Schlagwort-Archive: bitter

Bonpland Bitters Pinot Noir Stevnsbaer Cherry Titel

Die Sommerpause ist vorbei – Bonpland Bitters Stevnsbaer Cherry Pinot Noir

Die Fernsehwerbung hat uns viele fiktive Persönlichkeiten geschenkt, die das beworbene Produkt mit dem Anschein des echten Lebens versahen, es in ein gutbürgerliches Umfeld einbetteten. Karin Sommer sorgte mit ihrem guten Kaffee für gute Stimmung bei Familie und (damals wahrscheinlich noch wichtiger!) den Nachbarn, der gute Herr Kaiser dafür, dass man bei einem Unfall bestens versichert war, und Frau Antje brachte den holländischen Käse nach Deutschland. Doch nur wenige hatten es in den 90ern geschafft, sich so ins kollektive Gedächtnis einzubrennen wie die laszive italienische Kirschexpertin Claudia Bertani.

„Mit der Kirsche beginnt das Geheimnis“, das war einer der Slogans für die Kirschpraline Mon Cheri. Dabei ist es eigentlich kein Geheimnis, dass Kirschprodukte in Cocktails und Bars sehr gern eingesetzt werden – da gilt es vor allem wohl Maraschino-Likör und „Kirschbrandy“ (auch ein Likör, der nichts mit Brandy zu tun hat, und nicht zu verwechseln mit Kirschwasser ist) zu nennen, die in Mixturen eingesetzt werden, seit es das Konzept des Mischdrinks gibt. Kein Wunder, dass auch Bitters sich diese so beliebte Fruchtrichtung zunutze machen wollen – das jüngste Beispiel dafür sind die Bonpland Bitters Stevnsbaer Cherry Pinot Noir, die daneben noch eine Rotweinnote präsentieren wollen.

Rotwein und Kirsche, in einem Tropfen vereint – das hat zumindest vom Gefühl her schonmal was besonderes. Wer über das seltsame dritte Wort stolpert – es handelt sich um eine Edelkirschensorte, die besonders aromatische Früchte hervorbringt, aufgrund ihrer wenig industrialisierbaren Eigenschaften in Deutschland aber kaum verbreitet ist. Ausgesprochen wird der Name dieser dänischen Sorte übrigens wie das englische Wort „stonesbear“.

Bonpland Bitters Pinot Noir Stevnsbaer Cherry Flasche

Farblich sind Rotwein und Kirsche schonmal gut zu erkennen: Ein leicht ins Bräunliche tendierendes, kräftiges Rostrot, blickdicht. Der Geruch ist zunächst, wenn man die ganze Einführung hier über Kirschen gelesen hat, etwas verwirrend – da riecht man keine Frucht, nur eine dunkle Würze, stark erinnernd an Underberg.

Der Geschmack lässt diese kurze Pseudoirritation aber wieder vergessen – Sauerkirsche, Rotwein, genau das, was man erwartet und erhofft; selten passen Erwartung und Ergebnis so passgenau aufeinander. Die schöne Säure ist gut eingebettet in das Geschmacksbild, und, und das ist für Bitters schon etwas besonderes, man kann sie ohne zu starke Zungenbetäubung auch gut pur probieren. Tatsächlich zögere ich leicht, dieses Produkt als „Bitter“ zu kategorisieren; es ist mehr eine Tinktur, ein Kirschextrakt. Erst im Abgang kommt eine gewisse milde Bittere zum Vorschein. Die klar dominierende Note ist und bleibt aber die Fruchtsäure.

Bonpland Bitters Pinot Noir Stevnsbaer Cherry Farbklecks

Eine Sache muss unbedingt dringend erwähnt werden – die tiefrote Färbung dieser Bitters sorgt dafür, dass sie in den meisten Cocktails optisch nicht unentdeckt untergebracht werden können. Einerseits kann das ein Nachteil sein, da man nicht unbedingt einen stark rotgetönten Drink haben möchte; andererseits können die Bonpland-Bitters aber auch (wie Peychaud’s Bitters) für schöne Effekte dienen, wie zum Beispiel bei einer Shark’s Tooth-Variation. So kann man sie als Ersatz für die in der modernen Bar nicht mehr so wirklich sehr gelittene Grenadine hernehmen, um dem Haizahn einen schönen blutigen Zahnfleischansatz zu verpassen.

Shark's Tooth


Shark’s Tooth
2½ oz weißer, starker Rum (oder hier z.B. Clairin Sajous)
½ oz Zitronensaft
½ oz Limettensaft
¼ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken, dann aufgießen mit Sprudel. Schließlich…
5 Spritzer Bonpland Bitters Pinot Noir Stevnsbaer Cherry
…darauf tropfen und nach unten sinken lassen.

[Rezept abgewandelt nach Trader Vic]


Die Aufmachung der Bitter passt sich komplett in das überschwellende, detailverliebte, stellenweise fast schon leicht kitschige Gesamtkonzept der Bonpland-Reihe ein und punktet mit hübschem Design des kleinen Kartons, einer praktisch zu handhabenden dunkelgetönten 10cl-Flasche und einem Pipetteneinsatz im Drehverschluss zur perfekten Dosierung von Tropfen und Spritzern. 40% Alkohol weisen diese Bitters auf, und erhältlich sind sie für knapp 15€.

Persönlich bin ich der Meinung, dass eine Bar gar nicht genug Bitter aufweisen kann. Sie mögen in den meisten Drinks nicht wirklich herausschmeckbar sein, doch habe ich den Eindruck, dass ein passend platzierter Tropfen Bitter einem Drink eine leichten Twist geben kann – und wenn man zusätzlich zu den inzwischen schon zum Standard gehörenden Sortiment an Orangen- und Gewürzbittern nun noch sein Arsenal mit derart dichten Kirschbittern aufrüsten kann, um so besser!

Advertisements
The Bitter Truth Drops & Dashes Titel

Holz und Blüte – The Bitter Truth Drops & Dashes Wood und Blossom

Werbung hat heutzutage einen schlechten Ruf. Das Wort wird assoziiert mit peinlich-schlecht gemachten Werbespots, die auf viele Seher und Hörer eher den gegenteiligen Effekt als Kauftriebsteigerung hat, oder mit Zuschüttung des Briefkastens mit unerwünschtem Papiermüll oder des Emailpostfachs mit Spam. Dass Werbung auch unterhaltsam sein kann, wenn sie gut gemacht, zielgruppenkompatibel aufbereitet und nicht aufdringlich ist, zeigt das folgende charmante Werbevideo, von dem ich mich, in Zusatz zu den ganzseitig in Fachmagazinen geschalteten Werbeannoncen, gern zu Käufen von eigentlich nicht benötigten Produkten hinreissen lasse – Werber der Welt, nehmt euch ein Beispiel daran, und nicht an den pseudowitzigen und altbackenen Fernsehspots oder gar der Seitenbacher-Müsli-Radiowerbung!

Der Anlass für derlei Marketingaufwand ist das 10-jährige Gründungsjubiläum der Münchner Firma The Bitter Truth, die einen nicht unerheblichen Beitrag zur Renaissance der Cocktailbitter geleistet hat. Ich kann mir keine Heimbar vorstellen, die ohne mindestens einige der Produkte dieser Firma auskommen kann – auch wenn die Konkurrenz inzwischen erwacht ist und der Bittermarkt inzwischen fast schon unüberschaubar geworden ist. Für so eine Festivität lässt man als Gastgeber schonmal was springen, zum Beispiel eine begrenzte Auflage neuer Bitters, getauft Drops & Dashes, und anlassentsprechend bekommt hier auch das Auge was fürs Geld: Eine sehr edel wirkende 100ml-Glasphiole mit vielversprechendem Inhalt, verpackt in einem herrlich auf Retro gemachten Geschenkkarton.

Für diesen Test habe ich mir zwei der vier neu erhältlichen Limited-Edition-Sorten, die den Lebenszyklus eines Baums repräsentieren sollen, ausgesucht, von denen ich mir das meiste und ungewöhnlichste erhoffe. Nussaromen, versprochen von Drops & Dashes Nut, kann ich leicht durch Sherry erzeugen, für wurzelig-erdige Komponenten, die Drops & Dashes Roots erzeugen will, habe ich bereits andere Bitter und Liköre im Regal. Also fiel die Wahl auf Drops & Dashes Wood und Drops & Dashes Blossom.

The Bitter Truth Drops & Dashes Flaschen

Jeder Packung liegt ein schwarzer Plastikdasher bei, der gegen den massiven Plastikstopfen getauscht werden kann. Das funktioniert sehr gut – erstens sitzt der Dasher sehr sicher auf dem Flaschenhals, wenn man ihn mal aufgesetzt hat, und zweitens kann man damit sehr gut Spritzer wie auch Tropfen dosieren. Sollten die Bitter längere Zeit mal nicht in Gebrauch sein, kann man auch wieder den alten Stöpsel aufsetzen, um zu verhindern, dass sich Aromen durch die dünne Spitze des Portionierers verflüchtigen.

Genug geredet um das Außenrum, kommen wir zum Inhalt der Flaschen. Auch wenn Bitter üblicherweise zunächst mal reine Mixzutaten sind, will ich als Cocktailfreund doch wissen, welche Aromatik ich da meinem Cocktail zufüge, und verkoste sie daher erstmal pur. Bei 42% Alkohol und den winzigen Portionen ist das problemlos möglich.

The Bitter Truth Drops & Dashes Wood Flasche

Werfen wir erstmal einen Blick auf die Holzklasse: Drops & Dashes Wood. Die Farbe, ein dunkles Braun, erkennt man ja schon durch die transparente Glasflasche. Einiger Schüttler auf einen Löffel gegeben und die Nase daran schnuppern lassen, und man bekommt einen Duft serviert, der mich an einen italienischen Amaro erinnert, oder vielleicht sogar Campari. Bittersüß, kräuterig.

Flugs den Löffel mit der Medizin in den Mund gesteckt! Der Name versprach es, tatsächlich wird dieser Teil der Produktbeschreibung anteilig eingelöst: etwas holzig, ein Hauch von Rauch. Natürlich bitter, alles andere hätte mich verwundert, dabei aber auch überraschend süß und mild. Nie beißend oder kratzig erinnert das Drops & Dashes Wood an eine kondensierte Fassung von Campari. Im Vergleich zu anderen Bittern ist diese Variante nicht betäubend auf der Zunge und im Abgang sehr kurz.

Persönlich gefällt mir das, doch eigentlich hätte ich mir aber noch viel mehr Holzcharakter erhofft. In der vorliegenden Form sind es gutgemeinte aromatische Bitter, die allerdings nicht den Effekt erzielen können, den ich mir erhofft hatte – nämlich einem Drink einen klaren, holzig-rauchigen Touch zu geben. Ich hatte mir extra eine Rezeptur dafür ausgesucht, die sich gern dieses Effekts bedient hätte: Dem Revolver hätte ein bisschen Pistolenschmauch und Postkutschenholz den endgültigen Schliff gegeben. Tatsächlich muss ich feststellen, dass die Bitter total untergehen und kaum erkennbar sind im Duell mit Bourbon und Kaffeelikör.

Revolver


Revolver
2 oz Bourbon (z.B. Bulleit Bourbon)
½ oz Kaffeelikör (z.B. Kahlúa)
2 Spritzer The Bitter Truth Drops & Dashes Wood

[Rezept leicht angepasst nach Jon Santer]


Das Holz hat mich also nur mäßig überzeugt, vielleicht schlägt sich die Blüte besser? Auch den Drops & Dashes Blossom wird erstmal abverlangt, in reinem, alleinstehendem Zustand antreten zu müssen.

The Bitter Truth Drops & Dashes Blossom Flasche

Etwas heller als der Holzkollege sind die Blütenbitter schonmal, rostrot und etwas weniger blickdicht. Der Geruch ist jedenfalls auch schonmal klarer an der Prämisse der Blumentinktur ausgerichtet: Auch hier erinnert man sich zunächst an Amaro, aber schnell kommen Erinnerungen nach Thymian, Jasmin, Rose und vor allem Lavendel hoch.

Geschmacklich sind die Drops & Dashes Blossom sehr herbal und vegetal, sie schmecken extrem nach Lavendel, dabei deftig sauer-bitter, mit Anklängen von Grapefruit; insgesamt jedenfalls sehr viel aromatischer als das Woods-Pendant. Wenn man sehr genau sein will, sind diese Bitter eigentlich weniger blumig als vielmehr duftkräuterig, wie ein Duftkissen für den Kleiderschrank, und nicht wie ein Blumengarten.

Zum Cocktailtest überlegte ich nicht lange, was sich anbietet. Wenn eine Rezeptur schon „Gänseblümchen“ heißt, ist sie prädestiniert dafür, sich mit Blütenbittern zu vermählen – also rühren wir eine Tequila Daisy an. Wem das Rezept bekannt vorkommt, sollte seine Spanischkenntnisse herauskramen – das spanische Wort für Gänseblümchen/Daisy ist „Margarita“. Die Abwandlung hier besteht darin, dass noch ein Schuss Sprudelwasser das ganze auffrischt. Ich meine hier tatsächlich einen leichten kräuterigen Anflug herauszuschmecken; die leichte Tequila-Orangenlikör-Mixtur macht es den Bittern aber auch einfacher als die oben gezeigte schwere Bourbon-Kaffeelikör-Bombe.

Tequila Daisy


Tequila Daisy
2 oz Tequila blanco (z.B. Olmeca Altos Plata)

1 oz Limettensaft
1 oz Cointreau
¼ oz Zuckersirup
3 Spritzer The Bitter Truth Drops & Dashes Blossom
Diese Zutaten auf Eis shaken. Am Ende aufgießen mit…

1 Schuss Sprudel
[Rezept nach unbekannt]


Wie schon in der Purverkostung zu erkennen war, haben diese Bitter mehr einen Begleitcharakter. Sie geben dem Getränk etwas Tiefe und einen Hauch von Nuancen; wirklich herausschmecken kann man sie kaum, dazu sind sie zu mild und weich. Ich gebe zu, ich bin etwas enttäuscht – ich hoffte auch wuchtige Aromen, mit denen ich einem Cocktail einen Holztouch oder ein Blumenflair geben kann; beides ist nicht wirklich der Fall – doch, so ehrlich muss man sein, liegt das eigentlich auch auch nicht in der Macht von tropfenweise eingesetzten Bittern. Eventuell bin ich zu ergebnisorientiert an die Sache herangegangen mit einer erträumten Wirkung im Sinn statt den tatsächlichen Produkteigenschaften.

So bleibt eine spektakuläre Produktpräsentation, mit viel Charme und Stil. Die Flaschen geben jeder Bar und auch Heimbar einen Retro-Touch, und sind wiederverwendbar. Mir gefallen sie von außen deutlich besser als die anderen Bitterprodukte von The Bitter Truth; die bittere Wahrheit ist aber leider, dass der Inhalt nicht an die herrlichen Orangen-, Schokoladen-, Zitronen- und Selleriebitter, und schon gar nicht an die brillianten Aromatic, Jerry Thomas‘ Own Decanter und Créole  Bitters heranreicht, die intensiver, kräftiger und im Cocktail wirksamer sind als die „Tropfen und Spritzer“. Eine Ergänzung also für die Heimbar, die schon alles hat, und trotzdem nach neuen Ideen sucht – wer sich hier angesprochen fühlt, kann unbesehen zuschlagen. Bei sehr fairen ca. 12€ pro Fläschchen für eine derartig aufwändig hergestellte Limited Edition ist auch die Hemmschwelle dafür recht niedrig.

The Bitter Truth Xocolatl Mole Bitters Titel

Heart of Darkness – The Bitter Truth Bittermens Xocolatl Mole Bitters

Früher gab es einfach Schokolade. Keiner hat sich groß Gedanken drum gemacht. Doch eines Tages liefen plötzlich wundersame Werbespots im Fernsehen, bei denen nicht die alpenwiesenabgrasenden Kühe und die praktische Konsumhandhabung gewisser Schokoladenformate im Vordergrund standen, sondern die aufwändige Herstellung in Confiserie-Manufakturen, in denen offensichtlich vom Kakao highe Männer in weißer Kochkleidung feinste Schokolade orgiastisch zelebrierten. Seitdem ist auch Schokolade im Uhrwerk der Premiumisierung, einem der wichtigsten aktuellen Trends im Lebensmittelbereich, angekommen; und wir haben ein neues Wort gelernt, nämlich „conchieren“.

Man denkt aber in die falsche Richtung, wenn man das Wort „Schokolade“ auf dem Etikett  des heute vorgestellten Produkts liest. Es geht hier nicht um pappsüße Alpenmilch und conchierte Dekadenz, sondern um dunklen, kraftvollen Kakao, eher bitter als süß, eher würzig und scharf. Die The Bitter Truth Bittermens Xocolatl Mole Bitters sind nichts, was man Kindern in die Milch tun würde.

Schon der Geruch ist schwer und würzig. Dunkler Kakao, Sojasauce, verbrannter Karamell. Ein einzelner Tropfen ist bereits stark zungenbetäubend, ultrabitter und ebenso trocken. Die man schmeckt die schwarze Seele Mittelamerikas, und fühlt den Dschungel, die Kakaoplantagen. Ich meine noch Ingwer herauszuschmecken, ein Hauch einer Zitrusnote, Grapefruit. Ein einzelner Tropfen, wie gesagt, enthält eine ganze Welt.

The Bitter Truth Xocolatl Mole Bitters Flasche

Der Manhattan ist ein idealer Experiment-Cocktail für Bitters, wenn man immer dieselbe Mischung aus Whiskey und Wermut nimmt; unterschiedliche Bitter zeigen hier sehr unterschiedliche Wirkung. Normalerweise nehme ich gern für den Manhattan Pfirsichbitter; andere bevorzugen Orangenbitter. Wenn man die überraschende und gleichzeitig dezente Wirkungskraft dieser Schokoladenbitter ausprobieren möchte, empfehle ich daher zunächst mal die Manhattan-Variante namens The Sidney Poitier.

The Sidney Poitier


The Sidney Poitier
1½ oz Bourbon (z.B. Maker’s Mark)
¾ oz roter Wermut (z.B. Martini Rosso)
2 Spritzer The Bitter Truth Bittermens Xocolatl Mole Bitters


So wird aus einem allbekannten Drink eine feine, würzige, leicht bittere Spezialität – man schmeckt die The Bitter Truth Bittermens Xocolatl Mole Bitters erst gaaaanz spät, wenn der Schluck schon wieder aus dem Mund ist, und dann gaaaaanz hinten am Zäpfchen, dort aber dann richtig. Letztlich wirkt so ein Bitter aber selbstverständlich auch in komplexeren Drinks (was die Zutatenliste angeht, natürlich) – ein Beispiel dafür ist der Loose Noose.

Loose Noose


Loose Noose
2 oz Bourbon (z.B. Elijah Craig 12 Years Kentucky Straight Bourbon)
½ oz Süßer Wermut (z.B. Martini Rosso)
½ oz Fino Sherry (z.B. Sandeman Fino Sherry)
½ Teelöffel Allspice Dram (z.B. The Bitter Truth Pimento Dram)
2 Spritzer The Bitter Truth Bittermens Xocolatl Mole Bitters


Eins muss aber aufgeklärt werden: Auf den Cocktailbittern, die ich vor einiger Zeit gekauft hatte, steht, wie auf dem Foto zu sehen, The Bitter Truth Bittermens Xocolatl Mole Bitters. Nun ist Bittermens ja eine eigene Firma, die selbst Schokoladenbitter herstellt; und inzwischen gibt es von The Bitter Truth auch andere Schokoladenbitter, die The Bitter Truth Spiced Chocolate Bitters heißen. Was geht denn da ab? Glücklicherweise lässt sich das Chaos leicht aufklären: Bittermens hatte seine Produktion an The Bitter Truth ausgelagert und lizensiert, und diese haben nach den Bittermens-Rezepten Bitter hergestellt. Seit 2010 aber stellt Bittermens wieder selber her, und daher musste The Bitter Truth ein eigenes Rezept in ein neues Produkt gießen.

Völlig unabhängig von dieser verrückten Produkthistorie ist dieser Schokoladenbitter erneut eine fantastische Zutat aus dem Alchemielabor der Zauberer von The Bitter Truth, bedingungslos empfehlenswert wie alles, was die Jungs herstellen.

Pimm's No 1 Titel

Neue Säue braucht das Dorf – Pimm’s No. 1

Es gibt verschiedene Arten von Trinkern. Einerseits die, die selbst wissen, was sie im Glas haben wollen, und andererseits die, die selbst meist wenig Erfahrung mit oder Interesse an alkoholischen Mischgetränken haben und sich deshalb von anderen dazu inspirieren lassen. Letztere Gruppe ist der Grund für den Erfolg von Modedrinks. Einer der ersten fashionablen Longdrinks, der bis heute unzertrennlich mit dem blinden Folgen eines Trends in der High Society verbunden ist, ist der Kir Royal, der dann sogar seinen Namen einer der besten deutschen Fernsehproduktionen aller Zeiten geben durfte.

Später ging es andersherum: Die telegenen Damen um Carrie Bradshaw sorgten im echten Leben für einen riesigen Hype um einen Vodka-Drink; der Cosmopolitan wurde durch die Fernsehserie ein Renner, wie man ihn in Cocktailkreisen kaum zuvor erlebt hatte, und der den davor so beliebten Caipirinha von Platz 1 der meistbestellten Partycocktails verdrängte.

Die 2010er Jahre kehrten dann wieder zurück zu den unkomplizierten Rezepturen im Sektglas: 2010 glänzte in jedem Glas der Aperol Spritz, mit seiner unverkennbaren orangenen Farbe; 2012 konnte man keine Getränkekarte eines Cafés lesen, ohne über den Hugo zu stolpern, und 2013 wurden Lillet-Longdrinks zum neuen Modedrink gekürt, nur um bald darauf vom Moscow Mule aus dem Platz im Herzen der Lemming-Trinkgemeinde (man vergebe mir diese unangebrachte Polemik) verdrängt zu werden. Viele dieser Mischgetränke wurden durch diese dann doch etwas beliebige Popularität zum Markenzeichen des von einigen elitären Barkeepern ungeschätzten „fachfremden Publikums“, und dadurch paradoxerweise bis heute zu Parias des gehobenen Barbetriebs.

Im Sommer 2015 machten schließlich gleich mehrere Bars in Saarbrücken großschildrig Werbung für den neuesten Trend: Pimm’s Cup, ein fruchtig-bittersüßes Kaltgetränk mit vielen Früchten, das optisch sehr beeindruckte, und auch geschmacklich überzeugen konnte, dank seiner Hauptzutat: Dem Kräuterbitterlikör Pimm’s No. 1. Wieder eine neue Sommersau, bereit, durchs Dorf getrieben zu werden?

Pimm's No 1 Flasche

Die einfach gehaltene Flasche ist transparent, man sieht also von außen schon die Farbe – selbstverständlich sorgen Farbstoffe für die dunkle Tönung. Ein dezentes, sehr klassisches Etikett zeugt von Stil und Eleganz – passend zu einem Getränk, das bald 200 Jahre auf dem Buckel hat, und schon allein deswegen natürlich keine Sommersau ist.

Wenn ich es nicht besser wüsste: In einer Blindverkostung würde ich den Pimm’s N°1 für einen Cynar, oder allgemeiner für einen Amaro halten. Sehr dunkelwürzig, mit der amarotypischen Kräuterkombination, mehr als nur ein Hauch Maggi und Curry und, wenn man sehr genau aufpasst, einen Tick der Ginbasis dieses Likörs.

Im Mund erkennt man dann, dass es kein Amaro ist – der Pimm’s ist dafür zu dünnflüssig. Auch ist er bei weitem nicht so süß wie beispielsweise ein Ramazotti oder Averna; und er hat eine deutlich alkoholischere Note als diese italienischen Bitterliköre. Das finde ich keineswegs schlecht; besonders, wenn eine Spirituose dann noch eine dermaßen kräftige Salzwürze, fast schon sojasaucenartig, mitbringt, die ordentlich Schwung in die Likörbasis bringt. Süß ist der N°1 dennoch, aber eher oberflächlich, und am Ende kommt sogar eine recht deftige 80%-Kakao-Schokolade-Bitterkeit und eine spuckeraubende Trockenheit nach. Der Nachhall ist dann wieder leicht alkoholisch.

Ganz gewiss ein Likör, den man auch auf Eis pur trinken kann, ohne an Zuckerschock zu sterben – wer allerdings als Ginfreund auf der Suche nach Ginderivaten ist und meint, hier einen Wacholderschnaps herauszuschmecken, könnte enttäuscht werden. Ich aber freue mich auf eine sehr spannende Cocktailzutat, auch in Rezepturen abseits des oben angesprochenen Mode-Longdrinks mit Früchten und Limonade oder Ginger Ale als Pimm’s Cup.

Persönlich trinke ich ihn am liebsten in einem Drink, den mir Michael Arnold, ein hervorragender saarländischer Bartender, an einem verregneten Herbstabend vorgestellt hatte: der  Arnold N°1 – eine Aromabombe, bei der man gar nicht weiß, wohin man zuerst schmecken soll, mit einer fantastischen Konsistenz durch viel gemuddeltes Gemüse und Obst und das schaumerzeugende Eiweiß. Der ist am Ende sogar noch gesund!

Arnold No. 1


Arnold N°1
Je ein Stück Apfel, Ingwer und Gurke im Shakerglas muddeln
1 oz Pimm’s No. 1
2 oz Gin (z.B. The Botanist Islay Dry Gin)
1 oz Zitronensaft
¾ oz Zuckersirup
¾ oz Cranberrysaft
1 Eiweiß vom kleinen Bio-Ei


Man würde es diesem feinen, respektabel alten Kräuterlikör wünschen, dass er auch über die Modewelle hinaus eine Chance bei den Biergärtensitzern und Innenstadtcafé-Flaneuren bekäme, statt 2016 durch die nächste Schickeria-Spirituose abgelöst zu werden. Allein, mir fehlt der Glaube an die Konstanz der In-Drink-Trinker – so bleibt es an uns, den wahren Genießern, dafür zu sorgen, dass Pimm’s No. 1 auch dann noch als spannendes Getränk und interessante Cocktailzutat hochgehalten wird, wenn die Karawane weitergezogen ist.

Im Pfirsichgarten des Jadekaisers – The Bitter Truth Peach Bitters

Deutsche Sprache – schwere Sprache. Ich habe in meinen ganzen Rezensionen bisher immer, wenn es um Cocktail Bitters oder Bier ging, von „Bitterkeit“ gesprochen. Ein IPA ist bitter, daher hat es eine hohe Bitterkeit. Doch eine Seite, die sich explizit mit diesem Geschmackseindruck beschäftigt, redet immer von „Bittere“. Ich bin verwirrt. Was hat es damit auf sich? Ist das so wie mit dem zwiegespaltenen Plural des Worts „Wort“? Es gibt „Worte“ und „Wörter“ – gibt es also auch eine „Bitterkeit“ und „Bittere“ mit Spezialgebräuchen? Das moderne Standardwerk für die Verwendung der deutschen Sprache, Google, hat folgendes in petto:

bitterkeitAlso scheint es gar nicht so falsch zu sein, wie ich es verwende. Doch das ist mir nicht genug, ich will das Wort nicht nur nicht falsch, sondern eigentlich richtig gebrauchen. Was meint Ihr, was ist richtig?

Ich verwende für diese Rezension der The Bitter Truth Peach Bitters einfach mal zur Abwechslung die „Bittere“. Davon hat diese Cocktailzutat jedenfalls genug.

bittertruthpeachbitters-flascheGerade wenn man eine milde Fruchtbittere möchte, nicht so etwas sauer-brachiales wie Orange oder Zitrus, ist ein Pfirsichbitter genau die richtige Wahl. Bei dem Pfirsichbitter von The Bitter Truth bekommt man eine hocharomatische, deutlich nach Pfirsich und hell schmeckende Variante – in einer 200ml-Flasche, die für die Ewigkeit reicht, denn man setzt immer nur Tropfen oder maximal Spritzer davon ein.

Meine Variation auf Arctic Wolfs süßsauren Medusa Coil ist beispielsweise ein Cocktail, der von der milden Fruchtigkeit und Bittere der Pfirsichbitter sehr profitiert, da er von sich aus schon genug sauer daherkommt. Wegen der vielen Limettenzesten im Drink nenne ich ihn entsprechend Medusa’s Hair.

medusashair-cocktail


Medusa’s Hair
1½ oz Armagnac (z.B. Comtal Fine Armagnac V.S.)
¾ oz Limettensaft
½ oz Zuckersirup
¼ oz Amaretto
2 Spritzer The Bitter Truth Peach Bitters
Mit vielen dünnen Zesten einer Limette garnieren


Pfirsichbitter gehören in jede Bar, wie Angostura, Schokoladen-, Orangen-, und Créole oder Peychaud’s Bitters. Und bei The Bitter Truth kriegt man ein erstklassiges Paket mit hervorragendem Inhalt sowie einer sehr ansprechenden Präsentation in einer, obwohl so kleinen, doch schweren Flasche, mit atmosphärischem Etikett, mit der man gut dosieren kann. Wie alles von The Bitter Truth bedingungslos empfehlenswert – die Anschaffung ist jedenfalls kein Grund zur späteren Bitterkeit.

Bergsteigen für Genießer – Underberg

Wer hat sie nicht noch im Ohr, die Werbung von Underberg aus den 90ern. Dass der beliebte Bitter es nicht geschafft hat (oder nicht gewillt ist), sein „semper-idem“-Altherrengetränk-Image seitdem abzulegen (im Gegensatz zu beispielsweise Jägermeister, das zum Partygetränk mutiert ist), ist schade; gerade in Zeiten, in denen Bitter auf den Cocktailkarten wieder zurückkehren, ist das eine vertane Chance gewesen. Nur mit dem „nach-dem-Essen“-Motto kann man heutzutage keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Dabei hat Underberg eigentlich schon was zu bieten, was auch modernen Genusstrinkern gefallen kann.

underberg-doseDer Bitter als Spirituosenkategorie hat eine sehr alte Geschichte. Die ultrabittere Konkoktion aus Kräutern, Fruchtteilen und natürlich Alkohol wurde zunächst als Tonikum, zur Stärkung und Kräftigung von Körper und Geist, verkauft. Man denkt dabei gern an den Schlangenölhändler Docteur Doxey aus Lucky Lukes siebtem Abenteuer.

Docteur Doxey
Lucky Luke: L’élixir du Docteur Doxey © Dupuis

Ob es nun wirklich, wie gern und oft beworben, gut für den Magen nach dem Essen ist („Magenbitter“ wurde ja besonders in Deutschland zu einer eigenen Spirituosenkategorie), sei dahingestellt – diese Annahme ist wohl auch ein Relikt aus dieser Zeit. Irgendwann entdeckte man, dass das Zeug, wenn man sich mal daran gewöhnt hat, auch ganz gut schmecken kann; und mit Aufkommen der Cocktailkultur ab Mitte des 19. Jahrhunderts war der Bitter als feiner Twist in einem Cocktail nicht mehr wegzudenken.

Der Underberg selbst riecht sehr herbal, mit Kardamom, Muskat und Nelken im Vordergrund; sehr gefällig und angenehm. Im Mund ist eine starke Lakritznote, ein eher süßlicher Ton, dann vorherrschend. Dagegen kommen nicht viele andere Gewürzanklänge an, doch die Nelke ist wieder da, ein Eukalyptus-Gefühl und der Alkohol erzeugen einen beeindruckend räumliches Mundgefühl. Auf jeden Fall einzigartig und mit hohem Wiedererkennungswert.

Dass man Underberg auch heute in einer Bar gut einsetzen kann, zeigt der überraschende Underberg Sour. Eine sehr faszinierende Mischung, die man auch nach dem Essen trinken kann. Oder vor dem Essen. Bei diesem tollen Geschmack wahrscheinlich beides – Kenner erkennen vielleicht den Trinidad Sour dahinter.

Underberg Sour


Underberg Sour
1 Fläschchen Underberg
1 oz Mandelsirup
1 Spritzer Orange Flower Water
½ oz Rye Whiskey (z.B. Rittenhouse Rye BiB)
¾ oz Limettensaft


Persönlich gefällt mir die Aufmachung, in den kleinen Fläschchen, mit Packpapier umwickelt, und einem Medikamentenbeipackzettel nachahmenden Etikett. Wenn man die Fläschchen dann noch schön in einem Glashalter präsentiert, greift selbst der härteste Bitterhasser bestimmt zu.

underberg-border

…und wenn einem dann doch der Schnaps zuviel Alkohol enthält, oder ein „Teatotaller“ nach dem Essen dennoch gern den Geschmack dieses Bitters verkosten würde, biete man einfach die entsprechenden, in der Apotheke erhältlichen Kräuterbonbons an – sie werden tatsächlich als „Digestifbonbons“ vermarktet und schmecken wirklich sehr ähnlich wie der Bitter. Und sie sind garantiert alkoholfrei.

Kräuterberg Kräuterbonbons

Wenn einer eine Reise tut – The Bitter Truth Cocktail Bitters Traveler’s Set

Cocktail Bitters sind so langsam wieder im Kommen. Waren sie lange vergessen, tauchen sie hin und wieder auf Cocktailkarten guter Bars auf, und für den distinguierten Cocktailmixer gehören sie selbstverständlich nun auch im Privatgebrauch zur Pflicht, um dem Mischgetränk den letzten Schliff, den leichten Twist oder die endgültige Rundung zu geben.

Selbstverständlich ist ein Cocktail Bitter nicht dazu gedacht, ihn pur zu trinken – man muss sich den Geschmack in etwa vorstellen wie doppelt konzentrierten Underberg. Ein Tropfen auf die Zunge, und man schmeckt eine halbe Stunde lang nichts mehr; daher kommt ein Bitter auch nur in Tropfen- oder höchstens Spritzerform zum Einsatz, weswegen die kleinen Flaschen, die in diesem Set enthalten sind, durchaus lange halten.

bittertruthtravellerset-bottles

In einer schön gestalteten, dicken Blechdose, die man am oberen Ende öffnen kann, finden sich 5 Sorten Cocktailbitter, die als Grundausstattung in jede auch noch so kleine Hausbar gehören. Jeder ist in einer kleinen Tropfenflasche mit Schraubdeckel, Dosiereinsatz und einem wunderschönen, wenn auch wegen der Winzigkeit schwer lesbaren Etikett. 30% Alkohol sind auch nicht von schlechten Eltern.

Original Celery Bitters
Diese nutze ich für Getränke, die eine leichte Gemüsenote vertragen können.

Orange Bitters
Die feine Orange gibt fruchtige, frische, helltönige Klänge an jedes Getränk.

Créole Bitters
Ein durchaus passabler Ersatz für die schwer zu bekommenden Peychaud’s Bitters, eine Zutat für den klassischen Sazerac. Haben auch einen ähnlichen Färbeeffekt. Bittersüßlich.

Old Time Aromatic Bitters
Eine geheimnisvolle, helle Würze, erzeugt durch diesen Bitter, macht selbst aus einem einfachen Manhattan ein Spektakel voller Nelken und anderen Backgewürzen.

Jerry Thomas‘ Own Decanter Bitters
Das sind aromatische Bitter nach dem Originalrezept des Großvaters aller Cocktails, ultra-bitter und vom Geruch her an die Maggi-Flüssigwürze erinnernd. Sind die Old Time Aromatic Bitters hell, dann sind diese Bitter hier tiefstdunkel. Für Cocktails, die einen bösen kleinen Kick vertragen können.

bittertruthtravellerset-contents

Ich werde diese Bitter auf jeden Fall auf jede längere Reise mitnehmen, denn sie machen aus einem mittelmäßigen Cocktail, und die meisten Hotelbars bieten leider nur mittelmäßige Cocktails (wenns gut läuft!), einen passablen Cocktail, und aus einem guten einen sehr guten.

Meist setzt man die Bitter einzeln ein; hin und wieder findet man auch Rezepte, die mehrere der Bitter gleichzeitig verwenden, um die Gesamtkomplexität des Drinks noch zu steigern und in Nuancen zu verändern. Ein Beispiel dafür ist der Metropole.

Metropole


Metropole
1½ oz Cognac (z.B. Hennessy VS)
1½ oz französischer Wermut  (z.B. Ferdinand’s Saar White Vermouth)
1 Spritzer The Bitter Truth Orange Bitters
2 Spritzer The Bitter Truth Créole Bitters


Viele dieser Bitter gibt es auch als 200ml-Flasche; das ist dann für den häufigeren Gebrauch, wenn man seinen Lieblingsbitter gefunden hat. Daher kann dieses Set auch als Einstiegs- und Entscheidungshilfe dienen.

Fruchtmaggi – The Bitter Truth Lemon Bitters

Mein Bitterregal ist schon schön anzuschauen – die meisten der Bitter stammen von The Bitter Truth, und deren Flaschendesign, mit dem markanten, hübschen Etikett, ist ein edler Blickfang für jede Hausbar. Ähnlich wie die Bitter selbst in Getränken ein eleganter, abrundender Touch.

lemonbitters-border

Der Geruch der Lemon Bitters ist hauptsächlich erstmal bitter und würzig – erinnert mich etwas an die Maggi-Flüssigwürze, nur im Hintergrund scheint ein limoniger Anflug durch. Die erwartete fruchtige Komponente bleibt auch beim Geschmackstest, mit einem Spritzer auf dem Finger, überraschenderweise etwas aus. Ganz klar: Hier wurden wohl statt Zitronensaft Zitronenschalen zur Aromatisierung verwendet. Die Bitterkomponente überwiegt bei weitem, und nur dezent fühlt man die Zitrone; lässt man die Flasche etwas offen stehen, durchdringt dann aber nach einer Weile ein angenehmer, fruchtwürziger Geruch den ganzen Raum, als würde man unter einem wilden Zitrusfruchtbaum im Sommer liegen.

Aufgrund dieser Zusammensetzung ist dieser Zitronenbitter auch durchaus in Getränken einsetzbar, die von sich aus schon einen säuerlichen Grundcharakter aufweisen, wie der Old Cuban.

Old Cuban


Old Cuban
6-8 Minzblätter, sanft gemuddelt mit ½ oz Zuckersirup
¾ oz Limettensaft
1½ oz Kubanischer Rum (die kubanischen Wurzeln von Bacardi erlauben einen sehr gut passenden Bacardi 8 Años)
2 Spritzer The Bitter Truth Lemon Bitters
Auf Eis shaken. Aufgießen mit Champagner.
[Rezept nach Audrey Sanders]


Die Lemon Bitters runden das Getränk schön ab und geben ihm eine Fruchtigkeit, die nicht wirklich auf Säure beruht – die hat er schon durch Limettensaft und Sekt, und trotzdem ist da plötzlich was im Drink, das vorher nicht da war.

lemonbitters-color-border

Ein sehr klassischer Bitter, der statt dem inzwischen allgegenwärtigen Angostura eingesetzt werden kann, gerade wenn man eine etwas herbere Zitrusfruchtkomponente will oder die Färbeeigenschaft des Angostura, der alles rötlich färbt, nicht gebrauchen kann. Ein Beispiel für letzteres wäre die Rosita – eh schon leicht rötlich würde der Angostura die namensgebende zurückhaltende Rosigkeit zerstören.

Rosita


Rosita
1½ oz Tequila Reposado (z.B. Calle 23 Reposado)
½ oz Süßer Wermut (z.B. Martini Rosso)
½ oz Trockener Wermut (z.B. Noilly Prat)
½ oz Campari
1 Spritzer Zitronenbitter


Ein schöner neuer Zugang zu meinem Bitters-Regal, und wer sich für diese Art des minimalen Korrektureingriffs bei Cocktails interessiert, darf durchaus einen Blick riskieren.

Bitter macht lustig – Angostura Bitter

Der Klassiker, der das Bitter-Sterben überlebte: Nach der Prohibition gingen die einst so beliebten Bitter Stück für Stück zugrunde. Die Cocktailkultur der 50er und 60er, die außer Vodka-on-the-rocks (damals bekannt als Martini Cocktail – es reichte, die Wermutflasche am Cocktailglas vorbeizuschwenken) nichts trinken wollte, die saft- und von sich aus schon genug aromenlastige Tiki-Welle und die schnelllebige, nur auf Bombast und nicht auf Geschmack ausgerichtete Cocktailwelt der 80er hatten alle kein Interesse mehr an diesen seltsamen Tinkturen. Wenigstens Angostura überlebte, als Kuriosum, als Ausstellungsstück, als Zootier, als pars-pro-toto für die gesamte Klasse der Bitter.

angostura1Deutschland hatte da Glück: Sein Underberg gehört letztlich auch in diese Kategorie, und auch der Geschmack ist klar erkennbar ähnlich, nicht ganz so fruchtig wie der Angostura, aber von den Hauptaromen doch schmeck- und riechbar eindeutig verwandt. Tatsächlich: Wenn Sie mal Angostura brauchen, aber keinen im Haus haben, aber dafür ein Fläschen Underberg Magenbitter – nutzen Sie lieber das, statt den Bitter wegzulassen.

Heute boomen Bitter wieder, gottseidank. The Bitter Truth, Fee Brothers und andere bringen nun monatlich neue Geschmacksrichtungen auf den Markt. Das Problem dieser neuen Marken: In den ganzen Rezepturen steht oft immer noch „Angostura“, wenn ein Bitter gewünscht ist – aus den oben genannten Gründen. Dabei gäbe es oft andere Bitteraromen, die besser passen würden, als der starke Bitterorangengeschmack des Angostura, oder die den Cocktail nicht ganz so blutrot färben bei ähnlichem Aroma.

angosturaLetztlich muss man ihn aber selbst als blutiger Anfänger in der Bar haben – es sollte wirklich eine der sehr frühen Anschaffungen sein. Jeder Cocktail verträgt einen Schuss Bitter, und mit dem Angostura kann man nichts falsch machen. Man setzt diese Bitter in geringen Dosen ein, spritzer- oder tropfenweise, daher sollte diese 100-ml-Flasche selbst für ambitionierte Heimmixologen sehr lange ausreichen. Interessant an ihr ist auf jeden Fall weniger die Flasche selbst, als das extravagante Etikettendesign: Eine halbe Tageszeitung mit viel Text, soviel, dass das Etikett größer als die Flasche ist.

In vielen Cocktails ist Angostura als kleiner Kick oder Dekoration tröpfchenweise enthalten. Im Trinidad Cobbler dagegen ist mit 10 Spritzern eine massive Dosis vorhanden, die als Schicht obenauf direkt für knallige Aromen sorgt. Das ist, wie gesagt, nicht typisch für den Angosturaeinsatz – aber lecker!

Trinidad Cobbler


Trinidad Cobbler
1 oz dunkler Rum (z.B. Pusser’s Navy Rum 40%)
1 oz Sherry (z.B. Sandeman Medium Sweet)
¾ oz Orangensaft
¾ oz Ananas-Zimt-Sirup
½ oz Zitronensaft

Die Mischung mit crushed ice „swizzlen“ oder rühren, und am Ende mit…
10 Spritzer Angostura
…bedecken.


Probieren Sie dennoch, wenn Ihnen dieses Produkt zusagt, auch mal andere Bitter aus. Orangen-, Sellerie-, Schokoladen- und Pfirsichbitter helfen Ihnen, die feinen Nuancen eines Drinks zu tunen.

Wenn Sie sich für die wirklich außergewöhnliche Geschichte dieses Produkts mit deutsch-venezuelanischen Wurzeln interessieren: In The Drunken Botanist von Amy N. Stewart finden sie diese sehr spannend nacherzählt (neben vielen anderen wertvollen Informationen über die Kombination von Pflanzen und Spirituosen).

Gegen das Reinheitsgebot – Wolfberger Amer Bière Orange

Wieder eine dieser Zutaten, die man hin und wieder in Cocktailrezepten findet, und mit denen man oft erstmal nichts anfangen an. Amer, Amer Picon, Amer Nouvelle, Amer Bière – letztlich ist das alles grob dasselbe: Ein französischer, leichter Bitterapéritif, erinnernd an italienische Amaros, mit Fruchtaromen (hier: Orangen) versehen. Picon ist der vielleicht noch bekannteste Hersteller von Amers in Deutschland.

amer-biere-1Wolfberger ist eine im Saarland sehr bekannte elsässische Kellerei, ansässig in Colmar, die einen recht guten Crémant und ähnliche Schaumweine herstellt – und eben diesen Amer Bière Orange. So genannt, weil ein Haupteinsatzgebiet dieses Bitters aus Orangen, Chinarinde und Enzian die Vermischung mit Bier ist: Ein Aromazusatz, sehr beliebt im Elsass, wo es auch noch weitere Geschmacksrichtungen gibt, zum Beispiel mit Zitrone.

Pur kann man sich diesen französischen Leichtbitter so vorstellen: Nehmen Sie einen Amaro wie Ramazotti, Cynar oder Fernet Branca, und verdünnen Sie ihn 1:1 mit Wasser, geben vielleicht einen Spritzer Orangenbitter dazu. Das kommt ganz gut hin. Eine wirklich leichte, angenehme, auch sehr gut pur trinkbare Spirituose, mit 15% Alkohol auch nicht zu kräftig – mit einem Eiswürfel, oder etwas Sprudel, vielleicht sogar Sekt oder Crémant: hmmm, lecker.

Als Cocktailzutat vergleiche ich ihn auch mit Amaros. Sie kommen gerade nicht an diese Spirituose ran, brauchen einen Ersatz dafür für einen Cocktail? Nehmen Sie meine oben vorgeschlagene Verdünnungsvariante, das gibt einen sehr passablen Ersatz. Doch das Original ist halt immer besser als ein Ersatz, wie man im sehr leckeren Sanctuary sieht.

sanctuary-cocktail


Sanctuary
2 oz Dubonnet Rouge
1 oz Wolfberger Amer Bière Orange
1 oz Triple Sec (z.B. Le Favori)


Nun aber zum Bier-Vermischungstest. Zwei recht unterschiedliche Biere habe ich mir ausgesucht, die mit dem Amer aus dem Hause Wolfberger aromatisiert und dann verkostet werden sollen: Ein bayerisches Hefeweizen und ein saarländisches Pils.

Ein Paulaner Hefeweizen, wie man es aus dem Biergarten kennt, soll der erste Kandidat für den Bierzusatz sein. Schönes ocker, herrliche Schaumkrone, leichter Geschmack – ein Sommergetränk. Ein kräftiger Schuss Amer Bière Orange hinzugegossen, und die Farbe wird einige Stufen dunkler. Der Geruch ändert sich, wird fruchtiger, und man erkennt den Bitterton darin. Der Geschmack schließlich wird doch deutlich verändert – die orangige Fruchtigkeit übernimmt alles, der Biergeschmack ist zwar noch fühlbar, aber klar im Hintergrund und erst im Nachgeschmack kommt er wieder zum Vorschein. Eine leichte Bitternote ganz hinten am Zäpfchen gibt dem sonst eher süßlichen Hefeweizen einen interessanten Touch und fügt etwas Komplexität hinzu.

amer-biere-2Nach diesem ersten Experiment glaube ich allerdings, dass Hefeweizen nicht der ideale Partner für Amer Bière ist – das Weizen ist an sich schon leicht fruchtig und süß, durch den Amer wird das nur noch stärker betont, ist also relativ unspannend. Es gibt einige Fertigmischungen, z.B. von Schöfferhofer, die ein sehr ähnliches Geschmackserlebnis direkt aus der Flasche anbieten. Der nächste Versuch findet daher mit einem Pils statt. Das bevorzugte Pils meiner Region ist Karlsberg Urpils.

amer-karlsberg-1Hier zeigt sich der Charakter der Geschmackswandlung meiner Meinung nach deutlich besser: Die hopfige Bitterkeit des Pils wird gemildert und durch eine weichere Bitterkeit ersetzt. Die Orange kommt sehr schön zum tragen, wird nicht so sehr durch den Eigengeschmack wie beim Hefeweizen überdeckt. Eine Trockenheit am Ende gleicht die süße Fruchtigkeit schön aus. Eine wirklich angenehme Kombination, auch farblich in einem Pariser Rot sehr ansprechend.

amer-karlsberg-2Der klare Gewinner. Das ist was, womit ich meine Kollegen beim nächsten „Bier um Vier“ bei uns überraschen werde – ich bin gespannt auf die Reaktionen der „harten Kerle“, wenns um so einen Zusatz geht.

Als Bierzusatz stellt sich in Zeiten, in denen es Dutzende von vorgemischten aromatisierten Bieren bereits leicht erhältlich gibt, die Frage nach dem Sinn. Für mich ist das leicht zu beantworten – das vorgemischte, standardisierte Zeug ist geschmacklich zwar ähnlich, aber es geht doch irgendwie nichts über das Gefühl des Selbermachens; und man halt statt künstlichen Aromen doch mit dem Wolfberger Amer Bière Orange etwas qualitativ sehr viel hochwertigeres und darüber hinaus traditionelles in der Hand hat – und man seine Lieblingssorte Bier verwenden kann.

Ein Nachtrag – auch wenn diese Sorte Bitter in Deutschland in Vergessenheit geraten ist, im Nachbarland Frankreich sind sie noch sehr beliebt, erkennbar an diesen Schnappschüssen aus einem französischen Supermarkt.

amers-regalamers-regal-2Den Wolfberger dagegen bekommt man auch im saarländischen Globus für 9€ den Liter.

Und noch ein Nachtrag, nach einem Ausflug in die saarländische Kneipenwelt im beliebt-berüchtigten alternativen Nauwieser Viertel. Dort gibt es Amerbier in Kneipen auch auf der Karte, und laut einem diesbezüglich sehr erfahrenen Kollegen ist Amerbier schon immer im Saarland ein beliebtes Mischgetränk gewesen, das sich aufgrund des geschmacklich sehr gut verborgenen Alkoholgehalts hin und wieder als gefährlich erwies…

amerbier-border