The Bitter Truth Drops & Dashes Titel

Holz und Blüte – The Bitter Truth Drops & Dashes Wood und Blossom

Werbung hat heutzutage einen schlechten Ruf. Das Wort wird assoziiert mit peinlich-schlecht gemachten Werbespots, die auf viele Seher und Hörer eher den gegenteiligen Effekt als Kauftriebsteigerung hat, oder mit Zuschüttung des Briefkastens mit unerwünschtem Papiermüll oder des Emailpostfachs mit Spam. Dass Werbung auch unterhaltsam sein kann, wenn sie gut gemacht, zielgruppenkompatibel aufbereitet und nicht aufdringlich ist, zeigt das folgende charmante Werbevideo, von dem ich mich, in Zusatz zu den ganzseitig in Fachmagazinen geschalteten Werbeannoncen, gern zu Käufen von eigentlich nicht benötigten Produkten hinreissen lasse – Werber der Welt, nehmt euch ein Beispiel daran, und nicht an den pseudowitzigen und altbackenen Fernsehspots oder gar der Seitenbacher-Müsli-Radiowerbung!

Der Anlass für derlei Marketingaufwand ist das 10-jährige Gründungsjubiläum der Münchner Firma The Bitter Truth, die einen nicht unerheblichen Beitrag zur Renaissance der Cocktailbitter geleistet hat. Ich kann mir keine Heimbar vorstellen, die ohne mindestens einige der Produkte dieser Firma auskommen kann – auch wenn die Konkurrenz inzwischen erwacht ist und der Bittermarkt inzwischen fast schon unüberschaubar geworden ist. Für so eine Festivität lässt man als Gastgeber schonmal was springen, zum Beispiel eine begrenzte Auflage neuer Bitters, getauft Drops & Dashes, und anlassentsprechend bekommt hier auch das Auge was fürs Geld: Eine sehr edel wirkende 100ml-Glasphiole mit vielversprechendem Inhalt, verpackt in einem herrlich auf Retro gemachten Geschenkkarton.

Für diesen Test habe ich mir zwei der vier neu erhältlichen Limited-Edition-Sorten, die den Lebenszyklus eines Baums repräsentieren sollen, ausgesucht, von denen ich mir das meiste und ungewöhnlichste erhoffe. Nussaromen, versprochen von Drops & Dashes Nut, kann ich leicht durch Sherry erzeugen, für wurzelig-erdige Komponenten, die Drops & Dashes Roots erzeugen will, habe ich bereits andere Bitter und Liköre im Regal. Also fiel die Wahl auf Drops & Dashes Wood und Drops & Dashes Blossom.

The Bitter Truth Drops & Dashes Flaschen

Jeder Packung liegt ein schwarzer Plastikdasher bei, der gegen den massiven Plastikstopfen getauscht werden kann. Das funktioniert sehr gut – erstens sitzt der Dasher sehr sicher auf dem Flaschenhals, wenn man ihn mal aufgesetzt hat, und zweitens kann man damit sehr gut Spritzer wie auch Tropfen dosieren. Sollten die Bitter längere Zeit mal nicht in Gebrauch sein, kann man auch wieder den alten Stöpsel aufsetzen, um zu verhindern, dass sich Aromen durch die dünne Spitze des Portionierers verflüchtigen.

Genug geredet um das Außenrum, kommen wir zum Inhalt der Flaschen. Auch wenn Bitter üblicherweise zunächst mal reine Mixzutaten sind, will ich als Cocktailfreund doch wissen, welche Aromatik ich da meinem Cocktail zufüge, und verkoste sie daher erstmal pur. Bei 42% Alkohol und den winzigen Portionen ist das problemlos möglich.

The Bitter Truth Drops & Dashes Wood Flasche

Werfen wir erstmal einen Blick auf die Holzklasse: Drops & Dashes Wood. Die Farbe, ein dunkles Braun, erkennt man ja schon durch die transparente Glasflasche. Einiger Schüttler auf einen Löffel gegeben und die Nase daran schnuppern lassen, und man bekommt einen Duft serviert, der mich an einen italienischen Amaro erinnert, oder vielleicht sogar Campari. Bittersüß, kräuterig.

Flugs den Löffel mit der Medizin in den Mund gesteckt! Der Name versprach es, tatsächlich wird dieser Teil der Produktbeschreibung anteilig eingelöst: etwas holzig, ein Hauch von Rauch. Natürlich bitter, alles andere hätte mich verwundert, dabei aber auch überraschend süß und mild. Nie beißend oder kratzig erinnert das Drops & Dashes Wood an eine kondensierte Fassung von Campari. Im Vergleich zu anderen Bittern ist diese Variante nicht betäubend auf der Zunge und im Abgang sehr kurz.

Persönlich gefällt mir das, doch eigentlich hätte ich mir aber noch viel mehr Holzcharakter erhofft. In der vorliegenden Form sind es gutgemeinte aromatische Bitter, die allerdings nicht den Effekt erzielen können, den ich mir erhofft hatte – nämlich einem Drink einen klaren, holzig-rauchigen Touch zu geben. Ich hatte mir extra eine Rezeptur dafür ausgesucht, die sich gern dieses Effekts bedient hätte: Dem Revolver hätte ein bisschen Pistolenschmauch und Postkutschenholz den endgültigen Schliff gegeben. Tatsächlich muss ich feststellen, dass die Bitter total untergehen und kaum erkennbar sind im Duell mit Bourbon und Kaffeelikör.

Revolver


Revolver
2 oz Bourbon (z.B. Bulleit Bourbon)
½ oz Kaffeelikör (z.B. Kahlúa)
2 Spritzer The Bitter Truth Drops & Dashes Wood

[Rezept leicht angepasst nach Jon Santer]


Das Holz hat mich also nur mäßig überzeugt, vielleicht schlägt sich die Blüte besser? Auch den Drops & Dashes Blossom wird erstmal abverlangt, in reinem, alleinstehendem Zustand antreten zu müssen.

The Bitter Truth Drops & Dashes Blossom Flasche

Etwas heller als der Holzkollege sind die Blütenbitter schonmal, rostrot und etwas weniger blickdicht. Der Geruch ist jedenfalls auch schonmal klarer an der Prämisse der Blumentinktur ausgerichtet: Auch hier erinnert man sich zunächst an Amaro, aber schnell kommen Erinnerungen nach Thymian, Jasmin, Rose und vor allem Lavendel hoch.

Geschmacklich sind die Drops & Dashes Blossom sehr herbal und vegetal, sie schmecken extrem nach Lavendel, dabei deftig sauer-bitter, mit Anklängen von Grapefruit; insgesamt jedenfalls sehr viel aromatischer als das Woods-Pendant. Wenn man sehr genau sein will, sind diese Bitter eigentlich weniger blumig als vielmehr duftkräuterig, wie ein Duftkissen für den Kleiderschrank, und nicht wie ein Blumengarten.

Zum Cocktailtest überlegte ich nicht lange, was sich anbietet. Wenn eine Rezeptur schon „Gänseblümchen“ heißt, ist sie prädestiniert dafür, sich mit Blütenbittern zu vermählen – also rühren wir eine Tequila Daisy an. Wem das Rezept bekannt vorkommt, sollte seine Spanischkenntnisse herauskramen – das spanische Wort für Gänseblümchen/Daisy ist „Margarita“. Die Abwandlung hier besteht darin, dass noch ein Schuss Sprudelwasser das ganze auffrischt. Ich meine hier tatsächlich einen leichten kräuterigen Anflug herauszuschmecken; die leichte Tequila-Orangenlikör-Mixtur macht es den Bittern aber auch einfacher als die oben gezeigte schwere Bourbon-Kaffeelikör-Bombe.

Tequila Daisy


Tequila Daisy
2 oz Tequila blanco (z.B. Olmeca Altos Plata)

1 oz Limettensaft
1 oz Cointreau
¼ oz Zuckersirup
3 Spritzer The Bitter Truth Drops & Dashes Blossom
Diese Zutaten auf Eis shaken. Am Ende aufgießen mit…

1 Schuss Sprudel
[Rezept nach unbekannt]


Wie schon in der Purverkostung zu erkennen war, haben diese Bitter mehr einen Begleitcharakter. Sie geben dem Getränk etwas Tiefe und einen Hauch von Nuancen; wirklich herausschmecken kann man sie kaum, dazu sind sie zu mild und weich. Ich gebe zu, ich bin etwas enttäuscht – ich hoffte auch wuchtige Aromen, mit denen ich einem Cocktail einen Holztouch oder ein Blumenflair geben kann; beides ist nicht wirklich der Fall – doch, so ehrlich muss man sein, liegt das eigentlich auch auch nicht in der Macht von tropfenweise eingesetzten Bittern. Eventuell bin ich zu ergebnisorientiert an die Sache herangegangen mit einer erträumten Wirkung im Sinn statt den tatsächlichen Produkteigenschaften.

So bleibt eine spektakuläre Produktpräsentation, mit viel Charme und Stil. Die Flaschen geben jeder Bar und auch Heimbar einen Retro-Touch, und sind wiederverwendbar. Mir gefallen sie von außen deutlich besser als die anderen Bitterprodukte von The Bitter Truth; die bittere Wahrheit ist aber leider, dass der Inhalt nicht an die herrlichen Orangen-, Schokoladen-, Zitronen- und Selleriebitter, und schon gar nicht an die brillianten Aromatic, Jerry Thomas‘ Own Decanter und Créole  Bitters heranreicht, die intensiver, kräftiger und im Cocktail wirksamer sind als die „Tropfen und Spritzer“. Eine Ergänzung also für die Heimbar, die schon alles hat, und trotzdem nach neuen Ideen sucht – wer sich hier angesprochen fühlt, kann unbesehen zuschlagen. Bei sehr fairen ca. 12€ pro Fläschchen für eine derartig aufwändig hergestellte Limited Edition ist auch die Hemmschwelle dafür recht niedrig.

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