Sex sells (solange er hetero ist) – Bulleit and Beer Limited Edition

Seit 25 Jahren ist Homosexualität in Deutschland straffrei; 1994 wurde §175 vollständig abgeschafft. Wir als Gesellschaft sind dennoch noch richtig weit davon entfernt, die vielen Formen von sexueller Identität, die es gibt, als naturgegeben zu akzeptieren. Kaum etwas ist mehr durchdrungen von Angst, Unwissen, einfach nur Dummheit und Doppelmoral. Selbst hochrangige Politikerinnen reißen unter lautem Gelächter ihre platten Stammtischwitze über Transgender, oder sind lesbisch und polemisieren dann, wenn es dem Wählerwillen passt, gegen die Ehe für Alle. Gleichzeitig werden in Deutschland jedes Jahr knapp über 300 Vergehen angezeigt, die aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung geschehen und darum als Hassverbrechen eingestuft werden – das klingt erstmal nach nicht viel, doch die Dunkelziffer ist dabei extrem hoch, um die 90%. Die Täter können aufgrund vieler Aspekte damit rechnen, ungestraft durchzukommen. Und das in einem fortschrittlichen, offenen Land wie Deutschland – über andere Länder, in denen sogar erst vor kurzem die Todesstrafe für Homosexualität eingeführt wurde, sollten wir vielleicht lieber gar nicht erst nachdenken.

Wir als Konsumenten von Spirituosen machen uns selten Gedanken über das Umfeld, in dem ein Produkt entsteht. Ich bin zugegebenermaßen zufrieden, wie sich die Diskussion um Zusatzstoffe in Spirituosen, Produktionsbedingungen und Nachhaltigkeit in den letzten Jahren zumindest unter den fortgeschrittenen Spirituosenfreunden entwickelt hat – und auch viel mehr interessierte Käufer achten auf derartige Aspekte bei ihren Entscheidungen. Für mich persönlich ist der Kauf der Bulleit and Beer Limited Edition auch etwas, über das man vorher nachdenken sollte. Nicht wegen den Produkten an sich, die sind schon in Ordnung, doch ist Firmengründer Tom Bulleit homophob, und zwar so weit, dass er seine eigene Tochter aus der Familie und (nach eigenen Aussagen, denen vom Mutterkonzern Diageo allerdings widersprochen wird) auch aus der Firma gedrängt hat, weil sie lesbisch ist – ihre Partnerin wird bei Familienfeiern ignoriert, ihre Arbeit im Nachhinein schlecht geredet, und diverse andere still diskriminierende Aktionen durchgeführt, die Hollis B. Worth das Leben schwer machen. Leider habe ich die bedrückende Geschichte hinter diesem Whiskey erst nach dem Kauf des hier vorgestellten Sets erfahren, sonst hätte ich davon Abstand genommen. Man lese die Besprechung hier also definitiv nicht als Werbung, sondern im Gegenteil als Hinweis dahingehend, dass man bei Bulleit nicht nur einen Schnaps kauft, sondern auch einen homophoben Geschäftsführer im Amt hält. Jeder sollte seine eigenen Schlüsse ziehen, und da Worth selbst nicht zum Boykott aufruft, will ich das auch nicht tun – die Geschichte ist es aber wert, zumindest zum Nachdenken aufzurufen. Nun aber zum Produkt selbst.

Bulleit Bourbon and Beer Tragerl

Im Tragerl, das speziell für dieses Set designt ist, ist eine breite Aussparung für die Bourbon-Flasche und vier Plätze für die Bierflaschen. Es handelt sich beim Bier durchweg um kleine deutsche Craft-Hersteller, die dem Bierfreund allesamt schon mehr oder weniger gut bekannt sein sollten – BRLO, Landgang, Überquell und Superfreunde.

Das Set, das es für rund 40€ zu kaufen gibt, enthält eine Flasche der limitierten Bulleit Bourbon Tattoo Edition. Außer dem Flaschendesign besteht kein Unterschied zum normalen Bulleit Bourbon. Es wird auch nichts über den Umfang der Limitierung ausgesagt, ich gehe davon aus, dass wir hier eher über viele Tausende Flaschen und eine zeitliche Limitierung reden als über eine echte Flaschenzahlbegrenzung. Die „Tattoos“ auf meiner Flasche wurden von Jess Mascetti, einer Tätowiererin aus New York, gestaltet – man muss genau hinschauen, um gegen den dunklen Bourbon Details zu erkennen, dazu sind die Vorder- und Rücketiketten darüber geklebt, was einen Großteil überdeckt; das wirkt etwas undurchdacht, wertet die Flasche aber trotzdem durchaus auf.

Bulleit Bourbon Tattoo Edition

Zum Bourbon an sich gibt es für mich aus gegebenem Anlass also nicht viel mehr zu sagen als das, was ich bereits in meiner frühen Rezension beschrieb, einer der ersten auf meinem Blog (man ist selbst immer wieder erstaunt, wie man sich sowohl als Schreiber als auch Verkoster weiterentwickelt) – der Bulleit ist ein roggenlastiger Bourbon mit ordentlichen 45% Alkoholgehalt, der in seiner Süße zu überzeugen weiß.

Kommen wir daher direkt zu den Bieren. Das Nachreifen von Bier in Whiskyfässern konnte ich nun schon bei diversen Brauern nachvollziehen, ich finde, dass es Bier eine ganz besondere Note gibt, die ich persönlich sehr mag – wenn es gut gemacht ist. Für die vier hier präsentierten Biere ist noch zu erwähnen, dass es sich bei dreien um zusätzlich noch aromatisierte Biere handelt, beziehungsweise eins sogar ein Mischgetränk ist; ich stehe natürlicher Aromatisierung nicht negativ gegenüber, dazu gibt es zuviele uralte Rezepturen, die nur in der industriegetriebenen Vermarktung eines Pseudo-Reinheitsgebots verloren gegangen waren.

So ähnelt die Zutatenliste des Überquell Julebryg Barrel Aged beispielsweise einem Witbier, Weizenmalz, Koriandersamen und getrocknete Orangenschalen sind typisch für diesen Stil. Aromatisch muss das 2017 gebraute und dann auf unbestimmte Zeit fassgereifte Bier natürlich dann ganz anders als das leichte, frische Witbier sein – oder? Ich sage schonmal vorab: nicht wirklich.

Überquell Julebryg Barrel Aged

Selbst wenn man das Bier gegen Licht hält, fallen nur leichte Farbänderungen auf – das dunkle Braun ist fast blickdicht. Perlage ist nicht erkennbar, der grobblasige Schaum, der zu Beginn schon nur dünn ist, verschwindet schnell vollständig. In der Nase riecht man Zitrusfrucht, Limettenschale, aber auch direkt Whiskyfassnoten von Holz und Vanille. Etwas Banane vielleicht noch. Der Antrunk ist sehr unerwartet sauer, das hätte ich durchaus als Gose durchgehen lassen. Eine verrückte Mischung aus Gewürz-, Whisky-, Sauerbier- und Fruchtnoten durchtanzt den Mund. Die Säure dominiert bis zum sehr bitteren Schluss, wo im Abgang dann tatsächlich Sternanis auftaucht. Dieser und Muscovadozucker geben aber nicht wirklich eine weihnachtliche Note dazu („Julebryg“ ist eigentlich ein dänisches Weihnachtsbier), sondern mehr Würze, und die Hopfensorten East Kent Golding, Perle, Mosaic und Sorachi Ace sorgen für Fruchtpower. 8,0% Alkoholgehalt bringen festliche Feierlaune. Da ist viel Spannung und Unruhe in diesem Bier, die Fassreifung bringt nur etwas Tiefe und unterschwellige würzige Süße sowie Bourbonaromen im Nachhall dazu. Persönlich finde ich es sehr ungewöhnlich, ein Sauerbier fasszureifen – aber, wie man hier sieht, birgt selbst das viel Potenzial, auch wenn man Sauerbier sicher mögen muss, um das Julebryg Barrel Aged zu schätzen. Die Kombination aus sehr rezenter Frische mit frecher holziger Bittere gefällt zumindest mir mit jedem Schluck mehr.

Auch im BRLO Bulleit Barrel Aged Imperial Stout findet sich eine unerwartete Zutat: Rosinen. Das passt sicherlich zum dunklen, schweren Bier, das dazu noch drei Monate in Bourbonfässern ruhte. Mit 12% Alkoholgehalt ist es das stärkste der vier Biere hier, und sicherlich auch das dunkelste – es fehlt fast nichts zur totalen Schwärze, der feine, cremafarbene Schaumkranz am Glasrand hellt das ganze nur leicht auf, auch wegen der starken Öligkeit. BRLO Bulleit Barrel Aged Imperial Stout

Extrem feinperliges Mousseux, das man trotz der völligen Blickdichte erkennen kann, speist ihn eine ganze Weile lang. Im Unterschied zu einem ungereiften Imperial Stout finde ich hier deutliche Holz- und Vanillenoten, die Süße des Bourbon ist hier schon spürbar. Sahne, Latte Macchiato, milde Kaffeeröste, deutlich geröstetes Malz – ein sehr süßlich-runder Geruch. Auch das Mundgefühl sortiert sich so ein, das fühlt sich an wie ein Milchkaffee mit Doppelrahmstufe oben drauf. Sehr fett und breit. Knallige 80 IBU aus dem Herkules-Bitterhopfen sind für ein Imperial Stout nicht ungewöhnlich, machen sich aber erst im langen Abgang bemerkbar, der interessanterweise mit Wintergrünöl ziemlich blumig wird. Die Aromatik ist natürlich sehr dunkel, die Rosinen tun ihren Teil dazu, für Trockenfruchteindrücke zu sorgen, die die ansonsten dominierenden Röstnoten und Nussigkeit etwas auflockern. Ganz klar ist die Bourbonfassreifung erkennbar, sowohl die Holzigkeit als auch die typischen Bourbongeschmäcker meine ich zu erkennen. Den üppigen Alkoholgehalt spürt man tatsächlich, da ist viel Hauch im Abgang. Das ist ein Bier, das ich als Dessert empfehle, das Milchspeiseeis, Kaffee und Digestif in einem kombiniert. Sehr gelungen gerade in der Milde, die Kratzigkeit, die ich bei einigen anderen Imperial Stouts immer wieder finde, ist hier völlig abwesend.

Einen Schritt zurück, aber nur einen kleinen, machen wir mit dem nächsten Bier: Das Landgang Hop the Barrel Barley Wine weist immer noch 10,3% Alkoholgehalt auf. Landgang Hop the Barrel Barley Wine

Man sieht schon beim Einschenken, dass die Kategorie „Barley Wine“ ihren Namen zu recht trägt – da ist nach wenigen Sekunden jedwede Anwandlung von Schaumbildung direkt verschwunden, ein paar vorsichtig aufsteigende Luftbläschen sind das einzige, was die Flüssigkeit von Rotwein unterscheidet, denn auch die Farbe ist braunrot. Das Auslassen der Filtrierung sorgt für ein starkes Opalisieren. Halten wir die Nase ins Glas, so können wir gleich bei den Weinanalogien bleiben. Ich fühle mich an einen Barrique-Wein erinnert, milde Säure, leichte Zitrusfrucht, Mango und Banane. Viel Holz und Vanille. Im Mund erlebt man ein buntes Farbenspiel – leichte Rauchigkeit, viel Holz, dunkles Malz (es kommt auch Roggenmalz zum Einsatz, das gibt schmeckbaren Charakterunterschied). Eine traubige, mildsäuerliche Weinigkeit kombiniert sich mit schön blumigen Kopfnoten. Dazu viel reife Frucht. Vom Mundgefühl her fett, voll und tief zugleich – selbst die Rezenz wurde nicht vergessen. Der Abgang ist äußerst rund, dazu warm (hier spürt man den Alkoholgehalt, doch nicht unangenehm), mittellang und nur noch mildherb, Süße und Trockenheit wechseln sich ab. Ein toll im Fass ausgebautes Bier, das durch seine extreme Rundheit, Balance und herrliche Komplexität punkten kann.

Zu guter letzt kommen wir zu einer für Craftbierfanatiker schwierigen Kategorie, einem Biermischgetränk. Diese Kategorie hat im letzten Jahrzehnt so viel Mist gesehen, dass einem als Bierfreund schlecht werden kann, weil hier alles an Chemie und Kunst (im negativen Wortsinn) verklappt wurde, was das Labor zu bieten hatte. Das Superfreunde & The Dudes Beerzebulb IPA Infused with Bulleit Bourbon will ich eigentlich wirklich nicht in eine Schublade mit den Schöfferhofer Grapefruits und Desperados stecken, denn hier kommt kein künstliches Aroma, sondern echter Bourbon als Aromageber zum Einsatz.

Superfreunde & The Dudes Beerzebulb IPA Infused with Bulleit Bourbon

Nach dem Eingießen hat man eine schöne, gemischtblasige Schaumkrone, die nach einigen Minuten in sich zusammenfällt. Die Farbe ist gebrannte Siena, eine starke Trübung lässt nur wenige Lichtstrahlen durch die Flüssigkeit fallen. Geruchlich finde ich das Beerzebulb direkt spannend – diese seltsame Mischung aus Bourbon und hopfigem Bier spricht mich an. Bittere Hopfenfrucht, nicht allzu zitruslastig, in Kombination mit malzig-vanilliger Süße. Auch im Mund finde ich dieses Gegeneinanderspielen sehr attraktiv, die Eindrücke wechseln ständig zwischen holzig, süß, bitter und sauer, man weiß kaum, wo man hinschmecken soll – keine der Komponenten, Bier und Bourbon, überwältigt die andere, im Gegenteil, beide zeigen sich vorteilhaft. Obwohl breit und cremig im Mundgefühl bleibt es vom Eindruck dennoch ein IPA – die Bittere schlägt erst ganz am Ende des langen Abgangs zu, hinterlässt dazu eine starke Astringenz auf der Zungenspitze und viel trockene Holzigkeit. Das ist sicherlich nicht ein Biermischgetränk für jedermann, ich finde es charaktervoll und sehr interessant gemacht – das ist was, was ich gern öfter mal trinken würde; mit 7,5% Alkoholgehalt hat das mit Bourbon gemischte Beerzebulb IPA auch die ideale Kraft, mir als Cocktailersatz dienen zu können.


Das Fazit fällt gemischt aus. Ich finde die Idee richtig gut, ein Set anzubieten, das fassgereiftes Bier mit dem Whisky zusammenbringt, der vorher in dem Fass lag. Die Biere sind für mich alle sehr gut ausgeführt, denn ganz so einfach, wie es sich anhört, ist Fassreifung bei Bieren auch nicht – ich habe schon garstiges Zeug getrunken, das nach alten Socken und gammligem Schinken schmeckte. Um so erfreulicher, dass hier sehr unterschiedliche Bierstile zum Vergleich vorliegen, man kann hier wunderbar nachvollziehen, was der Whisky mit dem Bier macht. Dahingehend eine tolle Produktidee.

Als Tip, wer die einleitende Diskussion ernst nimmt und sich mit Bulleit nicht mehr anfreunden will – die Biere gibt es auch separat zu erwerben. Das wäre auch zum Schluss dann meine persönliche Empfehlung: Die Biere sind nämlich echt gut und es wert, probiert zu werden, und außerhalb des Sets nicht teurer als zusammen mit einem Bourbon, der zumindest mir unappetitlich geworden ist.

Städtebierpartnerschaft Homburg/Seattle – Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell

Im Saarland war es lange gang und gäbe, wenn ich den Aussagen meiner bierophilen Kollegen trauen darf, Bier in Literflaschen, sogenannten „Literbomben“ oder „Libos“, zu erwerben. Ich bin seit 10 Jahren im Saarland, habe diese spannende Phase der hiesigen Bierkultur verpasst, heutzutage geht es ja eher mehr hin zu immer kleineren Gebinden – die Drittelliter-Longneck-Flasche ist zusammen mit dem „Stubbi“ wahrscheinlich die heute beliebteste Konsumform von Bier im Saarland, wie überall in Deutschland. Persönlich mag ich derartige Gleichmacherei eigentlich nicht. Mit dem Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell lässt der saarländische Bierplatzhirsch die „gute alte Zeit“ der Literbombe wieder ein wenig aufleben, und öffnet sich gleichzeitig durch die Zusammenarbeit mit einer amerikanischen Craft Brewery auch der frechen modernen Bierkultur – eine schöne Spannung, die durch diesen scheinbaren Widerspruch entsteht.

Die große Bügelflasche trägt ein passendes, vielsagendes Etikett – der witzige, auf einem Bierfass balancierende Elefant schwenkt eine Collaboration-Brew-Fahne, der Hintergrund des Etiketts ist im traditionellen Karlsberg-Grün gehalten. Schön gestaltet, modern und gleichzeitig in die klassische Produktpalette passend; da war ein guter Marketeer am Werk. Nur 222 Flaschen dieses hellen Bockbiers mit 6,5% wurden abgefüllt, meine war die 15. davon, was handschriftlich auf dem Etikett eingetragen ist. Da die Haltbarkeit scheinbar durch Handabfüllung drastisch gesenkt wird, habe ich in bester Kollegialität meine Flasche in einem Büro-Bier-um-Vier-Termin mit einigen Kollegen geteilt, das beste, was einer Literflasche passieren kann – schließlich bin ich Biertrinker, nicht Biersammler.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell

Für einen guten Bock braucht man eine stabile Malzbasis, diese wurde hier mit Pilsener-, Münchener- und Wiener-Malz gelegt. Das äußert sich in der Farbe – das Wort „hell“ in der Stilbezeichnung „heller Bock“ ist dabei natürlich relativ zu sehen, da ist viel kupfernes, fast schon kristallklares Strahlen. Feiner, dünner Schaum bleibt nach dem Eingießen zurück (die Variante frisch vom Fass – siehe unten – konnte dabei natürlich viel mehr auftrumpfen). Die Nase ist sehr hopfenfruchtig: Die für den Stil auch erwartete leichte Hopfigkeit entstammt den schon gut bekannten Aromahopfen Chinook, Magnum, Hallertauer Mittelfrüh und dem zumindest mir absolut neuen Mount Hood-Hopfen, diese sorgen wahrscheinlich auch zum Teil für die fetten 51 IBU. Bittere ist entsprechend kräftig vorhanden, dazu kommt aber ein supercremiges, volles und breites Mundgefühl. Malz, Grapefruitschale, ein Hauch Frucht-Sießschmeer (das ist das saarländische Wort für Marmelade), milde Schokolade, da ist viel Geschmack da. Eine nahezu ideale Süß-Sauer-Balance, und eine tolle Rezenz führen zu einem langen, sehr bitter-trockenen Abgang mit langem Nachhall von bitterer Grapefruit und leichter Blumigkeit. Das läuft gefährlich gut den Rachen runter.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell Glas

Hat es mir geschmeckt? Nun, während der Release-Party, die Karlsberg in meiner Stammkneipe schmiss, der Schillers Pop Up Bar in Saarbrücken, habe ich mir 5 Gläschen davon gegönnt, frisch vom Fass. Untenstehend ein paar Eindrücke, nett insbesonders der geschnitzte „Big Time“-Zapfhahn aus Holz. Ich danke auch für die Möglichkeit, einen Schnappschuss eines 30-Liter-Plastikfasses machen zu können, von denen mehrere an diesem Abend geleert wurden. Tatsächlich kamen hier viele Elemente zusammen, die mir das Bock to Hell etwas ans Herz wachsen ließen, in der kurzen Zeit, in der es verfügbar war (inzwischen ist es natürlich schon lange vergriffen) – ein heißer, sonniger Spätnachmittag, nette Unterhaltung mit Bierfreunden, die ich schon aus anderen Biertastings der Saarbrücker Beer Society kannte, Bier frisch vom Fass, gut gekühlt, und die fast genauso coolen Jungs vom Schillers; da kann ein Bier ja gar nicht nicht schmecken.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell Fassprobe

Ja, es hat mir aber auch unabhängig von den äußeren Einflüssen geschmeckt, und ich finde es schön, dass sich Karlsberg auch dem aktuellen Trend zu Collaboration Brews anschließt und so den in den letzten Jahrzehnten vielleicht etwas eng gewordenen saarländischen Bierhorizont erweitert. Ich hoffe, dass Karlsberg das nicht nur als einmalige Werbeaktion sieht, sondern sich derartigen Ideen offen hält, und wir in Zukunft weitere Produkte dieser Art sehen werden – und dann eventuell sogar so, dass mehr als nur eine Handvoll Bierfreunde davon profitiert.

Offenlegung: Ich danke Karlsberg für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche des Bock to Hell. Und Christian vom Schillers, der die Bereitstellung selbstlos in die Wege geleitet und mich mit dem Fläschchen überrascht hat.

Frisch vom Fässje – Bruch’s Barrique Bock

Die Brauerei G.A. Bruch in Saarbrücken ist das zweitälteste Unternehmen des Saarlands, und eine der leider an einer Hand abzählbaren Traditionsbrauereien, die es heute noch in meinem Bundesland gibt. Ihr Zwickel ist für mich das perfekte alltagstaugliche Sommerbier, von dem ich im Jahr so einige Liter gern trinke, und ihr zweimal im Jahr gebrautes Bockbier ist ein Traum. Am neulich stattfindenden Tag der offenen Tür gab es allerdings eine andere Spezialität zu erwerben, die mir sofort ins Auge sprang und der ich dann nicht widerstehen konnte – Bruch’s Barrique Bock. Dazu wurde ein Bockbier ein Jahr in einem Ex-Whisky-Fass gelagert, und danach limitiert auf 450 Flaschen abgefüllt. Schon die Flasche hat mir sehr gefallen – eine ungewöhnliche Form, ohne Etikett, dafür mit einem schön und einfach gestalteten Pappumhänger mit einigen Informationen. Das ganze wirkt optisch auf Anhieb sowohl elegant als auch bodenständig; was taugt das Bier im Glas?

Bruch's Barrique Bock Flasche

Dunkelbraun und so gut wie blickdicht, selbst wenn man es gegen das Licht hält. Leichte Perlage, kein Schaum – schon beim Eingießen verfliegt er direkt. Für ein fassgereiftes Bier keine Überraschung. Etwas überraschend sind dafür aber die so extrem eindeutigen, stark dominierenden Whiskynoten in der Nase – da ist viel Vanille, Bourbon-Aromen, Holz. Zimt und milde Fruchtnoten nach Rosinen und Pflaumen. Eine dezente feuchter-Keller-Note.

Auch im Antrunk ist Whisky sehr präsent, tatsächlich dauert es eine Weile, bis andere Aromen dagegen ankommen – dann finden sich Rosinen, Mango, Orangen, Lakritze. Eine sehr attraktive Erdigkeit und tiefdunkle Töne werden durch hopfige Frische und eine gut erhalten gebliebene Karbonisierung ausgeglichen. Ausgesprochen schöne Balance zwischen dunkelkaramelliger Süße, malziger Würze (ich fühle mich etwas an Schweizer Kräuterzucker erinnert) und frischer Säure sorgen für ein wirlich rundes Mundgefühl. Die knackige Rezenz macht das ganze sogar noch süffig.

Bruch's Barrique Bock Glas

Im wirklich sehr langen Abgang mildrauchig, tatsächlich auch etwas torfig, erdig und sehr malzig. Im ebenso sehr langen Nachhall taucht die starke Frucht des Bockbiers dann auf, vorsichtige Astringenzeffekte und eine leichte Säure bleiben am Gaumen. 11,1% Alkoholgehalt sind eine Hausnummer, selbst für ein Bockbier, und auch wenn man sie nie schmeckt, so spürt man sie nach dem Drittelliter einer Flasche schon.

Selten habe ich ein fassgereiftes Bier getrunken, das so vom Fass beherrscht wird – das Bier selbst ist kaum noch zu erkennen. Dennoch sage ich mit voller Überzeugung, dass dies das mit Abstand spannendste und am besten komponierte Whiskybier ist, das ich je im Glas hatte.

Bruch's Barrique Bock Eichenfass

Beim Kauf dieses Biers hatte ich gleichzeitig noch die Gelegenheit, eine Brauereiführung mitzumachen. Ein kleines Detail fiel mir dabei direkt ins Auge – das Eichenholzfass, das für den Barrique Bock benutzt wurde. Offensichtlich ein frisches Fass, stark getoastet, das vorher 3 Jahre mit einem hauseigenen Whisky belegt war.

Tolle handwerkliche Arbeit eines lokalen mittelständischen Brauers, der Tradition und Innovation verbindet, ohne einerseits müde und träge oder andererseits hipsterig zu werden. Ich hoffe ernsthaft auf eine Neuauflage im nächsten Jahr, denn das für diese Auflage geleerte Fass wurde direkt nochmal neu mit Bockbier belegt – dann werde ich mir mehr als nur 3 Flaschen organisieren.

Kurz und bündig – Smokecraft Edelholzvodka

Naja, ein Wodka halt, was kann das schon sein. Erste Vorurteile dieser Art, die selbst in vielen Spirituosenkennern bis heute vorhanden sind, haben die kleinen, frechen, modernen Wodkahersteller bereits wiederlegen können, deren Destillate keineswegs aromatisch neutral sind, sondern wuchtige Eindrücke des verwendeten Basismaterials aufweisen. Beim Smokecraft Edelholzvodka geht man einen anderen Weg – nicht das Basismaterial soll den Geschmack bringen, sondern eine Aromatisierung. Da Vanille-, Zitrone- und Kaugummiwodka bereits existieren, und man statt auf künstliche auf natürliche Aromen setzen will, hat der Hersteller sich für einen innovativen, sehr ungewöhnlichen Weg entschieden.

Smokecraft Edelholzvodka

Die Farbe ist strohig, und da ohne Fasslagerung oder andere Reifung gearbeitet wird, und auch keine Färbemittel eingesetzt werden, entsteht die Farbe allein durch das auf dem Rückenetikett erwähnte „Curacionsverfahren“ – spannend dabei ist, dass das Glas der Flasche durch Kaltrauch aromatisiert wird, und die dann darin enthaltenen ätherischen Öle des Holzes an den später eingefüllten Sommerweizenwodka abgegeben werden.

Riechen wir mal dran. Zunächst denkt man an Lagerfeuer. Sehr rauchig, mit der für manches Feuer bekannten stechenden Note, dabei aber positiv belegt, nie wie der kalte Zigarettenrauch in einer Kneipe. Leicht speckig und harzig. Frisch geschnittenes, noch grünes, harziges, aufs Feuer geworfenes Tannenholz. Kohle. Wie oft bei sehr rauchigen Spirituosen entsteht aus der Rauchigkeit ein deutlicher Fruchteindruck. Geschmacklich beginnt der Smokecraft sehr cremig und süß im initialen Antrunk, dann wechselt es aber schnell zu trockener Würze. Leichte Vanille, sehr dezente Frucht. Bittere taucht auf. 40 % Alkoholgehalt bleiben durchweg unspürbar. Der Abgang ist kurz, sehr trocken, mild bitter, sehr würzig, holzig und dabei feurig, ohne alkoholisch zu wirken. Der rauchige Nachhall ist dafür sehr lang und bleibt ausgesprochen lange am Gaumen.

Ich bin selbst davon überrascht, wie sehr ich diese Spirituose mag. Ich zögere, sie durchgängig als Wodka zu bezeichnen, dazu ist der Lagerfeuercharakter zu beherrschend. Es erinnert oberflächlich an stark rauchigen Mezcal oder Scotch, allerdings ohne deren aromatische Tiefe zu erreichen. Ganz sicher aber dennoch spannend und gut gemacht.

Wie man auf dem Foto sieht, habe ich zur Abwechslung mal nicht in meiner stillen Kemenate zu Kerzenlicht verkostet, sondern an einem schönen Sonntag in meiner Lieblingsbar, der Schillers Pop Up Bar in Saarbrücken. Danke, Michael, für die Umgebung! Dazu gab es einen Smoky Lemon Highball, der zeigt, dass der Smokecraft, einfach auf Eis aufgegossen mit Thomas Henry Bitter Lemon, einem rauchigen Mezcal oder Scotch bezüglich Raucharomen in nichts nachsteht und eine ungewöhnliche, spannende Mixspirituose darstellt.

Kriecherlschnaps – Scheibel Premium Altes Pflümle

Wegen all dem internationalen Zeugs, das ich so probiere, das aus der Karibik, aus Mexiko, Japan, China oder Chile kommt, wirkt etwas so Urdeutsches wie ein Obstbrand fast schon exotisch auf meinem Blog. Ich bin mir jedoch sicher, dass jeder Leser hier etwas Erfahrung mit Obstwässerchen hat, etwas, was man sicher nicht über jede Spirituose sagen kann. Ein spannender Aspekt der Obstbrandkultur hierzulande: Viele der aktuell entstehenden deutschen Rums werden von Obstbrennern hergestellt, auf den vorhandenen Brennanlagen – dadurch entsteht ein ganz eigener Charakter der deutschen Rums; man sieht daran, wie tief diese Verwertung von allerlei Obstsorten in Deutschland verwurzelt ist.

Doch es gibt auch in dieser Kategorie allerlei verschiedene Ausprägungen, die man als aufgeklärter Konsument unterscheiden können sollte. Heute schauen wir uns den Scheibel Premium Altes Pflümle an. Man sieht auf dem Etikett das Wort „Spirituose“ – das liegt daran, dass das Pflaumendestillat nach der doppelten Destillation noch mit Pflaumenextrakt nachgewürzt wird und daher diese allgemeine Verkehrsbezeichnung wählen muss (dazu am Ende noch ein paar Worte). Doch eins nach dem anderen, gießen wir uns erstmal ein Gläschen ein.

Scheibel Premium Altes Pflümle

Im Glas zeigt sich deutlich das blasse Gold, das in der Destillation eingesetzt wurde. Nein, das ist natürlich ein Scherz, ich persönlich halte derartige Gimmicks für Marketing, ähnlich wie das bei der Platin-Filtrierung ist, die ich vor Ort bei einem bulgarischen Wodka-Hersteller begutachten konnte. Aber jedem das Seine. Trotzdem gefällt die Farbe, die dann wohl aus dem Fruchtauszug stammt, der dem Destillat beigesetzt wird. Sehr leicht bewegt sich die Flüssigkeit im Glas.

Die Fruchtaromen entwickeln sich jedenfalls großartig, eine schwere, dicke, fruchtige Süße entströmt dem Verkostungsglas. Pflaume dominiert, ich erkenne Nebenaromen von Apfel und Birne. Ein Traum für die Nase, das ist etwas, woran ich ausgesprochen gern sehr viel Zeit verbringe, bevor ich einen ersten Schluck nehme.

Hoppla, ist das nicht ein Likör? Das ist der Gedanke, der einem in den Kopf springt, wenn man das Alte Pflümle dann doch probiert. Supersüß, sehr rund und weich, ein wirklich genehmer Antrunk. Kandiszucker, Ahornsirup, Malz. Die Fruchtaromen zögern keine Sekunde und springen nach vorn. Im Verlauf kommt eine sehr feine Würze auf, die sich mit einer sich bildenden, aber sehr dezenten Trockenheit zum Ende hin steigert. 43%? Perfekt gewählt, der Alkoholgehalt sorgt für Wumms und Power, um die Süße auszugleichen.

Scheibel Altes Pflümle Glas

Der Abgang ist feurig, sehr lang, fruchtig und wuchtig mit tollem, extrem langen Pflaumennachhall, etwas Vollmilchschokolade und Fruchtmarmelade komplettieren diesen Eindruck, der von einem erkennbaren, aber nicht unangenehmen alkoholischen Hauch abgeschlossen wird.

Diese Art von Obstbrand muss einfach jeden überzeugen. Die sehr ausgeprägte Süße könnte Freunde von trockenem Schnaps zu Beginn abschrecken, doch der Abgang wird auch diese dazu bringen, mehr zu wollen.

Normalerweise kommt Slivovitz in den Moravian Cocktail. Ich ersetze hier den meist eher süßherben tschechischen Brand durch das Alte Pflümle, und bekomme dadurch eine Zucker- und Aromabombe, die mit Vorsicht zu genießen ist – da hat man was im Mund, was Freunde trockener Klassiker ins Diabeteskoma versetzen wird. Hin und wieder brauch ich sowas aber, und wer einen Ersatz für ein Dessert sucht, ist hier bestens aufgehoben.

Moravian Cocktail


Moravian Cocktail
¾ oz Pflaumenbrand
¾ oz Becherovka
1½ oz süßer Wermut
Auf Eis rühren.
[Rezept nach der Be Bop Bar in Prag]


Letztlich hätte ich schon gern etwas mehr Deutlichkeit darüber, was diese „Spirituose“ ist – als solche ist das Alte Pflümle, wie eingangs erwähnt, deklariert. Der zugefügte Fruchtextrakt sorgt dafür, dass es nicht als Obst- oder Pflaumenbrand, und auch nicht als „Pflaume“ (gemäß EU 2008/11 Anhang II 9.f) bezeichnet werden darf – die Spielerei „Altes Pflümle“ ist wahrscheinlich deswegen gewählt, um letzterem etwas nahe zu kommen. Wobei das „alt“ im Namen wieder verwundert, denn man erfährt nichts darüber, ob damit eine (undeklarierte) Reifung der Spirituose gemeint ist, oder eine Anspielung auf die alte Pflaumensorte Haferpflaume, die verwendet wird, sein soll, oder Bezug nimmt auf die bei Scheibel scheinbar vorhandene Destillieranlage „Alte Zeit“. Vielleicht eine Mischung aus allem.

Das sind aber Kleinigkeiten, über die sich ein Spirituosenregelfetischist wie ich sich Gedanken macht, und die dem Genießer nicht im Weg stehen sollten, diesen schönen, fetten, süßschweren Pflaumenschnaps auszuprobieren.

Kurz und bündig – Maisel & Friends Hoppy Hell

Ein Sessionlager mit 5,3% Alkoholgehalt – na, da freut sich das Herz des Kategorisierers. Normalerweise denkt man bei Sessionbieren ja doch irgendwie eher an alkoholreduzierte Produkte – das Maisel & Friends Hoppy Hell fällt dann doch raus aus diesem Kriterium, und, wie ich als lernbegieriger Bierfreund nachlesen konnte, ist das bei modernen Sessionbieren auch gar nicht so ungewöhnlich. Die Frage nach dem grundsätzlichen Sinn dieser Kategorie stellt sich mir letztlich zwar dann schon noch, sie hat eigentlich kein echtes handfestes Definitionskriterium mehr, doch ich gieße mir während dieser Session an Überlegungen einfach mal dieses hopfengestopfte Helle ins Glas, das wird die trüben Gedanken hoffentlich vertreiben.

Maisel & Friends Hoppy Hell

Sehr hell und farblich leicht an Apfelsaft erinnernd, eine minimale Trübung. Wenig erkennbare Perlage, nach dem Eingießen ist auch kaum Schaum da, und sogar das Wenige baut sich praktisch sofort ab. Die Hopfenstopfung ist in der Nase sofort erkennbar, und unterscheidet das Hoppy Hell vom ersten Schnuppern an direkt von einem klassischen Hellen. Fruchtig nach Grapefruit und Limette, etwas Mango.

Süßlich im Antrunk, doch das ändert sich sehr schnell – die Süße wird ersetzt durch starke Säure, kräftige, aber nicht überhand nehmende Bittere. Dabei bleibt das Bier stiltypisch klar und definiert, leicht und obertönig. Gegen Ende kommt eine schöne Würze dazu, die von etwas Malzigkeit getragen wird. Eine wirklich gelungene Rezenz entsteht aus der starken Säure und milden Bittere (25 IBU), und, obwohl man es optisch nicht wahrnimmt, der gut gewählten Karbonisierung.

Der Abgang ist sehr kurz, hier dominieren dann die Hopfenaromen völlig das Gesamtbild, und sorgen dabei noch für starke Betäubungseffekte auf der Zunge – hui, das spürt man im Mund, das Hoppy Hell. Ein wirklich toll erfrischendes Bier, Lager mal anders – mildes Lager, hochgepowert mit richtig fettem Aromahopfen, ohne den Lagercharakter aufzugeben.

Ja, ich gebe es zu, ich mag den Stil der Maisel & Friends-Biere. Man spürt bei ihnen einfach, dass ein gesundes Maß an Kreativität und Tradition zusammenkommen, und nicht eines das andere völlig überwiegt – hier werden sehr trinkbare Biere hergestellt, nicht überdreht und überinterpretiert oder hipsterig, aber auch nicht langweilig. Ich freue mich immer über neue Ideen aus dem Hause Maisel & Friends.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kostenlose Zusendung einer Flasche des Hoppy Hell.

Kurz und bündig – Metallica & Stone Brewing Enter Night Pilsner

Ich musste laut lachen, als ich die Box, die neulich bei mir in der Post landete, öffnete. Eine Kiste mit Bier, das ist schonmal schön, wenn dann dazu noch beim Öffnen „Enter Sandman“ von Metallica zu laufen beginnt, dann ist das schon ein Knüller. Das Prinzip kennt man ja von sprechenden Grußkarten, aber hier wirkt es echt doppelt. Was gäbe es besseres, als die Zusammenarbeit zwischen der Band Metallica und Stone Brewing zu präsentieren, als die Musik der Gruppe? Das Metallica & Stone Brewing Enter Night Pilsner kommt also mit großem Spaßvorschuss an. Weg vom schwarz-roten, düsteren Design, hin zum Bier im Glas – der Kontrast könnte kaum größer sein.

Metallica & Stone Brewing Enter Night Pilsener Promobox

Strahlendes Sonnenblumengelb, eine minimalste Opalisierung ist erkennbar, wenn das Bier frisch, wie vom Etikett empfohlen, aus der Kühlung kommt – wird es etwas wärmer, zeigt sich dagegen kristallene Klarheit. Mittlere, sichtbare Perlage, dünner, gemischtblasiger Schaum. Optisch wirklich ein Hingucker – man könnte meinen, das Bier leuchtet von sich aus. In der Nase zunächst etwas Hefe, gefolgt von zurückhaltenden Zitrusnoten – das Enter Night Pilsener wurde mit Emerald (soll das Smaragd sein?), Sterling und Mandarina Bavaria gehopft. Für ein Pils leicht malzig. Ein hintergründiger Geruch nach Pizzateig.

Metallica & Stone Brewing Enter Night Pilsener

Geschmacklich zunächst mild, feinherb, dabei aber weich im Antrunk. Im Verlauf baut sich die Bittere auf, bis sie im Abgang ihren Höhepunkt bei 45 deftigen IBUs erreicht – dort wird das Bier sehr trocken, kantig, verrückterweise aber gleichzeitig mit einer mir persönlich dabei zu pappig werdenden Süße, die dann auch die eigentlich durch die hohe Karbonisierung und eine milde Säure vorhandene Rezenz runterzieht. Aromatisch bleibt es dem Bierstil treu, ist nicht überfrachtet mit Aromen, sondern bleibt klar, frisch, helltönig und vergleichsweise streng. 5,7% Alkoholgehalt sind nicht unerwartet für ein Pils. Der Abgang ist kurz, bis auf einen Anflug von Blumigkeit aromatisch unauffällig, und herb.

Man mag es positiv sehen, dass man zumindest meint, den oft etwas brachialen Stone-Stil wiederzuerkennen, doch insgesamt enttäuscht mich das Enter Night Pilsener, als eines der ersten Stone-Biere seit langem. Da ist außer der knackigen Bittere kaum etwas, was ich besonders erwähnenswert finde, und die tolle Optik allein kann es halt nicht reißen. Ich sage allerdings direkt dazu, dass ich kein großer Pilsfreund bin – und auch von Metallica eigentlich nur 2 oder 3 Lieder mag. Ich gehöre damit zu keiner der Teilzielgruppen dieses Biers; wer Metallica liebt, und auch noch gern Pils trinkt, findet hier vielleicht eine schöne Kombination seiner Vorlieben.

Offenlegung: Ich danke Stone Brewing für die Zusendung dieser witzigen Promobox mit 3 Dosen des Biers.

Kurz und bündig – Maisel & Friends Alkoholfreies Pale Ale

Als ich neulich einen Artikel über alkohol- und zuckerfreie Cocktails schrieb, wurde mir eins deutlich gemacht – man sollte derartige Getränke nicht als Ersatz für das sehen, was wir landläufig als „normale“ Cocktails betrachten. Es ist eine eigenständige Kategorie, mit anderen Bedingungen, Zutaten, Zielgruppen und Absichten. Ähnlich betrachte ich auch alkoholfreie Biere. Auch wenn Brauer Maisel & Friends sein Alkoholfreies Pale Ale natürlicherweise noch als einen Bierersatz betrachtet und bewirbt, will ich meine Meinung direkt klarstellen – bisher habe ich noch kein alkoholfreies Bier getrunken, das auch nur annähernd einem alkoholhaltigen Bier nahekommt. Vielleicht lohnt es sich, einfach mal den „Ersatz“-Gedanken über Bord zu werfen und so ein Produkt als das zu betrachten, was es ist, und nicht als das, was es nicht ist (und auch in mittelfristiger Zukunft nicht sein kann). Tun wirs doch einfach!

Maisel & Friends Alkoholfreies Pale Ale

Ganz lösen kann man sich letztlich nicht – es sieht aus wie ein Bier. Naturtrüb, blickdicht,  orange-milchig. Man sieht starke Perlage, die gemischtblasigen Schaum lange am Leben erhält. Tatsächlich kommt es auch in der Nase wie ein klassisches Pale Ale an, ohne Abstriche. Grapefruit, Orange, Limette. Recht helltönig, leichte Malznoten.

Im Mund findet dann der Wechsel zu einer anderen Getränkekategorie statt. Sehr kräuterig und gemüsig im Antrunk, die Hopfennoten sind zwar da, wirken aber nicht so knackig und prägnant wie bei einem alkoholhaltigen Pale Ale. Rosmarin und Spargel, und eine recht harzige Komponente. Nur sehr wenig Körper. Gute Säure, und in Kombination mit der hohen Karbonisierung rezent und erfrischend. Der Abgang ist bitter, 34 IBU sind hier klar erkennbar, kurz, hinterlässt deutliche Anästhesieeffekte auf der Zunge. Etwas Fruchtkaugummi klingt nach.

Wenn man den Gedanken an Bier einfach mal ausblendet, dann kann man das wunderbar trinken, als abwechslungsreicher Durstlöscher. Das Alkoholfreie Pale Ale von Maisel & Friends ist sicher etwas, was gerade im Sommer oft als Alternative zu Cola, Fanta und Sprudel in meinem Glas landen wird. Das wunderhübsche hellblaue Etikett mit den Vögeln, die sich aus einer Hopfendolde lösen, sorgt jedenfalls darüber hinaus für gute Laune.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die Zusendung einer Flasche des Alkoholfreien Pale Ales.

Grünzeugs von der Saar – SaarWhisky Absinthe Absense, Herr der Frösche, Fürst von Absinth, Fragment und Weisser Kristall

Gin – das ist die Antwort auf die Frage, was kleinere Hersteller, oder solche, die erste Gehversuche im Spirituosenbusiness machen, auf den Markt werfen. Meist solcher, der kaum noch als Gin zu erkennen ist, weil er „neu“ und „innovativ“ ist und daher nicht mehr nach Wacholder schmecken muss (meint so mancher).  Ich bin begeistert, wenn sich ein lokaler, kleiner Abfüller etwas anderes aussucht, um neue Kundschaft zu gewinnen – und wenn es dann auch noch etwas eher seltenes ist, wie Absinth, um so mehr.

SaarWhisky hat sich schon durchaus einen Namen gemacht mit ihren Abfüllungen schottischen Whiskys – eine hohe Bewertung von Jim Murray in einer Kategorie seiner Whisky Bible sorgte auf Aufmerksamkeit. Mit Punktewertungen kann man mich kaum ködern, mit einer Serie von hausgemachten, selbst in kleinen Anlagen destillierten und von Hand teils mehrfach mazerierten Absinths aber schon. Ich habe mir die dankenswerter Weise auch in Miniaturen verfügbaren Produkte besorgt, und will sie hier vorstellen. Fürst von Absinth, Absense und Herr der Frösche sind Interpretationen des klassischen „grünen“ Absinths, darüber hinaus gibt es mit dem Weisser Kristall einen weißen Absinth, und der Fragment ist ein Rouge. Da steht viel Spaß ins Haus! Mein grundsätzliches Vorgehen bei Absinth, den ich insbesondere bei der hohen Abfüllstärke der SaarWhisky-Absinths nicht pur verkoste: Geruchsprobe erst ohne Wasserzugabe, dann mit und schließlich die Verkostung nur mit Wasser.

SaarWhisky Absinthe Absense, Herr der Frösche, Fürst von Absinth, Fragment und Weisser Kristall

Wir fangen einfach mal mit dem Fürst von Absinth an. Die Hintergrundgeschichte ist abenteuerlich – nach seinem Tod 1786 wurde Wilhelm Heinrich Fürst von Saarbrücken- Nassau mit einer Reihe von Kräutern einbalsamiert. Diese finden sich alle in diesem Absinth wieder. Erinnert mich etwas an Admiral Nelson, der in Rum eingelegt wurde. Man mag das alles mehr oder weniger appetitlich finden, die Farbe ist jedenfalls sehr hübsch – ein leichtes, dezentes strohiges Grün. Wie bei allen SaarWhisky-Absinths wird nicht gefärbt, die Farbe ist natürlich durch ein zweites Mazerationsverfahren entstanden. Ein dicker Beinteppich entsteht beim Schwenken im Glas. Nach Wasserzugabe entsteht sofort ein blickdichter, starker, immer noch leicht grünlicher Louche.

Pur riecht der Fürst von Absinth noch sehr süßlich, mit vielen Fenchel- und Anisnoten. Nicht lakritzig-aggressiv wie manch anderer französischer Absinth. Würzig, kräuterig, auch fruchtig mit Erinnerung an Orangenschale. Mit Wasser wird er herber, mineralischer, die Frucht ist vollständig verschwunden und durch Kalk und Algen ersetzt. Salbei und Kamille kommen nach vorn.

SaarWhisky Fürst von Absinth

Im Antrunk dominiert zunächst die Süße, eine milde Kräuternote beginnt aber direkt, sich zu entwickeln. Kamille, Koriander und Salbei meine ich aus der Liste der Botanicals tatsächlich herauszuschmecken. Im Verlauf ensteht eine pikante Bitterkeit, Süßholz und Anis beginnen, sich Raum zu verschaffen. Dank 68,3% Alkoholgehalt bleiben genug Aromen auch nach Verdünnung. Der Abgang ist mittellang, sehr blumig und leicht, ein bisschen salzig. Ein wenig Gewächshausgeruch hängt nach, milde Betäubungseffekte auf Zunge und Gaumen bleiben. Eure Hoheit, Ihr wisst zu überzeugen. Ein delikater, aber auch eleganter Absinth, der mir vor allem wegen der äußerst hübschen Blumigkeit im Abgang und Nachhall sehr gefällt.

Für die Cocktails, die ich für die Absinthes ausgewählt habe, achtete ich besonders darauf, dass es nicht nur Rezepturen sind, in denen Absinthe nur als Glasaromatisierer dient, wie beim Sazerac und ähnlichen. Im Petanque ist der Absinthe schon deutlich mehr als nur eine Note; bei einer Zutat, die sonst so aromatisch brutal daherkommt, ist es dann aber auch schwierig, etwas zu finden, das dagegen ankommt – die Eleganz des Fürst von Absinth kombiniert sich hier allerdings wunderbar mit der Nussigkeit des Sherry und des Amaretto.

Petanque


Petanque
2½ oz Amontillado Sherry
1 oz Amaretto
2 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis rühren.
½ Teelöffel Absinthe als Float

[Rezept adaptiert nach Andrew Bohrer]


Der Fürst hat gesprochen, wir bewegen uns zum nächsten Absinth von SaarWhisky, dem Absense. Das Etikett verspricht eine tiefgrüne Farbe, nun, das ist Ansichtssache, für mich wirkt es eher gelbgrün mit fast schon weißen Reflexen. Das ist keine Kritik, ich schätze natürliche Farben, bei manchen Pseudoabsinthen findet man derart giftige Grüns, die rein künstlich enstehen, da danke ich den Herstellern für die Ehrlichkeit. Der Louche ist blickdicht, gelblich-grünlich-milchig.

Ich rieche Anis, Grapefruit, und sehr stark Melisse und Kamille. Bei tiefem Schnuppern ahnt man die 68,8% Alkoholgehalt schon, aber ohne Zwicken. 13 Kräuter werden hier mazeriert, das ergibt ein schönes, rundes Bouquet. Auch hier, wie schon beim Vorgänger, wird durch Wasserzusatz die kräuterige Note stärker, Fenchel und Algen beginnen zu dominieren.

SaarWhisky Absense Absinth

Süß und cremig im Mundgefühl, aber kräuterig im Geschmack. Ich erkenne eine starke Karottigkeit, kombiniert mit einer milden Sellerienote. Insgesamt gemüsig. Eine leichte Pfeffrigkeit lässt die Zunge kitzeln. Bittere löst die Süße erkennbar ab, mildsalzig und sehr umami. Der Abgang ist kalt, mit viel Eukalyptushauch. Etwas Lakritz hängt lange nach. Klare Anästhesieeffekte auf der Zungenfläche bleiben noch länger. Am Ende ensteht eine milchschokoladige Note. Der Absense ist sehr klassisch im Geschmack, nach meiner Ansicht recht wuchtig, ohne dabei aber allzu streng zu werden.

Ein Zitat aus der Herstellerbeschreibung sagt, dieser Absinth bringe „eine Geschmacksintensität hervor, die Sie in den Bann märchenhafter Traumlandschaften zieht“. Na, Märchen kenn ich. Und was kommt in Märchen vor? Feen. So schließt sich der zugegebenermaßen etwas bemühte Kreis zum Cocktail. Der Green Fairy ist praktisch ein Absinthe Sour, das klingt nicht ganz so mythisch, schmeckt aber trotzdem legendär.

Green Fairy


Green Fairy
1 oz Absinthe
1 oz kaltes Wasser
1 oz Zitronensaft
¾ oz Zuckersirup
1 Spritzer Angostura
Eiweiß
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Dick Bradsell]


Bleiben wir im Märchenland – wechseln wir aber von der Fee zu einem anderen etwas weniger hübschen Fabeltier. Herr der Frösche – ja, das ist ein zur Farbe passender Titel. Grünbraun, verwechselbar erinnernd an Olivenöl. Auch hier ungefiltert und ohne künstliche Färbung. Im Glas bewegt sich der Frosch sehr ölig und schwer, und hinterlässt mehr einen Vorhang denn Beine. Der Louche ist leicht milchig, immer noch deutlich grün mit Tendenz zu Gold und halbtransparent.

SaarWhisky Herr der Frösche Absinth

Die Geruchsprobe vor der Wasserzugabe offeriert Fenchel und leichte Zitrusnoten, etwas Gummi. Ein Hauch von Rosenblättern. Mit Wasser wird es mineralischer, erdig und holzig, mit Erinnerung von Gewächshausgerüchen. Sehr typisch. Vom Geschmack her wird es nicht schlechter – milder Fenchel, grünes Gras, Apfel, Karotten. Feinherb und nur leicht salzig. Sehr frisch, hell und mit zurückhaltenden Zitrusgeschmäckern. Dadurch wirkt der Herr der Frösche elegant und fein, so gar nicht froschig. Im Gegenteil, er liegt vielschichtig im Mund. Cremig und ohne Kanten. 68,3% Alkoholgehalt kümmern sich darum, dass der Herr der Frösche auch mit Wasser noch genug Sprungkraft hat. Der Abgang ist sehr minzig, frisch und leicht. Mittellang, astringierend und mit langanhaltendem Betäubungseffekt auf der Zunge.

Viele Cocktails, die einen großen Absinth-Anteil haben, nutzen auch Wasser als Zutat. Dies soll wahrscheinlich genau den Effekt auf die Aromen haben, den man auch beim Purgenuss mit Wasser wünscht – im Triple A zeigt sich dies wunderbar. Die Kombination mit Apfel und Mandel ist aber auch so schon interessant.

Triple A


Triple A
1 oz Absinthe
1 oz kaltes Wasser
1 oz Apfelsaft
½ oz Orgeat
¼ oz Limettensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Dick Bradsell]


Nach dem dunkelgrünen Froschherrn folgt nun eine kontrastierende Besonderheit: Ein weißer Absinth. Sieht man nicht allzu häufig, und ist allein daher schonmal spannend. Der Weisse Kristall scheint auch zunächst völlig klar zu sein, doch wenn man das Glas gegen das Licht hält, bilde ich mir ein, einen leichten grünen Schimmer erkennen zu können. Täusche ich mich da? Ich bin verwirrt, aber nur weil er ungefiltert und ohne Farbzusätze ist, heißt das ja nicht, dass die Kräuter nicht eine gewisse Farbe mit sich bringen. Die leichte Öligkeit dagegen ist keine Einbildung.

SaarWhisky Weisser Kristall Absinth

Nach der Wasserzugabe entsteht ein dichter und bleichweißer Louche, ganz ohne dazufantasierten Grünton. Ich rieche sehr deutlich Kamille, dahinter Melisse, gefolgt von etwas milde Minze. Das passt mit der Angabe der verwendeten Zutaten – es wird noch Ysop aufgeführt, das ich allerdings nicht kenne und daher nicht beurteilen kann. Mit Wasser kommt plötzlich eine Anisnote dazu, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte. Geschmacklich ist der Weisse Kristall salzig, sehr grasig, mit einer überraschend deutlichen Karottenkomponente. Insgesamt wirkt der Absinth sehr gemüsig, das ist ungewohnt, aber gar nicht schlecht. Die hohe Stärke von 68,3% erfordert eine deutliche Wasserzugabe, doch auch danach bleibt viel weißer Pfeffer und kaltes Feuer im Glas. Der Nachhall ist lang, sehr bitter, trocken, mit viel Eukalyptus und Minze.

Den Weissen Kristall habe ich im Yellow Parrot eingesetzt – die starke Süße der restlichen Zutaten kombinieren sich wunderbar mit der milden Kamillenote und der minzigen Kraft dieses Absinths. Im Gegensatz zu vielen Absinthen ist hier, obwohl ein schöner Anteil drin ist, nicht nur noch der Absinth zu schmecken, sondern ein rundes Gesamtbild entsteht.

Yellow Parrot


Yellow Parrot
1 oz Chartreuse Jaune
1 oz Apricot Brandy
½ oz kaltes Wasser
¼ oz weißer Absinthe
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Harry Craddock]


Auch der nächste und letzte Absinth hat eine ungewohnte Farbe. Der Fragment ist ein Rouge. Man bewegt sich hier weg vom allgegenwärtigen Absinthgrün – die Färbung hier geschieht nicht durch künstliche Farbstoffe, sondern durch die Mitmazeration von roten Beeren. Farblich würde ich ihn entsprechend auch zwischen einem Tawny Port und einem gereiften Weinbrand einordnen – da ist eine leichte rötliche Note, und hellorangene Reflexe, die sich von einer normalen gereiften Spirituose unterscheiden. Er ist im Glas sehr beweglich und kaum viskos.

Tatsächlich ist der erste Geruchseindruck eine Melange aus Heidelbeeren, Brombeeren und Anis. Eine faszinierende, erstmal für mich komplett neue Aromenwelt – ich kannte diese Mischung bisher höchstens aus Cocktails. Etwas Fleischiges ist da noch dabei; schwer zu greifen und zu definieren. Der Louche ist hier sehr interessant – auch wenn er komplett blickdicht milchig wird, hat er einen schönen rostrote Ton bekommen. Eine echte Abwechslung! Aromatisch ist nach Verdünnung dann grüne Banane, etwas Gummi, Vanille und eine etwas reduzierte Beerigkeit vorhanden. Fenchel, beinahe schon Lakritz, ist nun deutlicher.

SaarWhisky Fragment Absinth

Im Mund findet sich ein grünes Kräuterbeet, und ein Aroma, das ich ganz extrem mit Kräuterbonbons assoziere. Ja, das schmeckt wie ein aufgelöstes Ricola Schweizer Kräuterzucker. Menthol, Lakritz. Von den Beeren ist nun gar nichts mehr da, nur noch eine Grundsüße, die bis zum Schluss da bleibt. Ein hochinteressantes Umkippen vom mildfruchtigen Purgeruch hin zur reinen Kräuterwucht! Salzig und umami. 68,3% Alkoholgehalt überraschen uns nach den Vorgängern nicht mehr, wir nehmen das aber dennoch weiterhin hochgradigst positiv wahr.

Der Abgang des Fragment ist sehr hauchig, eukalyptisch, mentholig, minzig. Dabei entsteht trotzdem eine langanhaltende Wärme vom Rachen bis durch die ganze Speiseröhre. Der Gaumen und die Zunge bleiben stark pelzig betäubt. Hm, das ist jedenfalls sehr interessant. Ich bin mir allerdings unsicher, ob ich dieses Erlebnis wirklich übermäßig mag – es wird eine Weile dauern, bis ich mich akklimatisieren kann – im Vergleich zu allen anderen hier probierten fällt der Fragment etwas ab und wirkt für mich unausgewogen. Dieser Überraschungsmoment der Ungewohntheit ist aber andererseits schon eine tolle Sache, passiert mir heutzutage nicht mehr oft.

Bezüglich des Cocktails entschied ich mich für ein fruchtlastiges, bitterherbes Rezept. Der Fairy Sugar Mama greift wieder mal das Pseudonym für Absinth („Fee“) auf, bietet auch farblich mit Campari einen farblich passenden Mitspieler. Wie schon erwähnt sind diese absinthlastigen Kreationen eher selten, um so erfreulicher, wenn man damit noch einmal zeigen kann, dass Absinth ohne Mühe aus der Nische des Hilfsmittels herauszutreten im Stande ist.

Fairy Sugar Mama


Fairy Sugar Mama
1 oz roter Absinthe
1⅔ oz Ananassaft
¾ oz Limettensaft
⅔ oz Orgeat
⅓ oz Campari
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Andy Mil]


Ein Fazit – fast alle diese Absinths von SaarWhisky gefallen mir überdurchschnittlich gut. Neben dem Inhalt der Flaschen ist auch die äußere Gestaltung hervorragend gelungen. Die schwarzen Samplefläschchen halten sich an die Form der großen Vollflaschen, und die Etiketten sind sehr fantasievoll und professionell gestaltet. Mir gefallen hier gerade der Herr der Frösche und der Weisse Kristall ausnehmend gut, das ist frech und frisch und ein echter Eyecatcher – gerade der fette, einäugige Frosch war überhaupt der Grund für mich, diese Spirituosen auszuprobieren. Wirklich toll gemacht.

Unabhängig von der Präsentation bekommt man aber auch bei allen fünf Ausprägungen einen Absinth, den man sehr angenehm mit Eiswasser trinken kann, wenn man mal eine Alternative zu der sonst bei dieser Spirituosenkategorie oft so arg dominanten Anisnote haben will – die Botanicals sind klug gewählt und sorgen für Komplexität und Eleganz. Ich genieße das sehr; eine wirklich schön gestaltete lokale Spirituose aus dem Saarland.

Kurz und bündig – Maisel & Friends Hopfenreiter 2019 Double IPA

Ich war ehrlich erstmal ein bisschen baff, als ich die Liste der 6 Hopfensorten, die von den teilnehmenden befreundeten Brauereien für den „Freundschaftssud“ Maisel & Friends Hopfenreiter 2019 Double IPA beigesteuert wurden, gelesen habe. Von den 6 kannte ich bisher 4 noch überhaupt nicht, habe nicht einmal den Namen gehört – um so spannender, diese Exoten alle auf einmal in einem Bier gemeinsam vorzufinden. Ich rede hier von Eukanot (Sudden Death Brewing), El Dorado (Überquell), Comet (Tilmans Biere), Moutere (Tiny Rebell Brewing), Citra (Brouwerji de Molen) und Azacca (Maisel & Friends). Alter Wein in neuen Schläuchen, oder tatsächlich etwas spannendes Neues?

Maisel & Friends Hopfenreiter 2019

Der Hopfenreiter 2019 ist kristallklar, in einem entsprechenden Glas sieht man die starke Perlage dadurch besonders spektakulär.  Ein tolles Kupfer, leuchtend und beeindruckend. Für ein DIPA überraschend langlebiger, feinporiger Schaum. Sehr viel Hopfen bekommt man in die Nase, Grapefruit, Limette, dazu etwas Tropenfrucht. Im Hintergrund etwas Orangenmarmelade und Ingwer.

Cremig und zunächst süßlich im Antrunk, erst auf den zweiten Blick kommt die von einem DIPA zu erwartende Bittere dazu. Diese wird immer dominanter, bis im Abgang eine starke trockene Astringenz die Spucke wegzieht. Der Hopfenreiter 2019 wirkt dennoch angenehm ausgewogen und rund, mit viel Körper sowohl in Breite als auch Tiefe – eine knackige Säure gibt Rezenz dazu. Orangenschale, Grapefruit und Malz beherrschen das Geschmacksbild. 8,5% Alkoholgehalt haben ihren Platz im Sattel gefunden ohne Reibung zu verursachen. Der Abgang ist lang, aromatisch und zitrusfrisch-helltönig. Die Hopfennoten bleiben lange am Gaumen haften.

Erneut ein wirklich schönes Bier aus der Hopfenreiter-Reihe. Mir haben bisher alle gefallen – der Hopfenreiter 2019 macht keine Ausnahme und gallopiert mit viel Schwung ohne Mühe über die Hürden und ins Ziel.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kostenlose Zusendung einer Flasche des Hopfenreiter 2019.