Schlagwort-Archive: gin

Juniper Jack London Dry Gin Titel

Queen Gin und ihr erster Ritter – Juniper Jack London Dry Gin

2016 stand stark im Trend der Craftisierung der Spirituosen- und Bierwelt. Man bewegte sich etwas weg vom kurz zuvor alles beherrschenden Trend der Premiumisierung – der Unterschied ist größer, als die zwei Beschreibungen es auf den ersten Blick aussagen. Die Premiumisierung litt ganz stark darunter, dass sie sich nicht selten nur durch das Wort „Premium“ auf dem Etikett ausdrückte; der Inhalt der Flasche war meist derselbe, den man auch schon vor 20 Jahren hätte kaufen können. Ich bin sehr positiv davon überrascht, dass die zahlende Kundschaft sich nur in sehr begrenztem Umfang davon einfangen ließ. Das Wort ist nun verbrannt, und für mich persönlich sind Spirituosen, die das Wort „Premium“ auf dem Etikett aufweisen, grundsätzlich eher skeptisch zu betrachten.

Die Craftisierung dagegen zielt auf den Inhalt ab. Bier hat es vorgemacht – der moderne Konsument ist bereit, deutlich mehr Geld für ein Produkt auszugeben, das handwerklich, in kleinen Mengen, ehrlich und mit Leidenschaft hergestellt wird. 5€ für eine Flasche Craftbier sind keine Seltenheit, und es verkauft sich dennoch wie geschnitten Brot. Auch Spirituosen folgen dieser Spur; insbesondere, da es gerade für ungereifte Spirituosen ein Weg ist, sich in eine Nische vorzuarbeiten, die sonst meist nur von langjährig fassgereiften Bränden besetzt wurde. So mancher neuer weißer Rum erreicht diese Nische nun und emanzipiert sich vom Image des Mixers; ehrlicher, echt komplett selbstgebrannter Vodka statt redistilliertem, gezuckertem Industrieneutralalkohol ist ein weiteres Beispiel dafür.

Doch nicht nur die Produkte selbst, auch Onlineshops streben danach, sich zu craftisieren und nicht einfach nur die Standard-Industrieprodukte anzubieten. Startups wie hiddentaste.com spezialisieren sich entsprechend auf ein kleines, individuelles Sortiment und hoffen dadurch, die Klientel an sich zu binden, die sich erst gar nicht durch die Massenprodukte, die es sonst überall gibt, wühlen will um im riesigen Angebot die Perlen zu finden. Eine der Perlen, die man auf diese Weise leichter entdeckt, die sonst vielleicht im Vielklang des inzwischen riesigen und vollkommen unüberblickbaren Gin-Angebots untergehen könnte, ist der Juniper Jack London Dry Gin aus Dresden.

Juniper Jack London Dry Gin Flasche

Was erwartet man von der Farbe eines Gin – nichts, natürlich, und die Flasche versteckt auch nichts davon. Völlig transparent ist er also, dieser London Dry Gin, aber leicht ölig, mit Beinen beim Schwenken im Glas.

Viele moderne Gins lösen sich von der Definition des Gin – einer mit Wacholder aromatisierten Spirituose, und legen andere Geschmäcker in den Vordergrund. Der Juniper Jack dreht den Spieß um, und kehrt zurück zur Wurzel: Hier ist Wacholder die ganz klar dominante Note. Schon beim Eingießen verströmt sich sehr starker Wacholderduft, und zwar nicht nach milden Beerchen, sondern volle Pulle, als hätte man eine Handvoll Wacholderbeeren in der Hand zerdrückt. Im Hintergrund liegen noch Zitrusnoten und milde Kräuteraromen, die allerdings nur die dezenten Backgroundsänger für den Star Wacholder geben.

Der Geschmack ist trocken, kräuterig, darüber hinaus sehr holzig und harzig – sensationell, diese letzterwähnte Komponente liebe ich am Juniper Jack am allermeisten. Wacholder ist natürlich dauerpräsent, auf eine Wacholderbeere zu beißen könnte nicht mehr Aromen abgeben. Kümmel und Orange tauchen deutlich auf. Eine höchstinteressante Eisbonbon-Kühle kippt nach einer Weile um in eine milde Wärme, den 46,5% Alkohol angemessen, und komplettiert damit ein außergewöhnliches Geschmacksbild, das zeigt, dass es nicht immer Dutzende von in Ginsprech „Botanicals“ genannten Kräutern sein müssen – die 10 verwendeten reichen völlig aus.

Der Abgang ist extrem lang, und Eukalyptus, Wacholder, Lavendel, viel Kümmel und etwas Süßholz liegen noch sehr lange im Mund. Man muss allerdings sehr vorsichtig sein, wenn man vor hat, an einem Termin mehrere Spirituosen zu verkosten. Nach diesem Gin hat kaum ein anderer Schnaps noch eine Chance, echt gewürdigt zu werden. Selten kann man das von einem Gin sagen – der Juniper Jack hat soviel Nachhall, dass er alles, was folgt, dominiert, und das locker über eine Stunde und länger. Das Wacholderaroma legt sich selbst über kräftigen Rum; und es ist selbst nach 2 Stunden noch am Gaumen erkennbar. Ich habe gewarnt!

Im Palm Beach zeigt der Juniper Jack, wie schön sich eine so dominante Wacholdernote auch in Cocktails macht. Sie überstrahlt zwar deutlich den Ananassaft und den Wermut, sorgt aber auch für eine hauchig-kräuterige Note in diesem ansonst vielleicht eher süßlichen Cocktail. Eine nahezu ideale Kombination, die lange im Mund hängen bleibt und für den einen oder anderen Aha-Effekt bei Cocktailtrinkern, die sonst mit Gin nicht viel anfangen können, sorgen wird.

Palm Beach


Palm Beach
2½ oz Gin (z.B. Juniper Jack London Dry Gin)
½ oz roter Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)

1 oz Ananassaft
Auf Eis shaken.

[Rezept nach unbekannt]


Das ist nun schon die zweite Flasche, die ich erlebe, die mit einem Glasstöpsel aufwartet. Diese Art von Verschluss hat manchmal das Problem, sich nur schwer öffnen zu lassen; beim Juniper Jack Gin geht der schwarz eingefärbte Glasstopfen aber leicht und ohne Mühe mit einem sanften „Klick“ vom Flaschenhals und ebenso wieder darauf. Auch der Rest des Designs kann sich sehen lassen – eine etwas rundliche, bauchige Flasche mit schwerem, dicken Glasboden und ohne aufgeklebtes Etikett, mit einem leicht jugendstiligen Motiv. Passend zum Motiv ist die Botanicals-Liste in einer Art dramatis personae gehalten: Das gefällt mir als Literaturfreund sehr.

Juniper Jack London Dry Gin Detail

Die Flasche, die mir vorliegt, hat die Identifizierung „Batch L 2, Flasche 1494 von 1736“. Zunächst erfreut es mich außerordentlich, diese Angaben vorzufinden, insbesondere sogar die Flaschennummer. Wer sich über die seltsame Batchgröße von 1736 Flaschen wundert – dies ist nicht willkürlich, sondern passt sich in das umfassende Storykonzept dieses Gins ein, das sich auf einen Protest-Theaterstück-Author bezieht, der 1736 unter dem Pseudonym „Jack Juniper“ gegen den Gin Act 1736 Stimmung machte.

Kommen wir vom durchweg positiven Gesamteindruck zum Zwacken, das als einziger Grund den potenziellen Konsumenten vom Erwerb abhalten könnte – der Preis von rund 50€ für 700ml ist schon eine sehr deftige Hausnummer für eine ungereifte Spirituose. Gin-Aficionados, die das nicht stört, sollten sich den Juniper Jack London Dry Gin unabhängig davon definitiv anschauen, denn er ist schon ungewöhnlich und ganz sicher eine Bereicherung für jede Gin-Heimbar (und auch professionelle Bar); diese Kenner sind wohl auch die Zielgruppe dieses Craft-Schnapses.

Offenlegung: Ich danke hiddentaste.com für die Vermittlung einer kostenlosen Probeflasche dieses Gins, die mir vom Hersteller des Gins, Independent Spirit, zugesandt wurde.

Hayman's Old Tom Gin Titel

Die Zeiten ändern sich – Hayman’s Old Tom Gin

The Times They Are a-Changin‘ – so kehrreimte Bob Dylan in einem seiner bekanntesten Lieder. Wie alle Lieder, die so lange Zeiten überdauern, dass wir sie nach Jahrzehnten heute noch hören, hat der Song eine 1964 wie heute drängende Botschaft in sich: als Aufforderung an die Gesellschaft, den Wandel zu akzeptieren und sich ihm zu öffnen.

Der Wandel an sich ist ja erstmal keine positive oder negative Sache. Die Zustände, die aus ihm entstehen, können dann aber schon besser oder schlechter sein als vorher; und, um wegzukommen von sozialen und politischen Änderungen wieder hin zum Kernthema dieses Blogs, auch die Barwelt macht so ihre Wandlungen durch. Mal zum Schlechten, wenn Auswüchse wie Zucker im Rum, überindustrialisiertes Bier und exzessives, oberflächliches Flairbartending einem den Spaß am Schnaps nehmen; aber auch mal zum Guten, wie die aktuelle Craftbierbewegung oder das neue Qualitätsbewusstsein vor und hinter der Theke.

Am offensichtlichsten merkt man das, wenn man alte Cocktailrezepte liest. Da tauchen gern Spirituosennamen auf, bei denen selbst der erfahrenste Mixologe hin und wieder stockt, weil sie heutzutage praktisch unbekannt sind. Spirituosen steigen in der Beliebtheit oft plötzlich, und sterben dann wieder aus, meist nur einzelne Marken innerhalb einer Sorte, hin und wieder aber auch die ganze Sorte – wie geschehen beim Old Tom Gin, der vom London Dry Gin völlig weggefegt wurde.

Um so erfreulicher ist, dass der Wandel eben nicht nur solche katastrophalen Schnapskataklysmen mit sich bringt, sondern sie auch wieder behebt: Das Interesse an Gin im neuen Gincraze des 21. Jahrhunderts sorgt dafür, dass auch die schon totgeglaubten Ginsorten wie Plymouth Gin und eben der Old Tom Gin wieder auferstehen. Die erfahrenen Ginbrenner von Hayman’s haben sich 2007 des letzteren erbarmt, einige Hersteller folgten ihnen, und so finden wir heute Old Tom Gin wieder in den Spirituosenregalen der Welt, wie den Hayman’s Old Tom Gin.

Hayman's Old Tom Gin Flasche

Was ist der Unterschied zwischen London Dry Gin und Old Tom Gin? Die Farbe ist es offensichtlich schonmal nicht, denn auch der Hayman’s Old Tom Gin kommt völlig transparent daher, unterscheidet sich auch in der Viskosität kaum von anderen, modernen London Dry Gins. Er könnte sich nicht Gin nennen, wäre nicht auch der Geruch sehr stark von Wacholder direkt im Vordergrund geprägt. Aber schon gleich ist die Nase begleitet von einer Reinigungsbenzinsnote, Zitrone und einer deutlich floralen Komponente, nach Lavendel. Und, so meine ich, man erkennt nun einen ersten Unterschied: da ist etwas süßliches im Geruch vorhanden.

Der erste Schluck wischt dann die Zweifel, ob es sich hier wirklich nicht nur um eine Unterart des London Dry Gin handelt, weg: Der Geschmack ist sehr süß, da ist viel Kandiszucker, etwas Orange, etwas Kräuter, und die Gin-„Botanicals“, die man heute in unendlicher Menge findet, ganz dezent im Hintergrund. Ein Tick Anis komplettiert das Geschmacksbild.

Der Abgang des Hayman’s schließlich ist warm und mild, auf der Zunge etwas brennend, trotz der Süße recht trocken, und sehr kurz. Er hinterlässt ein leichtes Brummen im Mundraum.

Die Unterschiede zwischen Old Tom und London Dry sind schon klar erkennbar, auch wenn sich die Differenzen meines Erachtens zumindest beim Hayman’s hauptsächlich auf die Süße beziehen. Braucht der interessierte Heimbarkeeper diese Sorte Gin? Es kommt drauf an. Ein wahrer Ginaficionado sollte sein Ginrack ganz sicher mit einem Old Tom Gin anreichern, allein schon der Geschmacksweiterbildung wegen; und der auf echte Authentizität von Rezepten bestehende Mixologe natürlich auch. Wer aber nicht zu diesen Gruppen gehört, kann sich statt der (mäßig teuren) Investition auch mit der Kombination London Dry Gin plus etwas Zuckersirup behelfen, wenn man auf eine entsprechende Angabe in einem Cocktailrezept stößt.

Der Cocktail, für den ich mir fast schon exklusiv diese Flasche einer Randspirituose zugelegt hatte, ist der Martinez, ein uralter Klassiker, den schon Jerry Thomas in seinem Buch aufgeführt hatte. Die Wandlungen, die für Spirituosensorten gelten, gelten auch für Cocktailrezepte, und auch der Martinez wird heute in unterschiedlichen Rezepturen, die meist das Verhältnis zwischen Old Tom Gin und Wermut variieren, angeboten. Ich bevorzuge das Mischverhältnis aus O.H. Byron’s Vorschlag von 1884: Eins zu eins.

Martinez


Martinez
1½ oz Hayman’s Old Tom Gin
1½ oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
⅓ oz Maraschino-Likör
2 Spritzer Orangenbitter
[Rezept nach O.H. Byron]


Vom Design her gefällt der Hayman’s Old Tom Gin durch das Retrodesign. Die Flasche hat eine interessante, eckige Form, mit viel Text direkt im Glas eingelassen (sowas liebe ich ja), und einem an die alte Zeit des ersten Gincraze erinnernden Etikett. Was hat die Katze damit zu tun? „Old Tom“ ist ein Spitzname für eine schwarze Katze (auch die Brauerei, die das Old Tom Strong Ale herstellt, hat einen Old Tom as Maskottchen), und diese war damals auf der Verkleidung einer Apparatur abgebildet, durch die man per Münzeinwurf von der Straße aus sich eine Dosis Gin abfüllen lassen konnte, ohne eine Kneipe betreten zu müssen.

Nun, um den Bogen zurück zum Thema „Wandel“ zu schließen: heute hat Gin ein anderes Standing als damals, und wir müssen nicht mehr in den Untergrund, um guten Gin zu genießen – der Wandel bringt also wirklich hin und wieder Verbesserungen mit sich.

Eine alte, aber ehrliche Haut – Zuidam Zeer Oude Genever

Der Ginhype nimmt nicht ab und zeigt sich damit langlebiger, als ich es vermutet hätte, und er zieht seine Kraft aus untypischen Spirituosenkunden. Neulich erst sah ich zwei junge Damen in einer Cocktailbar sitzen und sich Gin & Tonic bestellen. Das Angebot an Gins ist inzwischen völlig unüberschaubar, und die Bars sind bereit, immer noch eine weitere Sorte mit ins Angebot aufzunehmen.

Besonders spannend dabei ist, dass sich die Beliebtheit des Gins aktuell dabei aber fast ausschließlich auf den Gintyp des London Dry Gin konzentriert, der den Begriff des Gin für heutige Geschmäcker definiert. Old Tom Gin oder Plymouth Gin sind nur winzige Randerscheinungen, und der Urtyp dieser aromatisierten Spirituose, der Genever, ist dann nur noch den absoluten Spezialisten ein Begriff, und sogar dort besteht manchmal Erklärungsbedarf: Selbst Ted Haigh nennt ihn in seinem Buch eine „uncommon ingredient“.

Dabei war es einst anders: Alte Cocktailbücher von vor 1900, wie das von Jerry Thomas, meinen tatsächlich in der Regel Genever, wenn sie Gin in den Rezepten verwenden; hin und wieder unter der alternativen Schreibweise Jenever oder dem Begriff Holland(s) Gin, der schon die Herkunft dieser Spirituose andeutet – Genever wurde wohl schon im 17. Jahrhundert in Holland destilliert. Um so mehr freute ich mich voller Interesse auf die erste Öffnung der relativ günstig erstandenen Halbliterflasche des Zuidam Zeer Oude Genever.

zuidamzeeroudegenever-flasche

Die helle, pastellgoldene Farbe zeugt schonmal vom Unterschied zum Standardgin, der in 99% der Fälle klar daherkommt – der Namensbestandteil zeer oude, holländisch für „sehr alt“, deutet auf erstens darauf hin, dass mehr Malz als beim jonge (jungen) Genever enthalten ist, und dass er eventuell noch gereift ist. Auf dem holländischen Etikett dieses speziellen Produkts finde ich, im Gegensatz zu anderen Genevers dieses Herstellers, keinen echten Hinweis auf Alterungsmethoden – „ambachtelijk gestookt“ bedeutet wohl nur „traditionell gebrannt“, wenn mich Google Translate nicht in die Irre führt.

Ich entdecke einen Geruch nach Lakritz, Fenchel und Malz – für mich erstmal nicht sehr attraktiv für eine Spirituose. Sehr süß und malzig ist dieser Genever im Mund, Kandiszucker, Karamell, dann auch die gerochene Lakritze und Süßholz, etwas Menthol, im Abgang eine nicht zu vernachlässigende Alkoholnote: Sehr wärmend, aber geschmacklich sehr kurz und dünn. Für mich geht das schon mehr in Richtung Kornbrand, oder einem dünnen Whisky, auf jeden Fall völlig anders als London Dry Gin.

zuidamzeeroudegenever-farbe

Verpackt ist der Genever von Zuidam in einer hübsch gestaltete Flasche mit dem textlastigen Etikett im Urkundenstil, und einem Bändchen um den Hals, das mit Plastiksiegel befestigt ist.

Ein guter Signaturcocktail für Genever ist einer, den schon Ernest Hemingway gern trank: Der Death in the Gulf Stream. Serviert in einem geeisten Glas ergänzen sich die Malzigkeit des Genever mit der frischen Spritzigkeit der Limette wunderbar zu einem herrlichen Sommercocktail, den man an einem heißen Tag langsam vor sich hin schlürfen kann.

deathinthegulfstream-cocktail


Death in the Gulf Stream
3 oz Zuidam Zeer Oude Genever
1 Teelöffel Zuckersirup
2 Spritzer Angostura
1 Teelöffel Limettensaft
Die Schale einer unbehandelten Limette


Nun, ich bin, wie schön öfters gesagt, kein Gin-Fan, und ich nun, nach der ersten Flasche Genever, auch kein wirklicher Genever-Fan. Man sollte sich aber nicht, nur weil einem eine bestimmte Sorte Genever nicht geschmeckt hat, gleich von der ganzen Gruppe von Spirituosen abwenden. Andere Marken, andere Reifungsgrade gilt es zumindest ansatzweise anzutesten, bevor man sich ein endgültiges Urteil bilden darf. Ein Jonge oder Oude Genever beispielsweise, oder ein 5 Jahre gereifter; eventuell ein Single Barrel Genever.

Völlig unabhängig von meinem persönlichen Geschmacksempfinden: Es wäre schön, wenn diese Randspirituosen auch etwas von dem Gincraze profitieren und sich aus der Vergessenheit befreien könnten. Ein echter Ginfreund wird daher auch mal über den Rand des London-Dry-Gin-Tellers schauen!

Zarte Delikatesse – Hendrick’s Gin

Ich finde Gin persönlich eine recht langweilige Spirituose und verstehe den aktuellen Gincraze nicht wirklich. Meine Cocktailbar des Vertrauens räumt leider Stück für Stück hochwertige Rums und Whiskeys aus dem Sortiment, um allen möglichen Gins dafür Platz zu machen. Vielleicht ist es die Zurückhaltung eines Gins, was Aromen angeht, die ihn so beliebt macht – ähnlich wie bei Vodka, bei dem es ein Qualitätskriterium ist, wenn er nach nichts schmeckt (dazu habe ich meine Meinung etwas geändert, siehe den Grasovka Vodka).

hendricksgin-flascheGin ist aber dann halt doch eine Stufe über Vodka, denn er wird, je nach Hersteller, vor, nach oder während dem Destillieren aromatisiert – Gin ist also letztlich aromatisierter Vodka, auch wenns manche nicht hören wollen. Früher ganz klassisch mit Wacholder, heutzutage kommt jeden Monat eine neue Geschmacksrichtung auf den Markt.

Eine der besseren, für mich persönlich vielleicht sogar die beste überhaupt, ist der schottische Hendrick’s Gin – das sage ich nach ausgiebiger, jahrelanger, mühe- und aufopferungsvoller Verkostung von dutzenden Sorten mehr oder weniger hochwertigen Gins. Sehr zart, floral, mit reduziertem Wacholderaroma ist er ein delikates Pflänzchen im Spirituosenregal. Gut, dass er durch diese massive, dunkle Apothekerflasche mit dem 19.-Jahrhundert-Retro-Etikett und den schönen, eingelassenen Details geschützt wird.

hendricksgin-detailsWer einen starken, dominanten Wacholdergeschmack sucht, ist hier falsch. Daher muss man auch ein bisschen mehr Sorgfalt beim Vermischen dieses Gins walten lassen – ein leichtes Tonic Water ist meist schon das stärkste, was man ihm antun darf, trotz der 44%, sonst geht die feinen Anklänge von Gemüsearoma sofort unter und er schmeckt nicht anders als ein 08/15-Gin. Perfekt allerdings wirkt er in einem modernen Klassiker, dem Gin Basil Smash, in dem er seine einzigartigen Geschmackskomponenten voll vorzeigen kann; oder einem Prohibitionszeit-Darling, dem Last Word.

Last Word


Last Word
¾ oz Hendrick’s Gin
¾ oz Maraschino-Likör
¾ oz Chartreuse Verte
¾ oz
Limettensaft


Ein feiner, edler Tropfen, dieser Gin. Auch wenn er in einem lokalen Geschäft, das neben Zigarren noch exklusive Spirituosen anbietet, vom Verkäufer etwas verächtlich als „Supermarktgin“ abgetan wurde, kann ich ihn jedem empfehlen, der sich wegen (oder trotz?) des Ginhypes auf die Suche nach neuen Geschmäckern begibt.

Man muss es mal aussprechen – Gordon’s London Dry Gin

In einer Zeit, in der es dutzende von aufwändig hergestellten Ginsorten gibt, rutscht die alte Garde, die es seit Jahrhunderten gibt, schnell in die Nische des Langweiligen. So musste ich mir neulich von einem Besserwisser anhören, warum ich den „billigen“ Gordon’s London Dry Gin für einen Cocktail, den ich für ihn gemixt hatte, benutze, statt einem „besseren“. Meine persönliche Meinung dazu (abgesehen davon, dass „teuer“ kein Qualitätskriterium ist) ist, dass Gin, insbesondere wenn er in Cocktails verwendet wird, ein extrem schnell abschmelzendes Preisleistungsverhältnis hat. Die teuren, hippen Szenegins von heute schmecken, wenn man sie in Cocktails vermischt, alle gleich. Sie haben nur eine Daseinsberechtigung im Gin Tonic oder pur, wo die recht geringen Unterschiede zwischen den Marken noch erkennbar sind.

gordons-1Darüber hinaus ist der Gordon’s Gin einfach die Verkörperung dessen, wie ein London Dry Gin zu schmecken hat. Kräftig wacholderig, kräuterig, herbal, Zitrusnoten, floral; dabei mit dieser ätherischen Note, die den Gin einmalig macht. Für mich der perfekte Gebrauchsgin für den alltäglichen Einsatz.

Der Savoy-Klassiker Darb Cocktail beispielsweise nutzt die Art des Gordon’s, um ein trocken-fruchtiges, dabei aber auch im Nachgeschmack kräuteriges Gesamtbild zu erzeugen.

Darb Cocktail


Darb Cocktail
¾ oz Gin (z.B. Gordon’s London Dry Gin)
¾ oz trockener Wermut (z.B. Noilly Prat)
¾ oz Aprikosenlikör
¼ oz Limettensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Harry Craddock]


Die Flasche selbst hat zwar eine interessante Form mit flacher Vorder- und gewölbter Rückseite, ist aber nichts, was einem ins Auge springt.

Der unauffällige Arbeiter unter den Gins. Dennoch: Ich bin mir sicher – wenn der Gincraze wieder abnimmt, werden viele der hippen Gin-Spirituosen schnell wieder vom Markt verschwinden. Gordon’s aber wird bleiben und weiterarbeiten.

Wer nur schwarz-weiß denkt, dem graut vor blau – Bombay Sapphire London Dry Gin

Wie bei einem Gin zu erwarten ist die Farbe des Bombay Sapphire London Dry Gin kristallklar. Im Verkostungsglas breiten sich schnell duftende Noten von blühenden Blumen, etwas grünem Gemüse und Kräutern aus – darunter hervorstechend natürlich Wacholder und Lavendel. Eine gewisse Zitrusnote rundet den Geruch ab, der leider ganz zu Beginn von einer etwas beißenden Alkoholnote begleitet wird, die aber dann verfliegt – man sollte die Nase aber nicht zu tief ins Verkostungsglas stecken, sonst sticht sie direkt wieder zu.

sapphire-1Im Mund dann ist der Gin überraschend ölig, von schwerer Konsistenz, fühlt sich fast dickflüssig an. Er kitzelt etwas an Zunge und Gaumen, hält sich bezüglich Alkoholkribbeln aber angenehm zurück. Die Lavendel- und Wacholdernoten drängen die restlichen Kräuter, und insbesondere die erschnupperte Zitrusnote vollständig in den Hintergrund. Bei all dem bleibt er sehr sanft, weich und rund. Selbst im Abgang dann praktisch kein Brennen, sondern eine weiche Wärme gleitet den Hals hinunter. Eine mentholähnliches Gefühl verbleibt noch eine Weile im Mund.

Ich mag diesen Gin, auch wenn er von „Profis“ oft genug als dünne Supermarktware abgetan wird – ich empfinde es eher als „unaufdringlich“. Er fühlt sich fein und elegant an, was zum Hauptargument, warum dieser Gin wohl gekauft wird, passt: Der herrlichen Flasche. Ein kühles Blau – selten genug findet man diese Flaschenfarbe bei Spirituosen – ist zum Markenzeichen geworden, passend dazu ein edles, großflächiges Etikett und auf den Seiten direkt aufs Glas aufgedruckte Bilder der Kräuter, die für die Infusion verwendet wurden.

sapphire-2Da für mich immer das Gesamtpaket zählt, gehört der optische Eindruck dazu und hebt den Gin auf die Höchstnote, auch wenn es geschmacklich interessantere geben mag.

Ein sehr akzeptabler Gin für Purtrinker, die die äußerst florale, blumige Komponente schätzen, und eine weiche Spirituose, was die Alkoholnote angeht, bevorzugen. Und natürlich ist er als Mixer universell in Gin-Cocktails einsetzbar, wie im klassischen French 75.French 75 Cocktail


French 75
1 oz Bombay Sapphire London Dry Gin
½ oz Limettensaft
1/3 oz Zuckersirup
…aufgießen mit Sekt oder Champagner.


Noch imposanter als in der Dreiviertelliterflasche kommt die optische Opulenz in der Literflasche zur Geltung – daher schlagen Sie lieber hier zu. Schlecht wird der Gin nicht werden, und man hat einen echten Hingucker im Regal.