Bourbon: Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig)

Der transatlantische Streit zwischen den Anhängern amerikanischer und schottischer Whiskys ist schon alt – und er geht meist von den europäischen Trinkern aus, die aus irgendeinem obskuren Grund denken, Scotch sei im Vergleich die viel hochwertige Spirituose, und Bourbon minderwertig und billig; analog zu der Trennung zwischen E- und U-Kultur. Nun, ich will mich hier nicht mit denen auseinandersetzen, die diese aus Unkenntnis und Ignoranz entstandene Wertung ernst meinen, das ist verlorene Liebesmüh. Wichtiger erscheint es mir, denen, die offen dafür sind, Unterschiede wertzuschätzen, mit Information zu versorgen. Allerdings bin ich Generalist, kein Spezialist, und daher muss auch ich mir meist erstmal das dafür nötige Wissen aneignen. Zum Beispiel über Bücher.

Nagelneu auf meinem Bücherstapel ist daher Bourbon: Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey von Thomas Domenig gelandet – eben erst im Selbstverlag erschienen. Tatsächlich habe ich diverse Bücher über Tequila, Rum, Sake und andere, über Bourbon dagegen ist mein Regal recht leer; um so erfreulicher, dass sich dieser Umstand nun ändert. Werfen wir einen Blick ins Buch.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey Cover

Die erste Hälfte besteht aus Informationen zu Geschichte, Herstellung und Randbedingungen von Bourbon, Tennessee Whisky, Blended Whiskey und weiteren Ausprägungen dieser amerikanischen Spirituosengattungen. War ich bezüglich der ersten beiden Beispiele noch vergleichsweise up-to-date, so fand ich die Erläuterungen bezüglich Blended Whiskey sehr augenöffnend; vor allem, weil dieser Begriff in den USA offensichtlich etwas sehr anderes bedeutet als in Schottland oder anderswo. Das ist etwas, was ich an einem Buch schätze, wenn es mir, obwohl ich mich schon einigermaßen im Thema auskenne, mir dennoch immer noch ein paar Details präsentiert, von denen ich nichts wusste. Für alle, die komplett blank sind, was Bourbon angeht, ist die Lektüre jedenfalls sicherlich sehr bildend und vollständig, was alle Themen rund um diese uramerikanische Spirituose betrifft.

Die zweite Hälfte erzählt dann Details zu verschiedenen Herstellern. Die Historie von bekannten und weniger bekannten Namen wie MGP, Brown-Forman, Beam Suntory und vielen weiteren werden mit kleinen Anekdoten und einer erfrischend skeptischen Haltung, was die oft blumig ausgeschmückten Geschichten der jeweiligen Firmenheiligen und Ursprungslegenden angeht, geschildert. Mir gefällt sehr, wie Domenig hier pointiert und mit Blick auf die tatsächlichen Gegebenheiten der Zeit durch das Dickicht des Marketinggeseiers sticht, anstatt es unreflektiert wiederzukäuen, was so manch anderer Autor in seinen Büchern tut. Einen Satz wie den auf Seite 274 findet man selten in Fachliteratur, die es sich nicht mit Herstellern verscherzen will: „manchmal muss man sich doch wundern, ob sie die historischen Begebenheiten nur nicht kennen oder aber ganz gezielt torpedieren“.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig) Detailseiten 3

Soviel zum Inhalt, an dem ich überhaupt nichts auszusetzen habe, außer dass ich bei einer Spirituose, die perfekt wie keine zweite für Cocktails geeignet ist und über mehr als ein Jahrhundert eine riesige Menge an herausragenden klassischen Rezepten angehäuft hat, es irgendwie seltsam finde, kaum ein Wort über die Mixologie zu verlieren – ich bin mir sicher, dass ein gar nicht so kleiner Teil des Erfolgs von amerikanischem Whiskey durchaus auch den vielen Whiskey Sours, Manhattans und Old Fashioneds zu verdanken ist, die in aller Welt getrunken werden.

Zum Stil – das Buch ist stark textlastig und vom etwas universitären Stil her eher an den Fachleser ausgerichtet als an den zufällig zugreifenden Spirituosenlaien. Es wirkt hin und wieder dozierend und liest sich dann wie eine Abschlussarbeit – bei einem Fachbuch lese ich persönlich ungern diese Art des prosaartigen erklärenden Stils. Manche Absätze, die aus vielen Aufzählungen, oft mit Zahlen verbunden, bestehen, wären darum vielleicht als simple Tabellen besser aufgehoben gewesen – wie insgesamt ein etwas aufgelockerterer Textgliederungsstil mit mehr Absätzen, Zwischenüberschriften, Hervorhebungen außer durch Kursivsetzung und Strukturgebern wie Diagrammen oder einfließenden Illustrationen den Lesefluss verbessern würde. Auch wäre im Teil über die Konzerne und Hersteller eine Baumstruktur der Marken sinnvoll gewesen.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig) Detailseiten 2

Manche Seiten überlese ich schnell, weil darin für den Spirituosenkenner recht selbstverständliche Dinge lang ausgebreitet werden – gerade da kommt dieses Gefühl der universitären Abhandlung stark hoch in mir, der selbst genug Paper geschrieben hat (und da wahrscheinlich in die selbe Falle getappt ist). Da das Buch insgesamt eher an dieser Zielgruppe ausgerichtet ist, würde eine Straffung diesbezüglich an der einen oder anderen Stelle das Leseerlebnis heben; und auch etwas Schwung in den zwar keineswegs trockenen, aber doch im Vergleich zu vielen angloamerikanischen Fachbüchern unknackigen Stil bringen (das ist aber ein grundsätzliches Problem praktisch aller deutschsprachigen Fachliteratur).

Mit den Augen gerne und lange hängen bleibe ich dagegen an den tollen und richtig gut gelungenen Infografiken, die im Buch verstreut sind und manchmal als Kapiteltrenner den Inhalt komprimiert darstellen – grafisch sehr reduziert im Stil, konzentriert auf die wichtige Information, ohne dabei verflachend zu wirken. Davon hätte ich gern noch mehr gesehen, diese Illustrationen werten das Buch direkt auf.

Bourbon - Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey (Thomas Domenig) Detailseiten 1

Die Produktionsqualität schließlich steht außer Frage und ist für ein im Selbstverlag erschienenes Buch außerordentlich hochwertig und erfreulich – über 400 Seiten sich gut anfassendes, dickes Papier, eine hervorragende Fadenbindung, die sowohl fest zusammenhält als auch das Aufhalten des Buchs nicht anstrengend macht, ein fester Hardcover-Einband mit sehr farbenfroher und witziger Titelillustration passend zu den Infografiken, und schließlich ein Lesebändchen. Ein funktionierendes Lektorat sorgt für einen von Rechtschreibfehlern praktisch ungestörten Lesefluss. Das Ganze spiegelt sich im Preis von 45€ wieder, doch neben dem Inhalt bietet das Werk dafür eben auch viel Haptisches und wirkt dem Preis durchaus angemessen, ohne sich inhaltlich auf Coffee-Table-Book-Niveau herabzubegeben. Für mich wird Bourbon: Ein Bekenntnis zum amerikanischen Whiskey inbesondere in Bezug auf die Verflechtungen der Hersteller, Distiller und Konzerne ein wertvolles Nachschlagewerk für die Zukunft sein.

Offenlegung: Ich danke Thomas Domenig für die Zusendung eines Rezensionsexemplars seines Buchs.

Sex sells (solange er hetero ist) – Bulleit and Beer Limited Edition

Seit 25 Jahren ist Homosexualität in Deutschland straffrei; 1994 wurde §175 vollständig abgeschafft. Wir als Gesellschaft sind dennoch noch richtig weit davon entfernt, die vielen Formen von sexueller Identität, die es gibt, als naturgegeben zu akzeptieren. Kaum etwas ist mehr durchdrungen von Angst, Unwissen, einfach nur Dummheit und Doppelmoral. Selbst hochrangige Politikerinnen reißen unter lautem Gelächter ihre platten Stammtischwitze über Transgender, oder sind lesbisch und polemisieren dann, wenn es dem Wählerwillen passt, gegen die Ehe für Alle. Gleichzeitig werden in Deutschland jedes Jahr knapp über 300 Vergehen angezeigt, die aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung geschehen und darum als Hassverbrechen eingestuft werden – das klingt erstmal nach nicht viel, doch die Dunkelziffer ist dabei extrem hoch, um die 90%. Die Täter können aufgrund vieler Aspekte damit rechnen, ungestraft durchzukommen. Und das in einem fortschrittlichen, offenen Land wie Deutschland – über andere Länder, in denen sogar erst vor kurzem die Todesstrafe für Homosexualität eingeführt wurde, sollten wir vielleicht lieber gar nicht erst nachdenken.

Wir als Konsumenten von Spirituosen machen uns selten Gedanken über das Umfeld, in dem ein Produkt entsteht. Ich bin zugegebenermaßen zufrieden, wie sich die Diskussion um Zusatzstoffe in Spirituosen, Produktionsbedingungen und Nachhaltigkeit in den letzten Jahren zumindest unter den fortgeschrittenen Spirituosenfreunden entwickelt hat – und auch viel mehr interessierte Käufer achten auf derartige Aspekte bei ihren Entscheidungen. Für mich persönlich ist der Kauf der Bulleit and Beer Limited Edition auch etwas, über das man vorher nachdenken sollte. Nicht wegen den Produkten an sich, die sind schon in Ordnung, doch ist Firmengründer Tom Bulleit homophob, und zwar so weit, dass er seine eigene Tochter aus der Familie und (nach eigenen Aussagen, denen vom Mutterkonzern Diageo allerdings widersprochen wird) auch aus der Firma gedrängt hat, weil sie lesbisch ist – ihre Partnerin wird bei Familienfeiern ignoriert, ihre Arbeit im Nachhinein schlecht geredet, und diverse andere still diskriminierende Aktionen durchgeführt, die Hollis B. Worth das Leben schwer machen. Leider habe ich die bedrückende Geschichte hinter diesem Whiskey erst nach dem Kauf des hier vorgestellten Sets erfahren, sonst hätte ich davon Abstand genommen. Man lese die Besprechung hier also definitiv nicht als Werbung, sondern im Gegenteil als Hinweis dahingehend, dass man bei Bulleit nicht nur einen Schnaps kauft, sondern auch einen homophoben Geschäftsführer im Amt hält. Jeder sollte seine eigenen Schlüsse ziehen, und da Worth selbst nicht zum Boykott aufruft, will ich das auch nicht tun – die Geschichte ist es aber wert, zumindest zum Nachdenken aufzurufen. Nun aber zum Produkt selbst.

Bulleit Bourbon and Beer Tragerl

Im Tragerl, das speziell für dieses Set designt ist, ist eine breite Aussparung für die Bourbon-Flasche und vier Plätze für die Bierflaschen. Es handelt sich beim Bier durchweg um kleine deutsche Craft-Hersteller, die dem Bierfreund allesamt schon mehr oder weniger gut bekannt sein sollten – BRLO, Landgang, Überquell und Superfreunde.

Das Set, das es für rund 40€ zu kaufen gibt, enthält eine Flasche der limitierten Bulleit Bourbon Tattoo Edition. Außer dem Flaschendesign besteht kein Unterschied zum normalen Bulleit Bourbon. Es wird auch nichts über den Umfang der Limitierung ausgesagt, ich gehe davon aus, dass wir hier eher über viele Tausende Flaschen und eine zeitliche Limitierung reden als über eine echte Flaschenzahlbegrenzung. Die „Tattoos“ auf meiner Flasche wurden von Jess Mascetti, einer Tätowiererin aus New York, gestaltet – man muss genau hinschauen, um gegen den dunklen Bourbon Details zu erkennen, dazu sind die Vorder- und Rücketiketten darüber geklebt, was einen Großteil überdeckt; das wirkt etwas undurchdacht, wertet die Flasche aber trotzdem durchaus auf.

Bulleit Bourbon Tattoo Edition

Zum Bourbon an sich gibt es für mich aus gegebenem Anlass also nicht viel mehr zu sagen als das, was ich bereits in meiner frühen Rezension beschrieb, einer der ersten auf meinem Blog (man ist selbst immer wieder erstaunt, wie man sich sowohl als Schreiber als auch Verkoster weiterentwickelt) – der Bulleit ist ein roggenlastiger Bourbon mit ordentlichen 45% Alkoholgehalt, der in seiner Süße zu überzeugen weiß.

Kommen wir daher direkt zu den Bieren. Das Nachreifen von Bier in Whiskyfässern konnte ich nun schon bei diversen Brauern nachvollziehen, ich finde, dass es Bier eine ganz besondere Note gibt, die ich persönlich sehr mag – wenn es gut gemacht ist. Für die vier hier präsentierten Biere ist noch zu erwähnen, dass es sich bei dreien um zusätzlich noch aromatisierte Biere handelt, beziehungsweise eins sogar ein Mischgetränk ist; ich stehe natürlicher Aromatisierung nicht negativ gegenüber, dazu gibt es zuviele uralte Rezepturen, die nur in der industriegetriebenen Vermarktung eines Pseudo-Reinheitsgebots verloren gegangen waren.

So ähnelt die Zutatenliste des Überquell Julebryg Barrel Aged beispielsweise einem Witbier, Weizenmalz, Koriandersamen und getrocknete Orangenschalen sind typisch für diesen Stil. Aromatisch muss das 2017 gebraute und dann auf unbestimmte Zeit fassgereifte Bier natürlich dann ganz anders als das leichte, frische Witbier sein – oder? Ich sage schonmal vorab: nicht wirklich.

Überquell Julebryg Barrel Aged

Selbst wenn man das Bier gegen Licht hält, fallen nur leichte Farbänderungen auf – das dunkle Braun ist fast blickdicht. Perlage ist nicht erkennbar, der grobblasige Schaum, der zu Beginn schon nur dünn ist, verschwindet schnell vollständig. In der Nase riecht man Zitrusfrucht, Limettenschale, aber auch direkt Whiskyfassnoten von Holz und Vanille. Etwas Banane vielleicht noch. Der Antrunk ist sehr unerwartet sauer, das hätte ich durchaus als Gose durchgehen lassen. Eine verrückte Mischung aus Gewürz-, Whisky-, Sauerbier- und Fruchtnoten durchtanzt den Mund. Die Säure dominiert bis zum sehr bitteren Schluss, wo im Abgang dann tatsächlich Sternanis auftaucht. Dieser und Muscovadozucker geben aber nicht wirklich eine weihnachtliche Note dazu („Julebryg“ ist eigentlich ein dänisches Weihnachtsbier), sondern mehr Würze, und die Hopfensorten East Kent Golding, Perle, Mosaic und Sorachi Ace sorgen für Fruchtpower. 8,0% Alkoholgehalt bringen festliche Feierlaune. Da ist viel Spannung und Unruhe in diesem Bier, die Fassreifung bringt nur etwas Tiefe und unterschwellige würzige Süße sowie Bourbonaromen im Nachhall dazu. Persönlich finde ich es sehr ungewöhnlich, ein Sauerbier fasszureifen – aber, wie man hier sieht, birgt selbst das viel Potenzial, auch wenn man Sauerbier sicher mögen muss, um das Julebryg Barrel Aged zu schätzen. Die Kombination aus sehr rezenter Frische mit frecher holziger Bittere gefällt zumindest mir mit jedem Schluck mehr.

Auch im BRLO Bulleit Barrel Aged Imperial Stout findet sich eine unerwartete Zutat: Rosinen. Das passt sicherlich zum dunklen, schweren Bier, das dazu noch drei Monate in Bourbonfässern ruhte. Mit 12% Alkoholgehalt ist es das stärkste der vier Biere hier, und sicherlich auch das dunkelste – es fehlt fast nichts zur totalen Schwärze, der feine, cremafarbene Schaumkranz am Glasrand hellt das ganze nur leicht auf, auch wegen der starken Öligkeit. BRLO Bulleit Barrel Aged Imperial Stout

Extrem feinperliges Mousseux, das man trotz der völligen Blickdichte erkennen kann, speist ihn eine ganze Weile lang. Im Unterschied zu einem ungereiften Imperial Stout finde ich hier deutliche Holz- und Vanillenoten, die Süße des Bourbon ist hier schon spürbar. Sahne, Latte Macchiato, milde Kaffeeröste, deutlich geröstetes Malz – ein sehr süßlich-runder Geruch. Auch das Mundgefühl sortiert sich so ein, das fühlt sich an wie ein Milchkaffee mit Doppelrahmstufe oben drauf. Sehr fett und breit. Knallige 80 IBU aus dem Herkules-Bitterhopfen sind für ein Imperial Stout nicht ungewöhnlich, machen sich aber erst im langen Abgang bemerkbar, der interessanterweise mit Wintergrünöl ziemlich blumig wird. Die Aromatik ist natürlich sehr dunkel, die Rosinen tun ihren Teil dazu, für Trockenfruchteindrücke zu sorgen, die die ansonsten dominierenden Röstnoten und Nussigkeit etwas auflockern. Ganz klar ist die Bourbonfassreifung erkennbar, sowohl die Holzigkeit als auch die typischen Bourbongeschmäcker meine ich zu erkennen. Den üppigen Alkoholgehalt spürt man tatsächlich, da ist viel Hauch im Abgang. Das ist ein Bier, das ich als Dessert empfehle, das Milchspeiseeis, Kaffee und Digestif in einem kombiniert. Sehr gelungen gerade in der Milde, die Kratzigkeit, die ich bei einigen anderen Imperial Stouts immer wieder finde, ist hier völlig abwesend.

Einen Schritt zurück, aber nur einen kleinen, machen wir mit dem nächsten Bier: Das Landgang Hop the Barrel Barley Wine weist immer noch 10,3% Alkoholgehalt auf. Landgang Hop the Barrel Barley Wine

Man sieht schon beim Einschenken, dass die Kategorie „Barley Wine“ ihren Namen zu recht trägt – da ist nach wenigen Sekunden jedwede Anwandlung von Schaumbildung direkt verschwunden, ein paar vorsichtig aufsteigende Luftbläschen sind das einzige, was die Flüssigkeit von Rotwein unterscheidet, denn auch die Farbe ist braunrot. Das Auslassen der Filtrierung sorgt für ein starkes Opalisieren. Halten wir die Nase ins Glas, so können wir gleich bei den Weinanalogien bleiben. Ich fühle mich an einen Barrique-Wein erinnert, milde Säure, leichte Zitrusfrucht, Mango und Banane. Viel Holz und Vanille. Im Mund erlebt man ein buntes Farbenspiel – leichte Rauchigkeit, viel Holz, dunkles Malz (es kommt auch Roggenmalz zum Einsatz, das gibt schmeckbaren Charakterunterschied). Eine traubige, mildsäuerliche Weinigkeit kombiniert sich mit schön blumigen Kopfnoten. Dazu viel reife Frucht. Vom Mundgefühl her fett, voll und tief zugleich – selbst die Rezenz wurde nicht vergessen. Der Abgang ist äußerst rund, dazu warm (hier spürt man den Alkoholgehalt, doch nicht unangenehm), mittellang und nur noch mildherb, Süße und Trockenheit wechseln sich ab. Ein toll im Fass ausgebautes Bier, das durch seine extreme Rundheit, Balance und herrliche Komplexität punkten kann.

Zu guter letzt kommen wir zu einer für Craftbierfanatiker schwierigen Kategorie, einem Biermischgetränk. Diese Kategorie hat im letzten Jahrzehnt so viel Mist gesehen, dass einem als Bierfreund schlecht werden kann, weil hier alles an Chemie und Kunst (im negativen Wortsinn) verklappt wurde, was das Labor zu bieten hatte. Das Superfreunde & The Dudes Beerzebulb IPA Infused with Bulleit Bourbon will ich eigentlich wirklich nicht in eine Schublade mit den Schöfferhofer Grapefruits und Desperados stecken, denn hier kommt kein künstliches Aroma, sondern echter Bourbon als Aromageber zum Einsatz.

Superfreunde & The Dudes Beerzebulb IPA Infused with Bulleit Bourbon

Nach dem Eingießen hat man eine schöne, gemischtblasige Schaumkrone, die nach einigen Minuten in sich zusammenfällt. Die Farbe ist gebrannte Siena, eine starke Trübung lässt nur wenige Lichtstrahlen durch die Flüssigkeit fallen. Geruchlich finde ich das Beerzebulb direkt spannend – diese seltsame Mischung aus Bourbon und hopfigem Bier spricht mich an. Bittere Hopfenfrucht, nicht allzu zitruslastig, in Kombination mit malzig-vanilliger Süße. Auch im Mund finde ich dieses Gegeneinanderspielen sehr attraktiv, die Eindrücke wechseln ständig zwischen holzig, süß, bitter und sauer, man weiß kaum, wo man hinschmecken soll – keine der Komponenten, Bier und Bourbon, überwältigt die andere, im Gegenteil, beide zeigen sich vorteilhaft. Obwohl breit und cremig im Mundgefühl bleibt es vom Eindruck dennoch ein IPA – die Bittere schlägt erst ganz am Ende des langen Abgangs zu, hinterlässt dazu eine starke Astringenz auf der Zungenspitze und viel trockene Holzigkeit. Das ist sicherlich nicht ein Biermischgetränk für jedermann, ich finde es charaktervoll und sehr interessant gemacht – das ist was, was ich gern öfter mal trinken würde; mit 7,5% Alkoholgehalt hat das mit Bourbon gemischte Beerzebulb IPA auch die ideale Kraft, mir als Cocktailersatz dienen zu können.


Das Fazit fällt gemischt aus. Ich finde die Idee richtig gut, ein Set anzubieten, das fassgereiftes Bier mit dem Whisky zusammenbringt, der vorher in dem Fass lag. Die Biere sind für mich alle sehr gut ausgeführt, denn ganz so einfach, wie es sich anhört, ist Fassreifung bei Bieren auch nicht – ich habe schon garstiges Zeug getrunken, das nach alten Socken und gammligem Schinken schmeckte. Um so erfreulicher, dass hier sehr unterschiedliche Bierstile zum Vergleich vorliegen, man kann hier wunderbar nachvollziehen, was der Whisky mit dem Bier macht. Dahingehend eine tolle Produktidee.

Als Tip, wer die einleitende Diskussion ernst nimmt und sich mit Bulleit nicht mehr anfreunden will – die Biere gibt es auch separat zu erwerben. Das wäre auch zum Schluss dann meine persönliche Empfehlung: Die Biere sind nämlich echt gut und es wert, probiert zu werden, und außerhalb des Sets nicht teurer als zusammen mit einem Bourbon, der zumindest mir unappetitlich geworden ist.

Ein feiner Mann – Jack Daniel’s Gentleman Jack

Ich hau gleich mal einen Satz zu anfang raus, der vielen echten und auch selbsternannten Highendspirituosennerds hin und wieder mal vorgebetet werden muss: Man sollte Standardqualitäten gut kennen und auch hin und wieder probieren, um höhere Qualitäten einschätzen und korrekt bewerten zu können. Es bringt nach meiner demütigen Meinung nichts, Spirituosen, die man noch gut in Supermärkten erweben kann und nicht ausschließlich über obskure Quellen in handbeschrifteten 5cl-Fläschen, naserümpfend zu ignorieren.

Viele Hersteller bieten natürlich für jeden Geschmack oder Geldbeutel eine Variante an, aus der man sich dann passend für seinen eigenen Bedarfslevel an Qualitätsversprechen ein Produkt wählen kann. Will man sich also dann doch zum Beispiel vom allgegenwärtigen schwarzweißgelabelten Basiswhiskey des Herstellers Jack Daniel’s auf ein etwas höheres Niveau heben, aber in der Familie bleiben, so stößt man schnell auf den Jack Daniel’s Gentleman Jack.

Das Besondere dieser Sorte ist ein Begriff, den man mehrfach auf den Etiketten der Flasche lesen kann – „Double Mellowed“, das heißt in diesem Fall, dass der Lincoln-County-Prozess, der für jeden Whiskey des Herstellers angewendet wird, zweimal durchgeführt wird. Der Gentleman Jack sickert also nicht nur einmal durch eine dicke Holzkohleschicht, was Ecken und Kanten aus dem Destillat entfernt, sondern gleich zweimal. Bringts was?

Jack Daniel's Gentleman Jack Flasche

Farblich finden wir ein helles Ocker, natürlich entstanden, denn Färbung ist bei Tennessee Whiskey verboten (weil jeder Tennessee Whiskey automatisch den Regeln eines Straight Bourbon folgen muss). Sehr hübsch verhält er sich im Glas, mit schöner Schwere, und entsprechenden Tropfen am Glasrand, die stellenweise fast stehenbleiben.

Der sehr typische Jack-Daniel’s-Geruch ist vom ersten Tropfen des Eingießens ins Glas präsent. Banane, Vanille, etwas würziger als der des weit bekannten Old No. 7, meiner Meinung nach. Erkennbar, aber mild, ist eine Lösungsmittelnote. Von allen Produkten des Herstellers empfinde ich den Geruch des Gentleman am angenehmsten.

Im Antrunk ist direkt ein extrem weiches Mundgefühl spürbar, das eine ganze Weile anhält. Süß, Vanillepudding, Zimtmilchreis, etwas Hefe im Geschmack. Sahnebonbons, weiße Schokolade. Der Gentleman Jack fühlt sich ausgesprochen ölig an und legt sich auf den Gaumen und die Zunge – das ist das, was einem im Gedächtnis bleibt. Im Verlauf kommt dann aber doch eine gewisse alkoholische Schärfe auf, zimtig und etwas brennend, man sieht hier, dass 40% Alkoholgehalt auch nur mittelmäßig eingebunden sind. Eine faszinierende Salzigkeit begleitet das ganze durchgängig.

Der Abgang ist mittellang, mit den bekannten Daniel’s-Aromen von Banane und Vanille. Ein leichtes Kribbeln verbleibt insbesondere auf der Zungenspitze. Die milde Würze und Vanille hängt dafür noch minutenlang nach – das ist sehr angenehm.

Ich weiß, das Glas, das ich für den hier präsentierten Cocktail verwendet habe, ist eins eines anderen Produkts. Ich empfinde es als eine etwas dämliche Diskussion, ganz ehrlich, ob ein Glas „passt“ oder „nicht passt“. Manche ikonischen Cocktails gehören vielleicht in einen speziellen Glastyp, ja, aber ob es nun eine Cocktailschale ist, die mit dem Logo eines Vodka-Herstellers oder eines Wermut-Herstellers bedruckt ist – mannomann, man muss schon ein echter Hardcorenerd sein, um sich daran zu stören; erlebt habe ich es schon, aber ich finde das lächerlich. Darum habe ich keine Schwierigkeiten, den Lemon Julep in einem oberflächlich unpassenden Glas zu servieren.

Lemon Julep


Lemon Julep
4 Minzblätter in einem Glas muddeln
2 oz Bourbon

¾ oz Elderflower Liqueur
1 oz Zitronensaft
¾ oz Zuckersirup
Im Glas bauen. Mit Crushed Ice auffüllen und leicht umrühren.
Mit Sprudel toppen.
[Rezept adaptiert nach TJ Vong]


Ich mag Sets, die ein Markenglas mitliefern, wie das, mit dem ich diese kleine 200ml-Flasche des Gentleman Jack erworben habe. Neben dem Glas, einem netten Gimmick, gefällt mir einfach die Dosis – eine größere Flasche kann man dann immer noch kaufen, wenn einem das Produkt mundet.

Im Fazit ist der Gentleman Jack mit Sicherheit ein großer Sprung vorwärts im Vergleich zum vergleichsweise dünnen Old No. 7-Massenprodukt, und ich verstehe die Idee, diesen Whiskey „Gentleman“ zu nennen – da ist wirklich ausgesprochen viel Weichheit und Flauschigkeit drin; das doppelte „Mellowing“ zahlt sich definitv aus. Aromatisch dagegen ist er zu einfach, zu unkomplex, als dass er auf Dauer begeistern könnte – für die, die einen Whiskey suchen, der „easy drinking“ und müheloses Genießen liefert, zusammen mit der Typizität des Jack-Daniel’s-Geschmacks, ist dieses Produkt aber genau das richtige.

Hass im Internet – Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Manche Spirituosen liebt man über alles, manche kann man nicht ausstehen. Das ganze hält sich meist die Waage, für alles findet man Liebhaber und Hater gleichermaßen, das bringt die Subjektivität des persönlichen Geschmacks einfach mit sich. Hin und wieder findet sich aber ein Produkt, das ungewöhnlich viele Freunde hat, und auch eins, das im Allgemeinen gern niedergemacht wird. „Pferdepisse“ ist dabei oft noch ein freundlicher Vergleich, den man findet, wenn man gewisse Communities nach Meinungen über den Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey durchsucht.

Nun will ich hier eine Lanze für diesen Bourbon brechen. Er verdient es in keinster Weise, so runtergeputzt zu werden, ganz im Gegenteil – ich nehme hier mein Fazit vorweg und konstatiere, dass dies für mich ein ganz hervorragender Whiskey ist, einer meiner Favoriten sogar. Mir ist unerklärlich, warum er so viel missgünstige Kommentare auf sich zieht. Dabei ist dieser Bourbon unabhängig vom Geschmack schon sehr spannend – er ist einer der Exoten der amerikanischen Whiskeys, denn er wird nicht wie fast alle Bourbons durch eine Column Still produziert, sondern in einer Pot Still (eventuell, so ist zu lesen, stammt aber ein Teil dieses Bourbons dennoch aus einer Säulendestillation). Und, so bilde ich mir das zumindest ein: das schmeckt man.

Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey Flasche

Bourbontypisch ist zunächst allerdings die Farbe – um die 8 bis 10 Jahre in einem frischen Eichenfass machen sich natürlich bemerkbar (Färbung ist bei Straight Bourbons verboten). Sowohl in der Flasche als auch im Glas gefällt dieses dunkle Kupfer dem Auge.

Auch die Nase wird erfreut – hat man sich über den initialen Lösungsmittelduft hinweggearbeitet, den man von vielen amerikanischen Whiskeys kennt, kommt ein kräftig-würzig-aromatischer Geruch zum Vorschein. Waldhonig, Vanille, Karamell, Milchschokolade; Freunde des Süßen kommen voll auf ihre Kosten.

Und im Geschmack bestätigt sich dieser Eindruck schnell. Sehr viel Eichenwürze, dunkler Kandiszucker, Vanille; darüber noch reife Banane, Bitterschokolade, ein Anflug von Süßholz; im Verlauf eine leicht medizinische Komponente, wie manche Scotches sie aufweist. Vom Mundgefühl her voluminös und dicht. Im Verlauf kommt eine rotpfeffrige, sehr attraktive Schärfe dazu.

Der Abgang ist warm und wohlig, kribbelnd, aber ohne Brennen, 47% Alkohol sind grandios eingebunden. Adstringierend, dennoch lang und süß. Ein Traum gleichzeitig an Komplexität und Wohlwollen, etwas, was man in dieser kombinierten Form kaum anderswo findet. Ein absolut spektakulärer Whiskey, von dem man (nun, zumindest ich) gar nicht genug bekommen kann.

Ich habe den Großteil des Flascheninhalts pur getrunken, etwas, was mir bei nur wenigen Spirituosen passiert. Sehr oft landet mehr als die Hälfte einer Flasche in Cocktails. Nun, für den Willet Pot Still Reserve gehe ich für die Cocktailempfehlung einen halben Weg – wer den Old Fashioned noch nicht kennt, hat eh dringend Nachholbedarf; es ist der ideale Einsteigercocktail für die, die sonst die Monstranz des Purtrinkers hochhalten und Mischgetränke bisher mit abfälligem Grinsen betrachtet haben. Sie werden konvertiert werden, da bin ich mir sehr sicher.

Old Fashioned


Old Fashioned
1 Würfel Zucker tränken mit…
3 Spritzer The Bitter Truth Drops&Dashes Wood
Aufgießen mit 2 oz Bourbon
Leicht umrühren, und mit einem großen Eiswürfel servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Ich hatte erwähnt, dass es mir nicht erklärlich ist, warum er so viel Missgunst auf sich zieht. Nun, einen Grund könnte ich mir vorstellen – die Flasche ist schon sehr extrovertiert gestaltet, einer klassischen Brennblase nachempfunden, mit viel Kinkerlitzchen. Derartiges stößt dem einen oder anderen vielleicht sauer auf, und er lässt sich von diesem Gefühl dazu verleiten, den Inhalt als prätentiös und rein auf Effekt ausgerichtet vorzuverurteilen. Wie wir alle wissen, der Kopf trinkt mit, und entsprechend vermiest einem ein vorgebildetes Urteil schon hin und wieder den Geschmack.

Willet Pot Still Reserve Detail

Eventuell ist es aber einfach das Volumen an Aromen und zusätzlichen Estern, das durch die Pot Still ins Destillat gelangt, das den auf klassischen Bourbon ausgerichteten Gaumen abschreckt. Nun, sollte es das sein, sollten sich die Hater an die Nase fassen und überlegen, ob sie nicht selbst das Problem sind. Für mich persönlich ist der Willet Pot Still Reserve jedenfalls die Messlatte, an dem sich alle Bourbons, die in meinen persönlichen Whiskeyolymp aufsteigen wollen, messen lassen müssen.

Evan Williams Bottled-in-Bond 100 Proof Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Heutzutage sind „small batch“-Produktionen bei Whiskeys sehr beliebt. Die Kundschaft hat gemerkt, dass „klein aber fein“ und gehobene Qualitätsstandards sich auch im Genuss sehr deutlich spürbar machen. Daher sind heute gesetzlich geregelte Kennzeichnungen wie „bottled-in-bond“, die eben ein gewisses Qualitätsversprechen geben sollten in Zeiten, wo Masse und Umsatz bei den Herstellern sehr viel wichtiger war als Qualität, etwas obsolet geworden – wer sich nur ansatzweise mit Whiskey auskennt, sucht sich eh schon die Premium-Small-Batches, und wer nicht, dem ist auch das „bottled-in-bond“ egal. Für den Evan Williams Bottled-in-Bond 100 Proof Kentucky Straight Bourbon Whiskey aus der Heaven-Hill-Destille ist die Kennzeichnung aber immer noch relevant, weil Evan Williams eine der Massenmarken des Herstellers ist, und diese spezielle Variante sich dennoch vom „bottom-shelf“-Evan Williams (dem mit dem schwarzen Etikett) abgrenzen soll.

„Obsolet“ ist allerdings vielleicht ein zu hartes Wort für die bottled-in-bond-Regularien. Tatsächlich sehen wir bei anderen Spirituosen, dass ihnen ein ähnliches, nochmals über das eh schon vorhandene Set an gesetzlichen Festlegungen hinausgehende, Qualitätsversprechen etwas fehlt. Tequila ist stark reguliert, kann aber allerlei Zusatzstoffe aufweisen und mit fragwürdigen Techniken wie einem Diffusor hergestellt werden; Rum hat zwar viele lokale Gesetzgebungen, aber deren Unterschiedlichkeit sorgt für Verwirrung, und an deren Durchsetzung hapert es darüber hinaus gewaltig. Ein bottled-in-bond-Versprechen wäre dort eine echte Wohltat für uns Spirituosenfreunde; also seien wir dankbar, dass Bourbon uns so eine Möglichkeit bietet.

Die Frage, die man sich stellen kann, aber nicht unbedingt muss, denn Qualität in der Produktion ist ein Wert an sich: äußert sich diese Produktionsmethode mit strenger Aufsicht dann auch im Geschmack? Prüfen wir es.

Evan Williams Bottled-in-Bond Flasche

Farblich finden wir ein tiefes, kräftiges, holziges Braun vor, vielleicht sogar einen Tick dunkler, als man es von anderen Bourbons gewohnt ist. Der Evan Williams Bottled-in-Bond liegt schwer und ölig im Glas, Schwenkbeine laufen langsam und in dicken Tropfen ab. Die Nase ist fruchtig, hauptsächlich in Richtung Banane. Sehr starke Eichentöne übertönen aber alles, und eine nicht zu unterschätzende alkoholische Note schwimmt immer mit. Insgesamt wirkt der Geruch etwas flach und dünn, ohne viel Körper oder Aromen, das wirkt nicht besonders begeisternd.

Im Mund ändert sich das etwas – im Gesamtbild wirkt dieser Whiskey immer noch recht leicht und dünn, dann, nach dem ersten Antrunk aber doch überraschend mild, weich, samtig – die süße Komponente überwiegt. Schnell dann aber schießen die 50 Volumenprozent und Gewürzaromen nach Nelke, Muskatnuss und Vanille aus allen Rohren und kitzeln die Zunge, bevor ein sehr warmer, karottiger und dringender Abgang, der von der Länge her vielleicht etwas zu kurz daherkommt, die Verkostung mit einer hauchigen Ethanolnote abschließt. Adstringierende, betäubende Effekte bleiben noch lange am Gaumen, aber nur wenige Aromen.

Evan Williams Bottled-in-Bond 100 Proof Kentucky Straight Bourbon Whiskey Glas

Das Gesamtbild ist schon ansprechend, aber, ehrlich gesagt, nichts, was mich vom Hocker hauen würde, obwohl ich einen „soft spot“ für die Heaven-Hill-Produkte habe. Ein für meinen Geschmack leicht unrunder und wankelmütiger, aber trotzdem durchaus trinkbarer Bourbon mit sehr gutem Preisleistungsverhältnis, besonders empfehlenswert für Freunde des stärkeren, würzigeren, nicht übermäßig weichgespülten Whiskey, oder für die, die einen Bourbon suchen, der auch in Cocktails seinen Mann stehen kann. Durch den hohen Proof wird er bei mir als Cocktailzutat Verwendung finden, zum Beispiel in einem Five-Spice Bourbon Punch.

Five-Spice Bourbon Punch


Five-Spice Bourbon Punch
1½ oz Bourbon
½ oz Zitronensaft
¾ oz Five-Spice-Sirup (selbst leicht aufzukochen aus 1 Tasse Zucker, 1 Tasse Wasser, Sternanis, Szechuan-Pfeffer, Nelken, Fenchelsamen und Zimtstange)
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit 2 oz Sprudel
[Rezept nach Elana Lepkowski]


Die eckige Flasche mit dem langen Hals reißt mich nicht mit, das Etikett ist ähnlich zurückhaltend designt. Manchmal sind es halt dann doch die inneren Werte, die zählen, und das froschige Äußere sollte Sie daher nicht davon abhalten, den Adligen darin zu entdecken; auch wenn es kein feinsinniger Prinz, sondern vielleicht eher „nur“ ein forscher Graf oder Baron ist. Manchmal will man aber auch so was.

Volkskrankheit Zungenbruch – Bunnahabhain 12 Islay Single Malt Scotch Whisky

Schottische Whiskys haben ein Problem in Deutschland. Nein, es ist nicht die Qualität, nein, es ist nicht der Preis. Die größte Schwierigkeit, die wir im Allgemeinen mit den modernen Nachfolgern des alten uisghe beatha haben, ist, wie man die Namen ausspricht. Manchmal könnte man denken, die Hersteller haben eine Heidenfreude daran, den Konsumenten mit immer seltsameren, unaussprechlicheren gälischen Namen zu quälen. Wir Deutschen kommen im Gegensatz zu vielen Franko- und Anglophonen mit den „ch“s in Auchentoshan und Glenfiddich noch zurecht, mit dem „ch“ in Glen Garioch dann aber auch schon nicht mehr (letzterer ist sprachlich eh der ultimative Prüfstein für jeden selbsternannten Kenner schottischen Whiskys).

Die Brenner, die Bunnahabhain 12 Islay Single Malt Scotch Whisky herstellen, haben dies erkannt, wollen uns einen Zungenbruch und sich selbst potenzielle Sprachvergewaltigung ersparen und geben darum Hinweise zur Phonetik ihres Produkts – man spricht den Namen „Bunn-a-ha-venn“ aus, so ist es auf dem Rücketikett freundlicherweise aufgedruckt. Nun ist die linguistische Seite also klar, dann hindert uns erstmal nichts mehr daran, uns dem sensorischen Spektakel hinzugeben und die Zunge zum Verkosten zu nutzen statt zum Verbiegen von diversen palatalen und labiodentalen Frikativen.

Bunnahabhain 12 Islay Single Malt Scotch Whisky Flasche

Lobenswert finde ich schonmal die schwarze Flasche – so kommt kein Kunde auf die Idee, den Inhalt von außen rein optisch zu beurteilen. Bei Scotch ist Färbung mit E150a weitverbreiteter Usus, eben wegen diesem Vergleich, den viele Kunden anstellen – hier haben wir aber den Fall eines ungefärbten Whiskys vor uns; „natural colour, un-chillfiltered“ steht auf der Flasche. Die natürliche Farbe liegt irgendwo in der Mitte zwischen Kupfer und Safran. Eine minimale Öligkeit ist erkennbar.

Bunnahahbain ist ein Sonderling auf Islay, das merkt man spätestens, wenn man die Nase ins Glas hält. Die nahen Nachbarn auf der Insel versuchen sich gegenseitig zu übertreffen, was Torfigkeit angeht – hier bekommt man den interessanten Fall eines Islay-Whiskys, der nicht torfig ist. Stattdessen schmeichelt eine wuchtige Süße der Nase, Karamell, Butter, Mandarinen. Ein dezentes Kräuterbeet, Thymian und Fenchel, unterlegt die Aromatik. Riecht man sehr tief, kommt einem eine gewisse Lösungsmittelkomponente entgegen.

Bunnahabhain 12 Islay Single Malt Scotch Whisky Glas

Im Mund ist im ersten Antrunk eine fruchtige Note, aber mild. Mandarine, Erdbeere. Insgesamt sorgt die ununterbrochen vorhandene, schwere, nicht aufdringliche Süße für ein sehr breites Geschmacksbild, mit extrem viel Körper und Dichte. Eine milde medizinische Note und erkennbare Salzigkeit kümmern sich um den Inselcharakter mit Eindrücken von Meer und Strand. Im Verlauf entsteht zur Süßebasis ein Kontrapunkt – eine durchaus feurige Würze, die ich nichtmal den 46,3% Volumenprozent zuschreiben will, weil sie nicht oberflächlich brennt, sondern tief und vielschichtig daherkommt. Man hat wirklich ordentlich was im Mund bei diesem Whisky, vom fruchtigen Hochton bis zum süßen Bass ist alles da.

Der Abgang des Bunnahahbain 12 ist erneut eine kleine Wandlung: kühlend, mit dem Gefühl von Menthol und Minze. Mittellang, würde ich sagen, aromatisch, trocken aber nicht adstringierend, mit einem Nachhall von Holz, Vanille, Kaffee und dunklem Kakao. Tatsächlich empfinde ich diesen Scotch aufgrund der Breite der Eindrücke, und des wirklich ausgesprochen voluminösen Mundgefühls, als sehr komplex und dabei dennoch sehr genehm und nie kompliziert.

Die eine oder andere Zutat, die man in Cocktails einsetzt, hat das Problem, dass sie sich nur mühselig oder gar nicht gegen andere Zutaten durchsetzen kann. Manchmal ist es das Gegenteil – die Brachialität einer Zutat erwürgt alle anderen. Der Bunnahahbain 12 ist ein Beispiel für die Gruppe von Spirituosen, die genug Kraft mit sich bringen, gleichzeitig aber nicht den Raudi heraushängen lassen. Seine Qualitäten machen den Second Sip zu einem Drink, bei dem man gern einen zweiten (und dritten!) Schluck trinken mag.

Second Sip


Second Sip
2 oz Bunnahabhain 12 Islay Single Malt Scotch Whisky
½ oz süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
½ oz Tawny Port (z.B. Porto Cruz Special Reserve)
¼ oz Fernet Branca
2 Spritzer Bittermens Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren und ohne Dekoration servieren.
[Rezept nach Brian Miller]


Neben der schon eingangs angesprochenen schwarzen Flasche in durchaus ungewöhnlichem Format bekommt man noch einen Karton und eine kleine Beilage mitgeliefert. Darin findet man unter anderem ein paar Anekdoten über Geschichte und Topographie der Destillerie. Schön gemacht, und nicht aufdringlich oder allzu marketinglastig.

Bunnahabhain 12 Islay Single Malt Scotch Whisky Karton und Beilage

Wie ich schon sagte – dies ist kein typischer Islay-Whisky. Wer auf der Suche nach Rauch, Iod und Torf ist, hat auf der Insel genug andere Alternativen; daher finde ich es spannend, dass sich Bunnahabhain hier dem starken Gruppenzwang der restlichen Inselanrainer, die sich manchmal für meinen Geschmack an ihren Extremen übermäßig aufgeilen, widersetzt. Für mich gehört dieser Whisky jedenfalls in jedes Regal eines wahrhaften Whiskyfreunds, egal ob Peat-head oder nicht, und sei es nur, um zu erkennen, dass Islay auch anders kann.

Kampf der Kulturen – The Art of Japanese Whisky @ Winefactory

Wenn man Science-Fiction-Filme und -Bücher aus den 80ern verfolgt, wie Blade Runner, Johnny Mnemonic oder William Gibsons Neuromancer, die Werke von Bruce Sterling und anderen, so wird dort durch die Beschreibung der Umgebung, in der sich die Protagonisten bewegen, unterschwellig immer ein Gefühl transportiert – die Angst vor Japan, und dass dieses Land, das in eben diesen 80ern die Unterhaltungselektronik revolutionierte und westliche Konzerne in einigen Bereichen zu Statisten degradierte, mit seiner Marktmacht einst kulturell die Welt total bestimmen wird.

Die paranoide Angst vor einer scheinbar unausweichlichen japanischen Übernahme der abendländischen Kultur verdeckte dabei, dass eine Vermischung der Kulturen längst stattgefunden hatte, diese aber gar nicht so kulturkampfdramatisch ausfiel, und dass man statt der Verdammung dieses Trends auch viele positive Aspekte darin finden kann. Die Strömung ging nämlich nie nur in eine Richtung – Japan importierte im 20. Jahrhundert auch viele Dinge aus der westlichen Kultur. Ein erstaunliches Beispiel, das ich erst neulich erfuhr, ist beispielsweise die japanische Jeans – laut Aussagen von Kennern kommt heutzutage die beste Jeansqualität der Welt nicht mehr aus Amerika, sondern aus Japan. Wenn man sie sieht und berührt, das muss man zugestehen, überzeugen sie schon allein von der Verarbeitung und der Schwere des Stoffs her. Hier hat Japan also eine ureigene amerikanische Zutat genommen, und seiner eigenen Kultur hinzugefügt, und dabei mit ostasiatischem Auge fürs Detail optimiert.

The Art of Japanese Whisky vorgestellte Whiskys

Oder, um zum eigentlichen Thema dieses Artikels zu kommen, auch Whisky. Jim Murray, der Autor des jedes Jahr neu aufgelegten Referenzwerks The Whisky Bible, trat mit seiner Bewertung des Yamazaki Sherry Cask 2013 als bestem Whisky der Welt anno 2015 eine Welle des Interesses los – wie, Japan und Whisky? Können die das überhaupt, wie kann es sein, dass die besser sein sollen als die Schotten mir ihrer tausendjährigen Tradition? Auch wenn ich mit den kritischen Experten übereinstimme, dass es sowas wie einen „besten Whisky“ überhaupt nicht geben kann, weil die Geschmäcker und Aspekte bei Spirituosen viel zu weitläufig sind, um so etwas absolut sagen zu können, hat Murray damit erreicht, was meines Erachtens erreicht werden sollte: Die Augen der Welt richteten sich auf Japan und seine trotz der Kürze der Zeit inzwischen tiefgreifende Whiskykultur.

Das als The Art of Japanese Whisky betitelte Event Ende November 2017 in der Winefactory im Unique Cube sollte einen ähnlichen Effekt haben, neben dem reinen Genuss vielleicht auch dazu dienen, den anwesenden Gästen diese trotz ihres ihr schnell vorauseilenden Rufs in Deutschland doch eher wenig verbreitete Spirituose näherzubringen.

The Art of Japanese Whisky vorbereiteter Tisch

Der Tisch war schon eingedeckt, hübsch, nicht überdekoriert, aber stimmungsvoll. Auch die Whiskys waren schon voreingegossen, so dass sie vor der Verkostung auch noch ein bisschen atmen konnten. Je 2cl der Whiskys, die alle aus dem Portfolio von Beam Suntory stammten, konnten unter Anleitung verkostet werden – Hinweise zur Destillerie und der speziellen Whiskysorte wurde mit einem Beamer an die Wand geworfen. Wasser zur Durststillung und Gaumenreinigung stand ausreichend bereit – der Abend konnte beginnen!

The Art of Japanese Whisky 5 Whiskys

Bei vielen Events ist das Essen eine nette Beigabe, ein Snack, klar untergeordnet. Bei The Art of Japanese Whisky merkte man vom ersten Gang an, dass da zwei gleichwertige Komponenten auf höchstem Niveau miteinander in Wettstreit stehen – oder, anders gesagt, in einem Gesamtklang miteinander harmonieren. Das Sushi Catering von Kimdo at Home bereitete die Speisen alle live in Echtzeit für jeden Gang vor; die nagelneue, offene Showküche der Winefactory bietet ein ideales Umfeld für derartiges Kochen und Anrichten vor den Augen der Gäste.

The Art of Japanese Whisky Gang 1

Das sieht man schon beim ersten Gang. Sautierte japanische Kamm-Muscheln. Mir als Meeresfrüchteliebhaber kommt sowas entgegen, und da hat es der dazu kredenzte The Chita Grain Whisky schwer, das zu übertrumpfen. Grain Whiskys haben einen gewissen, nicht unbedingt positiven Ruf, sie sind oft eher flach von der Aromatik und haben außer einer schönen Süße nur wenig zu bieten. Der Chita macht seiner Kategorie aber sicher keine Schande, im Gegenteil, er gehört für mich persönlich gewiss zu den besseren Grain Whiskys.

The Art of Japanese Whisky Gang 2

Butterzarte Tempura-Garnelen mit Yuzu-Dip wurden im zweiten Gang präsentiert. Sensationell war insbesondere dieser Dip aus der exotischen Frucht – da musste ich, auch wenn es wenig fein wirkte, die Schale auslecken. Der Hibiki Japanese Harmony Blended Whisky, den man dazu trank, ist nun schon eine andere Gewichtsklasse als der zuvor servierte Chita. Ein Blend aus verschiedenen Grain- und Malt-Whiskys der japanischen Suntory-Brennereien, präsentiert in einer sehr attraktiven Flasche mit Facettenschliff und Etikett aus handgeschöpftem Papier. Trotz der edlen Aufmachung: Ein bodenständiger Easy-Drinking-Whisky.

The Art of Japanese Whisky Gang 3

Den dritten Gang läutet der große Bruder des Hibiki Japanese Harmony ein, der Hibiki 12 Years Old Blended Whisky. Im Gegensatz zum NAS-Vorgänger ist dieser mit einer Altersangabe versehen. Wenn man recherchiert, findet man schnell heraus, dass wir hier einen doch eher seltenen und auch recht hochpreisigen Whisky vor uns haben – toll, dass man auch derartige Raritäten an diesem Abend probieren konnte. 3 Nigiri von Lachs, Thunfisch und Hamachi (Gelbschwanzmakrele) mit hausgemachter Sojasauce wurden dazu angeboten; herrlich, wie luftig und frisch diese kleinen Bissen wirkten.

The Art of Japanese Whisky Gang 4

Persönlich das absolute Highlight des Abends war der vierte Gang – sowohl vom Essen als auch vom Whisky her. In der Tischmitte wurden mehrere große Portionen Unagi (japanischer, marinierter Aal) auf Perilla-Reis mit japanischen Pickles gestellt, an denen man sich bedienen konnte – was ich bei diesem fantastischen Gericht auch üppig tat! -, und dazu frisch handgerollte Ura Maki (Inside Out Rolls) mit Spicy Tuna und Chicken Teriyaki. Ich fühlte mich im Himmel. Kaum hintan stand aber das Getränk dazu: The Hakushu Single Malt Whisky Aged 12 Years bezauberte mich durch seine ganz besondere Aromatik, die ich in dieser Form noch bei keinem anderen Whisky schmecken durfte. Mir war beim ersten Schluck klar – davon musste ich eine Flasche haben, und gottseidank war in der Winefactory noch genug Lagerbestand da, dass ich ihn direkt am Abend noch mit nach Hause nehmen konnte.

The Art of Japanese Whisky Gang 5

Ich gebe zu, ich fühlte mich bereits etwas gesättigt durch die tolle Speisenfolge bisher. Als dann aber noch abgeflämmtes Lamm mit Miso, Edamame und Hawaiisalz auf den Tisch kam, gewann die Lust über das Sättigungsgefühl. Auch der dazu getrunkene The Yamazaki Single Malt Whisky Aged 12 Years überzeugt voll – süß, cremig, voll und dicht, ein wahrer Gaumenschmeichler, der die Kehle runterläuft wie Öl. Für viele am Tisch war dies die Krönung des Whiskyportfolios von Suntory an diesem Abend; auch ich war kurz davor, meinen Favoriten zugunsten des Yamazaki aufzugeben. Wer tiefe, breite, feinmilde schottische Highland-Malts mag, sollte hier definitiv mal einen Blick riskieren.

The Art of Japanese Whisky Dessert Zilliken 2003

Als Dessert griff der Hausherr ganz am Ende noch in seine Schatzkiste und servierte eine Forstmeister Geltz Zilliken 2003 Saarburger Rausch Riesling Spätlese. Ein schöner, süßsaurer Tropfen, der mir selbst als Weinagnostiker sehr gefiel. Ich muss so ehrlich sein, die Qualität nicht in der Konsequenz beurteilen zu können – die Weinkenner links und rechts von mir waren aber hocherfreut, ein Glas davon vor sich zu haben.

The Art of Japanese Whisky Brand Ambassador

Ehre, wem Ehre gebührt – neben dem Gastgeber, Denis Reinhardt, der ernsthaft dabei ist, aus der einstigen Spirituosenprovinz Saarbrücken ein Zentrum für Schnapskultur zu machen, möchte ich auch die anderen Protagonisten des Abends loben. Der Brand Ambassador für Südwestdeutschland bei Beam Suntory, Mark Armin Giesler, überzeugte mit seinem Team sowohl durch das präsentierte Fachwissen bezüglich der vorgestellten japanischen Whiskys, als auch durch seine lockere Art, mit der er den Abend leitete. Viele spannende Dinge aus dem Nähkästchen konnte man da hören, ohne dass es je langweilig wurde.

The Art of Japanese Whisky Winefactory Showküche

Und natürlich muss man Martin Dobner und seine Frau Moon-Jung Kim ganz besonders hervorheben, die ein 5-Gänge-Menü für 10 Personen in Echtzeit zubereiteten, und dabei noch Zeit fanden, die schon durchaus exotischen Zutaten zu erklären. Dass es sich bei den Speisen um gehobene Restaurantqualität handelte, sollte allein schon von den Fotos klar geworden sein; dass sowas auf diesem hohen Niveau nun seit kurzem auch als Catering für Zuhause oder eine Firmenfeier verfügbar ist, finde ich großartig.

Am Ende möchte ich den Bogen zurückschlagen zum Anfang. Kulturen im Kampf, das muss eigentlich nicht sein. Wie man hier sieht, können sie sich auch ergänzen und komplettieren. Man lernt: Japanischer Whisky muss sich keineswegs hinter seinem schottischen Vorbild verstecken; deutscher Wein passt wunderbar zu japanisch zubereitetem Lammfleisch; ein Rheinhesse, ein Schwabe, eine Koreanerin und viele Saarländer können einen unglaublichen Abend zusammen erleben. Wenn man nur will, können unterschiedlichste Kulturen gemeinsam viel erreichen – und damit die ganze Welt bereichern.

Kurz und bündig – Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey (third batch)

Auch bei Spirituosen gibt es große und kleine Geschwister – vielleicht kennt der eine oder andere Bourbon-Freund unter meinen Lesern den durchaus schwer erhältlichen, raren George T. Stagg. Bei dieser Verkostung des kleinen Bruders dieses Schwergewichts, des Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey, haben wir die dritte Charge („third batch“) eines Small-Batch-Whiskeys aus dem Hause Buffalo Trace vor uns. Dafür werden Whiskeys mit einem Alter von um die 8 und 9 Jahren miteinander verblendet und in Fassstärke in die Flaschen gefüllt; jeder Batch hat dadurch eine eigene Charakteristik. Ein 10cl-Sample bildet die Basis für den heutigen Verkostungsversuch.

Die Farbe strahlt regelrecht, ein warmes, glühendes Kupfer, das schon fast ins braunrote übergeht. Im Glas bewegt sich der Stagg Junior wie ein Senior, langsam, gemächlich, schwer und ölig. Rein optisch ist das einer der schönsten Whiskeys, die ich bisher gesehen habe. Man sieht – man muss nicht kältefiltern oder färben (beides geschieht hier nicht), um ein spektakuläres Endergebnis zu erhalten.

Stagg Jr Kentucky Straight Bourbon Whiskey (third batch)

Geben wir ihm zunächst in voller Stärke eine Chance. Bei 66,05% ist das für mich persönlich grenzwertig.

Nach dem Eingießen ins Verkostungsglas stößt einem erstmal eine scharfe Lösungsmittelnote ein Messer ins Gesicht. Ich lasse ihn daher zunächst mal einige Minuten offen atmen. Leider verschwindet sie dennoch nicht wirklich; darüber hinaus bleibt auch eine gewisse Essignote, die es der darunter liegenden Vanille schwer macht, nach vorne zu kommen – die Nase kann mit dem Auge in keinster Form mithalten.

Im Antrunk ist erst eine schwere, dichte Süße erkennbar, ein voller und wuchtiger Körper, etwas Salzigkeit. Im Verlauf entsteht eine gewisse, kantige und würzige Schärfe nach Pfeffer und Chili, sehr viele Tannine, eine starke Adstringenz sorgt für ein trockenes Mundgefühl. Kandiszucker, Vanille und das wars dann aber auch schon – Power ohne Ende, aber keine Tiefe oder Komplexität. Der Abgang des Stagg Jr ist feurig heiß und dabei leider aromatisch nur sehr kurz. Wirklich richtig enttäuschend kurz.

Zwei Teelöffel Wasser kommen nun dazu. Die Nase bekommt eine lakritzige Note, und etwas cognachaftes. Im Geschmack liegt immer noch Alkohol und Lack stark in Front, Eiche dazu, aber Vanille und Schokolade bekommen nun wenigstens eine Chance. Der Nachhall verlängert sich um einiges. Er verliert durch das Wasser kaum an Volumen, fühlt sich immer noch ölig und schwer an: Ein Whiskey, dem Wasser sehr, sehr gut tut, den man eigentlich nur so vernünftig genießen kann. Alternativ macht er sich dann doch recht gut in einem Old Fashioned.

Fazit – Buffalo Trace hat definitiv spannendere und reizvollere Whiskeys im Portfolio – insbesondere, wenn man den aufgerufenen Preis von aktuell rund 100€ in Betracht zieht, würde ich eher diese anderen Bourbons empfehlen als den unausgereiften Stagg Jr.

Ohr- und Gaumenfreuden – „Cocktail meets Whisky“ bei der Whiskytruhe

Gern wird immer wieder mal das Bonmot zitiert, dass man nicht allein trinken soll, sondern in Gesellschaft. Ersteres ist, zugegebenermaßen, ein gefährlicher, abschüssiger Weg (jetzt mal natürlich nur rein hobbypsychologisch gesprochen). Entsprechend es ist ein hartes Leben als Spirituosenblogger, denn das tiefe Probieren und Verkosten, das für Tasting Notes erforderlich ist, kann man eigentlich nur allein durchführen, um die Konzentration und den Fokus zu erhalten, der dafür nötig ist.

Doch auch so ein Blogger hat mal Lust auf einen weniger anstrengenden Drink, und woher die Gesellschaft nehmen, wenn nicht stehlen, und gerade kein Saufkumpan zur Verfügung steht? In einer Bar ist man ja auch eher allein unter anderen Menschen, wenn man solo aufbricht. Die Lösung: Whiskyverkostungen! Diese sind durchaus in Mode. Es ist ja auch eine tolle Sache – man bekommt etwas gutes zu trinken, lernt neue Spirituosen und Leute kennen und im Idealfall hat die Veranstaltung auch etwas von einem Eventcharakter, so dass die Unterhaltung nicht zu kurz kommt. Man will ja eigentlich nicht am Abend auf eine Lehrveranstaltung, sondern Spaß haben, selbst (oder gerade!) als Kenner.

Cocktail meets Whisky - Eintrittskarten

Am 28. Oktober 2017 fand auch ich, zugegebenermaßen ausschließlich dank meines Navigationsgeräts, den Weg zu so einer Whiskyverkostung. Tief im ländlichen Saarland, in Schmelz/Limbach, lud Gastgeber Markus Hawner, der Geschäftsführer von Whiskytruhe, zu einem Multifunktionsabend ein. „Cocktail meets Whisky“ hieß das Motto – entsprechend konnte man sich nicht nur auf Spirituosenproben freuen, sondern auch auf damit live gemixte Cocktails und Longdrinks.

Ein Blick in den kleinen, charmanten Laden von Markus Hawner zeigt direkt, dass es sich bei seinen Veranstaltungen nicht um kühle Vorträge handelt, in denen ein gelangweilter Brand Ambassador eines Konzerns sein Portfolio zum hundersten Mal runterrattert. Man sitzt auf einer Couch oder Fässern, steht an einem aus Fässern hergestelltem Stehtisch oder lehnt gemütlich an einer Wand, während Markus eine Auswahl an Whiskys präsentiert.

Cocktail meets Whisky - Gruppe

Die Atmosphäre ist sehr lässig, entspannt, man merkt, dass sich der eine oder andere schon kennt. Da wird laut geredet und gelacht, diskutiert und palavert – in manch einer Veranstaltung musste ich mich zum Räuspern aus dem Raum begeben, weil sonst die anderen Teilnehmer einen vorwurfsvoll anschauen; hier gibt es das nicht.

Was gab es zu trinken? Markus Hawner legte einen Schwerpunkt auf Roggenwhiskeys aus den USA, und ergänzte dies durch Whiskys aus der alten Welt. Entsprechend begann der Abend mit den amerikanischen Straight Rye Whiskeys Jim Beam Rye, Knob Creek Rye und 1776 Rye, dazu kam als Übergang der irische Vertreter Knappogue Castle 12, und am Ende die schottischen Black & White und Kilchoman Single Malt, die zeigen sollten, dass auch Scotch sich vor Cocktailvermischung nicht zu hüten braucht.

Cocktail meets Whisky - Auswahl

Zu jedem Whisky gab es eine kurze Einführung, Erklärung über die Produktion und die Basismaterialien, sowie ein paar Hinweise zu den zu erwartenden Aromen und Geschmäckern. Markus passt sich dabei dem zu erwartenden Kenntnisstand seiner Besucher an – man wird also nicht mit zuvielen Spezialistendetails überfrachtet, sondern bekommt einen kurzen, knackigen Überblick über einen Whisky und hat dann entsprechend mehr Zeit, sich selbst in der Verkostung ein Bild zu machen und mit den anderen Teilnehmern darüber zu diskutieren.

Cocktail meets Whisky - Gastgeber

Nun hieß der Abend ja nicht „Whiskey meets Whisky“, sondern „Cocktail meets Whisky“, und so wurde nach jeder Probe ein Cocktail angeboten, der genau diese Spirituose beinhaltet. Beispielsweise wurde zum Knob Creek Rye ein Dry Manhattan empfohlen – meine kleine Befürchtung, dass der immer noch sehr weit verbreitete Irrtum, dass ein Cocktail immer ein Liter Saft mit etwas Schnaps ist, hier fortgeführt werden könnte, hat sich da schnell in Luft aufgelöst – hier wurden klassische Rezepte gezeigt. Eugenia Schmidt, eine Cocktail-Amateurin im besten Wortsinn (nämlich jemand, der das liebt, was er oder sie tut), gab neben den von ihr auf professionellem Niveau gemischten Drinks noch den einen oder anderen Hinweis auf den Hintergrund des Cocktails, mit möglichen Twists oder Alternativrezepten.

Cocktail meets Whisky - Cocktail 1

Natürlich schadet auch ein Longdrink nicht – der angebotene Horse’s Neck war eine tolle Erfrischung nach all dem trockenen Whisky. Hübsch angerichtet mit der namensgebenden, langen, über das Glas hinaushängenden Zitronenzeste konnte auch hier die Bartenderin voll überzeugen.

Cocktail meets Whisky - Cocktail 2

Bei soviel Schnaps muss auch etwas gehaltvolleres her. Nach 3 Whiskys gab es eine kleine Pause, in der der Gastgeber das Fingerfood-Buffet eröffnete. Wraps, Datteln im Speckmantel, Pesto-Tortellini-Spieße und Schinken- und Käseschneckchen waren neben der kleinen Käseplatte ein idealer, fetthaltiger und sehr leckerer Grund, auf den man für den Rest des Abends weiter aufbauen konnte. Alles hausgemacht und in mehr als ausreichender Menge vorhanden.

Cocktail meets Whisky - Fingerfood-Buffet

Mit das prägendste Element des Abends war allerdings die musikalische Untermalung durch Pascal Saar, der mit seiner Cajon-Drumbegleitung Marvin Waldemar und irischen Folk-Klängen viel Rhythmus in die Veranstaltung brachte. So fühlte man sich stellenweise wie in einem irischen Pub, nicht mitzusingen war zu fortgeschrittener Zeit bei einigen Klassikern wie „Whiskey in the Jar“ und „The Wild Rover“ praktisch unmöglich. Großartige Unterhaltung!

Cocktail meets Whisky - Band

Kurz und bündig zusammengefasst – ein rundum gelungener Abend, der beweist, dass man über die Gefahren des Alkoholtrinkens sagen kann, was man will: Er ist auch, und vor allem, ein Kulturgut, das Leute zusammenführt und dazu bringt, das Leben etwas leichter zu nehmen und zu zelebrieren. Sehr gern werde ich in Zukunft weitere Veranstaltungen von Whiskytruhe besuchen.

Die süße Jugend – Highland Park 10 Years Single Malt Scotch Whisky

Viele Spirituosenhersteller sind aktuell mit Volldampf dabei, ihr Portfolio umzustellen. Neudesigns von Flaschen und Etiketten gehören dabei zu den offensichtlichsten, gleichzeitig aber belanglosesten Aktivitäten. Stärker interessiert uns Freunde des gereiften Genusses, dass auch Altersangaben immer mehr dieser Lust am Wandel zum Opfer fallen. Ein Grund, der immer wieder genannt wird, ist, dass ein zunehmendes breites Interesse an gereiften Spirituosen auch über Expertenkreise hinaus, insbesondere bei Bourbon und Scotch, dazu führt, dass einfach nicht mehr genug Sprit in der entsprechenden Alterskategorie da ist, um diese Abfüllungen mit dem jeweiligen Alter auszeichnen zu können. So lässt man die Zahl fallen, schreibt einen klugen Spruch stattdessen aufs Etikett („kunstvoll gereift“ oder so etwas) und erfindet in bester Storytelling-Manier die Geschichte, dass es ja um den Geschmack geht, und dass das Alter das unwichtigste am Whisky überhaupt sei. Schön und gut, diese Ausrede hat ja auch einen wahren Kern, doch da gleichzeitig nicht die Preise gesenkt werden, obwohl man ja nun weniger aufwändig hergestellten Whisky verkauft, zeigt, dass hier auch ulteriore Motive ausgelebt werden können.

Dass man es auch anders machen kann, zeigt der Highland Park 10 Years Single Malt Scotch Whisky. Hier wurde einfach ein aus meiner persönlichen Sicht ehrlicheres Vorgehen gewählt: Man füllt halt jüngere Brände ab, um den Markt zu entlasten, gibt diesen aber trotzdem eine Altersangabe, und geht dabei sogar unter die bei Scotch magische 12-Jahres-Grenze. Taugt dieser vergleichsweise junge Whisky dazu, Vorurteile diesbezüglich abzubauen? Kann er eventuell sogar ein Ersatz für älteren Whisky sein?

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky FlascheDie Farbdesigner dieses jüngsten aller Highland-Park-Whiskys haben sich für Ocker entschieden. Ich erwähne es oft, weil es meines Erachtens einfach ein Missstand ist und bleibt – das Färben von Spirituosen wird erst aufhören, wenn wir als Konsumenten fähig dazu sind, den Dreisatz „dunkel = alt = Qualität“ aufzugeben, der eh noch nie gestimmt hat. Bis dahin wird Scotch im Standardfall mit E150 koloriert und die Farbe sagt nichts über den Inhalt aus.

Das Auge trinkt hier also nicht so wirklich mit, dafür darf die Nase aktiviert werden. Milde Zitrusaromen wie Mandarinen, vergorener Traubensaft, Heu. Man ahnt schon etwas Alkohol, für 40% hält es sich aber in Grenzen. Ein leichter, heller Körper.

Der Geschmack des Highland Park 10 Years ist dann im ersten Moment überraschend kräuterig, grasig, holzig, wird dann im Verlauf aber immer süßer und süßer, bis diese Dimension den Mundraum komplett ausfüllt und alles andere verdrängt. Toffee, Sahne und Butterkuchen, das ist mir fast schon ein bisschen zu plump, weil ein Ausgleich für diese breite Weichheit fehlt. Da ist kaum etwas anderes als leicht vanillige, cremige Süße. Komplexität sieht anders aus.

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky Glas

Im mittellangen Abgang kann man höchstens, wenn man mühevoll danach sucht und etwas Fantasie hat, Rauch entdecken. Für mich ist der Abgang des Highland Park 10 mildbitter, trocken und erneut etwas holzig-grasig, bleibt dabei aber seinem grundsätzlich sehr weichzarten, buttrig-süßen Charakter treu. Leicht salzige Pfefferschärfe bleibt lange auf der Zunge liegen, zusammen mit einem etwas mentholigen, langen Nachhall.

Ein Cocktail, der die verblüffende Offenheit der Prohibitionszeit bezüglich Zutaten zeigt, ist der The Modernista. Hier das Rezept aus Ted Haighs wunderbarem Cocktailbuch. Scotch und lakritziger Absinth kämpfen in dieser unbeschreiblichen Melange um die Vorherrschaft. Fehlt eigentlich nur noch Chartreuse, um das Chaos komplett zu machen. Der Rum geht, egal welcher es ist, total unter gegen die aromatische Urgewalt der beiden Starspieler. Das ist ein Cocktail, der heute in einer Cocktailbar niemals serviert wird, er ist zu extrem – doch vor knapp 100 Jahren mochte man diese seltsame Komplexität; ich weiß nicht, ob ich die damalige Zeit, die sowas verrücktes schätzen konnte, oder die heutige Zeit, die nichts mit derartiger Experimentierfreudigkeit anfangen kann, bejammern soll.

The Modernista


The Modernista
2 oz Highland Park 10 Single Malt Scotch Whisky
½ oz Dunkler Jamaika-Rum (z.B. Appleton Estate Extra 12)
1 Teelöffel Absinthe (z.B. Jade Nouvelle-Orléans)
½ oz Swedish Punsch
½ oz Limettensaft
2 Spritzer Orange Bitters (z.B. The Bitter Truth Orange Bitters)


Neulich hatte ich mich über Flaschengrößen ausgelassen und betont, dass ich es sehr schätze, wenn ein Hersteller kleinere Produktgrößen anbietet. Der Highland Park 10 Years ist nun dahingehend eine Ausnahme, dass er ausschließlich in einer „halben Flasche“, also 35cl, angeboten wird. Mir persönlich kommt das entgegen, wenn es nach mir ginge, wäre das die Standardgröße für alle Spirituosen.

Die Flasche selbst ist darüberhinaus schön gestaltet – mit breiten Schultern und großem Ausgussloch, und gleichzeitig elegant schmal in der Tiefe, und dabei doch schwerem Glasgewicht. Der Naturkorken in Zusammenspiel mit dem Holzdeckel mit dem Highland-Park-Logo macht selbst aus der kleinen Flasche ein hochwertiges Produkt, das man gern betrachtet und in der Hand hält. Der schwarze, angenehm zurückhaltend gestaltete Karton komplettiert das ganze aufs positivste.

Highland Park 10 Years Single Malt Whisky Flaschenseite

Wer einen süßen, unkomplizierten schottischen Whisky sucht, wird hier fündig. Wer etwas mehr Komplexität will, muss auf die längergelagerten Scotches dieses Herstellers zurückgreifen, alles kann so ein Whisky dann halt doch nicht – insgesamt zeigt der Highland Park 10 Years aber, dass Alter nicht alles ist und man auch schon 10-jährigen Single Malt finden kann, der nicht wild, kratzig und ungestüm ist; noch ein Vorurteil, das endlich abgebaut werden kann.