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Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille Titel

Kurz und bündig – Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille

Trocken ist gerade wieder in – auch bei Cocktails wendet man sich seit Jahren immer mehr von den süßen Saft- und Sahnebomben ab, und stattdessen hin zu „dry“, „sec“ und „brut“. Was nicht bedeuten soll, dass selbst hier nicht noch Bedarf nach hochwertigen, süßen Zutaten besteht – ein paar Tropfen eines guten Kakaolikörs verleihen so manchem klassischen, sonst eher trockenen Whiskey- oder Rumdrink eine ungeahnte Tiefe.

Selbst bei Kakaolikör darf man sich nicht auf die Farbe verlassen; es gibt fast schwarze und völlig transparente Produkte dieser Art. Die  Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille bietet einen recht natürlich wirkenden, hellbraunen Farbton, der tatsächlich rein aus der Mazeration des Kakaodestillats mit weiterem venezuelanischen Kakao und ganzen, zerquetschten mexikanischen Vanilleschoten entstehen könnte. Dickflüssig fließt der Likör schon ins Glas und setzt sich dort gemächlich ab; er lässt sich kaum schwenken.

Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille

Die Nase nimmt dann nicht die erwartete Milchschokolade wahr, sondern dunklen, schwarzen Kakao, als würde man an einer Tafel 85%iger Schokolade riechen. Da ist kaum etwas Süßes, sondern dunkle Würze, Sojasauce, Sorghum und eine leichte Fermentnote. Im Nachgang rieche ich etwas Orange.

Im Mund zerläuft die Crème dann wie ein Stück Butter, natürlich sehr süß, wie von einer Crème mit über 250g/L Zuckergehalt zu erwarten. Der Kakao dominiert die Aromatik, nicht ganz so dunkel, wie es die Nase andeutete, aber auch hier findet man keine pappsüße, lila Alpenmilch, sondern einen echten Kakaocharakter. Leichte Anklänge von Vanille, etwas Orange.

Der Abgang hält sich dank des Zuckers lang am Gaumen, sehr schokoladig, aber die dauernd schon vorhandene Orange spielt nun etwas weiter vorne mit. Etwas Ingwer meine ich zu erkennen, ein mildes Kribbeln auf den Zungenseiten deuten für mich eher auf Würze als auf die gemäßigten, nur im Ansatz schmeckbaren 24% Alkohol hin.

Die Produkte von Tempus Fugit werden ohne Scheu und falsche Scham als Cocktailzutaten vermarktet; während viele Hersteller das als Ausrede nutzen, um an Qualität und Selbständigkeit in der Aromatik zu sparen, sieht Tempus Fugit dies offensichtlich als Herausforderung an. Tatsächlich funktioniert diese Crème de Cacao herrlich in Cocktails – wer es probieren will, gerade mit chinesischem Baijiu spielt dieser Likör wunderbar zusammen. Doch selbst pur, eventuell auf einem Eiswürfel, kann Tempus Fugit Crème de Cacao à la Vanille ohne Mühe ein wunderbares Dessert abgeben.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgeforderte, kostenlose Zusendung einer 10cl-Probe dieses  Produkts.

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Gran Classico Bitter Titel

Kurz und bündig – Tempus Fugit Gran Classico Bitter

Heute in Kurz und bündig, meiner unregelmäßig erscheinenden Reihe an kurzen Tastingnotes, ein Bitterlikör aus dem Hause Tempus Fugit – der Gran Classico Bitter. Dabei handelt es sich um einen klassischen italienischen Bitter, der allerdings seit 1925 von E. Luginbühl in der Schweiz hergestellt wird, die damals das Rezept einem Turiner Hersteller abkauften. In neuem Glanz erstrahlt er nun, da die Spirituosenwelt sich ändert („tempus fugit“, in der Tat! Die Zeit fliegt!) und man Interesse an alten, fast schon vergessen geglaubten Zutaten entwickelt.

Gran Classico Bitter Glas

Die dunkle terracottafarbene Flüssigkeit, die ohne künstlichen Farbzusatz entsteht, liegt schwer im Glas, langsame, ölige Wellen bewegen sich beim vorsichtigen Drehen des Glases. Die Glaswand bleibt lange von den Resten dieser Flüssigkeit benetzt, nur langsam laufen diese ab.

Ich halte die Nase ins Glas – Essig, Lakritz, Chinarinde, Orangenschale,Fruchtbonbons, Grapefruit, Holz, ein Gefühl von Rauch. 25 Kräuter und Wurzeln sollen laut Hersteller verwendet werden; ich glaube es direkt, die entsprechende Komplexität ist ohne Mühe erkennbar. Ein Alkoholhauch sticht die Nasenschleimhaut, ein bisschen Geduld und Offenstehen lässt diese verfliegen.

Sehr süß und cremig im Antrunk. Dies bleibt auch während der ganzen Verkostung des Gran Classico Bitter so und bildet den Gegenpart gegen die kräftige Bittere, die gut eingebunden wirkt. 28% Alkohol kümmern sich um den ordentlichen Wumms. Grapefruit, bittere Kräuter, leicht holzige Aromen, eine milde Salzigkeit und dazu eine dezente aber wirkungsvolle Würze sorgen für einen dichten Körper mit erstaunlich viel Kraft. Stark adstringierend, recht pfeffrig, sehr lang und effektvoll ist der Abgang schließlich.

Pur ist er mir dann doch viel zu süß, aber der Purgenuss ist auch nicht das übliche Einsatzgebiet eines solchen Likörs. Tatsächlich muss mein geliebter Campari sich in diesem Wettbewerb warm anziehen – der Gran Classico Bitter ist ein mehr als akzeptabler Ersatz für ihn in vielen Drinks. Gerade Cocktails, die sich stark auf diese Komponente verlassen, wie der Negroni, der Boulevardier oder der Old Pal, können sicherlich von der zusätzlichen Komplexität, die der Gran Classico im Vergleich zweifelsohne mitbringt, profitieren – und das sage ich als ausgesprochener Campari-Fan. Und auf die künstliche rote Farbe kann man eh verzichten, ob Fan oder nicht.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgefoderte, kostenlose Zusendung einer 10cl-Probe dieses  Produkts.

RumChata TItel

Transparenz durch Sahnebeigabe – Rumchata Liqueur with Rum

Die Blicke waren unbezahlbar – da stehe ich inmitten einer Gruppe von wahren Rumfreunden, beim Rum-Club-Treffen 2017 Mitte Juli in Köln, wo jeder einen tollen Tropfen seiner Wahl mitgebracht hatte, und ich packe einen Rumlikör aus. Als wäre ich von einem anderen Stern. Gerade ich, der ich immer so über Zuckerbeigaben und Reinheit bei Spirituosen labere! Man konnte die Fragezeichen über den Köpfen der Teilnehmer am Tisch fast schon plastisch sehen.

Nun, vielleicht muss ich das klarstellen. Ich mag es nicht, wenn hinter meinem Rücken Rum manipuliert wird. Wenn es unnötig passiert, nur um vielleicht die eine oder andere Flasche mehr an die an Süße gewöhnten Käufer verscherbeln zu können. Wenn es nötig ist, um ein schlimmes Destillat überhaupt verkaufen zu können. Wenn es aber klar und transparent ist, dass wir keinen Rum vor uns haben, sondern einen Spiced Rum, eine Spirituose auf Rumbasis oder einen Rumlikör, dann kann ich damit gut leben und genieße auch Produkte aus diesen Kategorien, ohne mich deswegen zu echauffieren. Und dass der RumChata Liqueur with Rum in letztere Gruppe gehört, ist aufgrund der fehlenden Transparenz der Flüssigkeit natürlich sofort transparent (ha, man verzeihe mir diesen Kalauer).

Beim RumChata hatte ich deswegen auch überhaupt keine Gewissensbisse, diese Flasche auch mit in die Höhle der Löwen des Rum-Clubs mitzunehmen und dort zu präsentieren. Auch wenn die Nachfrage nach Kostproben eher übersichtlich war, zugegebenermaßen. Gab es Grund dazu, oder war nur das Alternativangebot an wunderbarem Pure Single Rum aus aller Herren Länder zu groß?

RumChata Flasche

Die Farbe des Inhalts der Flasche ist der der Flasche selbst sehr ähnlich; wir finden im Glas allerdings kein Reinweiß vor, sondern ein milchfarbene Flüssigkeit, die mich rein optisch an Kondensmilch erinnert (keine Farbstoffe wurden zugesetzt). So ähnlich bewegt sie sich auch im Glas; beim Schwenken entsteht ein blasser Schleier, der breitflächig abläuft und kaum Beine bildet. Die Mischung ist homogen und ohne Ausflockungen oder Separierung.

Im Geruch denke ich sofort, spontan und ohne Zweifel an Spekulatius. Diese Eindeutigkeit ist deswegen so frappierend, weil man das bei Spirituosen selten erlebt, dass einem auf Anhieb ein klares Wort für Aromen einfällt. Die Mischung aus Zimt, Backgewürzen, Kardamom, Sahne und Vanille führt mich dazu. Wer also Butterspekulatius in der Vorweihnachtszeit (die inzwischen ja im September, also bald, beginnt) mag, sollte hier definitiv einen Blick riskieren. Riecht man tiefer, entdeckt man noch ein leicht muffiges Lederaroma und einen Hauch des Basisalkohols, der für einen Alkoholgehalt von 15% sorgt. Rum suche ich allerdings vergebens.

Im Mund liegt der RumChata sehr breit und voluminös. Die Sahnekomponente sorgt natürlich für die extreme Cremigkeit. Eine leichte Fruchtigkeit beginnt, sich bemerkbar zu machen, ich nehme an, dass hierfür die Rumbasis verantwortlich ist. Dennoch tue ich mich auch im Geschmack schwer, wirklich typische Rumaromen identifizieren zu können. Natürlich ist der Gesamteindruck extrem süß, vielleicht an Stellen sogar klebrig süß; das ist aber dem Konzept eines Sahnelikörs geschuldet und ich kreide es entsprechend nicht an, auch wenn es nicht meinen persönlichen Geschmack trifft. Ansonsten finde ich eben den schon errochenen Spekulatius, Vanille und viel Zimt.

RumChata Glas

Im Abgang kommt die andere Seite des Zimts heraus, deutliche Zimtschärfe, die auf der Zunge kitzelt. Das empfinde ich als sehr angenehm, es hebt diesen Likör von vielen vergleichbaren Produkten wie Bailey’s oder Crema de Tequila ab. Ansonst klingt die Verkostung mit einem leichten Weihnachtsgefühl aus.

Der Hersteller selbst empfiehlt auf der Rückseite der Flasche eine Vermischung mit Vodka, Kaffee oder „jedwedem anderen Mixer“. Tatsächlich empfinde ich das etwas wenig Vertrauen in sich selbst, mit einem kleinen Eiswürfel pur macht sich RumChata ganz allein schon recht gut. Auch in einer 1:1-Mischung mit Cointreau wirkt dieser Likör sehr schön. Als Cocktailzutat bietet er zu wenig eigene Aromen abseits der Sahne, als dass er wirklich viel leisten könnte. So unterstützen wir ihn mit ein bisschen mehr Rum, und machen einen herrlichen Dessert-Drink – der Mint Orange Choco Chata fühlt sich an, wie ein 2000cal-Nachtisch. Aber manchmal muss man sich halt sowas gönnen können.

Mint Orange Choco Chata


Mint Orange Choco Chata
2 oz RumChata
1 oz weißer Rum
½ oz grüne Crème de menthe
¼ oz
Orangen-Schokoladen-Likör
Auf Eis shaken.

[Rezept stark adaptiert nach einem Originalrezept der Herstellerseite]


Für einen Sahnelikör ist im Gegensatz zu anderen Spirituosen natürlich eine Mindesthaltbarkeit zu beachten. Diese ist bei meiner Flasche mit Ende 2018 angegeben. Wurde sie einmal geöffnet, empfiehlt der Hersteller, sie innerhalb von 6 Monaten aufzubrauchen, da keine Konservierungsstoffe eingesetzt wurden; eine Kühlung ist dabei aber nicht erforderlich.

Die Flasche ist, das muss man ohne jeden Zweifel zugeben, sehr hübsch designt, mit viel Schwung und Kurven, erinnernd an einen überdimensionierten Parfümflakon. Das auffällige Weiß, die goldene Schraubverschlusskappe und die Schrift in derselben Goldfarbe sorgt für einen Hinguckereffekt – RumChata ist sicher ein Blickfang in jeder Heimbar. Und Süßmäuler, denen es egal ist, dass das Zeug letztlich auch VodkaChata oder TequilaChata oder WhiskyChata heißen könnte, weil man kaum Rumaromen herausschmeckt, werden sicherlich auch sehr glücklich damit, auf jeden Fall ist es eine interessante Alternative zu den bekannten anderen Sahnelikören. Diesen Sahneliebhabern lege ich einen Kauf sehr nahe – dem puristischen Rumfreund, der sonst in seiner Freizeit ausschließlich Caroni und Grande Arôme trinkt, eher weniger. Alle dazwischen können, wenn sie entsprechend veranlagt sind, sich mit RumChata schonmal langsam auf die Weihnachtszeit eintrinken.

Offenlegung: Ich danke der Sélection Prestige GmbH für die Zusendung einer kostenlosen Flasche dieses Rumlikörs.

Tempus Fugit Kina l'Aero d'Or Titel

Kurz und bündig – Tempus Fugit Kina l’Aero d’Or

Kina ist eine der verlorenen Zutaten, deren Fehlen Ted Haigh in seinem Buch Vintage Spirits and Forgotten Cocktails beklagt. In einer Zeit wie heute, in der es ein neues, starkes Interesse an derartigen Spirituosen gibt, die lange ausgestorben waren, tun sich findige Hersteller wie Tempus Fugit mit dem Schweizer Oliver Matter zusammen, um sie wiederzubeleben. Ein Ergebnis davon ist der Tempus Fugit Kina l’Aero d’Or – würde James Bond ihn in seinen Vesper-Cocktail mischen lassen, als Ersatz für den damals verwendeten, heute nicht mehr hergestellten Kina Lillet?

Tempus Fugit Kina l'Aero d'Or Glas

Die Farbe ist frappierend – ein strahlendes Sonnenblumengelb, das wahrscheinlich Namensgeber für diesen Quinquina ist („Das goldene Flugzeug“, das man auch auf dem Etikett sieht). Oder umgekehrt, je nachdem, wie man es sehen will. Eine leichte Viskosität ist im Glas erkennbar, die sehr langsam ablaufenden Beine sind sehr attraktiv.

Der Geruch verbirgt die Wurzeln des Kina l’Aero d’Or nicht. Da ist viel Weißwein, erfreulich, dass man das Basisprodukt noch erkennt. Darüber liegen Schichten aus Zitrus und Kräutern – laut Hersteller wird der Weißwein aus dem Piedmont mit Chinarinde, Orangenschale, Wermut und Gewürzen infundiert. Dies ist tatsächlich auch schön nachvollziehbar, und bildet ein sehr intensives Aromenbild, ich rieche viele Minuten daran und werde es nicht müde.

Das goldene Flugzeug fliegt mit einem sehr trockenen Antrunk los. Bitter und herbal ist der erste Eindruck, obwohl eine fette Süße immer für Bodenkontakt sorgt. Eine starke parfümige Komponente überrascht dabei. Ich fühle mich sehr stark an einen Kräuterlikör wie Jägermeister erinnert, oder vielleicht an Unicum. Im Verlauf kommen die Zitrusnoten stärker zum Tragen, eher bittere aber, Orangenschale und Grapefruit. Die enthaltenen 18% Alkohol sind nicht spür- oder schmeckbar.

Der Abgang ist süß, eher fast schon klebrig, dabei aber mit einer unterschwelligen Würze, die als Chilieffekt die Zungenspitze betäubt. Insgesamt bleiben adstringierende Effekte extrem lange am Gaumen, viele Minuten nach der Verkostung. Eine leichte holundrige Blumigkeit sorgt für den ausgleichenden Ausklang und eine sichere Landung.

Ein sehr interessanter Likör, den man sehr angenehm pur als Apéritif genießen kann, der aber auch in Cocktails genug Charme und Wucht mit sich bringt; ich werde ihn in Kürze in einem Boulevardier als Campari-Ersatz ausprobieren. James Bond würde ihn in seinem Cocktail jedenfalls mögen, da bin ich mir sicher. Und Ted Haigh auch.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgefoderte, kostenlose Zusendung einer 10cl-Probe dieses  Produkts.

Southern Comfort Titel

War Janis Joplin geschmacksverirrt? Southern Comfort

Ein paar Künstler aus den 60er Jahren überdauern bis heute. In einer intensiven Karriere, die nur 3 Jahre dauerte, sicherte sich Janis Joplin einen Platz in den Herzen vieler Musikfreunde, bevor sie dem Klub 27 beitrat – einer der Gründe für ihren frühen Tod war sicherlich, dass sie nicht wirklich gut mit Drogen und Alkohol umgehen konnte. Einer ihrer Dauerbegleiter, wie auf diversen Fotos von ihr zu sehen, war eine Flasche mit einem Whiskeylikör.

Nun frage ich mich persönlich, wie viele andere Musikfreunde auch, die gleichzeitig Spirituosenfreunde sind, was um aller Welt Janis geritten haben muss, sich ausgerechnet Southern Comfort als Schnaps der Wahl ausgesucht zu haben. Man sieht daran, ein bisschen polemisch formuliert, dass großes Können in einer Sache nicht automatisch großes Können in anderen Bereichen mit sich bringt. Man hat es aus diesen einleitenden Worten vielleicht schon heraushören können – ich bin kein großer Fan von SoCo, wie er liebevoll oft abgekürzt wird.

Wonach es schmeckt – naja, das muss jeder für sich beurteilen. Ich schmecke nicht das gerühmte Pfirsicharoma heraus, höchstens ein artifizielles Gummibärchenaroma „Pfirsich“, das mit echtem Pfirsich nichts zu tun hat. Insgesamt hat dieser Likör einen hochgradig künstlichen Geschmack; eindeutig, dass hier keine echten Aromen durch Reifung oder aus natürlichen Basisstoffen entstanden, sondern künstliche im nachhinein zugesetzt wurden.

Southern Comfort Flasche

Zu Janis Joplins Ehrenrettung muss ich aber einwerfen: Früher, zu Zeiten von Woodstock, war das wohl tatsächlich ein Whiskey-Likör (ich bin immer noch verzweifelt auf der Suche nach einem Sample des SoCo von damals!), doch davon ist heute noch weniger als vom Pfirsich zu erahnen – kein Wunder, denn Whiskey-Aroma und Neutralalkohol statt echtem Whiskey werden heute in der Produktion des Southern Comfort eingesetzt. Der Untertitel auf dem Etikett, Liqueur with Whiskey, ist daher reiner Hohn. Neutralsprit, in den Gummibärchen eingelegt wurden halt – dagegen ist Red Bull wie frisch gepflückte und ausgepresste Frucht vom Baum.

Pur fällt er für mich also aus, wie schlägt er sich als Mixer? Leidlich. Jeglicher Drink, den man sich mit diesem Pseudo-Whiskey-Likör mixt, bekommt diesen Geschmack – eine sehr aggressive Zutat, die selbst Orangensaft und Amaretto, zwei also, die sich sonst gut gegen alles durchsetzen, gnadenlos unterbuttert im vielleicht bekanntesten SoCo-Drink, dem Alabama Slammer. Man muss Southern Comfort eine Umgebung bieten, in der er seine wenigen Vorteile gut präsentieren und gleichzeitig seine vielen Mängel etwas bedecken kann. Wie zum Beispiel im überraschend leckeren Southern Fries.

Southern Fries


Southern Fries
1 oz Southern Comfort
2 oz Orangensaft (hier unbedingt frisch gepresst!)
…aufgießen mit 2 oz Coca Cola
[Rezept nach unbekannt]


Wie üblich durchgehen neben den Rezepturen auch die Flaschendesigns einem Wandel über die Zeit. Die flache Flasche, die Janis Joplin dauernd bei sich trug, ersetzt der modebewusste Heimbarbesitzer heute durch die schick gestaltete, mit vielen Glasdetails versehene 700ml-Flasche. Seitdem ich meine Flasche damals kaufte, wurde erneut ein Redesign ausgeführt; die aktuelle Flasche ist kürzer, gedrungener, schwungvoller, und ist nicht ganz so säulenhaft ausgeführt wie die auf meinen Fotos.

Southern Comfort Flaschendetails

Southern Comfort ist also schon was, was man mögen muss. Die schöne Flasche und der fantastische Name verlocken wahrscheinlich viele zum Kauf, bei denen die Flasche dann nach dem ersten Schluck im Regal verschimmelt. Ich kaufe sicherlich keine mehr, denn die 0,7l reichen noch für viele Cocktails, und wenn sie leer ist, verzichte ich lieber. Pur trinken? Wie gesagt, eher nicht, außer man mag solch künstliche Geschmäcker. Dennoch verkauft es sich so sehr, dass man diesen Likör prominent in allen deutschen Supermärkten finden kann; scheinbar also ein Lieben-oder-Hassen-Getränk. Ich tendiere eher zum letzteren als zum ersteren. Janis, verzeih mir.

Destillerie Armand Guy Pontarlier Liqueur de Sapin, Anisée und Absinthe Titel

La France spirituelle – Destillerie Armand Guy Pontarlier Le Vert Sapin, Anis Ponsec und La Pontissalienne

Vielleicht kennt das der eine oder andere meiner Leser aus eigener Erfahrung: Die Jahreszeiten, dabei insbesondere die Außentemperatur und die Dauer des Sonnenlichts, beeinflussen ganz stark, welche Spirituosen ich bevorzuge. Im dunklen Winter trinke ich gern schwere, süße Brandys oder Bourbons, im Frühjahr entdecke ich plötzlich meine Liebe für den leichteren Tequila wieder, im Herbst sind es oft Liköre, die mich begeistern. Der Sommer aber, insbesondere der so richtig derb heiße Hochsommer, bei dem die Luft flirrt und sich kein noch so kleines Windchen regt, lässt mich zu Anisées und Anisettes greifen.

Ouzo war dabei oft das Gift der Wahl, in letzter Zeit habe ich für derartige Bedürfnisse auch türkischen Rakı für mich entdeckt. Ein Gläschchen Sambuca zeigt, dass neben Griechen und Türken auch die Italiener guten Anisbrand herstellen – und nun beginne ich auch, langsam die Fühler in Richtung Frankreich auszustrecken, um deren Anisées kennenzulernen. Gerade in Frankreich sind diese Anisschnäpse und -liköre Kinder der Not; nachdem der dort äußerst beliebte Absinthe praktisch weltweit auf einen Schlag zu Beginn des 20. Jahrhunderts verboten wurde, war der Bedarf nach einer Alternative groß, und man versuchte, den Wunschgeschmack anders herzustellen als über die als wahnsinninduzierend verschrieenen Wermutkräuter mit ihrem hohen Thujon-Gehalt (wie sich herausstellte, war es banalerweise aber wohl eher der hohe Alkoholgehalt in Verbindung mit maßlosem Konsum, der zu geistigen Ausfällen führte). Enter: Anis.

Eines der drei Produkte aus der Destillerie Armand Guy, von denen mir Importeur Lion Spirits unaufgefordert und kostenlos je 10cl zum Testen zur Verfügung stellte, ist genau so ein Anisschnaps, der Anisée Pontarlier Anis Ponsec. Darüberhinaus will ich hier noch die anderen beiden vorstellen –  den Tannennadellikör Le Vert Sapin, und den Absinthe La Pontissalienne.

Destillerie Armand Guy Pontarlier Le Vert Sapin, Anis Ponsec und La Pontissalienne

Beginnen wir beim vielleicht ungewöhnlichsten des Trios – beim Le Vert Sapin handelt es sich um einen Tannennadellikör: Frisch gepflückte Tannentriebe werden angesetzt und destilliert, und danach nochmal 2 Wochen mit getrockneten Trieben mazeriert. Die Farbe ist giftig neongrün, passend eigentlich zu den gelbgrünen Tannennadeltrieben, die ich zum Vergleich gesammelt habe (siehe Foto). Irgendwie habe ich aber trotzdem so meine Zweifel daran, dass diese Farbe natürlich ist, ein paar Tropfen Farbstoff würde ich vermuten, insbesondere, da grüne Naturfarbe in Spirituosen nach meiner Erfahrung meist nicht sehr beständig ist und schnell graubraun wird. Manchmal muss man einen Rückzieher machen – eine Rücksprache mit dem Importeur hat ergeben, dass diese Spirituosen alle nicht künstlich nachgefärbt sind.

Der Geruch ist ein Traum – eine Mischung aus Chartreuse und Fichtenwald und Kräuterbeet im Hochsommer, mit Harz, Holz, Apfelessig und leichten orangigen Komponenten. Sehr spannend und komplex, da kann man lange dran schnuppern und neues entdecken.

Le Vert Sapin Likör

Ich habe den Geschmack von frisch gepflückten Tannennadelsprossen neulich erst, bei einem Waldspaziergang, probiert – es ist eine Mischung aus Zitrone und Petersilie, wenn man mich fragt, eigentlich sehr angenehm, gut erfrischend zum Draufrumkauen, wenn man mit dem Hund unterwegs ist. Je hellgrüner sie sind, um so zitroniger; je dunkler sie werden, um so harzig-tannig-holziger werden sie. Der Geschmack des Le Vert Sapin gleicht diesem tatsächlich etwas, allerdings ist die Süße des zugesetzten Zuckers natürlich erstmal überwältigend. Harz, Holz, Orange, ein Touch von Rauch, Rosmarin, Basilikum und schließlich Minze im Ausklang – oh, das ist ein gefährlicher Tropfen, bei dem man gern den letzten Tropfen aus dem Glas lutscht. Der Abgang ist leicht pappig, mindestens aber süß, recht kurz und unaufgeregt, mit sehr milder Wärme, die den immerhin 40%-igen Alkoholgehalt kaum erkennen lässt. Aufgegossen mit etwas eiskaltem Sprudel oder Tonic Water ist der Le Vert Sapin übrigens ein ganz herausragendes Erfrischungsgetränk mit viel Charakter für den angesprochenen heißen Sommer.

Wir verlassen den Tannenwald, kommen auf die Einleitung zurück und schauen uns das nächste Produkt aus derselben Destillerie an – den Pontarlier Anis Ponsec. Die Franzosen (wie viele Mittelmeeranrainer) sind sehr viel anisverliebter als wir Deutschen, man kennt ja vielleicht den Pastis Ricard oder den Anisée Pernod aus dem Urlaub. Die Besonderheit hier im Gegensatz zu Pastis ist, dass hier nicht nur eine Kräutermazeration, sondern eine Redestillation eines Anis-Alkoholgemischs erfolgt, und keine Lakritzaromen zugefügt werden.

Pontarlier Anis Ponsec

Der Anis Ponsec ist leicht gelbgrün, passend zum verwendeten grünen Anis (wobei auch hier, wie schon zuvor, wahrscheinlich künstlicher Farbstoff mit im Spiel ist nein ist er nicht). Wie auf dem Foto zu sehen, verkoste ich den ihn auf die Art und Weise, wie er üblicherweise getrunken wird – mit etwas Eiswasser. Dabei sieht man auch schön den Louche-Effekt, der die eigentlich gelbgrüne Flüssigkeit in blickdichtes Weiß verwandelt.

Die Nase ist in diesem Zustand oberflächlich sehr stark lakritzlastig (selbst wenn diese nicht, wie erwähnt, verwendet wird), mehr noch als die meisten Ouzos oder Rakιs, die ich kenne. Leicht mentholig, sonst nicht viel – der Anis übertüncht alles andere ohne Gnade. Der Geschmack ist süß und dicht, auch hier natürlich mit Anis im Vordergrund. Der Anis Ponsec ist zwar kein Anisette (also Anislikör), dennoch ist er leicht gezuckert. Ein recht cremiges Mundgefühl sorgt für eine schöne Trinkbarkeit selbst für mich, der bei Anisées eine eher zurückhaltende Lakritzdichte mag – das kreide ich dieser Spirituose natürlich nicht an, denn, so wie bei Gin definitorisch der Wacholder im Vordergrund stehen muss, muss bei Anisée der Anis vorherrschen. Der Abgang ist trotz der Verdünnung mit Wasser angenehm alkoholisch (die 45% Alkoholgehalt sorgen dafür), salzig, sehr lang und perfekt rund. Im Nachhall verdeutlichen sich schließlich erneut Anis und Fenchel.

Persönlich ist mir dieser Anisée klar zu eindimensional anislastig, da ist kaum etwas anderes zu riechen oder zu schmecken. Etwas mehr Komplexität wäre wünschenswert, so ist er für mich persönlich, verdünnt mit Wasser, ein netter Aperitiv, mehr aber nicht.

Zu guter letzt kommt der Dritte im Bunde zum Zuge: La Pontissalienne ist als Absinthe das, was die Destillerie Armand Guy ursprünglich eigentlich als ihre Domäne auszeichnete, bis die Gesetzgebung zuschlug, um die Menschen vor dem Wahnsinn der „grünen Fee“ zu bewahren. Erst 2011, nach der Aufhebung des unsinnigen und willkürlichen Absintheverbots, wurde diese Spirituose wiederbelebt, nachdem sie 100 Jahre scheintot vor sich hindämmerte.

La Pontissalienne

Ohne Wasserzusatz ist dieser Absinthe hellgrün, mit starken gelben Reflexen. Im Glas ist nur eine leichte Viskosität erkennbar, die entstehenden Beine beim Schwenken laufen schnell ab. Wie bei Absinthes üblich, haben wir hier einen erhöhten Alkoholgehalt von 56% vor uns – da man ihn praktisch nicht pur, sondern meist mit Eiswasser trinkt, ist dies auch gut so. Das flashige Ritual mit dem flambierten Zuckerwürfel, das wohl erst am Ende des 20. Jahrhunderts in Tschechien als Marketingmaßnahme entstanden ist, brauchen wir wahren Genießer nicht. Mit langsam eintröpfelndem Wasser wird der La Pontissalienne langsam trübe, behält aber, im Gegensatz zum Anisée, der komplett blickdicht und weiß wird, eine gewisse Transparenz und seine gelbgrüne Farbe.

Unverdünnt rieche ich Fenchel, eine sehr kräuterlastige Oberfläche (ich gehe davon aus, dass dies das Wermutkraut ist – leider hatte ich noch keine Gelegenheit, das Kraut außerhalb von Spirituosen zu riechen), Zitronenschale, eine leichte fleischige Komponente und deutlich Ethanol. Nach der Verdünnung werden Fenchel und Wermutkraut noch dominanter, und die Zitrone beginnt zu leuchten. Sehr angenehm.

Unverdünnt ist der Geschmack stechend, anislastig, auch hier leicht fleischig oder umami. Im Abgang kommt Zitrone zum Vorschein; der Abgang ist kurz, dabei kurz heiß aufflammend und dann schnell wieder verlöschend. Sehr rein und klar wirkt der La Pontissalienne dabei. In Wässerung verbreitert sich das Profil, wird weicher und weniger vom Anis dominiert. Die grundsätzlichen Eindrücke bleiben aber erhalten – umami, Zitrone, Fenchel. Der Abgang verlängert sich um das vielfache und ist viel aromatischer als zuvor; ein sehr schöner Effekt, der zeigt, dass Wasser hier nicht verdünnt, sondern die Spirituose sich erweitern lässt. Ich bin mir sehr sicher, dass dieser weiche Absinthe sich wunderbar als Glasaromatisierung in einem Sazerac-Cocktail macht.

Das leitet über zum nächsten Thema. Aktuell sind schwarz gefärbte Cocktails ein kleiner, geheimer Trend. Viele greifen zu Sepia oder Kohle, um die Schwärze herzustellen; man kann, wenn man sich mit einem dunklen Grau zufrieden gibt, auch die Kombination nutzen, die im Violetta die zugegebenermaßen etwas gewöhnungsbedürftige Farbe entstehen lässt – der Louche-Effekt bringt die Blickdichte mit sich. Veilchenlikör und Anisée passen überraschend gut zueinander, und der Ananassaft sorgt für etwas Schaum und Körper.

Violetta


Violetta
¾ oz Anisée (z.B. Pontarlier Anis Ponsec)
 ¾ oz Veilchenlikör (z.B. The Bitter Truth Violet Liqueur)
1½ oz Ananassaft
½ Teelöffel Grenadine
1 Spritzer Sprudel
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Ein Gesamtfazit kann man hier natürlich nur schwer ziehen, dazu sind diese drei Spirituosen zu unterschiedlich. Was man definitiv sagen kann ist, dass hier bei der Herstellung nicht geschlampt wird, und man hochwertige Qualität aus einer bis heute familiengeführten, traditionsreichen Destillerie bekommt, die sogar offen mit Information umgeht. Für mich persönlich ist insbesondere der Le Vert Sapin ein sehr aufregender und im Gedächtnis bleibender Likör, von dem ich sicherlich, wenn das Sample aufgebraucht ist, eine volle Flasche akquirieren werde. Allen frankophil veranlagten Trinkern unter meinen Lesern kann ich aber praktisch ohne Bedenken alle drei hier vorgestellten Produkte empfehlen, als hochwertiger Ersatz für die etwas gewöhnlichen Massenprodukte Ricard und Pernod, wenn einen die Sommerhitze einmal niederstreckt und man einen kräuterig-wilden Gemütsaufheller und Munderfrischer braucht.

Offenlegung: Ich danke Lion Spirits für die unaufgeforderte, kostenlose Zusendung dieses Probesets an Spirituosen.

Grand Marnier Cordon Rouge Titel

Das trinkt man so – Grand Marnier Cordon Jaune und Cordon Rouge

Eine der wenigen Sendungen, die ich noch immer wirklich gern im Fernsehen anschaue, ist das „Perfekte Dinner“, und im Besonderen das „Perfekte Promi-Dinner“. Diese Sendung hat die richtige Mischung aus Humor, Koch- und Einkaufsverhalten und Einblick ins private Leben fremder Leute, die mich an den Bildschirm fesseln kann. Neulich aber hat sich das Format selbst übertroffen; am 08.01.2017 um 20:15 wurde bei VOX „Das perfekte Profi-Dinner: Spitzenköche unter sich“ ausgestrahlt. Die Idee: Sterneköche bekochen sich privat gegenseitig, und was sich erstmal recht langweilig und konventionell anhörte, explodierte fast vor Charme und Unterhaltungsfaktor. Insbesondere 2-Sterne-Koch Christian Lohse sorgte beim Publikum für eine hochfaszinierende Mischung aus Entsetzen und Lauthalsmitlachen.

Das Highlight dieses Fernsehabends war dann das Getränk zum Dessert, das Lohse seinen hochdekorierten Gästen kredenzte – Grand Marnier auf Eis im Wasserglas. Auf die etwas irritierte und schon vom reichlichen Voralkohol angedüselte Nachfrage seiner Kollegen, wie das eigentlich gehe, antwortete Lohse in seiner unnachahmlichen Art nur trocken: „Das trinkt man so“.

Das perfekte Promi-Dinner "Spitzenköche unter sich"

Darüber ließe sich natürlich trefflich streiten, insbesondere, wenn man sich unsicher ist, was das goldene Gebräu eigentlich ist, was da im Glas landete. Nachdem ich hier auf meinem Blog bereits drei Orangenliköre vorgestellt hatte – in aufsteigender Qualität den Chadess Liqueur d’Orange, den Le Favori sowie Clément Créole Shrubb – kommt nun ein Doppelfeature, das die zwei Ausprägungen des französischen Edellikörs vorstellen soll – Grand Marnier Cordon Jaune einerseits, und Grand Marnier Cordon Rouge andererseits. Was ist der Unterschied, außer dem schon im Namen enthaltenen Farbunterschied des Bändchens um die Flasche? Beginnen wir mit dem gelben Bändchen, dem Cordon Jaune, das noch den Untertitel Triple Sec trägt.

Grand Marnier Cordon Jaune Flasche

Wer sich nochmal daran erinnern lassen möchte, was Triple Sec ist, den verweise ich gern auf meinen oben verlinkten Artikel zu Le Favori. Der Grand Marnier Cordon Jaune ähnelt diesem und den meisten anderen Triple Secs zumindest schonmal dahingehend, dass auch er mit neutralem Alkohol hergestellt wird, ist also etwas vodkaähnlich. Die Farbe dieses Likörs, das ahnt man schon durch die braungetönte, markante Flasche, ist komplett klar. Im Glas ist er dann erkennbar ölig und viskos, so dass Beine am Glasrand haften bleiben und langsam ablaufen.

Der Geruch enttäuscht die Erwartungen nicht – natürlich vordergründig Orange, dazu etwas Zitrone, und ein Anklang an Mandeln. Die klar erkennbare Ethanolnote deutet auf die Entstehung mit Neutralalkohol hin. Insgesamt in der Nase süßlich, und man ahnt schon, worauf man sich einlässt – oberflächlich, dafür mit Wumms. Das bestätigt sich dann auch im Mund. Dieser Gelbband-Grand Marnier ist sehr süß, mild orangig, fast schon eher mandarinig. Im Vergleich zu den anderen bereits erwähnten Orangenlikören ist er dann aber doch noch etwas orangiger und aromatischer, und auch etwas weniger süß. Den Neutralalkohol kann aber keine Orangennote verdecken. Der Abgang schließlich ist warm und mittellang, leicht klebrig. Orangenaromen bleiben lange, aber auch das Gefühl des zuckrigen Overkills.

Springen wir direkt weiter zum großen Bruder des Cordon Jaune, zur Edelvariante, dem Grand Marnier Cordon Rouge, der im Gegensatz zur gelbbebandeten Version mit 51% Cognac hergestellt wird.

Grand Marnier Cordon Rouge Limited Edition

In meiner „Limited Edition“ wird der Likör in einer intransparenten, weißen Flasche ausgeliefert – der Standardfall ist die identische Flasche zum Cordon Jaune, nur dann eben mit einem roten Bändchen. Die Ähnlichkeit der Präsentation ist aber eigentlich auch schon das Ende der Gemeinsamkeiten.

Im Glas zeigt sich der Cordon Rouge in kräftiger Bernsteinfarbe, fast schon dunkle Orange. Eine leichte Viskosität ist vorhanden, aber nicht ganz so wie beim klaren Verwandten. Der Geruch mag in den ersten Eindrücken ähnlich sein, hauptsächlich natürlich Orange, auch die Zitrone, dann kommt aber schon eine klar erkennbare Weinbrandbasis zum Vorschein. Ein sehr anderes, sehr viel feineres und weniger aufdringliches Aroma, das ergänzt wird durch Anklänge von Nelken und anderen Gewürze. Komplex und spannend.

Auch wenn der Geschmack immer noch sehr süß ist, schmeckt man doch tiefere Schichten heraus – Nüsse, Trockenobst, Nussschokolade, etwas schwarzer Pfeffer. Orange kommt hier erst als nachgelagerte Komponente, die im Verlauf dann aber immer stärker wird. Ganz im Hintergrund schweben Holz- und Rauchnoten. Hellfruchtig, sehr warm und lang ist der Abgang, mit milder Süße, ebenso mildem Brennen, und deutlichen Weinbrandnoten.

Grand Marnier Cordon Jaune und Cordon Rouge Vergleich

Sehr witzig ist die farbliche Gegenüberstellung, wenn man die „Limited Edition“ in der weißen Flasche besitzt – die weiße Flüssigkeit in der braunen Flasche, die braune Flüssigkeit in der weißen Flasche.

Insgesamt kann man sehr schnell ein Fazit ziehen, was den Vergleich der beiden Grand Marniers angeht: Im Purgenuss ist der Cordon Rouge klarst überlegen; er ist eigentlich ein ganz anderes Getränk mit viel mehr Charakter, Volumen und Komplexität. Letztlich spricht der Hersteller mit den beiden Produkten aber natürlich auch unterschiedliche Zielgruppen an. Cordon Rouge für Purtrinker (wie Christian Lohse und seine Gäste), Cordon Jaune als typische Cocktailzutat.

Wie zum Beispiel beim Orange Brulée, hier gezeigt in der Variation, die J&C’s auf ihrem Blog vorgestellt hatten. Ein toller After-Dinner-Cocktail mit viel Frucht und Süße. Allerdings wage ich es, Grand Marnier Cordon Rouge auch in Cocktails zu wählen, insbesondere wenn, wie hier, der Orangenlikör eine wichtige (oder gar die Haupt-)Rolle spielt.

Orange Brulée


Orange Brulée (J&C’s Variation)
1½ oz Orangenlikör (z.B. Grand Marnier Cordon Rouge)
1¼ oz Bourbon Whiskey (z.B. Evan Williams BiB)
½ oz Amaretto (z.B. Disaronno)
Auf Eis shaken.
Einen Hauch Sahne floaten und mit Kakao bestäuben.

[Rezept nach Xavier Laigle und J&C’s]


Tatsächlich muss man ihn also nicht unbedingt wie Christian Lohse gleich aus dem Wasserglas trinken, um Grand Marnier stilecht genießen zu können – ich kann mir aber gut vorstellen, dass auch das bei einem lustigen Abend mit Gleichgesinnten durchaus gut ankommen kann, wie man im Fernsehen ja sehen konnte. Und sowieso, wer wäre denn ich, mit einem frankophilen 2-Sterne-Koch disputieren zu können, wenn es um Genuss geht?

Sierra Spiced Titel

Mixto Undercover – Sierra Spiced Licor con Tequila Edición Limitada

Manchmal lassen wir uns als rechthaberische Quartalssäufer dazu hinreißen, eine spezielle Spirituose aus tiefstem Herzen zu verachten. Vielen Rumfreunden geht das mit Bacardi so, der Whisky-Connoisseur blickt auf Johnny Walker Red Label herunter, der Gin-Hipster verdreht bei Gordon’s die Augen. Auch bei Tequila gibt es ein Ziel vieler Hassattacken der Kenner, man ahnt schon, was es ist: Sierra. Persönlich lasse ich mich nur ungern von solchen oft unmotivierten Antipathien kontrollieren. Bacardi hat durchaus gute Produkte im Portfolio, und der vielgeschmähte weiße Rum ist so schlecht dann halt doch nicht. Ebenso bei Johnny Walker und Gordon’s – wenn man sich an deren Standardprodukte in der unteren Preisklasse wendet, sollte man halt wissen, dass man keine Geschmacksexplosionen erwarten darf, bekommt aber dennoch vernünftige Qualität.

Anders sieht die Situation für mich bei Tequila aus. Dort bekommt man bei dieser Art von Standardprodukten schon eine Geschmacksexplosion, aber nicht immer unbedingt im positiven Sinne. Die Mixtos von Sierra sind für mich beispielsweise unterdurchschnittlich. Andererseits stellt diese Firma auch sehr schöne 100%-Agaventequilas her. Da ist man als Spirituoseninteressierter, der sich gegen die oben angesprochene unterschwellige Ablehnung wehren und sich einigermaßen objektiv einem Schnaps gegenüber verhalten will, in einer Zwickmühle, wenn man ein neues Produkt dieser Firma im Regal findet: Soll man es riskieren, dem Hersteller erneute Chancen zu geben, oder es lieber sein lassen? Ich habe mich für das Risiko entschieden, und mutig und optimistisch den Sierra Spiced Licor con Tequila Edición Limitada in meinen Warenkorb gelegt.

Die Flasche verbirgt den Inhalt nicht – die Farbe gefällt schon von außen durch den blassgoldenen, strohigen Ton. Da laut Etikett Farbstoff im Spiel ist (wie bei vielzuvielen anderen Spirituosen auch), ist die Farbe allerdings eigentlich irrelevant für eine Bewertung; schade, dass sowas heutzutage noch sein muss – liebe Hersteller, der moderne Spirituosentrinker ist dahingehend geschult, dass man ihn nicht mit künstlicher Farbe täuschen muss!

Sierra Spiced Flasche

Bei vielen anderen Sierra-Produkten merkt man schon am Geruch, woran man ist. Der Sierra Spiced überrascht mich daher ganz enorm: sehr angenehm. Zurückhaltende Orange. Zimt, zwar nicht so wildzimtig wie bei einer anderen Zimtspirituose, dem Fireball-Whiskey, aber erkennbar.  Eine feine, blumige Tequila-Note scheint durch. Würzig und süß, floral und mild. Leichte Mineralität. Wenn man die Nase tief ins Glas hält, kriegt man eine leichte Schärfe zu riechen. Ich bin baff – der Geruch ist wirklich ausgesprochen angenehm; habe ich Sierra bisher in meinem Rundumschlag unrecht getan?

Das muss nun auch geschmacklich geprüft werden. Und hier zeigt dann der Sierra Spiced seine hässliche Fratze, die er geschickt unter Parfümduft verborgen hatte. Ein Zuckerschwall überflutet meinen Mund. Was schmecke ich? Zucker. Zucker und Zucker. Künstliches Orangenaroma. Künstlicher Zimt. Plastik. Bitter und sauer. Ein unangenehm seifiges Mundgefühl. Ein schlimmer Fuselgeschmack kommt zum Vorschein. Ich muss mich beim Verkosten zwingen, weitere Schlucke zu nehmen. Ein sehr unfeiner, bitter-saurer Abgang, mit oberflächlich zuckrigem Gaumenpapp, komplettiert die Zerstörung der Mundflora und -fauna. Eine leichte Mentholnote verbleibt; von Aromen her nur Zimt. Gottseidank ist der Abgang wenigstens recht kurz.

Da will man direkt ausrufen: Nein, ich habe Sierra bisher in meinem Rundumschlag nicht unrecht getan! Dieser Likör ist ein Graus; und das ganze ist noch tragischer, weil mich der wirklich fantastische Geruch auf eine Verbesserung dieses Herstellers hoffen ließ. Diese Hoffnung wurde jäh und brutal zerstört. Der Sierra Spiced sorgt darüber hinaus mit diesem ekligen Mundgefühl für ein neues Highlight in meiner nach unten offenen Liste der grausigsten Getränke.

Persönlich kann ich mir nicht vorstellen, diesen Likör wirklich extensiv oder gewinnbringend in Cocktails einzusetzen, dazu ist er viel zu eindimensional. Es gibt aber eine Zutat, die sich dann doch gut mit ihm verträgt, und seine gröbsten Schnitzer elegant ausbügelt, und daher empfehle ich, diesen Tequilalikör mal in einem Spiced Tequila and Tonic, oder kurz ST&T, auszuprobieren. Ein durchaus leckerer Longdrink.

ST & T (Sierra Spiced & Tonic)


ST & T
2 oz Sierra Spiced
…aufgießen mit Tonic Water (z.B. Fentimans Tonic Water)
…und mit einem Spritzer Angostura krönen.
[Rezept nach schlimmerdurst]


Die Basis dieses Spiced Tequila ist der hauseigene Reposado des Herstellers, der bereits selbst nur ein Mixto ist, d.h. nicht zu 100% aus Agavenzucker hergestellt wird: Mindere Qualität also bereits in der zugrundeliegenden Spirituose. Diese wird dann durch Zugaben auf 25% Alkohol runtergedrückt. Verbessert wird das ganze nicht durch die künstlichen Zimt- und Orangenaromen, und das Pfund Zucker, das wahrscheinlich drin ist; es ist klar, dass in einem Likör per EU-Verordnung mindestens 100g/L Zucker enthalten sind, daher wäre eine Messung meinerseits, die ich für Spirituosen, bei denen ich Zuckerzusatz vermute, gern durchführe, sinnlos. Doch ich kenne Liköre, und auch Crèmes (mindestens 250g/L Zucker), die trotz viel Zucker nicht dermaßen extrem und fast ausschließlich nach Raffinadezucker schmecken wie der Sierra Spiced.

Um mal auch was positives zu sagen: Die Flasche ist fantastisch, mit herrlichem Design, das ins Glas eingelassen ist, und einem hübschen Umhänger. Natürlich vernichtet der dümmlich-bescheuerte Hut auf der Flasche alles an Flair, das das Design durchaus hergeben würde – der Hersteller Sierra kann eben nicht aus seiner Haut. Wenigstens ist der Hut nicht rot, sondern minimal dezenter schwarz. Ich habe mich von dieser ausgesprochen attraktiven Flaschengestaltung und einem guten Preisangebot im örtlichen Globus-Markt ködern lassen und für die 0,7-Liter-Flasche im Sonderangebot 9€ bezahlt; selbst diese Reduktion vom UVP von 13€ rettet den Sierra Spiced nicht. Und die hübsche Flasche selbst kann man ja leider nicht trinken.

Sierra Spiced Angebot

Wer Zimtspirituosen mag, sollte sich lieber an Fireball Whiskey halten, der alles das richtig macht, was Sierra Spiced falsch macht. Selbst wenn ich zugestehe, dass ich Fireball nicht für eine wirklich hochwertige Spirituose halte, so ist der Sierra Spiced dann halt doch noch mehr als eine Stufe darunter.

Kretischer Raki Titel

Hausgemacht schmeckts halt am Besten – Kretischer Raki und Rakomelo

Der Urlaub auf Kreta dieses Jahr war erneut ein Erlebnis. Seit vielen Jahren genieße ich die unglaubliche Freundlichkeit der Kreter, die, im Gegensatz zu vielen anderen Urlaubsländern, nie aufgesetzt oder der Verkaufsförderung dienend wirkt. Filoxenia und filotimo, also Gastfreundschaft und Respekt vor dem sozialen Umfeld, sind in Griechenland keine abstrakten Schlagworte, sondern zumindest bei den Griechen, die ich auf Kreta kennengelernt habe, gelebte Wirklichkeit. Sowohl in den Touristendörfern (wo den Kretern leider selten derselbe Respekt zurückgegeben wird, wie ich dauernd fremdschämend erleben musste), als auch in den abgelegeneren kleinen Bergdörfern, wo trotz Sprachbarriere eine herzliche Freundlichkeit Fremden gegenüber herrscht. Manchmal muss man in Vorleistung gehen, doch dazu reicht es oft schon aus, die älteren Herren in der Taverne beim Frappé von sich aus mit einem lauten kalimera zu begrüßen, sich respektvoll zu verhalten und wenigstens „bitte“ und „danke“ auf Griechisch sagen zu können – das sollte, egal wo, aber eh nicht zuviel verlangt sein.

Mond über Kreta

Das Nationalgetränk Kretas ist entweder dieser Frappé, eine Art Eiskaffee – oder Raki. Der „offizielle“ griechische Name für diesen Tresterbrand ist tsikoudía, und man findet auf Flaschen häufig nur eine der beiden Bezeichnungen, doch die Kreter, die ich zu dieser Spirituose befragt hatte, nutzten praktisch alle das Wort Raki. Im kretischen Dialekt verschleift sich die harte hochgriechische Endsilbe „-ki“ zu „-dschi“, und so bestellt man in der Taverne auf Kreta authentisch halt Souvladschi und ein Glas Rahdschi dazu.

Besonders wichtig ist es den Kretern, immer darauf hinzuweisen, dass ihr Schnaps nichts mit dem türkischen Rakı zu tun hat; wer beide schoneinmal gekostet hat, kann das ohne weiteres leicht bestätigen, denn während der türkische Rakı stark anislastig ist, mehr an Ouzo erinnert, ist der kretische Raki geschmacklich eher dem Grappa oder Pisco verwandt.

Wie es bei Oliven, Olivenöl und oft auch Wein ist, so ist es auch bei Raki: Jede Familie, die was auf sich hält, stellt ihr eigenes Produkt her. In den Supermärkten der Insel finden sich zwar viele überregionale, teils sogar für den Export bestimmte Raki-Marken, doch wenn man sich vor Ort befindet, gibt es keinen Grund, nicht stattdessen auf eine Familienmarke zurückzugreifen, die überall und jederzeit feilgeboten wird.

Kretischer Raki Flaschen

Aus Erfahrung kann ich sagen: Jede hausgebrannte Sorte hat tatsächlich ihren eigenen Charakter, schmeckt leicht anders, für mich persönlich auch besser als die Industrieware. Ich kaufe regelmäßig von unterschiedlichen Orten, wo der Raki dann aus dem Fass frisch in eine Flasche abgefüllt wird. Eine sehr beliebte Alternative zum klaren Raki ist der Rakomelo: Raki verfeinert mit Honig und Gewürzen. Auch hiervon findet man an jeder Straßenecke die Hausmarke eines Heimbrenners, mit der lokalen Charakteristik. Wer sich auf Kreta etwas unter die Leute mischt, und sich als interessierter Gast zeigt, wird oft auch mit einer kleinen Flasche beschenkt.

Wie schmecken die Rakis nun? Der klare, reine Raki riecht schonmal stark nach Trauben, Weinessig, Fino-Sherry. In Blindverkostungen würden viele ihn für Grappa halten – trocken, leicht bitter, sehr fruchtig, und mit angenehmer, zurückhaltender Süße. Im mittellangen Abgang ist er warm und seidig, aber ohne das etwas kratzige Feuer, das viele Grappe aufweisen. Am Ende erinnert er mit etwas Fantasie sogar an einen leichten VS-Cognac.

Der Rakomelo dagegen ist was für die mit dem komplett süßen Zahn: Der Likörcharakter dominiert. Man schmeckt viel Honig, Kräuter, Gewürze, aber praktisch keinen Alkohol. An so einem Gläschen Rakomelo kann man eine Weile schlürfen und lutschen, er ist ideal als Dessertbegleiter geeignet. Im Winter dient er traditionell als Hustenmedizin, ohne nach Medizin zu schmecken, und funktioniert wahrscheinlich besser als Wick Medinait.

Das moderne Kreta erkennt, dass es in ihrem tsikoudia eine ganz eigene, wertvolle Ressource hat. Cocktailbars, wie das frisch renovierte Beachcomber in Stalis, eine wirklich ausgesprochen hochwertige Bar selbst nach westeuropäisch-urbanen Maßstäben, bietet neben anderen faszinierenden Cocktails auch einen mit Raki als Hauptspirituose an; sollte man mal dort sein, muss man den Queen’s Recipe probieren, mit Raki, Kamille und Zitronensaft. Eine Alternative ist der Rakitini, für den ich von meiner eisernen Regel, nie Cocktails zu trinken, die auf -tini enden und dabei nicht mit Mar- beginnen, eine Ausnahme mache. Persönlich hätte ich diesen Drink eh eigentlich eher Raki Smash genannt.

Rakitini


Rakitini
2 Zitronenviertel mit…
3-4 Scheiben Gurke und…
3-4 Zweigen Thymian muddeln.
1 Teelöffel Zucker
1 Prise Salz
3 oz kretischer Raki
Alles auf Eis shaken.

[Rezept nach Georgios Pyrgiotakis]


Ähnlich wie mit Grappa ging es mir auch mit Raki: Zunächst kannte ich nur die scharfe, billige Industrieware, die man in Restaurants vor oder nach dem Essen serviert bekommt. Ein grausiger Spiritus – diese Art, dem Gast einen Pseudogefallen zu tun, hatte mir den Grappa total madig gemacht, bis ich entdeckte, wie toll guter, gereifter Grappa schmecken kann. Auch beim Raki kann einem das auf Kreta passieren: All-inclusive-Hotels oder Touristenkaschemmen bieten oft einen inkludierten Raki an, doch darauf sollte jeder verzichten, der diese Spirituose kennenlernen will.

Sirtaki vor der Taverna Gorgona

Ein paar Schritte in eine authentischere Taverne nebenan, und die Welt sieht anders aus. Und nach ein paar Gläsern davon fallen auch schnell die zivilisatorischen Hemmungen, die uns so beklemmen, und wir tanzen mit anderen Touristen aus Russland, England und Deutschland mit den Griechen zusammen den Sirtaki.

Das Stevia des Jerry Thomas – Le Favori Triple Sec Liqueur à l’Orange

Wer heute ein Getränk süßen möchte, nimmt wie selbstverständlich raffinierten weißen Zucker; wer auf die Linie achten will, Süßstoff wie Aspartam oder neuerdings Stevia. Das gilt für Tee, Kaffee und Limonaden – in Cocktails ist der Zusatz von reinem Zucker auf einige Rezepte beschränkt, wie den Old Fashioned und ähnliche alte Libationen. Ansonsten setzt man gern Liköre ein, um den Süßungseffekt zu erzielen, wie zum Beispiel Maraschino-Likör oder Bitterorangenlikör.

Letzterer hatte einen großen Einfluss auf die Entwicklung vieler Cocktailrezepte in den frühen Jahren der Mixologie, denn, während Zucker nicht in der praktischen Form, wie wir ihn heute kennen, leicht erhältlich war, konnte man Curaçao, wie der Bitterorangenlikör damals landläufig genannt wurde, gut aufbewahren und in abmessbaren Dosen einsetzen. Doch neben diesem recht praktischen Grund war es auch der Wunsch nach einer feineren, edleren und ganz nebenbei noch zusatzaromatischen Art der Süßung, der diese Art Likör raketengleich emporschießen ließ – schon damals waren die Kunden angezogen vom Höherwertigen, um sich von der Masse der langweiligen Zuckerverwender abzugrenzen, wenigsten bei Cocktails.

Triple Sec, noch ein Name für dieses Süßungsmittel der Wahl der frühen Cocktailwelt, hat sich bis heute gut erhalten, und die Methode, Süße durch Liköre in ein Rezept zu bringen statt über banalen Zucker, ist immer noch das Mittel der Wahl für moderne, neue Drinks. Daher ist Triple Sec auch so leicht erhältlich, selbst kleine Supermärkte führen eine Sorte davon im Angebot. Vielleicht mit die verbreitetste Marke in Deutschland (neben den großen Marken wie Cointreau oder Grand Marnier natürlich), zumindest in meinem Einzugsbereich, ist Le Favori Triple Sec Liqueur à l’Orange.

Le Favori Triple Sec Liqueur à l'Orange Flasche

Die Flasche selbst ist ansprechend und sehr orangig gestaltet, voll mit einem Plastiketikett umklebt, das in verschiedenen Orangetönen und einem die poröse Schale von Zitrusfrüchten nachahmenden Muster optisch überzeugt. Die Flaschenform selbst erinnert etwas an die weltbekannte Cointreau-Flasche.

Die Farbe ist völlig klar, die Konsistenz nur minimal viskos. Beine entstehen beim Schwenken. Der Geruch ist süß und angenehm fruchtig, natürlich nach Orangen, mit Anklängen von Zitrone. Ein Hauch Lakritz liegt in der Luft. In Kombination erinnert Le Favori mich an den Geruch, der einem aus einer Tüte Fruchtgummi entgegenschlägt. Wenn man genau hinriecht, erkennt man die Neutralalkoholbasis. Soweit, so ausgesprochen gut.

Le Favori Glas

Geschmacklich erfreut zunächst eine bitterorangige Fruchtigkeit die Zunge. Sehr aromatisch, aber vielleicht etwas oberflächlich. Die Süße kommt mit der Verweildauer im Mund immer stärker nach vorne, bis sie am Ende das klar dominierende Element ist. Der Gaumen ist nach einem winzigen Schluck direkt mit Zucker belegt. Eine wohlige Wärme, die in ein mildes Alkoholkitzeln übergeht, ist der einzige Zeuge der hier enthaltenen 40% Alkohol. Wüsste man es nicht, man würde es nicht vermuten.

Der Abgang ist, wenn man von der überwältigenden Süße absieht, überraschend bitter und trocken. Faszinierend, dass sich das nicht unbedingt gegenseitig ausschließt. Die Lippen erhalten einen Zuckergloss, der Gaumen ein adstringierendes Bittergefühl, die Zungenspitze eine leichte Betäubung und den leicht mentholigen Eindruck, den man nach Genuss von Lakritze hat, der Rachen wirkt zuckerverpappt.

Bitterorangenlikör ist also, wie wir gehört haben, eine Standardzutat bei Cocktails. Daher findet man klassische Rezepte, die Triple Sec einsetzen, wie Sand am Meer. In diesem Sand sind unter viel wertlosem Strandgut manchmal die Perlen etwas verborgen; daher danke ich David Wondrich für seinen eloquenten Hinweis auf den Savoy-Klassiker Dream, in dem der Le Favori eine gute Figur macht.

Dream


Dream
2 oz Armagnac (z.B. Comtal Armagnac)
1 oz Orangenlikör (z.B. Le Favori Triple Sec Liqueur à l’Orange)
1 Spritzer Absinthe (z.B. Absinthe Emanuelle)
[Rezept nach Harry McElhone]


Persönlich gefällt mir der Le Favori deutlich besser als sein Discounter-Konkurrent Chadess. Bei 8€ pro 0,7l sind wir dabei nichtmal viel teurer, was für ein sehr gutes Preisleistungsverhältnis sorgt. Wer Orangenlikör allerdings pur trinken will, zum Beispiel als Aperitiv auf Eis, ist vielleicht dann doch mit den Edelvarianten Cointreau, Grand Marnier Cordon Rouge oder Clément Créole Shrubb besser bedient, die noch eine gewisse Feinheit aufweisen, die dem Le Favori etwas abgeht; als Cocktailzutat macht man aber selbst mit gehobenem Anspruch mit dem Le Favori nichts falsch.