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Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole Titel

Kurz und bündig – Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole

Es ist schon eine kleine Weile her, dass ich den letzten Rhum Agricole im Glas hatte – sehr attraktive Melasse-Rums und andere Spirituosengattungen hatten in letzter Zeit meine Aufmerksamkeit eingenommen. Es wird also Zeit, dass diesem unhaltbaren Zustand endlich wieder Abhilfe geschaffen wird! Der Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole kommt da gerade recht. Es handelt sich bei ihm um einen Blend von martinikanischen Rums, die jeweils mindestens 6 Jahre gereift wurden. Das ganze wird mit 42% Alkoholgehalt abgespielt.

Färbung ist auch bei den strengen Regeln des AOC, denen dieser Rum unterliegt, erlaubt. Entsprechend vorsichtig beurteile ich, wie immer, die Farbe; zumindest scheint sie mir mit ihrem hellem Bernstein für das Alter der Assemblage glaubwürdig zu sein. Nur leichte Schwere ist beim Schwenken zu erkennen, die dabei enstehenden Beine bleiben fast an einer Position stehen, so langsam laufen sie ab.

Ich bin bei der Geruchsprobe sehr überrascht – ein extrem stechender, beißender Klebstoffgeruch ist alles, was ich zu Beginn wahrnehme, dermaßen penetrant, dass ich kaum die Nase ins Glas halten kann. Also erstmal eine Weile offen stehen lassen, denke ich – und tatsächlich, nach einer Weile öffnet er sich und die Beißzange verfliegt etwas, ohne aber ganz zu verschwinden. Schöne Reifungsnoten blitzen nun auf, Vanille und getoastetes Holz, Muskatnuss, Heu. Insgesamt ein recht würzig-aromatischer Antritt.

Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole

Im Mund ist der Saint James Cuvée 1765 sehr breit, dabei aber auch etwas flach. Die Würzigkeit steht im Antrunk noch Vordergrund, dort aber schon untermalt von cremiger, marmeladiger Süße. Erdbeeren, Mango, Honig und Vollmilchschokolade melden sich an und übernehmen immer mehr das Ruder. Im Mittelteil beginnt sich eine feine, dezente Chilischärfe ausmachen zu lassen, die schließlich stärker und dominanter wird.

Der Abgang ist dann aber wieder sehr süß, kühlender Eukalyptus breitet sich aus, er wird nicht zu trocken, leicht adstringierend; erneut habe ich die starke Assoziation zu Marmelade oder Erdbeerkompott. Insgesamt wirkt er mittellang auf mich, insbesondere die Fruchtnoten hängen lange nach, und er klingt mit ein paar kiesigen, grasigen Eindrücken aus.

Diese Kurzbesprechung basiert auf einem 5cl-Sample, die volle 700ml-Flasche kostet um die 50€. Das kann man durchaus ausgeben für diesen Rhum, wenn man nicht ausschließlich auf supertrockene Exemplare steht. Gerade das sehr aparte An- und wieder Abschwellen der Schärfe und die Eukalyptusfrische finde ich toll; mir persönlich ist der Saint James Cuvée 1765 aber letztlich im Gesamtbild einen Ticken zu unverbindlich, als dass ich ihn in Zukunft in die ganze enge Wahl ziehen würde.

Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum Titel

Kurz und bündig – Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum

Ich gebe zu, ich habe ein kleines Faible für das martinikanische Rumhaus La Mauny, denn bis heute stammt mein Lieblings-Agricole (ungereift) von dort – der La Mauny 50°. Um so erfreuter war ich, dass mir Rumfreund Benoît Bail eine Kostprobe des diesjährigen Confrérie-du-Rhum-Rums (dazu weiter unten mehr) zukommen ließ – den Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum. Ich hoffe, ich kann mich in dieser Kurzverkostung zurückhalten und meine Vorliebe in Zaum halten. Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum Glas Es ist nur eine kleine Probe, die ins Glas kommt, aber sie bezaubert trotzdem direkt alle Sinne. Noch bevor man die herrliche rostrote Farbe mit ihren orangefarbenen Reflexen bewundern kann, springt einem der Geruch mitten ins Gesicht. Eine wahre Wucht – dominant sind direkt von Anfang an Holzreifungsnoten: Eiche, Vanille, Karamell, dazu eine leichte Klebernote. 11 Jahre im Eichenfass zeigen ihre Wirkung eindrucksvoll. Rosinen, Thymian und Lavendel geben dem Rum Körper. Der Antrunk ist zunächst sehr süß (ohne aber zuckrig zu wirken), wirkt zurückhaltend, sparsam und mild, weich und bequem, erinnert mich an Cognac. Aber, oh! Der Abgang! Wer bei diesem Abgang nicht ins Schwärmen gerät, den bedaure ich etwas. Denn eine volle Breitseite an Aromen explodiert nun am Gaumen – da kommt ein kaum beschreibbares Bouquet zum Vorschein, mit Anklängen von Lavendel, Nelken, Zitronenschale, Himbeeren, grüner Pfeffer, Ingwer und eine ordentliche Dosis Eukalyptus. Die enthaltenen 49,7% Alkohol verstecken sich nie – in diesem Rum ist lebendes Feuer, Energie und Kraft. Der Nachhall schließlich ist lang, warm, trocken, mit einem Hauch feuchtem Kies, Gras und grünem Holz, und dabei perfekt rund. Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum Flasche Ja, ich bin nun doch ins Schwelgen geraten, obwohl ich es nicht wollte. Egal, Ehre wem Ehre gebührt – das ist ein Traum von einem Rum. Die Confrérie du Rhum, eine Facebook-Gruppe mit knapp 25000 Rumfreunden hauptsächlich aus dem frankophonen Raum, hat in dieser Zusammenarbeit mit La Mauny zur Feier des vierten Jahrestags des Bestehens der Gruppe einen echten Treffer gelandet. Wenn ich mir irgendwo eine ganze Flasche davon schnappen kann (bei einer Limitierung auf 1000 nummerierte Flaschen wird das nicht so ganz einfach werden), werde ich nicht zweimal nachdenken müssen.

Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. Titel

Säulen der Rumgesellschaft – Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O.

Wer sich für die Herstellung von Spirituosen interessiert, und nicht nur, ob es einem schmeckt, der stößt auf viele Variablen, die in so einem Produktionsprozess relevant sind. Vielleicht eine der wichtigsten, weil stark charaktermitbestimmend, ist die Wahl des Destillationsapparats. Viele Rumfreunde geben der klassischen Pot Still, die zum Beispiel für Scotch sogar vorgeschrieben ist, und bei vielen traditionell und handwerklich produzierten Spirituosen absichtlich eingesetzt wird, den Vorzug vor einer Säulendestillation. Grundsätzlich muss man allerdings bei letzterem oft etwas genauer hinschauen, denn es gibt zwei Hauptformen dieser Säulen: Einerseits die moderne kontinuierliche Multi Column Still, die hauptsächlich für die Erzeugung ultrareiner Spirituosen, wie Vodka oder Neutralalkohol genutzt wird, und darüber hinaus für viele Massenbereich-Schnäpse der Großhersteller; und andererseits die traditionelle Kolonne, von der eine Variante zum Beispiel in Martinique als „colonne créole“ bekannt und als Produktionsmittel laut AOC für den lokalen Rhum agricole vorgeschrieben ist.

Appareil continu - Modele Barbet (Rhum, eaux de vie de canne D Kervegant - 1946)

Bild verwendet mit freundlicher Genehmigung von http://www.rhum-agricole.net

Kupfer statt Edelstahl, eine statt fünf Säulen. Man merkt schon, dass es hier nicht darum geht, möglichst schnell möglichst Hochprozentiges durch die Anlage zu schleusen. In zwei solchen traditionellen Kupferkolonnenanlagen wird der Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. an seinem Produktionsort in Macouba (Martinique) aus hauseigenem Zuckerrohr destilliert und dann 6 Jahre (die Abkürzung X.O. steht entsprechend natürlich für „extra old“ – rhum agricole bedient sich da der Cognac-Altersklassifikationen) in Ex-Bourbon-Fässern gereift, die für diesen Zweck erneut ausgebrannt wurden.

Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. Flasche

Farben sind bei Spirituosen in den meisten Fällen dank der Erlaubnis, E150 einzusetzen, Schall und Rauch und man sollte sich von ihr nicht beeinflussen lassen. Bei diesem Rum fällt es einem aber schwer – dunkel, kräftig, tiefer Kupfer, sehr attraktiv. Er bleibt seiner Herkunft als Zuckerrohrsaftrum verbunden und wird nur leicht ölig.

Mildfruchtig, vanillig und mit Anklängen nach Toffee und dunklem Kakao – das steigt einem beim Schnuppern in die Nase. Rosinen und Datteln im Hintergrund kommen dazu. Und viel, viel Holz – für den einen oder anderen mag das schon zu wuchtig und holzig sein, mir gefällt es aber sehr.

Im Geschmack verliert sich diese extreme Holzigkeit dann aber etwas – der Haupteindruck ist süß und sehr rund, besonders weich im Antrunk. Tropfenfrucht und die agricole-typische Grasigkeit verbinden sich aufs edelste. Der Rhum J.M. X.O. ist sehr körpervoll und dicht, mit Anklängen nach Honig und Muscovadozucker, und weist ein spannendes süß-sauer-Verhältnis auf. Komplex und interessant, ein Rum zum explorieren und erforschen, da die Aromen nicht offensichtlich sind wie bei vielen anderen Spirituosen.

Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. Glas

Der Abgang wird dann ultra-trocken, mit nun doch sehr viel Holz, dabei dann mehr als nur ein Anflug von Pfefferschärfe. Gewürze blitzen kurz auf, ohne dabei das vorherige Bild eines süßen, aber beeindruckenden Rums zu berühren. Der Nachhall ist lang und sehr warm.

Schon von Beginn an setzten die Erfinder der Tiki-Bewegung rhum agricole in ihren Cocktailkreationen ein, meist als eine Rumsorte unter mehreren in einem wilden, tiefen Gemisch. Für den Rhum J.M. X.O. habe ich auch einen Tiki-Cocktail ausgewählt, dem ein Rhum von den französischen Antillen verdammt gut steht: der Pago Pago. Ananas und Rum gehen ja immer gut zusammen, wenn dann noch die brutale Kräutergewalt des grünen Chartreuse dazukommt, brechen bei mir alle Dämme: davon trinke ich immer mindestens zwei. Daher beim Mixen am besten direkt von Anfang an die angegebenen Dosen verdoppeln!

Pago Pago


Pago Pago
2 Ecken Ananas im Shaker muddeln.
1½ oz Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O.
½ oz Chartreuse Verte
½ oz Crème de Cacao hell (z.B. Giffard)
½ oz Limettensaft
½ oz kühles Wasser
Auf Eis shaken, nur grob strainen.
[Rezept adaptiert nach Jeff Berry]


Kurz noch ein Exkurs bezüglich des Namens – viele Martinique-Rhums benennen sich nach den alten Familiennamen der Gründer der Destille. Rhum J.M. ist da keine Ausnahme, hier wurde allerdings auf die Initialen des Gründers, Jean-Marie Martin, zurückgegriffen, der 1790 als Dorfpfarrer die Destillerie anlegte: Erneut ein Beispiel dafür, dass die religiösen Stände Talent für (und Affinität zu) Alkohol haben.

Geliefert wird der Rhum J.M. X.O. in einem Karton, der mit kleinen Details über den Herstellungsprozess und das Umfeld von Rhum J.M. bedruckt ist; ansonsten hält sich die Präsentation sehr zurück und protzt lieber über den Inhalt der Flasche als mit dem Äußeren.

Dieser Rhum ist das genaue Gegenteil dessen, was auch heute noch die Masse an verkauftem Rum repräsentiert, der süß und möglichst belanglos ist, um allen zu gefallen. Der Rhum J.M. X.O. hat sehr viel Charakter und Wiedererkennungswert und stört sich nicht daran, ob Süßrumfans einen Hustenanfall bekommen könnten, weil sie soviel Kraft nicht gewohnt sind. Wer aber wirklich guten, hochwertigen und unmanipulierten Rum, der sich nicht anbiedert, schätzt, wird sich hier direkt wie zu Hause fühlen – da können sich so einige Pot-Still-Rums eine große Scheibe abschneiden.

Offenlegung: Ich danke spirituosen-superbillig.com für die kostenlose Zurverfügungstellung einer Flasche des Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O.

On Ti Dousè Planteur Prestige Titel

Eine kleine Leckerei – On Ti Dousè Planteur Prestige

Nachdem mein Schulfranzösisch, das mich 4 Jahre begleitet hatte, über die vielen Jahre der Nichtbenutzung sehr eingeschlafen war, dachte ich nicht, dass sich das so leicht wiederbeleben lässt. Und in der Tat war die erste Lektüre, die ich mir im Urlaub vor einigen Jahren wieder auf Französisch zumutete, Léon l’Africain von Amin Maalouf, ein Brocken Arbeit. Seitdem habe ich aber nicht locker gelassen, und inzwischen lese ich Französisch fast wieder flüssig wie Englisch und Deutsch. Das soll nicht als Angeberei, sondern Ansporn an alle dienen, die ihre Sprachkenntnisse verschimmeln lassen – es lässt sich wieder aktivieren, und zwar schneller, als man denkt. Umso erstaunter war ich, dass ich in einer Facebook-Gruppe, die sich mit französisch-karibischen Rums beschäftigt, plötzlich auf viele Wörter stieß, die ich so überhaupt nicht einzuordnen wusste, und die ich auch nicht herleiten oder nachschlagen konnte.

Im Nachhinein erfuhr ich dann, dass es sich um kreolische Wörter und Satzkonstrukte handelte. Kreolsprachen sind Mischformen aus verschiedenen Sprachen, und haben sich von ihren Einflüssen abgelöst; im karibischen Raum sind französische Kreolsprachen verbreitet, und in Haiti beispielsweise wurde das kreyol ayisyen zur Amtssprache, die 95% der Bevölkerung sprechen. Man erkennt in den französisch-kreolischen Sprachen noch deutlich, dass sie viel Vokabular aus dem Französischen übernommen haben; viele Wörter sind aber verballhornt und lautlich abgewandelt, so dass es nicht einfach ist, Kreolisch nur mit Französischkenntnissen verstehen zu wollen, trotz der phonetischen Nähe. Ein Beispiel für diese tantalisierende Nähe ist der Name des hier vorgestellten Rumprodukts: On Ti Dousè Planteur Prestige. „Eine kleine Leckerei“ könnte man ihn vielleicht am passendsten ins Deutsche übersetzen; der frankophone Phonologe erkennt die Ableitung der kreolischen Wörter und deren spannende Veränderung.

On Ti Dousè Planteur Prestige Flasche

15% Alkohol weist der On Ti Dousè auf, die Inhaltsstoffe sind laut Etikett rhum agricole, Fruchtsäfte und Gewürze. Wenn man ihn eine Weile stehen lässt, setzt sich Fruchtmark im unteren Drittel ab; ein gutes Zeichen, es bedeutet echte Frucht und dass keine Bindemittel oder Emulgatoren verwendet werden. Wenn man genau hinschaut, sieht man Fruchtfleischfasern und kleine Gewürzreste darin schweben. Auch im Glas ist er sehr dickflüssig und schwer.

On Ti Dousè Planteur Prestige Flasche Satz

Richtig süß kommt er auch in der Nase an. Vanille, Zimt, Guave, Maracuja. Herrlich tropisch und verführerisch. Wer auf fruchtlastige Getränke voller Charakter steht, wird hier sein persönliches Nirvana finden: Ein fetter, wuchtiger Fruchtgeschmack, mit feinem Gewürzaroma, voller Körper und dichtem, fast schon buttermilchartigen Mundgefühl. Im Abgang streckt der Rum vorsichtig seinen Kopf hervor und meldet sich; die Süße bleibt bis zum Schluss natürlich und mild, wirkt nie künstlich oder unangenehm. Zimt und Vanille schmeckt man noch sehr lange nach.

Planteur ist eine im Umfeld des rhum agricole sehr beliebte Zubereitung, die kein spezielles Rezept kennt; oft ist es ein rhum arrangé, also ein Rum, in dem Früchte und Gewürze mazeriert wurden, und der mit Fruchtsaft vermischt wird. Wer sich vom Namen her an den bekannten Cocktail Planter’s Punch erinnert fühlt, liegt, was die Zutaten angeht, nicht ganz falsch – allerdings wird ein Planteur nicht wirklich wie ein Cocktail à la minute zubereitet, sondern eine zeitlang vorbereitet, und gehört daher eher in die Kategorie Spiced Rum oder Rumtopf. Diverse Rhum-Agricole-Hersteller bieten Planteur-Premixes an, zum Beispiel Saint James, Old Nick oder Dillon; diese sind günstig zu bekommen, im Vergleich zum On Ti Dousè aber sehr dünn und geschmacksarm – der Untertitel Planteur Prestige, also Edel-Planteur, trifft den Unterschied sehr deutlich. Zum Vergleich hatte ich mir einen Punch Planteur von Dillon im nahegelegenen französischen Record zugelegt – das ist kein echter Konkurrent, mehr wie FC Bayern gegen SV Seligenporten II (ohne den Herren des SV Seligenporten II irgendwie nahetreten zu wollen).

Dillon Punch Planteur Flasche

Wo ist das Cocktailrezept, höre ich schon die Fragen. Der On Ti Dousè ist ja nun schon eine Zubereitung, also halte ich mich zurück mit einem künstlich aus den Fingern gezogenen Rezept. Überall, wo man Fruchtsaftaromen will, könnte man ihn untermischen, doch letztlich steht er sehr schön auf eigenen Beinen und ich genieße ihn mit einem Eiswürfel und einem kleinen Schuss Grenadinesaft, letzteres rein für die Optik.

On Ti Dousè Planteur Prestige Glas

0,7l bekommt man direkt beim Hersteller für 20€, abgefüllt in einer sehr schwungvoll gestalteten, massiven Glasflasche mit Plastikkorken, und einem zum Schwelgen und Träumen einladenden Etikett; leider sind die Versandkosten aus Frankreich recht deftig. Letztlich lohnt sich dieser Kauf aber für alle, die wissen wollen, wie ein wirklich guter, handwerklich hergestellter und qualitativ hochwertiger Small-Batch-Planteur schmeckt.

Longueteau Coffret Dégustation Prestige Titel

Ein dicker Brief mit erfreulichem Inhalt – Longueteau Coffret Dégustation Prestige

Ich bin kein Digital Native. Ich erinnere mich noch gut an die Prä-Internetzeit, in der es etwas aufwändiger war, mit Leuten Kontakt zu halten, oder, noch schwieriger, überhaupt erst Kontakt aufzunehmen. Ein paar Jugendliche aus meiner Bekanntschaft reisen ins Ausland, um sich mit Menschen zu treffen, die sie über Facebook oder andere Online-Communities kennengelernt hatten – so etwas habe ich früher tatsächlich auch gemacht, aber ohne die Möglichkeit, Leute über wenige Mausklicks bequem in Echtzeit kontaktieren zu können. Wie ging das? Das Zauberwort lautet „Brieffreundschaft“.

Ich bin mir nicht sicher, ob es Brieffreundschaften heute überhaupt noch gibt; in den späten 80ern und frühen 90ern gab es jedenfalls eine Organisation, die solche Bekanntschaften kostenlos vermittelte. Man gab in einem Aufnahmeantrag aus Papier die eigene Adresse, Hobbies, Interessen und ein Zielland an, schickte das an diese Organisation, und erhielt einige Zeit später die Adresse eines Gegenübers aus dem Zielland, der ebenso einen Antrag ausgefüllt hatte – dem neuen Brieffreund, den man anschrieb und so kennenlernen konnte. Das System ist dasselbe, wie es heute mit Profilen und Matching in Onlineportalen geschieht, nur eben offline, und mit einem für die heutige Zeit undenkbaren Zeitversatz in der Kommunikation.

Und so reiste ich dann öfters in den Sommerferien nach Frankreich, an die Saône, in ein kleines Dörfchen zwischen Dijon und Lyon. Ich denke gern an diese Zeit zurück, an die südfranzösische Hitze, den ersten Kontakt mit den für damalige deutsche Verhältnisse unglaublich riesigen Hypermarchés, bédés, Taboulé, gezuckerten Petit-suisse und La vache qui rit – und an Djamilla, die Schwester meines Brieffreunds und ein betörend hübsches Mädchen, das, und so schließt sich der zugegebenermaßen etwas lange und dünne Bogen zum eigentlichen Inhalt dieses Artikels, während eines Aufenthalts ihrer Eltern auf der Karibikinsel Guadeloupe geboren wurde.

Von Guadeloupe, einem der karibischen Überseedépartements Frankreichs, stammt auch der Rhum Longeteau. Saint-Marie (Basse-Terre), ist der Sitz dieser 1895 gegründeten Destillerie, der ältesten noch in Betrieb befindlichen auf Guadeloupe; wie zu erwarten ist, stellen sie dort rhum agricole her, also Rum, der auf Basis von Zuckerrohrsaft entsteht, nicht Melasse, wie der Hauptteil der globalen Rumproduktion. Ich bin ein Fan dieser Art von Rum, mir kommt sie ehrlicher (weil Nachsüßen verboten ist), bodenständiger (weil handwerklich und oft nichtindustriell verarbeitet) und geschmacklich interessanter (weil Süße nicht das einzige Qualitätskriterium ist) vor.

Ich danke dem Rumkontor Séraline de Martinique und dem angeschlossenen Shop Rhum Martinique dafür, dass sie mir mit dem Longueteau Coffret Dégustation Prestige die für mich kostenlose Möglichkeit gegeben haben, neue Sorten von rhum agricole auszuprobieren. Besonders da in Deutschland die Präsenz des rhum agricole noch deutlich ausbaufähig ist, empfehle ich jedem Rumfreund, der diese Art des Rums näher kennenlernen will, sich auf diesen Seiten umzusehen.

Longueteau Coffret Dégustation Prestige Schachtel geschlossen

Da kommt schon beim Anfassen und Betrachten dieses Verkostungssets etwas Vorfreude auf, das muss man sagen; Qualitätskarton, hochwertig mit Effekten bedruckt, großformatig. Stilistisch angenehm zurückhaltend, und das ist gut so, denn es ist der Inhalt, der zählt. Man öffnet den Magnet-Klappverschluss, und sieht die ganze Pracht auf einen Blick: 8 reagenzglasähnliche Echtglasfläschchen mit Alupress-Schraubverschluss, eingebettet in eine mit Kunstsamt bestäubte Plastikhalterung, sortiert absteigend nach Alkoholgehalt und Reifezeit. Der geneigte Rumfreund findet die weißen Rumsorten Longueteau 40, 50, 55 und 62, den leicht (18 Monate) holzgereiften 40 Ambré, und die gehobenen Edelvarianten VS, VSOP und XO, mit den für diese Qualitätsbezeichnungen üblichen Mindestreifezeiten bei rhum agricole, also respektive 3, 4 und 6 Jahren. Auf der Deckelinnenseite sind die Rumsorten kurz erläutert, mit knappen Geschmacksnotizen.

Longueteau Coffret Dégustation Prestige Schachtel

Pro Fläschchen erhält man 6cl – eine gerade ausreichende Menge, um einen ersten Eindruck des jeweiligen Rums zu erhalten, also den Zweck eines Verkostungssets zu erfüllen. Die einzelnen Proben, hübsch und zweckmäßig beschriftet, stecken sehr fest in der Halterung, da muss man schon etwas Gewalt aufwenden, um sie herauszuholen, und etwas Geschick. Hat man das aber mal geschafft, steht einem Genuss nichts mehr im Wege. Da ich nicht auf die schnelle den gesamten Verkostungskoffer aufbrauchen möchte, habe ich die Rezension in zwei Teile geteilt. In diesem ersten Schritt möchte ich meine Eindrücke zu 4 der 8 Rums niederlegen, nämlich dem Longueteau 40, 40 Ambré, 50 und VS; Gedanken zu den restlichen Rumvariationen werden dann Stück für Stück ergänzt.

Longueteau Coffret Dégustation Prestige Alle Sorten

Die Entscheidung über die Flaschenabfüllungsstärke besteht bei den meisten Spirituosen häufig nur aus zwei Varianten – Konsumstärke, grob zwischen 38% und 50%, und Fassstärke, grob zwischen 55% und 70%. Sehr erfreulich bei rhum agricole ist, dass man regelmäßig unterschiedliche Alkoholgehalte desselben Destillats erwerben kann. Longueteau ist da keine Ausnahme, und dieser Verkostungskoffer ein Beweis für die spannende Aromenreichweite, die aus einem einzigen Destillat gewonnen werden kann.

Beginnen wir also am Anfang der Rumreise. Persönlich bin ich ein Fan von ungereiften Spirituosen; ich finde, in ihnen zeigt sich der wahre Charakter eines Geists, ungestört von Holz- und anderen Reifungseffekten, die die Natur der Spirituose manchmal nur etwas ausbremsen, hin und wieder komplett ersetzen, auf jeden Fall aber verändern. Zurück zu den Wurzeln: Longueteau Rhum Blanc Agricole 40 ist der kleinste der Longeteau-Rumgeschwister, die einfachste Ausprägung des Rums: abgesehen von einer Ruhezeit in Stahltanks ungereift, 40 Volumenprozent.

Longueteau Rhum Agricole 40°Die Nase ist zunächst etwas grasig, sehr typisch für rhum agricole. Darüberhinaus aber auch ausgesprochen fruchtig, eine ganze Obstschale könnte nicht aromatischer sein. Äpfel und Ananas, Kirschen und Bananen. Insgesamt sehr malzig, bei längerem Riechen verfliegt die Frucht allerdings, und eine Alkoholnote drängt sich nach vorn, wie bei Vodka.

Im Mund erstmal etwas flacher als erwartet. Zwar immer noch recht malzig und süß, aber schnell tauchen leicht salzige Meeresaromen auf, nach Algen, feuchten Steinen, Muschelschalen, erinnernd etwas an weißen Sotol. Von der Fruchtnase ist nicht viel übrig, ein kompletter Szenenwechsel sozusagen. Eine leicht pfeffrige Schärfe verziert die Zungenspitze, während der Rum warm und ganz ohne Brennen den Rachen hinunterläuft. Ein mittellanger Abgang, eine leichte, adstringierende Trockenheit bleibt am Zahnfleisch, dazu die Algenaromen.

Sehr spannend. Nicht begeisternd, aber definitiv spannend: Sicherlich anders als viele anderen weißen rhums agricoles, die ich bisher getrunken habe, und viel milder und weicher als die meisten, ohne dabei aber den typischen Charakter zu verleugnen.

Nimmt man diesen weißen Rum, und lässt ihn mindestens 1 Jahr in Eichenfässern ruhen, so erhält man schon etwas Farbe und veränderte Aromen, zu begutachten beim Longueteau Rhum Ambré Agricole 40. Schon im Gläschen erkennt man, warum man diese Rumgattung als Bernsteinrum (rhum ambré) bezeichnet: Ocker bis Safran glänzt die Flüssigkeit. Der Geruch ist erneut malzig, ergänzt um Reifenoten, wie Karamell und Schokolade, erinnernd an gereiften Grappa. Etwas kräuterig.

Longueteau Rhum Agricole 40° Ambré

Wie ich schon sagte nimmt Holzreifung etwas vom ursprünglichen Charakter weg und fügt anderes hinzu. Der 40 Ambré ist entsprechend süß, malzig, später leicht brennend, pfeffrig. Erkennbar grasig und holzig; leicht rauchig. Ich schmecke etwas Karotte. Vergleichsweise komplex für so einen jungen Rum, finde ich. Der Abgang ist recht kurz, mild, süß. Ein leichter Minzton frischt das Geschmackserlebnis auf.

Es ist durchaus spannend, was die Holzreifung aus dem rhum blanc gemacht hat. Während der 40 Ambré erkennbar genehmer, süßer und dichter ist, ist er gleichzeitig auch etwas langweiliger geworden. Persönlich mag ich im direkten Vergleich den 40 Blanc klar lieber als den Ambré; das ist aber sehr individuell. Ich kann mir vorstellen, dass Leute, die gern Grappa trinken, diesen rhum agricole lieben werden – in einer Blindverkostung hätte ich diesen Rum für einen Grappa gehalten.

Wie schon der 40 Blanc, ist auch der 40 Ambré definitiv ein eher zarter Charakter, zurückhaltend und dezent. Ideal für Einsteiger in den sonst eher ruppigeren Bereich des jungen rhum agricole.

Wir steigern nun den Einsatz: Longeteau Rhum Blanc Agricole 50 enthält, wie der Name schon andeutet, 25% mehr Alkohol als die beiden Vorgänger. Wir begeben uns hier schon beim Geruch in ganz anderes Territorium: hier erst beginnt rhum agricole seinen unabhängigen Charakter zu zeigen. Er ist nun schon klar gemüsiger und grasiger. Lakritze, Fenchel, Sellerie. Minze und Ananas.

Longueteau Rhum Agricole 50°

50% Alkoholgehalt, das verkoste ich zunächst noch unverdünnt. Immer noch recht süß, tauchen hier nun noch andere Aromen auf – Zitronengras, schwarzer Pfeffer. Aber auch Vanille, Honig und Fruchtgeschmäcker sind vorhanden. Ein ölig-cremiges Mundgefühl. Hier sieht man, was eine höhere Alkoholstärke ausmacht: Ich empfinde den 50°-Longeteau deutlicher komplexer und aromenstärker als den 40°. Ein salziger, brennender, starkmalziger Abgang mit erhöhter Länge.

Mit ein paar Tropfen Wasser, denn 50% sind schon grenzwertig für den reinen Genuss, wandelt sich das Bild etwas. Das Feuer wird ausgebremst, die Cremigkeit bleibt aber erhalten. Karamell, Ahornsirup und andere Whisky-typische Aromen tauchen auf, dazu verstärkt sich der Eindruck von Süßholz und Heu. Ein riesiger Sprung in der Qualität, was mich darin bestätigt, dass Spirituosen, ganz besonders aber rhum agricole, von hohen Alkoholanteilen enorm profitieren.

Wir springen überspringen nun ein paar Fläschchen im Verkostungskoffer, und wenden uns den stärker gereiften Sorten zu, beginnend beim Longueteau VS. Mit 42 Volumenprozent nur leicht stärker als der 40 Ambré, hat er doch fast die doppelte Reifezeit in Eichenholzfässern hinter sich, und das riecht man schon direkt beim Eingießen ins Verkostungsglas. Nussig, leicht speckig, etwas rauchig, erinnernd an ungetorften Scotch. Trockenobst. Ein Hauch Anis. Buttrig. Backgewürz.

Longueteau Rhum Agricole VS

Ich entdecke bei diesem Rum ein zweigeteiltes Geschmackserlebnis. Zunächst ist er süß und weich, mit Noten von Toffee und Butter. Dann kippt es unerwartet um zu trocken, leicht bitter, Marzipan, Süßholz: Hier erinnert der VS mehr an Jamaica-Rum als an den jungen rhum agricole. Der Abgang ist dann wieder sortentypischer: holzig, grasig, Tee. Nur ein leichtes Brummen oder Kitzeln auf der Zunge, sehr angenehm. Warm und rund, langanhaltend.

Der Longueteau VS ist sehr faszinierend in seiner Bandbreite und der Aufspannung des Geschmacksbogens. Insbesondere, weil sich der VS von allen seinen Vorgängern deutlich löst, selbst vom 40 Ambré. Das ist ein Rum, für den ich mich begeistern kann, und den ich jedem empfehlen möchte, der gern süßen Rum trinkt, aber nicht von den Tricksereien vieler Hersteller in Bezug auf Zucker hintergangen werden will – die Süße hier ist tief und komplex.

Knapp 2 Wochen sind seit der Veröffentlichung des Artikels vergangen; ich wage mich an den nächsten Rum aus dem Set. Ich greife mir nun direkt die höchste Reifungsstufe heraus, der mich so goldstrahlend anlacht: Der Longueteau XO. Nussig, karamellig und insgesamt sehr wohlig begeistert dieser Rum meine Nase. Ein ungewohnter, blumiger Duft entsteht, nach Jasmin und Rosen. Etwas Frucht – ist es Birne? Traumhaft jedenfalls. Ein wirklich spektakulärer Geruch.

Longueteau Rhum Agricole XO

Ein starkes mentholisches Mundgefühl überrascht zunächst und drängt alle anderen Eindrücke zurück. In dieser Form für mich neu und daher allein schon spannend. Es fällt schwer, diesen Mentholgeschmack zurückzustellen, um nach anderen Aromen zu suchen – es ist fast wie ein Hustenbonbon in seiner Intensität. Ähnlich findet man hier auch Malz und Holzreifeartefakte wie Vanille. Ein leicht rauchiger Beiklang komplettiert diesen wirklich zum Staunen anregenden Rum.

Der Abgang ist dann auch äußerst minzig, fast schon in Richtung Eukalyptus. Sehr ungewohnt, sehr interessant, brilliant und herausragend. Süß und warm, ohne auch nur einen Anflug eines Kratzens, läuft der XO die Kehle hinunter. Am Ende ein angenehmer, leicht grasig-holziger Nachgeschmack. Ich bin mir zu 100% sicher – davon werde ich mir eine ganze Flasche besorgen müssen, auch wenn diese nicht wirklich günstig ist.

Soweit also die Verkostung der Proben der im Longueteau Coffret Dégustation Prestige enthaltenen Rumsorten. Ein knapper halber Liter Qualitätsrum, zu bekommen für rund 30€ im oben erwähnten Shop – das ist ein sehr gutes Preisleistungsverhältnis. Für echte Rumfreunde, die rhum agricole noch nicht oder nicht so gut kennen, ein wertvoller erster Einstieg; für Kenner, die die Destillerie Longueteau entdecken wollen, perfekt; und auch wer ein Geschenk für einen Spirituosenliebhaber sucht, wird mit so einer Box sicherlich leuchtende Augen ernten.

Selbstverständlich nutze ich derart interessante Rums auch in Cocktails. Der Blanc 50 zum Beispiel funktionierte herausragend gut im Sleeping with Strangers, zusammen mit meinem hausgemachten Swedish Punsch.

Sleeping With Strangers


Sleeping with Strangers
1 oz weißer Rhum Agricole (z.B. Longueteau Rhum Blanc Agricole 50)
1 oz Swedish Punsch
1 oz Campari
7 Tropfen Orangenbitter
[Rezept nach Maksym Pazuniak]


Wenn nur jeder Brief, den man bekommt, so einen erfreulichen Inhalt hätte, wie der, der dieses Set enthielt (doch scheinbar, wenn ich dem Inhalt meines Briefkastens glauben darf, werden heutzutage nur noch Rechnungen auf Papier verschickt) – ich glaube, die Institution der Brieffreundschaft würde schnell wieder aufleben. Ein bisschen Entschleunigung täte uns allen jedenfalls gut. Ein Schluck dieses herrlichen Rums könnte aber auch schon gute Dienste diesbezüglich leisten!

Dillon Rhum Agricole Titel

Junge karibische Halbstarke – Dillon Rhum Blanc Agricole Martinique 43%

In seinem Buch über Rumhistorik macht sich Autor Ian Williams immer etwas über rhum agricole lustig. Der aus frischem Zuckerrohrsaft statt aus Melasse hergestellte Rum scheint für ihn minderwertig zu sein, ein ungeschliffenes Produkt, eigentlich nur ein Proto-Rum, der den Sprung zur Spitzenspirituose nicht geschafft hat, und gegen die zungenschmeichelnden Melasserums wie bittere Medizin wirkt. Für ihn scheint, wie für viele moderne Rumfreunde, der Grad der Süße und Weichheit das einzige Qualitätkriterium für Rum zu sein. Ist ein Rum nicht supersüß, ist er mangelhaft und höchstens noch als Mixer tauglich.

Dabei ist diese Spirituose so vielfältig; Süße ist gewiss für guatemaltekische, guyanische und vielleicht kubanische Rums wichtig (so wichtig, dass die Hersteller gern üppig mit nachträglichen Zuckerbeigaben nachhelfen) – für jamaikanische schon nicht mehr so stark, und für die  rhum agricoles der französischen Antillen, hier insbesondere Martinique, dann gar nicht mehr. Da zählen andere Kriterien. Ein Beispiel für diese anderen Qualitäten, die ein Rum haben kann, ist der Dillon Rhum Blanc Agricole.

Die Destillerie Dillon ist einer der Traditionsfabrikanten von Rum auf den französischen Antillen; und wie man im obigen, sehr informativen Werbevideo sehen kann, stellt man dort immer noch auf eine recht antik anmutende Weise den Zuckerrohrschnaps her, mit einer Dampfmaschine und viel anstrengender Handarbeit.

Der weiße, junge Rum von Dillon, den ich hier bespreche, hat mit gesüßten Rums wie Zacapa 23 oder Pampero Aniversario überhaupt nichts mehr zu tun. Er ist knackig, hart, fruchtig, frisch, aggressiv. Man spürt, dass er praktisch nicht gereift ist – eine jugendliche Unbeschwertheit und Frechheit, die schon im Geruch, der floral und grasig ist, deutlichst hervorsticht; bedingt durch seine Produktionsweise, bei der das frisch geschnittene Zuckerrohr innerhalb kürzester Zeit direkt verarbeitet wird – wie im Video so poetisch erzählt wird: Das Zuckerrohr für rhum agricole muss die Wurzeln im Boden und den Kopf in der Mühle haben.

Dillon Rhum Agricole Flasche

Ich hatte, zugegebenermaßen, lange Zeit meine Probleme damit, diesen Rum als „Sipper“, also zum Purtrinken, zu empfehlen. Dazu war er für einen Rumanfänger, wie ich es damals war, und vor allem einen, der nach Süße sucht, doch etwas zu unangepasst (meine erste Rezension zu diesem Rum auf Amazon titelte ich entsprechend noch mit „Schlag ins Gesicht“). Iinzwischen, mit viel mehr Rumerfahrung, sehe ich das alles etwas anders und behaupte das Gegenteil.

Der klassische Cocktail für solche Rums ist der Ti’Punch, der „kleine Punch“, einfach mit Limette, wie ich ihn bei meiner Besprechung des La Mauny gezeigt hatte. Wunderbar funktioniert er aber auch in einem Cocktail, den ich der Herkunft dieses Rums entsprechend Entre les draps genannt habe (Kenner erkennen natürlich sofort den klassischen Between the Sheets, der ihm zugrundliegt).

Entre les draps (Variation auf "Between the sheets")


Entre les draps
1 oz Dillon Blanc Rhum
1 oz Brandy de Jerez (z.B. Carlos I Solera Gran Reserva)
1 oz Orangenlikör (sehr passend ist z.B. Clément Créole Shrubb)
1 oz Limettensaft


In diesem Cocktail schmeckt und riecht man den rhum agricole wunderbar noch heraus, seine Schärfe ist aber durch den Brandy und den Orangenlikör gemildert und der Gesamtgeschmack damit ergänzt. Am Anfang denkt man „bäh!“, beim zweiten Schluck „hmmm…“ und beim dritten und den folgenden dann „mehr davon!“.

In Frankreich ist der Dillon übrigens für ungefähr 10€ in Supermärkten erhältlich (rhum agricole ist wahrscheinlich die einzige Spirituose, die in Frankreich deutlich billiger ist als in Deutschland – die Antillen gehören als Überseedépartements für Steuerzwecke zum Inland). Wer also wie ich an der Grenze wohnt, sollte lieber im Nachbarland zuschlagen.

Wer die Chance dazu hat, sollte sich statt dieses 43%igen Rums lieber gleich den ebenso erhältlichen 50%igen in der Literflasche holen, oder vielleicht sogar den mit 55%. Gerade bei rhum agricole macht sich sehr bemerkbar, wie diese paar zusätzlichen Alkoholprozente das Aroma verstärken und gleichzeitig den Rum einen Tick runder und weniger kantig machen.

Ich zumindest wurde, trotz der geschilderten Anfangsschwierigkeiten, zum rhum-agricole-Fan. Der Dillon ist ein guter und preisgünstiger Einstieg in diese alternative Rumwelt.

Feines von der Insel über dem Winde – La Mauny Rhum Agricole 50%

Es gibt Dinge, die mögen wir nicht von Anfang an. Der erste Biss in eine Lakritzschnecke sorgt dafür, dass viele das schwarze Gummi nie wieder im Leben anrühren. Oliven sind bitter und ich kenne viele, die das Gesicht verziehen, wenn sie sie im Salat entdecken. Blauschimmelkäse ist so aromatisch, dass der eine oder andere nicht damit umgehen kann oder will. Austern, mit ihrer halbflüssigen Konsistenz und ihrem salzigen Geschmack, hasst man oder liebt man.

Allen solchen Dingen muss man eine zweite, manchmal vielleicht sogar eine dritte, vierte oder fünfte Chance geben, bis der eigene Gaumen sich vom ersten Ablehnen weg hin zur neuen Aromatik umgewöhnen kann. Es ist für mich immer wieder verblüffend, wenn ich zum Beispiel bei der Fernsehshow „Das perfekte Dinner“ höre, was die Leute so alles nicht essen. Fisch (außer, er schmeckt nicht so stark nach „Fisch“), Meeresfrüchte, Spargel, rote Beete, Rosenkohl, Wild. Und das schlimmste: sie wollen es oft nicht mal probieren. Viele Menschen verbauen sich eine ganz neue Geschmackswelt nur aufgrund dessen, dass ihnen vor Urzeiten der erste Versuch missfallen hat. Man kann es sich einfach machen, und Speisen oder Getränke ablehnen, weil sie nicht in das kindliche Schema süß-dezent-gewohnt passen. Doch mit nur ein bisschen mehr Experimentierfreude kann man sich weiterentwickeln und sich diese Welten erschließen.

Rhums agricoles, wie der La Mauny Rhum Agricole 50% von der Insel Martinique, sind auch so ein angewöhnter Geschmack, zumindest war es so für mich. Man mag sie im Allgemeinen erstmal nicht zu Beginn. Im Vergleich zu den massenkompatiblen, nichtssagenden nachgesüßten Zuckerrums sind sie kantig, spitzig und unbequem – und hochinteressant, spannend, ungewöhnlich. Wer sie einmal kennen gelernt hat, hat sie lieben gelernt: Sie sind die wahren Könige der Rumwelt.

lamauny-flascheIch erkenne Lakritz und grünes Gras, vergorene Ananas (das kenne ich vom hausgemachten Tepache), viel Frucht, der Rum ist aber dennoch schön süß und fein. Der Alkohol versteckt sich nicht, was er in guten Spirituosen aber auch nicht tun muss, nur in Fusel. Höchstaromatisch und kraftvoll, Zitrusfrucht, Litschis und reife Bananen. Ein einmaliger Geschmack, natürlich erinnernd an seinen brasilianischen Verwandten, den Cachaça, aber noch aromatischer und fruchtiger. Eisen, Anis, Pfirsich. Das Spektrum scheint unendlich. Jeder Schluck weckt neue Assoziationen. Bei 50% darf man schon einen Tropfen Wasser oder zwei dazutun, dadurch kommt die dunklere, esterige Note, die man von Jamaica-Rum kennt, dazu, und Pfeffer und Minze. Ich werde sprachlos bei dieser unglaublichen Vielfalt.

Im Gegensatz zu einem anderen weißen rhum agricole, den ich im Regal stehen habe, dem Dillon 43%, ist der La Mauny trotz seiner erhöhten Stärke sehr mild. Diesen Rum gibt es in 70cl auch mit niedrigerer Prozentzahl, wie bei fast allen Antillen-Rhums, doch ich empfehle ganz klar, die Flasche mit höherer Prozentzahl zu wählen. Alkohol ist Geschmacksträger, und verdünnen kann man immer noch selbst.

Und, da bin ich ehrlich, ich habe im französischen Supermarkt etwas zögerlich für 18€ (der Preis kann nur als Witz gemeint sein, das PLV geht dadurch gegen unendlich) zugeschlagen, weil mir das Flaschen- und Etikettendesign so gefallen hat. Eine dicke, fassförmige Literflasche, mit einem außergewöhnlich schön und liebevoll gestalteten Etikett, in dem die Herstellung über Illustrationen und Schlagwörter erklärt wird. Gewiss ist da viel davon, wie immer bei industriellen Spirituosenetiketten, Marketingrosigkeit, aber wenn es so gut gemacht ist wie beim La Mauny ist mir das egal.

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Das perfekte Cocktailrezept für diesen Rum wird praktischerweise schon auf der Flasche mitgeliefert. Das martiniquanische Nationalgetränk ist der Ti’Punch (abgeleitet von petit punch, dem „kleinen“ Punch also) – ich habe es minimal modifiziert.

tipunch-cocktail


Ti’Punch
1 Stück brauner Würfelzucker
½ Limette direkt ins Glas ausdrücken und mit dem Zucker vermischen,
die Limettenhälfte dann ins Glas werfen

2½ oz La Mauny Rhum Agricole 50%


Ich mag diesen Drink gern ohne Eis; in der Sommerhitze oder in der Karibik trinkt man ihn vielleicht lieber mit einem dicken Eiswürfel. Es passiert mir selten: Ich habe mir 3 Stück davon hintereinander reingezogen, so gut schmeckt mir dieser Mix.

Ein wirklich wunderbarer Rum, der am lang bestehenden Sockel meines Lieblingsrums, des Appleton Estate Extra 12, kratzt. Auf jeden Fall mit einer der besten Rums, die ich in meinem Leben getrunken habe. Man stelle sich vor, ich hätte mich vom ersten Versuch eines rhum agricole, der nicht so toll lief, abschrecken lassen. Ich hätte mir nie verziehen, dieses Aromenwunder nur deswegen zu verpassen.