Kurz und bündig – Brauerei Zoller-Hof Old Fred & Donator Heller Doppelbock

Ich bekomme hin und wieder Proben zugeschickt, meist von Händlern oder Herstellern. Natürlich markiere ich diese kostenlosen Rezensionsexemplare deutlich als solche, und ich lasse mich nicht davon beeinflussen. Hin und wieder kriege ich allerdings auch von Bekannten und Verwandten eine kleine Zuwendung in Flaschen, und beim hier besprochenen Artikel ist es genau sowas – mein Bruder hatte mir in seiner Begeisterung für ein lokales Bier ein Tragerl voll mit Old Fred  sowie Donator Heller Doppelbock zu Weihnachten mitgebracht. Diese Begeisterung in allen Ehren, ich verlasse mich nur auf meinen eigenen Geschmack, und so mussten die zwei Biere der schwäbisch-pseudoamerikanischen Brauerei Zoller-Hof auf meinen Prüfstand.

Brauerei Zoller-Hof Old Fred & Donator

Zunächst widmen wir uns dem Old Fred, einem Amber Lager, das mit Cascade-Hopfen kaltgehopft wurde. Man sieht in der Aufmachung eine deutliche amerikanische Note – das Storytellingkonzept ist, dass Frederick Miller, Gründer der Miller Brewing Company, der heute zweitgrößten Brauerei der USA, in Sigmaringen das Brauhandwerk gelernt hat. Persönlich hat er nichts mit dem Bier zu tun, es ist sozusagen eine Homage an den berühmten Schüler der Brauerei – und immerhin ist der Hefestamm aller Miller-Biere noch heute der Hefestamm der Hofbrauerei der Hohenzollern in Sigmaringen.

Old Fred Amber Ale

Sehr dunkler Bernstein erwartet uns also namenspassend im Glas, eher schon haselnussfarben. Dabei bleibt es kristallklar. Passend wiederum zur Farbe ist das Old Fred leicht nussig im Geruch, sehr malzig, deutliche Hopfennoten, ohne dabei die Fruchtwucht eines Pale Ale oder IPA zu erreichen.

Geschmacklich: Breit im Antrunk, süßlich, malzig, aromatisch, milde Säure. Sehr cremig für ein Lager im Mundgefühl. Im Verlauf kommt immer mehr Hopfen dazu, die Bittere steigt, die Trockenheit nimmt zu. Für mich wechselt der Eindruck von Amber Lager zu Pale Ale – ein schöner Spannungsbogen, der das Bier interessant macht. Selbst bei steigender Trinktemperatur bleibt das Old Fred frisch und rezent, die gelungene Karbonisierung mit ein runden 5,3% Alkoholgehalt sorgen dafür. Im Abgang ist es mittellang, sehr hopfig, mit vielen Grapefruit-Noten und -effekten; die Bittere ist adstringierend, hell und zitruslastig.

Ich mag dieses Bier, es hat viel zu bieten und ist dabei nicht überkomplex. Macht sich der Donator Helle Doppelbock auch so gut? Es ist schonmal deutlich stärker, 8,5% Alkoholgehalt, und laut Etikett „mindestens 50 Wochen gereift“, ich bin gespannt, ob sich diese Reifedauer im Geschmack niederschlägt.

Brauerei Zoller-Hof Donator Heller Doppelbock

Unfiltriert ist es, das erkennt man an zwei Dingen – die Trübung, die nur ein paar Blicke durch das Bier hindurchlässt, und die sehr deutlichen Partikel, die in der Flüssigkeit stehen. Die Farbe ist hell, wie der Name es schon anklingen lässt. Schaum vermisse ich schon direkt nach dem Eingießen, nur eine kleine Schaumtonsur bleibt. Geruchlich sehr hefig, auch das passt zu den Partikeln, die ich für Heferückstände halte. Das Malz ist das einzige, was etwas dagegen halten kann, eine gewisse Hopfennote, aber nicht mehr als eine Note, ist erkennbar – das verwundert, wenn man die Etikettierung als „tripple (sic!) hopped“ liest. Eine deutliche Kölnisch-Wasser-Floralität liegt als Kopfnote darüber.

Geschmacklich erkennen wir im Antrunk klar einen Doppelbock, süß, malzig, hefig, schwer. Ich assoziiere Orangenmarmelade. Im Abgang fast schon etwas pappig, da bleibt viel zu tun für die Spucke, die der Donator durch die dazu kommende Trockenheit anzieht. Hier präsentieren sich nun die Hopfenaromen sehr viel prägnanter, und man glaubt zu diesem Zeitpunkt dann doch dem Etikett. Am Ende tendiert es etwas arg zur Säure hin, betäubt leicht die Zunge. Hm, ein durchwachsenes Bier. Interessant, aber im Gesamtbild zu unausgewogen für meinen Geschmack – es fehlt mir etwas an Tiefe. Für Bockfreunde aber dennoch einen Blick wert.

Ich mag diese Art von Lokalkolorit, die in Deutschland an jeder Ecke manchmal so unerwartet auftritt. Die Biere der Brauerei Zoller-Hof zeigen, dass es auch in traditionellen Brauereien an Kreativität nicht mangelt!

Kurz und bündig – Maisel & Tanker Freaky Wheat

Mir scheint, der Trend zu kleinen Verpackungsgrößen ist auch in der Bierwelt präsent. Je nach Region und Bierstil wird dabei der Drittelliter oder der halbe Liter als Konsumdosis gesehen – und jeder trinkt sein eigenes Fläschchen. Bier bekommt nun aber zumindest im kleinen Kreis der Bierfreunde, die sich nicht nur für Fernsehpilsner als Abendessenbegleiter interessieren, ein neues Image: Als Ersatz für Wein oder Sekt, für besondere Anlässe, oder wenn sich mehrere Leute ein Bier teilen wollen. Größere Flaschen müssen her, um diesem Eventcharakter  richtig gerecht werden zu können! Maisel & Friends hat schon mehrere Biere in Dreiviertelliterflaschen veröffentlicht; das Maisel & Tanker Freaky Wheat wird auch in dieser Portionsgröße bereit gestellt. Das Bier entstand in Zusammenarbeit mit der estnischen Brauerei Tanker – exotisch!

Maisel & Tanker Freaky Wheat

Ich sehe im ersten von mehreren Gläsern, die der Flasche entfließen, ein dunkles Haselnussbraun, deutliche Trübung, nur sehr leichte Perlage, und für ein Weizenbier recht wenig Schaum. Ich rieche eine leichte Speckigkeit, deftige Würze, eine Andeutung von Rauchigkeit, Papaya, Mango, etwas Wein-, oder eher Mostcharakter. Roter Apfel, dunkle Beeren.

Extrem cremig und voll im Antrunk, süßlich, fruchtig. Sehr breit. Milde, weinige Säure, die das Geschmacksbild dominiert – ist Hallertauer Blanc, die eingesetzte Hopfensorte, dafür verantwortlich? Mostig und fett. Da hat man echt was im Mund – ein tolles Mundgefühl, und schöne Komposition der Geschmackskomponenten, die sehr üppigen 10,4% Alkoholgehalt tun ihr weiteres dazu – das passt jedenfalls dahingehend zur Kategorie „Wheat Wine„, also dem Weizenanalog zu einem Barley Wine, in das Maisel dieses Bier einsortiert. Es erinnert nur noch entfernt an ein klassisches Weizenbier, emanzipiert sich geschmacklich völlig davon mit seiner dunklen, brummigen Würze. Der Abgang ist kräuterig, grasig und mittellang, trocken, etwas adstringierend, am Ende etwas überbittert. Mir fehlt etwas an Tiefe, doch das ist bei einem Weizenbier auch nicht unbedingt erwartbar.

Ein echt spannendes Bier – weniger vom Geschmack her, der aber auch zu überzeugen weiß, als vom Mundgefühl her. In dieser Beziehung ist das Freaky Wheat eine Bombe, und es freut mich, dass es in einer großen Dreiviertelliterflasche abgefüllt ist, so hatte ich den ganzen Silvesterabend was davon. Als Tip – das Bier ist eine ideale Beilage zu einem Käsefondue. Wie gesagt, auch gern für mehrere Leute.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die Zusendung einer Flasche des Freaky Wheat.

Ein Nachruf – Labieratorium

Cottbus liegt in Brandenburg, nicht in Sachsen. Durch meinen Blog lerne ich sogar in Geografie immer noch viel dazu, danke an den aufmerksamen Leser, der mich bei meiner letzten Besprechung eines Biers der Brauerei Labieratorium darauf hinwies, dass ich die Stadt aus welchem Grund auch immer in ein falsches Bundesland verlegt hatte. Recht schnell auf diese Erstbesprechung folgt hier eine zweite Ladung an Bieren dieses Brauers, aus gegebenem Anlass: Die Brauerei schloss zum 31.12.2018 ihre Toren und Braukessel. Laut einem Interview der Betreiber mit LR Online lag es, banal und traurig, schlicht und ergreifend einfach an fehlendem Umsatz.

Es ist wirklich schade, denn ich nehme nicht zuviel vorweg, wenn ich sage, dass mir diese Bier sehr gefallen haben. So lese man diesen Artikel dann als nostalgischen Nachruf, mit der leisen Hoffnung, dass die Personen hinter dem Bier sich nicht komplett aus dem Geschäft zurückziehen, sondern woanders ihre gute Arbeit weiterführen können. Genug der Traurigkeit, rein ins Glas mit den vier Bieren, die in einem Set erhältlich waren, über einen Kartonhalter miteinander verbunden: Das Alte Welt, Schwarze Pumpe, F60 Paranoid IPA und Labieratoriums Orange Pale Ale.

Labieratorium Biere Flaschen

Wir gehen einfach die Reihenfolge durch, in der ich sie aus dem Kartonhalter entfernt hatte. Beginnen wir beim Alte Welt. Mir gefällt beim Eingießen bereits die kräftige, rotgoldene Farbe, das Bier ist angenehm opal, was den Eindruck noch verstärkt. Erkennbar starke Perlage, dazu ein feiner, sehr ebenmäßigblasiger Schaum. Für ein Pale Ale bleibt es etwa zurückhaltend in der Nase, nur leichte Hopfenfrucht dringt vor, aber eine erkennbare Würze als Ausgleich.

Geschmacklich – sehr trocken schon im Antrunk, malzig und mit leicht salziger Würze. Hopfen (Herkules, Saphir, Cascade) bleibt im Hintergrund, sorgt mehr für einen Klang als für festhaltbaren Geschmack. Leichter Körper mit fast etwas von Sprudelcharakter. Kräftige Säure. Sehr rezent, für meinen Geschmack etwas überkarbonisiert. 5,4% Alkohol sind dafür gut passend gewählt. Der Abgang ist kurz, trocken, prägnant.

Labieratorium Alte Welt Flasche

Ein sehr kantiges, eckiges Pale Ale – das ist interessant, weil es eine Abwechslung bietet zu den superfruchtigen Pale Ales, die man sonst so oft trinkt, aber insgesamt ist es dann halt doch etwas zu sauer und karbonisiert, um wirklich richtig zu gefallen. Gut gekühlt im Sommer ist die Alte Welt aber wahrscheinlich ein echter Frischehammer. Schade, dass ich das im Sommer nicht mehr verifizieren können werde.

Machen wir einen weiten Sprung in den Bierstilen, vom Pale Ale zum Porter. Die Schwarze Pumpe ist mit 6,6% und 45 IBU schon von anderer Gewichtsklasse. Farblich trifft der Name wunderbar zu, das Bier ist tatsächlich sehr schwarz, noch dunkler als viele andere Porter, die ich kenne. Langsam steigen kleine Bläschen vom Glasgrund hoch. Der Schaum ist kontrastreich hell, aber eher dünn und großblasig. Geruchlich eher malzig, leicht rauchig, speckig, erinnert mich fast an ein mildes Rauchbier.

Labieratorium Schwarze Pumpe

Im Mund ist die Schwarze Pumpe dann sehr holzig, bitter, malzig. Eigentlich passend dazu wirkt es sehr rezent, frisch und knackig. Leichte Süßholznoten. Stiltypisch ist etwas Kaffee, mit Grapefruit als Gegenspieler. Der Abgang ist lang und sehr bitter, man spürt eine deutliche Adstringenz. War ich beim ersten Bier noch skeptisch – das hier gefällt mir richtig gut. Ein zwar nicht extrem expressives, dafür aber sehr wuchtiges und toll rezentes Porter.

Die dritte Flasche aus dem Set, das F60 Paranoid IPA, komplettiert als IPA den Bogen durch die aktuell beliebten, gottseidank wiederbelebten Bierstile des modernen Craftbiers. Orangene Farbe im Glas, toll dicke Schaumhaube, nach einigen Minuten immer noch großblasige Schaumreste. Kräftige Perlage. Sehr starke Nase, mit viel Marmelade, Orange, und etwas Gurke.

Labieratorium F60 Paranoid IPA

Deftig herb schon im Antrunk, feine Süße gleicht das etwas aus. Sehr hopfig (Columbus, Simcoe, Amarillo, Sarachi Ale und Cascade tun ihre Pflicht), mildfruchtig – die Bittere steht im Vordergrund. Sehr rezent und leicht. Extrem süffig und trinkbar, 7,3% Alkoholgehalt tun dem keinen Abbruch. Auch hier meine ich, etwas Gurkenaroma zu entdecken – ich finde das sehr spannend. Der Abgang wirkt kurz, knackig, bitter, dazu eine angenehme, nicht überwältigende Trockenheit. Leicht malzig. Mir gefällt das sehr gut – ich kann den saufenden indischen Elefanten auf dem Etikett verstehen, dass er die Flasche, die er mit dem Rüssel hält, nicht hergeben will.

Am Ende dieser kleinen Verkostungsreihe steht das Labieratoriums Orange Pale Ale. Die Gestaltung des Etiketts erinnert natürlich an das Filmplakat zu der Verfilmung des SciFi-Klassikers A Clockwork Orange von Anthony Burgess; mir als kombinierter Bier- und Literaturfreund gefallen solche Anspielungen sehr.

Labieratoriums Orange Pale Ale

Fluffiger Schaum, nur leicht opalisierendes Sonnenblumengold. Starke Perlage. Geruchlich sehr hopfenfruchtig (Perle, Bavaria Mandarina), dabei hell und zitronig – Limettenschale und Grapefruitsaft nehme ich als Hauptakteure wahr. Das hört sich wild an, ist aber nicht aggressiv und daher angenehm. Der Geschmack wartet mit angenehmer Bittere auf, allerdings nicht eckig, sondern leichtkörperig. Man muss zugeben, dass es etwas flach wirkt, weil es keine Tiefe hat – Radlercharakter, das war mein Eindruck. 4,8% Alkohol machen das Bier entsprechend süffig, Frische und Rezenz stimmen. Der Abgang bleibt kurz, trocken, frisch. Leicht und angenehm zu trinken, in der Konsequenz vielleicht etwas zu einfach gehalten für den Kenner.

Man sieht, man findet Höhen und Tiefen, aber im Gesamtblick betrachtet sind die Biere von Labieratorium eine wirklich schöne Ergänzung des deutschen Biermarkts gewesen, vom sehr gelungenen Labieratorium Rot mal ganz abgesehen. Schade, schade, schade – gern hätte ich mehr von diesen Brauern gesehen. Für die Cottbuser selbst war das lokale Bier offensichtlich nicht wichtig genug, und für mich hat die Stadt viel dadurch verloren.

Kurz und bündig – Lervig/Stone Hi, I’m Kveik IPA

Die traditionellen Großbrauereien in Deutschland sind nicht wirklich experimentierfreudig. Da gibt es mal ein saisonales Bockbier, oder einen Festtagssud zum Oktoberfest, oder derartige, kleine Spezialitäten. Moderne Brauereien, die aus der Craftbierbewegung entstanden sind, scheinen sich dagegen auf Sondersude zu stürzen wie die Geier auf den ausgetrockneten, nach Spezialitäten dürstenden Bierfreund der 2010er Jahre. Gerne gesehen sind auch Kooperationen mit anderen Brauereien, etwas das Stone Brewing nun mit der norwegischen Brauerei Lervig durchgeführt hat, um das länglich mit Hi, I’m Kveik IPA betitelte Bier zu schaffen. Der Name ist laut eigener Aussage inspiriert von der speziellen Hefesorte, der Hornindal Kveik-Hefe, die wohl bei höheren Temperaturen arbeiten kann als normale Hefe.

Lervig-Stone Hi, I'm Kveik IPA

Sehr hell im Glas, strohblond, beinahe schon blass, stark opalisierend. Kräftige, schön sichtbare Perlage. Für ein IPA eine starke Schaumbildung, feiner, fast schon eiweißartiger Schaum, der länger lebt als viele Schaume bei den meisten anderen Ales, die ich kenne. Deutlich hopfig im Geruch (Citra, Azzaca sowie Mandarina Bavaria wurden eingesetzt), Grapefruit, Resin, Thymian, Zitronenschale, Orange. Hier wird schon klar, in welche Richtung das Bier geht – aromatisch ist es jedenfalls interessant.

Die 40 IBU sind im ersten Antrunk noch kaum erkennbar, kommen im Verlauf langsam dazu, und verschwinden im Abgang dann wieder dezent – die Bittere ist also schön spannungsaufbauend eingebunden. Ebenso der Alkoholgehalt von 6,2%, der die Cremigkeit und Feinheit des Bieres nie stört. Die starkfruchtigen Hopfengeschmäcker bleiben lange am Gaumen; dazu kommt eine leichte, aber definierte Minzigkeit. Der Abgang ist mittellang, adstringierend-trocken, aber doch mit etwas leichter Süße, die vielleicht aus den im Brauprozess eingesetzten Haferflocken stammt. Tatsächlich empfinde ich das Hi, I’m Kveik IPA als eine interessante Mischform aus IPA und Hefeweizen.

Gerade dies macht das Bier interessant für mich, und eigentlich für jeden, der einen der beiden Bierstile mag. Ich bin immer erfreut über kreative Biere, und dieses hier ist ein Beispiel dafür, dass es der Bierwelt gut tut, wenn man über den Tellerrand blickt.

Offenlegung: Ich danke Stone Brewing für die Zusendung zweier Dosen des Hi, I’m Kveik IPA.

Kurz und bündig – Labieratorium Rot

Ich habe schon ein paar der Biere des brandenburgischen Brauers Labieratorium probiert (Artikel folgt), und keins darunter gefunden, das mir missfallen hätte, im Gegenteil. Entsprechend war ich Feuer und Flamme, als ich bei einem Biertasting der Saarbrücker Beer Society darauf hingewiesen wurde, dass sie jetzt auch ein Rotbier führen. Dass dieses Rotbier, das Labieratorium Rot, auch noch eine Medaille in einem Bierwettbewerb gewonnen hatte (Meininger Craft Beer Award Gold Lager 2018) macht das ganze nicht uninteressanter. Also, keine große Diskussion, zwei Flaschen ins Tragerl gestellt und nach dem Tasting vorsichtig nach Hause geschwankt.

Labieratorium Rot

Wie gesagt, es handelt sich um ein unfiltriertes Rotbier, und entsprechend leuchtet nicht nur das Etikett, sondern auch das Bier im Glas in einem feschen rötlichen Haselnussbraun, mit noch sehr viel klarerem Rottouch, wenn man es gegen das Licht hält. Grober Schaum entsteht beim Eingießen, dieser ist schnell weg, trotz der erkennbaren Perlage.

Das Bier ist mit Hallertauer Tradition und Spalt Spalter gehopft, dies ist aber kein Bier, das sich dadurch definiert. Statt dessen ist es sehr malzig im Geruch, süßlich, fruchtig wie Rotwein, insgesamt dabei aber zurückhaltend, nicht übermächtig.  Da die Trinkempfehlung auf 5-7°C festgelegt ist, sollte man auch nicht zuviel erwarten – kühles Bier riecht einfach nicht so stark wie wärmeres.

Das Bier ist in der Oberkategorie „Lager“ verortet, und so schmeckt es auch. Frisch schon im Antrunk, hat einen leichten Körper, ist dabei zitronig, hell, und gleichzeitig malzig. Es bleibt nur mäßig rezent, obwohl es sehr kohlensäurehaltig und luftig gestaltet ist. Hefig ist ein Eindruck, den ich habe, sonst entdecke ich kaum andere Aromen. 5,0% Alkoholgehalt sind gut eingebunden. Der Abgang ist eher schal und flach, kurz; etwas adstringierend.

Ein schönes Bier, das für Lagerfreunde eine schöne Abwechslung sein kann, und als Bier für Zwischendurch sehr süffig und angenehm zu trinken ist. Ich mag es, wie die meisten Biere von Labieratorium.

Kurz und bündig – Maisel & Friends Hoppy Amber Mosaic

Zusammen mit der Craftbierwende vor einigen Jahren kam auch eine Sache auf den deutschen Biermarkt, was es vorher in der Breite nicht gab – limitierte Sondersude von Bieren. In begrenzter Auflage können heute Biere verkauft werden, und das gibt den Brauern ganz neue Freiheiten, Dinge auszuprobieren. Auch wir Konsumenten haben was davon, wer will schon immer nur das gleiche Bier trinken (nun, da gibt es genug, aber der echte Genießer will Abwechslung). Maisel & Friends hat schon so einige Sondersude herausgebracht, die ich hier auf meinem Blog besprochen habe – das neueste ist das just erschienene Maisel & Friends Hoppy Amber Mosaic. Mit 8,5% Alkoholgehalt darf es sich ruhig den kaiserlichen Titel „Imperial Amber Ale“ geben. Ab ins Glas damit!

Maisel & Friends Hoppy Amber Mosaic

„Amber“ ist schon im Namen, da muss das Bier natürlich liefern – und tut es auch. Ein leuchtendes Bernstein, nur leicht opalisierend. Aletypischer Schaum, gemischtblasig, bleibt nur als feine Decke über dem Bier, das säuerlich im Geruch ist, viel Limette und etwas Grapefruitschale kommt drin vor. Auch im Unterbau ist Frucht – der Mosaic-Hopfen, mit dem das Bier kaltgestopft wurde, schlägt voll durch und bereitet dem Hophead viel geruchliche Freude.

Und das geht im Mund weiter. Schon im Antrunk taucht Hopfenkräuterigkeit auf, diese Würze setzt sich ununterbrochen bis zum Abgang fort. Wie bei fast allen Maisel & Friends-Bieren schätze ich, dass der Geschmacksbogen durchdacht ist (selbst wenn das Bier laut eigener Aussage eigentlich ein Unfall war). Die Cremigkeit, die Hopfenblumigkeit, die fast in Richtung Lavendel und Rosmarin geht, die schöne Rezenz, die aus der Kombination von Karbonisierung und Säure entsteht – ein sehr ansprechendes Bier.

Das Ende ist allerdings schon etwas fruchtkaugummiartig, Hubba Bubba, sehr ausgeprägt, in dieser Konsequenz dann aber wieder interessant. Trocken und sehr herb (50 IBU spürt und schmeckt man und zweifelt nicht am Wert) endet das Bier erst nach sehr langer Zeit – der Nachhall des Hopfen liegt ausgesprochen ausdauernd im Mundraum, das beeindruckt sehr. Wer sehr deutliche Hopfenausprägung in Bieren mag, sollte das Hoppy Amber Mosaic definitiv mal probieren

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die Zusendung einer Flasche des Hoppy Amber Mosaic.

Der weite Weg vom Erntefeld – Rumult Bavarian Rum 2018

Die sogenannte Gargano-Klassifikation ist ein Versuch, etwas fachliche Struktur in die recht willkürlichen gewohnte Gruppierungen bei Rum zu bringen. Statt völlig nichtssagenden Kriterien wie der Farbe („brauner“ und „weißer“ Rum) oder groben Länderstilen („spanischer“ oder „britischer“ Stil), die letztlich mehr verwischen als sie aufklären, sollen hier herstellungsbedingte, objektive Faktoren Einzug in die Etiketten halten – so wie es bei schottischem oder amerikanischem Whisky schon selbstverständliche Praxis ist; wer würde sich schon mit einem „braunem Whisky nach schottischem Stil“ zufrieden geben statt einem „Single Malt Scotch“?

Es ist ein gutes, aber erstmal freiwilliges Kategorisierungsverfahren, und darum ist es schön, wenn man Produkte sieht, die sich dieser Initiative anschließen. „Pure Single Agricole Rum“ liest man zum Beispiel auf dem Etikett des Rumult Bavarian Rum 2018. Nun muss man sich trotz der Freude über diese Anwendung der Gargano-Klassifikation schon fragen – „Agricole“? Aus Bayern?

Rumult Bavarian Rum Etikett

Wer sich mit diesem Rumstil auskennt, stellt sich zunächst die Frage nach der Produktion. Agricole-Rum wird aus frischem Zuckerrohrsaft hergestellt, und dieser Saft ist nur extrem begrenzt haltbar; die Hersteller auf den französischen Antillen prägten den Spruch „mit dem Fuß im Boden, mit dem Kopf in der Mühle“, was aufzeigen soll, wie schnell das Zuckerrohr verarbeitet werden muss, um gute Qualität zu erreichen. Meines Wissens ist der Klimawandel noch nicht weit genug fortgeschritten, um bayerisches Zuckerrohr kultivieren zu können, also wie kommt das Basismaterial für den Rum nach Bayern? Die Hersteller importieren nach eigener Aussage das Rohmaterial aus Mauritius. Zuckerrohr selbst zu importieren und zu mahlen ist wohl nicht das Mittel der Wahl, weil zu aufwändig, und den Saft kann man schlicht nicht importieren, weil er auf der langen Reise von Mauritius, wenn man ihn nicht direkt von der Ernte einfliegen lässt, schlecht wird. Bleibt also nur die Möglichkeit des Eindickens des Saft, so dass er länger haltbar wird. Das wird von einigen Rumherstellern gemacht, das nennt sich dann aber halt Zuckerrohrsirup und nicht -saft. Für mich ist also rein produktionstechnisch der Rumult kein „Agricole“-Rum.

Es gibt aber noch eine zweite Falle, in die Hersteller Lantenhammer getappt ist. Der Begriff „Agricole“ ist nämlich in der EU geschützt, und darf nur für Produkte aus den französischen Überseedépartements und der autonomen Region Madeira verwendet werden (siehe EU-Verordnung 11/2008). Der aktuelle Gesetzestext ist etwas schwammig formuliert, doch es gibt zwei Fakten, die mich darin bestätigen, dass ich den Text richtig lese: Erstens ein persönliches Gespräch mit Marc Sassier, dem Präsidenten der AOC Martinique, das ich beim Frühstück in einem Hotel in Bulgarien hielt, der dies ebenso versteht; zweitens ein Gesetzesvorschlag bei der EU, der die Lesart aufklären soll, und meine Lesart ganz eindeutig macht. Siehe dazu aber auch den unten angehängten Hinweis.

Nach der Problematik des Basismaterials und vor der Problematik des Etiketts steht allerdings eine weitere Baustelle: Der Geschmack. Dieser ist dann doch eher ein subjektives Kriterium – werfen wir einen Blick darauf.

Rumult Bavarian Rum 2018

Der Rumult ist laut Hersteller ein Blend aus in 4 unterschiedlichen Fasssorten (Ex-Bourbon, Ex-Cognac, Ex-Sherry sowie Ex-Madeira) gereiften Destillaten. Jene Destillate wurden in „Pot Stills“ gebrannt, es ist bei Lantenhammer wohl davon auszugehen, dass es sich um ehemalige Obstbrennapparate handelt (das ist keineswegs wertend gemeint – derartige Apparate erzeugen einen eigenen Charakter, das mag ich eigentlich). Es ist keine Altersangabe vorhanden.

Farblich sehen wir ein schönes Ocker, mit strohigen Reflexen. In meinem Nosingglas bewegt er sich sehr gediegen, mit einer gewissen Schwere. Bei einem als „Agricole“ betitelten Rum erwartet man eine gewisse Typizität, die sich oft stark in der Nase äußert. Diese Erwartung wird beim Rumult direkt enttäuscht – da ist nicht mal der Ansatz einer Grasigkeit, Zuckerrohrsaftfrische oder ähnlichem. Eigentlich rieche ich fast nur Vanille, die wohl aus dem Bourbonfass stammt. Eine starke Ethanolnote ist die zweite Komponente. Erst, wenn man viel Geduld aufbringt, kommt in der Tiefe eine gewisse karamellige Würze und eine Erinnerung an Zuckerwatte auf; doch auch hier sind das eher Holz-, und keine Zuckerrohrnoten.

Auch die Geschmacksknospen fragen sich – wo bitte soll das hier ein Agricole-Rum sein? Sehr süß und im Antrunk (aber nur dort) angenehm breit, jedoch ohne große Tiefe. Alkoholfeurig im Verlauf und praktisch ausschließlich Holzaromen wie Vanille, Karamell, Reste von Süßwein. Das wars, ich will mir hier nichts aus den Fingern saugen, was nicht da ist. Der Abgang ist heiß, sehr alkoholisch (43% Alkohol sind praktisch nicht eingebunden, da bin ich am Keuchen nach dem Schlucken), aromatisch sehr kurz und besteht selbst in dieser Kürze fast nur aus Betäubungseffekten. Ein Eisenton und eine gewisse Pappigkeit klingen nach.

Wer trinkt das? Niemand, der sich für einen auch nur ansatzweise typischen Geschmack dessen interessiert, was man sonst als „rhum agricole“ bezeichnet. Niemand, der unabhängig davon an einem weichen, feinen Rum interessiert ist. Höchstens jemand, der einen gewissen Lokalpatriotismus zu Deutschland und/oder Bayern hat und dem dies wichtiger ist als alles, was ich in diesem Artikel ankreide. Man treffe seine eigene Entscheidung.

Später hinzugefügter Hinweis (aus gegebenem Anlass): Natürlich spreche ich, was die Gesetzgebung angeht, nur für die Produkte, die in der EU vermarktet werden wollen. Wenn irgendwo auf der Welt sich jemand entscheidet, seinen Zuckerrohrsaftrum „Agricole“ benennen zu wollen, dann darf er das natürlich – erst die gewünschte Vermarktung in Europa zwingt einen Hersteller, sich an EU-Vorgaben zu halten. Die EU-Gesetzgebung ist darüberhinaus scheinbar aktuell noch so schwammig, dass laut eigenen Aussagen Lantenhammer dieses Produkt als „Agricole“ vermarkten darf. Ich hoffe auf Besserung in der Klarheit der Gesetzgebung – mal schauen, was die neue, geplante EU-Spirituosenverordnung bringen wird.

Kurz und bündig – IMBC / Buxton Brewery / Magic Rock / North Brewing Co. / Stone Fellow-Sip IPA

Ich hatte mich neulich über einen etwas unhandlichen Titel eines Biers beschwert. Nun, das war gestern, heute heißt ein Bier IMBC / Buxton Brewery/ Magic Rock / North Brewing Co. / Stone Fellow-Sip IPA. Ich frage mich, ob das wirklich noch in meine Kategorie „Kurz und bündig“ passt – damit ich die Wortgrenze nicht sprenge, nenne ich das Bier im folgenden nur noch Fellow-Sip. Es handelt sich dabei um das 4. Uniqcan-Release aus dem Hause Stone Brewing. Der Anlass, sich mit 3 britischen Brauereien zusammenzutun, ist die IMBC (Independent Manchester Beer Convention, „Indy Man Beer Con“), die Anfang Oktober 2018 stattfand.

IMBC - Buxton Brewery - Magic Rock - North Brewing Co. - Stone Fellow-Sip IPA

Die Farbe ist golden, naturtrüb. Die Schaumentwicklung ist kräftig, eine sehr starke Perlage sorgt dafür, dass dieser Schaum auch lange erhalten bleibt. Nachdem ich in letzter Zeit häufiger Biere im Glas hatte, die sich geruchlich eher zurückhielten, ist dieses Bier eine andere Welt – beim Eingießen riecht man schon, dass die Nase hier was zu tun bekommt. Die zu erwartende Bitterkeit ist riechbar, Grapefruit, Limette, Harz, Aromahopfen in voller Wucht und ohne Gnade, etwas Frucht schimmert durch.

Im Mund beginnt das Fellow-Sip schon sehr trocken und man merkt die 65 IBU vom ersten Tropfen, der auf die Zunge fällt – da ist eine sehr harte Grapefruitkante drin, Limettenschale, ein harzig-holziger Eindruck; es geht fast schon in Richtung Radicchio, weil da auch eine gewisse Kräuterigkeit da ist. 7% Alkoholgehalt bleiben dennoch unspürbar am Gaumen. Der Abgang ist sehr lang, bitter bis zur Eckigkeit, harsch und trocken. Der Hopfen lässt dem Malz keinerlei Chance, so etwas wie Tiefe aufzubauen. Insgesamt empfinde ich das Bier aromatisch auch als dumpf und etwas stumpf, die Rezenz fehlt.

Persönlich hat mir das nun, nachdem ich immer die Stone-Bittere gelobt und gefordert hatte, die Grenze des Angenehmen überschritten. Das Fellow-Sip ist kein Bier mehr, das ich mir mal so eingießen würde, sondern ein Demonstrationsobjekt für derbe Biere, die mir nur noch bedingt Spaß machen. Wer allerdings die knarrende IBU-Härte haben will, nun, der ist hier definitiv richtig.

Die Zusammenarbeit besteht hauptsächlich darin, dass die Zutaten von den 4 Brauereien aus ihren beliebtesten Produkten in den Braukesseln von Stone in Berlin zusammengeführt wurden – die „ikonischen“ Hopfen- und Malzsorten der wichtigen Biere der teilnehmenden Brauereien. Dabei handelt es sich um die Malze Pilsener Malz, Gerstenmalz, Weizenmalz, gesäuertes Malz und Golden Promise, sowie die Hopfen Citra, Mosaic und Ariana. Über die Dosen selbst habe ich in meinen Blogartikeln über die 3 Uniqcan-Vorgänger genug gesagt – das Konzept ist schlüssig und stringent ausgeführt. Das Label ist schön bunt und passt dazu, und stellt die Zusammenarbeit gelungen in den Vordergrund.

Offenlegung: Ich danke Stone Brewing für die kostenlose Zusendung zweier Dosen des Fellow-Sip IPAs.

Kurz und bündig – Stone Brewing CoCo-POW! Porter

Uniqcan, inzwischen schon die dritte – Stone Brewing legt ein hohes Tempo vor mit seinen Limited Releases. Dieses Mal haben wir ein besonderes Schmankerl in der Dose, einen von mir sehr geliebten Bierstil: Ein Porter, aber eins mit einem Twist.  Eingebraut wurde das Stone Brewing CoCo-POW! Porter nämlich mit gerösteten Kokosflocken und Kaffeebohnen (zusammen insgesamt 1,6% Anteil). Wenn ich sowas lese, bin ich immer zwiegespalten – das kann leicht in die Hose gehen mit „bierfremden“ Aromen. Schauen wir mal, was rausgekommen ist.

Stone CoCo-Pow! Porter

Für ein Porter sehe ich einen überraschend schönen Crema-Schaum, üppig und voll, dabei gemischtblasig und vergleichsweise langlebig, gespeist durch eine feine, sichtbare Perlage. Der Rest ist dann wieder stiltypisch: blickdicht, dunkelbraun bis schwarz.

Ist ein normales Porter schon aromatisch nahe an Kaffee, so hat das CoCo-POW! Porter noch eins draufgesetzt: Die Nase nimmt klare, deutlichste Kaffeeröstaromen wahr. Frisch gemahlenes Kaffeepulver dominiert die Aromatik, da kommt kaum etwas anderes vor.

Auch im Antrunk ist Kaffeepulver stark präsent, wird dann durch mildere Malznoten eingebremst und durch eine dezente Hopfenfrucht aufgefrischt. Das Bier ist trotz der angenehmen Cremigkeit sehr rezent, überraschend leicht und bei entsprechender Kühlung sehr erfrischend. Leichte Gewürznoten sorgen für den Unterbau, 7,3% Alkoholgehalt für Volumen und Bums.

Erst im Abgang kommt die zweite namensgebende Sonderzutat zum Zuge – eine leichte, milde Kokosnote, wirklich nur ein Hauch, bei weitem nicht so stark wie beispielsweise beim Kona Brewing Coco Porter – mit zunehmender Trinktemperatur nimmt sie größeren Raum ein. Zusammen mit ihr tritt eine zurückhaltende Süße ein, die mit der wirklich toll gestalteten Herbe (etwas, was ich bei Stone immer erwarte – 25 IBU) um die letzten Eindrücke beim Ausklang kämpft.

Mir gefällt die Art, wie dieses Bier komponiert wurde – das ist geschmacklich ein sehr gelungenes Porter, das mit Kaffee und Kokos nur hintergründig angereichert ist und dadurch eine wirklich tolle Komplexität erhält, die dabei aber nie die Drinkability verdrängt. Es bestätigt sich für mich persönlich – Stone hat zur Zeit einfach einen Lauf. Alles, was die gerade in dieser Uniqcan-Reihe neu rausbringen, ist spannend und interessant.

Offenlegung: Ich danke Stone Brewing für die kostenlose Zusendung zweier Dosen des CoCo-POW! Porter.

Fass(ungs)los – Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum

Es ist eine große Investition in die Zukunft, die man als Hersteller von braunen Spirituosen tätigen muss. Gebrannt ist schnell, wenn man das Equipment und Knowhow mal hat, doch die Kehlen der Kunden verlangen eher selten nach frisch aus der Destille gelaufenem, weißen, klaren Sprit; sie wollen dunkle, braune Flüssigkeiten, die nach Vanille und Karamell schmecken. Der Zufall, der einst die frühen Brenner dazu brachte, ihre Destillate in Holzfässern zu lagern, die dann den Geschmack entscheidend beeinflussten, ist heute ganz selbstverständliche Praxis geworden. Doch diese jahrelange Ruheperiode ist halt eben eine Investition – man kann in vielen Spirituosenkategorien seinen Stoff erst 10, 12 oder 20 Jahre später vernünftig verkaufen.

Das muss doch auch anders gehen, denken sich findige Geister. Man fährt ja heutzutage auch nicht mehr in Pferdekutschen oder surft mit einem langsamen Quietschmodem, dieser Prozess der Reifung muss doch zu beschleunigen sein. Und so haben wir heute das Highspeed-LTE-Äquivalent der Rumwelt im Glas, den Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum. Dieser Rum ist, wie man auf dem Foto erkennen und aus dem Namen ablesen kann, von brauner Farbe, und hat dabei aber in seiner kurzen Reifezeit von „wenigen Wochen“ (eigene Aussage auf der Webseite des Herstellers) nie ein Fass von innen gesehen. 10 Jahre Fassreifung sollen durch das neue Hightech-Verfahren eingespart werden können, und der Geschmack dabei gleich sein. Ich bin extrem skeptisch, was solche Aussagen angeht, musste aber aus rein professionellem Interesse dann den Versuch wagen. Haben wir hier die Zukunft des Rums vor uns?

Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum

Die Farbe ist tatsächlich der vergleichbar, die ich bei einem natürlich gereiften, ungefärbten 10 Jahre alten Rum erwarten würde. Eine leichte Trübung stört den Eindruck und deutet eventuell auf die Art des Verfahrens hin, das eingesetzt wurde – da keine Details darüber veröffentlicht werden, gehe ich einfach mal von einer Druck-Hitze-Intensivkur mit Holzchips aus. Der Boilerrum bewegt sich wie Wasser im Glas, keine Form von Öligkeit oder Schwere ist erkennbar.

Im Geruch erkenne ich zunächst Getreide. Da ist eine gewisse Vanillekomponente, etwas Kirsche und Aprikose, vielleicht aber eher Hubbabubba-Kaugummi; ja, das ist es – Kaugummi. Ein mehr geahnter als tatsächlicher Hauch von Rauch. Doch insgesamt, um ehrlich zu sein: Es riecht wie Vodka, der künstlich aromatisiert wurde, nicht wie Rum. Bei „achtfacher“ Destillation ist es auch kein Wunder, wo soll da noch Rumaroma übrig geblieben sein.

Der Geschmack ist leicht, typisch für einen hochdestillierten Multi-Column-Still-Rum. Wenig Körper. Sehr süß, viel Vanille, viel Hubbabubba. Diese Rauchkomponente ist auch geschmacklich vorhanden, das spannendste an diesem Rum. Er wirkt oberflächlich, klar, ohne Breite, sehr künstlich. Die auf der Webseite angepriesene Mildheit finde ich nicht, da ist viel Alkoholhauch  und -feuer und Pfeffer, insbesondere im aromatisch extrem kurzen Abgang. Der Nachhall ist dezent rauchig, erinnert mich mit meiner überbordenden Fantasie entfernt an Mezcal.

Als Vergleich für die Alterseinordnung dienen mir hier ein 3-bis-5-jähriger karibischer Blend (Compagnie des Indes Caraïbes), ein gesüßter Column-Still-Dominikaner ohne Altersangabe (Atlántico Gran Reserva) und ein tatsächlich echte 7Jahre alter Kubaner (Havana Club 7). Keine unfairen Bedingungen, wie man sieht, leichte Rums allesamt, keine superaromatischen Single-Cask-Abfüllungen, und recht unterschiedliche Stile, denn es geht nun ja nicht um den tatsächlichen Geschmack, sondern mehr um den Eindruck des Alters, der sich auch unabhängig vom Geschmack äußert. Der Boilerrum wirkt gegen alle  extrem dünn, jung, unrund, aromenarm und alkoholisch, das ist gar kein echter Wettbewerb. Die Konkurrenten schlagen ihn ohne jede Mühe und Aufwand. Ich habe, so hart es klingt, diverse ungereifte, weiße Rums in meiner Heimbar, die den Boilerrum deklassieren in Bezug auf Reife und Rundheit.

Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum Glas

Man kann diesen Rum wenigstens als schönes Beispiel dafür hernehmen, was Fassreifung alles mit einem Destillat anstellt. Es geht halt eben nicht nur um Farbe und Aromenübergang, sondern auch um das Atmen über Jahre durch den Filter des Fassholzes, das sich Setzen des Destillats, die Interaktion mit der Umgebung. „Reifung“, das Wort allein drückt es eigentlich schon aus: Per Definition gehört Zeit dazu. Man kippt nicht Enzym XYZ in den Tank und bekommt damit ein gereiftes Produkt, höchstens eins, das einem Reifung vortäuscht. Ist es das, was wir wollen? Es dem Hersteller möglichst einfach zu machen, uns etwas zu verkaufen, das dem, was wir eigentlich wollen, ähnelt, ein Rumersatzprodukt? Nichts anderes ist der Boilerrum, in der gleichen Kategorie wie Analogkäse und Formfleisch.

Mit Holz aromatisierter Vodka, das ist der Eindruck, den der Boilerrum hinterlässt. Butter bei die Fische – das Reifungsverfahren kann im Endeffekt so gut sein wie es will, wenn das eingesetzte Destillat nichts taugt, wird es nichts bringen – es kann ja keinen Zuckerrohrvodka in Rum verwandeln.

Fürs reine Genießen halte ich diesen Rum in dieser Form also für ungeeignet, sowohl von der physischen Aromatik als auch von der psychischen Genusskomponente her. Wer mich kennt, weiß, dass ich derartig klassifizierte Spirituosen auch ungern in Cocktails einsetze – wozu auch, man braucht gute Zutaten für einen guten Drink. Letztlich landen solche Produkte dann in Rezepturen, in denen sie nicht der Hauptdarsteller sind, sondern mehr eine unterstützende Rolle spielen. Im Kerala Cocktail braucht man einen leichten Rum, da kann der Boilerrum seine Dienste mehr oder weniger zufriedenstellend tun, die Aromen liefern andere Zutaten, und er muss so nicht gegen seine eigenen Marketingfuzzis kämpfen, die ihm ein Image aufzwingen, das er nicht ausfüllen kann.

Kerala


Kerala Cocktail
5 Kardamom-Schoten im Mixglas andrücken
1 oz leichter Rum
1 oz Bourbon
½ oz Ananassaft
½ oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
1 Spritzer Angostura
1 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken. Doppelt abseihen.
[Rezept adaptiert nach Joaquín Simó]


Letztlich missfällt mir fast alles an diesem Produkt, vom Geschmack mal ganz abgesehen. Die Wortwahl „bionaturally designed rum“ widerspricht allem, was ich in einer Spirituose sehen will, ich brauche keine Designer für einen guten Rum. Was an dem Verfahren mehr „bionatural“ sein soll als eine einfache Fassreifung ist mir auch unklar – wahrscheinlich soll damit der Verzicht auf unnötige Zusatzstoffe verklärt werden, etwas, was ich als Grundlage jeder gut gemachten Spirituose aber sowieso erwarte. Das großmäulige Versprechen, den Effekt von 10 Jahren Fassreifung in wenigen Wochen zu erreichen, das in keiner Form eingehalten werden kann, kommt dazu. Die süffisante Herablassung über karibische Herstellung in Kombination mit dem Stolzsein auf achtfache Destillation (!) zeugt davon, dass man keinerlei Interesse an Rum an sich hat. Und schließlich das Gerede übers Klonen auf dem Rücketikett und das Klonschaf Dolly als Wahrzeichen – wow, die haben echt den Knall nicht gehört oder auf die Kundschaft, die Natürlichkeit fordert, und nicht Laborprodukte.

Holzfassexperten, wie die Leute von der Independent Stave Company, mit denen ich in einer Masterclass-Veranstaltung bei meiner Reise zum Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles in Plovdiv (Bulgarien) im August 2018 reden konnte, bestätigen, dass derartige Verfahren auch von den Holzprofis erforscht und mit wachem Auge verfolgt werden – für sie ist es aber in weiter Ferne, dass ein traditionelles Holzfass durch technische Verfahren bei der Reifung von Spirituosen ersetzt werden könnte. Ich stimme ihnen zu, nachdem ich den Boilerrum probiert habe. Reden wir in 10 Jahren nochmal, mit verbesserter Technik und einem sehr viel besseren Basisdestillat – in dieser Form ist das Müll und keine Werbung für das Verfahren.