Archiv der Kategorie: Review

Rezension und Test

Huizache Blanco und Reposado Titel

Batmans Lieblingsgetränk – Huizache Tequila Blanco und Reposado

Schon als kleines Kind mochte ich Fledermäuse. Eine Anekdote, die meine Eltern immer wieder gern erzählen, ist die von der erschöpften Fledermaus, die ich als Kind im Haus gefunden und mittels eines Bestimmungsbuchs als Vespertilio murinus identifiziert hatte, was den beigerufenen Fledermauskenner in basses Erstaunen versetzte. Heute gefällt es mir immer noch, die kleinen Flatterer zu beobachten – und ich schätze sie, weil sie einen gar nicht unbeträchtlichen Beitrag zur Herstellung einer meiner Lieblingsspirituosen liefern: Tequila.

Die fortschreitende Habitatsveränderung macht es Fledermäusen auf der ganzen Welt immer schwerer. Die Monokultur und Industrialisierung der Agavenkulturen in Mexiko, die durch den schlimmen Durst der Welt auf Tequila entstanden ist, sorgte über eine ganze Weile dafür, dass die Fledermaus, die die Agavenblüten bestäubt, vom Aussterben bedroht war. Inzwischen, und das ist endlich mal eine gute Nachricht, bessert sich die Situation für die Lederflügler – sie sind offiziell nicht mehr auf der Liste der bedrohten Arten. Viele Maßnahmen sorgten dafür, letztlich auch viele Tequila-Hersteller, die die Lage erkannten und durch fledermausfreundliche Landwirtschaft etwas für die Nachhaltigkeit ihres Produkts taten.

Die Betreiber der Destillerie, die Huizache Tequila Blanco und Reposado herstellt, haben solche Maßnahmen ergriffen. Daneben betonen sie, dass ihre Tequilas ohne Zusatzstoffe auskommen. Erlaubt ist in Tequila so einiges, was der Konsument nicht mal ahnt, dazu gibt es viele Schlupflöcher, die das CRT nicht stopfen will oder kann. Um so schöner, wenn sich ein Hersteller klar dazu bekennt, diese Möglichkeiten nicht ausnutzen zu wollen, sondern ein ehrliches, sauberes Produkt abzuliefern; da sammelt man bei mir direkt Punkte. Schauen wir uns die Destillate der NOM 1437 mal ein bisschen näher an.

Huizache Blanco und Reposado

Blanco-Tequila ist ungereift, daher ist der Huizache Blanco natürlich klar. Ich erkenne beim Schwenken keine Einschlüsse oder Fehler. Schnell ablaufende Beine am Glas machen die leichte Öligkeit deutlich. Die Nase ist geprägt von Grasigkeit und milder Agave. Da ist eine deutliche Mineralität, Beton, feuchter Kies, Aquariumspflanzen. Etwas Apfelessig. Man riecht im Hintergrund Ethanol. Dass dieses Produkt mit einem Diffusor hergestellt wird, erkennt man an der leichten Fruchtkaugummi- und Zuckerwattenote.

Der Antrunk ist sehr süß, und diese Süße bleibt auch fast bis zum Schluss prägend. Kandiszucker und weiße Schokolade, Latte Macchiato, aber auch Agavenwürze und Anflüge von Thymian und Duftkräutern wie Lavendel, eine Parfümnote nach Kölnisch Wasser. Es fehlt leider etwas an dem, was handwerklichen ungereiften Tequila so spannend für mich macht, die so wunderbare wuchtige Agavenfruchtigkeit – das ist wohl der Herstellungsart geschuldet. Stattdessen hat dieser Tequila andere Vorzüge, er wirkt erdig, grasig und leicht. 40% Alkoholgehalt sind gut eingebunden. Der Abgang ist feurig, mit Chilieffekten, gleichzeitig eukalyptisch kalt – hier beginnt mir der Huizache Blanco dann sehr gut zu gefallen. Von der Länge eher kurz, mit einem starken Eisen- und Betonton zum Ausklang.

Huizache Tequila Blanco Glas

Auch wenn er, so leid mir das tut, deutlich nicht in meine Top-3 der ungereiften Tequilas aufsteigen kann, ist der Huizache doch schön trinkbar, stilvoll, und überhaupt nicht so charakterlos wie die meisten anderen Diffusor-Tequilas, beispielsweise der Sauza Tres Generaciones Plata, den er mit ausgesprochen weitem Abstand hinter sich lässt. Dennoch gehört er klar eher zu den leichten, zurückgenommenen Tequilas.

Ich habe beim nächsten Kandidaten, dem Huizache Reposado, den doppelten Eindruck von Weißwein, wenn ich mir einen Schluck zum Verkosten eingieße. Die Farbe erinnert an Weißwein, ist blasses Messing, nach 3 Monaten in Fässern aus kalifornischer Steineiche ein ehrliches Bild. Ich erwähne oft, dass ich lange Reifezeit bei Tequila für kontraproduktiv halte, man verliert mehr, als man gewinnt – 3 Monate sind aber voll in Ordnung.

Auch in der Nase denke ich an trockenen Weißwein, die Mischung aus Säure und Frucht verleitet mich dazu. Man erkennt das zuvor verkostete Basisdestillat wieder, das um typische Holznoten ergänzt wurde – Vanille und süßliche Gewürzaromen. Die Wintergrünöl-Komponente ist auch noch da.

Huizache Tequila Reposado Glas

Immer noch recht süß im Mund, aber schon zu Beginn mit etwas Holzigkeit versehen unterscheidet sich der Reposado dann doch von Weißwein. Grasig und mineralisch, zurückgenommene Agavenwürze, deutliche Holzreifungsaromen (die allgegenwärtige Vanille, etwas Zimt). Deutliche Schokoladigkeit. Im Verlauf entsteht milde Säure und Bittere, Apfelessigaromen. Ein Hauch Anis liegt irgendwo im Raum, aber nur so zart, dass es auch Einbildung sein kann. Gegen Ende kommt noch stärker als beim Blanco eine Pfeffrigkeit dazu, die erkennbar aus Würze entsteht, nicht aus den 40% Alkoholgehalt. Insgesamt wirkt dieser Tequila elegant und raffiniert.

Chili, Eukalyptus, Menthol – der Abgang ist zwar eher kurz, dafür aber sehr effektvoll, mit langem hauchigen Nachhall. Auch hier, wie schon beim Blanco zuvor, ein starker Eisenton. Die kurze Reifung sorgt bei diesem Reposado tatsächlich für etwas mehr Bequemlichkeit, ohne zuviel vom Tequilacharakter aufzugeben. Ein leichtes Destillat wie das von Huizache würde in añejo-Zeiträumen (mehr als 1 Jahr gereift) komplett vom Holz aufgefressen.

Die Huizache-Tequilas sind Produkte, die ohne Unterstützung besonders gut in Aperitif-Cocktails funktionieren können. Die Aromatik lässt mich dazu tendieren, sie in klaren, strengen Rezepturen zu bevorzugen, wo sie nicht von schweren Gegenspielern überdeckt werden – im Medicina Latina wird der leichte Charakter betont und der zugegebenermaßen etwas vorhandene Mangel an Körper durch Honig und Ingwer ausgeglichen. Das ist Medizin, die sich leicht schlucken lässt!

Medicina Latina


Medicina Latina
2 oz Tequila Blanco
⅓ oz Honig
1 Teelöffel Ingwerlikör
Auf Eis shaken. Auf Eis servieren.
[Rezept nach Marcos Tello]


Im Endeffekt gefallen mir diese zwei Tequilas, sie wirken elegant und leicht. Mir fehlt etwas an Länge im Abgang, und Körper; hier sieht man einfach deutlich, was der Unterschied zwischen einem mit Tahona und Horno traditionell hergestellten und einem modernen Diffusor-Tequila ist. Auch wenn ich dem Diffusor sehr skeptisch gegenüber stehe, und ich ihn nicht nur aus Sicht der Endaromatik ablehne, sondern auch aus Gründen der problematischen, immer weiter fortschreitenden, leider wohl nicht mehr aufzuhaltenden Industrialisierung von Tequila, muss man doch ehrlich das Produkt beurteilen, und bei Huizache ist es besser gelungen als vielen anderen Tequilas dieser Herstellungsart.

Wer einen schweren, wuchtigen, agavenfruchtigen Tequila sucht, ist hier falsch – der halte sich  lieber an Produkte wie Fortaleza, Ocho, Siete Leguas oder G4. Wer dagegen Lust auf Abwechslung und ein schmaleres, luftigeres Tequilaerlebnis hat, das aber immer noch klar als Tequila erkennbar bleibt, der probiere den Huizache Blanco oder Reposado.

Offenlegung: Ich danke dem deutschen Distributor fifteenlions für die kosten- und bedingungslose Zusendung der zwei Samples dieser Tequilas.

Foursquare Triptych Single Blended Rum Titel

Dreierlei vom Rum – Foursquare Triptych Single Blended Rum

Immer im Auftrag für den Leser unterwegs – so ein Blogger hat dauernd gewichtige Entscheidungen zu treffen. Welche Spirituose ist als nächste dran? Welche wird besorgt, für die Zukunft? Lohnt es sich, diesem oder jenen Trend zu folgen, damit man am Puls der Zeit bleibt, oder wartet man lieber ab, um nicht einem flüchtigen Hype nachzurennen? Fragen über Fragen. Dabei stelle ich mir eigentlich schon die Frage, welche Rezensionen sich überhaupt zu schreiben lohnen. Bei den meisten Produkten ist alles klar, aber gleichzeitig denke ich ernsthaft, dass es zwei Gruppen von Spirituosen gibt, die es sich für mich und meine Art von Blog nicht zu rezensieren lohnt.

Supermarktware für unter 10€ ist uninteressant, weil sich das jeder leisten kann – da schlägt man einfach zu und probiert es, der Aufwand eines potenziellen Käufers, sich vorher darüber zu informieren steht in keinem Verhältnis zum Preis, und das tut man höchstens aus Interesse; Ausnahmen bestätigen die Regel, wie meinen Artikel über Martini Fiero, der mit weitem Abstand der meistgelesene auf meinem Blog ist. Einhörner andererseits (also superseltene und rare Spezialitäten) lohnen sich nicht, weil an die kaum jemand herankommt, selbst für Profis ist es schwer, und wer es sich leisten kann und den Aufwand nicht scheut, hat eh schon genug darüber gelesen, weil es genug Spezialistenblogs für genau diese Zielgruppe gibt, die sich, statt wie ich über alles, was die Schnapswelt zu bieten hat, zu schreiben, auf beispielsweise Rums aus Trinidad aus den 1980er Jahren in speziellen Flaschen fokussieren.

Der Foursquare Triptych Single Blended Rum ist so ein Grenzgänger, was diese Thematik angeht. Bei weitem nicht superleicht und überall erhältlich, aber zum Zeitpunkt meines Kaufs auch kein Einhorn. Dennoch werden die wenigsten ihn je zu Gesicht bekommen, insbesondere jetzt, wo die Vorräte langsam aufgebraucht sind.

Foursquare Triptych Single Blended Rum Flasche

Ich hatte das Glück, eine Flasche bei LMDW zu ergattern. Der Erwerb allein schon war eine spannende Sache – einige Tage vor dem tatsächlichen Verkaufsstart wurde bei Facebook darauf hingewiesen, dass der Triptych nun in Frankreich und Italien released würde. Es dauerte noch bis zum 02.06.2017, bis bei LMDW der Rum auch im Sortiment auftauchte, und dann führte es zu Verwirrung. Einige konnte wohl schon gegen 6 uhr morgens Flaschen erwerben, dann änderte der Status sich auf „bald erhältlich“ und viele (darunter ich) dachten schon, aha, das wars dann wohl, wieder mal Pech gehabt. Einige Stunden später war dann plötzlich wieder etwas „en stock“, und da habe ich blitzschnell zugeschlagen. Nur Sekunden danach ging der Bestandsstatus dann auf ausverkauft. Man sieht, für derartige Spirituosen muss man flott sein, gleichzeitig trotzdem Geduld haben und eine gewisse Leidensfähigkeit mit sich bringen. Gerade Foursquare erreicht inzwischen unter Rumaficionados zur Zeit einen Kultstatus, der dafür sorgt, dass die kleinen Sonderabfüllungen, die immer wieder erfolgen, innerhalb von Minuten ausverkauft sind. Nun aber weg vom Geschäftlichen, hin zum Triptych selbst.

Ich bin ein Freund der Praxis, dunkel getönte Flaschen zu verwenden, um beim eventuellen Kunden gar nicht erst die Idee aufkommen zu lassen, dass man nach der Farbe der Flüssigkeit einkaufen geht und dunkle Spirituosen holt und dafür hellere stehen lässt. Abfüller Velier ist mit seinen schwarzen Flaschen diesbezüglich natürlich gleichzeitig eine sofort erkennbare Marke geworden, win-win sozusagen. Dadurch, dass Foursquare seine Spezialsorten auch nicht färbt, haben wir eine natürliche, tropisch gereifte Schönheit vor uns im Glas.

Beim Abfüllen der Samples (siehe unten dazu mehr) verströmte sich schon dieser herrliche Geruch im ganzen Zimmer – er ist stark, körpervoll und ohne jede Scheu. Marzipan, Kardamom, Piment, dunkle Schokolade, aber auch überreife Früchte, Banane. Schalentiere. Höchstkomplex und extrem attraktiv. Eine leichte Lacknote. Sehr komplex und sich im Verlauf der Verkostung wandelnd.

Foursquare Triptych Single Blended Rum Glas

56% Alkoholgehalt lassen mich nicht direkt zu Wasser zur Trinkstärkenherabsetzung greifen; ich nippe so daran, wie er aus der Flasche kommt. Hmm, das trinkt sich gut. Sehr breit und fett, dicht und rund im Mundgefühl. Wunderbare, natürliche, reine Süße mit viel Kraft, nicht die oberflächliche, klebrige, die man von Süßrums kennt. Dabei aber auch eine attraktive Bittere, die die Süße gut ausgleicht, so dass keine Langeweile aufkommt. Eine adstringierende Säure komplettiert das Sensoriktrio – sehr spannend und vielseitig.

Der Abgang ist glühend heiß, würzig, langsam läuft der Tropfen den Hals hinunter, man kann ihn dabei verfolgen. Im Mund verbleiben esterige Teeraromen, ledrig und holzig, dabei aber immer süß und ohne jede Gewalt. Nur leicht trocken, aber dauerhaft am Gaumen haftend. Ein wirklich spannender Rum.

Bezüglich der Zusammensetzung, die sich im Namen schon wiederspiegelt (ein Triptychon ist ein dreiteiliges Bild), verweise ich auf ein Foto, das ich mit freundlicher Genehmigung von Matt Pietrek vom Blog Cocktailwonk hier wiedergebe. Es wurde bei der Fachveranstaltung Tales of the Cocktail 2017 geschossen. Ex-Bourbon-, Ex-Madeira- und frische amerikanische Eichenfässer dienten den drei verwendeten Jahrgangsdestillaten (2004, 2005 und 2007) als Zwischenbehausung, bis sie zu einem Blend zusammengeführt wurden.

Foursquare Triptych Tales of the Cocktail 2017

Was würde sich für diesen Rum besser als Cocktail eignen, als der, den der globale Rum Ambassador Ian Burrell zu Ehren des Master Blenders und Inhabers der Foursquare-Destillerie erfunden hatte? Der The Richard Seale kann warm und kalt gerührt serviert werden, ich habe mich für die warme Variante entschieden – hin und wieder schadet es nicht, aus dem alten „eisgekühlt“-Muster auszubrechen und was anderes zu probieren. Ich finde darüberhinaus höchst unterhaltsam, wie in diesem Cocktail die Themen, die Seale oft umtreiben, auftauchen – Rum, Süßwein, Zucker.

The Richard Seale


The Richard Seale
1⅔ oz Foursquare-Rum
⅓ oz Madeira
1 Teelöffel Zuckersirup
3 Spritzer Orange Bitters
Warm rühren und in einem Cognacschwenker servieren.

[Rezept nach Ian Burrell]


129€ für eine Flasche Rum hören sich nach viel an, tatsächlich bewegen wir uns hier aber, was Highend-Rum angeht, erst im mittelpreisigen Segment, da ist noch viel Luft nach oben. Meine Meinung, dass das Preisleistungsverhältnis ab einer gewissen Größe (diese ist natürlich individuell festzulegen, bei mir liegt sie aktuell bei ca. 70€) plötzlich extrem schnell abschmilzt, bleibt dennoch bestehen.

Ungefähr Dreiviertel der Flasche habe ich im Rum-Club auf Facebook mit anderen Rumfreunden geteilt, die nicht dasselbe Glück wie ich hatten, eine Flasche davon im Lotteriespiel des Erwerbs ergattern zu können. Gerade für so seltene Abfüllungen ist es geradezu Pflicht für jeden echten Rumfreund, derartig besondere Tropfen mit Freunden zu teilen, und ihn nicht geizig für sich zu behalten, ihn im Regal als Schaustück vergammeln zu lassen oder ihn bei Ebay als Spekulationsobjekt auf peinlichste Weise an den Meistbietenden zu verhökern (außer, der Käufer öffnet und trinkt die Flasche dann tatsächlich selbst; etwas, was meiner desillusionierten Erfahrung nach dann aber selten geschieht und die Spekulationskette nur in anderen Händen weiterführt). Nur durch das breite Teilen eines Rums wie diesem kann allgemein klar gemacht werden, wie fantastisch guter Rum sein kann.

Labieratorium Biere Titel

Ein Nachruf – Labieratorium

Cottbus liegt in Brandenburg, nicht in Sachsen. Durch meinen Blog lerne ich sogar in Geografie immer noch viel dazu, danke an den aufmerksamen Leser, der mich bei meiner letzten Besprechung eines Biers der Brauerei Labieratorium darauf hinwies, dass ich die Stadt aus welchem Grund auch immer in ein falsches Bundesland verlegt hatte. Recht schnell auf diese Erstbesprechung folgt hier eine zweite Ladung an Bieren dieses Brauers, aus gegebenem Anlass: Die Brauerei schloss zum 31.12.2018 ihre Toren und Braukessel. Laut einem Interview der Betreiber mit LR Online lag es, banal und traurig, schlicht und ergreifend einfach an fehlendem Umsatz.

Es ist wirklich schade, denn ich nehme nicht zuviel vorweg, wenn ich sage, dass mir diese Bier sehr gefallen haben. So lese man diesen Artikel dann als nostalgischen Nachruf, mit der leisen Hoffnung, dass die Personen hinter dem Bier sich nicht komplett aus dem Geschäft zurückziehen, sondern woanders ihre gute Arbeit weiterführen können. Genug der Traurigkeit, rein ins Glas mit den vier Bieren, die in einem Set erhältlich waren, über einen Kartonhalter miteinander verbunden: Das Alte Welt, Schwarze Pumpe, F60 Paranoid IPA und Labieratoriums Orange Pale Ale.

Labieratorium Biere Flaschen

Wir gehen einfach die Reihenfolge durch, in der ich sie aus dem Kartonhalter entfernt hatte. Beginnen wir beim Alte Welt. Mir gefällt beim Eingießen bereits die kräftige, rotgoldene Farbe, das Bier ist angenehm opal, was den Eindruck noch verstärkt. Erkennbar starke Perlage, dazu ein feiner, sehr ebenmäßigblasiger Schaum. Für ein Pale Ale bleibt es etwa zurückhaltend in der Nase, nur leichte Hopfenfrucht dringt vor, aber eine erkennbare Würze als Ausgleich.

Geschmacklich – sehr trocken schon im Antrunk, malzig und mit leicht salziger Würze. Hopfen (Herkules, Saphir, Cascade) bleibt im Hintergrund, sorgt mehr für einen Klang als für festhaltbaren Geschmack. Leichter Körper mit fast etwas von Sprudelcharakter. Kräftige Säure. Sehr rezent, für meinen Geschmack etwas überkarbonisiert. 5,4% Alkohol sind dafür gut passend gewählt. Der Abgang ist kurz, trocken, prägnant.

Labieratorium Alte Welt Flasche

Ein sehr kantiges, eckiges Pale Ale – das ist interessant, weil es eine Abwechslung bietet zu den superfruchtigen Pale Ales, die man sonst so oft trinkt, aber insgesamt ist es dann halt doch etwas zu sauer und karbonisiert, um wirklich richtig zu gefallen. Gut gekühlt im Sommer ist die Alte Welt aber wahrscheinlich ein echter Frischehammer. Schade, dass ich das im Sommer nicht mehr verifizieren können werde.

Machen wir einen weiten Sprung in den Bierstilen, vom Pale Ale zum Porter. Die Schwarze Pumpe ist mit 6,6% und 45 IBU schon von anderer Gewichtsklasse. Farblich trifft der Name wunderbar zu, das Bier ist tatsächlich sehr schwarz, noch dunkler als viele andere Porter, die ich kenne. Langsam steigen kleine Bläschen vom Glasgrund hoch. Der Schaum ist kontrastreich hell, aber eher dünn und großblasig. Geruchlich eher malzig, leicht rauchig, speckig, erinnert mich fast an ein mildes Rauchbier.

Labieratorium Schwarze Pumpe

Im Mund ist die Schwarze Pumpe dann sehr holzig, bitter, malzig. Eigentlich passend dazu wirkt es sehr rezent, frisch und knackig. Leichte Süßholznoten. Stiltypisch ist etwas Kaffee, mit Grapefruit als Gegenspieler. Der Abgang ist lang und sehr bitter, man spürt eine deutliche Adstringenz. War ich beim ersten Bier noch skeptisch – das hier gefällt mir richtig gut. Ein zwar nicht extrem expressives, dafür aber sehr wuchtiges und toll rezentes Porter.

Die dritte Flasche aus dem Set, das F60 Paranoid IPA, komplettiert als IPA den Bogen durch die aktuell beliebten, gottseidank wiederbelebten Bierstile des modernen Craftbiers. Orangene Farbe im Glas, toll dicke Schaumhaube, nach einigen Minuten immer noch großblasige Schaumreste. Kräftige Perlage. Sehr starke Nase, mit viel Marmelade, Orange, und etwas Gurke.

Labieratorium F60 Paranoid IPA

Deftig herb schon im Antrunk, feine Süße gleicht das etwas aus. Sehr hopfig (Columbus, Simcoe, Amarillo, Sarachi Ale und Cascade tun ihre Pflicht), mildfruchtig – die Bittere steht im Vordergrund. Sehr rezent und leicht. Extrem süffig und trinkbar, 7,3% Alkoholgehalt tun dem keinen Abbruch. Auch hier meine ich, etwas Gurkenaroma zu entdecken – ich finde das sehr spannend. Der Abgang wirkt kurz, knackig, bitter, dazu eine angenehme, nicht überwältigende Trockenheit. Leicht malzig. Mir gefällt das sehr gut – ich kann den saufenden indischen Elefanten auf dem Etikett verstehen, dass er die Flasche, die er mit dem Rüssel hält, nicht hergeben will.

Am Ende dieser kleinen Verkostungsreihe steht das Labieratoriums Orange Pale Ale. Die Gestaltung des Etiketts erinnert natürlich an das Filmplakat zu der Verfilmung des SciFi-Klassikers A Clockwork Orange von Anthony Burgess; mir als kombinierter Bier- und Literaturfreund gefallen solche Anspielungen sehr.

Labieratoriums Orange Pale Ale

Fluffiger Schaum, nur leicht opalisierendes Sonnenblumengold. Starke Perlage. Geruchlich sehr hopfenfruchtig (Perle, Bavaria Mandarina), dabei hell und zitronig – Limettenschale und Grapefruitsaft nehme ich als Hauptakteure wahr. Das hört sich wild an, ist aber nicht aggressiv und daher angenehm. Der Geschmack wartet mit angenehmer Bittere auf, allerdings nicht eckig, sondern leichtkörperig. Man muss zugeben, dass es etwas flach wirkt, weil es keine Tiefe hat – Radlercharakter, das war mein Eindruck. 4,8% Alkohol machen das Bier entsprechend süffig, Frische und Rezenz stimmen. Der Abgang bleibt kurz, trocken, frisch. Leicht und angenehm zu trinken, in der Konsequenz vielleicht etwas zu einfach gehalten für den Kenner.

Man sieht, man findet Höhen und Tiefen, aber im Gesamtblick betrachtet sind die Biere von Labieratorium eine wirklich schöne Ergänzung des deutschen Biermarkts gewesen, vom sehr gelungenen Labieratorium Rot mal ganz abgesehen. Schade, schade, schade – gern hätte ich mehr von diesen Brauern gesehen. Für die Cottbuser selbst war das lokale Bier offensichtlich nicht wichtig genug, und für mich hat die Stadt viel dadurch verloren.

Sierra Milenario Extra Añejo Titel

Extraalt – Sierra Milenario Extra Añejo

Spirituosenkategorien sind beweglich. Man sieht heutzutage oft nur das Ergebnis eines langen Findungsprozesses, der sich schließlich irgendwann einmal in einer Kodifizierung eines Zustands niedergeschlagen hatte. Man tut dies, um die Identität einer Spirituose zu schützen – es soll schließlich nicht jede zufällige Mutation oder schummrige Geschäftsidee zusammen mit dem über viele Jahre entstandenen Traditionsprodukt in einen Korb geworfen werden können. Ein Teil dieser Identitätsfeststellung ist die Art, wie und wie lange das frische Destillat gereift werden muss, um in eine der speziellen Alterskategorien (für jede Spirituosengruppe gibt es da oft eigene) gelangen zu dürfen.

Für Tequila gab es traditionell eigentlich nur 3 Kategorien – ungereift (blanco/plata), leicht gereift (reposado) und gereift (añejo). Letztere bedeutete, dass das Destillat länger als ein Jahr im Fass lag; wieviel länger, das blieb dem Hersteller überlassen. Im Jahr 2006 wurde offiziell von der Regulierungsbehörde, die in Mexiko für Tequila zuständig ist, die neue Alterskategorie extra añejo eingeführt. Dadurch verkürzte sich die Spannbreite der Añejo-Kategorie auf mindestens 1, aber maximal 3 Jahre, alles darüber wird nun als extra añejo klassifiziert. Bei den kurzen Reifungen, die wir im Tequila-Bereich haben mag eine Verfeinerung sinnvoll erscheinen, letztlich ist es aber schon eigentlich nur eine Form, den Herstellern entgegen zu kommen, um die Lust der Konsumenten nach ultragereiften Spirituosen zumindest deklarativ zu bedienen; und es funktioniert, die Kategorie wächst stärker als alle anderen. Ob es wirklich Sinn macht, Tequila so lange zu reifen – daran habe ich persönlich meine Zweifel, man nimmt ihm dadurch eigentlich mehr, als man ihm gibt.

Der Sierra Milenario Extra Añejo ist nun so ein ultragealterter Tequila (das ist natürlich, gerade im Vergleich zu anderen Spirituosen, sehr relativ zu sehen). Wir haben hier ein Destillat der NOM 1451 aus 100% Hochlandagave vor uns. Es wurde, wie für viele Tequilas üblich, doppelt in Kupferpotstills destilliert, und lagerte dann, so teilt uns das Rücketikett freudig mit, „many years“ in Eichenfässern. Aus der Einleitung wissen wir zumindest, dass es wenigstens 3 gewesen sind. Da keine weitere Angabe erfolgt, werden es auch nicht furchtbar viel mehr gewesen sein.

Sierra Milenario Extra Añejo

Der Geruch ist sehr fruchtig, viel Agave ist darunter, ein leichter Rauch, etwas Vanille, dazu Noten von Wintergrünöl und feuchtem Beton. Ein Anflug von Ethanol schwappt am Ende nach oben, was den Eindruck, dass nur wenig Körper vorhanden ist, verstärkt. Wenn ich ehrlich sein soll, vermute ich allein schon von der Geruchsprobe her Aromastoffe als Zusatz.

Der Sierra Milenario Extra Añejo hat einen süßen Antrunk, im Verlauf kommt feine Pfefferwürze dazu, die immer dominanter wird und am Ende fast in Chilifeurigkeit umschlägt, ohne aber die zugrundeliegende Süße komplett aufzugeben. Kräftige Holznoten weisen auf die extralange Alterung hin, milde Tropenfrucht und etwas Pfirsich gleichen das aus. Dennoch wirkt er etwas oberflächlich – gerade am Ende wird das deutlich, wo er sehr trocken und heiß wird, 41,5% Alkoholgehalt sind nur mäßig eingebunden.

Der Abgang ist mittellang, glühend heiß und etwas scharf, mit einigem an Alkoholhauch. Eine zunächst attraktive Agavenblumigkeit ist vorhanden, diese wird aber schnell durch sehr viel weniger attraktives Eisen ersetzt. Der Abgang ist wirklich schwach und unvorteilhaft, und zieht den Gesamteindruck deutlich mit sich nach unten.

Sierra Milenario Extra Añejo Glas

Mein Fazit fällt entsprechend ernüchternd aus: Ein eher mäßig ausgeführter Tequila, der in der Reifung einen gewissen Charme erwirbt. Letztlich bleibt aber doch der etwas schale Eindruck von Künstlichkeit und Oberflächlichkeit zurück.

Natürlich werden bei einem stärker gereiften Tequila wahrscheinlich sofort die Gedanken an einen spritlastigen, gerührten Cocktail laut, wie einem Tequila Manhattan oder einem Old Fashioned. Dafür ist meines Erachtens der Sierra Milenario zu unkomplex. Ich setze ihn statt dessen in einem Drink für die Jahreszeit ein – der Frenchman in Jalisco braucht keinen hochkomplizierten Tequila um trotzdem hervorragend zu funktionieren und einem die dunklen, kalten Abende zu versüßen.

Frenchman in Jalisco


Frenchman in Jalisco
Ein paar Stücke dunkle Schokolade in 4 oz Milch schmelzen
2 oz Tequila Añejo
½ oz Chartreuse Verte
Gut umrühren, warm mit etwas Sahne servieren.

[Rezept nach Houston Eaves]


Die gedrungene, pyramidenförmige Flasche selbst macht was her, ist sehr schön gestaltet, aus massivem, schweren Glas, mit einem hübschen Korken – da hat man beim Eingießen was in die Hand. Ich bin Sierra dankbar dafür, dass sie sich zumindest bei ihren höherwertigen Produkten von der dümmlichen Präsentation ihrer Mixtos („die mit dem Hut“) abgrenzen und dem Kenner etwas handfesteres, dem Inhalt angemesseneres anbieten. Die gesamte Milenario-Reihe ist im selben Stil, nur mit unterschiedlichen Etiketten und Farben gehalten – auch das gibt der Reihe einen gewissen Zusammenhalt und macht sich gut im Regal.

Ich werde niemals ein echter Liebhaber der Tequilas dieses Herstellers werden, das gebe ich unumwunden zu, doch ihre Marktstellung in Deutschland erfordert, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt; die Milenario-Serie ist eine der wenigen gut verfügbaren Quellen für 100%-Agave-Tequila hierzulande. Und auch wenn der Sierra Milenario Extra Añejo nun auch kein echtes Highlight ist, so macht man mit ihm doch einen großen Schritt für deutsche Verhältnisse.

Duckstein Opal und Saphir Titel

Versetzung gefährdet – Duckstein Opal Pilsener und Saphir Kellerbier

Es ist nun schon eine ganze Weile her, dass ich das Duckstein rotblonde Original für mich entdeckt hatte. Damals, für mich als Biereinsteiger, ein sehr spannendes Bier, das ich auch heute noch gern trinke. Um so erfreuter war ich, als ich vor einiger Zeit dann zwei neue Sorten des Brauers in einem lokalen Supermarkt entdecken konnte. Das Duckstein Opal Pilsener und direkt daneben das Saphir Kellerbier. Beide in der bekannten, auffälligen Flasche, und sehr hübsch durch die Farbgebung voneinander und vom rotblonden Original abgegrenzt. Natürlich musste ich zulangen, zwei weitere Vertreter dieses schönen Biers können mich ja nicht enttäuschen. Auch wenn ich grundsätzlich ein sehr optimistischer  und wohlwollender Genießer bin – man wird leider im Verlauf dieses Blogartikels sehen, dass Vorfreude und Vorschusslorbeeren nicht immer belohnt werden. Doch ich greife vor.

Duckstein Opal und Saphir Flaschen

Beginnen wir mit dem Saphir Kellerbier. Obergärig mit 4 Malzen (Pilsener, Weizen hell, Wiener Malz, Cara Red) und 3 Hopfen (2 unbenannt, einer der namensgebende Saphir) eingebraut, bekommen wir optisch zunächst ein sehr typisches Kellerbier: natürlich naturtrüb, kräftig orangefarben, der Schaum, schon zu Beginn wenig, baut sich in wenigen Minuten fast komplett ab.

Beim Wechsel von Auge zu Nase beginnt das Drama. Ich schnuppere, und schnuppere, und schnuppere. Joghurt. Milder Orangensaft. Hefe. Ja, das wars. Und selbst diese Aromen nur im Kleinformat. Da hätte man auch an Mineralwasser riechen können. Sehr überraschend, im negativen Sinne.

Duckstein Saphir Kellerbier Glas

Das Drama endet nicht beim nichtexistenten Geruch – es geht in die Verlängerung beim nichtexistenten Geschmack. Höchst faszinierend: Das Duckstein Saphir gehört für mich zu den aromenärmsten Bieren, die ich bisher getrunken habe, und überholt in der Belanglosigkeit selbst dünnste Reis- und Maislager. Ein Hauch Orange, etwas Hefe, und wir sind am Ende der Verkostung. Mir kommt es vor, als hätte ich ein stark mit Sprudel gestrecktes Bier vor mir. Nein, es gehört nicht zu den aromenärmsten Bieren, es ist das aromenärmste Bier, das ich kenne. Da der Abgang natürlich nichts herzaubern kann, ist er kürzer als kurz. Die hohe Rezenz mit der starken Karbonisierung erzeugt wenigstens einen Erfrischungsfaktor, der Spaß macht, aber das ist auch schon alles, was ich an positivem über das Duckstein Saphir sagen kann; außer den nackten Zahlen: 5,0% Alkoholgehalt, sehr dezente 14,5 IBU.

Höchstenttäuschend. Vor allem, wenn man den Preis anschaut, steigen mir Tränen in die Augen, da packe ich lieber das Blondie-Bierkonzentrat aus, im Ernst. Ich bin fassungslos, wie so etwas die Qualitätskontrolle passieren kann. Grand Cru? Ein Scherz, und zwar ein schlechter. Für diese peinliche Braumeister-Edition N°8 muss sich der Braumeister eigentlich entschuldigen.

Ach, zum Glück habe ich danach ein Alternativbier in der Hinterhand. Einen Ausrutscher kann man jedem erlauben, da kann das Opal Pilsener ja nur vorteilhaft auftrumpfen, oder?Duckstein Opal Pilsener Glas

Optisch tut es das zunächst mal. Safrangold, bei entsprechendem Licht wirklich ausgesprochen attraktiv. Kristallklar, sehr starke Perlage, gröberer Schaum. Stärker gehopft (Hallertauer Opal, Hüll Melon, Cascade, Mandarina Bavaria) als sein blasser Bruder wirkt es in der Nase – zurückgenommene Frucht, Bitterkeit. Hefe. Leichter Metall. Insgesamt: Durchaus pilstypisch.

Im Mund dann ein dezenter Geschmack, kräftige Herbe, klar und sauber. Es gibt darüber hinaus leider nicht viel zu sagen zum Geschmack – ein mildes, zartes Pils, fein und gut strukturiert. VIelleicht etwas langweilig. Ich stelle mir vor, dass es als Essensbegleiter zum Abspülen der Geschmacksknospen bei einem deftigen Essen taugt. Bei 4,9% Alkoholgehalt dafür auch nicht zu wuchtig.

Zum Ende hin flacht es erkennbar ab, der Abgang ist sehr kurz. Die zunächst wahrgenommene Frische lässt nach, eine Süße kommt hervor, die es schafft, die 25-IBU-Bittere fast komplett wegzunehmen, bis auf im Rachen. Ein etwas abgestandener Nachgeschmack lässt viel vom positiven Eindruck bis dahin wieder vergessen. Dieser negativer Abschluss verstärkt sich noch, wenn die Temperatur des Biers steigt – gut gekühlt schnell austrinken ist angesagt!

Ducksteiner Opal und Saphir Tragerl

Herrjeh, ich gebe zu, mir fallen die Mundwinkel etwas nach unten. Selten war ich so enttäuscht von Bieren. Trotz ähnlicher Produktionsweise (auch hier gibt es eine Reifung auf Buchenholz, wie schon beim Duckstein Original) und gewiss ordentlichem Aufwand kommt einfach nichts bei rüber. Man fragt sich, ob der Brauer nicht einfach nur mal so ein „neues Bier“ raushauen wollte, und sich dabei übernommen hat, insbesondere, wenn man die vergleichsweise peinliche Aufmachung mit berücksichtigt, die wohl zuerst da war, und dann ein Bier dazu gefunden werden sollte. Immerhin schön: Das Tragerl mit vielen Informationen und einem Charakter-Chart.

Bei minderwertigen Spirituosen ist man schnell mit dem Label „Mixer“ zur Hand, das ausdrückt, dass man sie nicht pur genießen kann, sie höchstens in Mischrezepturen akzeptabel sind. Ich stehe diesem Konzept sehr kritisch gegenüber, doch für die zwei Duckstein-Spezialbiere passt es eigentlich – es sind für mich Filler, wie das Tonic Water in einem Gin & Tonic. Entsprechend suche ich einen Verwendungszweck außerhalb des Bierglases für sie; wenn man diese aromenarmen Biere mit etwas zusätzlichen Geschmäckern aufpimpt, können auch sie noch halbwegs funktionieren. Zum Beispiel im Hop, Skip and Go Naked.

Hop, Skip and Go Naked


Hop, Skip and Go Naked
1 oz Vodka (z.B. Smirnoff)
¾ oz Zitronensaft
¾ oz Himbeerlikör
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit…
leichtem Bier (z.B. Duckstein Opal)
[Rezept nach Jared Schubert]


Beide Biere werde ich nicht mehr kaufen – so leid es mir tut. Stattdessen wird aber weiterhin öfters das Duckstein rotblonde Original im Warenkorb landen, das ich von dieser zugegebenermaßen etwas arg vernichtenden Kritik deutlichst ausnehmen will. Aber so ist das halt mit Familien – manchmal gibt es schwarze Schafe. Hier scheint es nur umgekehrt zu sein – ein strahlendes, rotblondes Schaf in einer Herde von hässlichen Geschwistern.

Ms. Better’s Bitters Miraculous Foamer Titel

Schaumschläger – Ms. Better’s Bitters Miraculous Foamer

Schaum im Drink, das ist für mich die Krönung eines Rezepts. Erreichen kann man ihn auf unterschiedliche Weise – Eiweiß ist sicher das bekannteste Mittel dafür, dahinter lauert Ananassaft, der auch eine gewisse Schaumkraft hat. Das meist eingesetzte Eiweiß schafft für mich persönlich aber leider nicht immer genau den Effekt, den ich haben will. Das Ei ist halt ein natürliches Produkt, mit Schwankungen in der Schaumfähigkeit. Qualität, Alter, Kühlung, Handhabung – all das spielt mit hinein. Ich hatte schon Drinks mit hervorragendem Schaum, aber auch welche, in denen das Eiklar ausflockte und den Drink damit ruinierte. Es ist ein Vabanque-Spiel, wenn man mit natürlichem Eiweiß nur hin und wieder arbeitet. Für die, die wie ich ungern Glücksspiel betreiben, gibt es nun ein Wundermittel: Ms. Better’s Bitters Miraculous Foamer! Ohne zuviel vorwegnehmen zu wollen – diese Zutat ist für mich aus meiner Heimbar nicht mehr wegzudenken.

Ms. Better’s Bitters Miraculous Foamer

Um die erstaunlichen Effekte des Miraculous Foamers zu zeigen, habe ich einen Vergleich gemacht und hier dokumentiert. Auf der linken Seite ein Cocktail mit Eiweiß, klassisch mit Dry Shake und Wet Shake; auf der rechten Seite ein Cocktail mit dem Wunderschäumer, mit einfachem Shake. Ich habe den Miraculous Foamer bereits oft eingesetzt, dies waren aber meist vollmundige Drinks mit viel Charakter und dichten Inhaltsstoffen. Um mal ins Detail zu schauen, habe ich mir einen Cocktail ausgesucht, der eher auf der trockenen, dünnen, strengen, klaren Seite steht – den Chanticleer. Für diesen habe ich zwei identische Mixturen hergestellt aus dem untenstehenden Rezept – und dann einen mit Eiklar, den anderen mit Miraculous Foamer geshaked.

Das optische Ergebnis war für diesen Fall klar – der Miraculous Foamer gewinnt ohne Gegenwehr, denn ausgerechnet bei diesem Versuch ist genau das oben angesprochene passiert: Das Eiklar hat sich nicht gut eingebunden und nur wenig Schaum produziert. Dieser war dann auch großblasig und dünn, hat den Drink selbst etwas eingetrübt. Der Miraculous Foamer sorgte direkt für eine harte Sichtlinie der Trennung im Cocktail, war perfekt und voluminös.

Miraculous Foamer Schaumvergleich vorher


Chanticleer
1 oz Dry Gin
1½ oz trockener Wermut
½ oz Triple Sec
1 Spritzer Miraculous Foamer
Auf Eis shaken.

[Rezept nach A.S. Crockett]


Wie gesagt, der Eischaum ist variabel – der Schaum des Miraculous Foamer ist dagegen immer gleich. Er ist durch einfache Zugabe des Miraculous Foamers zu bekommen, ohne besondere Handhabung – nicht mal der Dry Shake ist erforderlich. Der Schaum ist üppig, voll und schnell getrennt vom Rest des Drinks. Feinblasig, cremig und weiß – eben genau das, was man von einem Schaum auf dem Drink erwartet. Besonders nach dem Trinken sind die Reste im Glas erstaunlich; links erneut der Eiweiß-, rechts der Miraculous Foamer-Drink.

Miraculous Foamer Schaumvergleich danach

Geschmacklich habe ich bei den erwähnten fetten, wuchtigen Drinks kaum einen Unterschied festgestellt. Der Miraculous Foamer sorgt für Cremigkeit, ein volles, breites, dickes Mundgefühl und fällt im Vergleich zum Eiweiß durch eine rundere, sämigere Konsistenz auf; im Ei findet man immer wieder mal ein Eiklarfädchen oder ähnliches. Geschmacklich stelle ich im Chanticleer mit seiner klaren Strenge einen strukturellen Unterschied fest – das Eiweiß verhält sich gefühlt einen Hauch angenehmer: es bindet die Zutaten besser zusammen.

Der Miraculous Foamer zeigt in diesem Beispiel außerdem, dass er doch aromatisch eingreift. Eine leichte Bittere, deutliche Adstringenz und etwas kräuterige Würze kommen dazu, die in der Eiweißversion nicht vorhanden waren. Der ganze Drink wirkt noch strenger, eckiger, als er eh schon ist.

Ms. Better’s Bitters Miraculous Foamer Pipette

Wie kommt die Schaumkraft zustande? Die Rezeptur dieser Cocktailzutat ist ein Geheimnis, allerdings wurde mir auf Nachfrage versichert, dass nur natürliche Zutaten verwendet werden, keine chemischen Labortricks stehen dahinter. Ich muss dem so erstmal vertrauen und hoffe auf das Beste.

Fazit – für Cocktails, die mit starken, aromatischen, süß-schweren Zutaten aufwarten, ist Ms. Better’s Bitters  Miraculous Foamer meine erste Wahl, wenn es um Schaumerzeugung geht, ohne jeden zweiten Gedanken. Die extrem viel einfachere Handhabung ist mir viel wert, und man hat nicht die Verschwendung des (ehrlicherweise meist entsorgten) Eigelbs. In einem trocken-strengen Cocktail dagegen würde ich das Eiweiß bervorzugen, selbst, wenn es optisch dann nicht so viel hermacht; die geschmackliche Komponente tritt hier stärker in den Vordergrund. Schön, dass man nun die Wahl hat.

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años Titel

Ein Schiff wird kommen – Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años

Es ist schon eine Weile her, dass ich einen kubanischen Rum im Glas hatte. Das Land hat in der Allgemeinheit einen guten Ruf, was Rum angeht; für die Kenner unter uns ist das Bild meist weniger rosig. Kuba hat sich früh von Pot-Still-Rum verabschiedet und sich voll auf Säulendestillation geworfen – das heißt erstmal nichts grundsätzlich schlechtes, doch der kubanische Stil hat sich dadurch im Laufe der Jahrzehnte sehr verändert. Heute bin ich den alkoholischen Produkten Kubas eher skeptisch eingestellt, ich sehe eigentlich ausschließlich leichte Rums ohne großen Charakter, meist sind sie darüber hinaus leicht bis mittelstark gesüßt. Man kann das alles sicher trinken, aber umhauen tut mich nichts von der Insel. Was aber nicht heißen darf, dass man neue Produkte, die man noch nicht kennt, nicht unvoreingenommen und erstmal freudig willkommen heißen sollte – so wie den Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años.

Der Begriff des „doble añejamiento“, der sich auf dem Etikett findet, ist ein guter Aufhänger, um ein paar der Regelungen, die für kubanischen Rum gelten, kurz zu erläutern. Laut den Denominación de Origen Protegida-Regeln des Landes muss ein kubanischer Rum mindestens zweimal gealtert sein – die erste Phase besteht darin, das Destillat für mindestens zwei Jahre in gebrauchte Eichenfässer einzulagern und dann zu filtrieren. Erst danach darf es sich „Rum“ nennen – vorher ist es ein Aguardiente. Die Zählung des Alters beginnt auch an diesem Zeitpunkt; die 7 Jahre des Etiketts des vorliegenden Rums sind also eigentlich 9 Jahre, wenn man reine Fasslagerungszeit betrachten will. Der frischgebackene Rum wird dann mit anderen hochprozentigen Destillaten verblendet und dann für die „tatsächliche“ Reifung in Fässer eingelagert. Werfen wir einen Blick auf das Ergebnis dieses Vorgangs.

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años

Die Farbe ist ein dunkles Kupfer, bei 7+ Jahren Fassreifung kann so eine Farbe durchaus entstehen. Im Glas bewegt der Rum sich schwer und gemächlich, recht langsam ablaufende Beinchen wissen optisch zu gefallen.

In der Nase kommt mir als erstes eine Süßweinnote entgegen. Etwas Port, etwas Madeira. Es folgt eine prägnante Gewürzkomponente, Nelken, Kardamom. Orangenschale und Rosinen bringen etwas bittere, dunkle Frucht dazu. Im Untergrund lauert dann genau das, was ich oben angesprochen hatte – eine milde, aber erkennbare Alkoholnote, die ich oft bei Column-Still-Rums finde.

Der Geschmack dreht diese sensorischen Eindrücke dann aber spannenderweise um – erstmal ist der typische alkoholisch-schale Geschmack eines Säulendestillats da. Im Mundgefühl beginnt der Kubaner aber trotzdem mild und weich, im Verlauf kommt ein zartes Feuer auf, das sich bis zum Abgang steigert, ohne aber je wirklich unangenehm zu werden. Insgesamt ist der Eindruck sehr süß, mit vielen Süßweinimpressionen, etwas Gewürz und dunkler Frucht, analog zu dem, was die Nase schon fand. 40,3% Alkoholgehalt sind trotz der angesprochenen Ethanolnote im Gesamtbild gut eingebunden. Es ist nur knapp unter dem in Kuba eigentlich maximal erlaubten Bottling Proof von 41% (eine spannende Sache für sich, übrigens).

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años Glas

Der Abgang ist heiß, etwas pfeffrig, mittellang und charakterstark. Eine gewisse Schaligkeit im Nachhall ist dann wieder recht typisch für leichte Rums. Eine hausgemachte Zuckermessung ergibt grob 5g/L, das ist so an der Grenze dessen, was zwischen Messungenauigkeit und leichter Süßung schwebt. Für meine Zwecke kategorisiere ich ihn als „gesüßt“, einfach weil der Wert bereits zu groß ist, um ohne Absicht entstanden zu sein.

Die unterschwellige Würze dieses Rums hat mich dazu verleitet, ihn in einem Cocktail einzusetzen, der auch sonst nicht mit Aromen geizt. Im City of Spice wird so einiges an Gewürzen präsentiert, und daher schadet es nicht, wenn ein Rum eingesetzt wird, der sich dessen zu erwehren weiß und selbst etwas zu diesem Gesamtbild beisteuern kann. Vorsicht, dieser Drink hat Suchtpotenzial.

City of Spice


City of Spice
1¾ oz gereifter Rum
½ oz Pimento Dram
½ oz Zuckersirup
¾ oz Limettensaft
¾ oz Maracujasirup
1 Eiweiß
1 kleines Stück Chili
Auf Eis shaken. Auf crushed ice servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Hervorheben will ich die Gestaltung – wir haben hier eine sehr schön gestaltete Flasche mit tollen Rundungen, im Glas eingelassener Schrift und einem floralen, aber nicht übermäßig protzenden Etikett. Ein geformter Echtkorken ohne Dekoration komplettiert die sehr attraktive Präsentation. Der Name des Rums ist auf ein altes spanisches Schiff zurückzuführen – es ist also keine Firma oder Abfüller, sondern ein Fantasiename, den sich Hersteller Tecnoazúcar de Cuba y Destilerías MG S.L. ausgedacht hat.

Neben dem Siebenjährigen hat der Hersteller auch einen Rum mit 15 Jahren im Portfolio. Dieser wird in naher Zukunft auch noch auf meinem Blog besprochen werden – ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass ich jenen auch recht interessant finde.

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años und 15 Años

Das Fazit fällt eigentlich recht positiv aus. Das ist ein Rum mit großer Drinkability, der eine schöne Spannung zwischen Süße und Würze aufbaut. Wäre der Abgang etwas komplexer und länger, könnte man sich mit einem Glas davon durchaus lange beschäftigen – so bleibt der siebenjährige Ron Santisima Trinidad dennoch ein interessantes und sehr gelungenes Produkt, das meine Meinung über kubanische Rums wieder hebt. Mehr kann man kaum wollen.

Rumult Bavarian Rum Titel

Der weite Weg vom Erntefeld – Rumult Bavarian Rum 2018

Die sogenannte Gargano-Klassifikation ist ein Versuch, etwas fachliche Struktur in die recht willkürlichen gewohnte Gruppierungen bei Rum zu bringen. Statt völlig nichtssagenden Kriterien wie der Farbe („brauner“ und „weißer“ Rum) oder groben Länderstilen („spanischer“ oder „britischer“ Stil), die letztlich mehr verwischen als sie aufklären, sollen hier herstellungsbedingte, objektive Faktoren Einzug in die Etiketten halten – so wie es bei schottischem oder amerikanischem Whisky schon selbstverständliche Praxis ist; wer würde sich schon mit einem „braunem Whisky nach schottischem Stil“ zufrieden geben statt einem „Single Malt Scotch“?

Es ist ein gutes, aber erstmal freiwilliges Kategorisierungsverfahren, und darum ist es schön, wenn man Produkte sieht, die sich dieser Initiative anschließen. „Pure Single Agricole Rum“ liest man zum Beispiel auf dem Etikett des Rumult Bavarian Rum 2018. Nun muss man sich trotz der Freude über diese Anwendung der Gargano-Klassifikation schon fragen – „Agricole“? Aus Bayern?

Rumult Bavarian Rum Etikett

Wer sich mit diesem Rumstil auskennt, stellt sich zunächst die Frage nach der Produktion. Agricole-Rum wird aus frischem Zuckerrohrsaft hergestellt, und dieser Saft ist nur extrem begrenzt haltbar; die Hersteller auf den französischen Antillen prägten den Spruch „mit dem Fuß im Boden, mit dem Kopf in der Mühle“, was aufzeigen soll, wie schnell das Zuckerrohr verarbeitet werden muss, um gute Qualität zu erreichen. Meines Wissens ist der Klimawandel noch nicht weit genug fortgeschritten, um bayerisches Zuckerrohr kultivieren zu können, also wie kommt das Basismaterial für den Rum nach Bayern? Die Hersteller importieren nach eigener Aussage das Rohmaterial aus Mauritius. Zuckerrohr selbst zu importieren und zu mahlen ist wohl nicht das Mittel der Wahl, weil zu aufwändig, und den Saft kann man schlicht nicht importieren, weil er auf der langen Reise von Mauritius, wenn man ihn nicht direkt von der Ernte einfliegen lässt, schlecht wird. Bleibt also nur die Möglichkeit des Eindickens des Saft, so dass er länger haltbar wird. Das wird von einigen Rumherstellern gemacht, das nennt sich dann aber halt Zuckerrohrsirup und nicht -saft. Für mich ist also rein produktionstechnisch der Rumult kein „Agricole“-Rum.

Es gibt aber noch eine zweite Falle, in die Hersteller Lantenhammer getappt ist. Der Begriff „Agricole“ ist nämlich in der EU geschützt, und darf nur für Produkte aus den französischen Überseedépartements und der autonomen Region Madeira verwendet werden (siehe EU-Verordnung 11/2008). Der aktuelle Gesetzestext ist etwas schwammig formuliert, doch es gibt zwei Fakten, die mich darin bestätigen, dass ich den Text richtig lese: Erstens ein persönliches Gespräch mit Marc Sassier, dem Präsidenten der AOC Martinique, das ich beim Frühstück in einem Hotel in Bulgarien hielt, der dies ebenso versteht; zweitens ein Gesetzesvorschlag bei der EU, der die Lesart aufklären soll, und meine Lesart ganz eindeutig macht. Siehe dazu aber auch den unten angehängten Hinweis.

Nach der Problematik des Basismaterials und vor der Problematik des Etiketts steht allerdings eine weitere Baustelle: Der Geschmack. Dieser ist dann doch eher ein subjektives Kriterium – werfen wir einen Blick darauf.

Rumult Bavarian Rum 2018

Der Rumult ist laut Hersteller ein Blend aus in 4 unterschiedlichen Fasssorten (Ex-Bourbon, Ex-Cognac, Ex-Sherry sowie Ex-Madeira) gereiften Destillaten. Jene Destillate wurden in „Pot Stills“ gebrannt, es ist bei Lantenhammer wohl davon auszugehen, dass es sich um ehemalige Obstbrennapparate handelt (das ist keineswegs wertend gemeint – derartige Apparate erzeugen einen eigenen Charakter, das mag ich eigentlich). Es ist keine Altersangabe vorhanden.

Farblich sehen wir ein schönes Ocker, mit strohigen Reflexen. In meinem Nosingglas bewegt er sich sehr gediegen, mit einer gewissen Schwere. Bei einem als „Agricole“ betitelten Rum erwartet man eine gewisse Typizität, die sich oft stark in der Nase äußert. Diese Erwartung wird beim Rumult direkt enttäuscht – da ist nicht mal der Ansatz einer Grasigkeit, Zuckerrohrsaftfrische oder ähnlichem. Eigentlich rieche ich fast nur Vanille, die wohl aus dem Bourbonfass stammt. Eine starke Ethanolnote ist die zweite Komponente. Erst, wenn man viel Geduld aufbringt, kommt in der Tiefe eine gewisse karamellige Würze und eine Erinnerung an Zuckerwatte auf; doch auch hier sind das eher Holz-, und keine Zuckerrohrnoten.

Auch die Geschmacksknospen fragen sich – wo bitte soll das hier ein Agricole-Rum sein? Sehr süß und im Antrunk (aber nur dort) angenehm breit, jedoch ohne große Tiefe. Alkoholfeurig im Verlauf und praktisch ausschließlich Holzaromen wie Vanille, Karamell, Reste von Süßwein. Das wars, ich will mir hier nichts aus den Fingern saugen, was nicht da ist. Der Abgang ist heiß, sehr alkoholisch (43% Alkohol sind praktisch nicht eingebunden, da bin ich am Keuchen nach dem Schlucken), aromatisch sehr kurz und besteht selbst in dieser Kürze fast nur aus Betäubungseffekten. Ein Eisenton und eine gewisse Pappigkeit klingen nach.

Wer trinkt das? Niemand, der sich für einen auch nur ansatzweise typischen Geschmack dessen interessiert, was man sonst als „rhum agricole“ bezeichnet. Niemand, der unabhängig davon an einem weichen, feinen Rum interessiert ist. Höchstens jemand, der einen gewissen Lokalpatriotismus zu Deutschland und/oder Bayern hat und dem dies wichtiger ist als alles, was ich in diesem Artikel ankreide. Man treffe seine eigene Entscheidung.

Später hinzugefügter Hinweis (aus gegebenem Anlass): Natürlich spreche ich, was die Gesetzgebung angeht, nur für die Produkte, die in der EU vermarktet werden wollen. Wenn irgendwo auf der Welt sich jemand entscheidet, seinen Zuckerrohrsaftrum „Agricole“ benennen zu wollen, dann darf er das natürlich – erst die gewünschte Vermarktung in Europa zwingt einen Hersteller, sich an EU-Vorgaben zu halten. Die EU-Gesetzgebung ist darüberhinaus scheinbar aktuell noch so schwammig, dass laut eigenen Aussagen Lantenhammer dieses Produkt als „Agricole“ vermarkten darf. Ich hoffe auf Besserung in der Klarheit der Gesetzgebung – mal schauen, was die neue, geplante EU-Spirituosenverordnung bringen wird.

Nardini Grappa Riserva 15 Anni Titel

Ein Herbstspaziergang – Nardini Grappa Riserva 15 Anni

Wir Spirituosenmissionare müssen zusammenhalten. Wir lassen uns daher auch gern von einem Kollegen inspirieren, etwas auszuprobieren, wozu wir selbst erstmal nicht direkt einen Bezug haben. Die Welt der Brände und Liköre ist einfach viel zu riesig, als dass man als Einzelner irgendwie eine Chance hätte, alles direkt überblicken und einordnen zu können, und sie entwickelt sich täglich weiter. Daher freue ich mich immer sehr, wenn ich beim Spicken bei den Kollegen etwas entdecke, was mein Interesse reizt. So ging es mir mit dem Nardini Grappa Riserva 15 Anni, den der hochgeschätzte Vlogger Ralphy in einem seiner Videoblogs in höchsten Tönen lobte. Persönlich habe ich eine Schwäche für Grappe (dem italienischen Plural für Grappa, nur mal so klugscheißerisch angemerkt), daher kam ich nicht umher, mir eine Flasche davon zu besorgen.

Nicht ganz billig, und auch nicht überall erhältlich ist dieser Tresterbrand, der 15 Jahre in slawonischer Eiche reifen konnte. Traubenreste aus den nordostitalienischen Gebieten Venetien und dem Friaul werden doppelt mittels der für Grappa vorgeschriebenen Dampfdestillation gebrannt – Dampfdestillation deshalb, weil sie der einzige Weg ist, die toxischen Stoffe, die Traubenkerne und -stiele abgeben würden, brännte man sie auf konventionelle Weise, aus dem Destillat herauszuhalten. Das Verfahren wird zum Beispiel auch bei chinesischem Baijiu eingesetzt. Es wird in einem Folgeartikel über einen anderen Grappa auf meinem Blog etwas näher erläutert werden. Nun wollen wir uns aber zunächst den Nardini Grappa Riserva 15 Anni mal im Glas anschauen.

Nardini Grappa Riserva 15 Anni Flasche

Farblich sieht man, dass 15 Jahre Reifung nicht unbedingt zu einer schwarzbraunen Brühe führen müssen. Dieser Grappa ist klar, strohgolden, dabei aber strahlend. Im Glas kaum viskos. Man kann sich allerdings kaum auf die Farbe konzentrieren, denn man stürzt geradezu in das überwältigende Aroma, das aus dem Glas verströmt: Dunkle Schokolade, getrocknetes Heu, Kandis… ich versuche eigentlich, nicht ins Schwärmen zu geraten, wenn ich Tasting Notes schreibe, aber hier fühle ich mich einfach wie auf einem Herbstspaziergang über abgeerntete Getreidefelder.

Nach dem ausgedehnten Schnupperspaziergang muss der Nardini Riserva nun zeigen, ob er im Geschmack ähnlich verzaubern kann. Er ist zu Beginn sehr süß, wirkt zunächst etwas staubig, dabei wird ein weites Panorama an Geschmackskomponenten aufgefächert: Kakao, Heu, Oolong-Tee, Tabak, reifer Pfirsich, Datteln, Rosmarin und Mandeln. Eine volle Breitseite an Eindrücken, die Liste könnte ich mit jedem Schluck fortsetzen. Im Abgang wird er schließlich feurig-heiß; ein wirklich extrem langer Abgang komplettiert das durchweg positive Bild, voller Charakter, mit starken Kakao- und Teenoten und einem minzigen Finish.

Man erahnt, dass mein Gesamtfazit nicht wirklich negativ ausfallen kann. Der Nardini Riserva ist unglaublich vielschichtig und bunt, dabei höchstkomplex. Eine herrliche Spirituose, etwas, wovon ich nachts träume.

Grappa ist eher selten in Cocktailrezepten zu finden – seltsam eigentlich, denn die Aromatik ist spannend und kräftig, sowas sucht man normalerweise händeringend. Ungereifter Grappa macht sich hervorragend als Ginersatz in vielen Drinks, gereifter Grappa kann in zum Süßen tendierenden Cocktails den Twist geben, den ein gemütlicher Bourbon nicht liefern kann. Der Principino ist ein herrlicher Dessert-Drink, der dem wahren Genießer statt dem üblichen „Aufs Haus“ beim Italiener den Magen schließen könnte – er vereint Süßes, Kaffee und Grappa, also alles, was man sonst so nach dem Essen zu sich nimmt.

Principino


Principino
1½ oz Grappa (z.B. Nardini Grappa Riserva 15 Anni)
¾ oz weißer Pfefferminzlikör (z.B. Berliner Luft)
¾ oz Kaffeelikör (z.B. Kahlúa)
¾ oz Maraschino-Likör (z.B. Bols Maraschino)
Alle Zutaten auf Eis shaken. Im Glas dann mit etwas aufgeschlagener Sahne toppen.
Mit Minzblatt und Kakaopulver dekorieren.
[Rezept nach Renato Cumerlato]


Die kleine „halbe“ Flasche mit 35cl Fassungsvermögen wird in einem schönen, stabilen Klappkarton mit Plastikeinlage für die Flasche selbst vertrieben – dieser macht echt was her, ebenso wie die zurückhaltend gestaltete Etikettierung. Das macht das Gesamtpaket zu einem idealen Geschenk für jeden echten Spirituosenfreund.

Nardini Grappa Riserva 15 Anni Geschenkkarton

Eine wirklich schöne Entdeckung, und ich bin dem oben erwähnten Ralphy sehr dankbar, dass er mich darauf hingewiesen hat. Er selbst pflegt einen ähnlichen Stil wie ich, was die Auswahl von Rezensionsprodukten angeht – grundsätzlich bespricht er eigentlich Whiskys, blickt dabei aber gern über den Tellerrand und holt sich auch ab und an Rums oder anderes ins Boot. Einfach, weil man die Präferenzspirituose selbst viel besser würdigen, schätzen und einordnen kann, wenn man auch außerhalb von ihr hin und wieder mal etwas probiert. Ich empfehle das auch allen Lesern meines Blogs, die einen Lieblingsschnaps haben und sich nicht vorstellen können, dass sich das je ändern könnte: Ausprobieren! Nicht immer, aber immer öfter wird man extrem positiv überrascht werden.

Ming River Sichuan Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 12 – Ming River Sichuan Baijiu

Es ist nun schon eine gewisse Weile her, dass ich einen Baijiu besprochen habe. Meine Artikelreihe Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, die als Miniserie gedacht war, weist zwar schon 11 Einträge auf, mit einem breiten Sortiment an Leicht-, Stark- und Saucearoma-Baijius, doch insgesamt krankte es wohl an einem Detail: Die meisten der von mir besprochenen Baijius sind exklusive Produkte, in China für den chinesischen Markt hergestellt, in Deutschland praktisch nicht erhältlich und werden es wohl auch in mittelfristiger Zukunft nicht sein. So kann der Leser zwar versuchen, mein Interesse für diese Spirituosenkategorie auf einer abstrakten Ebene nachzuvollziehen, doch so richtig begreifen tut man es halt erst, wenn man so einen Tropfen auch mal selbst im Glas hat.

Dies kann sich nun ändern. Der Ming River Sichuan Baijiu ist endlich ein hochqualitativer Baijiu, der offensiv auf dem europäischen Markt angeboten wird. Das spannende an dieser Herangehensweise ist, dass westliche Spirituosenexperten schon bei der Auswahl und Herstellung eines Produkts mit ins Boot geholt werden; das Ziel ist, die zwar nicht wirklich enge, aber doch eingegrenzte Perspektive des chinesischen Markts sprengen zu können. Zugegebenermaßen muss bei vielen Produkten eine nichtchinesische Zielgruppe bereits früh mitberücksichtigt werden, um die gröbsten Kanten, die Chinesen lieben, Westler aber abstoßen, auszugleichen. Ähnlich wie beim Red Star Nuwa, der von Christian Vergier mitgestaltet wurde, ist hier jemand gefunden worden, der sich in der Welt des chinesischen Klaren auskennt wie kaum ein zweiter außerhalb Chinas – Derek Sandhaus, Autor des aktuell einzigen vernünftigen Buchs über Baijiu. Der Nuwa war nun ein Leichtaroma-Baijiu, der Ming River ist dagegen der erste für deutsche Konsumenten gut verfügbare Starkaroma-Baijiu; die Kaufbarkeit ist aber nur ein Teil der Frage, viel wichtiger ist – taugt er was, kann man sich damit an die Kategorie herantasten?

Ming River Sichuan Baijiu

Bei Baijiu gibt es nicht viel über die Farbe zu sagen – klar und ohne Einschlüsse. Er bewegt sich lebendig und flüssig im Glas, es ist kaum Öligkeit erkennbar. Das typische Starkaroma-Baijiu-Aroma ist geruchlich direkt präsent. Fermentierte Pfirsiche, weiße Gummibärchen, überreife Ananas, verrottete Bananen. Dazu kommt eine dezente Teernote, etwas Plastik, Apfelessig und ein Hauch von Lakritze. Insgesamt wirkt der Ming River hell und trotz der vielen Ester leicht, insbesondere im Vergleich zu vielen seiner Kategoriekollegen.

Kommen wir zum Geschmackseindruck: Sehr süß im Antrunk, mit Klängen von Kandiszucker, viel Frucht, Pfirsich und ganz besonders Ananas. Die Fruchtester übertreffen die von Hochesterrum bei weitem in Weiche und Anzahl. Sehr dicht und fett, dabei aber mild – 45% Alkohol sind gut gewählt und sehr rund eingebunden. Kleine Spitzen von Teer und Plastik tauchen im Verlauf auf, wirken aber nicht störend. Später kommen dunkle Schokoladenaromen und Karamell, Bananigkeit und Datteln zum Vorschein, ohne dabei übermäßig süß zu werden – ein sehr interessanter Geschmacksbogen, der ständig etwas Neues zu bieten hat. Der mittellange Abgang ist sehr anislastig, lakritzig, süßholzig. Sehr warm und mit einem seidigen, schokoladigen Finish. Das Süßholz hängt noch eine Weile nach, ohne dabei zu sehr zu klammern; ein Baijiu, der einen auch wieder loslässt, das weiß man zu schätzen, wenn man welche probiert hat, die einen noch Stunden später beschäftigen.

Das ist eine hochkomplexe Fruchtbombe, die diesbezüglich jedem Hochesterrum die Show stiehlt, dabei aber nicht überwältigt oder zu kompliziert wird, nie kratzt oder beißt, und in ihrer Rundheit und Kantenlosigkeit begeistert.

Gerade die ausgeprägte Fruchtigkeit macht den Ming River zum interessanten Spieler in diesbezüglich eh schon orientierten Cocktails. Kaum ein zweiter hat sich um Baijiu in Drinks ähnlich verdient gemacht wie Ulric Nijs – aus seiner Feder stammt auch der Berry Baijiu Sour, der dies demonstriert.

Berry Baijiu Sour


Berry Baijiu Sour
1 oz Starkaroma-Baijiu
¾ oz Zitronensaft
¾ oz Himbeerlikör
¼ oz Galliano L’Authentico
1 Eiweiß
Dry shake, dann auf Eis shaken.

[Rezept nach Ulric Nijs]


Die Flasche ist in Anlehnung an eine chinesische Laterne gestaltet; extravagante Formen sind bei Baijiu-Flaschen eher die Regel denn die Ausnahme, das hatte ich bei einem anderen Artikel schonmal angesprochen. Das Etikett hält sich dagegen etwas zurück, ist mit der recht abstrakten Schwarzweißillustration zufrieden. Ich habe diese Flasche von Derek Sandhaus persönlich erhalten, während unseres gemeinsamen Aufenthalts in Plovdiv während des Concours Mondial de Bruxelles.

Derek Sandhaus und Ming River Sichuan Baijiu

Ich bitte darum, sich auf einen Versuch einzulassen. Man braucht eine gewisse Lernphase, ohne Zweifel, hat man sie aber durchschritten, liegt eine komplett exotische, fremde Aromenwelt vor einem, die keine andere Spirituose der Welt in dieser Konsequenz bieten kann, die man erforschen und voller Sense of Wonder kennenlernen kann. Und ich garantiere, wenn man genug Energie investiert, wird man das, was man zu Beginn nie gedacht hat mögen zu können, lieben voller Inbrunst. Der Ming River Sichuan Baijiu ist dabei sowohl für Einsteiger als auch für Profis ein perfektes Beispiel dafür, was hochqualitatitver Baijiu kann.