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Rittenhouse Rye BiB Titel

Anzünden und in Deckung gehen – Rittenhouse Straight Rye Whiskey 100 Proof Bottled in Bond

Es folgt eine weitere Lehrminute in Sachen „Begriffe, die auf Spirituosenetiketten verwendet werden“. Heute: Proof. Ein Begriff, den man heutzutage eigentlich nur noch in zwei Kontexten findet – auf amerikanischen Whiskey-Flaschen, und im Zusammenhang mit besonders starkem Rum, sogenanntem Overproof-Rum. Eigentlich ist die Sache ganz einfach: Proof ist eine veraltete Maßeinheit für den Alkoholgehalt. In dem Umfeld, in dem wir uns bewegen, wird proof noch redundant verwendet, wahrscheinlich aus nostalgischen Gründen; denn die Umrechnung von proof nach Volumenprozenten ist simpel. Man teile den proof-Wert durch 2 und erhält dadurch den Prozentwert. Die Historie dieses Begriffs ist bei Wikipedia schön beschrieben, auch, woher der Name proof kommt; aber den namensgebenden Schießpulvertest in bewegten Bilder zu sehen, ist doch noch spektakulärer. Nachahmung nur bedingt empfohlen.

Da die Länder, die diese Maßeinheit früher nutzten, Großbritannien, die USA und Kanada, inzwischen auch gesetzlich auf die Angabe von Volumenprozenten umgestiegen sind, zeigt sich durch diesen Begriff auch, wie schwer man sich von einer liebgewonnenen Tradition trennt, selbst, wenn sie eigentlich keinen Sinn mehr macht. Der Rittenhouse Straight Rye Whiskey 100 Proof Bottled in Bond ist eine der wenigen modernen Marken, die den Begriff des proof sogar zentral als Namensbestandteil nutzt und sehr prominent auf dem Etikett platziert.

Rittenhouse Rye BiB Flasche

Ein hoher Alkoholanteil in einer Spirituose ist allerdings, so ehrlich muss dann schon sein, absolut kein Marketinggag, das schlägt sich im Geschmack nieder. Das ist übrigens nicht nur bei Whiskey, sondern bei fast allen Spirituosen so – wenn Sie also das nächste mal vor dem Likörregal stehen und überlegen, ob Sie die Amaretto-Billigmarke für 5€ mit 21% nehmen, oder den Disaronno für 10€ mit 28%, greifen Sie sich den mit mehr Alkoholgehalt.

Auch beim Rittenhouse Rye ist das spürbar. Vanille dominiert die Nase, dabei ist aber auch schon eine hintergründige, mentholige Würze erkennbar. Etwas Plastikkleber. Bis hierher könnte man denken, dass man einen Bourbon vor sich hat.

Im Mund glaubt das dann keiner mehr. Die Roggenwürze schlägt mit Karacho ohne Vorwarnung zu, viel Pfeffer, noch etwas Vanille und Karamell, dazu erkennbar Eiche aus dem Fassholz. Dabei immer noch mildsüß und feinherb, vielleicht dunkelschokoladig. Im Abgang fantasiere ich mir dann Kokosnussfleisch, Holznoten und Studentenfutter zusammen. Sehr deftig, etwas salzig, insgesamt stark und adstringierend. Langanhaltend.

Rittenhouse Rye Glas

50%, das kann man meines Erachtens geradenoch unverdünnt trinken. Gibt man aber einen kleinen Schuss Wasser dazu, öffnet sich der Whiskey – die Nase wird milder, mit weniger Klebernoten, die Vanille kommt wieder stärker zum tragen, eine kleine, gar nicht unangenehme Seifennote entsteht, Fruchtaromen nach Pfirsich oder Aprikose drängen in den Vordergrund. Die Würze ist reduziert. Ich empfehle, das mal auszuprobieren, selbst wenn man grundsätzlich stärkere Aromen mag; ich bin ein Fan leichterer, volatilerer Gerüche und Geschmäcker, und diese bietet ein verdünnter Rittenhouse Rye en masse. So wird aus dem wuchtigen Bomberpiloten ein eleganter Segelflieger, der seine Roggenwurzeln ganz besonders im Abgang aber nicht vergisst: Eine sehr gelungene Melange.

Ganz besonders in Cocktails kommen die üppigen 50 Volumenprozent schön zur Geltung. Sobald Saft oder Likör in einer Rezeptur auftauchen, wird es für die Hauptspirituose immer etwas schwierig, sich gegen diese Rabauken der Cocktailwelt durchzusetzen. Da schadet eine gewisse Wehrhaftigkeit nicht, die der Rittenhouse Rye 100 Proof ganz gewiss aufweist: zu begutachten beispielsweise in einem New Brunswick Cocktail.

newbrunswick-cocktail


New Brunswick Cocktail
2 oz Pink-Grapefruit-Saft
1 oz Rittenhouse Rye 100 Proof Bottled in Bond
1 Teelöffel Limettensaft
1 Teelöffel Zuckersirup
…mit 1 oz Carpano Antica Formula
…und 2 Spritzer Lemon Bitters toppen


Wenn Sie im Leben nur einen einzigen Rye Whiskey kaufen wollen, dann würde ich Ihnen diesen hier empfehlen; und wenn Sie ihn dann noch für Cocktails suchen, gilt die Empfehlung sogar noch mehr. Auch wenn die etwas gewöhnliche Flasche und das vergleichsweise langweilige Etikett auf Billigware hindeuten – der Inhalt ist spitze.

Jim Beam Rye Titel

Der Kundenfänger im Roggen – Jim Beam Kentucky Straight Rye Whiskey

Beam ist so eine seltsame Firma. Einerseits produzieren sie herausragende Small-Batch-Bourbons, die jedem Test ohne Mühe standhalten; andererseits überschwemmen sie den Markt mit minderwertigem White-Label-Sprit, der nur den Wirkungstrinkern mit viel Cola den Hals runterläuft.

Wozu gibt es diese Billiglinien in einem Produktportfolio? Für uns Genießer stellt sich diese Frage. Doch die Menge an verkauftem Billigsprit gibt Beam recht: Es sind eben nicht alle Whiskeytrinker automatisch auch Genießer. Ein Großteil der Bevölkerung ist auf den Rausch aus, und gibt herzlich wenig auf Genuß beim Trinken – knallen muss es, nicht schmecken. Und so versorgt Beam eben beide Gruppen von Trinkern mit Stoff. Ich würde mir wünschen, dass die Effekttrinker zahlenmäßig weniger werden und die Genusstrinker dafür mengenmäßig zulegen könnten; das wird aber ein frommer Wunsch bleiben, denn die Welt ist so wie sie ist. Persönlich freue ich mich dennoch über jeden Whiskeytrinker, den ich zur Hellen Seite der Schnapsmacht bekehren kann.

Es wird vielen wie mir gehen, die sich nicht sicher sind, ob sie ein neues Produkt in dieser Billigproduktlinie wirklich testen wollen – der White-Label-Schatten liegt über allem und schreckt zunächst ab, insbesondere, wenn das neue Produkt das Beam-bewährte Flaschen- und Etikettendesign mit billigem Blechschraubverschluss nutzt. Dennoch dürfen wir mit der Bekehrungsmission direkt bei diesem unerwarteten Kandidaten beginnen: beim Jim Beam Kentucky Straight Rye Whiskey kann man als Kenner und Einsteiger in den Roggenwhiskey durchaus einen Blick und Schluck riskieren.

jimbeamrye-border

Farblich ist der Jim Beam Rye relativ blass. Im Glas riecht er wie ein Bourbon – vanillig und mild. Der erste Mundgeschmack ist für mich etwas unangenehm, hefig, zu malzig; das wird schnell abgelöst durch eine angenehme Süße, die am Ende in ein leichtes Brennen übergeht. Von der Würze, die ich mir von einem Rye erwarte, ist nur kaum etwas spürbar. Da muss man wohl der Zielgruppe Eingeständnisse machen, und Würzexperimente passen vielleicht wirklich eher in die Small-Batch-Produktionslinien, bei denen man davon ausgehen kann, dass der Käufer nicht nur möglichst gestreamlinete Produkte verkosten möchte. Nur 51% Roggen in der Mashbill, das absolute Minimum dafür, dass sich dieser Whiskey Rye Whiskey nennen darf, spricht auch dafür.

Roggenwhiskey-Cocktails sind gerade en vogue. Besonders die amerikanischen Bars entdecken ihren verlorenen Sohn wieder neu, und Rye knabbert ganz gewaltig an der Dominanz des Bourbon als Whiskeyvariante Nummer 1, wenn es um Cocktails geht. Alte Rezepte aus der Zeit vor der Prohibition werden wieder hervorgeholt; neue Rezepte mit den wie Pilze aus dem Boden sprießenden Ryemarken erschaffen. Eines der alten, klassischen Rezepte mit Rye Whiskey, das nun wieder in die Bars Einzug hält, ist das des Ward Eight.

Ward Eight Cocktail


Ward Eight
2 oz Jim Beam Kentucky Straight Rye Whiskey
¾ oz Orangensaft
¾ oz Limettensaft
1 Barlöffel Grenadine


Es ist keine Altersangabe auf dem Label vorhanden. Man kann daraus in Kombination mit dem Wörtchen „straight“ aber ablesen, dass dieser Rye mindestens 4 Jahre reifen konnte. Was Geschmack angeht und die Art, mit der Beam diesen Whiskey präsentiert, gehe ich davon aus, dass es aber auch nicht viel mehr sein wird als diese 4 gesetzlichen vorgeschriebenen Jahre für einen Straight Whiskey ohne Altersangabe.

Wer den White Label nie abkonnte, sollte diesem Yellow Label trotzdem eine Chance geben. Das ist ein passabler, einfacher Einstieg in die Welt der Rye Whiskeys, preislich durchaus interessant und geschmacklich nicht ganz so wild wie manche andere Ryes. Positiv gesehen als Gebrauchsrye in einer Heimbar, negativ gesehen als Ausstellungsstück dafür, wie unroggig ein Roggenwhiskey sein kann.

Wer aber den vollen Roggengeschmack haben will, muss natürlich zu anderen Sorten greifen, die Beam, wie im Vorwort schon angesprochen, auch anbietet: Ich empfehle als totales Kontrastprogramm den Knob Creek Straight Rye Whiskey.

Revolutionärer Geist – 1776 Straight Rye Whiskey

Manchmal ist es schon seltsam. Bei vielen bebilderten Rezensionen zum 1776 Straight Rye Whiskey findet man auf dem Etikett über der großen Jahreszahl noch die schwungvolle Unterschrift von James E. Pepper, der für diese neue Interpretation eines Rye in altem Gewand Pate stand. Auf meinem Exemplar fehlt diese Signatur. Man meint, es müsste leicht herauszufinden sein, warum auf manchen Etiketten die Unterschrift weggelassen wurde. Ich habe mich nun an die Herstellerfirma gewendet, um Licht ins Dunkel des Labelling zu bringen. Schnell bekam ich eine Antwort: Für den Export haben sie dieses vereinfachte Etikett entworfen, um von vornherein auszuschließen, dass sie, als kleine Firma in irgendwelche Rechteprobleme mit dem Namen laufen. Ich vermute, sie wollten genau das vermeiden, was Ron Diplomático/Botucal passiert ist. Sie garantieren aber, dass bis auf das Exportlabel alles sonst identisch zum US-Produkt ist. Nun, dann gieße ich mir mal beruhigt ein Gläschen des Whiskeys ein.

1776rye-flascheOcker ist die Farbe im Glas. Zumindest mein Korken ist scheinbar etwas bröselig, ich habe immer beim Öffnen kleine weiße Krumen auf der Flaschenöffnung, die hin und wieder mit ins Glas wandern und dann darin schweben.

Sehr vanillig ist der Geruch zunächst, einen Hauch Minze vom Roggen, da denke ich mir, ah, das wird ein feiner, zarter Rye sein. Entsprechend lege ich mir schonmal im Geiste die Vokabeln zurecht. Zart, weich, blumig – alles Begriffe, die ich schon für Whiskey benutzt habe. All das ist der 1776 Straight Rye Whiskey, nach der Geschmacksprobe, dann aber nicht. Im Gegenteil: Wie ein Bulldozer greift dieser Roggenwhiskey mit gesenkter Schaufel an. Ein ausgesprochen brutaler Antritt, ultraaggressiv, schwer und scharf. 100 proof, also 50%, das spürt man. Etwas Wasser schadet nicht, um das schlimmste Feuer herauszunehmen.

Entsprechend sind auch die Eindrücke: Pfeffer, Eukalyptus, brennend. Auf jeden Fall muss man sich nicht beklagen, dass man nach Aromen suchen muss: ausladend macht sich der Whiskey im Mund breit. Hat man sich an die Wucht etwas akklimatisiert, zeigt der 1776 Rye aber doch auch eine ganz umgängliche Seite. Sehr starke Vanille, die man ja schon gerochen hat, weitere süße Aromen, wie Ahornsirup und Karamell sowie etwas Aprikose, gesellen sich dazu.

Leider ist der Abgang dann etwas kurz, die Gewalt, mit der dieser Whiskey angefangen hat, ist auch schwer über mehr als wenige Minuten aufrechterhaltbar. Ein echter Bankräuber: Schnell rein, schnell raus. Mir fehlt auch etwas Körper – sehr tief unter die Oberfläche geht der 1776 Rye nicht. Dennoch: Ein Rye, der einem zeigt, wo der Hammer hängt. Und zwar der Presslufthammer. Ein bisschen weniger Aggro hätte nicht geschadet.

Passend zum namensgebenden Datum und zum unwirtlichen Wetter draußen mache ich mir heute mal einen engen Verwandten des Hot Toddy, einem uralten Rezept gegen Erkältung oder sonstige Unbill: einen Whiskey Skin. Laut Cocktailhistoriker David Wondrich machte man ihn eigentlich ohne Zucker, und mit Scotch oder höchstens irischem Whiskey; doch selbst Wondrich gibt zu, dass Zucker diesem Herz-, Bauch- und Seelenwärmer gut ansteht. Und der 1776 Rye dann sowieso.

whiskeyskin-cocktail


Whiskey Skin
Eine Tasse anwärmen und halbvoll mit kochendem Wasser füllen
1-
2 Teelöffel braunen Zucker darin auflösen
Ein großes Stück unbehandelte Zitronenschale mit 4 Nelken spicken und dazugeben sowie
2 oz 1776 Straight Rye Whiskey


 Ausgesprochen lecker. Alles, was ich über den kräftigen Antritt und die starke Vanille des 1776 Rye sagte, passt wie die Faust aufs Auge für diesen Cocktail. Und es hilft auch noch – kurz nach dem Konsum fühlte ich mich entspannt und habe ein kleines Nickerchen gehalten, was der aufziehenden Erkältung direkt den Wind aus den Segeln nahm. A whiskey a day keeps the doctor away, in der Tat. Was großartig anderes als Alkohol und Zucker ist in den ganzen Nachtschlaf-Medizin-Tinkturen auch nicht drin – dann wenigstens einen Schnaps, der schmeckt.

Roggenknäcke mit süßem Aufstrich – Knob Creek Straight Rye Whiskey

Roggenwhiskey ist so etwas wie der verlorene Sohn Amerikas. Einst der präferierte Brand der Amerikaner, wurde ihm durch die Prohibition mehr als allen anderen Spirituosen die Grundlage entzogen (statt ihn selbst herstellen zu dürfen, mussten sich die Amis mit Schmuggelware aus Kanada begnügen, und das langjährige Brachliegen der Produktionskapazitäten blieb dann auch nach der Prohibition nicht ohne Folgen), und er geriet über Jahrzehnte hinweg fast in Vergessenheit; Bourbon lief ihm den Rang als uramerikanische Spirituose ab, und Scotch und später Vodka warteten nur auf ihren Einsatz in Amerika.

Doch der amerikanische Sinn für Melodramatik kann so eine Geschichte nicht ruhen lassen. Im Zuge der fortschreitenden Ausbreitung und Beliebtheit von „small batch“-Produktionen und dem steigenden Qualitätsbewusstsein nicht nur der amerikanischen Konsumenten schielt der eine oder andere Destiller dann in die Vergangenheit, um alte Märkte wiederzubeleben. Und so legt der Roggenwhiskey, anglisiert als Rye Whiskey, nun einen ungeahnten Erfolgslauf hin, vor allem getrieben von der Suche der modernen Bartender nach originalen, ursprünglichen Cocktailzutaten: vom Millionär zum Tellerwäscher und wieder zum Millionär. The American Dream, gelebt von Spirituosen wie dem Knob Creek Straight Rye Whiskey.

knobcreekrye-flascheDer Geruch ist erstmal überraschend zurückhaltend, ganz anders, als es die kräftige, herrlich strahlende Farbe vermuten ließe. Leichte Vanille, ein bisschen reifer Apfel. Da hatte ich schon andere Kaliber im Glas. Doch die Nase ist ja nur ein, wenn auch für mich sehr wichtiger, Teil des Gesamterlebnisses. Daher gehe ich recht schnell zur Geschmacksprobe über.

Dieser hinterhältige Whiskey tarnt sich nur über die Aromensparsamkeit. Kaum hat man ihn im Mund, beginnt er, auf Touren zu kommen – schön cremig, erstmal viel Vanille, dann schnell aber deftige Holzwürze, ein Touch von salzigem Karamell, Tabak. Im zweiten Versuch kommt dann die pfeffrige Roggenfrische voll durch, mit fast eukalyptischen Noten, die ein minziges Gefühl auf der Zunge hinterlassen. Dabei immer wunderbar süß, und im Abgang sehr zart und weich und wärmend. Ich erkenne hier wie bei keinem anderen Whiskey sonst die Karottennote, die auf der Zunge lange verbleibt, zusammen mit einer angenehmen Kribbeligkeit des Roggen.

Der würzigste Rye, den ich bisher getrunken habe. Ein vielschichtiges, buntes Spektrum, nie langweilig. Die 50% merkt man zwar, aber das ist trotzdem ein Whiskey, den ich auch noch gerade so ohne Wasser trinken kann, wenn ich Lust auf was aromatisches habe. Ansonsten, wie immer bei fast allen Spirituosen – ein paar Tropfen Wasser helfen, die Kerkertüren der gefangenen Aromen aufzuschließen.

knobcreekrye-etikettDie schmale Flasche mit Plastikkorken, dieselbe, in die auch der Knob Creek Straight Kentucky Bourbon abgefüllt ist, gefällt mir sehr, sie erinnert in Kombination mit dem Etikettenstil an alte, handgemachte Schmuggelware aus der Prohibitionszeit. Auch dieser Whiskey ist inzwischen dazu übergegangen, als NAS verkauft zu werden, also ohne Altersangabe, stattdessen mit der recht unverbindlichen Aussage „patiently aged“. Da dieser Rye Whiskey den Namenszusatz „straight“ aufweist, ist er mindestens 4 Jahre alt; früher stand wohl etwas von 9 Jahren auf dem Etikett. Persönlich hänge ich nicht an Altersangaben, wenn das Produkt stimmig ist – und das ist der Knob Creek Straight Rye Whiskey auf jeden Fall.

Ein Cocktail, der die Stärken und Aromen des Knob Creek Rye wunderbar wiedergibt, ist der Greenpoint Cocktail, eine kleine, feine Variation auf den Manhattan. Greenpoint ist ein Stadtteil von Brooklyn, also fügt dieser Cocktail sich nahtlos in die Reihe der nach New Yorker Stadtteilen benannten Mixgetränke ein.

greenpoint-cocktail


Greenpoint
2 oz Knob Creek Straight Rye Whiskey
1 oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
1 Barlöffel Chartreuse Gelb
1 Spritzer Pfirsichbitter


40€ muss man aktuell auf den Tisch legen, um sich eine Flasche davon ins Regal stellen zu können. Ist dieser Whiskey diesen stolzen Preis wert? Auf jeden Fall. Es gibt natürlich günstigere Roggenwhiskeys, doch nur wenige, die einen derartigen Powerpunch abliefern können. Wie eigentlich alle „small batch“-Produktionen aus dem Hause Beam ein sehr empfehlenswertes Tröpfchen.

Rye wie er sein soll – Bulleit 95 Rye Frontier Whiskey

Deutlich ist schon an der Farbe, ein sattes, tiefes, rötliches Braun, zu erkennen, dass wir hier etwas kräftigeres vor uns haben. Im Vergleich zum preislich ähnlich gelagerten Jim Beam Rye (Yellow Label), bekommt man hier eben statt 51% ganze 95% Roggenanteil in der Maische. Das schmeckt man deutlich – eine sehr feine Würze durchzieht sowohl den Geruch als auch den Geschmack. Kräftig und voluminös, dabei aber auch sehr mild und kaum brennend im Geschmack, bietet der Bulleit Rye dann auch im Nachgang so einiges. Lange bleibt das Aroma insbesondere auf der Zungenspitze. Eine zarte Wucht, auch dank der 45% – Alkohol ist eben ein Geschmacksträger.

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Dieser Rye macht sich auch in einem Cocktail richtig gut, da müssen die anderen Zutaten ordentlich arbeiten, um gegen ihn anzukommen. Doch trotz des martialischen Namens spielt er gut und freundlich mit, z.B. in einem exquisiten The Billionaire.

The Billionaire


The Billionaire
2 oz Rye Whiskey (z.B. Bulleit 95 Rye)
1 oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
½ oz Granatapfelsirup
¼ oz Absinthe (z.B. La Pontissalienne)
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Dushan Zaric]


Mir gefallen die Bulleit-Flaschen sehr. Sowohl die Rye- als auch die Bourbon-Flasche sind optisch hervorragend, ansprechend designt.

bulleitrye2-borderViel offene Fläche dank der nur kleinen Etiketten, die stilistisch sehr rustikal wirken, also passend zum Getränk – so kann man den herrlich farbigen Inhalt bewundern; die eingegossene Marke macht echt was her; ein echter Korkstopfen zeigt, dass man keine massenproduzierte Ware (was amerikanische Maßstäbe angeht, natürlich!) vor sich hat.

Ein idealer Anfänger-Rye – und auch Kenner sollten mal einen Blick auf diese Brüder werfen, wenn sie die ganzen Rye-Wuchtbrummen mal satt haben und statt dessen von weicher Milde sanft gewiegt werden wollen.

Der Smoking für den Cocktail – Geräucherte Drinks

Es gibt viele Methoden, die sich die Wissenschaft der Mixologie ausgedacht hat, um Aromen von einem Medium auf das andere zu transportieren. Fat Washing habe ich schon ausprobiert, mit mäßigem Erfolg; Räuchern ist eine andere, die ich nun vorstellen wiĺl.

Das Räuchern von Getränken hört sich seltsam an. Es klingt nach viel Aufwand und Materialeinsatz, dazu eine ausgefeilte Technik – doch für die Heimbar gibt es eine leicht anzuwendende und trotzdem erfolgversprechende Methode, bei der man erstmal das Glas ausräuchert, und  die Raucharomen dann über die Glaswand in den Cocktail wandern. Die Vorbereitung für so einen Rauch-Cocktail ist ungewöhnlich, und dauert eine gewisse Zeit, ist aber nicht kompliziert. Was braucht man dazu?

Für den ersten Versuch empfehle ich Zedernholzspäne. Diese sind in vielen gut sortierten Zigarrenläden in einem Glasröhrchen erhältlich; der eine oder andere benutzt sie, um sich stilecht die teuren Zigarren anzuzünden; sie geben einen intensiven, holzig-würzigen, sehr angenehmen und selbst bei vielen Leuten, die sonst keinen Rauch mögen, hochbeliebten Geruch beim Verbrennen ab. Pro Portion nutze ich eines dieser Stäbchen.

cocktail-smoking-zedernholzUm die Handhabung der glühenden Zedernholzspäne zu vereinfachen, ist ein Zigarrenaschenbecher zu empfehlen, auf dem man sowohl Span als auch Glas bequem abstellen kann.

cocktail-smoking-detail1Und, zu guter letzt, sollte man sich ein Cocktailrezept bereitlegen, das mit einem Raucharoma gut umgehen kann. Fruchtige oder starksüße Rezepturen sind meines Erachtens nicht perfekt geeignet zum Räuchern (doch vielleicht überzeugt mich jemand eines besseren?); klassische Cocktails auf Whiskey- oder Tequilabasis mit sonst nur wenig Zutaten dagegen sehr. Wenn man einen Lieblingsbourbon hat, kann man den auch mal räuchern.

cocktail-smoking-detail2Man zünde also einen Zedernholzspan an, lege ihn auf den Zigarrenaschenbecher, und stülpe einfach das Cocktailglas der Wahl darauf wie eine Käseglocke auf den Käse. Ein bisschen Abstand zwischen Glas und Aschenbecher sorgt für Luftzufuhr, damit die Glut des Spans nicht direkt verlöscht. Wenn sie ausgeht, einfach nochmal anzünden. Zedernholz gibt fast keinen sichtbaren Rauch ab, doch das Glas beschlägt dennoch ziemlich schnell.

cocktail-smoking-detail3Während man das Glas für einige Minuten beräuchert, kann man bereits im Rühr- oder Mixglas den Cocktail anmischen, denn nachher muss es recht schnell gehen. Ich habe mir einen klassischen Old Fashioned ausgesucht.

oldfashioned-zutaten


Old Fashioned
1 Würfel Zucker mit
2 Tropfen The Bitter Truth Old Time Aromatic Bitters
tränken und mit einem Spritzer Wasser und
2 oz Bourbon oder Rye (z.B. Knob Creek Rye) anrühren


Das geräucherte Glas nun umdrehen, den Cocktail eingießen, etwas schwenken und dann genießen! Der eventuell vorhandene Rauch verzieht sich schon direkt nach dem Umdrehen, doch das Aroma verbleibt auch ohne sichtbare Spuren überraschend lange im Glas. Die Hauptwahrnehmung geht über die Nase; im Geschmack ist der Zedernholzduft nur ganz schwach erkennbar. Ein sehr angenehmer, milder, feiner Holzgeschmack.

oldfashioned-cocktailAndere Raucharomen können nun folgen – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ein breiter Markt an Erfahrung und Ideen bietet sich, wenn man mal anschaut, was die BBQ-Künstler zum Räuchern ihrer Gerichte ausgeklügelt haben: Buchenholzchips, BBQ-Sauce-angereichertes Holz oder, wenn man den Kreis schließen will, Fassholz, in dem Whiskey gelagert war…

Letztlich wird es schwer sein, solch einen Aufwand für eine größere Menge an Drinks zu betreiben – ich mache mir das meist eher nur für mich selbst, oder für handverlesene Gäste, die diesen Aufwand, wie auch das entstehende Aroma, zu schätzen wissen.