Archiv der Kategorie: Review

Rezension und Test

Beefeater London Dry Gin Titel

Wacholderwache – Beefeater London Dry Gin

Aktuell treibt ein Discounter-Gin die Spirituosenwelt vor sich her – beim renommierten Spirituosenwettbewerb IWSC gewann der Oliver Cromwell London Dry Gin, der von Aldi in Großbritannien vertrieben wird, eine Medaille als bester Gin der Welt. Sogar Spiegel Online war das einen Artikel wert  – Schnapsblogger, Ginfreunde, Barkeeper und andere an Qualitätsbränden interessierte schrien auf, die Freunde des billigen Genusses konnten sich Schadenfreude und ironische Hinweise nicht verkneifen.

Nun muss man das ganze ins rechte Licht rücken – der Aldi-Gin trat in der Kategorie der Gins mit 37-38% Alkoholgehalt an, also an der untersten Grenze dessen, was noch als Gin bezeichnet werden darf (Gin muss laut EU-Verordnung mindestens 37,5% Alkoholgehalt aufweisen). Dadurch ist der Oliver Cromwell London Dry Gin also der beste Gin der Welt in diesem Bereich, der meist von Billigware und wenig anspruchsvollem Schnaps bevölkert wird. Wer etwas vom Gin haben will, besorgt sich höherprozentige Ware – wie zum Beispiel den Beefeater London Dry Gin, der mit 47% in einer ganz anderen Gewichtklasse spielt als die „weltbesten“ Aldi-Gins.

Beefeater London Dry Gin Flasche

Gin ist transparent, selbst manche der modernen „Western“ Gins, die eine bunte Farbpalette aufweisen, sind sich da einig. Klassisch ist er natürlich auch farblos, und kaum viskos.

Der Geruch ist das, was Gin für mich attraktiv macht. Ich mag den Geruch von Wacholder, und je wacholdriger ein Gin ist, um so mehr mag ich ihn. Der Beefeater ist in dieser Beziehung keine Enttäuschung: Ganz klar dominiert Wacholder, begleitet von etwas säuerlichem Zitrus, einem süßlichen Beiklang und etwas floralem Charakter. Leider ziept er in der Nasenschleimhaut auch etwas – das sollte selbst bei respektablen 47% Alkoholgehalt nicht passieren, man erkennt hieran etwas die Massenproduktion.

Laut Hersteller werden 9 Botanicals eingesetzt, die 24 Stunden lang mazerieren dürfen – Wacholder, Orangenschale, Zitronenschale, Angelikawurzel, Angelikasamen, Koriander, Süßholz, Bittermandel und Iriswurzel. Ich danke für diese Transparenz, andere Produzenten machen daraus ein Staatsgeheimnis. Die Kombination sorgt für ein sehr schweres, fett-ölig-dichtes Mundgefühl, das fühlt sich fast schon likörartig an. Die Süße nimmt einen sehr großen Teil des Geschmackserlebnisses ein, Wacholder ist gar nicht mehr so übermäßig präsent wie in der Nase. Lakritz, Angelika und Orange sorgen für einen fetten Unterbau, Zitrone für die Spitzen.

Der volle Körper transportiert sich leider nicht in den Abgang, der zwar heiß und kraftvoll ist, aber leider auch, abgesehen von einer gewissen Adstringenz, kurz und schal. Tatsächlich ist das Nachgefühl im Mund eher bescheiden bis unangenehm, mit einem starken Eisenton und flachem Kräuterbett ohne Differenzierung. So elegant die Nase ist, so behäbig und faul ist der Nachklang.

Es gibt Gins, die ich gern pur trinke, wenn auch selten. Der Beefeater gehört nicht dazu, doch mit seinen 47% hat er andere Qualitäten. In einem Cocktail kann er viel Volumen beisteuern, Power und Dichte, ohne dabei durch zu strenge Aromatik das Gesamtbild zu übernehmen. Der Bebbo Cocktail, zubereitet mit dem Beefeater, zeigt, dass ein Gin-Cocktail nicht immer nur klar und stringent sein muss, sondern auch verspielt und schwer.

The Bebbo Cocktail


The Bebbo Cocktail
1½ oz London Dry Gin
¾ oz Zitronensaft
½ oz Orangensaft
2 Teelöffel flüssiger Honig
Dry shake, dann auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Die eckige Flasche ist platzsparend in einer Heimbar unterbring- und handhabbar und verzichtet auf Sperenzchen. „Der einzige internationale Premium Gin, der in London destilliert wird, und das schon seit 1820“ ist die einzige Marketingaussage, persönlich würde ich dabei auf das verbrannte Wort „Premium“ gern verzichten. Die traditionellen namensgebenden Wächter des Towers in London würden es vielleicht auch schätzen.

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Xellent Swiss Vodka Titel

Schweizer Grenzgänger – Xellent Swiss Vodka

Es war ein großer Lacher im Kino, als James Bond (gespielt von Daniel Craig) in „Casino Royale“ auf die Frage, ob er seinen Vodka Martini gerührt oder geschüttelt wollte, antwortete: „Sehe ich aus, als ob mich das interessiert?“ Ich habe kurz mitgelacht, aber tatsächlich, als ich ein bisschen darüber sinnierte, fand ich das eine blöde Szene. Nur um einen billigen Lacher zu provozieren stürzt man hier mehrere grundlegende Gegebenheiten um. Erstens, kein Barkeeper, der auch nur ansatzweise etwas auf sich hält, würde diese seltsame Frage „geschüttelt oder gerührt?“ zu einem Martini überhaupt stellen – ihn geschüttelt zu trinken ist ein höchst ungewöhnlicher Sonderwunsch, den ein Gast vorbringen muss, nicht der Barkeeper. Zweitens nimmt man die Vernichtung des leichten Zaubers, den die Phrase im Bond-Kontext nun mal seit Jahrzehnten hat, billigend in Kauf. Und zu guter letzt bricht man mit dem Charakter des James Bond, der in den Romanen als absoluter Genießer, Kenner und Cocktail- wie Spirituosengourmet dargestellt wird. Wie man an der folgenden, herrlichen Infografik leicht erkennen kann ist Bond, was Essen und Trinken angeht, überhaupt nichts egal – sie wäre aber noch spannender, würde sie das, was in der Literaturvorlage geschieht, berücksichtigen, und nicht nur die Kinofilme.Shaken, not stirredMan ahnt anhand dieser Liste, dass Bond durchaus, trotz seiner eigentlichen Liebe, dem Champagner, ein Kind seiner Zeit ist; in den 50er Jahren, als viele der frühen Geschichten und Romane um den britischen Agenten entstanden, war Vodka der Hit schlechthin. Letztlich ist das für mich, als absoluten Fan des Schreibstils Ian Flemings, einer der wenigen Gründe, mich überhaupt mit Vodka im westlichen Stil auseinanderzusetzen, der ja auf Geschmacksneutralität setzt und damit für mich nicht interessant ist, der ich auf Aromenvielfalt und -wucht schiele. Ich will dem Xellent Swiss Vodka aber dann doch eine Chance geben, Nullnullsieben zuliebe – gehört der Vodka aus der Schweiz, hergestellt mit Gletscherwasser und (dankenswerterweise nur!) dreifach destilliert, in diese Kategorie der westlichen Neutralvodkas?

Xellent Swiss Vodka Flasche

Farblich klar und ohne jedweden Einschluss. Eine starke Öligkeit ist erkennbar, die Beinstruktur sehr beeindruckend, die langsam ablaufenden Tröpfchen am Glasrand gefallen. Im Geruch ist zunächst mal nichts von einer Neutralität zu riechen – eine leichte Zitrusnote, etwas Gras, eine Getriedekomponente, ein Hauch einer Blumigkeit. Etwas Ethanol. Es ist also geruchlich etwas da, aber insgesamt nur „etwas“. Man muss aber ehrlich zugeben: ich hatte schon Rums im Glas, die weniger aromatisch waren.

Im Mund kommt wieder die Öligkeit zum Vorschein, und eine damit einhergehende Cremigkeit, die zu gefallen weiß. Ich entdecke hier etwas würzigen Roggen, etwas spritzige Limette, aber auch eine milde Schokoladigkeit im Hintergrund. Erneut ist das Schlüsselwort jedoch wieder „etwas“.  Rudimentäre Ansätze von Thymian und Lavendel. Der Abgang hält sich dann nicht mehr zurück – eine starke Pfeffrigkeit sorgt für einen spannenden Wechsel vom cremigen Antrunk her, und für eine gewisse Effektlänge – aromatisch ist der Xellent nach wenigen Sekunden dagegen vom Gaumen verschwunden.

Hm, das ist gar nicht unangenehm zu trinken, das muss ich zähneknirschend eingestehen. Nicht spannend oder aufregend, aber auch nicht belanglos, wie ich erwartet hatte, sondern durchaus gefällig mit dezenten Aromen.

Nun könnte ich hier natürlich einen Vodka Martini empfehlen, um auf die Einleitung zurückzukommen. Allein, mir fehlt der Glaube an diesen Drink, den ich für eine der armseligsten Entschuldigungen für ein Besäufnis halte – schmeckt nach nichts, knallt dafür gut und ist im Atem nachher nicht zu erkennen. Ideal für einen desillusionierten britischen Geheimagenten der 50er Jahre, sinnlos in heutigen Zeiten. Der Yukiguni dagegen hat den Charme, dass der Schweizer Vodka allein schon vom Namen her („Land des Schnees“) gut passt.

Yukiguni


Yukiguni
1½ oz Vodka
½ oz Triple Sec
½ oz Limettensaft
Auf Eis shaken. In einem Glas mit Zuckerrand servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Über einen Mangel an Aufmerksamkeit wird sich der Xellent nie beschweren werden können – die Flasche schreit geradezu „schau mich an!“. Das rote Glas, das prominent platzierte Schweizerkreuz, der große, silberfarbene Plastikdrehverschluss, da gibts was zu schauen, und in jeder Bar fällt die Flasche auf. Unter Gesichtspunkten der Praktikabilität wurde viel geopfert für die flashige Wirkung.

Auch wenn der Xellent ein Grenzgänger sein mag, bleibt für mich ein derartiger Vodka, egal welche Qualitätsstufe er aufweist, eine reine Mixzutat, und selbst dabei weiß ich nicht so recht, ob ein reiner Alkohollieferant eine ideale Zutat ist. Für die, die sich auch für die Möglichkeiten interessieren, die nichtneutraler Vodka im Purgenuss bieten kann, empfehle ich daher, auch wenn der Xellent schon etwas in diese Kategorie schielt, lieber Produkte wie Freimut oder Polugar, die einen noch sehr viel stärker ausgeprägten eigenen Geschmack und deutlicheren Charakter mit sich bringen. Ich weiß nicht, welchen Vodkastil der literarische Bond persönlich bevorzugt hätte, aber da er auch gern Scotch trank, hätte er sicher überlegt, ob er nicht auch eventuell Geschmack dem damals so wichtigen Flair eines klaren, aromenlosen Modegetränks vorgezogen hätte. Wenn nicht, wäre der Xellent Swiss Vodka aber bestimmt ein sehr interessantes Produkt für ihn gewesen – für mich ist er jedenfalls der neue Standardvodka in meiner Hausbar, ideal für die klassischen Vodkadrinks, die ich mir hin und wieder gönne.

The Art of Japanese Whisky Titel

Kampf der Kulturen – The Art of Japanese Whisky @ Winefactory

Wenn man Science-Fiction-Filme und -Bücher aus den 80ern verfolgt, wie Blade Runner, Johnny Mnemonic oder William Gibsons Neuromancer, die Werke von Bruce Sterling und anderen, so wird dort durch die Beschreibung der Umgebung, in der sich die Protagonisten bewegen, unterschwellig immer ein Gefühl transportiert – die Angst vor Japan, und dass dieses Land, das in eben diesen 80ern die Unterhaltungselektronik revolutionierte und westliche Konzerne in einigen Bereichen zu Statisten degradierte, mit seiner Marktmacht einst kulturell die Welt total bestimmen wird.

Die paranoide Angst vor einer scheinbar unausweichlichen japanischen Übernahme der abendländischen Kultur verdeckte dabei, dass eine Vermischung der Kulturen längst stattgefunden hatte, diese aber gar nicht so kulturkampfdramatisch ausfiel, und dass man statt der Verdammung dieses Trends auch viele positive Aspekte darin finden kann. Die Strömung ging nämlich nie nur in eine Richtung – Japan importierte im 20. Jahrhundert auch viele Dinge aus der westlichen Kultur. Ein erstaunliches Beispiel, das ich erst neulich erfuhr, ist beispielsweise die japanische Jeans – laut Aussagen von Kennern kommt heutzutage die beste Jeansqualität der Welt nicht mehr aus Amerika, sondern aus Japan. Wenn man sie sieht und berührt, das muss man zugestehen, überzeugen sie schon allein von der Verarbeitung und der Schwere des Stoffs her. Hier hat Japan also eine ureigene amerikanische Zutat genommen, und seiner eigenen Kultur hinzugefügt, und dabei mit ostasiatischem Auge fürs Detail optimiert.

The Art of Japanese Whisky vorgestellte Whiskys

Oder, um zum eigentlichen Thema dieses Artikels zu kommen, auch Whisky. Jim Murray, der Autor des jedes Jahr neu aufgelegten Referenzwerks The Whisky Bible, trat mit seiner Bewertung des Yamazaki Sherry Cask 2013 als bestem Whisky der Welt anno 2015 eine Welle des Interesses los – wie, Japan und Whisky? Können die das überhaupt, wie kann es sein, dass die besser sein sollen als die Schotten mir ihrer tausendjährigen Tradition? Auch wenn ich mit den kritischen Experten übereinstimme, dass es sowas wie einen „besten Whisky“ überhaupt nicht geben kann, weil die Geschmäcker und Aspekte bei Spirituosen viel zu weitläufig sind, um so etwas absolut sagen zu können, hat Murray damit erreicht, was meines Erachtens erreicht werden sollte: Die Augen der Welt richteten sich auf Japan und seine trotz der Kürze der Zeit inzwischen tiefgreifende Whiskykultur.

Das als The Art of Japanese Whisky betitelte Event Ende November 2017 in der Winefactory im Unique Cube sollte einen ähnlichen Effekt haben, neben dem reinen Genuss vielleicht auch dazu dienen, den anwesenden Gästen diese trotz ihres ihr schnell vorauseilenden Rufs in Deutschland doch eher wenig verbreitete Spirituose näherzubringen.

The Art of Japanese Whisky vorbereiteter Tisch

Der Tisch war schon eingedeckt, hübsch, nicht überdekoriert, aber stimmungsvoll. Auch die Whiskys waren schon voreingegossen, so dass sie vor der Verkostung auch noch ein bisschen atmen konnten. Je 2cl der Whiskys, die alle aus dem Portfolio von Beam Suntory stammten, konnten unter Anleitung verkostet werden – Hinweise zur Destillerie und der speziellen Whiskysorte wurde mit einem Beamer an die Wand geworfen. Wasser zur Durststillung und Gaumenreinigung stand ausreichend bereit – der Abend konnte beginnen!

The Art of Japanese Whisky 5 Whiskys

Bei vielen Events ist das Essen eine nette Beigabe, ein Snack, klar untergeordnet. Bei The Art of Japanese Whisky merkte man vom ersten Gang an, dass da zwei gleichwertige Komponenten auf höchstem Niveau miteinander in Wettstreit stehen – oder, anders gesagt, in einem Gesamtklang miteinander harmonieren. Das Sushi Catering von Kimdo at Home bereitete die Speisen alle live in Echtzeit für jeden Gang vor; die nagelneue, offene Showküche der Winefactory bietet ein ideales Umfeld für derartiges Kochen und Anrichten vor den Augen der Gäste.

The Art of Japanese Whisky Gang 1

Das sieht man schon beim ersten Gang. Sautierte japanische Kamm-Muscheln. Mir als Meeresfrüchteliebhaber kommt sowas entgegen, und da hat es der dazu kredenzte The Chita Grain Whisky schwer, das zu übertrumpfen. Grain Whiskys haben einen gewissen, nicht unbedingt positiven Ruf, sie sind oft eher flach von der Aromatik und haben außer einer schönen Süße nur wenig zu bieten. Der Chita macht seiner Kategorie aber sicher keine Schande, im Gegenteil, er gehört für mich persönlich gewiss zu den besseren Grain Whiskys.

The Art of Japanese Whisky Gang 2

Butterzarte Tempura-Garnelen mit Yuzu-Dip wurden im zweiten Gang präsentiert. Sensationell war insbesondere dieser Dip aus der exotischen Frucht – da musste ich, auch wenn es wenig fein wirkte, die Schale auslecken. Der Hibiki Japanese Harmony Blended Whisky, den man dazu trank, ist nun schon eine andere Gewichtsklasse als der zuvor servierte Chita. Ein Blend aus verschiedenen Grain- und Malt-Whiskys der japanischen Suntory-Brennereien, präsentiert in einer sehr attraktiven Flasche mit Facettenschliff und Etikett aus handgeschöpftem Papier. Trotz der edlen Aufmachung: Ein bodenständiger Easy-Drinking-Whisky.

The Art of Japanese Whisky Gang 3

Den dritten Gang läutet der große Bruder des Hibiki Japanese Harmony ein, der Hibiki 12 Years Old Blended Whisky. Im Gegensatz zum NAS-Vorgänger ist dieser mit einer Altersangabe versehen. Wenn man recherchiert, findet man schnell heraus, dass wir hier einen doch eher seltenen und auch recht hochpreisigen Whisky vor uns haben – toll, dass man auch derartige Raritäten an diesem Abend probieren konnte. 3 Nigiri von Lachs, Thunfisch und Hamachi (Gelbschwanzmakrele) mit hausgemachter Sojasauce wurden dazu angeboten; herrlich, wie luftig und frisch diese kleinen Bissen wirkten.

The Art of Japanese Whisky Gang 4

Persönlich das absolute Highlight des Abends war der vierte Gang – sowohl vom Essen als auch vom Whisky her. In der Tischmitte wurden mehrere große Portionen Unagi (japanischer, marinierter Aal) auf Perilla-Reis mit japanischen Pickles gestellt, an denen man sich bedienen konnte – was ich bei diesem fantastischen Gericht auch üppig tat! -, und dazu frisch handgerollte Ura Maki (Inside Out Rolls) mit Spicy Tuna und Chicken Teriyaki. Ich fühlte mich im Himmel. Kaum hintan stand aber das Getränk dazu: The Hakushu Single Malt Whisky Aged 12 Years bezauberte mich durch seine ganz besondere Aromatik, die ich in dieser Form noch bei keinem anderen Whisky schmecken durfte. Mir war beim ersten Schluck klar – davon musste ich eine Flasche haben, und gottseidank war in der Winefactory noch genug Lagerbestand da, dass ich ihn direkt am Abend noch mit nach Hause nehmen konnte.

The Art of Japanese Whisky Gang 5

Ich gebe zu, ich fühlte mich bereits etwas gesättigt durch die tolle Speisenfolge bisher. Als dann aber noch abgeflämmtes Lamm mit Miso, Edamame und Hawaiisalz auf den Tisch kam, gewann die Lust über das Sättigungsgefühl. Auch der dazu getrunkene The Yamazaki Single Malt Whisky Aged 12 Years überzeugt voll – süß, cremig, voll und dicht, ein wahrer Gaumenschmeichler, der die Kehle runterläuft wie Öl. Für viele am Tisch war dies die Krönung des Whiskyportfolios von Suntory an diesem Abend; auch ich war kurz davor, meinen Favoriten zugunsten des Yamazaki aufzugeben. Wer tiefe, breite, feinmilde schottische Highland-Malts mag, sollte hier definitiv mal einen Blick riskieren.

The Art of Japanese Whisky Dessert Zilliken 2003

Als Dessert griff der Hausherr ganz am Ende noch in seine Schatzkiste und servierte eine Forstmeister Geltz Zilliken 2003 Saarburger Rausch Riesling Spätlese. Ein schöner, süßsaurer Tropfen, der mir selbst als Weinagnostiker sehr gefiel. Ich muss so ehrlich sein, die Qualität nicht in der Konsequenz beurteilen zu können – die Weinkenner links und rechts von mir waren aber hocherfreut, ein Glas davon vor sich zu haben.

The Art of Japanese Whisky Brand Ambassador

Ehre, wem Ehre gebührt – neben dem Gastgeber, Denis Reinhardt, der ernsthaft dabei ist, aus der einstigen Spirituosenprovinz Saarbrücken ein Zentrum für Schnapskultur zu machen, möchte ich auch die anderen Protagonisten des Abends loben. Der Brand Ambassador für Südwestdeutschland bei Beam Suntory, Mark Armin Giesler, überzeugte mit seinem Team sowohl durch das präsentierte Fachwissen bezüglich der vorgestellten japanischen Whiskys, als auch durch seine lockere Art, mit der er den Abend leitete. Viele spannende Dinge aus dem Nähkästchen konnte man da hören, ohne dass es je langweilig wurde.

The Art of Japanese Whisky Winefactory Showküche

Und natürlich muss man Martin Dobner und seine Frau Moon-Jung Kim ganz besonders hervorheben, die ein 5-Gänge-Menü für 10 Personen in Echtzeit zubereiteten, und dabei noch Zeit fanden, die schon durchaus exotischen Zutaten zu erklären. Dass es sich bei den Speisen um gehobene Restaurantqualität handelte, sollte allein schon von den Fotos klar geworden sein; dass sowas auf diesem hohen Niveau nun seit kurzem auch als Catering für Zuhause oder eine Firmenfeier verfügbar ist, finde ich großartig.

Am Ende möchte ich den Bogen zurückschlagen zum Anfang. Kulturen im Kampf, das muss eigentlich nicht sein. Wie man hier sieht, können sie sich auch ergänzen und komplettieren. Man lernt: Japanischer Whisky muss sich keineswegs hinter seinem schottischen Vorbild verstecken; deutscher Wein passt wunderbar zu japanisch zubereitetem Lammfleisch; ein Rheinhesse, ein Schwabe, eine Koreanerin und viele Saarländer können einen unglaublichen Abend zusammen erleben. Wenn man nur will, können unterschiedlichste Kulturen gemeinsam viel erreichen – und damit die ganze Welt bereichern.

Tekirdag Rakisi Titel

Keine Trinkwarnung – Tekirdağ Rakısı No. 10

Die englischsprachige Wikipedia ist normalerweise mein erster Anlaufpunkt für allerlei Themen, in denen die deutsche Seite des partizipativen Online-Nachschlagewerks zu dürftig ausgestattet ist (was leider häufig der Fall ist, wenn es um Spirituosen geht). Recherchiert man dort über das Thema „Raki“, wundert man sich aber: selbst als Leser, der sich eigentlich informieren will, spürt man, dass hier zumindest teilweise Leute am Werk waren, die noch viel weniger Ahnung von Raki haben, als man selbst. Kein guter Zustand. Ich denke, ich werde mich bald mal dransetzen und die schlimmsten und offensichtlichsten Fehler dort ausbügeln.

Bis dahin kämpfe ich hier auf meinem Blog gegen das Verwirrspiel, das das Wort „Raki“ auslöst, an. Das erste und wichtigste ist die Auflösung der beinahen Namensgleichheit zu kretischem Raki – jener ist ein Tresterbrand, kein Weinbrand, das allein ist schon ein sehr deutlicher Unterschied. Für den türkischen Rakı werden frische Trauben ausgepresst und fermentiert. Den entstehenden Wein nennt man „Suma“, der dann zusammen mit Anis destilliert wird (noch so ein Unterschied zum kretischen Raki, und auch zum bulgarischen Rakija). Der Tekirdağ Rakısı No. 10, den ich heute hier bespreche, ist dahingehend ein besonderer Rakı, weil er der einzige Pot-Still-Raki auf dem türkischen Markt ist. Er wird dreifach gebrannt und am Ende auf eine Trinkstärke von 47,5% Alkoholgehalt eingestellt.

Noch ein Wort zur Aussprache – seitdem der türkische Staatspräsident Erdoğan in aller Munde ist, ist auch das türkische „weiche g“, geschrieben ğ, ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Bei dem Namen unserer Spirituose dient es, den Vorlaut zu verlängern, selbst wird es nicht gesprochen. Die Spirituosengruppe selbst wird genähert „Rake“ (man beachte den fehlenden Punkt auf dem i des türkischen Worts) gesprochen, zusammen klingt der Produktname also in etwa wie „Tekirdah rakese“. Ich spreche kein Türkisch, bitte um Verbesserung, falls ich hier Unsinn erzähle.

Tekirdag Rakisi Flasche

Makellos klar steht der Rakı im Glas, viele Beine gleiten nach dem Schwenken langsam nach unten. Er fühlt sich sehr schwer und ölig an. Die Nase muss nicht tief ins Glas gehalten werden, um die ersten Aromen des Tekirdağ wahrnehmen zu können – Schwaden des Geruchs ziehen schnell aus selbst einer kleinen Probe einen Meter weit durch den Raum. Anis und Süßholz.  Ich gehe trotzdem ein bisschen näher ran, um Details wahrzunehmen. Anis und Wermutkraut dominieren hier, etwas kräuteriges liegt darunter. Stark süßlich insgesamt, etwas Orange, ein Touch von ungereiftem Weinbrand; leicht holzig und erdig. Kaum Alkohol, trotz der üppigen 47,5%.

Im Mund fällt zunächst die brummende Süße auf. Ich kämpfe mich durch die nicht übersetzte Textwüste auf der Flasche und finde die Zutatenliste, die ich für meine Leser mit Hilfe eines Onlinetools hier auch auf deutsch wiedergebe: Su (Wasser), yaş üzüm suması (frische, fermentierte Trauben), anason tohumu (Anissamen) und rafine beyaz şeker (raffinierter weißer Zucker). Die Regelungen für Süßung von Rakı legen laut türkischer Wikipedia einen Maximalwert von 10g/L fest, und es muss raffinierter weißer Zucker verwendet werden; da ist natürlich direkt eine Messung erforderlich. Ich zücke Messzylinder, Thermometer, Aräometer und Onlinerechner und ermittle einen Zuckergehalt von grob 10g/L; die Obergrenze des Erlaubten also, was nicht verwundert, das Mundgefühl hätte mich eigentlich sogar eine ganz andere Kategorie von Süßung erwarten lassen. Nun aber zurück zur Verkostung – Lakritz dominiert im Antrunk, im Verlauf kommt eine fruchtige Note dazu, die nur mühsam gegen die Hauptaromatik ankommt, aber erkennbar ist. Sternanis und ähnliche Gewürze ergänzen das Bild. Eine pfeffrige Schärfe entsteht.

Tekirdağ Rakısı No. 10 Pur

Der Abgang ist sehr lakritzig, bitter, leicht scharf. Im Mund entsteht ein starkes, langandauerndes Betäubungsgefühl, das man von Anisspirituosen kennt, hier aber auf die Spitze getrieben ist – jeder Folgeschluck ist dadurch so gut wie neutralisiert. Der Abgang ist mittellang, weißpfeffrig heiß, mit Anklängen von Eukalyptus. Anisaromen klingen noch recht lange als Hauch aus der Kehle nach.

Die sehr deutliche Süße lässt mich dieses Getränk eher mit dem italienischen Sambuca vergleichen als mit dem kretischen Raki oder dem griechischen Ouzo, auch wenn wir hier nach der Definition keinen Likör vor uns haben wie bei Sambuca.

Tekirdağ Rakısı No. 10 Louche

Pur trinkt das allerdings wohl nur selten jemand, der übliche Konsum erfolgt mit Wasser. Der Louche-Effekt, der ensteht, wenn ich den Tekirdağ 1:1 mit kühlem Leitungswasser vermische, ist schön anzusehen; die Geruchsveränderung erstaunlich. Dem Anis wird etwas die Kraft genommen, eine schöne, holzige Würze kommt zum Vorschein. Auch im Geschmack, der nun eine leichte Salzigkeit hervorbringt, schafft es auch die Traubenbasis, sich zu melden – die Fruchtigkeit gefällt, erinnert mich nun fast schon an weißen Pisco. Der unangenehme Betäubungseffekt verschwindet, die neu entstehende feinherbe Bitterkeit im Abgang gefällt mir sehr. Insgesamt ist diese Spirituose mit ordentlich Wasser versetzt sehr viel attraktiver und komplexer als pur. Der hohe Alkoholgehalt macht sich hier dann auch richtig gut, denn selbst verdünnt hat dieser Rakı dadurch ordentlich Power.

Diese Erfahrung macht mich natürlich sehr neugierig, wie sich der Tekirdağ Rakısı No. 10 in einem Cocktail schlägt. Ich muss sagen, dass der Name des Rakı Cocktail etwas arg einfallslos geraten ist; die Idee, einen Anisée mit Kokosnusscreme und Mandellikör zu kombinieren, ist dagegen geradezu ein Geniestreich. Schade, dass der Erfinder dieses Rezepts für mich nicht zu ermitteln war.Rakı Cocktail


Rakı Cocktail
½ oz Rakı
½ oz Amaretto
½ oz Zitronensaft
½ Teelöffel Cream of Coconut
4 oz Orangensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Die Flasche hat ihren Charme, insbesondere die Kupferapplikationen machen echt was her und sorgen ganz bestimmt für den einen oder anderen Impulsivkauf. Der Plastikschraubverschluss ist dagegen mehr funktional als hübsch, der darunter verborgene, im Flaschenhals installierte Nachfüllstop Mist, wie alle derartigen Entwicklungen, aber vielleicht den Spirituosenpirateriegegebenheiten in der Türkei geschuldet.

Für mich ist die Türkei auf einem denkbar schlechten Weg schon weit fortgeschritten und macht sich mir in den Nachrichten nicht gerade sympathisch; bei der aktuellen Lage fragt man sich schon etwas, wie lange noch Spirituosen in der Türkei hergestellt werden dürfen, wenn der neoosmanische Sultan seine islamistische Umgestaltung des Landes weiterbetreibt. Derartige rückwärtsgewandte und dabei gleichzeitig rein egoistisch machtorientierte Leute hatten in ihrem narzisstischen Wahn, anderen einen Lebensstil aufzwängen zu wollen, noch nie Respekt vor echter Kultur und Tradition – das Brennen und Genießen von Spirituosen gehört dazu. Dennoch hoffe ich aufs beste und will den Aufrechten in der Türkei, die sich nicht einschüchtern lassen, mit einem Glas Tekirdağ No. 10 gern virtuell zuprosten!

Jin Badaling Eight Side Dragon Salivary Wine Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 10 – Jin Badaling Bafang Longxian 八方龙涎

Die Gänsehaut, die Daenerys Targaryen, die Mutter der Drachen, beim Angriff auf die anhand der Superwaffe etwas konsternierte Lannister-Armee in der 7. Staffel der Fernsehserie auslöste, ist verflogen, doch Drachen lassen mich nicht los. Die klassisch gestalteten, feuerspeienden Fantasyreptilien aus Game of Thrones gehen dabei aber gern über in die eher das feuchte Element liebenden chinesischen Drachenkönige, die im Meer leben und für den Regen zuständig sind. Der Drache, chinesisch (long, gesprochen „lung“), ist ein superzentrales Motiv der fernöstlichen Kultur, und entsprechend findet man Referenzen auf dieses meist wohlwollende, geschätzte und helfende Wesen in jedem Lebensbereich – auch bei Spirituosen.

Selten musste ich dennoch über den Namen einer Spirituose derart brüten wie beim neunten Vertreter der Gattung Baijiu, die ich in meiner Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“ näher betrachte: Dem Jin Badaling Bafang Longxian (八方龙涎). Die englische Übersetzung, unter der dieser Baijiu mir zunächst bekannt gemacht wurde, ist „Eight Side Dragon Salivary Wine“ – das klingt schon so absurd und seltsam, dass ich mich erneut auf die Suche nach dem chinesischen Originalnamen machen musste. Eine Recherchearbeit, die sich immer sehr lohnt, so halte ich mein rudimentäres Chinesisch wenigstens etwas am Leben, und gleichzeitig lernt man am Rande so wahnsinnig viel, was man sonst nie erfahren hätte.

Zum Namen also – Bafang Longxian, das ist erneut eine Remineszenz an chinesische Mythologie. (longxian) bedeutet wörtlich übersetzt „Drachenspeichel“ (die englische Übersetzung mit „Dragon Salivary“ ist also holprig, aber wortgetreu). Ambra, die graue, wachsartige Substanz aus dem Verdauungstrakt von Pottwalen, die man früher wegen ihres Wohlgeruchs zur Parfümherstellung nutzte, wird im Chinesischen als 龍涎香 (longxianxiang) bezeichnet, man sieht, worauf dieser Namensteil anspielen will. Leicht rätselhaft bleibt mir der Teil 八方, wörtlich „achtseitig“, im Übertragenen Sinne auch „überall“ – nun, wer es weiß, teile es mir bitte mit, was es im Kontext dieses Baijius zu sagen hat.

Jin Badaling Eight Side Dragon Salivary Wine Baijiu Flasche

Wie bei den meisten Baijius gibt es über die Farbe kaum etwas zu sagen. Klar, praktisch keine Viskosität beim Schwenken, und doch so einiges an Beinen am Glasrand hinterlassend.

Ich gebe zu, ich war etwas vorsichtiger als normal, als ich an diesem Baijiu roch, nach der durchweg sehr schlimmen Erfahrung im letzten Teil dieser Reihe. Die Vorsicht ist unbegründet – Der Geruch nach Lakritz, Pfirsichferment, sehr viel Hochesterfrucht und vergorener Ananas ist ingesamt dahingehend sogar recht angenehm. Dem Geruch nach würde ich diesen Baijiu in die Starkaroma-Kategorie stecken; im Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, wo er 2016 eine Goldmedaille gewann, trat er aber in der Kategorie „other aroma“ auf, was auch immer das bedeuten mag.

Im Geschmack wird es dann deutlich – da ist all das Gummi, Teer und Plastik, das ich inzwischen als baijiutypisch kennenlernen konnte, an vordersten Front, unterstützt durch die vergorenen Fruchtaromen, etwas Lakritz und Fenchel. Was diesen Baijiu von vielen anderen Starkaroma-Vertretern unterscheidet, ist der für chinesische Verhältnisse läppische Alkoholgehalt von 38% – dadurch wirkt er nicht so aggressiv, brutal und ungezähmt wie viele seiner Artverwandten. Natürlich ist immer noch viel Säure und Kantigkeit da, aber alles eben in abgemilderter Form, die zumindest meinem Geschmack entgegenkommt.

Jin Badaling Bafang Longxian Glas

Der Abgang des Bafang Longxian ist schokoladig, sehr angenehm fruchtig (wie ich schon oft sagte – der Abgang ist wirklich das beste an einem Baijiu), mittellang und sehr trocken, mit viel Adstringenz. Ich persönlich empfinde es angenehm, dass die Ester sich auch wieder vom Gaumen lösen, und Platz machen für Bitterschokolade, Zitrusaromen und einem schönen Minzhauch. Eine feine Wärme bleibt im Rachen.

Ulric Nijs ist ein globetrottender Barentwickler, der sich viel mit Baijiu auseinandergesetzt hat, und der mir eine stete Quelle von ungewöhnlichen Cocktailrezepten mit dieser exotischen Zutat geworden ist. Eines seiner Rezepte, der 血水(übersetzt als Blood and Water), variiert den bekannten Blood and Sand. Letzterer ist schon ein Beispiel dafür, dass Zutaten, denen man lange nicht viel Cocktailpotenzial zusprach, sich doch wunderbar in Mischgetränken unterbringen lassen; was der Blood and Sand für Scotch tut, schafft der 血水 für Baijiu.

血水 (Blood and Water)


血水 (Blood and Water)
½ oz Baijiu
1 oz Kirschlikör (z.B. Cherry Heering)
¾ oz Orangensaft
¾ oz süßer Wermut (z.B. Martini Rosso)
Auf Eis shaken. Eine Orangenzeste darüber ausdrücken.
[Rezept nach Ulric Nijs]


Nach so einigen etwas allzu üppig gestalteten Flaschen, die ich in dieser Reihe schon gezeigt hatte, ist der Bafang Longxian tatsächlich mal eine Wohltat. Die rundlich-bauchige Flasche ist zwar in einem sonnig-strahlenden Gelb gehalten, doch insgesamt wirkt die Präsentation sehr gelungen. Die orangefarben aufgebrachten Drachenbilder, der goldene Schraubverschluss, der einen Ausgießstop (oh, ich hasse diese Dinger!) verbirgt, ja, das gefällt.

Offenlegung: Ich danke erneut der belgischen Firma Vinopres SA und Spirits Selection für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche dieses Baijius. Vinopres SA und Spirits Selection haben mir ganz enorm geholfen, und mich mit einer Reihe von Qualitäts-Baijius versorgt, denn die Beschaffung dieser chinesischen Spirituosen ist in Deutschland sonst sehr schwierig – ohne sie wäre diese Reihe nicht möglich gewesen.

Fortaleza Tequila Reposado Titel

Starke Nachfrage ist nicht immer gut – Fortaleza Tequila Reposado

Die Alterungskategorien für Tequila sind Lesern meines Blogs inzwischen sicherlich bekannt. Ungereifter „blanco“, mindestens 2 Monate gereifter „reposado“, mindestens 1 Jahr gereifter „añejo“ und, seit gar nicht so langer Zeit, mindestens 3 Jahre gereifter „extra añejo“ stehen dem geneigten Agavenbrandkonsumenten zur Verfügung. Manche Kategorien halte ich für Pseudokategorien, wie „gold/oro“ – das sind letztlich meist nur blancos, die gefärbt wurden.

Welches genaue Reifungsalter ein spezielles Produkt aufweist, muss meist spezifisch nachgeforscht werden, oft wird gar kein genaues Alter angegeben. Beim Fortaleza Tequila Reposado kann man aktuell sogar die spannende Situation nachverfolgen, dass sich das Produkt verändert. Bisher reifte dieser Tequila um die 6 Monate, also dreimal so lang, wie gesetzlich gefordert. Doch Tequila ist in einer massiven Krise – Monokultur und Verlust der Biodiversität, Fledermaussterben (diese sind für die natürliche Befruchtung der Agavenpflanzen von entscheidender Bedeutung), aggressive Industrialisierung des Anbaus und der Produktion, dazu das kometenhafte Aufstreben von Mezcal, das Großkonzerne dazu bringt, Agavenanbauflächen und -pflanzen zu monopolisieren und dann teilweise sogar brach liegen zu lassen, nur damit sie kein Konkurrent nutzen kann; all das sorgt dafür, dass gerade traditionell arbeitende Unternehmen, wie Fortaleza (Los Abuelos in Mexiko, NOM 1493) in Schwierigkeiten geraten. Der Durst nach Tequila ist groß, doch man kommt nicht mehr hinterher, mit all den Problemen die Ausstoßmenge entsprechend anzupassen. Drastische, und meiner Meinung nach etwas hastige und unüberlegte Schritte folgen – neuere Abfüllungen des Fortaleza Tequila Reposado sind dann eben nur noch mit niedrigerer Reifungsdauer abgefüllt. Man ging zunächst auf 4½ Monate herunter, später dann sogar auf die Minimumdauer von 2 Monaten. Laut Kennern machen sich diese Einsparungen leider auch sehr deutlich im Geschmack deutlich, selbst habe ich leider aktuell keinen Vergleich. Entsprechend wollen wir hier nur den originalen, 6 Monate alten Reposado aus dem Tequila Valley verkosten.

Fortaleza Tequila Reposado Flasche

Blasses Strohgold sieht man schon durch das transparente Glas der Flasche, im Glas kommen fast schon weiße Reflexe dazu. Die oben angesprochenen 6 Monate im Fass aus amerikanischer Eiche zeigen sich doch bereits recht kräftig. Eine minimale Viskosität ist erkennbar, die Tropfen an der Glasinnenwand laufen nur sehr langsam ab.

Optisch ist der Fortaleza Reposado noch nicht aufregend, für diese Nase wird aber einiges geboten – sehr starkes Agavenaroma, ohne zu würzig oder zu kratzig zu werden. Blumig leicht, mit etwas Lavendel und Thymian. Fruchtig und süßlich. Ein Hauch von Holzkohlenrauch ist im Hintergrund erahnbar, beim tiefen Einatmen eine Spur Lack. Ersteres schreibe ich dem Kochen der Agave in traditionellen Steinöfen (hornos) zu.

Im Antrunk zeigt sich dieser gereifte Tequila wunderbar weich und mild. Eine Süße stellt sich schnell ein und erzeugt ein rundes, volles, dichtes Gesamtbild. Agave ist, wie es sein sollte, die Hauptkomponente (durch die Verwendung einer traditionellen Tahona, also dem Zerdrücken der Agavenfasern durch einen schweren Mühlstein, sollte dies auch so sein), eine unterschwellige Kräuterunterlage aus Lavendel, Kümmel und etwas Anis erzeugt eine angenehme, aber nicht überhandnehmende Komplexität. Im Verlauf kommt eine recht deftige Würze dazu, die die Süße ablöst.

Fortaleza Tequila Reposado Glas

Der Abgang ist feurig pfeffrig, gleichzeitig aber eukalyptuskühl und mit extrem viel Agavencharakter – man spürt, dass es nicht die 40% Alkoholgehalt sind, die brennen, sondern die Stacheln der Agave (metaphorisch gesprochen). Die doppelte Destillation in Kupfer-Pot-Stills gibt Charakter, ohne Zweifel. Dabei entsteht nur ein leichtes Kribbeln mit langsam einsetzender Adstringenz, die immer stärker wird und am Ende einen kleinen Eisenton erzeugt. Der Nachhall ist sehr lang und dabei dankenswerterweise voller Agaveneindrücke. Mit etwas Süßwasseralgen und feuchtem Beton klingt die Verkostung aus.

Dale Degroff erwähnt in seinem Buch „The Essential Cocktail“ neben dem modernen Rezept für einen Tequila Sunrise, das wir alle kennen und mehr oder weniger schätzen, das Ursprungsrezept, aus dem die moderne Form entstand. Sie wurde an der Pferderennbahn Agua Caliente im mexikanischen Tijuana um die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts serviert. Man sieht, früher war nicht immer alles besser – aber manches schon. Die alte Fassung gefällt mir sehr und stellt den modernen Orangensaftdrink locker in den Schatten. Mit einem guten Tequila, wie dem Fortaleza, um so mehr.

Tequila Sunrise Circa 1920


Tequila Sunrise Circa 1920s
1½ oz Zitronensaft
1 oz Zuckersirup
Diese Zutaten vermischen, um eine saure Limonade herzustellen.
Dann in einem Highball-Glas voll Eis die restlichen Zutaten in dieser Reihenfolge bauen.
1½ oz Tequila reposado (z.B. Fortaleza Reposado)
Die oben hergestellte Limonade
2 oz Club Soda
½ oz Crème de Cassis
¼ oz Grenadine
[Rezept nach Dale Degroff]


Stellt man die Flaschen der drei Varianten von Fortaleza Tequila nebeneinander sieht man die Ähnlichkeit, aber auch die kleinen Unterschiede. Wie der Inhalt ist auch die Flasche und der Stöpsel handgemacht, und dabei entstehen eben diese feinen Unikate. Das Agavenherz, die Piña, die als Krone auf dem Korken sitzt, ist dabei besonders auffällig.

3 Fortaleza Tequilas

Den Blanco hatte ich ja vor einiger Zeit schon besprochen, und eine Rezension des Añejos, des am längsten gereiften Tequilas im Portfolio von Fortaleza, folgt dann auch irgendwann mittelfristig. Unabhängig davon, welchen Reifegrad man nun persönlich bevorzugen mag (ich für meinen Teil liebe die ungereiften, direkten Blancos bei Tequila am meisten), bei Fortaleza kann man blind zugreifen und erhält auf jeden Fall einen der Besten der Besten in dieser Spirituosenkategorie. Man muss nur halt leider aktuell, wie angesprochen, auf das genaue Reifedatum achten. Dann schmeckt man auch die Ehrlichkeit und Tradition der Herstellung im Endprodukt.

Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Titel

Eine gute Grundlage legen – Jeffrey Morgenthalers „The Bar Book – Elements of Cocktail Technique“

Es gibt ein paar Namen, die hört man im Barbusiness immer wieder. Während der Großteil der hinter der Theke arbeitenden Bevölkerung leider schon nicht mal den Gästen, die direkt vor ihnen stehen, namentlich bekannt sein wird, eilt der Ruf einigen Personen voraus – Jeffrey Morgenthaler gehört ganz gewiss zu dieser illustren, exklusiven Gruppe. Seine Arbeit in den Bars Clyde Common und Pépé Le Moko im, was Cocktails angeht, heißen Nordwesten der USA, sorgt dafür, dass er am Puls der Zeit steht, was Kreativität angeht – sein inzwischen berühmter Amaretto Sour ist laut eigener Meinung der beste der Welt (ich würde es nie wagen, ihm zu widersprechen!). Morgenthaler taucht regelmäßig in allerlei Listen auf, in denen es um die einflussreichsten Bartender der Geschichte geht.

Was tut man aber nun als Bartender, Barbesitzer, anerkannter Mixologe, berühmte Persönlichkeit, wenn man schon alles erreicht hat? Man schreibt ein Kochbuch, oder besser noch ein Cocktailbuch. Zusammen mit Coautorin Martha Holmberg hat sich Morgenthaler dafür entschieden, sein über Jahre angehäuftes Wissen mit der Welt zu teilen. Und zwar nicht in Form eines Rezeptebuchs, davon hat die Welt schon genug, sondern als Kompendium für das Handwerk des Cocktails an sich. Elements of Cocktail Technique ist entsprechend auch der durchaus gut passende Untertitel für The Bar Book.

Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Cover

Man sieht schon auf dem Cover, dass eine gewisse Werkzeugkunde mit von der Partie sein wird. Die abgebildeten Siebe und Strainer sind neben Shakern vielleicht das prominenenteste Toolset des Barmanns und der Barfrau, doch Morgenthaler hält sich damit nicht groß auf, ein Buch über Hausbau erklärt ja auch nicht, was ein Hammer ist. Saftpressen, Eisbereiter, Jigger und anderes werden dennoch jeweils im Kontext der Benutzung kurz vorgestellt.

Den Platz nutzt er anders – das Handwerk besteht auch aus mehr als nur dem Einsatz von traditionellen Werkzeugen; der moderne Mixologe braucht durchaus umfangreiche Kenntnisse über die Herstellung von Sirups, Infusionen, Bittern und Tinkturen und anderen hausgemachten Spezialzutaten (obwohl ich nicht wirklich der größte Fan von dieser Art von Dead-Rabbit-Style Mise-en-Place hinter der Bar bin). Morgenthaler macht alles in seiner Bar selber, was auch nur irgendwie selbst herstellbar ist – Zuckersirups, Orgeat, Fruchtsäfte und Eis. Kleine Kennerdetails, wie man bei Kräutersirups beispielsweise die Farbe erhält, sind entsprechend natürlich auch mit von der Partie. Sein Kapitel über Eis ist das beste, was ich diesbezüglich kenne, mit weitem Abstand – hier entzaubert er manche Mythen (wie die vom abgekochten Wasser, das klareres Eis ergeben soll) auf eine wissenschaftliche, empirische Weise.

Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Innenseite 2

Tatsächlich ist Morgenthaler ein Perfektionist. Er erklärt nicht nur, wie man beispielsweise das schiefe Aufsetzen des Mixglases beim Boston Shaker durchführt, sondern es gibt auch eine Risszeichnung dazu. Und er erklärt, warum man beim Dry Shake das Glas anders, nämlich gerade, aufsetzen soll, um das Siegel, das die Flüssigkeiten daran hindert, die unvollkommene Schnittstelle zwischen Glas- und Metallbecher zu durchqueren, trotz fehlender Kälte im inneren des Shakers aufrecht zu erhalten. Ähnlich konsequent und detailreich, dabei gleichzeitig aber immer am tatsächlichen Bedarf orientiert, behandelt er alle Themen. Das Handwerk, das den größten Teil am Mischen von Cocktails ausmacht (Zitat: „Bartending is not, to the dismay of many, an art form. It is a craft.“ Er hat recht, so leid es mir tut, all ihr sphärischen Cocktailkünstler und verkopften Mixologieprofessoren!), wird hier aufgeschlüsselt.

Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Innenseite 1

Trotz all der Detailverliebheit verliert sich Morgenthaler nie in Schwärmerei oder Laberei. Er (oder vielleicht seine Coautorin) schreibt bodenständig und klar; leider geht sein etwas frecher Humor und seine laute, meinungsstarke Art, die man oft in seinen Online-Texten und Kolumnen, wie der für den Playboy, findet, dabei nicht mit in den Text ein.

Das Buch weist dickes, festes Hochglanzpapier auf, entsprechend nehmen die beinahe 300 Seiten dann auch gebunden und mit hartem Kartoneinband versehen eine Menge Platz im Cocktailbuchregal ein. Die gute Fadenbindung sorgt dafür, dass man das Buch offen liegen lassen kann, ohne dass es von allein wieder zuklappt oder umblättert – bei dieser Art von Literatur ein unschätzbarer Vorteil, denn man braucht beim Mischen halt praktisch immer beide Hände und hat selten eine dritte zur Verfügung.

Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Schnitt

Das Fazit – ein lehrreiches und schön gestaltetes Buch selbst für die, die sich schon sehr stark mit Cocktails und dem Barbetrieb auseinandergesetzt haben. Wer ansatzweise englisch spricht und sich einen umfassenden, locker geschriebenen und mit vielen Bildern ausgestatteten Überblick über die Arbeitswelt der modernen Bar verschaffen will, ist hier genau richtig. Wer es gelesen und verinnerlicht hat, kann seine eigene Bar ohne weiteres eröffnen (einen Buchführungs- und Hauswirtschaftskurs natürlich darüber hinaus vorausgesetzt), oder auch die Qualität der Cocktails aus der eigenen kleinen Heimbar enorm steigern.

St. Bernardus Sortiment Titel

Säkularbier mit Klosternamen – St. Bernardus Pater 6, Prior 8 und Abt 12

Regelungen, Regelungen, Regelungen. Ich weiß nicht, ob ich der einzige Spirituosenblogger bin, der sich damit wirklich auseinandersetzt, aber ich merke in letzter Zeit, dass die Recherche für manche Produktgruppen schnell in den Graubereich von gesetzlichen Vorschriften führt, die zu interpretieren sind, die kaum durchgesetzt werden, die dem Nichtfachmann in den allermeisten Fällen nichteinmal bekannt sind.

Und selbst, wenn man denkt, man hätte alles nun grob gesehen, finden sich neue Sätze von Legislaturen, die man kaum für möglich gehalten hätte. In diesem Fall hier geht es um belgisches Bier. Jenes ist ja nun wirklich nicht bekannt für seine Regelungswut, im Gegenteil, es ist ein sehr lebendiges, freies Medium, in dem Brauer ihre Meinung ausdrücken können, ohne befürchten zu müssen, von einem erzkonservativen Reinheitsgebotsstaat an der Ausübung ihrer Berufsfreiheit gebremst oder gar gehindert zu werden. Dennoch gibt es für manche Bierstile ein paar Schutzmechanismen – darüber bin ich bei der Hintergrundinformationssuche für das St. Bernardus Pater 6, Prior 8 und Abt 12 gestolpert.

Die Stilbezeichnung auf dem Etikett ist „Abbey Ale“, also Klosterbier. Da man die Tradition der belgischen Kloster- und Ordensbiere schützen will, dürfen nur ausgewählte, tatsächliche Trappistenkloster das begehrte „Trappistenbier“ herstellen, beziehungsweise besser gesagt, für ihre Produkte diese Bezeichnung tragen – das legt der belgische Brauerbund fest. Darunter gibt es eine Gruppe von Klöstern und klosterähnlichen Orten, die „zertifizierte Klosterbiere“ brauen und als solche auf den Markt bringen dürfen. Schließlich gibt es am Ende dieser Kette dann noch nicht-zertifzierte „Klosterbiere“, zu denen die Biere von St. Bernardus gehören – zu beachten ist dabei eben, dass St. Bernardus kein Kloster ist, sondern eine einfache säkulare Brauerei. Daher ist das für mich eine spannende Sache, bei der es allerdings mehr um Namens- und Verkehrsbezeichnungsrechte geht, als um den Inhalt der Flaschen, die den entsprechenden Aufdruck tragen. Probieren wir uns durch ein Teilsortiment der Brauerei  im belgischen Watou, die als, salopp gesprochen, kommerzielles Spin-Off der Trappistenbrauerei St. Sixtus Bier herstellt, weil letztere ihre Produktion nicht mehr an die Öffentlichkeit herausgeben wollte.

St. Bernardus Sortiment Flaschen

Wir fangen auf der niedersten Stufe der Klosterhierarchie der Brauerei St. Bernardus an – dem Pater 6. Die Zutatenliste auf der Rückseite weist Zucker auf, aber bevor die Fanatiker des deutschen Reinheitsgebots wieder abschätzig abwinken, dieser dient natürlich der Methode der Flaschengärung und ist deswegen im Endprodukt nur noch in Spuren, wenn überhaupt, vorhanden – die Hefen haben ihn weggefressen und statt dessen 6,7% Alkohol hinterlassen.

Diese Flaschengärung ist wahrscheinlich auch der Verantwortliche für die kräftige Schaumentwicklung beim Eingießen – das beobachtet man bei vielen derart hergestellten Bieren. Der üppige Schaum ist farblich dunkles Elfenbein und besteht aus einer schönen Mischung aus großen und kleinen Blasen, und ist sehr langlebig. Das Bier selbst ist sehr dunkelbraun, mit leicht rötlichen Reflexen. Perlage? Fehlanzeige.

St. Bernardus Pater 6

Beim Geruch ist mein erster Eindruck: Ahoj-Brause, Waldmeister-Geschmack. Sehr verblüffend. Leicht metallisch, malzig und zitronig. Die errochene Säure ist auch im Geschmack präsent. Ich gebe zu, ich hatte ein süßliches Dubbel erwartet; hier bekommt man ein eher mildsauer-würziges Bier. Ich bestehe darauf – es hat etwas Waldmeister-Anklänge, dazu Brause und Zitrone. Die Säure gleicht den Mangel an Rezenz aus. Das ganze wird durch eine hintergründige, milde und dezente Süße in Zaum gehalten. Malzwürze gibt dem ganzen Körper und Power. Im mittellangen Abgang ist es kräftig-würzig, trocken und mildbitter. Die Säure schießt nun etwas vor.

Insgesamt ein für mich unerwartetes Geschmacksbild, das mir aber sehr zusagt. Tatsächlich etwas, von dem ich sicher bin, mir noch ein paar Fläschchen zuzulegen – dankenswerterweise ist St. Bernardus ein Stammgast im Bierregal des französischen Supermarkts direkt bei mir um die Ecke. Dort stammt natürlich auch der Vorgesetzte des Paters, der Prior 8, her. Wird die Zahl im Namen von den 8% Alkoholgehalt abgeleitet? Man könnte es vermuten.

St. Bernardus Prior 8

Rein optisch haben wir ein Déja-Vu. Dunkles Braun, blickdicht, kaum Perlage. Mir ist beim Öffnen die Flasche direkt übergelaufen, und wollte gar nicht mehr aufhören zu schäumen. Vorsicht daher! Flaschengärungsbiere sind da etwas empfindlich. Am Ende bleibt ein dünnes Schaumtonsürchen in Cremefarbe.

Der Geruch erinnert an Zitronat, auch hier Brausepulver, dunkles Malz. Mildsauer. Im initialen Mundgefühl ist der Prior cremig, aber nicht wirklich süß. Zitronig, und mit zunehmender Aufenthaltsdauer im Mund immer saurer. Limettensaft. Erkennbar saurer als das Pater 6 – oder vielleicht besser gesagt, weniger süß. Das ist wahrscheinlich auch der Hauptunterschied zum Vorgänger, neben dem erhöhten Alkoholgehalt natürlich. Auch hier findet man wenig Rezenz, die man aufgrund der Säure aber auch nicht vermisst. Leichter, heller, fast schon dünner Körper. Im Abgang fühle ich Grapefruit, kräftiger werdende Säure und Bittere. Mittellang, Brauseschaumeffekte am Gaumen. Trocken und adstringierend.

Wer jetzt damit gerechnet hat, dass der Abt 12 der angedeuteten Korrelation zwischen Namen und Volumenprozenten dann eben mit zwölf Prozent Alkoholgehalt daherkommt, hat sich getäuscht – 10% sind es, diese reichen aber auch völlig aus. Der Abt ist der höchste Rang in der klösterlichen Mönchshierarchie, ist es das entsprechende Bier auch das höchste der Biergefühle?

St. Bernardus Abt 12

Farblich sind wir nun schon eine erkennbare Stufe dunkler. Die Schaumentwicklung beim Eingießen ist erneut enorm. Nach einer kurzen Ziehphase bleibt ein sehr feiner, beigener Flaum auf dem Bier erstaunlich lang lebendig. Geruchlich hat sich nur wenig geändert. Die Brause ist nicht mehr ganz so stark präsent, aber immer noch erschnupperbar. Zitrone, ein leichter Metallton und eine würzige Malznote sind bei dieser Ausprägung des St. Bernardus mehr im Vordergrund.

Und auch im Mund erleben wir eine Abwechslung – wieder cremig, dafür aber bei weitem nicht so sauer wie die zwei Subordinierten des Abts. Das ist deutlich süßer, malziger, milder als Pater und Prior, und auch körpervoller und dichter als diese. Das Amt bringt es mit sich – das Abt 12 ist das deutlich gehaltvollste der drei Biere, schwer und kräftig, ohne sich dabei dann aber völlig von der Säure zu lösen. Insgesamt wirkt es aber dennoch etwas lasch, schal und wenig spannend. Der Abgang ist lang, adstringierend und sauer, mit einem deutlichen Metallton. Die auf dem Etikett angegebene Trinktemperatur von 10-12° halte ich persönlich für viel zu niedrig – fast Zimmertemperatur ist so einem Bier durchaus angemessen.

Alle drei Biere wissen durchaus zu gefallen und sind für jeden Freund belgischen Biers einen Versuch wert. Ich persönlich greife gern öfters zu, gerade, weil ich säuerliche Biere sehr mag, und die Mönchsbiere von St. Bernardus mir daher entgegenkommen. Nun will ich aber meinen Sermon beenden und beschließe die Predigt mit einem Schluck aus der Bierpulle. Amen!

Cocktail meets Whisky - Titel

Ohr- und Gaumenfreuden – „Cocktail meets Whisky“ bei der Whiskytruhe

Gern wird immer wieder mal das Bonmot zitiert, dass man nicht allein trinken soll, sondern in Gesellschaft. Ersteres ist, zugegebenermaßen, ein gefährlicher, abschüssiger Weg (jetzt mal natürlich nur rein hobbypsychologisch gesprochen). Entsprechend es ist ein hartes Leben als Spirituosenblogger, denn das tiefe Probieren und Verkosten, das für Tasting Notes erforderlich ist, kann man eigentlich nur allein durchführen, um die Konzentration und den Fokus zu erhalten, der dafür nötig ist.

Doch auch so ein Blogger hat mal Lust auf einen weniger anstrengenden Drink, und woher die Gesellschaft nehmen, wenn nicht stehlen, und gerade kein Saufkumpan zur Verfügung steht? In einer Bar ist man ja auch eher allein unter anderen Menschen, wenn man solo aufbricht. Die Lösung: Whiskyverkostungen! Diese sind durchaus in Mode. Es ist ja auch eine tolle Sache – man bekommt etwas gutes zu trinken, lernt neue Spirituosen und Leute kennen und im Idealfall hat die Veranstaltung auch etwas von einem Eventcharakter, so dass die Unterhaltung nicht zu kurz kommt. Man will ja eigentlich nicht am Abend auf eine Lehrveranstaltung, sondern Spaß haben, selbst (oder gerade!) als Kenner.

Cocktail meets Whisky - Eintrittskarten

Am 28. Oktober 2017 fand auch ich, zugegebenermaßen ausschließlich dank meines Navigationsgeräts, den Weg zu so einer Whiskyverkostung. Tief im ländlichen Saarland, in Schmelz/Limbach, lud Gastgeber Markus Hawner, der Geschäftsführer von Whiskytruhe, zu einem Multifunktionsabend ein. „Cocktail meets Whisky“ hieß das Motto – entsprechend konnte man sich nicht nur auf Spirituosenproben freuen, sondern auch auf damit live gemixte Cocktails und Longdrinks.

Ein Blick in den kleinen, charmanten Laden von Markus Hawner zeigt direkt, dass es sich bei seinen Veranstaltungen nicht um kühle Vorträge handelt, in denen ein gelangweilter Brand Ambassador eines Konzerns sein Portfolio zum hundersten Mal runterrattert. Man sitzt auf einer Couch oder Fässern, steht an einem aus Fässern hergestelltem Stehtisch oder lehnt gemütlich an einer Wand, während Markus eine Auswahl an Whiskys präsentiert.

Cocktail meets Whisky - Gruppe

Die Atmosphäre ist sehr lässig, entspannt, man merkt, dass sich der eine oder andere schon kennt. Da wird laut geredet und gelacht, diskutiert und palavert – in manch einer Veranstaltung musste ich mich zum Räuspern aus dem Raum begeben, weil sonst die anderen Teilnehmer einen vorwurfsvoll anschauen; hier gibt es das nicht.

Was gab es zu trinken? Markus Hawner legte einen Schwerpunkt auf Roggenwhiskeys aus den USA, und ergänzte dies durch Whiskys aus der alten Welt. Entsprechend begann der Abend mit den amerikanischen Straight Rye Whiskeys Jim Beam Rye, Knob Creek Rye und 1776 Rye, dazu kam als Übergang der irische Vertreter Knappogue Castle 12, und am Ende die schottischen Black & White und Kilchoman Single Malt, die zeigen sollten, dass auch Scotch sich vor Cocktailvermischung nicht zu hüten braucht.

Cocktail meets Whisky - Auswahl

Zu jedem Whisky gab es eine kurze Einführung, Erklärung über die Produktion und die Basismaterialien, sowie ein paar Hinweise zu den zu erwartenden Aromen und Geschmäckern. Markus passt sich dabei dem zu erwartenden Kenntnisstand seiner Besucher an – man wird also nicht mit zuvielen Spezialistendetails überfrachtet, sondern bekommt einen kurzen, knackigen Überblick über einen Whisky und hat dann entsprechend mehr Zeit, sich selbst in der Verkostung ein Bild zu machen und mit den anderen Teilnehmern darüber zu diskutieren.

Cocktail meets Whisky - Gastgeber

Nun hieß der Abend ja nicht „Whiskey meets Whisky“, sondern „Cocktail meets Whisky“, und so wurde nach jeder Probe ein Cocktail angeboten, der genau diese Spirituose beinhaltet. Beispielsweise wurde zum Knob Creek Rye ein Dry Manhattan empfohlen – meine kleine Befürchtung, dass der immer noch sehr weit verbreitete Irrtum, dass ein Cocktail immer ein Liter Saft mit etwas Schnaps ist, hier fortgeführt werden könnte, hat sich da schnell in Luft aufgelöst – hier wurden klassische Rezepte gezeigt. Eugenia Schmidt, eine Cocktail-Amateurin im besten Wortsinn (nämlich jemand, der das liebt, was er oder sie tut), gab neben den von ihr auf professionellem Niveau gemischten Drinks noch den einen oder anderen Hinweis auf den Hintergrund des Cocktails, mit möglichen Twists oder Alternativrezepten.

Cocktail meets Whisky - Cocktail 1

Natürlich schadet auch ein Longdrink nicht – der angebotene Horse’s Neck war eine tolle Erfrischung nach all dem trockenen Whisky. Hübsch angerichtet mit der namensgebenden, langen, über das Glas hinaushängenden Zitronenzeste konnte auch hier die Bartenderin voll überzeugen.

Cocktail meets Whisky - Cocktail 2

Bei soviel Schnaps muss auch etwas gehaltvolleres her. Nach 3 Whiskys gab es eine kleine Pause, in der der Gastgeber das Fingerfood-Buffet eröffnete. Wraps, Datteln im Speckmantel, Pesto-Tortellini-Spieße und Schinken- und Käseschneckchen waren neben der kleinen Käseplatte ein idealer, fetthaltiger und sehr leckerer Grund, auf den man für den Rest des Abends weiter aufbauen konnte. Alles hausgemacht und in mehr als ausreichender Menge vorhanden.

Cocktail meets Whisky - Fingerfood-Buffet

Mit das prägendste Element des Abends war allerdings die musikalische Untermalung durch Pascal Saar, der mit seiner Cajon-Drumbegleitung Marvin Waldemar und irischen Folk-Klängen viel Rhythmus in die Veranstaltung brachte. So fühlte man sich stellenweise wie in einem irischen Pub, nicht mitzusingen war zu fortgeschrittener Zeit bei einigen Klassikern wie „Whiskey in the Jar“ und „The Wild Rover“ praktisch unmöglich. Großartige Unterhaltung!

Cocktail meets Whisky - Band

Kurz und bündig zusammengefasst – ein rundum gelungener Abend, der beweist, dass man über die Gefahren des Alkoholtrinkens sagen kann, was man will: Er ist auch, und vor allem, ein Kulturgut, das Leute zusammenführt und dazu bringt, das Leben etwas leichter zu nehmen und zu zelebrieren. Sehr gern werde ich in Zukunft weitere Veranstaltungen von Whiskytruhe besuchen.

Heinr. von Have The Amber Falernum Spiced Rum Infusion Titel

Falernumzentrum Deutschland – Heinr. von Have The Amber Falernum Spiced Rum Infusion

Es ist faszinierend – die ganze Zeit war Falernum ein in Deutschland ungekanntes Produkt. Dabei ist der Likör, für den es kein wirklich festes Rezept gibt, der aber meist mit Gewürzen, Limetten und Ingwer hergestellt wird, doch Teil einer erklecklichen Anzahl von Cocktails.  Das aufwändige Selbstherstellen war die einzige Alternative zum praktisch einzigen kommerziellen Falernum über sehr lange Zeit – John D. Taylor’s Velvet Falernum, hergestellt von R. L. Seale & Co. Ltd, der Firma, zu der auch die inzwischen wohlbekannte und -geschätzte Foursquare Distillery gehört.

Seit kurzem hat man aber die volle Auswahl, und, und das halte ich für sehr erstaunlich und erwähnenswert, insbesondere mit Produkten, die nicht mühsam importiert werden müssen, sondern in Deutschland hergestellt werden  – The Bitter Truth war der Vorreiter in Deutschland für den eigentlich ur-bajanischen (also von Barbados stammenden) Rumlikör, es gibt ein deutsches Falernum von Intense, und seit kurzem hat auch Revolte Rum ein Falernum im Angebot.

Meine persönliche Meinung – da es keine klaren Vorgaben gibt, wie ein Falernum herzustellen ist, kann jeder Hersteller diesem Likör seinen eigenen Twist geben (was auch, wie ich aus erster Hand bestätigen kann, genauso geschieht), und entsprechend darf die wohlausgestattete Heimbar auch gern mehr als ein Falernum beinhalten. Warum also nicht entweder als Erstausstattung, oder als Alternativversion mal ein weiteres deutsches Produkt ausprobieren? Das Heinr. von Have The Amber Falernum Spiced Rum Infusion bietet sich dafür sehr an.

Heinr. von Have The Amber Falernum Spiced Rum Infusion Flasche

Die komplett schwarz überzogene Flasche schützt den Inhalt vor Lichtstrahlen und neugierigen Blicken. Im Glas wird die Farbe erkennbar – ein leicht trübes, blasses Strohgold, eine recht natürlich wirkende Kolorierung. Es verhält sich recht leichtflüssig und hinterlässt kaum Spuren am Glasrand.

Der Geruch ist dafür umso auffälliger, der sich direkt weit um das Glas herum verbreitet, wenn man es schwenkt. Man fühlt sich in wohl, wenn man daran riecht: Nelken, Zimt, Ingwer, Orange, Limettenschale. Bei tieferem Schnuppern kommt eine milde Rumnote zum Vorschein. Ich denke etwas an gut gemachten Glühwein.

Da bekommt man Lust, einen Schluck zu nehmen. Der Antrunk ist mild, süß, zitruslastig, sehr breit aber ohne große Tiefe. Auch im Verlauf bleibt der Likör leicht und vielleicht fast schon etwas wässrig – mit seinen 17% Alkohol liegt es im unteren Mittelfeld der oben in der Einleitung angesprochenen Falernums, wirkt aber deutlich dünner als diese. Der Zucker, der in einem Likör definitionsgemäß ordentlich enthalten ist, hält sich zurück, vielleicht ein Grund für diese gefühlte Leichtigkeit, und wirkt nie pappend, das ist sehr angenehm.

Heinr. von Have The Amber Falernum Spiced Rum Infusion Glas

Die Gewürze, vor allem Zimt, aber auch Nelken und Piment, drängen sich auch nicht auf, die Rumbasis (laut Etikett „gereifter Karibik-Rum“, das heißt alles und nichts, da könnte für meinen Transparenzextremismus etwas deutlicher geworden werden) sorgt für den harmonischen Beiklang – das ist ein schöner, runder, feiner, edler Geschmack; man kann diesen Rumlikör dadurch, obwohl Falernum an sich im Allgemeinen eher eine Cocktailzutat ist, auch gut pur, eventuell mit einem Eiswürfel, genießen.

Der Abgang ist dann nelkenbetont, doch die milde Schärfe aus dem Ingwer setzt einen kleinen, pikanten Schlussstrich. Hier spürt man schließlich doch etwas den Zucker am Ende, doch immer noch wirkt The Amber Falernum hier aus einem Guß – handwerklich sehr gelungen.

Zum Zeitpunkt des Erstellens dieses Artikels ist es tiefster Herbst – die Bäume werden gelb und braun, die Blätter fallen, der Wald riecht nach Pilzen und Moder. Abends wird es schnell dunkel, und passend dazu habe ich mir für das The Amber Falernum ein herbstliches Rezept ausgesucht. Cider à la Minute kombiniert aufs innerlich wärmendste die ganze Aromenwelt der dritten Jahreszeit, und das Falernum sorgt für aromatische Tiefe. Wunderbar.

Cider à la Minute


Cider à la Minute
1½ oz gereifter Rum (z.B. Ron Zacapa Solera 23)
½ oz Falernum (z.B. The Amber Falernum)
⅓ oz Becherovka
¼ Apfel, gerieben
1 Prise Zimt
1 Prise Muskatnuss
Auf Eis shaken. In ein Glas voll Eis doppelt abseihen, mit Ginger Beer aufgießen.
Mit 2 Spritzer Old Time Aromatic Bitters krönen.

[Rezept nach Heather Mojer]


Auch die Präsentation weiß zu gefallen – die verwendeten Zutaten, Nelke, Piment, Zimt, Ingwer und Limetten, sind auf der Flasche in einem schönen Glanz-vs.-Matt-Effekt abgedruckt, was man erst sieht, wenn man die Flasche leicht dreht und wendet. Auf dem Schraubverschluss findet man den Hinweis, dass The Amber Falernum beim Spirituosenwettbewerb ISW eine Goldmedaille gewonnen hat.

Heinr. von Have The Amber Falernum Spiced Rum Infusion Details

Die Deklaration des Produkts ist zweigestaltig – auf dem Frontetikett findet sich die Bezeichnung „Spiced Rum Infusion“, die Verkehrsbezeichnung auf der Rückseite ist aber treffender als „Liqueur mit Rum“ angegeben, da Falernum an sich natürlich nicht als gesetzliche Kategorie in der Spirituosenverordnung existiert, dazu ist es einfach zu  gering verbreitet und speziell. Unabhängig davon fühlt es sich für mich sehr typisch für Falernum an, das heißt es wird nichts spinnertes gemacht, sondern sich an traditionelle Rezepturvorgaben gehalten. Alles andere wäre auch dem Anspruch des Produkts nicht angemessen.

Offenlegung: Ich danke dem Hersteller für die kostenlose Zusendung einer Flasche des The Amber Falernum.