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Our Rum & Spirits Guyana 2003 Diamond Titel

Ein Fass ist ein Fass – Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 12y Single Cask Rum

Neulich hatte ich hier auf meinem Blog mit dem Mount Gay 1703 meinen persönlichen Testsieger des Rum-Club-Adventskalenders 2016 vorgestellt. Ich hatte dezent darauf hingewiesen, dass es drei Proben waren, die mich aus dem Set der 24 Türchen besonders beeindruckt hatten, und entsprechend folgt nun eine Besprechung des Rums, der ihm diesen Titel leicht streitig machen könnte, und nur aus purer Willkür auf dem etwas undankbaren Silberrang gelandet ist – der Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 12y Single Cask Rum.

Bei Bourbon sieht man oft den Zusatz „Single Barrel“. Dort bedeutet er, dass der Inhalt der Flasche aus einem einzelnen Fass stammt, es also kein Blend aus mehreren Fässern ist. Der Zusatz bedeutet nicht, dass die gesamte Abfüllung nur aus einem Fass stattfand, das wäre bei der Auflage, die viele Single-Barrel-Bourbons haben, auch gar nicht möglich. Bei Rum ist das meist noch anders – ein „Single Cask Rum“ ist eine Einzelfassabfüllung, bei der der Inhalt aller Flaschen aus demselben Fass stammen, und wenn dieses leer ist, ist die Auflage beendet. Sie wird nicht einfach mit einem zweiten Fass fortgeführt; das Wort „single“ ist hier also sehr viel strenger zu interpretieren als bei Bourbon. Ein Fass ist ein Fass, und nicht viele.

Der hier vorliegende Rum wurde also in einer Column Still destilliert, dann in ein Fass gefüllt und zunächst 2 Jahre in den Tropen, im Anschluss weitere 10 in England gelagert (insgesamt Dezember 2003 bis Januar 2016). 216 Flaschen zu je 700ml konnten noch aus Fassnummer 90, nachdem der Durst der Engel gestillt wurde, am Ende in Deutschland gezapft werden, meine Flasche hat die Nummer 28. War es ein gutes Fass?

Our Rum & Spirits Guyana 2003 Diamond Flasche

Man kann der Farbe dieses Rums kaum entgehen – gebrannte Siena, mit tollen Lichtreflexen von Orange bis Gelb. Langsam ablaufende, lange Beine. Erkennbare Viskosität. Wer seine Rums geruchlich gern klar und leicht mag, kriegt hier eine aufs Maul. Pfeifentabak. Leder. Karamell. Toffee. Buttrig und schwer, extrem dicht in der Nase. Eine leicht beißende Alkoholnote, die nach dem Eingießen durchaus präsent ist, verfliegt mit Offenstehdauer, trotzdem darf man die Nase nicht zu tief ins Glas halten. Haselnuss, Schokoladenkekse, Ahornsirup und Rosinen.

Nachdem ich die Erfahrung gemacht habe, dass Rum in diesen Alkoholregionen noch durchaus pur trinkbar ist, versuche ich zunächst einen Schluck bei unverdünnten 62,8%. Im ersten Antrunk kommt er zunächst süß und cremig an, wird aber schon schnell sehr würzig, vielleicht sogar leicht salzig. Backgewürze sind der erste Eindruck, dazu Tannine, Vanille, Toffee, dunkle Schokolade, aber auch Rosmarin, Menthol, mit sogar etwas gemüsigem Anklang. Viel Kraft und Wucht, mit einer Idee von Teer und verbranntem Gummi. Sehr komplex und dicht, dabei perfekt gerundet und trotz der Vielschichtigkeit genehm und schmeichelnd. Erneut ein Beispiel dafür, was Natursüße bei Rum bedeuten kann. Mit der Zugabe von ein paar wenigen Tropfen Wasser wird der Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 noch süßer, cremiger, seltsamerweise wirkt er im Mundgefühl sogar dickflüssiger. Die Schokoladenkomponente übernimmt komplett die Oberhand, das ist wie ein noch warmer Double Chocolate Cake mit flüssigem Kern. Total super.

Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 Glas

Im Abgang ist dieser Rum heiß, glühend wie Lava, einen Vulkan im Mundraum hinterlassend, der langsam ausklingt. Ein tolles Gefühl. Geschmacklich mittellang, trocken, leicht metallisch und mit dunklen Schokoladenaromen und Espressobittere. Pfeffrig. Der Nachhall wirkt mentholig und minzig.

Ich möchte ausdrücklich sowohl die einfach gehaltene Flasche als auch das informative Etikett loben, das sich auf Fakten konzentriert, statt sich in allerlei folkoristischer Augenwischerei-Artwork oder Pseudolegenden zu ergehen. Der Abfüller Our Rum & Spirits beweist sich gerade als Hoffnungsträger der modernen Rumwelt, was Transparenz angeht, indem er einen Blend anbietet, auf dem der zugesetzte Zuckergehalt ausgewiesen ist; auch hier finde ich es ausgesprochen lobenswert, dass viele Details, die sich andere Abfüller einfach sparen, angegeben sind, und das sogar handschriftlich.

Our Rum & Spirits Guyana 2003 Diamond Rücketikett

Schaut man sich mal um, was man außer dem Purgenuss mit so einem Rum machen kann, sollte man bei Cocktails sein Augenmerk auf eine Rezeptangabe legen, die oft in Verbindung mit derartigen Melassebränden gebracht wird: „Demerara-Rum“. Dieser Begriff wird oft falsch für alle dunklen, süßen, schweren Rums aus Südamerika verwendet, für den Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 passt er aber. Und entsprechend wirkt er auch im Kane at Midnight ganz toll – im Zusammenspiel mit frisch-würzigem Rhum agricole und altem Sherry entsteht eine Aromenbombe, der man sich kaum entziehen kann.

Kane at Midnight


Kane at Midnight
2 oz Demerara-Rum (z.B. Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003)
½ oz Rhum Agricole Vieux (z.B. HSE Black Sheriff)
¼ oz Sherry Pedro Ximénez (z.B. Byass Noé VORS)
2 Spritzer Angostura
1 Spritzer Schokoladenbitter
Auf Eis rühren und auf Eis, mit Orangenzeste und Maraschino-Kirsche, servieren.
[Rezept nach Oriol Elias]


Ich freue mich, dass mir Our Rum & Spirits Ende April noch eine kleine Kostprobe eines engen Verwandten dieses Rums zukommen ließ – 3cl des Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 13 Jahre (12/2003 – 04/2017), Cask 75, 63,7%. Natürlich musste ich vergleichen, worin die beiden sich unterscheiden, und worin sie sich ähneln.

Our Rum & Spirits Guyana Diamond 2003 13y

Farblich und vom Verhalten im Glas sind die beiden sich täuschend ähnlich. Auch meine Beschreibung der Nase trifft für den 13-jährigen Rum aus Fass 75 so zu, wie für den 12-jährigen aus Fass 90 zuvor; eventuell sorgt das zusätzliche Jahr für eine leichte bananige, weichere Note und einen kleinen zusätzlichen Kaffeeduft. Das knappe Volumenprozent mehr Alkohol macht nur wenig echten Unterschied, mit viel Fantasie wirkt der 2017er Rum noch leicht fruchtiger als der 2016er, und hat einen Tick mehr Teeranklänge, ansonsten gleichen sie sich sehr. Der Abfüller bezeichnet ihn informell als „griffiger“, das trifft es eigentlich sehr gut, denn da ist einen Tick mehr Definition und Würze. Was natürlich letztlich eine verdammt gute Nachricht ist – es sollte Rumfreunde freuen, dass ein so tolles Projekt wie die 12-jährige Guyana-Rumabfüllung von Our Rum & Spirits keine Eintagsfliege war, sondern sich die extrem hohe Qualität wiederholen, vielleicht sogar steigern lässt. Der Abfüller ist damit für mich mit Sicherheit einer, den es zu verfolgen gilt.

Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection 11 Years Titel

Kurz und bündig – Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum

Die Gargano-Klassifikation von Rum ist ein Versuch, sich von der Nutzlosigkeit der bestehenden Rumklassifikationen, die nach Farbe oder Länderstilen arbeiten, zu lösen. Was soll es uns sagen, wenn ein Rum „braun“ oder „golden“ ist? Das trifft auf praktisch jeden gereiften Rum, der nicht entfärbt ist, und auch auf ungereifte, gefärbte Rums, zu. Ebenso halte ich nichts von der Gruppierung nach „britischem“ oder „lateinamerikanischem“ Stil, als würde in Südamerika nur genau ein Rumstil hergestellt und auf Barbados nur genau ein anderer. Die Gargano-Klassifikation dagegen bezieht sich auf die Herstellungsweise, und hat somit Aussagekraft. Wir verlangen in einer Bar ja auch nicht einen „braunen Whiskey“, sondern einen Straight Bourbon. Oder einen Blended Scotch.

Der Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum ist entsprechend dieser Klassifikation eine Mischung aus Pot-Still- und Column-Still-Rum. 2004, im Jahr der Namensgebung, kam er ins Fass, 2015 in die Flasche, damit ist er also nach Adam Riese 11 Jahre alt. Allein aus dem Namen kann man schon viel mehr ableiten als aus allen Informationen, die manch anderer Hersteller gesammelt anbietet.

Die Farbe ist natürlich, bei Full-Proof-Rums färbt Foursquare nicht nach. Das Kupfer stammt also rein aus den Fässern. Im Glas liegt der Rum schwer und viskos, beim Schwenken bleiben einige Tropfen sogar oben am Glas hängen, statt als Beine abzulaufen, und bequemen sich dann erst nach einer Minute Wartezeit sehr gemütlich nach unten.

Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection 11 Years

Der Geruch ist direkt und ohne Umschweife süß, schwer und voll. Gebrannte Mandeln. Kokosnussfleisch. Vanille dominiert allerdings deutlich die Nase, und da ist viel Eichenwürze; ein damit verwandter kleiner Lack- und Klebstoffton erinnert daran, dass dieser Rum 10 Jahre in Bourbonfässern lagerte. Direkt nach dem Eingießen zwickt eine stechende Note die Nasenschleimhaut, wenn man die Nase zu tief ins Glas hält. Mit Offenstehdauer verfliegt ein Großteil davon, es bleibt aber etwas übrig.

Sehr süß, aber nie klebrig, und hocharomatisch. Sehr breit und körpervoll. Viel Vanille, Schokolade, Nougat, aber auch Gewürzanklänge nach Piment, Kardamom und Nelken, vielleicht sogar etwas Muskatnuss. Das Bourbon-Fass hat einiges an Aromatik mitgebracht, und dem eh schon für sich wuchtigen Rum übergeben. Der Abgang ist lang, glühend heiß, etwas metallisch, dafür aber vanillig und süß. Nur milde Trockenheit, eine erkennbare Holzigkeit bleibt am Gaumen. Ein Menthol-Nachhall sorgt für zusätzliche Länge.

Unverdünnt ist der Foursquare 2004 bei 59% noch wunderbar trinkbar, bei Rum geht das oft, was bei anderen Spirituosen meist schwerfällt. Dennoch verdünne ich ihn testweise auf rund 40%. Die Vanille geht dadurch etwas zurück, die Lacknote verschwindet komplett, Gewürze kommen nach vorne. Geschmacklich bleibt er dicht wie zuvor, schokoladig und weich, ein paar gemüsige Komponenten werden erkennbar, Gurke oder Sellerie vielleicht, die Holznoten sind stark reduziert. Das Feuer des Abgangs wird ersetzt durch ein leichtes Chili, mit etwas Betäubung der Zungenspitze. Durch die Verdünnung verliert er kaum an Charakter, wird nur genehmer und noch runder.

Nun, was soll ich im Fazit sagen, außer, dass das ein hervorragender Rum ist. Natürliche Süße, voller Körper, dichte Aromatik – all das ohne jeden Zusatz. Ich gebe zu, dass ich vielleicht etwas beeinflusst bin durch die Person Richard Seale und sein Auftreten gegen manipulierten Rum; ich rate jedem dennoch, sich zumindest einmal einen Foursquare-Rum zu gönnen, um zu erkennen, das der Mann nicht nur laut und deutlich redet, sondern gleichzeitig hervorragende Arbeit abliefert. Der Foursquare 2004 Exceptional Cask Selection Single Blended Rum wäre eine ideale Gelegenheit dafür.

Dieses Review basiert auf einem 2cl- und einem 10cl-Sample. Gern hätte ich die große Flasche zu Hause; sie wird irgendwann ihren Weg zu mir finden, zu den anderen Foursquare-Rums, die dort bereits auf die Familienzusammenführung warten.

Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum Titel

Advent, Advent… Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum

Es gibt so einige Möglichkeiten, viele verschiedene Rums auszuprobieren. Man kann auf Messen gehen, sich in Foren mit Samples eindecken oder, und das finde ich persönlich am charmantesten, sich einen Rum-Adventskalender zulegen. Letzteres ist natürlich etwas jahreszeitenabhängig, doch die Vorstellung, jeden Abend ein kleines Fläschchen eines hochwertigen Rums bereitstehen zu haben, hat schon was. Natürlich muss man sich einen Anbieter aussuchen, von dem man ausgehen kann, dass er guten Stoff abfüllt, und nicht nur den konventionellen, allgegenwärtigen, massenkompatiblen Süßrum. Im Rum-Club besteht diese Gefahr nicht: Da hat Organisator Marcus Stock von 4finespirits weder Kosten noch Mühen gescheut, uns Mitgliedern das Ende des Jahres 2016 zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen.

Der Rum-Club Adventskalender Flaschen

Viele derartige Kalender treiben die Kosten durch aufwändige Kartons mit vorgestanzten Türchen und ähnlichem hoch; hier handelte es sich um eine einfache Menge an Rums, in 2cl- oder 4cl-Fläschchen, die neutral beschriftet waren, und somit jeder investierte Cent in die Rums und nicht in unnötige Dekoration ging. Gleichzeitig war dieser Kalender eine Blindverkostung, denn welchen Rum man gerade vor sich hatte, wurde erst am Spätabend aufgelöst; bis dahin konnte man auf einer Website einen Tipp für Herkunftsland, Alter und Alkoholgehalt abgeben, mit einem Preis für den, der am Ende des Monats die besten Tipps abgegeben hatte. Ich schnitt dabei nicht so besonders ab, denn diese Art der Blindverkostung hat mir äußerst schmerzvoll die Grenzen meiner Rumkenntnisse aufgezeigt und mich sehr demütig gemacht.

Zum Positiven: Nachdem ich die 24 Türchen verkostet hatte, haben sich für mich 3 Rums herauskristallisiert, die ich in der Blindverkostung als herausragend gut empfunden hatte, und von denen ich mir dann entsprechend natürlich eine ganze Flasche kaufen wollte. Der Rum auf Platz 1 meiner persönlichen Bestenliste dieses Kalenders war der hier nun vorgestellte Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum.

Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum Flasche

Die erste positive Sache, die zu berichten ist, ist, dass wir hier einen Blend aus 10 – 30 Jahre alten Rums vor uns haben, ohne dass eine große „30“ oder ähnliches auf dem Etikett prangen würde, wie das viele Konkurrenten ohne Schamgefühl gemacht hätten. Da hört diese kundenfreundliche Scham aber schnell auf, denn die Farbe, ein attraktives helles Kupfer mit orangefarbenen Reflexen, wurde schön mit Zuckerkulör gemacht vom Farbdesigner. Leicht viskos, schnell ablaufende, dicke Beine am Glas.

Was soll ich zum Geruch sagen? Es ist der perfekte Rumgeruch. Daran gibt es nichts zu verbessern. Wenn man mich fragen würde, welchen Rumgeruch ich auf die einsame Insel mitnehmen würde: es wäre dieser. Einfach ein Traum. Süß, dunkel und dicht. Trockenfrüchte, Karamell, Vanille. Gleichzeitig zum dunklen Körper ist da aber auch eine helle Fruchtkomponente.

Süß und mild im Antrunk, sehr vanillig, karamellig. Warum trinken die Leute künstlich nachgesüßten Rum, wenn er auch natürlich und ohne Zuckerbeigabe so schmeichelnd und dabei komplex und unoberflächlich sein kann wie der Mount Gay 1703 Old Cask Selection? Leichtkörperig und elegant, und im Verlauf baut sich doch langsam aber unaufhaltsam eine dunkle Würze auf. Schokoladig – „Rum-Trauben-Nuss“ von Ritter Sport ist eine spontane Assoziation. 43% Alkoholgehalt ist beileibe nicht überragend viel, da könnte ruhig etwas mehr vorhanden sein für meinen Geschmack, er fällt aber insgesamt gesehen weder positiv noch negativ auf. Der Abgang ist dann überraschend feurig, mildscharf, kraftvoll. Lang, vollmundig und süß. Leicht adstringierend. Ein warmer Hauch klingt noch sehr lange aus dem Rachen hoch. Mein schwärmerisches Fazit: vielschichtig, spannend, und dabei aber nicht zu verkopft oder schwierig.

Kein Rum, und so er noch so edel und fein und zum Purtrinken geeignet, entgeht meiner Lust für Cocktails. Der Mount Gay 1703 ist einer meiner echten Lieblingsrums geworden, und wenn er dann in einer Mixtur mit zwei anderen Zutaten zusammentut, die sich still und leise in mein Herz geschlichen haben, die hier verwendeten zwei wirklich außergewöhnlich schönen Obstbrände von Scheibel, dann kann daraus nichts weniger als ein Knaller werden. Der Jabberwocky enttäuscht meine entsprechend sehr hohen Erwartungen, die ich hatte, als ich das Rezept das erste mal las, in keinster Weise.

Jabberwocky


Jabberwocky
1½ oz gereifter Rum (z.B. Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum)
¾ oz Pflaumenbrand (z.B. Scheibel Altes Pflümle)
½ oz Birnenlikör (z.B. Scheibel Moor-Birne)
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Fairytale Bar, Berlin]


Schauen wir noch schnell auf die Präsentation dieses Rums. Für 70€ wird dieser Rum in einem hübschen blaugoldenen Karton geliefert, in einer in ihrer Zurückhaltung ausgesprochen schönen Flasche, die nur ein paar kleine spielerischen Details aufweist. Der Echtkorken ist von einer schweren, metallenen Krone verdeckt, die vor dem Einschenken für ein gutes Gefühl beim Öffnen der Flasche sorgt.

Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum Details

Dieses Gesamtbild aus sehr gelungener Präsentation, subjektiv hervorragendem Geschmack, objektiver Qualität und auch dem tollen Preisleistungsverhältnis macht den Mount Gay 1703 Old Cask Selection Barbados Blended Rum zu einem wirklich herrlichen Sipper zum Schlürfen und Genießen, für Kenner wie für Anfänger.

Ich freue mich sehr, diesen Rum im 2016er-Rum-Club-Adventskalender entdeckt zu haben; ich freue mich mindestens genauso sehr auf den bereits geplanten Adventskalender für 2017, den Marcus schon jetzt in Mache hat…

Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole Titel

Kurz und bündig – Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole

Es ist schon eine kleine Weile her, dass ich den letzten Rhum Agricole im Glas hatte – sehr attraktive Melasse-Rums und andere Spirituosengattungen hatten in letzter Zeit meine Aufmerksamkeit eingenommen. Es wird also Zeit, dass diesem unhaltbaren Zustand endlich wieder Abhilfe geschaffen wird! Der Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole kommt da gerade recht. Es handelt sich bei ihm um einen Blend von martinikanischen Rums, die jeweils mindestens 6 Jahre gereift wurden. Das ganze wird mit 42% Alkoholgehalt abgespielt.

Färbung ist auch bei den strengen Regeln des AOC, denen dieser Rum unterliegt, erlaubt. Entsprechend vorsichtig beurteile ich, wie immer, die Farbe; zumindest scheint sie mir mit ihrem hellem Bernstein für das Alter der Assemblage glaubwürdig zu sein. Nur leichte Schwere ist beim Schwenken zu erkennen, die dabei enstehenden Beine bleiben fast an einer Position stehen, so langsam laufen sie ab.

Ich bin bei der Geruchsprobe sehr überrascht – ein extrem stechender, beißender Klebstoffgeruch ist alles, was ich zu Beginn wahrnehme, dermaßen penetrant, dass ich kaum die Nase ins Glas halten kann. Also erstmal eine Weile offen stehen lassen, denke ich – und tatsächlich, nach einer Weile öffnet er sich und die Beißzange verfliegt etwas, ohne aber ganz zu verschwinden. Schöne Reifungsnoten blitzen nun auf, Vanille und getoastetes Holz, Muskatnuss, Heu. Insgesamt ein recht würzig-aromatischer Antritt.

Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole

Im Mund ist der Saint James Cuvée 1765 sehr breit, dabei aber auch etwas flach. Die Würzigkeit steht im Antrunk noch Vordergrund, dort aber schon untermalt von cremiger, marmeladiger Süße. Erdbeeren, Mango, Honig und Vollmilchschokolade melden sich an und übernehmen immer mehr das Ruder. Im Mittelteil beginnt sich eine feine, dezente Chilischärfe ausmachen zu lassen, die schließlich stärker und dominanter wird.

Der Abgang ist dann aber wieder sehr süß, kühlender Eukalyptus breitet sich aus, er wird nicht zu trocken, leicht adstringierend; erneut habe ich die starke Assoziation zu Marmelade oder Erdbeerkompott. Insgesamt wirkt er mittellang auf mich, insbesondere die Fruchtnoten hängen lange nach, und er klingt mit ein paar kiesigen, grasigen Eindrücken aus.

Diese Kurzbesprechung basiert auf einem 5cl-Sample, die volle 700ml-Flasche kostet um die 50€. Das kann man durchaus ausgeben für diesen Rhum, wenn man nicht ausschließlich auf supertrockene Exemplare steht. Gerade das sehr aparte An- und wieder Abschwellen der Schärfe und die Eukalyptusfrische finde ich toll; mir persönlich ist der Saint James Cuvée 1765 aber letztlich im Gesamtbild einen Ticken zu unverbindlich, als dass ich ihn in Zukunft in die ganze enge Wahl ziehen würde.

Kill Devil Nicaragua 17y Single Cask Rum Titel

Kurz und bündig – Kill Devil Nicaragua 17y Single Cask Rum

Verkostet wird hier in diesem Kurzreview, das auf einem 10cl-Sample beruht, der Kill Devil Nicaragua 17y Single Cask Rum. Meine bisherigen Erfahrungen mit Kill Devil waren durchweg positiv – wie schlägt sich der Mittelamerikaner, insbesondere, da ich ansonsten eher mäßige Begeisterung für Rums aus diesem Teil der Welt aufbringen kann?

Die Farbe, ein helles Kupfer mit strohigen Reflexen, ist zunächst unauffällig. Der Rum bewegt sich ölig schwer im Glas. Er ist ungefärbt, daher um so schöner. Der Geruch verbreitet sich schnell nach dem Einschenken. Süße Noten herrschen vor – Karamell, Rosinen, Vanille. Hält man die Nase ins Glas, ist zunächst aber Lack dominierend, und sehr starke Eichenaromen. Viele Nüsse und Tabak kommen durch.

Kill Devil Nicaragua 17y Single Cask Rum

Im Mund explodiert der Kill Devil Nicaragua geradezu – supersüß, dicht und voluminös, sehr kandiszuckrig. Der Rum erzeugt dieses seltene Gefühl von „Krümeligkeit“, als wären knirschende Partikel in der Flüssigkeit, das ich sehr mag. Rosinen und anderes Trockenobst, Nüsse, Honig, und noch mehr Kandiszucker. Die 59,5% Alkoholgehalt verstecken sich aber auch nicht, die wuchtige aber durchaus angenehme Pfefferschärfe, die im Verlauf auftaucht, sorgt dafür, dass keine Langeweile aufkommt, wie es bei Rums aus Mittelamerika gern passiert. Man kann ihn überraschend gut ohne Wasserbeigabe trinken. Der Abgang ist dann würzig, fett und breit, heiß und scharf. Leider auch recht kurz – es bleibt eine andauernde adstringierende Trockenheit zurück, die schön mit der Süße des Antrunks kontrastiert. Der Nachhall ist schließlich weiterhin honigsüß. Und das beste daran: Ganz ohne Zuckerzusatz. Man sieht, es klappt!

Bezüglich Cocktails – ich kann mir diesen Rum sehr gut als Zutat in einem Perfect Rum Manhattan vorstellen.

Der Kill Devil Nicaragua wurde 1999 destilliert, reifte dann 17 Jahre in Europa, und wurde danach nicht kaltfiltriert. Nur knapp über 200 Flaschen wurden abgefüllt, es handelt sich also um einen echten „Single Cask“, der tatsächlich nur aus einem einzigen Fass hergestellt wurde – bei Bourbon und anderen Spirituosen ist es ja durchaus üblich, viele Fässer für eine „Single Barrel“-Abfüllung heranzuziehen. Hier ist der Begriff also noch puristischer und in seiner ursprünglichen Bedeutung zu interpretieren.

Ein wirklich toller Rum, der mir persönlich zeigt, dass Mittelamerika neben vielen Zuckerbomben und problematischen Produktionsbedingungen auch spannende Rums aufzuweisen hat.

Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years Titel

Auto waschen oder Rum trinken? Velier Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years

Rum ist ein Getränk für Piraten, wir kümmern uns nicht um die Herstellung, es muss einfach nur schmecken. Es muss Spaß machen. Es ist ein lockeres Getränk für lockere Leute, die sich nicht für die verknöcherten Regeln von Whisky interessieren. Es wird Zeit, dass all die Süßungskritiker endlich kapieren, dass sie uns den Spaß am Rum rauben! Bringt den Spaß zurück!

So und ähnlich hört es sich ab und zu an, was einem entgegenschallt, wenn man als Botschafter für sauberen, ehrlichen Rum unterwegs ist. Desinteresse für die Herstellung, oft etwas arme Ironie und Ad-Hominem-Angriffe sind die Hauptwaffen der Verteidiger der manipulierten Rums – und eben die oben zitierten Spaßbremsen-Vorwürfe. Dieses Argument, wir Verteidiger des Rums würden das ganze zu ernst nehmen, kontere ich mit einem leicht abgewandelten Zitat von Stephen King, das er in seinem Buch On Writing: A Memoir of the Craft für die parat hat, die meinen, eine Sache nur halbherzig und ohne Engagement machen zu können und trotzdem erfolgreich zu sein. Er bezieht sich aufs Schreiben von Romanen; ich ändere das nur in wenigen Wort ab.

But it’s RUM, damn it, not washing the car or putting on eyeliner. If you can take it seriously, we can do business. If you can’t or won’t, it’s time for you to close the bottle and do something else. Wash the car, maybe.

Irgendwie entgeht mir der Sinn der Argumentation, man könne Rum nur genießen, wenn man ihn nicht ernst nimmt. Eine der vielen Sonderregelungen, die es scheinbar für Rum gibt, die sich andere Spirituosengattungen nicht erlauben. Aber letztlich beziehe ich mich in meiner Ernsthaftigkeit auch halt nicht auf dieselben Produkte wie die Zuckerfreunde – sondern auf Dinge wie den Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years. Und der verdient es auf jeden Fall, ernst genommen zu werden und nicht nur als Spaßdroge für Happy Shiny People, die gern im Piratenslang reden, betrachtet zu werden.

Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years Flasche

Da man durch das dunkle Braunglas der Flasche die Farbe des Rums nicht erkennen kann (lobenswert! Hersteller sollten alle undurchsichtige Flaschen verwenden und sich dann entsprechend auch das dadurch unnötig gewordene Färben der Spirituose sparen, so wie der Abfüller Velier das hier wunderbar vormacht), muss man sich schon ein Gläschen eingießen, um sie beurteilen zu können – Kupfer, mit fast weißen Reflexen. Ungefärbt, um das nochmals zu betonen. Von der Konsistenz her fast schon etwas viskos.

Auch der Geruch kann sich riechen lassen – sehr buttrig-süß, weich und voller Rumester. Einen halben Meter vom Glas entfernt riecht man ihn schon. Banane, Ananas, Minze. Muskatnuss. Plastikkleber.

Wer Rum dann doch nur zum Spaß trinkt, wird vom Antrunk dieses Rums begeistert sein. Superweich und zart im Mund. Süß, Kandiszucker, Shortbread, weiße Schokolade. Ein leichtes, angenehmes Kribbeln, das diesem „Extra Strong“-Rum mit 104 Proof (entsprechend 52% Alkoholgehalt) natürlich zusteht. Dann kommt aber doch der Charakter dieser leider seit einiger Zeit geschlossenen Destille zum Vorschein: Ingwer. Piment. Ein Anflug von Diesel und Teer. Hier steigen die Spaßtrinker meist aus.

Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years Glas

Warm im Abgang, auch hier süß und mild. Eine kurze Ingwerflamme entsteht langsam, und verklingt dann aber auch schon, bevor sie den Rachen erreicht; insgesamt ist der Abgang eher kurz. Einige der Ester bleiben am Gaumen, und ein kühlendes Gefühl beim Abklingen der Hitze. Fazit? Ein ganz hervorragender Rum. Supersüß, aber ohne jede Form der Pappigkeit, den viele gesüßte Rums aufweisen.

Dieselbe der Qualität angemessene Ernsthaftigkeit, die ich diesem Rum als Purgetränk entgegenbringe, ist natürlich auch dann angebracht, wenn ich ihn mir in einem Cocktail zu Gemüte führe. Nicht jeder Feld-, Wald- und Wiesencocktail bekommt den Caroni, doch so etwas wie der Foreign Legion ist ein Paradebeispiel dafür, dass man mit hochwertigen Zutaten ein herrlich tiefes, komplexes und, ja, unterhaltsames Gesamtbild erzeugen kann. Wer meint, ab einer bestimmten Kategorie sei Rum nicht mehr als Mixer erlaubt, sollte dies überdenken.

Foreign Legion


Foreign Legion
1½ oz Rum (z.B. Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years)
½ oz Aperol
½ oz Dubonnet Rouge
½ oz Fino Sherry (z.B. Sandeman Fino)
1 Teelöffel Crème de Cacao (z.B. Giffard Crème de Cacao Blanc)
1 Spritzer The Bitter Truth Lemon Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept leicht adaptiert nach Greg Sanderson, PDT]


Die Flasche wirkt wuchtig im Regal – die breiten Schultern und der verdickte Hals machen sie fast schon zu einem NFL-Rum. Das hübsch designte Etikett hat dagegen schon fast etwas besinnliches mit nostalgischem Seemanns-Flair.

Wäre da nicht der Preis und die Seltenheit, dann gäbe es keine Existenzberechtigung mehr für die unheilige Dreifaltigkeit des manipulierten Rums, Botucal, Plantation XO und Don Papa. Doch letztere sind letztlich auch nicht billig, sondern bewegen sich schon im Preisrahmen der Hälfte dieses Rums; daher sollte sich jeder Rumfreund fragen – lieber zwei Flaschen manipulierten Pseudorum, oder eine eines hervorragenden, seltenen und in allen Belangen überlegenen Rums? Mir persönlich fällt es nicht schwer, eine Wahl zu treffen. Ich will Rum trinken – Auto waschen sollen andere.

Passarinho Cachaça Organica Titel

Spätzünder mit Biosiegel – Passarinho Cachaça Organica

Die geschätzten Bloggerkollegen von eyeforspirits.com veröffentlichten vor einiger Zeit einen Artikel mit Tipps, die von Startups beherzigt werden sollten, die eine neue Spirituosenmarke aufbauen wollen. Am Ende dieses lesenswerten Artikels wird noch ein kleiner Satz hingeworfen, der mir zu denken gegeben hat.

„An einer Stelle kann man am Ende aber doch sparen. An etwas, das in der Spirituosenindustrie nachweislich keinen Mehrwert bringt: ein Bio-Zertifikat.“

Mir ist das in seiner Allgemeinheit etwas zu ökonomisch-absatzorientiert betrachtet – ein Bio-Zertifikat mag vielleicht (obwohl ich den erwähnten Nachweis dafür erst noch sehen will) nichts bringen, was Verkaufszahlen in einer Bar angeht, für uns Endverbraucher ist es eine sehr wertvolle Sache. Gerade in der Spirituosenbranche, bei der so viel geschummelt, getrickst, gelogen und betrogen wird, wo die Herstellungsbedingungen manchmal an Grausamkeit grenzen und auf die Kurzsichtigkeit der Konsumenten gesetzt wird, sind solche Auszeichnungen nachprüfbare, sehr wertvolle Hinweise auf ein Umdenken und nachhaltige, transparente Produktion.

Passarinho Cachaça Organica Biosiegel

Der Passarinho Cachaça Organica trägt es schon im Namen, und ist stolz darauf, dass er biozertifiziert ist. Vegan ist er auch noch, wie man der Dokumentation auf der Flasche entnehmen kann. Man denkt sich bei dieser Aussage vielleicht: was soll an einer Spirituose tierischen Ursprungs sein? Wie üblich muss man tief graben, um Details wie die Verwendung von Fischblase zur Filterung oder Kuhmilch im Etikettenkleber ausschließen zu können.

Über diese marketingwirksamen Details hinaus betont der Hersteller aber auch die Tradition, in der sich der Passarinho Cachaça sieht. Er wird nach eigener Aussage nach traditionellen Verfahren produziert, dazu gehören Dinge wie das Destillieren in Alambik-Brennapparaten, das Weglassen von Zusatzstoffen ebenso wie Zucker. Eine Lagerung in  Holzfässern des brasilianischen Jequitibá-Baums komplettiert ein durchaus rundes Bild einer nichtindustrialisierten Herstellung.

Passarinho Cachaça Organica Flasche

Da die Flasche auf dem Foto nicht leer, sondern voll ist, muss über die Farbe nicht mehr viel gesagt werden. Die Konsistenz ist mittelschwer, leicht viskos. Beim Schwenken laufen aus dem Film am Glas die Beine schmal und träge ab.

Die enge Verwandschaft zu weißem rhum agricole ist sofort erkennbar – die grasig-blumigen Noten dominieren den Naseneindruck. Süßliche Tropenfrucht, aufgehellt durch Limettenschale. Aber auch eine dunkle Seite ist vorhanden; Kakao vielleicht. Sehr körpervoll und durchdringend, charaktervoll. Eine minimale Ethanolnote schwingt am Ende etwas mit.

Im Antrunk ist der Passarinho noch aromatisch vergleichsweise neutral, aber schon sehr süß, wie Milchschokolade. Im Mund liegt er weich und ohne Ecken oder Kanten, 39% Volumenprozent Alkohol sind nicht erkennbar. Eine leichte Säure entsteht. Soweit ist er bis auf die angenehme Milde, ehrlich gesagt, geschmacklich eher unbeeindruckend.

Die spektakuläre Seite zeigt er erst im Abgang – hier kommt Pfeffer und Ingwer zum Vorschein, eine sehr angenehme Wärme und ein ganz schwaches Kribbeln. Eine herrliche Bitterkeit entsteht, die Aromen von Gras, Lavendel, Nelken und Kardamom explodieren plötzlich. Der Abgang ist lang und höchstaromatisch, eine wahre Freude, die alles ausgleicht, was zuvor vielleicht unspannend wirkte. Der Passarinho braucht also eine Weile, bis er zündet, dann entsteht aber ein Feuerwerk.

Tatsächlich ist das dann doch im Gesamtbild eine Cachaça, die ich problemlos zum Purtrinken empfehlen kann. Doch selbstverständlich bedeutet das dann auch automatisch, dass sie damit gleichzeitig eine hervorragende Mixspirituose ist. Wozu verwendet man sie am besten? Ja, Cachaça, damit macht man in Deutschland im Allgemeinen kaum etwas außer Caipirinha. Ich habe nichts gegen eine Caipirinha, wenn sie gut gemacht ist (leider passiert das selbst bei einem so einfachen Rezept zu selten), ist sie ein toller Drink. Wenn man ein bisschen kreativ an die Sache herangeht, kann man aber noch mehr aus Cachaça herausholen. Der Pearl Button beispielsweise ist ein perfekter Cocktail für einen heißen Sommertag – leicht bitter, zitronig, supererfrischend.

Pearl Button


Pearl Button
2 oz Cachaça (z.B. Passarinho Cachaça Organica)
¾ oz Lillet Blanc
½ oz Limettensaft
4 oz Zitronenlimonade (z.B. San Pellegrino Limonata)
In einem Glas voller Eis bauen und kurz umrühren.
[Rezept nach John Deragon, PDT]


Die Flasche ist von der Form her unaufgeregt, um so zappeliger wird dann aber die Etikettierung. Da alle Beschriftung volltransparent direkt aufs Glas aufgebracht ist, muss man sich etwas Mühe geben, wenn man die Texte auch lesen will, da alles von der Rückseite und der Seite durchscheint und das Gesamtprodukt etwas nervös wirken lässt.

Ich bin immer sehr dankbar, wenn man merkt, dass man keine Massenspirituose in der Hand hat. Abgesehen vom Inhalt wird das bei Passarinho Cachaça Organica auch klar in der Präsentation durch oben schon erwähntes Biosiegel kommuniziert, und die auf dem Flaschenhals angebrachte Banderole enthält für uns Kenner so wichtige Informationen wie die Batch-Nummer (hier: 1), das Abfülldatum (hier: 23.08.2016) und die handschriftlich eingetragene Flaschennummer innerhalb des Batches (hier: 502). Die Batchgröße selbst wird nicht erwähnt; eine Nachfrage beim Hersteller liefert aber schnell das Ergebnis: 850 Flaschen wurden abgefüllt. Diese vergleichsweise winzige Menge passt durchaus zu den Aussagen über die handwerkliche Tradition.

Passarinho Cachaça Organica Halsbanderole

Zu guter letzt kommen wir noch zu einem kleinen Detail, das die erfreuen wird, die sich doch statt dem von mir empfohlenen Pearl Button eine klassische Caipirinha mixen wollen. An einem Umhänger wird ein kleines Papierbeutelchen mitgeliefert, das dabei hilft, den meistgemachten Fehler bei einer Caipirinha zu vermeiden – nämlich braunen Rohrzucker zu verwenden statt weißen. Das Beutelchen enthält feinkörnigen brasilianischen weißen Zucker in ausreichender Menge für ca. 2 Cocktails, und das richtige Rezept dazu.

Passarinho Cachaça Organica Umhänger

Offenlegung: Ich danke Passarinhos für die Kooperation für diesen Artikel und die kostenlose Zusendung einer Flasche ihres Bio-Cachaças.

Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. Titel

Säulen der Rumgesellschaft – Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O.

Wer sich für die Herstellung von Spirituosen interessiert, und nicht nur, ob es einem schmeckt, der stößt auf viele Variablen, die in so einem Produktionsprozess relevant sind. Vielleicht eine der wichtigsten, weil stark charaktermitbestimmend, ist die Wahl des Destillationsapparats. Viele Rumfreunde geben der klassischen Pot Still, die zum Beispiel für Scotch sogar vorgeschrieben ist, und bei vielen traditionell und handwerklich produzierten Spirituosen absichtlich eingesetzt wird, den Vorzug vor einer Säulendestillation. Grundsätzlich muss man allerdings bei letzterem oft etwas genauer hinschauen, denn es gibt zwei Hauptformen dieser Säulen: Einerseits die moderne kontinuierliche Multi Column Still, die hauptsächlich für die Erzeugung ultrareiner Spirituosen, wie Vodka oder Neutralalkohol genutzt wird, und darüber hinaus für viele Massenbereich-Schnäpse der Großhersteller; und andererseits die traditionelle Kolonne, von der eine Variante zum Beispiel in Martinique als „colonne créole“ bekannt und als Produktionsmittel laut AOC für den lokalen Rhum agricole vorgeschrieben ist.

Appareil continu - Modele Barbet (Rhum, eaux de vie de canne D Kervegant - 1946)

Bild verwendet mit freundlicher Genehmigung von http://www.rhum-agricole.net

Kupfer statt Edelstahl, eine statt fünf Säulen. Man merkt schon, dass es hier nicht darum geht, möglichst schnell möglichst Hochprozentiges durch die Anlage zu schleusen. In zwei solchen traditionellen Kupferkolonnenanlagen wird der Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. an seinem Produktionsort in Macouba (Martinique) aus hauseigenem Zuckerrohr destilliert und dann 6 Jahre (die Abkürzung X.O. steht entsprechend natürlich für „extra old“ – rhum agricole bedient sich da der Cognac-Altersklassifikationen) in Ex-Bourbon-Fässern gereift, die für diesen Zweck erneut ausgebrannt wurden.

Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. Flasche

Farben sind bei Spirituosen in den meisten Fällen dank der Erlaubnis, E150 einzusetzen, Schall und Rauch und man sollte sich von ihr nicht beeinflussen lassen. Bei diesem Rum fällt es einem aber schwer – dunkel, kräftig, tiefer Kupfer, sehr attraktiv. Er bleibt seiner Herkunft als Zuckerrohrsaftrum verbunden und wird nur leicht ölig.

Mildfruchtig, vanillig und mit Anklängen nach Toffee und dunklem Kakao – das steigt einem beim Schnuppern in die Nase. Rosinen und Datteln im Hintergrund kommen dazu. Und viel, viel Holz – für den einen oder anderen mag das schon zu wuchtig und holzig sein, mir gefällt es aber sehr.

Im Geschmack verliert sich diese extreme Holzigkeit dann aber etwas – der Haupteindruck ist süß und sehr rund, besonders weich im Antrunk. Tropfenfrucht und die agricole-typische Grasigkeit verbinden sich aufs edelste. Der Rhum J.M. X.O. ist sehr körpervoll und dicht, mit Anklängen nach Honig und Muscovadozucker, und weist ein spannendes süß-sauer-Verhältnis auf. Komplex und interessant, ein Rum zum explorieren und erforschen, da die Aromen nicht offensichtlich sind wie bei vielen anderen Spirituosen.

Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. Glas

Der Abgang wird dann ultra-trocken, mit nun doch sehr viel Holz, dabei dann mehr als nur ein Anflug von Pfefferschärfe. Gewürze blitzen kurz auf, ohne dabei das vorherige Bild eines süßen, aber beeindruckenden Rums zu berühren. Der Nachhall ist lang und sehr warm.

Schon von Beginn an setzten die Erfinder der Tiki-Bewegung rhum agricole in ihren Cocktailkreationen ein, meist als eine Rumsorte unter mehreren in einem wilden, tiefen Gemisch. Für den Rhum J.M. X.O. habe ich auch einen Tiki-Cocktail ausgewählt, dem ein Rhum von den französischen Antillen verdammt gut steht: der Pago Pago. Ananas und Rum gehen ja immer gut zusammen, wenn dann noch die brutale Kräutergewalt des grünen Chartreuse dazukommt, brechen bei mir alle Dämme: davon trinke ich immer mindestens zwei. Daher beim Mixen am besten direkt von Anfang an die angegebenen Dosen verdoppeln!

Pago Pago


Pago Pago
2 Ecken Ananas im Shaker muddeln.
1½ oz Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O.
½ oz Chartreuse Verte
½ oz Crème de Cacao hell (z.B. Giffard)
½ oz Limettensaft
½ oz kühles Wasser
Auf Eis shaken, nur grob strainen.
[Rezept adaptiert nach Jeff Berry]


Kurz noch ein Exkurs bezüglich des Namens – viele Martinique-Rhums benennen sich nach den alten Familiennamen der Gründer der Destille. Rhum J.M. ist da keine Ausnahme, hier wurde allerdings auf die Initialen des Gründers, Jean-Marie Martin, zurückgegriffen, der 1790 als Dorfpfarrer die Destillerie anlegte: Erneut ein Beispiel dafür, dass die religiösen Stände Talent für (und Affinität zu) Alkohol haben.

Geliefert wird der Rhum J.M. X.O. in einem Karton, der mit kleinen Details über den Herstellungsprozess und das Umfeld von Rhum J.M. bedruckt ist; ansonsten hält sich die Präsentation sehr zurück und protzt lieber über den Inhalt der Flasche als mit dem Äußeren.

Dieser Rhum ist das genaue Gegenteil dessen, was auch heute noch die Masse an verkauftem Rum repräsentiert, der süß und möglichst belanglos ist, um allen zu gefallen. Der Rhum J.M. X.O. hat sehr viel Charakter und Wiedererkennungswert und stört sich nicht daran, ob Süßrumfans einen Hustenanfall bekommen könnten, weil sie soviel Kraft nicht gewohnt sind. Wer aber wirklich guten, hochwertigen und unmanipulierten Rum, der sich nicht anbiedert, schätzt, wird sich hier direkt wie zu Hause fühlen – da können sich so einige Pot-Still-Rums eine große Scheibe abschneiden.

Offenlegung: Ich danke spirituosen-superbillig.com für die kostenlose Zurverfügungstellung einer Flasche des Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O.

Revolte Rum Titel

Obstmezcal aus Rheinland-Pfalz – Revolte Rum

Es gibt Geschäfte, die sind personengetrieben, obwohl es eigentlich gar nicht nötig oder üblich in der Branche ist. Apple war schon immer Steve Jobs, Virgin ist in egal welcher Schattierung des Konzerns nichts ohne Richard Branson, und der FC Bayern München fühlt sich ohne seinen alten Präsidenten so missmutig, dass man ihn, kaum aus dem Knast,  sofort wieder per Akklamation ins Amt hievt. Die tatsächliche operative Arbeit dieser Menschen ist leicht zu delegieren oder weiterzugeben. Was ganz und gar nicht übertragbar ist, ist deren Aura und Persönlichkeit, die am Ende den oft gar nicht so kleinen Unterschied zwischen gutem Erfolg und Weltspitze ausmacht.

Bei Spirituosen denkt man auch zunächst direkt, dass es doch nur darauf ankommt, wie der Brand schmeckt, der aus der Destille läuft – da geht es um gute Basismaterialien, um gute Ausstattung, um vernünftiges Handwerk. Was soll da die Persönlichkeit des Brenners noch groß mit reinspielen? Meiner Meinung eine ganze Menge – es wandert ein Stück des Brenners mit in sein Produkt, wenn die Firma entsprechend aufgebaut ist. Jede Entscheidung, die auf dem langen Weg vom zarten Zuckerrohrpflänzchen bis der Korken auf der Flasche sitzt getroffen wird, entstammt der Persönlichkeit des Master Distillers. Was wir trinken, ist nicht ein schnöde zusammengebrautes Rezept, sondern die flüssige Essenz der Vision eines Menschen.

Selten ist so ein Brenner allerdings bereit, öffentlich Details über seinen Produktionsprozess zu erzählen – das Geheimnisvolle trägt schließlich oft mit zu der Aura bei. Felix Georg Kaltenthaler dagegen plaudert in einem Interview mit der Hamburger Bargröße Jörg Meyer dermaßen offen aus dem Nähkästchen und berichtet allerlei spannende, witzige und erstaunliche Details, dass es eine wahre Freude ist, den beiden zu lauschen. Wen also die Herstellung und Geschichte von Revolte Rum interessiert, sollte sich dringend dieses launige Interview anhören.

 

Ja, der Brenner wirkt sympathisch, keine Frage. Doch wollen wir uns als vollkommen neutrale, objektive und höchstkritische Schnapsblogger (gibt es sowas wirklich?) nicht von derartiger Sozialkompetenz blenden lassen, nein, wir wollen die Brennkompetenz prüfen, und ob der Inhalt der für Rumverhältnisse zumindest schonmal ungewöhnlich gestalteten Flasche, die mit teilvereister Oberfläche, strengem Etikett und so ganz ohne die in dieser Branche sonst üblichen Allüren wie Piraten, Plantagen oder Pseudokaribikflair eine ganz eigene Stimmung ausstrahlt, auch genauso unterhaltsam rüberkommt.  Schauen wir uns also mal den Revolte Rum im Glas an!

Revolte Rum Flasche

Man ahnt es schon durch die dunkle, leicht graue Flasche – die Farbe ist klar, ohne Anflug von Tönung. Kaum ist der interessante Vollkorkenstöpsel aus der Flasche, bewegt sich der Revolte Rum im Glas leicht viskos, mit vielen Beinen. Der Geruch steigt dann dann nach diesem langsamen Start voll in die Eisen: Teer, Erdbeeren und Kirsche. Tolle Kombination, man sollte es kaum glauben, ist aber wahr. Rauchig und auch leicht speckig, nach Schwarzwälder Schinken. Insgesamt aber weich; erinnert mich etwas an Mezcal.

Auch im Mund erleben wir eine kleine Rumrevolution. Sehr süß, weich und zart, cremiges Mundgefühl, und, und das ist der Knüller, mit deutlichem Obstlercharakter – ein buntes Potpourri verschiedener gebrannter Früchte, Aprikose, Pfirsich, Kirsch, Birne. Den leichten Ethanoltouch können wir, da trotz 41,5% sonst kein Brennen auffällt, gern akzeptieren. Leicht buttriger Ansatz. Im Abgang quietscht er nochmal durch die Kurve – der Abgang ist sehr kurz, mildpfeffrig, mit einem Anflug von Lakritz und Butter, die Zunge bleibt noch etwas betäubt. Im Nachklang entsteht ein angenehmer, warmer Alkoholhauch mit etwas rauchigem Hall.

Ein sauberer, klarer Rum, mit einem Twist: Mir gefällt diese geschmackliche Anlehnung an Obstbrand sehr. Viele weiße Rums, die ich kenne, explodieren entweder vor starken Aromen (rhum agricole und jamaikanischer Overproof), oder orientieren sich fast schon an Vodka in ihrer Neutralität und leben nur vom Mundgefühl (Brugal Titanium). Hier ist ein schöner Mittelweg gefunden worden, mit feinen Aromen, ohne dabei überwältigend zu werden – man spürt das Handwerk, das in ihn geflossen ist. Sehr gut pur zu trinken.

Revolte Rum Batches

Die strenge, kühle Aufmachung der Halbliterflasche hatte ich ja bereits oben angesprochen; ein interessantes kleines Detail fällt einem erst auf, wenn man die Flasche zur Seite dreht. Dort ist die Batch-Nummer (also die Nummer der Produktionscharge) handschriftlich eingetragen, und dazu die Flaschennummer. Meine Flaschen sind also die 416. von den 500, die im ersten Produktionsdurchlauf abgefüllt wurden, und die 170. aus dem 12. Durchlauf. Wir erfahren daraus die Batchgröße (250 Liter, vielen großen Hersteller, die sich gern auf „small batch“ berufen, wäre das wahrscheinlich nicht mal das Anfahren der Abfüllanlage wert), und dass sich hier noch jemand wirklich die Mühe macht, jede Flasche einzeln anzufassen um sie zu nummerieren.

Schmecken die Batches unterschiedlich? Da zwischen diesen meinen Abfüllungen rund ein Jahr lag, und sich der Brenner in dieser Zeit ja auch weiterentwickelt hat (erinnert man sich noch an die Einleitung?), sollte man mit Geschmacksunterschieden rechnen. Ein Selbstversuch ergab: Im Vergleich zu Batch 1 ist bei Batch 12 dieser geruchliche Anklang an rauchig-teerigen Mezcal fast komplett weg, statt dessen ist der Obstbrandcharakter extrem verstärkt. Auch geschmacklich könnte man Batch 12 fast für einen Birnenbrand halten, hier ist die Butter verschwunden und durch eine reinere Klarheit ersetzt worden. Tatsächlich wirkt Batch 12 etwas erwachsener und reifer, aber dafür etwas weniger funky und frech. Man erkennt noch die grundsätzliche Verwandschaft der beiden Abfüllungen; im Blindtest, da bin ich sicher, würden viele selbst diese nicht mehr anerkennen. Grundsätzlich ist das, das muss man klar sagen, eigentlich eine tolle Sache, so ein lebendiges Produkt – wir als echte Craft-Spirit-Interessierte können damit gut leben, dass die Sensorik sich von Abfüllung zu Abfüllung durchaus ändert. Wer immer genau dasselbe will, muss sich halt an mindestens halbindustrialisierte Hersteller wenden.

„Vodka cocktails will never teach you anything“, diese von mir bereits vielzitierte Meinung Ted Haighs teile ich voll. Auch wenn es inzwischen eine Fahrt aufnehmende Bewegung gibt, Vodka weg vom neutralen Effekttrinkerstoff hin zu einer höherwertigen Spirituose zu bringen, meide ich die Verwendung von Vodka in Cocktails aktuell noch, solange ich nicht wirklich eines besseren belehrt werde. Wenn es dann doch mal ein reizendes Rezept gibt, ersetze ich darin gern den Vodka durch einen aromatisch interessanteren Brand, und der Revolte Rum ist nahezu ideal dafür. Der Beweis ist der Basil Watermelon Cooler, der durch die zusätzliche Obstaromatik des Revolte Rums deutlich an Tiefe und Komplexität gewinnt im Vergleich zur Vodkavariante.

Basil Watermelon Cooler


Basil Watermelon Cooler
3 große Blätter Basilikum
1 Stück geschälter Ingwer
1 Stück Wassermelone
½ oz Zuckersirup
…diese Zutaten muddeln, dann…
2 oz weißer Rum (z.B. Revolte Rum)
½ oz Limettensaft
…dazugeben und shaken und schließlich toppen mit…
Ginger Ale
[Originalrezept nach Nick Mautone, der allerdings Vodka benutzt]


So ein milder, aromatisch feiner Rum ist aber dann doch nicht unbedingt für alle Zwecke geeignet. Aus der Kaltenthaler-Schnapsschmiede folgt entsprechend aktuell eine Abhilfe für all die, die gern etwas mehr Wucht im Drink hätten – der Revolte Overproof. Eine Flasche steht schon im Regal bei mir bereit, eine Besprechung dieses Revolutionsgenossen folgt auf diesem Kanal in naher Zukunft. Wenn wir schon bei Varianten sind, muss ich einen vorweihnachtlichen Wunsch an den Brenner äußern – gern würde ich diesen Rum auch mal fassgereift erleben, ich könnte mir vorstellen, dass dabei recht Spannendes herauskäme, wenn er ein paar Jahre in einem Holzfass statt den aktuellen 6 Monaten in einem Steingutkrug liegen dürfte (der Rum, nicht der Brenner).

Today, the flag for European rum is flown by Ron Montero, based in Motril, Andalucía.

Der Spirituosenautor Dave Broom schrieb das in seinem Buch Rum: The Manual. In einer eventuellen Neuauflage seines Buchs sollte Broom das ändern. Denn rein von der Spannung her weht die europäische Rumfahne heute eigentlich über Westhofen, Rheinland-Pfalz.

Foursquare Port Cask Finish Barbados Rum Titel

Die Wahrheit hinter der Legende – Foursquare Port Cask Finish Barbados Rum

Bei den meisten Spirituosen muss man vorsichtig sein mit dem, was in Werbetexten und Etiketten steht. Die Hersteller überbieten sich in meist erfundenen Entstehungsgeschichten, die malerischer und dramatischer als die Genesis sind; lokale Zeitzeugen auf der ganzen Welt sind notorisch schwätzerisch und erfinden auch gern mal eine kleine Anekdote, um den Heimgebrannten im Urlaub an den Mann zu bringen. Selbst Papier ist geduldig, und Cocktailbücher oder Artikel können sich nur mit Mühe zurückhalten, dem Leser einen spannende Reißer zu jedem obskuren Schnäpschen zu liefern – es kostet viel Zeit, Mühe und Ressourcen, um wirklich hinter all diese Augenwäscherei blicken zu können. Gerade bei Rum ist die Legendenbildung äußerst beliebt – und für Etiketten und Werbetexte gilt das alte (für meine Zwecke leicht abgewandelte) John-Ford-Filmzitat: „This is rum, sir.  When the legend becomes fact, print the legend.

Beispiel gefällig? Captain Morgan Rum ist ein in superindustriellem Maßstab und mit modernster Technik hergestellter Rum. Bei der Menge von über 50 Millionen Litern, die davon jährlich vom Diageo-Konzern unter die Leute gebracht wird, ist kein Platz für irgendwelche nostalgischen Anflüge bei der Herstellung und dem Vertrieb. Dennoch gefällt es Diageo, diesen Rum, der so überhaupt nichts mehr mit alten Zeiten und Tradition zu tun hat außer dem Namen, mit diesen schwärmerischen Worten zu bewerben:

„Die Geschichte von Captain Morgan reicht zurück bis in das Jahr 1680, als der ehemalige Pirat Sir Henry Morgan sich auf Jamaika niederließ und dort auf seiner Zuckerrohrplantage Rum kreierte, der bis heute nach unverändertem Originalrezept hergestellt wird.“

Jaja, ist klar. Piraten, 17.Jahrhundert, Jamaica, unverändertes Rezept. Ich bezweifle, dass die Partykonsumenten, die hauptsächlich heutzutage Captain-Morgan-Rum trinken, den fuseligen Tafia wirklich genossen hätten, den Henry Morgan seiner Mannschaft als Belohnung für die Plünderung Panamas wahrscheinlich ausgeschenkt hat, hergestellt damals ganz ohne Säulen-Hochdestillation, Kältefiltration, Zucker- und Aromenzusatz (und auch ohne Interesse, die Kundschaft vor Blindheit und Demenz zu schützen).

Kommen wir zu einem Rum, der all das nicht nötig hat. Man sieht schon am Etikett, das ganz ohne nostalgische Bebilderung, Legendenauszug und täuscherische Pseudofakten auskommt, dass der Foursquare Port Cask Finish Barbados Rum von einem ganz anderen Kaliber ist. Aber ist der Inhalt wirklich besser, wenn das Äußere schlichter ist?

Foursquare Port Cask Finish Barbados Rum Flasche

Die Farbe ist schonmal kräftig und glänzend, und stammt leider aber nur zum Teil aus dem Ex-Port-Fass, in dem der Rum für 6 Jahre nachziehen konnte, zusätzlich zu den ersten 3 Jahren, die er in Ex-Bourbon-Fässern verbrachte. Ein „Finish“ mit ⅔ der Gesamtreifedauer? Ungewohnt, aber gut gemacht! Da hätte man auf die Zuckerkulör zum Färben noch verzichten können.

Auch die Nase darf sich freuen – Karamell und Vanille, wie man sie von einer Bourbonfassreifung erwarten kann. Aber dann kommt schnell ein feiner Kokosnussduft in den Vordergrund, gottseidank nicht so ordinär wie beim Plantation 20th Anniversary, dazu Piment. Lavendel. Sahnepudding, nur eine Andeutung von Lösungsmitteln. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen.

Die Zunge fühlt sich gestreichelt beim ersten Schluck. Der Port Cask Finish fühlt sich sehr weich und rund, buttrig-cremig und unglaublich voluminös an. Süßlich ist er, ohne sich anzubiedern, wie das die nachgesüßten Rums oft tun, mit tatsächlich einem Touch von Tawny-Portwein, dann auch schokoladig und karamellig. Mit Verlaufdauer im Mund wird der Rum später würzig, weißpfeffrig, und weist eine angenehme Schärfe auf: aromatisch-scharf, nicht alkoholisch-scharf. Ein respektabel langanhaltender, kräftiger und eindrucksvoller Abgang beschließt den Schluck. Kokos- und Portaromen, vielleicht sogar Cognac, hängen nach. Etwas buttrig, nach Sahnebonbons, und dabei doch sehr trocken. Wenn die Schärfe verklingt, bleibt ein angenehmes, schwaches Brummen im Mund zurück.

Foursquare Port Cask Finish Barbados Rum Etikett

Man merkt, ich gerate ins Schwelgen. Das gestehe ich aber gern ein, bei einem so sensationellen Zuckerrohrbrand. All die Lobeshymnen, die man über ihn liest, sind keine Lügen – das ist einer der besten Rums, die ich bisher getrunken habe, jedenfalls einer der angenehmsten und rundesten. Die einzig wunden Punkte dieses Bajaners sind die Färbung und die etwas niedrig angesetzte Alkoholstärke von 40%.

Spannend und höchstinteressant: Der Foursquare Port Cask Finish ist süß und körpervoll, und das ohne Zuckerbeigabe. Er hat feine Aromen, ohne künstlich aromatisiert zu werden. Er läuft weich die Kehle hinunter, ohne Glycerineinsatz. Letztlich ist dieser Rum ein Schlag ins Gesicht jedes Süßrumherstellers, der all dies nur mit Tricksereien und Betrügereien hinbekommt, und sogar damit nicht den Level dieses Rums erreicht. Ich bin mir sicher, dass Brenner Richard Seale diesen Rum tatsächlich auch als Fehdehandschuh an die Zuckerrumindustrie hingeworfen hat und ihnen damit die Zunge rausstreckt – wer ihn kennt oder ein paar Interviews mit ihm gelesen hat, wird das wie ich für gar nicht unwahrscheinlich halten. Er ist ein streitbarer Geist, der nie hinter dem Berg hält mit seiner Meinung über Rum und Rumbetrüger: Eines der wenigen Vorbilder aus der Schnapsbranche für mich.

Pur ist er also gut, um das mal zurückhaltend zu formulieren – dann kann er in Cocktails nicht schlecht sein. Tatsächlich hilft die üppige Aromatik, der volle Körper und die Würzigkeit beim Ausklang dazu, dass er selbst gegen die brachiale, sonst alles plattmachende Aromagewalt eines 30 Jahre alten Pedro Ximénez Sherry ankommt und dem Quarter Deck ein höchstfeines Rumaroma verpasst. In der Kombination dieser Zutaten ein herausragender Cocktail, in dem ich am liebsten baden würde.

 

Quarter Deck


Quarter Deck
2 oz Rum (z.B. Foursquare Port Cask Finish Barbados Rum)
1 oz PX Sherry (z.B. González Byass V.O.R.S. 30 Años Pedro Ximénez „Noé“)
¼ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Herausheben muss man am Ende noch das unglaubliche Preis-Leistungs-Verhältnis. Wer noch eine Chance hat, zuzuschlagen, muss das tun. Es gibt kaum einen anderen Rum, der für 30€ pro Dreiviertelliter auch nur ansatzweise eine solche Leistung und Qualität abliefert. Wem dieses Produkt gefällt, könnte auch mal nach dem Zinfandel Cask Finish desselben Herstellers Ausschau halten. Ansonsten bleibt Foursquare eh die Referenz, was Barbados-Rum angeht – und grundsätzlich ein Vorreiter in Sachen Rumtransparenz und Ehrlichkeit. Man stellt sich die Frage, warum jemand noch freiwillig einen gepanschten, manipulierten Rum kauft, wenn man stattdessen etwas wie diesen Rum hier haben kann. Es kann sich nur um mangelnde Information handeln, denn wer einmal Lunte gerochen hat, will nie wieder zurück zum pappsüßen Zeug.