Archiv der Kategorie: Review

Rezension und Test

Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Titel

IGP, AOC und andere ggAs – Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe

Redet man über Rhum Agricole, beginnt das Missverständnis meist schon im ersten Satz. Selbst Rumexperten verwenden die allerersten Basisbegriffe wie „agricole“ oft, ohne eine wirklich klare Vorstellung davon zu haben, wie komplex die rechtliche und terminologische Lage diesbezüglich ist. Ich will gar nicht auf diese Schwierigkeit eingehen, sondern einen großen Schritt von dieser schwierigen, für mich selbst noch unklaren Schwammigkeit nach vorne an die klar definierte Front machen, und dabei das immer noch häufig gehörte Missverständis aufklären, dass jeder rhum agricole automatisch nach den strengen Regeln des AOC hergestellt wird. Die Kette ist eigentlich klar: Nicht jeder Zuckerrohrsaftbrand ist ein Rum, nicht jeder auf französischen Gebieten hergestellter Rum ist Rhum agricole, nicht jeder Agricole aus derartigen Gebieten ist AOC.

AOC, Appellation d’Origine Contrôlée, ist ein Schutzmechanismus, der nur an sehr ausgewählte Produkte der teilnehmenden Länder vergeben wird (bei dieser französischen Variante eben Frankreich und Schweiz); bei weitem nicht jeder rhum agricole erhält ihn. Zur Zeit hat nur die Insel Martinique das Recht, ihren Rum, der nach diesen sehr explizit formulierten Regeln hergestellt wird, mit diesem Siegel zu markieren. Ein Beispiel für ein nicht-AOC-Rum-produzierendes französisches Gebiet ist Martiniques Nachbarinsel Guadeloupe. Um die Sache zu verkomplizieren, ist der Rum, der dort hergestellt wird, trotzdem auch geschützt – nicht über das AOC-Siegel, sondern über dessen kleinen Bruder, das IGP-Siegel (Indication Géographique Protégée). Kleiner Bruder deshalb, weil die Strenge der Vorgaben, was die Produktionschritte angeht, in diesem Fall doch erkennbar geringer ausfällt – statt detaillierten Vorgaben reicht es schon, wenn die Herstellung allgemein in der angegebenen Region erfolgt, um das Siegel bekommen zu können, das von der EU verliehen wird, nicht von einer unabhängigen Kontrollinstanz, wie das bei AOC der Fall ist.

Wir betrachten in diesem Zusammenhang einfach mal einen Rum – der Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe ist so ein Produkt der Insel Guadeloupe, das das IGP-Siegel trägt. Er wird in der Bellevue-Destillerie für den langjährigen Besitzer der Destille, Damoiseau, den größten Rumhersteller Guadeloupes, gebrannt, und lagert dann mindestens 3 Jahre im Eichenfass, um die Alterskategorie „VO“ zu bekommen.

Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Flasche

Für diese kleinen 3 Jahre weist der Rum eine überraschend kräftige Farbe auf, ein dunkles Kupfer mit goldenen Reflexen. Das lädt direkt dazu ein, die Nase ins Glas zu halten – dort findet man dann erstmal ein schönes Entrée von Zitrusfrüchten. Agricoletypische Noten tauchen schnell auf, Heu und Malz. Leise Anklänge von Kaffee und Schokolade, im Untergrund etwas Pferdedecke.

Der Geschmack überrascht dann zunächst leicht. Honig ist ganz deutlich präsent, ebenso Schwarztee. Passend dazu ist der Eindruck richtig süß, mild, ohne echte Kante und Ecke. Vollmundig und dicht, der Damoiseau VO fühlt sich fast schon dickflüssig im Mund an, wenigstens aber ölig. Leicht grasige Aromen, begleitet von etwas kühler Eukalyptusschärfe im Verlauf. 42% Alkoholgehalt kann man im Ansatz riechen und schmecken, ein paar Jahre mehr werden für noch bessere Einbindung sorgen.

Der Abgang wird sehr trocken, der ganzen Süße im Antrunk spottend. Ansprechend mittellang. Im Nachhall entdecke ich Vanille, noch mehr Heu. Sehr warm und wohlig läuft der Rum den Rachen hinunter und verweilt dort etwas. Ich finde das einen perfekten Rum für Leute, die bisher eher Süßrums im Blickfeld hatten und Agricoles mit Misstrauen beäugen, die grasig-holzigen Komponenten schwierig finden und sich eher gemütlich verwöhnen wollen. Der Abgang ist für diese vielleicht etwas ungewohnt würzig, doch nie unangenehm.

Es gibt unendlich viele Cocktailrezepte, die Rum einsetzen, in all seinen Spielarten. Meist ist dabei rhum agricole nicht die Zutat der Wahl, denn sein doch leicht anderes Aromenprofil würde dafür sorgen, dass die Gesamtaromatik in eine sehr andere Richtung kippt. Für den Damoiseau VO gilt das meines Erachtens nicht – er passt sich gut in Standardrumrezepte ein. Der Agricole Malecon zeigt dies; er wird normalerweise als Malecon mit Melasserum gemacht.

Agricole Malecon


Agricole Malecon
1¾ oz Rhum agricole (z.B. Damoiseau VO)
½ oz Tawny Port
oz Oloroso-Sherry
1 oz Limettensaft
2 Teelöffel feiner Zucker
3 Tropfen Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Erik Lorincz]


Ich kann mit der Art von Schraubverschluss, die sich auf dieser Flasche befindet, bei Spirituosen sehr gut leben – ich brauche keinen Korken, wenn so ein hochwertiger Plastikschraubverschluss es auch tut. Bei dem wirklich richtig guten Preisleistungsverhältnis (man bezahlt in Frankreich im Supermarkt um die 20€ für die 70cl-Flasche) wäre auch jedes Meckern diesbezüglich scheinheilig.

Also, wer sich vor Rhum Agricole bisher gefürchtet hat, greife hier unbesehen zu. Auch bereits Initiierte, die nach einem wirklich milden, vollmundigen Schluck für zwischendurch oder als Cocktailzutat suchen, werden es nicht bereuen, sich diesen Tropfen ins Regal zu stellen.

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Fio do Bigode Cachaça Titel

Sie ist kein Rum – Fio do Bigode Cachaça

Es ist spannend zu beobachten, wie sich die Wahrnehmung von Spirituosen ändert, sobald sie etwas verbreiterter werden. Gewiss ist Cachaça eine der meistproduzierten Spirituosen überhaupt, doch kennen tut sie außerhalb Brasiliens kaum jemand. Eine spannende Diskussion, was Cachaça nun eigentlich ist, nahm vor kurzem eine interessante Wendung. Musste ich früher harte Kämpfe ausfechten, um zu verdeutlichen, dass Cachaça kein Rum ist (manche wollten in ihrem Drang nach Kategorisierung diese Einordnung durchfechten), so ist inzwischen die völlig eigenständige Tradition von Cachaça einigermaßen akzeptiert – vom völlig unterschiedlichen Geschmacksprofil mal ganz abgesehen, was eigentlich die Basis für jede Kategorisierung sein sollte. Man merkte in solchen Diskussionen schnell, wer ganz offensichtlich noch kaum Cachaça probiert hatte, und trotzdem mitreden wollte.

In letzter Zeit hatte ich eigentlich hauptsächlich gereifte Cachaças im Visier. Hin und wieder muss man auch die „weißen“, eigentlich besser „ungereift“ bezeichneten Verwandten der braunen Spirituosen wieder fokussieren, um die ungeschnittene, rohe Basis nicht aus dem Blickfeld zu verlieren – hier findet man die ungefilterte Wahrheit über einen Brand, nicht abgemildert durch Holzeffekte und -aromen. Inzwischen kann man neben den Supermarktmassenprodukten auch hochwertigere Cachaças in Deutschland leicht erwerben – nehmen wir uns mal zum Beispiel die Fio do Bigode Cachaça vor.

Fio do Bigode Cachaça Flasche

Farbe ist keine vorhanden, kein Wunder bei einer ungereiften Cachaça. Keinerlei Einschlüsse sind zu sehen. Die Konsistenz ist nur leicht ölig, dennoch bilden sich dicke Tropfen und langsam ablaufende Beine am Glas. Der Geruch dagegen ist schon beim Eingießen präsent. Sehr intensiv und prägnant, typisch für Cachaça. Zuckerrohr, Malz, überreife Ananas, etwas frischgemähtes Gras, Kirschen, grüne Banane, Aquariumskies, feuchter Karton. Ich mag diesen Geruch einfach, er ist dicht und fett, charaktervoll und komplex.

Im Mund fällt das Niveau leider etwas ab. Der Antrunk ist sehr süß, schokoladig, mildkräuterig. Sehr weich und cremig im initialen Mundgefühl, für 40% Alkoholgehalt sehr zart – das ändert sich aber im Verlauf, denn ungereifte Cachaça hat noch eine gewisse Wildheit und Rohheit, nicht eingebremst durch mildernde Holzeffekte und -aromen. Da ist viel ungewohntes für den Trinker brauner Spirituosen, doch Cachaça gehört glücklicherweise zu der kleinen Gruppe von Schnäpsen, die auch in ihrer weißen Form sehr spannend zu trinken sind (ich zähle auch rhum agricole und ganz besonders Tequila dazu). Diese Aquariumkieskomponente, die ich hin und wieder bei Bränden finde, ist nicht ganz so meins, bei Fio do Bigode ist sie während des ganzen Trinkerlebnisses dominant. Ananas, grüne Banane, Zitrusfrucht komplettieren das Fruchtbouquet.

Der Abgang ist chili-scharf, heiß, trocken, die mineralische Komponente bleibt am Gaumen. Von der Länge her würde ich mittellang sagen, die Aromatik klingt nur langsam ab.

Für den Purgenuss habe ich rundere Cachaças im Sinne (der Hersteller, von dem darüberhinaus die vielleicht bekannteren Germana-Cachaças  stammen, selbst übrigens scheinbar auch, der diesen Rumbrand als Mixer vermarktet), für einen Cocktail ist Fio do Bigode genau das richtige, um knackige, dichte Zuckerrohrsaftbrand-Aromen zu transportieren, ohne gleichzeitig die Fusel und alkoholischen Spitzen, die viele Massencachaças haben. Der Brazilian Hurricane ist, mit Fio do Bigode zubereitet, ein sehr attraktiver Drink – eine tolle Mischung aus kräftiger Säure, milder Süße und kantiger Bittere.

Brazilian Hurricane


Brazilian Hurricane
2½ oz ungereifte Cachaça (z.B. Fio do Bigode Cachaça)
1 oz Maracuja-Sirup
1 oz Limettensaft
¼ oz Grenadine
Auf Eis shaken. Auf Crushed Ice servieren.

[Rezept nach Rhein Haus, Seattle]


Witzig, wenn auch höchstunpraktisch finde ich den Kronkorken, mit dem die Standardflasche verschlossen ist. Zum Glück findet sich ja in einer Heimbar immer ein Korken einer aufgebrauchten Flasche, der als Ersatz herhalten kann. Ich bin mir im Unklaren darüber, was der Hersteller mit einem derart seltsamen Verschlussmechanismus für eine Spirituose, die ja selten genug so schnell wie ein Bier aufgebraucht wird, bezwecken wollte – vielleicht trinkt man in Brasilien so ein Fläschchen Cachaça aber auch schneller als wir hier in Deutschland.

Fio do Bigode Cachaça Kronkorken

Noch ein paar Worte zu den Details, die auf diversen Etiketten der Flasche zu finden sind – eine handeingetragene Chargennummer ist vertrauensbildend, dass wir hier kein Massenprodukt vor uns haben; ein Qualitätssiegel am Flaschenhals ebenso. Das Zuckerrohr wird entsprechend biologisch aufgezogen und handgeerntet. Die Fermentation erfolgt über wilde Hefen, und die Destillation in einer Kupferbrennblase in einem Schritt auf 55% Alkohol, bevor zur Abfüllung noch Wasser zugegeben wird. Das bunte Etikett wirkt, man möge mir den schrägen Vergleich entschuldigen, wie von Osamu Tezuka gezeichnet – hat zwar Charme und ist sehr auffällig, trifft aber nicht so ganz meinen Geschmack.

Offenlegung: Ich danke Barrel Brothers für die kostenlose Zusendung einer Flasche dieser Cachaça.

El Maestro Sierra Oloroso Sherry Titel

El Maestro Sierra Oloroso 15y Sherry

Sherry, das kennen selbst die meisten Spirituosenfreunde heutzutage nur noch aus zweiter Hand – in Form von Fassfinishes bei Whisky und Rum. Wer sich nicht mit Cocktails auseinandersetzt, hat meist wenig mit dem Produkt selbst zu tun; Sherry ist in Deutschland mehr eine Kochzutat denn eine ernstgenommene Spirituose. Schade, denn der spanische fortifizierte Wein hat extrem viel zu bieten und kann auch pur im Glas viel, sehr viel mehr als nur als Abrunder für andere Produkte zu dienen.

Oloroso-Sherry liegt von der Herstellungsweise und auch aromatisch so etwa in der Mitte zwischen den Extremen des Fino– auf der einen Seite und des PX-Sherrys auf der anderen. Er wird ohne Florhefe, die den Wein vor Oxidation schützt, ausgebaut, und ist daher voluminöser, genehmer als ein herber Fino; dennoch verwendet man die selbe Rebsorte, nicht eine Süßweintraube wie beim fast schon pappigen PX. Ersterer ist im Allgemeinen daher trocken und säuerlich, letzterer süß und schokoladig – kann man erwarten, dass der goldene Mittelweg des Oloroso, hier beispielsweise in Form des El Maestro Sierra Oloroso 15y, diesen Geschmacksspagat schafft? Schauen wir nach.

El Maestro Sierra Oloroso Sherry Flasche

Nach 15 Jahren im Fass darf ein Wein schon eine kräftige Farbe annehmen. Das ist beim El Maestro Sierra der Fall – irgendwo zwischen Terracotta und Hennarot würde ich es verorten. Beim Schwenken hinterlässt er einen leichten Schleier am Glas.

Der Geruch ist (gottseidank!) sehr sherrytypisch. Alles, was man an diesem Getränk liebt, findet man hier: Eine starke Nussnote, Dörrobst, Rotwein, Schokolade, Orangen, ein Hauch Kaffee, etwas Holz. Man kann schon eine gewisse Grundsäure erriechen, ohne dass diese aggressiv wirken würde. Sehr komplex, sich beim Riechen wandelnd und dadurch, wie auch durch die schöne Aromenkombination, ansprechend.

El Maestro Sierra Oloroso Sherry 15y Glas

Der Antrunk ist sehr trocken. Trockenheit ist auch der Haupteindruck, der bis zum Schluss verbleibt. Zunächst kämpfen Süße und Säure etwas miteinander, bis die Säure nach einer Weile klar gewinnt. Schnell bildet sich der von Sherry bekannte Nussgeschmack heraus. Fruchtaromen kommen dazu, insgesamt das, was man schon errochen hatte – Orangen und Rosinen. Vom Körper bleibt der Sherry hell, leicht und luftig, ein paar dunklere Komponenten sorgen im Verlauf für etwas Tiefe – 19% Alkoholgehalt helfen dabei weiterhin.

Der Abgang ist säuerlich, sehr nussig, mittellang. Stark adstringierend und staubtrocken, fast schon pelzig. Man muss Speichel sammeln, nachdem der El Maestro Sierra den Rachen hinuntergelaufen ist, sonst klebt einem die Zunge im Mundraum fest.

Das ist ein sehr spannender und interessanter Sherry. Ein ideales Getränk als Aperitiv, um mit der feinen Säure den Mund freizuräumen, nicht zu süß, sehr aromatisch und rund. Alternativ auch als Sipper vor dem Kamin, wenn einem die Laune nicht nach schweren, wuchtigen Spirituosen ist. Oder natürlich man verwendet ihn in Cocktails – da zeigt er, dass auch so elegante Tropfen wie Sherry ein tolles Gewicht entwickeln können. Jörg Meyer stellte neulich auf Facebook den Coloroso vor; bei den Zutaten konnte ich nicht widerstehen. Ein wirklich herrlicher Drink, ideal im Sommer als edler Daiquiri-Ersatz.

Coloroso


Coloroso
1⅔ oz alter Oloroso-Sherry
⅔ oz Cognac XO
⅔ oz Orangenlikör
⅔ oz Limettensaft
1 Teelöffel Zuckersirup
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Le Lion]


Die einfach gehaltene Flasche mit dem sehr dezenten, eher am selbstbewusst auftretenden Wein denn an der üblicherweise verzweifelt um Aufmerksamkeit kreischenden Spirituose orientierten Etikett lässt nicht viel Interpretationsspielraum zu. Vielleicht könnte Sherry etwas mehr Beachtung bekommen, würden die Hersteller etwas schriller und aggressiver in der Vermarktung ihrer tollen Produkte vorgehen. Oh mein Gott, höre ich mir eigentlich gerade selber zu, was ich da sage? Bei allem Wunsch, dass Sherry mehr Anerkennung bekommt, so will ich doch, dass dies auf eine vernünftige, ehrliche Art und Weise geschieht, und nicht über flashige Anpreisung. Wer gute Sherrys wie den El Maestro Sierra probiert, weiß, was er daran hat.

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Titel

Ab nach Walhalla – Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum

Die Welt war vor einigen Jahrzehnten noch in Ordnung. Whisky kam aus Schottland, Irland und den USA, Agavenschnaps aus Mexiko, Weinbrand aus Frankreich, Vodka aus Polen und Russland. Und Rum? Rum kam aus der Karibik, alles andere war gepanschter Schmu. Ja, die Zeiten ändern sich. Whisky ist in sehr hervorragender Qualität inzwischen aus Japan beziehbar, Südafrika stellt zwar nicht Tequila, aber doch Spirituosen aus Agavenzucker her, ich habe südamerikanischen Pisco als dem französischen Cognac in nichts nachstehend für mich entdeckt, und Vodka – naja, manches ist beim alten geblieben, auch wenn sehr schöne Ausnahmeprodukte inzwischen auch in Deutschland hergestellt werden (Freimut, zum Beispiel).

In dieser neuen Weltordnung hat selbst Rum keine Sonderstellung inne mehr inne. Während die Basismaterialien für viele anderen Spirituosen weltweit recht problemlos angebaut werden können (Getreide, Trauben etc.), ist Zuckerrohr ein tropisches Gewächs. Die Herstellung ist daher eigentlich auf entsprechende Gebiete konzentriert, doch im Zuge der Globalisierung sind wenig verderbliche Basismaterialien, wie Melasse bei Rum, aber gern um die halbe Weltkugel unterwegs, so dass selbst im klimatisch unwirtlichen Deutschland Rum gebrannt werden kann – experimentierfreudige Brenner wie Severin Simon versuchen also, den karibischen Altmeistern die Schau zu stehlen, mit hochwertigen artisanalen Produkten. Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum will dabei offensichtlich auf eigenen Füßen stehen, ohne künstliche Anbiederung an tropische Gefühle. Ich habe mir eine der schnuckligen 35cl-Flaschen bei einem Besuch in der Destille mitgenommen. Schauen wir mal, ob der deutsche Rum was taugt, und wie er sich in internationaler Konkurrenz schlägt!

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Flasche

Die 4 Jahre Reifedauer im Barrique aus regionaler Spessarteiche haben, wenn man die Farbe betrachtet, ihren Zweck optisch erfüllt – ein strahlendes Safran mit orangenen Reflexen; schön insbesondere, weil nicht künstlich nachgefärbt. Dicke Beine laufen am Glas langsam ab, eine leichte Öligkeit ist sichtbar.

Das Ex-Mackmyra-Fass, in dem der Thorslund für 6 zusätzliche Monate ruhen konnte, zeigt sich dann auch in der Nase. Ein Touch von Whisky liegt da im Untergrund, darüber eine Schicht Getreide, eine kräuterige Zwischenschicht aus Dill und Kümmel, und zur Krönung obenauf hochtönig noch ein paar Obstaromen (Apfel und Birne, würde ich sagen). Besonders schön für die, die die Destille besucht haben und sich erinnern können – man kann die Aromatik der Melasse, aus der dieser Rum gebrannt wurde, tatsächlich noch riechen.

Im Antrunk wirkt der Thorslund erstmal natürlich süß und weich. Die Breite, die man zu Beginn schmeckt, erhält sich, doch bald kippt die Süße um in kantige Trockenheit. Heimlich schleicht sich eine starke Bittere mit ins Bild. Ich schmecke vergorene Ananas, geröstete Gerste, Anis, etwas Apfel und Banane, und fast schon etwas Armagnac. Die Intensität, mit der die Aromen geliefert werden, ist berauschend. Sehr spannend, sehr vielschichtig, sehr aromatisch. Dieser Rum hält sich nie zurück, und ist trotz der 48,8% Alkoholgehalt dabei nirgends kratzig oder beißend. Der Abgang ist voller Haselnüsse, ultratrocken, heiß und lang, erinnert mich dabei sensorisch an eine verrückte Mischung aus jamaikanischem Funk und norddeutschem Kornbrand. Da ist Dampf ohne Ende drin.

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Glas

Ah, wer hier nicht direkt zum Fan deutschen Rums wird, den bedaure ich. Ganz klar: Der Thorslund kann ohne Mühe mit den besten Produkten der großen karibischen Namen mithalten. Das ist ein herrlicher, superaromatischer und dabei so wunderbar unkomplizierter Rum, bei dem ich es extrem bedauere, nur eine Flasche erworben zu haben – bei einer Limitierung auf 150 Flaschen ist es wohl aussichtslos, nochmals eine davon abzustauben, für die schlechten Tage, wenn man nach vielen Samples mittelmäßigen Rums einen Lichtblick gut gebrauchen könnte.

Immer wieder lese ich, dass man hochwertige Spirituosen nicht in Longdrinks oder Cocktails vermischen soll. Nun, selbst Trader Vic hat einen 17-jährigen Wray&Nephew, der heutzutage wahrscheinlich kaum bezahlbar wäre, in seinem originalen Mai Tai untergebracht, und ihn nehme ich mir diesbezüglich gerne als Vorbild. Daher kommt der Thorslund in einen Cocktail, wie eigentlich alle Spirituosen, die ich auf meinem Blog bespreche. Kein Tiki-Cocktail, sondern was kleines, feines – im Pedro Martinez kommt er besonders schön zur Geltung.

Pedro Martinez


Pedro Martinez
1½ oz gereifter Rum (z.B. Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum)
¾ oz roter Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
¼ oz PX Sherry (z.B.  La Cigarrera Pedro Ximénez)
2 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Bryan Schneider]


In der Valkyrie-Reihe hat Severin Simon auch noch zum Beispiel den Castanea im Portfolio, der statt in Whisky-Fässern in Kastanienholz reift. Natürlich folgt eine Besprechung jenes Rums auch noch. Die nordische Mythologie als Storytelling-Rahmen für den Rum gefällt mir gut, ebenso die Illustrationen auf den Etiketten, die wie auch der Schriftsatz edel wirken, ohne sich allzusehr dabei zu verkaspern. Ein praktischer, qualitativer Schraubverschluss ist für mich eine gute Alternative zum Korken. Sehr wichtig für mich –  dieser Rum ist ungefärbt und ungesüßt. Ein paar Infos darüber, wie auch über die doch nicht alltägliche Herstellung und Reifung, hätte ich mir auf einem eventuellen Rücketikett gewünscht.

Wenn es solch großartigen Rum in Walhalla gibt, hat der Tod seinen Schrecken für mich verloren, und ich freue mich auf die Walküren, die mich dann irgendwann mal dorthin bringen.

1800 Tequila Añejo Titel

Schlupfloch im Eisenpanzer – 1800 Añejo Tequila

Tequila ist eine streng reglementierte Spirituose, etwas, das gern als Beispiel für Kontrolle der Qualität eines Produkts herangezogen wird. Nun muss man aber etwas genauer hinschauen, was dieses Reglement eigentlich aber verbietet und was es erlaubt – und da bricht die Fassade der Qualitätskontrolle recht schnell in sich zusammen. Für einen Tequila sind Zusatzstoffe explizit erlaubt, bis zu 1% des Endprodukts können aus Zuckerkulör, Eichenholzextrakt, Glycerin und zuckerbasierten Sirups (die darüber hinaus nicht einmal wenigstens aus Agavenzucker hergestellt sein müssen!) bestehen. Gerade letztere sind doppelt problematisch, denn sie können selbst wiederum künstliche und natürliche Aromen (Kakao, Vanille, Frucht, Kräuter) enthalten, die dann Komplexität und Aromenvielfalt des Destillats vorgaukeln.

Nichts davon muss laut Tequila-Regelung auf dem Etikett angegeben werden. Das, was gerade bei Rum im Gange ist, dass bei interessierten Konsumenten die Reinheit wieder etwas in den Vordergrund rückt und Zusatzstoffe geächtet, wenigstens aber deutlich kommuniziert werden müssen, ist bei Tequila noch in den Kinderschuhen. So muss man, wie bei Rum früher, kaufen und probieren. Als ich den 1800 Añejo kaufte, war mir persönlich diese ganze Sachlage unbekannt – letztlich ist er aber vom Geschmacksbild für mich ein Paradebeispiel dafür, was ich oben beschrieben habe. Doch ich greife vor, gießen wir uns erstmal ein Glas ein.

1800 Tequila Añejo Flasche

Braune Spirituosen, die in so zeigefreudigen Flaschen verkauft werden, wie das bei diesem Tequila der Fall ist, sind im allgemeinen gefärbt, und sei es nur, um die einzelnen Flaschen aneinander anzugleichen – der Standardkäufer ist leider immer noch nicht aufgeklärt genug, um zu verstehen, dass eine handwerklich hergestellte Spirituose nicht immer gleich aussehen muss. Nun, die Färbung beeinflusst den Geschmack normalerweise nicht, daher lebe ich damit. Mich wundert allerdings schon etwas, dass eine dreijährige Reifung in französischer und amerikanischer Eiche einen derart dunklen, kräftigen Mahagoniton erzeugen soll.

Eine recht dominante Kokosnote beherrscht den Geruch. Dazu riecht man milde, schwere Schokoladensüße, mit deutlichen Anklängen an Vanille. Hubba Bubba-Kaugummi, Zimt. Bei tieferem Riechen kommt Ethanol zum Vorschein. Kalter Rauch ist vielleicht eine mehr persönliche Assoziation, die ich wahrnehme.

Der Geschmack ist überraschend – Wintergrün ist ganz stark präsent, Hubba-Bubba-Kaugummi auch. Süß und schwer, aber ohne echte Tiefe. Leichtes Chili-Feuer kann man fühlen, dennoch wirkt der 1800 Añejo sehr weich im Mund. 38% sind eher mäßig eingebunden, insbesondere für ein gereiftes Produkt.

Der Abgang ist sehr kurz, der Zuckerwattegeschmack bleibt etwas am Gaumen, aber nur in Anflügen. Trocken, mild adstringierend. Alle Eigenschaften deuten darauf hin: Ich gehe davon aus, dass ein Diffusor zur Produktion eingesetzt wurde, und dass der dadurch fehlende Charakter durch Zusatzstoffe wie oben beschrieben hinzugeschummelt wurde.

Na, wenn man dann schon dabei ist, dann machen wir selbst noch ein paar Zutaten dazu, für einen Cocktail. La Bella Dona zeigt die Flexibilität von Tequila – er lässt sich mit allem kombinieren, was die Bar hergibt, und seinen einstigen Ruf als „schwierige Barspirituose“ (so las ich neulich erst in einem Buch über Tequila) sollte jeder Bar- und Schnapsfreund schnellstens aus dem Kopf tilgen.

La Bella Dona


La Bella Dona
1½ oz Tequila Añejo (z.B. 1800 Añejo)
½ oz trockener Wermut (z.B. Belsazar Dry)
¼ oz Absinthe (z.B. La Pontissalienne)
¼ oz Amaro (z.B. Averna)
2 Spritzer Lemon Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept adaptiert nach Payman Bahmani]


Das große Holzrad auf dem Plastikschraubverschluss ist auffällig und dekorativ; es verdeckt leider einen der von mir so gehassten AusgießNachfüllstopps, die es so ätzend schwer machen, halbwegs genau zu dosieren. Das augenfällige dreieckige Pyramidendesign der Flasche ist, auch wenn die Marke schon mehrere Redesigns hinter sich hat, schon älter – was das uralte, verstaubte Exemplar, das ich in der Tequilabar meines Vertrauens entdeckt hatte, beweist.

Cuervo 1800 Tequila Añejo Alte Flasche

Man macht als Spirituosenfreund immer viele Phasen durch. Man kauft sich Produkte, die einem schmecken, nur um später festzustellen, dass man es lieber nicht getan hätte, weil die Herstellungsprozesse sehr fragwürdig sind. Ich trinke den 1800 Añejo noch weg, aber Nachkauf wird es von diesem Hersteller keinen mehr geben, und trotz genehmen Geschmacks möchte ich meinen Lesern auch keine echte Kaufempfehlung geben – es gibt genug ehrlichere, bessere Alternativen bei Tequila.

Ron Zacapa Sistema Solera 23 Titel

Der Einstieg in die Zuckerhölle – Ron Zacapa 23 Sistema Solera

Es gibt unter Rumkennern eine Theorie, die sich „Gateway“ nennt. Darunter versteht man im Allgemeinen, dass es kaum einen Rumfreund gibt, der nicht über gewisse Marken in die Szene eingestiegen ist – Botucal/Diplomatico, El Dorado, Plantation XO und der hier besprochene Ron Zacapa 23 Sistema Solera sind dafür übliche Verdächtige. Sie sind stark gesüßte, teils aromatisierte, teils sogar mit Glyzerin versetzte Produkte, die den Konsum vereinfachen sollen (auf den Zacapa trifft, um das vorwegzunehmen, alles drei zu) – das Zeug kann man trinken, selbst wenn man sonst keine Spirituosen mag. „Gateway“ ist entsprechend die englische Bezeichnung für diesen „Einstieg“. Man beginnt danach vielleicht, sich mit Rum auseinanderzusetzen, und wer dranbleibt, bleibt allerdings oft nicht bei diesen Produkten – schnell erkennt man, dass die Aromatik künstlich ist, und man steigt auf saubere Rums um, oder ist sich wenigstens hoffentlich klar, dass man eigentlich eine Art Rummixgetränk oder prebottled Rum Old Fashioned trinkt, aber nicht Rum.

Die Gateway-Theorie ist manchmal das letzte Gute, was man als Fortgeschrittener über bestimmte Produkte sagen kann oder will, und manche geben Anfängern eventuell daher sogar den Rat, mit ihnen einzusteigen – eben weil man selbst damit angefangen hat. Hier hört es für mich aber auf. Als Erklärung für die Bekanntheit dieser Rums mag die Gateway-Theorie dienen, aber auf gar keinen Fall als Handlungsempfehlung. Muss es wirklich sein, dass alle Anfänger erstmal betuppt werden müssen und sie ganz natürlich zunächst gepanschte Ware trinken sollen, nur weil wir als dumme Anfänger diesen harten und teuren Weg gehen mussten, in Zeiten, als die Manipulation von Spirituosen mit Additiven nicht bekannt war? Empfiehlt man angehenden Whiskytrinkern erstmal Drambuie und Irish Mist? Nein. Und bei Rum sollte es auch nicht so sein.

Ron Zacapa Sistema Solera 23 Flasche

Meine Einstellung dazu gefällt manchen nicht, das weiß ich. Dennoch hatte ich mir es auf die Fahnen geschrieben, für sauberen Rum und die Bekanntmachung der Vorgänge bei Rum zu kämpfen. Heute blicke ich nostalgisch zurück – in nur wenigen Jahren ist diesbezüglich unglaublich viel passiert, und das Pendel schwingt in die andere Richtung. Gut und weiter so!

Behäbig und schwer liegt er mit seinem dunklen, kräftigen Terracotta im Glas. Er schwenkt sich sehr gefällig. Man ahnt, wenn man es weiß, hier bereits den Weichmacher, den er enthält – Glyzerin ist per Labortest nachgewiesen, eine Substanz, die auch in so manchen Vodkas zum Gefügigmachen eines nicht ganz so weichen Destillats genutzt wird.

Die Nase des Rums aus Guatemala ist durchaus rumtypisch, Walnüsse, Rosinen, Weihnachsgebäck, Haferkekse, dunkle Schokolade; eine leichte Pferdedeckennote finde ich immer gar nicht unattraktiv. Er wird aus „virgin sugar cane honey“, einem Marketingeuphemismus für konzentrierten, eingedickten Zuckerrohrsaft, hergestellt, was aromatisch näher einem Melasserum ist als einem aus frischem Zuckerrohrsaft hergestellten. Ich entdecke einen nur minimalen, aber erkennbaren Alkoholbeiklang. Der Geschmack ist sehr gefällig, sehr süß im Antrunk, zunächst weich und samtig, vanillig (auch letzteres ist per obigem Labortest als künstliches Aroma entlarvt). Es dauert nicht lang, dann kommt eine störende Säure zum Vorschein; man entdeckt parallel den fehlenden Körper, den eklatanten Mangel an Tiefe, die Pappigkeit, die aus der zunächst noch angenehmen Süße geboren wird. 40% Alkohol werden durch die Zuckerung einigermaßen maskiert – die Maske wirkt aber künstlich und aufgesetzt. Der Abgang kann dann doch nicht komplett verbergen, was hier geschehen ist – ein mittelmäßiges Destillat wurde mit Additiven aufgepimpt, was am Gaumen noch recht gut funktioniert, im Nachhall sich aber als schal, scharf, leer und kurz entpuppt.

Mein Mantra ist – was ich nicht pur trinken würde, kommt mir auch nicht in den Cocktail. Davon gibt es nur wenige Ausnahmen. Für gesüßten Rum mache ich diese nur, solange die Flaschen halt im Haus sind und so langsam aber sicher dann halt doch weg müssen. Dabei achte ich darauf, sie in Rezepten zu verbraten, die eh von sich aus bereits einen süßen Charakter haben – wie der Curiosity. Tatsächlich bringt der Zacapa hier sogar einen gewissen Charme mit in die Mixtur und fällt mit seiner Süße unter den eh schon arg süßen Mitstreitern Sherry, Likör und Sirup kaum negativ auf.

Curiosity


Curiosity
2 oz gereifter, süßer Rum (z.B. Ron Zacapa 23 Sistema Solera)
1 Teelöffel Schwarztee (lose in den Shaker)
⅔ oz PX Sherry
⅓ oz Suze
⅓ oz Vanillesirup
Auf Eis schütteln. Doppelt abseihen. Mit einer Orangenzeste garnieren.

[Rezept nach Kenny Klein]


Während ich mich über die täuscherischen Pseudo-Altersangaben von lateinamerikanischen Solera-Rums, die zumeist nicht mal echte Soleras sind, sondern Blends, anderswo schon ausgelassen habe, muss ich bei diesem Rum nochmal auf die Süßung zurückkommen, einem Thema, das 2018 eigentlich bereits etwas ausgereizt scheint, doch immer wieder entdeckt man neue Facetten dieses Vorgehens. Knapp über 20g/L (im untenstehenden Foto runtergerechnet auf die 700ml-Flasche entsprechend 14 Gramm Zucker) weist der Ron Zacapa 23 heute auf; frühere Messungen hatten über den doppelten Wert ergeben.

Eine interessante Diskussion findet sich im Rum Project dazu. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass Zacapa wohl seinen früheren Anteil von Saccharose tatsächlich sehr stark reduziert hat – dafür aber einfach umgestiegen ist auf eine andere Süßungsart, nämlich Fructose-Glucose-Sirup. Dieser ist geschmacklich deutlich süßer als Zucker; so ist der messbare Anteil an Zucker niedriger, die früher bekannte Süße bleibt erhalten. So einen Stunt muss man erstmal durchziehen. Mich wundert im Rum-Business aber nichts mehr. Scheinbar ist es manchen Herstellern wichtiger, ihre Energie dahingehend zu verbrauchen, die Konsumenten mit immer neuen Tricks zu täuschen und neue Wege der künstlichen Süßung zu suchen, statt einfach diese Energie in die Weiterentwicklung und Säuberung ihrer Produkte zu investieren.

So, Zacapa 23 in ein paar Sätzen zusammengefasst: Glyzerin zum Weichmachen, hochindustrieller Zuckersirup zum Abschleifen und Süßen, künstliches Vanillin für die feinen Aromen, eine täuscherische Altersangabe als Kaufanreiz, viel Marketingblabla zum Blenden der Unwissenden. Habe ich was ausgelassen? Letztlich können nur wir Verbraucher diese Praxis beenden, indem wir derartige Produkte meiden. Man kann mit dem Zacapa 23 damit anfangen – seinen einstigen guten Ruf, der nur auf Betrug basierte, hat er in Kennerkreisen eh schon lange verloren, und entsprechend gibt es weder für Anfänger noch für Kenner eine Pflicht, ihn probiert zu haben.

Drei fassgereifte Biere Titel

Aus dem Fass in die Flasche – Welde Bourbon Barrel Bock, Kehrwieder Maria Port Barrel Aged und Duchesse de Bourgogne

Jahrelang war es überhaupt kein Diskussionsthema: Fassreifung bei Bier. Man sprach über die Fasslagerung von Spirituosen, insbesondere Whisky und Rum – unterschiedliche Fassgrößen, verschiedene Hölzer, Behandlung der Fässer vor der Reifung, nasse und trockene Fässer, Länge der Reifung, Finishes mit Spezialhölzern, in welchem Klima, an welchem Platz im Lagerhaus… die Themenbereiche scheinen unbegrenzt. Im Zuge der Erweckung des deutschen Biertrinkers aus seinem RHG-Dornröschenschlaf, in den uns die Bierindustrie über Jahrzehnte sanft gesungen hatte, durch die Craftbierwelle findet diese Diskussion nun auch wieder für Bier statt.

Drei Biere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, habe ich mir ausgesucht, um die Effekte, die eine Fasslagerung auf Bier hat, zu beleuchten. Da haben wir ein untergäriges Bockbier, das in drei Ex-Spirituosenfässern (Bourbon, Tequila & Rum) ruhen durfte; ein obergäriges Ale, gereift in einem Ex-Port-Fass; und zu guter letzt ein belgisches Sauerbier, für das das Eichenfass nur eine Zwischenstation hin zur Flaschenreifung war. Namentlich sehen wir in diesem Artikel damit das Welde Bourbon Barrel Bock, das Kehrwieder Maria Port Barrel Aged und das Duchesse de Bourgogne. Drei Biere, drei Fassreifungsmethoden, drei Stile – mal schauen, wie sich das Holz so schlägt.

Drei fassgereifte Biere Flaschen

Wir steigen in die frohe Runde ein mit dem Welde Bourbon Barrel Bock. Die Besonderheit hier ist, dass es sich um ein Cuvée handelt – das Bier wurde in Bourbon-, Rum- und Tequila-Fässer eingelagert und nach der Reifedauer von 3 Monaten miteinander wieder vermählt. Man könnte also davon ausgehen, einen bunten Reigen an Fasseffekten und -aromen vorzufinden, oder?

Die Farbe, hennarot, könnte zumindesst teilweise schonmal aus dem Fass kommen können. Eine erkennbare feinblasige Perlage kann den von Beginn an dünnen Schaum nur schwer aufrechterhalten, jener ist entsprechend bald komplett weg. Dennoch: Strahlend und sehr hübsch anzusehen.

Welde Bourbon Barrel Bock Glas

Geruchlich gewinnt deutlichst der vom Bourbonfass, schon 30cm entfernt vom Glas riecht die Nase das. Vanille, Eichennoten, Karamell. Geht man näher ran, kommt eine säuerliche Note mit würzigen Untertönen zum Vorschein. Mildmalzig, leicht metallisch.

Trotz der attraktiven Cremigkeit im Antrunk ist das Bier frisch und rezent, zitronig. Feinsüß, aber nicht vordergründig. Bourbonnoten tauchen erst auf, wenn man das Bier mit höherer Temperatur als den empfohlenen 12° trinkt; aber sonst finde ich leider praktisch keine Noten von irgendwas anderem im Geschmack. Ein leicht buttriges Aroma vielleicht. Auch der Abgang überrascht – sehr kurz, sehr trocken, ansonst praktisch nichtexistent. Wow, das könnte ein neuer Rekord in Abgangskürze bei Bier für mich sein. Vanille hängt bei höherer Trinktemperatur etwas nach, aber nur ahnungsweise. Die Zahlen und Fakten: 6,6% Alkoholgehalt, schließlich haben wir ein Bockbier vor uns, Green-Bullet-Hopfen wurde eingesetzt, 28 IBU erreicht die Bittere.

Ich bin bass erstaunt ob der aromatischen Ärme dieses Biers – das Fass hat ganze Arbeit geleistet und dem Neutralbier wenigstens Bourbon-Geschmack verliehen, das allerdings nicht zu knapp. Ich hoffe sehr auf Besserung bei dem zweiten Kandidaten in dieser Runde, dem Maria Port Barrel Aged von der Kehrwieder Kreativbrauerei.

Kehrwieder Kreativbrauerei Maria Port Barrel Aged

Bei Spirituosen werden Portweinfässer gern genutzt, oft nicht ganz geleert, um die starke Restsüße der Überbleibsel zur Aromatisierung der neuen Belegschaft zu verwenden (da kann viel Schmu getrieben werden, nur soviel dazu). Mal schauen, ob man den Port hier wiederfindet. Farblich jedenfalls ist die Assoziation da – ein schweres Braun. Schönes Mousseux, praktisch kein Schaum. In der Nase entdecke ich erstmal Eisen, eine leicht käsige Note (neutral und ohne Wertung!), sonst nicht wirklich viel. Geruchlich haut es mich wirklich nicht um, da ist kaum etwas, was mich anspricht.

Auch im Antrunk meine ich, diese milde Käsenote zu schmecken; das ist nicht so unangenehm, wie es sich anhört. Schnell wird die milde Süße des initialen Geschmacks durch eine zischende Säure ersetzt, die Rezenz ist sehr hoch, das Bier fühlt sich sehr frisch an. Nun kommt das Portweinfass zum Tragen – viel Frucht und Weincharakter drängen sich nach vorn. Soweit, dass man das schon fast, wenn man die tolle Rezenz miteinbezieht, mit einem Weinschorle vergleichen könnte. Man hat den Eindruck eines extrem helltönigen Biers, die tieferen Bassnoten fehlen. 7,5% Alkohol zeigen die Dubbel-Basis.

Im Abgang entdeckt man dann die Trockenheit, die Sprudeligkeit und die helle Frische eines Brut-Schaumweins. Etwas dunkle Frucht klingt noch nach. Nun, das ist schon interessant – das ist ein sehr klares, sauberes Bier, mit milden Fruchtnoten, die vielleicht wirklich aus dem Port-Fass stammen könnten. Spannend, weil unerwartet. Herrlich erfrischend und dabei durchaus befriedigend für mich; für Leute, die auf Biergeschmack aus sind, wahrscheinlich verwirrend.

Beenden wir die Runde mit einem Ausflug nach Belgien. Ich gebe zu, ich bin ein großer Freund der belgischen Bierkultur, und darüber hinaus auch noch von Sauerbieren. Das Duchesse de Bourgogne ist in Kennerkreisen durchaus ein Kandidat als Referenz für diese Art von Bier geläufig. Merkt man ihm auch noch die Fassreifung an? Immerhin konnte es vor der endgültigen Flaschenreifung doch eine angemessene Zeit in Eichenfässern zwischenlagern.

Duchesse de Bourgogne

Farblich tiefbraun mit blutroten Reflexen, doch das haben viele belgische Dubbel und Tripel, das muss nichts mit dem Fass zu tun haben. Leichte Perlage, nur wenig Schaum. Nach dem Ziehen des Kronkorkens dachte ich zuerst – das Bier ist schlecht geworden, das riecht ja schlimm nach Essig. Schnuppert man ein bisschen länger dran, entdeckt man darüberhinaus noch Noten von grünem Apfel, Verjus, Sekt und Weißwein. Letztlich alles nur begrenzt an Bier erinnernd, das gebe ich zu; Sauerbier ist nicht wirklich was für jeden.

Tatsächlich schlägt sich das Duchesse de Bourgogne im Geschmack dann auch in einer Liga mit den schon kräftig sauren Rügener Insel-Brauerei-Bieren Meerjungfrau und Seepferd, meinen Lieblingssauerbieren; Limettensäure, Essig und Champagner sind Eindrücke. Da ist aber auch eine ordentliche Süße im Bier, die so einiges abfedert, und im Verlauf der Verkostung stärker und stärker wird; der ansonsten schmale Körper wird durch die Süße erkennbar verbreitert. Während der Antrunk also knackig sauer ist, beginnt der Abgang eher wie ein typisches belgisches Dubbel mit kandiszuckriger, weicher Milde. Insgesamt ist der Abgang eher kurz, mit einem Anflug von Bittere, Zitrusaromen hängen noch nach. 6,2% Alkohol spürt man durch die hohe Rezenz kaum.

Ein leichtes, frisches Bier. Sehr rezent durch die extreme Säure und eine ordentliche Karbonisierung. Aromatisch bleibt es zurückhaltend, echten Fasscharakter nimmt man kaum wahr. Sehr angenehm zu trinken, ein wirklich schönes Sauerbier, das den Insel-Bieren den ersten Platz in meiner Rangliste dieses Bierstils abläuft.

Als Fazit bleibt mir nur noch, darauf hinzuweisen, dass es bei Fassreifung nicht immer nur darum gehen muss, dem Produkt weitere Nuancen und Aromen hinzuzufügen. Manchmal dient die Zeit im Fass einfach auch nur dazu, das Gesamtgeschmacksbild abzurunden, zu vereinheitlichen, dem Bier Zeit zu geben, sich zu setzen. Alle drei hier vorgestellten Biere profitieren in der einen oder anderen Form vom Holz – und ich freue mich sehr darauf, in Zukunft weiter in diese heutzutage leider etwas in den Hintergrund geratene Methode der Bierherstellung einzutauchen.

Evan Williams Bottled-in-Bond Titel

Evan Williams Bottled-in-Bond 100 Proof Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Heutzutage sind „small batch“-Produktionen bei Whiskeys sehr beliebt. Die Kundschaft hat gemerkt, dass „klein aber fein“ und gehobene Qualitätsstandards sich auch im Genuss sehr deutlich spürbar machen. Daher sind heute gesetzlich geregelte Kennzeichnungen wie „bottled-in-bond“, die eben ein gewisses Qualitätsversprechen geben sollten in Zeiten, wo Masse und Umsatz bei den Herstellern sehr viel wichtiger war als Qualität, etwas obsolet geworden – wer sich nur ansatzweise mit Whiskey auskennt, sucht sich eh schon die Premium-Small-Batches, und wer nicht, dem ist auch das „bottled-in-bond“ egal. Für den Evan Williams Bottled-in-Bond 100 Proof Kentucky Straight Bourbon Whiskey aus der Heaven-Hill-Destille ist die Kennzeichnung aber immer noch relevant, weil Evan Williams eine der Massenmarken des Herstellers ist, und diese spezielle Variante sich dennoch vom „bottom-shelf“-Evan Williams (dem mit dem schwarzen Etikett) abgrenzen soll.

„Obsolet“ ist allerdings vielleicht ein zu hartes Wort für die bottled-in-bond-Regularien. Tatsächlich sehen wir bei anderen Spirituosen, dass ihnen ein ähnliches, nochmals über das eh schon vorhandene Set an gesetzlichen Festlegungen hinausgehende, Qualitätsversprechen etwas fehlt. Tequila ist stark reguliert, kann aber allerlei Zusatzstoffe aufweisen und mit fragwürdigen Techniken wie einem Diffusor hergestellt werden; Rum hat zwar viele lokale Gesetzgebungen, aber deren Unterschiedlichkeit sorgt für Verwirrung, und an deren Durchsetzung hapert es darüber hinaus gewaltig. Ein bottled-in-bond-Versprechen wäre dort eine echte Wohltat für uns Spirituosenfreunde; also seien wir dankbar, dass Bourbon uns so eine Möglichkeit bietet.

Die Frage, die man sich stellen kann, aber nicht unbedingt muss, denn Qualität in der Produktion ist ein Wert an sich: äußert sich diese Produktionsmethode mit strenger Aufsicht dann auch im Geschmack? Prüfen wir es.

Evan Williams Bottled-in-Bond Flasche

Farblich finden wir ein tiefes, kräftiges, holziges Braun vor, vielleicht sogar einen Tick dunkler, als man es von anderen Bourbons gewohnt ist. Der Evan Williams Bottled-in-Bond liegt schwer und ölig im Glas, Schwenkbeine laufen langsam und in dicken Tropfen ab. Die Nase ist fruchtig, hauptsächlich in Richtung Banane. Sehr starke Eichentöne übertönen aber alles, und eine nicht zu unterschätzende alkoholische Note schwimmt immer mit. Insgesamt wirkt der Geruch etwas flach und dünn, ohne viel Körper oder Aromen, das wirkt nicht besonders begeisternd.

Im Mund ändert sich das etwas – im Gesamtbild wirkt dieser Whiskey immer noch recht leicht und dünn, dann, nach dem ersten Antrunk aber doch überraschend mild, weich, samtig – die süße Komponente überwiegt. Schnell dann aber schießen die 50 Volumenprozent und Gewürzaromen nach Nelke, Muskatnuss und Vanille aus allen Rohren und kitzeln die Zunge, bevor ein sehr warmer, karottiger und dringender Abgang, der von der Länge her vielleicht etwas zu kurz daherkommt, die Verkostung mit einer hauchigen Ethanolnote abschließt. Adstringierende, betäubende Effekte bleiben noch lange am Gaumen, aber nur wenige Aromen.

Evan Williams Bottled-in-Bond 100 Proof Kentucky Straight Bourbon Whiskey Glas

Das Gesamtbild ist schon ansprechend, aber, ehrlich gesagt, nichts, was mich vom Hocker hauen würde, obwohl ich einen „soft spot“ für die Heaven-Hill-Produkte habe. Ein für meinen Geschmack leicht unrunder und wankelmütiger, aber trotzdem durchaus trinkbarer Bourbon mit sehr gutem Preisleistungsverhältnis, besonders empfehlenswert für Freunde des stärkeren, würzigeren, nicht übermäßig weichgespülten Whiskey, oder für die, die einen Bourbon suchen, der auch in Cocktails seinen Mann stehen kann. Durch den hohen Proof wird er bei mir als Cocktailzutat Verwendung finden, zum Beispiel in einem Five-Spice Bourbon Punch.

Five-Spice Bourbon Punch


Five-Spice Bourbon Punch
1½ oz Bourbon
½ oz Zitronensaft
¾ oz Five-Spice-Sirup (selbst leicht aufzukochen aus 1 Tasse Zucker, 1 Tasse Wasser, Sternanis, Szechuan-Pfeffer, Nelken, Fenchelsamen und Zimtstange)
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit 2 oz Sprudel
[Rezept nach Elana Lepkowski]


Die eckige Flasche mit dem langen Hals reißt mich nicht mit, das Etikett ist ähnlich zurückhaltend designt. Manchmal sind es halt dann doch die inneren Werte, die zählen, und das froschige Äußere sollte Sie daher nicht davon abhalten, den Adligen darin zu entdecken; auch wenn es kein feinsinniger Prinz, sondern vielleicht eher „nur“ ein forscher Graf oder Baron ist. Manchmal will man aber auch so was.

Novo Fogo Tanager Cachaça Titel

Brasilianische Liebeslieder – Novo Fogo Tanager Cachaça

Manchmal spürt man direkt, wenn ein Hersteller wirklich an das glaubt, was er tut. Bei einigen der Videos, die Dragos Axinte, der CEO des brasilianischen Cachaça-Herstellers Novo Fogo vor kurzem auf Facebook veröffentlicht hat, wird das sehr deutlich. Man glaubt es ihm, wenn er in seiner etwas lässigen Art etwas sehr lyrisches sagt: „Novo Fogo is a love song.“ Die Produktion, die in den Videos gezeigt wird, macht deutlich, dass hier nicht nur ein Marketinglaberer am Werk ist – sehr bodenständig, klein, handwerklich und mit viel Respekt vor Natur und Umwelt wird bei Novo Fogo gearbeitet. Dies wird ganz besonders deutlich, wenn man sich die dortigen Methoden der Fassreifung ansieht, und die Motivation dahinter.

Für uns Deutsche, die eigentlich nur die klare Cachaça aus dem Supermarkt kennen, ist das vielleicht überraschend, aber 90% aller Cachaças sind fassgereift, 60% davon in amerikanischer Eiche, nicht in den brasilianischen Hölzern, für deren Verwendung Cachaça gern gerühmt wird. Dies spiegelt den brasilianischen Geschmack wieder – laut Dragos Axinte gewinnen in Blind Tastings in Brasilien regelmäßig die Produkte, die in amerikanischer oder französischer Eiche gereift wurden; die brasilianischen Hölzer liegen dahinter.

Entsprechend werden die Novo-Fogo-Zuckerrohrsaftbrände auch in diese Richtung gereift. Der Novo Fogo Tanager (der namensgebende Tanager ist ein südamerikanischer Waldvogel, die Aussprache ist analog zum englischen Wort „manager“), den ich heute hier vorstelle, ruhte 1 Jahr in amerikanischer Eiche, dann anschließend noch 3-6 Monate im ungetoasteten Araribá (anglisiert als „Zebrawood“) als Finish. Der Naturschutz steht selbst hier bei einem Finish noch im Vordergrund – dieses Holz ist nicht frisch geschnitten, sondern stammt aus den Resten eines abgerissenen Hauses, das vor langer Zeit damit gebaut worden war. Insgesamt hat Novo Fogo auch nur 2 Fässer davon. Doch dazu mehr später im Artikel, zuerst wollen wir nun das Endprodukt verkosten.

Novo Fogo Tanager Cachaça Flasche

Man sieht es schon von außen ohne Mühe – die Farbe dieser Cachaça ist erstaunlich. Ein starkes, wuchtiges Rot, das wohl nur vom Zebrawood kommt. Der Geruch gefällt, er ist sehr fruchtig, viele Erdbeeren, verrückterweise Zuckerwatte, dazu milde Zitrusnoten, im Hintergrund Holz en masse. Ein Anflug von Lack, der aber nicht störend wirkt.

Im Antrunk meine ich, die Eichenreifung wahrnehmen zu können. Süßlich, vanillig, Anklänge von Karamell und Honig. Doch das ist nur der Auftakt des Liebeslieds, das schnell umkippt in ein melodramatisches Klagelied: im Verlauf entstehen und dominieren Bittere und Trockenheit, die Holznoten springen nach vorn. Zwetschgen wie bei einem Slivovitz sind noch die mildesten Aromen, dann kommt krachend Lakritz und Leder zum Vorschein, die Trockenheit nimmt immer mehr Fahrt auf. Das Mundgefühl ist eher kühl als heiß.

Der Abgang haut einen um, wenn man bisher nur milde Cachaças kennt: wirklich brutal bitter und staubtrocken, mit extremen Betäubungseffekten auf der Zunge, die überraschend lange anhalten – viele Minuten lang; das ist für mich ein höchst interessanter, in dieser Konsequenz kaum gekannter Effekt. Lakritz ist sehr präsent, dabei aber fast mehr ein Gefühl als ein Geschmack. Sehr holzig ist der Tanager darüber hinaus, und zwar wirklich richtig stark holzig. Das muss das Araribá sein: ein höchstfaszinierendes, aber auch wirklich gefährliches Holz. Ich bin mir sicher – man sollte als Hersteller sehr vorsichtig sein beim Einsatz, länger als ein Finish kann dieses Holz meines Erachtens nicht genutzt werden. Sogar hier ist es vielleicht fast schon zu weit gegangen.

Wir haben hier eine Spirituose, die pur sehr herausfordernd zu genießen ist. Gleichzeitig springt sie aber auch nicht wirklich unbedingt freudig nach vorne, wenn es darum geht, ein soziales Miteinander in einem Mixgetränk herzustellen. Die Holz-, Bitter- und Anästhesieeffekte müssen schon sorgsam eingesetzt werden. Der Novo Negroni ist daher vielleicht nicht der allereinfachst trinkbare Cocktail, doch gewiss spannend und interessant, insbesondere für Freunde des klassischen, starken, aromatischen Drinks.

Novo Negroni


Novo Negroni
1 oz gereifter Cachaça (z.B. Novo Fogo Tanager)
1 oz roter Wermut (z.B. Punt e Mes)
¾ oz Campari

1 Spritzer Bittermens Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren. Mit Orangenzeste servieren.

[Rezept nach einer Idee von Avery Glasser]


Die Flasche, die Novo Fogo für alle ihre Produkte einsetzen, ist sehr individuell gestaltet. Die Form ist schwungvoll und unkonventionell, die Details, wie das Leinenband um den Flaschenhals und viele handbeschriftete Elemente (die Banderole auf dem Holzstöpsel und die Batch-Nummer auf dem kleinen Frontetikett, für das unten in der Flasche sogar ein Bereich ins Glas eingelassen wurde) bestätigen den Eindruck, dass hier nicht industriell gefertigt wird.

Novo Fogo Tanager Cachaça Flaschenhals

Kommen wir am Schluss, wie angekündigt, nochmal auf die Holzfrage zurück. Die scheinbare brasilianische Vorliebe für eichengereifte Produkte mal ganz nebenbei lassend, so muss sich der interessierte Spirituosenfreund bei aller Liebe für die Exotik der weiten Bandbreite an Hölzern, die zur Reifung für Cachaça eingesetzt wird, doch auch die Frage nach der Nachhaltigkeit dieser Produktionsmethode stellen. Novo Fogo nutzt hauptsächlich Eiche, um sicherzustellen, dass nicht für ein vergängliches Genussmittel die Natur, in der noch in Zukunft Mensch und Tier leben müssen und wollen, zerstört wird. Das, was ich als eigentlich sehr spannend empfinde, die Verwendung dieser seltenen exotischen Hölzer mit ihren fremdartigen Aromen, ist also eigentlich eine Gefahr für die Umwelt, da sie nicht nachhaltig produziert werden. Eiche dagegen ist diesbezüglich vergleichsweise unbedenklich. Grundsätzlich sollte man, wenn man dennoch die verrückten, hochintensiven Geschmackshölzer konsumieren will, beim Hersteller oder Importeur nachfragen, ob das Holz für das Fass nachhaltig produziert ist (die Produzenten müssen gesetzlich Nachweise dafür vorlegen können).

Brasilianische Holzarten und ihre Gefährdung

Tatsächlich sind die Cachaças von Novo Fogo also ein Liebeslied an Brasilien, seine Kultur, seine Natur und die Menschen, die die Tradition von handwerklich hergestellter Cachaça hochhalten. Wir als Konsumenten sind angehalten, diesen Gedanken weiterzuführen. Es kostet nicht viel Mühe, sich zu informieren. Gut auch, wenn man weiß, dass es Hersteller gibt, bei denen man sich auf Transparenz und Motive verlassen kann.

Ma Wo Shan Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 11 – Mawoshan Tujiu (麻窝山土酒)

Gerne leite ich meine Baijiu-Artikel in meiner Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“, die nun schon in die erstaunliche elfte Runde geht, mit ein paar Hintergrunddetails über den gerade besprochenen Klaren ein. Manchmal ist die Recherche dafür einfach, es reicht, den Namen in Kurzzeichen in eine Suchmaschine einzugeben, um entsprechende Treffer zu erhalten, die dann nur noch übersetzt werden müssen; manchmal ist sie mühselig, weil man erst verstehen muss, was einem da überhaupt präsentiert wird. Für den Mawoshan Tujiu (麻窝山土酒) muss ich nach vielen Versuchen einfach, zum ersten Mal in dieser Reihe, komplett aufgeben – ich kann einfach keine Informationen über ihn im Internet finden. Es gibt keine Firmenseite, chinesische Shops bieten ihn nicht an, selbst die Bildersuche liefert (außer meinen Bildern, die weit vorn landen) nur einen Treffer, der dann aber ins Nirvana führt.

Entsprechend halte ich die Informationen nicht zurück, sondern präsentiere in einem Absatz alles, was ausfindlich zu machen war: Der Mawoshan Tujiu ist ein Leichtaroma-Baijiu, eine Gruppe, die auch oft „Fenjiu“ genannt wird. Sie ist eigentlich hauptsächlich in Nordchina beheimatet, doch der namensgebende Mawoshan ist ein Berg innerhalb der Wumengshan-Gebirgskette, die die südlichwestlichen Provinzen Yunnan und Guizhou verbindet, und dort liegt auch die Destillerie.

Ma Wo Shan Baijiu Flasche

Die Zeit gereifter, brauner Baijius ist zwar so langsam gekommen, aber der klassische Baijiu ist eben immer noch klar und ohne Farbe. Auch hier ist das so. Die Konsistenz ist nur minimal schwergängig, mit schön ablaufender Beinbildung am Glas.

Hat man sich einmal mit der Basisaromatik von Baijiu arrangiert, kommt einem ein Leichtaroma-Baijiu sehr angenehm vor. Der Mawoshan Tujiu legt säuerlich vor, mit Anklängen von weißem Wermut, mildem Weinessig, etwas Sojasauce, Ananas, Hefe und Getreide. Eine dezente Röstnote macht ihn würzig. Etwas Lack ist erkennbar.

Im Antrunk ist er süß, bildet hier die typischen Fermentaromen aus. Vergorener Pfirsich, Ananas, aber nicht extrem. Im Verlauf erinnert er mich an weißen Rum, mild, aber kräftig. Leichte Betäubung der Zungenfläche setzt ein. Er wird trocken und herb, behält aber einen gewissen Wermutcharakter, den ich schon gerochen habe.

Erst im Abgang könnte man die enthaltenen 53% Alkohol erkennen, selbst hier ist er aber zurückhaltend. Insgesamt ist der Abgang mittellang, im Vergleich zu anderen Baijius fast kurz. Die salzigen Würzekomponenten drängen nun nach vorn, etwas rauchiges meine ich nun zu schmecken – Zigarettenasche vielleicht. Trocken und adstringierend klingt ein wirklich recht angenehmes Geschmacksbild aus.

Das Fazit? Der Mawoshan Tujiu ist ein schöner Baijiu, gut als Einsteigerprodukt geeignet, mit ausdrucksstarker aber gleichzeitig zurückhaltender Aromatik – sehr gut für den westlichen Gaumen geeignet.

Ich empfinde Leichtaroma-Baijiu als sehr spannende, ungewöhnliche und dabei nicht übermäßig ausbrechende Cocktailzutat. Die Szene für Baijiu-Cocktails ist im Westen trotzdem sehr klein; man kennt sich untereinander. Entsprechend widmet man sich in so einer verschworenen Gemeinschaft gegenseitig auch mal einen Drink – The Yellow Emperor wurde von Ulric Nijs für Derek Sandhaus, den wir ja bereits von meiner Rezension des ultimativen Baijiu-Buches kennen, geschaffen. Man sieht erneut, dass Frucht ein gut funktionierender Gegenpart für Baijiu ist – die Verwendung einer frischen Passionsfrucht statt entsprechendem Sirup gibt dem ganzen eine schöne Komplexität.

The Yellow Emperor


The Yellow Emperor
1½ oz Leichtaroma-Baijiu (z.B. Mawoshan Fenjiu)
Eine halbe Maracuja
¾ oz Zitronensaft
½ oz Kirschlikör (z.B. Cherry Heering)
¼ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Ulric Nijs]


Gleich zwei Medaillenaufkleber des Concours Mondial de Bruxelles zieren die Flasche – 2016 erhielt der Mawoshan eine Gold- und 2015 eine Silbermedaille. Daneben ist die Porzellanflasche natürlich wieder, wie so oft bei Baijiu, eine Augenweide. Die sehr schwungvolle Form, das strahlend weiße Porzellan, die goldenen Applikationen (leider aus recht billigem Plastik hergestellt) – das macht was her in der Heimbar.

Ma Wo Shan Baijiu Rückseite

Offenlegung: Auch diese Flasche habe ich durch die Organisatoren von Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles kostenlos erhalten. Vielen Dank erneut für die großartige Zusammenarbeit.