Eine neue Welt – Kizakura Honjozo, Junmai, Junmai Daiginjo Yamadanishiki Sake

Tatsächlich geschieht es bei mir selten. Man denkt nach einigen Jahren als engagierter Spirituosenblogger hat man alles schon gesehen, und kennt eigentlich grundsätzlich alles. Hin und wieder muss man sich aber dann hinterfragen, und sich darüber klar werden, dass es immer Dinge gibt, die es zu entdecken gilt. Bei mir ist das aktuell Sake. Die Leser meines Blogs können hier nun also fast live mitverfolgen, wie es ist, sich mit einem komplett neuen Thema auseinanderzusetzen: ich bin hier eingestiegen als ich allerhöchstens genauso weit wie Ihr wart, liebe Leser.

Beginnen wir mit der Klarstellung – Sake ist keine Spirituose, denn hier wird nichts destilliert. Es ist  also kein Reisschnaps, wie Sake, oder Nihonshu, wie er laut der japanischen Schutz-GI eigentlich benannt werden will, oft bezeichnet wird, und auch kein Reiswein, sondern ein Reisbier. Dahingehend beginnt man eigentlich doch nicht auf der komplett grünen Wiese, sondern man hat, wenn man sich etwas mit Bier und Sherry auskennt, schonmal eine solide Basis, auf die aufgebaut werden kann. Ich kann es nicht vermeiden, zunächst etwas Theorie aufzubereiten, da dies mein erster Sake-Artikel ist. Ich gebe direkt zu, dass die Sake-Klassifikation komplex ist, mir in ihrer Konsequenz und Transparenz aber sehr gefällt, davon können sich manch andere Kategorien eine Scheibe abschneiden. Das folgende Diagramm erklärt eigentlich das wichtigste diesbezüglich auf einen Blick – ich danke sake-talk.com für die freundliche Genehmigung, es hier wiedergeben zu dürfen, man muss das Rad ja nicht neu erfinden, vor allem, wenn es so hübsch und klar aufbereitete Grafiken schon gibt.

The Basic Types of Sake (courtesy of http://www.sake-talk.com/basic-types-of-sake/)

In Folgeartikeln zu anderen Sakes werde ich dann auf einzelne Details der Sakeproduktion eingehen, die wichtig sind, aber für diesen Einstieg dann doch den Artikel überladen würden. Man kann aus diesem Diagramm letztlich aber schonmal mitnehmen, dass es unterschiedliche Qualitäten an Sake gibt, die sich unter anderem aus der Produktionsmethode herleiten – wie stark ist das Reiskorn poliert, wird Alkohol zur Stabilisierung des Alkoholgehalts zugesetzt, mit welcher Temperatur wird fermentiert? So entstehen die großen Kategorien des hochwertigen Sake: Honjozo, Junmai und Ginjo, mit ihren Subkategorien.

Die erste Frage, die man sich als Neuling stellen muss – mit welchen Produkten fange ich an? Ich habe mir absichtlich nichts extrem hochwertiges, rares und besonderes ausgesucht, sondern 3 Sorten eines Herstellers gewählt, die leicht erhältlich und hübsch anzusehen sind; das ist wahrscheinlich der Ansatzpunkt, von dem viele aus starten würden, solange man keine Ahnung hat. Um einen ersten groben Überblick zu bekommen, habe ich mir also in einem Asia-Laden drei Sorten des Herstellers Kizakura eingepackt – Honjozo, Junmai und Junmai Daiginjo Yamadanishiki Sake.

Kizakura Sake Honjozo, Junmai, Junmai Daiginjo

Beginnen wir mit dem Kizakura Honjozo. Honjozo Sake ist die „unterste“ der drei Premium-Sake-Kategorien (tokutei-meisho-shu). Er ist, wie leicht aus dem Diagramm ablesbar, gekennzeichnet durch eine Reispolierrate von höchstens 70%, und einer Versetzung mit Neutralalkohol. Bei diesem Produkt unterschreiten wir das, wir haben 65% Reispolierung. Und darüber hinaus, und das ist besonders, eine Einmischung von 5%  Koshu (also gereiftem Sake).

Wie von tokutei-meisho-shu erwartet, weist die Flüssigkeit kaum Farbe auf, nur eine leicht strohige Note ist da, und ist strahlend klar ohne jeden Einschluss oder Trübung. In der Nase finde ich direkt eine sehr fruchtige, schwere Note nach Pfirsich, rotem Apfel und Ananas. Etwas Lavendel komplementiert das Bouquet. Von Anfang an ist der Honjozo süß und schwer im Mund, ein sehr weiches und cremiges Mundgefühl. Ein dezenter Alkoholhauch, doch erkennbarer als bei den folgenden Junmai-Sakes, begleitet uns immer. Traubig, mildapfelig, etwas nach Birne – sehr aromatisch, dabei aber nie überwältigend. Eine erkennbare Säure sorgt für Frische und gleicht die schwere Süße der Früchte aus. Der Abgang ist leicht alkoholisch, ein Zeichen der Zusetzung von Neutralalkohol, ohne aber je dabei zu stören. Für Sake aromatisch vergleichsweise lang, etwas bitter am Ende, eine erkennbare Kante ist da, mit leichten Betäubungseffekten an den Zungenseiten, und einem sehr trockenen Finish.Kizakura Honjozo Sake

Ich trinke das ehrlich gern. Manche sagen, darunter das Etikett, dass man Honjozo zimmerwarm oder sogar erwärmt trinken soll – ich halte mich daran, das kühl zu konsumieren, und da sorgt es für viele positive Effekte. Die Frucht ist schön ausgearbeitet, das Süßesäurespiel wunderbar kalibriert – ein tolles Getränk, und den zugeblendeten Koshu erkennt man wirklich mit seiner Würze, die in den anderen bisher probierten Sake nicht da ist.

Junmai ist die Bezeichnung für alle Sakes, die nicht mit Neutralalkohol versetzt wurden und auch keine weiteren Zusätze außer den Basiszutaten Reis, Koji und Wasser haben. Eine Art Reinheitsgebot, sozusagen – im eingangs gezeigten Diagramm leicht erkennbar durch die gestrichelten Linien. Neben dieser Klassifizierung, die an andere Kategorien angehaftet werden kann, ist Junmai für sich stehend auch der Name für die nächsthöhere Qualitätsstufe der Premium-Sakes – es wird dafür keine Mindestrate des Reispolierens gefordert. Für den Kizakura Junmai ist dennoch eine Rate angegeben (70%), dazu die Information über Alkoholgehalt (15%). Gern hätte ich noch eine Angabe zu Süße (SMV) und Säure.

Kizakura Junmai Sake

Farblich sehen wir nur ein Hauch von Tönung, noch weniger als Weißwein, dabei klar und strahlend. Keine Viskosität beim Schwenken. In der Nase entdeckt der Kenner einen starken Fino-Sherry-Geruch, dazu milde Hefe und leichte Essignoten. Etwas zusätzliches, vielleicht Frischpilze, ist die unterwartete Komponente. Aber auch Bekanntes, wie Weißwein, dezente Frucht, leichte Blumigkeit. Von allem nur einen Hauch. Geschmacklich bleibt der Kizakura Junmai leicht, süßlich, mit etwas Salzigkeit. Erinnert auch hier wieder stark an Fino Sherry, verdünnt allerdings. Fermentierungsnoten bringen die Exotik, ebenso eine sehr zurückhaltende, aber erkennbare Esterigkeit. Sehr deutlich wird die verringerte Alkoholizität und gefühlt höhere Eleganz im Vergleich zum Honjozo. Im Abgang wird dieser Sake sehr trocken, plötzlich würzig, viel aromatischer als während der Zeit, in der er im Mund ist. Er strahlt dazu eine leichte Wärme aus, obwohl er gekühlt getrunken wurde.

Schon ungewohnt und interessant, ohne sich dabei in Exotik zu wälzen, und bestimmt sehr angenehm als Essensbegleiter zu Fischgerichten oder Sushi als Alternative zu Weißwein. Gut gekühlt ist der Kizakura Junmai auch erfrischend, und schließlich sehr vorteilhaft in einem Sake & Tonic, da er hier seine Würzigkeit gut rüberbringt. Ein schönes Produkt.

Zu guter letzt die laut Klassifikation höchste Qualitätsstufe der hier vorgestellten Sakes – der Kizakura Junmai Daiginjo Yamadanishiki. Das letzte Wort dieses Titels zeigt auf, welche Reissorte eingesetzt wurde (Yamadanishiki ist die am weitläufigsten kultivierte Sake-Reissorte, etwa ein Drittel allen Sake-Reises ist von dieser Varietät). Wie der Name schon sagt, haben wir hier also einen Sake, der zu 100% aus Yamadanishiki-Reis ohne Zugabe von Alkohol hergestellt wurde, mit einer Reispolierrate von höchstens 50%, und der nach der Ginjo-Methode fermentiert worden ist (langsam und bei niedriger Temperatur also).

Kizakura Junmai Daiginjo Yamadanishiki Sake

Die Farbe ist extrem blass, fast schon nicht mehr vorhanden. Keinerlei Trübung ist zu erkennen. Im Glas bewegt sich dieser Sake mühelos und ohne Schwere. Champagner und Riesling rieche ich beim ersten Schnuppern, eine milde Fruchtnote nach Kirsche, und dazu eine leichte Apfelblüten-Floralität. Sehr attraktiv, dabei immer zurückhaltend und vorsichtig. Ein Hauch von Malzigkeit klingt mit. Im Mund, bei Kühlschranktemperatur, klingt der Junmai Daiginjo sehr fruchtig an, wird dann sehr süß. Ein fast schon cremiges Mundgefühl überrascht. Feine Ester erinnern an reife Banane und Ananas. Im Verlauf baut sich etwas Säure auf, die gegen Ende stärker wird, ohne die Süße ganz verdrängen zu können – vorsichtige Komplexität entsteht. Der Abgang schließlich ist dann plötzlich trocken, leicht astringierend, aromatisch kurz. Erst ganz spät, im Nachhall, meint man, die 15% Alkoholgehalt spüren zu können, in einem leichten Prickeln an den Zungenseiten und einem tiefen Wärmehauch.

Ich gebe zu, das ist schon verdammt elegant, ohne dabei je streng zu werden. Diese Mischung aus Süße und Distinguiertheit kenne ich von kaum einem anderen Getränk, das ich bisher im Mund hatte – jedenfalls findet sich hier ein sehr hoher Wiedererkennungswert, und dazu ein echter Wiedertrinkwunsch.

Ich bin zur Zeit noch an der Evaluation, wie Sake idealerweise in Cocktails einzusetzen ist. Als relativ zarte, mildaromatische Zutat muss man jedenfalls darauf achten, dass er nicht gegen starke Wucht anderer Zutaten anzukämpfen hat. Als erste Idee springt einem natürlich ein einfacher Longdrink in den Sinn – der Junmai Sake & Tonic hört sich vielleicht einfallslos an, ist aber ein wirklich schöner Drink, mit vielen dezenten, würzigen, und sehr effektvollen Noten.

Junmai Sake & Tonic


Junmai Sake & Tonic
2 oz Junmai Sake
2 oz Tonic Water
Auf Eis bauen.

[Rezept nach Helmut Barro]


Diese Kizakura-Sakes sind, wie ich zu Beginn schon erwähnte, recht hübsch anzuschauen in ihrer Präsentation. Kleine Dekanterfläschchen aus Glas, mit einem Folienüberzug in unterschiedlichen Farben, und einem so noch nie gesehenen Aluverschluss mit Zugring, etwas erinnernd an Konservendosen. Da Sake ein sich schnell veränderndes Produkt ist (auch das hat es mit Sherry gemein), das nach Herstellung – nicht Kaufdatum! – recht zügig konsumiert werden sollte, sind kleine Fläschchen wie diese eigentlich ideal, und für eine einzelne Sitzung gedacht und daher stört die mangelnde Wiederverschließbarkeit nur wenig. Grundsätzlich ist Sake gekühlt und dunkel aufzubewahren – etwas, was leider nur wenige generische Asia-Läden, in denen man Sake kauft, einhalten werden, weil sie es einfach nicht besser wissen. Wenigstens nach Kauf sollte man sich aber dran halten, was auch immer es dann noch bringen mag.

Meine Reise ins Sakeland endet hier natürlich nicht – ich bin zugegebenermaßen etwas angefixt. Es stehen zum aktuellen Zeitpunkt bereits 5 weitere Sakes bereit, verkostet zu werden. Es würde mich freuen, wenn Ihr Leser mich auf dieser Reise weiter begleitet, in zukünftigen Artikeln zu diesem spannenden Reisbier!

Oder hält doppelt gereift besser? Huizache Origen Tequila Reposado

Man kann kaum mehr gereifte Spirituosen kaufen, die nicht noch irgendwie ein spezielles Cask Finish erhalten. Heutzutage reicht es nicht aus, eine Weile im Fass gelegen zu haben. Und selbst Sherryfässer, die man oft verwendet für derartige Zwecke, sind dem anspruchsvollen Konsumenten nicht genug, der immer auf der Suche nach spektakulär neuem ist, ob es Sinn macht oder nicht – man braucht mindestens schon Sauternes- oder Bierfässer, und vielleicht irgendwann Essig- oder Salzgurkenfässer für den letzten Kick.

Nun, ich polemisiere etwas. Manchmal macht so eine zusätzliche Reifeperiode auch Sinn, wenn sie nicht vom Marketing getrieben ist. Einen Tequila, der eh nur kurze Zeit in einem Holzfass reposiert, zusätzlich noch für eine Weile in ein zweites Fass zu geben, ihn dabei aber immer noch unterjährig zu reifen (insgesamt lag der Huizache Origen Tequila Reposado 9 Monate in Holz), sowas ist durchaus von Spannung. Es gibt nicht viele Tequilahersteller, die Reposados mit unterschiedlicher Reifedauer anbieten, daher ist das ein interessantes Experiment.

Huizache Origen Tequila Reposado

Der Reposado Origen ist erkennbar blasser als sein weniger gereifter Cousin, der Reposado. Zusätzliche 6 Monate in Fässern aus französischer Steineiche ziehen laut Hersteller etwas Farbe ab, statt sie zuzufügen – ein natürlicher Filtereffekt, sozusagen, man hört nicht oft davon, vorstellen kann ich mir es aber schon, wenn das zweite Fass neutral geworden ist.

Geruchlich fällt mir zunächst eine überraschende Rauchnote auf – nicht so, wie bei einem Fumado, aber doch präsent. Insgesamt ist die Nase ausgesprochen grün, sehr vegetal und wie frisch abgeschnittene Blätter. Die vanillige Süße der Fassreifung und die Kaugumminote der Diffusorbehandlung kombinieren sich zum sehr ansprechenden Gesamtaroma. Im Hintergrund lauert etwas Ethanol, das aber erst beim tiefen, langen Schnuppern auftaucht und selbst dann nicht sticht.

Huizache Origen Reposado Glas

Geschmacklich ist der Origen interessanterweise intensiver als sein jüngerer Cousin, er hat mehr von allem, obwohl er mit 35% deutlich schwächer abgefüllt ist. Erst im Abgang, der leider noch kürzer als der des Reposado ist, merkt man, dass diese 5% weniger ihren Preis haben. Bis dahin hat man aber schöne Agavenaromen, viel Wintergrünöl, eine milde Pfeffrigkeit, und doch etwas Alkoholfeuer.

Wie bei allen Huizaches geht dem Destillat am Ende, wie schon angedeutet und in den vorherigen Rezensionen erwähnt, etwas die Luft aus. Der Eisenton (wie man es von Zahnfleischbluten kennt) ist etwas zu präsent, die Länge fehlt und beim Origen ist das ganze noch etwas deutlicher. Warum die Entscheidung getroffen wurde, auf etwas magere 35% (die Untergrenze dessen, was für Tequila erlaubt ist) herab zu gehen, während der Trend bei Kennerspirituosen eher zu strammeren 46% hin geht – das bleibt mir ein Rätsel, und ich persönlich finde es eine falsche Entscheidung.

Vielleicht passt der Name des Cocktails, für den ich mich bei dieser Besprechung entschieden habe, auch ganz gut auf den Huizache Origen grundsätzlich – The Mexican Gentleman. Spanische Sherrys mit mexikanischen Spirituosen, das ergibt eine gefährlich leckere Mischung, die durch zerstoßene Früchte aufgelockert wird.

The Mexican Gentleman


The Mexican Gentleman
2 Heidelbeeren, 2 Himbeeren, 1 Erdbeere, 1 Orangenscheibe im Shaker muddeln
1 oz Manzanilla Sherry
1 oz Tequila reposado
½ oz PX Sherry
½ oz Mezcal
Auf Eis shaken. Auf crushed ice abseihen. Mit Früchten dekorieren und leicht umrühren.

[Rezept nach Sean Kenyon]


Die Präsentation gefällt mir sehr. Ich finde den Schriftzug wirklich gut gestaltet, dazu kommt die Flasche, die sehr geschickt mit der gleichen Farbe des Inhalts in einem Farbverlauf nach oben hin transparent wird. Die dezenten Gestaltungselemente weiß ich zu schätzen – manche Hersteller versteigen sich zu plump-üppigen Dekorationen, von denen ich aus Erfahrung weiß, dass sie oft nur der Ablenkung vom mäßigen Inhalt dienen. Der Nachfüllstop ist einfach der Herstellungsregion und der dortigen Problematik der Produktpiraterie geschuldet, ich habe mich damit abgefunden, mögen tu ich es nicht. Ein Schraubverschluss ist bei Spirituosen wie dieser, die man, einmal geöffnet, schnell austrinkt und nicht aufbewahrt, sehr viel angebrachter als ein Korken. Dazu der hübsch gestaltete Karton – ich habe diesbezüglich nichts zu meckern.

Offenlegung: Ich danke dem deutschen Distributor fifteenlions für die unaufgeforderte und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Tequilas.

Dreifach gereift hält besser – Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años

„Rum hat keine Regeln“, das ist ein beliebter Satz, den man immer wieder hört. Tatsächlich gibt es keine globale Regelung von „Rum“. Andererseits gibt es auch keine globale Regelung für „Whisky“. Es gibt aber sehr strenge Regeln für „Bourbon“ und „Scotch Whisky“, und ähnlich muss man das auch bei Rum sehen – neben den Gesetzen, die in der EU-Spirituosenverordnung niedergelegt sind, die nur als minimal geltende Grundlage für die gesamte Kategorie dienen, haben eigentlich alle rumherstellenden Länder jeweils eigene Gesetze dafür, was dort als Rum gelten darf und was nicht. Manche sind strenger, manche lascher; manche ausgefeilt, manche eher lose formuliert; manche stehen in Widerspruch zu Details in der EU-Verordnung, manche fügen zusätzliche Rahmenbedingungen hinzu.

Kuba beispielsweise präsentiert ein langes Traktat, das beschreibt, wie Rum, der als solcher verkauft werden soll, hergestellt werden darf, mit vielen Vorschriften, die in anderen Ländern nicht gelten. Darin ist auch festgelegt, wie die Reifung auszusehen hat. Die dreifache Reifung, die als „triple añejamiento“ auf dem Etikett des Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años ausgewiesen wird, ist ein Beispiel dafür. In der kubanischen Regelung ist vorgesehen, dass eine (optionale) dritte Reifungsstufe dem bis dahin in Ex-Bourbon-Fässern dahindümpelnden Destillat wieder frischen Sauerstoff zufügt – durch einen Blending-Zwischenschritt und das Umfüllen in andere Fässer. Diese sollten allerdings alt und aromatisch neutral sein. Dieser Schritt soll laut eigener Aussage dafür sorgen, den Geschmack und das Aroma zu optimieren. Schmeckt man einen Unterschied zwischen einem „doble añejamiento“ wie beim Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años und einem Blend, der diesen dritten Schritt auch noch gemacht hat? Ganz sicher tut man das, wie dieser Rum beweist.

Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años

Farblich ist der 15 Jahre alte Kubaner (über die eigene Art, wie auf Kuba das Alter von Rum berechnet wird, hatte ich schon beim 7-jährigen Verwandten dieses Rums berichtet) sehr dunkelbraun, geht schon fast ins rötliche über – die orangefarbenen Reflexe und die leichte Viskosität, mit der sich der Rum im Glas bewegt, sorgen für einen insgesamt wirklich tollen optischen Eindruck.

Hält man das Glas an die Nase, riecht man zunächst den typisch kubanischen Stil, leicht, nur dezent fruchtig, süßlich, alkoholisch, ohne große Tiefe. Beim Santisima Trinidad 15 kommt eine gewisse Nussigkeit dazu, viel Vanille, Toffee, Butterscotch und Gewürze aus der Weihnachtsbäckerei, insbesondere Kardamom.

Im Antrunk wirkt er überraschend süß und schwer, die selbst durchgeführte Zuckermessung ergibt grob 14g/L, das erklärt das. Im Verlauf nimmt die Süße dann ab und wird unterfüttert durch eine sehr würzige Kardamom- und Nelkennote, die das Geschmacksbild ab dann prägen. Schön breit und voll liegt er im Mund, sehr gefällig und rund, ohne wirkliche Komplexität, mild und dabei doch nicht zu bequem – da könnte etwas mehr Spannung aufgebaut werden. 40,7% Alkoholgehalt sind letztlich leider zuwenig dafür, der Hersteller hält sich dabei an den maximalen Bottling Proof von 41%, wie in kubanischen Rumgesetzen festgelegt (ja, es gibt eine Möglichkeit, dem auszuweichen, aber das muss man ja nicht nutzen).

Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años Glas

Pfeffrig und aromatisch ist dann der Abgang, hier geht dem Rum sehr deutlich die Luft aus, das Volumen schwindet und macht einem alkoholischen Feuerhauch mit Kribbeln auf der Zungenspitze Platz. Der Nachhall ist noch mit viel Gewürzen versehen, aber im Endeffekt etwas leer im Vergleich zum süßschweren Antrunk.

Das ist insgesamt sehr trinkbar und unterhaltsam, ein Rum, den man sehr schön abends vor sich hin schlürfen kann, auch gern mehrere Gläser, ohne dass einem dabei langweilig wird. Kopf und der Gaumen werden nicht überanstrengt, aber auch nicht unterfordert oder beleidigt – der Ron Santisima Trinidad 15 hat das, was sich der Kenner von leichtem Rum erwartet, und was dem Anfänger sicherlich auch gefallen wird. Ich gebe zu, die Gewürzkomponente ist so stark und speziell rumuntypisch, dass ich im Stillen eine leichte Aromatisierung vermute, ohne dies aber belegen zu können.

Entsprechend ist er auch eine Wohltat in Cocktails, die nach leichtem Rum verlangen – oft nutzt man da dann Produkte, die komplett ohne Charakter sind. Der Santisima Trinidad 15 eignet sich für Cocktails wie den La Florida nahezu perfekt. Das Ergebnis ist ein würzig-aromatischer, schwersüßer und dabei trotzdem seltsamerweise leichter Drink.

La Florida


La Florida
2 oz Rum
¾ oz Limettensaft
½ oz Crème de Cacao
¼ oz süßer Wermut
1 Teelöffel Grenadine
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Äußerst attraktiv finde ich die Präsentation – insbesondere, wenn man die beiden Flaschen der Marke nebeneinander betrachtet. Die grundsätzlich Flaschenform ist ähnlich massiv und schwer, aber nicht gleich, die des Fünfzehner ist deutlich schlanker und höher als die des in der Einleitung schon erwähnten Siebener. Das Etikett ist sehr hübsch, schwungvoll und dabei immer noch elegant zurückhaltend ohne die flashige Plumpheit vieler anderer Rums. Der geformte Korken im wuchtigen Flaschenhals tut sein übriges dazu

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años und 15 Años

Wie man auf dem Foto mit dem Glas sieht, habe ich die Flasche schon fast leer. Das ist schon eine Art von Auszeichnung, denn nicht viele Rums kann ich so unbeschwert und ohne eintretende Langeweile und Wunsch nach Abwechslung trinken wie den Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años. Ich würde wirklich gern eine ungesüßte Variante davon probieren – die Süßung ist der einzige Wermutstropfen in einem ansonsten wirklich schönen Rum, der mir viel Freude bereitet hat. Die Vergangenheitsform schon deswegen, weil ich davon ausgehe, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels die Flasche vollständig geleert sein wird.

Grünzeugs von der Saar – SaarWhisky Absinthe Absense, Herr der Frösche, Fürst von Absinth, Fragment und Weisser Kristall

Gin – das ist die Antwort auf die Frage, was kleinere Hersteller, oder solche, die erste Gehversuche im Spirituosenbusiness machen, auf den Markt werfen. Meist solcher, der kaum noch als Gin zu erkennen ist, weil er „neu“ und „innovativ“ ist und daher nicht mehr nach Wacholder schmecken muss (meint so mancher).  Ich bin begeistert, wenn sich ein lokaler, kleiner Abfüller etwas anderes aussucht, um neue Kundschaft zu gewinnen – und wenn es dann auch noch etwas eher seltenes ist, wie Absinth, um so mehr.

SaarWhisky hat sich schon durchaus einen Namen gemacht mit ihren Abfüllungen schottischen Whiskys – eine hohe Bewertung von Jim Murray in einer Kategorie seiner Whisky Bible sorgte auf Aufmerksamkeit. Mit Punktewertungen kann man mich kaum ködern, mit einer Serie von hausgemachten, selbst in kleinen Anlagen destillierten und von Hand teils mehrfach mazerierten Absinths aber schon. Ich habe mir die dankenswerter Weise auch in Miniaturen verfügbaren Produkte besorgt, und will sie hier vorstellen. Fürst von Absinth, Absense und Herr der Frösche sind Interpretationen des klassischen „grünen“ Absinths, darüber hinaus gibt es mit dem Weisser Kristall einen weißen Absinth, und der Fragment ist ein Rouge. Da steht viel Spaß ins Haus! Mein grundsätzliches Vorgehen bei Absinth, den ich insbesondere bei der hohen Abfüllstärke der SaarWhisky-Absinths nicht pur verkoste: Geruchsprobe erst ohne Wasserzugabe, dann mit und schließlich die Verkostung nur mit Wasser.

SaarWhisky Absinthe Absense, Herr der Frösche, Fürst von Absinth, Fragment und Weisser Kristall

Wir fangen einfach mal mit dem Fürst von Absinth an. Die Hintergrundgeschichte ist abenteuerlich – nach seinem Tod 1786 wurde Wilhelm Heinrich Fürst von Saarbrücken- Nassau mit einer Reihe von Kräutern einbalsamiert. Diese finden sich alle in diesem Absinth wieder. Erinnert mich etwas an Admiral Nelson, der in Rum eingelegt wurde. Man mag das alles mehr oder weniger appetitlich finden, die Farbe ist jedenfalls sehr hübsch – ein leichtes, dezentes strohiges Grün. Wie bei allen SaarWhisky-Absinths wird nicht gefärbt, die Farbe ist natürlich durch ein zweites Mazerationsverfahren entstanden. Ein dicker Beinteppich entsteht beim Schwenken im Glas. Nach Wasserzugabe entsteht sofort ein blickdichter, starker, immer noch leicht grünlicher Louche.

Pur riecht der Fürst von Absinth noch sehr süßlich, mit vielen Fenchel- und Anisnoten. Nicht lakritzig-aggressiv wie manch anderer französischer Absinth. Würzig, kräuterig, auch fruchtig mit Erinnerung an Orangenschale. Mit Wasser wird er herber, mineralischer, die Frucht ist vollständig verschwunden und durch Kalk und Algen ersetzt. Salbei und Kamille kommen nach vorn.

SaarWhisky Fürst von Absinth

Im Antrunk dominiert zunächst die Süße, eine milde Kräuternote beginnt aber direkt, sich zu entwickeln. Kamille, Koriander und Salbei meine ich aus der Liste der Botanicals tatsächlich herauszuschmecken. Im Verlauf ensteht eine pikante Bitterkeit, Süßholz und Anis beginnen, sich Raum zu verschaffen. Dank 68,3% Alkoholgehalt bleiben genug Aromen auch nach Verdünnung. Der Abgang ist mittellang, sehr blumig und leicht, ein bisschen salzig. Ein wenig Gewächshausgeruch hängt nach, milde Betäubungseffekte auf Zunge und Gaumen bleiben. Eure Hoheit, Ihr wisst zu überzeugen. Ein delikater, aber auch eleganter Absinth, der mir vor allem wegen der äußerst hübschen Blumigkeit im Abgang und Nachhall sehr gefällt.

Für die Cocktails, die ich für die Absinthes ausgewählt habe, achtete ich besonders darauf, dass es nicht nur Rezepturen sind, in denen Absinthe nur als Glasaromatisierer dient, wie beim Sazerac und ähnlichen. Im Petanque ist der Absinthe schon deutlich mehr als nur eine Note; bei einer Zutat, die sonst so aromatisch brutal daherkommt, ist es dann aber auch schwierig, etwas zu finden, das dagegen ankommt – die Eleganz des Fürst von Absinth kombiniert sich hier allerdings wunderbar mit der Nussigkeit des Sherry und des Amaretto.

Petanque


Petanque
2½ oz Amontillado Sherry
1 oz Amaretto
2 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis rühren.
½ Teelöffel Absinthe als Float

[Rezept adaptiert nach Andrew Bohrer]


Der Fürst hat gesprochen, wir bewegen uns zum nächsten Absinth von SaarWhisky, dem Absense. Das Etikett verspricht eine tiefgrüne Farbe, nun, das ist Ansichtssache, für mich wirkt es eher gelbgrün mit fast schon weißen Reflexen. Das ist keine Kritik, ich schätze natürliche Farben, bei manchen Pseudoabsinthen findet man derart giftige Grüns, die rein künstlich enstehen, da danke ich den Herstellern für die Ehrlichkeit. Der Louche ist blickdicht, gelblich-grünlich-milchig.

Ich rieche Anis, Grapefruit, und sehr stark Melisse und Kamille. Bei tiefem Schnuppern ahnt man die 68,8% Alkoholgehalt schon, aber ohne Zwicken. 13 Kräuter werden hier mazeriert, das ergibt ein schönes, rundes Bouquet. Auch hier, wie schon beim Vorgänger, wird durch Wasserzusatz die kräuterige Note stärker, Fenchel und Algen beginnen zu dominieren.

SaarWhisky Absense Absinth

Süß und cremig im Mundgefühl, aber kräuterig im Geschmack. Ich erkenne eine starke Karottigkeit, kombiniert mit einer milden Sellerienote. Insgesamt gemüsig. Eine leichte Pfeffrigkeit lässt die Zunge kitzeln. Bittere löst die Süße erkennbar ab, mildsalzig und sehr umami. Der Abgang ist kalt, mit viel Eukalyptushauch. Etwas Lakritz hängt lange nach. Klare Anästhesieeffekte auf der Zungenfläche bleiben noch länger. Am Ende ensteht eine milchschokoladige Note. Der Absense ist sehr klassisch im Geschmack, nach meiner Ansicht recht wuchtig, ohne dabei aber allzu streng zu werden.

Ein Zitat aus der Herstellerbeschreibung sagt, dieser Absinth bringe „eine Geschmacksintensität hervor, die Sie in den Bann märchenhafter Traumlandschaften zieht“. Na, Märchen kenn ich. Und was kommt in Märchen vor? Feen. So schließt sich der zugegebenermaßen etwas bemühte Kreis zum Cocktail. Der Green Fairy ist praktisch ein Absinthe Sour, das klingt nicht ganz so mythisch, schmeckt aber trotzdem legendär.

Green Fairy


Green Fairy
1 oz Absinthe
1 oz kaltes Wasser
1 oz Zitronensaft
¾ oz Zuckersirup
1 Spritzer Angostura
Eiweiß
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Dick Bradsell]


Bleiben wir im Märchenland – wechseln wir aber von der Fee zu einem anderen etwas weniger hübschen Fabeltier. Herr der Frösche – ja, das ist ein zur Farbe passender Titel. Grünbraun, verwechselbar erinnernd an Olivenöl. Auch hier ungefiltert und ohne künstliche Färbung. Im Glas bewegt sich der Frosch sehr ölig und schwer, und hinterlässt mehr einen Vorhang denn Beine. Der Louche ist leicht milchig, immer noch deutlich grün mit Tendenz zu Gold und halbtransparent.

SaarWhisky Herr der Frösche Absinth

Die Geruchsprobe vor der Wasserzugabe offeriert Fenchel und leichte Zitrusnoten, etwas Gummi. Ein Hauch von Rosenblättern. Mit Wasser wird es mineralischer, erdig und holzig, mit Erinnerung von Gewächshausgerüchen. Sehr typisch. Vom Geschmack her wird es nicht schlechter – milder Fenchel, grünes Gras, Apfel, Karotten. Feinherb und nur leicht salzig. Sehr frisch, hell und mit zurückhaltenden Zitrusgeschmäckern. Dadurch wirkt der Herr der Frösche elegant und fein, so gar nicht froschig. Im Gegenteil, er liegt vielschichtig im Mund. Cremig und ohne Kanten. 68,3% Alkoholgehalt kümmern sich darum, dass der Herr der Frösche auch mit Wasser noch genug Sprungkraft hat. Der Abgang ist sehr minzig, frisch und leicht. Mittellang, astringierend und mit langanhaltendem Betäubungseffekt auf der Zunge.

Viele Cocktails, die einen großen Absinth-Anteil haben, nutzen auch Wasser als Zutat. Dies soll wahrscheinlich genau den Effekt auf die Aromen haben, den man auch beim Purgenuss mit Wasser wünscht – im Triple A zeigt sich dies wunderbar. Die Kombination mit Apfel und Mandel ist aber auch so schon interessant.

Triple A


Triple A
1 oz Absinthe
1 oz kaltes Wasser
1 oz Apfelsaft
½ oz Orgeat
¼ oz Limettensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Dick Bradsell]


Nach dem dunkelgrünen Froschherrn folgt nun eine kontrastierende Besonderheit: Ein weißer Absinth. Sieht man nicht allzu häufig, und ist allein daher schonmal spannend. Der Weisse Kristall scheint auch zunächst völlig klar zu sein, doch wenn man das Glas gegen das Licht hält, bilde ich mir ein, einen leichten grünen Schimmer erkennen zu können. Täusche ich mich da? Ich bin verwirrt, aber nur weil er ungefiltert und ohne Farbzusätze ist, heißt das ja nicht, dass die Kräuter nicht eine gewisse Farbe mit sich bringen. Die leichte Öligkeit dagegen ist keine Einbildung.

SaarWhisky Weisser Kristall Absinth

Nach der Wasserzugabe entsteht ein dichter und bleichweißer Louche, ganz ohne dazufantasierten Grünton. Ich rieche sehr deutlich Kamille, dahinter Melisse, gefolgt von etwas milde Minze. Das passt mit der Angabe der verwendeten Zutaten – es wird noch Ysop aufgeführt, das ich allerdings nicht kenne und daher nicht beurteilen kann. Mit Wasser kommt plötzlich eine Anisnote dazu, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte. Geschmacklich ist der Weisse Kristall salzig, sehr grasig, mit einer überraschend deutlichen Karottenkomponente. Insgesamt wirkt der Absinth sehr gemüsig, das ist ungewohnt, aber gar nicht schlecht. Die hohe Stärke von 68,3% erfordert eine deutliche Wasserzugabe, doch auch danach bleibt viel weißer Pfeffer und kaltes Feuer im Glas. Der Nachhall ist lang, sehr bitter, trocken, mit viel Eukalyptus und Minze.

Den Weissen Kristall habe ich im Yellow Parrot eingesetzt – die starke Süße der restlichen Zutaten kombinieren sich wunderbar mit der milden Kamillenote und der minzigen Kraft dieses Absinths. Im Gegensatz zu vielen Absinthen ist hier, obwohl ein schöner Anteil drin ist, nicht nur noch der Absinth zu schmecken, sondern ein rundes Gesamtbild entsteht.

Yellow Parrot


Yellow Parrot
1 oz Chartreuse Jaune
1 oz Apricot Brandy
½ oz kaltes Wasser
¼ oz weißer Absinthe
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Harry Craddock]


Auch der nächste und letzte Absinth hat eine ungewohnte Farbe. Der Fragment ist ein Rouge. Man bewegt sich hier weg vom allgegenwärtigen Absinthgrün – die Färbung hier geschieht nicht durch künstliche Farbstoffe, sondern durch die Mitmazeration von roten Beeren. Farblich würde ich ihn entsprechend auch zwischen einem Tawny Port und einem gereiften Weinbrand einordnen – da ist eine leichte rötliche Note, und hellorangene Reflexe, die sich von einer normalen gereiften Spirituose unterscheiden. Er ist im Glas sehr beweglich und kaum viskos.

Tatsächlich ist der erste Geruchseindruck eine Melange aus Heidelbeeren, Brombeeren und Anis. Eine faszinierende, erstmal für mich komplett neue Aromenwelt – ich kannte diese Mischung bisher höchstens aus Cocktails. Etwas Fleischiges ist da noch dabei; schwer zu greifen und zu definieren. Der Louche ist hier sehr interessant – auch wenn er komplett blickdicht milchig wird, hat er einen schönen rostrote Ton bekommen. Eine echte Abwechslung! Aromatisch ist nach Verdünnung dann grüne Banane, etwas Gummi, Vanille und eine etwas reduzierte Beerigkeit vorhanden. Fenchel, beinahe schon Lakritz, ist nun deutlicher.

SaarWhisky Fragment Absinth

Im Mund findet sich ein grünes Kräuterbeet, und ein Aroma, das ich ganz extrem mit Kräuterbonbons assoziere. Ja, das schmeckt wie ein aufgelöstes Ricola Schweizer Kräuterzucker. Menthol, Lakritz. Von den Beeren ist nun gar nichts mehr da, nur noch eine Grundsüße, die bis zum Schluss da bleibt. Ein hochinteressantes Umkippen vom mildfruchtigen Purgeruch hin zur reinen Kräuterwucht! Salzig und umami. 68,3% Alkoholgehalt überraschen uns nach den Vorgängern nicht mehr, wir nehmen das aber dennoch weiterhin hochgradigst positiv wahr.

Der Abgang des Fragment ist sehr hauchig, eukalyptisch, mentholig, minzig. Dabei entsteht trotzdem eine langanhaltende Wärme vom Rachen bis durch die ganze Speiseröhre. Der Gaumen und die Zunge bleiben stark pelzig betäubt. Hm, das ist jedenfalls sehr interessant. Ich bin mir allerdings unsicher, ob ich dieses Erlebnis wirklich übermäßig mag – es wird eine Weile dauern, bis ich mich akklimatisieren kann – im Vergleich zu allen anderen hier probierten fällt der Fragment etwas ab und wirkt für mich unausgewogen. Dieser Überraschungsmoment der Ungewohntheit ist aber andererseits schon eine tolle Sache, passiert mir heutzutage nicht mehr oft.

Bezüglich des Cocktails entschied ich mich für ein fruchtlastiges, bitterherbes Rezept. Der Fairy Sugar Mama greift wieder mal das Pseudonym für Absinth („Fee“) auf, bietet auch farblich mit Campari einen farblich passenden Mitspieler. Wie schon erwähnt sind diese absinthlastigen Kreationen eher selten, um so erfreulicher, wenn man damit noch einmal zeigen kann, dass Absinth ohne Mühe aus der Nische des Hilfsmittels herauszutreten im Stande ist.

Fairy Sugar Mama


Fairy Sugar Mama
1 oz roter Absinthe
1⅔ oz Ananassaft
¾ oz Limettensaft
⅔ oz Orgeat
⅓ oz Campari
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Andy Mil]


Ein Fazit – fast alle diese Absinths von SaarWhisky gefallen mir überdurchschnittlich gut. Neben dem Inhalt der Flaschen ist auch die äußere Gestaltung hervorragend gelungen. Die schwarzen Samplefläschchen halten sich an die Form der großen Vollflaschen, und die Etiketten sind sehr fantasievoll und professionell gestaltet. Mir gefallen hier gerade der Herr der Frösche und der Weisse Kristall ausnehmend gut, das ist frech und frisch und ein echter Eyecatcher – gerade der fette, einäugige Frosch war überhaupt der Grund für mich, diese Spirituosen auszuprobieren. Wirklich toll gemacht.

Unabhängig von der Präsentation bekommt man aber auch bei allen fünf Ausprägungen einen Absinth, den man sehr angenehm mit Eiswasser trinken kann, wenn man mal eine Alternative zu der sonst bei dieser Spirituosenkategorie oft so arg dominanten Anisnote haben will – die Botanicals sind klug gewählt und sorgen für Komplexität und Eleganz. Ich genieße das sehr; eine wirklich schön gestaltete lokale Spirituose aus dem Saarland.

Blauweißes Diebesgut – 杏花村汾酒青花20 Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20 Baijiu

Es ist eine Weile her, dass ich den letzten Baijiu im Programm hatte. Letztlich liegt es einfach daran, dass qualitativ hochwertige Baijius in Deutschland nur extrem schwer zu bekommen sind. Den hier vorgestellten 杏花村汾酒青花20 (Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20) musste ich mir darum auch auf abenteuerliche Weise besorgen – ich beichte hier einfach mal, dass ich die Flasche beim Galadinner, das die chinesische Delegation im Zuge des Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2018 in Bulgarien organisierte, einfach mitgehen lassen habe. Da standen auf jedem Tisch einige Flaschen davon; wieso sollte man sowas schönes stehen lassen, oder? Letztlich sind mir die Organisatoren wahrscheinlich nicht böse, denn der nächstjährige Ort für den wandernden Spirituosenwettbewerb wird eben in der Nähe des Herstellungsorts 杏花村 (Xinghuacun) sein – man kann die Flaschen also als Werbematerial sehen.

Wie bei meinen Baijiu-Artikeln üblich, zu Beginn erstmal ein paar kleine definitorische Erklärungen – der Name dieses Schnapses ist schließlich lang und kompliziert. 汾酒 (fenjiu) ist eine Sorte von Leichtaroma-Baijiu, die eng mit dem Hersteller just dieses Produkts verbunden ist. Xinghuacun Fenjiu ist die größte Destillerie Nordchinas, und sie definierte den Stil größtenteils. Wichtige Elemente bei der Herstellung von Fenjiu sind die Verwendung von Gerste und Erbsen als Fermentationsstarter („qu“), sowie das Vergraben der Tonkrüge, die zur Reifung eingesetzt werden. 青花 (qinghua) ist ein weltbekannter chinesischer Porzellanstil, der auch die frühe islamische, japanische, holländische und schließlich deutsche Porzellankultur definierend mitgeprägt hat – das allgegenwärtige Blauweiß ist aber auch sehr beeindruckend.

杏花村汾酒青花20 Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20 Baijiu

Raus aus der Flasche, rein ins Glas. Die völlige Transparenz des Fenjiu wird durch keinerlei Einschlüsse oder Trübungen getrübt.Die Nase ist für Baijiu-Verhältnisse mild, aber dennoch aromatisch – man riecht Pflaume, Aprikose, rote Äpfel. Etwas Weinessig. Neben dieser Frucht ist Schokolade und Malz sehr präsent. Durchaus attraktiv und erinnert mich etwas an einen deutschen Obstbrand.

Malzig, süß und schokoladig wirkt der Qinghua 20 beim Antrunk, bunte Fruchtkorbeindrücke schwingen mit, ohne wirklich esterig zu werden. Eine sehr feine Würze begleitet die Aromatik, ein Anflug von Lakritz, eine sehr effektive Süßsauer-Balance mit leichter Tendenz zur Säure. 53% Alkoholgehalt sind nirgends zu spüren, tatsächlich ist es für diese Stärke die weichste Spirituose, die ich je getrunken habe – wüsste ich es nicht, würde ich sie höchstens auf um die 40% einsortieren. Ob die Zahl „20“ wirklich 20 Jahre Alter bedeutet, wie es manche chinesische Onlineshops anpreisen, wage ich nicht zu beurteilen, ich gehe einfach mal nicht davon aus – die ausgeglichene Rundheit und stille Eleganz könnten aber schon Hinweise auf ein derartiges Alter sein.

杏花村汾酒青花20 Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20 Baijiu Glas

Der Abgang ist staubtrocken, leicht adstringierend, sehr mild und weich und warm. Aromatisch eher kurz, mit einem hauchig-eukalyptischen Nachhall. Etwas Aprikose hängt noch eine Weile am Gaumen, zusammen mit einem dezenten Eisenton.

Wow, einfach nur wow. Das ist ein fantastischer Baijiu, den man tatsächlich am deutschen Familientisch nach dem Sonntagsessen als Abwechslung zu einem klaren Obstbrand als Digestiv servieren kann – erzählt man dann, was man da präsentiert, werden die Augen groß und die Diskussion lang sein.

Man muss nicht jedesmal, wenn man einen Baijiu in einem Drink verwendet, automatisch auf eine chinesische Bezeichnung umspringen, das ist eine Exotisierung, die ich schon bei Tequila und Mezcal nicht mag, wenn plötzlich alles zur Fiesta wird. Wir wollen Baijiu schließlich näher bringen und aufklären, nicht noch durch fremde, unaussprechliche Wörter weiter mystifizieren. Daher passt der Name, den ich dieser Variation auf Phil Wards Division Bell gegeben habe, vielleicht metaphorisch ganz gut – Unification Bell, die Glocke der Vereinigung, die westliche und östliche Spirituosen ganz natürlich zusammenbringt.

Unification Bell


Unification Bell
1 oz Fenjiu
¾ oz Aperol
½ oz Maraschino
¾ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Helmut Barro]


Die Flasche ist hübsch designt, bauchig, putzig und trotzdem elegant, im oben angesprochenen Porzellanstil. Über den Plastikdrehverschluss sehen wir hinweg, den Nachfüllstop brauch ich natürlich nicht wirklich, aber immerhin ist er von der Art, die gut funktioniert.  Passend dazu gab es ein Trinkset als Geschenk (ohne Mitgehenlassen), ein Baijiu-Krug, zwei Shotgläser und Untersetzer in einem schönen Karton. Ich mag derartigen Kitsch irgendwie.

杏花村汾酒青花20 Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20 Baijiu Trinkset

Man merkt in vielen Spirituosenkategorien, dass die ersten Wellen von „neuen“ Produkten, die nach Europa kommen, erstmal nicht das wirklich Gelbe vom Ei sind – die frühen Konsumenten, die natürlich eben wegen der Neuheit erstmal keinen Vergleich der Qualitätsstufen haben können, müssen als Versuchsobjekte für mutige, aber nicht unbedingt besonders engagierte Hersteller herhalten, und sind gleichzeitig schon froh, irgendetwas „Neues“ zu bekommen. Tequila, Cachaça, Mezcal, Grappa – und nun Baijiu, bei allen kommt die Qualität erst mit der Zeit, wenn das Mittelmaß bereits seinen Fuß in der Tür hatte und damit den Weg bereitete. Schade, dass das oft so herum sein muss. Es wäre besser, wenn Produkte wie der Xinghuacun Fenjiu Qinghua 20 der Erstkontakt zu Baijiu sein könnte; die Meinung über Baijiu wäre anders.

Ein Nachtrag in eigener Sache: Eine englische Fassung dieses Artikels erschien auch auf der Seite des neuen Baijiu Steering Committees von Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles. Ich freue mich über die Ehre, Mitglied dieser Gruppe zu sein.

Batmans Lieblingsgetränk – Huizache Tequila Blanco und Reposado

Schon als kleines Kind mochte ich Fledermäuse. Eine Anekdote, die meine Eltern immer wieder gern erzählen, ist die von der erschöpften Fledermaus, die ich als Kind im Haus gefunden und mittels eines Bestimmungsbuchs als Vespertilio murinus identifiziert hatte, was den beigerufenen Fledermauskenner in basses Erstaunen versetzte. Heute gefällt es mir immer noch, die kleinen Flatterer zu beobachten – und ich schätze sie, weil sie einen gar nicht unbeträchtlichen Beitrag zur Herstellung einer meiner Lieblingsspirituosen liefern: Tequila.

Die fortschreitende Habitatsveränderung macht es Fledermäusen auf der ganzen Welt immer schwerer. Die Monokultur und Industrialisierung der Agavenkulturen in Mexiko, die durch den schlimmen Durst der Welt auf Tequila entstanden ist, sorgte über eine ganze Weile dafür, dass die Fledermaus, die die Agavenblüten bestäubt, vom Aussterben bedroht war. Inzwischen, und das ist endlich mal eine gute Nachricht, bessert sich die Situation für die Lederflügler – sie sind offiziell nicht mehr auf der Liste der bedrohten Arten. Viele Maßnahmen sorgten dafür, letztlich auch viele Tequila-Hersteller, die die Lage erkannten und durch fledermausfreundliche Landwirtschaft etwas für die Nachhaltigkeit ihres Produkts taten.

Die Betreiber der Destillerie, die Huizache Tequila Blanco und Reposado herstellt, haben solche Maßnahmen ergriffen. Daneben betonen sie, dass ihre Tequilas ohne Zusatzstoffe auskommen. Erlaubt ist in Tequila so einiges, was der Konsument nicht mal ahnt, dazu gibt es viele Schlupflöcher, die das CRT nicht stopfen will oder kann. Um so schöner, wenn sich ein Hersteller klar dazu bekennt, diese Möglichkeiten nicht ausnutzen zu wollen, sondern ein ehrliches, sauberes Produkt abzuliefern; da sammelt man bei mir direkt Punkte. Schauen wir uns die Destillate der NOM 1437 mal ein bisschen näher an.

Huizache Blanco und Reposado

Blanco-Tequila ist ungereift, daher ist der Huizache Blanco natürlich klar. Ich erkenne beim Schwenken keine Einschlüsse oder Fehler. Schnell ablaufende Beine am Glas machen die leichte Öligkeit deutlich. Die Nase ist geprägt von Grasigkeit und milder Agave. Da ist eine deutliche Mineralität, Beton, feuchter Kies, Aquariumspflanzen. Etwas Apfelessig. Man riecht im Hintergrund Ethanol. Dass dieses Produkt mit einem Diffusor hergestellt wird, erkennt man an der leichten Fruchtkaugummi- und Zuckerwattenote.

Der Antrunk ist sehr süß, und diese Süße bleibt auch fast bis zum Schluss prägend. Kandiszucker und weiße Schokolade, Latte Macchiato, aber auch Agavenwürze und Anflüge von Thymian und Duftkräutern wie Lavendel, eine Parfümnote nach Kölnisch Wasser. Es fehlt leider etwas an dem, was handwerklichen ungereiften Tequila so spannend für mich macht, die so wunderbare wuchtige Agavenfruchtigkeit – das ist wohl der Herstellungsart geschuldet. Stattdessen hat dieser Tequila andere Vorzüge, er wirkt erdig, grasig und leicht. 40% Alkoholgehalt sind gut eingebunden. Der Abgang ist feurig, mit Chilieffekten, gleichzeitig eukalyptisch kalt – hier beginnt mir der Huizache Blanco dann sehr gut zu gefallen. Von der Länge eher kurz, mit einem starken Eisen- und Betonton zum Ausklang.

Huizache Tequila Blanco Glas

Auch wenn er, so leid mir das tut, deutlich nicht in meine Top-3 der ungereiften Tequilas aufsteigen kann, ist der Huizache doch schön trinkbar, stilvoll, und überhaupt nicht so charakterlos wie die meisten anderen Diffusor-Tequilas, beispielsweise der Sauza Tres Generaciones Plata, den er mit ausgesprochen weitem Abstand hinter sich lässt. Dennoch gehört er klar eher zu den leichten, zurückgenommenen Tequilas.

Ich habe beim nächsten Kandidaten, dem Huizache Reposado, den doppelten Eindruck von Weißwein, wenn ich mir einen Schluck zum Verkosten eingieße. Die Farbe erinnert an Weißwein, ist blasses Messing, nach 3 Monaten in Fässern aus kalifornischer Steineiche ein ehrliches Bild. Ich erwähne oft, dass ich lange Reifezeit bei Tequila für kontraproduktiv halte, man verliert mehr, als man gewinnt – 3 Monate sind aber voll in Ordnung.

Auch in der Nase denke ich an trockenen Weißwein, die Mischung aus Säure und Frucht verleitet mich dazu. Man erkennt das zuvor verkostete Basisdestillat wieder, das um typische Holznoten ergänzt wurde – Vanille und süßliche Gewürzaromen. Die Wintergrünöl-Komponente ist auch noch da.

Huizache Tequila Reposado Glas

Immer noch recht süß im Mund, aber schon zu Beginn mit etwas Holzigkeit versehen unterscheidet sich der Reposado dann doch von Weißwein. Grasig und mineralisch, zurückgenommene Agavenwürze, deutliche Holzreifungsaromen (die allgegenwärtige Vanille, etwas Zimt). Deutliche Schokoladigkeit. Im Verlauf entsteht milde Säure und Bittere, Apfelessigaromen. Ein Hauch Anis liegt irgendwo im Raum, aber nur so zart, dass es auch Einbildung sein kann. Gegen Ende kommt noch stärker als beim Blanco eine Pfeffrigkeit dazu, die erkennbar aus Würze entsteht, nicht aus den 40% Alkoholgehalt. Insgesamt wirkt dieser Tequila elegant und raffiniert.

Chili, Eukalyptus, Menthol – der Abgang ist zwar eher kurz, dafür aber sehr effektvoll, mit langem hauchigen Nachhall. Auch hier, wie schon beim Blanco zuvor, ein starker Eisenton. Die kurze Reifung sorgt bei diesem Reposado tatsächlich für etwas mehr Bequemlichkeit, ohne zuviel vom Tequilacharakter aufzugeben. Ein leichtes Destillat wie das von Huizache würde in añejo-Zeiträumen (mehr als 1 Jahr gereift) komplett vom Holz aufgefressen.

Die Huizache-Tequilas sind Produkte, die ohne Unterstützung besonders gut in Aperitif-Cocktails funktionieren können. Die Aromatik lässt mich dazu tendieren, sie in klaren, strengen Rezepturen zu bevorzugen, wo sie nicht von schweren Gegenspielern überdeckt werden – im Medicina Latina wird der leichte Charakter betont und der zugegebenermaßen etwas vorhandene Mangel an Körper durch Honig und Ingwer ausgeglichen. Das ist Medizin, die sich leicht schlucken lässt!

Medicina Latina


Medicina Latina
2 oz Tequila Blanco
⅓ oz Honig
1 Teelöffel Ingwerlikör
Auf Eis shaken. Auf Eis servieren.
[Rezept nach Marcos Tello]


Im Endeffekt gefallen mir diese zwei Tequilas, sie wirken elegant und leicht. Mir fehlt etwas an Länge im Abgang, und Körper; hier sieht man einfach deutlich, was der Unterschied zwischen einem mit Tahona und Horno traditionell hergestellten und einem modernen Diffusor-Tequila ist. Auch wenn ich dem Diffusor sehr skeptisch gegenüber stehe, und ich ihn nicht nur aus Sicht der Endaromatik ablehne, sondern auch aus Gründen der problematischen, immer weiter fortschreitenden, leider wohl nicht mehr aufzuhaltenden Industrialisierung von Tequila, muss man doch ehrlich das Produkt beurteilen, und bei Huizache ist es besser gelungen als vielen anderen Tequilas dieser Herstellungsart.

Wer einen schweren, wuchtigen, agavenfruchtigen Tequila sucht, ist hier falsch – der halte sich  lieber an Produkte wie Fortaleza, Ocho, Siete Leguas oder G4. Wer dagegen Lust auf Abwechslung und ein schmaleres, luftigeres Tequilaerlebnis hat, das aber immer noch klar als Tequila erkennbar bleibt, der probiere den Huizache Blanco oder Reposado.

Offenlegung: Ich danke dem deutschen Distributor fifteenlions für die kosten- und bedingungslose Zusendung der zwei Samples dieser Tequilas.

Dreierlei vom Rum – Foursquare Triptych Single Blended Rum

Immer im Auftrag für den Leser unterwegs – so ein Blogger hat dauernd gewichtige Entscheidungen zu treffen. Welche Spirituose ist als nächste dran? Welche wird besorgt, für die Zukunft? Lohnt es sich, diesem oder jenen Trend zu folgen, damit man am Puls der Zeit bleibt, oder wartet man lieber ab, um nicht einem flüchtigen Hype nachzurennen? Fragen über Fragen. Dabei stelle ich mir eigentlich schon die Frage, welche Rezensionen sich überhaupt zu schreiben lohnen. Bei den meisten Produkten ist alles klar, aber gleichzeitig denke ich ernsthaft, dass es zwei Gruppen von Spirituosen gibt, die es sich für mich und meine Art von Blog nicht zu rezensieren lohnt.

Supermarktware für unter 10€ ist uninteressant, weil sich das jeder leisten kann – da schlägt man einfach zu und probiert es, der Aufwand eines potenziellen Käufers, sich vorher darüber zu informieren steht in keinem Verhältnis zum Preis, und das tut man höchstens aus Interesse; Ausnahmen bestätigen die Regel, wie meinen Artikel über Martini Fiero, der mit weitem Abstand der meistgelesene auf meinem Blog ist. Einhörner andererseits (also superseltene und rare Spezialitäten) lohnen sich nicht, weil an die kaum jemand herankommt, selbst für Profis ist es schwer, und wer es sich leisten kann und den Aufwand nicht scheut, hat eh schon genug darüber gelesen, weil es genug Spezialistenblogs für genau diese Zielgruppe gibt, die sich, statt wie ich über alles, was die Schnapswelt zu bieten hat, zu schreiben, auf beispielsweise Rums aus Trinidad aus den 1980er Jahren in speziellen Flaschen fokussieren.

Der Foursquare Triptych Single Blended Rum ist so ein Grenzgänger, was diese Thematik angeht. Bei weitem nicht superleicht und überall erhältlich, aber zum Zeitpunkt meines Kaufs auch kein Einhorn. Dennoch werden die wenigsten ihn je zu Gesicht bekommen, insbesondere jetzt, wo die Vorräte langsam aufgebraucht sind.

Foursquare Triptych Single Blended Rum Flasche

Ich hatte das Glück, eine Flasche bei LMDW zu ergattern. Der Erwerb allein schon war eine spannende Sache – einige Tage vor dem tatsächlichen Verkaufsstart wurde bei Facebook darauf hingewiesen, dass der Triptych nun in Frankreich und Italien released würde. Es dauerte noch bis zum 02.06.2017, bis bei LMDW der Rum auch im Sortiment auftauchte, und dann führte es zu Verwirrung. Einige konnte wohl schon gegen 6 uhr morgens Flaschen erwerben, dann änderte der Status sich auf „bald erhältlich“ und viele (darunter ich) dachten schon, aha, das wars dann wohl, wieder mal Pech gehabt. Einige Stunden später war dann plötzlich wieder etwas „en stock“, und da habe ich blitzschnell zugeschlagen. Nur Sekunden danach ging der Bestandsstatus dann auf ausverkauft. Man sieht, für derartige Spirituosen muss man flott sein, gleichzeitig trotzdem Geduld haben und eine gewisse Leidensfähigkeit mit sich bringen. Gerade Foursquare erreicht inzwischen unter Rumaficionados zur Zeit einen Kultstatus, der dafür sorgt, dass die kleinen Sonderabfüllungen, die immer wieder erfolgen, innerhalb von Minuten ausverkauft sind. Nun aber weg vom Geschäftlichen, hin zum Triptych selbst.

Ich bin ein Freund der Praxis, dunkel getönte Flaschen zu verwenden, um beim eventuellen Kunden gar nicht erst die Idee aufkommen zu lassen, dass man nach der Farbe der Flüssigkeit einkaufen geht und dunkle Spirituosen holt und dafür hellere stehen lässt. Abfüller Velier ist mit seinen schwarzen Flaschen diesbezüglich natürlich gleichzeitig eine sofort erkennbare Marke geworden, win-win sozusagen. Dadurch, dass Foursquare seine Spezialsorten auch nicht färbt, haben wir eine natürliche, tropisch gereifte Schönheit vor uns im Glas.

Beim Abfüllen der Samples (siehe unten dazu mehr) verströmte sich schon dieser herrliche Geruch im ganzen Zimmer – er ist stark, körpervoll und ohne jede Scheu. Marzipan, Kardamom, Piment, dunkle Schokolade, aber auch überreife Früchte, Banane. Schalentiere. Höchstkomplex und extrem attraktiv. Eine leichte Lacknote. Sehr komplex und sich im Verlauf der Verkostung wandelnd.

Foursquare Triptych Single Blended Rum Glas

56% Alkoholgehalt lassen mich nicht direkt zu Wasser zur Trinkstärkenherabsetzung greifen; ich nippe so daran, wie er aus der Flasche kommt. Hmm, das trinkt sich gut. Sehr breit und fett, dicht und rund im Mundgefühl. Wunderbare, natürliche, reine Süße mit viel Kraft, nicht die oberflächliche, klebrige, die man von Süßrums kennt. Dabei aber auch eine attraktive Bittere, die die Süße gut ausgleicht, so dass keine Langeweile aufkommt. Eine adstringierende Säure komplettiert das Sensoriktrio – sehr spannend und vielseitig.

Der Abgang ist glühend heiß, würzig, langsam läuft der Tropfen den Hals hinunter, man kann ihn dabei verfolgen. Im Mund verbleiben esterige Teeraromen, ledrig und holzig, dabei aber immer süß und ohne jede Gewalt. Nur leicht trocken, aber dauerhaft am Gaumen haftend. Ein wirklich spannender Rum.

Bezüglich der Zusammensetzung, die sich im Namen schon wiederspiegelt (ein Triptychon ist ein dreiteiliges Bild), verweise ich auf ein Foto, das ich mit freundlicher Genehmigung von Matt Pietrek vom Blog Cocktailwonk hier wiedergebe. Es wurde bei der Fachveranstaltung Tales of the Cocktail 2017 geschossen. Ex-Bourbon-, Ex-Madeira- und frische amerikanische Eichenfässer dienten den drei verwendeten Jahrgangsdestillaten (2004, 2005 und 2007) als Zwischenbehausung, bis sie zu einem Blend zusammengeführt wurden.

Foursquare Triptych Tales of the Cocktail 2017

Was würde sich für diesen Rum besser als Cocktail eignen, als der, den der globale Rum Ambassador Ian Burrell zu Ehren des Master Blenders und Inhabers der Foursquare-Destillerie erfunden hatte? Der The Richard Seale kann warm und kalt gerührt serviert werden, ich habe mich für die warme Variante entschieden – hin und wieder schadet es nicht, aus dem alten „eisgekühlt“-Muster auszubrechen und was anderes zu probieren. Ich finde darüberhinaus höchst unterhaltsam, wie in diesem Cocktail die Themen, die Seale oft umtreiben, auftauchen – Rum, Süßwein, Zucker.

The Richard Seale


The Richard Seale
1⅔ oz Foursquare-Rum
⅓ oz Madeira
1 Teelöffel Zuckersirup
3 Spritzer Orange Bitters
Warm rühren und in einem Cognacschwenker servieren.

[Rezept nach Ian Burrell]


129€ für eine Flasche Rum hören sich nach viel an, tatsächlich bewegen wir uns hier aber, was Highend-Rum angeht, erst im mittelpreisigen Segment, da ist noch viel Luft nach oben. Meine Meinung, dass das Preisleistungsverhältnis ab einer gewissen Größe (diese ist natürlich individuell festzulegen, bei mir liegt sie aktuell bei ca. 70€) plötzlich extrem schnell abschmilzt, bleibt dennoch bestehen.

Ungefähr Dreiviertel der Flasche habe ich im Rum-Club auf Facebook mit anderen Rumfreunden geteilt, die nicht dasselbe Glück wie ich hatten, eine Flasche davon im Lotteriespiel des Erwerbs ergattern zu können. Gerade für so seltene Abfüllungen ist es geradezu Pflicht für jeden echten Rumfreund, derartig besondere Tropfen mit Freunden zu teilen, und ihn nicht geizig für sich zu behalten, ihn im Regal als Schaustück vergammeln zu lassen oder ihn bei Ebay als Spekulationsobjekt auf peinlichste Weise an den Meistbietenden zu verhökern (außer, der Käufer öffnet und trinkt die Flasche dann tatsächlich selbst; etwas, was meiner desillusionierten Erfahrung nach dann aber selten geschieht und die Spekulationskette nur in anderen Händen weiterführt). Nur durch das breite Teilen eines Rums wie diesem kann allgemein klar gemacht werden, wie fantastisch guter Rum sein kann.

Ein Nachruf – Labieratorium

Cottbus liegt in Brandenburg, nicht in Sachsen. Durch meinen Blog lerne ich sogar in Geografie immer noch viel dazu, danke an den aufmerksamen Leser, der mich bei meiner letzten Besprechung eines Biers der Brauerei Labieratorium darauf hinwies, dass ich die Stadt aus welchem Grund auch immer in ein falsches Bundesland verlegt hatte. Recht schnell auf diese Erstbesprechung folgt hier eine zweite Ladung an Bieren dieses Brauers, aus gegebenem Anlass: Die Brauerei schloss zum 31.12.2018 ihre Toren und Braukessel. Laut einem Interview der Betreiber mit LR Online lag es, banal und traurig, schlicht und ergreifend einfach an fehlendem Umsatz.

Es ist wirklich schade, denn ich nehme nicht zuviel vorweg, wenn ich sage, dass mir diese Bier sehr gefallen haben. So lese man diesen Artikel dann als nostalgischen Nachruf, mit der leisen Hoffnung, dass die Personen hinter dem Bier sich nicht komplett aus dem Geschäft zurückziehen, sondern woanders ihre gute Arbeit weiterführen können. Genug der Traurigkeit, rein ins Glas mit den vier Bieren, die in einem Set erhältlich waren, über einen Kartonhalter miteinander verbunden: Das Alte Welt, Schwarze Pumpe, F60 Paranoid IPA und Labieratoriums Orange Pale Ale.

Labieratorium Biere Flaschen

Wir gehen einfach die Reihenfolge durch, in der ich sie aus dem Kartonhalter entfernt hatte. Beginnen wir beim Alte Welt. Mir gefällt beim Eingießen bereits die kräftige, rotgoldene Farbe, das Bier ist angenehm opal, was den Eindruck noch verstärkt. Erkennbar starke Perlage, dazu ein feiner, sehr ebenmäßigblasiger Schaum. Für ein Pale Ale bleibt es etwa zurückhaltend in der Nase, nur leichte Hopfenfrucht dringt vor, aber eine erkennbare Würze als Ausgleich.

Geschmacklich – sehr trocken schon im Antrunk, malzig und mit leicht salziger Würze. Hopfen (Herkules, Saphir, Cascade) bleibt im Hintergrund, sorgt mehr für einen Klang als für festhaltbaren Geschmack. Leichter Körper mit fast etwas von Sprudelcharakter. Kräftige Säure. Sehr rezent, für meinen Geschmack etwas überkarbonisiert. 5,4% Alkohol sind dafür gut passend gewählt. Der Abgang ist kurz, trocken, prägnant.

Labieratorium Alte Welt Flasche

Ein sehr kantiges, eckiges Pale Ale – das ist interessant, weil es eine Abwechslung bietet zu den superfruchtigen Pale Ales, die man sonst so oft trinkt, aber insgesamt ist es dann halt doch etwas zu sauer und karbonisiert, um wirklich richtig zu gefallen. Gut gekühlt im Sommer ist die Alte Welt aber wahrscheinlich ein echter Frischehammer. Schade, dass ich das im Sommer nicht mehr verifizieren können werde.

Machen wir einen weiten Sprung in den Bierstilen, vom Pale Ale zum Porter. Die Schwarze Pumpe ist mit 6,6% und 45 IBU schon von anderer Gewichtsklasse. Farblich trifft der Name wunderbar zu, das Bier ist tatsächlich sehr schwarz, noch dunkler als viele andere Porter, die ich kenne. Langsam steigen kleine Bläschen vom Glasgrund hoch. Der Schaum ist kontrastreich hell, aber eher dünn und großblasig. Geruchlich eher malzig, leicht rauchig, speckig, erinnert mich fast an ein mildes Rauchbier.

Labieratorium Schwarze Pumpe

Im Mund ist die Schwarze Pumpe dann sehr holzig, bitter, malzig. Eigentlich passend dazu wirkt es sehr rezent, frisch und knackig. Leichte Süßholznoten. Stiltypisch ist etwas Kaffee, mit Grapefruit als Gegenspieler. Der Abgang ist lang und sehr bitter, man spürt eine deutliche Adstringenz. War ich beim ersten Bier noch skeptisch – das hier gefällt mir richtig gut. Ein zwar nicht extrem expressives, dafür aber sehr wuchtiges und toll rezentes Porter.

Die dritte Flasche aus dem Set, das F60 Paranoid IPA, komplettiert als IPA den Bogen durch die aktuell beliebten, gottseidank wiederbelebten Bierstile des modernen Craftbiers. Orangene Farbe im Glas, toll dicke Schaumhaube, nach einigen Minuten immer noch großblasige Schaumreste. Kräftige Perlage. Sehr starke Nase, mit viel Marmelade, Orange, und etwas Gurke.

Labieratorium F60 Paranoid IPA

Deftig herb schon im Antrunk, feine Süße gleicht das etwas aus. Sehr hopfig (Columbus, Simcoe, Amarillo, Sarachi Ale und Cascade tun ihre Pflicht), mildfruchtig – die Bittere steht im Vordergrund. Sehr rezent und leicht. Extrem süffig und trinkbar, 7,3% Alkoholgehalt tun dem keinen Abbruch. Auch hier meine ich, etwas Gurkenaroma zu entdecken – ich finde das sehr spannend. Der Abgang wirkt kurz, knackig, bitter, dazu eine angenehme, nicht überwältigende Trockenheit. Leicht malzig. Mir gefällt das sehr gut – ich kann den saufenden indischen Elefanten auf dem Etikett verstehen, dass er die Flasche, die er mit dem Rüssel hält, nicht hergeben will.

Am Ende dieser kleinen Verkostungsreihe steht das Labieratoriums Orange Pale Ale. Die Gestaltung des Etiketts erinnert natürlich an das Filmplakat zu der Verfilmung des SciFi-Klassikers A Clockwork Orange von Anthony Burgess; mir als kombinierter Bier- und Literaturfreund gefallen solche Anspielungen sehr.

Labieratoriums Orange Pale Ale

Fluffiger Schaum, nur leicht opalisierendes Sonnenblumengold. Starke Perlage. Geruchlich sehr hopfenfruchtig (Perle, Bavaria Mandarina), dabei hell und zitronig – Limettenschale und Grapefruitsaft nehme ich als Hauptakteure wahr. Das hört sich wild an, ist aber nicht aggressiv und daher angenehm. Der Geschmack wartet mit angenehmer Bittere auf, allerdings nicht eckig, sondern leichtkörperig. Man muss zugeben, dass es etwas flach wirkt, weil es keine Tiefe hat – Radlercharakter, das war mein Eindruck. 4,8% Alkohol machen das Bier entsprechend süffig, Frische und Rezenz stimmen. Der Abgang bleibt kurz, trocken, frisch. Leicht und angenehm zu trinken, in der Konsequenz vielleicht etwas zu einfach gehalten für den Kenner.

Man sieht, man findet Höhen und Tiefen, aber im Gesamtblick betrachtet sind die Biere von Labieratorium eine wirklich schöne Ergänzung des deutschen Biermarkts gewesen, vom sehr gelungenen Labieratorium Rot mal ganz abgesehen. Schade, schade, schade – gern hätte ich mehr von diesen Brauern gesehen. Für die Cottbuser selbst war das lokale Bier offensichtlich nicht wichtig genug, und für mich hat die Stadt viel dadurch verloren.

Extraalt – Sierra Milenario Extra Añejo

Spirituosenkategorien sind beweglich. Man sieht heutzutage oft nur das Ergebnis eines langen Findungsprozesses, der sich schließlich irgendwann einmal in einer Kodifizierung eines Zustands niedergeschlagen hatte. Man tut dies, um die Identität einer Spirituose zu schützen – es soll schließlich nicht jede zufällige Mutation oder schummrige Geschäftsidee zusammen mit dem über viele Jahre entstandenen Traditionsprodukt in einen Korb geworfen werden können. Ein Teil dieser Identitätsfeststellung ist die Art, wie und wie lange das frische Destillat gereift werden muss, um in eine der speziellen Alterskategorien (für jede Spirituosengruppe gibt es da oft eigene) gelangen zu dürfen.

Für Tequila gab es traditionell eigentlich nur 3 Kategorien – ungereift (blanco/plata), leicht gereift (reposado) und gereift (añejo). Letztere bedeutete, dass das Destillat länger als ein Jahr im Fass lag; wieviel länger, das blieb dem Hersteller überlassen. Im Jahr 2006 wurde offiziell von der Regulierungsbehörde, die in Mexiko für Tequila zuständig ist, die neue Alterskategorie extra añejo eingeführt. Dadurch verkürzte sich die Spannbreite der Añejo-Kategorie auf mindestens 1, aber maximal 3 Jahre, alles darüber wird nun als extra añejo klassifiziert. Bei den kurzen Reifungen, die wir im Tequila-Bereich haben mag eine Verfeinerung sinnvoll erscheinen, letztlich ist es aber schon eigentlich nur eine Form, den Herstellern entgegen zu kommen, um die Lust der Konsumenten nach ultragereiften Spirituosen zumindest deklarativ zu bedienen; und es funktioniert, die Kategorie wächst stärker als alle anderen. Ob es wirklich Sinn macht, Tequila so lange zu reifen – daran habe ich persönlich meine Zweifel, man nimmt ihm dadurch eigentlich mehr, als man ihm gibt.

Der Sierra Milenario Extra Añejo ist nun so ein ultragealterter Tequila (das ist natürlich, gerade im Vergleich zu anderen Spirituosen, sehr relativ zu sehen). Wir haben hier ein Destillat der NOM 1451 aus 100% Hochlandagave vor uns. Es wurde, wie für viele Tequilas üblich, doppelt in Kupferpotstills destilliert, und lagerte dann, so teilt uns das Rücketikett freudig mit, „many years“ in Eichenfässern. Aus der Einleitung wissen wir zumindest, dass es wenigstens 3 gewesen sind. Da keine weitere Angabe erfolgt, werden es auch nicht furchtbar viel mehr gewesen sein.

Sierra Milenario Extra Añejo

Der Geruch ist sehr fruchtig, viel Agave ist darunter, ein leichter Rauch, etwas Vanille, dazu Noten von Wintergrünöl und feuchtem Beton. Ein Anflug von Ethanol schwappt am Ende nach oben, was den Eindruck, dass nur wenig Körper vorhanden ist, verstärkt. Wenn ich ehrlich sein soll, vermute ich allein schon von der Geruchsprobe her Aromastoffe als Zusatz.

Der Sierra Milenario Extra Añejo hat einen süßen Antrunk, im Verlauf kommt feine Pfefferwürze dazu, die immer dominanter wird und am Ende fast in Chilifeurigkeit umschlägt, ohne aber die zugrundeliegende Süße komplett aufzugeben. Kräftige Holznoten weisen auf die extralange Alterung hin, milde Tropenfrucht und etwas Pfirsich gleichen das aus. Dennoch wirkt er etwas oberflächlich – gerade am Ende wird das deutlich, wo er sehr trocken und heiß wird, 41,5% Alkoholgehalt sind nur mäßig eingebunden.

Der Abgang ist mittellang, glühend heiß und etwas scharf, mit einigem an Alkoholhauch. Eine zunächst attraktive Agavenblumigkeit ist vorhanden, diese wird aber schnell durch sehr viel weniger attraktives Eisen ersetzt. Der Abgang ist wirklich schwach und unvorteilhaft, und zieht den Gesamteindruck deutlich mit sich nach unten.

Sierra Milenario Extra Añejo Glas

Mein Fazit fällt entsprechend ernüchternd aus: Ein eher mäßig ausgeführter Tequila, der in der Reifung einen gewissen Charme erwirbt. Letztlich bleibt aber doch der etwas schale Eindruck von Künstlichkeit und Oberflächlichkeit zurück.

Natürlich werden bei einem stärker gereiften Tequila wahrscheinlich sofort die Gedanken an einen spritlastigen, gerührten Cocktail laut, wie einem Tequila Manhattan oder einem Old Fashioned. Dafür ist meines Erachtens der Sierra Milenario zu unkomplex. Ich setze ihn statt dessen in einem Drink für die Jahreszeit ein – der Frenchman in Jalisco braucht keinen hochkomplizierten Tequila um trotzdem hervorragend zu funktionieren und einem die dunklen, kalten Abende zu versüßen.

Frenchman in Jalisco


Frenchman in Jalisco
Ein paar Stücke dunkle Schokolade in 4 oz Milch schmelzen
2 oz Tequila Añejo
½ oz Chartreuse Verte
Gut umrühren, warm mit etwas Sahne servieren.

[Rezept nach Houston Eaves]


Die gedrungene, pyramidenförmige Flasche selbst macht was her, ist sehr schön gestaltet, aus massivem, schweren Glas, mit einem hübschen Korken – da hat man beim Eingießen was in die Hand. Ich bin Sierra dankbar dafür, dass sie sich zumindest bei ihren höherwertigen Produkten von der dümmlichen Präsentation ihrer Mixtos („die mit dem Hut“) abgrenzen und dem Kenner etwas handfesteres, dem Inhalt angemesseneres anbieten. Die gesamte Milenario-Reihe ist im selben Stil, nur mit unterschiedlichen Etiketten und Farben gehalten – auch das gibt der Reihe einen gewissen Zusammenhalt und macht sich gut im Regal.

Ich werde niemals ein echter Liebhaber der Tequilas dieses Herstellers werden, das gebe ich unumwunden zu, doch ihre Marktstellung in Deutschland erfordert, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt; die Milenario-Serie ist eine der wenigen gut verfügbaren Quellen für 100%-Agave-Tequila hierzulande. Und auch wenn der Sierra Milenario Extra Añejo nun auch kein echtes Highlight ist, so macht man mit ihm doch einen großen Schritt für deutsche Verhältnisse.

Versetzung gefährdet – Duckstein Opal Pilsener und Saphir Kellerbier

Es ist nun schon eine ganze Weile her, dass ich das Duckstein rotblonde Original für mich entdeckt hatte. Damals, für mich als Biereinsteiger, ein sehr spannendes Bier, das ich auch heute noch gern trinke. Um so erfreuter war ich, als ich vor einiger Zeit dann zwei neue Sorten des Brauers in einem lokalen Supermarkt entdecken konnte. Das Duckstein Opal Pilsener und direkt daneben das Saphir Kellerbier. Beide in der bekannten, auffälligen Flasche, und sehr hübsch durch die Farbgebung voneinander und vom rotblonden Original abgegrenzt. Natürlich musste ich zulangen, zwei weitere Vertreter dieses schönen Biers können mich ja nicht enttäuschen. Auch wenn ich grundsätzlich ein sehr optimistischer  und wohlwollender Genießer bin – man wird leider im Verlauf dieses Blogartikels sehen, dass Vorfreude und Vorschusslorbeeren nicht immer belohnt werden. Doch ich greife vor.

Duckstein Opal und Saphir Flaschen

Beginnen wir mit dem Saphir Kellerbier. Obergärig mit 4 Malzen (Pilsener, Weizen hell, Wiener Malz, Cara Red) und 3 Hopfen (2 unbenannt, einer der namensgebende Saphir) eingebraut, bekommen wir optisch zunächst ein sehr typisches Kellerbier: natürlich naturtrüb, kräftig orangefarben, der Schaum, schon zu Beginn wenig, baut sich in wenigen Minuten fast komplett ab.

Beim Wechsel von Auge zu Nase beginnt das Drama. Ich schnuppere, und schnuppere, und schnuppere. Joghurt. Milder Orangensaft. Hefe. Ja, das wars. Und selbst diese Aromen nur im Kleinformat. Da hätte man auch an Mineralwasser riechen können. Sehr überraschend, im negativen Sinne.

Duckstein Saphir Kellerbier Glas

Das Drama endet nicht beim nichtexistenten Geruch – es geht in die Verlängerung beim nichtexistenten Geschmack. Höchst faszinierend: Das Duckstein Saphir gehört für mich zu den aromenärmsten Bieren, die ich bisher getrunken habe, und überholt in der Belanglosigkeit selbst dünnste Reis- und Maislager. Ein Hauch Orange, etwas Hefe, und wir sind am Ende der Verkostung. Mir kommt es vor, als hätte ich ein stark mit Sprudel gestrecktes Bier vor mir. Nein, es gehört nicht zu den aromenärmsten Bieren, es ist das aromenärmste Bier, das ich kenne. Da der Abgang natürlich nichts herzaubern kann, ist er kürzer als kurz. Die hohe Rezenz mit der starken Karbonisierung erzeugt wenigstens einen Erfrischungsfaktor, der Spaß macht, aber das ist auch schon alles, was ich an positivem über das Duckstein Saphir sagen kann; außer den nackten Zahlen: 5,0% Alkoholgehalt, sehr dezente 14,5 IBU.

Höchstenttäuschend. Vor allem, wenn man den Preis anschaut, steigen mir Tränen in die Augen, da packe ich lieber das Blondie-Bierkonzentrat aus, im Ernst. Ich bin fassungslos, wie so etwas die Qualitätskontrolle passieren kann. Grand Cru? Ein Scherz, und zwar ein schlechter. Für diese peinliche Braumeister-Edition N°8 muss sich der Braumeister eigentlich entschuldigen.

Ach, zum Glück habe ich danach ein Alternativbier in der Hinterhand. Einen Ausrutscher kann man jedem erlauben, da kann das Opal Pilsener ja nur vorteilhaft auftrumpfen, oder?Duckstein Opal Pilsener Glas

Optisch tut es das zunächst mal. Safrangold, bei entsprechendem Licht wirklich ausgesprochen attraktiv. Kristallklar, sehr starke Perlage, gröberer Schaum. Stärker gehopft (Hallertauer Opal, Hüll Melon, Cascade, Mandarina Bavaria) als sein blasser Bruder wirkt es in der Nase – zurückgenommene Frucht, Bitterkeit. Hefe. Leichter Metall. Insgesamt: Durchaus pilstypisch.

Im Mund dann ein dezenter Geschmack, kräftige Herbe, klar und sauber. Es gibt darüber hinaus leider nicht viel zu sagen zum Geschmack – ein mildes, zartes Pils, fein und gut strukturiert. VIelleicht etwas langweilig. Ich stelle mir vor, dass es als Essensbegleiter zum Abspülen der Geschmacksknospen bei einem deftigen Essen taugt. Bei 4,9% Alkoholgehalt dafür auch nicht zu wuchtig.

Zum Ende hin flacht es erkennbar ab, der Abgang ist sehr kurz. Die zunächst wahrgenommene Frische lässt nach, eine Süße kommt hervor, die es schafft, die 25-IBU-Bittere fast komplett wegzunehmen, bis auf im Rachen. Ein etwas abgestandener Nachgeschmack lässt viel vom positiven Eindruck bis dahin wieder vergessen. Dieser negativer Abschluss verstärkt sich noch, wenn die Temperatur des Biers steigt – gut gekühlt schnell austrinken ist angesagt!

Ducksteiner Opal und Saphir Tragerl

Herrjeh, ich gebe zu, mir fallen die Mundwinkel etwas nach unten. Selten war ich so enttäuscht von Bieren. Trotz ähnlicher Produktionsweise (auch hier gibt es eine Reifung auf Buchenholz, wie schon beim Duckstein Original) und gewiss ordentlichem Aufwand kommt einfach nichts bei rüber. Man fragt sich, ob der Brauer nicht einfach nur mal so ein „neues Bier“ raushauen wollte, und sich dabei übernommen hat, insbesondere, wenn man die vergleichsweise peinliche Aufmachung mit berücksichtigt, die wohl zuerst da war, und dann ein Bier dazu gefunden werden sollte. Immerhin schön: Das Tragerl mit vielen Informationen und einem Charakter-Chart.

Bei minderwertigen Spirituosen ist man schnell mit dem Label „Mixer“ zur Hand, das ausdrückt, dass man sie nicht pur genießen kann, sie höchstens in Mischrezepturen akzeptabel sind. Ich stehe diesem Konzept sehr kritisch gegenüber, doch für die zwei Duckstein-Spezialbiere passt es eigentlich – es sind für mich Filler, wie das Tonic Water in einem Gin & Tonic. Entsprechend suche ich einen Verwendungszweck außerhalb des Bierglases für sie; wenn man diese aromenarmen Biere mit etwas zusätzlichen Geschmäckern aufpimpt, können auch sie noch halbwegs funktionieren. Zum Beispiel im Hop, Skip and Go Naked.

Hop, Skip and Go Naked


Hop, Skip and Go Naked
1 oz Vodka (z.B. Smirnoff)
¾ oz Zitronensaft
¾ oz Himbeerlikör
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit…
leichtem Bier (z.B. Duckstein Opal)
[Rezept nach Jared Schubert]


Beide Biere werde ich nicht mehr kaufen – so leid es mir tut. Stattdessen wird aber weiterhin öfters das Duckstein rotblonde Original im Warenkorb landen, das ich von dieser zugegebenermaßen etwas arg vernichtenden Kritik deutlichst ausnehmen will. Aber so ist das halt mit Familien – manchmal gibt es schwarze Schafe. Hier scheint es nur umgekehrt zu sein – ein strahlendes, rotblondes Schaf in einer Herde von hässlichen Geschwistern.