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Pisco El Gobernador Titel

Beipackzettel für Spirituosen benötigt – Pisco El Gobernador Reservado

Beipackzettel von Medikamenten sind verwirrend und schwer zu lesen. Da denkt man sich manchmal – geht das nicht einfacher? So wie eine Bierdeckelsteuererklärung oder ein Schnapsflaschenetikett? Auf so einem Flaschenetikett ist immer alles wichtige vorhanden, in klar lesbarer, verständlicher und eindeutiger Form. Denkt man.

Das Etikett dieses chilenischen Pisco, also eines Traubenmostbrands,  sorgt für wildere Verwirrung, als es ein Beipackzettel je leisten könnte. Der spanische bestimmte Artikel „el“ steht leicht seitlich versetzt, und da sowohl „pisco“ als auch „gobernador“ maskulin sind, kann er für beide gelten. Das führt dazu, dass manche Shops und Rezensenten diesen Artikel unter Pisco ‚El Gobernador‘, und manche ihn unter El Pisco ‚Gobernador‘ führen. Das Rückseitenetikett bestärkt die zweite Lesart, doch dies ist vom deutschen Importeur hergestellt, und damit nicht aus erster Hand bezeugt.

Pisco El Gobernador Rücketikett

Der Hersteller selbst scheint sich unsicher zu sein und hält sich manchmal an die erste Schreibweise und nennt ihn auf seinen Internetseiten und in einem Werbevideo Pisco El Gobernador, aber manchmal auch nur Pisco Gobernador, als dritte Variante.

Persönlich neige ich dazu, die Schreibweise Pisco ‚El Gobernador‘ zu bevorzugen und für die richtige zu halten; ich zweifle nur geringfügig, und zwar nur aus dem rein legalesischen Grund, den man auch bei einem Scotch beobachten kann. Der mengenmäßig größte Hersteller von Scotch nennt sein Produkt nämlich nicht einfach nur Glenlivet, sondern The Glenlivet (das geschieht, um den Namen schützen zu können). Vielleicht liegt hier etwas ähnliches vor? Gibt es mehrere Produkte, die sich „Pisco Gobernador“ nennen wollen, und aus markenrechtlichen Gründen ist der Pisco von Hersteller Miguel Torres eben „der“ Pisco Gobernador? Ich weiß es nicht. Schütten wir uns ein Glas davon ein, um zu überprüfen, ob sich all die Recherchemüh überhaupt lohnt.

Pisco El Gobernador Flasche

Die Farbe ist, wie schon in der Flasche erkennbar, glasklar. Leichte Viskosität sorgt für Beine beim dezenten Schwenken. Der Geruch ist sehr hopfenfruchtig – das überrascht mich erstmal. Das geht schon extrem stark in Richtung eines IPA. Süßkirschen, Himbeeren und Bitterorangen liegen im Vordergrund. Ein malziger Unterton gibt dem ganzen etwas Tiefe. Präsent ist aber auch eine dezente Ethanolfahne, die mit der Zeit verfliegt.

Im Mund liegt der Pisco erstmal sehr seidig und weich. Aromahopfen und Malz, Honig und würziger Kandiszucker. Das muss ich einfach wiederholen, weil es so offensichtlich ist: Ein idealer Partner für ein Herrengedeck mit einem West Coast IPA. Kirschen und Marillen. Etwas Bitterorange. Viel voluminöser Körper, mit einem dichten Geschmacksbild. Warm und rund, erkennbar alkoholisch, dabei aber ohne jedes Beißen oder Zwicken.

Noch ein Hinweis auf das mit Fachbegriffen nicht sparende Etikett, wenn wir schon beim Alkoholfeuer sind: Reservado ist eine Kennzeichnung für chilenischen Pisco mit 38-40%. Hier haben wir mit 40% erfreulicherweise die obere Grenze touchiert. Die verwendete Traubensorte ist Moscatel.

Im Abgang entsteht ein leichtes Feuer, heißblütig rinnt der südamerikanische Schnaps die Kehle hinunter, und lässt dabei eine Spur der Glut zurück. Das ist ganz und gar nicht unangenehm, denn solange kein Kratzen dazukommt, ist Feuer in Spirituosen etwas zumindest für mich sehr erstrebenswertes. Das Feuer des El Gobernador ist tatsächlich fein und edel. Die Hopfennoten bleiben noch lange am Gaumen. Eine wirklich herausragende Spirituose, viel aromatischer, attraktiver und spannender als der von mir schon früher verkostete peruanische Konkurrent Barsol Quebranta.

Gerade die herausragend hopfenfruchtigen Eigenschaften dieses Pisco machen ihn zu einer idealen Zutat für Biercocktails. Alternativ passt er natürlich entsprechend fantastisch zu anderen Fruchtlikören, wie im Hiram Bingham – hier kombiniert der El Gobernador sich herrlichst mit Aprikosenlikör, und bietet damit eine perfekte Unterlage für die säuerlich-minzigen anderen Aromen.

Hiram Bingham


Hiram Bingham
6 Blätter Minze
1½ oz Pisco (z.B. Pisco El Gobernador)
1 oz Aprikosenlikör
1 oz Limettensaft
¼ oz Zuckersirup
3 Spritzer Old Time Aromatic Bitters
Diese Zutaten auf Eis shaken. Dann toppen mit…
1 Schuss Sekt (z.B. Wolfberger Crémant)
[Rezept nach Jay Crabb]


Ich habe für die 700ml-Flasche in einem lokalen Weltladen 23€ bezahlt – ein sehr gutes Preisleistungsverhältnis, meine ich. Abgesehen von der Qualität in der Flasche gibt es aber auch von der Präsentationsseite her, bis auf das Artikelverwirrspiel, nichts zu meckern – eine hübsche, ungewöhnliche Flasche, schön designte Etiketten. Und über all diese positiven Punkte hinaus, ist dieser Pisco aus Chile auch noch ein Fair-Trade-Produkt, das versucht, allen am Herstellungsprozess beteiligten einen ehrlichen Anteil des Gewinns zuzuführen und sie nicht auszubeuten. Gerade Spirituosenproduzenten sind manchmal schlimme Finger, wie die grausame Behandlung von Zuckerrohrerntern beim nicaraguanischen Rumbrenner Flor de Caña zeigt, und wir sollten alle hin und wieder einen Blick hinter die Kulissen unseres liebsten Lasters werfen und darüber nachdenken, welche Art von Produktion wir durch Kauf unterstützen wollen.

Kretischer Raki Titel

Hausgemacht schmeckts halt am Besten – Kretischer Raki und Rakomelo

Der Urlaub auf Kreta dieses Jahr war erneut ein Erlebnis. Seit vielen Jahren genieße ich die unglaubliche Freundlichkeit der Kreter, die, im Gegensatz zu vielen anderen Urlaubsländern, nie aufgesetzt oder der Verkaufsförderung dienend wirkt. Filoxenia und filotimo, also Gastfreundschaft und Respekt vor dem sozialen Umfeld, sind in Griechenland keine abstrakten Schlagworte, sondern zumindest bei den Griechen, die ich auf Kreta kennengelernt habe, gelebte Wirklichkeit. Sowohl in den Touristendörfern (wo den Kretern leider selten derselbe Respekt zurückgegeben wird, wie ich dauernd fremdschämend erleben musste), als auch in den abgelegeneren kleinen Bergdörfern, wo trotz Sprachbarriere eine herzliche Freundlichkeit Fremden gegenüber herrscht. Manchmal muss man in Vorleistung gehen, doch dazu reicht es oft schon aus, die älteren Herren in der Taverne beim Frappé von sich aus mit einem lauten kalimera zu begrüßen, sich respektvoll zu verhalten und wenigstens „bitte“ und „danke“ auf Griechisch sagen zu können – das sollte, egal wo, aber eh nicht zuviel verlangt sein.

Mond über Kreta

Das Nationalgetränk Kretas ist entweder dieser Frappé, eine Art Eiskaffee – oder Raki. Der „offizielle“ griechische Name für diesen Tresterbrand ist tsikoudía, und man findet auf Flaschen häufig nur eine der beiden Bezeichnungen, doch die Kreter, die ich zu dieser Spirituose befragt hatte, nutzten praktisch alle das Wort Raki. Im kretischen Dialekt verschleift sich die harte hochgriechische Endsilbe „-ki“ zu „-dschi“, und so bestellt man in der Taverne auf Kreta authentisch halt Souvladschi und ein Glas Rahdschi dazu.

Besonders wichtig ist es den Kretern, immer darauf hinzuweisen, dass ihr Schnaps nichts mit dem türkischen Rakı zu tun hat; wer beide schoneinmal gekostet hat, kann das ohne weiteres leicht bestätigen, denn während der türkische Rakı stark anislastig ist, mehr an Ouzo erinnert, ist der kretische Raki geschmacklich eher dem Grappa oder Pisco verwandt.

Wie es bei Oliven, Olivenöl und oft auch Wein ist, so ist es auch bei Raki: Jede Familie, die was auf sich hält, stellt ihr eigenes Produkt her. In den Supermärkten der Insel finden sich zwar viele überregionale, teils sogar für den Export bestimmte Raki-Marken, doch wenn man sich vor Ort befindet, gibt es keinen Grund, nicht stattdessen auf eine Familienmarke zurückzugreifen, die überall und jederzeit feilgeboten wird.

Kretischer Raki Flaschen

Aus Erfahrung kann ich sagen: Jede hausgebrannte Sorte hat tatsächlich ihren eigenen Charakter, schmeckt leicht anders, für mich persönlich auch besser als die Industrieware. Ich kaufe regelmäßig von unterschiedlichen Orten, wo der Raki dann aus dem Fass frisch in eine Flasche abgefüllt wird. Eine sehr beliebte Alternative zum klaren Raki ist der Rakomelo: Raki verfeinert mit Honig und Gewürzen. Auch hiervon findet man an jeder Straßenecke die Hausmarke eines Heimbrenners, mit der lokalen Charakteristik. Wer sich auf Kreta etwas unter die Leute mischt, und sich als interessierter Gast zeigt, wird oft auch mit einer kleinen Flasche beschenkt.

Wie schmecken die Rakis nun? Der klare, reine Raki riecht schonmal stark nach Trauben, Weinessig, Fino-Sherry. In Blindverkostungen würden viele ihn für Grappa halten – trocken, leicht bitter, sehr fruchtig, und mit angenehmer, zurückhaltender Süße. Im mittellangen Abgang ist er warm und seidig, aber ohne das etwas kratzige Feuer, das viele Grappe aufweisen. Am Ende erinnert er mit etwas Fantasie sogar an einen leichten VS-Cognac.

Der Rakomelo dagegen ist was für die mit dem komplett süßen Zahn: Der Likörcharakter dominiert. Man schmeckt viel Honig, Kräuter, Gewürze, aber praktisch keinen Alkohol. An so einem Gläschen Rakomelo kann man eine Weile schlürfen und lutschen, er ist ideal als Dessertbegleiter geeignet. Im Winter dient er traditionell als Hustenmedizin, ohne nach Medizin zu schmecken, und funktioniert wahrscheinlich besser als Wick Medinait.

Das moderne Kreta erkennt, dass es in ihrem tsikoudia eine ganz eigene, wertvolle Ressource hat. Cocktailbars, wie das frisch renovierte Beachcomber in Stalis, eine wirklich ausgesprochen hochwertige Bar selbst nach westeuropäisch-urbanen Maßstäben, bietet neben anderen faszinierenden Cocktails auch einen mit Raki als Hauptspirituose an; sollte man mal dort sein, muss man den Queen’s Recipe probieren, mit Raki, Kamille und Zitronensaft. Eine Alternative ist der Rakitini, für den ich von meiner eisernen Regel, nie Cocktails zu trinken, die auf -tini enden und dabei nicht mit Mar- beginnen, eine Ausnahme mache. Persönlich hätte ich diesen Drink eh eigentlich eher Raki Smash genannt.

Rakitini


Rakitini
2 Zitronenviertel mit…
3-4 Scheiben Gurke und…
3-4 Zweigen Thymian muddeln.
1 Teelöffel Zucker
1 Prise Salz
3 oz kretischer Raki
Alles auf Eis shaken.

[Rezept nach Georgios Pyrgiotakis]


Ähnlich wie mit Grappa ging es mir auch mit Raki: Zunächst kannte ich nur die scharfe, billige Industrieware, die man in Restaurants vor oder nach dem Essen serviert bekommt. Ein grausiger Spiritus – diese Art, dem Gast einen Pseudogefallen zu tun, hatte mir den Grappa total madig gemacht, bis ich entdeckte, wie toll guter, gereifter Grappa schmecken kann. Auch beim Raki kann einem das auf Kreta passieren: All-inclusive-Hotels oder Touristenkaschemmen bieten oft einen inkludierten Raki an, doch darauf sollte jeder verzichten, der diese Spirituose kennenlernen will.

Sirtaki vor der Taverna Gorgona

Ein paar Schritte in eine authentischere Taverne nebenan, und die Welt sieht anders aus. Und nach ein paar Gläsern davon fallen auch schnell die zivilisatorischen Hemmungen, die uns so beklemmen, und wir tanzen mit anderen Touristen aus Russland, England und Deutschland mit den Griechen zusammen den Sirtaki.

Grappa Sibona Tennessee Whiskey Wood Finish Titel

Wohnraumbeschaffung für Grappa – Sibona Grappa Riserva affinata in Botti da Tennessee Whiskey

Der Philosoph Diogenes ist heute noch hauptsächlich dafür bekannt, dass er in einem Fass wohnte. Wir können ausschließen, dass es ein ausgebranntes Fass aus amerikanischer Weißeiche war, und auch leicht getoastete französische Limousineiche würde ich anzweifeln. Statt diesen beiden beliebtesten modernen Arten von Spirituosenholzfässern war es wohl eher eine Art Tongefäß, also nichts, in dem wir heutzutage unsere Spirituosen lagern würden, zumindest nicht, wenn wir uns eine Reifung und Aromatisierung davon versprechen.

Jean-Léon Gérôme: Diogenes
Jean-Léon Gérôme: Diogenes

Ab und an, in den letzten Jahrzehnten immer häufiger, passiert es dennoch auch heute noch, dass so ein Fass, das bereits ein Destillat enthalten hatte, einen neuen Bewohner bekommt – nicht einen griechischen Philosophen, sondern eine andere Spirituose. Gern nutzen schottische Whiskyhersteller inzwischen abgelegte Madeira-, Port- oder Sherryfässer, um dem Whisky ein oder zwei Jährchen zusätzlich zur normalen Fassreifung darin zu gönnen und ihm dadurch einen besonderen „finish“ zu verpassen; auf italienisch sagt man dann zu diesem Vorgehen „affinata“, und auch Grappa darf sich auf eine Verfeinerung in einem vorbewohnten Fass freuen, im Falle des Sibona Grappa Riserva affinata in Botti da Tennessee Whiskey, alternativ anglisiert Tennessee Whiskey Wood Finish, natürlich, wie der Name schon ankündigt, einem Ex-Whiskeybehältnis.

Welcher Tennessee Whiskey könnte das sein, der für den Grappa Sibona die Fässer liefert? Soviele Hersteller dieses Produkts gibt es nicht, und sie müssen genug Fässer befüllt haben, damit es sich lohnt, diese zu exportieren. Wahrscheinlich sind es entweder Jack Daniel’s– oder George-Dickel-Fässer; da erstere einst auch schon kubanischem Rum eine neue Heimat boten, würde ich darauf tippen.

grappasibonatennessee-flascheWie lange dauerte dieser Finish? Die Bezeichnung Riserva, die dieser Grappa trägt, sagt aus, dass der Grappa mindestens 18 Monate in Holz gereift ist, über die Zusatzbezeichnung affinata ist in der italienischen Wiki zu lesen: „Termini come ‚affinata‘ o ‚barricata‘ non danno nessuna indicazione del tempo di giacenza nei legni (…)“ – es würde also wohl schon reichen, den Grappa einige Minuten im Tennessee-Whiskey-Fass zwischenzulagern. Die Herstellerseite spricht aber von „weiteren Monaten“ in den Whiskeyfässern; manche Verkäufer in ihrem verkaufsorientierten Optimismus sogar von 2 Jahren. Nichts genaues weiß man nicht, wie so oft.

Ich trinke gern chinesischen Oolong-Tee, und ganz besonders die edle Sorte Da Hong Pao. Wer schonmal diesen Tee gerochen hat, weiß, wovon ich nun rede: Bei diesem Grappa meint man, einen guten Schuss des Da Hong Pao mit im Glas zu haben. Eine sehr starke Malzigkeit, sehr an halboxidierten Grüntee erinnernd, eine grasige Komponente.

Das setzt sich auch am Gaumen fort: Stark holzig, sehr entfernt etwas fruchtig und schokoladig, auf jeden Fall süß ist der Sibona Grappa Riserva „Tennessee Whiskey Wood Finish“, ein Eindruck vom Whiskey (mehr aber auch nicht) ist auch tatsächlich vorhanden. Leicht scharf brennt der Grappa auf der Zunge, und bleibt auch warm im Abgang, nach dem er Trockenheit im Mund zurücklässt.

Manchmal liegt eine Spirituose zu lang im Fass und wird dadurch bitter, holzig, tanninig. Dieser Grappa ist für meinen persönlichen Geschmack kurz davor, zu dieser Gruppe zu gehören. Arg viel mehr Holz will ich in einem Grappa nicht mehr schmecken müssen; hier ist es aber noch gut gegangen und macht die Spirituose sehr spannend für mich.

Ein anderes Thema – Cocktails. Schwieriges Thema bei Grappa. Warum? Auch wenn es Hersteller und Grappafreunde nicht gern hören, für die Bar ist Grappa ein „low-profile spirit“, der erst noch in der Barwelt ankommen muss. Whiskey wird seit es Cocktails gibt darin verwendet, Brandy und Rum ebenso, doch Grappa ist der Neuling, der zwar schon genausolang gern pur als Digestif getrunken wird, aber als Cocktailzutat sich seine Sporen erst noch verdienen muss. Ich wünsche ihm, dass er seinen italienischen Vorbildern Wermut, Maraschino und Campari nachfolgen kann. Bis dahin greife ich auf Empfehlungen der Grappahersteller zurück, auf einer deren Seiten ich das Rezept für den Moscato finden konnte.Moscato Cocktail


Moscato
4 Weinbeeren und 4 Limettenscheiben in einem Glas muddeln
1½ oz Sibona Grappa Riserva „Tennessee Whiskey Wood Finish“
½ oz Zuckersirup
mit Eis auffüllen


Die Präsentation punktet mit einem durchdachten, durchgängigen Design; die Flasche mit Skala auf der Seite und kleiner Ausgusslippe erinnert an ein ausrangiertes Labor- oder Apothekerfläschchen. Ein Plastikkorken verschließt dieses; zu kaufen erhält man es in einer schönen Kartondose in ähnlicher Farbe des Grappas. Ideal als Geschenk für Spirituosenfreunde geeignet.

Vom selben Hersteller gibt es auch gereifte Grappas mit Sherry-, Porto- und Madeirafinish. Ich werde mich nur mit Mühe davon abhalten können, mir diese auch noch zuzulegen, wenn das Fläschchen mit Whiskeyfinish aufgebraucht ist; bei zirka 23€ pro halbem Liter wäre der finanzielle Ruin gerade noch aufgeschoben, insbesondere, da man ja auch wirklich eine qualitativ und geschmacklich hochwertige Gegenleistung bekommt.

Der Äpfelchen begehrt Ihr sehr – Laird’s Applejack Spirit Drink

Applejack ist ein in den USA wohlbekanntes Getränk. Hergestellt aus Äpfeln war es seit frühesten Besiedlungszeiten des nordamerikanischen Kontinents ein beliebter Ersatz für den schwerer zu bekommenden Rum oder französischen Brandy, die Trendgetränke der damaligen Zeit. Jeder hatte einen Apfelbaum auf dem Anwesen und machte daraus Schnaps; die revolutionären Truppen George Washingtons marschierten mit Applejack als Proviant doppelt motiviert in den Krieg. Patriotisch, wie sie sind, bezeichnen die Amerikaner heute Applejack als den „first true American spirit“.

Bald taucht der Apfelbrand in frühen Cocktailrezepten auf, wie dem klassischen Jack Rose. In Ted Haighs Cocktailbuch fand ich sogar den selbstbewussten Hinweis, dass man in jedem Cocktail, der nach Calvados (auch ein Apfelbrand) verlangt, Applejack verwenden kann, aber nicht umgekehrt, weil der Applejack intensiver sei. Das kann ich nach einer Verkostung des Laird’s Applejack Spirit Drink nun überhaupt nicht nachvollziehen – er ist höchstens schärfer.

lairdsapplejack-flascheDie Flasche Applejack duftet, direkt nach dem Öffnen, erstmal nach gar nichts, was mich schon verwundert hat. Und der Geschmack ist ähnlich nichtssagend – nichtmal ein Ansatz von Äpfeln. Ein recht neutraler Alkoholgeschmack, ohne eigenen Charakter. Wenn man das Etikett näher inspiziert, wundert einen das dann nicht mehr: ganz stolz schreiben die Hersteller aufs Etikett „A mixture of 35% finest cider brandy and 65% neutral grain spirits“. So schmeckt das ganze dann halt auch. Gepanschter Vodka, wenn man böse sein will. Selbst der billigste Calvados, den ich in einem französischen Supermarkt gefunden hatte, roch und schmeckte mehr nach Apfel und hatte zigmal so viel Aroma.

Ich konnte es erstmal gar nicht glauben, dass ein so langweiliges Getränk so beliebt sein sollte. Erst lange nach dem Kauf habe ich erfahren, dass es auch Applejack aus 100% Apfelbrand gibt, der nicht so massiv mit Neutralsprit verschnitten ist. Ich gehe davon aus, dass meine Kommentare für diesen Bonded Applejack, den ich leider noch nirgends zu kaufen gesehen habe, nicht zutreffen. Das ist auch die Unterscheidung, die David Wondrich in Imbibe! über die verschiedenen Versionen von Applejack trifft – und er fügt hinzu, dass man Laird & Company eine Nachricht schicken soll, die Distribution ihres guten Bottled-in-Bond-Stoffs auszuweiten. Was ich sicherlich noch tun werde.

lairdsapplejack-etikettLetztlich will ich daher Haighs Empfehlung, die ich oben angesprochen hatte, eher umkehren: Wenn ein Rezept nach Applejack verlangt, und Sie nicht den BiB-Applejack vorrätig haben, sondern nur diesen hier, nehmen Sie lieber Calvados. Und wenn die Intention ist, dass ein neutraler Alkohol ins Glas kommt, nimmt man lieber Vodka, den kriegt man einfach leichter und sehr viel billiger.

Was mache ich nun mit dieser Flasche einer Spirituose, die man pur nicht trinken kann, weil man vor Langeweile vergeht? Selbst in Cocktails kann man sie kaum einsetzen, da sie geschmacklich kaum etwas zum Gesamtbild eines Mischgetränks beitragen kann. Ich trickse – immer, wenn Applejack verlangt wird, benutze ich eine 1:1-Mixtur aus Calvados und Laird’s Applejack Spirit Drink. So bekomme ich den Apfelgeschmack, und die Flasche leer. Das funktioniert halbwegs gut, zum Beispiel im eingangs angesprochenen Jack Rose.

jackrose-cocktail


Jack Rose
2 oz Laird’s Applejack (oder alternativ Calvados)
¾ oz Limettensaft
¾ oz Grenadine


Eine große Enttäuschung und es ist garantiert kein Nachkauf geplant – für das Geld einer Flasche dieses Schnapses (die allerdings, zugegebenermaßen, sehr attraktiv gestaltet ist), der sich selbst nur „Spirit Drink“ nennen darf, kriege ich bereits einen hochwertigen Calvados VSOP. Falls jemand weiß, woher ich den BiB-Applejack von Laird’s bekommen kann, würde ich mich über einen Hinweis freuen – der würde schon allein aus historischen Gründen noch eine Chance erhalten, denn ein gut gemachter amerikanischer Apfelbrandy wäre bestimmt doch was feines für den Genießer außergewöhnlicher Spirituosen.

Südamerika ist nicht nur Rum – Pisco Barsol Primero Quebranta

Nein, ich will mich nicht über den Staatsstreit zwischen Peru und Chile auslassen, wer nun den „echten“ Pisco herstellt, wer damit angefangen hat und wer nur kopiert. Persönlich ist mir das egal – ich mag beide Sorten.

barsolBeim Pisco Barsol handelt es sich um einen peruanischen 100%-QuebrantaPisco (so das Rückseitenetikett). Pisco selbst ist ein Weinbrand, hergestellt aus Trauben. Die Farbe ist glasklar, und vom Geruch könnte man ihn durchaus für einen sehr leichten, fruchtigen Brandy halten. Er ist etwas, aber wirklich nur etwas, süßlich, sehr fruchtig, mit wenig Alkoholnoten, den Mund wärmend, mit einem trockenen Nachgeschmack. Pur als Digestif gewiss sehr ansprechend, oder um ein „trou normand“ im südamerikanischen Stil zu machen. Für mich ist er hauptsächlich frische, leichte, helle und nicht allzu süße Cocktailkomponente.

Nun könnte ich hier natürlich als Cocktailrezept den Pisco Sour, das Nationalgetränk Perus, anpreisen. Doch ich mag Rezepte, die bekannten Gesichtern eine eigene, sich erstmal verrückt anhörende Note geben. Probieren Sie also mal den Mardi Gras Pisco Sour.

Mardi Gras Pisco Sour


Mardi Gras Pisco Sour
1 oz Pisco Barsol
1 oz Bourbon (z.B. Maker’s Mark)
½ oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
½ oz Starker, abgekühlter Kaffee
¾ oz Limettensaft
1 oz Zuckersirup
3 Spritzer The Bitter Truth Celery Bitters
1 Eiweiß


Das ganze sehr sehr gut auf Eis shaken, und am Ende den Schaum mit den 3 Spritzern Selleriebitter garnieren; diese sorgen für einen interessanten Geruch beim Trinken.

Zum Gesamtpaket einer Qualitätsspirituose gehört immer auch die Präsentation, das heißt die Flasche und das Etikett. Barsol überzeugt auf voller Linie in diesem Aspekt – die Flasche ist ausgesprochen edel, mit eingelassenem Logo und sehr ansprechender Form, das Etikett lässt mich an südamerikanische Bars der 30er Jahre denken, wie man sie aus Schwarzweißfilmen kennt. Eine Präsentation, die zum Inhalt passt.