Wermutvarianten – Martini Riserva Speciale Rubino

Martini Riserva Speciale Rubino Titel

Bei Wermut ist die Abwechslung, die ich habe, im Vergleich zu anderen Spirituosen etwas geringer. Das hat den einfachen Grund, dass ich aufgrund der doch deutlich erhöhten Verderblichkeit von geöffnetem Wermut immer nur eine Sorte italienischen/roten und eine Sorte französischen/trockenen Wermuts im Kühlschrank habe, alles andere wäre Verschwendung. Und so findet sich dann entsprechend eher selten etwas Neues, denn ich greife immer noch gern auf meine zwei Standards zurück – Carpano Antica Formula und Martini Rosso, beides für meine Cocktailambitionen ideale Wermuts.

Doch nun war der Rosso leer, und ich brauchte Ersatz; und beim Samstagseinkauf im Real vor Ort sprang mir ein Sonderangebot ins Gesicht, das ich nicht abschlagen konnte. Der Martini Riserva Speciale Rubino, deutlich reduziert, landete also ohne viel Abwägen im Warenkorb, denn sein Verwandter, der Martini Riserva Speciale Ambrato, hatte mir schon viel Freude bereitet. Der Rubino war auch in einem Mixology Taste Forum als Testsieger hervorgegangen, das ist ja immer ein gutes Zeichen – da ich selbst semiprofessioneller Verkoster bin, habe ich ein gewisses Grundvertrauen in die Arbeit von Kollegen und bin Medaillen und Testsiegern grundsätzlich aufgeschlossen; die Skepsis, die manche dieser Mühe entgegenbringen, ist in den wenigsten Fällen angebracht. Wichtig ist, dass der Veranstalter so eines Tests gewissen Kriterien folgt, und diese transparent darlegt. Sowohl bei Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles als auch beim ISW ist das meines Erachtens voll gegeben, und auch das „Taste Forum“ beim Magazin Mixology ist immer ausgewogen besetzt und glaubwürdig. Also, ran an den Testsieger!

Martini Riserva Speciale Rubino

Woher der Name stammt braucht man nicht lange zu überlegen, wenn der Martini Riserva Speciale Rubino im Glas liegt – besonders bei etwas Gegenlicht leuchtet er in dunklem Rot, naja, Rubinrot eben. Die Konsistenz ist deutlich ölig, dicke, fette Beine laufen schnell an der Glaswand ab.

Die Weinbasis kommt bei diesem Wermut deutlicher hervor als bei manch anderen Produkten der Gattung – kein Wunder, normalerweise wird ein Weißwein für Wermut eingesetzt, hier ein Rotwein. Süßlicher, schwerer, italienischer Rotwein, schon in Richtung Süßwein gehend. Leichte Tannine, viel ganze Traubenfrucht, schon wirklich erkennbar ins Beerige übergehend, mit Eindrücken von Sanddorn und Hibiskus. Unterfüttert wird das noch von einem eher ins milde tendierenden Kräuterbouquet, da ist nicht viel wildes Kraut, mehr dunkle Würze, Vanille, Rosmarin, Zimt, alles aber unter der Beere und Traube untergeordnet.

Martini Riserva Speciale Rubino Glas

Im Mund kommt dann doch deutlich eine initiale Säure zum Vorschein, leicht an Grapefruit erinnernd, mit entsprechender Bittere, die sich im Verlauf sogar noch weiter steigert, und sich dabei von Grapefruit zu Wermutkraut wandelt. Hibiskus und Granatapfel zeigen sich. Keine Süßgranate also, was man von der Nase her vielleicht erwartet hätte. Die Süße ist dennoch schon vorhanden, begleitet von einem schmeichelnden Mundgefühl, bei dem sich der Wermut im ganzen Mundraum anlegt. Hier ist der Rubino dann sehr krautig und aromatisch. Beeren- und Rotweinkomponenten bleiben die dominierenden Aromeneindrücke, auch am Ende, wenn eine leichte Pikanz und schöne Trockenheit einsetzt, die den langen Abgang interessant machen. Insgesamt wirkt der Rubino paradoxerweise trotz all der süßschweren und kräuterigen Noten aromatisch hell – mit einer leichter Bittersüße, die man mit der Zunge noch lange danach von den Lippen lecken kann, klingt die Verkostung aus.


Hervorragend präsentiert sich der Rubino in einem heute praktisch unbekannten Drink, den ich in J.A. Grohuskos Cocktailbuch, das noch vor der Prohibition erschienen war (Jack’s Manual of Recipes for Fancy Mixed Drinks and How to Serve Them), gefunden habe. Der Larchmont Cocktail ist ein Beispiel für die Vorlieben der Zeit. Einfache Rezepturen, die es aber in sich haben. Wer ihn noch etwas voller, schwerer haben will, nimmt vielleicht sogar Oloroso statt des Amontillado – Grohusko spezifiziert nicht. Ich mag aber die gewisse gegensätzliche Trockenheit zum Rubino, die der Amontillado einbringt.

Larchmont Cocktail

Larchmont Cocktail
1½ oz italienischer Wermut
1½ oz Sherry (Amontillado)
Auf Eis rühren.
[Rezept nach J.A. Grohusko]


Abgefüllt wird der Martini Riserva Speciale Rubino in einer Weinflasche mit einem beeindruckenden Etikett, das sich klassisch an die typische, traditionelle Präsentation dieser Gattung in all ihrem heraldischem Überfluss hält – modern ist das nicht, aber augenfängerisch auf jeden Fall.

Diese Auflagen von alternativen Rezepten, die Martini zusätzlich zu ihrem Standardportfolio inzwischen anbietet, gefallen mir gut, sie bieten dem Vielwermutverbraucher eine nette aromatische Abwechslung und bleiben dabei aber immer noch grundsätzlich typische Turin-Wermuts, die in klassischen Cocktailrezepten gut funktionieren, und auch pur auf Eis mit einer kleinen Zitronenscheibe als Aperitif bestens schmecken. Natürlich verdoppelt sich der Preis im Vergleich zum bekannten Martini Rosso, doch wem jener gefällt, der kann das Experiment mit dem Rubino mal wagen, finde ich!

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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