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Destillerie Armand Guy Pontarlier Liqueur de Sapin, Anisée und Absinthe Titel

La France spirituelle – Destillerie Armand Guy Pontarlier Le Vert Sapin, Anis Ponsec und La Pontissalienne

Vielleicht kennt das der eine oder andere meiner Leser aus eigener Erfahrung: Die Jahreszeiten, dabei insbesondere die Außentemperatur und die Dauer des Sonnenlichts, beeinflussen ganz stark, welche Spirituosen ich bevorzuge. Im dunklen Winter trinke ich gern schwere, süße Brandys oder Bourbons, im Frühjahr entdecke ich plötzlich meine Liebe für den leichteren Tequila wieder, im Herbst sind es oft Liköre, die mich begeistern. Der Sommer aber, insbesondere der so richtig derb heiße Hochsommer, bei dem die Luft flirrt und sich kein noch so kleines Windchen regt, lässt mich zu Anisées und Anisettes greifen.

Ouzo war dabei oft das Gift der Wahl, in letzter Zeit habe ich für derartige Bedürfnisse auch türkischen Rakı für mich entdeckt. Ein Gläschchen Sambuca zeigt, dass neben Griechen und Türken auch die Italiener guten Anisbrand herstellen – und nun beginne ich auch, langsam die Fühler in Richtung Frankreich auszustrecken, um deren Anisées kennenzulernen. Gerade in Frankreich sind diese Anisschnäpse und -liköre Kinder der Not; nachdem der dort äußerst beliebte Absinthe praktisch weltweit auf einen Schlag zu Beginn des 20. Jahrhunderts verboten wurde, war der Bedarf nach einer Alternative groß, und man versuchte, den Wunschgeschmack anders herzustellen als über die als wahnsinninduzierend verschrieenen Wermutkräuter mit ihrem hohen Thujon-Gehalt (wie sich herausstellte, war es banalerweise aber wohl eher der hohe Alkoholgehalt in Verbindung mit maßlosem Konsum, der zu geistigen Ausfällen führte). Enter: Anis.

Eines der drei Produkte aus der Destillerie Armand Guy, von denen mir Importeur Lion Spirits unaufgefordert und kostenlos je 10cl zum Testen zur Verfügung stellte, ist genau so ein Anisschnaps, der Anisée Pontarlier Anis Ponsec. Darüberhinaus will ich hier noch die anderen beiden vorstellen –  den Tannennadellikör Le Vert Sapin, und den Absinthe La Pontissalienne.

Destillerie Armand Guy Pontarlier Le Vert Sapin, Anis Ponsec und La Pontissalienne

Beginnen wir beim vielleicht ungewöhnlichsten des Trios – beim Le Vert Sapin handelt es sich um einen Tannennadellikör: Frisch gepflückte Tannentriebe werden angesetzt und destilliert, und danach nochmal 2 Wochen mit getrockneten Trieben mazeriert. Die Farbe ist giftig neongrün, passend eigentlich zu den gelbgrünen Tannennadeltrieben, die ich zum Vergleich gesammelt habe (siehe Foto). Irgendwie habe ich aber trotzdem so meine Zweifel daran, dass diese Farbe natürlich ist, ein paar Tropfen Farbstoff würde ich vermuten, insbesondere, da grüne Naturfarbe in Spirituosen nach meiner Erfahrung meist nicht sehr beständig ist und schnell graubraun wird. Manchmal muss man einen Rückzieher machen – eine Rücksprache mit dem Importeur hat ergeben, dass diese Spirituosen alle nicht künstlich nachgefärbt sind.

Der Geruch ist ein Traum – eine Mischung aus Chartreuse und Fichtenwald und Kräuterbeet im Hochsommer, mit Harz, Holz, Apfelessig und leichten orangigen Komponenten. Sehr spannend und komplex, da kann man lange dran schnuppern und neues entdecken.

Le Vert Sapin Likör

Ich habe den Geschmack von frisch gepflückten Tannennadelsprossen neulich erst, bei einem Waldspaziergang, probiert – es ist eine Mischung aus Zitrone und Petersilie, wenn man mich fragt, eigentlich sehr angenehm, gut erfrischend zum Draufrumkauen, wenn man mit dem Hund unterwegs ist. Je hellgrüner sie sind, um so zitroniger; je dunkler sie werden, um so harzig-tannig-holziger werden sie. Der Geschmack des Le Vert Sapin gleicht diesem tatsächlich etwas, allerdings ist die Süße des zugesetzten Zuckers natürlich erstmal überwältigend. Harz, Holz, Orange, ein Touch von Rauch, Rosmarin, Basilikum und schließlich Minze im Ausklang – oh, das ist ein gefährlicher Tropfen, bei dem man gern den letzten Tropfen aus dem Glas lutscht. Der Abgang ist leicht pappig, mindestens aber süß, recht kurz und unaufgeregt, mit sehr milder Wärme, die den immerhin 40%-igen Alkoholgehalt kaum erkennen lässt. Aufgegossen mit etwas eiskaltem Sprudel oder Tonic Water ist der Le Vert Sapin übrigens ein ganz herausragendes Erfrischungsgetränk mit viel Charakter für den angesprochenen heißen Sommer.

Wir verlassen den Tannenwald, kommen auf die Einleitung zurück und schauen uns das nächste Produkt aus derselben Destillerie an – den Pontarlier Anis Ponsec. Die Franzosen (wie viele Mittelmeeranrainer) sind sehr viel anisverliebter als wir Deutschen, man kennt ja vielleicht den Pastis Ricard oder den Anisée Pernod aus dem Urlaub. Die Besonderheit hier im Gegensatz zu Pastis ist, dass hier nicht nur eine Kräutermazeration, sondern eine Redestillation eines Anis-Alkoholgemischs erfolgt, und keine Lakritzaromen zugefügt werden.

Pontarlier Anis Ponsec

Der Anis Ponsec ist leicht gelbgrün, passend zum verwendeten grünen Anis (wobei auch hier, wie schon zuvor, wahrscheinlich künstlicher Farbstoff mit im Spiel ist nein ist er nicht). Wie auf dem Foto zu sehen, verkoste ich den ihn auf die Art und Weise, wie er üblicherweise getrunken wird – mit etwas Eiswasser. Dabei sieht man auch schön den Louche-Effekt, der die eigentlich gelbgrüne Flüssigkeit in blickdichtes Weiß verwandelt.

Die Nase ist in diesem Zustand oberflächlich sehr stark lakritzlastig (selbst wenn diese nicht, wie erwähnt, verwendet wird), mehr noch als die meisten Ouzos oder Rakιs, die ich kenne. Leicht mentholig, sonst nicht viel – der Anis übertüncht alles andere ohne Gnade. Der Geschmack ist süß und dicht, auch hier natürlich mit Anis im Vordergrund. Der Anis Ponsec ist zwar kein Anisette (also Anislikör), dennoch ist er leicht gezuckert. Ein recht cremiges Mundgefühl sorgt für eine schöne Trinkbarkeit selbst für mich, der bei Anisées eine eher zurückhaltende Lakritzdichte mag – das kreide ich dieser Spirituose natürlich nicht an, denn, so wie bei Gin definitorisch der Wacholder im Vordergrund stehen muss, muss bei Anisée der Anis vorherrschen. Der Abgang ist trotz der Verdünnung mit Wasser angenehm alkoholisch (die 45% Alkoholgehalt sorgen dafür), salzig, sehr lang und perfekt rund. Im Nachhall verdeutlichen sich schließlich erneut Anis und Fenchel.

Persönlich ist mir dieser Anisée klar zu eindimensional anislastig, da ist kaum etwas anderes zu riechen oder zu schmecken. Etwas mehr Komplexität wäre wünschenswert, so ist er für mich persönlich, verdünnt mit Wasser, ein netter Aperitiv, mehr aber nicht.

Zu guter letzt kommt der Dritte im Bunde zum Zuge: La Pontissalienne ist als Absinthe das, was die Destillerie Armand Guy ursprünglich eigentlich als ihre Domäne auszeichnete, bis die Gesetzgebung zuschlug, um die Menschen vor dem Wahnsinn der „grünen Fee“ zu bewahren. Erst 2011, nach der Aufhebung des unsinnigen und willkürlichen Absintheverbots, wurde diese Spirituose wiederbelebt, nachdem sie 100 Jahre scheintot vor sich hindämmerte.

La Pontissalienne

Ohne Wasserzusatz ist dieser Absinthe hellgrün, mit starken gelben Reflexen. Im Glas ist nur eine leichte Viskosität erkennbar, die entstehenden Beine beim Schwenken laufen schnell ab. Wie bei Absinthes üblich, haben wir hier einen erhöhten Alkoholgehalt von 56% vor uns – da man ihn praktisch nicht pur, sondern meist mit Eiswasser trinkt, ist dies auch gut so. Das flashige Ritual mit dem flambierten Zuckerwürfel, das wohl erst am Ende des 20. Jahrhunderts in Tschechien als Marketingmaßnahme entstanden ist, brauchen wir wahren Genießer nicht. Mit langsam eintröpfelndem Wasser wird der La Pontissalienne langsam trübe, behält aber, im Gegensatz zum Anisée, der komplett blickdicht und weiß wird, eine gewisse Transparenz und seine gelbgrüne Farbe.

Unverdünnt rieche ich Fenchel, eine sehr kräuterlastige Oberfläche (ich gehe davon aus, dass dies das Wermutkraut ist – leider hatte ich noch keine Gelegenheit, das Kraut außerhalb von Spirituosen zu riechen), Zitronenschale, eine leichte fleischige Komponente und deutlich Ethanol. Nach der Verdünnung werden Fenchel und Wermutkraut noch dominanter, und die Zitrone beginnt zu leuchten. Sehr angenehm.

Unverdünnt ist der Geschmack stechend, anislastig, auch hier leicht fleischig oder umami. Im Abgang kommt Zitrone zum Vorschein; der Abgang ist kurz, dabei kurz heiß aufflammend und dann schnell wieder verlöschend. Sehr rein und klar wirkt der La Pontissalienne dabei. In Wässerung verbreitert sich das Profil, wird weicher und weniger vom Anis dominiert. Die grundsätzlichen Eindrücke bleiben aber erhalten – umami, Zitrone, Fenchel. Der Abgang verlängert sich um das vielfache und ist viel aromatischer als zuvor; ein sehr schöner Effekt, der zeigt, dass Wasser hier nicht verdünnt, sondern die Spirituose sich erweitern lässt. Ich bin mir sehr sicher, dass dieser weiche Absinthe sich wunderbar als Glasaromatisierung in einem Sazerac-Cocktail macht.

Das leitet über zum nächsten Thema. Aktuell sind schwarz gefärbte Cocktails ein kleiner, geheimer Trend. Viele greifen zu Sepia oder Kohle, um die Schwärze herzustellen; man kann, wenn man sich mit einem dunklen Grau zufrieden gibt, auch die Kombination nutzen, die im Violetta die zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftige Farbe entstehen lässt – der Louche-Effekt bringt die Blickdichte mit sich. Veilchenlikör und Anisée passen überraschend gut zueinander, und der Ananassaft sorgt für etwas Schaum und Körper.

Violetta


Violetta
¾ oz Anisée (z.B. Pontarlier Anis Ponsec)
 ¾ oz Veilchenlikör (z.B. The Bitter Truth Violet Liqueur)
1½ oz Ananassaft
½ Teelöffel Grenadine
1 Spritzer Sprudel
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Ein Gesamtfazit kann man hier natürlich nur schwer ziehen, dazu sind diese drei Spirituosen zu unterschiedlich. Was man definitiv sagen kann ist, dass hier bei der Herstellung nicht geschlampt wird, und man hochwertige Qualität aus einer bis heute familiengeführten, traditionsreichen Destillerie bekommt, die sogar offen mit Information umgeht. Für mich persönlich ist insbesondere der Le Vert Sapin ein sehr aufregender und im Gedächtnis bleibender Likör, von dem ich sicherlich, wenn das Sample aufgebraucht ist, eine volle Flasche akquirieren werde. Allen frankophil veranlagten Trinkern unter meinen Lesern kann ich aber praktisch ohne Bedenken alle drei hier vorgestellten Produkte empfehlen, als hochwertiger Ersatz für die etwas gewöhnlichen Massenprodukte Ricard und Pernod, wenn einen die Sommerhitze einmal niederstreckt und man einen kräuterig-wilden Gemütsaufheller und Munderfrischer braucht.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgeforderte, kostenlose Zusendung dieses Probesets an Spirituosen.

Grand Marnier Cordon Rouge Titel

Das trinkt man so – Grand Marnier Cordon Jaune und Cordon Rouge

Eine der wenigen Sendungen, die ich noch immer wirklich gern im Fernsehen anschaue, ist das „Perfekte Dinner“, und im Besonderen das „Perfekte Promi-Dinner“. Diese Sendung hat die richtige Mischung aus Humor, Koch- und Einkaufsverhalten und Einblick ins private Leben fremder Leute, die mich an den Bildschirm fesseln kann. Neulich aber hat sich das Format selbst übertroffen; am 08.01.2017 um 20:15 wurde bei VOX „Das perfekte Profi-Dinner: Spitzenköche unter sich“ ausgestrahlt. Die Idee: Sterneköche bekochen sich privat gegenseitig, und was sich erstmal recht langweilig und konventionell anhörte, explodierte fast vor Charme und Unterhaltungsfaktor. Insbesondere 2-Sterne-Koch Christian Lohse sorgte beim Publikum für eine hochfaszinierende Mischung aus Entsetzen und Lauthalsmitlachen.

Das Highlight dieses Fernsehabends war dann das Getränk zum Dessert, das Lohse seinen hochdekorierten Gästen kredenzte – Grand Marnier auf Eis im Wasserglas. Auf die etwas irritierte und schon vom reichlichen Voralkohol angedüselte Nachfrage seiner Kollegen, wie das eigentlich gehe, antwortete Lohse in seiner unnachahmlichen Art nur trocken: „Das trinkt man so“.

Das perfekte Promi-Dinner "Spitzenköche unter sich"

Darüber ließe sich natürlich trefflich streiten, insbesondere, wenn man sich unsicher ist, was das goldene Gebräu eigentlich ist, was da im Glas landete. Nachdem ich hier auf meinem Blog bereits drei Orangenliköre vorgestellt hatte – in aufsteigender Qualität den Chadess Liqueur d’Orange, den Le Favori sowie Clément Créole Shrubb – kommt nun ein Doppelfeature, das die zwei Ausprägungen des französischen Edellikörs vorstellen soll – Grand Marnier Cordon Jaune einerseits, und Grand Marnier Cordon Rouge andererseits. Was ist der Unterschied, außer dem schon im Namen enthaltenen Farbunterschied des Bändchens um die Flasche? Beginnen wir mit dem gelben Bändchen, dem Cordon Jaune, das noch den Untertitel Triple Sec trägt.

Grand Marnier Cordon Jaune Flasche

Wer sich nochmal daran erinnern lassen möchte, was Triple Sec ist, den verweise ich gern auf meinen oben verlinkten Artikel zu Le Favori. Der Grand Marnier Cordon Jaune ähnelt diesem und den meisten anderen Triple Secs zumindest schonmal dahingehend, dass auch er mit neutralem Alkohol hergestellt wird, ist also etwas vodkaähnlich. Die Farbe dieses Likörs, das ahnt man schon durch die braungetönte, markante Flasche, ist komplett klar. Im Glas ist er dann erkennbar ölig und viskos, so dass Beine am Glasrand haften bleiben und langsam ablaufen.

Der Geruch enttäuscht die Erwartungen nicht – natürlich vordergründig Orange, dazu etwas Zitrone, und ein Anklang an Mandeln. Die klar erkennbare Ethanolnote deutet auf die Entstehung mit Neutralalkohol hin. Insgesamt in der Nase süßlich, und man ahnt schon, worauf man sich einlässt – oberflächlich, dafür mit Wumms. Das bestätigt sich dann auch im Mund. Dieser Gelbband-Grand Marnier ist sehr süß, mild orangig, fast schon eher mandarinig. Im Vergleich zu den anderen bereits erwähnten Orangenlikören ist er dann aber doch noch etwas orangiger und aromatischer, und auch etwas weniger süß. Den Neutralalkohol kann aber keine Orangennote verdecken. Der Abgang schließlich ist warm und mittellang, leicht klebrig. Orangenaromen bleiben lange, aber auch das Gefühl des zuckrigen Overkills.

Springen wir direkt weiter zum großen Bruder des Cordon Jaune, zur Edelvariante, dem Grand Marnier Cordon Rouge, der im Gegensatz zur gelbbebandeten Version mit 51% Cognac hergestellt wird.

Grand Marnier Cordon Rouge Limited Edition

In meiner „Limited Edition“ wird der Likör in einer intransparenten, weißen Flasche ausgeliefert – der Standardfall ist die identische Flasche zum Cordon Jaune, nur dann eben mit einem roten Bändchen. Die Ähnlichkeit der Präsentation ist aber eigentlich auch schon das Ende der Gemeinsamkeiten.

Im Glas zeigt sich der Cordon Rouge in kräftiger Bernsteinfarbe, fast schon dunkle Orange. Eine leichte Viskosität ist vorhanden, aber nicht ganz so wie beim klaren Verwandten. Der Geruch mag in den ersten Eindrücken ähnlich sein, hauptsächlich natürlich Orange, auch die Zitrone, dann kommt aber schon eine klar erkennbare Weinbrandbasis zum Vorschein. Ein sehr anderes, sehr viel feineres und weniger aufdringliches Aroma, das ergänzt wird durch Anklänge von Nelken und anderen Gewürze. Komplex und spannend.

Auch wenn der Geschmack immer noch sehr süß ist, schmeckt man doch tiefere Schichten heraus – Nüsse, Trockenobst, Nussschokolade, etwas schwarzer Pfeffer. Orange kommt hier erst als nachgelagerte Komponente, die im Verlauf dann aber immer stärker wird. Ganz im Hintergrund schweben Holz- und Rauchnoten. Hellfruchtig, sehr warm und lang ist der Abgang, mit milder Süße, ebenso mildem Brennen, und deutlichen Weinbrandnoten.

Grand Marnier Cordon Jaune und Cordon Rouge Vergleich

Sehr witzig ist die farbliche Gegenüberstellung, wenn man die „Limited Edition“ in der weißen Flasche besitzt – die weiße Flüssigkeit in der braunen Flasche, die braune Flüssigkeit in der weißen Flasche.

Insgesamt kann man sehr schnell ein Fazit ziehen, was den Vergleich der beiden Grand Marniers angeht: Im Purgenuss ist der Cordon Rouge klarst überlegen; er ist eigentlich ein ganz anderes Getränk mit viel mehr Charakter, Volumen und Komplexität. Letztlich spricht der Hersteller mit den beiden Produkten aber natürlich auch unterschiedliche Zielgruppen an. Cordon Rouge für Purtrinker (wie Christian Lohse und seine Gäste), Cordon Jaune als typische Cocktailzutat.

Wie zum Beispiel beim Orange Brulée, hier gezeigt in der Variation, die J&C’s auf ihrem Blog vorgestellt hatten. Ein toller After-Dinner-Cocktail mit viel Frucht und Süße. Allerdings wage ich es, Grand Marnier Cordon Rouge auch in Cocktails zu wählen, insbesondere wenn, wie hier, der Orangenlikör eine wichtige (oder gar die Haupt-)Rolle spielt.

Orange Brulée


Orange Brulée (J&C’s Variation)
1½ oz Orangenlikör (z.B. Grand Marnier Cordon Rouge)
1¼ oz Bourbon Whiskey (z.B. Evan Williams BiB)
½ oz Amaretto (z.B. Disaronno)
Auf Eis shaken.
Einen Hauch Sahne floaten und mit Kakao bestäuben.

[Rezept nach Xavier Laigle und J&C’s]


Tatsächlich muss man ihn also nicht unbedingt wie Christian Lohse gleich aus dem Wasserglas trinken, um Grand Marnier stilecht genießen zu können – ich kann mir aber gut vorstellen, dass auch das bei einem lustigen Abend mit Gleichgesinnten durchaus gut ankommen kann, wie man im Fernsehen ja sehen konnte. Und sowieso, wer wäre denn ich, mit einem frankophilen 2-Sterne-Koch disputieren zu können, wenn es um Genuss geht?

Sierra Spiced Titel

Mixto Undercover – Sierra Spiced Licor con Tequila Edición Limitada

Manchmal lassen wir uns als rechthaberische Quartalssäufer dazu hinreißen, eine spezielle Spirituose aus tiefstem Herzen zu verachten. Vielen Rumfreunden geht das mit Bacardi so, der Whisky-Connoisseur blickt auf Johnny Walker Red Label herunter, der Gin-Hipster verdreht bei Gordon’s die Augen. Auch bei Tequila gibt es ein Ziel vieler Hassattacken der Kenner, man ahnt schon, was es ist: Sierra. Persönlich lasse ich mich nur ungern von solchen oft unmotivierten Antipathien kontrollieren. Bacardi hat durchaus gute Produkte im Portfolio, und der vielgeschmähte weiße Rum ist so schlecht dann halt doch nicht. Ebenso bei Johnny Walker und Gordon’s – wenn man sich an deren Standardprodukte in der unteren Preisklasse wendet, sollte man halt wissen, dass man keine Geschmacksexplosionen erwarten darf, bekommt aber dennoch vernünftige Qualität.

Anders sieht die Situation für mich bei Tequila aus. Dort bekommt man bei dieser Art von Standardprodukten schon eine Geschmacksexplosion, aber nicht immer unbedingt im positiven Sinne. Die Mixtos von Sierra sind für mich beispielsweise unterdurchschnittlich. Andererseits stellt diese Firma auch sehr schöne 100%-Agaventequilas her. Da ist man als Spirituoseninteressierter, der sich gegen die oben angesprochene unterschwellige Ablehnung wehren und sich einigermaßen objektiv einem Schnaps gegenüber verhalten will, in einer Zwickmühle, wenn man ein neues Produkt dieser Firma im Regal findet: Soll man es riskieren, dem Hersteller erneute Chancen zu geben, oder es lieber sein lassen? Ich habe mich für das Risiko entschieden, und mutig und optimistisch den Sierra Spiced Licor con Tequila Edición Limitada in meinen Warenkorb gelegt.

Die Flasche verbirgt den Inhalt nicht – die Farbe gefällt schon von außen durch den blassgoldenen, strohigen Ton. Da laut Etikett Farbstoff im Spiel ist (wie bei vielzuvielen anderen Spirituosen auch), ist die Farbe allerdings eigentlich irrelevant für eine Bewertung; schade, dass sowas heutzutage noch sein muss – liebe Hersteller, der moderne Spirituosentrinker ist dahingehend geschult, dass man ihn nicht mit künstlicher Farbe täuschen muss!

Sierra Spiced Flasche

Bei vielen anderen Sierra-Produkten merkt man schon am Geruch, woran man ist. Der Sierra Spiced überrascht mich daher ganz enorm: sehr angenehm. Zurückhaltende Orange. Zimt, zwar nicht so wildzimtig wie bei einer anderen Zimtspirituose, dem Fireball-Whiskey, aber erkennbar.  Eine feine, blumige Tequila-Note scheint durch. Würzig und süß, floral und mild. Leichte Mineralität. Wenn man die Nase tief ins Glas hält, kriegt man eine leichte Schärfe zu riechen. Ich bin baff – der Geruch ist wirklich ausgesprochen angenehm; habe ich Sierra bisher in meinem Rundumschlag unrecht getan?

Das muss nun auch geschmacklich geprüft werden. Und hier zeigt dann der Sierra Spiced seine hässliche Fratze, die er geschickt unter Parfümduft verborgen hatte. Ein Zuckerschwall überflutet meinen Mund. Was schmecke ich? Zucker. Zucker und Zucker. Künstliches Orangenaroma. Künstlicher Zimt. Plastik. Bitter und sauer. Ein unangenehm seifiges Mundgefühl. Ein schlimmer Fuselgeschmack kommt zum Vorschein. Ich muss mich beim Verkosten zwingen, weitere Schlucke zu nehmen. Ein sehr unfeiner, bitter-saurer Abgang, mit oberflächlich zuckrigem Gaumenpapp, komplettiert die Zerstörung der Mundflora und -fauna. Eine leichte Mentholnote verbleibt; von Aromen her nur Zimt. Gottseidank ist der Abgang wenigstens recht kurz.

Da will man direkt ausrufen: Nein, ich habe Sierra bisher in meinem Rundumschlag nicht unrecht getan! Dieser Likör ist ein Graus; und das ganze ist noch tragischer, weil mich der wirklich fantastische Geruch auf eine Verbesserung dieses Herstellers hoffen ließ. Diese Hoffnung wurde jäh und brutal zerstört. Der Sierra Spiced sorgt darüber hinaus mit diesem ekligen Mundgefühl für ein neues Highlight in meiner nach unten offenen Liste der grausigsten Getränke.

Persönlich kann ich mir nicht vorstellen, diesen Likör wirklich extensiv oder gewinnbringend in Cocktails einzusetzen, dazu ist er viel zu eindimensional. Es gibt aber eine Zutat, die sich dann doch gut mit ihm verträgt, und seine gröbsten Schnitzer elegant ausbügelt, und daher empfehle ich, diesen Tequilalikör mal in einem Spiced Tequila and Tonic, oder kurz ST&T, auszuprobieren. Ein durchaus leckerer Longdrink.

ST & T (Sierra Spiced & Tonic)


ST & T
2 oz Sierra Spiced
…aufgießen mit Tonic Water (z.B. Fentimans Tonic Water)
…und mit einem Spritzer Angostura krönen.
[Rezept nach schlimmerdurst]


Die Basis dieses Spiced Tequila ist der hauseigene Reposado des Herstellers, der bereits selbst nur ein Mixto ist, d.h. nicht zu 100% aus Agavenzucker hergestellt wird: Mindere Qualität also bereits in der zugrundeliegenden Spirituose. Diese wird dann durch Zugaben auf 25% Alkohol runtergedrückt. Verbessert wird das ganze nicht durch die künstlichen Zimt- und Orangenaromen, und das Pfund Zucker, das wahrscheinlich drin ist; es ist klar, dass in einem Likör per EU-Verordnung mindestens 100g/L Zucker enthalten sind, daher wäre eine Messung meinerseits, die ich für Spirituosen, bei denen ich Zuckerzusatz vermute, gern durchführe, sinnlos. Doch ich kenne Liköre, und auch Crèmes (mindestens 250g/L Zucker), die trotz viel Zucker nicht dermaßen extrem und fast ausschließlich nach Raffinadezucker schmecken wie der Sierra Spiced.

Um mal auch was positives zu sagen: Die Flasche ist fantastisch, mit herrlichem Design, das ins Glas eingelassen ist, und einem hübschen Umhänger. Natürlich vernichtet der dümmlich-bescheuerte Hut auf der Flasche alles an Flair, das das Design durchaus hergeben würde – der Hersteller Sierra kann eben nicht aus seiner Haut. Wenigstens ist der Hut nicht rot, sondern minimal dezenter schwarz. Ich habe mich von dieser ausgesprochen attraktiven Flaschengestaltung und einem guten Preisangebot im örtlichen Globus-Markt ködern lassen und für die 0,7-Liter-Flasche im Sonderangebot 9€ bezahlt; selbst diese Reduktion vom UVP von 13€ rettet den Sierra Spiced nicht. Und die hübsche Flasche selbst kann man ja leider nicht trinken.

Sierra Spiced Angebot

Wer Zimtspirituosen mag, sollte sich lieber an Fireball Whiskey halten, der alles das richtig macht, was Sierra Spiced falsch macht. Selbst wenn ich zugestehe, dass ich Fireball nicht für eine wirklich hochwertige Spirituose halte, so ist der Sierra Spiced dann halt doch noch mehr als eine Stufe darunter.

Kretischer Raki Titel

Hausgemacht schmeckts halt am Besten – Kretischer Raki und Rakomelo

Der Urlaub auf Kreta dieses Jahr war erneut ein Erlebnis. Seit vielen Jahren genieße ich die unglaubliche Freundlichkeit der Kreter, die, im Gegensatz zu vielen anderen Urlaubsländern, nie aufgesetzt oder der Verkaufsförderung dienend wirkt. Filoxenia und filotimo, also Gastfreundschaft und Respekt vor dem sozialen Umfeld, sind in Griechenland keine abstrakten Schlagworte, sondern zumindest bei den Griechen, die ich auf Kreta kennengelernt habe, gelebte Wirklichkeit. Sowohl in den Touristendörfern (wo den Kretern leider selten derselbe Respekt zurückgegeben wird, wie ich dauernd fremdschämend erleben musste), als auch in den abgelegeneren kleinen Bergdörfern, wo trotz Sprachbarriere eine herzliche Freundlichkeit Fremden gegenüber herrscht. Manchmal muss man in Vorleistung gehen, doch dazu reicht es oft schon aus, die älteren Herren in der Taverne beim Frappé von sich aus mit einem lauten kalimera zu begrüßen, sich respektvoll zu verhalten und wenigstens „bitte“ und „danke“ auf Griechisch sagen zu können – das sollte, egal wo, aber eh nicht zuviel verlangt sein.

Mond über Kreta

Das Nationalgetränk Kretas ist entweder dieser Frappé, eine Art Eiskaffee – oder Raki. Der „offizielle“ griechische Name für diesen Tresterbrand ist tsikoudía, und man findet auf Flaschen häufig nur eine der beiden Bezeichnungen, doch die Kreter, die ich zu dieser Spirituose befragt hatte, nutzten praktisch alle das Wort Raki. Im kretischen Dialekt verschleift sich die harte hochgriechische Endsilbe „-ki“ zu „-dschi“, und so bestellt man in der Taverne auf Kreta authentisch halt Souvladschi und ein Glas Rahdschi dazu.

Besonders wichtig ist es den Kretern, immer darauf hinzuweisen, dass ihr Schnaps nichts mit dem türkischen Rakı zu tun hat; wer beide schoneinmal gekostet hat, kann das ohne weiteres leicht bestätigen, denn während der türkische Rakı stark anislastig ist, mehr an Ouzo erinnert, ist der kretische Raki geschmacklich eher dem Grappa oder Pisco verwandt.

Wie es bei Oliven, Olivenöl und oft auch Wein ist, so ist es auch bei Raki: Jede Familie, die was auf sich hält, stellt ihr eigenes Produkt her. In den Supermärkten der Insel finden sich zwar viele überregionale, teils sogar für den Export bestimmte Raki-Marken, doch wenn man sich vor Ort befindet, gibt es keinen Grund, nicht stattdessen auf eine Familienmarke zurückzugreifen, die überall und jederzeit feilgeboten wird.

Kretischer Raki Flaschen

Aus Erfahrung kann ich sagen: Jede hausgebrannte Sorte hat tatsächlich ihren eigenen Charakter, schmeckt leicht anders, für mich persönlich auch besser als die Industrieware. Ich kaufe regelmäßig von unterschiedlichen Orten, wo der Raki dann aus dem Fass frisch in eine Flasche abgefüllt wird. Eine sehr beliebte Alternative zum klaren Raki ist der Rakomelo: Raki verfeinert mit Honig und Gewürzen. Auch hiervon findet man an jeder Straßenecke die Hausmarke eines Heimbrenners, mit der lokalen Charakteristik. Wer sich auf Kreta etwas unter die Leute mischt, und sich als interessierter Gast zeigt, wird oft auch mit einer kleinen Flasche beschenkt.

Wie schmecken die Rakis nun? Der klare, reine Raki riecht schonmal stark nach Trauben, Weinessig, Fino-Sherry. In Blindverkostungen würden viele ihn für Grappa halten – trocken, leicht bitter, sehr fruchtig, und mit angenehmer, zurückhaltender Süße. Im mittellangen Abgang ist er warm und seidig, aber ohne das etwas kratzige Feuer, das viele Grappe aufweisen. Am Ende erinnert er mit etwas Fantasie sogar an einen leichten VS-Cognac.

Der Rakomelo dagegen ist was für die mit dem komplett süßen Zahn: Der Likörcharakter dominiert. Man schmeckt viel Honig, Kräuter, Gewürze, aber praktisch keinen Alkohol. An so einem Gläschen Rakomelo kann man eine Weile schlürfen und lutschen, er ist ideal als Dessertbegleiter geeignet. Im Winter dient er traditionell als Hustenmedizin, ohne nach Medizin zu schmecken, und funktioniert wahrscheinlich besser als Wick Medinait.

Das moderne Kreta erkennt, dass es in ihrem tsikoudia eine ganz eigene, wertvolle Ressource hat. Cocktailbars, wie das frisch renovierte Beachcomber in Stalis, eine wirklich ausgesprochen hochwertige Bar selbst nach westeuropäisch-urbanen Maßstäben, bietet neben anderen faszinierenden Cocktails auch einen mit Raki als Hauptspirituose an; sollte man mal dort sein, muss man den Queen’s Recipe probieren, mit Raki, Kamille und Zitronensaft. Eine Alternative ist der Rakitini, für den ich von meiner eisernen Regel, nie Cocktails zu trinken, die auf -tini enden und dabei nicht mit Mar- beginnen, eine Ausnahme mache. Persönlich hätte ich diesen Drink eh eigentlich eher Raki Smash genannt.

Rakitini


Rakitini
2 Zitronenviertel mit…
3-4 Scheiben Gurke und…
3-4 Zweigen Thymian muddeln.
1 Teelöffel Zucker
1 Prise Salz
3 oz kretischer Raki
Alles auf Eis shaken.

[Rezept nach Georgios Pyrgiotakis]


Ähnlich wie mit Grappa ging es mir auch mit Raki: Zunächst kannte ich nur die scharfe, billige Industrieware, die man in Restaurants vor oder nach dem Essen serviert bekommt. Ein grausiger Spiritus – diese Art, dem Gast einen Pseudogefallen zu tun, hatte mir den Grappa total madig gemacht, bis ich entdeckte, wie toll guter, gereifter Grappa schmecken kann. Auch beim Raki kann einem das auf Kreta passieren: All-inclusive-Hotels oder Touristenkaschemmen bieten oft einen inkludierten Raki an, doch darauf sollte jeder verzichten, der diese Spirituose kennenlernen will.

Sirtaki vor der Taverna Gorgona

Ein paar Schritte in eine authentischere Taverne nebenan, und die Welt sieht anders aus. Und nach ein paar Gläsern davon fallen auch schnell die zivilisatorischen Hemmungen, die uns so beklemmen, und wir tanzen mit anderen Touristen aus Russland, England und Deutschland mit den Griechen zusammen den Sirtaki.

Das Stevia des Jerry Thomas – Le Favori Triple Sec Liqueur à l’Orange

Wer heute ein Getränk süßen möchte, nimmt wie selbstverständlich raffinierten weißen Zucker; wer auf die Linie achten will, Süßstoff wie Aspartam oder neuerdings Stevia. Das gilt für Tee, Kaffee und Limonaden – in Cocktails ist der Zusatz von reinem Zucker auf einige Rezepte beschränkt, wie den Old Fashioned und ähnliche alte Libationen. Ansonsten setzt man gern Liköre ein, um den Süßungseffekt zu erzielen, wie zum Beispiel Maraschino-Likör oder Bitterorangenlikör.

Letzterer hatte einen großen Einfluss auf die Entwicklung vieler Cocktailrezepte in den frühen Jahren der Mixologie, denn, während Zucker nicht in der praktischen Form, wie wir ihn heute kennen, leicht erhältlich war, konnte man Curaçao, wie der Bitterorangenlikör damals landläufig genannt wurde, gut aufbewahren und in abmessbaren Dosen einsetzen. Doch neben diesem recht praktischen Grund war es auch der Wunsch nach einer feineren, edleren und ganz nebenbei noch zusatzaromatischen Art der Süßung, der diese Art Likör raketengleich emporschießen ließ – schon damals waren die Kunden angezogen vom Höherwertigen, um sich von der Masse der langweiligen Zuckerverwender abzugrenzen, wenigsten bei Cocktails.

Triple Sec, noch ein Name für dieses Süßungsmittel der Wahl der frühen Cocktailwelt, hat sich bis heute gut erhalten, und die Methode, Süße durch Liköre in ein Rezept zu bringen statt über banalen Zucker, ist immer noch das Mittel der Wahl für moderne, neue Drinks. Daher ist Triple Sec auch so leicht erhältlich, selbst kleine Supermärkte führen eine Sorte davon im Angebot. Vielleicht mit die verbreitetste Marke in Deutschland (neben den großen Marken wie Cointreau oder Grand Marnier natürlich), zumindest in meinem Einzugsbereich, ist Le Favori Triple Sec Liqueur à l’Orange.

Le Favori Triple Sec Liqueur à l'Orange Flasche

Die Flasche selbst ist ansprechend und sehr orangig gestaltet, voll mit einem Plastiketikett umklebt, das in verschiedenen Orangetönen und einem die poröse Schale von Zitrusfrüchten nachahmenden Muster optisch überzeugt. Die Flaschenform selbst erinnert etwas an die weltbekannte Cointreau-Flasche.

Die Farbe ist völlig klar, die Konsistenz nur minimal viskos. Beine entstehen beim Schwenken. Der Geruch ist süß und angenehm fruchtig, natürlich nach Orangen, mit Anklängen von Zitrone. Ein Hauch Lakritz liegt in der Luft. In Kombination erinnert Le Favori mich an den Geruch, der einem aus einer Tüte Fruchtgummi entgegenschlägt. Wenn man genau hinriecht, erkennt man die Neutralalkoholbasis. Soweit, so ausgesprochen gut.

Le Favori Glas

Geschmacklich erfreut zunächst eine bitterorangige Fruchtigkeit die Zunge. Sehr aromatisch, aber vielleicht etwas oberflächlich. Die Süße kommt mit der Verweildauer im Mund immer stärker nach vorne, bis sie am Ende das klar dominierende Element ist. Der Gaumen ist nach einem winzigen Schluck direkt mit Zucker belegt. Eine wohlige Wärme, die in ein mildes Alkoholkitzeln übergeht, ist der einzige Zeuge der hier enthaltenen 40% Alkohol. Wüsste man es nicht, man würde es nicht vermuten.

Der Abgang ist, wenn man von der überwältigenden Süße absieht, überraschend bitter und trocken. Faszinierend, dass sich das nicht unbedingt gegenseitig ausschließt. Die Lippen erhalten einen Zuckergloss, der Gaumen ein adstringierendes Bittergefühl, die Zungenspitze eine leichte Betäubung und den leicht mentholigen Eindruck, den man nach Genuss von Lakritze hat, der Rachen wirkt zuckerverpappt.

Bitterorangenlikör ist also, wie wir gehört haben, eine Standardzutat bei Cocktails. Daher findet man klassische Rezepte, die Triple Sec einsetzen, wie Sand am Meer. In diesem Sand sind unter viel wertlosem Strandgut manchmal die Perlen etwas verborgen; daher danke ich David Wondrich für seinen eloquenten Hinweis auf den Savoy-Klassiker Dream, in dem der Le Favori eine gute Figur macht.

Dream


Dream
2 oz Armagnac (z.B. Comtal Armagnac)
1 oz Orangenlikör (z.B. Le Favori Triple Sec Liqueur à l’Orange)
1 Spritzer Absinthe (z.B. Absinthe Emanuelle)
[Rezept nach Harry McElhone]


Persönlich gefällt mir der Le Favori deutlich besser als sein Discounter-Konkurrent Chadess. Bei 8€ pro 0,7l sind wir dabei nichtmal viel teurer, was für ein sehr gutes Preisleistungsverhältnis sorgt. Wer Orangenlikör allerdings pur trinken will, zum Beispiel als Aperitiv auf Eis, ist vielleicht dann doch mit den Edelvarianten Cointreau, Grand Marnier Cordon Rouge oder Clément Créole Shrubb besser bedient, die noch eine gewisse Feinheit aufweisen, die dem Le Favori etwas abgeht; als Cocktailzutat macht man aber selbst mit gehobenem Anspruch mit dem Le Favori nichts falsch.

Mastic Tears Liqueur Titel

Tränen im Spirituosenhimmel – Mastic Tears Classic Liqueur Mastiha Spirit

Lesbos ist aktuell in aller Munde: Die Flüchtlingskrise sorgt dafür, dass ein Großteil der ersten Google-Suchtreffer bezüglich der griechischen Insel von Themen über Flüchtlinge, Abschiebelager und Papstbesuche annektiert wird. Wäre es nicht so, würde man wahrscheinlich nur über All-Inclusive-Hotels und Strandunterhaltung lesen; die spirituelle (spirituell natürlich im Sinne von alkoholisch) Seite dieser Insel wird selten beleuchtet, und wenn, dann nur unter dem Licht der Ouzo-Produktion, denn 50% allen griechischen Ouzos wird dort hergestellt. Andere lokale Spirituosen fallen da schnell unter den Tisch; der Mastic Tears Classic Liqueur Mastiha Spirit ist eine davon. Mastiha oder Mastika ist der Gattungsname dieser Spirituose.

Die Harz-Tränen des Mastic Baums aus Griechenland werden destilliert und verfeinert, so entsteht ein einzigartiger Likör.

So lyrisch können die Marketing-Abteilungen von Spirituosenherstellern sein, wenn sie was verkaufen wollen. „Tränen“ sind dabei die aus den angeritzten Pistazienbäumen austretenden Harzklumpen (das hört sich im Vergleich zugegebenermaßen nicht besonders verkaufsfördernd an). Ich kann mir vorstellen, dass der Prozess der Ernte nur schwer automatisier- und industrialisierbar ist; eventuell ist das untenstehende Video, das die komplette Produktionskette (allerdings auf der Nachbarinsel Chios) erläutert, daher mehr als nur Folklore – trotz der passend angezogenen Kostüme, die wohl dem Video etwas Authentizität verleihen sollen.

Man erkennt schon in der Flasche, wenn man oben oder unten reinlinst, dass es sich beim Mastic Tears um eine völlige klare, leicht viskose Flüssigkeit handelt; im Glas sieht man beim Schwenken die Dickflüssigkeit noch besser: ein Likör mit ordentlich Zucker.

Wichtiger für diese spezielle Spirituose ist aber die Nase – ein wirklich sehr einprägsamer, einzigartiger Geruch. Dadurch wird es mir aber auch sehr schwer gemacht, ihn zu beschreiben, weil mir die Vergleichsobjekte nicht so leicht zufallen wie bei anderen Schnäpsen. Ich versuche es trotzdem: Grüne Blätter, feuchtes Holz, Pappe; Kunststoff, Mineralöl. Jedenfalls harzig, erdig, leicht modrig, nach Waldpilzen.

Das Ungewohnte setzt sich auch im Geschmack fort. Zunächst erwartetermaßen einfach sehr süß, Anklänge von Vodka; dann aber schon ein bitterer Unterton. Auch hier schnell, wie beim Geruch, sehr speziell und eigen. Grünes Holz, Gras, Kunststoff. Honig. Kerbel. Ein bisschen Jasmin oder Rose. Im kurzen Abgang rutscht etwas Pfeffer auf die Zungenspitze neben die Süße, kombiniert mit einer überraschenden Trockenheit. Ganz am Ende wieder erwartungskonform, eine klebrige Restsüße und einige Aromen verbleiben im Rachen.

Mastic Tears Liqueur Flasche

Auch wenn in Griechenland so etwas wie Mastic Tears vielleicht gern als Digestif getrunken wird: Man müsste sich selbst als Laienspirituosenfreund erstmal dran gewöhnen. So richtig warm werde ich mit dem Geschmack nicht, wenn ich ihn pur trinke; als Zutat dagegen in altbekannten Mischgetränken, denen man einen neuen, unerwarteten, harzig-erdigen Twist geben will, kann ich mir dieses Unikat sehr spannend vorstellen.

Wenn man sich mal nach Cocktailrezepten umschaut, die mit Mastiha arbeiten, so findet man überraschend viele davon mit Tequila und Mezcal. Das Pistazienharz und die Agave scheinen eine gute Kombo zu sein. Wir machen zum Test einfach eine kleine Margarita-Variation damit, genannt Tears in Heaven. Tatsächlich gibt der Mastic Tears diesem Cocktail eine geheimnisvolle, leicht rauchige, harzige Note, die ich sehr ansprechend finde, und die sehr gut zum Kräutercharakter des Corralejo Tequila passt.

Tears in Heaven


Tears in Heaven
¾ oz Mastic Tears Classic
1¾ oz Tequila Reposado (z.B. Corralejo Reposado)
1 oz Limettensaft
…in einem Glas mit Kruste aus zerdrückten ungesalzenen Pistazien servieren.


Mit 24% Alkohol bewegt sich dieser Likör in üblichen Bahnen. Lobenswerterweise ist er in verschiedenen Flaschengrößen erhältlich – ich habe mir erstmal die 200ml-Variante geholt. Wer will schon eine riesige Literflasche im Regal verschimmeln sehen, wenn einem der Inhalt nicht mundet? Ich finde, viel mehr Hersteller sollten das einsehen; nur die, die befürchten, dass nach der Probe kein Nachkauf erfolgt, müssen Angst davor haben. Die Flasche ist hübsch gestaltet, mit einem Metallic-Effekt-Schraubverschluss und einem auffälligen, griechischen Muster in Schwarzweiß mit hellblauen Highlights, ein kleiner Blickfang selbst im vollen Spirituosenregal.

Wie ich schon sagte, hat der Mastic Tears Classic einen sehr individuellen Geschmack, der kaum durch etwas anderes reproduzierbar ist. Er reiht sich damit ein in die Riege der Spezialitätenspirituosen, die man nicht unbedingt haben muss, die aber für den nach neuen Aromen Suchenden ein steter Quell der Freude sind. Experimentierfreudige Trinker sollten definitiv einen Versuch wagen, Tränen werden dabei sicher nicht fließen.

Pimm's No 1 Titel

Neue Säue braucht das Dorf – Pimm’s No. 1

Es gibt verschiedene Arten von Trinkern. Einerseits die, die selbst wissen, was sie im Glas haben wollen, und andererseits die, die selbst meist wenig Erfahrung mit oder Interesse an alkoholischen Mischgetränken haben und sich deshalb von anderen dazu inspirieren lassen. Letztere Gruppe ist der Grund für den Erfolg von Modedrinks. Einer der ersten fashionablen Longdrinks, der bis heute unzertrennlich mit dem blinden Folgen eines Trends in der High Society verbunden ist, ist der Kir Royal, der dann sogar seinen Namen einer der besten deutschen Fernsehproduktionen aller Zeiten geben durfte.

Später ging es andersherum: Die telegenen Damen um Carrie Bradshaw sorgten im echten Leben für einen riesigen Hype um einen Vodka-Drink; der Cosmopolitan wurde durch die Fernsehserie ein Renner, wie man ihn in Cocktailkreisen kaum zuvor erlebt hatte, und der den davor so beliebten Caipirinha von Platz 1 der meistbestellten Partycocktails verdrängte.

Die 2010er Jahre kehrten dann wieder zurück zu den unkomplizierten Rezepturen im Sektglas: 2010 glänzte in jedem Glas der Aperol Spritz, mit seiner unverkennbaren orangenen Farbe; 2012 konnte man keine Getränkekarte eines Cafés lesen, ohne über den Hugo zu stolpern, und 2013 wurden Lillet-Longdrinks zum neuen Modedrink gekürt, nur um bald darauf vom Moscow Mule aus dem Platz im Herzen der Lemming-Trinkgemeinde (man vergebe mir diese unangebrachte Polemik) verdrängt zu werden. Viele dieser Mischgetränke wurden durch diese dann doch etwas beliebige Popularität zum Markenzeichen des von einigen elitären Barkeepern ungeschätzten „fachfremden Publikums“, und dadurch paradoxerweise bis heute zu Parias des gehobenen Barbetriebs.

Im Sommer 2015 machten schließlich gleich mehrere Bars in Saarbrücken großschildrig Werbung für den neuesten Trend: Pimm’s Cup, ein fruchtig-bittersüßes Kaltgetränk mit vielen Früchten, das optisch sehr beeindruckte, und auch geschmacklich überzeugen konnte, dank seiner Hauptzutat: Dem Kräuterbitterlikör Pimm’s No. 1. Wieder eine neue Sommersau, bereit, durchs Dorf getrieben zu werden?

Pimm's No 1 Flasche

Die einfach gehaltene Flasche ist transparent, man sieht also von außen schon die Farbe – selbstverständlich sorgen Farbstoffe für die dunkle Tönung. Ein dezentes, sehr klassisches Etikett zeugt von Stil und Eleganz – passend zu einem Getränk, das bald 200 Jahre auf dem Buckel hat, und schon allein deswegen natürlich keine Sommersau ist.

Wenn ich es nicht besser wüsste: In einer Blindverkostung würde ich den Pimm’s N°1 für einen Cynar, oder allgemeiner für einen Amaro halten. Sehr dunkelwürzig, mit der amarotypischen Kräuterkombination, mehr als nur ein Hauch Maggi und Curry und, wenn man sehr genau aufpasst, einen Tick der Ginbasis dieses Likörs.

Im Mund erkennt man dann, dass es kein Amaro ist – der Pimm’s ist dafür zu dünnflüssig. Auch ist er bei weitem nicht so süß wie beispielsweise ein Ramazotti oder Averna; und er hat eine deutlich alkoholischere Note als diese italienischen Bitterliköre. Das finde ich keineswegs schlecht; besonders, wenn eine Spirituose dann noch eine dermaßen kräftige Salzwürze, fast schon sojasaucenartig, mitbringt, die ordentlich Schwung in die Likörbasis bringt. Süß ist der N°1 dennoch, aber eher oberflächlich, und am Ende kommt sogar eine recht deftige 80%-Kakao-Schokolade-Bitterkeit und eine spuckeraubende Trockenheit nach. Der Nachhall ist dann wieder leicht alkoholisch.

Ganz gewiss ein Likör, den man auch auf Eis pur trinken kann, ohne an Zuckerschock zu sterben – wer allerdings als Ginfreund auf der Suche nach Ginderivaten ist und meint, hier einen Wacholderschnaps herauszuschmecken, könnte enttäuscht werden. Ich aber freue mich auf eine sehr spannende Cocktailzutat, auch in Rezepturen abseits des oben angesprochenen Mode-Longdrinks mit Früchten und Limonade oder Ginger Ale als Pimm’s Cup.

Persönlich trinke ich ihn am liebsten in einem Drink, den mir Michael Arnold, ein hervorragender saarländischer Bartender, an einem verregneten Herbstabend vorgestellt hatte: der  Arnold N°1 – eine Aromabombe, bei der man gar nicht weiß, wohin man zuerst schmecken soll, mit einer fantastischen Konsistenz durch viel gemuddeltes Gemüse und Obst und das schaumerzeugende Eiweiß. Der ist am Ende sogar noch gesund!

Arnold No. 1


Arnold N°1
Je ein Stück Apfel, Ingwer und Gurke im Shakerglas muddeln
1 oz Pimm’s No. 1
2 oz Gin (z.B. The Botanist Islay Dry Gin)
1 oz Zitronensaft
¾ oz Zuckersirup
¾ oz Cranberrysaft
1 Eiweiß vom kleinen Bio-Ei


Man würde es diesem feinen, respektabel alten Kräuterlikör wünschen, dass er auch über die Modewelle hinaus eine Chance bei den Biergärtensitzern und Innenstadtcafé-Flaneuren bekäme, statt 2016 durch die nächste Schickeria-Spirituose abgelöst zu werden. Allein, mir fehlt der Glaube an die Konstanz der In-Drink-Trinker – so bleibt es an uns, den wahren Genießern, dafür zu sorgen, dass Pimm’s No. 1 auch dann noch als spannendes Getränk und interessante Cocktailzutat hochgehalten wird, wenn die Karawane weitergezogen ist.

Perique Liqueur de Tabac Titel

Pfeifenkraut deluxe – Perique Liqueur de Tabac

Wer heute noch Raucher ist, hat einen schweren Stand. Zwar wird man immer noch mit vielquadratmetergroßen Werbetafeln am Straßenrand unter Benutzung des Gourmetvokabulars dazu aufgefordert, im scheinbaren Dauerpartyleben den geschredderten Billigtabak in Papierrolle zu konsumieren, doch in immer mehr Bereichen des echten Lebens wird Suchtrauchen nicht mehr geduldet – zu Recht, wie ich meine. Tatsächlich bin ich selbst froh, meine paar Jahre des aktiven und dabei doch so gedankenlosen Zigarettenrauchens lang hinter mir gelassen zu haben, und statt dessen nur noch sehr selten, dafür aber exquisite Ganzblattware genießen zu können. Ich halte es da inzwischen mehr mit den Hobbits aus Mittelerde, die statt einem schnöden Glimmstengel, der ein paar Minuten kickt, lieber den gemächlichen, ausdauernden und dadurch viel befriedigenderen Rauchrausch suchen.

Die echtweltliche Parallele zu den im Auenland gepflanzten Qualitätstabaksorten Longbottom Leaf, Old Toby, Southern Star und Southlinch ist der Perique. Ein seltener, wertvoller und mit viel Mühe und Tradition aufgearbeiteter Tabak aus Louisiana, der aufgrund seiner Kräftigkeit heutzutage meist nur als Beigabe zu Rauchmischungen zugefügt wird, auch wenn ihn noch einige pur als Pfeifentabak rauchen. Nur noch wenige Fässer dieses Tabaks pro Jahr werden hergestellt, und ein paar hat sich Destillateur Ted Breaux unter den Nagel gerissen und stellt damit eine zunächst seltsam klingende und dabei doch nikotinfreie neue Spirituose her – den Perique Liqueur de Tabac.

Perique Liqueur de Tabac Flasche

Wie schmeckt nun ein Likör, hergestellt aus Tabak? Zunächst erinnert es an Absinthe: Anis, Fenchel und Kerbel, dazu eine leicht mentholige Note kommt einem aus dem Verkostungsglas entgegen – dazu kommt spannenderweise Dill. Vielleicht etwas Orange. Definitiv sehr pflanzlich im Geruch.

Wie von einem stark zuckerhaltigen Likör zu erwarten ist die Tabakinfusion erstmal sehr süß. Karamell und Zucker sind deutlich schmeckbar, stören aber gar nicht, im Gegenteil: Man meint fast, Kandiszucker-Kristalle zu lutschen, so angenehm würzig ist die Süße. Da ist allerdings ein ledriger, dunkler Unterton im Geschmack, den ich tatsächlich so nirgends anders her kenne – ich vermute dahinter den Perique als Ursache. Die bereits erschnupperte Mentholnote ist auch im Mund vorhanden, nur ein Hauch, der aber der Spirituose eine freche Frische gibt, die der Süße trotzt.

Im Abgang dominiert wiederum zunächst die Süße, doch auch hier gibt es etwas spannendes zu erleben: Während die Süße sich in Wärme wandelt, und mit einem minimalen, sehr angenehmen Alkoholbrennen den Rachen hinunterläuft, entsteht ein vielschichtiger, pflanzlich-aromatischer, sehr würziger Resteindruck am Gaumen.

Eine sehr komplexe Spirituose, die man gewiss zunächst pur explorieren muss, die aber auch in Cocktails ihre Vielschichtigkeit beweisen kann. Sie hat eine gewisse geschmackliche Verwandschaft zur gelben Chartreuse – daher empfehle ich hier ein Cocktailrezept, das im Original eigentlich mit Chartreuse gemacht wird, den Last of the Oaxacans, den ich zur Abgrenzung und in Bezug auf den Tabaklikör dann kurzerhand zu Last of the Oaxacan Smokers umgetauft habe. Sehr beeindruckend, wie darin der süße, pflanzliche Likör mit dem rauchigen Mezcal zusammenarbeitet.

 

Last of the Oaxacan Smokers


Last of the Oaxacan Smokers
¾ oz Perique Liqueur de Tabac
¾ oz Mezcal (z.B. San Cosme)
¾ oz Limettensaft
¾ oz Maraschino-Likör
1 wirklich kleines Stück Habanero


Unglaublich, dass es sowas heutzutage bei Spirituosen doch noch gibt: Eine Zutatenliste auf dem Etikett, bei der Zucker nicht ausgespart wird. Ted Breaux, der bereits so einige findige Ideen in flüssige Form umsetzen konnte, zeigt uns hier, wie man es in modernen Zeiten macht: Qualität, Kreativität und dabei gleichzeitig Transparenz. Schade, dass die Schnaps- und allgemein auch die Lebensmittelindustrie sich in diesen Belangen sonst meist so gegensätzlich verhalten – die alte Leier mit Massensprit und Langeweile, oder Heimlichkeit und Täuschung bei neuen Produkten.

Perique Liqueur de Tabac Rücketikett

Ich habe mich auf diesem Blog schon ausführlich über die mangelnde Transparenz bei der Rumherstellung und fehlende Ehrlichkeit beim Auszeichnen der Inhaltsstoffe bei Spirituosen beschwert. Ich hoffe dabei immer noch auf eine Besserung der Zustände; allerdings scheint es auch Kräfte zu geben, die an totaler Transparenz so überhaupt nicht interessiert sind. Neuestes Beispiel: Die von einem anonymen Denunzianten hervorgerufene Aufforderung der Scottish Whisky Association an John Glaser und seine Compass-Box-Whiskies, doch bitte nicht so viele Details auf dem Flaschenlabel anzugeben. Einerseits ist es schade, dass so etwas heutzutage passieren muss; andererseits setze ich da voll auf den Streisand-Effekt und hoffe, dass die SWA erkennt, was für einen Bock sie da geschossen haben.

Zum Glück gibt es heute diese Innovatoren, diese mutigen Brenner, die sich nicht mit den schummrigen Zuständen abfinden wollen, sondern ihre Produkte ohne Trickserei, ehrlich und dabei auch noch kreativ herstellen. Eins dieser Produkte ist der faszinierende Perique-Likör.

Boxing Hares Spirit Drink Titel

Yo Adrian, they did it! Boxing Hares Spirit Drink

In der Tier- und Pflanzenwelt herrscht beständiger Dauerkrieg. Spinnen fressen ihre Partner nach der Paarung, einzelgängerische Säugetiere wie Eisbären bekämpfen sich aufs Blut, wenn ein anderes Exemplar ihrer Gattung ihr Territorium betritt, und die Hierarchiekämpfe in Paviankolonien können übel ausarten.

Besonders sehenswert sind die den menschlichen Boxkämpfen so frappierend ähnlichen Auseinandersetzungen zwischen wilden Hasen. Sie stellen sich auf die Hinterbeine und schlagen sich gegenseitig mit den Vorderpfoten ins Gesicht, bis einer aufgibt. Da sie Tiere sind, und nicht Menschen, sind sie aber so klug, nicht so weit zu gehen, bis einer der beiden Kontrahenten kein Gesicht mehr hat – das ist etwas, was uns zivilisierten Primaten vorbehalten bleibt.

Diesen edlen Faustkämpfern zu Ehren wurde die neue Spirituose der extra für solche Experimente gegründeten Firma Whisky Union dann eben Boxing Hares Spirit Drink getauft. Eine Basis aus schottischem Grain Whisky, aromatisiert mit Hopfen und Malz – das beste aus Bier und Scotch vereint?

Wie bei so vielen Spirituosen, ist auch der Boxing Hares mit Zuckerkulör gefärbt, darum darf man die schöne Kupferfarbe, die schon fast ins Terracotta geht, nicht überbewerten. Der Geruch ist ansprechend: etwas rauchig, ein Weizenkorngeruch ist dominant, ein schwacher Lackgeruch, feuchtes Papier. Ich erinnere mich an den Lagerkorn, den ich vor einiger Zeit verkostet hatte – das ist schon verdammt ähnlich. Zu diesem Zeitpunkt ist von der Aromatisierung noch praktisch nichts erkennbar.

Boxing Hares Spirit Drink Flasche

Im Mund schlägt einem erstmal eine heftige Süße entgegen, die alles übertüncht. Von der Whiskybasis ist nichts mehr erkennbar, auch nichts vom errochenen Lagerkorn. Woher kommt diese extreme Süße? Das Malzaroma könnte dazu beitragen, aber ich bezweifle, dass Malz oder Grain Whisky allein für diese dickflüssige Klebrigkeit verantwortlich sein können. Ich vermute Zuckerzusatz, und sobald meine Meßinstrumente, die ich bestellt habe, angekommen sind, werde ich das vermessen.

[Nachtrag 28.01.2016: Tatsächlich weist das Aräometer statt den gelabelten 35% einen temperaturkorrigierten Alkoholgehalt von deutlich unter der unteren Skala meines Aräometers von 30% aus. Ich musste ein anderes Aräometer benutzen, das mir dann einen Wert von 9,2% (temperaturkorrigiert) anzeigte, was auf rund 75g/L Zusätze hinweist; der Löwenanteil davon wird Zucker sein. Ich finde es spannend und sehr aussagekräftig, dass der Hersteller bereit ist, Aromen und Stabilisatoren zu deklarieren, den riesigen Haufen an Zucker aber nicht.]

Nach ein paar Schlucken, in denen ich versuche, die Süße geistig auszublenden, schmecke ich den Grain Whisky dann doch heraus, und im Abgang, der schärfer ist, als es das weiche Mundgefühl andeutet, auch eine gewisse Hopfigkeit. Bei weitem nicht so, wie ich es nach der Beschreibung erwartet hätte; wer schonmal ein IPA getrunken hat, weiß, wonach ich suchte. Dies ist beim Boxing Hares nicht vorhanden, nur Anklänge an die typischen, zitrusfruchtigen Hopfenaromen. Eine leichte, nur angedeutete Rauchigkeit und ein Hauch von Kaffee und Tabak bringen diese Spirituose zu einem durchaus spannenden Gesamtbild.

Persönlich ordne ich dieses Produkt unter den Likören ein, denn mit 75g/L Zuckergehalt ist das schon hart an den 100g/L, die für die Definition von Likör angesetzt sind, und auch geschmacklich ist es klar ein Likör. Freunde rauchiger, trockener, schottischer Single Malts wird es den Magen umdrehen, da bin ich mir sicher; wer aber Drambuie oder Irish Mist mag, wird auch die Boxing Hares mögen.

Ich werde diesen Whiskylikör entsprechend seiner Charakteristika dann eben auch als Ersatz für Drambuie einsetzen, zum Beispiel in dem Whiskylikör-Cocktail schlechthin: einem Rusty Nail. Um den Unterschied zum Original-Rezept deutlich zu machen, nenne ich ihn, den sich prügelnden Hasen auf dem Etikett zu Ehren, Lusty Cottontail.

Lusty Cottontail (Variation auf Rusty Nail)


Lusty Cottontail
1 oz Boxing Hares Spirit Drink
1 oz Blended Scotch (z.B. Monkey Shoulder Blended Malt Scotch)
[Rezept nach schlimmerdurst]


Die Flasche ist eine recht typische Scotchflasche mit dem bauchigen Hals; das Etikett ist wirklich witzig und sehenswert gestaltet, mit den sich mit glitzernden Augen anstarrenden titelgebenden Rammlern. Ich liebe diese Art von selbstironischen, modernen, humorvollen Etiketten. Das Boxing Hares-Etikett wird eigentlich nur noch vom Sparkle Donkey-Etikett übertroffen.

Die pugilistischen Hasen dürfen sich aus zwei Gründen nicht „Whisky“ nennen, obwohl ein Großteil des Inhalts schottischer Grain Whisky ist – einerseits muss ein Whisky 40% Alkoholgehalt aufweisen, die Hasen haben nur 35%; und andererseits darf einem Whisky kein Aromastoff zugefügt werden, wie dies hier geschieht.

Boxing Hares Spirit Drink Zutatenliste

Boxing Hares und Captain Morgan Spiced Gold werden wohl hauptsächlich wegen ihres niedrigen Alkoholgehalts als „spirit drinks“ deklariert, denn sonst hat der Konzern Diageo keine Probleme, seine Marken trotz eigentlich unerlaubter Zusatzstoffe nicht so zu benennen: Pampero und Zacapa, zwei bekannte Rummarken unter dem Dach des Diageo-Konzerns, süßen ihren Rum nachträglich und schreiben nichts davon aufs Label. Dies ist also wahrscheinlich kein Kriterium, solange es nicht offensichtlich ist – der Alkoholgehalt ist nun aber vor allem steuerrelevant, daher wird das sicherlich stärker kontrolliert als unerlaubte oder versteckte Zusatzstoffe; der EU sind gepanschte Nahrungsmittel relativ egal, solange die entsprechende Steuer korrekt entrichtet wird. Es wird Zeit, dass der EU-Behörde mal ein Hase auf die Nase haut!

Olando Pfefferminz Likör Titel

Selbst mit Pfefferminz ist er kein Prinz – Olando Pfefferminz Likör

Minze gehört zum Cocktail seit es ihn gibt. In einem der allerersten Cocktailrezepte, dem Mint Julep, ist Minze ein grundlegender Bestandteil; im Whiskey Smash definiert Minze den Geschmack klar mit; in vielen anderen Cocktails wird ein Minzblatt als essbare Dekoration eingesetzt. In Deutschland sind wir bis vor wenigen Jahren kaum aktiv mit verschiedenen Minzvarietäten in Kontakt gekommen. Der Hobbykoch und -bartender hatte einen Topf einer meist nur undifferenziert als „Pfefferminze“ bezeichneten Pflanze auf dem Fensterregal – in den USA war die Unterscheidung zwischen beispielsweise Spearmint und Peppermint schon immer ein Thema (und wenn es nur über die entsprechenden Kaugummisorten von Wrigley’s war).

Diese Zeiten sind vorbei – in meinem Gartenmarkt bekomme ich inzwischen, je nach Saison, unterschiedlichste Minzsorten, von der dickblattigen Bernstein-Minze über die marokkanische und japanische Minze bis hin zur klassischen Spearminze, und sogar aromatisierte Sorten, wie Chocolate Mint. Gerade im Sommer ist ein großer Topf selbstgezogener Minze auf dem Balkon für den Freund frischer Zutaten im Cocktail (und das sollten wir alle sein!) unerlässlich, dabei äußerst pflegeleicht und meistens sogar mehrjährig.

Hin und wieder braucht man aber auch den Minzgeschmack in flüssiger Form. Da kommen dann Liköre ins Spiel, wie der Olando Pfefferminz Likör. Olando (nicht Orlando wie der Schauspieler, die Stadt oder der furiose Ritter!) ist eigentlich die Hausmarke des Großmarkts Metro – man bekommt den Likör aber auch in Supermärkten.

olando-pfefferminz-flasche

Eine süßliche Kombination aus Minze und zuckrigem Sirup zeigt geruchlich schon, dass wir hier keinen puren Minzextrakt vor uns haben – das wäre aber auch schwer herzustellen und zu konservieren. Ein Hauch dunklerer Töne, wie von Schokoloade, lässt die Mischung an Schokominzplättchen erinnern. Ein Tick Spülmittelgeruch dämpft die Freude wieder.

Im Mund findet man all diese Eindrücke wieder, für mich persönlich aber in umgekehrter Reihenfolge. Zunächst der Spüli-Geschmack (ja, ich habe schonmal einen Tropfen Geschirrspülmittel im Mund gehabt, wenn auch nicht absichtlich), dann die Schokoladensüße, schließlich der Minzeindruck. Letzterer kommt sehr künstlich daher, er hat nichts von der Frische eines von der Pflanze geernteten Minzblatts, und auch nichts von der Schärfe eines Pfefferminzkaugummis; es ist eine unnatürliche, seltsam charakterlose Minzigkeit. Wenigstens der mentholige Hauch ist vorhanden.

Die Farbe selbst ebenso: natürlich künstlich. Also künstlich, natürlich. Selbst wenn man Minze auspresst, ist das ätherische Öl nicht so giftgrün. Mit dieser Färbung kommt man genau uns, den Cocktailmixern, entgegen – für den einen oder anderen Minzcocktail benötigt man halt so eine Farbe. Wem es im Gegensatz dazu darauf ankommt, zwar eine starke Minznote, aber nicht diese grelle Farbe im Glas zu haben, kann auf die ebenso erhältlichen weißen Minzliköre zurückgreifen: Das Stichwort ist statt dem deutschen Begriff Minzlikör oft, beachtenswerterweise besonders auch im englischen Bar-Sprachgebrauch, Crème de Menthe.

olando-pfefferminz-farbe

Für den Miami Cocktail, den ich hier präsentiere, brauche ich aber tatsächlich beides: Geschmack und Farbe. In belanglos-weiß wäre er nur halb so schrill. Doch es ist nicht nur ein Effektcocktail, wie man deswegen meinen könnte, nein, er schmeckt auch wunderbar erfrischend und minzigsüß. Ein Dessertcocktail, den man statt (oder zusammen mit?) kleinen After-Eight-Minztäfelchen servieren kann.

Miami Cocktail


Miami Cocktail
1½ oz Weißer Rum (z.B. Brugal Titanium)
½ oz Olando Pfefferminz
1 Spritzer Zitronensaft


Der Olando-Likör schlägt mit 20% Alkohol zu Buche, die natürlich völlig im Zucker geschmacklich untergehen, und bewegt sich damit am mittleren bis unteren Ende des Alkoholgehalts dieser Likörgattung. Die Inhaltsstoffe weisen darauf hin, dass dieser Likör kein einziges Minzblatt zu Gesicht bekommen hat.

Ich gebe ja gern zu, dass man diese Art Likör selbst bei ausgiebiger Mixertätigkeit eher seltener braucht, doch die lange Haltbarkeit in Verbindung mit dem sehr niedrigen Preis von rund 4€ macht so ein Kunstprodukt dann zu einem einmaligen Einkauf, der nicht sonderlich weh tut. Ich werde mir, wenn (oder eigentlich eher falls) die Flasche des Olando Pfefferminz leer ist, dennoch lieber mal ein weniger künstliches Produkt aussuchen – was ich auch jedem empfehle, der sich nach Pfefferminzlikören umschaut. Ich selbst wäre für Tips für Pfefferminzliköre, egal ob weiß oder grün, die mehr echten, natürlichen Minzgeschmack aufweisen, sehr dankbar.