Süße Namensprobleme – Sensèa Grappa di Prosecco

Nein, es handelt sich hier nicht um einen Grappa, der aus italienischem Schaumwein gemacht wird. Der Sensèa Grappa di Prosecco wird wahrscheinlich den einen oder anderen mit seinem Namen dennoch dahingehend verwirren. Man sieht daran aber schön, wie sich alte Gewohnheiten durch neue gesetzliche Regelungen ändern. Seit 2010 gibt es eine geschützte geographische Herkunftsbezeichnung „Prosecco“, die genau jenen Schaumwein aus Norditalien schützen soll – und der bis dahin verwendete Name einer Rebsorte gleichen Namens musste dann eben weichen, um Verwechslungen vorzubeugen. Die Traube heißt seitdem „Glera“, und entsprechend müsste dieser Grappa hier nun eigentlich Sensèa Grappa di Glera heißen. Inwieweit die Änderungen im Weinschutzrecht derartige abgeleitete Produkte wie Grappa treffen, ist mir unbekannt – obwohl ich inzwischen richtig viele Gesetzestexte bezüglich Spirituosen gelesen habe, sind sie mir in ihrer seltsamen, oft sehr offenen Formulierungen immer noch großteils ein Rätsel geblieben.

Da es sich bei diesem Grappa aus dem Hause Candolini wohl um einen der meistverkauften Italiens handelt, wird es wohl alles seine Richtigkeit haben. Oder aber der alte Satz „wo kein Kläger, da kein Richter“, der viele schummrige Geschäftspraktiken gerade bei Spirituosen am Leben erhält, gilt auch hier. Nun, es ist nur ein Detail im Namen. Schauen wir uns den Grappa selbst doch auch etwas genauer an.

Sensèa Grappa di Prosecco

Die Farbe ist klar, ohne Fehler, das sieht man schon von außen in der sehr zeigefreudigen Flasche, die praktisch ohne Verhüllung mit ihren wohlgeformten Rundungen da steht. Im Glas bewegt sich der Grappa schwer und ölig. Die Nase ist herbal und kräuterig, mit Noten nach Malz, Honigmelone und feuchtem Karton. Süß und durchaus typisch.

Im Mund verstärkt sich ein Eindruck weiter: Sehr, sehr süß, mir kommt das gesüßt vor – Süßung ist allerdings bei unterjährig gereiftem Grappa nicht erlaubt, und dieser hier ruhte nur 6 Monate in Holzfässern, daher ist die Süße wohl natürlich, dennoch gefällt sie mir nicht in ihrer Intensität. Bis zum Ende hält sich diese leicht klebrige Süße, die alles dominiert. Kräuterige und grünholzige Geschmäcker ergänzen das nur. Das cremig-weiche Mundgefühl wird gegen Ende durch etwas Alkoholfeuer ergänzt – 40% Alkoholgehalt sind eher mäßig eingebunden. Der Abgang ist klebrig, mittellang, leicht floral – das könnte der Einfluss der Glera-Traube sein – und fast schon fruchtkaugummig. Hier zeigt der Sensèa Grappa di Prosecco etwas Zähne, mit starkem, aber etwas belanglosem Kribbeln auf der Zunge.

Sensèa Grappa di Prosecco Glas

Persönlich ist mir dieser Grappa viel zu süß, er wirkt pappig und lässt kaum Aromen zu, die darüber hinaus gehen. Dadurch ist er oberflächlich und zwar voluminös im Mund, dafür aber hat er keine Komplexität und auch keine Tiefe. Ich würde ihn eher als Likör denn als echten Grappa sehen, und ihn auch entsprechend einsetzen.

Während die deutliche Süße für mich persönlich ein gewisses Hindernis im Purgenuss darstellt, macht gerade sie den Sensèa Grappa di Prosecco interessant als ungewohnte Cocktailzutat. Im Antonella jedenfalls macht er sich sehr gut – zusammen mit seinen anderen rein italienischen Zutaten. Ich habe den Limoncello des Originalrezepts ausgetauscht gegen Arancello, einfach weil ich den einen da hatte und den anderen nicht. Selbst eine Hausbar wie meine ist halt begrenzt.

Antonella


Antonella
1½ oz Grappa
1 oz Arancello
¾ oz Amaretto
¾ oz Galliano l’Autentico
Auf Eis shaken.
Mit Orangenschale dekorieren.
[Rezept adaptiert nach Gianni Albanese]


Auf meiner persönlichen Liste der alkoholischen Lieblingsgetränke steht Grappa eigentlich recht weit oben, ich habe mich mit dem Tresterbrand sehr angefreundet. Allerdings zeigen mir Produkte wie der Sensèa Grappa di Prosecco dann doch immer wieder, dass man Kategorien einfach nicht über einen Kamm scheren sollte, denn die Unterschiede innerhalb einer Spirituosenkategorie können wirklich richtig groß sein. Ich für meinen Teil bevorzuge trockenere, herbere Grappe – was aber nicht heißen darf, dass die süßeren Produkte unbedingt schlechter sind.