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Beverly Pils, Pepper Pils, Bitter 42 Titel

Raus aus dem Pilseinerlei – Mashsee Beverly Pils, Welde Pepper Pils und Rittmayer Bitter 42

Ich will es nicht ruhen lassen, das Thema „Pils“. Der wahrscheinlich beliebteste Bierstil Deutschlands, der von sehr vielen Konsumenten dazu noch als Synonym zu Bier gesehen wird, hat mir immer schon Sorgen bereitet. Zu langweilig, zu bitter, zu aromenlos – von allen Biersorten fand ich persönlich das Pilsner als Bier, wie es nicht sein soll, ein reiner Durstlöscher, ohne Spannung. Entsprechend habe ich über das Pils an sich immer schlimm hergezogen. Dabei kannte ich, so ehrlich muss ich dann sein, praktisch nur die Fernsehpilsner, industriegetrimmt, vereinheitlicht, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Biertrinker Deutschlands gebracht und damit verflacht. Irgendwann musste selbst ich erkennen, dass ich dem Bierstil mit meiner starken Meinung, entstanden aus nur begrenztem Wissen, Unrecht tue. Und so habe ich mich auf eine Pilsreise begeben, abseits eben der großen Fernsehbiere. Mein erstes Erfolgserlebnis hatte ich dann mit dem Vier Vogel Pils – das spornte mich an, mehr von dieser Welt kennenzulernen.

Und so stehe ich heute hier und präsentiere weitere, tapsige Schritte auf meinem Weg, dem Pils endlich die Ehre zukommen zu lassen, die es eigentlich verdient. Unterstützt werde ich dabei von drei Pilsnern, wie sie unterschiedlich kaum sein könnten: dem Mashsee Beverly Pils aus Hannover, Welde Pepper Pils aus Baden und Rittmayer Bitter 42 aus Franken.

Beverly Pils, Pepper Pils, Bitter 42 Flaschen

Fangen wir einfach mal im Norden an, mit dem Mashsee Beverly Pils. Der Name ist ein Beispiel dafür, wie verspielt die modernen Craftbrauer mit ihren Produkten umgehen – kaum vorstellbar, dass ein solcher Biername auf dem Etikett einer traditionellen Brauerei erschiene. Mir geht das stellenweise aber schon etwas zu weit, solche Gags nutzen sich recht schnell ab. Die Erfahrung im Bekanntenkreis zeigt auch, dass Biere mit so „lustigen“ Namen nicht wirklich ernst genommen werden. Also Vorsicht damit!

Die Pilsner aus der Industrie sind meist filtriert und strahleklar. Das Beverly Pils sieht schonmal ganz anders aus – helles Gelbgold, naturtrüb, feinster, wolkiger Schaum, gespeist aus regelmäßige Perlage. Auch der Geruch überrascht den Fernsehbiertrinker – extrem fruchtig. Orange, Himbeeren, Kirschen, Bananen, Grapefruit. So eine Kalthopfung macht halt aus jedem Bierstil einen Obstkorb. Höchstattraktiv und gefällt mir außerordentlich – schöner als so manches Pale Ale oder IPA.

Mashsee Beverly Pils

Die Bierstile gehen heutzutage immer mehr ineinander über und verschwimmen. Die klassische, strenge Ausprägung ist oft vom Industriestandard geprägt, und davon wollen die modernen Brauer eben weg. Daher muss man sich daran gewöhnen, dass auch ein Pils mal im Antrunk sehr fruchtig nach Orange, leicht grapefruitbitter und insgesamt etwas süßer und weicher als gewohnt daherkommt. Erst im Abgang merkt man Pilscharakter, dann aber so richtig mit Wumms: Trocken, herb, bitter, dabei aromatisch dann stark zurückgenommen. Der Bitterhopfeneffekt ist es, der hier das Kommando übernimmt. So entdecken wir dann doch noch das Pils im Beverly Pils. Mit 4,7% und 30 IBU fallen wir rein zahlenmäßig nicht aus dem Rahmen. Wirklich interessant, und dieses Pils könnte für so manchen Pilsfanatiker ein Aha-Erlebnis sein, da bin ich mir sicher.

Wir machen einen Sprung nach Südwestdeutschland, nach Baden. Das dort beheimatete Welde Braukunstkeller Pepper Pils wird bei Reinheitsgebotsfanatikern für Zähneknirschen sorgen, denn es hält sich nicht daran. Statt dessen propagiert es auf dem Etikett eine andere Form der Bierregel: „Das Natürlichkeitsgebot von 2016 umfassst alle natürlichen und weitestgehend unbehandelten pflanzlichen Lebensmittel.“ Die Abgrenzung zum industriefreundlichen RHG, das alles mögliche an Chemie erlaubt, solange es nachher im Bier nicht nachweisbar ist, ist deutlich. Schmeckt man den eingesetzten, titelgebenden, nachhaltig angebauten und fair gehandeltem rosa Pfeffer? Ist das so dann noch ein Pils?

Welde Pepper Pils

Die Farbe ist erstmal sehr dunkel für ein Pils. Dazu naturtrüb. Kräftige Perlage. Dünner, aber feiner Schaum. Der Geruch ist frisch und luftig, fruchtig nach Banane, Mango, Litschi, aber auch nach Heu und Kräuterwiese. Hefe. Und ein Touch von Linseneintopf, so blöd es sich anhört. Geschmacklich kommt dann das Fruchtige nicht mehr ganz so zum tragen, sondern eine sehr blumig-kräuterige Komponente, die wahrscheinlich durch den rosa Pfeffer entsteht. Veilchen und Jasmin, sehr ungewohnt, aber auch höchstattraktiv. Dazu eine knackige Zitronensäure mit hohem Erfrischungsfaktor. Eine Grundwürze ist da, aber ich würde es keinesfalls „pfeffrig“ nennen, wie es der Hersteller auf dem Vorderetikett tut. Ein leicht schales Mundgefühl ist schon das Negativste, was ich finden kann.

Im Abgang ist das Pepper Pils zitronig-sauer, sauber, bitter und edelherb: Schön eingestellt, und dann doch pilstypisch. Eine feine Trockenheit bleibt noch eine ganze Weile, wie auch die Kräuteraromen. Ein ordentlicher Rülpsfaktor selbst nach kleinen Schlucken zeigt, dass hier ordentlich Kohlensäure eingesetzt ist. 4,8% Alkohol finden wir vor. Ah, und ich habe dem Pfeffer unrecht getan – ganz am Ende liegt doch etwas feines, hauchiges Kribbeln auf der Zunge. Sehr ansprechend: Ein Spitzenbier, sicherlich eins der interessantesten und angenehmsten, die ich bisher getrunken habe. Applaus!

Als letzte Station dieser Pilsreise machen wir in der Nähe von Nürnberg halt, wo das Rittmayer Bitter 42 hergestellt wird. Von den drei vorgestellten Bieren weist es das pilstypischste Aussehen auf: Nur minimale Trübung, blasses Gold. Sehr feiner Schaum, ebenso ausdauernd wie die starke Perlage.

Rittmayer Bitter 42

Bitterhopfen dominiert die Nase. Sehr angenehme, herbe Würze; ansonsten recht zurückhaltend. Im Mund dann eine kräftige Bittere, ohne aber in Extreme auszuschlagen (die namensgebenden 42 IBU sind dennoch schon ordentlich). Sehr klares, kantiges Geschmacksbild. Kaum Frucht oder sonstige sortenuntypischen Einschläge – wer sich immer darüber beschwert, dass modernes Bier nicht mehr nach Bier schmeckt, wird hier fündig. Das ist archetypischer Pilsgeschmack. Am Gaumen sind minimalste Fruchtaromen, aber nur so dezent, dass sie das Gesamtbild unterstützen, es nicht prägen. Sehr süffig und erfrischend bei 5,5% Alkohol.

Das Rittmayer Bitter 42 weist zum Schluss noch einen kurzen, sauberen Abgang ohne Reste oder Effekte auf. Trocken und mit erkennbarer Adstringenz. Sicherlich mit weitem Abstand das pilsigste Pils dieser Verkostungsreihe. Das ist ein perfekter Durstlöscher, von dem man gern mehr als ein Gläschen wegziehen will – und das sage ich, als ausgewiesener Pilsverächter. Naja, Ex-Pilsverächter, muss in nun sagen: Ich habe meine Meinung zu diesem Bierstil überdacht.

Für Cocktails passte ein Pils aber für mich schon immer ideal – genau das, was ich sonst am Pils ablehnte, macht es ideal als Cocktailzutat – oder als Filler in einem Longdrink. Beim Sexy Tequila Beer haben wir eine Mischform: es handelt sich praktisch um einen fertigen Cocktail, der dann aber noch mit Bier aufgegossen wird. „Aufgießen“ ist dabei immer nicht ganz wörtlich zu nehmen, wenn man ein Halbliterglas dafür hernimmt, bleibt vom Tequila geschmacklich nicht viel übrig. Daher empfehle ich hier ein 1:1-Verhältnis aus Cocktailbasis und Bier. Das ist dann im Ergebnis gar kein Vergleich zu den industriellen Mixgetränken wie Desperados.

Sexy Tequila Beer


Sexy Tequila Beer
1 oz Tequila Blanco (z.B. Olmeca Altos Plata)
1 oz Orangensaft
1 oz Limettensaft
½ oz Orangenlikör (z.B. Grand Marnier Cordon Jaune)
1 TL Agavendicksaft
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit…
hellem Bier (z.B. Rittmayer Bitter 42)
In einem Glas mit gemischter Zucker-Salz-Kruste servieren.
[Rezept nach unbekannt]


„Die endgültige Antwort auf die Frage nach dem wahren Pils“ steht selbstbewusst auf dem Etikett des Rittmayerschen Pilses. Natürlich muss man hier abwägen, was man von einem Pils erwartet, um die Frage für sich persönlich zu beantworten – wer es gern traditionell, klassisch, stiltypisch und unaufgeregt hat, für den ist das Rittmayer Bitter 42 das richtige. Wer eigentlich eh lieber ein Pale Ale statt einem Pils trinkt, greift zum Mashsee Beverly Pils. Und wer experimentierfreudig ist, und sich bei jedem Schluck überraschen lassen möchte, ist beim Pepper Pils am besten aufgehoben.

Für jeden etwas – die moderne Craft-Pilswelt ist eine vielgestaltige, spannende, die sehr deutlich aufzeigt, wie sehr vereinheitlicht dieser Stil durch die Bierindustrie inzwischen leider wurde. Wer sich dann abseits der Fernsehpilsner umschaut, findet viele unterschiedliche Interpretationen, bei denen Pilsfreunde viel erleben können, ohne ihren Lieblingsstil verlassen zu müssen. Wer da immer nur bei seinem Industriepils bleibt, verpasst sehr viel.

Vier Vogel Pils Titel

Wer trinkt schon Pils – Vier Vogel Pils

Wer mich kennt, weiß, dass ich gern Bier trinke. Wer mich näher kennt, weiß, dass ich praktisch jeden Bierstil gern mag, bis auf einen: Das Bier nach Pilsner Brauart. Zu meinem Unglück lebe ich dann auch noch in einem Bundesland, das dermaßen auf Pils getrimmt ist, dass andere Bierstile kaum eine Chance haben – selbst das sonst überall beliebte Hefeweizen muss hart ums Überleben kämpfen gegen die saarländische Karlsberg-Urpils-Monopolgewalt. Wer hier in Saarbrücken ein „Bier“ bestellt, bekommt automatisch ein Urpils vorgesetzt; wer fragt: „Was haben Sie denn sonst so für Biersorten?“ bekommt Blicke zwischen ungläubig, unwissend und unwirsch zurück. Zum Glück lebe ich nicht in Zeiten, in denen man dieses örtliche Grauen tatsächlich trinken muss, sondern vernünftiges Bier online bestellen kann, denn lokale Getränkemärkte hier im Saarland sind kein gutes Pflaster für Nonkonformisten.

Saarländischer Getränkemarkt mit Urpils

Man sieht, ich bin kein Pilsfreund. Nun muss ich mir aber die Frage gefallen lassen – warum eigentlich? Liegt es am Bierstil, an der Aromatik? Oder ist es vielleicht einfach so, dass ich das spezielle Pils hier vor Ort einfach nicht ausstehen kann? Dann wäre ich ja kein Pilshasser, sondern einfach nur ein Urpilshasser! Mit letzterem könnte ich deutlich besser leben als mit ersterem. Daher habe ich mir zum Selbsttest einige Nichtindustrie-Pilsener zugelegt, mit denen ich hoffe, diese Frage zu klären. Das erste auf der Bucket-Pilsliste ist das Dresdener Vier Vogel Pils.

Vier Vogel Pils Flasche

Bei mir braucht kein Pils 7 Minuten, bis es fertig im Glas ist. Während andere warten, kann ich schonmal die blasse, naturtrübe Farbe begutachten, mit dem beinahe leichten Grünstich – das ist schonmal besonders. Kräftiger Schaum und starke und lang anhaltende Perlage erwarte ich mir von einem Pils, und bekomme ich hier auch.

Damit hat es sich aber auch schon mit den Ähnlichkeiten zu den Industriepilsnern, die ich bisher kannte. Ich rieche Hefe, Grapefruit, ein ungewohnt aromatisch Bild für ein Pils – sehr ansprechend; mir wird immer klarer, dass ich vielleicht bisher einfach nur die falschen Pilsner getrunken hatte. Eine leichte Plastikfehlnote ist ein kleiner Wermutstropfen im ansonsten runden Geruchsprofil.

Der Bierstil bringt es mit sich, dass mehr Wert auf Frische und Klarheit gelegt wird als auf ausgefallene Aromatik. Das Vier Vogel Pils ist deutlich säuerlich und leicht fruchtig mit Zitronenanklängen. Besonders gefällt mir der Rülpsfaktor: dieses Bier ist sehr rezent mit ausgesprochen viel Kohlensäure, und deswegen, wenn gut gekühlt, herrlich erfrischend. Insgesamt wirkt es trotz 5,0% leicht und unbeschwert, eventuell auch dank der punktgenauen Bittere bei 25 IBU.

Vier Vogel Pils Glas

Dann kommt auch schon der mittellange Abgang, bei dem sich die Bittere weiter ausprägt. Doch bis zum Schluss bleiben auch zitronige Noten am Gaumen. Ehrlich gesagt – ich bin äußerst positiv überrascht und sehe Pils nun erstmal mit anderen Augen. Das leichte Vier Vogel Pils ist dennoch ein Grenzgänger, was Pils angeht – es touchiert sensorisch fast schon ein Pale Ale, aber auch eine Weiße, von der Säuerlichkeit her. Sehr spannend und faszinierend: Werde ich öfters trinken.

Auch in Cocktails macht das Bier einen guten Eindruck. Einerseits ist es nicht aromatisch überwältigend und lässt dezenten Zutaten wie Tequila auch eine Chance, andererseits ist es von seiner Frische und Kohlensäurehaltigkeit ideal geeignet, um einen säuerlich-sprudeligen Bums in einen Cocktail zu bringen. El Romero, der seinen Namen nicht vom Zombiefilmregisseur, sondern vom spanischen Namen des Rosmarins herleitet, ist ein Beweis dafür.

El Romero


El Romero
1 oz Tequila Reposado (z.B. Sparkle Donkey Reposado)
½ oz Zitronensaft
½ oz Rosmarin-Sirup
3 Tropfen Habanero-Tinktur*
2 Spritzer The Bitter Truth Celery Bitters
1 Prise Salz
…alles shaken, dann ordentlich aufgießen mit…
Pils (z.B. Vier Vogel Pils)
…und garnieren mit einem Rosmarinzweig.
[Rezept leicht adaptiert nach Solomon Siegel]


Neben dem Inhalt gefällt mir auch die Aufmachung der Standard-Longneckflasche: Das Etikett sehr spartanisch, aber gelungen, mit der auf alt getrimmten Illustration, die aus einem alten Ornithologiebestimmungsbuch zu kommen scheint, dazu die „vier Vögel“ (die Portraits der Braumeister) als Zeichnungen. Auch auf der Rückseite findet sich sehr wenig Text, eine kurze Zutatenliste, dazu das Leitmotto des Herstellers, „con mucho cariño“, das auf die Entstehungsgeschichte und die Bieridee in Kolumbien hinweist (nachzulesen auf der Homepage des Herstellers). Auf die dämlichen „Heute schon gevogelt?“- und „Hossa“-Sprüche könnte ich allerdings verzichten; das ist schon etwas spätpubertär. Dies scheint aber nicht auf allen Flaschen abgedruckt zu sein.

Man bekommt mit dem Vier Vogel Pils ein Bier, das sich doch deutlich von den großen Industriepilsnern absetzt, und zwar im Positiven. Ab sofort braucht man mir mit dem bereits angesprochenen Urpils nicht mehr zu kommen, ebensowenig mit den Neutralbieren von Warsteiner oder Bitburger, gleichzeitig muss ich aber nicht mehr auf den Bierstil per se verzichten. Ich bin nun noch mehr gespannt auf die anderen Pilsner, die ich schon im Regal vorkühle.