Rum in Zeiten der Cholera – The Rum Factory Distillery Collection Aged 10/15 Years

The Rum Factory Distillery Collection Panama Aged 10/15 Years Titel

Für mich ist die aktuelle Corona-Ausgangssperre kein wirkliches Problem. Ich bin eh schon immer selbstgewählter Eremit und kenne eigentlich keine Langeweile und gefürchtete Vereinsamung, die man bei so vielen Facebookfreunden ausmachen kann. Doch manchmal freut man sich dennoch über Gäste – und so war ich positiv überrascht über zwei hübsche Flaschen, die da vor kurzem bei mir im Quarantänequartier hereingeschneit sind. Der noch recht junge unabhängige Abfüller The Rum Factory hat mir damit die ruhige Zeit noch etwas genehmer gemacht.

Ich genieße es immer sehr, bei mir unbekannten Produkten erstmal ein bisschen zu recherchieren – und der erste Schritt dabei ist das Etikett, denn ich bin ein Etikettenfanatiker und will jedes Wort darauf abklappern. Man findet immer was interessantes, und auch hier: das zentral platzierte Wort „Buchsdorf“. Dies ist kein echter Namensbestandteil, nur eine Verneigung vor der Zusammenarbeit des Abfüllers mit der historischen tschechischen Albert Michler Distillery in Buková (früher eben Buchsdorf), wo andere Produkte von The Rum Factory weiterverarbeitet werden. Für die hier vorliegende Distillery Collection fand die gesamte Herstellung jedoch erstmal rein in Panama statt – bei Bodegas de América, S.A., wo diese beiden Rums destilliert, gereift und geblendet wurden; wir haben hier also rein tropische Reifung vor uns. Werfen wir einen Blick auf die zwei Mitglieder dieser Kollektion.

The Rum Factory Distillery Collection Panama Aged 10/15 Years

Fangen wir mit dem jüngeren der beiden an. The Rum Factory Distillery Collection Aged 10 Years ist ein Blend aus 4-12 Jahre alten Rums, das Durchschnittsalter ist also auf dem Etikett angegeben. Dazu am Ende mehr, jetzt erstmal zum Stoff selbst. Die Farbe ist leuchtendes Kupfer, der zur Vereinheitlichung eingesetzte Farbstoff ist auf dem Etikett angegeben. Im Glas ist nur leichte Viskosität erkennbar, der Rum schwenkt sich leicht und lebendig. Dabei hinterlässt er einen öligen, durchgängigen Film an der Glaswand, der nur teilweise in Beinchen zerfällt beim Ablaufen.

Geruchlich bin ich überrascht – hier finden sich Noten, die nicht alltäglich sind. Neben extrem viel Karamell und Butterscotch ist zuoberst Kokosfleisch, weiße Schokolade und Kakao. Darunter eine sehr abgesetzte Schicht Frucht, Orange und Mandarine. Und darunter wiederum eine kräuterige, leicht lakritzige, eukalyptuserinnernde Basis. Das erlebe ich in dieser Deutlichkeit selten, dass hier wirklich drei abgrenzbare Schichten separat miteinander spielen. Sehr spannend gemacht.

Der Antrunk ist sehr fruchtig, mit Zitrus- und Orangennoten. Die eingesetzte Süßung (~12g/L) ist vorsichtig, nie pappig oder unangenehm. Holztöne kommen auf, Vanille, Zimt. Eine schöne Breite und Volumen bauen sich auf. Eindrücke von Kaffeepulver und Gewürzen entstehen im Verlauf, dabei wird der Rum trockener und immer pikanter – 41% Alkoholgehalt passen sich ganz gut in das Bild ein.

The Rum Factory Distillery Collection Aged 10 Years Glas

Der Abgang ist halbtrocken, mittellang, am Ende doch sehr pfeffrig und mentholisch heißkalt, hinterlässt auf der Zungenspitze ein bisschen Betäubung und einen Eisenton im Mundraum. Leichte Gewürznoten nach Kardamom, Muskat und Nelken hängen noch etwas nach.

Das macht doch Spaß. Darum gehen wir gleich über zu seinem älteren Bruder, dem The Rum Factory Distillery Collection Aged 15 Years. Auch hier handelt es sich um einen Blend, diesmal aus 11-17 Jahre alten Rums, der Durchschnitt ergibt dann 15. Dazu erneut am Ende mehr. Farblich machen sich die durchschnittlichen 5 zusätzlichen Jahre Reifung bemerkbar, da ist mindestens eine Farbstufe, eher zwei, dazwischen – hier sehen wir ein Hennarot. Ich habe den Eindruck, dass sich der 15-jährige auch anders bewegt im Glas, öliger und schwerer. Der Glaswandfilm ist langlebig und beinhaltet langsam ablaufende Beine.

Einen sehr viel dunklere Nase hat er aber auch. Viele Eichenholzaromen, viel Vanille, dunkle Früchte, Melasse und eine intensive Portweinnote. Faszinierend, dass hier dieselben Basisdestillate, nur anders geblendet und länger gereift vorliegt – die beiden Rums haben geruchlich kaum etwas miteinander zu tun. Etwas schokoladig, reife Banane, und das für die Destillerie scheinbare definierende Karamell. Im Vergleich zum jüngeren Bruder runder, weicher, aber auch etwas weniger spannend.

The Rum Factory Distillery Collection Aged 15 Years Glas

Im Mund zunächst Anflüge von milden Zitrusfrüchten, Mandarinen vielleicht. Reifer, roter Apfel. Viel Vanille, im Verlauf baut sich aus der überraschend gut eingesetzten Süßung (hier ~16g/L) eine kräftige, erwachsene Würze auf, die mit etwas Feuer einhergeht. 43% Alkoholgehalt gefallen mir hier gut. Ein schönes Spiel aus Bittere-Süße-Säure. Leichte Zigarrentabak-Aromen. Der Abgang ist sehr schokoladig, pfeffrig-heiß und mit viel Alkoholhauch; mittellang, mildtrocken und sehr genehm. Auch hier ein leichter Eisenton, zusammen mit Backgewürzen. Der Nachhall besteht aus langlebigem Kaffeepulver.

Der Fünfzehner ist ein ganz anderer Rum als der Zehner, kaum vergleichbar. Beide sehe ich durchaus zum Purgenuss geeignet, der eine eher, wenn einem nach etwas Frechem, Hellem, Fruchtigem ist; der andere eher für den Kaminabend zu einer Zigarre.

Die sie wieder vereinenden würzigen Noten und scharfe Abgänge der Rums lassen sie mich aber selbstverständlich auch direkt mit anderen, ähnlich kräuterigen Spirituosen zusammenbringen. Die Mischung klingt zunächst verrückt, ist aber ein echter Gewinner – der Bywater schlürft sich gefährlich gut. Tatsächlich gibt genau so ein Panama-Rum dieser Mischung eine schöne Aromatik, die man mit milderen Rums kaum erzielen würde.

Bywater Cocktail


Bywater
1¾ oz gereifter Rum
¾ oz Chartreuse Verte
½ oz Amaro
¼ oz Falernum
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Chris Hannah]


Mein Fazit – attraktive, einsteigerfreundliche aber auch charaktervolle Rums, aus einer Gegend, die nicht alltäglich in deutschen Heimbars zu finden ist. Persönlich würde ich gern die Süßung weiter reduzieren oder vielleicht sogar ganz abschaffen, um der interessanten Kräuterigkeit des Destillats eine schönere, weniger eingeflauschte Bühne zu bieten, ich glaube, das hätte noch mehr Potenzial dann. In diesem Zusammenhang wäre ich übrigens extrem dankbar, wenn die Süßung auf dem Etikett angegeben wäre – und auch die etwas schwummrige Altersangabe mit Durchschnittsalter statt dem jüngsten Blendanteil ist doch nicht mehr zeitgemäß für ein modernes, aufstrebendes Unternehmen. Transparenz ist einfach Gebot der Stunde, zumindest kann man auf der Abfüllerseite Details nachlesen und wird auch auf Nachfrage ohne Herumdruckserei klar informiert.

The Rum Factory hat außer diesen beiden Panamesen noch weitere Rums im Portfolio. Aktuell ist unter anderem auch die Double Cask Collection, die tropische und kontinentale Reifung vereint; es folgen Artikel dazu auf meinem Blog.

Offenlegung: Ich danke The Rum Factory für die kosten- und bedingungslose Zusendung der beiden Flaschen der Distillery Collection.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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