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Foursquare Triptych Single Blended Rum Titel

Dreierlei vom Rum – Foursquare Triptych Single Blended Rum

Immer im Auftrag für den Leser unterwegs – so ein Blogger hat dauernd gewichtige Entscheidungen zu treffen. Welche Spirituose ist als nächste dran? Welche wird besorgt, für die Zukunft? Lohnt es sich, diesem oder jenen Trend zu folgen, damit man am Puls der Zeit bleibt, oder wartet man lieber ab, um nicht einem flüchtigen Hype nachzurennen? Fragen über Fragen. Dabei stelle ich mir eigentlich schon die Frage, welche Rezensionen sich überhaupt zu schreiben lohnen. Bei den meisten Produkten ist alles klar, aber gleichzeitig denke ich ernsthaft, dass es zwei Gruppen von Spirituosen gibt, die es sich für mich und meine Art von Blog nicht zu rezensieren lohnt.

Supermarktware für unter 10€ ist uninteressant, weil sich das jeder leisten kann – da schlägt man einfach zu und probiert es, der Aufwand eines potenziellen Käufers, sich vorher darüber zu informieren steht in keinem Verhältnis zum Preis, und das tut man höchstens aus Interesse; Ausnahmen bestätigen die Regel, wie meinen Artikel über Martini Fiero, der mit weitem Abstand der meistgelesene auf meinem Blog ist. Einhörner andererseits (also superseltene und rare Spezialitäten) lohnen sich nicht, weil an die kaum jemand herankommt, selbst für Profis ist es schwer, und wer es sich leisten kann und den Aufwand nicht scheut, hat eh schon genug darüber gelesen, weil es genug Spezialistenblogs für genau diese Zielgruppe gibt, die sich, statt wie ich über alles, was die Schnapswelt zu bieten hat, zu schreiben, auf beispielsweise Rums aus Trinidad aus den 1980er Jahren in speziellen Flaschen fokussieren.

Der Foursquare Triptych Single Blended Rum ist so ein Grenzgänger, was diese Thematik angeht. Bei weitem nicht superleicht und überall erhältlich, aber zum Zeitpunkt meines Kaufs auch kein Einhorn. Dennoch werden die wenigsten ihn je zu Gesicht bekommen, insbesondere jetzt, wo die Vorräte langsam aufgebraucht sind.

Foursquare Triptych Single Blended Rum Flasche

Ich hatte das Glück, eine Flasche bei LMDW zu ergattern. Der Erwerb allein schon war eine spannende Sache – einige Tage vor dem tatsächlichen Verkaufsstart wurde bei Facebook darauf hingewiesen, dass der Triptych nun in Frankreich und Italien released würde. Es dauerte noch bis zum 02.06.2017, bis bei LMDW der Rum auch im Sortiment auftauchte, und dann führte es zu Verwirrung. Einige konnte wohl schon gegen 6 uhr morgens Flaschen erwerben, dann änderte der Status sich auf „bald erhältlich“ und viele (darunter ich) dachten schon, aha, das wars dann wohl, wieder mal Pech gehabt. Einige Stunden später war dann plötzlich wieder etwas „en stock“, und da habe ich blitzschnell zugeschlagen. Nur Sekunden danach ging der Bestandsstatus dann auf ausverkauft. Man sieht, für derartige Spirituosen muss man flott sein, gleichzeitig trotzdem Geduld haben und eine gewisse Leidensfähigkeit mit sich bringen. Gerade Foursquare erreicht inzwischen unter Rumaficionados zur Zeit einen Kultstatus, der dafür sorgt, dass die kleinen Sonderabfüllungen, die immer wieder erfolgen, innerhalb von Minuten ausverkauft sind. Nun aber weg vom Geschäftlichen, hin zum Triptych selbst.

Ich bin ein Freund der Praxis, dunkel getönte Flaschen zu verwenden, um beim eventuellen Kunden gar nicht erst die Idee aufkommen zu lassen, dass man nach der Farbe der Flüssigkeit einkaufen geht und dunkle Spirituosen holt und dafür hellere stehen lässt. Abfüller Velier ist mit seinen schwarzen Flaschen diesbezüglich natürlich gleichzeitig eine sofort erkennbare Marke geworden, win-win sozusagen. Dadurch, dass Foursquare seine Spezialsorten auch nicht färbt, haben wir eine natürliche, tropisch gereifte Schönheit vor uns im Glas.

Beim Abfüllen der Samples (siehe unten dazu mehr) verströmte sich schon dieser herrliche Geruch im ganzen Zimmer – er ist stark, körpervoll und ohne jede Scheu. Marzipan, Kardamom, Piment, dunkle Schokolade, aber auch überreife Früchte, Banane. Schalentiere. Höchstkomplex und extrem attraktiv. Eine leichte Lacknote. Sehr komplex und sich im Verlauf der Verkostung wandelnd.

Foursquare Triptych Single Blended Rum Glas

56% Alkoholgehalt lassen mich nicht direkt zu Wasser zur Trinkstärkenherabsetzung greifen; ich nippe so daran, wie er aus der Flasche kommt. Hmm, das trinkt sich gut. Sehr breit und fett, dicht und rund im Mundgefühl. Wunderbare, natürliche, reine Süße mit viel Kraft, nicht die oberflächliche, klebrige, die man von Süßrums kennt. Dabei aber auch eine attraktive Bittere, die die Süße gut ausgleicht, so dass keine Langeweile aufkommt. Eine adstringierende Säure komplettiert das Sensoriktrio – sehr spannend und vielseitig.

Der Abgang ist glühend heiß, würzig, langsam läuft der Tropfen den Hals hinunter, man kann ihn dabei verfolgen. Im Mund verbleiben esterige Teeraromen, ledrig und holzig, dabei aber immer süß und ohne jede Gewalt. Nur leicht trocken, aber dauerhaft am Gaumen haftend. Ein wirklich spannender Rum.

Bezüglich der Zusammensetzung, die sich im Namen schon wiederspiegelt (ein Triptychon ist ein dreiteiliges Bild), verweise ich auf ein Foto, das ich mit freundlicher Genehmigung von Matt Pietrek vom Blog Cocktailwonk hier wiedergebe. Es wurde bei der Fachveranstaltung Tales of the Cocktail 2017 geschossen. Ex-Bourbon-, Ex-Madeira- und frische amerikanische Eichenfässer dienten den drei verwendeten Jahrgangsdestillaten (2004, 2005 und 2007) als Zwischenbehausung, bis sie zu einem Blend zusammengeführt wurden.

Foursquare Triptych Tales of the Cocktail 2017

Was würde sich für diesen Rum besser als Cocktail eignen, als der, den der globale Rum Ambassador Ian Burrell zu Ehren des Master Blenders und Inhabers der Foursquare-Destillerie erfunden hatte? Der The Richard Seale kann warm und kalt gerührt serviert werden, ich habe mich für die warme Variante entschieden – hin und wieder schadet es nicht, aus dem alten „eisgekühlt“-Muster auszubrechen und was anderes zu probieren. Ich finde darüberhinaus höchst unterhaltsam, wie in diesem Cocktail die Themen, die Seale oft umtreiben, auftauchen – Rum, Süßwein, Zucker.

The Richard Seale


The Richard Seale
1⅔ oz Foursquare-Rum
⅓ oz Madeira
1 Teelöffel Zuckersirup
3 Spritzer Orange Bitters
Warm rühren und in einem Cognacschwenker servieren.

[Rezept nach Ian Burrell]


129€ für eine Flasche Rum hören sich nach viel an, tatsächlich bewegen wir uns hier aber, was Highend-Rum angeht, erst im mittelpreisigen Segment, da ist noch viel Luft nach oben. Meine Meinung, dass das Preisleistungsverhältnis ab einer gewissen Größe (diese ist natürlich individuell festzulegen, bei mir liegt sie aktuell bei ca. 70€) plötzlich extrem schnell abschmilzt, bleibt dennoch bestehen.

Ungefähr Dreiviertel der Flasche habe ich im Rum-Club auf Facebook mit anderen Rumfreunden geteilt, die nicht dasselbe Glück wie ich hatten, eine Flasche davon im Lotteriespiel des Erwerbs ergattern zu können. Gerade für so seltene Abfüllungen ist es geradezu Pflicht für jeden echten Rumfreund, derartig besondere Tropfen mit Freunden zu teilen, und ihn nicht geizig für sich zu behalten, ihn im Regal als Schaustück vergammeln zu lassen oder ihn bei Ebay als Spekulationsobjekt auf peinlichste Weise an den Meistbietenden zu verhökern (außer, der Käufer öffnet und trinkt die Flasche dann tatsächlich selbst; etwas, was meiner desillusionierten Erfahrung nach dann aber selten geschieht und die Spekulationskette nur in anderen Händen weiterführt). Nur durch das breite Teilen eines Rums wie diesem kann allgemein klar gemacht werden, wie fantastisch guter Rum sein kann.

Zucker- und alkoholfreie Cocktails Titel

Weight Watchers in der Bar – Zucker- und alkoholfreie Cocktails

Wir leben in einer Zeit, in der Adipositas, Diabetes, Zöliakie und Laktoseintoleranz zum Alltag gehören. Doch nicht nur die Betroffenen, auch gesunde Menschen wollen diesen Zivilisationskrankheiten aktiv entgegen wirken. Denn, das sieht man oft, in der Gesellschaft von heute, die hochverarbeitete, industrialisiert hergestellte und mit versteckten Zusatzstoffen versehene Lebensmittel in breiter Masse konsumiert, muss man sich gar nicht unbedingt besonders blöd verhalten, um in diese Fallen zu tappen und ruckzuck zum Betroffenen zu werden.

Cocktails und Longdrinks sind nun keine Lebensmittel, sondern Genussmittel, und fallen daher aus der Betrachtung vieler Diäten komplett heraus. Alkohol als hochkalorisches Nervengift, Zucker und Säfte, die in fast jedem Drink vorkommen, sind ebenfalls Streichkandidaten auf den Listen des Erlaubten. Was bleibt da übrig? Für mich als Genusstrinker ein unerträglicher Zustand ist, wenn Begleiter an einem Abend zerknirscht an einem Sprudelwasser schlürfen müssen, wenn sie eigentlich lieber auch einen aromatischen Cocktail hätten wie den, den ich vor ihrer Nase trinke. Dieser Artikel soll untersuchen, was als Alternative zu Geschmacksarmut zur Verfügung steht. Aufgeteilt habe ich das Ganze in drei Abschnitte, die den größten Feinden der Diät gewidmet sind. Wir schauen zunächst nach alkoholfreien Drinks, dann etwas ambitionierter nach guten zuckerfreien Cocktails, und versuchen uns am Ende auch in der Königsklasse, also einem sowohl zucker- als auch gleichzeitig alkoholfreien Rezepts.

Wir wollen uns dabei am Genuss orientieren, also nicht schlampig zusammengerührte Undefinierbarkeiten mischen, sondern etwas, das sowohl vom Optischen als auch aromatischen her ordentlichen, hochwertigen Cocktails ähnelt, so dass die Ergebnisse auch neben einem „echten“ Drink standhalten. Das Nachmischen eines klassischen Martini ohne Alkoholkomponente, hier Gin, ist eigentlich erstmal gedanklich ein aussichtloses Vorhaben, dennoch habe ich mich daran versucht – zur Zeit sind so einige Hersteller auf die Idee gekommen, aromatisiertes Wasser als Ginersatz anzubieten, und eines davon soll hier mal exemplarisch zum Einsatz kommen. Siegfried Wonderleaf ist also der Ersatz für den Gin, nun brauchen wir noch Wermut. Tatsächlich findet sich ein Wermut auf Basis von alkoholfreiem Wein: Blutul Bianco soll als süßer, alkoholfreier Begleiter her.

Siegfried Wonderleaf und Blutul Bianco

Man sieht, es wird ganz sicher kein Dry Martini, sondern geschmacklich eher ein an einen Perfect Martini angelehnter Drink; ich gehöre zu denen, die durchaus ein bisschen Wermut im Martini schmecken wollen, sonst kann ich ja auch gleich einfach Gin-on-the-Rocks bestellen. Es fehlt, wie bei allen alkoholfreien Drinks, etwas an dem Punch und der Tiefe, die kein Ersatzprodukt liefern kann – aber hat man sich damit abgefunden, ist das Ergebnis tatsächlich ein schöner, eleganter und leichter Aperitif mit Stil. Ich nenne ihn daher Easy Martini. Mit so einem Glas in der Hand muss sich kein Abstinenzler mehr schämen und verstecken, im Gegenteil. Spannend – durch die Kombination der Zutaten entsteht eine geradezu frappante Nelkennote, die in keinem der Einzelbestandteile so stark vorhanden ist. Sehr interessant!

Easy Martini


Easy Martini
3 oz Siegfried Wonderleaf
½ oz Blutul Bianco
Auf Eis rühren, in eine gekühlte Cocktailschale mit Zitronenzeste abseihen.
[Rezept nach Helmut Barro]


Die Vorkühlung des Glases und der Zutaten ist bei alkoholfreien Drinks dieser Machart ganz besonders wichtig, denn die Kälte gibt etwas benötigte Kante dazu. Die Zutaten schlagen sich also gar nicht schlecht, und sind für den Diätetiker mit ihren Inhaltsstoffen und Nährwerten gewiss einen Blick wert; auch, wer unabhängig davon mal einen Blick über den Tellerrand riskieren will, kann sich diese Produkte mal zu Gemüte führen, ich kann mir gut vorstellen, dass sie auch eigenständig, also nicht als Ersatz für etwas anderes, für die Mixologen unter uns interessant sein können.

Siegfried Wonderleaf und Blutul Bianco Nährwerttabellen

Alkoholfrei ist ja nun durchaus verbreitet, praktisch jede Kneipe hat einige Drinks ohne Alkohol im Angebot, da muss man gar nicht weit schauen oder experimentieren, wenn auch die meisten geistlosen Drinks genau das sind – geistlos und unansehnlich. Das Aroma eines Cocktails muss irgendwo herkommen, und so muss ausgewichen werden – der allseits beliebte Ipanema beispielsweise ersetzt den Alkohol einfach durch noch mehr Zucker, als im Vorbild, der Caipirinha, eh schon drin ist. Filler wie Ginger Ale, Tonic Water, Säfte und Cola bieten durch ihren hohen Zuckergehalt den Ausgleich an Geschmack, den man durchs Weglassen des Schnapses herbeiführt. Doch man tauscht hier teuer ein: Für den an Kalorien Interessierten ist Zucker mindestens genauso schlimm wie Alkohol. Daher schauen wir mal, ob es nicht möglich ist, auf den süßen Geschmacksträger zu verzichten. Nicht nur auf aktiv beigefügten Zucker, sondern auch auf den Zucker, den Liköre, Säfte und andere Zutaten manchmal gar nicht zu knapp enthalten. Geht man ein Rezeptbuch diesbezüglich durch, wird man erstaunt sein, wie wenige Cocktails es ohne Liköre und Säfte in die Listen schaffen – man muss wirklich mühsam suchen, und in vielen Büchern wird man gar nicht fündig. Es ist viel schwieriger, einen zuckerfreien und dennoch aromatischen Drink zu mixen als einen alkoholfreien, das habe ich gelernt – wenn man nicht einfach den Zucker durch künstliche Süßstoffe ersetzen will, das ist natürlich einfach, aber nicht viel gesünder.

Einen habe ich gefunden, der eigentlich auf Erdbeerschnaps und dem dazu passenden Beatles-Song beruht. Leicht adaptiert für die bei mir in der Heimbar vorhandenen Zutaten wird daraus eine spannende Sache – je nach verwendetem Himbeerbrand wird der Raspberry Fields Forever zwischen sehr süßlich/aromatisch und trocken/herb. Ich verwende darin am liebsten einen serbischen Rakiya, der sich großartig macht und eher in die erste Kategorie fällt. Tatsächlich vermisst man so eine zugefügte Süße gar nicht – ein guter Brand bietet genug natürliche Süße. Wer ganz auf (Frucht-)Zucker verzichten will, muss natürlich der Versuchung widerstehen, die Dekoration zu essen.

Raspberry Fields Forever


Raspberry Fields Forever
2 oz Himbeergeist oder Himbeerrakiya
½ oz Cognac

Im Glas auf Eis bauen, aufgießen mit Sprudel.
[Rezept nach Helmut Barro]


Einen kurzen Einwurf ist hier vielleicht auch aktiv verheimlichter Zuckerzusatz, wie es bei vielen Rums geschieht, wert – will man ganz hart sein, muss man auch darauf achten. Man sieht allerdings, dass zuckerfrei automatisch bedeutet, dass der Drink entweder sehr stark wird, weil er eigentlich nur aus hochprozentigen Spirituosen besteht, oder zu einem Fizz wird, weil, wenn verdünnt wird, eigentlich nur Sprudelwasser als Filler zum Einsatz kommen kann. Es gibt auch kalorienreduzierte Filler, Tonic Water Light zum Beispiel, die, will man dann doch ein paar Kalorien zulassen, ganz passabel einsetzbar sind. Hervorheben möchte ich dabei zum Beispiel auch den pH Tonic Syrup, der richtig gut funktioniert, hochwertig ist und dabei sehr viel weniger Zucker mit sich bringt als die meisten industriellen Produkte. Sein Bruder, der pH Ginger Syrup, bietet ähnliches fürs reduzierte Genießen von Ginger Ale oder Ginger Beer, wenn man sich seinen Scotch mit etwas aufgießen will.

pH Tonic und Ginger Syrup

Zu guter Letzt kommt der Punkt, über den ich mir wirklich hart den Kopf zerbrochen habe. Besonders nach den oben erzählten Erfahrungen war ich mir sicher, dass es einfach nicht möglich ist – ein sowohl alkohol- als auch zuckerfreier (oder wenigstens -armer) Cocktail. Ich stelle mich der Herausforderung, auch wenn wir uns hier in schon äußerst seltsamen Sphären der Mixologie bewegen. Wir wollen hier natürlich dennoch stilsicher bleiben und nicht ins billig-amateurhafte abgleiten, darum orientieren wir uns auch hier an einem klassischen Rahmen. Ich habe neulich den Hitchcock-Film „Der unsichtbare Dritte“ geschaut, und da in diesem Film der Zug 20th Century Limited eine gewichtige Rolle spielt, kam mir die Inspiration, den ähnlich benamten Cocktail, der diesem Zug gewidmet ist, für diesen Artikel nachzubauen, nur eben mit stark reduziertem Zucker- und Alkoholanteil. Ich betone den extremen Experimentalcharakter des nachfolgenden Drinks! Den asketischen Bedürfnissen unseres Jahrhunderts zu Ehren nenne ich ihn dann entsprechend Twenty-First Century Cocktail.

Twenty-First Century Cocktail


Twenty-First Century Cocktail
2 oz Siegfried Wonderleaf
¾ oz Blutul Bianco
½ Teelöffel Hershey’s Sugar-free Chocolate Syrup
¾ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken und mit Zitronenzeste garnieren.

[Rezept nach Helmut Barro]


Der aufmerksame Leser sieht, dass ich nicht komplett auf die Feinde verzichten konnte, denn den Fruchtzucker der Zitrone und den Zucker im Blutul muss man in Kauf nehmen. Immerhin habe ich neben den bereits zum Einsatz gekommenen Zutaten noch einen zuckerfreien Schokoladensirup entdeckt, der, sehr vorsichtig dosiert, die Crème de Cacao des Originals ersetzen soll. Das geht ganz nett, und das Ergebnis überrascht selbst mich – nachdem ich an den Verhältnissen gespielt habe, der erste Versuch war zugegebenermaßen desaströs; zuviel des Schokosirups, und selbst nur ein wenig zuviel, führt zu einem Drink, der ausschließlich nach verdünnter, gesüßter, gewürzter Trinkschokolade schmeckt, und außerdem optisch äußerst unansehnlich wird.

Hershey's Sugar-free Chocolate Syrup

Wir sehen, mit Willen, Können und Ausdauer lässt sich selbst für den Abstinenzler und den Weight Watcher etwas ins Glas zaubern, was eventuell auftretende Cocktailgelüste einigermaßen befriedigen kann, und einem weder die Askese, eine zusätzliche Insulinzugabe oder Bauchschmerzen wegen Übelkeit noch den Verzicht auf Stil und Klasse aufdrängt. Und die Bikinifigur 2022 rückt darüberhinaus in greifbare Nähe!

Eine wichtige Anmerkung allerdings zum Schluss. Ich habe hier immer versucht, bestehende Rezepte nachzubauen, mit alternativen Zutaten. Letztlich ist es aber nicht das, was das Ziel sein sollte. Ähnlich wie Vegetarier leckere Gerichte kochen, die nicht Wurstimitate sind, muss vielleicht auch die Barwelt sich Gedanken machen, echte Alternativen, und nicht Imitate anzubieten: Also, Mixologen der Welt, seht in die Zukunft und erkennt, dass dies ein spannendes Feld für Euch und Eure Kreativität ist!

Hampden Estate Pure Single Jamaican Rum 7y 46% Titel

Kurz und bündig – Hampden Estate Pure Single Jamaican Rum 7y 46%

Normalerweise setze ich mich, wenn ich ein Sample einer Spirituose erhalte, für mich hin, und beschäftige mich in winzigen Schlückchen lange mit dem Produkt. Ich hatte das Sample des Hampden Estate Pure Single Jamaican Rum 7y 46% über die Weihnachtsfeiertage mit in die Heimat zu einem Familienbesuch genommen, und wollte dort in einer ruhigen Stunde meine Tastingsnotes schreiben. Nun habe ich nicht mit dem Interesse und dem Durst meiner Verwandten gerechnet – nach drei Flaschen Champagner, ein paar Kostproben von anderen Spirituosen und fröhlichen Diskussionen über Zutaten für hausgemachte Rumkugeln wollte ich den Mittrinkern dann doch nicht vorenthalten, ihnen den Eindruck von gutem jamaikanischem Rum mitzugeben. Voller Vertrauen habe ich also dieses Sample ausgepackt, eingeschenkt, und gehofft, dass mein Optimismus mich nicht enttäuscht. Es gab interessante Reaktionen, nur soviel möchte ich sagen – ich bin froh, dass noch ein paar Schlucke übrig blieben, um meine Tasting Notes später doch noch zu schreiben.

Hampden Estate Pure Single Jamaican Rum 7y 46%

Dieser Rum ist ungefärbt, und strahlt trotzdem in dunklem, kräftigem Bernstein. 7 Jahre Reifung rein in den Tropen (ja, es macht einen Unterschied) haben diese Farbe ins Glas gezaubert; ich freue mich, wenn sich ein Hersteller dazu entscheidet, die Färbung wegzulassen und sich stattdessen auf sein Produkt verlässt. Die Flüssigkeit ist ölig und bewegt sich langsam im Glas.

Jamaica-Rum ist selbst für Rumanfänger leicht identifizierbar, denn alles, was der Laie so an Rumaromen in Schokoladen und Kuchen kennt, stammt im Endeffekt aus einer jamaikanischen Fermentation. 100%-Pot-Still-Destillation hat diese Aromen veredelt – Ananas, Zimt, überreife Banane, Schokolade, Milchkakao, ganz viel Marzipan. Ich will nicht übertreiben, aber das ist herrlich, cremig, süß, dabei aber funkig und frech.

Sehr mild, weich und süß im Antrunk (hier sprechen wir von einer natürlichen, feinen Süße, denn der Rum ist nicht künstlich nachgesüßt), schokoladig, mandelignussig, mit milder Frucht aus der Biotonne, wo sie schon eine Weile lag – für Kenner ist das ein Kompliment. Im Verlauf entsteht sehr langsam etwas Würze, immer mehr, bis zum mildpfeffrigen, sehr trockenen Abgang, der aromatisch sehr lang mit Banane, Kirsche, Minze und Ananas am Gaumen bleibt, und im Rachen und im Magen ein warmes Gefühl hinterlässt.

Ausgesprochen trinkbar, sehr gefällig, aber dennoch charaktervoll und typisch. Eine wirklich schöne Abfüllung, die dankenswerterweise nicht eine von denen ist, bei denen man schnell zuschlagen und mehrere hundert Euro auf den Tisch legen muss – offizielle Abfüllungen mit länger geplanter Laufdauer wie diese hier haben auf jeden Fall ihre Vorteile. Der Hampden Estate Pure Single Jamaican Rum 7y 46% ersetzt jedenfalls die bisherigen Empfehlungen, die ich für jamaikanischen Rum hier gegeben habe, als die Referenz für Anfänger wie Profis – und er macht sicherlich abartig gute Rumkugeln. Ich bin gespannt auf die stärkere Overproof-Variante, die ebenfalls erhältlich ist, und hier auch demnächst vorgestellt werden wird.

Offenlegung: Ich danke dem Importeur Kirsch Whisky für die kostenlose Zusendung des Samples dieses Rums.

Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum Titel

Fass(ungs)los – Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum

Es ist eine große Investition in die Zukunft, die man als Hersteller von braunen Spirituosen tätigen muss. Gebrannt ist schnell, wenn man das Equipment und Knowhow mal hat, doch die Kehlen der Kunden verlangen eher selten nach frisch aus der Destille gelaufenem, weißen, klaren Sprit; sie wollen dunkle, braune Flüssigkeiten, die nach Vanille und Karamell schmecken. Der Zufall, der einst die frühen Brenner dazu brachte, ihre Destillate in Holzfässern zu lagern, die dann den Geschmack entscheidend beeinflussten, ist heute ganz selbstverständliche Praxis geworden. Doch diese jahrelange Ruheperiode ist halt eben eine Investition – man kann in vielen Spirituosenkategorien seinen Stoff erst 10, 12 oder 20 Jahre später vernünftig verkaufen.

Das muss doch auch anders gehen, denken sich findige Geister. Man fährt ja heutzutage auch nicht mehr in Pferdekutschen oder surft mit einem langsamen Quietschmodem, dieser Prozess der Reifung muss doch zu beschleunigen sein. Und so haben wir heute das Highspeed-LTE-Äquivalent der Rumwelt im Glas, den Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum. Dieser Rum ist, wie man auf dem Foto erkennen und aus dem Namen ablesen kann, von brauner Farbe, und hat dabei aber in seiner kurzen Reifezeit von „wenigen Wochen“ (eigene Aussage auf der Webseite des Herstellers) nie ein Fass von innen gesehen. 10 Jahre Fassreifung sollen durch das neue Hightech-Verfahren eingespart werden können, und der Geschmack dabei gleich sein. Ich bin extrem skeptisch, was solche Aussagen angeht, musste aber aus rein professionellem Interesse dann den Versuch wagen. Haben wir hier die Zukunft des Rums vor uns?

Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum

Die Farbe ist tatsächlich der vergleichbar, die ich bei einem natürlich gereiften, ungefärbten 10 Jahre alten Rum erwarten würde. Eine leichte Trübung stört den Eindruck und deutet eventuell auf die Art des Verfahrens hin, das eingesetzt wurde – da keine Details darüber veröffentlicht werden, gehe ich einfach mal von einer Druck-Hitze-Intensivkur mit Holzchips aus. Der Boilerrum bewegt sich wie Wasser im Glas, keine Form von Öligkeit oder Schwere ist erkennbar.

Im Geruch erkenne ich zunächst Getreide. Da ist eine gewisse Vanillekomponente, etwas Kirsche und Aprikose, vielleicht aber eher Hubbabubba-Kaugummi; ja, das ist es – Kaugummi. Ein mehr geahnter als tatsächlicher Hauch von Rauch. Doch insgesamt, um ehrlich zu sein: Es riecht wie Vodka, der künstlich aromatisiert wurde, nicht wie Rum. Bei „achtfacher“ Destillation ist es auch kein Wunder, wo soll da noch Rumaroma übrig geblieben sein.

Der Geschmack ist leicht, typisch für einen hochdestillierten Multi-Column-Still-Rum. Wenig Körper. Sehr süß, viel Vanille, viel Hubbabubba. Diese Rauchkomponente ist auch geschmacklich vorhanden, das spannendste an diesem Rum. Er wirkt oberflächlich, klar, ohne Breite, sehr künstlich. Die auf der Webseite angepriesene Mildheit finde ich nicht, da ist viel Alkoholhauch  und -feuer und Pfeffer, insbesondere im aromatisch extrem kurzen Abgang. Der Nachhall ist dezent rauchig, erinnert mich mit meiner überbordenden Fantasie entfernt an Mezcal.

Als Vergleich für die Alterseinordnung dienen mir hier ein 3-bis-5-jähriger karibischer Blend (Compagnie des Indes Caraïbes), ein gesüßter Column-Still-Dominikaner ohne Altersangabe (Atlántico Gran Reserva) und ein tatsächlich echte 7Jahre alter Kubaner (Havana Club 7). Keine unfairen Bedingungen, wie man sieht, leichte Rums allesamt, keine superaromatischen Single-Cask-Abfüllungen, und recht unterschiedliche Stile, denn es geht nun ja nicht um den tatsächlichen Geschmack, sondern mehr um den Eindruck des Alters, der sich auch unabhängig vom Geschmack äußert. Der Boilerrum wirkt gegen alle  extrem dünn, jung, unrund, aromenarm und alkoholisch, das ist gar kein echter Wettbewerb. Die Konkurrenten schlagen ihn ohne jede Mühe und Aufwand. Ich habe, so hart es klingt, diverse ungereifte, weiße Rums in meiner Heimbar, die den Boilerrum deklassieren in Bezug auf Reife und Rundheit.

Boilerrum Bionaturally Designed Brown Rum Glas

Man kann diesen Rum wenigstens als schönes Beispiel dafür hernehmen, was Fassreifung alles mit einem Destillat anstellt. Es geht halt eben nicht nur um Farbe und Aromenübergang, sondern auch um das Atmen über Jahre durch den Filter des Fassholzes, das sich Setzen des Destillats, die Interaktion mit der Umgebung. „Reifung“, das Wort allein drückt es eigentlich schon aus: Per Definition gehört Zeit dazu. Man kippt nicht Enzym XYZ in den Tank und bekommt damit ein gereiftes Produkt, höchstens eins, das einem Reifung vortäuscht. Ist es das, was wir wollen? Es dem Hersteller möglichst einfach zu machen, uns etwas zu verkaufen, das dem, was wir eigentlich wollen, ähnelt, ein Rumersatzprodukt? Nichts anderes ist der Boilerrum, in der gleichen Kategorie wie Analogkäse und Formfleisch.

Mit Holz aromatisierter Vodka, das ist der Eindruck, den der Boilerrum hinterlässt. Butter bei die Fische – das Reifungsverfahren kann im Endeffekt so gut sein wie es will, wenn das eingesetzte Destillat nichts taugt, wird es nichts bringen – es kann ja keinen Zuckerrohrvodka in Rum verwandeln.

Fürs reine Genießen halte ich diesen Rum in dieser Form also für ungeeignet, sowohl von der physischen Aromatik als auch von der psychischen Genusskomponente her. Wer mich kennt, weiß, dass ich derartig klassifizierte Spirituosen auch ungern in Cocktails einsetze – wozu auch, man braucht gute Zutaten für einen guten Drink. Letztlich landen solche Produkte dann in Rezepturen, in denen sie nicht der Hauptdarsteller sind, sondern mehr eine unterstützende Rolle spielen. Im Kerala Cocktail braucht man einen leichten Rum, da kann der Boilerrum seine Dienste mehr oder weniger zufriedenstellend tun, die Aromen liefern andere Zutaten, und er muss so nicht gegen seine eigenen Marketingfuzzis kämpfen, die ihm ein Image aufzwingen, das er nicht ausfüllen kann.

Kerala


Kerala Cocktail
5 Kardamom-Schoten im Mixglas andrücken
1 oz leichter Rum
1 oz Bourbon
½ oz Ananassaft
½ oz Zitronensaft
½ oz Zuckersirup
1 Spritzer Angostura
1 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken. Doppelt abseihen.
[Rezept adaptiert nach Joaquín Simó]


Letztlich missfällt mir fast alles an diesem Produkt, vom Geschmack mal ganz abgesehen. Die Wortwahl „bionaturally designed rum“ widerspricht allem, was ich in einer Spirituose sehen will, ich brauche keine Designer für einen guten Rum. Was an dem Verfahren mehr „bionatural“ sein soll als eine einfache Fassreifung ist mir auch unklar – wahrscheinlich soll damit der Verzicht auf unnötige Zusatzstoffe verklärt werden, etwas, was ich als Grundlage jeder gut gemachten Spirituose aber sowieso erwarte. Das großmäulige Versprechen, den Effekt von 10 Jahren Fassreifung in wenigen Wochen zu erreichen, das in keiner Form eingehalten werden kann, kommt dazu. Die süffisante Herablassung über karibische Herstellung in Kombination mit dem Stolzsein auf achtfache Destillation (!) zeugt davon, dass man keinerlei Interesse an Rum an sich hat. Und schließlich das Gerede übers Klonen auf dem Rücketikett und das Klonschaf Dolly als Wahrzeichen – wow, die haben echt den Knall nicht gehört oder auf die Kundschaft, die Natürlichkeit fordert, und nicht Laborprodukte.

Holzfassexperten, wie die Leute von der Independent Stave Company, mit denen ich in einer Masterclass-Veranstaltung bei meiner Reise zum Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles in Plovdiv (Bulgarien) im August 2018 reden konnte, bestätigen, dass derartige Verfahren auch von den Holzprofis erforscht und mit wachem Auge verfolgt werden – für sie ist es aber in weiter Ferne, dass ein traditionelles Holzfass durch technische Verfahren bei der Reifung von Spirituosen ersetzt werden könnte. Ich stimme ihnen zu, nachdem ich den Boilerrum probiert habe. Reden wir in 10 Jahren nochmal, mit verbesserter Technik und einem sehr viel besseren Basisdestillat – in dieser Form ist das Müll und keine Werbung für das Verfahren.

Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Titel

IGP, AOC und andere ggAs – Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe

Redet man über Rhum Agricole, beginnt das Missverständnis meist schon im ersten Satz. Selbst Rumexperten verwenden die allerersten Basisbegriffe wie „agricole“ oft, ohne eine wirklich klare Vorstellung davon zu haben, wie komplex die rechtliche und terminologische Lage diesbezüglich ist. Ich will gar nicht auf diese Schwierigkeit eingehen, sondern einen großen Schritt von dieser schwierigen, für mich selbst noch unklaren Schwammigkeit nach vorne an die klar definierte Front machen, und dabei das immer noch häufig gehörte Missverständis aufklären, dass jeder rhum agricole automatisch nach den strengen Regeln des AOC hergestellt wird. Die Kette ist eigentlich klar: Nicht jeder Zuckerrohrsaftbrand ist ein Rum, nicht jeder auf französischen Gebieten hergestellter Rum ist Rhum agricole, nicht jeder Agricole aus derartigen Gebieten ist AOC.

AOC, Appellation d’Origine Contrôlée, ist ein Schutzmechanismus, der nur an sehr ausgewählte Produkte der teilnehmenden Länder vergeben wird (bei dieser französischen Variante eben Frankreich und Schweiz); bei weitem nicht jeder rhum agricole erhält ihn. Zur Zeit hat nur die Insel Martinique das Recht, ihren Rum, der nach diesen sehr explizit formulierten Regeln hergestellt wird, mit diesem Siegel zu markieren. Ein Beispiel für ein nicht-AOC-Rum-produzierendes französisches Gebiet ist Martiniques Nachbarinsel Guadeloupe. Um die Sache zu verkomplizieren, ist der Rum, der dort hergestellt wird, trotzdem auch geschützt – nicht über das AOC-Siegel, sondern über dessen kleinen Bruder, das IGP-Siegel (Indication Géographique Protégée). Kleiner Bruder deshalb, weil die Strenge der Vorgaben, was die Produktionschritte angeht, in diesem Fall doch erkennbar geringer ausfällt – statt detaillierten Vorgaben reicht es schon, wenn die Herstellung allgemein in der angegebenen Region erfolgt, um das Siegel bekommen zu können, das von der EU verliehen wird, nicht von einer unabhängigen Kontrollinstanz, wie das bei AOC der Fall ist.

Wir betrachten in diesem Zusammenhang einfach mal einen Rum – der Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe ist so ein Produkt der Insel Guadeloupe, das das IGP-Siegel trägt. Er wird in der Bellevue-Destillerie für den langjährigen Besitzer der Destille, Damoiseau, den größten Rumhersteller Guadeloupes, gebrannt, und lagert dann mindestens 3 Jahre im Eichenfass, um die Alterskategorie „VO“ zu bekommen.

Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Flasche

Für diese kleinen 3 Jahre weist der Rum eine überraschend kräftige Farbe auf, ein dunkles Kupfer mit goldenen Reflexen. Das lädt direkt dazu ein, die Nase ins Glas zu halten – dort findet man dann erstmal ein schönes Entrée von Zitrusfrüchten. Agricoletypische Noten tauchen schnell auf, Heu und Malz. Leise Anklänge von Kaffee und Schokolade, im Untergrund etwas Pferdedecke.

Der Geschmack überrascht dann zunächst leicht. Honig ist ganz deutlich präsent, ebenso Schwarztee. Passend dazu ist der Eindruck richtig süß, mild, ohne echte Kante und Ecke. Vollmundig und dicht, der Damoiseau VO fühlt sich fast schon dickflüssig im Mund an, wenigstens aber ölig. Leicht grasige Aromen, begleitet von etwas kühler Eukalyptusschärfe im Verlauf. 42% Alkoholgehalt kann man im Ansatz riechen und schmecken, ein paar Jahre mehr werden für noch bessere Einbindung sorgen.

Der Abgang wird sehr trocken, der ganzen Süße im Antrunk spottend. Ansprechend mittellang. Im Nachhall entdecke ich Vanille, noch mehr Heu. Sehr warm und wohlig läuft der Rum den Rachen hinunter und verweilt dort etwas. Ich finde das einen perfekten Rum für Leute, die bisher eher Süßrums im Blickfeld hatten und Agricoles mit Misstrauen beäugen, die grasig-holzigen Komponenten schwierig finden und sich eher gemütlich verwöhnen wollen. Der Abgang ist für diese vielleicht etwas ungewohnt würzig, doch nie unangenehm.

Es gibt unendlich viele Cocktailrezepte, die Rum einsetzen, in all seinen Spielarten. Meist ist dabei rhum agricole nicht die Zutat der Wahl, denn sein doch leicht anderes Aromenprofil würde dafür sorgen, dass die Gesamtaromatik in eine sehr andere Richtung kippt. Für den Damoiseau VO gilt das meines Erachtens nicht – er passt sich gut in Standardrumrezepte ein. Der Agricole Malecon zeigt dies; er wird normalerweise als Malecon mit Melasserum gemacht.

Agricole Malecon


Agricole Malecon
1¾ oz Rhum agricole (z.B. Damoiseau VO)
½ oz Tawny Port
oz Oloroso-Sherry
1 oz Limettensaft
2 Teelöffel feiner Zucker
3 Tropfen Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Erik Lorincz]


Ich kann mit der Art von Schraubverschluss, die sich auf dieser Flasche befindet, bei Spirituosen sehr gut leben – ich brauche keinen Korken, wenn so ein hochwertiger Plastikschraubverschluss es auch tut. Bei dem wirklich richtig guten Preisleistungsverhältnis (man bezahlt in Frankreich im Supermarkt um die 20€ für die 70cl-Flasche) wäre auch jedes Meckern diesbezüglich scheinheilig.

Also, wer sich vor Rhum Agricole bisher gefürchtet hat, greife hier unbesehen zu. Auch bereits Initiierte, die nach einem wirklich milden, vollmundigen Schluck für zwischendurch oder als Cocktailzutat suchen, werden es nicht bereuen, sich diesen Tropfen ins Regal zu stellen.

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Titel

Ab nach Walhalla – Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum

Die Welt war vor einigen Jahrzehnten noch in Ordnung. Whisky kam aus Schottland, Irland und den USA, Agavenschnaps aus Mexiko, Weinbrand aus Frankreich, Vodka aus Polen und Russland. Und Rum? Rum kam aus der Karibik, alles andere war gepanschter Schmu. Ja, die Zeiten ändern sich. Whisky ist in sehr hervorragender Qualität inzwischen aus Japan beziehbar, Südafrika stellt zwar nicht Tequila, aber doch Spirituosen aus Agavenzucker her, ich habe südamerikanischen Pisco als dem französischen Cognac in nichts nachstehend für mich entdeckt, und Vodka – naja, manches ist beim alten geblieben, auch wenn sehr schöne Ausnahmeprodukte inzwischen auch in Deutschland hergestellt werden (Freimut, zum Beispiel).

In dieser neuen Weltordnung hat selbst Rum keine Sonderstellung inne mehr inne. Während die Basismaterialien für viele anderen Spirituosen weltweit recht problemlos angebaut werden können (Getreide, Trauben etc.), ist Zuckerrohr ein tropisches Gewächs. Die Herstellung ist daher eigentlich auf entsprechende Gebiete konzentriert, doch im Zuge der Globalisierung sind wenig verderbliche Basismaterialien, wie Melasse bei Rum, aber gern um die halbe Weltkugel unterwegs, so dass selbst im klimatisch unwirtlichen Deutschland Rum gebrannt werden kann – experimentierfreudige Brenner wie Severin Simon versuchen also, den karibischen Altmeistern die Schau zu stehlen, mit hochwertigen artisanalen Produkten. Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum will dabei offensichtlich auf eigenen Füßen stehen, ohne künstliche Anbiederung an tropische Gefühle. Ich habe mir eine der schnuckligen 35cl-Flaschen bei einem Besuch in der Destille mitgenommen. Schauen wir mal, ob der deutsche Rum was taugt, und wie er sich in internationaler Konkurrenz schlägt!

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Flasche

Die 4 Jahre Reifedauer im Barrique aus regionaler Spessarteiche haben, wenn man die Farbe betrachtet, ihren Zweck optisch erfüllt – ein strahlendes Safran mit orangenen Reflexen; schön insbesondere, weil nicht künstlich nachgefärbt. Dicke Beine laufen am Glas langsam ab, eine leichte Öligkeit ist sichtbar.

Das Ex-Mackmyra-Fass, in dem der Thorslund für 6 zusätzliche Monate ruhen konnte, zeigt sich dann auch in der Nase. Ein Touch von Whisky liegt da im Untergrund, darüber eine Schicht Getreide, eine kräuterige Zwischenschicht aus Dill und Kümmel, und zur Krönung obenauf hochtönig noch ein paar Obstaromen (Apfel und Birne, würde ich sagen). Besonders schön für die, die die Destille besucht haben und sich erinnern können – man kann die Aromatik der Melasse, aus der dieser Rum gebrannt wurde, tatsächlich noch riechen.

Im Antrunk wirkt der Thorslund erstmal natürlich süß und weich. Die Breite, die man zu Beginn schmeckt, erhält sich, doch bald kippt die Süße um in kantige Trockenheit. Heimlich schleicht sich eine starke Bittere mit ins Bild. Ich schmecke vergorene Ananas, geröstete Gerste, Anis, etwas Apfel und Banane, und fast schon etwas Armagnac. Die Intensität, mit der die Aromen geliefert werden, ist berauschend. Sehr spannend, sehr vielschichtig, sehr aromatisch. Dieser Rum hält sich nie zurück, und ist trotz der 48,8% Alkoholgehalt dabei nirgends kratzig oder beißend. Der Abgang ist voller Haselnüsse, ultratrocken, heiß und lang, erinnert mich dabei sensorisch an eine verrückte Mischung aus jamaikanischem Funk und norddeutschem Kornbrand. Da ist Dampf ohne Ende drin.

Simon's Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum Glas

Ah, wer hier nicht direkt zum Fan deutschen Rums wird, den bedaure ich. Ganz klar: Der Thorslund kann ohne Mühe mit den besten Produkten der großen karibischen Namen mithalten. Das ist ein herrlicher, superaromatischer und dabei so wunderbar unkomplizierter Rum, bei dem ich es extrem bedauere, nur eine Flasche erworben zu haben – bei einer Limitierung auf 150 Flaschen ist es wohl aussichtslos, nochmals eine davon abzustauben, für die schlechten Tage, wenn man nach vielen Samples mittelmäßigen Rums einen Lichtblick gut gebrauchen könnte.

Immer wieder lese ich, dass man hochwertige Spirituosen nicht in Longdrinks oder Cocktails vermischen soll. Nun, selbst Trader Vic hat einen 17-jährigen Wray&Nephew, der heutzutage wahrscheinlich kaum bezahlbar wäre, in seinem originalen Mai Tai untergebracht, und ihn nehme ich mir diesbezüglich gerne als Vorbild. Daher kommt der Thorslund in einen Cocktail, wie eigentlich alle Spirituosen, die ich auf meinem Blog bespreche. Kein Tiki-Cocktail, sondern was kleines, feines – im Pedro Martinez kommt er besonders schön zur Geltung.

Pedro Martinez


Pedro Martinez
1½ oz gereifter Rum (z.B. Simon’s Valkyrie Thorslund Bavarian Nordic Rum)
¾ oz roter Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
¼ oz PX Sherry (z.B.  La Cigarrera Pedro Ximénez)
2 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Bryan Schneider]


In der Valkyrie-Reihe hat Severin Simon auch noch zum Beispiel den Castanea im Portfolio, der statt in Whisky-Fässern in Kastanienholz reift. Natürlich folgt eine Besprechung jenes Rums auch noch. Die nordische Mythologie als Storytelling-Rahmen für den Rum gefällt mir gut, ebenso die Illustrationen auf den Etiketten, die wie auch der Schriftsatz edel wirken, ohne sich allzusehr dabei zu verkaspern. Ein praktischer, qualitativer Schraubverschluss ist für mich eine gute Alternative zum Korken. Sehr wichtig für mich –  dieser Rum ist ungefärbt und ungesüßt. Ein paar Infos darüber, wie auch über die doch nicht alltägliche Herstellung und Reifung, hätte ich mir auf einem eventuellen Rücketikett gewünscht.

Wenn es solch großartigen Rum in Walhalla gibt, hat der Tod seinen Schrecken für mich verloren, und ich freue mich auf die Walküren, die mich dann irgendwann mal dorthin bringen.

Mount Gay Pure Silver Titel

Kurz und bündig – Mount Gay Pure Silver

Urlaubsmitbringsel! Herrlich! Es freut einen, wenn die Kollegen an einen denken, selbst im Urlaub. Und wenn man dann sogar noch was mitgebracht kriegt, freut man sich doppelt. Dreifach sogar, wenn es sich um ein Sample eines bajanischen Rums handelt! Vierfach, wenn das Sample tatsächlich auf Barbados gekauft wurde. Fünffach, wenn man schon vor der Verkostung weiß, dass es sich um qualititativ hochwertigen Rum handelt, wie den Mount Gay Pure Silver. Diese Besprechung basiert auf genau so einem mitgebrachten 5cl-Sample.

Mount Gay Pure Silver

In Deutschland ist dieser Rum in dieser Form, soweit ich weiß, nicht leicht erhältlich. Es gibt den Mount Gay Silver, der allerdings nur 40% aufweist, während der Pure Silver 43% Alkoholgehalt hat. Es handelt sich dabei um einen gereiften Rum, der mindestens 2 Jahre er in Ex-Bourbon-Fässern lagerte, und dem die Farbe dann wieder entzogen wurde – entsprechend klar ist er nun. Der Geruch ist erstmal deftig, und fast ausschließlich, lösungsmittelig. Eine tieferliegende Dunkelheit in der Aromatik deutet auf das Alter hin. Etwas Getreidecharakter ist da, dadurch erinnert der Pure Silver mehr an Vodka als an Rum.

Im Antrunk ist der Bajaner sehr süß, das bleibt auch im Verlauf bis zum Schluss die Grundtendenz. Lösungsmittel auch im Geschmack, dazu Getreide, hm, wäre nicht die wirklich tiefe Süße, ich würde es für Vodka halten. Ist das ein Kompliment für Rum? Eher nicht. Der Abgang ist glühend heiß, aber nicht brennend, bis tief in die Speiseröhre hinunter. Das gefällt mir, unzweifelhaft hat der Pure Silver ordentlich Power und Volumen, doch aromatisch bleibt er leider arg kurz, ein milder Eisenton ist schon alles.

Nun, das ist sicher kein Rum, den ich mir abends so vor dem Fernseher eingießen würde, da kann er noch so sehr aus einer Traditionsbrennerei stammen. Seine Kraft und dicke Schwere ist letztlich sein einziger Vorteil, denn sonst hat er sensorisch kaum etwas zu bieten. Bei Melasse-Rum mit hohem Column-Still-Anteil ist es halt wie bei Whisky (und anders als bei Tequila und Cachaça!) – er braucht das Fass, um attraktiv zu werden, und das mehr als 2 Jahre. So bleibt, so leid es mir tut, nur die Freude über das Geschenk. Diese überwiegt natürlich alles, da ist der Geschmack letztlich auch zweitrangig.

Botucal Distillery Collection Titel

Kurz und bündig – Botucal Distiller Collection N°1 und N°2

Botucal, oder auch Diplomático, wie man diesen Rum aus Venezuela sonst überall in der Welt kennt, war einst der König der Rums. Er stürzte dann doch recht tief, zumindest im Ansehen von Kennern, als die Nachsüßungsvorwürfe bewiesen und Allgemeingut in der Rumwelt wurden. Heutzutage haben es Zuckerbomben immer schwerer, in Rumkreisen ernst genommen zu werden (auch wenn sie sie natürlich immer noch vorzüglich verkaufen!) – da muss gegengesteuert werden. Die Botucal Distiller Collection ist vielleicht ein Ansatz, sich durch limitierte Spezialabfüllungen wieder etwas Respekt in der Community zu erarbeiten. Gelingt es? Ich habe es mit je einem 5cl-Samples der beiden Abfüllungen dieser Serie herauszufinden versucht.

Fangen wir an mit dem Botucal Distiller Collection N°1 Single Batch Kettle Rum. Dieser Rum ist hergestellt aus „Sugar Cane Honey“, dem Marketingbegriff für Zuckerrohrsaftsirup. Er wird in einem Dampfkessel destilliert (dies ist eine Art Brennblase, bei der der Schwanenhals durch eine Kolonne ersetzt wird – man destilliert also diskontinuierlich, aber auf einen hohen Zielalkoholgehalt hin).

Botucal Distiller Collection N°1 Single Batch Kettle Rum

Farblich sehen wir ein Kupfer, entstanden zum einen aus wohl rund 4 Jahren im Ex-Bourbon-/Ex-Scotch-Fass aus amerikanischer Eiche und zum anderen aus Zuckerkulör (lobenswert, dass dies deklariert ist). Sehr beweglich im Glas, schöner Beinteppich. Der Geruch ist sehr alkoholisch und lösungsmittelig, auch nach einer Viertelstunde Offenstehzeit. Er kommt mir helltönig vor, nach Getreide und milder Zitrone; und süßlich, nach Vanille. Wirklich nicht besonders attraktiv, erinnert mich an einen Korn; es ist der typische Geruch eines Kolonnenrums.

Geschmacklich nähern wir uns initial schon eher dem, was ich mir unter gutem Rum vorstelle. Man muss zwar zunächst über die eher mäßig eingebundenen 47% hinwegkommen, dann findet man eine schöne Würze, eine feine, wirksame Trockenheit und milde Gewürzaromen. Ein gutes Feuer brennt aber weiter. Der Abgang ist dann extrem kurz, extrem belanglos, ohne jedes Aroma, dafür mit andauerndem Zungenbrennen.

Ehrlich gesagt – das ist trotz einiger interessanter Ansätze mit das langweiligste, was ich seit langem im Glas hatte. Man wundert sich nicht, dass so ein Destillat in einen Blend überführt und stark gesüßt werden muss, um verkaufbar zu sein. Schauen wir mal, ob der zweite Vertreter es besser macht! Botucal Distiller Collection N° 2 Single Barbet Column Rum wird in einem Barbet-Brennapperat destilliert, das ist eine doppelte Kupferkolonne.

Botucal Distiller Collection N° 2 Single Barbet Column Rum

Destilliert im März 2013, wird er also auch wohl um die 4 Jahre gereift sein, auch hier in amerikanischer Eiche. Die Farbe ist ein kräftiges, strahlendes Kupfer. Optisch unterscheiden die beiden Rums sich kaum. Ich rieche dann Vanille, Shortbread, Apfel, und ordentlich Lack – nett, aber eher gedämpft. Da ist nicht wirklich viel, das mich zum weiteren Schnuppern reizen würde. Oberflächlich und leicht.

Im Mund ist der Botucal Distiller Collection N° 2 dann fülliger und mit mehr Charakter. Eine schöne, kräftige Süße: im Antrunk ist diese zwar schon, danach aber nicht mehr ganz unnatürlich wirkend. Vanille, Zimt und Toffee. Im Verlauf kommt eine pfeffrige Note auf, noch mehr Gewürztöne. Der Abgang ist aber sehr kurz, arm, schmal und nur nach Eisen schmeckend. Dieses hält dann etwas länger vor. Insgesamt ein weiteres Beispiel für den Stil eines Column-Still-Rums, etwas anders und sicherlich interessanter als sein sehr enttäuschender Namensbruder, aber im Endeffekt kaum spannender – es fehlt einfach massiv an Tiefe und Komplexität.

Laut eigenen Aussagen sind diese beiden Abfüllungen, im Gegensatz zum zuckrigen Flaggschiff der Firma, ungesüßt. Nachdem ich die beiden Rums probiert habe, glaube ich dieser Aussage – da ist keine künstliche Süße in der Aromatik. Leider aber auch sonst kaum etwas.

Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002 Titel

Kurz und bündig – Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002

Der Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002 ist ein knapp über 10 Jahre alter Rum aus Martinique, der in Ex-Bourbon- und Ex-Cognac-Fässern reifte. Diese Besprechung basiert auf einem 10cl-Sample, das aus Flasche Nr. 56 von 240 abgefüllten Flaschen gezogen wurde.

Farblich ist diese Rum erstmal erstaunlich, mit seinem kräftigen, dunklen Hennarot. Da selbst bei den strengen Regeln der AOC-Martinique-Rhums, zu denen dieser gehört, das Färben erlaubt ist, kann man nicht davon ausgehen, dass alles davon aus Fasseffekten stammt. Er hinterlässt beim Schwenken kaum Reste am Glas, die vereinzelt vorhandenen Beine laufen langsam bis sehr langsam ab.

Trois Rivières Rhum Vieux Agricole Single Cask 2002

Selbst einige Minuten nach dem Eingießen muss man vorsichtig sein und nicht zu tief schnüffeln, wenn man die Nase ins Glas hält. Ein sehr starker Lackton, in Verbindung mit einer beißenden Alkoholnote, zwicken sonst die Nasenschleimhaut. Erst sehr lange nach Öffnen verfliegt diese langsam. Sehr dominante Holzkomponenenten könnten dabei helfen, diesen Rum als Bourbon zu tarnen – aromatisch sind da verblüffende Ähnlichkeiten. Ein leichter Gewürzhauch und etwas Zuckerrohrwürze sind die einzigen Hinweise auf Rum – das sonst so typische Grasige, Mineralische, fehlt hier völlig. Vanille, Holz und Lack beherrschen das Bild.

Im Mund fährt der Rum fort, mich zu erstaunen – er ist sehr bitter, trocken, deftig salzig. Im Verlauf wird das kleine bisschen an Süße, das unterschwellig da ist, durch eine starke Säure verdrängt. Anis, Lakritz und ein Eindruck von einem Kräuterbonbon schieben sich nach vorn, eine alkoholische Feurigkeit belegt den gesamten Mundraum. 50,6% Alkohol verstecken sich nie. Sehr viel Holz, Tannine und ähnliches, maskieren viel des Rumcharakters – die 10 Jahre in Ex-Bourbon- und Ex-Cognacfässern sind für meinen Geschmack in diesem Fall schon fast etwas zu viel gewesen. Immerhin bekommt man so ein dichtes Gesamtbild mit viel Wucht und Breite und spannendem Mundgefühl, wenn es auch an Tiefe und Komplexität etwas mangelt.

Der Abgang lässt dann endlich die agricolischen Noten, die ich von Anfang an gesucht und erwartet hatte, auftauchen. Hier kommt Zuckerrohrsaft, Gras, Mineralität, Algen und sehr viel Eukalyptus zum Vorschein. Der Abgang selbst ist lang und aromatisch, der Nachhall noch nach vielen Minuten vorhanden.

Nun, wer Holzaromen in Spirituosen mag, sollte hier einen Blick riskieren, es besteht kaum Gefahr, dass junge, frische Rumgeschmäcker diesen Genuss stören. Das ist gleichzeitig auch mein persönliche größte Schwierigkeit, die ich bei diesem Trois Rivières für mich ausmache – neben dem Holz ist da nicht wirklich viel spannendes.

Habitation Velier Hampden 2010 HLCF Jamaica Pure Single Rum Titel

U-Boot-Diesel in der Flasche – Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum

Wenn ich gefragt werde, welchen Rum ich Neulingen empfehle, lege ich dem Fragenden gern einen Jamaikaner vor. Ich glaube fest daran, dass man so früh wie möglich echte Rumgeschmäcker vorzeigen sollte, nicht aromatisierte und gesüßte Produkte, die man oft sonst so als Anfängerrums angeboten kriegt (die man dann selbst, als doch etwas fortgeschrittener Kenner, komischerweise oft selbst nicht mehr trinkt). Es gibt ein paar Jamaica-Rums, die sehr einsteigerfreundlich sind, wie der Appleton Rare Blend, und dabei gleichzeitig aber nicht oberflächlich oder uninteressant.

Jamaica hat aber auch ganz anderen Stoff zu bieten, der selbst dem gestandenen Profi die Knie wackeln lässt, und der als Einsteigerrum doch etwas ungeeignet wäre. Ich rede hier speziell von Hochester-Rums, die in ihrer Aromatik sehr eigen sind. Der Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum ist so ein Rum. Das Kürzel HLCF steht für „Hampden Light Continental Flavour(ed)„, und ist also eine Sortenbezeichnung der Destillerie Hampden Estate, kein generischer Rumbegriff. Derartige Rums wurden früher nach Europa, insbesondere Deutschland, zum Verschneiden verschifft, daher das Wort „continental“. Ich empfehle die Lektüre von Matt Pietreks Artikel über jamaikanische Rums, der sehr lesbar erklärt, wie die hohen Esterzahlen mancher Rums dieser Insel entstehen. Und wenn man theoretisch versteht, was da auf Jamaica teilweise passiert, und danach noch wirklich interessiert am Geschmack ist, ist man reif für den praktischen Selbstversuch…

Habitation Velier Hampden 2010 HLCF Jamaica Pure Single Rum Flasche

Die Farbe ist dunkles, kräftiges Gold. Praktisch keine Viskosität ist erkennbar, die Beine beim Schwenken laufen sehr schnell ab. Ich beginne diese Geschmacksnotizen mit einem unverdünnten Schluck; bei 68,5% ist das sehr grenzwertig. Viele Highproof-Rums kann man immer noch halbwegs gut trinken bei dieser Stärke; ich nehme nicht zuviel vorweg, wenn ich meiner Meinung direkt von Anfang an Ausdruck verleihe, dass der Velier Hampden HLCF 2010 nicht zu dieser Gruppe von Rums gehören wird.

Unverdünnt rieche ich auf anhieb Marzipan, Kardamom, Karamell und Toffee, sowie eine leichte Grapefruitschalennote. Unterschwellig, aber erkennbar ist da dann aber auch Teer, Diesel, Plastik. Man ahnt schon, dass das keine leichte Geschmacksverkostung sein wird.

Wie gesagt, zunächst ein Versuch unverdünnt in voller Stärke. Im Antrunk denkt man hier noch, hm, ja, das ist schön süß und angenehm. Das war aber nur die Zundschnür – die Bombe geht dann schnell hoch und lässt einem das Zahnfleisch im Munde zusammenziehen, die Fußnägel aufrollen und die Augen überfließen. Superextreme Adstringenz, superextreme Trockenheit, fast ausschließlich Aromen von Teer, Zigarettenasche, verbranntem Gummi, schmorendem Plastik und Benzin. 550ppm an Estern ist nun wirklich nichts für zarte Gemüter. Da ist nichts süßes, mildes, schmeichlerisches mehr. Ich habe mich oft über die Inkompatibilität von chinesischem Baijiu mit dem westlichen Gaumen beschwert, aber ganz ehrlich – pur und unverdünnt ist der Velier Hampden HLCF 2010 an diesbezüglicher Problematik selbst jedem Starkaroma-Baijiu noch einen Schritt voraus. Dazu kommt diese extreme Kratzigkeit und deftige, und zwar wirklich deftige Säure. Ich sage das selten – das ist wirklich nicht gerade angenehm zu trinken.

Habitation Velier Hampden HLCF 2010 Glas

Unverdünnt ist der Abgang kaum erträglich in seiner Brutalität. Ich habe mich leicht verschluckt, und noch eine halbe Stunde später ein richtig übles Kratzen und Beißen im Hals davon gehabt – man achte darauf, dass dies einem nicht passieren möge, es ist keine sehr angenehme Erfahrung. Jedenfalls ist der Nachhall dann ebenso extrem wie der Geschmack – superlang, man wird die Ester eigentlich gar nicht mehr los.

Ich halbiere nun die Trinkstärke mit Wasser. Weniger macht, nach dieser Erfahrung, keinen Sinn. In der Nase wirkt der Velier Hampden HLCF 2010 nun etwas muffig, nach Schuhleder, dabei etwas mentholig und fruchtiger als zuvor. Williamsbirne, Pflaume, Honigmelone. Beim Geschmack bin ich mir sicher, dass man das in China als Baijiu verkaufen könnte, und keiner würde es merken – da ist Fenchel, Menthol, Heu, Leder, Tabak und Rosinen, die teerig-schmutzigen Komponenten sind immer noch sehr präsent, aber erkennbar abgemildert. Insbesondere die extreme Kratzigkeit ist kaum noch da. Im Abgang ist noch immer eine wilde Säure vorhanden, und Trockenheit und Adstringenz sind ebenso noch stark ausgeprägt.

Nun, was soll ich sagen? Für mich persönlich ist das kein Rum, den ich gern pur trinke. Er ist einfach zu wild, ungebändigt, unzivilisiert, aggressiv, streng und hart. Die Ester sind interessant zu entdecken, aber es reicht einem dabei auch ziemlich schnell, der Killerinstinkt des Velier Hampden HLCF 2010 macht jede freundliche Annäherung zunichte. Wer also an Sipping-Rums interessiert ist, macht besser einen sehr sehr weiten Bogen um diesen Jamaikaner. Nur wirkliche Aficionados mit viel Ausdauer, Leidenspotenzial und dem Willen, diesem jungen Affen entsprechende Mittel entgegenzusetzen, werden etwas Freude an ihm haben. Die Komplexität und Vielschichtigkeit ist unbestritten; die Drinkability ist dabei auf der Strecke geblieben.

Für mich wird er ein Prachtstück in Tiki-Cocktails werden. Selbst dort allerdings, wo man starke Rumaromen schätzt, kann er aber zur Last werden, daher ist immer Aufmerksamkeit angesagt. Ein atmosphärisch passender Cocktail ist der The Lost U-Boat. Was mag ich an diesem Cocktail am liebsten? Es ist der Name: Das verlorene Unterseeboot. Er erweckt in mir Tiki-Gefühle wie kaum ein anderer Cocktail, nach den grell kolorierten Abenteuer- und Horrorfilmen der 50er und 60er Jahre, nach „Voyage to the Bottom of the Sea“ und „Der Mann aus Atlantis“. Und ein Rum wie der Velier HLCF sorgt dafür, dass das U-Boot einen Extraschub Energie kriegt, den man schmeckt und spürt.The Lost U-Boat


The Lost U-Boat
2 oz Rum (z.B. Habitation Velier Hampden HLCF 2010/2016 Jamaica Pure Single Rum)
½  oz Limettensaft
½ oz Grapefruit-Saft
½ oz Jägermeister
½ oz Holunderblütenlikör
2 Spritzer Angostura
4 Tropfen Orangenblütenwasser
Auf Eis shaken, in ein Tiki-Mug mit crushed ice abseihen. Mit viel Grün dekorieren.
[Rezept nach Frederic Yarm]


Nun, was lerne ich daraus? Die erste, etwas unerwartete und überraschende Erfahrung ist, dass ich Baijiu nun mit etwas anderen Augen sehe: das, was mich daran immer etwas überfordert hat, sind tatsächlich Ester, die man auch bei anderen Spirituosen findet. Mein Ratschlag daher – wem dieser Rum schmeckt, sollte sich allerdringendst mit der chinesischen Nationalspirituose bekannt machen. Die zweite ist, dass man es mit Rum auch etwas übertreiben kann, was die Extreme angeht; wir bewegen uns in einem Gebiet, das nur noch echte Rumfanatiker begeistern kann, und selbst dort wird man auf viele entsetzte Gesichter treffen.

Doch, und damit schließe ich, muss man Velier dafür dankbar sein, dass sie ein derartiges Experiment durchgeführt und uns diesen Rum bereitgestellt haben. Anders wäre man kaum je an die Möglichkeit gekommen, einen derart esterlastigen Rum kennenzulernen, und auch das Mundgefühl, das dazu gehört. Ich bin froh, ihn zuhause zu haben; er wird als Austellungs- und Probierstück immer eine Referenz des jamaikanischen Hochesterrums für mich sein.