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Nardini Grappa Riserva 15 Anni Titel

Ein Herbstspaziergang – Nardini Grappa Riserva 15 Anni

Wir Spirituosenmissionare müssen zusammenhalten. Wir lassen uns daher auch gern von einem Kollegen inspirieren, etwas auszuprobieren, wozu wir selbst erstmal nicht direkt einen Bezug haben. Die Welt der Brände und Liköre ist einfach viel zu riesig, als dass man als Einzelner irgendwie eine Chance hätte, alles direkt überblicken und einordnen zu können, und sie entwickelt sich täglich weiter. Daher freue ich mich immer sehr, wenn ich beim Spicken bei den Kollegen etwas entdecke, was mein Interesse reizt. So ging es mir mit dem Nardini Grappa Riserva 15 Anni, den der hochgeschätzte Vlogger Ralphy in einem seiner Videoblogs in höchsten Tönen lobte. Persönlich habe ich eine Schwäche für Grappe (dem italienischen Plural für Grappa, nur mal so klugscheißerisch angemerkt), daher kam ich nicht umher, mir eine Flasche davon zu besorgen.

Nicht ganz billig, und auch nicht überall erhältlich ist dieser Tresterbrand, der 15 Jahre in slawonischer Eiche reifen konnte. Traubenreste aus den nordostitalienischen Gebieten Venetien und dem Friaul werden doppelt mittels der für Grappa vorgeschriebenen Dampfdestillation gebrannt – Dampfdestillation deshalb, weil sie der einzige Weg ist, die toxischen Stoffe, die Traubenkerne und -stiele abgeben würden, brännte man sie auf konventionelle Weise, aus dem Destillat herauszuhalten. Das Verfahren wird zum Beispiel auch bei chinesischem Baijiu eingesetzt. Es wird in einem Folgeartikel über einen anderen Grappa auf meinem Blog etwas näher erläutert werden. Nun wollen wir uns aber zunächst den Nardini Grappa Riserva 15 Anni mal im Glas anschauen.

Nardini Grappa Riserva 15 Anni Flasche

Farblich sieht man, dass 15 Jahre Reifung nicht unbedingt zu einer schwarzbraunen Brühe führen müssen. Dieser Grappa ist klar, strohgolden, dabei aber strahlend. Im Glas kaum viskos. Man kann sich allerdings kaum auf die Farbe konzentrieren, denn man stürzt geradezu in das überwältigende Aroma, das aus dem Glas verströmt: Dunkle Schokolade, getrocknetes Heu, Kandis… ich versuche eigentlich, nicht ins Schwärmen zu geraten, wenn ich Tasting Notes schreibe, aber hier fühle ich mich einfach wie auf einem Herbstspaziergang über abgeerntete Getreidefelder.

Nach dem ausgedehnten Schnupperspaziergang muss der Nardini Riserva nun zeigen, ob er im Geschmack ähnlich verzaubern kann. Er ist zu Beginn sehr süß, wirkt zunächst etwas staubig, dabei wird ein weites Panorama an Geschmackskomponenten aufgefächert: Kakao, Heu, Oolong-Tee, Tabak, reifer Pfirsich, Datteln, Rosmarin und Mandeln. Eine volle Breitseite an Eindrücken, die Liste könnte ich mit jedem Schluck fortsetzen. Im Abgang wird er schließlich feurig-heiß; ein wirklich extrem langer Abgang komplettiert das durchweg positive Bild, voller Charakter, mit starken Kakao- und Teenoten und einem minzigen Finish.

Man erahnt, dass mein Gesamtfazit nicht wirklich negativ ausfallen kann. Der Nardini Riserva ist unglaublich vielschichtig und bunt, dabei höchstkomplex. Eine herrliche Spirituose, etwas, wovon ich nachts träume.

Grappa ist eher selten in Cocktailrezepten zu finden – seltsam eigentlich, denn die Aromatik ist spannend und kräftig, sowas sucht man normalerweise händeringend. Ungereifter Grappa macht sich hervorragend als Ginersatz in vielen Drinks, gereifter Grappa kann in zum Süßen tendierenden Cocktails den Twist geben, den ein gemütlicher Bourbon nicht liefern kann. Der Principino ist ein herrlicher Dessert-Drink, der dem wahren Genießer statt dem üblichen „Aufs Haus“ beim Italiener den Magen schließen könnte – er vereint Süßes, Kaffee und Grappa, also alles, was man sonst so nach dem Essen zu sich nimmt.

Principino


Principino
1½ oz Grappa (z.B. Nardini Grappa Riserva 15 Anni)
¾ oz weißer Pfefferminzlikör (z.B. Berliner Luft)
¾ oz Kaffeelikör (z.B. Kahlúa)
¾ oz Maraschino-Likör (z.B. Bols Maraschino)
Alle Zutaten auf Eis shaken. Im Glas dann mit etwas aufgeschlagener Sahne toppen.
Mit Minzblatt und Kakaopulver dekorieren.
[Rezept nach Renato Cumerlato]


Die kleine „halbe“ Flasche mit 35cl Fassungsvermögen wird in einem schönen, stabilen Klappkarton mit Plastikeinlage für die Flasche selbst vertrieben – dieser macht echt was her, ebenso wie die zurückhaltend gestaltete Etikettierung. Das macht das Gesamtpaket zu einem idealen Geschenk für jeden echten Spirituosenfreund.

Nardini Grappa Riserva 15 Anni Geschenkkarton

Eine wirklich schöne Entdeckung, und ich bin dem oben erwähnten Ralphy sehr dankbar, dass er mich darauf hingewiesen hat. Er selbst pflegt einen ähnlichen Stil wie ich, was die Auswahl von Rezensionsprodukten angeht – grundsätzlich bespricht er eigentlich Whiskys, blickt dabei aber gern über den Tellerrand und holt sich auch ab und an Rums oder anderes ins Boot. Einfach, weil man die Präferenzspirituose selbst viel besser würdigen, schätzen und einordnen kann, wenn man auch außerhalb von ihr hin und wieder mal etwas probiert. Ich empfehle das auch allen Lesern meines Blogs, die einen Lieblingsschnaps haben und sich nicht vorstellen können, dass sich das je ändern könnte: Ausprobieren! Nicht immer, aber immer öfter wird man extrem positiv überrascht werden.

Punt e Mes Wermut Titel

Eineinhalb Punkte – Punt e Mes Wermut

Cocktailrezepte haben einen unterschiedlichen Detaillierungsgrad, was die Definition der verwendeten Zutaten angeht. Die Spannbreite dabei reicht von einfacher Angabe des Spirituosenkategoriennamens („Rum“), über detaillierte Sortenangabe („leicht gereifter Rhum Agricole“) bis hin zu exakter Marken- und Abfüllungsangabe („Clément Rhum hors d’âge Millésime 1966″). Liest und nutzt man entsprechend häufig Cocktailrezepte aus verschiedenen Quellen, findet man von allem etwas; ich habe den Eindruck, dass je zielgruppenorientierter ein Rezept gestaltet wurde, um so mehr tendiert der Erfinder hin zum höchsten Definitionsgrad. Gerade Cocktail-Wettbewerbseinreichungen neigen dazu, sich in der Festlegung, was genau zu verwenden ist, zu übertreffen und so ein völlig exklusives, für den Nichtbesitzer einer riesigen Spirituosenbar (vom Laien gar nicht zu reden!) kaum mehr nachmixbares Ergebnis zu erzeugen.

Auch bei Wermut nimmt das inzwischen fast schon witzige Züge an, wenn ein Rezept eine halbe Unze „Martini Rosso“ und eine halbe Unze „Punt e Mes“ verlangt. Natürlich schmecken diese zwei Vertreter der Gattung „italienischer, roter, süßer Wermut“ schon etwas unterschiedlich, diese Angabe in einem Cocktail allerdings halte ich persönlich für etwas verrückt, ohne jemand nahetreten zu wollen – das sind derartig kleine Nuancen, die gehen in einem Gesamtbild mit anderen Zutaten unter. Ich persönlich übergehe derartige Feinstspitzfindigkeiten gern, wenn ich produktabhängig keinen Sinn darin sehe, und nehme dann einfach eine ganze Unze eines der beiden Produkte – zum Beispiel des Punt e Mes.

Punt e Mes Wermut Flasche

Man ahnt es schon durch die dunkelgrüne Flasche, im Glas sieht man es – das ist ein sehr dunkler Wermut, geht fast schon in Richtung Amaro. Fast blickdicht, selbst wenn man das Glas gegen das Licht hält. Dort sieht man dann aber ein paar Reflexe, von Rubinrot bis Orange. Die Konsistenz ist schwer und ölig.

Schokolade, Trauben, Rosinen, Harz und Holz – also auch vom Geruch her ein sehr dunkler Wermut. Etwas Orange und Kirsche lockert das Geruchsprofil etwas auf. Da ist auch etwas von Fernet Branca im Aroma (ich bin mir sicher, dass ich mir das nicht einbilde, auch wenn ich zuvor auf dem Etikett gelesen hatte, dass dieser Wermut von den Fratelli Branca in Mailand hergestellt wird).

Punt e Mes Glas

Die starke Süße des direkten Antrunks geht schnell in eine holzige, krautige Bittere über, die allerdings mild und dezent wirkt, und nicht aggressiv. Im Mundgefühl ist der Punt e Mes fett und breit, minimal adstringierend. Orange, Mandarine und etwas Honigmelone kommen zum Vorschein. 16% Alkoholgehalt sind absolut typisch für italienischen Wermut und nichtmal erahnbar. „Si beve freddo“, es trinkt sich kalt, schreibt das Etikett vor – tatsächlich kann man ihn aber auch sehr schön in Zimmertemperatur genießen.

Der Abgang ist aromatisch, trotz der durchgängigen Süße sehr trocken und noch einen Tick bitterer und holziger als vorher schon. Für einen Wermut empfinde ich ihn als recht lang; ein leichter Eisenton belegt am Ende den Gaumen.

Das ist, als Fazit, sicher ein Wermut, der sich mit allem, mit dem man ihn in Cocktails vermischen möchte, anlegen kann und dabei nicht automatisch den Kürzeren zieht, wie es leider oft bei vielen Wermuts passiert. Im Gegenteil, man muss sogar bei vielen Rezepten eher vorsichtig mit dem Punt e Mes umgehen, damit er nicht die Oberhand über alles einnimmt. Im Lufthansa Cocktail sorgt er mit seinem holzigen Aroma für eine stabile Basis, bei der es zu keinen Turbulenzen kommen kann – ein sicherer, ruhiger Flug und eine rüttelfreie Landung sieht durch ihn damit garantiert.

Lufthansa Cocktail


Lufthansa Cocktail (historische Variante)
1 oz Weinbrand (z.B. Asbach Privatbrand)
1 oz roter Wermut (z.B. Punt e Mes)
⅔ oz Triple Sec (z.B. Cointreau)
⅓ oz Apricot Brandy (z.B. Bolthos Kajszibarack Pálinka)
2 Spritzer Angostura Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach unbekannt]


Ich bewahre Wermuts grundsätzlich im Kühlschrank auf, und versiegele sie mit einer Weinpumpe. Das beste für derartige Spirituosen ist aber, sie schnell aufzubrauchen. Kleine Flaschen, idealerweise nur eine Sorte offen, um das Aufbrauchen zu befördern – das ist darüberhinaus die Empfehlung für die Heimbar.