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Habitation Velier Hampden 2010 HLCF Jamaica Pure Single Rum Titel

U-Boot-Diesel in der Flasche – Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum

Wenn ich gefragt werde, welchen Rum ich Neulingen empfehle, lege ich dem Fragenden gern einen Jamaikaner vor. Ich glaube fest daran, dass man so früh wie möglich echte Rumgeschmäcker vorzeigen sollte, nicht aromatisierte und gesüßte Produkte, die man oft sonst so als Anfängerrums angeboten kriegt (die man dann selbst, als doch etwas fortgeschrittener Kenner, komischerweise oft selbst nicht mehr trinkt). Es gibt ein paar Jamaica-Rums, die sehr einsteigerfreundlich sind, wie der Appleton Rare Blend, und dabei gleichzeitig aber nicht oberflächlich oder uninteressant.

Jamaica hat aber auch ganz anderen Stoff zu bieten, der selbst dem gestandenen Profi die Knie wackeln lässt, und der als Einsteigerrum doch etwas ungeeignet wäre. Ich rede hier speziell von Hochester-Rums, die in ihrer Aromatik sehr eigen sind. Der Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum ist so ein Rum. Das Kürzel HLCF steht für „Hampden Light Continental Flavour(ed)„, und ist also eine Sortenbezeichnung der Destillerie Hampden Estate, kein generischer Rumbegriff. Derartige Rums wurden früher nach Europa, insbesondere Deutschland, zum Verschneiden verschifft, daher das Wort „continental“. Ich empfehle die Lektüre von Matt Pietreks Artikel über jamaikanische Rums, der sehr lesbar erklärt, wie die hohen Esterzahlen mancher Rums dieser Insel entstehen. Und wenn man theoretisch versteht, was da auf Jamaica teilweise passiert, und danach noch wirklich interessiert am Geschmack ist, ist man reif für den praktischen Selbstversuch…

Habitation Velier Hampden 2010 HLCF Jamaica Pure Single Rum Flasche

Die Farbe ist dunkles, kräftiges Gold. Praktisch keine Viskosität ist erkennbar, die Beine beim Schwenken laufen sehr schnell ab. Ich beginne diese Geschmacksnotizen mit einem unverdünnten Schluck; bei 68,5% ist das sehr grenzwertig. Viele Highproof-Rums kann man immer noch halbwegs gut trinken bei dieser Stärke; ich nehme nicht zuviel vorweg, wenn ich meiner Meinung direkt von Anfang an Ausdruck verleihe, dass der Velier Hampden HLCF 2010 nicht zu dieser Gruppe von Rums gehören wird.

Unverdünnt rieche ich auf anhieb Marzipan, Kardamom, Karamell und Toffee, sowie eine leichte Grapefruitschalennote. Unterschwellig, aber erkennbar ist da dann aber auch Teer, Diesel, Plastik. Man ahnt schon, dass das keine leichte Geschmacksverkostung sein wird.

Wie gesagt, zunächst ein Versuch unverdünnt in voller Stärke. Im Antrunk denkt man hier noch, hm, ja, das ist schön süß und angenehm. Das war aber nur die Zundschnür – die Bombe geht dann schnell hoch und lässt einem das Zahnfleisch im Munde zusammenziehen, die Fußnägel aufrollen und die Augen überfließen. Superextreme Adstringenz, superextreme Trockenheit, fast ausschließlich Aromen von Teer, Zigarettenasche, verbranntem Gummi, schmorendem Plastik und Benzin. 550ppm an Estern ist nun wirklich nichts für zarte Gemüter. Da ist nichts süßes, mildes, schmeichlerisches mehr. Ich habe mich oft über die Inkompatibilität von chinesischem Baijiu mit dem westlichen Gaumen beschwert, aber ganz ehrlich – pur und unverdünnt ist der Velier Hampden HLCF 2010 an diesbezüglicher Problematik selbst jedem Starkaroma-Baijiu noch einen Schritt voraus. Dazu kommt diese extreme Kratzigkeit und deftige, und zwar wirklich deftige Säure. Ich sage das selten – das ist wirklich nicht gerade angenehm zu trinken.

Habitation Velier Hampden HLCF 2010 Glas

Unverdünnt ist der Abgang kaum erträglich in seiner Brutalität. Ich habe mich leicht verschluckt, und noch eine halbe Stunde später ein richtig übles Kratzen und Beißen im Hals davon gehabt – man achte darauf, dass dies einem nicht passieren möge, es ist keine sehr angenehme Erfahrung. Jedenfalls ist der Nachhall dann ebenso extrem wie der Geschmack – superlang, man wird die Ester eigentlich gar nicht mehr los.

Ich halbiere nun die Trinkstärke mit Wasser. Weniger macht, nach dieser Erfahrung, keinen Sinn. In der Nase wirkt der Velier Hampden HLCF 2010 nun etwas muffig, nach Schuhleder, dabei etwas mentholig und fruchtiger als zuvor. Williamsbirne, Pflaume, Honigmelone. Beim Geschmack bin ich mir sicher, dass man das in China als Baijiu verkaufen könnte, und keiner würde es merken – da ist Fenchel, Menthol, Heu, Leder, Tabak und Rosinen, die teerig-schmutzigen Komponenten sind immer noch sehr präsent, aber erkennbar abgemildert. Insbesondere die extreme Kratzigkeit ist kaum noch da. Im Abgang ist noch immer eine wilde Säure vorhanden, und Trockenheit und Adstringenz sind ebenso noch stark ausgeprägt.

Nun, was soll ich sagen? Für mich persönlich ist das kein Rum, den ich gern pur trinke. Er ist einfach zu wild, ungebändigt, unzivilisiert, aggressiv, streng und hart. Die Ester sind interessant zu entdecken, aber es reicht einem dabei auch ziemlich schnell, der Killerinstinkt des Velier Hampden HLCF 2010 macht jede freundliche Annäherung zunichte. Wer also an Sipping-Rums interessiert ist, macht besser einen sehr sehr weiten Bogen um diesen Jamaikaner. Nur wirkliche Aficionados mit viel Ausdauer, Leidenspotenzial und dem Willen, diesem jungen Affen entsprechende Mittel entgegenzusetzen, werden etwas Freude an ihm haben. Die Komplexität und Vielschichtigkeit ist unbestritten; die Drinkability ist dabei auf der Strecke geblieben.

Für mich wird er ein Prachtstück in Tiki-Cocktails werden. Selbst dort allerdings, wo man starke Rumaromen schätzt, kann er aber zur Last werden, daher ist immer Aufmerksamkeit angesagt. Ein atmosphärisch passender Cocktail ist der The Lost U-Boat. Was mag ich an diesem Cocktail am liebsten? Es ist der Name: Das verlorene Unterseeboot. Er erweckt in mir Tiki-Gefühle wie kaum ein anderer Cocktail, nach den grell kolorierten Abenteuer- und Horrorfilmen der 50er und 60er Jahre, nach „Voyage to the Bottom of the Sea“ und „Der Mann aus Atlantis“. Und ein Rum wie der Velier HLCF sorgt dafür, dass das U-Boot einen Extraschub Energie kriegt, den man schmeckt und spürt.The Lost U-Boat


The Lost U-Boat
2 oz Rum (z.B. Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum)
½  oz Limettensaft
½ oz Grapefruit-Saft
½ oz Jägermeister
½ oz Holunderblütenlikör
2 Spritzer Angostura
4 Tropfen Orangenblütenwasser
Auf Eis shaken, in ein Tiki-Mug mit crushed ice abseihen. Mit viel Grün dekorieren.
[Rezept nach Frederic Yarm]


Nun, was lerne ich daraus? Die erste, etwas unerwartete und überraschende Erfahrung ist, dass ich Baijiu nun mit etwas anderen Augen sehe: das, was mich daran immer etwas überfordert hat, sind tatsächlich Ester, die man auch bei anderen Spirituosen findet. Mein Ratschlag daher – wem dieser Rum schmeckt, sollte sich allerdringendst mit der chinesischen Nationalspirituose bekannt machen. Die zweite ist, dass man es mit Rum auch etwas übertreiben kann, was die Extreme angeht; wir bewegen uns in einem Gebiet, das nur noch echte Rumfanatiker begeistern kann, und selbst dort wird man auf viele entsetzte Gesichter treffen.

Doch, und damit schließe ich, muss man Velier dafür dankbar sein, dass sie ein derartiges Experiment durchgeführt und uns diesen Rum bereitgestellt haben. Anders wäre man kaum je an die Möglichkeit gekommen, einen derart esterlastigen Rum kennenzulernen, und auch das Mundgefühl, das dazu gehört. Ich bin froh, ihn zuhause zu haben; er wird als Austellungs- und Probierstück immer eine Referenz des jamaikanischen Hochesterrums für mich sein.

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Wilde Parties und wilder Sprit – Old Pascas 73% Jamaica Dark Rum (Overproof)

Es war die Party des Jahres. Die Mädels tanzten, die Jungs hingen cool ab. Ich rauchte eine Zigarre im zugigen Vorraum und genoss es, die Leute beim Rein- und Rausgehen zu beobachten. Der Gastgeber hatte schließlich ein besonderes Schmankerl auf der Getränkeliste – Rum mit Cola, aber nicht mit einem gewöhnlichen Rum, sondern dem Old Pascas 73% Jamaica Dark Rum. Die Idee war wohl, durch die hohe Prozentzahl dieses Rums die Leute schnell auf Drehzahlen zu bringen. Einer der ganz mutigen probierte sogar einen Shot davon pur, und war begeistert, wenn ich seinen schiefen Gesichtsausdruck richtig deutete. Letztlich will ich aber gar nicht das Komatrinken dieser Party anpreisen, sondern prüfen, ob dieser Rum auch Qualitäten für Genießer aufweist.

oldpascas73-flascheBei manchen Spirituosen muss man mühevoll nach Aromen suchen; beim Old Pascas 73% Jamaica Dark Rum muss man eher vorsichtig ins Glas riechen. Die typischen jamaikanischen Estergerüche sind im Vordergrund, reife Banane, Butterscotch. Die Aromen strömen schnell aus dem Glas und verbreiten sich.

Ich riskiere es, einen Tropfen davon pur zu naschen, mit einem flauen Gefühl. Man wird dabei im Mund mit einem weichen, warmen, süßen Gefühl überflutet, und schmeckt nicht viel außer einer Toffee-Süße, denn der Alkohol betäubt und lässt dem Gourmet kaum eine Chance, sich Zeit zu lassen. Daher setze ich Wasser zu, und diesmal mehr als nur die üblichen paar Tropfen – hier ist 1:1 angesagt.

Ein wirklich ausgesprochen vollmundiges, äußerst cremiges Mundgefühl, voller süßer Komponenten, die Banane und das Toffee sind stark dominierend. Leichte Röstgeschmäcker, ein bittersüßes Malz, dunkle Würze. Der Alkohol ist deutlich, aber gar nicht mal unangenehm, und hinterlässt eine tiefe, lange, befriedigende Wärme im Abgang, mit einer feinen Bitterkeit.

oldpascas73-etikettDiese Old Pascas-Abfüllung kann also mit eindeutigem Jamaica-Charakter punkten. Ihm fehlt etwas die Komplexität, die ich von Spitzenjamaikanern kenne, und auch deren charmante Trockenheit. Hier bekommt man nur die Süße; etwas zu einfach für mich. Ähnlich wie die anderen Abfüllungen dieses Herstellers, dem Old Pascas White Rum und dem Old Pascas Ron Negro, bekommt man aber vergleichsweise viel für sein Geld – einfache, bodenständige Rums ohne Zuckerzusatz.

Die Gestaltung der Flasche und Etiketten wurde vor kurzem geändert, modernisiert, ist nun deutlich verspielter und lebendiger. Mir gefällt sowohl das opulente Etikett als auch die sehr aufwändig designete und produzierte Flasche, mit Schriftzug und Schildkrötenlogo im Glas.

oldpascasoverproof-flaschendetailEin Overproof-Rum wird gern als Floater in Tiki-Cocktails eingesetzt, wie zum Beispiel beim vielzutatigen Puka Punch. Man stellt dabei zuerst den Cocktail her, und schichtet (engl. „float“) dann eine feine Ebene des Overproof-Rums darauf, zum Beispiel indem man den Rum über die Rückseite eines Teelöffels langsam in den Cocktail gleiten lässt. Danach nicht mehr umrühren, die Schicht soll möglichst lang bestehen bleiben; sie dient demselben Zweck wie eine Glasur beim Kuchen.

Puka Punch


Puka Punch
2 oz Weißer Rum (z.B. El Dorado 3 Years)
1 oz Limettensaft
  ¾ oz Dunkler Jamaika-Rum (z.B. Myers’s Rum)
  ¾ oz Orangensaft
  ¾ oz Ananassaft
  ¾ oz Maracujasirup
2 Teelöffel Honig, in 2 Teelöffel heißem Wasser aufgelöst
  ¼ oz Falernum (z.B. The Bitter Truth Golden Falernum)
1 Spritzer Angostura

Mit 1 Glas Crushed Ice im Mixer oder mit dem Pürierstab blenden
… und am Ende vorsichtig ¾ oz Old Pascas 73% aufschichten


Eigentlich ist das ja kein Punch, denn ein Punch hat per Definition genau 5 Zutaten. Aber wahrscheinlich klang der Name einfach so gut, dass man darüber hinwegsah. Ich tue es gern bei so leckerem (und starkem) Tikiglück, das durch den Old Pascas 73% Jamaica Dark Rum schön abgerundet und mit feinem Jamaica-Aroma perfektioniert wird.

Bei der Party, die ich im Vorspann ansprach, blieb ein Großteil dieses Rums übrig, den mir der Gastgeber dann freundlich, aber bestimmt, ein paar Tage später in die Hand drückte – kein Massenerfolg also, aber wie so oft gilt: Des einen Leid ist des andren Freud, und ich bin durchaus froh, diesen Rum für spezielle Zwecke in der Heimbar stehen zu haben.