Kindergeburtstage und andere Erinnerungen – Stedeler’s Heuschnaps (amaro al fieno)

Stedeler’s Heuschnaps (amaro al fieno) Titel

„Schnaps“ ist ein Wort aus der Umgangssprache, das nicht klar definiert ist. Manche sehen es als Synonym für „Spirituose“, oft im Zusammenhang mit der Wortherkunft des „Schnappens“, grob gemeint etwas Hochprozentiges aus einem kleinen Glas schnell zu trinken – also eher was, was dem Effekttrinken entstammt und weniger dem Genusstrinken. Das kann man theoretisch sowohl mit einem klaren Obstwasser als auch mit einem dicken Likör machen, mit einem mehr oder weniger ansprechenden Ritual, wie das Glas auf den Tisch zu klopfen, ein bisschen Salz und Limette dazu zu konsumieren oder das Glas danach umgekehrt wieder hinzustellen. Nichts von alle dem will ich aber meinen Lesern empfehlen, aus der Pubertät sind wir schließlich raus.

Umso kniffliger wird es aber, wenn ich das Wort auf einem Etikett lesen kann, wie beim Stedeler’s Heuschnaps (amaro al fieno) von Stedeler’s Stamperl aus Deutschnofen/Nova Ponente in Südtirol. Die deutsche Bezeichnung hier ist „Heuschnaps“, das ist erstmal relativ unspezifisch, was die tatsächliche Spirituosenkategorie angeht – es gibt ja Heugeiste, Heuliköre und Stufen dazwischen. Der italienische Untertitel ist da schon klarer, ein Amaro ist per Definition ein Likör. Und ich nehme es einfach mal vorweg, sensorisch ist das auch ziemlich schnell deutlich, dass wir hier einen Likör vor uns haben. Hergestellt wird er aus einem Grappa-Basisdestillat, das mit Zucker gesüßt und mit Heublumen aromatisiert wird. Die genaue Herstellung hatte ich beim Brenner erfragt, aber noch keine Rückmeldung erhalten – das liefere ich nach, wenn ich mehr weiß. Jedenfalls haben wir 38% Alkoholgehalt im Glas, und schauen uns den Schnaps mal an, bevor wir ihn den Rachen hinunterkippen – langsam und gemütlich, bitte!

Stedeler’s Heuschnaps (amaro al fieno)

Optisch passt das jedenfalls schonmal: eine heuige, nicht strohige, Farbe, kräftig dunkel, mit leichten Eindrücken von braun, gelb und grün, das ist wirklich geerntetes und leicht gelagertes Heu. Die Flüssigkeit bewegt sich etwas viskos, schwappt schwer hin und her, hinterlässt dabei dicke Beine am Glas.

Ich halte die Nase ins Glas, und bin verzaubert. Eine krasse Zeitreise findet plötzlich statt, ich fühle mich versetzt in meine Kindheit, als wir bei meinem Klassenkameraden Josef auf den Bauernhof eingeladen wurden und im Heu gespielt haben. Gerüche sind perfekt passende Schlüssel zu den Schlössern unserer Erinnerungen, kein anderer Sinneseindruck spielt so direkt und auf atavistische Art und Weise mit unserem Gehirn, und Stedeler’s Heuschnaps ist ein ideales Beispiel dafür für mich. Diese wunderbare Mischung aus herben, gereiften Grappa-Aromen, einer Kandiszucker- und Honigwürze, dazu diese grasig-vegetale Kombination aus gelagertem Heu und frisch geschnittenem Rasen im Frühsommer, die darin gefangenen, langsam trocknenden Kornblüten. Leichte Erdigkeit, bunte Trockenfrucht, ganz ehrlich, es ist das Gesamtbild, das aus diesen Komponenten entsteht, das mich begeistert und fasziniert. Ich liebe diese Spirituose schon allein wegen des Dufts von ganzem Herzen.

Stedeler’s Heuschnaps (amaro al fieno) Glas

Ich würde, wie oben schon erwähnt, sagen, das ist geschmacklich dann eher ein Likör als ein Schnaps oder Amaro, obwohl gewisse Bitterkomponenten durchaus da sind. Die initiale Süße macht die Textur schwer und dicht, ist aber gleichzeitig punktgenau und sauber, wirkt nicht pappig oder klebrig, und bildet dann die Basis für die Eindrücke von Heu, Gras, einem Weizenfeld im Spätsommer, über das sanfter, heißer Wind streift. Der Grappa ist als Basisdestillat klar erkennbar, wird nicht durch die Aromatisierung untergebuttert, im Verlauf kommt er mit schönem Feuer und wilder Würze, fast schon etwas Pfefferschärfe noch stärker zum Vorschein. Der Abgang ist lang, herbbitter (also doch vielleicht „amaro“?), voller Heuaromen, mit deutlicher Anästhesie am Gaumen und der Zunge, die durch die Süße und Würze von Honig und Kräuterzucker langsam abgebaut wird. Am Ende bleibt ein krautig-grasiges Gefühl zurück, und ein leichtes Süßegefühl auf den Lippen, die man dann gerne sauberleckt, während das langsam erlöschende Feuer nachglüht.

Man merkt vielleicht, dass mir der amaro al fieno gefällt. Nein, das ist nicht die richtige Beschreibung, es ist eine Spirituose, die etwas in mir auslöst, die Begeisterung und Nostalgie weckt, und dann am Ende eine tiefe Befriedigung zurücklässt. Ich mache ja immer jährlich eine Shortlist der besten Spirituosen, die ich in dem Jahr getroffen habe – Stedeler’s Heuschnaps wird mit hunderprozentiger Sicherheit 2022 dabei sein.


Ich ersetze einfach frech den Aperol im Commedia All’italiana durch den Stedeler’s Heuschnaps, und erhalte dann einen herausragenden Cocktail, den man garantiert rein auch mit südtiroler Zutaten machen kann und ihn dann vielleicht Commedia All’Altoadige nennen darf. Ich stimme bei beiden Varianten aber Simon Difford zu, der diesen Drink auf Eis serviert – etwas eiskalte Verdünnung gleicht die starke Süße aus, die der Cocktail entwickelt. Wer das mag, kann das Eis natürlich weglassen.


Commedia All’italiana
5/6oz / 25ml italienischer Bitterlikör
5/6oz / 25ml süßer Wermut
5/6oz / 25ml Aperol
½oz / 15ml Grappa
½oz / 15ml Maraschino-Likör
Auf Eis rühren. Auf Eis servieren.

[Rezept nach Seba Atienza]


Wie komme ich eigentlich zu dieser Spirituose? Es war ein sehr unterhaltsamer Arbeitstrip nach Bozen, um für den kommenden Gault&Millau Genussführer Südtirol (2022/2023) lokale, südtiroler Liköre, Grappe und Obstbrände zu verkosten und zu bewerten. Eine kleine, nette, aber sehr fachkundige Jury bestehend aus Mitgliedern aus Südtirol, Österreich und Deutschland setzte sich da im klassischen Parkhotel Laurin unter der Leitung von Jürgen Schmücking zusammen, um diesen neuen Bereich im Genussführer zu füllen.

Neben den zu verkostenden Spirituosen habe ich auch die kulinarische Seite Südtirols etwas kennengelernt, saftige Schlutzkrapfen, Knödeltris in brauner Butter, jeweils mit wunderbar angemachtem Kraut, Vesperplatten mit lokalem Speck, Schinken und Käse, und eine unglaublich hübsche Hotelbar mit sehr gut geschultem Personal, bei dem Perfect Manhattans, Smoky Negronis und andere Drinks sauber zubereitet und unaufgeregt angerichtet über den Tresen gingen. Bozen ist wirklich eine Reise wert, und vielleicht trägt der eine oder andere dann sogar den nächstjährigen Gault&Millau Genussführer Südtirol mit sich, um vielleicht unseren Schnapsempfehlungen darin zu folgen und sich eine der wirklich großartigen Brände aus Südtirol mit nach Hause zu nehmen.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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