Ars, artis (subst., f.) – El Ron del Artesano Panama Rum Ruby, Tawny und Virgin Oak

El Ron del Artesano Ruby, Tawny, Virgin Oak Cask Titel

Spirituosen haben heutzutage mehr Anspruch als vor einigen Jahren. Es gab schon immer mehr und weniger angesehene Gattungen, diese bezogen sich aber meist schlicht und oberflächlich auf die Herkunftsländer – schottischer Whisky ist das Edelgetränk für den Genießer, das man pur zu genießen hat; karibischer, ungereifter Rum das namenlose Zeug, das man mit Saft mischt um sich zu besaufen. Die Welt kann in ihrer Schwarzweißfassung so einfach und gemütlich sein, wenn man keine Ahnung davon hat, dass das alles Nonsense ist. Zum Glück erkennen das viele Konsumenten heute ohne Mühe – so, wie es natürlich hervorragende Whiskys gibt, gibt es auch grusligen Single Malt, und statt einem nur im Mixgetränk erträglichen Rum, findet man heute auch höchstwertige Spitzenrums, die auch dem absoluten Kenner ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

Ein Schlüsselwort, das zu dieser Entwicklung führte, ist „Handwerk“. Man besinnt sich in vielen Regionen, die jahrezehntelang nur (oft sogar anonymisierte) Massenware anboten, auf das Handwerk, und bringt Abfüllungen auf den Markt, die zeigen, dass dahinter oft hohe Qualität stehen kann, wenn man es zulässt, die dafür nötige Zeit, Energie und Kosten zu investieren, die man bei Bulk-Produkten eben nicht wirklich braucht. Im spanischen Wort „artesano“ fließen, sehr viel mehr als bei der deutschen Übersetzung, die Komponenten des „Kunsthandwerks“ mit ein, schon im Wort liegt die lateinische Wurzel der „ars“, also der Kunst, aber auch da schon als „Geschick“ übersetzbar, verborgen. Handwerk und Kunst sind zwar immer noch verschiedene Dinge, aber wenn man etwas besonders gut macht, ist der Übergang manchmal fließend. Der unabhängige Abfüller El Ron del Artesano beansprucht diese Gedanken für sich – ein Rum, in traditionellem Handwerk gefertigt, unmanipuliert. Drei Abfüllungen habe ich bekommen, die ich nun darauf überprüfen will.

El Ron del Artesano Ruby, Tawny, Virgin Oak Cask

Starten wir mit dem jüngsten der drei Rums, dem El Ron del Artesano Panama Rum Ruby Cask 8 Años. 8 Jahre im Ex-Portweinfass, Ruby Port, um genau zu sein, und man ahnt diese Vorbelegung, wenn man die Flasche oder das Glas gegen das Licht hält – da ist ein deutlicher Roséton, der das Henna begleitet. Recht lebendig mit leichter Viskosität schwappt der Rum im Glas, mit dazu passendem leichten Film an der Glaswand.

El Ron del Artesano Panama Rum Ruby Cask 8 Años

Schnuppern wir daran, finden wir auch tatsächlich Noten von Rotwein, der Ruby hat neben der Farbe offensichtlich auch ordentlich Aromen hinterlassen. Ich habe gerade eine Flasche Primitivo auf, die riecht ähnlich. Mich erinnert das auch etwas an diese Schokolade mit Erdbeer-Joghurt-Füllung. Eine leichte Nussigkeit kommt dazu, Anflüge von Vanille und Zimt. Man ahnt, dass es sich hier um ein recht leichtes Column-Still-Destillat handelt, da sind Ethanolnoten und eine diesem Stil grundsätzlich ja zugehörige Leichtkörperigkeit da. Nicht wirklich spannend, aber angenehm.

Süßweich legt sich der Panama-Rum auf die Zunge, mit zarten Frucht- und Schokoladearomen, und einem sehr, sehr milden initialen Mundgefühl. Da ist trotzdem gutes Volumen, eine schöne Breite, man hat wirklich was im Mund; die Leichtkörperigkeit ahnt man noch, sie ist aber durch die Reifung schon ordentlich angepasst. Im Verlauf entsteht dann doch noch etwas Trockenheit, spät erst, aber effektiv, zusammen mit aufkommender, leicht pfeffriger Würze bildet sich bei 42,4% Alkoholgehalt Charakter heraus, ohne die grundlegende Richtung des Rums zu ändern. Der Nachklang ist mittellang, mildbitter, pfeffrig und holzig, gut eingebettet in ein Gesamtbild, die Frucht klingt noch etwas nach.

Ein sehr trinkbarer, leichter Rum, der sich nicht anbiedert, und am Ende sogar noch ein paar Zähne zeigt; so etwas haut mich nicht aus den Socken, es ist aber im Vergleich zu vielen Panama-Rums, die ich vorher kannte, schon als Quantensprung zu bezeichnen.


Ein Jahr länger Pause gönnte man dem El Ron del Artesano Panama Rum Tawny Cask 9 Años, abgefüllt mit 41,7%. Auch hier kam dafür ein Ex-Portweinfass zum Einsatz, aber man entschied sich für Tawny statt für Ruby. Ich erwarte hier nur wenig Unterschied, was die Fruchtausprägung durch die Fasswahl angeht – farblich ist schon klar erkennbar, dass der Tawny-Port trotz des zusätzlichen Jahres weniger eingeschlagen hat: Ein leicht blasser Bernsteinton, mit einem Ticken von rötlichen Reflexen. Man muss das Verkostungsglas ordentlich schwenken, um die Flüssigkeit in Bewegung zu bringen, danach haben wir ein hübsches Glaswandverhalten.

El Ron del Artesano Panama Rum Tawny Cask 9 Años

Die Nase ist direkt sehr expressiv, von Anfang an findet sich eine attraktive Mischung aus Eindrücken aus sehr verschiedenen Richtungen. Herb und holzig, karamellig und vanillig, fruchtig und säuerlich – ein wirklich spannendes Geruchsbild, vielschichtig, aromatisch, voll. Spätestens hier muss ich meine Vorurteile gegen Panama-Rum endgültig aufgeben, das ist wirklich anziehend; die deutliche Klebstoffnote ist für mich keinesfalls ein Mangel, das mag ich bei manchen Bourbons und Armagnacs auch sehr.

Der erste Schluck ist dann ähnlich angenehm, eine hübsche, natürlich wirkende Süße heißt mich willkommen, eine Wandlung im Verlauf hin zum herberen und am Ende deutlich Trockenen sorgt dafür, dass die Spirituose nicht langweilig wird. Milde Melasse und Rosinen, etwas Pflaumiges, aber schnell dann auch erkennbare Zedernholznoten mit Tannenharz und eine sehr wirksame Pfeffrigkeit bilden sich heraus. Die schon gesehene Viskosität schlägt sich auch in fetter, runder Textur nieder, die sich gegen die Trockenheit stellt. Der Nachklang ist fast schon mentholisch, nach dem Kitzeln des Gaumens kühlt der Rum ihn auch wieder runter. Blumig und durchaus lang hallt er dann noch nach.

Sehr süffig, mit einem wirklich schönen Mundgefühl und viel Charakter: Ein Rum mit sowohl Eleganz und Stil, als auch Kraft und Drinkability. Ehrlich gesagt, ein tolles Rundumpaket, das mir echt gefällt, und gegenüber der Ruby-Ausprägung nochmal eine richtig fette Schippe drauflegt.


Nun zum Dritten im Bunde, dem El Ron del Artesano Panama Rum Virgin Oak Cask 2008. Man sieht den Unterschied im Namen zu den beiden Vorbesprochenen – hier haben wir eine Jahrgangsabfüllung, destilliert 2008, auf Flaschen gezogen im September 2021, das bedeutet ein grobes Alter von 12 bis 13 Jahren. Das hier verwendete Eichenfass war ein nagelneues, ohne Vorbelegung. Terracottafarben, glitzernd und ordentlich schwer macht der Rum im Glas echt was her, schöne Beine betonen das.

El Ron del Artesano Panama Rum Virgin Oak Cask 2008

Deutlich unterscheidet sich hier der Geruchseindruck von den Vorgängern. Limettenschale und Wacholder nehme ich wahr, nicht ganz Gin-Niveau, aber durchaus verwandt. Orangenzeste und Rosmarin verstärken noch den kräuterig-vegetalen Eindruck. Zimt und Vanille kommen darunter, ein leichter Säulendestillat-Ethanolhauch, und am Schluss noch etwas grüne Banane, schokoliert vielleicht. Ungewohnt insgesamt und gerade dadurch sehr spannend, da ist viel zu entdecken!

Hell, süß und sehr fruchtzestig ist der Antrunk, der gefühlt sehr gut zur Nase passt. Orangen- und Limettenschale, frisch von der Frucht abgeschabt, unterstützt von angenehmer, aber zurückhaltender Süße, die nur leicht karamellig und milchschokoladig wirkt. Wie schon bei den jüngeren Rums ist auch hier ein klarer Spannungsbogen vorhanden, mit pfeffriger Schärfe und einer milden Herbe, die nach einer Weile einsetzen, bei diesem 2008er ist dieser Übergang aber noch feiner, eleganter und runder. Der Nachklang passt auch dazu, leicht bitterschokoladig, ein Anflug von Lakritz und Harz und ein gemächliches Verklingen, bei dem etwas Brombeer noch unerwartet auftaucht.

Ganz anders, aber keineswegs schlechter – hier hat man etwas ausgesprochen Rundes vor sich, die zusätzlichen Jahre, das unverbrauchte Fass, da spielt alles zusammen, wie es soll. Ich bin mit diesem Rum sehr zufrieden, er überwältigt nicht, sondern überzeugt durch Klarheit und einen ganz eigenen Charakter.


Für manche Drinks kann man Rumsorten recht beliebig tauschen, da verliert oder gewinnt man oft nicht viel, auch wenn manche Rumnerds dem wohl rein aus Prinzip widersprechen werden. Bei einem Cocktail wie dem Voyager dagegen empfehle ich klar, einen herberen Rum einzusetzen, damit er einen Kontrapunkt zu den ganzen Likören und Sirups bilden kann. Ein ungesüßter Panama-Rum wie einer aus der El Ron del Artesano-Reihe bietet sich da eigentlich ganz gut an.

Voyager Cocktail


Voyager
1⅓oz / 40ml gereifter Rum
⅔oz / 20ml Falernum
⅔oz / 20ml Bénédictine
1oz / 30ml Limettensaft
⅔oz / 20ml Passionsfruchtsirup
⅓oz / 10ml Grenadine
Auf Eis shaken. Auf crushed ice servieren.

[Rezept nach Weintanne / Jena]


Zur Geschichte mit dem kleinen Brennergesellen, die auf einem Flyer den Flaschen beilag und den Namen des Unternehmens erklären soll, lasse ich mich nicht aus, ich halte nichts von derartigen Stories, selbst wenn sie ausnahmsweise hier wahr sind. Diese Abfüllungen hier hätten es jedenfalls zu keiner Minute nötig, aber ein bisschen Fluff muss man jedem Hersteller wohl gönnen – in einem sehr intensiven persönlichen Gespräch nachts um zwei mit Michael Mattersberger von True Spirits an der Hotelbar in Neustadt und einem darauf folgenden, nicht weniger unterhaltsamen Telefonat mit Sebastian Lauinger, dem Inhaber von El Ron del Artesano, wurde mir deutlich: Warum soll Sebastian auf seine Familiengeschichte verzichten, nur weil so viele andere diesen Mechanismus mißbrauchen? Food for thoughts.

Die Reihenfolge, die ich zur Verkostung ausgewählt habe, hat mir sehr geholfen, diese Rums zu verstehen. Ich habe keinen klaren Favoriten, sowohl der Tawny als auch der Virgin Oak haben mich voll überzeugt und sind echte Genießerrums, der Ruby fällt gegen diese hauseigene Konkurrenz etwas ab, bleibt aber, was Panama angeht, auf einem für mich erstaunlich hohen Niveau. Meiner Ansicht nach ist es so – die Panama-Rums, die früher ihren Weg zu mir gefunden haben, haben ihr Land einfach nicht wirklich in letzter Konsequenz vertreten können, sie waren oft deutlich gesüßt und mit nicht viel Liebe gereift und verblendet. Die El Ron del Artesano-Abfüllungen sind diesbezüglich makellos und haben mir eine komplett neue Perspektive auf Panama ermöglicht – und meinen großen Wunsch nach Zuckerfreiheit erfüllt, den ich im Fazit zu anderen Abfüllungen dieses Lands geäußert hatte. Oh, wie schön Panama sein kann.

Offenlegung: Ich danke El Ron del Artesano für die kosten- und bedingungslose Zusendung der drei Rumsorten, und True Spirits für die Vermittlung.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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