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Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole Titel

Kurz und bündig – Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole

Es ist schon eine kleine Weile her, dass ich den letzten Rhum Agricole im Glas hatte – sehr attraktive Melasse-Rums und andere Spirituosengattungen hatten in letzter Zeit meine Aufmerksamkeit eingenommen. Es wird also Zeit, dass diesem unhaltbaren Zustand endlich wieder Abhilfe geschaffen wird! Der Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole kommt da gerade recht. Es handelt sich bei ihm um einen Blend von martinikanischen Rums, die jeweils mindestens 6 Jahre gereift wurden. Das ganze wird mit 42% Alkoholgehalt abgespielt.

Färbung ist auch bei den strengen Regeln des AOC, denen dieser Rum unterliegt, erlaubt. Entsprechend vorsichtig beurteile ich, wie immer, die Farbe; zumindest scheint sie mir mit ihrem hellem Bernstein für das Alter der Assemblage glaubwürdig zu sein. Nur leichte Schwere ist beim Schwenken zu erkennen, die dabei enstehenden Beine bleiben fast an einer Position stehen, so langsam laufen sie ab.

Ich bin bei der Geruchsprobe sehr überrascht – ein extrem stechender, beißender Klebstoffgeruch ist alles, was ich zu Beginn wahrnehme, dermaßen penetrant, dass ich kaum die Nase ins Glas halten kann. Also erstmal eine Weile offen stehen lassen, denke ich – und tatsächlich, nach einer Weile öffnet er sich und die Beißzange verfliegt etwas, ohne aber ganz zu verschwinden. Schöne Reifungsnoten blitzen nun auf, Vanille und getoastetes Holz, Muskatnuss, Heu. Insgesamt ein recht würzig-aromatischer Antritt.

Saint James Cuvée 1765 Rhum Vieux Agricole

Im Mund ist der Saint James Cuvée 1765 sehr breit, dabei aber auch etwas flach. Die Würzigkeit steht im Antrunk noch Vordergrund, dort aber schon untermalt von cremiger, marmeladiger Süße. Erdbeeren, Mango, Honig und Vollmilchschokolade melden sich an und übernehmen immer mehr das Ruder. Im Mittelteil beginnt sich eine feine, dezente Chilischärfe ausmachen zu lassen, die schließlich stärker und dominanter wird.

Der Abgang ist dann aber wieder sehr süß, kühlender Eukalyptus breitet sich aus, er wird nicht zu trocken, leicht adstringierend; erneut habe ich die starke Assoziation zu Marmelade oder Erdbeerkompott. Insgesamt wirkt er mittellang auf mich, insbesondere die Fruchtnoten hängen lange nach, und er klingt mit ein paar kiesigen, grasigen Eindrücken aus.

Diese Kurzbesprechung basiert auf einem 5cl-Sample, die volle 700ml-Flasche kostet um die 50€. Das kann man durchaus ausgeben für diesen Rhum, wenn man nicht ausschließlich auf supertrockene Exemplare steht. Gerade das sehr aparte An- und wieder Abschwellen der Schärfe und die Eukalyptusfrische finde ich toll; mir persönlich ist der Saint James Cuvée 1765 aber letztlich im Gesamtbild einen Ticken zu unverbindlich, als dass ich ihn in Zukunft in die ganze enge Wahl ziehen würde.

Kill Devil Nicaragua 17y Single Cask Rum Titel

Kurz und bündig – Kill Devil Nicaragua 17y Single Cask Rum

Verkostet wird hier in diesem Kurzreview, das auf einem 10cl-Sample beruht, der Kill Devil Nicaragua 17y Single Cask Rum. Meine bisherigen Erfahrungen mit Kill Devil waren durchweg positiv – wie schlägt sich der Mittelamerikaner, insbesondere, da ich ansonsten eher mäßige Begeisterung für Rums aus diesem Teil der Welt aufbringen kann?

Die Farbe, ein helles Kupfer mit strohigen Reflexen, ist zunächst unauffällig. Der Rum bewegt sich ölig schwer im Glas. Er ist ungefärbt, daher um so schöner. Der Geruch verbreitet sich schnell nach dem Einschenken. Süße Noten herrschen vor – Karamell, Rosinen, Vanille. Hält man die Nase ins Glas, ist zunächst aber Lack dominierend, und sehr starke Eichenaromen. Viele Nüsse und Tabak kommen durch.

Kill Devil Nicaragua 17y Single Cask Rum

Im Mund explodiert der Kill Devil Nicaragua geradezu – supersüß, dicht und voluminös, sehr kandiszuckrig. Der Rum erzeugt dieses seltene Gefühl von „Krümeligkeit“, als wären knirschende Partikel in der Flüssigkeit, das ich sehr mag. Rosinen und anderes Trockenobst, Nüsse, Honig, und noch mehr Kandiszucker. Die 59,5% Alkoholgehalt verstecken sich aber auch nicht, die wuchtige aber durchaus angenehme Pfefferschärfe, die im Verlauf auftaucht, sorgt dafür, dass keine Langeweile aufkommt, wie es bei Rums aus Mittelamerika gern passiert. Man kann ihn überraschend gut ohne Wasserbeigabe trinken. Der Abgang ist dann würzig, fett und breit, heiß und scharf. Leider auch recht kurz – es bleibt eine andauernde adstringierende Trockenheit zurück, die schön mit der Süße des Antrunks kontrastiert. Der Nachhall ist schließlich weiterhin honigsüß. Und das beste daran: Ganz ohne Zuckerzusatz. Man sieht, es klappt!

Bezüglich Cocktails – ich kann mir diesen Rum sehr gut als Zutat in einem Perfect Rum Manhattan vorstellen.

Der Kill Devil Nicaragua wurde 1999 destilliert, reifte dann 17 Jahre in Europa, und wurde danach nicht kaltfiltriert. Nur knapp über 200 Flaschen wurden abgefüllt, es handelt sich also um einen echten „Single Cask“, der tatsächlich nur aus einem einzigen Fass hergestellt wurde – bei Bourbon und anderen Spirituosen ist es ja durchaus üblich, viele Fässer für eine „Single Barrel“-Abfüllung heranzuziehen. Hier ist der Begriff also noch puristischer und in seiner ursprünglichen Bedeutung zu interpretieren.

Ein wirklich toller Rum, der mir persönlich zeigt, dass Mittelamerika neben vielen Zuckerbomben und problematischen Produktionsbedingungen auch spannende Rums aufzuweisen hat.

Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years Titel

Auto waschen oder Rum trinken? Velier Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years

Rum ist ein Getränk für Piraten, wir kümmern uns nicht um die Herstellung, es muss einfach nur schmecken. Es muss Spaß machen. Es ist ein lockeres Getränk für lockere Leute, die sich nicht für die verknöcherten Regeln von Whisky interessieren. Es wird Zeit, dass all die Süßungskritiker endlich kapieren, dass sie uns den Spaß am Rum rauben! Bringt den Spaß zurück!

So und ähnlich hört es sich ab und zu an, was einem entgegenschallt, wenn man als Botschafter für sauberen, ehrlichen Rum unterwegs ist. Desinteresse für die Herstellung, oft etwas arme Ironie und Ad-Hominem-Angriffe sind die Hauptwaffen der Verteidiger der manipulierten Rums – und eben die oben zitierten Spaßbremsen-Vorwürfe. Dieses Argument, wir Verteidiger des Rums würden das ganze zu ernst nehmen, kontere ich mit einem leicht abgewandelten Zitat von Stephen King, das er in seinem Buch On Writing: A Memoir of the Craft für die parat hat, die meinen, eine Sache nur halbherzig und ohne Engagement machen zu können und trotzdem erfolgreich zu sein. Er bezieht sich aufs Schreiben von Romanen; ich ändere das nur in wenigen Wort ab.

But it’s RUM, damn it, not washing the car or putting on eyeliner. If you can take it seriously, we can do business. If you can’t or won’t, it’s time for you to close the bottle and do something else. Wash the car, maybe.

Irgendwie entgeht mir der Sinn der Argumentation, man könne Rum nur genießen, wenn man ihn nicht ernst nimmt. Eine der vielen Sonderregelungen, die es scheinbar für Rum gibt, die sich andere Spirituosengattungen nicht erlauben. Aber letztlich beziehe ich mich in meiner Ernsthaftigkeit auch halt nicht auf dieselben Produkte wie die Zuckerfreunde – sondern auf Dinge wie den Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years. Und der verdient es auf jeden Fall, ernst genommen zu werden und nicht nur als Spaßdroge für Happy Shiny People, die gern im Piratenslang reden, betrachtet zu werden.

Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years Flasche

Da man durch das dunkle Braunglas der Flasche die Farbe des Rums nicht erkennen kann (lobenswert! Hersteller sollten alle undurchsichtige Flaschen verwenden und sich dann entsprechend auch das dadurch unnötig gewordene Färben der Spirituose sparen, so wie der Abfüller Velier das hier wunderbar vormacht), muss man sich schon ein Gläschen eingießen, um sie beurteilen zu können – Kupfer, mit fast weißen Reflexen. Ungefärbt, um das nochmals zu betonen. Von der Konsistenz her fast schon etwas viskos.

Auch der Geruch kann sich riechen lassen – sehr buttrig-süß, weich und voller Rumester. Einen halben Meter vom Glas entfernt riecht man ihn schon. Banane, Ananas, Minze. Muskatnuss. Plastikkleber.

Wer Rum dann doch nur zum Spaß trinkt, wird vom Antrunk dieses Rums begeistert sein. Superweich und zart im Mund. Süß, Kandiszucker, Shortbread, weiße Schokolade. Ein leichtes, angenehmes Kribbeln, das diesem „Extra Strong“-Rum mit 104 Proof (entsprechend 52% Alkoholgehalt) natürlich zusteht. Dann kommt aber doch der Charakter dieser leider seit einiger Zeit geschlossenen Destille zum Vorschein: Ingwer. Piment. Ein Anflug von Diesel und Teer. Hier steigen die Spaßtrinker meist aus.

Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years Glas

Warm im Abgang, auch hier süß und mild. Eine kurze Ingwerflamme entsteht langsam, und verklingt dann aber auch schon, bevor sie den Rachen erreicht; insgesamt ist der Abgang eher kurz. Einige der Ester bleiben am Gaumen, und ein kühlendes Gefühl beim Abklingen der Hitze. Fazit? Ein ganz hervorragender Rum. Supersüß, aber ohne jede Form der Pappigkeit, den viele gesüßte Rums aufweisen.

Dieselbe der Qualität angemessene Ernsthaftigkeit, die ich diesem Rum als Purgetränk entgegenbringe, ist natürlich auch dann angebracht, wenn ich ihn mir in einem Cocktail zu Gemüte führe. Nicht jeder Feld-, Wald- und Wiesencocktail bekommt den Caroni, doch so etwas wie der Foreign Legion ist ein Paradebeispiel dafür, dass man mit hochwertigen Zutaten ein herrlich tiefes, komplexes und, ja, unterhaltsames Gesamtbild erzeugen kann. Wer meint, ab einer bestimmten Kategorie sei Rum nicht mehr als Mixer erlaubt, sollte dies überdenken.

Foreign Legion


Foreign Legion
1½ oz Rum (z.B. Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years)
½ oz Aperol
½ oz Dubonnet Rouge
½ oz Fino Sherry (z.B. Sandeman Fino)
1 Teelöffel Crème de Cacao (z.B. Giffard Crème de Cacao Blanc)
1 Spritzer The Bitter Truth Lemon Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept leicht adaptiert nach Greg Sanderson, PDT]


Die Flasche wirkt wuchtig im Regal – die breiten Schultern und der verdickte Hals machen sie fast schon zu einem NFL-Rum. Das hübsch designte Etikett hat dagegen schon fast etwas besinnliches mit nostalgischem Seemanns-Flair.

Wäre da nicht der Preis und die Seltenheit, dann gäbe es keine Existenzberechtigung mehr für die unheilige Dreifaltigkeit des manipulierten Rums, Botucal, Plantation XO und Don Papa. Doch letztere sind letztlich auch nicht billig, sondern bewegen sich schon im Preisrahmen der Hälfte dieses Rums; daher sollte sich jeder Rumfreund fragen – lieber zwei Flaschen manipulierten Pseudorum, oder eine eines hervorragenden, seltenen und in allen Belangen überlegenen Rums? Mir persönlich fällt es nicht schwer, eine Wahl zu treffen. Ich will Rum trinken – Auto waschen sollen andere.

Passarinho Cachaça Organica Titel

Spätzünder mit Biosiegel – Passarinho Cachaça Organica

Die geschätzten Bloggerkollegen von eyeforspirits.com veröffentlichten vor einiger Zeit einen Artikel mit Tipps, die von Startups beherzigt werden sollten, die eine neue Spirituosenmarke aufbauen wollen. Am Ende dieses lesenswerten Artikels wird noch ein kleiner Satz hingeworfen, der mir zu denken gegeben hat.

„An einer Stelle kann man am Ende aber doch sparen. An etwas, das in der Spirituosenindustrie nachweislich keinen Mehrwert bringt: ein Bio-Zertifikat.“

Mir ist das in seiner Allgemeinheit etwas zu ökonomisch-absatzorientiert betrachtet – ein Bio-Zertifikat mag vielleicht (obwohl ich den erwähnten Nachweis dafür erst noch sehen will) nichts bringen, was Verkaufszahlen in einer Bar angeht, für uns Endverbraucher ist es eine sehr wertvolle Sache. Gerade in der Spirituosenbranche, bei der so viel geschummelt, getrickst, gelogen und betrogen wird, wo die Herstellungsbedingungen manchmal an Grausamkeit grenzen und auf die Kurzsichtigkeit der Konsumenten gesetzt wird, sind solche Auszeichnungen nachprüfbare, sehr wertvolle Hinweise auf ein Umdenken und nachhaltige, transparente Produktion.

Passarinho Cachaça Organica Biosiegel

Der Passarinho Cachaça Organica trägt es schon im Namen, und ist stolz darauf, dass er biozertifiziert ist. Vegan ist er auch noch, wie man der Dokumentation auf der Flasche entnehmen kann. Man denkt sich bei dieser Aussage vielleicht: was soll an einer Spirituose tierischen Ursprungs sein? Wie üblich muss man tief graben, um Details wie die Verwendung von Fischblase zur Filterung oder Kuhmilch im Etikettenkleber ausschließen zu können.

Über diese marketingwirksamen Details hinaus betont der Hersteller aber auch die Tradition, in der sich der Passarinho Cachaça sieht. Er wird nach eigener Aussage nach traditionellen Verfahren produziert, dazu gehören Dinge wie das Destillieren in Alambik-Brennapparaten, das Weglassen von Zusatzstoffen ebenso wie Zucker. Eine Lagerung in  Holzfässern des brasilianischen Jequitibá-Baums komplettiert ein durchaus rundes Bild einer nichtindustrialisierten Herstellung.

Passarinho Cachaça Organica Flasche

Da die Flasche auf dem Foto nicht leer, sondern voll ist, muss über die Farbe nicht mehr viel gesagt werden. Die Konsistenz ist mittelschwer, leicht viskos. Beim Schwenken laufen aus dem Film am Glas die Beine schmal und träge ab.

Die enge Verwandschaft zu weißem rhum agricole ist sofort erkennbar – die grasig-blumigen Noten dominieren den Naseneindruck. Süßliche Tropenfrucht, aufgehellt durch Limettenschale. Aber auch eine dunkle Seite ist vorhanden; Kakao vielleicht. Sehr körpervoll und durchdringend, charaktervoll. Eine minimale Ethanolnote schwingt am Ende etwas mit.

Im Antrunk ist der Passarinho noch aromatisch vergleichsweise neutral, aber schon sehr süß, wie Milchschokolade. Im Mund liegt er weich und ohne Ecken oder Kanten, 39% Volumenprozent Alkohol sind nicht erkennbar. Eine leichte Säure entsteht. Soweit ist er bis auf die angenehme Milde, ehrlich gesagt, geschmacklich eher unbeeindruckend.

Die spektakuläre Seite zeigt er erst im Abgang – hier kommt Pfeffer und Ingwer zum Vorschein, eine sehr angenehme Wärme und ein ganz schwaches Kribbeln. Eine herrliche Bitterkeit entsteht, die Aromen von Gras, Lavendel, Nelken und Kardamom explodieren plötzlich. Der Abgang ist lang und höchstaromatisch, eine wahre Freude, die alles ausgleicht, was zuvor vielleicht unspannend wirkte. Der Passarinho braucht also eine Weile, bis er zündet, dann entsteht aber ein Feuerwerk.

Tatsächlich ist das dann doch im Gesamtbild eine Cachaça, die ich problemlos zum Purtrinken empfehlen kann. Doch selbstverständlich bedeutet das dann auch automatisch, dass sie damit gleichzeitig eine hervorragende Mixspirituose ist. Wozu verwendet man sie am besten? Ja, Cachaça, damit macht man in Deutschland im Allgemeinen kaum etwas außer Caipirinha. Ich habe nichts gegen eine Caipirinha, wenn sie gut gemacht ist (leider passiert das selbst bei einem so einfachen Rezept zu selten), ist sie ein toller Drink. Wenn man ein bisschen kreativ an die Sache herangeht, kann man aber noch mehr aus Cachaça herausholen. Der Pearl Button beispielsweise ist ein perfekter Cocktail für einen heißen Sommertag – leicht bitter, zitronig, supererfrischend.

Pearl Button


Pearl Button
2 oz Cachaça (z.B. Passarinho Cachaça Organica)
¾ oz Lillet Blanc
½ oz Limettensaft
4 oz Zitronenlimonade (z.B. San Pellegrino Limonata)
In einem Glas voller Eis bauen und kurz umrühren.
[Rezept nach John Deragon, PDT]


Die Flasche ist von der Form her unaufgeregt, um so zappeliger wird dann aber die Etikettierung. Da alle Beschriftung volltransparent direkt aufs Glas aufgebracht ist, muss man sich etwas Mühe geben, wenn man die Texte auch lesen will, da alles von der Rückseite und der Seite durchscheint und das Gesamtprodukt etwas nervös wirken lässt.

Ich bin immer sehr dankbar, wenn man merkt, dass man keine Massenspirituose in der Hand hat. Abgesehen vom Inhalt wird das bei Passarinho Cachaça Organica auch klar in der Präsentation durch oben schon erwähntes Biosiegel kommuniziert, und die auf dem Flaschenhals angebrachte Banderole enthält für uns Kenner so wichtige Informationen wie die Batch-Nummer (hier: 1), das Abfülldatum (hier: 23.08.2016) und die handschriftlich eingetragene Flaschennummer innerhalb des Batches (hier: 502). Die Batchgröße selbst wird nicht erwähnt; eine Nachfrage beim Hersteller liefert aber schnell das Ergebnis: 850 Flaschen wurden abgefüllt. Diese vergleichsweise winzige Menge passt durchaus zu den Aussagen über die handwerkliche Tradition.

Passarinho Cachaça Organica Halsbanderole

Zu guter letzt kommen wir noch zu einem kleinen Detail, das die erfreuen wird, die sich doch statt dem von mir empfohlenen Pearl Button eine klassische Caipirinha mixen wollen. An einem Umhänger wird ein kleines Papierbeutelchen mitgeliefert, das dabei hilft, den meistgemachten Fehler bei einer Caipirinha zu vermeiden – nämlich braunen Rohrzucker zu verwenden statt weißen. Das Beutelchen enthält feinkörnigen brasilianischen weißen Zucker in ausreichender Menge für ca. 2 Cocktails, und das richtige Rezept dazu.

Passarinho Cachaça Organica Umhänger

Offenlegung: Ich danke Passarinhos für die Kooperation für diesen Artikel und die kostenlose Zusendung einer Flasche ihres Bio-Cachaças.

Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. Titel

Säulen der Rumgesellschaft – Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O.

Wer sich für die Herstellung von Spirituosen interessiert, und nicht nur, ob es einem schmeckt, der stößt auf viele Variablen, die in so einem Produktionsprozess relevant sind. Vielleicht eine der wichtigsten, weil stark charaktermitbestimmend, ist die Wahl des Destillationsapparats. Viele Rumfreunde geben der klassischen Pot Still, die zum Beispiel für Scotch sogar vorgeschrieben ist, und bei vielen traditionell und handwerklich produzierten Spirituosen absichtlich eingesetzt wird, den Vorzug vor einer Säulendestillation. Grundsätzlich muss man allerdings bei letzterem oft etwas genauer hinschauen, denn es gibt zwei Hauptformen dieser Säulen: Einerseits die moderne kontinuierliche Multi Column Still, die hauptsächlich für die Erzeugung ultrareiner Spirituosen, wie Vodka oder Neutralalkohol genutzt wird, und darüber hinaus für viele Massenbereich-Schnäpse der Großhersteller; und andererseits die traditionelle Kolonne, von der eine Variante zum Beispiel in Martinique als „colonne créole“ bekannt und als Produktionsmittel laut AOC für den lokalen Rhum agricole vorgeschrieben ist.

Appareil continu - Modele Barbet (Rhum, eaux de vie de canne D Kervegant - 1946)

Bild verwendet mit freundlicher Genehmigung von http://www.rhum-agricole.net

Kupfer statt Edelstahl, eine statt fünf Säulen. Man merkt schon, dass es hier nicht darum geht, möglichst schnell möglichst Hochprozentiges durch die Anlage zu schleusen. In zwei solchen traditionellen Kupferkolonnenanlagen wird der Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. an seinem Produktionsort in Macouba (Martinique) aus hauseigenem Zuckerrohr destilliert und dann 6 Jahre (die Abkürzung X.O. steht entsprechend natürlich für „extra old“ – rhum agricole bedient sich da der Cognac-Altersklassifikationen) in Ex-Bourbon-Fässern gereift, die für diesen Zweck erneut ausgebrannt wurden.

Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. Flasche

Farben sind bei Spirituosen in den meisten Fällen dank der Erlaubnis, E150 einzusetzen, Schall und Rauch und man sollte sich von ihr nicht beeinflussen lassen. Bei diesem Rum fällt es einem aber schwer – dunkel, kräftig, tiefer Kupfer, sehr attraktiv. Er bleibt seiner Herkunft als Zuckerrohrsaftrum verbunden und wird nur leicht ölig.

Mildfruchtig, vanillig und mit Anklängen nach Toffee und dunklem Kakao – das steigt einem beim Schnuppern in die Nase. Rosinen und Datteln im Hintergrund kommen dazu. Und viel, viel Holz – für den einen oder anderen mag das schon zu wuchtig und holzig sein, mir gefällt es aber sehr.

Im Geschmack verliert sich diese extreme Holzigkeit dann aber etwas – der Haupteindruck ist süß und sehr rund, besonders weich im Antrunk. Tropfenfrucht und die agricole-typische Grasigkeit verbinden sich aufs edelste. Der Rhum J.M. X.O. ist sehr körpervoll und dicht, mit Anklängen nach Honig und Muscovadozucker, und weist ein spannendes süß-sauer-Verhältnis auf. Komplex und interessant, ein Rum zum explorieren und erforschen, da die Aromen nicht offensichtlich sind wie bei vielen anderen Spirituosen.

Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O. Glas

Der Abgang wird dann ultra-trocken, mit nun doch sehr viel Holz, dabei dann mehr als nur ein Anflug von Pfefferschärfe. Gewürze blitzen kurz auf, ohne dabei das vorherige Bild eines süßen, aber beeindruckenden Rums zu berühren. Der Nachhall ist lang und sehr warm.

Schon von Beginn an setzten die Erfinder der Tiki-Bewegung rhum agricole in ihren Cocktailkreationen ein, meist als eine Rumsorte unter mehreren in einem wilden, tiefen Gemisch. Für den Rhum J.M. X.O. habe ich auch einen Tiki-Cocktail ausgewählt, dem ein Rhum von den französischen Antillen verdammt gut steht: der Pago Pago. Ananas und Rum gehen ja immer gut zusammen, wenn dann noch die brutale Kräutergewalt des grünen Chartreuse dazukommt, brechen bei mir alle Dämme: davon trinke ich immer mindestens zwei. Daher beim Mixen am besten direkt von Anfang an die angegebenen Dosen verdoppeln!

Pago Pago


Pago Pago
2 Ecken Ananas im Shaker muddeln.
1½ oz Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O.
½ oz Chartreuse Verte
½ oz Crème de Cacao hell (z.B. Giffard)
½ oz Limettensaft
½ oz kühles Wasser
Auf Eis shaken, nur grob strainen.
[Rezept adaptiert nach Jeff Berry]


Kurz noch ein Exkurs bezüglich des Namens – viele Martinique-Rhums benennen sich nach den alten Familiennamen der Gründer der Destille. Rhum J.M. ist da keine Ausnahme, hier wurde allerdings auf die Initialen des Gründers, Jean-Marie Martin, zurückgegriffen, der 1790 als Dorfpfarrer die Destillerie anlegte: Erneut ein Beispiel dafür, dass die religiösen Stände Talent für (und Affinität zu) Alkohol haben.

Geliefert wird der Rhum J.M. X.O. in einem Karton, der mit kleinen Details über den Herstellungsprozess und das Umfeld von Rhum J.M. bedruckt ist; ansonsten hält sich die Präsentation sehr zurück und protzt lieber über den Inhalt der Flasche als mit dem Äußeren.

Dieser Rhum ist das genaue Gegenteil dessen, was auch heute noch die Masse an verkauftem Rum repräsentiert, der süß und möglichst belanglos ist, um allen zu gefallen. Der Rhum J.M. X.O. hat sehr viel Charakter und Wiedererkennungswert und stört sich nicht daran, ob Süßrumfans einen Hustenanfall bekommen könnten, weil sie soviel Kraft nicht gewohnt sind. Wer aber wirklich guten, hochwertigen und unmanipulierten Rum, der sich nicht anbiedert, schätzt, wird sich hier direkt wie zu Hause fühlen – da können sich so einige Pot-Still-Rums eine große Scheibe abschneiden.

Offenlegung: Ich danke spirituosen-superbillig.com für die kostenlose Zurverfügungstellung einer Flasche des Rhum J.M. Très Vieux Rhum Agricole X.O.

Revolte Rum Titel

Obstmezcal aus Rheinland-Pfalz – Revolte Rum

Es gibt Geschäfte, die sind personengetrieben, obwohl es eigentlich gar nicht nötig oder üblich in der Branche ist. Apple war schon immer Steve Jobs, Virgin ist in egal welcher Schattierung des Konzerns nichts ohne Richard Branson, und der FC Bayern München fühlt sich ohne seinen alten Präsidenten so missmutig, dass man ihn, kaum aus dem Knast,  sofort wieder per Akklamation ins Amt hievt. Die tatsächliche operative Arbeit dieser Menschen ist leicht zu delegieren oder weiterzugeben. Was ganz und gar nicht übertragbar ist, ist deren Aura und Persönlichkeit, die am Ende den oft gar nicht so kleinen Unterschied zwischen gutem Erfolg und Weltspitze ausmacht.

Bei Spirituosen denkt man auch zunächst direkt, dass es doch nur darauf ankommt, wie der Brand schmeckt, der aus der Destille läuft – da geht es um gute Basismaterialien, um gute Ausstattung, um vernünftiges Handwerk. Was soll da die Persönlichkeit des Brenners noch groß mit reinspielen? Meiner Meinung eine ganze Menge – es wandert ein Stück des Brenners mit in sein Produkt, wenn die Firma entsprechend aufgebaut ist. Jede Entscheidung, die auf dem langen Weg vom zarten Zuckerrohrpflänzchen bis der Korken auf der Flasche sitzt getroffen wird, entstammt der Persönlichkeit des Master Distillers. Was wir trinken, ist nicht ein schnöde zusammengebrautes Rezept, sondern die flüssige Essenz der Vision eines Menschen.

Selten ist so ein Brenner allerdings bereit, öffentlich Details über seinen Produktionsprozess zu erzählen – das Geheimnisvolle trägt schließlich oft mit zu der Aura bei. Felix Georg Kaltenthaler dagegen plaudert in einem Interview mit der Hamburger Bargröße Jörg Meyer dermaßen offen aus dem Nähkästchen und berichtet allerlei spannende, witzige und erstaunliche Details, dass es eine wahre Freude ist, den beiden zu lauschen. Wen also die Herstellung und Geschichte von Revolte Rum interessiert, sollte sich dringend dieses launige Interview anhören.

 

Ja, der Brenner wirkt sympathisch, keine Frage. Doch wollen wir uns als vollkommen neutrale, objektive und höchstkritische Schnapsblogger (gibt es sowas wirklich?) nicht von derartiger Sozialkompetenz blenden lassen, nein, wir wollen die Brennkompetenz prüfen, und ob der Inhalt der für Rumverhältnisse zumindest schonmal ungewöhnlich gestalteten Flasche, die mit teilvereister Oberfläche, strengem Etikett und so ganz ohne die in dieser Branche sonst üblichen Allüren wie Piraten, Plantagen oder Pseudokaribikflair eine ganz eigene Stimmung ausstrahlt, auch genauso unterhaltsam rüberkommt.  Schauen wir uns also mal den Revolte Rum im Glas an!

Revolte Rum Flasche

Man ahnt es schon durch die dunkle, leicht graue Flasche – die Farbe ist klar, ohne Anflug von Tönung. Kaum ist der interessante Vollkorkenstöpsel aus der Flasche, bewegt sich der Revolte Rum im Glas leicht viskos, mit vielen Beinen. Der Geruch steigt dann dann nach diesem langsamen Start voll in die Eisen: Teer, Erdbeeren und Kirsche. Tolle Kombination, man sollte es kaum glauben, ist aber wahr. Rauchig und auch leicht speckig, nach Schwarzwälder Schinken. Insgesamt aber weich; erinnert mich etwas an Mezcal.

Auch im Mund erleben wir eine kleine Rumrevolution. Sehr süß, weich und zart, cremiges Mundgefühl, und, und das ist der Knüller, mit deutlichem Obstlercharakter – ein buntes Potpourri verschiedener gebrannter Früchte, Aprikose, Pfirsich, Kirsch, Birne. Den leichten Ethanoltouch können wir, da trotz 41,5% sonst kein Brennen auffällt, gern akzeptieren. Leicht buttriger Ansatz. Im Abgang quietscht er nochmal durch die Kurve – der Abgang ist sehr kurz, mildpfeffrig, mit einem Anflug von Lakritz und Butter, die Zunge bleibt noch etwas betäubt. Im Nachklang entsteht ein angenehmer, warmer Alkoholhauch mit etwas rauchigem Hall.

Ein sauberer, klarer Rum, mit einem Twist: Mir gefällt diese geschmackliche Anlehnung an Obstbrand sehr. Viele weiße Rums, die ich kenne, explodieren entweder vor starken Aromen (rhum agricole und jamaikanischer Overproof), oder orientieren sich fast schon an Vodka in ihrer Neutralität und leben nur vom Mundgefühl (Brugal Titanium). Hier ist ein schöner Mittelweg gefunden worden, mit feinen Aromen, ohne dabei überwältigend zu werden – man spürt das Handwerk, das in ihn geflossen ist. Sehr gut pur zu trinken.

Revolte Rum Batches

Die strenge, kühle Aufmachung der Halbliterflasche hatte ich ja bereits oben angesprochen; ein interessantes kleines Detail fällt einem erst auf, wenn man die Flasche zur Seite dreht. Dort ist die Batch-Nummer (also die Nummer der Produktionscharge) handschriftlich eingetragen, und dazu die Flaschennummer. Meine Flaschen sind also die 416. von den 500, die im ersten Produktionsdurchlauf abgefüllt wurden, und die 170. aus dem 12. Durchlauf. Wir erfahren daraus die Batchgröße (250 Liter, vielen großen Hersteller, die sich gern auf „small batch“ berufen, wäre das wahrscheinlich nicht mal das Anfahren der Abfüllanlage wert), und dass sich hier noch jemand wirklich die Mühe macht, jede Flasche einzeln anzufassen um sie zu nummerieren.

Schmecken die Batches unterschiedlich? Da zwischen diesen meinen Abfüllungen rund ein Jahr lag, und sich der Brenner in dieser Zeit ja auch weiterentwickelt hat (erinnert man sich noch an die Einleitung?), sollte man mit Geschmacksunterschieden rechnen. Ein Selbstversuch ergab: Im Vergleich zu Batch 1 ist bei Batch 12 dieser geruchliche Anklang an rauchig-teerigen Mezcal fast komplett weg, statt dessen ist der Obstbrandcharakter extrem verstärkt. Auch geschmacklich könnte man Batch 12 fast für einen Birnenbrand halten, hier ist die Butter verschwunden und durch eine reinere Klarheit ersetzt worden. Tatsächlich wirkt Batch 12 etwas erwachsener und reifer, aber dafür etwas weniger funky und frech. Man erkennt noch die grundsätzliche Verwandschaft der beiden Abfüllungen; im Blindtest, da bin ich sicher, würden viele selbst diese nicht mehr anerkennen. Grundsätzlich ist das, das muss man klar sagen, eigentlich eine tolle Sache, so ein lebendiges Produkt – wir als echte Craft-Spirit-Interessierte können damit gut leben, dass die Sensorik sich von Abfüllung zu Abfüllung durchaus ändert. Wer immer genau dasselbe will, muss sich halt an mindestens halbindustrialisierte Hersteller wenden.

„Vodka cocktails will never teach you anything“, diese von mir bereits vielzitierte Meinung Ted Haighs teile ich voll. Auch wenn es inzwischen eine Fahrt aufnehmende Bewegung gibt, Vodka weg vom neutralen Effekttrinkerstoff hin zu einer höherwertigen Spirituose zu bringen, meide ich die Verwendung von Vodka in Cocktails aktuell noch, solange ich nicht wirklich eines besseren belehrt werde. Wenn es dann doch mal ein reizendes Rezept gibt, ersetze ich darin gern den Vodka durch einen aromatisch interessanteren Brand, und der Revolte Rum ist nahezu ideal dafür. Der Beweis ist der Basil Watermelon Cooler, der durch die zusätzliche Obstaromatik des Revolte Rums deutlich an Tiefe und Komplexität gewinnt im Vergleich zur Vodkavariante.

Basil Watermelon Cooler


Basil Watermelon Cooler
3 große Blätter Basilikum
1 Stück geschälter Ingwer
1 Stück Wassermelone
½ oz Zuckersirup
…diese Zutaten muddeln, dann…
2 oz weißer Rum (z.B. Revolte Rum)
½ oz Limettensaft
…dazugeben und shaken und schließlich toppen mit…
Ginger Ale
[Originalrezept nach Nick Mautone, der allerdings Vodka benutzt]


So ein milder, aromatisch feiner Rum ist aber dann doch nicht unbedingt für alle Zwecke geeignet. Aus der Kaltenthaler-Schnapsschmiede folgt entsprechend aktuell eine Abhilfe für all die, die gern etwas mehr Wucht im Drink hätten – der Revolte Overproof. Eine Flasche steht schon im Regal bei mir bereit, eine Besprechung dieses Revolutionsgenossen folgt auf diesem Kanal in naher Zukunft. Wenn wir schon bei Varianten sind, muss ich einen vorweihnachtlichen Wunsch an den Brenner äußern – gern würde ich diesen Rum auch mal fassgereift erleben, ich könnte mir vorstellen, dass dabei recht Spannendes herauskäme, wenn er ein paar Jahre in einem Holzfass statt den aktuellen 6 Monaten in einem Steingutkrug liegen dürfte (der Rum, nicht der Brenner).

Today, the flag for European rum is flown by Ron Montero, based in Motril, Andalucía.

Der Spirituosenautor Dave Broom schrieb das in seinem Buch Rum: The Manual. In einer eventuellen Neuauflage seines Buchs sollte Broom das ändern. Denn rein von der Spannung her weht die europäische Rumfahne heute eigentlich über Westhofen, Rheinland-Pfalz.

Foursquare Port Cask Finish Barbados Rum Titel

Die Wahrheit hinter der Legende – Foursquare Port Cask Finish Barbados Rum

Bei den meisten Spirituosen muss man vorsichtig sein mit dem, was in Werbetexten und Etiketten steht. Die Hersteller überbieten sich in meist erfundenen Entstehungsgeschichten, die malerischer und dramatischer als die Genesis sind; lokale Zeitzeugen auf der ganzen Welt sind notorisch schwätzerisch und erfinden auch gern mal eine kleine Anekdote, um den Heimgebrannten im Urlaub an den Mann zu bringen. Selbst Papier ist geduldig, und Cocktailbücher oder Artikel können sich nur mit Mühe zurückhalten, dem Leser einen spannende Reißer zu jedem obskuren Schnäpschen zu liefern – es kostet viel Zeit, Mühe und Ressourcen, um wirklich hinter all diese Augenwäscherei blicken zu können. Gerade bei Rum ist die Legendenbildung äußerst beliebt – und für Etiketten und Werbetexte gilt das alte (für meine Zwecke leicht abgewandelte) John-Ford-Filmzitat: „This is rum, sir.  When the legend becomes fact, print the legend.

Beispiel gefällig? Captain Morgan Rum ist ein in superindustriellem Maßstab und mit modernster Technik hergestellter Rum. Bei der Menge von über 50 Millionen Litern, die davon jährlich vom Diageo-Konzern unter die Leute gebracht wird, ist kein Platz für irgendwelche nostalgischen Anflüge bei der Herstellung und dem Vertrieb. Dennoch gefällt es Diageo, diesen Rum, der so überhaupt nichts mehr mit alten Zeiten und Tradition zu tun hat außer dem Namen, mit diesen schwärmerischen Worten zu bewerben:

„Die Geschichte von Captain Morgan reicht zurück bis in das Jahr 1680, als der ehemalige Pirat Sir Henry Morgan sich auf Jamaika niederließ und dort auf seiner Zuckerrohrplantage Rum kreierte, der bis heute nach unverändertem Originalrezept hergestellt wird.“

Jaja, ist klar. Piraten, 17.Jahrhundert, Jamaica, unverändertes Rezept. Ich bezweifle, dass die Partykonsumenten, die hauptsächlich heutzutage Captain-Morgan-Rum trinken, den fuseligen Tafia wirklich genossen hätten, den Henry Morgan seiner Mannschaft als Belohnung für die Plünderung Panamas wahrscheinlich ausgeschenkt hat, hergestellt damals ganz ohne Säulen-Hochdestillation, Kältefiltration, Zucker- und Aromenzusatz (und auch ohne Interesse, die Kundschaft vor Blindheit und Demenz zu schützen).

Kommen wir zu einem Rum, der all das nicht nötig hat. Man sieht schon am Etikett, das ganz ohne nostalgische Bebilderung, Legendenauszug und täuscherische Pseudofakten auskommt, dass der Foursquare Port Cask Finish Barbados Rum von einem ganz anderen Kaliber ist. Aber ist der Inhalt wirklich besser, wenn das Äußere schlichter ist?

Foursquare Port Cask Finish Barbados Rum Flasche

Die Farbe ist schonmal kräftig und glänzend, und stammt leider aber nur zum Teil aus dem Ex-Port-Fass, in dem der Rum für 6 Jahre nachziehen konnte, zusätzlich zu den ersten 3 Jahren, die er in Ex-Bourbon-Fässern verbrachte. Ein „Finish“ mit ⅔ der Gesamtreifedauer? Ungewohnt, aber gut gemacht! Da hätte man auf die Zuckerkulör zum Färben noch verzichten können.

Auch die Nase darf sich freuen – Karamell und Vanille, wie man sie von einer Bourbonfassreifung erwarten kann. Aber dann kommt schnell ein feiner Kokosnussduft in den Vordergrund, gottseidank nicht so ordinär wie beim Plantation 20th Anniversary, dazu Piment. Lavendel. Sahnepudding, nur eine Andeutung von Lösungsmitteln. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen.

Die Zunge fühlt sich gestreichelt beim ersten Schluck. Der Port Cask Finish fühlt sich sehr weich und rund, buttrig-cremig und unglaublich voluminös an. Süßlich ist er, ohne sich anzubiedern, wie das die nachgesüßten Rums oft tun, mit tatsächlich einem Touch von Tawny-Portwein, dann auch schokoladig und karamellig. Mit Verlaufdauer im Mund wird der Rum später würzig, weißpfeffrig, und weist eine angenehme Schärfe auf: aromatisch-scharf, nicht alkoholisch-scharf. Ein respektabel langanhaltender, kräftiger und eindrucksvoller Abgang beschließt den Schluck. Kokos- und Portaromen, vielleicht sogar Cognac, hängen nach. Etwas buttrig, nach Sahnebonbons, und dabei doch sehr trocken. Wenn die Schärfe verklingt, bleibt ein angenehmes, schwaches Brummen im Mund zurück.

Foursquare Port Cask Finish Barbados Rum Etikett

Man merkt, ich gerate ins Schwelgen. Das gestehe ich aber gern ein, bei einem so sensationellen Zuckerrohrbrand. All die Lobeshymnen, die man über ihn liest, sind keine Lügen – das ist einer der besten Rums, die ich bisher getrunken habe, jedenfalls einer der angenehmsten und rundesten. Die einzig wunden Punkte dieses Bajaners sind die Färbung und die etwas niedrig angesetzte Alkoholstärke von 40%.

Spannend und höchstinteressant: Der Foursquare Port Cask Finish ist süß und körpervoll, und das ohne Zuckerbeigabe. Er hat feine Aromen, ohne künstlich aromatisiert zu werden. Er läuft weich die Kehle hinunter, ohne Glycerineinsatz. Letztlich ist dieser Rum ein Schlag ins Gesicht jedes Süßrumherstellers, der all dies nur mit Tricksereien und Betrügereien hinbekommt, und sogar damit nicht den Level dieses Rums erreicht. Ich bin mir sicher, dass Brenner Richard Seale diesen Rum tatsächlich auch als Fehdehandschuh an die Zuckerrumindustrie hingeworfen hat und ihnen damit die Zunge rausstreckt – wer ihn kennt oder ein paar Interviews mit ihm gelesen hat, wird das wie ich für gar nicht unwahrscheinlich halten. Er ist ein streitbarer Geist, der nie hinter dem Berg hält mit seiner Meinung über Rum und Rumbetrüger: Eines der wenigen Vorbilder aus der Schnapsbranche für mich.

Pur ist er also gut, um das mal zurückhaltend zu formulieren – dann kann er in Cocktails nicht schlecht sein. Tatsächlich hilft die üppige Aromatik, der volle Körper und die Würzigkeit beim Ausklang dazu, dass er selbst gegen die brachiale, sonst alles plattmachende Aromagewalt eines 30 Jahre alten Pedro Ximénez Sherry ankommt und dem Quarter Deck ein höchstfeines Rumaroma verpasst. In der Kombination dieser Zutaten ein herausragender Cocktail, in dem ich am liebsten baden würde.

 

Quarter Deck


Quarter Deck
2 oz Rum (z.B. Foursquare Port Cask Finish Barbados Rum)
1 oz PX Sherry (z.B. González Byass V.O.R.S. 30 Años Pedro Ximénez „Noé“)
¼ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Herausheben muss man am Ende noch das unglaubliche Preis-Leistungs-Verhältnis. Wer noch eine Chance hat, zuzuschlagen, muss das tun. Es gibt kaum einen anderen Rum, der für 30€ pro Dreiviertelliter auch nur ansatzweise eine solche Leistung und Qualität abliefert. Wem dieses Produkt gefällt, könnte auch mal nach dem Zinfandel Cask Finish desselben Herstellers Ausschau halten. Ansonsten bleibt Foursquare eh die Referenz, was Barbados-Rum angeht – und grundsätzlich ein Vorreiter in Sachen Rumtransparenz und Ehrlichkeit. Man stellt sich die Frage, warum jemand noch freiwillig einen gepanschten, manipulierten Rum kauft, wenn man stattdessen etwas wie diesen Rum hier haben kann. Es kann sich nur um mangelnde Information handeln, denn wer einmal Lunte gerochen hat, will nie wieder zurück zum pappsüßen Zeug.

Bonpland Blanc VSOP Titel

Die Welt zu Gast bei Freunden – Bonpland Blanc VSOP

Rum ist „the next big thing“ in der deutschen Barwelt. Sagte man mir, und lese ich in letzter Zeit häufig in den sozialen Medien und der Fachpresse. Mich fasziniert daran besonders, dass die Barwelt scheinbar immer ein „next thing“ braucht – das gesteigerte Tempo unserer Wirklichkeit kreischt nach immer etwas Neuem. Nun will ich mich nicht grundsätzlich negativ über diese Wellen äußern, denn sie bringen in letzter Zeit auch etwas Gutes mit sich – der Gincraze sorgte für die Wiederbelebung einer langweiligen Spirituose, und brachte im Fahrwasser viel Schwung für Tonic Water und sogar Wermut mit sich. Rum ist ein Getränk, das dringend eine ähnliche Erfrischungskur bräuchte – das, was heutzutage immer noch in vielen Bestenlisten und Verkaufsempfehlungen oben auftaucht, hat mit echtem Rum nur noch selten etwas zu tun.

Umso spannender ist, dass Deutschland, das sich in Sachen Rum früher hauptsächlich als Produzent von mit Neutralalkohol gestrecktem Rum-Verschnitt einen schlechten Ruf hart erarbeitet hatte, nun wirklich in die Pötte kommt und oben bei dieser Erneuerung mitspielen will. Was mit Whisky schon seit einiger Zeit der Fall ist, passiert nun auch bei Rum: er wird plötzlich auch in Deutschland in angemessener Qualität hergestellt, oder aber selektiert, gereift und abgefüllt. Unter der Signatur Bonpland Rum wird letzteres betrieben. Dabei ist der heute hier vorgestellte Bonpland Blanc VSOP also nur am Ende seines Lebenszyklus in Deutschland beheimatet; er ist ein Kind vieler Eltern aus aller Welt – ein Blend aus Rums aus Trinidad, Guyana, Jamaica, Indonesien und Barbados, um genau zu sein. Das Besondere beim Bonpland Blanc VSOP ist das Finish, also die letzte Phase der Reifung, denn es geschieht in badischen Chardonnay-Barriquefässern. Schmeckt man diese Weltläufigkeit, oder wären die Reisenden besser an anderen Gestaden an Land gegangen?

Bonpland Blanc VSOP Flasche

Die natürliche Senf-Farbe ist ansprechend schon allein deswegen, weil sie nicht künstlich hergestellt wurde (siehe dazu später mehr). Aus dem Glas strömt schnell ein ganz eigener Geruch – schwer, süß, dicht. Schottisches Shortbread. Sehr angenehme helle, junge Rumaromen. Keine Ethanolnote oder Lack, dafür etwas Heizöl. Mandeln. Da ich noch den indonesischen Rum von Compagnie des Indes im Regal habe, erkenne ich die Ähnlichkeit; mir scheint also der indonesische Anteil recht groß zu sein. Eine leicht fruchtige Note schwingt nach, erinnernd an Cognac.

Eine leichte medizinische Note, wie bei einem irischen Whiskey fällt als erstes auf. Im Mund liegt der Bonpland Blanc zart und weich, mit leichtem Körper und vielen Obertönen nach Haselnuss, weißer Schokolade und Butterscotch. Sehr mild und rund für einen Rum, der zwischen 4 und 6 Jahre, gemäß dem VSOP-Prädikat, reifte. Im mittellangen Abgang lässt er dann aber doch seine Hemmungen fallen – da ist er dann doch gar nicht unangenehm pfeffrig-scharf, feurig und leicht zungenbetäubend. Eine feine, zurückhaltende Süße bleibt dazu im Mundraum. Auch ein buttriges Gefühl ist noch lange da, sehr ähnlich wie beim Hot Buttered Rum, den ich mir neulich zur Krankheitsprophylaxe angerührt hatte – hier meine ich den Jamaikaner-Anteil rauszuschmecken. Insgesamt vom Geschmacksprofil bleibt er aber ein eher süßlich-weicher Rum.

Man sieht schon – ich ziehe hier ziemlich viele Vergleiche. Der Bonpland Blanc VSOP wildert aromatisch in den unterschiedlichsten Spirituosenkategorien, von Rum über Cognac bis zum Whiskey findet der geneigte Verkoster von allem etwas. Ein Rum, in dem man die einzelnen Rumgebiete, die verblendet wurden, tatsächlich teilweise geschmacklich erkennen und beim Verkosten verfolgen kann: Sehr schön gelöst von Master Blender Andreas Vallendar von der Avadis Distillery hier bei mir um die Ecke zwischen Saar und Mosel, von der auch Ferdinand’s Gin stammt.

Bonpland Blanc VSOP Rücketikett

Das Etikett spricht die mir bei Rum extremst wichtigen Punkte klar aus – kein Zuckerzusatz, keine Färbung. Auch auf eine Kältefiltration wurde zugunsten der Aromen verzichtet, die bei dieser Art der Entfernung von Fuselstoffen oft mit ausgeklärt werden. Allein mit diesen Angaben hat mich der Hersteller schonmal überzeugt, dass er es ernst meint mit seinem Rum, und nicht nur ein Modeprodukt zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt werfen will – hätte er noch 45% statt die vorhandenen 40% Alkohol angesetzt, ich wäre restlos begeistert.

Auch die Idee der Transparenz, was die Herkunft der Blendanteile angeht, ist grundsätzlich sehr lobenswert – bis auf den leider nur in Werbetexten auftauchenden Hinweis auf den Zusatz von Batavia Arrack. Das Etikett jedenfalls schweigt sich über diese Zutat aus, schade, denn ich finde einen Nicht-Rum in einem Rumblend doch durchaus sehr erwähnenswert, selbst wenn javanesischer Arrack ein dem Rum äußerst ähnliches Zuckerrohrdestillat ist. Und die ausschließliche Erwähnung von „Rhum der französischen Antillen“ im Werbetext, statt ihn als Rumquelle auf dem Etikett zu deklarieren, wirkt dann halt zusätzlich noch inkonsequent und stößt tiefer interessierte Rumkenner etwas vor den Kopf, die sich von den oben erwähnten positiven Seiten schon im Siebten Himmel wähnten – das Etikett sollte die zentrale Informationsquelle sein.

Wie macht der Bonpland Blanc VSOP sich in der Mixtur mit anderen Zutaten? Rumcocktail, da denkt man erstmal an Tiki. Und ich mag hin und wieder einen Tiki-Drink, wenn er gut gemacht ist. Mit den langweiligen Saftbomben, die man hier in Saarbrücken immer noch meistens mit Cocktails assoziiert (da sind wir im Saarland irgendwie in den 90ern hängen geblieben), hat schon das nicht mehr viel zu tun. Doch selbst gute Tiki-Drinks bleiben bei mir hinter einem echten, reduktionistischen, alkohollastigen Prohibition-Era-Drink zurück, der ohne Saft – höchstens noch Zitrone – auskommt. Ich halte es da gern mit dem bekannten Hamburger Barchef Jörg Meyer, der den Fruchtanteil eines gutgemachten klassischen Cocktails lakonisch so definiert: „Fruchtzeste“. Ein Beispiel dafür ist sein White Old Fashioned – und der Bonpland Blanc VSOP passt da rein wie die Faust aufs Auge – auch wenn der entstehende Cocktail dann nicht so richtig weiß ist.

White Old Fashioned


White Old Fashioned
2 oz weißer Rum (z.B. Bonpland Blanc VSOP)
⅓ oz Sirop de Canne de Martinique
2 Spritzer The Bitter Truth Old Time Aromatic Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept leicht abgewandelt nach Jörg Meyer]


Das Portfolio ist von Anfang an breit aufgestellt: Neben dem hier gezeigten Blanc VSOP bietet der Hersteller noch einen dunklen Bonpland Rouge VSOP, ebenfalls in Ex-Weinfässern gefinisht, an, sowie eine Barrum-Schiene mit ungereiften Mixrums. Die edelsten Bonplands sind dann über 20 Jahre alt und stammen aus Destillerien, die das Herz der Rumsammler erfreuen, wie Enmore und Caroni. Und schließlich soll es noch Bitters und Liköre unter diesem Label geben – ich hoffe, hier wird sich nicht verhoben, bei so einer Parallellast.

Den halben Liter bekommt man für 37€ – nicht billig, aber für das Gebotene durchaus fair. Neben dem Inhalt erhält man eine opulente Produktpräsentation, in einer Designflasche, üppigen Etiketten, einer stabilen, runden Kartondose und – und das habe ich so bei einem Produkt dieser Preisklasse noch nicht gesehen – einem Glasverschluss.

Bonpland Blanc VSOP Glasverschluss

Jener ist zugegebenermaßen recht schwer zu öffnen und wieder zu schließen, gibt dem ganzen aber diesen letzten Touch an erschwinglichem Luxus, mit fast ein bisschen zu überfließendem Glööckler-Style. Ein schwelgerischer Gegenentwurf jedenfalls zu Felix Kaltenthalers kühl-aggressivem Stil bei Revolte und den minimalistischen Etiketten der neuen Foursquare-Rums.

Normalerweise dienen solche optischen und haptischen Gimmicks ja dazu, über den mäßigen Inhalt hinwegzutäuschen. Beim Bonpland Blanc VSOP scheint es mir wirklich einfach der Ausdruck der Begeisterung beim Herstellen zu sein. Denn der Inhalt ist gut, gefällig, ehrlich (das mit dem Arrack-Anteil nehme ich mal aus, denn das stört mich schon) und damit ein angenehmer neuer Vertreter für die aufkeimende deutsche Rumszene, die kreativ mit Spirituosen arbeitet und dabei ohne künstliche Hilfsmittel und Geschmacksverstärker auskommt.

Old Pascas Barbados White Rum Titel

Du trinkst ihn ahnungslos, schon ist der Teufel los – Old Pascas Barbados White Rum

Manche Länder sind untrennbar mit in ihnen hergestellten Produkten verbunden. Deutschland ist das Autoland, Frankreich die Heimat des Croissants. Persönlich ist Italien für mich das Land der Salami, und China das des Tees. Barbados ist diesbezüglich als Geburtsstätte des Rums mit dieser Spirituose auf Gedeih und Verderb verknüpft. Viele sehr hochwertige Rums stammen noch heute von dort, und mir ist bajanischer Rum (das ist eine umgangssprachliche Verkürzung für „aus Barbados stammend“) besonders sympathisch, denn dort ist die Manipulation des Destillats offiziell verboten. Rum aus Barbados ist also etwas Besonderes in der Spirituosenwelt, und wurde daher durchaus zu Recht von Gaby Baginsky in den 80ern besungen.

Schlagertexte sind ja notorisch simpel, doch konzentriert sich in ihnen manchmal eine tiefe Wahrheit.

Er sagte mir: „Ich trink ihn nie mehr pur,
ich kann ihn schon verkraften, aber nur
mit Cola und mit Eis.“

Meint Gaby damit, dass der Rum so stark ist, dass man ihn besser verdünnt? Oder dass er so grausig schmeckt, dass man ihn besser übertüncht? Gewichtige Fragen wirft so ein einfacher Songtext auf, und um herauszufinden, welche Interpretation die gültige ist, greife ich mir einen Rum aus Barbados aus dem Spirituosenregal, einen, den man in fast jedem Supermarkt für unter 10€ bekommen kann: Den Old Pascas Barbados White Rum.

Old Pascas Barbados White Rum FlascheBei der Farbe gibt es keine Überraschungen: klar, mit langen Beinen im Glas, fast dickflüssig. Geruchlich erkenne ich diese typische Lakritznote, die weißer Rum oft hat. Der Old Pascas White erinnert auch etwas an aromatischen Vodka in seiner leicht rauchigen Speckigkeit; dazu Diesel und Lack. Nicht wirklich sehr ansprechend.

Der Geschmack ist zunächst sehr süß, aber vergleichsweise neutral. Leichte Lakritze, etwas Speck, sehr ähnlich wie das, was man gerochen hat; keinerlei Komplexität, alles bleibt an der Oberfläche. Nach einigen Sekunden kommt etwas Feuer auf, eigentlich mehr ein leises Kokeln. Selbst die Alkoholnote ist enttäuschend schwach und langweilig. Der Abgang ist sehr kurz, trocken, hinterlässt eine leichte Bitterkeit auf der Zunge und am Gaumen.

Insgesamt erinnert mich dieser Rum sehr an einfachen polnischen Vodka; in einer Blindverkostung würde ich ihn wahrscheinlich auch für Vodka halten. Nichts von dem, was ich an Rum im Vergleich zu Vodka so schätze, ist vorhanden; die Aromalosigkeit fast schon trist. Da ich mich dagegen sträube, Spirituosen, die ich nicht auch pur trinken würde, in einem Cocktail zu verwenden, ist dieser weiße Bajaner für mich leider ein Komplettausfall.

Die Aräometermessung ergab temperaturkorrigiert 37,4%, das bedeutet, dass dieser Rum immerhin ungesüßt ist. Letztlich sind knapp 38% aber immer noch recht schwach für einen Rum und deutet auf Massenproduktion hin. Daher: wenn es unbedingt billig sein muss, würde ich in dieser Preisklasse dann eher zum nicht arg viel, aber doch erkennbar besseren Captain Morgan White, oder vielleicht direkt zum dreijährigen Havana Club, raten.

Old Pascas Barbados White Rum DetailsSehr gefällt mir aber das Flaschendesign des Old-Pascas-Sortiments, das vor einer Weile ein Facelift erfahren hatte, und nun mit einer tollen, schwungvollen, mit schönen Details versehenen Flasche punkten kann, und dazu mit einem sehr hübsch anzusehenden Etikett.

Verkauft wird dieser Rum natürlich als reiner Mixer. Meine Meinung dazu habe ich schon kundgetan; doch anstatt den Inhalt der Flasche wegzuschütten, brauche ich ihn dann halt in Cocktails, die Rum nur als Alkoholträger einsetzen, Stück für Stück auf. Im Aku Aku beispielsweise ist die Fruchtkomponente eh überwältigend, da passt der Old Pascas Barbados White Rum gut rein. Besonders spektakulär kommt dieser klassische Trader-Vic-Tiki-Cocktail natürlich rüber, wenn man ihn in einer ausgehöhlten, gefrosteten Babyananas serviert, deren Innenleben man auch direkt für den Cocktail einsetzen kann.

Aku Aku Cocktail


Aku Aku
1 oz Old Pascas Barbados White Rum
½ oz Pfirsichlikör
½ oz Zuckersirup
2 oz Ananasstücke
10 Blätter Minze
Alle Zutaten mit dem Pürierstab blenden


Durchaus spannend, dass dieser klare, ungereifte Verwandte des von mir durchaus geschätzten Old Pascas Ron Negro an diesen so überhaupt nicht heranreichen kann. Das liegt aber nicht an der Gattung „weißer Rum“ per se – da gibt es schon außergewöhnlich leckere Verteter, wie den Brugal Titanium oder den El Dorado 3 Jahre, von höchstköstlichem weißem rhum agricole wie dem La Mauny oder Dillon, oder dem jamaikanischen Aromenmonster Wray & Nephew, brauchen wir da gar nicht erst anzufangen.

Wie schon eingangs erwähnt, Barbados bietet viele Exportschlager in Sachen Rum. Leider gehört der Old Pascas Barbados White Rum nicht dazu.

Clairin Casimir, Sajous & Vaval Titel

Weiß und heiß – Clairin Casimir, Sajous und Vaval

Wer öfters in Hotels unterwegs ist, kennt sie – die Minibar. Der Charme dieser Sammlung von Miniaturfläschchen ist, dass man eine passende Dosis einer Spirituose bekommt, und nicht gleich eine ganze 0,7l-Flasche erwerben muss. Nun hängt es natürlich davon ab, wie ambitioniert der Hoteleigner ist, und wie er seine Gäste einschätzt – in vielen Hotels findet man oft genug nur Billigvodka und Massenwhiskey; mit viel Glück hat der Hotelier ein Faible für Scotch, so dass der Abend der Geschäftsreise im Hotelzimmer nicht ganz trocken enden muss.

Eine alternative Weise, solche Miniaturen zu nutzen, ist es, Verkostungsproben mit Gleichgesinnten zu teilen. In vielen Foren und Facebook-Gruppen gibt es eine lebendige Flaschenteilungs- und Sample-Kultur, die es ermöglicht, unterschiedlichste Spirituosen in kleinen Mengen, oft sogar zum Selbstkostenpreis, zu kaufen. Für Leute wie mich, die gern viele unterschiedliche Spirituosen ausprobieren wollen, ist das perfekt: Die ideale Möglichkeit, Spirituosen zu verkosten, die man sich sonst nicht leisten könnte oder wollte, denn teilweise 100€ und mehr für eine 700ml-Flasche auszugeben ist nur in den seltensten Fällen drin.

Ich war sehr interessiert an den Clairins, die aktuell die Schnappsbloggerszene begeistern. Und, wie es der Zufall wollte, bot sich justament in der Facebook-Gruppe „Der Rum-Club“ ein ebenso Interessierter an, für drei Clairins eine solche Flaschenteilung durchzuführen. Statt über 100€ für die drei Clairins auszugeben, ohne zu wissen, ob man diese Art Spirituose überhaupt wirklich trinken kann, habe ich mir also dort 15cl jeder Sorte zum Gesamtpreis von 30€ gesichert. Damit ist das Spektrum abgedeckt, zu einem kleinen Preis. Tolle Sache, die ich jedem empfehlen kann, der öfters mal was neues im Glas haben will.

Die Proben des Clairin Casimir, des Clairin Sajous und des Clairin Vaval kamen sehr zeitnah in neutralen Probefläschchen an; ich danke Marcus Stock von 4finespirits für das Foto der Originalflaschen und der Kartons, in denen sie normalerweise ausgeliefert werden, das er extra für mich angefertigt hatte.

Clairin Casimir, Sajous & Vaval Flaschen

Was ist nun aber Clairin? Letztlich ist es ein Verwandter des Rum. Hergestellt in Haiti, basiert Clairin wie Rum auf der Destillation von frischem Zuckerrohr. Eigentlich ist Clairin daher eine Untergattung des rhum agricole. Ein gewichtiger Unterschied in der Herstellung ist aber, dass die Maische nicht mittels Zuchthefen fermentiert wird, sondern durch Spontangärung durch die lokalen, freien Hefen, wie es beispielsweise bei belgischem Lambik-Bier auch passiert. Dadurch ist der Charakter des Clairin durchaus vielgestaltig und lokal differenzierbar – von der Art der Herstellung und Verortung in kleinen, sehr lokalen Destillen ist er diesbezüglich näher an Mezcal oder amerikanischem Moonshine als Rum, obwohl die Aromatik natürlich klarer auf Rum hindeutet. Ein sehr bodenständiges Produkt, ohne Marketingmaschinerie oder Lobby. Wer mehr darüber erfahren will, sollte den sehr spannenden und lehrreichen Artikel von Christian Kopp der Fachzeitschrift Mixology lesen.

Auch wenn die drei Flaschen Clairin ähnlich aussehen und unter einem gemeinsamen Thema (von gelb über orange nach rot, und ähnliche Gestaltung der Kartons)  in Deutschland verkauft werden, so stammen sie doch aus unterschiedlichen Destillerien. Daher ist trotz der äußeren Ähnlichkeit auch keine „Ordnung“ oder „Reihe“ aufstellbar. Die Nachnamen der Brenner bilden den Namen der Spirituose – Faubert Casimir von der Destillerie Douglas Casimir (Barraderes), Michael Sajous von der Destillerie Chelo (Saint Michel de L’Attalaye) und Fritz Vaval von der Destillerie Arawaks (Cavaillon) sind die geistigen Väter dieser Brände, die wir nun im folgenden nacheinander verkosten wollen.

Optisch ist der Clairin Casimir erstmal nicht von weißem Rum zu unterscheiden – transparent, aber schon deutlich viskos. Ich meine, einen minimalsten Touch von Farbe erkennen zu können, eine Ahnung von Strohigkeit, vielleicht bilde ich mir das aber auch ein.

Clairin Casimir Glas

Die Nase ist da schon viel eindeutiger. Da muss man nicht tief ins Glas riechen, der Casimir kommt einem wuchtig entgegen. Süß nach einer Vielzahl von Fruchtestern, Kandiszucker, Anis, Nelken, praktisch kein Alkohol, dafür aber ausgeprägt Lösungsmittel. Erinnert an Cachaça, ungereiften rhum agricole, oder einen weißen Overproof-Jamaikaner.

Unverdünnt, bei 54% ein kleines Abenteuer, folgt der erste vorsichtige Schluck. Ich erwarte eine starksüße, fruchtige Aromenwelle – doch ich werde überrascht, es trifft fast das Gegenteil ein. Supersalzig, umami, Meeresaromen. Überraschend wenig Feuer für die Alkoholstärke, statt dessen eine wallende, pulsierende Wärme. Die Frucht erinnert nun mehr an Kompost (das hört sich unangenehmer an, als es ist). Im langen Abgang kommen Gemüsenoten zum Vorschein, Artischocke vielleicht, Getreide, und Thymian.

So starke Spirituosen öffnen sich oft durch ein paar Tropfen Wasser, die ich nun zugebe. Ein schöner Marmoreffekt und ein leichtes Louche entsteht, als sich der dickflüssige Alkohol mit dem Wasser verbindet. Am Geruch ändert sich erstmal nichts – der Geschmack ist nun natürlich milder und zahmer, weniger extremsalzig, insgesamt aber noch recht vergleichbar, nur etwas reduziert. Der Clairin Casimir reagiert auf Wasser scheinbar nicht wirklich, es wirkt nur verdünnend.

Spannend ist er dennoch, insbesondere die Salzigkeit und die Wärme ohne Alkoholbrennen muss ich hervorheben; das ist in dieser Konsequenz für mich neu in der Spirituosenwelt. Ein echter Schnapsaficionado muss das probieren, da lege ich mich fest.

Ich schnuppere als nächstes am Clairin Sajous, und denke erstmal: Uff. Fruchtnoten und Ester ohne Ende, erinnernd an einen hochprozentigen weißen Jamaika-Rum. Da ist aber noch etwas anderes, eine Metallkomponente, die erheblich säuerlich-gischtig, vielleicht sogar leicht fleischig riecht. Leichter Plastikkleber im Hintergrund. Insgesamt sehr charakterstark, fast schon aufdringlich.

Clairin Sajous Glas

Ich nehme trotz den 53,5% auch hier einen kleinen Schluck davon ohne Wasserzusatz. Sauer und bitter, Apfelessig und Limettenschale, dann aber auch eine erdige Note nach Brot, Getreide, oder trockenes Müsli. Im Nachgang kommt ein süßer, rauchiger Anklang zum Vorschein. Definitiv ungewohnt, aber deswegen auch sehr spannend.

Im Abgang scharf und heiß, zungenbetäubend und salzig. Danach entsteht eine wohlige Wärme im Mund- und Rachenraum. Ein wirklich ausgesprochen angenehmes Gefühl, und Fruchtaromen wallen nochmal kurz auf. Außergewöhnlich und wunderbar.

Pur kein Gaumenschmeichler, ganz gewiss nicht. Daher der Test mit Wasser – 3:1 verdünnt. Der Geruch nimmt natürlich ab, das bringt das Verdünnen mit sich, dafür kommt diese brotige Komponente stärker zum Vorschein, die ich schon bei Prichard’s Corn Whiskey zu erkennen meinte. Nun ist der Clairin Sajous plötzlich gezähmt – süß und fruchtig, fast schon lieblich, samtig und edel, erinnernd an Cognac. Trotz Wasser bleibt der beschriebene Abgang erhalten. Kaum zu glauben, dass das dieselbe Spirituose ist.

Ein echter Volltreffer, ganz besonders im Vergleich von mit und ohne Wasser. Eine echte Spitzenspirituose, die ein dermaßen breites Panorama auffächert, dass man gar nicht genug davon bekommen kann.

Der dritte im Bunde ist schließlich der Clairin Vaval. Auch dieser Clairin ist völlig transparent, ohne den Hauch einer Farbe.

Clairin Vaval Glas

Süß, malzig, erinnernd an Genever. Grasig und grünholzig. Kardamom. Wie schon beim Sajous ist auch hier eine brotig-hefige Note da. Beim Schwenken taucht eine deftige Lösungsmittelkomponente auf, dazu esterige alte Bananenschale, vergorene Ananas. Sehr komplex im Geruchsbild.

Zunächst weich und geschmeidig, durchaus süß, aber schon mit leichtem Salzcharakter, dann würzig und leicht kratzig, immer weniger süß, immer mehr umami (wer schon immer mal wissen wollte, wie sich umami anfühlt, sollte diesen Clairin probieren – das ist ein Paradebeispiel dafür, eine seltsame Mischung aus süß und salzig) voller Gewürz- und Frucht-Esteraromen, und schließlich explosiv feurig und heiß auf Zunge und im Rachen, dunkelschokoladig, süßholzig, trockenobstig, holzig. Eine sehr überraschende Entwicklung in kürzester Zeit. Hochkomplex.

Am Ende noch ein langer, körpervoller Abgang voller Wärme und Estern, die sich ausdauernd am Gaumen festklammern. Eisen, als hätte man Zahnfleischbluten, und Malz hängen nach. Der Vaval muss trotz der 52,5%, womit er der schwächste des Trios ist, nicht verdünnt werden.

Soweit also die Purverkostung dieser drei Geschwister der großen Clairin-Familie. Weißer Rum im Allgemeinen hat ja nun dann aber doch den Ruf, eigentlich mehr als Mixer in Cocktails zu taugen denn als alleinstehender Genuss. Auch wenn das so einseitig für Clairins nicht zutrifft (und für viele hochqualitative weiße Rums übrigens auch nicht!), so sollte man doch auch die Mixability betrachten.

Und was soll ich sagen – auch in einem Cocktail lässt ein Clairin seine Muskeln spielen. Mit ein bisschen Salz und Schokoladenbittern wird die würzige Komponente des Clairin noch etwas betont, während Orangenlikör und Wermut die Wucht etwas einbremsen. Ein tolles Team, zu begutachten im Alicante.

Alicante


Alicante
1 oz Clairin (z.B. Clairin Casimir)

1½ oz Grand Marnier Cordon Jaune
1 oz trockener Wermut (z.B. Ferdinand’s Saar White Vermouth)
2 Spritzer Orange Bitters
2 Spritzer Bittermens Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren, mit Orangenzeste und etwas Salz auf einem Eiswürfel servieren.
[Rezept nach Scott Holliday]


Ich bin sehr fasziniert von dieser Art Zuckerrohrbrand. Wenn man betrachtet, dass es sich hier um eine recht bäuerlich-robuste Spirituose handelt, nicht um eine hochglanzpolierte wie Cognac oder mancher Scotch, so ist die Komplexität, die man hier erhält, ganz ohne Reifung, um so erstaunlicher. Mein persönlicher Favorit unter den drei ist der Sajous, vor allem leicht verdünnt – ein Traum.

Die aromatische Nähe zu rhum agricole ist unverkennbar, und das kommt mir persönlich geschmacklich sehr entgegen. Leider, und das ist der kleine Wermutstropfen, ist Clairin dadurch vielleicht nicht so übermäßig massenkompatibel, im Gegenteil, er stößt den Rumlaien vor den Kopf, wenn er ihn das erste Mal probiert – schon weißer rhum agricole hat dieses Startproblem bei Anfängern, und Clairin legt diesbezüglich noch eine Schippe drauf. Wenn man ihm nicht die Zeit gibt, und sich ihm öffnet, bleibt er ein Rätsel. Und man würde was verpassen.