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Rezension und Test

Atlántico Gran Reserva Titel

Rumreserven – Atlántico Gran Reserva

Es spricht sich so langsam rum – Altersangaben auf vielen, hauptsächlich lateinamerikanischen Rums sind Schall und Rauch. Da prangen große Zahlen im Bereich zwischen 12 und 30 auf den Flaschen, die teilweise entweder gar keine Altersangaben sind (wie bei Flor de Caña zum Beispiel), oder das Wort „Solera“ in der Nähe stehen haben, also zwar als Altersangabe gemeint sind, wie das aber dann bei einem Solera-Verfahren (bei dem man rein technisch kein absolutes Alter angeben kann) zu interpretieren ist, wird meist offengelassen.

Eine alternative Form, zumindest ein Gefühl für das Alter der Spirituose zu vermitteln, haben sich andere Hersteller zugelegt. Sie leihen sich dafür Altersangaben, die sonst im Spirituosenbereich für spanischen Brandy zum Einsatz kommen. So finden sich dann die Wörter „Reserva“ oder „Gran Reserva“ auf dem Etikett. Bei Brandy ist geregelt, was sie bedeuten: Brandy de Jerez Solera Reserva weist das minimale Durchschnittsalter von einem Jahr auf, Brandy de Jerez Solera Gran Reserva ein minimales Durchschnittsalter von 3 Jahren. Weitere Bedingungen gelten für diese Begriffe, die ich hier nicht erwähne. Man beachte dabei das wichtige Schlüsselwort „Durchschnitt“. Auch für spanischen Rotwein gibt es diese Begriffe, mit etwas anderer Bedeutung. Die Frage ist natürlich, inwieweit sich die Rumhersteller an diese Vorgaben halten, oder ob sie einfach die prestigeträchtigen und wohlklingenden Bezeichnungen übernehmen. Für Rum gibt es meines Wissens keine klare Regelung, was diese Begriffe in diesem anderen Kontext bedeuten, und erst recht keine Kontrollinstanz wie das Consejo Regulador Especifica Brandy de Jerez, das die Einhaltung überprüfen würde – daher muss man im leider allzuoft sehr zwielichtigen Umfeld des Rums davon ausgehen, dass diese Auszeichnung reine Dekoration ist.

Einer der Rums, die sich diese Wortkombination aufs Etikett geschrieben haben, ist der Atlántico Gran Reserva, der Nachfolger des Atlántico Private Cask, den vielleicht der eine oder andere Rumfreund schon kennt.

Atlántico Gran Reserva Flasche

Die Farbe, ein glitzerndes, strahlendes Kupfer mit orangefarbenen Reflexen, gefällt bereits in der Flasche, wo sie einen attraktiven Kontrast zum dunklen Blau des Etiketts bildet. Eine Färbung mit Zuckerkulör ist vorgenommen worden, wie bei den meisten der heutzutage erhältlichen Rums, hier wird sie wenigstens auf dem Etikett klar angegeben. Im Glas liegt der Rum dünn, hinterlässt am Glas aber doch Schlieren.

Die Nase lässt schon darauf schließen, was wir im Mund nachher zu erwarten haben. Da ist viel vordergründige Süße, Karamell, Werther’s-Echte-Sahnebonbons, viel Vanille und Zimt, Kaffee und etwas Minze. Der Alkohol ist zunächst leicht stechend, er verfliegt aber nach einer Weile Offenstehzeit.

Im Mund liegt der Atlántico Gran Reserva zunächst sehr breit und süß, und die Nachsüßung (immerhin nach einer eigenen Bestimmung ordentliche rund 22g/L) schlägt volle Pulle und ohne Gnade zu. Da sind noch deutliche Erdnussaromen, etwas Ahornsirup, Cappuccino und dezente Gewürznoten. Der Alkoholgehalt von 40% ist nur mäßig gut eingebunden, man schmeckt und spürt ihn deutlich. Es handelt sich laut Hersteller um einen Blend aus Melasse- und Zuckerrohrsaft-Rums, etwas, das ich rein sensorisch kaum erkennen kann. Die sehr charakteristische grasige Note eines Zuckerrohrsaft-Rums ist nichtmal ansatzweise schmeckbar.

Atlántico Gran Reserva Glas

Im Abgang entsteht etwas Würze, leichtes Chili, und eine gewisse Trockenheit fängt endlich an, sich gegen die bis hierher dominierende Süße zur Wehr zu setzen. Ein kühlendes Gefühl sorgt eine Weile für einen recht angenehmen Nachhall, der allerdings dann schnell wieder von einem leicht pappig-klebrigen Gefühl eingeholt wird, das mich an übersüßten Cappuccino erinnert, was leider das einzige ist, was nach einer Weile als Eindruck dieses Rums übrig bleibt.

Ich bin wirklich kein Süßrumtrinker, daher muss ich mir darüber klar werden, was ich mit diesem Rum anfangen kann. Im The Black Sands sind genug Säure- und Frischekomponenten vorhanden, um die oberflächliche Süße des Atlántico Gran Reserva auszugleichen, so dass ein sehr trinkbarer, leckerer Cocktail entsteht. Das ist daher auch meine grundsätzliche Empfehlung – säurelastige Drinks bieten ein schönes Umfeld für diesen Rum, so dass er hier zumindest etwas glänzen kann.

The Black Sands


The Black Sands
1 oz gereifter Rum
1 oz Calvados
¾ oz Limettensaft
½ oz Zuckersirup
8 Minzblätter
Auf Eis shaken und auf Eis abseihen.
Mit etwas Sprudel aufgießen und einem Minzstrauch servieren.

[Rezept nach Gregory Saavedra]


Zu guter letzt sollten wir als interessierte Rumfreunde natürlich noch ein paar Fragen klären, bei denen viele Hersteller anfangen, mit den Zähnen zu knirschen. Wo wird der Rum destilliert? Er ist laut Etikett ein Produkt der Dominikanischen Republik, die Destillate werden aber wohl, wenn man vertrauenswürdigen Quellen glauben darf, von der Firma Oliver & Oliver anderswo eingekauft, z.B. in Trinidad oder Panama, und sie werden nur in der Domrep geblendet.

Das führt dann direkt zur nächsten Frage – wie alt ist der Atlántico Gran Reserva? Wie schon in der Einleitung angesprochen, bedeutet die Wortkombination „Gran Reserva“ auf einer Rumflasche nichts handfestes. Das Solera-Verfahren wird einerseits angesprochen, in Werbetexten liest man aber dann von einem fassweisen Blend („Es handelt sich um einen Blend aus small batch Rums, die bis zu 25 Jahre lang reiften“). Wie man auch bei anderen Herstellern sieht, ist Solera und Blend für viele Rumproduzenten scheinbar dasselbe. Das Alkoholfeuer, das noch gut spürbar ist, und das insgesamt eher oberflächliche Geschmacksbild, lässt mich die Frage stellen, wie groß der Anteil der 25-jährigen Rums in diesem Blend sein kann; ich gehe von Tröpfchen aus, der Löwenanteil ist gefühlt sehr jung und wenig gereift.

Womit wir beim dritten Problempunkt sind – zur Geheimnistuerei kommt dann noch Marketingblabla Formulierungsunklarheit. Sätze wie folgender, entnommen dem Exposé Atlánticos zum Rumfest Berlin 2017, lassen bei einem Rumkenner schon leicht die Fragezeichen über dem Kopf sichtbar werden.

Atlántico umfasst zudem eine Art von Rum, die sich Malta nennt. Darunter versteht man Rum, der mit einem niedrigeren Alkoholgehalt destilliert wurde. Das ermöglicht es dem Blend, mehr der natürlichen Aromen und Charakteristika des Zuckerrohrs beizubehalten.“

Keiner der sehr informierten Rumkenner aus diversen Gruppen, in denen ich unterwegs bin, konnte mit dem Begriff Malta etwas anfangen. Andere Quellen sprechen aber auch vom Zusatz von Aguardiente. Auf jeden Fall ist der Herstellungsprozess, wenn man noch die Nachsüßung mit in Betracht zieht, nicht wirklich mit meinem Bild einer transparenten, traditionellen Rumproduktion vereinbar. Was für mich persönlich schon ein Grund für sich ist, derartige Produkte nicht zu kaufen, das muss aber jeder mit sich selbst ausmachen.

Nachtrag: Wenige Tage nach der Veröffentlichung dieses Artikels erhielt ich eine Nachricht vom deutschen Brand Ambassador für Ron Atlántico, der mir einige Details mitteilte, die den Herstellungsprozess doch erkennbar aufklären. Ich bedanke mich bei Florian Perret ausdrücklich für diese Hinweise. Selbstverständlich gebe ich diese nun an meine Leser weiter und ziehe meine Kritik bezüglich der Transparenz teilweise und die Wörter „Marketingblabla“ und „Geheimnistuerei“ ganz zurück. Ideal wäre natürlich eine entsprechende Anpassung auf der produkteigenen Homepage (und, obwohl das ein frommer Wunsch bleiben wird, auf dem Etikett).

Der Melasse-Anteil des Rums, der in den Blend für den Atlántico eingeht, wird in der Destillerie Alcoholes Finos in der Dominikanischen Republik in einer Column Still gebrannt, die Melasse dafür bei der Central Romana Sugarmill eingekauft. Der Zielalkoholgehalt dafür liegt bei ca. 90%-95%.

Ron Atlántico vor Ort

Der zweite Anteil, der Zuckerrohrsaftrum (aus gegebenem Anlass, unabhängig vom Atlántico, verwende ich nicht das Wort „agricole“, dazu in einem späteren Artikel mehr), wird ebenfalls komplett in der Dominikanischen Republik hergestellt: Das Zuckerrohr wird in La Romana geerntet, ausgepresst und auch in einer Column Still auf einen ähnlichen Alkoholgehalt destilliert.

Der dritte Anteil, das geheimnisvolle „Malta“, wird auch in diesem Schritt erzeugt; es handelt sich dabei um Zuckerrohrsaftrum, der statt auf über 90% einfach auf rund 75% destilliert wird.

Diese drei Komponenten lagern und reifen separat voneinander und werden am Ende in einem Blendingprozess miteinander kombiniert. Insgesamt ungewöhnlich, aber gewiss keine Mauschelei.

Offenlegung: Ich danke Sierra Madre GmbH für die kostenlose Zusendung einer Flasche des Atlántico Gran Reserva.

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Red Star Nuwa Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 9 – Red Star Nuwa Baijiu 红星女娲

Dieser Tagebucheintrag in meiner Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“, die sich mit chinesischem Baijiu beschäftigt, nimmt eine kleine Sonderrolle ein. Die meisten der bisher und in Zukunft besprochenen Baijius erhielt ich freundlicherweise als Schenkung der Organisatoren von Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – der Hauptgrund dafür ist, dass es extrem schwierig ist, in Deutschland guten Baijiu der gehobenen Qualitäten zu bekommen. Nun war ich im Sommer 2017 selbst Mitglied des Wettbewerbs, und hatte dabei die Chance, an einer Veranstaltung, die im Rahmenprogramm des Concours stattfand, teilzunehmen. Dort wurde vom Beijinger Hersteller Red Star (红星 Hongxing) sein neuestes Produkt vorgestellt, bevor es in Europa auf den Markt kommt.

Der Red Star Nuwa Baijiu 红星女娲 hebt sich durch die Zielgruppe, für die er gestaltet wurde, vom Rest der chinesischen klaren Schnäpse ab. Während die Zutaten noch die üblichen sind (Wasser, Hirse, Gerste, Erbsen; letztere als Komponente im qu, dem Fermentationsstarter, enthalten – über diese Thematik werde ich im Rahmen einer der folgenden Artikel dieser Reihe sprechen), und auch die Herstellungsweise traditionell geblieben ist („solid state fermentation“ und „solid state distilllation“), so wurde doch an den Stolpersteinen, über die westliche Interessenten an dieser Spirituosengattung immer wieder straucheln, gedreht: Alkoholgehalt und Extreme der Aromen. In Zusammenarbeit mit europäischen Beratern soll der Red Star Nuwa einen Einstieg in diese für die meisten Europäer noch völlig unbekannte Welt des Baijiu offerieren. Ist das durchaus lobenswerte (und auch wirklich dringend nötige!) Projekt erfolgreich?

Red Star Nuwa Baijiu Flasche

Bei aller Anpassung an das westliche Verständnis von Qualität, die Farbe wurde belassen, wie man sie von einem klassischen Baijiu erwarten würde. Kristallklar, ohne Einschluss oder Fehler. Die Flüssigkeit bewegt sich flink im Glas, nur eine leichte Öligkeit weist sie auf, schöne Schlieren bilden sich beim Schwenken.

Die im chinesischen Sorghum-Brand geübte Nase erkennt den Baijiu sofort, da ist viel Malz, fermentiertes Obst, Ester. Lakritz und ein Anflug von Anis gehören dazu. Das ganze ist aber heruntergenommen, nicht so extrem wie viele klassischen Baijius. In dieser Form gefällt das der Langnase, die offen für Neues ist, da bin ich sicher. Hier zeigt sich bereits die Arbeit der französischen Berater, die für Red Star sehr stark an diesem Produkt mitarbeiteten und es aromatisch mitgestalteten.

Das erste Mundgefühl ist salzig und umami. Eine sehr angenehm unterschwellige Süße bildet sich schnell heraus, voller esteriger Fruchtaromen. Das ganze bleibt aber zurückhaltend, erinnert an mancher Stelle an einen Weinbrand. 42% Alkohol sind perfekt eingebunden, ein schön gewählter Wert, der genau die Balance zwischen Milde und Aromenkraft trifft. Gras, dunkler Kakao und Gerste meint man wahrzunehmen. Eine kräftige Mineralität erscheint im Verlauf, bietet die Basis für eine effektive, aber nicht überwältigende Würze, mit weißem Pfeffer und etwas Eukalyptus. Eine sehr gelungene Gesamtkomposition.

Red Star Nuwa Baijiu Glas

Der Abgang heiß, aber ohne scharf zu werden. Die von mir erwarteten Schokoladennoten tauchen nun auf, getreidige Komponenten werden sichtbar und bleiben mittellang auf dem Gaumen. Eine sehr milde Adstringenz setzt ein, bevor der Baijiu dann, und das allein mag schon für viele ein Qualitätskriterium sein, dann auch wieder aus dem Mund und Rachen verschwindet.

Ich bin mir sicher, dass man mit dieser Art des Baijiu in Europa Fuß fassen kann. Ich würde dabei nicht einmal sagen, dass er besonders weichgespült und zu stark angepasst wurde – man erkennt die Charakteristik eines Baijiu klar heraus, er ist sogar meiner Meinung nach definierter und klarer als viele andere Produkte, die dem Trinker mit ihrer Brachialität jede Chance nehmen, das Produkt in Breite und Tiefe wirklich zu würdigen. Die leichte Eleganz des Nuwa macht ihn sowohl für chinesische Genießer als auch für den Skeptiker, der sonst Baijiu synonym zu „alten Socken“ betrachtete, für eine sehr lohnenswerte Anschaffung, will man über den Tellerrand nach Osten blicken.

Den folgenden Cocktail habe ich einer Broschüre entnommen, die den Teilnehmern der Masterclass-Veranstaltung während des CMdB ausgehändigt wurde. Für mich, der ich einige chinesische Publikationen kenne, ist die Aufmachung sofort bekannt vorgekommen – das halbtransparente Vorblatt, die typischen Illustrationen, der gekonnte Umgang mit Platz. Die Informationen darin sind wertvoll, und die Rezepte und Statements darin stammen von bekannten Spirituosenpersönlichkeiten wie Ian Burrell und Filippo Baldan – man sieht, auch hier versicht man sich direkt mit nichtchinesischen Fachleuten zu positionieren. Letzterer hat auch den Baijiu nahuatl kreiert, den ich als Signaturcocktail für den Nuwa Baijiu gern weiterreiche.

Baijiu nahuatl


Baijiu nahuatl
1½ oz Baijiu
¾ oz Limettensaft
¾ oz Kakaolikör
⅓ oz Agavensirup
½ Eiweiß
Auf Eis shaken. In ein mit Mezcal ausgespültes Glas abseihen.
Mit 3 Spritzer Schokoladenbitter und Orangenzeste  dekorieren.
[Rezept nach Filippo Baldan]


Die Präsentation ist etwas verspielt, das kennen wir von Baijius ja schon, dabei aber nicht übertrieben. Die Form der Halbliterflasche spielt auf eine chinesische Laterne im Stil der Tang-Dynastie an, in ihrer Milchglasfarbe und dem strengen, klar designeten Etikett spricht sie das Auge direkt positiv an. Der Karton, in dem die Flasche gesichert ist, ist in ähnlich angenehm karger rotbeiger Aufmachung, mit ein paar Details auf der Seite. Der Name des Produkts, in Pinyin eigentlich korrekterweise nüwā transkribiert, spielt irgendwie passenderweise auf die Schöpfergöttin der chinesischen Mythologie an, die den Menschen aus Ton herstellte. Der Preis für 500ml dieses Baijius lag mir noch nicht vor, es wurde aber angekündigt, dass dieser in einem bezahlbaren Rahmen um die $40 liegen soll.

Wer meine Reihe verfolgt hat, hat gemerkt, dass ich eine gewisse Hassliebe zu Baijiu entwickelt habe. Mit dem Red Star Nuwa habe ich ein Produkt gefunden, das ich wirklich bedingungslos empfehlen kann und auch möchte. Es ist ein perfektes Einstiegsprodukt für den an Baijiu Interessierten, dabei von höchster Qualität und hübsch präsentiert auch als Geschenk für einen Spirituosenfreund, der sonst schon alles kennt, ideal geeignet.

Offenlegung: Ich habe eine Flasche dieses Baijiu im Rahmen einer Masterclass-Veranstaltung vom Hersteller kostenlos erhalten.

Nouvelle Orléans Absinthe Titel

Ich habe noch beide Ohren – Jade Nouvelle-Orléans Absinthe Supérieure

„Thujon!“ – ich gebe zu, für mich hört sich das bis heute an wie das typische Technobabble aus Star Trek. War es die Barionen-Säuberung in der 18. Folge der 6. Staffel von Star Trek: TNG, an die ich mich erinnerte? Oder verwechselte ich es dauernd mit der Thalaron-Strahlung aus Star Trek: Nemesis?

Wie dem auch sei, Thujon mag vielleicht an sich nicht arg viel weniger gefährlich sein als Barionen oder Thalaronen oder die anderen -onen, mit denen man als Mitglied der USS Enterprise im Tagesgeschäft zu tun hat. Thujon, so die landläufige Meinung über fast ein Jahrhundert, ist dafür verantwortlich, dass der Absinthe wahnsinnig macht, und man sich die Ohren abschneidet, so wie Van Gogh, wenn man sich mit Absinthe einen über den Durst antrinkt. Moderne Forschung widerlegt allerdings, dass Absinthes früher einen höheren Thujongehalt gehabt hätten als moderne. Ruhigen Gewissens konnte man sich daher damals wie heute einen Absinthe eingießen, solange man es mit der Menge des auch heute noch gern hochprozentigen Getränks nicht übertreibt. Und wenn man ihn schon pur trinkt, darf es ruhig der Beste sein, den es gibt; den Vorschusslorbeeren aus diversen Online-Rezensionen zu folgen gehört der Jade Nouvelle-Orléans Absinthe Supérieure zu dieser Qualitätsstufe. Sollen wir das mal verifizieren? Machen wir es so.

Nouvelle Orléans Absinthe Flasche

Zunächst gehen wir diesen Absinthe pur an – bei 68% Alkoholgehalt etwas, vor dem ich leichten Bammel habe. Die Farbe ist natürlichen Ursprungs – eine zweite Mazeration sorgt für den blassen, sehr attraktiven, klaren Grünton. Im Glas schwimmt der Absinthe völlig ohne Viskosität.

Dem Geruch muss man sich vorsichtig nähern. Hält man die Nase optimistisch-forsch ins Glas, schreckt man erstmal zurück: da ist eine ordentliche Portion Lakritz, Anis und Fenchel, die jedem Ouzo oder Pastis das Wasser abgräbt. Kommt man bei einem zweiten Versuch vorsichtiger heran, nimmt man darüber hinaus eine sehr blumige Lavendel- und Rosenblütenkomponente wahr; und schließlich sogar eine würzig-aromatische, an moderndes Holz oder Pilze erinnernde. Ein echter Herbstwald im Glas. Alkohol riecht man trotz des angesprochenen hohen Gehalts keinen.

So, nun einen Tropfen auf die Zunge gelegt. Wow, das ist eine Urgewalt. Ich bitte wirklich darum, da keinen Schluck zu nehmen – ein Tropfen reicht, um im Mund ein sich schnell ausbreitendes Gefühl der Wärme auszulösen. Süßholz ist die alles dominierende Geschmacksnote. Selbst bei der winzigen Verkostungsmenge ist der Abgang extrem lang, das Süßholz wandelt sich im Verlauf zu einer würzigeren Note nach Pilzen, Salz und einem Hauch von Räucherspeck, und bleibt dabei dennoch immer süß und mild, ohne je auch nur ansatzweise zu zwacken oder brennen – hier sieht man die großartige Brennkunst von T.A. Breaux.

Absinthe Nouvelle-Orléans Glas

Nun kommen ein paar Tropfen Wasser dazu, um die Spirituose auf eine vernünftige Trinkstärke herabzusetzen. In der Nase wird die würzige Komponente nun verstärkt, der Anis wirkt milder und weicher. Im Mund kann man den Absinthe nun auch länger verweilen lassen, und man erkennt einige neue Aromen – Fichtennadeln, Eukalyptus, Menthol, ein wahrer Saunaaufguss an Eindrücken. Die Süße ist nun stark zurückgenommen, im Gegenteil, das ist schon recht salzig und deutlich umami, was nun im Glas liegt.

Eine extremst komplexe Spirituose, die sich mit jeder Sekunde wandelt und in allerlei Facetten glitzert. Ein würdiger Gegner, mit dem man sich einen ganzen Abend in nur wenigen Schlucken auseinandersetzen kann, ohne dass es je langweilig wird.

Nun, so ehrlich muss ich am Ende der Verkostung doch noch sein, der Haupteinsatz für mich persönlich ist aber nicht der Purgenuss – das wäre mir beim Nouvelle-Orléans zu anstrengend auf die Dauer. Nein, ich setze ihn in Cocktails ein, wo er seine monumentale Komplexität einbringen und herrlich glänzen kann. Als Glasausspüler für einen Sazerac kann ich mir keinen besseren Absinthe vorstellen; in einem adaptierten Dead Rabbit Automobile zeigt er, wo der Hammer hängt.

Dead Rabbit Automobile


Dead Rabbit Automobile
1 oz Absinthe Nouvelle-Orléans

½ oz The Bitter Truth Violet Liqueur
½ oz Zuckersirup
4 Spritzer The Bitter Truth Celery Bitters
…mit 3 oz Crémant aufgießen
[Rezept angepasst nach Jack McGarry]


Es gibt viele Legenden, Mythen, Gerüchte und Horrorstories um Absinthe. Die ums Thujon und den Absinthismus haben wir schon zu Beginn geklärt; eine weitere Desinformation ist, dass Absinthe angeblich ein Likör wäre. Doch: Absinthe ist kein Likör und war es auch früher nie, und entsprechend findet man im Jade Nouvelle-Orléans auch keinen Zuckerzusatz – die Süße kommt allein aus den Kräutern. Andere moderne Produkte enthalten dagegen oft Zucker, um Fehler resultierend aus mangelnder Kompetenz beim Herstellen auszugleichen (wie wir vom Rum wissen, ist Zucker ein perfekter Ausgleicher für allerlei Probleme). Die giftgrüne Farbe, die manche Produkte aufweisen, gehört auch in die Kategorie der Mythen – wie man am Nouvelle-Orléans sieht, der rein durch Pflanzeninfusion gefärbt ist, schaffen natürliche Methoden der Herstellung keine derartig knalligen, schrillen Töne.

Es ist wirklich schön zu sehen, dass alte Spirituosentypen so langsam immer wieder mal wiederbelebt werden. T.A. Breaux hat ein Talent dafür, Brände auf ihre ehrliche, bodenständige und dabei doch höchstwertige Basis zurückzuführen, er hatte mich schon mit seinem Perique Liqueur de Tabac voll überzeugt. Man sieht an diesem wirklich schönen, an klassischen, historischen Vorbildern orientierten Absinthe, es braucht nicht so etwas wie einen Star-Trek-Replikator oder ein Holodeck, um eine Reise in die Vergangenheit zu machen. Manchmal reicht auch schon einfach gute Handwerkskunst aus.

Pisco Bauzá Aniversario Titel

Aus dem Süden der Welt – Pisco Bauzá Aniversario

Wer sich gern einen Weinbrand eingießt, der greift in der Regel zu Produkten aus Frankreich, Spanien oder Deutschland. Cognac, Armagnac, Brandy de Jerez und deutscher Weinbrand sind hierzulande leicht erhältlich und in breiter Palette vorhanden, in jeder Qualitäts- und Preiskategorie findet man etwas. Dabei landet man immer in einem vergleichsweise ähnlichen Geschmacksbild, stark gereifte Sorten stehen im Vordergrund, dunkelbraun, mit holzig-nussigen Noten und viel Weichheit. Dabei kann Weinbrand auch ganz anders – der südamerikanische Pisco wird gern weiß oder nur leicht gereift getrunken und bietet daher ein erkennbar alternatives Geschmackserlebnis, ohne den Weinbrandcharakter komplett aufzugeben.

Auf meiner Reise nach Chile, die ich bei der Teilnahme als Taster für Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles erleben durfte, konnte ich sehr viele unterschiedliche chilenische Piscos probieren, und ich empfehle jedem Spirituoseninteressierten, sich diese auch in Deutschland leicht erhältliche Kategorie von Weinbrand einmal anzuschauen. Natürlich ist klar, dass nicht jeder ins Valle de Limarí bei Coquimbo in Chile fahren kann, um dies zu tun – darum habe ich mir von meinem Besuch eine Flasche eines leicht ungewöhnlichen Piscos mitgebracht. Der Pisco Bauzá Aniversario wurde zum 85. Jahrestag der Gründung der Destillerie herausgebracht. Er wird zu 100% aus Muskateller-Trauben gewonnen, die auf dem Gebiet der Familie in bis zu 1200 Meter Höhe der chilenischen Anden wachsen. In Deutschland ist der meiste Pisco, den man findet, un- oder nur leicht gereift; um so spannender war für mich, diesen vergleichsweise stark gereiften Pisco zu finden.

Pisco Bauzá Aniversario Flasche

Die Farbe im Glas wirkt heller als in der Flasche; ein mildes, weiches Sonnenblumengelb, schon fast ins Strohige übergehend, dabei völlig klar und einschlussfrei. Die Beine beim Schwenken laufen schnell und dick ab.

Der Geruch ist im ersten Anflug sehr piscotypisch, blumig und weinig, darüber liegt aber eine selbst für diesen eh schon grundsätzlich recht fruchtigen Brand eine noch süßere Obstnote nach Pfirsich und Mango. Die 48 Monate in amerikanischen Eichefässern („largamente añejado in barricas de roble americano„, so das Etikett) verpasst diesem Blend noch eine fette Vanilleschicht. Insgesamt ist das wirklich traumhaft, vielschichtig und ein Nasenschmeichler.

Pisco Bauzá Aniversario Glas

Viele Weinbrände glänzen in der Aromatik, lassen dann beim Geschmack aber hin und wieder Federn, ganz besonders bei chilenischem Pisco, so leid es mir tut, das in dieser Generalität sagen zu müssen. Auch beim Pisco Bauzá Aniversario fühle ich eine leichte Diskrepanz zwischen der herrlichen Nase und dem Geschmack, obwohl dieser immer noch gut zu überzeugen weiß. Süß und weich wie eine Wolldecke liegt er zunächst im Mund, mit schöner Frucht, weißen Trauben, eine feine Säure spielt gegen die Süße auf. 40% Alkoholgehalt, bereits ein gehobener Wert für einen Pisco, ist kaum erkennbar, im Gegenteil, er wirkt fast ein bisschen wässrig. Im Verlauf entsteht eine spannende Bittere, eventuell aus den Tanninen der Eichenfässer entstanden – mir gefällt diese zusätzliche Komplexität sehr.

Der Abgang des Aniversario weist in eine ganz andere Richtung als der bisherige Eindruck – hier wird es pfeffrig, heiß und eine milde Schwefelnote entsteht. Eine leichte Adstringenz setzt ein, die Trockenheit bildet einen netten Gegenpart zur initialen Süße. Der Nachhall ist lang und aromatisch. Man sieht – ein breites Panorama an Eindrücken, weitgefächert und spannend.

Pisco Bauzá Aniversario Detail

Die Flasche (just 2017 wurde ein sehr gelungenes Redesign der Flaschen durchgeführt) wurde beim Besuch der Destillerie von Besitzer und Master Distiller Rodrigo Bauzá für mich handsigniert. Sie weist einen Plastikschraubverschluss und leider einen Nachfüllstopp auf; ich habe mich mit Señor Bauzá darüber kurz unterhalten (ich hasse diese Dinger!), und er meinte, dass dies in Chile eine fast unumgängliche Qualitätskontrolle sei, da dort die Gefahr des Nachfüllens der Flasche mit billigerem Material wirklich bestehe, sogar eine häufig vorkommende Praxis sei.

Das folgende Cocktailrezept habe ich aus dem Buch „40 Grados Cocktails – Coctelería del Pisco Chileno“, das wir als Geschenk der Organisatoren des Wettbewerbs erhalten hatten, übernommen (eine Besprechung folgt). Ich habe auf meiner Chile-Reise die erfahrene Bartenderin und Erfinderin vieler Rezepte in diesem Buch, Chabi Cádiz, kennengelernt – eine höchst charmante Person, und, wie man hier beim Morriña sieht, versteht sie ihren Beruf perfekt. Danke, Chabi, ich hoffe auf ein Wiedersehen 2018 in Bulgarien!

Morriña


Morriña
1½ oz gereifter Pisco
1 oz Grapefruitsaft
1 oz Zimtsirup
Auf Eis rühren, dann in ein Glas voll Eis abseihen.
Mit einer brennenden Zimtstange servieren.

[Rezept nach Chabi Cádiz]


Am Ende möchte ich noch ein paar Eindrücke, die ich beim Besuch dieser Destillerie gesammelt habe, präsentieren. Die Fahrt ins Valle del Limarí, wo Pisco Bauzá in der Nähe des Dorfs Monte Patria seinen Heimatsitz hat, ist schon eine sensationelle Erfahrung, insbesondere, da ich zu einem Zeitpunkt dort war, wo es ungewohnt grün war in dieser normalerweise semiariden Umgebung. Die Straßen wurden immer kleiner und enger, die Dörfer immer sparsamer, die Berge steiler – man fährt gefühlt in ein Niemandsland auf knapp 1000 Meter Höhe, bis die kleine Destillerie plötzlich vor einem liegt.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 01

Man ahnt anhand der Architektur, dass hier ein kleiner, handwerklich arbeitender Betrieb auf den Besuch wartet. Das Tor wurde uns vom Besitzer, Rodrigo Bauzá, persönlich geöffnet, und vor dem Hauptgebäude wurden wir empfangen und mit ein paar Worten über die Geschichte und das dazugehörige Areal (unglaubliche 9000 Hektar, mit Weinrebenbepflanzung bis auf 1200 Meter Höhenlage) aufgeklärt. Ein sehr sympatischer, ruhiger und offener Mann, der seinen Familienbetrieb, gegründet 1925, bis ins letzte Detail kennt.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 02

Der erste Blick auf Beton- und Stahltanks, in denen die Fermentation der frisch angelieferten und auf dem Betriebsgelände zerkleinerten Traubenmaische stattfindet, der kurz darauf folgte, lässt einen erstmal dann doch daran zweifeln, wie handwerklich die Piscoproduktion hier abläuft; tatsächlich ist die Anlage aber, im Vergleich zu Riesen wie der Capel-Kooperative (über die ich in einem späteren Beitrag noch berichten werde) ein Winzling.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 03

Wandert man an diesen Stahltanks, die Rodrigo Bauzá als leichter zu reinigende, besser zu handhabende Alternative zu den Betontanks seines Großvaters installierte, vorbei, und wendet den Blick nach links, so könnte der Kontrast kaum größer sein, und der vorübergehende Eindruck der Fabrik fällt sofort von einem ab. Direkt gegenüber des Hochglanzstahls findet sich ein kleiner Weinberg, der einen Teil des Basismaterials für den hier hergestellten Pisco liefert.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 04

Die Besichtigungstour geht mit einer Fülle von Informationen weiter, die Señor Bauzá in einem netten Plauderton erzählt. Das restliche Betriebsgelände macht deutlich, wie sehr hier in kleinem Maßstab gearbeitet wird. Der Boden ist nicht asphaltiert, er ist an einem Hang gelegen, die Gebäude sind nicht für große Maschinen ausgelegt. Man fühlt sich versetzt in eine frühere Zeit, während man die von Wein- und Piscodämpfen schwangere Luft atmet und das herrliche Panorama, in das die Destillerie eingebettet ist, bewundert.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 05

Die nächste Station ist das Herzstück des Betriebs, die Destillationsanlage. Pisco Bauzá wird doppelt destilliert, und zwar in Kupferbrennblasen. Der Prozess ist diskontinuierlich. Mehrere dieser Alambiks stehen in einem kleinen Saal. An diesem Tag ruhte der Betrieb, so dass selbst das Innere dieser Apparate begutachtet werden konnte – Rodrigo Bauzá hat offensichtlich keine Geheimnisse zu verbergen, und beantwortete alle noch so detaillierten Fragen, die eine Truppe von 30 Spirituosenexperten zu stellen pflegt, mit Geduld und Fachwissen.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 06

Besonders interessant fand ich, wie der Wein, der in den Kupferbrennblasen destilliert wird, für die Produktion vorgehalten wird. Im Boden des Fasslagers ist ein riesiger Betontank eingelassen, der den Wein dieses Jahres enthält – Pisco darf nur mit diesjährigem Wein hergestellt werden, kein älterer Wein darf verwendet werden. Eine kleine Verkostungsprobe ergab, dass dieses Basismaterial vielleicht nicht den allerfeinsten, aber doch einen einigermaßen passablen Tischwein (zumindest für mich Weinagnostiker) ergeben könnte.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 07

Die letzte Produktionsstation schließlich ist nach wenigen Schritten erreicht – das Fasslager, eines von dreien, das die kleinen Fässer zeigt, in denen der Pisco Bauzá, sofern er gereift werden soll, lagert. Dabei stehen unterschiedliche Holzarten zur Verfügung, Bauzá verwendet aber fast ausschließlich amerikanische Eiche in unterschiedlichen Ausbrennungsgraden. Während die Destillerie ihren Blanco direkt in Flaschen abfüllt, und der Pisco Bauzá Especial ein Jahr in einem Fässer ruhen kann, bekommt der Reservado doppelt so lange, und, wie oben beschrieben, der Aniversario wiederum doppelt soviel Zeit dafür: Hier wird also der Alkoholgehalt (die aufgezählten Kategorien sind in Chile reglementiert) mit dem Alter gekoppelt, eine interessante Vorgehensweise. Spannend – dadurch, dass bereits beim Einfüllen in die Fässer herabverdünnt wird, bekommen die Engel in Monte Patria nur 0,2% des Fassinhalts als Anteil ab.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 08

Das kleine Besucherzentrum, das sich auch auf der Anlage befindet, besteht aus einem rustikalen Raum, in dem die Flaschen ausgestellt sind und ein kleiner, landestypischer Snack für die Besucher bereitsteht. Alle Sorten des hier hergestellten Pisco konnten verkostet werden, und das Nationalgetränk Chiles, der Pisco Sour (das Rezept ist natürlich hier auf meinem Blog in der Cocktailwelt nachzulesen), wurde hier zum ersten Mal, seit ich in Chile war, tatsächlich wie wir ihn in Europa kennen, mit frischem Eiweiß hergestellt. In einer Umgebung wie dieser schmeckt er natürlich unvergleich gut und ist mit keinem Cocktail dieser Art in Deutschland oder sonstwo auf der Welt zu vergleichen.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 09

Es war unglaublich interessant, hochspannend und unterhaltsam, was Rodrigo Bauzá uns hier zeigte. Ich danke erneut Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles für die Chance, diese faszinierende Destille in diesem wunderschönen Land besuchen zu können – dies sind Erlebnisse, die man nicht vergisst. Es wurde schon Abend, als wir, dann doch etwas müde und gesättigt von Eindrücken, uns im Restlicht der untergehenden Sonne und im Scheine der Mondsichel vom Hausherrn verabschiedeten.

Pisco Bauzá Besuch der Destillerie 10

Ich bin mir sicher, dass ich eines Tages wieder nach Chile zurückkehren werde. Wer dort Urlaub machen will, sollte sich den Besuch einer Pisco-Destillerie nicht entgehen lassen, selbst wenn man sich nur rudimentär für Spirituosen interessiert. Man spürt hier, dass Pisco für die Chilenen mehr ist als nur ein Schnaps – es ist ein äußerst wichtiges Stück Kultur und aus dem Alltagsleben nicht wegzudenken. Ich kann es ihnen nach meinen Erfahrungen dort auch wirklich nicht verdenken.

Habitation Velier Hampden 2010 HLCF Jamaica Pure Single Rum Titel

U-Boot-Diesel in der Flasche – Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum

Wenn ich gefragt werde, welchen Rum ich Neulingen empfehle, lege ich dem Fragenden gern einen Jamaikaner vor. Ich glaube fest daran, dass man so früh wie möglich echte Rumgeschmäcker vorzeigen sollte, nicht aromatisierte und gesüßte Produkte, die man oft sonst so als Anfängerrums angeboten kriegt (die man dann selbst, als doch etwas fortgeschrittener Kenner, komischerweise oft selbst nicht mehr trinkt). Es gibt ein paar Jamaica-Rums, die sehr einsteigerfreundlich sind, wie der Appleton Rare Blend, und dabei gleichzeitig aber nicht oberflächlich oder uninteressant.

Jamaica hat aber auch ganz anderen Stoff zu bieten, der selbst dem gestandenen Profi die Knie wackeln lässt, und der als Einsteigerrum doch etwas ungeeignet wäre. Ich rede hier speziell von Hochester-Rums, die in ihrer Aromatik sehr eigen sind. Der Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum ist so ein Rum. Das Kürzel HLCF steht für „Hampden Light Continental Flavour(ed)„, und ist also eine Sortenbezeichnung der Destillerie Hampden Estate, kein generischer Rumbegriff. Derartige Rums wurden früher nach Europa, insbesondere Deutschland, zum Verschneiden verschifft, daher das Wort „continental“. Ich empfehle die Lektüre von Matt Pietreks Artikel über jamaikanische Rums, der sehr lesbar erklärt, wie die hohen Esterzahlen mancher Rums dieser Insel entstehen. Und wenn man theoretisch versteht, was da auf Jamaica teilweise passiert, und danach noch wirklich interessiert am Geschmack ist, ist man reif für den praktischen Selbstversuch…

Habitation Velier Hampden 2010 HLCF Jamaica Pure Single Rum Flasche

Die Farbe ist dunkles, kräftiges Gold. Praktisch keine Viskosität ist erkennbar, die Beine beim Schwenken laufen sehr schnell ab. Ich beginne diese Geschmacksnotizen mit einem unverdünnten Schluck; bei 68,5% ist das sehr grenzwertig. Viele Highproof-Rums kann man immer noch halbwegs gut trinken bei dieser Stärke; ich nehme nicht zuviel vorweg, wenn ich meiner Meinung direkt von Anfang an Ausdruck verleihe, dass der Velier Hampden HLCF 2010 nicht zu dieser Gruppe von Rums gehören wird.

Unverdünnt rieche ich auf anhieb Marzipan, Kardamom, Karamell und Toffee, sowie eine leichte Grapefruitschalennote. Unterschwellig, aber erkennbar ist da dann aber auch Teer, Diesel, Plastik. Man ahnt schon, dass das keine leichte Geschmacksverkostung sein wird.

Wie gesagt, zunächst ein Versuch unverdünnt in voller Stärke. Im Antrunk denkt man hier noch, hm, ja, das ist schön süß und angenehm. Das war aber nur die Zundschnür – die Bombe geht dann schnell hoch und lässt einem das Zahnfleisch im Munde zusammenziehen, die Fußnägel aufrollen und die Augen überfließen. Superextreme Adstringenz, superextreme Trockenheit, fast ausschließlich Aromen von Teer, Zigarettenasche, verbranntem Gummi, schmorendem Plastik und Benzin. 550ppm an Estern ist nun wirklich nichts für zarte Gemüter. Da ist nichts süßes, mildes, schmeichlerisches mehr. Ich habe mich oft über die Inkompatibilität von chinesischem Baijiu mit dem westlichen Gaumen beschwert, aber ganz ehrlich – pur und unverdünnt ist der Velier Hampden HLCF 2010 an diesbezüglicher Problematik selbst jedem Starkaroma-Baijiu noch einen Schritt voraus. Dazu kommt diese extreme Kratzigkeit und deftige, und zwar wirklich deftige Säure. Ich sage das selten – das ist wirklich nicht gerade angenehm zu trinken.

Habitation Velier Hampden HLCF 2010 Glas

Unverdünnt ist der Abgang kaum erträglich in seiner Brutalität. Ich habe mich leicht verschluckt, und noch eine halbe Stunde später ein richtig übles Kratzen und Beißen im Hals davon gehabt – man achte darauf, dass dies einem nicht passieren möge, es ist keine sehr angenehme Erfahrung. Jedenfalls ist der Nachhall dann ebenso extrem wie der Geschmack – superlang, man wird die Ester eigentlich gar nicht mehr los.

Ich halbiere nun die Trinkstärke mit Wasser. Weniger macht, nach dieser Erfahrung, keinen Sinn. In der Nase wirkt der Velier Hampden HLCF 2010 nun etwas muffig, nach Schuhleder, dabei etwas mentholig und fruchtiger als zuvor. Williamsbirne, Pflaume, Honigmelone. Beim Geschmack bin ich mir sicher, dass man das in China als Baijiu verkaufen könnte, und keiner würde es merken – da ist Fenchel, Menthol, Heu, Leder, Tabak und Rosinen, die teerig-schmutzigen Komponenten sind immer noch sehr präsent, aber erkennbar abgemildert. Insbesondere die extreme Kratzigkeit ist kaum noch da. Im Abgang ist noch immer eine wilde Säure vorhanden, und Trockenheit und Adstringenz sind ebenso noch stark ausgeprägt.

Nun, was soll ich sagen? Für mich persönlich ist das kein Rum, den ich gern pur trinke. Er ist einfach zu wild, ungebändigt, unzivilisiert, aggressiv, streng und hart. Die Ester sind interessant zu entdecken, aber es reicht einem dabei auch ziemlich schnell, der Killerinstinkt des Velier Hampden HLCF 2010 macht jede freundliche Annäherung zunichte. Wer also an Sipping-Rums interessiert ist, macht besser einen sehr sehr weiten Bogen um diesen Jamaikaner. Nur wirkliche Aficionados mit viel Ausdauer, Leidenspotenzial und dem Willen, diesem jungen Affen entsprechende Mittel entgegenzusetzen, werden etwas Freude an ihm haben. Die Komplexität und Vielschichtigkeit ist unbestritten; die Drinkability ist dabei auf der Strecke geblieben.

Für mich wird er ein Prachtstück in Tiki-Cocktails werden. Selbst dort allerdings, wo man starke Rumaromen schätzt, kann er aber zur Last werden, daher ist immer Aufmerksamkeit angesagt. Ein atmosphärisch passender Cocktail ist der The Lost U-Boat. Was mag ich an diesem Cocktail am liebsten? Es ist der Name: Das verlorene Unterseeboot. Er erweckt in mir Tiki-Gefühle wie kaum ein anderer Cocktail, nach den grell kolorierten Abenteuer- und Horrorfilmen der 50er und 60er Jahre, nach „Voyage to the Bottom of the Sea“ und „Der Mann aus Atlantis“. Und ein Rum wie der Velier HLCF sorgt dafür, dass das U-Boot einen Extraschub Energie kriegt, den man schmeckt und spürt.The Lost U-Boat


The Lost U-Boat
2 oz Rum (z.B. Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum)
½  oz Limettensaft
½ oz Grapefruit-Saft
½ oz Jägermeister
½ oz Holunderblütenlikör
2 Spritzer Angostura
4 Tropfen Orangenblütenwasser
Auf Eis shaken, in ein Tiki-Mug mit crushed ice abseihen. Mit viel Grün dekorieren.
[Rezept nach Frederic Yarm]


Nun, was lerne ich daraus? Die erste, etwas unerwartete und überraschende Erfahrung ist, dass ich Baijiu nun mit etwas anderen Augen sehe: das, was mich daran immer etwas überfordert hat, sind tatsächlich Ester, die man auch bei anderen Spirituosen findet. Mein Ratschlag daher – wem dieser Rum schmeckt, sollte sich allerdringendst mit der chinesischen Nationalspirituose bekannt machen. Die zweite ist, dass man es mit Rum auch etwas übertreiben kann, was die Extreme angeht; wir bewegen uns in einem Gebiet, das nur noch echte Rumfanatiker begeistern kann, und selbst dort wird man auf viele entsetzte Gesichter treffen.

Doch, und damit schließe ich, muss man Velier dafür dankbar sein, dass sie ein derartiges Experiment durchgeführt und uns diesen Rum bereitgestellt haben. Anders wäre man kaum je an die Möglichkeit gekommen, einen derart esterlastigen Rum kennenzulernen, und auch das Mundgefühl, das dazu gehört. Ich bin froh, ihn zuhause zu haben; er wird als Austellungs- und Probierstück immer eine Referenz des jamaikanischen Hochesterrums für mich sein.

Rum Curious Titel

Neugierig auf Rum – Fred Minnicks „Rum Curious“

Ich kaufe nur noch selten Bücher aus Papier. Einst war ich eine Bibliotheksratte und liebte es, mit dem Finger über die Reihen und Reihen von Büchern, mit denen ich meine Wände pflasterte, zu streichen und konnte mir im Leben nie vorstellen, nur noch elektronisch zu lesen. Das haptische Gefühl! Der Geruch! Das Umblättern! Wie kann sowas durch ein schnödes Gerät ersetzt werden, das Papier durch einen Bildschirm? Nun, die Zeiten ändern sich, und ich mich mit ihnen. Inzwischen weiß ich zu schätzen, dass auf meinen eBook-Reader mehr Bücher passen, als ich im Leben lesen kann, alle in der Tasche dabei wohin es auch geht. Und der ganze Platz, der durchs Verschenken, Verkaufen und Wegwerfen der Papierbücher entsteht, wird nun frei für Flaschen voller Spirituosen und Gläser.

Ein paar Bücher habe ich dennoch gern in der physischen, gedruckten Form vor mir liegen – keine Romane, auch selten Fachbücher, aber wenn es um Spirituosen und Cocktails geht, dann blättere ich immer noch gern im Papier, insbesondere, da derartige Bücher gern etwas opulenter aufgemacht sind, mit festem, dicken Papier, guter Bindung und vielen Fotos. Hat es sich rentiert, dass ich mir Rum Curious von Fred Minnick, der eigentlich mehr als Bourbon-Spezialist bekannt ist, in dieser altmodischen Ausgabe zugelegt habe?

Rum Curious Cover

Das Leseerlebnis ist zweigeteilt. Die ersten 80 Seiten enthalten einen Abriss über Geschichte und Produktionsprozess bei Rum – wer sich nicht als totaler Laie in die Lektüre begibt, erfährt nicht extrem viel neues, der Inhalt ist aber sehr lesbar aufbereitet und mit vielen attraktiven Fotos versehen. Eine schöne, gelungene Kurzzusammenfassung über Rum, möchte ich sagen.

Besonders hervorheben möchte ich darüber hinaus einige Dinge, die mir sehr gut gefallen haben. Erstens, Minnicks Position gegenüber dem Manipulieren von Rum. Er lässt nichts aus diesbezüglich, wählt sehr klare Worte und ist auch ausführlich genug, so dass das Thema nicht als kleines Randproblem erkennbar ist. Dabei bleibt er aber einigermaßen neutral und lässt auch in Zitaten die Gegenposition der Nachsüßer zu Wort kommen (die sich dabei aber, praktischerweise, meist selbst entlarven).

Rum Curious Innenseiten 1

Aufgrund einer hitzigen Diskussion, die ich neulich bei Facebook im Ministry of Rum führte, möchte ich Minnick auch extra dafür danken, dass er explizit klarstellt, dass Batavia Arrack und Cachaça kein Rum sind – Zuckerrohrbrände, ja, aber kein Rum. Seine Erklärung diesbezüglich ist klar, stringent und verständlich.

Vom Guten zum Schlechten – die andere Hälfte des Buchs, eigentlich mehr zwei Drittel sogar, ist leider nur wenig spannend. Sie besteht aus Bleiwüsten. Es werden viele Rums aufgezählt, dazu Tasting Notes und eine numerische Bewertung in der Skala von 1 bis 100 abgegeben (wobei die schlechteste Note eine 60 ist –  wozu dienen die restlichen 60% der Skala?). Leider ist nur bei einem winzigen Bruchteil ein Bild vorhanden. Wie ich schon zu reinen Rezeptbüchern, die einfach nur Rezept nach Rezept auflisten, schrieb – sowas ist recht nutzlos und wäre auf einer Webpage mit Suchfunktion besser aufgehoben (oder eben in einem indexierten eBook). Wäre wenigstens zu jedem Rum noch eine Anekdote oder ähnliches vorhanden, könnte ich damit leben. In der vorliegenden Form enttäuscht es einfach nur maßlos.

Rum Curious Innenseiten 2

Nützlich finde ich, dass Minnick auch Spiced Rum berücksichtigt, und diesem einen separaten Bereich mit einer separaten Bewertungslogik gönnt. Viele der gereiften südamerikanischen Rums würden eigentlich auch in diesen Bereich gehören, aber diesen Schritt wagt er nicht, das wäre allerdings vielleicht auch zuviel verlangt.

Auch wäre ich dem Autor sehr dankbar, wenn er seine pseudowitzigen Sprüche lassen könnte, die er immer bringt, wenn er persönlich meint, ein Rum sei „nicht zum mixen“. Schon allein die Idee finde ich bei einem Spirituosenprofi seltsam, vor allem, da er keinen Grund für diesen immer wieder auftretenden Einwurf bringt; da ist Dave Broom mit seinem Buch näher an meiner Meinung, dass es keine Spirituose gibt, die „zu gut“ fürs Verwenden in Cocktails wäre – höchstens zu teuer für den einen oder anderen. Je besser die Zutat, um so besser der Cocktail.

Das Buch schließt mit ebensolchen Cocktailrezepten, meist Klassiker, aber auch viele mir noch unbekannte Rezepte, die ich bald nachkochen werde. Ein Anhang mit einer Liste bekannter Destillen und deren Produktionsweisen ist eine tolle Sache, die ich sehr nützlich als Nachschlagewerk finde; kleine Fehler, die sich selbst einem Profi einschleichen, gehören leider dazu – Gosling’s süßt doch, Barbancourt auch.

Nun habe ich vielleicht das Buch auch einfach nur falsch gelesen – der Untertitel sagt mir, dass es sich um einen „Tasting Guide“ handelt. Und das ist er sicherlich. Wer also nach Geschmackshinweisen für viele Rums sucht, und nebenbei noch ein bisschen über Rum lernen will, der ist mit diesem Reiseführer durch die Rumgeschmackswelten bestens bedient.

The Alpinist Swiss Premium Dry Gin Titel

Trockene Verordnungen und trockener Gin – The Alpinist Swiss Premium Dry Gin

Eines meiner Lieblingsthemen im Spirituosenbereich sind Gesetzesvorgaben und Kategorienbeschreibungen. Ich habe mich in den letzten Jahren sehr ausgiebig mit EU-Verordnungen und Landesvorgaben für regionale Spezialitäten auseinandergesetzt, ein Gebiet voller Tretminen und Fallgruben. Was einem dabei sehr schnell auffällt – das Wissen um gesetzliche Vorgaben wie auch um historische, regionale und produktspezifische Gegebenheiten, die man mit diesen Gesetzen schützen will, ist nur wenig verbreitet. Selbst unter den Herstellern scheint es nur wenig Interesse daran zu geben, sich dahingehend weiterzubilden, und unter den Konsumenten, selbst den Experten, ist viel Halbwissen vorhanden, das mit gern von den Herstellern gestreuten Legenden und Pseudofakten gewürzt ein wildes Gemisch an Fehlinformation ergibt, das schnell ein Eigenleben annimmt und sich dann in sozialen Medien verselbständigt.

Ich hoffe, mit meinem Blog für Interessierte ein paar Hilfestellungen zu geben, was die für viele wenig spannenden Bereiche des Gesetzes und der Vorgaben angeht. Ein schönes Beispiel für erste Probleme, auf die ich oft stoße, ist der The Alpinist Swiss Premium Dry Gin. Zerpflücken wir mal den Namen – „The Alpinist“ ist der Markenname, „Swiss“ soll auf die Herkunft aus der Schweiz hindeuten. Soweit, so gut, der Markenname ist schön gewählt und dieser Gin wird tatsächlich in der Schweiz hergestellt. Immer wenn ich das Wort „Premium“ lese, rollen sich mir die Fußnägel auf – ein völlig inhaltsleerer Begriff, der rein marketingtechnisch zu verstehen ist – bitte, liebe Spirituosenproduzenten, lasst es sein. Und am Ende noch „Dry Gin“; was ist das? Laut EU-Verordnung 110/2008, die alles, was Spirituosen angeht, für Europa regelt, gibt es diesen Term als legal geschützten Begriff nicht, nur „London Gin“, der durch den Zusatz „Dry“ ergänzt werden darf. Wichtig ist die Begriffsklarheit deswegen, weil einem „Gin“ so einiges an Zucker und anderen Stoffen beigegeben werden darf, einem „London Dry Gin“ aber nur sehr wenig. Wir kommen darauf nachher noch zurück, jetzt schauen wir uns den Schweizer Gin mal im Glas an.

The Alpinist Swiss Premium Dry Gin Flasche

Klar und ohne Fehler ist die Farbe. Eine gewisse leichte Öligkeit ist beim Schwenken im Glas erkennbar, entsprechende Schlierenbildung und einigermaßen schnell ablaufende Beine gehören dazu. Die Nase ist sehr parfümig, blumig und fruchtig, ich rieche viel Blütenduft, Zitrone, Ananas, Kirschsaft. Auffällig ist die vollkommene Abwesenheit von Wacholder im Geruch – für mich als Puristen, der Wert auf zumindest grundsätzliche Typizität bei Spirituosen legt, ein kleiner Mangel. Dafür macht dieser Gin schon vom Geruch her einen eher süßlichen Eindruck. Insgesamt ein sehr angenehmes Geruchsbild, da kann man lange dran schnuppern und sich die blühenden Bergwiesen im Geiste ausmalen.

Bei der aktuellen Lage des Ginmarkts ist es scheinbar wichtig, sich über Signatur-Botanicals zu definieren – sonst geht man in der Masse der Neuerscheinungen, die auch heute noch praktisch jeden Tag hereinprasseln, unter. Bei The Alpinist hat man sich passenderweise für Alpenkräuter entschieden: Arnika, Silberdistel und Frauenmantel sollen für die besondere Charakteristik sorgen. Das „Gletscherwasser vom Jungfrauenjoch“ komplettiert die Produktstory, wenn man mich kennt, weiß man, dass ich von derartig nostalgischen Bildern nicht viel halte, aber sei es drum.

42% Alkoholgehalt sind für einen Gin ein recht üblicher Wert, hier schmeckt man ihn aber doch stark heraus, er wird dann doch noch von den mazerierten Pflanzenaromen aufgefangen. Zuvorderst entdecke ich Zitrone, mit Kräuterunterlage. Da ich die Signaturbotanicals geschmacklich nicht pur kenne, kann ich kaum beurteilen, ob sie es sind, die diese Kräuterbasis bilden; angenehm ist es auf jeden Fall, wenn auch leicht untypisch für klassischen Gin. Im Antrunk kommt er mir noch recht schwachbrüstig vor, die Kantigkeit eines trockenen Gins entsteht erst im Verlauf, wo er auch ein leichtes Alpenglühen entwickelt. The Alpinist wirkt mir insgesamt aber etwas weichgespült. Süßung ist, wie oben schon erwähnt, bei Gin erlaubt, eine Messung ergibt, dass hier trotz der gefühlten Süße kein Zucker über die für einen London Dry Gin erlaubten 0,1g/L zugesetzt wurde.

Im Abgang gefällt er dagegen sehr, hier entsteht klare Trockenheit, ordentliche Adstringenz, deutliches Pfeffergefühl; es bleiben die blumigen Aromen und die Zitrone lange am Gaumen und versüßen einem damit noch einige Minuten, wenn der Gin schon längst wieder aus dem Mund ist.

Selbstverständlich habe ich diesen Gin auch in einem Gin & Tonic probiert, da wirkt er fast schon verführerisch in seiner floralen Süße und seiner eidgenössischen Zurückhaltung. In klassischen Cocktails wäre er überfordert, so ehrlich muss man sein, dazu hat er weder genug Wucht noch erwarteten Wacholder. Der Violet Sunset aber ist ein sehr blumiger Cocktail, dem ein Gin gut steht, der nicht brachial und extremwacholderig daherkommt. Ideal also für den The Alpinist, der hier seine ganze Blumen- und Blütenpracht ausspielen kann. Violet Sunset


Violet Sunset
1 oz Gin
¾ oz Ingwerlikör
¼ oz Aperol
¼ oz Crème de Violette
2 Spritzer Aromatic Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach drinkstraightup.com]


Die Produktbroschüre und die Etikettierung weist natürlich sehr ausführlich auf die Herkunft dieses Gins her, mit Schweizerkreuz, einem Schweizer Skisportidol als Markengesicht und ähnlichem. Die Firma, die den The Alpinist herstellt, ist aber im Fürstentum Liechtenstein beheimatet; ich muss aus Unwissenheit und mir innewohnendem Misstrauen rein steuerliche Gründe dafür vermuten, aber immerhin ist Liechtenstein rein geografisch noch nah genug an der Schweiz, und auf jeden Fall in den Alpen, dass man das natürlich akzeptieren kann. Hergestellt wird der The Alpinist aber scheinbar komplett in der Schweiz, das Brennen findet in einer nichtgenannten „Craft Distillery“ (auch hier wieder der fast schon obligatorische Hinweis auf das Wort „Craft“, analog zu sehen zu „Premium“) im Kanton St. Gallen statt.

The Alpinist Swiss Premium Dry Gin Karton

Noch ein paar Worte zur Produktpräsentation. Die Flasche selbst ist zurückhaltend, mit einer gefälligen Form. Ein paar Details wie ein kleines Lederbändchen mit Druckknopfverschluss um den kurzen Flaschenhals und ein Lederanhänger sorgen für den Chichi-Effekt, der im Kontrast zum sehr edlen und strengen Etikett mit viel Weißfläche und silberner Schrift steht. Sehr auffällig und hübsch gemacht ist jedenfalls der Karton, in dem die Flasche geliefert wird – die Aufklappidee finde ich außergewöhnlich schön, und da dafür auch hochwertige Materialien verwendet wurden, macht es Spaß, die Flasche aus ihrem Behältnis zu holen und sie nach Gebrauch wieder darin zu verstauen.

Summasummarum ist The Alpinist ein moderner, etwas untypischer Gin für die Ginaficionados, die schon alles sonst durchhaben und ein neues Geschmackserlebnis suchen. Ob ich allerdings bereit wäre, den aufgerufenen Preis von knapp 50€ für 700ml einer ungereiften und sehr einfach herzustellenden Spirituose zu bezahlen, steht auf einem anderen Blatt; diese Einschränkung gilt bei mir aber für alle Gins, nicht nur für Schweizer Alpinisten.

Offenlegung: Ich danke The Alpinist AG für die kostenlose Zusendung einer Flasche ihres Gins.

Ungarischer Pálinka Titel

Egészségedre! Ungarischer Pálinka

Hierzulande ist, wenn man an ungarische Spirituosen denkt, aller Wahrscheinlichkeit nach der Kräuterlikör Unicum die erste Idee, die man hat. Tatsächlich sieht man in Ungarn sehr viele Werbungen dafür, der Likör ist insbesondere für Touristen ein beliebtes Mitbringsel (dabei, so meine Erfahrung, kostet er in Ungarn nur unwesentlich weniger als in Deutschland). Die tatsächliche Nationalspirituose Ungarns ist aber etwas ganz anderes – Obstbrand, oder auf ungarisch Pálinka.

Die Bandbreite an überregionalen Produkten ist unüberschaubar in Breite und Tiefe, und natürlich gibt es dazu regionale Abfüllungen, die man nur dort bekommt, und schließlich werden natürlich in jedem Hundertseelendorf auf dem Lande jeweils hundert Varianten hausgebrannt. Letztere muss man mit einer gewissen Vorsicht genießen, so meine Erfahrung aus weit mehr als einem Dutzend Aufenthalten in Ungarn – da wird mit den beschränkten Mitteln einer Haus- oder Gemeindedestille ein hochprozentiger, fusellastiger Stoff gebrannt, von dem mehr als ein Gläschchen schnell auf die Leber schlägt – und doch gilt Pálinka in Ungarn auch als Hausmittel gegen allerlei Zipperlein.

Im Mai 2017 war ich erneut in Ungarn unterwegs, in der Hauptstadt Budapest. Dort entkommt man dem Pálinka praktisch kaum, vor allem die kleinen, schnuckligen Abfüllungen, die sowohl in Supermärkten als auch (dann natürlich gleich sehr viel teurer) in Souvenirläden erhältlich sind, haben es mir dort angetan. Ich habe mir also ein kleines Sortiment an Obstbränden zusammengestellt, von mehreren Herstellern, um zu schauen, ob der Pálinka auch außerhalb Ungarns noch schmeckt. Palotás Vilmoskörte und Golden Alma, Pannonia Meggy, Bolyhos Birs und Kajszibarack, sowie Panyolai Elixír Feketeribizli haben die Erstauswahl in meinen Warenkorb geschafft.

Pálinka Flaschen

Das erste Wort in der Kombination ist immer der Markenname, das letzte die Frucht, aus der der Brand hergestellt wird. Williamsbirne, Apfel, Sauerkirsche, Quitte, Aprikose und schwarze Johannisbeere sind also die Sorten, die ich vor mir habe; nur ein kleiner Ausschnitt aus dem sehr breiten ungarischen Markt.

Beginnen wir mit dem Palotás Vilmoskörte. Das ist ein Williams-Birnen-Brand mit 40% Alkoholgehalt. Die Flasche mit ihrem hübschen Design sprang mir spontan in einem kleinen 24h-Märkte, die man überall in Ungarn findet (wie nützlich sowas ist und wie schade, dass es das nicht in Deutschland gibt!), in einer Schauvitrine ins Auge. Die dunkle Flasche verbirgt einen vollkommen klaren Brand mit leicht öliger Konsistenz.

Palotás Vilmoskörte Pálinka

Die Birne ist natürlich der dominante Geruch, mit Anklängen von gelbem Apfel und Zimt. Eine leichte Plastiknote kenne ich bei dieser Art von Birnenbrand auch von anderen, deutschen Sorten. Im Mund liegt er wie Birnenkompott, süß, breit und rund, mit dieser seltsamen Art von würziger Fruchtnote, die ich schnell sehr lieben gelernt habe. Lavendel und Jasmin bringen eine blumige Komponente ins Spiel. Auch hier schwingt das Plastik etwas mit, aber nicht wirklich unangenehm. Der Abgang ist heiß, würzig und leicht alkoholisch, und mittellang. Ein attraktiver Tropfen, ganz gewiss sehr geeignet als Digestif oder Trou Normand, oder nahezu perfekt als Cocktailzutat (siehe dazu unten mehr).

Vom selben Hersteller und mit demselben Alkoholgehalt kommt der Apfelbrand Palotás Golden Alma. Der Plastikkorken der Palotás-Fläschchen gibt dem ganzen noch etwas Wertigkeit im Vergleich zum Schraubverschluss der meisten anderen Miniaturen.

Palotás Pálinka Golden Alma

Farblich klar und ohne Einschlüsse, recht viskos im Glas. Sehr langsam ablaufende Beine. Der Geruch ist wirklich ein Traum von Bratapfel, frisch aufgeschnittenem Golden Delicious und Apfelmus. Sehr süß und voller Gewürzaromen.  Da könnte ich drin baden. Geschmacklich fällt er gegen diesen sensationellen Geruch dann leider etwas ab. Da tauchen direkt zu Beginn schon kleine Fehlnoten nach Plastik auf, die den Apfelgeschmack beeinflussen. Einiges an Vanille und Zimt, also doch mehr Bratapfel als Apfel. Sehr cremig, vollmundig und mild, kaum Säure. Der Abgang ist pfeffrig, hier meint man, die 40% erkennen zu können, und etwas unrund. Die Apfelaromen tauchen aber im Nachhall nochmal auf und klingen dann sehr lange nach. Ein schöner Brand, der für mich persönlich hauptsächlich über seine Nase glänzt, und dort richtig.

Wechseln wir nun den Hersteller. Der Pannonia Meggy ist ein Sauerkirschenbrand, der in einer Bügelflasche präsentiert wird, mit einem Umhänger an einer Kordel, die in den ungarischen Nationalfarben rot-weiß-grün geflochten ist.

Pannonia Meggy Pálinka

Die klare Transparenz ist nun schon gewohnt, die leichte Öligkeit ebenso. In der Nase treffe ich auf unerwartete und ungewohnte Geruchsbilder – da ist zunächst erstmal Klebstoff, Ethanol und etwas Plastik. Die Sauerkirsche zeigt sich wenn, dann nur am Rande. Auch im Geschmack hätte ich nach der Verkostung nicht spontan ausgerufen – „ja, das ist ein Kirschbrand!“, nein, ich hätte mich über die wirklich wuchtige Bazooka-Kaugummi-Note im Abgang und über den starken Waldmeistergeschmack ausgelassen. Was ich hiermit tue. Tatsächlich ist der Abgang im Gegensatz zur etwas belanglosen Art des Mundgeschmacks wirklich sehr attraktiv und erinnert mich an meine Kindheit (die natürlich ohne Kirschschnaps und statt dessen mit viel Kaugummi verlief). Ein paar Noten tauchen im gescholtenen Geschmack dann doch noch auf, nach ein paar weiteren Versuchen – eine leichte Rauchigkeit und, wenn man weiß, wonach man suchen muss, auch die verschollene Kirsche. 46% weist der Pannonia Meggy auf, eine herrliche Süße-Säure-Balance, und er ist für mich einer „auf den zweiten Blick“, der nicht so forsch-oberflächlich wie die Birnen- und Apfelvorgänger daherkommt, sondern subtil und am Ende doch gefällig.

Eine Alternative zum klaren Pálinka findet sich beim nächsten Hersteller, den wir betrachten. Der Bolyhos Birs hat als Besonderheit nicht nur die strohige Farbe, die ihn abgrenzt, sondern man sieht auch direkt den Grund dafür – kleine Fruchtstücke liegen in der Flasche, hier dann eben ein Stück Quitte, die für eine zusätzliche Mazeration sorgen.

Bolyhos Birs Pálinka

Der Geruch ist entsprechend intensiv – die Frucht ist hier klar dominant, nicht zu süß, leichter Würzkörper nach Zimt. Ein Anflug von Ethanol klingt mit, ist aber vergleichsweise gut eingebunden und wirkt nicht als Fremdkörper. Der Geschmack ist dann eine fette Breitseite, die 50% Alkohol merkt man deutlicher, als es einem lieb ist. Süßlich, ohne die Säure zu vernachlässigen, wilde Gewürze, getrocknete Quitte. Der Abgang ist dann nochmal eine Schippe draufgelegt, wirklich extrem trocken, fast schon kratzig, heiß, stark adstringierend, schon leicht salzig, sehr lang und fruchtig nach Dörrobst. Eine klare Abkehr zu den zuvor verkosteten Pálinkas, hier verlassen wir das Gebiet des süßlichen Schlürfers und sehen Männerschnaps vor uns. Sehr aromatisch, aber auch insgesamt etwas unreif und unelegant wirkend, vor allem im Vergleich zum sehr edlen direkten Vorgänger in dieser Verkostung.

Vom selben Hersteller gibt es verschiedene Fruchtvarianten, ich hatte mir noch den Aprikosenschnaps ausgesucht, also den Bolyhos Kajszibarack. In der Aufmachung ist er natürlich identisch zum Vorgänger, und auch hier finden wir 50% Alkoholgehalt vor. Die Farbe ist eine, die ich nicht zögern würde, als apricot zu bezeichnen, auch wenn das etwas oberflächlich banal ist bei einem Aprikosenbrand, der sogar noch ein Stück Aprikose in sich liegen hat.

Bolyhos Kajszibarack Pálinka

Die Nase bietet ähnlich offensichtliche Eindrücke, mit Aprikose im Vordergrund. Dies wird begleitet von einer sahnigen Note, ja, es erinnert mich wirklich an Aprikosenjoghurt. Ein bisschen Offenstehenlassen ist angesagt, damit das zunächst vorhandene Stechen abflaut. Eine milde, dezente Würze gibt Spannung. Der Antrunk setzt dies alles fort – sehr cremig, weich, breit und süß beginnt es, mit klarer Frucht und ohne Fehltöne. Doch im späteren Verlauf, und ganz stark im Abgang, kippt die Aromatik komplett um hin zum Trockenen, sogar leicht Bitteren. Eine unrunde Alkoholhitze flackert auf, und insgesamt ensteht nun ein Eindruck von Pelzigkeit auf Zunge und Gaumen. Für mich wirkt dieser Brand ähnlich wuchtig, frech und unausgewogen wie die Quittenvariante kurz zuvor, auch wenn der Nachhall wirklich sehr stark und definiert aprikosig da steht.

Zu guter letzt wenden wir uns noch einer meiner persönlichen Lieblinge aus dem Obstreich zu – der schwarzen Johannisbeere. Ihre Seele wurde im Panyolai Elixír Feketeribizli eingefangen, der optisch kleinsten der Miniaturen.

Panyolai Elixír Feketeribizli Pálinka

Wir schließen den Kreis zurück zum Anfang, was die Farbe und auch was den Alkoholgehalt angeht. Ein klarer Brand mit 40% Alkohol, der recht flüssig im Glas schwingt und schnell ablaufende Beine aufweist. Geruchlich erinnert er mich an Kirschwasser, vielleicht sogar noch mehr aber an Tequila. Ja, allein von der Nase würde ich unter das Glas das Schild mit Tequila stellen, hätte ich diesen Pálinka in einer Blindverkostung vor mir. Entsprechend sehr floral und duftend wirkt der Panyolai Elixír auf mich. Im Mund ist er sehr süß, cremig und flauschig, im Antrunk noch mehr als im Verlauf, wo er langsam eine mildpfeffrige Schärfe und eine aromatische Salzigkeit entwickelt. Immer noch habe die starke Assoziation zu einem guten Tequila Blanco. Der Abgang bringt dann das, was ich die ganze Zeit schon erwartet hätte – hier taucht endlich die schwarze Johannisbeere auf, immer noch nicht überwältigend, aber sehr effektiv im Hintergrund, sehr natürlich, als hätte man eine kleine Beere mit im Mund. Dies hält dann auch lange an, wenn alle anderen Aromen wieder verklungen sind. Sehr fein und geschickt gelöst vom Brenner. Wieder ein Pálinka aus der eleganteren Kategorie.

Die ungarische Barkultur hat den Pálinka ins Herz geschlossen. In allen Bars, in denen ich mich aufhielt, gibt es neben dem puren Pálinka auch Cocktails, die ihn als Zutat einsetzen; ich habe einen amerikanischen Cocktail ausgewählt, um zu zeigen, dass man Pálinka auch ohne Probleme in Rezepturen einsetzen kann, die nach anderen Obstbränden verlangen – nein, ich empfinde den Apfelpálinka im Autumn Leaves beispielsweise sogar als Gewinn gegenüber Applejack oder Calvados. Dieser Cocktail funktioniert auch gut mit allen anderen Obstsorten – ideal zum experimentieren für Cocktailnerds.

Autumn Leaves


Autumn Leaves
¾ oz Apfelbrand (z.B. Palotás Golden Alma Pálinka)
¾ oz Rye Whiskey (z.B. Jim Beam Rye)
¾ oz Süßer Wermut (z.B. Martini Riserva Speciale Ambrato)
¼ oz Strega
1 Spritzer Zimttinktur
Auf Eis rühren. Auf Eis servieren.
[Rezept nach Jeffrey Morgenthaler]


Das Pálinka-Gesetz seit 2008 legt fest, dass Pálinka zu 100% aus Frucht- oder Tresterdestillat bestehen muss und keine Zusätze (wie Zucker oder Honig, oder Farbstoffe) enthalten darf. Nur Früchte, die in Ungarn aufgezogen wurden, dürfen verwendet werden; der gesamte Produktionsprozess von Ernte über Destillierung und Reifung bis zur Abfüllung muss in Ungarn erfolgen. Der Alkoholgehalt muss zwischen 37,5% und 86% liegen. Man erkennt die Abfüllungen, die nach diesem Gesetz kontrolliert wurden, an einer über den Verschluss geklebten Banderole mit der Aufschrift „Pálinkazárjegy“ (was, fast etwas überraschend in seiner Banalität, tatsächlich übersetzt auch nur „Schnapsbanderole“ bedeutet) – wer keinen illegalen oder verschnittenen Sprit kaufen will, achtet darauf.

Pálinka Pálinkazárjegy

Preislich muss man, wie oben bereits erwähnt, darauf achten, wo man seinen Pálinka kauft – Preisunterschiede von 100% sind keine Seltenheit. Ich empfehle, wie ich das auch schon in Griechenland tue, lieber in kleinen Supermärkten derartige Mitbringsel zu kaufen, statt in den Souvenirläden, wo der in Urlaubsstimmung befindliche Tourist mit dem locker sitzenden Portemonnaie schnell über den Tisch gezogen wird. Zirka 1000 bis 1500 Forint, also aktuell in etwa 3€ bis 5€, sollte man für eines der oben verkosteten Miniaturfläschchen einplanen, nach oben ist die Preisliste, wie fast immer, offen, und selbstverständlich gibt es alle auch in großen 0,7l-Flaschen. Ich kann diese tollen Brände jedem Fruchtschnapsfreund jedenfalls wärmstens ans Herz legen. Zum Wohl, oder wie man auf Ungarisch sagt – egészségedre!

Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 8 – Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu 土豪金元宝酱酒

Es gibt Spirituosenprodukte, über die kann man einfach nicht berichten, ohne zunächst ihr Äußeres zu besprechen. Selten konnte ich diesem Drang so wenig widerstehen wie bei dem Baijiu, den ich im inzwischen schon achten Teil meiner Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“ nun vorstellen werde. Natürlich muss daher als allererstes ein Wort über die Flasche des Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu 土豪金元宝酱酒 verloren werden – sie besteht aus Keramik mit Goldlacküberzug und ist wahrscheinlich die extravaganteste aller eh schon nur wenig zurückhaltenden Baijiu-Flaschen, die ich kenne. Man könnte die Flasche einem Schiff nachempfunden sehen, doch da würde man sich täuschen; vielmehr haben wir hier eine künstlerische Interpretation eines alten chinesischen Zahlungsmittels vor uns – der Name und die Farbe der Flasche deuten es an: 金元 (jinyuan) bedeutet „Goldbarren“, und derartig geformte Goldbarren wurden tatsächlich benutzt. Spannend dabei ist der Zusatz 土豪 (tuhao), der wörtlich „Tyrann“ bedeutet, wahrscheinlich in übertragenem Sinne dann als „königlich, luxuriös“ verwendet wird, aber auch gern derogativ die Idee von „neureich“ transportiert. Ein goldfarbenes Apple-Handy, das die Bezeichnung 土豪金 (Tyrannengold) trug, zog in China beispielsweise viel Aufmerksamkeit auf sich. Es soll sich jeder seinen eigenen Reim auf die Bedeutung in diesem Schnapskontext machen.

Mit dem Thema „Gold“ geht es auch gleich weiter – der Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu gewann bei einem der bedeutendsten internationalen Spirituosenwettbewerbe, dem Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, der 2016 in China abgehalten wurde und entsprechend die lokale Spirituose Baijiu im Fokus hatte, eine Goldmedaille. Es handelt sich hier um einen Baijiu mit Soßenaroma, ähnlich dem Platzhirsch dieser Kategorie, Maotai. Genug vom Blingbling, werfen wir einen Blick auf den Inhalt der opulenten Luxusverpackung.

Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu Baijiu Flasche

Wie von klassischem Baijiu zu erwarten verbirgt die Flasche einen völlig transparenten Brand. Er wirkt recht viskos im Glas, hinterlässt am Rand einen nur sehr zögerlich ablaufenden Teppich. Der Geruch ist extrem intensiv, eigentlich schon penetrant. Nougat, Vollmilchschokolade, Sojasauce, vergorene Banane, Kompost, Blauschimmelkäse, altem französischen Rohmilchkäse, aber auch eine für mich durchaus unangenehme Note nach, und das ist jetzt vielleicht krass, Erbrochenem. Diese Mischung aus Schokolade, Käse und Maggi ist für mich höchst unangenehm und erzeugt einen Würgereiz. Bei vielen Baijius habe ich vorsichtig formuliert, hier kann ich das einfach nicht mehr tun – das ist wirklich übel und macht mir überhaupt keinen Spaß.

Ich hatte Angst davor, einen Schluck zu nehmen. Was soll ich sagen – sie hat sich bestätigt. Kaum lag der Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu auf der Zunge, fühlte ich einen Brechreiz aufsteigen, ich zwang mich, die Flüssigkeit herunterzuschlucken, doch das war ein Fehler. Eine wilde Serie von Spasmen durchzuckte mich, ich konnte mich nur mit Mühe davon abhalten, zur Toilette zu rennen und mich zu erleichtern. 53% Alkohol sorgen schließlich für den Gnadenstoß mit Kratzen und Beißen im Hals, weil ich mich natürlich verschluckt hatte dabei. Wer die Videos von Surströmming kennt, die im Internet kursieren, mag ahnen, wie ich mich fühlte – und dabei habe ich die schwedische Spezialität Surströmming schon gerochen und gegessen, und es war nichtmal ansatzweise so schlimm. Entsprechend kann ich über den Geschmack und den Abgang auch nichts mehr sagen. Auch ein Erlebnis, aber keins, das ich wiederholen wollen würde.

Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu Baijiu Glas

Ich habe immer versucht, das Ungewohnte zu schätzen, einer gewissen Fremdartigkeit ihren Raum zu lassen und dennoch zu versuchen, sie unabhängig vom persönlichen Geschmack wertzuschätzen – hier kann ich das einfach nicht mehr, ich finde diesen Baijiu grausig und unmöglich für mich zu riechen oder gar zu trinken. Es war zu erwarten, wenn man ehrlich ist, dass dieser Zeitpunkt irgendwann kommen würde, dass ich auf ein Exemplar des chinesischen Hirseschnaps stoße, den ich nicht mehr verteidigen kann. Der Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu ist meine persönliche Grenze.

Vielleicht gibt es eine Chance, diesen Schnaps in einem Cocktail noch so unterzubringen, dass die Ekelgrenze wieder unterschritten wird? Der Guizhou Elixir könnte mit seinen anderen Zutaten dies erbringen. Allein, er schafft es nicht. Die penetrante Käsenote des Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu durchdringt alles, übertönt alles, macht alles andere ohne jeden Ansatz von Gegenwehr platt. Ich habe den Cocktail entsprechend noch mit einem anderen Sauce-Aroma Baijiu nachgemixt, und siehe da, da funktioniert er – es lag also sicher nicht am Rezept, als der Cocktail nicht schmeckte, sondern an dieser brachialen Zutat.

Guizhou Elixir


Guizhou Elixir
1½ oz Soßen-Aroma Baijiu
½ oz Maracuja-Ananas-Sirup
3 Spritzer Chili-Tinktur
¼ oz Maraschino-Likör

½ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept leicht angepasst nach Paul Mathew]


Was bleibt? Die Erkenntnis, dass es hin und weder mehr bedarf als nur Interesse an einem fremden Kulturkreis und exotischen Spirituosen. Manchmal muss man in einer Kultur aufgewachsen sein, um deren extremste Geschmäcker wertschätzen zu können. Vielleicht findet sich unter meinen Lesern jemand, der mir diese Spirituose erklären kann? Ich bin wirklich offen für alles – aber nicht für den Tuhao Jinyuan Bao Jiangjiu. Der landet im Kuriositätenkabinett für Gäste, die meinen, sie kennen schon alles. Im Freundeskreis gelte ich als der, der alles isst und trinkt und keinen Ekel kennt, doch dieser Baijiu hat mich das Fürchten gelehrt.

Offenlegung: Ich danke erneut der belgischen Firma Vinopres SA und Spirits Selection für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche dieses Baijius. Vinopres SA und Spirits Selection haben mir ganz enorm geholfen, und mich mit einer Reihe von Qualitäts-Baijius versorgt, denn die Beschaffung dieser chinesischen Spirituosen ist in Deutschland sonst sehr schwierig – ohne sie wäre diese Reihe nicht möglich gewesen.

RumChata TItel

Transparenz durch Sahnebeigabe – Rumchata Liqueur with Rum

Die Blicke waren unbezahlbar – da stehe ich inmitten einer Gruppe von wahren Rumfreunden, beim Rum-Club-Treffen 2017 Mitte Juli in Köln, wo jeder einen tollen Tropfen seiner Wahl mitgebracht hatte, und ich packe einen Rumlikör aus. Als wäre ich von einem anderen Stern. Gerade ich, der ich immer so über Zuckerbeigaben und Reinheit bei Spirituosen labere! Man konnte die Fragezeichen über den Köpfen der Teilnehmer am Tisch fast schon plastisch sehen.

Nun, vielleicht muss ich das klarstellen. Ich mag es nicht, wenn hinter meinem Rücken Rum manipuliert wird. Wenn es unnötig passiert, nur um vielleicht die eine oder andere Flasche mehr an die an Süße gewöhnten Käufer verscherbeln zu können. Wenn es nötig ist, um ein schlimmes Destillat überhaupt verkaufen zu können. Wenn es aber klar und transparent ist, dass wir keinen Rum vor uns haben, sondern einen Spiced Rum, eine Spirituose auf Rumbasis oder einen Rumlikör, dann kann ich damit gut leben und genieße auch Produkte aus diesen Kategorien, ohne mich deswegen zu echauffieren. Und dass der RumChata Liqueur with Rum in letztere Gruppe gehört, ist aufgrund der fehlenden Transparenz der Flüssigkeit natürlich sofort transparent (ha, man verzeihe mir diesen Kalauer).

Beim RumChata hatte ich deswegen auch überhaupt keine Gewissensbisse, diese Flasche auch mit in die Höhle der Löwen des Rum-Clubs mitzunehmen und dort zu präsentieren. Auch wenn die Nachfrage nach Kostproben eher übersichtlich war, zugegebenermaßen. Gab es Grund dazu, oder war nur das Alternativangebot an wunderbarem Pure Single Rum aus aller Herren Länder zu groß?

RumChata Flasche

Die Farbe des Inhalts der Flasche ist der der Flasche selbst sehr ähnlich; wir finden im Glas allerdings kein Reinweiß vor, sondern ein milchfarbene Flüssigkeit, die mich rein optisch an Kondensmilch erinnert (keine Farbstoffe wurden zugesetzt). So ähnlich bewegt sie sich auch im Glas; beim Schwenken entsteht ein blasser Schleier, der breitflächig abläuft und kaum Beine bildet. Die Mischung ist homogen und ohne Ausflockungen oder Separierung.

Im Geruch denke ich sofort, spontan und ohne Zweifel an Spekulatius. Diese Eindeutigkeit ist deswegen so frappierend, weil man das bei Spirituosen selten erlebt, dass einem auf Anhieb ein klares Wort für Aromen einfällt. Die Mischung aus Zimt, Backgewürzen, Kardamom, Sahne und Vanille führt mich dazu. Wer also Butterspekulatius in der Vorweihnachtszeit (die inzwischen ja im September, also bald, beginnt) mag, sollte hier definitiv einen Blick riskieren. Riecht man tiefer, entdeckt man noch ein leicht muffiges Lederaroma und einen Hauch des Basisalkohols, der für einen Alkoholgehalt von 15% sorgt. Rum suche ich allerdings vergebens.

Im Mund liegt der RumChata sehr breit und voluminös. Die Sahnekomponente sorgt natürlich für die extreme Cremigkeit. Eine leichte Fruchtigkeit beginnt, sich bemerkbar zu machen, ich nehme an, dass hierfür die Rumbasis verantwortlich ist. Dennoch tue ich mich auch im Geschmack schwer, wirklich typische Rumaromen identifizieren zu können. Natürlich ist der Gesamteindruck extrem süß, vielleicht an Stellen sogar klebrig süß; das ist aber dem Konzept eines Sahnelikörs geschuldet und ich kreide es entsprechend nicht an, auch wenn es nicht meinen persönlichen Geschmack trifft. Ansonsten finde ich eben den schon errochenen Spekulatius, Vanille und viel Zimt.

RumChata Glas

Im Abgang kommt die andere Seite des Zimts heraus, deutliche Zimtschärfe, die auf der Zunge kitzelt. Das empfinde ich als sehr angenehm, es hebt diesen Likör von vielen vergleichbaren Produkten wie Bailey’s oder Crema de Tequila ab. Ansonst klingt die Verkostung mit einem leichten Weihnachtsgefühl aus.

Der Hersteller selbst empfiehlt auf der Rückseite der Flasche eine Vermischung mit Vodka, Kaffee oder „jedwedem anderen Mixer“. Tatsächlich empfinde ich das etwas wenig Vertrauen in sich selbst, mit einem kleinen Eiswürfel pur macht sich RumChata ganz allein schon recht gut. Auch in einer 1:1-Mischung mit Cointreau wirkt dieser Likör sehr schön. Als Cocktailzutat bietet er zu wenig eigene Aromen abseits der Sahne, als dass er wirklich viel leisten könnte. So unterstützen wir ihn mit ein bisschen mehr Rum, und machen einen herrlichen Dessert-Drink – der Mint Orange Choco Chata fühlt sich an, wie ein 2000cal-Nachtisch. Aber manchmal muss man sich halt sowas gönnen können.

Mint Orange Choco Chata


Mint Orange Choco Chata
2 oz RumChata
1 oz weißer Rum
½ oz grüne Crème de menthe
¼ oz
Orangen-Schokoladen-Likör
Auf Eis shaken.

[Rezept stark adaptiert nach einem Originalrezept der Herstellerseite]


Für einen Sahnelikör ist im Gegensatz zu anderen Spirituosen natürlich eine Mindesthaltbarkeit zu beachten. Diese ist bei meiner Flasche mit Ende 2018 angegeben. Wurde sie einmal geöffnet, empfiehlt der Hersteller, sie innerhalb von 6 Monaten aufzubrauchen, da keine Konservierungsstoffe eingesetzt wurden; eine Kühlung ist dabei aber nicht erforderlich.

Die Flasche ist, das muss man ohne jeden Zweifel zugeben, sehr hübsch designt, mit viel Schwung und Kurven, erinnernd an einen überdimensionierten Parfümflakon. Das auffällige Weiß, die goldene Schraubverschlusskappe und die Schrift in derselben Goldfarbe sorgt für einen Hinguckereffekt – RumChata ist sicher ein Blickfang in jeder Heimbar. Und Süßmäuler, denen es egal ist, dass das Zeug letztlich auch VodkaChata oder TequilaChata oder WhiskyChata heißen könnte, weil man kaum Rumaromen herausschmeckt, werden sicherlich auch sehr glücklich damit, auf jeden Fall ist es eine interessante Alternative zu den bekannten anderen Sahnelikören. Diesen Sahneliebhabern lege ich einen Kauf sehr nahe – dem puristischen Rumfreund, der sonst in seiner Freizeit ausschließlich Caroni und Grande Arôme trinkt, eher weniger. Alle dazwischen können, wenn sie entsprechend veranlagt sind, sich mit RumChata schonmal langsam auf die Weihnachtszeit eintrinken.

Offenlegung: Ich danke der Sélection Prestige GmbH für die Zusendung einer kostenlosen Flasche dieses Rumlikörs.