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Drei fassgereifte Biere Titel

Aus dem Fass in die Flasche – Welde Bourbon Barrel Bock, Kehrwieder Maria Port Barrel Aged und Duchesse de Bourgogne

Jahrelang war es überhaupt kein Diskussionsthema: Fassreifung bei Bier. Man sprach über die Fasslagerung von Spirituosen, insbesondere Whisky und Rum – unterschiedliche Fassgrößen, verschiedene Hölzer, Behandlung der Fässer vor der Reifung, nasse und trockene Fässer, Länge der Reifung, Finishes mit Spezialhölzern, in welchem Klima, an welchem Platz im Lagerhaus… die Themenbereiche scheinen unbegrenzt. Im Zuge der Erweckung des deutschen Biertrinkers aus seinem RHG-Dornröschenschlaf, in den uns die Bierindustrie über Jahrzehnte sanft gesungen hatte, durch die Craftbierwelle findet diese Diskussion nun auch wieder für Bier statt.

Drei Biere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, habe ich mir ausgesucht, um die Effekte, die eine Fasslagerung auf Bier hat, zu beleuchten. Da haben wir ein untergäriges Bockbier, das in drei Ex-Spirituosenfässern (Bourbon, Tequila & Rum) ruhen durfte; ein obergäriges Ale, gereift in einem Ex-Port-Fass; und zu guter letzt ein belgisches Sauerbier, für das das Eichenfass nur eine Zwischenstation hin zur Flaschenreifung war. Namentlich sehen wir in diesem Artikel damit das Welde Bourbon Barrel Bock, das Kehrwieder Maria Port Barrel Aged und das Duchesse de Bourgogne. Drei Biere, drei Fassreifungsmethoden, drei Stile – mal schauen, wie sich das Holz so schlägt.

Drei fassgereifte Biere Flaschen

Wir steigen in die frohe Runde ein mit dem Welde Bourbon Barrel Bock. Die Besonderheit hier ist, dass es sich um ein Cuvée handelt – das Bier wurde in Bourbon-, Rum- und Tequila-Fässer eingelagert und nach der Reifedauer von 3 Monaten miteinander wieder vermählt. Man könnte also davon ausgehen, einen bunten Reigen an Fasseffekten und -aromen vorzufinden, oder?

Die Farbe, hennarot, könnte zumindesst teilweise schonmal aus dem Fass kommen können. Eine erkennbare feinblasige Perlage kann den von Beginn an dünnen Schaum nur schwer aufrechterhalten, jener ist entsprechend bald komplett weg. Dennoch: Strahlend und sehr hübsch anzusehen.

Welde Bourbon Barrel Bock Glas

Geruchlich gewinnt deutlichst der vom Bourbonfass, schon 30cm entfernt vom Glas riecht die Nase das. Vanille, Eichennoten, Karamell. Geht man näher ran, kommt eine säuerliche Note mit würzigen Untertönen zum Vorschein. Mildmalzig, leicht metallisch.

Trotz der attraktiven Cremigkeit im Antrunk ist das Bier frisch und rezent, zitronig. Feinsüß, aber nicht vordergründig. Bourbonnoten tauchen erst auf, wenn man das Bier mit höherer Temperatur als den empfohlenen 12° trinkt; aber sonst finde ich leider praktisch keine Noten von irgendwas anderem im Geschmack. Ein leicht buttriges Aroma vielleicht. Auch der Abgang überrascht – sehr kurz, sehr trocken, ansonst praktisch nichtexistent. Wow, das könnte ein neuer Rekord in Abgangskürze bei Bier für mich sein. Vanille hängt bei höherer Trinktemperatur etwas nach, aber nur ahnungsweise. Die Zahlen und Fakten: 6,6% Alkoholgehalt, schließlich haben wir ein Bockbier vor uns, Green-Bullet-Hopfen wurde eingesetzt, 28 IBU erreicht die Bittere.

Ich bin bass erstaunt ob der aromatischen Ärme dieses Biers – das Fass hat ganze Arbeit geleistet und dem Neutralbier wenigstens Bourbon-Geschmack verliehen, das allerdings nicht zu knapp. Ich hoffe sehr auf Besserung bei dem zweiten Kandidaten in dieser Runde, dem Maria Port Barrel Aged von der Kehrwieder Kreativbrauerei.

Kehrwieder Kreativbrauerei Maria Port Barrel Aged

Bei Spirituosen werden Portweinfässer gern genutzt, oft nicht ganz geleert, um die starke Restsüße der Überbleibsel zur Aromatisierung der neuen Belegschaft zu verwenden (da kann viel Schmu getrieben werden, nur soviel dazu). Mal schauen, ob man den Port hier wiederfindet. Farblich jedenfalls ist die Assoziation da – ein schweres Braun. Schönes Mousseux, praktisch kein Schaum. In der Nase entdecke ich erstmal Eisen, eine leicht käsige Note (neutral und ohne Wertung!), sonst nicht wirklich viel. Geruchlich haut es mich wirklich nicht um, da ist kaum etwas, was mich anspricht.

Auch im Antrunk meine ich, diese milde Käsenote zu schmecken; das ist nicht so unangenehm, wie es sich anhört. Schnell wird die milde Süße des initialen Geschmacks durch eine zischende Säure ersetzt, die Rezenz ist sehr hoch, das Bier fühlt sich sehr frisch an. Nun kommt das Portweinfass zum Tragen – viel Frucht und Weincharakter drängen sich nach vorn. Soweit, dass man das schon fast, wenn man die tolle Rezenz miteinbezieht, mit einem Weinschorle vergleichen könnte. Man hat den Eindruck eines extrem helltönigen Biers, die tieferen Bassnoten fehlen. 7,5% Alkohol zeigen die Dubbel-Basis.

Im Abgang entdeckt man dann die Trockenheit, die Sprudeligkeit und die helle Frische eines Brut-Schaumweins. Etwas dunkle Frucht klingt noch nach. Nun, das ist schon interessant – das ist ein sehr klares, sauberes Bier, mit milden Fruchtnoten, die vielleicht wirklich aus dem Port-Fass stammen könnten. Spannend, weil unerwartet. Herrlich erfrischend und dabei durchaus befriedigend für mich; für Leute, die auf Biergeschmack aus sind, wahrscheinlich verwirrend.

Beenden wir die Runde mit einem Ausflug nach Belgien. Ich gebe zu, ich bin ein großer Freund der belgischen Bierkultur, und darüber hinaus auch noch von Sauerbieren. Das Duchesse de Bourgogne ist in Kennerkreisen durchaus ein Kandidat als Referenz für diese Art von Bier geläufig. Merkt man ihm auch noch die Fassreifung an? Immerhin konnte es vor der endgültigen Flaschenreifung doch eine angemessene Zeit in Eichenfässern zwischenlagern.

Duchesse de Bourgogne

Farblich tiefbraun mit blutroten Reflexen, doch das haben viele belgische Dubbel und Tripel, das muss nichts mit dem Fass zu tun haben. Leichte Perlage, nur wenig Schaum. Nach dem Ziehen des Kronkorkens dachte ich zuerst – das Bier ist schlecht geworden, das riecht ja schlimm nach Essig. Schnuppert man ein bisschen länger dran, entdeckt man darüberhinaus noch Noten von grünem Apfel, Verjus, Sekt und Weißwein. Letztlich alles nur begrenzt an Bier erinnernd, das gebe ich zu; Sauerbier ist nicht wirklich was für jeden.

Tatsächlich schlägt sich das Duchesse de Bourgogne im Geschmack dann auch in einer Liga mit den schon kräftig sauren Rügener Insel-Brauerei-Bieren Meerjungfrau und Seepferd, meinen Lieblingssauerbieren; Limettensäure, Essig und Champagner sind Eindrücke. Da ist aber auch eine ordentliche Süße im Bier, die so einiges abfedert, und im Verlauf der Verkostung stärker und stärker wird; der ansonsten schmale Körper wird durch die Süße erkennbar verbreitert. Während der Antrunk also knackig sauer ist, beginnt der Abgang eher wie ein typisches belgisches Dubbel mit kandiszuckriger, weicher Milde. Insgesamt ist der Abgang eher kurz, mit einem Anflug von Bittere, Zitrusaromen hängen noch nach. 6,2% Alkohol spürt man durch die hohe Rezenz kaum.

Ein leichtes, frisches Bier. Sehr rezent durch die extreme Säure und eine ordentliche Karbonisierung. Aromatisch bleibt es zurückhaltend, echten Fasscharakter nimmt man kaum wahr. Sehr angenehm zu trinken, ein wirklich schönes Sauerbier, das den Insel-Bieren den ersten Platz in meiner Rangliste dieses Bierstils abläuft.

Als Fazit bleibt mir nur noch, darauf hinzuweisen, dass es bei Fassreifung nicht immer nur darum gehen muss, dem Produkt weitere Nuancen und Aromen hinzuzufügen. Manchmal dient die Zeit im Fass einfach auch nur dazu, das Gesamtgeschmacksbild abzurunden, zu vereinheitlichen, dem Bier Zeit zu geben, sich zu setzen. Alle drei hier vorgestellten Biere profitieren in der einen oder anderen Form vom Holz – und ich freue mich sehr darauf, in Zukunft weiter in diese heutzutage leider etwas in den Hintergrund geratene Methode der Bierherstellung einzutauchen.

Strate's Detmolder Chardonnay Hopfen Titel

Frauenpower – Detmolder Chardonnay Hopfen und Bourbon Chardonnay

Über Bier wird immer wieder gern im Fernsehen berichtet. Meist als kleine Infotainment-Einspieler in den beliebten Vorabendsendungen der Privatanstalten, in denen es dann praktisch nur um Industriebier geht, wo Brauereiführungen an Orten stattfinden, die mehr wie NASA-Forschungslabore aussehen, und in denen dann das seligmachende Reinheitsgebot zelebriert wird. Deutschland, einig Pilsland – man könnte meinen, wenn man diese Berichte, oft schlecht und oberflächlich recherchiert und von Bierkonzernen gesponsert, dass die Deutschen sich nicht mehr wirklich für echtes, regionales Bier interessieren.

Um so erfreulicher ist es, dass gerade die Dritten Programme sich mit qualitativ hochwertiger Bierberichterstattung dann in letzter Zeit positiv hervorheben – da bin ich froh, dass meine GEZ-Gebühren wenigstens sinnvoll genutzt werden. Neulich erschien so ein schöner Beitrag über die unterschwellige Bierkultur in Nordrhein-Westfalen. Besonders interessant fand ich den Teil dieser sehr sehenswerten Dokumentation über die Privatbrauerei Strate in Detmold.

Natürlich wird in dem Bericht etwas darauf herumgeritten, dass diese Brauerei von drei Frauen geleitet wird – heutzutage ist sollte das eigentlich keine besondere Erwähnung mehr wert sein, wenn man sieht, wie selbstverständlich auch Frauen heute das einstige Männergetränk „Bier“ konsumieren.

Angespornt durch die sympathische Präsentation der Brauerei in dem WDR-Bericht habe ich mir dann aus dem großen Sortiment des Herstellers zwei besondere Biere ausgesucht, um zu verifizieren, ob die schönen Fernsehbilder auch mit handfesten Geschmackstatsachen unterlegt werden können: das Detmolder Chardonnay Hopfen und das Detmolder Bourbon Chardonnay. Für diese Biere wurde eine ganze Ernte der namensgebenden Hopfensorte aufgekauft – ein mutiges Investment. Hat es sich ausgezahlt?

Strate's Detmolder Chardonnay Hopfen Flaschen

Beginnen wir beim Detmolder Chardonnay Hopfen. Von außen weiß die Flasche schonmal zu gefallen – Dreiviertelliter-Weinflasche mit Bügelverschluss, üppig designtem Etikett und einem großen Umhänger mit Informationen. Damit kann die Idee, bei einem Sektempfang für echte Kerle auch mal Bier auszuschenken, gewiss stilsicher umgesetzt werden.

Der helle Bock mit 7,4% hat beim Eingießen eine sehr kräftige Schaumentwicklung und zischt dabei laut. Grobporiger Schaum in hellem Beige entsteht und wird gespeist durch eine mittelstarke Perlage. Farblich erhält man im Glas ein kräftiges Pariser Rot. Der Geruch ist süßlich, nach Vanille. Etwas metallisch. Man riecht dunkles Malz und, so meine ich, Erdbeeren.

Im Antrunk wirkt das Chardonnay Hopfen passend dazu sehr süß und vollmundig, weich und cremig. Eine schöne Balance aus malzig und helltönig, mit hoher Rezenz. Insgesamt ist das Bier angenehm trocken und bitter. Der „Chardonnay“-Hopfen  hält sich aromatisch zurück, ist nicht so fordernd wie manch amerikanischer Aromahopfen, gibt nur eine sehr hintergründige Fruchtnote ab, wirkt meines Erachtens hier hauptsächlich als Edel-Bitterhopfen. im Verlauf entsteht eine seltsame Mischung aus süß und sauer, und wirkt dadurch etwas eckig. Es wird recht schnell schal. Der Abgang ist kurz, sehr trocken, mildbitter und hinterlässt adstringierende Effekte am Gaumen. Ein leichter Alkoholgeschmack ist vorhanden.

Detmolder Chardonnay Hopfen

Das an der Flasche hängende Booklet zeigt mit seinen Verkostungsnotizen wieder einmal, dass jeder Gaumen unterschiedlich ist – ich erkenne kaum etwas davon im Bier wirklich wieder. Mit dem Fazit – „ein einzigartiges vollmundiges, süffiges Gourmet-Bier für ganz besondere Stunden“ – hadere ich auch etwas; mir ist es für dieses vollmundige Selbstlob etwas zu langweilig und konventionell – rein aromatisch gesprochen, ohne etwas über die handwerkliche Qualität aussagen zu wollen. Preislich stimmt das Zitat aber sicher, denn mit 12€ pro 750ml gießt man sich so etwas nicht einfach so zum Abendessen ein.

Kommen wir mit einer leichten Enttäuschung zum zweiten Bier und hoffen dort dann auf das Beste. Das Detmolder Bourbon Chardonnay ist, soweit ich das aus den Informationen des Brauers herauslesen kann, dasselbe Bier wie das zuvor verkostete, mit einem gewichtigen Unterschied: Es wurde in Holzfässern gelagert, und zwar „monatelang“. Bei den verwendeten Holzfässern handelt es sich um Ex-Whiskey-Fässer, die zuvor Jack Daniel’s-Whiskey beinhaltet hatten. „Jack-Daniels Bourbon“ schreibt der Pressetext – da wird der Korinthenkacker in mir geweckt. Der Whiskey von Jack Daniel’s ist ja nun offiziell kein Bourbon, sondern ein Tennessee Whiskey. Die Haarspalterei, was den Unterschied ausmacht (der Lincoln-County-Prozess), sollte dem ganzen Genuss aber keinen Abbruch tun – wer allerdings mit etwas wirbt, sollte sich vorher darüber informieren, vor allem, wenn nachher fett das Wort „Bourbon“ auf dem Etikett prangt.

Detmolder Bourbon Chardonnay

Optisch ist der Unterschied zum ungereiften Bier kaum erkennbar – dunkles, sehr attraktiv opalisierendes Rotgold, feine Perlage, feiner, beigefarbener und sehr langlebiger Schaum. Der Geruch ist zunächst leicht säuerlich. Sehr schnell taucht aber die Vanille-Note des Whiskeys auf. Weitere Komponenten, die die Nase wahrnimmt, sind dunkles Malz, Banane sowie sehr milde Obstnoten.

Man nimmt den ersten Schluck und denkt sofort, man hätte ein Whiskey-Bier-Gemisch im Mund. Die Whiskey-Noten sind stark und klar, da gibt es keinen Zweifel. Sehr weich und cremig im Mund, rund und mild, dabei feinsauer und erfrischend. Praktisch keine Hopfennoten. Wunderbar ausgeglichene Süße und Säúre. Sehr angenehme, zurückhaltende Rezenz. Das Detmolder Bourbon Chardonnay weist 7,5% oder 7,4% Alkoholgehalt auf, je nachdem, welche Stelle des Umhängeetiketts man liest – auch hier wieder der sanfte Hinweis, dass ein Korrekturleser nicht schaden würde. Der Abgang bleibt eher kurz, süßlich, und trocken. Auf der Zunge bleibt eine prickelnde Würze.

Im Gegensatz zum ungereiften Verwandten bleiben mir hier keine Kritikpunkte – das ist ein tolles Bier, das mir sehr gefällt, und das ich wirklich weiterempfehlen möchte. Wenn das wirklich dasselbe Bier ist wie das „normale“ Chardonnay Hopfen, dann zeigt sich hier erneut, was Fassreifung alles schaffen kann.

Das Bier lag in Jack-Daniel’s-Fässern, was liegt da näher, als es dann in einem Cocktail mit dem entsprechendem Whiskey zu vermählen. Das Ergebnis ist der Decadent Detmold Flip. Ich kann die Barkultur in Detmold nicht beurteilen, hoffe für die Einwohner dieser Stadt aber, dass sie ähnlich begeisternd ist wie dieser üppige, schwere und aromatische Cocktail.

Decadent Detmold Flip


Decadent Detmold Flip
1 oz Detmolder Bourbon Chardonnay
1 oz Amaro (z.B. Villa Rillago)
1 oz Tennessee Whiskey (z.B. Jack Daniel’s Single Barrel)
1 ganzes Ei
2 Spritzer Allspice Dram (z.B. The Bitter Truth Pimento Dram)
2 Spritzer The Bitter Truth Drops&Dashes Wood
Richtig fest und hart auf Eis shaken.
[Rezept angepasst nach Jacob Grier’s „Decadent Stout Flip“]


Die Zeit ist aktuell gut für edle, ausgefeilte und, ja, durchaus auch hochpreisige Biere, und gleichzeitig ist der Bedarf nach Abwechslung für Konsumenten hoch. Persönlich fände ich es toll, würden Biere langsam in der Breite den Weg in diesen speziellen Aspekt der Gastronomie finden: nicht nur als billiger Durstlöscher wie bisher, sondern auch als Alternative für Sekt oder Champagner beim Empfang oder für Wein bei qualitativen Mehrgangmenüs. Die Biere der Privatbrauerei Strate könnten zumindest teilweise diese zur Zeit noch bestehende Lücke sicherlich füllen.

New 2 Oak Barrel Aged Liquor Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 4 – New 2 Oak Barrel Aged Liquor 新②派橡木桶臻藏白酒

Innerhalb eines Kulturkreises neigen wir dazu, ähnliche Vorlieben zu entwickeln. Insbesondere, wenn es um Lebensmittel geht, oder um Spirituosen. Der westliche Genießer präferiert, mal ganz plakativ verallgemeinert, offensichtlich süßliche, milde Brände, wie nachgesüßten Rum, Cognac und Bourbon. Liköre werden immer gern genommen, die teilweise bis zur Hälfte des Flascheninhalts aus Zucker bestehen. Selbst normalerweise härter schmeckende Schnäpse wie Gin oder Vodka werden hinter den Kulissen oft mit Glycerin und/oder Zucker weicher und milder gemacht, um diesem Kleinkindschema „süß-mild-leicht“ gerechter zu werden.

Diese Präferenz für Mildsüße ist aber nicht allernorten fest verankert. Chinesen beispielsweise sind, was starke Alkoholika angeht, ganz andere Kaliber gewohnt – dort sind sehr hochprozentige, charakterstarke und durchaus aggressive Spirituosen beliebt und geschätzt. Was passiert, wenn man normalen Leuten auf der Straße diese andere Welt zeigt, und Chinesen einige Scotches, und Briten ein paar Baijius vorsetzt? Ein spannender Versuch.

Tatsächlich bin ich aber etwas überrascht, wie neutral und eigentlich sogar positiv die britischen Tester auf die ihnen vorgesetzten Baijius reagieren – ich hätte mit verzerrten Gesichtern und ähnlichem gerechnet beim Erstkontakt mit chinesischem Schnaps, der in seiner Aromatik und Stärke doch etwas anders daherkommt als der gewohnte Scotch.

Die Unterschiede sind, und so ehrlich muss man sein, erheblich größer als man bei Betrachten dieses Videos vielleicht denken mag. Aber aktuell ist bei Baijiu eine Bewegung im Gange, diese weite Kluft etwas aufzuschütten – man versucht, dem westlichen Konsumenten etwas entgegenzukommen und die ärgsten Stolpersteine, über die man regelmäßig fällt, etwas abzuschleifen. Der Erfahrung nach sind dies Alkoholstärke und extreme Aromen, und so hat man beim New 2 Oak Barrel Aged Liquor oder 新②派橡木桶臻藏白酒 beides parallel in Angriff genommen. Einerseits ist er mit 38% Alkoholgehalt ein Superfliegengewicht in der Baijiu-Welt, und andererseits wurden durch eine Fassreifung die Fähigkeiten eines Holzfasses genutzt, Ecken und Kanten in der Aromatik weichzuspülen. Für den Baijiu-Freund also eine spannende Sache: Wie schmeckt ein fassgereifter Baijiu denn nun im Vergleich zu ungereiften oder traditionell tonkruggereiften Varianten?

New 2 Oak Barrel Aged Liquor Baijiu Flasche

Entsprechend seiner für chinesische Verhältnisse unkonventionellen Herstllungsweise passt dieser Baijiu auch in keines der großen Aromenprofile, die wir in dieser Blogreihe schon kennengelernt hatten – von Spirits Selection, wo er beim Wettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2016 eine Goldmedaille gewonnen hatte, wurde er recht generisch in die Kategorie „other style“ und „other aroma“ eingeordnet, von der Herstellerfirma Sichuan Tuopai Shede Wine Co, Ltd. wird er sogar als 东方威士忌 „östlicher Whisky“ bezeichnet.

Die Farbe ist ein blasses Strohgold, entstanden durch die Holzfassreifung, hoffte ich zumindest, bis ich auf der lobenswerten Zutatenliste des Rücketiketts den Eintrag 色 fand – Zuckerkulör. Von der Konsistenz unterscheidet er sich nicht von anderen Baijius; kaum viskos, wenig Beine am Glas.

Der Geruch lässt mich zunächst vermuten, dass es sich hier um einen abgewandelten Leichtaroma-Baijiu (清香) handelt – er wirkt sehr typisch dafür, mit dem ausgeprägten Pfirsichferment-Aroma, das mich persönlich so an weiße Gummibärchen erinnert. Tatsächlich sind aber bei genauerem Hinschnuppern deutliche Vanille- und Bananenaromen vorhanden, die den 新②派 davon dann abheben. Etwas Zitrusfrucht rieche ich auch heraus, gattungstypische Lakritz und Anis fehlen natürlich nicht.

Im Antrunk ist eine Kombination aus mildem Süßholz und ebenso zurückhaltendem Anis vorherrschend; auf den zweiten Geschmack kommt eine wunderbare Vanillenote hervor, und ein Anklang an medizinale Aromen, wie man sie von Scotch kennt und schätzt. Anflüge von Holz. Etwas Menthol. Im Vergleich zu vielen anderen Baijius wirkt er fast etwas wässrig, oder besser gesagt: Leichtkörprig. Ich gehe soweit, ihn elegant zu nennen.

New 2 Oak Barrel Aged Liquor Glas

Der Abgang ist mildsalzig, pfeffrig, chili-ig. Mittellang, sehr warm und weich. Wie schon gewohnt bei Baijius ist der Abgang spektakulär, wenn auch nicht ganz so wie bei höherprozentigen Kollegen. Der Nachhall ist dann wieder stark Vanille, dazu Milchschokolade. Etwas anästhesiert bleibt die Zunge zurück.

Ein ausgesprochen attraktiver Tropfen, das muss ich schon sagen: Die Kombination aus traditionellem Baijiu und westlichen Reifungsmethoden (leider aber auch bis hin zur Verwendung von E150a) ergibt einen echten Winner. Damit kann man selbst in deutschen Bars leicht hausieren gehen, da bin ich mir sicher; die erwähnte Bezeichnung „östlicher Whisky“ passt genau und trifft den Charakter dieser Spirituose perfekt.

Wer meine Cocktailempfehlungen auf meinem Blog verfolgt, hat ja schon gesehen, dass man ein Glas ausspülen, aussprühen oder räuchern kann, um kleine Nebenaromen, hauptsächlich für die Nase, mit in den Drink zu bringen. Das hier vorgeschlagene Ausflammen des Gästeglases mit Overproof-Rum soll laut Erfinder des Cocktails Erinnerungen an ein altes chinesisches Armee-Motorrad mit Beiwagen wecken – daher passend auch der Name Beijing Sidecar. Alt und qualmend soll es sein, und das wird durch die ungewöhnliche Vorbereitung für das Gästeglas simuliert. Bitte Vorsicht dabei, es besteht Augenbrauenabsengungsgefahr, und man sollte ein Glas verwenden, das die Hitze auch aushält.

Beijing Sidecar


Beijing Sidecar
1 oz Cognac (z.B. Hine Rare VSOP)
⅔ oz milder Baijiu (z.B. 新②派)
½ oz Zitronensaft
½ oz Orgeat
2 Spritzer Drops & Dashes Wood Bitters
Auf Eis shaken.
Das Gästeglas mit angezündetem Overproof-Rum (z.B. Old Pascas Jamaica 73%)
und einem Spritzer der Bitters ausbrennen.

[Rezept nach Paul Mathew]


Auch hier gibt es wieder eine spannende kulturelle Eigenheit Chinas als Anekdote zu berichten. Betrachtet man sich den chinesischen Namen dieser Spirituose, 新②派橡木桶臻藏白酒, etwas genauer, fallen dem etwas in chinesischer Schrift bewanderten sofort zwei vielstrichige Zeichen ins Auge: 臻藏. Ich habe alles versucht, herauszufinden, was sie hier auf dem Etikett einer Schnapsflasche bedeuten könnten, und bin selbst bei umfangreichen Wörterbüchern gescheitert. Ein Muttersprachler konnte mir, nachdem er selbst lange recherchieren musste, weiterhelfen (danke, Yide!) – es handelt sich dabei um eine scheinbar gar nicht unübliche Masche in der chinesischen Werbewirtschaft, möglichst komplexe und abstruse Zeichen, die selbst gebildete Chinesen nicht mehr lesen können, zu verwenden, um dem eigenen Produkt einen hochwertigen Anstrich zu verpassen. Folgt man der Erläuterung hier, und schreibt die Wortkombination in der gleich ausgesprochenen aber leicht lesbaren Schreibweise 珍藏 , machen die Zeichen in unserem Kontext sogar Sinn: „sorgsam aufbewahren“. Man liest also alles zusammen: „Neuer Stil – In Eichenholzfässern sorgsam aufbewahrter klarer Schnaps“. Eine alternative Bedeutung der Zeichenkombination wäre „wertvolle Sammlung“, wahrscheinlich gemeint im Sinne der bei anderen Spirituosen oft gelesenen Bezeichnungen wie „Privatbrand“, „Rare Selection“ oder „Reserva de la Familia“. Man ahnt jedenfalls, dass es ein sehr spezieller Begriff ist, der schon durch sein fremdartiges, ungewohntes Aussehen eine Besonderheit ausstrahlen soll.

Die Flasche des New 2 an sich hält sich an die aufgestellten Regeln, um nicht nur dem westlichen Gaumen, sondern auch dem westlichen Auge zu gefallen – keine Spielereien (Baijiu ist, wie wir in dieser Reihe schon mehrfach gesehen haben und auch noch weiter sehen werden, ein Kandidat für die flippigsten Flaschendesigns der Welt), ein einfaches Etikett auf einer einfachen, eckig gehaltenen Flaschenform, dazu ein einfacher Blechschraubverschluss.

Bis nächsten Monat, liebe Freunde des chinesischen Schnapses, dann zum schon 5. Teil der Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“!

Offenlegung: Ich danke erneut der belgischen Firma Vinopres SA und Spirits Selection für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche dieses Baijius. Vinopres SA und Spirits Selection haben mir ganz enorm geholfen, und mich mit einer Reihe von Qualitäts-Baijius versorgt, denn die Beschaffung dieser chinesischen Spirituosen ist in Deutschland sonst sehr schwierig – ohne sie wäre diese Reihe nicht möglich gewesen.

Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum Titel

Kurz und bündig – Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum

Ich gebe zu, ich habe ein kleines Faible für das martinikanische Rumhaus La Mauny, denn bis heute stammt einer meiner Lieblings-Agricole (ungereift) von dort – der La Mauny 50°. Um so erfreuter war ich, dass mir Rumfreund Benoît Bail eine Kostprobe des diesjährigen Confrérie-du-Rhum-Rums (dazu weiter unten mehr) zukommen ließ – den Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum. Ich hoffe, ich kann mich in dieser Verkostung zurückhalten und meine Vorliebe in Zaum halten.

Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum Flasche

Es ist nur eine kleine Probe, die ins Glas kommt, aber sie bezaubert trotzdem direkt alle Sinne. Noch bevor man die herrliche rostrote Farbe mit ihren orangefarbenen Reflexen bewundern kann, springt einem der Geruch mitten ins Gesicht. Eine wahre Wucht – dominant sind direkt von Anfang an Holzreifungsnoten: Eiche, Vanille, Karamell, dazu eine leichte Klebernote. 11 Jahre im Eichenfass zeigen ihre Wirkung eindrucksvoll. Rosinen, Thymian und Lavendel geben dem Rum Körper.

Der Antrunk ist zunächst sehr süß (ohne aber zuckrig zu wirken), mit viel Honig, wirkt zurückhaltend, sparsam und mild, weich und bequem, erinnert mich an Cognac. Aber, oh! Der Abgang! Wer bei diesem Abgang nicht ins Schwärmen gerät, den bedaure ich etwas. Denn eine volle Breitseite an Aromen explodiert nun am Gaumen – da kommt ein kaum beschreibbares Bouquet zum Vorschein, mit Anklängen von Lavendel, Nelken, Zitronenschale, Himbeeren, grüner Pfeffer, Ingwer und eine ordentliche Dosis Eukalyptus. Die enthaltenen 49,7% Alkohol verstecken sich nie – in diesem Rum ist lebendes Feuer, Energie und Kraft. Der Nachhall schließlich ist lang, warm, trocken, mit einem Hauch feuchtem Kies, Gras und grünem Holz, und dabei perfekt rund.

Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum Glas

Ja, ich bin nun doch ins Schwelgen geraten, obwohl ich es nicht wollte. Egal, Ehre wem Ehre gebührt – das ist ein Traum von einem Rum. Die Confrérie du Rhum, eine Facebook-Gruppe mit knapp 25000 Rumfreunden hauptsächlich aus dem frankophonen Raum, hat in dieser Zusammenarbeit mit La Mauny zur Feier des vierten Jahrestags des Bestehens der Gruppe einen echten Treffer gelandet. Wenn ich mir irgendwo eine ganze Flasche davon schnappen kann (bei einer Limitierung auf 1000 nummerierte Flaschen wird das nicht so ganz einfach werden), werde ich nicht zweimal nachdenken müssen.

Nachtrag: Tatsächlich habe ich mir dann eine Flasche davon besorgt (Nummer 184 von 1000). Grob die Hälfte davon habe ich im Rum-Club geteilt, den Rest für Weiterverkostung für mich behalten.

Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum Details