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Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años Titel

Ein Schiff wird kommen – Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años

Es ist schon eine Weile her, dass ich einen kubanischen Rum im Glas hatte. Das Land hat in der Allgemeinheit einen guten Ruf, was Rum angeht; für die Kenner unter uns ist das Bild meist weniger rosig. Kuba hat sich früh von Pot-Still-Rum verabschiedet und sich voll auf Säulendestillation geworfen – das heißt erstmal nichts grundsätzlich schlechtes, doch der kubanische Stil hat sich dadurch im Laufe der Jahrzehnte sehr verändert. Heute bin ich den alkoholischen Produkten Kubas eher skeptisch eingestellt, ich sehe eigentlich ausschließlich leichte Rums ohne großen Charakter, meist sind sie darüber hinaus leicht bis mittelstark gesüßt. Man kann das alles sicher trinken, aber umhauen tut mich nichts von der Insel. Was aber nicht heißen darf, dass man neue Produkte, die man noch nicht kennt, nicht unvoreingenommen und erstmal freudig willkommen heißen sollte – so wie den Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años.

Der Begriff des „doble añejamiento“, der sich auf dem Etikett findet, ist ein guter Aufhänger, um ein paar der Regelungen, die für kubanischen Rum gelten, kurz zu erläutern. Laut den Denominación de Origen Protegida-Regeln des Landes muss ein kubanischer Rum mindestens zweimal gealtert sein – die erste Phase besteht darin, das Destillat für mindestens zwei Jahre in gebrauchte Eichenfässer einzulagern und dann zu filtrieren. Erst danach darf es sich „Rum“ nennen – vorher ist es ein Aguardiente. Die Zählung des Alters beginnt auch an diesem Zeitpunkt; die 7 Jahre des Etiketts des vorliegenden Rums sind also eigentlich 9 Jahre, wenn man reine Fasslagerungszeit betrachten will. Der frischgebackene Rum wird dann mit anderen hochprozentigen Destillaten verblendet und dann für die „tatsächliche“ Reifung in Fässer eingelagert. Werfen wir einen Blick auf das Ergebnis dieses Vorgangs.

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años

Die Farbe ist ein dunkles Kupfer, bei 7+ Jahren Fassreifung kann so eine Farbe durchaus entstehen. Im Glas bewegt der Rum sich schwer und gemächlich, recht langsam ablaufende Beinchen wissen optisch zu gefallen.

In der Nase kommt mir als erstes eine Süßweinnote entgegen. Etwas Port, etwas Madeira. Es folgt eine prägnante Gewürzkomponente, Nelken, Kardamom. Orangenschale und Rosinen bringen etwas bittere, dunkle Frucht dazu. Im Untergrund lauert dann genau das, was ich oben angesprochen hatte – eine milde, aber erkennbare Alkoholnote, die ich oft bei Column-Still-Rums finde.

Der Geschmack dreht diese sensorischen Eindrücke dann aber spannenderweise um – erstmal ist der typische alkoholisch-schale Geschmack eines Säulendestillats da. Im Mundgefühl beginnt der Kubaner aber trotzdem mild und weich, im Verlauf kommt ein zartes Feuer auf, das sich bis zum Abgang steigert, ohne aber je wirklich unangenehm zu werden. Insgesamt ist der Eindruck sehr süß, mit vielen Süßweinimpressionen, etwas Gewürz und dunkler Frucht, analog zu dem, was die Nase schon fand. 40,3% Alkoholgehalt sind trotz der angesprochenen Ethanolnote im Gesamtbild gut eingebunden. Es ist nur knapp unter dem in Kuba maximal erlaubten Bottling Proof von 41% (eine spannende Sache für sich, übrigens).

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años Glas

Der Abgang ist heiß, etwas pfeffrig, mittellang und charakterstark. Eine gewisse Schaligkeit im Nachhall ist dann wieder recht typisch für leichte Rums. Eine hausgemachte Zuckermessung ergibt grob 5g/L, das ist so an der Grenze dessen, was zwischen Messungenauigkeit und leichter Süßung schwebt. Für meine Zwecke kategorisiere ich ihn als „gesüßt“, einfach weil der Wert bereits zu groß ist, um ohne Absicht entstanden zu sein.

Die unterschwellige Würze dieses Rums hat mich dazu verleitet, ihn in einem Cocktail einzusetzen, der auch sonst nicht mit Aromen geizt. Im City of Spice wird so einiges an Gewürzen präsentiert, und daher schadet es nicht, wenn ein Rum eingesetzt wird, der sich dessen zu erwehren weiß und selbst etwas zu diesem Gesamtbild beisteuern kann. Vorsicht, dieser Drink hat Suchtpotenzial.

City of Spice


City of Spice
1¾ oz gereifter Rum
½ oz Pimento Dram
½ oz Zuckersirup
¾ oz Limettensaft
¾ oz Maracujasirup
1 Eiweiß
1 kleines Stück Chili
Auf Eis shaken. Auf crushed ice servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Hervorheben will ich die Gestaltung – wir haben hier eine sehr schön gestaltete Flasche mit tollen Rundungen, im Glas eingelassener Schrift und einem floralen, aber nicht übermäßig protzenden Etikett. Ein geformter Echtkorken ohne Dekoration komplettiert die sehr attraktive Präsentation. Der Name des Rums ist auf ein altes spanisches Schiff zurückzuführen – es ist also keine Firma oder Abfüller, sondern ein Fantasiename, den sich Hersteller Tecnoazúcar de Cuba y Destilerías MG S.L. ausgedacht hat.

Neben dem Siebenjährigen hat der Hersteller auch einen Rum mit 15 Jahren im Portfolio. Dieser wird in naher Zukunft auch noch auf meinem Blog besprochen werden – ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass ich jenen auch recht interessant finde.

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años und 15 Años

Das Fazit fällt eigentlich recht positiv aus. Das ist ein Rum mit großer Drinkability, der eine schöne Spannung zwischen Süße und Würze aufbaut. Wäre der Abgang etwas komplexer und länger, könnte man sich mit einem Glas davon durchaus lange beschäftigen – so bleibt der siebenjährige Ron Santisima Trinidad dennoch ein interessantes und sehr gelungenes Produkt, das meine Meinung über kubanische Rums wieder hebt. Mehr kann man kaum wollen.

Sweet little lies 2018 – Ein Update auf die Manipulationsdebatte

Es war der Grund, warum ich einen Spirituosenblog gestartet habe. Zuvor hatte ich mehr oder weniger regelmäßig hier und dort über Spirituosen geschrieben, doch ein Thema, das mich zwickte wie kaum ein anderes war an diesen Stellen nicht vernünftig einpackbar. Ich begann also einen Blog, stolperte mich durch die Schwierigkeiten, die ein Hobbyblogger zu Beginn eben hat, und veröffentlichte dann irgendwann den Artikel, der mir bis heute sehr am Herzen liegt: Tell me sweet little lies – Warum ist unser Rum so süß?

Damals, Mitte 2015, war das Thema in kleinen Fachkreisen bereits bekannt, Anfang der 2010er Jahre wurde es leise losgetreten. Doch es dauerte, bis es weitere Kreise zog, und insbesondere in  Deutschland ankam. Ich bin stolz darauf, dass mein Artikel vielleicht einen kleinen Teil dazu beigetragen hat, das Wissen über Süßung im Rum zu verbreiten.

Statistik Tell me sweet little lies

Nun haben wir 2018, und das Thema ist in der Mitte der Konsumgesellschaft angekommen. Nicht nur extreme Fachidioten (den Begriff „Profis“ will ich hier aus gegebenem Anlass nicht verwenden) wie ich, sondern selbst der nur halbwegs an Rum Interessierte hat davon gehört. Zeit für ein Update auf die Situation, denn auch wenn sich viel getan hat, so richtig beliebt ist das Thema immer noch nicht – aus anderen Gründen.

Durch die inzwischen weitgestreuten und leicht selbst nachstellbaren Beweise für Rummanipulation wurde vielen Leugnern und heimlich agierenden Herstellern die Argumentationsgrundlage entzogen. Sie müssen eingestehen, dass Rum gezielt gesüßt und aromatisiert wird – und suchen eine neue Basis für ihre Ablehnung einer Transparenzbewegung. Ich höre jeden Tag eine neue Variante dafür, warum Transparenz unnötig ist, Süßung toll oder Kritik grundsätzlich blöd – hier sind nun ein paar meiner liebsten davon gesammelt.

Vanillin in Whisky Einen wahren Aufschwung hat Whataboutism 2017 erlebt und ist in Fachkreisen inzwischen sehr beliebt. Man leitet die Kritik einfach auf die andere Verdächtige um – ja, Rum wird manipuliert (zähneknirsch), aber, was ist mit Vodka? Und Whisky? Die sind doch genauso schlimm, wenn nicht noch schlimmer! Warum hackt man trotzdem immer ausgerechnet auf Rum herum? Rum ist so vielfältig, das ist doch das schöne dran, warum sollte man ihn einschränken?
Eine immer noch gern genommene, weitverbreitete Taktik ist, Kritiker als Truther hinzustellen, sie als Verschwörungstheoretiker zu diffamieren, und sich über sie lustig zu machen. „Taliban“, „Sugar Police“ und „Hater“ sind beliebte Begriffe, mit denen wir belegt werden. In diese Schiene schlägt auch der Vorwurf, eine „Spaßbremse“ zu sein, und sich dem wahren Geiste des Rums zu verwehren, der ja ein Piratengetränk ist und sich nicht um Regeln scheren sollte – Piraten, Palmen, Papageien. Lexikon der Verschwörungstheorien
Mauscheln Manche Hersteller bekommen von vielen Bloggern aktuell einen Freifahrtschein, weil sie in Privatgesprächen zwischen Markenbotschafter und Blogger die Süßung zugeben. Aufs Etikett schafft der Zucker es aber dennoch nicht, und auch nirgends auf den Hersteller-Internetseiten ist ein Hinweis darauf zu finden: eine geschickte Strategie. So sichert man sich das Wohlwollen der Kenner mit Pseudotransparenz, während man gleichzeitig den Verkaufszahlen nicht schadet, weil man die Masse der uninformierten Laien im Dunkeln lässt.
Das älteste Argument, „Hauptsache, es schmeckt, es interessiert mich nicht, wie es hergestellt wird!“ greift tatsächlich auch heute noch gut, insbesondere in Kreisen, die Rum als Partygetränk oder Unterhaltungsdrink sehen. Jeder soll doch trinken, was ihm/ihr schmeckt, wieso willst Du mir vorschreiben, was ich zu trinken habe? Du Snob! „Die Leute wollen Süßes“, das höre ich oft und bestreite es ja auch gar nicht, aber da es auch sehr natursüße Rums gibt, die einer künstlichen Nachsüßung gar nicht bedürfen, um zu schmeicheln, fällt auch diese Konstruktion in sich zusammen. Krümelmonster
Cookie Monster Clipart
Rafael Arroyo Die Süßung und Aromatisierung sei eine traditionelle Herstellungsweise, die man nicht zu kritisieren hat, wird einem aus herstellernahen Quellen oft vorgehalten – oft mit einem herablassenden Lächeln über die Banausen, die noch nicht genügend Einblick in die Rumgeschichte haben, denn „es wird ja immer schon so gemacht“ (was nicht stimmt, in den Vierzigerjahren hat Raffael Arroyo diese damals neue Praxis kritisiert).
Wie verzweifelt manche sind, erkennt man an dem folgenden Punkt, den ich allen Ernstes schon mehrfach gehört habe: Angaben auf dem Etikett würden die hübschen Rumetiketten verunstalten, Verbraucher würden verwirrt durch die Angaben oder sie erst gar nicht verstehen, das bringt doch alles eh nichts und sorgt nur für Chaos. Lasst das Volk dumm sterben, Bildung hält sie nur vom Malochen ab und sorgt für unangenehme Ansprüche. Dass es anders geht, zeigen beispielsweise sehr neutral und sachlich gehaltene Labels von Velier und Foursquare. Rum Labels
Ungesundes Essen In Zeiten, in denen die Gesundheit so wichtig ist, dass man als Genießer sich rechtfertigen muss, wenn man überhaupt außer Körnern und stillem Wasser etwas zu sich nimmt, wird es leicht, eine Nebelkerze zu zünden und die Manipulationdiskussion auf einen kleinen Teilaspekt umzuleiten: Alkohol ist eh schon ungesund, was macht da der Zucker noch aus. Wer eine Nährwerttabelle auf Spirituosen braucht ist offensichtlich ein Alkoholiker, denn man trinkt ja nur winzige Mengen. Und die Kalorienzahl von Alkohol ist so hoch, da soll man sich wegen der Zuckerkalorien nicht so anstellen. Dass die Süßung ganz andere, viel gewichtigere Probleme mit sich bringt als Kalorien, wird dabei bewusst oder unbewusst unterschlagen.
Über stolz vorgetragene Unwissenheit („Rum wird doch aus Zucker hergestellt!“ oder „Der Zucker kommt aus dem Fass!“) muss ich heute nur noch lächeln, denn meist steckt hier gar kein böser Wille dahinter, sondern nur genau das – Unwissenheit. Je weniger man über etwas weiß, desto sicherer ist man sich, dass man alles darüber weiß – das gilt in allen Lebensbereichen. Zucker
Ron Mulata Aräometermessung Die Messungen sind ungenau und können nicht so funktionieren. Natürlich haben wir Hobbymesser kein professionelles Labor zuhause, mit dem wir aufs Mikrogramm genau feststellen können, was in der Flasche drin ist außer Rum. Dennoch haben Vergleiche gezeigt, dass die Hydrometer-Methode, die jeder zuhause mit wenig Aufwand durchführen kann, erstaunlich genau arbeitet. Immer wieder gilt zu betonen – es geht mehr darum, herauszufinden, ob nun 5 oder 20 Gramm pro Liter drin sind, nicht, ob es 33 oder 35 sind.
Zu guter letzt muss ich auch manche Rumfreunde hinterfragen, die sich gut auskennen, und aber desillusioniert sind, um ihre Pfründe fürchten, oder desinteressiert an Anfängern sind – sollen die Neulinge doch weiterhin Zacapa 23 trinken, so bleibt mehr für mich von den Single Casks übrig, die würden sonst noch teurer werden! Ja, das stimmt wahrscheinlich. Es wird sich aber eh nicht verhindern lassen, dass Whisky-Verhältnisse bald bei Rum einziehen, dazu ist Rum inzwischen zu beliebt. Und was ist das für eine Community, die die Anfänger mit dem schwachen Zeug abspeisen will, nur weil man selbst gezwungenermaßen früher mit Zuckerbomben eingestiegen ist? Mixology on rum

Man sieht, da ist genug Material da, mit dem man als aufgeklärter Rumfreund zu kämpfen hat. Ich wünsche mir wirklich, dass das nächste Update in 3 Jahren sehr viel kürzer ausfällt, oder gar nicht mehr nötig ist. Allerdings bezweifle ich leider, dass mir die Gegnerschaft ausgeht – dazu sind zuviele materielle, finanzielle und reputative Partikularinteressen im Spiel.

Rum Nation Rare Cask Engenho Novo Rum Agricole da Madeira Titel

Kurz und bündig – Rum Nation Rare Cask Engenho Novo Rum Agricole da Madeira

Meine Reise durch die Rumwelt Madeiras geht weiter – nach einem ungereiften Zuckerrohrsaftbrand kommt nun ein gereifter Rum der Insel ins Glas: der Rum Nation Rare Cask Engenho Novo Rum Agricole da Madeira wurde 2009 destilliert, ruhte dann bis zur Abfüllung in einem Ex-Madeira-Fass. 570 Flaschen ergab das ganze am Ende zu 52% Alkoholgehalt. Laut einer Messung von thefatrumpirate enthält dieser Rum 10g/L Zusätze, ich teile seine Vermutung, dass dies Reste aus den verwendeten, nicht ganz sauber geleerten Madeira-Fässern sind.

Rum Nation Rare Cask Engenho Novo Rum Agricole da Madeira

Direkt nach dem Eingießen nehme ich eine starke Klebstoffnote wahr, die schnell verfliegt. Danach bleibt etwas Lack, Vanille, grünes Holz, Haselnuss, eine durchaus kräftige Essignote, dazu Schwefel. Mich erinnert der Geruch an eine Mischung aus rhum agricole und Brandy de Jerez. Jedenfalls spannend!

Im Mund – ui, ist der sauer. Die Essigkomponente bestätigt sich sehr deutlich, auch der Schwefel. Eine milde Schärfe (schwarzer Pfeffer?) ist von Anfang an da, verstärkt sich zum Ende. Insgesamt ist der Rum richtig trocken, saugt einem die Spucke vom Gaumen; man sieht, die Zusätze müssen nicht unbedingt geschmacklich in Form von Süße erkennbar sein. Er ist sehr nussig, dunkelfruchtig, hat fast schon etwas von einem Sherry. Etwas später: Vanille, Vanille, Vanille – opulent, muss man sagen.

Der Abgang ist höchstens mittellang, heiß, metallisch und adstringierend. Eine leichte Betäubung setzt an der Zungenspitze ein. Die Pfefferschärfe bleibt lange auf der Zunge und im Rachen, ein Nachklang von Sahnetorte überrascht etwas, und die scheinbar supertypische Brombeernote, dich ich in allen Rums aus Madeira entdecke, komplettiert das ganze.

Hm, ich fühle mich hin- und hergerissen. Einerseits mag ich Rums, die mich überraschen und etwas aus dem Raster fallen; andererseits wirkt dieser Madeiraner doch im Gesamtbild sehr unrund, springend, unstet – da ist keine Linie erkennbar. Die Säure ist für meinen Geschmack darüberhinaus bereits übertrieben, die Vanilleopulenz dagegen betört. Ich bleibe ratlos zurück.

Offenlegung: Ich danke Rum Nation für die kostenlose Zusendung dieses Samples.

Ron Elmilio Selected Blended Premium Rum Titel

Karibisches Klima – Ron Elmilio Selected Blended Premium Rum

Aktuell ist im Rumbereich wieder mal eine neue, hitzig geführte Diskussion im Gange – Alterung und Reifung von Rum in tropischem Klima vs. in europäischem Klima. Es gibt ja doch so einige Abfüller, die sich Fässer karibischen Rums kaufen und diese dann in Europa weiteraltern lassen, das bekannteste Beispiel ist wahrscheinlich Plantation. Natürlich macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man ein Fass in einer Lagerhalle auf Barbados liegen hat, oder in einem Weinkeller in Frankreich – der Angels‘ Share ist im tropischen Klima oft um den Faktor 10 und mehr größer, aber auch die gesamte Interaktion mit Fassholz und Umgebung ist anders.

Wie gesagt, dies ist eine Diskussion, die aktuell recht neu ist, wie so viele Aspekte der Rumherstellung aktuell erstmals ernsthaft betrachtet und mit Expertenwissen unterfüttert werden. Daher war ich zugegebenermaßen etwas überrascht, im Pressetext zur Premiere des Ron Elmilio Selected Blended Premium Rum den Hinweis zu finden, dass die Bestandteile des Blends in tropischem Klima gereift wurden; ein Detail, das man nicht überall findet. Persönlich halte ich das für einen wichtigen Bestandteil eines Rums, der sich auf eine Herkunft beruft (hier: für meinen Geschmack viel zu generisch „Mittelamerika“), und stimme mit den auch in diesem Bereich vorpreschenden Richard Seale und Luca Gargano überein, dass es eigentlich vorgeschrieben sein müsste, dass ein Rum, wenn er sich auf eine geographische Region beruft, auch komplett in dieser Region hergestellt und gereift sein müsste. Nun, weg von der Metadiskussion hin zum tatsächlichen Rum des Tages!

Ron Elmilio Selected Blended Premium Rum

Laut eigener Aussage ist der Rum nicht mit Zuckerkulör gefärbt. Nun, dafür weist er eine sehr ansprechende goldene Tönung auf, mit sonnengelben Reflexen. Die Schwere, die er beim Schwenken im Glas zeigt, weiß auch zu gefallen, die dicken Schlieren komplettieren ein optisch sehr gelungenes Bild.

Die Nase im Glas entdeckt schöne Aromen – reife Ananas und Banane als Fruchtnoten, Marzipan, Walnuss und Kardamom. Ethanol ist im Untergrund erkennbar, wirkt aber nicht übermäßig lästig. Ein gewisser Hauch von Funkigkeit ist da, die für ein „Hoppla!“ bei mir sorgte – das hatte ich erstmal nicht erwartet. Insgesamt finde ich das ähnlich interessant wie die Optik, wenn das so weitergeht haben wir hier einen Treffer gelandet.

Im Mund kommt eine gewisse Ernüchterung auf. Die klebrige Süße beginnt schon im Antrunk, setzt sich im Verlauf ununterbrochen fort und steigert sich im Abgang zu einem pappigen Brei. Aromatisch finde ich überreife Ananas, Banane, Schokolade. Das Aroma, das gewiss vielschichtiger sein könnte,  wird leider von der überwältigenden Süße großteils plattgemacht; was sie aber leider nicht schafft, ist das kitzelnde Alkoholfeuer  auszubremsen.

Meine Messung per Spindel ergibt 31%, bei knapp 26° Flüssigkeitstemperatur bedeutet das in etwa grob 35-40g/L Zusätze. Das heißt, dieser Rum weist ähnliche Werte auf wie Botucal Reserva Exclusiva und liegt damit ebenso im starkgesüßten Bereich. Leider hat auch dieser Rum, wie fast alle starkgesüßten Rums, keine entsprechende Angabe auf dem Etikett. Sehr schade – ich erwarte die geplante Nährwerttabelle auch für Spirituosen mit Ungeduld.

Ron Elmilio Selected Blended Premium Rum Glas

Eine langsam einsetzende Bittere im Abgang korreliert so gar nicht mit der üppigen Süße, die zunehmende Alkoholschärfe ist überraschend bei nur 40%, und dadurch, dass kaum natürlicher Körper da ist, entsteht ein sehr unrundes, wackeliges Panoptikum an Eindrücken, die kein klares Bild aufkommen lassen. Im Nachhall muss man viel Spucke produzieren, um die Klebrigkeit vom Gaumen zu bekommen; etwas Bitterschokolade und Kaffee liefert die letzten, dann recht lang vorhandenen und gar nicht unangenehmen Überbleibsel im Mund.

Im Geschmacksfazit muss ich sagen, dass ich glaube, dass der Blend eventuell Potenzial hätte, da sind schon interessante Aromen vorhanden – wäre da nicht diese alles überdeckende Süße. Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass schon mit einer Halbierung des Zuckerzusatzes ein großer Schritt getan werden könnte, den Ron Elmilio für Rumfreunde spannender zu machen. In dieser Form kann ich ihn höchstens denen empfehlen, denen Süße wichtiger ist als Rundheit und echter Rumgeschmack.

Der Guyana Zombie hätte natürlich gemäß seinem Namen einen Demerara-Rum in sich. Tatsächlich weist der Ron Elmilio aber genug Schwere, Süße und Würze auf, um sich in diesem modernen Tiki-Drink wacker zu schlagen.

Guyana Zombie


Guyana Zombie
2 oz gereifter Rum
1 oz Ananassaft
1 oz Honigsirup
1 Teelöffel Cream of Coconut
½ oz Limettensaft
Alle Zutaten mit Crushed Ice blenden. In einem Glas mit frischem Crushed Ice servieren.
Mit einem Float aus Overproof-Rum und etwas braunem Zucker garnieren.

[Rezept nach A Mountain of Crushed Ice]


700ml hält die aparte braune Apothekerflasche mit Kunststoffkorken. Das Etikett ist insgesamt, abgesehen von den für meinen persönlichen Geschmack etwas abgedroschenen Symbolen von Anker und Fässern extrem inhaltsleer. Man findet praktisch keine Hinweise auf irgendwas, was dem Rumkenner wichtig wäre – keine Destillenangabe, nicht einmal eine Länderangabe (man muss schon den oben angesprochenen Pressetext heranziehen, um wenigstens an die sehr schwammige Aussage „mit sorgfältig selektierten Destillaten kleiner Brennereien aus Mittelamerika“ zu kommen). Auf eine Altersangabe wird ebenso verzichtet, und zwar aus dem spannenden Grund, dass man lieber keine angibt als eine täuscherische – auch diesbezüglich verlasse ich mich einfach mal auf die Aussage des Vertriebs. Bei einem Blend kann ich aber sehr gut damit leben, keine Altersangabe vorzufinden, das ist tatsächlich ehrlicher als manche Kundenfängerei. Dass der Rest des Marketingtexts in bester Storytelling-Manier die üblichen Seefahrer-Platitüden runterblubbert („Die lange verschollen geglaubte Handelsfregatte Elmilio dient als Namensgeber“), nun, das gehört leider mit zum Business – liebe Leute, verwendet Eure Energie doch besser darauf, etwas handfeste Information aufs Etikett zu packen, statt Euch so Zeugs aus den Fingern zu saugen.

Das gilt aber für sehr viele Rums, nicht nur für den Ron Elmilio. Wer also mittelamerikanische Aromatik und sehr viel Süße mag, und sich nicht an der Praxis des Nachsüßens stört, darf einen Blick riskieren. Ich für meinen Teil wäre an einer ungesüßten (oder deutlich weniger stark gesüßten) Variante durchaus interessiert.

Offenlegung: Ich danke myspirits.eu für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche des Ron Elmilio.

Bacardi 8 Años Titel

Summer Dreamin‘ – Bacardí 8 (Ocho) Años

Das „Bacardi-Feeling“ beschreibt ein Lebensgefühl. Natürlich lebt das alles von einer sehr guten Marketingmasche, mit Fernweh-Werbespots und einem sensationellen One-Hit-Wonder-Song, der, kaum angespielt, einen schon in die Karibik versetzt. Leider konnte man die tatsächliche Ausprägung dieses Gefühls dann meist nur mit anderen Rums kennenlernen – Bacardí hat unter Rumkennern nicht den allerbesten Ruf, sie leben von anspruchsloser, geschmacksarmer, billiger Massenware für den All-You-Can-Drink- und Happy-Hour-Markt. Dennoch muss man natürlich hin und wieder auch als Kenner einen Blick auf die Produkte der großen Rumindustrie werfen, und so setzte ich als Rumfreund alles auf eine Karte und legte mir den Bacardí 8 Años zu, ehrlicherweise in der vorschadenfrohen Erwartung, von diesem Experiment enttäuscht zu werden.

(Dieser Artikel ist eine Komplettüberarbeitung einer mehrere Jahre alten Rezension von mir).

Bacardi 8 Años Flasche

Farblich haben wir einen dunklen Ton vor uns, der gewiss nach 8 Jahren Fassreifung natürlich entstanden sein kann. Färbung ist vorhanden, etwas, was ich nicht befürworte, aber auch kein Kopfweh deswegen kriege – alle tun es, und es beeinflusst den Geschmack zumindest nicht.

Die Nase ist dagegen umso interessanter. Tabak, leicht rauchig, Lösungsmittel, Karamell, Vanille, Rosinen. Ein wirklich attraktiver Geruch, an den man sich gewöhnen kann. Im ersten Ansatz vom Mundgefühl her recht weich, rund und mild. Mit Verweildauer setzt ein mittleres Feuer den Mund in Brand (ich übertreibe etwas, es ist mehr ein zartes Brennen). Ich liebe diese Art Abwechslung, so lange das Feuer aromatisch bedingt ist, und nicht aus Alkoholschärfe entsteht. Nun ist der Rum plötzlich würzig und leicht nussig, und vielleicht sogar etwas kräuterig, insgesamt herrscht dennoch eine sehr süße und cremige Eindruck vor.

Der Abgang ist mittellang, Vanille und Tabak verbleiben etwas am Gaumen. Dazu eine milde Süße, die nicht hundertprozentig angenehm ist. Woher kommt die? Auch dieser Rum ist künstlich nachgesüßt. Die Messungen schwanken zwischen 12 und 20 g/L. Der „normale“ Bacardí Superior hat keinen künstlichen Zuckerzusatz – wie seltsamerweise oft sind es also die Pseudo-„Premium“-Marken innerhalb eines Sortiments, die gezuckert werden.

Mein Fazit – ja, so kann man sich täuschen. Sehr fruchtig und gleichzeitig rauchig; ein durchaus überraschender Geschmack für einen Rum. Er geht schon eher in die Tabak- oder Leder-Richtung, ist auf jeden Fall aromatisch und rund. Kein Aromenwunder natürlich, aber gut trink- und mixbar, insbesondere für den Preis, den man bezahlt.

Immerhin hat er Wucht, selbst z.B. in einem fruchtig-süßen Havana Sail kommt er gegen den dicken Maracujasaft an. Das witzige an diesem Cocktail ist, dass er, je nach verwendeter Grenadine, unterschiedliche Farben hat. Im Foto unten habe ich einen Riemerschmid-Granatapfelsirup verwendet; dieser färbt den Cocktail dunkelrot. Eine andere Grenadine, die ich sonst verwende, gibt dem ganzen nur einen Hauch eines Rottouches, der Cocktail bleibt dunkelgelb. Was man nicht alles so entdeckt beim Cocktailmixen.

Havana Sail


Havana Sail
1 oz Bacardi 8 Años Reserva Superior
2 oz Maracuja-Saft
½ oz Grenadine
[Rezept nach unbekannt]


Die sehr schöne Präsentation in einer edlen Flasche rundet das ganze ab – seit der Zeit, in der ich meine Flasche erwarb und austrank, hat sich ein Flaschenredesign ergeben. Die neue Flasche sowie das neue Etikett, das im Zuge der Vereinheitlichung der Produktreihen des Herstellers stattfand, hat diesem Aspekt allerdings keinen Abbruch getan, die neue Präsentation weiß ebenso zu gefallen wie die alte.

Bacardi 8 Años Ausgießer

Wer sich bei meinem Produktfoto über den seltsamen Aufsatz gewundert hat – er wird natürlich nicht standardmäßig mitgeliefert, sondern muss separat erworben werden. So skeptisch ich den Rums von Bacardí gegenüberstehe, so mag ich deren Markenpräsentation (das geht mir mit diversen anderen Spirituosen auch so; man sieht, wir sind doch etwas von der Optik getrieben, selbst wenn wir es nicht wollen). Das Wappentier der Firma, die Fledermaus, ist einfach zu goldig, als dass ich sie einfach so abtun könnte. Man muss einfach für sich aus jeder Spirituose das beste machen. Dann kommt das Karibik-Feeling vielleicht auch mit.

Revolte Spiced Titel

Über manche Sachen scherzt man nicht – Revolte Spiced

Ich habe neulich erfahren müssen, dass man sich gegenseitig vor mir warnt, wenn ich mit Herstellern einfach so reden will. Nicht ernsthaft, aber schon mit einem gewissen scharfen Humor. Dass ich „starke Meinungen“ hätte, und so. Einerseits ist das natürlich ein Kompliment, immerhin muss man sich so einen Ruf erarbeiten. Andererseits hinterfrage ich mich dabei natürlich schon – ich will ja nicht als der Stinkstiefel gelten, der nur darauf aus ist, den Süßrumtrinkern den Spaß zu verderben. Gerade aktuell meine ich feststellen zu können, dass das Pendel, das einige Jahre stark zugunsten der Rumtransparenz ausgeschlagen hatte, nun wieder etwas in die andere Richtung schwingt – Süßrum findet nun plötzlich offensive Verteidiger, und man bekommt Begriffe wie „Taliban“, „Rumpolizei“ oder „Spaßbremse“ an den Kopf geworfen. Nun – aus gegebenem Anlass wird es Zeit, dass ich mir klarmache, dass das nicht eine Attitüde ist, die ich aufbaue, sondern mir das Thema wirklich etwas bedeutet, und darum haue ich jetzt mal eine ungefilterte Meinung raus.

Ganz ehrlich – mir ist es mistegal, was jemand trinkt. Ich will niemand den Zacapa 23 mies machen, will niemand seinen Botucal ausreden oder gar jemandem den Don Papa klauen. Trinkt die Brühe, wenn es Euch lustig macht, und haltet Euch dabei für die Verteidiger der freien Meinungs – und Geschmacksäußerung, wenn Ihr auch noch stolz drauf seid. Freut Euch über Palmen, Piraten und Papageien, habt Spaß mit der Spaßspirituose. Vergesst dabei aber nicht, Euch gleichzeitig über Havana Club und Bacardí mit lustig zu machen – nur „Premium“ ist guter Rum, nicht Supermarktrum, auch wenn letzterer oft ehrlichere Qualität aufweist als die in der edel aufgemachten Flasche. Macht Eure Privattastings mit 10 Pseudorums, um einen möglichst breiten Eindruck dessen zu bekommen, was die Aromenindustrie zu bieten hat. Mir alles egal. Nun flatterte mir aber Ende März ein Paket mit einer unetikettierten Flasche und einem Brief ins Haus. Man lese diesen Brief bitte, um meine Reaktion darauf, und den Ton dieses Artikels, zu verstehen.

Revolte Spiced Pressemitteilung

Verdammte Kacke, dachte ich mir, ich kann gar nicht so viel saufen, wie ich im Strahl kotzen möchte. Nicht wegen dem neuen Produkt, im Gegenteil, das ist eine interessante Reaktion auf den Markt – vielleicht der schrille Aufschrei eines Produzenten, der mit besten Ambitionen gestartet ist und nun von diesem beschissenen Markt auf den Boden heruntergeholt wird. Nein, es ist wegen Produkten, die dasselbe wie Revolte tun, es aber über Jahre heimlich und verstohlen gemacht haben, und so den Boden bereiteten für Konsumenten, die nicht mehr wissen, wie Rum zu schmecken hat – und damit das Leben für die Kaltenthalers dieser Welt schwer machen. Und, ja, ich schaue damit auch Euch an, liebe offensive Süßrumfreunde, die dabei mithelfen, dass es so weitergehen wird und die zarte Transparenzknospe, die so schön am Aufblühen war, unter dem Stiefel der Marktmacht der Betupper zerdrückt wird. So, und jetzt habt Ihr Grund, Euch gegenseitig vor mir zu warnen.

Revolte Spiced

Ende der Wutrede. Es war der 1. April, und das ganze kaltenthalerische Getue, inklusive Brief und allem, war ein Aprilscherz. Ja, ich gebe es gern zu, ich bin voll drauf reingefallen. Felix, das war verdammt gut gemacht, ich hasse und verfluche Dich dafür, dass Du mir dieses Magengeschwür bereitet hast.

Die Farbe des Revolte Spiced, so heißt er offiziell, ist für einen massiv gefärbten Rum noch halbwegs erträglich. Ein schrilles Kotzgelb, etwas an das erinnernd, was Mücken hinterlassen, wenn man sie auf der Autobahn an der Scheibe aufsammelt. Die Nase erinnert an Spülmittel, das billige aus dem Aldi, mit etwas Zitrone und behandelter Orange im Hintergrund. Künstlich und oberflächlich, sehr plakativ, aber mit irgendwas muss man als Hersteller seine Kunden ja ködern. Ich rieche Ingwer, aber das bilde ich mir sicher nur ein. Im Mund setzt sich die Einbildung fort, da ist Ingwer en masse. Eine schrecklich klebrige Süße pappt den Mund zu. Viel Frucht, Zitrone, Orange, können das Spüli etwas überdecken. Die Rumbasis ist noch leicht erkennbar, die Blender haben es nicht geschafft, sie vollends zu verhunzen. Der Abgang ist mittellang, schade, ich hatte auf etwas kürzeres gehofft. So muss ich damit leben, den Revolte Spiced länger als die meisten anderen Spiced Rums am Gaumen haften zu haben.

Gerne zitiere ich nach meiner nicht ganz ernst gemeinten Verkostungsnotiz noch den nachgelagerten Hinweis, dass der Aprilscherz sich nicht nur auf die Motivation, sondern auch auf den Herstellungsprozess bezogen hatte: „Hohe Zuckergehalte, chemische Zusätze wie Glycerin oder die Zugabe von künstlichen Aromen sind uns mehr als fremd. Stattdessen haben wir bei unserem kleinen Aprilscherz mit der Mazeration den natürlichen Weg gewählt, um verschiedene Noten wie z.B. Rosinen, Orangen und Zimt zu erzielen. Und 37,5 % vol. und 99 Gramm Zucker? Zugunsten der Steuern den Alkoholgehalt zu senken und mit 99 Gramm pro Liter den Startschuss zur Diabetes zu geben? Die Frage kann sich wohl jeder selbst beantworten.“

Nun, ehrlich gesagt, für einen Spiced Rum ist das Zeug echt gut trinkbar, und ich hoffe, dass meine Leser im Gegensatz zu mir nicht auf obigen Müll reinfallen und stattdessen ihre Captain Morgans und Sailor Jerrys rausschmeißen und dafür den Revolte Spiced ins Haus holen – ich rate dazu, auch wenns mir echt schwerfällt. Der Haupteinsatzzweck für diesen Spiced Rum wird bei mir, wie es allen gewürzten Rums ergeht, die Vermischung in Cocktails sein. Zu Ehren des wirklich bösen Aprilscherzes habe ich einen Cocktail auf Basis des klassischen Zombie gemixt, praktisch ausschließlich mit Revolte-Zutaten – vom German Zombie Punch brauchte ich aber auch wirklich 3 Stück, um mich wieder von der Wutwolke runterzuholen. Ich gebe zu, ich rege mich leicht auf.

German Zombie Punch


German Zombie Punch
1½ oz Revolte 2014 MTQ
1½ oz Revolte Spiced
1 oz Revolte Overproof
¾ oz Limettensaft
½ oz Revolte Falernum
½ oz Don’s Mix (Zimtsirup und Grapefruitsaft)
1 Teelöffel Grenadine
1 Spritzer Absinthe
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken und auf Eis mit einem Minzzweig servieren.
[Rezept adaptiert nach Don the Beachcomber]


Natürlich wird der Revolte Spiced in derselben Flasche und derselben Aufmachung geliefert wie der Rest der Reihe (den es natürlich weiterhin geben wird). Freundlicherweise schickte mir der Hersteller in einem Entschuldigungsbrief sogar ein Aufklebeetikett mit, das die Wahrheit zeigt. Nicht, dass ich Revolte deswegen weniger hassen würde – der Zug ist abgefahren, mit Tempo 200.

Revolte Spiced Etikett

Offenlegung: Ich danke Revolte für die unaufgeforderte und kostenlose Zusendung einer Flasche des Revolte Spiced. Vielen Dank. VIELEN DANK, Ihr Mistkerle.

Ron Zacapa Sistema Solera 23 Titel

Der Einstieg in die Zuckerhölle – Ron Zacapa 23 Sistema Solera

Es gibt unter Rumkennern eine Theorie, die sich „Gateway“ nennt. Darunter versteht man im Allgemeinen, dass es kaum einen Rumfreund gibt, der nicht über gewisse Marken in die Szene eingestiegen ist – Botucal/Diplomatico, El Dorado, Plantation XO und der hier besprochene Ron Zacapa 23 Sistema Solera sind dafür übliche Verdächtige. Sie sind stark gesüßte, teils aromatisierte, teils sogar mit Glyzerin versetzte Produkte, die den Konsum vereinfachen sollen (auf den Zacapa trifft, um das vorwegzunehmen, alles drei zu) – das Zeug kann man trinken, selbst wenn man sonst keine Spirituosen mag. „Gateway“ ist entsprechend die englische Bezeichnung für diesen „Einstieg“. Man beginnt danach vielleicht, sich mit Rum auseinanderzusetzen, und wer dranbleibt, bleibt allerdings oft nicht bei diesen Produkten – schnell erkennt man, dass die Aromatik künstlich ist, und man steigt auf saubere Rums um, oder ist sich wenigstens hoffentlich klar, dass man eigentlich eine Art Rummixgetränk oder prebottled Rum Old Fashioned trinkt, aber nicht Rum.

Die Gateway-Theorie ist manchmal das letzte Gute, was man als Fortgeschrittener über bestimmte Produkte sagen kann oder will, und manche geben Anfängern eventuell daher sogar den Rat, mit ihnen einzusteigen – eben weil man selbst damit angefangen hat. Hier hört es für mich aber auf. Als Erklärung für die Bekanntheit dieser Rums mag die Gateway-Theorie dienen, aber auf gar keinen Fall als Handlungsempfehlung. Muss es wirklich sein, dass alle Anfänger erstmal betuppt werden müssen und sie ganz natürlich zunächst gepanschte Ware trinken sollen, nur weil wir als dumme Anfänger diesen harten und teuren Weg gehen mussten, in Zeiten, als die Manipulation von Spirituosen mit Additiven nicht bekannt war? Empfiehlt man angehenden Whiskytrinkern erstmal Drambuie und Irish Mist? Nein. Und bei Rum sollte es auch nicht so sein.

Ron Zacapa Sistema Solera 23 Flasche

Meine Einstellung dazu gefällt manchen nicht, das weiß ich. Dennoch hatte ich mir es auf die Fahnen geschrieben, für sauberen Rum und die Bekanntmachung der Vorgänge bei Rum zu kämpfen. Heute blicke ich nostalgisch zurück – in nur wenigen Jahren ist diesbezüglich unglaublich viel passiert, und das Pendel schwingt in die andere Richtung. Gut und weiter so!

Behäbig und schwer liegt er mit seinem dunklen, kräftigen Terracotta im Glas. Er schwenkt sich sehr gefällig. Man ahnt, wenn man es weiß, hier bereits den Weichmacher, den er enthält – Glyzerin ist per Labortest nachgewiesen, eine Substanz, die auch in so manchen Vodkas zum Gefügigmachen eines nicht ganz so weichen Destillats genutzt wird.

Die Nase des Rums aus Guatemala ist durchaus rumtypisch, Walnüsse, Rosinen, Weihnachsgebäck, Haferkekse, dunkle Schokolade; eine leichte Pferdedeckennote finde ich immer gar nicht unattraktiv. Er wird aus „virgin sugar cane honey“, einem Marketingeuphemismus für konzentrierten, eingedickten Zuckerrohrsaft, hergestellt, was aromatisch näher einem Melasserum ist als einem aus frischem Zuckerrohrsaft hergestellten. Ich entdecke einen nur minimalen, aber erkennbaren Alkoholbeiklang. Der Geschmack ist sehr gefällig, sehr süß im Antrunk, zunächst weich und samtig, vanillig (auch letzteres ist per obigem Labortest als künstliches Aroma entlarvt). Es dauert nicht lang, dann kommt eine störende Säure zum Vorschein; man entdeckt parallel den fehlenden Körper, den eklatanten Mangel an Tiefe, die Pappigkeit, die aus der zunächst noch angenehmen Süße geboren wird. 40% Alkohol werden durch die Zuckerung einigermaßen maskiert – die Maske wirkt aber künstlich und aufgesetzt. Der Abgang kann dann doch nicht komplett verbergen, was hier geschehen ist – ein mittelmäßiges Destillat wurde mit Additiven aufgepimpt, was am Gaumen noch recht gut funktioniert, im Nachhall sich aber als schal, scharf, leer und kurz entpuppt.

Mein Mantra ist – was ich nicht pur trinken würde, kommt mir auch nicht in den Cocktail. Davon gibt es nur wenige Ausnahmen. Für gesüßten Rum mache ich diese nur, solange die Flaschen halt im Haus sind und so langsam aber sicher dann halt doch weg müssen. Dabei achte ich darauf, sie in Rezepten zu verbraten, die eh von sich aus bereits einen süßen Charakter haben – wie der Curiosity. Tatsächlich bringt der Zacapa hier sogar einen gewissen Charme mit in die Mixtur und fällt mit seiner Süße unter den eh schon arg süßen Mitstreitern Sherry, Likör und Sirup kaum negativ auf.

Curiosity


Curiosity
2 oz gereifter, süßer Rum (z.B. Ron Zacapa 23 Sistema Solera)
1 Teelöffel Schwarztee (lose in den Shaker)
⅔ oz PX Sherry
⅓ oz Suze
⅓ oz Vanillesirup
Auf Eis schütteln. Doppelt abseihen. Mit einer Orangenzeste garnieren.

[Rezept nach Kenny Klein]


Während ich mich über die täuscherischen Pseudo-Altersangaben von lateinamerikanischen Solera-Rums, die zumeist nicht mal echte Soleras sind, sondern Blends, anderswo schon ausgelassen habe, muss ich bei diesem Rum nochmal auf die Süßung zurückkommen, einem Thema, das 2018 eigentlich bereits etwas ausgereizt scheint, doch immer wieder entdeckt man neue Facetten dieses Vorgehens. Knapp über 20g/L (im untenstehenden Foto runtergerechnet auf die 700ml-Flasche entsprechend 14 Gramm Zucker) weist der Ron Zacapa 23 heute auf; frühere Messungen hatten über den doppelten Wert ergeben.

Eine interessante Diskussion findet sich im Rum Project dazu. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass Zacapa wohl seinen früheren Anteil von Saccharose tatsächlich sehr stark reduziert hat – dafür aber einfach umgestiegen ist auf eine andere Süßungsart, nämlich Fructose-Glucose-Sirup. Dieser ist geschmacklich deutlich süßer als Zucker; so ist der messbare Anteil an Zucker niedriger, die früher bekannte Süße bleibt erhalten. So einen Stunt muss man erstmal durchziehen. Mich wundert im Rum-Business aber nichts mehr. Scheinbar ist es manchen Herstellern wichtiger, ihre Energie dahingehend zu verbrauchen, die Konsumenten mit immer neuen Tricks zu täuschen und neue Wege der künstlichen Süßung zu suchen, statt einfach diese Energie in die Weiterentwicklung und Säuberung ihrer Produkte zu investieren.

So, Zacapa 23 in ein paar Sätzen zusammengefasst: Glyzerin zum Weichmachen, hochindustrieller Zuckersirup zum Abschleifen und Süßen, künstliches Vanillin für die feinen Aromen, eine täuscherische Altersangabe als Kaufanreiz, viel Marketingblabla zum Blenden der Unwissenden. Habe ich was ausgelassen? Letztlich können nur wir Verbraucher diese Praxis beenden, indem wir derartige Produkte meiden. Man kann mit dem Zacapa 23 damit anfangen – seinen einstigen guten Ruf, der nur auf Betrug basierte, hat er in Kennerkreisen eh schon lange verloren, und entsprechend gibt es weder für Anfänger noch für Kenner eine Pflicht, ihn probiert zu haben.

A.H. Riise Non Plus Ultra und Royal Danish Navy Rum Titel

Kurz und bündig – A.H. Riise Non Plus Ultra und Royal Danish Navy Rum

„Wenn du dich und den Feind kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.“

So ein Aphorismus, den Sunzi in seinem Buch „Die Kunst des Krieges“, heutzutage verkommen zur neoliberalen Managerbibel, formuliert hatte. Tatsächlich ist das ein kluger Gedanke, und so mache ich mich auch auf, meinen Feind besser kennenzulernen. Die Produkte des dänisch-amerikanischen Herstellers A.H. Riise stehen auf meiner Liste der Staatsfeinde ganz oben, und so landen entsprechend nun zwei Abfüllungen dieses Hauses, gegen das eine Schokoladenfabrik wie ein Diabetikerzentrum wirkt, bei mir im Glas. Diese Besprechung basiert auf 4cl-Samples, weit mehr als genug für diesen Rum.

Beginnen wir mutig mit dem A.H. Riise Non Plus Ultra, angeboten in einem spektakulären Glasdekanter. Da man nichts über den Rum in diesem Gemisch weiß, als dass er von den amerikanischen Jungferninseln stammt (die Altersangabe „der älteste und beste, den wir haben“, die auf dem Karton zu finden ist, zähle ich mal nicht ernsthaft), gehe ich davon aus, dass auch ein Schuss Färbemittel den Weg in die Flasche gefunden hat. Eine schwere Öligkeit sorgt für schönes Schwenkverhalten im Glas.

A.H. Riise Non Plus Ultra

Die Nase erkennt eine schwere Süße, Toffee, Shortbread, Zuckerwatte – ein bisschen künstlich. Ein buttriger Unterton ist vorhanden, aber auch eine gewisse leicht säuerliche Fruchtnote. Ein leichter Lackton schwingt mit, und ein erkennbarer Ethanolgeruch.

Im Mund hat man dann halt alles mögliche, aber keinen Rum. Da ist Orangenaroma, künstliches Vanillearoma und Zucker. Der Rum hält nichts, was die Nase vielleicht noch versprechen mag. Praktisch kein Körper, keine Tiefe, alles klebt an der Oberfläche wie ein Schwimmer am Rettungsring. Null Komplexität, man schmeckt im Verlauf nur noch Alkohol und Zucker. Ersterer ist darüber hinaus nicht eingebunden, bei 42% spürt man das.

Der Abgang ist scharf, heiß, sehr kurz. Ich will es auch nicht länger machen, als nötig – das ist wirklich schlimm; es schmeckt nicht mal wirklich schlecht, sondern einfach halt billig, schlampig und lieblos gemacht, und oberflächlich.

82 g/L Zucker ist mit einer der höchsten Werte, die für einen Rum mit dem Hydrometer-Test je gemessen wurden. Übertroffen wird er eigentlich fast nur noch vom Ron Jeremy XO und, ja, dem nun im folgenden probierten A.H. Riise Royal Danish Navy Rum. Jener macht mit 96 g/L Zucker eigentlich am Ende jeder Zuckerliste das Licht aus. Ich will ihn eigentlich gar nicht probieren, aber was tut man nicht alles für die Wissenschaft.

Farblich unterscheidet er sich nicht vom Non Plus Ultra – helles Braun, mit Sicherheit gefärbt. Dieser künstliche Zuckerwatte- und Fruchtgummiunterton, den ich auch beim NPU gerochen hatte, ist hier das dominante Aroma. Wer sich von der Bezeichnung „Navy Rum“ etwas ähnliches wie einen britischen Tot erhofft hatte, verdreht die Nase. Man könnte mit viel gutem Willen, wenn man das Ethanol mal wegriecht, und die penetranten Orangen ignoriert, etwas wie Rum erkennen.

A.H. Riise Royal Danish Navy Rum

Geschmacklich ist es dann Orangenlikör. Sogar ein recht scharfer (ein grausiges Destillat muss es sein, das bei nur 40% und fast 100g Zucker noch so ziept!), unausgewogener, ohne jedwede Form der Komplexität – die arme dänische Marine. Im Abgang schmecke ich noch alte Socken und Kautabak, sogar eine leicht käsige Note. Ne, also wirklich. Am Ende dann doch noch ein kleines Highlight – der scharfe, kratzige Abgang ist sehr kurz. Leider pappt der pure Zucker einem noch minutenlang den Gaumen zu, ohne jedwedes Aroma.

Absurde Mondpreise werden für diese beiden Zuckersuppen aufgerufen – ich gebe einen Tipp. Man kaufe sich Rumaroma und E150a im Supermarkt, vermische das mit einer dreiviertel Flasche Vodka und gieße den Rest mit Zuckersirup auf. So zahlt man, nimmt man einen vernünftigen Vodka (obwohl selbst das nicht nötig ist, um das Geschmackserlebnis zu replizieren), unter 10€ statt 100€, hat aber ein von Geschmack und Qualität sehr vergleichbares Produkt im Glas. Will man noch was fürs Auge: einen opulenten Dekanter, wie den in dem der Non Plus Ultra geliefert wird, bekommt man auf dem Flohmarkt nachgeworfen.

Meine Kritik würde nicht ganz so ätzend ausfallen, würden die Hersteller sich dazu bequemen, statt „Rum“ einfach „Rumlikör“ oder „stark gesüßte Spirituose auf Rumbasis“ (am ehrlichsten wäre aber „mit Rum versetzter Zuckersirup“) aufs Etikett zu schreiben, und 20€ für den Liter zu verlangen. Selbst dann würde ich aber vom Kauf abraten, denn: das Zeug  schmeckt einfach nur künstlich.

Atlántico Gran Reserva Titel

Rumreserven – Atlántico Gran Reserva

Es spricht sich so langsam rum – Altersangaben auf vielen, hauptsächlich lateinamerikanischen Rums sind Schall und Rauch. Da prangen große Zahlen im Bereich zwischen 12 und 30 auf den Flaschen, die teilweise entweder gar keine Altersangaben sind (wie bei Flor de Caña zum Beispiel), oder das Wort „Solera“ in der Nähe stehen haben, also zwar als Altersangabe gemeint sind, wie das aber dann bei einem Solera-Verfahren (bei dem man rein technisch kein absolutes Alter angeben kann) zu interpretieren ist, wird meist offengelassen.

Eine alternative Form, zumindest ein Gefühl für das Alter der Spirituose zu vermitteln, haben sich andere Hersteller zugelegt. Sie leihen sich dafür Altersangaben, die sonst im Spirituosenbereich für spanischen Brandy zum Einsatz kommen. So finden sich dann die Wörter „Reserva“ oder „Gran Reserva“ auf dem Etikett. Bei Brandy ist geregelt, was sie bedeuten: Brandy de Jerez Solera Reserva weist das minimale Durchschnittsalter von einem Jahr auf, Brandy de Jerez Solera Gran Reserva ein minimales Durchschnittsalter von 3 Jahren. Weitere Bedingungen gelten für diese Begriffe, die ich hier nicht erwähne. Man beachte dabei das wichtige Schlüsselwort „Durchschnitt“. Auch für spanischen Rotwein gibt es diese Begriffe, mit etwas anderer Bedeutung. Die Frage ist natürlich, inwieweit sich die Rumhersteller an diese Vorgaben halten, oder ob sie einfach die prestigeträchtigen und wohlklingenden Bezeichnungen übernehmen. Für Rum gibt es meines Wissens keine klare Regelung, was diese Begriffe in diesem anderen Kontext bedeuten, und erst recht keine Kontrollinstanz wie das Consejo Regulador Especifica Brandy de Jerez, das die Einhaltung überprüfen würde – daher muss man im leider allzuoft sehr zwielichtigen Umfeld des Rums davon ausgehen, dass diese Auszeichnung reine Dekoration ist.

Einer der Rums, die sich diese Wortkombination aufs Etikett geschrieben haben, ist der Atlántico Gran Reserva, der Nachfolger des Atlántico Private Cask, den vielleicht der eine oder andere Rumfreund schon kennt.

Atlántico Gran Reserva Flasche

Die Farbe, ein glitzerndes, strahlendes Kupfer mit orangefarbenen Reflexen, gefällt bereits in der Flasche, wo sie einen attraktiven Kontrast zum dunklen Blau des Etiketts bildet. Eine Färbung mit Zuckerkulör ist vorgenommen worden, wie bei den meisten der heutzutage erhältlichen Rums, hier wird sie wenigstens auf dem Etikett klar angegeben. Im Glas liegt der Rum dünn, hinterlässt am Glas aber doch Schlieren.

Die Nase lässt schon darauf schließen, was wir im Mund nachher zu erwarten haben. Da ist viel vordergründige Süße, Karamell, Werther’s-Echte-Sahnebonbons, viel Vanille und Zimt, Kaffee und etwas Minze. Der Alkohol ist zunächst leicht stechend, er verfliegt aber nach einer Weile Offenstehzeit.

Im Mund liegt der Atlántico Gran Reserva zunächst sehr breit und süß, und die Nachsüßung (immerhin nach einer eigenen Bestimmung ordentliche rund 22g/L) schlägt volle Pulle und ohne Gnade zu. Da sind noch deutliche Erdnussaromen, etwas Ahornsirup, Cappuccino und dezente Gewürznoten. Der Alkoholgehalt von 40% ist nur mäßig gut eingebunden, man schmeckt und spürt ihn deutlich. Es handelt sich laut Hersteller um einen Blend aus Melasse- und Zuckerrohrsaft-Rums, etwas, das ich rein sensorisch kaum erkennen kann. Die sehr charakteristische grasige Note eines Zuckerrohrsaft-Rums ist nichtmal ansatzweise schmeckbar.

Atlántico Gran Reserva Glas

Im Abgang entsteht etwas Würze, leichtes Chili, und eine gewisse Trockenheit fängt endlich an, sich gegen die bis hierher dominierende Süße zur Wehr zu setzen. Ein kühlendes Gefühl sorgt eine Weile für einen recht angenehmen Nachhall, der allerdings dann schnell wieder von einem leicht pappig-klebrigen Gefühl eingeholt wird, das mich an übersüßten Cappuccino erinnert, was leider das einzige ist, was nach einer Weile als Eindruck dieses Rums übrig bleibt.

Ich bin wirklich kein Süßrumtrinker, daher muss ich mir darüber klar werden, was ich mit diesem Rum anfangen kann. Im The Black Sands sind genug Säure- und Frischekomponenten vorhanden, um die oberflächliche Süße des Atlántico Gran Reserva auszugleichen, so dass ein sehr trinkbarer, leckerer Cocktail entsteht. Das ist daher auch meine grundsätzliche Empfehlung – säurelastige Drinks bieten ein schönes Umfeld für diesen Rum, so dass er hier zumindest etwas glänzen kann.

The Black Sands


The Black Sands
1 oz gereifter Rum
1 oz Calvados
¾ oz Limettensaft
½ oz Zuckersirup
8 Minzblätter
Auf Eis shaken und auf Eis abseihen.
Mit etwas Sprudel aufgießen und einem Minzstrauch servieren.

[Rezept nach Gregory Saavedra]


Zu guter letzt sollten wir als interessierte Rumfreunde natürlich noch ein paar Fragen klären, bei denen viele Hersteller anfangen, mit den Zähnen zu knirschen. Wo wird der Rum destilliert? Er ist laut Etikett ein Produkt der Dominikanischen Republik, die Destillate werden aber wohl, wenn man vertrauenswürdigen Quellen glauben darf, von der Firma Oliver & Oliver anderswo eingekauft, z.B. in Trinidad oder Panama, und sie werden nur in der Domrep geblendet.

Das führt dann direkt zur nächsten Frage – wie alt ist der Atlántico Gran Reserva? Wie schon in der Einleitung angesprochen, bedeutet die Wortkombination „Gran Reserva“ auf einer Rumflasche nichts handfestes. Das Solera-Verfahren wird einerseits angesprochen, in Werbetexten liest man aber dann von einem fassweisen Blend („Es handelt sich um einen Blend aus small batch Rums, die bis zu 25 Jahre lang reiften“). Wie man auch bei anderen Herstellern sieht, ist Solera und Blend für viele Rumproduzenten scheinbar dasselbe. Das Alkoholfeuer, das noch gut spürbar ist, und das insgesamt eher oberflächliche Geschmacksbild, lässt mich die Frage stellen, wie groß der Anteil der 25-jährigen Rums in diesem Blend sein kann; ich gehe von Tröpfchen aus, der Löwenanteil ist gefühlt sehr jung und wenig gereift.

Womit wir beim dritten Problempunkt sind – zur Geheimnistuerei kommt dann noch Marketingblabla Formulierungsunklarheit. Sätze wie folgender, entnommen dem Exposé Atlánticos zum Rumfest Berlin 2017, lassen bei einem Rumkenner schon leicht die Fragezeichen über dem Kopf sichtbar werden.

Atlántico umfasst zudem eine Art von Rum, die sich Malta nennt. Darunter versteht man Rum, der mit einem niedrigeren Alkoholgehalt destilliert wurde. Das ermöglicht es dem Blend, mehr der natürlichen Aromen und Charakteristika des Zuckerrohrs beizubehalten.“

Keiner der sehr informierten Rumkenner aus diversen Gruppen, in denen ich unterwegs bin, konnte mit dem Begriff Malta etwas anfangen. Andere Quellen sprechen aber auch vom Zusatz von Aguardiente. Auf jeden Fall ist der Herstellungsprozess, wenn man noch die Nachsüßung mit in Betracht zieht, nicht wirklich mit meinem Bild einer transparenten, traditionellen Rumproduktion vereinbar. Was für mich persönlich schon ein Grund für sich ist, derartige Produkte nicht zu kaufen, das muss aber jeder mit sich selbst ausmachen.

Nachtrag: Wenige Tage nach der Veröffentlichung dieses Artikels erhielt ich eine Nachricht vom deutschen Brand Ambassador für Ron Atlántico, der mir einige Details mitteilte, die den Herstellungsprozess doch erkennbar aufklären. Ich bedanke mich bei Florian Perret ausdrücklich für diese Hinweise. Selbstverständlich gebe ich diese nun an meine Leser weiter und ziehe meine Kritik bezüglich der Transparenz teilweise und die Wörter „Marketingblabla“ und „Geheimnistuerei“ ganz zurück. Ideal wäre natürlich eine entsprechende Anpassung auf der produkteigenen Homepage (und, obwohl das ein frommer Wunsch bleiben wird, auf dem Etikett).

Der Melasse-Anteil des Rums, der in den Blend für den Atlántico eingeht, wird in der Destillerie Alcoholes Finos in der Dominikanischen Republik in einer Column Still gebrannt, die Melasse dafür bei der Central Romana Sugarmill eingekauft. Der Zielalkoholgehalt dafür liegt bei ca. 90%-95%.

Ron Atlántico vor Ort

Der zweite Anteil, der Zuckerrohrsaftrum (aus gegebenem Anlass, unabhängig vom Atlántico, verwende ich nicht das Wort „agricole“, dazu in einem späteren Artikel mehr), wird ebenfalls komplett in der Dominikanischen Republik hergestellt: Das Zuckerrohr wird in La Romana geerntet, ausgepresst und auch in einer Column Still auf einen ähnlichen Alkoholgehalt destilliert.

Der dritte Anteil, das geheimnisvolle „Malta“, wird auch in diesem Schritt erzeugt; es handelt sich dabei um Zuckerrohrsaftrum, der statt auf über 90% einfach auf rund 75% destilliert wird.

Diese drei Komponenten lagern und reifen separat voneinander und werden am Ende in einem Blendingprozess miteinander kombiniert. Insgesamt ungewöhnlich, aber gewiss keine Mauschelei.

Offenlegung: Ich danke Sierra Madre GmbH für die kostenlose Zusendung einer Flasche des Atlántico Gran Reserva.

Black Tears Cuban Spiced Titel

Der Captain wird heulen – Black Tears Cuban Spiced

Wir leben in interessanten Zeiten, was Rum angeht. Der Trend geht, wie in vielen Bereichen, hin zum High-End-Produkt. Gewisse Subkategorien von Spirituosen, gerade bei Rum, leiden dabei etwas, was das Image angeht – wenn schon Laien heutzutage Geld in die Hand nehmen, um sich einen Caroni ins Regal zu stellen, wird so etwas wie ein Spiced Rum, also eine Spirituose auf Rumbasis, die mit Früchten, Gewürzen, Aromastoffen und Zucker süffig gemacht wird, teilweise schon etwas herablassend betrachtet.

Aber was grenzt heutzutage einen Spiced Rum eigentlich noch wirklich ab? Viele der Premium-Rums, die sich bei den Händlern immer noch verkaufen wie geschnitten Brot, und die auf Plattformen wie Amazon bis heute als „die besten Rums der Welt“ rezensiert werden, unterscheiden sich, wenn man die Zusammensetzung anschaut, nicht von einem Spiced Rum. Zusatzstoffe wie Zucker, Aromate und Glycerin sind in als Rum deklarierten Produkten enthalten, ohne dass sie auf dem Etikett ausgewiesen werden würden oder müssten. Nicht zuletzt das etwas zweifelhafte Image des Spiced Rum als unanspruchsloses Gebräu, das Kenner nicht anrühren, sorgt dafür, dass die Hersteller der Hausrezept-Rums ungern die eigentlich korrekte Bezeichnung für ihr Produkt verwenden würden.

Um so erfreulicher, dass diese uralte Kategorie von Spirituosen nun einen neuen Zuwachs erfahren hat, der sich nicht dafür zu schade ist, offen zuzugeben, was er ist. Der Black Tears Cuban Spiced hat vor kurzem die Supermarktregale bei Edeka, Rewe und Co. gestürmt – ich habe zunächst gezögert, weil ich mir eigentlich derartige Spontankäufe abgewöhnen wollte, und nach ein paar kurzen Recherchen, die kaum ein echtes Ergebnis lieferten, ein paar Tage später dann doch zugegriffen; war es ein im nachhinein bereuter Kauf nur um diese Lücke zu füllen, oder taugt dieser Kubaner auch etwas?

Black Tears Cuban Spiced Flasche

Farbstoff ist natürlich mit von der Partie, das wäre auch fast schon ein Wunder bei einem Spiced Rum. Ein kräftiges Terracotta gibt schon einen Eindruck, dass hier kein leichtes, luftiges Aroma auf uns warten wird. Im Glas liegt der Black Tears ölig, mit einem schönen Beinschleier am Glasrand beim Schwenken.

Beim Riechen springt einen eine Komponente dieses Gewürzrums direkt an – Kaffee. Das passt natürlich zur Geschichte auf dem Rücketikett (siehe unten noch ein paar Worte dazu), die vom Großvater erzählt, der schon Rum und Kaffee miteinander vermischte. Vanille, Nougat, Zuckerwatte, geröstete Agave, etwas Mandarine – eine insgesamt geradezu extrem süße Note; dagegen kommt kaum etwas an rumtypischen Aromen an. Etwas Kleber im Hintergrund.

Im Mund kommen dann doch ein paar Column-Still-Rum-Charakteristika zum Vorschein – leichter Körper, etwas alkoholisch, milde Aromen. Cappuccino und dunkler Kakao sind im Geschmack entsprechend da, aber weniger dominierend als von der Nase her vermutet, Fruchtaromen kommen nach vorne, Orange und Erdbeeren. Er wirkt frisch und hell, und ist dadurch sehr süffig und trinkbar. Insgesamt bleibt der Black Tears aber aromatisch zurückhaltend, fast schon etwas arm. Alkoholisch versehen ist der Black Tears Spiced Rum mit 35%, eine Extraktmessung meinerseits hat einen Zuckergehalt von 13g/L ergeben – das ist für einen Spiced Rum ein akzeptabler Wert und weniger, als viele Premiumrums enthalten. Das Etikett spricht von 92% Rumanteil in dieser Spirituose, wenn der Zucker entsprechend draufkommt fragt man sich aber schon etwas, was der Rest sein mag, da Aromastoffe ja volumenmäßig nicht viel ausmachen können – es wird wohl Wasser sein, um die Rumbasis, die ja normalerweise mit mindestens 37,5% Alkohol hergestellt wird, auf die im Endprodukt enthaltenen 35% herabzusetzen.

Black Tears Cuban Spiced Glas

Der Abgang ist trotz all der Vorschusssüße recht trocken, etwas heiß, aber nicht unangenehm alkoholisch. Die Lebensdauer im Mund ist extrem kurz, selbst dabei aber beschränkt auf adstringierende und anästhesierende Effekte. Cappuccino klingt noch eine ganze Weile nach.

Was bleibt also? Wir haben hier einen leichten, trockenen Spiced Rum mit typisch kubanischen Eigenschaften in der Rumbasis, und einer Würzung und Süßung, die diese dankenswerter Weise nicht völlig überwältigt. Mir gefällt das, es ist weniger brachial und pappig als Captain Morgan Spiced Gold beispielsweise, aber auch nicht so eigenwillig wie der Meermaid Infused Rum, und hat einen gewissen eleganten Charme, so dass man ihn gewiss pur, eventuell auf Eis, als leichten Ausklang für einen Abend trinken kann, ohne überfordert zu werden. Keine echte Rumkunst, auch wenn das die Präsentation etwas insinuiert, aber ein solides Basisprodukt.

Tatsächlich wird er seine Hauptarbeit für mich aber in Cocktails leisten. Die interessante Aromenvariation hin zum Kaffee macht ihn gut einsetzbar für ungewöhnliche Twists auf gut bekannte Drinks, wobei nicht die Gefahr besteht, dass der Cocktail in eine völlig andere Richtung abdriftet. Beim Spiced Daiquiri nehme ich ein übliches 2:1:½-Rezept her, reduziere allerdings den Zucker etwas, um die Süße des Black Tears etwas auszugleichen; das Ergebnis ist sehr trinkbar und leicht, mit eben diesem kleinen dunklen Kaffeetwist.

Spiced Daiquiri


Spiced Daiquiri
2 oz Spiced Rum (z.B. Black Tears)
1 oz Limettensaft
1 Teelöffel weißer Zucker
Auf cracked ice gut schütteln. Nur grob abseihen und ohne Dekoration servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Versucht man, das Rücketikett, das im Pseudopostkartenstil in Pseudohandschrift eine Pseudolegende voller Schwafelei enthält, tatsächlich zu verstehen, wundert man sich dann aber doch über die unklare Reise, die dieses Produkt hinter sich hat. Destilliert auf Kuba, „hergestellt“ (was auch immer das nun bedeuten mag) in den Niederlanden für eine norwegische Firma, vertrieben durch eine deutsche Firma. Der Rum für den Black Tears stammt aus der Destillerie Paraíso Destilería im unter Rumkennern wohlbekannten Ort Sancti Spíritus auf Kuba; diese Destillerie vermarktet ihren Rum, wie es viele Destillerien dort tun, über ein Konglomerat mit dem weniger wohlklingenden Namen Tecnoazucar. Ein wahres Wunderwerk an Verflechtung und Vernetzung in der globalisierten Welt.

Nun, für 17€ macht man, wenn man eh auf diese Art von Rumspirituose steht, sicher nichts falsch, im Gegenteil – ich würde jedem Freund des Piratenkapitäns mit dem Fuß auf dem Fass raten, sich stattdessen einfach mal mit dem Black Tears Cuban Spiced anzufreunden, ich finde ihn interessanter und wirkungsvoller. Wer aber eh schon lieber trockene, teerige und esterige Pure Single Rums trinkt, und sich nicht von diesem Vorbild lösen kann oder will, wird dagegen kaum so richtig viel Freude empfinden werden.