Reisegepäck – Jack Daniel’s Single Barrel Rye Tennessee Whiskey

Jack Daniel's Single Barrel Rye Tennessee Rye Whiskey Titel

Duty free ist echt nicht mehr das, was es mal war. Gerade in deutschen Flughäfen finde ich in der Spirituosenabteilung eigentlich kaum etwas, was sich lohnt, mitzunehmen – die Preise sind oft nur unwesentlich unterhalb des Onlinehandelpreises, wenn überhaupt, und die Auswahl auch nicht superungewöhnlich, von ein paar „Travel retail only“-Artikeln hier und da mal abgesehen. Dennoch kann ich meist der Versuchung nicht widerstehen, und irgendetwas kommt dann doch mit, insbesondere, wenn es, wie am Flughafen Saarbrücken, die Möglichkeit gibt, vor dem Flug zu kaufen, es an der Informationstheke zu hinterlegen und am Rückflug dann abzuholen.

Auch am Dallas/Fort Worth International Airport sieht das nicht grundsätzlich anders aus. Ich hatte bei meinem Zwischenstop auf der Reise zurück von Santiago de Chile eigentlich auf tolle Bourbon- oder Tequila-Schnäppchen gehofft – sie wurden enttäuscht. Praktisch nichts, was ich nicht schon kannte. Eine Flasche allerdings erregte dann doch auf den zweiten Blick meine Aufmerksamkeit: Der Jack Daniel’s Single Barrel Rye Tennessee Whiskey. Damals, 2017, war der glaube ich noch nicht in Deutschland erhältlich, und die höherwertigen Produkte aus dem Hause Daniel’s finde ich grundsätzlich meist sehr schmackhaft. So macht Reisen dann doch Spaß. Hat es sich gelohnt, ihn ins Reisegepäck zu nehmen?

Jack Daniel's Single Barrel Rye Tennessee Rye Whiskey

Die Farbe ist zwischen Terracotta und Hennarot, mit einem goldenen Reflexbogen. Die Flüssigkeit bewegt sich elegant und mit leichter Schwere im Glas. Beine laufen ohne klare Begrenzung flächig und sehr langsam ab. Auch der Single Barrel Rye kann nicht aus seiner Haut – kaum eine andere amerikanische Whisky-Marke hat ein so klar erkennbares Aromenprofil wie Jack Daniel’s. Die prägnante Bananigkeit ist in allen Ausprägungen deutlich vorhanden, und auch hier dominiert sie das Geruchsbild. Honig und Milchreis, etwas Karamelligkeit, Vanille und ein Anflug von Portwein lenken etwas davon ab und erzeugen eine sehr runde, hochattraktive Nase.

Rye Whiskey sagt man nach, dass er würziger und wilder sei als sein maislastiger Bourbon-Gegenpart – hier spürt man am Antrunk erstmal nichts davon, das ist superweich, cremig, mild und zart. Der Lincoln-County-Prozess, der Tennessee Whiskey mitdefiniert, sorgt für eine Smoothness (ich weiß, das Wort ist verpönt; mir egal, wenn es die Realität gut beschreibt, verwende ich es), die ihresgleichen sucht. Eine gewisse Nussigkeit, Toffee, Butterscotch und milde Frucht zu Beginn, Karamell, Vanille und Tabak im Verlauf, weißer Pfeffer und eine zarte Salzigkeit gegen Ende – hier kommt die Power des Roggen schließlich doch stärker zum Tragen. 47% Alkoholgehalt sorgen für zusätzlichen aber unaufdringlichen Wumms.

Jack Daniel’s Single Barrel Rye Tennessee Whiskey Glas

Der Abgang ist mittellang, etwas eisentonig, feinherb und trocken; dies ist der schwächste Part der Verkostung, denn man spürt, dass dem Single Barrel Rye hier die Luft ausgeht. Dennoch ist die Süße und die den Rachen hinunterlaufende Wärme sehr angenehm, auch hier steht die Drinkability im Vordergrund, auf Kosten der Komplexität.

Ein schöner amerikanischer Whisky, ganz bestimmt, und für mich der beste Tennessee Whiskey, den ich bisher probieren konnte. Hätte er mehr Roggen als 70% in der Mashbill, und mehr Körper am Ende, würde ich ihn noch mehr loben; wäre er etwas vielschichtiger, käme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. So bleibt dennoch ein sehr genehmer, freundlicher und dabei doch charaktervoller Whisky mit Potenzial.

Ein paar Schlucke davon pur genossen, schon fängt das Mixerhirn an, zu rattern. Es ist natürlich nicht schwer, Cocktailrezepte für Bourbon oder Tennessee Whiskey zu finden, diese Brände eignen sich wie kaum ein zweiter perfekt für Drinks. Man mag denken, es sei nur eine kleine Variation auf einen Manhattan, mit etwas Amaro und einem Ticken Maraschino ist der Carroll Gardens aber doch ein ganz eigenständiges Rezept.

Carroll Gardens Cocktail


Carroll Gardens
2 oz Rye Whiskey
½ oz süßer Wermut
½ oz Amaro
1 Teelöffel Maraschino-Likör
Auf Eis rühren. Mit einer Zitronenzeste aromatisieren.

[Rezept nach Joaquín Simó]


Völlig unabhängig vom Inhalt finde ich die Dekanter-Flasche, die man auch vom Single Barrel Select kennt,  grandios. Die eckige, gedrungene Form hat sehr hohen Wiedererkennungswert, und sorgt dafür, dass man sich schon beim Einschenken wohl fühlt – der wahre Genießer hat sowas einfach gern in der Hand. Der wuchtige Holzstöpsel auf dem Echtkorken und der Geschenkkarton in schönem Rostrot (oder ist es Roggenbraun?) tun ihr übriges dazu.

Jack Daniel's Single Barrel Rye Tennessee Rye Whiskey Detail

Und schließlich sind auf der Flaschenhalsbanderole noch ein paar Details abgedruckt, die Fassnummer (schließlich haben wir hier einen Single Barrel vor uns, also eine Flasche, deren Inhalt vollständig nur aus einem Fass stammt – was nicht heißt, dass nur ein Fass für die Reihe herangezogen wurde, wie das bei manch anderen Spirituosen zu lesen ist) und das Abfülldatum, das nur wenige Monate vor meinem Kauf lag. Daher ist so eine Angabe durchaus auch mit Erinnerungen an die lange Reise verbunden, ein Wert für sich.

Wie gesagt, mir liegen die oberen Produktreihen von Jack Daniel’s durchaus, es ist eigentlich nur die Old No. 7, die ich zwar auch nicht schlecht, aber ganz sicher am wenigsten spannend finde. Ich bin jedenfalls im Nachhinein sehr froh, dem unspezifischen Drang nachgegeben, und den Whisky aus den USA mitgebracht zu haben. Inzwischen ist er auch hierzulande verfügbar, wenn auch offenbar mit nur 45% Alkoholgehalt: wer sich für die Produkte der Destillerie begeistern kann, sollte einen Blick riskieren.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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