in die klebrige, dunkle Masse zu stecken, die stark nach Dörrpflaumen und Lakritz schmeckt.

Simon's Feinbrennerei Melasse

Die tatsächliche Rumherstellung beginnt beim wichtigsten Schritt des gesamten Prozesses: Der Fermentierung. Hier entstehen die Aromen, die später durch die Destillation extrahiert werden. Man verdünnt die Melasse mit Wasser und gibt Hefen dazu (die genauen Details hierzu sind natürlich Geschäftsgeheimnis, sie machen schließlich einen Großteil der späteren Produktaromatik aus). 2012 hatte Severin Simon seine ersten Versuche der Rumproduktion gestartet, mit Mischverhältnissen und Hefen experimentiert, bis er ein Verfahren fand, das ihm sowohl von der geschmacklichen als auch von der rein operativen Ebene zusagte – die schönste Idee taugt halt nicht, wenn sie nicht reproduzierbar und in einem gewissen Maßstab umsetzbar ist. Die so entstandene Maische darf nun in einem Stahltank (oder, für spezielle Projekte, in einem großen Holzbottich) ruhen, während die Hefen beginnen, den Restzucker in der Melasse zu fressen und dafür Ethanol und CO2 auszuscheiden.

Simon's Feinbrennerei Holzbottich

Grob 2 Wochen später haben die Hefen ihre Arbeit getan, die entstandene Wash hat nun einen Alkoholgehalt von ungefähr 10%, und das CO2 entfleucht ihr noch hin und wieder, wenn man die Oberfläche der Maische betrachtet. Es wird Zeit, dass der Rum in seine zweite Entstehungsphase übergeht – die vergorene Maische wird destilliert. Dazu heizt Severin Simon den Kessel seines Kupfer-Destillierapparats mit Holz an, und füllt die Maische ein. Über ein Wasserbad und eine Rühranlage wird eine gleichmäßige Temperatur der Maische sichergestellt.

Simon's Feinbrennerei Holz im Kessel

Ab hier greifen die thermodynamischen Gesetze – sobald die Maische im massiven Kupferkessel eine gewisse Schwelltemperatur erreicht hat, beginnen sich die flüchtigen Stoffe zu lösen und aufzusteigen. Über den Schwanenhals gelangen die Dämpfe in eine Besonderheit des Destillierapparats der Feinbrennerei: Eine angeschlossene kleine Kolonne mit 5 Böden. Diese Besonderheit sieht man oft bei deutschen Destillen, die eigentlich zum Obstbrennen entworfen wurden.

Simon's Feinbrennerei Kochende Maische

Der eine oder andere Rumkenner, der schon einmal von der Gargano-Klassifikation von Rum gehört hat, mag sich nun fragen – in welche Kategorie gehört Severins Rum? Es kann ja eigentlich nicht die oberste Kategorie des „Pure Single Rums“ sein, schließlich ist eine Kolonne involviert. Eine Nachfrage beim Master Distiller von Foursquare (Barbados), Richard Seale, der bei der Entwicklung dieser Klassifikation mitwirkte, ergibt – das Hauptkriterium für „Pure Single Rum“ ist nicht der Brennapparat, sondern das diskontinuierliche Verfahren. Somit ist der hier entstandene Rum also ein Pure Single Rum. Wenn man Severin Simon bei seiner täglichen Arbeit zuschaut, sieht man, wieviel Mühe ein derartiger Herstellungsprozess macht, und es wundert einen auch nicht mehr, wenn nicht jeder Batch völlig identisch zum Vorgänger ist.

Simon's Feinbrennerei Kolonnenteil

Das Wasser-Alkohol-Gemisch hat nun also den Pot-Still-Teil der Destille verlassen und den Kolonnenteil betreten. Nicht alle der 5 Böden werden immer eingesetzt, Severin Simon kann dies je nach Bedarf steuern. Durch die Blickfenster in der Kolonne sieht man das wild zischende und spritzende Gemisch, das durch die Kolonnenstruktur nun leicht rektifiziert wird, so dass der Alkoholgehalt steigt. Ist der Zielgehalt erreicht, bei Severins Rum ist das in etwa 80%, fließt das Ergebnis der ganzen Mühe in einem klaren, stetigen Strahl im Spirit Safe in den Messtank, der, vom Zollamt geprüft, sich dann in einzelnen Schwallen in ein bereitgestelltes Gefäß ergießt.

Simon's Feinbrennerei Spirit Safe

Wir konnten den Brand, den Severin herstellt, in unterschiedlichen Phasen des Brennverlaufs probieren. Direkt zu Beginn des Brennvorgangs lässt Severin den Vorlauf ablaufen, er wird nicht verwendet und wird unter Verschluss in einem Sammeltank zur späteren Vernichtung durch den Zoll aufbewahrt. Marcus und ich verkosteten zunächst eine Probe des gebrannten Rums direkt vom Anfang des Herzstücks, und später noch eine gegen Ende desselben – hochspannend, wie sich in der kurzen Zeit des Brennverlaufs (ca. 2 Stunden dauerte dieser) die Aromatik verändert. Zu Beginn meinten wir, noch klar die Melasse herauszuschmecken, mit ein paar brotig-heuigen Aromen; später entwickelten sich sehr deutlich unterschiedliche Fruchtaromen, der Brand hatte mehr Volumen und Körper. Nach dem Herzstück kommt der Nachlauf – diesen führt Severin gar nicht mehr aus, weder von der Aromatik noch von der Wirtschaftlichkeit her wäre er wünschenswert.

Simon's Feinbrennerei New MakeDer Kahlgründer Rum ist nun eigentlich fertig, und könnte auf Trinkstärke herabgesetzt als weißer, ungereifter Rum in den Handel gehen. Für die kleine Simon’s Feinbrennerei mit ihren limitierten Resourcen ist dies aktuell nicht interessant, weißer Rum ist in Deutschland nur schwer vermarktbar, selbst wenn er so craftig hergestellt wird wie in Alzenau. Daher geht die gesamte Produktion in die Fassreifung, der letzten Phase des Rumherstellungs-Lebenszyklus. Severin füllt seinen Rum mit einer Stärke von 63,5% in unterschiedlichste Sorten von Holzfässern. Einerseits ist dafür ein verschlossenes Fasslager auf dem Hof, das man aus gesetzlichen Gründen leider nicht besichtigen kann, und andererseits ein kleines Speziallager, das Severin für besondere Holzexperimente und Kundenprojekte nutzt. So findet sich hier ein Sherry- und ein Laphroaig-Fass, Fässer aus Kastanienholz, aus Eschenholz, aus Spessarteiche und ähnliche spannende Behältnisse, die zeigen, dass hier kein Standardprogramm mit der hundertsten Bourbonfassreifung abgespult wird.

Simon's Feinbrennerei Fasslager

Ich für meinen Teil, und ich glaube, Marcus Stock ging es genauso, bin begeistert von der Motivation, der Energie und der Leidenschaft, die Severin Simon für seinen Rum aufbringt. Im Hofladen konnte ich natürlich der Versuchung dann nicht widerstehen, mir zwei seiner Bavarian Nordic Rums zuzulegen, einer davon gereift in schwedischen Whisky-Fässern („Valkyrie Thorslund“), der andere in Kastanienholz („Valkyrie Castanea“). Für alle, die nicht mal spontan nach Alzenau fahren können, sind diese hochinteressanten und wirklich empfehlenswerten Rums nun auch bei 4finespirits erhältlich, wo Marcus auch etwas über diese besonderen Rums erzählt.

Simon's Feinbrennerei SelfieGanz nebenbei ist der Dörsthof noch ein schönes Ausflugsziel für die ganze Familie; nach einer freien Brennereiführung, die jeden ersten Samstag im Monat ohne Anmeldungszwang stattfindet, kann man dort in der wunderbaren grünen Natur wandern oder Radfahren, den direkt angrenzenden Weinberg bewundern, oder nebenan im angeschlossenen Restaurant bei ausgesprochen leckerem Essen die Eindrücke verdauen. Wer dort war, in der Brennerei gestanden und ein paar Worte mit dem Meisterbrenner gewechselt hat, wird mir zustimmen: Man sieht, riecht, und spürt die Kreativität und Leidenschaft dahinter – eine echte Bereicherung für die aufkeimende deutsche Rumlandschaft.

Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection 11 Years Titel

Kurz und bündig – Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum

Die Gargano-Klassifikation von Rum ist ein Versuch, sich von der Nutzlosigkeit der bestehenden Rumklassifikationen, die nach Farbe oder Länderstilen arbeiten, zu lösen. Was soll es uns sagen, wenn ein Rum „braun“ oder „golden“ ist? Das trifft auf praktisch jeden gereiften Rum, der nicht entfärbt ist, und auch auf ungereifte, gefärbte Rums, zu. Ebenso halte ich nichts von der Gruppierung nach „britischem“ oder „lateinamerikanischem“ Stil, als würde in Südamerika nur genau ein Rumstil hergestellt und auf Barbados nur genau ein anderer. Die Gargano-Klassifikation dagegen bezieht sich auf die Herstellungsweise, und hat somit Aussagekraft. Wir verlangen in einer Bar ja auch nicht einen „braunen Whiskey“, sondern einen Straight Bourbon. Oder einen Blended Scotch.

Der Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum ist entsprechend dieser Klassifikation eine Mischung aus Pot-Still- und Column-Still-Rum. 2004, im Jahr der Namensgebung, kam er ins Fass, 2015 in die Flasche, damit ist er also nach Adam Riese 11 Jahre alt. Allein aus dem Namen kann man schon viel mehr ableiten als aus allen Informationen, die manch anderer Hersteller gesammelt anbietet.

Die Farbe ist natürlich, bei Full-Proof-Rums färbt Foursquare nicht nach. Das Kupfer stammt also rein aus den Fässern. Im Glas liegt der Rum schwer und viskos, beim Schwenken bleiben einige Tropfen sogar oben am Glas hängen, statt als Beine abzulaufen, und bequemen sich dann erst nach einer Minute Wartezeit sehr gemütlich nach unten.

Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection 11 Years

Der Geruch ist direkt und ohne Umschweife süß, schwer und voll. Gebrannte Mandeln. Kokosnussfleisch. Vanille dominiert allerdings deutlich die Nase, und da ist viel Eichenwürze; ein damit verwandter kleiner Lack- und Klebstoffton erinnert daran, dass dieser Rum 10 Jahre in Bourbonfässern lagerte. Direkt nach dem Eingießen zwickt eine stechende Note die Nasenschleimhaut, wenn man die Nase zu tief ins Glas hält. Mit Offenstehdauer verfliegt ein Großteil davon, es bleibt aber etwas übrig.

Sehr süß, aber nie klebrig, und hocharomatisch. Sehr breit und körpervoll. Viel Vanille, Schokolade, Nougat, aber auch Gewürzanklänge nach Piment, Kardamom und Nelken, vielleicht sogar etwas Muskatnuss. Das Bourbon-Fass hat einiges an Aromatik mitgebracht, und dem eh schon für sich wuchtigen Rum übergeben. Der Abgang ist lang, glühend heiß, etwas metallisch, dafür aber vanillig und süß. Nur milde Trockenheit, eine erkennbare Holzigkeit bleibt am Gaumen. Ein Menthol-Nachhall sorgt für zusätzliche Länge.

Unverdünnt ist der Foursquare 2004 bei 59% noch wunderbar trinkbar, bei Rum geht das oft, was bei anderen Spirituosen meist schwerfällt. Dennoch verdünne ich ihn testweise auf rund 40%. Die Vanille geht dadurch etwas zurück, die Lacknote verschwindet komplett, Gewürze kommen nach vorne. Geschmacklich bleibt er dicht wie zuvor, schokoladig und weich, ein paar gemüsige Komponenten werden erkennbar, Gurke oder Sellerie vielleicht, die Holznoten sind stark reduziert. Das Feuer des Abgangs wird ersetzt durch ein leichtes Chili, mit etwas Betäubung der Zungenspitze. Durch die Verdünnung verliert er kaum an Charakter, wird nur genehmer und noch runder.

Nun, was soll ich im Fazit sagen, außer, dass das ein hervorragender Rum ist. Natürliche Süße, voller Körper, dichte Aromatik – all das ohne jeden Zusatz. Ich gebe zu, dass ich vielleicht etwas beeinflusst bin durch die Person Richard Seale und sein Auftreten gegen manipulierten Rum; ich rate jedem dennoch, sich zumindest einmal einen Foursquare-Rum zu gönnen, um zu erkennen, das der Mann nicht nur laut und deutlich redet, sondern gleichzeitig hervorragende Arbeit abliefert. Der Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum wäre eine ideale Gelegenheit dafür.

Dieses Review basiert auf einem 2cl- und einem 10cl-Sample. Gern hätte ich die große Flasche zu Hause; sie wird irgendwann ihren Weg zu mir finden, zu den anderen Foursquare-Rums, die dort bereits auf die Familienzusammenführung warten.

Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum Titel

Advent, Advent… Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum

Es gibt so einige Möglichkeiten, viele verschiedene Rums auszuprobieren. Man kann auf Messen gehen, sich in Foren mit Samples eindecken oder, und das finde ich persönlich am charmantesten, sich einen Rum-Adventskalender zulegen. Letzteres ist natürlich etwas jahreszeitenabhängig, doch die Vorstellung, jeden Abend ein kleines Fläschchen eines hochwertigen Rums bereitstehen zu haben, hat schon was. Natürlich muss man sich einen Anbieter aussuchen, von dem man ausgehen kann, dass er guten Stoff abfüllt, und nicht nur den konventionellen, allgegenwärtigen, massenkompatiblen Süßrum. Im Rum-Club besteht diese Gefahr nicht: Da hat Organisator Marcus Stock von 4finespirits weder Kosten noch Mühen gescheut, uns Mitgliedern das Ende des Jahres 2016 zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen.

Der Rum-Club Adventskalender Flaschen

Viele derartige Kalender treiben die Kosten durch aufwändige Kartons mit vorgestanzten Türchen und ähnlichem hoch; hier handelte es sich um eine einfache Menge an Rums, in 2cl- oder 4cl-Fläschchen, die neutral beschriftet waren, und somit jeder investierte Cent in die Rums und nicht in unnötige Dekoration ging. Gleichzeitig war dieser Kalender eine Blindverkostung, denn welchen Rum man gerade vor sich hatte, wurde erst am Spätabend aufgelöst; bis dahin konnte man auf einer Website einen Tipp für Herkunftsland, Alter und Alkoholgehalt abgeben, mit einem Preis für den, der am Ende des Monats die besten Tipps abgegeben hatte. Ich schnitt dabei nicht so besonders ab, denn diese Art der Blindverkostung hat mir äußerst schmerzvoll die Grenzen meiner Rumkenntnisse aufgezeigt und mich sehr demütig gemacht.

Zum Positiven: Nachdem ich die 24 Türchen verkostet hatte, haben sich für mich 3 Rums herauskristallisiert, die ich in der Blindverkostung als herausragend gut empfunden hatte, und von denen ich mir dann entsprechend natürlich eine ganze Flasche kaufen wollte. Der Rum auf Platz 1 meiner persönlichen Bestenliste dieses Kalenders war der hier nun vorgestellte Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum.

Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum Flasche

Die erste positive Sache, die zu berichten ist, ist, dass wir hier einen Blend aus 10 – 30 Jahre alten Rums vor uns haben, ohne dass eine große „30“ oder ähnliches auf dem Etikett prangen würde, wie das viele Konkurrenten ohne Schamgefühl gemacht hätten. Da hört diese kundenfreundliche Scham aber schnell auf, denn die Farbe, ein attraktives helles Kupfer mit orangefarbenen Reflexen, wurde schön mit Zuckerkulör gemacht vom Farbdesigner. Leicht viskos, schnell ablaufende, dicke Beine am Glas.

Was soll ich zum Geruch sagen? Es ist der perfekte Rumgeruch. Daran gibt es nichts zu verbessern. Wenn man mich fragen würde, welchen Rumgeruch ich auf die einsame Insel mitnehmen würde: es wäre dieser. Einfach ein Traum. Süß, dunkel und dicht. Trockenfrüchte, Karamell, Vanille. Gleichzeitig zum dunklen Körper ist da aber auch eine helle Fruchtkomponente.

Süß und mild im Antrunk, sehr vanillig, karamellig. Warum trinken die Leute künstlich nachgesüßten Rum, wenn er auch natürlich und ohne Zuckerbeigabe so schmeichelnd und dabei komplex und unoberflächlich sein kann wie der Mount Gay 1703 Old Cask Selection? Leichtkörperig und elegant, und im Verlauf baut sich doch langsam aber unaufhaltsam eine dunkle Würze auf. Schokoladig – „Rum-Trauben-Nuss“ von Ritter Sport ist eine spontane Assoziation. 43% Alkoholgehalt ist beileibe nicht überragend viel, da könnte ruhig etwas mehr vorhanden sein für meinen Geschmack, er fällt aber insgesamt gesehen weder positiv noch negativ auf. Der Abgang ist dann überraschend feurig, mildscharf, kraftvoll. Lang, vollmundig und süß. Leicht adstringierend. Ein warmer Hauch klingt noch sehr lange aus dem Rachen hoch. Mein schwärmerisches Fazit: vielschichtig, spannend, und dabei aber nicht zu verkopft oder schwierig.

Kein Rum, und so er noch so edel und fein und zum Purtrinken geeignet, entgeht meiner Lust für Cocktails. Der Mount Gay 1703 ist einer meiner echten Lieblingsrums geworden, und wenn er dann in einer Mixtur mit zwei anderen Zutaten zusammentut, die sich still und leise in mein Herz geschlichen haben, die hier verwendeten zwei wirklich außergewöhnlich schönen Obstbrände von Scheibel, dann kann daraus nichts weniger als ein Knaller werden. Der Jabberwocky enttäuscht meine entsprechend sehr hohen Erwartungen, die ich hatte, als ich das Rezept das erste mal las, in keinster Weise.

Jabberwocky


Jabberwocky
1½ oz gereifter Rum (z.B. Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum)
¾ oz Pflaumenbrand (z.B. Scheibel Altes Pflümle)
½ oz Birnenlikör (z.B. Scheibel Moor-Birne)
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Fairytale Bar, Berlin]


Schauen wir noch schnell auf die Präsentation dieses Rums. Für 70€ wird dieser Rum in einem hübschen blaugoldenen Karton geliefert, in einer in ihrer Zurückhaltung ausgesprochen schönen Flasche, die nur ein paar kleine spielerischen Details aufweist. Der Echtkorken ist von einer schweren, metallenen Krone verdeckt, die vor dem Einschenken für ein gutes Gefühl beim Öffnen der Flasche sorgt.

Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum Details

Dieses Gesamtbild aus sehr gelungener Präsentation, subjektiv hervorragendem Geschmack, objektiver Qualität und auch dem tollen Preisleistungsverhältnis macht den Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum zu einem wirklich herrlichen Sipper zum Schlürfen und Genießen, für Kenner wie für Anfänger.

Ich freue mich sehr, diesen Rum im 2016er-Rum-Club-Adventskalender entdeckt zu haben; ich freue mich mindestens genauso sehr auf den bereits geplanten Adventskalender für 2017, den Marcus schon jetzt in Mache hat…