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Arrogant Bastard Ale Titel

Kurz und bündig – Stone Brewing Arrogant Bastard Ale

Amerikanisches Bier hat das Image des geschmacksneutralen Sprudelwassers abgelegt, es ist in manchen Belangen dem deutschen Bier, seinem Vorbild, klar enteilt. Die Welle der Begeisterung für modernes Bier, das sich vom Fernsehwerbungsbiereinerlei, das Deutschland immer noch flächig beherrscht, schwappt nun zurück über den großen Teich: Stone Brewing hat vor einiger Zeit eine Brauerei und Abfüllanlage in Berlin gebaut und braut dort die klassischen Biere für den deutschen Markt nach, die den Hersteller in den USA so groß gemacht haben. Das vielleicht präsenteste Beispiel dafür ist das Stone Brewing Arrogant Bastard Ale, obergärig, mit ordentlichen 7,2% Alkoholgehalt abgefüllt in eine auffallend gestaltete Halbliterdose.

Stone Brewing Arrogant Bastard Ale

Die Farbe ist ein vergleichsweise unspektakuläres, dumpfes Braun. Ich mag diese Farbe an Bieren nicht, das ist aber eine persönliche Marotte. Schöne orangegoldene Reflexe hellen das triste Braun immerhin etwas auf. Der cremefarbene Schaum ist fein und langlebig. Der Geruch wabert schwer und malzig, mit leichter Auflockerung durch hopfige Fruchtnoten: Ananas und Mango, würde ich sagen. Aber auch eine würzige Komponente, nach Ketchup und BBQ-Sauce. Dazu minimaler Rauch, eine sehr attraktive Kombination.

Im Mundgefühl kommt der arrogante Bastard zunächst weich und fluffig daher, doch sonst ist nichts weich an diesem Bier: würzig, sehr bitter, stark malzig, nur leicht hopfig. Grapefruit. Holz. Röstaromen, gemahlener Kaffee, schwarze Schokolade. Im Abgang steigert sich das noch, dieser wird sehr salzig, mit Eindrücken von Lakritz, Sojasauce und Rauch. Sehr trocken und bitter. Mehr ein Effekt und Gefühl als ein Geschmack von Grapefruit bleibt lange am Gaumen.

Man merkt, das gefällt mir ausgesprochen – es könnte ganz sicher eines meiner Lieblingsbiere werden. Ein hartes, unkompromissloses Bier, wie das Etikett schon ankündigt: wer auf deftig-bitteres Zeug steht, kommt hier auf seine Kosten. So brutal, wie Etikett und Illustration andeuten, ist es dann aber ehrlicherweise doch nicht, also keine Angst, hier werden keine Gaumen verätzt oder Geschmacksnerven abgebrannt.

Die Aufmachung ist natürlich alles Attitüde. Ich bin mir nicht sicher, dass mir das wirklich gefällt, denn das Bier hat es nicht nötig. „You’re not worthy“ lockt dann genau eben die an, die es eben nicht zu würdigen wissen, die nur darauf aus sind, sich vor anderen zu beweisen. Der Dämon allerdings gefällt mir; er erinnert mich ein bisschen an den Troll Grimmzahn (Grimtooth im Original), der mit seinen Fallen die eine oder andere Rollenspielsession im Chaos enden ließ (wer erinnert sich?). Der Illustrations-Stil weckt diese Reminiszenzen an den Zeichner Paul Bonner und frühe Rollenspiel-Tage. Allein das ist das regelmäßige Trinken des Arrogant Bastard Ales für mich schon wert.

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St. Bernardus Sortiment Titel

Säkularbier mit Klosternamen – St. Bernardus Pater 6, Prior 8 und Abt 12

Regelungen, Regelungen, Regelungen. Ich weiß nicht, ob ich der einzige Spirituosenblogger bin, der sich damit wirklich auseinandersetzt, aber ich merke in letzter Zeit, dass die Recherche für manche Produktgruppen schnell in den Graubereich von gesetzlichen Vorschriften führt, die zu interpretieren sind, die kaum durchgesetzt werden, die dem Nichtfachmann in den allermeisten Fällen nichteinmal bekannt sind.

Und selbst, wenn man denkt, man hätte alles nun grob gesehen, finden sich neue Sätze von Legislaturen, die man kaum für möglich gehalten hätte. In diesem Fall hier geht es um belgisches Bier. Jenes ist ja nun wirklich nicht bekannt für seine Regelungswut, im Gegenteil, es ist ein sehr lebendiges, freies Medium, in dem Brauer ihre Meinung ausdrücken können, ohne befürchten zu müssen, von einem erzkonservativen Reinheitsgebotsstaat an der Ausübung ihrer Berufsfreiheit gebremst oder gar gehindert zu werden. Dennoch gibt es für manche Bierstile ein paar Schutzmechanismen – darüber bin ich bei der Hintergrundinformationssuche für das St. Bernardus Pater 6, Prior 8 und Abt 12 gestolpert.

Die Stilbezeichnung auf dem Etikett ist „Abbey Ale“, also Klosterbier. Da man die Tradition der belgischen Kloster- und Ordensbiere schützen will, dürfen nur ausgewählte, tatsächliche Trappistenkloster das begehrte „Trappistenbier“ herstellen, beziehungsweise besser gesagt, für ihre Produkte diese Bezeichnung tragen – das legt der belgische Brauerbund fest. Darunter gibt es eine Gruppe von Klöstern und klosterähnlichen Orten, die „zertifizierte Klosterbiere“ brauen und als solche auf den Markt bringen dürfen. Schließlich gibt es am Ende dieser Kette dann noch nicht-zertifzierte „Klosterbiere“, zu denen die Biere von St. Bernardus gehören – zu beachten ist dabei eben, dass St. Bernardus kein Kloster ist, sondern eine einfache säkulare Brauerei. Daher ist das für mich eine spannende Sache, bei der es allerdings mehr um Namens- und Verkehrsbezeichnungsrechte geht, als um den Inhalt der Flaschen, die den entsprechenden Aufdruck tragen. Probieren wir uns durch ein Teilsortiment der Brauerei  im belgischen Watou, die als, salopp gesprochen, kommerzielles Spin-Off der Trappistenbrauerei St. Sixtus Bier herstellt, weil letztere ihre Produktion nicht mehr an die Öffentlichkeit herausgeben wollte.

St. Bernardus Sortiment Flaschen

Wir fangen auf der niedersten Stufe der Klosterhierarchie der Brauerei St. Bernardus an – dem Pater 6. Die Zutatenliste auf der Rückseite weist Zucker auf, aber bevor die Fanatiker des deutschen Reinheitsgebots wieder abschätzig abwinken, dieser dient natürlich der Methode der Flaschengärung und ist deswegen im Endprodukt nur noch in Spuren, wenn überhaupt, vorhanden – die Hefen haben ihn weggefressen und statt dessen 6,7% Alkohol hinterlassen.

Diese Flaschengärung ist wahrscheinlich auch der Verantwortliche für die kräftige Schaumentwicklung beim Eingießen – das beobachtet man bei vielen derart hergestellten Bieren. Der üppige Schaum ist farblich dunkles Elfenbein und besteht aus einer schönen Mischung aus großen und kleinen Blasen, und ist sehr langlebig. Das Bier selbst ist sehr dunkelbraun, mit leicht rötlichen Reflexen. Perlage? Fehlanzeige.

St. Bernardus Pater 6

Beim Geruch ist mein erster Eindruck: Ahoj-Brause, Waldmeister-Geschmack. Sehr verblüffend. Leicht metallisch, malzig und zitronig. Die errochene Säure ist auch im Geschmack präsent. Ich gebe zu, ich hatte ein süßliches Dubbel erwartet; hier bekommt man ein eher mildsauer-würziges Bier. Ich bestehe darauf – es hat etwas Waldmeister-Anklänge, dazu Brause und Zitrone. Die Säure gleicht den Mangel an Rezenz aus. Das ganze wird durch eine hintergründige, milde und dezente Süße in Zaum gehalten. Malzwürze gibt dem ganzen Körper und Power. Im mittellangen Abgang ist es kräftig-würzig, trocken und mildbitter. Die Säure schießt nun etwas vor.

Insgesamt ein für mich unerwartetes Geschmacksbild, das mir aber sehr zusagt. Tatsächlich etwas, von dem ich sicher bin, mir noch ein paar Fläschchen zuzulegen – dankenswerterweise ist St. Bernardus ein Stammgast im Bierregal des französischen Supermarkts direkt bei mir um die Ecke. Dort stammt natürlich auch der Vorgesetzte des Paters, der Prior 8, her. Wird die Zahl im Namen von den 8% Alkoholgehalt abgeleitet? Man könnte es vermuten.

St. Bernardus Prior 8

Rein optisch haben wir ein Déja-Vu. Dunkles Braun, blickdicht, kaum Perlage. Mir ist beim Öffnen die Flasche direkt übergelaufen, und wollte gar nicht mehr aufhören zu schäumen. Vorsicht daher! Flaschengärungsbiere sind da etwas empfindlich. Am Ende bleibt ein dünnes Schaumtonsürchen in Cremefarbe.

Der Geruch erinnert an Zitronat, auch hier Brausepulver, dunkles Malz. Mildsauer. Im initialen Mundgefühl ist der Prior cremig, aber nicht wirklich süß. Zitronig, und mit zunehmender Aufenthaltsdauer im Mund immer saurer. Limettensaft. Erkennbar saurer als das Pater 6 – oder vielleicht besser gesagt, weniger süß. Das ist wahrscheinlich auch der Hauptunterschied zum Vorgänger, neben dem erhöhten Alkoholgehalt natürlich. Auch hier findet man wenig Rezenz, die man aufgrund der Säure aber auch nicht vermisst. Leichter, heller, fast schon dünner Körper. Im Abgang fühle ich Grapefruit, kräftiger werdende Säure und Bittere. Mittellang, Brauseschaumeffekte am Gaumen. Trocken und adstringierend.

Wer jetzt damit gerechnet hat, dass der Abt 12 der angedeuteten Korrelation zwischen Namen und Volumenprozenten dann eben mit zwölf Prozent Alkoholgehalt daherkommt, hat sich getäuscht – 10% sind es, diese reichen aber auch völlig aus. Der Abt ist der höchste Rang in der klösterlichen Mönchshierarchie, ist es das entsprechende Bier auch das höchste der Biergefühle?

St. Bernardus Abt 12

Farblich sind wir nun schon eine erkennbare Stufe dunkler. Die Schaumentwicklung beim Eingießen ist erneut enorm. Nach einer kurzen Ziehphase bleibt ein sehr feiner, beigener Flaum auf dem Bier erstaunlich lang lebendig. Geruchlich hat sich nur wenig geändert. Die Brause ist nicht mehr ganz so stark präsent, aber immer noch erschnupperbar. Zitrone, ein leichter Metallton und eine würzige Malznote sind bei dieser Ausprägung des St. Bernardus mehr im Vordergrund.

Und auch im Mund erleben wir eine Abwechslung – wieder cremig, dafür aber bei weitem nicht so sauer wie die zwei Subordinierten des Abts. Das ist deutlich süßer, malziger, milder als Pater und Prior, und auch körpervoller und dichter als diese. Das Amt bringt es mit sich – das Abt 12 ist das deutlich gehaltvollste der drei Biere, schwer und kräftig, ohne sich dabei dann aber völlig von der Säure zu lösen. Insgesamt wirkt es aber dennoch etwas lasch, schal und wenig spannend. Der Abgang ist lang, adstringierend und sauer, mit einem deutlichen Metallton. Die auf dem Etikett angegebene Trinktemperatur von 10-12° halte ich persönlich für viel zu niedrig – fast Zimmertemperatur ist so einem Bier durchaus angemessen.

Alle drei Biere wissen durchaus zu gefallen und sind für jeden Freund belgischen Biers einen Versuch wert. Ich persönlich greife gern öfters zu, gerade, weil ich säuerliche Biere sehr mag, und die Mönchsbiere von St. Bernardus mir daher entgegenkommen. Nun will ich aber meinen Sermon beenden und beschließe die Predigt mit einem Schluck aus der Bierpulle. Amen!

Maisel & Friends Stefan's Indian Ale Titel

Der verflixte vierzehnte Buchstabe – Maisel & Friends Stefan’s Indian Ale

Wer „Name“ und „nämlich“ mit „H“ schreibt ist dämlich. Das ist eine der Eselsbrücken, die ich in der Schule sehr früh gelernt habe. Die meisten anderen der deutschen Sprache Kundigen wahrscheinlich auch – und dennoch sieht man immer wieder „nähmlich“ irgendwo stehen. Ich gebe zu, ich bin ein Orthografaschist, mir springen viele Schreibfehler geradezu ins Gesicht (ich hoffe, auf meinem Blog halten sich diese in Grenzen – eigene Fehler sieht man nicht so gut wie fremde). Manche sind da wahrscheinlich entspannt; mich reißt ein solcher Fehler immer recht schnell aus dem Lesefluss. Und während ich bei einem Fließtext in Prosa noch relativ – zugegebenermaßen aber leicht herablassend – gnädig bin, darf so etwas unprofessionelles bei Produktnamen oder -beschreibung natürlich niemals passieren, ganz besonders nicht, wenn diese eh nur aus wenigen Wörtern bestehen.

Es ist einer der beliebtesten Fehler, die man in der Bierwelt findet, und für den es leider keine Eselsbrücke gibt: Ein IPA ist kein „Indian Pale Ale“, sondern ein „India Pale Ale“. Das Bier, das Brauer Stefan Sattran bei Maisel & Friends eingebraut hat, scheint auf den ersten Blick genau diesem Fehler aufgesessen zu sein – doch bei genauerem Hinsehen ist es dann wohl doch Absicht, den 14. Buchstaben unseres Alphabets ans Ende des ersten Worts des Namens dieses Biers zu stellen. Die Verwirrung ist damit nicht komplett zu Ende – das Maisel & Friends Stefan’s Indian Ale ist je nach Lesart der Angaben auf der Homepage des Herstellers eine „Interpretation eines India Pale Ales“, oder „inspiriert von englischem Pale Ale“. Nun, finden wir selber heraus, was es nun ist!

Maisel & Friends Stefan's Indian Ale Flasche

Direkt beim Öffnen des Kronkorkens verströmt sich schon ein sehr angenehmer Duft nach Herbst. Banane, Erdbeeren mit Sahne, Milch, Milchschokolade, Karamell, Vanille. Aber auch etwas brotig. Außergewöhnlich und sehr attraktiv. Als sehr trübes Safran, mit vielen Schwebeteilchen, gießt sich das Bier dann ins Glas. Leichte, feine Perlage besorgt den dichten, festen Schaum, und eine dünne Schaumkrone bleibt für ein Ale, das man meist als wenigbeschaumt kennt, vergleichsweise lang auf dem Bier.

Der erste Geschmackseindruck ist dann „Zitrone“. Überraschende Säure, besonders nach diesem eher süßen Geruchsbild. Tatsächlich ist das Stefan’s Indian Ale im Antrunk nur wenig süß, dafür, wie auf dem Rücketikett erwähnt, auch recht blumig und vielleicht sogar etwas grasig, nach Heu. Fruchtmarmelade – und im Verlauf kommt dann eine wuchtige, schwere Süße doch plötzlich zum Vorschein, zusammen mit einem überragend cremigen, dichten Mundgefühl. Erkennbar bitter im Abgang, bei 40 IBU kein Wunder, und stark adstringierend mit Noten von Grapefruit.

Maisel & Friends Stefan's Indian Ale Glas

Mir gefällt der extrem lange Nachhall mit im Mund und am Gaumen verbleibenden, sehr aktiven Hopfenaromen: selbst 10 Minuten nach dem letzten Schluck ist noch ordentlich Aroma im Mund. Zu guter letzt kommen nochmal die heuigen, grasigen Komponenten ganz stark in den Vordergrund und sorgen für einen sehr würzig-kräuterigen Ausklang.

Kommen wir zurück zur Frage – IPA oder Pale Ale? Persönlich tendiere ich eher zu ersterem, mit leichten Einschlägen zu letzterem. Zwar wirkt das Maisel & Friends Stefan’s Indian Ale genauso bitter, dann aber nicht so aggressiv wie ein IPA, irgendetwas mildert und spült die Kanten weich. Ein außergewöhnliches, hervorragendes Bier, eines, das meinem Geschmack sehr entgegenkommt. Die Zahlen dazu: 7,3% Alkoholgehalt, gekauft in 750ml Abfüllgröße für rund 5€.

Maisel & Friends Stefan's Indian Ale Glas Schwebeteilchen

Man sieht auf dem Detailfoto, wenn man genau hinschaut, die Schwebeteilchen. Diese setzen sich nach längerer Lagerzeit natürlich am Boden der Flasche ab; wer auf diese Trübungsstoffe verzichten will, sollte daher beim Eingießen vorsichtig sein. Persönlich würde ich sie aber nicht außen vor lassen wollen.

Bei einer 750ml-Flasche ist es recht wahrscheinlich, dass man nicht den kompletten Inhalt in einer Trinksitzung wegziehen kann oder will. Was macht man mit dem Rest, der in der Flasche übrig bleibt, wenn man seinen Bierdurst gestillt hat? Ganz klar – einen Biercocktail. Perfekt passt das Stefan’s Indian Ale in eine Abwandlung eines uralten Tequila-Klassikers, den IPA Sunrise. Fruchtig, grasig, erfrischend und süß, das ist ein Genuss, für den man sich nach dem Resteaufbrauchen garantiert in naher Zukunft die nächste Flasche Bier allein dafür öffnen wird.

IPA Sunrise


IPA Sunrise
1½ oz Tequila Blanco (z.B. Agavita Platinum)
1½ oz Orangensaft
2 Teelöffel Agavendicksaft
mit 6 oz IPA (z.B. Maisel & Friends Stefan’s Indian Ale) aufgießen
…und mit 1 Spritzer Amaro (z.B. Villa Rillago Amaro) verzieren


Maisel & Friends gehört mit der Rückendeckung des traditionellen Betriebs im Hintergrund zu einem der gewichtigeren Player im deutschen Craftbier-Markt. Dem einen oder anderen Craft-Fanatiker ist das bereits zu industrienah, zu groß, zu professionalisiert, um noch wirklich in der Nische des Craftbereichs anerkannt zu werden; letztlich geht es aber um die Qualität, nicht um irgendeine Zuordnung in einen Bereich. Persönlich habe ich nur gute Erfahrungen mit dem Bier dieses Herstellers gemacht. Das eine oder andere Produkt traf vielleicht nicht so ganz meinen Geschmack – dafür gab es dann immer einen Ausgleich in Form von ganz hervorragenden anderen Bieren. Und das Stefan’s Indian Ale ist dann für mich persönlich durchaus eine Perle im Sortiment von Maisel & Friends.

Rügener Insel-Brauerei Seepferd Titel

Hopphopphopp, Seepferdchen lauf Gallopp – Rügener Insel-Brauerei Seepferd

Die Strategie, wie man ein Bier an den Mann bringt, wird heutzutage immer wichtiger. Mit den langweiligen Mitteln, die die Biergroßindustrie seit Jahrzehnten sehr erfolgreich und höchstrepetitiv anwendet – man präsentiert lustige, fröhliche, coole und sympathische Leute, die das eisgekühlte Bier bewundernd anschauen, nachdem sie einen Schluck gezogen haben – braucht man dem wahren Bierkenner nicht zu kommen, im Gegenteil. Der Craftbierfreund wird durch übermäßige Werbung und ein künstlich von einer Agentur erzeugtes Image eher abgeschreckt. Klein aber fein ist das Motto der Stunde, spartanisch aufgemacht, ohne Siegeletiketten mit Blattgold, ohne Fernsehwerbespots, ohne aufdringliche Attitüde: Das Bier soll für sich sprechen.

Dann gibt es aber auch die kleineren Hersteller, die dann doch wollen, dass nicht nur das Bier was hermacht, sondern auch die Verpackung; etwas, das die Rügener Insel-Brauerei meiner Meinung nach sehr gut macht. Oft wird Marketing mit Trickserei und Rosstäuscherei gleichgesetzt, aber das liegt nur daran, dass viele das Marketing missbrauchen, um ihre minderwertigen Produkte in ein positives Licht zu rücken. Bei der Insel-Brauerei dient das Produktmarketing tatsächlich als Plattform, um zu erklären, was sie tun, wie sie es tun und warum – ein Beispiel dafür sind die vorbildlichen, großformatigen Aushänge, die der Brauer seinen Händlern zur Verfügung stellt.

Insel-Brauerei Sortiment Aushänge

Der Braumeister der Rügener Insel-Brauerei, Markus Berberich, war 16 Jahre Geschäftsführer von Störtebeker (siehe Meiningers Craft 02/2016, das einen spannenden Artikel über Beginne und Zukunft dieser Kleinbrauerei präsentiert); das Unternehmen, das sich zumindest in meiner Region so plötzlich von heute auf morgen stark plakativ in Supermärkten präsentierte, ist also kein Startup eines Spinners, sondern eines erfahrenen Branchenkenners. 12 Biere bietet die maritime Brauerei zur Zeit an, unterschiedlichste Bierstile, vom Dubbel über ein Stout bis zum Saison ist alles im Angebot, was das Bierfreundeherz erfreut.

Für die heutige Verkostung habe ich mir eines der ungewöhnlicheren Biere aus dem Sortiment gefischt. Das Rügener Insel-Brauerei Seepferd.

Rügener Insel-Brauerei Seepferd Flasche

Farblich ist das Meeresross klar und glänzend, keinerlei Trübung. Darauf zu achten fällt aber erstmal schwer, denn die sehr extreme Schaumbildung beim Eingießen erfordert alles an Konzentration – Vorsicht ist geboten. Dieser Schaum ist großblasig und volatil, sobald die starke Perlage, die wahrscheinlich durch die Flaschengärung bedingt ist, etwas nachlässt, sinkt er gemächlich in sich zusammen.

Ist die Farbe noch kein Indikator für das folgende, so macht der Geruch bereits Appetit auf mehr: Erkennbar säuerlich, zitronig, Fruchtsäure wie bei einer Berliner Weissen mit einem Schuss Waldmeister. Wenn ich einen leichten Anklang von Reinigungsmitteln erwähne, hört sich das vielleicht unangenehmer an, als es ist.

Auf jeden Fall bekommt man Lust, vom Seepferd zu trinken. Und, so leid es mir tut, den Pessimisten in mir zu enttäuschen, das Warten während des Schaumabbaus hat sich gelohnt: Sehr zitronig und säuerlich. Schon beim Meerjungfrau desselben Brauers hatte ich Essignoten ausgemacht; diese finde ich auch im Seepferd wieder, aber im Gegensatz zu seinem fischweiblichen Gegenpart nicht ganz so extrem. Hier ist noch klarer Biercharakter vorhanden, den ich beim Meerjungfrau etwas vermisste. Ergänzt wird das Bild durch einen sehr würzigen Beigeschmack, der besonders im Abgang hervorkommt: Herrlich nach kräftigem Malz und vollwürziger Gerste. Trocken und leicht bitter – ein wirklich außergewöhnlich leckerer Abgang. Fantastisch erfrischend und süffig, das trinkt sich erstklassig.

Rügener Insel-Brauerei Seepferd Schaum Rügener Insel-Brauerei Seepferd Glas

Die Bezeichnung „wildsauer“, die sich auf dem Etikett findet, ist durchaus passend. Als Bierstil wird „Sour Ale“ angegeben, was den Charakter gut wiedergibt, allerdings eher eine Stilfamilie als ein Stil ist. Wer ein vergleichbares Bier erwähnt haben möchte: Es erinnert deutlich an Berliner Weisse oder Gueuze. Mit 5,5% Alkohol muss man bei der guten Trinkbarkeit und dem Erfrischungspotenzial sehr aufpassen, dass man sich nicht beim Wegziehen übernimmt.

Pur getrunken erfreut mich das Seepferd sehr; auch als Cocktailzutat macht es was her. Die körpervolle Säure hat so einiges zu bieten. Ein wirklich sehr passender Cocktail für dieses Bier ist der (zugegebenermaßen etwas fantasielos benamte) The Unnamed. Er zeigt zwei Dinge: Wie lecker die Kombination von Whiskey und Bier ist, und wie schön eine Schichtung im Glas aussieht, besonders wenn man das Glas etwas bewegt und die Schichten dann gegeneinander wabern.

The Unnamed


The Unnamed
1 oz Rye Whiskey (z.B. 1776 Rye)
1 oz Kirschlikör (z.B. Cherry Heering)
1 oz Holunderlikör (z.B. The Bitter Truth Elderflower Liqueur)
¾ oz Zitronensaft

mit hellem Bier (z.B. Rügener Insel-Brauerei Seepferd) aufgießen
2 Spritzer Grenadine
[Rezept nach unbekannt]


Eine schöne Sache ist, wenn man Bier in unterschiedlichen Dosierungsgrößen kaufen kann. Die Insel-Brauerei bietet für Ausprobierer die kleine Flasche mit 330ml an, und für Leute mit besonders schlimmem Durst die große Flasche mit 750ml. Da die große Flasche bei meinen Einkäufen immer genau doppelt so viel kostete wie die kleine, bekommt man mit der größeren Flasche also ca. 90ml obendrauf. Das Design ist aber identisch, auf der großen Flasche haben die schönen Etikettenillustrationen einfach ein wenig mehr Raum zur Entfaltung.

Insel-Brauerei Rügen Seepferd große Flasche

Die Biere der Insel-Brauerei Rügen sind sehr unterschiedlich von Stil und Geschmack. Nachdem ich nun eine größere Anzahl durchprobiert habe, kann ich sagen, dass mir das Seepferd (und, wenn man mutig ist, die Meerjungfrau) klar am besten gefällt – es ist unkonventionell, erfrischend und überraschend und sichert sich so einen Platz in den Top 5 meiner Lieblingsbiere. Solange es die Rügener Biere in meinem Supermarkt zu kaufen gibt, werde ich immer mindestens eine Flasche des Seepferds in meinem Bierregal vorhalten, denn gerade im schwülwarmen Sommer ist so ein wildsaures Bier eine Wohltat und ein Genuss.

Robinsons Old Tom with Chocolate Titel

Skandal: Schokoladenrückstände im Bier! Robinsons Old Tom Strong Ale With Chocolate

Das Lebensmittelgesetz im föderalen Deutschland bringt immer wieder die eine oder andere Perle zum Vorschein. Das seltsamste, was ich aber seit langem gehört hatte, war die Geschichte um das Milk Stout des bayerischen Craftbrauers Camba Bavaria. Milk Stout ist ein Bier, das, wie der Name schon andeutet, ein milchzuckerhaltiges Gemisch (aber keine Milch!) enthält; dieses kleine Detail stürzte die Brauer in die tiefste Hölle der bayerischen, berlinerischen und restdeutschen Beamtei, dass am Ende der schlimmste aller Ausgänge für die innovative Brauerei erfolgte: Das Camba Milk Stout musste ausgegossen, vernichtet werden. Man lese die Geschichte hinter dem obigen Link in Ruhe mal durch, um sich dann ob dieser Beamtiade genüsslich ans Hirn zu klatschen. Es ist aber nicht die erste absurde Bierposse in Deutschland: 2011 mussten Thomas Henry ihr Ginger Beer umbenennen, um dem Namensrecht des sakrosankten deutschen Biers zu genügen.

Dabei gibt es doch soviele Biere, die Zusatzstoffe enthalten, die auch wie beim Camba klar deklariert sind, und einem Bierfreund schon aufgrund der (zugegebenermaßen meist außerdeutschen) Tradition zumindest dem Namen nach bekannt sind; man hofft, dass nicht der Rest der Welt am bayerischen „was-ich-nicht-kenne-gibt-es-nicht“-Wesen genesen muss, sondern ich weiterhin auch exotische Kombination trinken kann, wie das Robinsons Old Tom Strong Ale With Chocolate, in dem sich Kakao und Vanille mit Bier vereinen.

Robinsons Old Tom with Chocolate Flasche

Es ist manchmal der erste Eindruck, der zählt, und hier kann die erste Flasche, die ich erwarb, überhaupt nicht punkten. Eine sehr unattraktive Ausflockung störte mich schon ganz enorm – lag es daran, dass sich das Bier dem auf dem Zusatzetikett angegebenen Mindesthaltbarkeitsdatum näherte? Doch selbst dann darf sich das Bier eigentlich nicht so verhalten. Ich kann mir das nur so erklären, dass diese Flasche beim Händler lange falsch gelagert wurde, so dass sich die Kakao- und Hefebestandteile am Boden fest absetzten. Durch das Bewegen der Flasche beim Kauf löste sich dieser feste Bodensatz dann und, statt sich wieder komplett aufzulösen, blieb er in festen, kleinen Bröckchen.

Ich habe schon kleine Hefeflocken in anderen Bieren gesehen, aber noch nie so extrem – das wollte ich Euch dann doch nicht vorenthalten.

Robinsons Old Tom with Chocolate Ausflockung

Flugs eine neue gekauft – und da sieht das ganze gleich anders aus. Statt der hässlichen Schwebeteiltrübung bekommt man eine attraktive transparente, tiefbraune Flüssigkeit fast ganz ohne Schaum.

Sie weist einen etwas fruchtigen und sehr vanilligen Geruch auf, nach Toffee. Es ist interessant, dass der Geschmack zwischen der ausgeflockten Flasche und einer unausgeflockten sehr unterschiedlich ist. Das geflockte Bier schmeckte sehr oberflächlich süß, hatte dabei einen sauren Charakter, was so überhaupt nicht zusammenpasste. Die Flasche, die in Ordnung war, enthielt dagegen ein Bier, in dem der Schokoladencharakter sehr viel mehr zurückgenommen wirkte, nicht ganz so süß, dabei aber dennoch ähnlich schokoladig, eigentlich eher sogar mehr nach dem dunklen, kräftigen Kakao, wie man ihn auf Tiramisu und andere Süßspeisen streut. Dabei ist das Robinsons Old Tom Strong Ale With Chocolate sehr bitter und trocken.

Im Abgang meine ich dann etwas Rumcharakter zu entdecken. Am Gaumen bleibt ein Hauch Kakao übrig, mit etwas Vanille. Dabei gilt es nochmals zu betonen: Diese schokoladigen Beinoten sind eher Randerscheinungen, es ist nicht so, als würde man hier tatsächlich einen Milchkakao oder heiße Schokolade trinken. Es ist und bleibt ein Ale.

Was lernen wir daraus? Wenn man diese Art von Sonderbier kauft, immer die Flasche drehen – ich will nicht sagen schütteln – und gegen das Licht halten, insbesondere, wenn das MHD nicht in weiter Ferne liegt (Ale ist grundsätzlich eigentlich sehr lange haltbar). Der Geschmacksunterschied ist enorm.

Robinsons Old Tom with Chocolate Glas 2

Als Fazit könnte man festhalten, dass so ein aromatisiertes Bier eher was als Dessertbegleiter ist, oder als Pralinenersatz abends am Fernseher für den mutigen Bierfreund. Die Kakaonoten würden mit einem deftigen Essen kollidieren.

Der spezielle Charakter dieses Produkts bringt es mit sich, dass es nur mit viel Kreativität in einem Cocktail unterzubringen ist; ein ausgesprochen tolles Rezept, für das es aber wie die Faust aufs Auge passt, ist A Stout Fellow. Normalerweise gehört in den A Stout Fellow ein normales Stout (wie zum Beispiel Guinness Extra Stout)  und eine Achtelunze Crème de Cacao. Letzteres können wir uns durch den Einsatz des Robinsons Old Tom Strong Ale With Chocolate sparen. Wer es aber noch milchschokoladiger will, kann gern den Kakaolikör auch noch zusetzen. Egal, wie man ihn macht – ein wirklich sensationeller Cocktail!

A Stout Fellow


A Stout Fellow
2 oz Robinsons Old Tom Strong Ale With Chocolate
1 oz jamaikanischer Rum (z.B. Appleton Estate Extra)
1 oz Kahlúa


Andere Sorten dieses Herstellers habe ich auch schon probiert, wie das Robinsons Old Tom Strong Ale, auf dem das Chocolate-Old Tom beruht, oder das Robinsons Old Tom Strong Ale with Ginger, das auch aromatisiert ist, da aber dann mit Ginger Beer.

Wenigstens Robinsons muss sich aber keine Sorgen um die in der Einleitung angesprochene bayerisch-berlinerische Regelkonfusion machen, denn diese gilt nur für in Deutschland hergestellte Produkte. Die importierten Traditionsprodukte aus England dürfen weiterhin stolz den Namensbestandteil „Beer“ tragen, egal ob es sich um Ingwerlimonade oder mit Milchprodukten angereichertes Bier handelt, ohne sich um solcherlei Wahnsinn kümmern zu müssen. Rule Britannia!

Maisel & Friends Pale Ale Titel

Künstler, Handwerker und Industriemagnaten – Maisel & Friends Pale Ale

Was ist Craftbier (Craft-Bier / Craftbeer)? Eine klare, eineindeutige Definition habe ich bis heute nicht gefunden, obwohl viele, inklusive mir, das Wort inzwischen wie selbstverständlich aussprechen. Einerseits dient es oft wohl nur oberflächlich dazu, die „modernen“, durch Amerika wiederentdeckten eigentlich schon alten britischen Bierstile, bequem in ein Schlagwort zu fassen und dem alteingesessenen Bier gegenüberzustellen: Pale Ale, IPA, Stout und Porter gegen Pils, Lager und Weizen. Andererseits verstehen darunter auch viele Leute den Aufstand von David gegen Goliath – die kleinen Brauereien gegen die großen Konzerne, die Handwerker gegen die Industrie, die kleine aber feine Menge gegen den Millionenhektoliterausstoß. Und schließlich meinen manche noch, dass nur Bier-„Künstler“ Craftbier herstellen, in Abgrenzung zum Bier-„Produzenten“.

Doch man sollte mit einseitigem und elitärem Gebrauch dieser Aspekte vorsichtig sein, und ich fasse mir dafür gern auch selbst an diese Nase, der ich diese Sprechweise gern zum Polarisieren nutze – der erste Punkt ist eigentlich falsch, als wäre es unmöglich, ein handwerklich spannendes Weizenbier herzustellen. Gerade für Deutschland gilt der zweite Punkt beispielsweise, wenn man ehrlich ist, nur bedingt: In Deutschland haben wir die großartige Situation, dass selbst das industrialisiert hergestellte Bier meist immer noch hochwertiges (wenn auch oft langweiliges) Qualitätsbier darstellt, vor allem im Vergleich zu anderen Ländern: das Traditionsbewusstsein und der Selbstanspruch ist stark hierzulande. Und wenn der letzte Punkt auch sicherlich einen Kern Wahrheit in sich trägt, denn auch eine kleine Biermanufaktur kann ein anspruchsloses Nullachtfuffzehnbier hervorbringen, so braucht ein echter gestandener Craftbierbrauer keine derartig künstlich-esoterische Aura um sich.

Bei manchen Bierbrauern hat man entsprechend, obwohl sie in einem marktführenden Unternehmen mit durchaus großem Ausstoß arbeiten und sich nicht als Michelangelo gerieren dennoch den Eindruck, dass sie am Bier selbst sehr interessiert sind und deshalb eine neue Idee ausarbeiten und diese in eine Flasche gießen, statt ausschließlich auf den ökonomischen Vorteil zu schauen. Maisel & Friends gehören für mich persönlich eher in diese Gruppe, und mit ihrem Maisel & Friends Pale Ale untermauern sie diesen Eindruck; das ist Craftbier, zumindest das, was ich darunter verstehe.

maiselandfriendspaleale-flasche

Die goldene Farbe mit feinem, dünnen, aber langanhaltenden Schaum sorgt für die ersten Tröpfchen an Spucke, die mir beim Eingießen ins Spiegelau-IPA-Glas bereits zusammenläuft. Denn spektakulär fruchtig dringt das Maisel & Friends Pale Ale schon dabei in die Nase und macht klar, dass wir hier keinen Blender vor uns haben, wie ihn uns der eine oder andere deutsche Hersteller unter dem Deckmäntelchen des neuen Namens unterschieben will, sondern ein wirkliches Pale Ale von Schrot und Korn.

Geschmacklich bleibt es dann im großen und ganzen zurückhaltend, was die Fruchtnoten angeht, mehr mild-orangig, aber dafür mit etwas, das vielen amerikanischen ultragehopften Ales inzwischen in ihrem Hopfenrekordwahn leider fehlt: dem Biercharakter. Man schmeckt hier noch, dass es ein Bier ist, und keine reine Hopfenkaltschale. Die Sorten Herkules als Bitter-, Chinook, Amarillo, Simcoe und Citra als Aromahopfen werden verwendet, die Brauer von Maisel übertreiben es aber angenehmerweise nicht.

Das ausgewogene Hopfen-Bierbild weist darüber hinaus noch eine tolle Dichte und feine Würze auf; es ist herrlich erfrischend dank des perfekten Kohlensäureanteils.

maiselandfriendspaleale-glas

32 IBU sind deutlich schmeckbar: Fruchtig an der Zunge, aber sehr trocken und bitter am Gaumen und im Rachen. Mit 5,2% Alkohol bewegen wir uns im sortentypischen Rahmen. Die Standardbierflasche wird mit einem sehr gelungenen, Stempel/Brandzeichen-Etikett aufgewertet, ist dadurch ein kleiner Blickfang im Bierregal. Eine gelungene Designmischung aus Tradition und Moderne, ohne in eins der Extreme abzugleiten.

Ein sehr gutes Pale Ale aus deutschen Landen, das gern auch den Weg in mein Cocktailglas findet, zum Beispiel im Rocky Mountain Handshake, einem Rezept aus dem Buch American Cocktail. In Ermangelung der lokalen Zutaten aus Colorado, die das Originalrezept nutzt, machen wir einfach eine deutsch-amerikanische Kooperation daraus, indem wir Kentucky-Whiskey mit deutschem Pale Ale verheiraten. Gewiss keine Verschlechterung.

Rocky Mountain Handshake Cocktail


Rocky Mountain Handshake
1½ oz Whiskey (z.B. Rare Breed Kentucky Straight Bourbon Whiskey)
¼ oz Amaro (z.B. Villa Rillago Amaro)
¼ oz Zuckersirup
4 oz Maisel & Friends Pale Ale


Erneut der Tipp für Cocktails, in denen eine sprudelige Zutat, wie Champagner, Tonic Water, Ginger Beer oder eben Bier eingesetzt wird, und in denen es oft „aufgießen mit…“ heißt: Zuerst die sprudelige Zutat ins Glas, und dann den geshakten oder gerührten Teil darauf gießen. So bleibt mehr Blubber im Drink als andersherum.

Ich war etwas überrascht zu sehen, dass neben all den Industriebieren (ha, da ist es schon wieder! Man wird eine Attitüde nur schwer wieder los…)  in einem lokalen Rewe-Supermarkt auch tatsächlich ein Pale Ale zu finden war. Das Maisel & Friends Pale Ale ist als Einzelflasche und im Sixpack-Tragekarton zu bekommen, für unter 1,50€ die Flasche. Gern schlage ich da öfters zu, und wenn es nur deswegen wäre, dem Laden zu demonstrieren, dass so ein Bier gefälligst immer im Regal zu stehen hat und nachgekauft werden muss, wenn die Ladenbestände erschöpft sein sollten. Was nicht bedeuten soll, dass Ihr mir das jetzt in Zukunft vor der Nase wegkaufen sollt!

Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun ist auch das Brale – BraufactuM The Brale Brown Ale

Warum ich keinen Wein trinke, wurde ich neulich gefragt. Zwei Gründe konnte ich anführen – erstens, so banal sich das anhört, ich mag eigentlich keinen Wein, sei er rot, weiß oder dazwischen. Zweitens, selbst wenn ich mich für Wein geschmacklich begeistern könnte, ist das Feld völlig unübersichtlich. Kaum habe ich eine Flasche gefunden, die mir schmeckt, gibt es diese Marke beim nächsten Foire-aux-vins-Besuch nicht mehr. Und etwas finden, was ähnlich schmeckt? Praktisch unmöglich. Man muss sich durch Dutzende Flaschen Wein trinken, um wieder etwas zu finden, das meinem empfindlichen Gaumen mundet, nur um dann beim nächsten Besuch… ich denke, man ahnt, wo das hinführt.

Der Markt an Biersorten ist inzwischen nur unwesentlich kleiner als an Weinsorten, doch aus unerfindlichen Gründen finde ich mich darin besser zurecht. Eine grundlegende Stabilität, was das Markenangebot angeht, unterstützt mich aber auch darin; Bier ist einfach etwas weniger volatil von Saison zu Saison. Und neue Marken, die gerade wie Pilze aus dem Boden sprießen, orientieren sich an alten Geschmacksvorbildern. Wie das neue BraufactuM The Brale Brown Ale, das die alten, nordenglischen dunklen Ales wiederaufleben lässt.

thebrale-flascheIch liebe es, wenn das passiert: Der Kronkorken ploppt auf, und ein überwältigender Geruch nach Beeren und dunklem Obst strömt aus der Flasche. Direkt nach dem Eingießen wird das noch stärker. Geruchlich überzeugt dieses Brown Ale also schonmal auf ganzer Linie.

Und auch farblich macht es seiner Zugehörigkeit zu den Brown Ales alle Ehre: Ein dunkles, sattes Braun, fast in Richtung Siena gehend. Im Glas bleibt ein dünner Schaum lange erhalten. The Brale täuscht farblich ein malzig-süßes Bier vor, doch tatsächlich ist es eher sauer-bitter, fast komplett ohne süße Komponente. Statt dessen bezaubert es mit nussigem, würzigem Geschmack und einem extrem trockenen Abgang.

thebrale-farbeGut gehopft ist es, das erkennt man natürlich schon am anfangs angesprochenen Geruch. Schön, dass hier auch mal andere Hopfensorten als die „üblichen amerikanischen Verdächtigen“ wie Simcoe oder Cascade Einzug halten konnten: Mosaic, East Kent Golding, Hallertauer Mittelfrüh und Magnum bringen eine unerwartete Aromatik mit sich. Genau mein Geschmack. Ideal zum Essen, erfrischend, klar, trocken.

Eine gute Marke muss man schon von weitem ausmachen können – BraufactuM hat sich selbst ein gut wiedererkennbares Design mit Briefmarkenetikett und Pubtapetenhintergrund zugelegt, insgesamt sehr ansprechend.

braufactum-kuehlschrankUnd BraufactuM geht noch einen Schritt weiter und beginnt nun auch damit, die Produkte in Läden in dedizierten Kühlschränken auszurollen. In einem Blogartikel der Mixology wurde gefragt, ob Craft-Bier in Supermärkten eine Utopie ist – wie man an dem Foto aus dem Saarbrücker Karstadt erkennen kann, muss das nicht so weit entfernt sein. Erstklassige Biere bereits auf Betriebstemperatur gekühlt; besser gehts nicht. Ich hoffe, sowas macht Schule!

Wundermittel gegen Katzenjammer – Robinsons Old Tom Strong Ale

Kaum ein Hersteller von verderblichen Waren kommt ohne Hauskatze aus. Gerade bei getreidebasierten Produkten, wie Bier, ist eine Katze als natürliches, biologisch unbedenkliches Anti-Maus-Mittel unersetzlich. 1899 lag also „Old Tom“, die Brauereikatze von Robinsons, in der Sonne, entspannte nach all der Mäusejagd (wie es nur Katzen so lustvoll können). Ein Brauer sah sie, skizzierte ihren von dieser unliebsamen Belästigung etwas genervten Gesichtsausdruck (wie ihn nur Katzen haben können), und das Bild war so beliebt, dass es zum Markenzeichen der Brauerei wurde, und die Katze „Old Tom“ mit dem Bild zum Namensgeber für ein Ale, nämlich das Robinsons Old Tom Strong Ale.

oldtomale-flascheWenig Schaum krönt das Ale, das kennt man ja von Ales, aber es weist eine attraktive, starke dunkle Farbe auf, mit vielen schönen roten Reflexen, wenn man es leicht gegen das Licht hält. Im Gegensatz zu Stouts ist es aber nicht vollständig blickdicht.

Mit Bier, wie man es kennt, hat dieses Getränk vom Geruch her erstmal wenig gemein. Nein, ich denke beim Riechen am Glas mehr an Rum, Holz und Malz. Das macht sich auch im Geschmackstest bemerkbar. Sehr kräftiger Geschmack, dunkel, malzig und überhaupt nicht süßlich, wie man es von einem solchen Bier erstmal erwarten würde. Im Gegenteil: eher sogar leicht salzig, dann etwas kratzig im Hals, und schließlich wuchtig im Abgang.

oldtomale-farbeBitter ist die dominierende Note – aber keine helle Bitterkeit wie bei einem IPA, sondern entsprechend der Farbe ein dunkle Bitterkeit – und überraschend adstringierend zieht es mir die Spucke aus dem Mund. Erneut kommt mir die Erinnerung an Rum. Melasse, und dunkle Früchte, vielleicht wie ein Botucal Reserva Exclusiva schmecken würde ohne all den Zuckerzusatz.

8,5% Volumenprozent, die man praktisch nicht schmeckt, verkaufen sich für knapp 3€ einer 330ml-Flasche, die toll gestaltet ist, mit ins Glas eingelassenem Schriftzug; und bei einer Katze als Markenlogo ist bei mir eh die halbe Miete schon drin.

„The World’s Best Ale“ steht selbstbewusst auf dem Flaschenhalsetikett. Persönlich glaube ich nicht, dass es soetwas gibt, bei all den unterschiedlichen Geschmäckern, aber sicherlich gehört auch für mich das Robinson’s Old Tom Strong Ale zu den besten Ales, die ich bisher getrunken habe. Auf jeden Fall zu den memorabilsten.

Das ist (fast) die perfekte Welle – Kona Brewing Big Wave Golden Ale

Aloha, liebe Genusstrinker! Bei der Weltumrundung in flüssiger Form kann man wohl nicht weiter weg von Deutschland als Hawaii, und seinem Kona Brewing Big Wave Golden Ale. Rentiert sich der weite Weg, den das Bier hinter sich hat? Wird uns eine goldene Welle von Glückseligkeit überspülen? Werden wir nach dem Genuß die Swingin‘ Hula Girls tanzen sehen?

bigwave-flascheDirekt nach dem Eingießen sehe ich keinerlei Schaumwelle, fühle aber dennoch eine überraschende Menge an Kohlensäure. Ein Bier, äußerst fruchtig, Orange, Grapefruit, und vielleicht bilde ich mir das aufgrund der Thematik dieses Biers nur ein, aber ich meine, Ananas zu schmecken. Mit Sicherheit eins der fruchtigsten Biere, die ich bisher getrunken habe. Vom zugrundeliegenden  Charakter erinnert es etwas an ein Weizen- oder Witbier.

bigwave-glasIm Mund habe ich ein seltsames Gefühl bei diesem Bier, als wäre es schal. Eine starke Trockenheit ist schon direkt beim ersten Schluck da, und eine dezente, ansprechende Bitterkeit mit 20 IBU. Aber zwischen bitter-trockenem Abgang und superfruchtigen Aromen fehlt irgendwas. Kaum Körper oder Volumen, es ist wie bei einem Musikstück, das nur aus Höhen und Bässen besteht, und die ganzen mittleren Tonspuren, die die Melodie tragen, fehlen.

bigwave-farbeDennoch ein leichtes, sehr erfrischendes Bier; als Beigabe zum Essen ist es ungeeignet, weil es durch andere Aromen überfordert ist. Es hält auch nicht lange vor, die Aromen verschwinden schnell wieder vom Gaumen. Ein schönes Bier als exotische Abwechslung für den privaten Biergarten, oder auch, mit 4,4%, als verrücktes Bürobier fürs „Bier um Vier“, mehr aber leider nicht. Das Brauereimotto „fresh, responsible, always aloha“ kann ich allerdings bedingungslos unterschreiben. Und die schönen, ins Glas eingelassenen hawaiianischen Inseln finde ich auch toll.

bigwave-flaschenmarkeIn Deutschland ist es für meinen Geschmack mit 3€ aber viel zu teuer für das, was es liefert. Für die Hälfte des Preises würde ich es öfters trinken – mit dieser Preisstruktur, natürlich durch den Import begründet und letztlich auch verständlich, wird dieser Ausflug ins hawaiianische Bierparadies ein einmaliger Urlaub bleiben.

Ich bin der Mann des bleichen Ales nicht – BraufactuM Palor Hopfenbetontes Pale Ale

Man soll ja als ehrlicher Rezensent angeben, woher man eine Probe des getesteten Produkts hat – das fällt mir hier leicht: Ich habe diese Flasche BraufactuM Palor Hopfenbetontes Pale Ale von meinem geschätzten Kollegen Gerhard erhalten, als kleine Geburtstagsaufmerksamkeit. Da er neben seiner Arbeit auch noch ein hervorragender Fotograf ist, hat er gleich noch einen künstlerischen Eindruck des Biers, besser als ich es je schnappschießen könnte, mitgeliefert.

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Foto © 2015 Gerhard Müller

Zur Flasche selbst fällt einem das schöne 50er-Jahre-Retro-Etikett auf, im Briefmarkenstil mit etwas Informationen zu verwendeten Zutaten. Die neue, in diesem Bier scheinbar erstmals in Deutschland verwendete Hopfensorte Polaris wird darauf angepriesen. Sie dient wohl als Aromahopfen, der, oft in Kaltstopfung, nur dem Aroma des Biers dienen soll, nicht, wie der Standardbitterhopfen im Pils beispielsweise, der Haltbarmachung und reinen Bitterkeit.

Die Hopfensituation wurde im Barmagazin Mixology 4/2014 sehr interessant erläutert – fast die Hälfte des weltweit gebrauchten Hopfens ist inzwischen für Craftbier reserviert (hauptsächlich dann halt Aromahopfen), wobei Craftbier selbst nur unter 10% der gesamten Bierherstellung ausmacht. Die neuen Biere sind so hopfenintensiv, da wird der Markt so langsam knapp. Fast die Hälfte des weltweit verfügbaren Hopfens wird in Bayern produziert – da sieht man, was Bier angeht, ist in Deutschland noch lang nicht Hopfen und Malz verloren.

Genug gelabert, Flasche geöffnet und eingegossen. Die Farbe strahlt schonmal, ein kräftiges Terracotta erfreut die Optik. Die Bezeichnung „Pale“ des Pale Ale scheint ad absurdum geführt – nein, bleich ist ein Pale Ale nur im Vergleich zu den britischen Brown und Dark Ales, die es lang vor den Pale Ales gab.

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Im Glas macht sich ein feiner Schaum breit, die dünne Schaumkrone bleibt lang stehen. Feinperlend blubbert das Ale lange vor sich hin. Ein Duft nach Blumen, Hopfen, leichter Zitrusgeruch ist wahrnehmbar.

Entsprechend der Biersorte ist dann eine klare Bitterkeit bereits im Mund vorhanden, Grapefruitnoten drängen in den Vordergrund, insgesamt wirkt das Bier aber dennoch eher dunkeltönig. Ein kraftwürziger, deftiger Abgang, nicht mild wie andere hopfenbetonten Biere, komplettiert das Geschmacksprofil.

So weit, so gut: Doch es gibt auch was zu meckern. Die Bitterkeit bleibt lange am Gaumen, aber fast kein Geschmack. Dazu fehlt mir etwas Körper oder Volumen. Die Aromen und Geschmäcker sind oberflächlich und gehen nicht in die Tiefe, wie ich das von anderen Pale Ales, gar nicht zu sprechen von IPAs, kenne. Das Palor erinnert mich mehr an ein stark gehopftes Pils.

Ein interessantes Bier, aber vielleicht ist Polaris als Hopfen nicht mein Geschmack. Da ich noch nicht äußert viel Erfahrung mit Pale Ales habe, will ich das Bier aber gar nicht abwerten; es muss ja nicht immer die Aromaexplosion sein, manchmal ist ein zarteres Bier auch eine wünschenswerte Alternative.