Man lernt nie aus – Saint James Royal Ambré

Wie so oft gibt es hier nun zunächst wieder etwas zu lernen. Das Etikett des Saint James Royal Ambré weist einige interessante Details auf, die dem Rumfreund, der sich etwas mit Rhum Agricole auseinandersetzen will, ein Begriff sein sollten. Die Sprachbarriere ist, da es sich nur um wenige Worte handelt, leicht übersprungen – beginnen wir mit dem Wort, das sehr plakativ platziert ist und die erste Aufmerksamkeit auf sich zieht: Ambré.

Ambré ist keine offizielle Kategorie, sondern einfach eine Beschreibung der Färbung des Rums – das, was man auch heute noch oft sieht, obwohl inzwischen klar sein sollte, dass die Farbe keine wirkliche Klassifizierung erlaubt. Gold oder Amber liest man als ähnliche Beschreibung oft im englischsprachigen Raum; übersetzt ins Deutsche heißt es schließlich simpel bernsteinfarben. Das wichtigere Kriterium ist aber auch auf dem Label der Flasche zu finden: „Élevé sous bois“ (wörtlich „aufgezogen unter Holz“). Dies ist eine der drei Reifungsstufen, die für AOC-Martinique-Rum möglich sind (die beiden anderen sind jüngere blancs und ältere vieuxs). Um das Kriterium zu erfüllen, muss der Rum mindestens 12 Monate am Stück in Eichenfässern in der Region der Herstellung gereift sein. Für den Saint James Royal Ambré ist keine exakte Angabe gemacht worden, laut Herstellerwebsite kann man aber mit ungefähr 18- bis 24-monatiger Lagerung in Eichenholzfässern rechnen, ist damit also recht deutlich über der Mindestanforderung der AOC. Von der Theorie nun zur Praxis!

Saint James Royal Ambré Rhum Agricole

Farblich weist der Rum ein zum Orangenen hin tendierendes Kupfer. Er hinterlässt sehr zaghaft ablaufende Beinchen am Glas, und hat eine gewisse Viskosität. Die Nase ist sehr malzig, grasig und holzig. Unter dieser Oberfläche liegt eine zweite Schicht an Aromen, die fruchtig sind – Ananas, Erdbeeren, Kirschen. Eine sehr attraktive Mischung, würde ich sagen. Zu guter letzt ist da noch eine Ebene, die grasig, kräuterig und süßlich ist – eine schöne Komplexität in der Nase.

Im Mund ist der Rum dann sehr malzig, mit sehr deutlichen Holzaromen. Durch die Produktionsweise des Ambré schimmert noch sehr viel vom Charakter eines weißen Rhum Agricole durch, da ist noch viel Gras und Heu, etwas Lakritz und auch noch ordentlich Pfeffer, aber auch schon leichte Reifenoten sind erkennbar, Honig, und sehr viel bunte Frucht, von Pfirsich bis Mango. Zunächst sind die gut gewählten 45% (oder ° / degrés, wie man im französischsprachigen Raum sagt) nur leicht erkennbar, sie geben aber Kraft für eine gewisse Breite. Der Abgang ist feurig, mentholig, eher kurz, dafür charakterstark.

Saint James Royal Ambré Glas

Ein Rum, der gerade Anfänger sehr stark polarisieren wird. Mir ging es nicht anders, darum zitiere ich gern Auszüge aus meiner ersten Rezension zu diesem Rum, geschrieben vor einigen Jahren. Man sehe daran, dass sich Gaumen weiterentwickeln. Meist zum Positiven hin, ich kann mir heute meine Meinung von damals kaum mehr erklären.

Man muss diesen Geschmack mögen. Mir geht es bei jedem Cocktail, den ich mit Rhum agricole mixe, so – ich muss erst ein, zwei Schlucke nehmen, die ich runterzwinge; und alle Folgeschlucke sind dann Wundern darüber, wie eigen dieses Aroma ist. (…) Und ich halte Rhum agricole für einen typischen „acquired taste“, den man erst schätzen lernen muss. Tatsächlich geht er mehr in die Grappa-Richtung als in die typische Dunkelrum-Richtung. Im Leben käme ich nicht auf die Idee, diese Art Rum pur zu trinken – da gruselt es mir davor.

Natürlich passt der Saint James Royal Ambré dennoch nicht in einen sanften, zarten Rumcocktail. Er will in wilden, starken Rezepturen vermischt werden, passend zu seinem Naturell. Eines davon wäre das sehr würzige, kratzige und maskuline Dreams of Cane. Dieses Getränk, supereisgekühlt – am heißen Sommerabend, mit Freunden, und ein fettes Cajun-gewürztes Grillsteak dazu, und die Karibik kommt nach Hause. Aber vorsicht, das knallt leicht in die Birne.

Dreams of Cane


Dreams of Cane
1½ oz Gereifter Rhum agricole
½ oz Ingwerlikör
½ oz Limettensaft
½ oz Orangenlikör
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Chemistry of the Cocktail]


Um auf meine frühere Meinung zurückzukommen: heute gruselt es mir gar nicht mehr davor, im Gegenteil, ich habe den Geschmack des Saint James Royal Ambré liebgewonnen. Gern trinke ich ihn inzwischen pur. Und bei einem Preis von deutlich unter 20€ für den Dreiviertelliter ist das eine Flasche, die direkt ersetzt wird, wenn sie leer ist – für mich hat dieser Rum ein beinahe schon unheimliches Preisleistungsverhältnis. Man bilde sich also seine eigene Meinung; doch, das ist wichtig, man hinterfrage seine Meinung immer wieder mal (das gilt nicht nur für Rum, übrigens). Überraschung garantiert.

Ich verliere ein Wort über den Rum Club – Rumclub Private Selection Rhum Bielle Aged 8 Years

Neulich hatte ich einen Artikel veröffentlicht, in dem ich über Rum aus Guadeloupe berichtet hatte. Heute ist ein Verwandter des Guadeloupe-Rums im Fokus – er stammt aber nicht von der Hauptinsel dieses französischen Überseedépartements, sondern von der ihm zugeordneten, kleineren Insel Marie-Galante. Der Rumclub Private Selection Rhum Bielle Aged 8 Years wird dort mittels traditioneller Column Still aus frisch gepresstem Zuckerrohrsaft hergestellt, es handelt sich also um einen Rhum Agricole. Hin und wieder findet sich auf Flaschen oder in Werbetexten für Rum dieser Insel der Vermerk „appellation d’origine“ – mir sei der Hinweis gestattet, dass dies nicht zu verwechseln ist mit einem offiziellen AOC („appellations d’origine contrôlée“)-Siegel. Nur Martinique hat zur Zeit AOC-Rum im Angebot.

Auf dieser speziellen Flasche steht es aber auch nicht, das ist nur ein generischer Hinweis für die, die sich für Rum dieser Region interessieren. Das Etikett der vorliegenden Rumclub-Abfüllung des Rhum Bielle hat dennoch einiges zu bieten – handschriftlich eingetragen ist die Flaschennummer (bei mir Flasche 11 von 356), sowas finde ich immer apart, sowie auf dem Rücketikett die wertvolle Anmerkung „Ohne Farbstoff und Zucker“, und das, obwohl für Dirk Becker, der den Rum ausgewählt hat (siehe unten), das Verzichten auf Zuckerzusätze gar nicht so extrem wichtig ist, laut eigener Aussage im Fachmagazin Mixology (Sonderausgabe 2018) – ein kleiner Wankelmut, aber das meine ich natürlich nur schmunzelnd. Im Endeffekt wäre es aber auch schade, wenn so ein Rum durch Additive verhunzt werden würde. Doch ich greife vor.

Rumclub Private Selection Rhum Bielle Aged 8 Years Flasche

Die goldene Farbe mit fast schon weißen Reflexen sieht man schon in der Flasche; die vorhandene Öligkeit dann besonders gut im Glas, ich genieße es immer sehr, wenn sich ein Brand schwer und viskos bewegt, so wie das hier der Fall ist, und die dazu gehörenden langsam ablaufenden Beine.

Apfel, das ist mein erster Eindruck, wenn ich die Nase ins Glas halte. Viel Apfel, und weitere florale Noten. Blattgrün. Rosen. Jasmin. Dazu kommt eine starke Vanillekomponente mit Karamell und Sahne als Begleiter. Man muss zu Beginn etwas aufpassen, da ist ein stechender Pattexbeiklang, wenn man zu tief schnuppert. Sehr attraktiv insgesamt, da rieche ich gerne lange am Glas.

Auch im Geschmack ist noch etwas Apfel da, allerdings geht die Richtung dann schnell weg vom Fruchtigen hin zum Würzigen. Deutlich salzig, kräuterig, grasig, wie man es von Agricoles vielleicht kennt; dabei aber sehr viele Holzeffekte, die für einen Ausgleich sorgen – Tabak, Backgewürze. Süß, karamellig, fast schon toffeeig. Vanille. Die 8 Jahre Reifung, ich gehe mal einfach von der Aromatik her von Bourbonfässern aus, machen aus dem frechen Zuckerrohrsaftbrand einen milden, runden, weichen Opa. 54,1% Alkoholgehalt spürt man nicht – die milde Schärfe, die im Verlauf aufkommt, ist aromatisch bedingt, nicht alkoholisch. Der Abgang ist feurig, stark, charismatisch und mit einem heißen Nachhall verbunden. Lang und aromatisch, mit leichten Betäubungseffekten am Gaumen und den Zungenseiten. Voll, dicht und kraftvoll – ein toller Rum, der mir sehr viel Spaß macht.

Im Smoked Julep würde normalerweise als zweite Zutat Apfelbrand, zum Beispiel Calvados, eingesetzt. Die apfelig-fruchtige Komponente des Bielle verleiten mich dazu, ihn als Ersatz in diesem Drink herzunehmen – und das klappt richtig gut.

Smoked Julep


Smoked Julep
1 oz torfig/rauchiger schottischer Whisky
1 oz Apfelbrand (oder hier: Rhum Bielle Aged 8 Years)
1 Teelöffel Ahornsirup
Klassische Julep-Zubereitung mit viel Crushed Ice in einem Silberbecher.

[Rezept adaptiert nach Phil Ward]


Ausgewählt wurde der Rum wie schon angesprochen von Dirk Becker, importiert und abgefüllt von Spirit of Rum in Berlin. Neben dem sehr gelungenen Inhalt weiß auch die Präsentation zu gefallen, in seiner unprätentiösen, praktischen, bodenständigen Aufmachung – eine geradlinige Flasche, ein Echtkorken mit Wachsversiegelung, ein klar strukturiertes und nicht überladenes Etikett ohne Chichi, darauf ein einfacher Text mit Informationen statt dem sonst so allgegenwärtigen Marketinggeblubber. So mag ich das – hier waren Profis am Werk, vorbildlich für alle unabhängigen Abfüller. Und schmecken tuts auch noch. Was kann man mehr verlangen.

Kurz und bündig – Velier Royal Navy Very Old Rum

Velier ist ein Vorreiter, was Transparenz bei Rum angeht. Das Etikett des Velier Royal Navy Very Old Rum ist dafür ein Beispiel. Darauf findet man alles in klarer Sprache, was den echten Rumfreund interessiert. Die einzelnen Blendbestandteile werden aufgelistet (Trinidad, Caroni, 20 Jahre Tropenreifung; Guyana, Demerara, 15 Jahre Kontinentalreifung; Jamaica, Pure Single Rums, mehr als 12 Jahre Tropenreifung). Das gewichtete Alter, in diesem Fall also 17,42 Jahre. Zu guter letzt noch Ort des Blending und der Abfüllung – Schottland. Es ist so angenehm, so ein Etikett zu lesen, auf dem nicht mit Marketingluftschlössern und den abgeschmackten Piraten und anderen Fantasiepersonen geschwurbelt wird, sondern handfeste Informationen geliefert werden. Doch was ist mit dem Rum selbst?

Velier Royal Navy Very Old Rum

Dunkles, kräftiges Terracotta, mit orangefarbenen Anklängen. Ungefärbt ist er laut Deklaration, das gefällt mir als Zusatzverweigerer jeder Art. Im Glas scheint der Velier Royal Navy Very Old Rum leicht, bewegt sich ohne Mühe oder Schwere. Dabei entstehen äußerst viele, sehr eng aneinanderliegende, langsam ablaufende Beine. Beim langsamen Schwenken verbreitet sich auch der Geruch über das Glas hinaus. Sehr prägnant, mit vielen teerigen, schmutzigen Noten, darunter schwere Frucht aus Banane, überreifer Ananas und ebensolchem Pfirsich, Rosinen. Etwas Portwein, vielleicht Amarone. Darunter wiederum Malz, Melasse und richtig viel Vanille. Für mich persönlich archetypisch Rum – ein Wunschduft für einen Lufterfrischer. Ein leichtes Beissen in der Nase warnt davor, die Nase zu tief ins Glas zu halten.

Sehr trocken im Antrunk, sehr schokoladig, dunkelmarzpanig, bitterorangenfruchtig. Trotz der Trockenheit dominiert eine natürliche Süße, die allerdings nicht den feurig-wilden Charakter übertönt. Milde Ester, einiges an Fusel, viel Hefe, manch einer wird sich daran stören; doch das ist Rum, nicht die breitgeklatschte, zermantschte Solera-Eintagsfliege auf der Muggeplätsch, sondern die stolze Hornisse, die sich wehrt. Da gibt es viel zu entdecken, der Blend aus Jamaica, Guyana und Trinidad ist deutlich in all seinen Komponenten erkenn- und erforschbar. Diese Komplexität geht aber keineswegs zu Lasten der Trinkbarkeit, selbst die hohe Alkoholstärke von 57,18% (Navy Strength eben) ist zwar deutlich spürbar, aber klasse eingebunden. Der Abgang ist glühend heiß, lang, effektvoll. Fuselnoten hängen lange nach. Die Wärme klingt dafür umso langsamer ab. Es bleibt eine schwere Süße am Gaumen.

Ein wirklich höchstattraktiver Rum für Leute, die echten Rumgeschmack mögen. Hier findet sich ein wirklicher Querschnitt durch die britischen Rumkolonien, mit allem, was ihn auszeichnet, und ihn für mich zum quintessenziellen Rumgeschmack macht. Natürliche Süße, natürliches Feuer, natürliche Aromatik – ein Rumfeuerwerk, wie ich es liebe. Der Preis des Velier Royal Navy Very Old Rum ist letztlich das einzige, was mich abhält, diesen Rum bedingungslos jedem zu empfehlen – wer es sich aber leisten kann, sollte sich eine Flasche davon in die Hausbar holen. Denn eines ist klar: Wert ist er es.

Dreierlei vom Rum – Foursquare Triptych Single Blended Rum

Immer im Auftrag für den Leser unterwegs – so ein Blogger hat dauernd gewichtige Entscheidungen zu treffen. Welche Spirituose ist als nächste dran? Welche wird besorgt, für die Zukunft? Lohnt es sich, diesem oder jenen Trend zu folgen, damit man am Puls der Zeit bleibt, oder wartet man lieber ab, um nicht einem flüchtigen Hype nachzurennen? Fragen über Fragen. Dabei stelle ich mir eigentlich schon die Frage, welche Rezensionen sich überhaupt zu schreiben lohnen. Bei den meisten Produkten ist alles klar, aber gleichzeitig denke ich ernsthaft, dass es zwei Gruppen von Spirituosen gibt, die es sich für mich und meine Art von Blog nicht zu rezensieren lohnt.

Supermarktware für unter 10€ ist uninteressant, weil sich das jeder leisten kann – da schlägt man einfach zu und probiert es, der Aufwand eines potenziellen Käufers, sich vorher darüber zu informieren steht in keinem Verhältnis zum Preis, und das tut man höchstens aus Interesse; Ausnahmen bestätigen die Regel, wie meinen Artikel über Martini Fiero, der mit weitem Abstand der meistgelesene auf meinem Blog ist. Einhörner andererseits (also superseltene und rare Spezialitäten) lohnen sich nicht, weil an die kaum jemand herankommt, selbst für Profis ist es schwer, und wer es sich leisten kann und den Aufwand nicht scheut, hat eh schon genug darüber gelesen, weil es genug Spezialistenblogs für genau diese Zielgruppe gibt, die sich, statt wie ich über alles, was die Schnapswelt zu bieten hat, zu schreiben, auf beispielsweise Rums aus Trinidad aus den 1980er Jahren in speziellen Flaschen fokussieren.

Der Foursquare Triptych Single Blended Rum ist so ein Grenzgänger, was diese Thematik angeht. Bei weitem nicht superleicht und überall erhältlich, aber zum Zeitpunkt meines Kaufs auch kein Einhorn. Dennoch werden die wenigsten ihn je zu Gesicht bekommen, insbesondere jetzt, wo die Vorräte langsam aufgebraucht sind.

Foursquare Triptych Single Blended Rum Flasche

Ich hatte das Glück, eine Flasche bei LMDW zu ergattern. Der Erwerb allein schon war eine spannende Sache – einige Tage vor dem tatsächlichen Verkaufsstart wurde bei Facebook darauf hingewiesen, dass der Triptych nun in Frankreich und Italien released würde. Es dauerte noch bis zum 02.06.2017, bis bei LMDW der Rum auch im Sortiment auftauchte, und dann führte es zu Verwirrung. Einige konnte wohl schon gegen 6 uhr morgens Flaschen erwerben, dann änderte der Status sich auf „bald erhältlich“ und viele (darunter ich) dachten schon, aha, das wars dann wohl, wieder mal Pech gehabt. Einige Stunden später war dann plötzlich wieder etwas „en stock“, und da habe ich blitzschnell zugeschlagen. Nur Sekunden danach ging der Bestandsstatus dann auf ausverkauft. Man sieht, für derartige Spirituosen muss man flott sein, gleichzeitig trotzdem Geduld haben und eine gewisse Leidensfähigkeit mit sich bringen. Gerade Foursquare erreicht inzwischen unter Rumaficionados zur Zeit einen Kultstatus, der dafür sorgt, dass die kleinen Sonderabfüllungen, die immer wieder erfolgen, innerhalb von Minuten ausverkauft sind. Nun aber weg vom Geschäftlichen, hin zum Triptych selbst.

Ich bin ein Freund der Praxis, dunkel getönte Flaschen zu verwenden, um beim eventuellen Kunden gar nicht erst die Idee aufkommen zu lassen, dass man nach der Farbe der Flüssigkeit einkaufen geht und dunkle Spirituosen holt und dafür hellere stehen lässt. Abfüller Velier ist mit seinen schwarzen Flaschen diesbezüglich natürlich gleichzeitig eine sofort erkennbare Marke geworden, win-win sozusagen. Dadurch, dass Foursquare seine Spezialsorten auch nicht färbt, haben wir eine natürliche, tropisch gereifte Schönheit vor uns im Glas.

Beim Abfüllen der Samples (siehe unten dazu mehr) verströmte sich schon dieser herrliche Geruch im ganzen Zimmer – er ist stark, körpervoll und ohne jede Scheu. Marzipan, Kardamom, Piment, dunkle Schokolade, aber auch überreife Früchte, Banane. Schalentiere. Höchstkomplex und extrem attraktiv. Eine leichte Lacknote. Sehr komplex und sich im Verlauf der Verkostung wandelnd.

Foursquare Triptych Single Blended Rum Glas

56% Alkoholgehalt lassen mich nicht direkt zu Wasser zur Trinkstärkenherabsetzung greifen; ich nippe so daran, wie er aus der Flasche kommt. Hmm, das trinkt sich gut. Sehr breit und fett, dicht und rund im Mundgefühl. Wunderbare, natürliche, reine Süße mit viel Kraft, nicht die oberflächliche, klebrige, die man von Süßrums kennt. Dabei aber auch eine attraktive Bittere, die die Süße gut ausgleicht, so dass keine Langeweile aufkommt. Eine adstringierende Säure komplettiert das Sensoriktrio – sehr spannend und vielseitig.

Der Abgang ist glühend heiß, würzig, langsam läuft der Tropfen den Hals hinunter, man kann ihn dabei verfolgen. Im Mund verbleiben esterige Teeraromen, ledrig und holzig, dabei aber immer süß und ohne jede Gewalt. Nur leicht trocken, aber dauerhaft am Gaumen haftend. Ein wirklich spannender Rum.

Bezüglich der Zusammensetzung, die sich im Namen schon wiederspiegelt (ein Triptychon ist ein dreiteiliges Bild), verweise ich auf ein Foto, das ich mit freundlicher Genehmigung von Matt Pietrek vom Blog Cocktailwonk hier wiedergebe. Es wurde bei der Fachveranstaltung Tales of the Cocktail 2017 geschossen. Ex-Bourbon-, Ex-Madeira- und frische amerikanische Eichenfässer dienten den drei verwendeten Jahrgangsdestillaten (2004, 2005 und 2007) als Zwischenbehausung, bis sie zu einem Blend zusammengeführt wurden.

Foursquare Triptych Tales of the Cocktail 2017

Was würde sich für diesen Rum besser als Cocktail eignen, als der, den der globale Rum Ambassador Ian Burrell zu Ehren des Master Blenders und Inhabers der Foursquare-Destillerie erfunden hatte? Der The Richard Seale kann warm und kalt gerührt serviert werden, ich habe mich für die warme Variante entschieden – hin und wieder schadet es nicht, aus dem alten „eisgekühlt“-Muster auszubrechen und was anderes zu probieren. Ich finde darüberhinaus höchst unterhaltsam, wie in diesem Cocktail die Themen, die Seale oft umtreiben, auftauchen – Rum, Süßwein, Zucker.

The Richard Seale


The Richard Seale
1⅔ oz Foursquare-Rum
⅓ oz Madeira
1 Teelöffel Zuckersirup
3 Spritzer Orange Bitters
Warm rühren und in einem Cognacschwenker servieren.

[Rezept nach Ian Burrell]


129€ für eine Flasche Rum hören sich nach viel an, tatsächlich bewegen wir uns hier aber, was Highend-Rum angeht, erst im mittelpreisigen Segment, da ist noch viel Luft nach oben. Meine Meinung, dass das Preisleistungsverhältnis ab einer gewissen Größe (diese ist natürlich individuell festzulegen, bei mir liegt sie aktuell bei ca. 70€) plötzlich extrem schnell abschmilzt, bleibt dennoch bestehen.

Ungefähr Dreiviertel der Flasche habe ich im Rum-Club auf Facebook mit anderen Rumfreunden geteilt, die nicht dasselbe Glück wie ich hatten, eine Flasche davon im Lotteriespiel des Erwerbs ergattern zu können. Gerade für so seltene Abfüllungen ist es geradezu Pflicht für jeden echten Rumfreund, derartig besondere Tropfen mit Freunden zu teilen, und ihn nicht geizig für sich zu behalten, ihn im Regal als Schaustück vergammeln zu lassen oder ihn bei Ebay als Spekulationsobjekt auf peinlichste Weise an den Meistbietenden zu verhökern (außer, der Käufer öffnet und trinkt die Flasche dann tatsächlich selbst; etwas, was meiner desillusionierten Erfahrung nach dann aber selten geschieht und die Spekulationskette nur in anderen Händen weiterführt). Nur durch das breite Teilen eines Rums wie diesem kann allgemein klar gemacht werden, wie fantastisch guter Rum sein kann.

Weight Watchers in der Bar – Zucker- und alkoholfreie Cocktails

Wir leben in einer Zeit, in der Adipositas, Diabetes, Zöliakie und Laktoseintoleranz zum Alltag gehören. Doch nicht nur die Betroffenen, auch gesunde Menschen wollen diesen Zivilisationskrankheiten aktiv entgegen wirken. Denn, das sieht man oft, in der Gesellschaft von heute, die hochverarbeitete, industrialisiert hergestellte und mit versteckten Zusatzstoffen versehene Lebensmittel in breiter Masse konsumiert, muss man sich gar nicht unbedingt besonders blöd verhalten, um in diese Fallen zu tappen und ruckzuck zum Betroffenen zu werden.

Cocktails und Longdrinks sind nun keine Lebensmittel, sondern Genussmittel, und fallen daher aus der Betrachtung vieler Diäten komplett heraus. Alkohol als hochkalorisches Nervengift, Zucker und Säfte, die in fast jedem Drink vorkommen, sind ebenfalls Streichkandidaten auf den Listen des Erlaubten. Was bleibt da übrig? Für mich als Genusstrinker ein unerträglicher Zustand ist, wenn Begleiter an einem Abend zerknirscht an einem Sprudelwasser schlürfen müssen, wenn sie eigentlich lieber auch einen aromatischen Cocktail hätten wie den, den ich vor ihrer Nase trinke. Dieser Artikel soll untersuchen, was als Alternative zu Geschmacksarmut zur Verfügung steht. Aufgeteilt habe ich das Ganze in drei Abschnitte, die den größten Feinden der Diät gewidmet sind. Wir schauen zunächst nach alkoholfreien Drinks, dann etwas ambitionierter nach guten zuckerfreien Cocktails, und versuchen uns am Ende auch in der Königsklasse, also einem sowohl zucker- als auch gleichzeitig alkoholfreien Rezepts.

Wir wollen uns dabei am Genuss orientieren, also nicht schlampig zusammengerührte Undefinierbarkeiten mischen, sondern etwas, das sowohl vom Optischen als auch aromatischen her ordentlichen, hochwertigen Cocktails ähnelt, so dass die Ergebnisse auch neben einem „echten“ Drink standhalten. Das Nachmischen eines klassischen Martini ohne Alkoholkomponente, hier Gin, ist eigentlich erstmal gedanklich ein aussichtloses Vorhaben, dennoch habe ich mich daran versucht – zur Zeit sind so einige Hersteller auf die Idee gekommen, aromatisiertes Wasser als Ginersatz anzubieten, und eines davon soll hier mal exemplarisch zum Einsatz kommen. Siegfried Wonderleaf ist also der Ersatz für den Gin, nun brauchen wir noch Wermut. Tatsächlich findet sich ein Wermut auf Basis von alkoholfreiem Wein: Blutul Bianco soll als süßer, alkoholfreier Begleiter her.

Siegfried Wonderleaf und Blutul Bianco

Man sieht, es wird ganz sicher kein Dry Martini, sondern geschmacklich eher ein an einen Perfect Martini angelehnter Drink; ich gehöre zu denen, die durchaus ein bisschen Wermut im Martini schmecken wollen, sonst kann ich ja auch gleich einfach Gin-on-the-Rocks bestellen. Es fehlt, wie bei allen alkoholfreien Drinks, etwas an dem Punch und der Tiefe, die kein Ersatzprodukt liefern kann – aber hat man sich damit abgefunden, ist das Ergebnis tatsächlich ein schöner, eleganter und leichter Aperitif mit Stil. Ich nenne ihn daher Easy Martini. Mit so einem Glas in der Hand muss sich kein Abstinenzler mehr schämen und verstecken, im Gegenteil. Spannend – durch die Kombination der Zutaten entsteht eine geradezu frappante Nelkennote, die in keinem der Einzelbestandteile so stark vorhanden ist. Sehr interessant!

Easy Martini


Easy Martini
3 oz Siegfried Wonderleaf
½ oz Blutul Bianco
Auf Eis rühren, in eine gekühlte Cocktailschale mit Zitronenzeste abseihen.
[Rezept nach Helmut Barro]


Die Vorkühlung des Glases und der Zutaten ist bei alkoholfreien Drinks dieser Machart ganz besonders wichtig, denn die Kälte gibt etwas benötigte Kante dazu. Die Zutaten schlagen sich also gar nicht schlecht, und sind für den Diätetiker mit ihren Inhaltsstoffen und Nährwerten gewiss einen Blick wert; auch, wer unabhängig davon mal einen Blick über den Tellerrand riskieren will, kann sich diese Produkte mal zu Gemüte führen, ich kann mir gut vorstellen, dass sie auch eigenständig, also nicht als Ersatz für etwas anderes, für die Mixologen unter uns interessant sein können.

Siegfried Wonderleaf und Blutul Bianco Nährwerttabellen

Alkoholfrei ist ja nun durchaus verbreitet, praktisch jede Kneipe hat einige Drinks ohne Alkohol im Angebot, da muss man gar nicht weit schauen oder experimentieren, wenn auch die meisten geistlosen Drinks genau das sind – geistlos und unansehnlich. Das Aroma eines Cocktails muss irgendwo herkommen, und so muss ausgewichen werden – der allseits beliebte Ipanema beispielsweise ersetzt den Alkohol einfach durch noch mehr Zucker, als im Vorbild, der Caipirinha, eh schon drin ist. Filler wie Ginger Ale, Tonic Water, Säfte und Cola bieten durch ihren hohen Zuckergehalt den Ausgleich an Geschmack, den man durchs Weglassen des Schnapses herbeiführt. Doch man tauscht hier teuer ein: Für den an Kalorien Interessierten ist Zucker mindestens genauso schlimm wie Alkohol. Daher schauen wir mal, ob es nicht möglich ist, auf den süßen Geschmacksträger zu verzichten. Nicht nur auf aktiv beigefügten Zucker, sondern auch auf den Zucker, den Liköre, Säfte und andere Zutaten manchmal gar nicht zu knapp enthalten. Geht man ein Rezeptbuch diesbezüglich durch, wird man erstaunt sein, wie wenige Cocktails es ohne Liköre und Säfte in die Listen schaffen – man muss wirklich mühsam suchen, und in vielen Büchern wird man gar nicht fündig. Es ist viel schwieriger, einen zuckerfreien und dennoch aromatischen Drink zu mixen als einen alkoholfreien, das habe ich gelernt – wenn man nicht einfach den Zucker durch künstliche Süßstoffe ersetzen will, das ist natürlich einfach, aber nicht viel gesünder.

Einen habe ich gefunden, der eigentlich auf Erdbeerschnaps und dem dazu passenden Beatles-Song beruht. Leicht adaptiert für die bei mir in der Heimbar vorhandenen Zutaten wird daraus eine spannende Sache – je nach verwendetem Himbeerbrand wird der Raspberry Fields Forever zwischen sehr süßlich/aromatisch und trocken/herb. Ich verwende darin am liebsten einen serbischen Rakiya, der sich großartig macht und eher in die erste Kategorie fällt. Tatsächlich vermisst man so eine zugefügte Süße gar nicht – ein guter Brand bietet genug natürliche Süße. Wer ganz auf (Frucht-)Zucker verzichten will, muss natürlich der Versuchung widerstehen, die Dekoration zu essen.

Raspberry Fields Forever


Raspberry Fields Forever
2 oz Himbeergeist oder Himbeerrakiya
½ oz Cognac

Im Glas auf Eis bauen, aufgießen mit Sprudel.
[Rezept nach Helmut Barro]


Einen kurzen Einwurf ist hier vielleicht auch aktiv verheimlichter Zuckerzusatz, wie es bei vielen Rums geschieht, wert – will man ganz hart sein, muss man auch darauf achten. Man sieht allerdings, dass zuckerfrei automatisch bedeutet, dass der Drink entweder sehr stark wird, weil er eigentlich nur aus hochprozentigen Spirituosen besteht, oder zu einem Fizz wird, weil, wenn verdünnt wird, eigentlich nur Sprudelwasser als Filler zum Einsatz kommen kann. Es gibt auch kalorienreduzierte Filler, Tonic Water Light zum Beispiel, die, will man dann doch ein paar Kalorien zulassen, ganz passabel einsetzbar sind. Hervorheben möchte ich dabei zum Beispiel auch den pH Tonic Syrup, der richtig gut funktioniert, hochwertig ist und dabei sehr viel weniger Zucker mit sich bringt als die meisten industriellen Produkte. Sein Bruder, der pH Ginger Syrup, bietet ähnliches fürs reduzierte Genießen von Ginger Ale oder Ginger Beer, wenn man sich seinen Scotch mit etwas aufgießen will.

pH Tonic und Ginger Syrup

Zu guter Letzt kommt der Punkt, über den ich mir wirklich hart den Kopf zerbrochen habe. Besonders nach den oben erzählten Erfahrungen war ich mir sicher, dass es einfach nicht möglich ist – ein sowohl alkohol- als auch zuckerfreier (oder wenigstens -armer) Cocktail. Ich stelle mich der Herausforderung, auch wenn wir uns hier in schon äußerst seltsamen Sphären der Mixologie bewegen. Wir wollen hier natürlich dennoch stilsicher bleiben und nicht ins billig-amateurhafte abgleiten, darum orientieren wir uns auch hier an einem klassischen Rahmen. Ich habe neulich den Hitchcock-Film „Der unsichtbare Dritte“ geschaut, und da in diesem Film der Zug 20th Century Limited eine gewichtige Rolle spielt, kam mir die Inspiration, den ähnlich benamten Cocktail, der diesem Zug gewidmet ist, für diesen Artikel nachzubauen, nur eben mit stark reduziertem Zucker- und Alkoholanteil. Ich betone den extremen Experimentalcharakter des nachfolgenden Drinks! Den asketischen Bedürfnissen unseres Jahrhunderts zu Ehren nenne ich ihn dann entsprechend Twenty-First Century Cocktail.

Twenty-First Century Cocktail


Twenty-First Century Cocktail
2 oz Siegfried Wonderleaf
¾ oz Blutul Bianco
½ Teelöffel Hershey’s Sugar-free Chocolate Syrup
¾ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken und mit Zitronenzeste garnieren.

[Rezept nach Helmut Barro]


Der aufmerksame Leser sieht, dass ich nicht komplett auf die Feinde verzichten konnte, denn den Fruchtzucker der Zitrone und den Zucker im Blutul muss man in Kauf nehmen. Immerhin habe ich neben den bereits zum Einsatz gekommenen Zutaten noch einen zuckerfreien Schokoladensirup entdeckt, der, sehr vorsichtig dosiert, die Crème de Cacao des Originals ersetzen soll. Das geht ganz nett, und das Ergebnis überrascht selbst mich – nachdem ich an den Verhältnissen gespielt habe, der erste Versuch war zugegebenermaßen desaströs; zuviel des Schokosirups, und selbst nur ein wenig zuviel, führt zu einem Drink, der ausschließlich nach verdünnter, gesüßter, gewürzter Trinkschokolade schmeckt, und außerdem optisch äußerst unansehnlich wird.

Hershey's Sugar-free Chocolate Syrup

Wir sehen, mit Willen, Können und Ausdauer lässt sich selbst für den Abstinenzler und den Weight Watcher etwas ins Glas zaubern, was eventuell auftretende Cocktailgelüste einigermaßen befriedigen kann, und einem weder die Askese, eine zusätzliche Insulinzugabe oder Bauchschmerzen wegen Übelkeit noch den Verzicht auf Stil und Klasse aufdrängt. Und die Bikinifigur 2022 rückt darüberhinaus in greifbare Nähe!

Eine wichtige Anmerkung allerdings zum Schluss. Ich habe hier immer versucht, bestehende Rezepte nachzubauen, mit alternativen Zutaten. Letztlich ist es aber nicht das, was das Ziel sein sollte. Ähnlich wie Vegetarier leckere Gerichte kochen, die nicht Wurstimitate sind, muss vielleicht auch die Barwelt sich Gedanken machen, echte Alternativen, und nicht Imitate anzubieten: Also, Mixologen der Welt, seht in die Zukunft und erkennt, dass dies ein spannendes Feld für Euch und Eure Kreativität ist!

Kurz und bündig – Hampden Estate Pure Single Jamaican Rum 7y 46%

Normalerweise setze ich mich, wenn ich ein Sample einer Spirituose erhalte, für mich hin, und beschäftige mich in winzigen Schlückchen lange mit dem Produkt. Ich hatte das Sample des Hampden Estate Pure Single Jamaican Rum 7y 46% über die Weihnachtsfeiertage mit in die Heimat zu einem Familienbesuch genommen, und wollte dort in einer ruhigen Stunde meine Tastingsnotes schreiben. Nun habe ich nicht mit dem Interesse und dem Durst meiner Verwandten gerechnet – nach drei Flaschen Champagner, ein paar Kostproben von anderen Spirituosen und fröhlichen Diskussionen über Zutaten für hausgemachte Rumkugeln wollte ich den Mittrinkern dann doch nicht vorenthalten, ihnen den Eindruck von gutem jamaikanischem Rum mitzugeben. Voller Vertrauen habe ich also dieses Sample ausgepackt, eingeschenkt, und gehofft, dass mein Optimismus mich nicht enttäuscht. Es gab interessante Reaktionen, nur soviel möchte ich sagen – ich bin froh, dass noch ein paar Schlucke übrig blieben, um meine Tasting Notes später doch noch zu schreiben.

Hampden Estate Pure Single Jamaican Rum 7y 46%

Dieser Rum ist ungefärbt, und strahlt trotzdem in dunklem, kräftigem Bernstein. 7 Jahre Reifung rein in den Tropen (ja, es macht einen Unterschied) haben diese Farbe ins Glas gezaubert; ich freue mich, wenn sich ein Hersteller dazu entscheidet, die Färbung wegzulassen und sich stattdessen auf sein Produkt verlässt. Die Flüssigkeit ist ölig und bewegt sich langsam im Glas.

Jamaica-Rum ist selbst für Rumanfänger leicht identifizierbar, denn alles, was der Laie so an Rumaromen in Schokoladen und Kuchen kennt, stammt im Endeffekt aus einer jamaikanischen Fermentation. 100%-Pot-Still-Destillation hat diese Aromen veredelt – Ananas, Zimt, überreife Banane, Schokolade, Milchkakao, ganz viel Marzipan. Ich will nicht übertreiben, aber das ist herrlich, cremig, süß, dabei aber funkig und frech.

Sehr mild, weich und süß im Antrunk (hier sprechen wir von einer natürlichen, feinen Süße, denn der Rum ist nicht künstlich nachgesüßt), schokoladig, mandelignussig, mit milder Frucht aus der Biotonne, wo sie schon eine Weile lag – für Kenner ist das ein Kompliment. Im Verlauf entsteht sehr langsam etwas Würze, immer mehr, bis zum mildpfeffrigen, sehr trockenen Abgang, der aromatisch sehr lang mit Banane, Kirsche, Minze und Ananas am Gaumen bleibt, und im Rachen und im Magen ein warmes Gefühl hinterlässt.

Ausgesprochen trinkbar, sehr gefällig, aber dennoch charaktervoll und typisch. Eine wirklich schöne Abfüllung, die dankenswerterweise nicht eine von denen ist, bei denen man schnell zuschlagen und mehrere hundert Euro auf den Tisch legen muss – offizielle Abfüllungen mit länger geplanter Laufdauer wie diese hier haben auf jeden Fall ihre Vorteile. Der Hampden Estate Pure Single Jamaican Rum 7y 46% ersetzt jedenfalls die bisherigen Empfehlungen, die ich für jamaikanischen Rum hier gegeben habe, als die Referenz für Anfänger wie Profis – und er macht sicherlich abartig gute Rumkugeln. Ich bin gespannt auf die stärkere Overproof-Variante, die ebenfalls erhältlich ist, und hier auch demnächst vorgestellt werden wird.

Offenlegung: Ich danke dem Importeur Kirsch Whisky für die kostenlose Zusendung des Samples dieses Rums.

Fass(ungs)los – Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum

Es ist eine große Investition in die Zukunft, die man als Hersteller von braunen Spirituosen tätigen muss. Gebrannt ist schnell, wenn man das Equipment und Knowhow mal hat, doch die Kehlen der Kunden verlangen eher selten nach frisch aus der Destille gelaufenem, weißen, klaren Sprit; sie wollen dunkle, braune Flüssigkeiten, die nach Vanille und Karamell schmecken. Der Zufall, der einst die frühen Brenner dazu brachte, ihre Destillate in Holzfässern zu lagern, die dann den Geschmack entscheidend beeinflussten, ist heute ganz selbstverständliche Praxis geworden. Doch diese jahrelange Ruheperiode ist halt eben eine Investition – man kann in vielen Spirituosenkategorien seinen Stoff erst 10, 12 oder 20 Jahre später vernünftig verkaufen.

Das muss doch auch anders gehen, denken sich findige Geister. Man fährt ja heutzutage auch nicht mehr in Pferdekutschen oder surft mit einem langsamen Quietschmodem, dieser Prozess der Reifung muss doch zu beschleunigen sein. Und so haben wir heute das Highspeed-LTE-Äquivalent der Rumwelt im Glas, den Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum. Dieser Rum ist, wie man auf dem Foto erkennen und aus dem Namen ablesen kann, von brauner Farbe, und hat dabei aber in seiner kurzen Reifezeit von „wenigen Wochen“ (eigene Aussage auf der Webseite des Herstellers) nie ein Fass von innen gesehen. 10 Jahre Fassreifung sollen durch das neue Hightech-Verfahren eingespart werden können, und der Geschmack dabei gleich sein. Ich bin extrem skeptisch, was solche Aussagen angeht, musste aber aus rein professionellem Interesse dann den Versuch wagen. Haben wir hier die Zukunft des Rums vor uns?

Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum

Die Farbe ist tatsächlich der vergleichbar, die ich bei einem natürlich gereiften, ungefärbten 10 Jahre alten Rum erwarten würde. Eine leichte Trübung stört den Eindruck und deutet eventuell auf die Art des Verfahrens hin, das eingesetzt wurde – da keine Details darüber veröffentlicht werden, gehe ich einfach mal von einer Druck-Hitze-Intensivkur mit Holzchips aus. Der Boilerrum bewegt sich wie Wasser im Glas, keine Form von Öligkeit oder Schwere ist erkennbar.

Im Geruch erkenne ich zunächst Getreide. Da ist eine gewisse Vanillekomponente, etwas Kirsche und Aprikose, vielleicht aber eher Hubbabubba-Kaugummi; ja, das ist es – Kaugummi. Ein mehr geahnter als tatsächlicher Hauch von Rauch. Doch insgesamt, um ehrlich zu sein: Es riecht wie Vodka, der künstlich aromatisiert wurde, nicht wie Rum. Bei „achtfacher“ Destillation ist es auch kein Wunder, wo soll da noch Rumaroma übrig geblieben sein.

Der Geschmack ist leicht, typisch für einen hochdestillierten Multi-Column-Still-Rum. Wenig Körper. Sehr süß, viel Vanille, viel Hubbabubba. Diese Rauchkomponente ist auch geschmacklich vorhanden, das spannendste an diesem Rum. Er wirkt oberflächlich, klar, ohne Breite, sehr künstlich. Die auf der Webseite angepriesene Mildheit finde ich nicht, da ist viel Alkoholhauch  und -feuer und Pfeffer, insbesondere im aromatisch extrem kurzen Abgang. Der Nachhall ist dezent rauchig, erinnert mich mit meiner überbordenden Fantasie entfernt an Mezcal.

Als Vergleich für die Alterseinordnung dienen mir hier ein 3-bis-5-jähriger karibischer Blend (Compagnie des Indes Caraïbes), ein gesüßter Column-Still-Dominikaner ohne Altersangabe (Atlántico Gran Reserva) und ein tatsächlich echte 7Jahre alter Kubaner (Havana Club 7). Keine unfairen Bedingungen, wie man sieht, leichte Rums allesamt, keine superaromatischen Single-Cask-Abfüllungen, und recht unterschiedliche Stile, denn es geht nun ja nicht um den tatsächlichen Geschmack, sondern mehr um den Eindruck des Alters, der sich auch unabhängig vom Geschmack äußert. Der Boilerrum wirkt gegen alle  extrem dünn, jung, unrund, aromenarm und alkoholisch, das ist gar kein echter Wettbewerb. Die Konkurrenten schlagen ihn ohne jede Mühe und Aufwand. Ich habe, so hart es klingt, diverse ungereifte, weiße Rums in meiner Heimbar, die den Boilerrum deklassieren in Bezug auf Reife und Rundheit.

Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum Glas

Man kann diesen Rum wenigstens als schönes Beispiel dafür hernehmen, was Fassreifung alles mit einem Destillat anstellt. Es geht halt eben nicht nur um Farbe und Aromenübergang, sondern auch um das Atmen über Jahre durch den Filter des Fassholzes, das sich Setzen des Destillats, die Interaktion mit der Umgebung. „Reifung“, das Wort allein drückt es eigentlich schon aus: Per Definition gehört Zeit dazu. Man kippt nicht Enzym XYZ in den Tank und bekommt damit ein gereiftes Produkt, höchstens eins, das einem Reifung vortäuscht. Ist es das, was wir wollen? Es dem Hersteller möglichst einfach zu machen, uns etwas zu verkaufen, das dem, was wir eigentlich wollen, ähnelt, ein Rumersatzprodukt? Nichts anderes ist der Boilerrum, in der gleichen Kategorie wie Analogkäse und Formfleisch.

Mit Holz aromatisierter Vodka, das ist der Eindruck, den der Boilerrum hinterlässt. Butter bei die Fische – das Reifungsverfahren kann im Endeffekt so gut sein wie es will, wenn das eingesetzte Destillat nichts taugt, wird es nichts bringen – es kann ja keinen Zuckerrohrvodka in Rum verwandeln.

Fürs reine Genießen halte ich diesen Rum in dieser Form also für ungeeignet, sowohl von der physischen Aromatik als auch von der psychischen Genusskomponente her. Wer mich kennt, weiß, dass ich derartig klassifizierte Spirituosen auch ungern in Cocktails einsetze – wozu auch, man braucht gute Zutaten für einen guten Drink. Letztlich landen solche Produkte dann in Rezepturen, in denen sie nicht der Hauptdarsteller sind, sondern mehr eine unterstützende Rolle spielen. Im Kerala Cocktail braucht man einen leichten Rum, da kann der Boilerrum seine Dienste mehr oder weniger zufriedenstellend tun, die Aromen liefern andere Zutaten, und er muss so nicht gegen seine eigenen Marketingfuzzis kämpfen, die ihm ein Image aufzwingen, das er nicht ausfüllen kann.

Kerala


Kerala Cocktail
5 Kardamom-Schoten im Mixglas andrücken
1 oz leichter Rum
1 oz Bourbon
½ oz Ananassaft
½ oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
1 Spritzer Angostura
1 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken. Doppelt abseihen.
[Rezept adaptiert nach Joaquín Simó]


Letztlich missfällt mir fast alles an diesem Produkt, vom Geschmack mal ganz abgesehen. Die Wortwahl „bionaturally designed rum“ widerspricht allem, was ich in einer Spirituose sehen will, ich brauche keine Designer für einen guten Rum. Was an dem Verfahren mehr „bionatural“ sein soll als eine einfache Fassreifung ist mir auch unklar – wahrscheinlich soll damit der Verzicht auf unnötige Zusatzstoffe verklärt werden, etwas, was ich als Grundlage jeder gut gemachten Spirituose aber sowieso erwarte. Das großmäulige Versprechen, den Effekt von 10 Jahren Fassreifung in wenigen Wochen zu erreichen, das in keiner Form eingehalten werden kann, kommt dazu. Die süffisante Herablassung über karibische Herstellung in Kombination mit dem Stolzsein auf achtfache Destillation (!) zeugt davon, dass man keinerlei Interesse an Rum an sich hat. Und schließlich das Gerede übers Klonen auf dem Rücketikett und das Klonschaf Dolly als Wahrzeichen – wow, die haben echt den Knall nicht gehört oder auf die Kundschaft, die Natürlichkeit fordert, und nicht Laborprodukte.

Holzfassexperten, wie die Leute von der Independent Stave Company, mit denen ich in einer Masterclass-Veranstaltung bei meiner Reise zum Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles in Plovdiv (Bulgarien) im August 2018 reden konnte, bestätigen, dass derartige Verfahren auch von den Holzprofis erforscht und mit wachem Auge verfolgt werden – für sie ist es aber in weiter Ferne, dass ein traditionelles Holzfass durch technische Verfahren bei der Reifung von Spirituosen ersetzt werden könnte. Ich stimme ihnen zu, nachdem ich den Boilerrum probiert habe. Reden wir in 10 Jahren nochmal, mit verbesserter Technik und einem sehr viel besseren Basisdestillat – in dieser Form ist das Müll und keine Werbung für das Verfahren.

IGP, AOC und andere ggAs – Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe

Redet man über Rhum Agricole, beginnt das Missverständnis meist schon im ersten Satz. Selbst Rumexperten verwenden die allerersten Basisbegriffe wie „agricole“ oft, ohne eine wirklich klare Vorstellung davon zu haben, wie komplex die rechtliche und terminologische Lage diesbezüglich ist. Ich will gar nicht auf diese Schwierigkeit eingehen, sondern einen großen Schritt von dieser schwierigen, für mich selbst noch unklaren Schwammigkeit nach vorne an die klar definierte Front machen, und dabei das immer noch häufig gehörte Missverständis aufklären, dass jeder rhum agricole automatisch nach den strengen Regeln des AOC hergestellt wird. Die Kette ist eigentlich klar: Nicht jeder Zuckerrohrsaftbrand ist ein Rum, nicht jeder auf französischen Gebieten hergestellter Rum ist Rhum agricole, nicht jeder Agricole aus derartigen Gebieten ist AOC.

AOC, Appellation d’Origine Contrôlée, ist ein Schutzmechanismus, der nur an sehr ausgewählte Produkte der teilnehmenden Länder vergeben wird (bei dieser französischen Variante eben Frankreich und Schweiz); bei weitem nicht jeder rhum agricole erhält ihn. Zur Zeit hat nur die Insel Martinique das Recht, ihren Rum, der nach diesen sehr explizit formulierten Regeln hergestellt wird, mit diesem Siegel zu markieren. Ein Beispiel für ein nicht-AOC-Rum-produzierendes französisches Gebiet ist Martiniques Nachbarinsel Guadeloupe. Um die Sache zu verkomplizieren, ist der Rum, der dort hergestellt wird, trotzdem auch geschützt – nicht über das AOC-Siegel, sondern über dessen kleinen Bruder, das IGP-Siegel (Indication Géographique Protégée). Kleiner Bruder deshalb, weil die Strenge der Vorgaben, was die Produktionschritte angeht, in diesem Fall doch erkennbar geringer ausfällt – statt detaillierten Vorgaben reicht es schon, wenn die Herstellung allgemein in der angegebenen Region erfolgt, um das Siegel bekommen zu können, das von der EU verliehen wird, nicht von einer unabhängigen Kontrollinstanz, wie das bei AOC der Fall ist.

Wir betrachten in diesem Zusammenhang einfach mal einen Rum – der Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe ist so ein Produkt der Insel Guadeloupe, das das IGP-Siegel trägt. Er wird in der Bellevue-Destillerie für den langjährigen Besitzer der Destille, Damoiseau, den größten Rumhersteller Guadeloupes, gebrannt, und lagert dann mindestens 3 Jahre im Eichenfass, um die Alterskategorie „VO“ zu bekommen.

Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Flasche

Für diese kleinen 3 Jahre weist der Rum eine überraschend kräftige Farbe auf, ein dunkles Kupfer mit goldenen Reflexen. Das lädt direkt dazu ein, die Nase ins Glas zu halten – dort findet man dann erstmal ein schönes Entrée von Zitrusfrüchten. Agricoletypische Noten tauchen schnell auf, Heu und Malz. Leise Anklänge von Kaffee und Schokolade, im Untergrund etwas Pferdedecke.

Der Geschmack überrascht dann zunächst leicht. Honig ist ganz deutlich präsent, ebenso Schwarztee. Passend dazu ist der Eindruck richtig süß, mild, ohne echte Kante und Ecke. Vollmundig und dicht, der Damoiseau VO fühlt sich fast schon dickflüssig im Mund an, wenigstens aber ölig. Leicht grasige Aromen, begleitet von etwas kühler Eukalyptusschärfe im Verlauf. 42% Alkoholgehalt kann man im Ansatz riechen und schmecken, ein paar Jahre mehr werden für noch bessere Einbindung sorgen.

Der Abgang wird sehr trocken, der ganzen Süße im Antrunk spottend. Ansprechend mittellang. Im Nachhall entdecke ich Vanille, noch mehr Heu. Sehr warm und wohlig läuft der Rum den Rachen hinunter und verweilt dort etwas. Ich finde das einen perfekten Rum für Leute, die bisher eher Süßrums im Blickfeld hatten und Agricoles mit Misstrauen beäugen, die grasig-holzigen Komponenten schwierig finden und sich eher gemütlich verwöhnen wollen. Der Abgang ist für diese vielleicht etwas ungewohnt würzig, doch nie unangenehm.

Es gibt unendlich viele Cocktailrezepte, die Rum einsetzen, in all seinen Spielarten. Meist ist dabei rhum agricole nicht die Zutat der Wahl, denn sein doch leicht anderes Aromenprofil würde dafür sorgen, dass die Gesamtaromatik in eine sehr andere Richtung kippt. Für den Damoiseau VO gilt das meines Erachtens nicht – er passt sich gut in Standardrumrezepte ein. Der Agricole Malecon zeigt dies; er wird normalerweise als Malecon mit Melasserum gemacht.

Agricole Malecon


Agricole Malecon
1¾ oz Rhum agricole (z.B. Damoiseau VO)
½ oz Tawny Port
oz Oloroso-Sherry
1 oz Limettensaft
2 Teelöffel feiner Zucker
3 Tropfen Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Erik Lorincz]


Ich kann mit der Art von Schraubverschluss, die sich auf dieser Flasche befindet, bei Spirituosen sehr gut leben – ich brauche keinen Korken, wenn so ein hochwertiger Plastikschraubverschluss es auch tut. Bei dem wirklich richtig guten Preisleistungsverhältnis (man bezahlt in Frankreich im Supermarkt um die 20€ für die 70cl-Flasche) wäre auch jedes Meckern diesbezüglich scheinheilig.

Also, wer sich vor Rhum Agricole bisher gefürchtet hat, greife hier unbesehen zu. Auch bereits Initiierte, die nach einem wirklich milden, vollmundigen Schluck für zwischendurch oder als Cocktailzutat suchen, werden es nicht bereuen, sich diesen Tropfen ins Regal zu stellen.

Ab nach Walhalla – Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum

Die Welt war vor einigen Jahrzehnten noch in Ordnung. Whisky kam aus Schottland, Irland und den USA, Agavenschnaps aus Mexiko, Weinbrand aus Frankreich, Vodka aus Polen und Russland. Und Rum? Rum kam aus der Karibik, alles andere war gepanschter Schmu. Ja, die Zeiten ändern sich. Whisky ist in sehr hervorragender Qualität inzwischen aus Japan beziehbar, Südafrika stellt zwar nicht Tequila, aber doch Spirituosen aus Agavenzucker her, ich habe südamerikanischen Pisco als dem französischen Cognac in nichts nachstehend für mich entdeckt, und Vodka – naja, manches ist beim alten geblieben, auch wenn sehr schöne Ausnahmeprodukte inzwischen auch in Deutschland hergestellt werden (Freimut, zum Beispiel).

In dieser neuen Weltordnung hat selbst Rum keine Sonderstellung inne mehr inne. Während die Basismaterialien für viele anderen Spirituosen weltweit recht problemlos angebaut werden können (Getreide, Trauben etc.), ist Zuckerrohr ein tropisches Gewächs. Die Herstellung ist daher eigentlich auf entsprechende Gebiete konzentriert, doch im Zuge der Globalisierung sind wenig verderbliche Basismaterialien, wie Melasse bei Rum, aber gern um die halbe Weltkugel unterwegs, so dass selbst im klimatisch unwirtlichen Deutschland Rum gebrannt werden kann – experimentierfreudige Brenner wie Severin Simon versuchen also, den karibischen Altmeistern die Schau zu stehlen, mit hochwertigen artisanalen Produkten. Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum will dabei offensichtlich auf eigenen Füßen stehen, ohne künstliche Anbiederung an tropische Gefühle. Ich habe mir eine der schnuckligen 35cl-Flaschen bei einem Besuch in der Destille mitgenommen. Schauen wir mal, ob der deutsche Rum was taugt, und wie er sich in internationaler Konkurrenz schlägt!

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Flasche

Die 4 Jahre Reifedauer im Barrique aus regionaler Spessarteiche haben, wenn man die Farbe betrachtet, ihren Zweck optisch erfüllt – ein strahlendes Safran mit orangenen Reflexen; schön insbesondere, weil nicht künstlich nachgefärbt. Dicke Beine laufen am Glas langsam ab, eine leichte Öligkeit ist sichtbar.

Das Ex-Mackmyra-Fass, in dem der Thorslund für 6 zusätzliche Monate ruhen konnte, zeigt sich dann auch in der Nase. Ein Touch von Whisky liegt da im Untergrund, darüber eine Schicht Getreide, eine kräuterige Zwischenschicht aus Dill und Kümmel, und zur Krönung obenauf hochtönig noch ein paar Obstaromen (Apfel und Birne, würde ich sagen). Besonders schön für die, die die Destille besucht haben und sich erinnern können – man kann die Aromatik der Melasse, aus der dieser Rum gebrannt wurde, tatsächlich noch riechen.

Im Antrunk wirkt der Thorslund erstmal natürlich süß und weich. Die Breite, die man zu Beginn schmeckt, erhält sich, doch bald kippt die Süße um in kantige Trockenheit. Heimlich schleicht sich eine starke Bittere mit ins Bild. Ich schmecke vergorene Ananas, geröstete Gerste, Anis, etwas Apfel und Banane, und fast schon etwas Armagnac. Die Intensität, mit der die Aromen geliefert werden, ist berauschend. Sehr spannend, sehr vielschichtig, sehr aromatisch. Dieser Rum hält sich nie zurück, und ist trotz der 48,8% Alkoholgehalt dabei nirgends kratzig oder beißend. Der Abgang ist voller Haselnüsse, ultratrocken, heiß und lang, erinnert mich dabei sensorisch an eine verrückte Mischung aus jamaikanischem Funk und norddeutschem Kornbrand. Da ist Dampf ohne Ende drin.

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Glas

Ah, wer hier nicht direkt zum Fan deutschen Rums wird, den bedaure ich. Ganz klar: Der Thorslund kann ohne Mühe mit den besten Produkten der großen karibischen Namen mithalten. Das ist ein herrlicher, superaromatischer und dabei so wunderbar unkomplizierter Rum, bei dem ich es extrem bedauere, nur eine Flasche erworben zu haben – bei einer Limitierung auf 150 Flaschen ist es wohl aussichtslos, nochmals eine davon abzustauben, für die schlechten Tage, wenn man nach vielen Samples mittelmäßigen Rums einen Lichtblick gut gebrauchen könnte.

Immer wieder lese ich, dass man hochwertige Spirituosen nicht in Longdrinks oder Cocktails vermischen soll. Nun, selbst Trader Vic hat einen 17-jährigen Wray&Nephew, der heutzutage wahrscheinlich kaum bezahlbar wäre, in seinem originalen Mai Tai untergebracht, und ihn nehme ich mir diesbezüglich gerne als Vorbild. Daher kommt der Thorslund in einen Cocktail, wie eigentlich alle Spirituosen, die ich auf meinem Blog bespreche. Kein Tiki-Cocktail, sondern was kleines, feines – im Pedro Martinez kommt er besonders schön zur Geltung.

Pedro Martinez


Pedro Martinez
1½ oz gereifter Rum (z.B. Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum)
¾ oz roter Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
¼ oz PX Sherry (z.B.  La Cigarrera Pedro Ximénez)
2 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Bryan Schneider]


In der Valkyrie-Reihe hat Severin Simon auch noch zum Beispiel den Castanea im Portfolio, der statt in Whisky-Fässern in Kastanienholz reift. Natürlich folgt eine Besprechung jenes Rums auch noch. Die nordische Mythologie als Storytelling-Rahmen für den Rum gefällt mir gut, ebenso die Illustrationen auf den Etiketten, die wie auch der Schriftsatz edel wirken, ohne sich allzusehr dabei zu verkaspern. Ein praktischer, qualitativer Schraubverschluss ist für mich eine gute Alternative zum Korken. Sehr wichtig für mich –  dieser Rum ist ungefärbt und ungesüßt. Ein paar Infos darüber, wie auch über die doch nicht alltägliche Herstellung und Reifung, hätte ich mir auf einem eventuellen Rücketikett gewünscht.

Wenn es solch großartigen Rum in Walhalla gibt, hat der Tod seinen Schrecken für mich verloren, und ich freue mich auf die Walküren, die mich dann irgendwann mal dorthin bringen.

Kurz und bündig – Mount Gay Pure Silver

Urlaubsmitbringsel! Herrlich! Es freut einen, wenn die Kollegen an einen denken, selbst im Urlaub. Und wenn man dann sogar noch was mitgebracht kriegt, freut man sich doppelt. Dreifach sogar, wenn es sich um ein Sample eines bajanischen Rums handelt! Vierfach, wenn das Sample tatsächlich auf Barbados gekauft wurde. Fünffach, wenn man schon vor der Verkostung weiß, dass es sich um qualititativ hochwertigen Rum handelt, wie den Mount Gay Pure Silver. Diese Besprechung basiert auf genau so einem mitgebrachten 5cl-Sample.

Mount Gay Pure Silver

In Deutschland ist dieser Rum in dieser Form, soweit ich weiß, nicht leicht erhältlich. Es gibt den Mount Gay Silver, der allerdings nur 40% aufweist, während der Pure Silver 43% Alkoholgehalt hat. Es handelt sich dabei um einen gereiften Rum, der mindestens 2 Jahre er in Ex-Bourbon-Fässern lagerte, und dem die Farbe dann wieder entzogen wurde – entsprechend klar ist er nun. Der Geruch ist erstmal deftig, und fast ausschließlich, lösungsmittelig. Eine tieferliegende Dunkelheit in der Aromatik deutet auf das Alter hin. Etwas Getreidecharakter ist da, dadurch erinnert der Pure Silver mehr an Vodka als an Rum.

Im Antrunk ist der Bajaner sehr süß, das bleibt auch im Verlauf bis zum Schluss die Grundtendenz. Lösungsmittel auch im Geschmack, dazu Getreide, hm, wäre nicht die wirklich tiefe Süße, ich würde es für Vodka halten. Ist das ein Kompliment für Rum? Eher nicht. Der Abgang ist glühend heiß, aber nicht brennend, bis tief in die Speiseröhre hinunter. Das gefällt mir, unzweifelhaft hat der Pure Silver ordentlich Power und Volumen, doch aromatisch bleibt er leider arg kurz, ein milder Eisenton ist schon alles.

Nun, das ist sicher kein Rum, den ich mir abends so vor dem Fernseher eingießen würde, da kann er noch so sehr aus einer Traditionsbrennerei stammen. Seine Kraft und dicke Schwere ist letztlich sein einziger Vorteil, denn sonst hat er sensorisch kaum etwas zu bieten. Bei Melasse-Rum mit hohem Column-Still-Anteil ist es halt wie bei Whisky (und anders als bei Tequila und Cachaça!) – er braucht das Fass, um attraktiv zu werden, und das mehr als 2 Jahre. So bleibt, so leid es mir tut, nur die Freude über das Geschenk. Diese überwiegt natürlich alles, da ist der Geschmack letztlich auch zweitrangig.