Seltene Trauben im verlorenen See – Lost Lake Distillery Small Batch Collection Mouhtaro, Malagouzia, Robola

Lost Lake Distillery Small Batch Collection Mouhtaro, Malagouzia, Robola Titel

Traubenbrand ist etwas anderes als Weinbrand. Ich reite ja immer gern auf Definitionen und Klassifikationen herum, hier ist das klar geregelt und auch im Namen schon eigentlich recht deutlich: Weinbrand wird aus Wein gemacht, Traubenbrand aus Trauben. Das klingt jetzt erstmal offensichtlich, doch wer die beiden Produktionsprozesse anschaut, sieht sofort, dass es da einen entscheidenden Unterschied gibt. Der Wein für den Weinbrand ist aus gepressten Trauben gemacht, also eigentlich nur ihrem Saft, und für einen Traubenbrand werden die ganzen Früchte, inklusive Haut und Kernen, verwendet. Ich hatte vor einer ganzen Weile mal über den Prime Uve aus Treviso berichtet, wo ich die Brennerei von Buonaventura Maschio besichtigt hatte, heute kommt ein weiterer Traubenbrand (oder besser drei) auf die Palette, aus Griechenland diesmal, nämlich die Lost Lake Distillery Small Batch Collection mit den Rebsorten Mouhtaro, Malagouzia, und Robola.

Nach der Ernte und der Auswahl der Trauben dieser seltenen, besonderen Rebsorten (zu den Details jeweils mehr beim jeweiligen Brand) werden diese also nicht gepresst, sondern nur entstielt, und dann in ganzer Frucht direkt in die Fermentationstanks verbracht. Mit Cryo-Hefen wird ein Wein erzeugt, das Wort ist hier mehr als terminus technicus zu sehen, nicht im Sinne des Getränks, sondern als Destillationsbasis. Die Fermentation beginnt unten im Tank, arbeitet sich langsam nach oben, und durch das dabei entstehende Kohlendioxid platzen die Trauben auf und geben ihren Saft frei, der sich verteilt. Alles findet bei kontrolliert niedriger Temperatur statt, um die Aromen der Rebsorten zu erhalten. Nach der Fermentierung wird die Temperatur auf 5°C abgesenkt, der Tank mit Sauerstoff befüllt, bis die Destillation stattfindet. Für diese wird eine Kupferpotstill-Säule-Kombination verwendet, in einem diskontinuierlichen Verfahren. Schließlich ruhen die Destillate für mindestens ein Jahr in Edelstahltanks. Und zu guter letzt wandern sie natürlich dann auf 40% Alkoholgehalt eingestellt in die Flasche; für Malagouzia und Mouhtaro gibt es 0,5L- und 0,2L-Varianten, für den Robola aktuell nur noch die Halbliterflasche. Alle drei stehen nun bereit zum Probieren!

Lost Lake Distillery Small Batch Collection Mouhtaro, Malagouzia, Robola

Wir fangen an mit dem fuchsiafarben gelabelten Lost Lake Distillery Small Batch Collection Mouhtaro. Für ihn sind ausschließlich Trauben der roten Rebsorte Mouhtaro (Μούχταρο) verwendet worden. Dass es sie überhaupt noch gibt, ist der Arbeit engagierter Weinbauern zuzusprechen, die die Trauben aus kleinen, alten, fast vergessenen Weinbergen gerettet haben. Moderne Weine aus ihr greifen oft noch auf diese alten Reben zurück. Sie ist auch fordernd und kompliziert im Anbau, empfindlich gegenüber Umwelteinflüssen und Krankheiten, wodurch die Produktionsmenge limitiert ist. Keine Massenware, offensichtlich, umso spannender ist für mich, wie sich diese Rebsorte als Destillat präsentiert.

Lost Lake Distillery Small Batch Collection Mouhtaro

Klar und fehlerfrei, die Flüssigkeit schwenkt sich schwer und ölig im Glas. Fette Glaswandartefakte verbleiben und laufen langsam ab.

Die Nase ist initial extrem maritim; das hat eine faszinierende Mischung aus grünen Oliven, fangfrischem Fisch, verbunden mit süßer, grüngrasiger Frucht aus gerade gepresstem Zuckerrohr. Ein erdiger Unterton macht den Brand dann gefühlt dunkler, und nach einer Weile findet man auch schwere, saftige, reife rote Trauben. Ein sehr spannender Verlauf, der sich immer wieder reproduzieren lässt und Komplexität beweist. Ist man zunächst leicht irritiert, führt man später das Glas immer gerner an die Nase.

Eine äußerst weiche Textur, vollständig abgerundet und ohne jede Ecke, bezaubert beim Antrunk den Gaumen. Natürliche, schwere, buttrige Süße expandiert, unterstützt von dunkelfruchtigen Tönen aus Trauben, und später ganz deutlich schwarzen Johannisbeeren. Das Mundgefühl ist wirklich herausragend, und bleibt erhalten, auch wenn sich der Brand später zum Herbtrockenen wendet, ein bisschen kribbelt und warm die Speiseröhre hinunterläuft. Der Nachhall ist lang, warm, gleichzeitig mentholisch und nun voll von schwarzen Johannisbeeren beherrscht.

Ein sehr aromatischer, dabei perfekt ausgeglichener und handwerklich herausragend integrierter Traubenbrand, mit einem leicht exotischen Touch und toller Schwere. Das trinkt sich so gut und vielgestaltig, dass ich den Lost Lake Distillery Small Batch Collection Mouhtaro in jedem Szenario von Foodpairing mit Seafood und Trou Normand bis Absacker am warmen Sommerabend bedenkenlos empfehlen kann.


​Kommen wir zu dem blau behalsbandeten Lost Lake Distillery Small Batch Collection Malagouzia. Wir wechseln mit ihm zu weißen Trauben der Rebsorte Malagouzia (Μαλαγουζιά). Sie ist autochton in Griechenland, war fast ausgestorben und hatte dann aber ein Comeback in den 1990ern und gilt heute als ein Flaggschiff der griechischen Weinkultur. Die Rebsorte ist inzwischen wieder weitverbreitet und passt sich vielen Gegebenheiten an, die Weine aus ihr sind balanciert, aber gleichzeitig charaktervoll und intensiv, und ich hoffe, diese Eigenschaften auch nun im Destillat wiederzufinden.

Lost Lake Distillery Small Batch Collection Malagouzia

Auch hier ist die Farbe natürlich klar und transparent, fehlerfrei und brilliant. Eine lebendige Beweglichkeit zeigt sich im Glas, viskose Glaswandeffekte sind trotzdem üppig vorhanden.

Als würde man durch einen Fruchtmarkt laufen. Die Nase nimmt buntes Obst auf, von reifem Pfirsich über saftige Aprikose und weiße Trauben bis hin zu richtig präsenter Mango mit exotischer Litschi als Beiton. Gleichzeitig sind da florale Töne von Rosenblättern und Veilchen, süß und parfümig. Zusammen ergibt das ein so schönes Bouquet, dass ich das Glas gar nicht von der Nase nehmen will. Herausragend, selten hatte ich einen so wunderbaren Duft in einem Verkostungsglas.

Das Mundgefühl ist weich und zart, wird im Verlauf deutlich herber und würziger, fast schon salzig, jedenfalls mit einem deutlichen Wandel zum Antrunk. Die Fruchtigkeit transferiert perfekt auf den Gaumen, nicht mehr ganz so intensiv, aber effektiv und aromatisch. Spät brummt der Traubenbrand dann feurig auf der Zunge, zieht etwas Spucke an, lässt der Floralität dann im Nachhall freien, sehr langen Lauf mit Wintergrün und Jasmin.

Wer hiervon nicht begeistert ist, dem kann ich auch nicht helfen. Diese grandiose Mischung aus Frucht und Blume lässt mich entspannt schwelgend zurück, eine Spirituose, an der es nichts zu kritisieren gibt. Das muss man probieren, ohne Frage, hiermit erfolgt sofortiger Kaufbefehl!


​Für den Lost Lake Distillery Small Batch Collection Robola, der ein lindgrünes Halsetikett aufweist, findet man auf dem Etikett auch eine Jahrgangsangabe, bei mir ist das 2022. Natürlich werden hierfür ausschließlich die namensgebenden Trauben der Rebsorte Robola (Ρομπόλα) eingesetzt; dabei handelt es sich um eine griechische, autochtone Weißweinsorte, die besonders auf Kefalonia angebaut wird und besonders prestigeträchtig ist, aber auch schwer zu kultivieren gilt auf der bergigen, kalksteinigen Insel. Kleinvolumige, aber qualitativ hochwertige Ergebnisse erzielt man dort. Dieser vorliegende Brand ist der einzige, der aus dieser Rebsorte hergestellt wird, wir haben also ein sehr besonderes Erlebnis vor uns, die Anzahl der verfügbaren Flaschen jedes Jahr ist stark limitiert.

Glasklar, brilliant und ohne jeden Fehler, wie erwartet und auch schon in der Flasche gesehen, landet er nun im Verkostungsglas, und bewegt sich dort schwer und ölig. Ein fetter Film schmiegt sich an die Glaswand und lässt dicke Beine ablaufen.

Frische Zitronentöne, Anklänge von Bergamotte und frisch geschnittener Orangenzeste finden ihren Weg in meine Nase. Dazu kommen grüne, leicht grasige Beitöne, von frisch angeschnittenen Schnittblumen, Lilienblättern und gepresstem Zuckerrohr. Die Kombination wirkt sehr klar, elegant strukturiert und erfrischend, leicht herb und dadurch mit einer sehr feinen Komplexität versehen, ohne verkopft zu werden. Weiße Trauben finden später noch einen Weg zu mir, und ein Hauch von Weinbergpfirsich, wenn sich der Brand weiter geöffnet hat.

Ich spreche jetzt große Worte aus – aber der Lost Lake Robola hat die schönste Textur, die ich je in einem Glas hatte. Vom Antrunk an ist das superweich, wie Öl läuft das über die Zunge, schmiegt sich zart an den Gaumen und breitet von dieser grandiosen Basis die Aromatik ganz sanft aus. Toll daran ist, dass hier auch deutlich herbe, fast schon bittere Aspekte mitintegriert sind, die sich mit einer unterschwelligen Süße und den gelben Früchten perfekt verstehen. Im Verlauf kommt eine warme, leicht salzige, sehr mineralische Würze auf, die mild brummt und lang nachwirkt. Der Nachhall ist ebenso lang, trocken, nun extrem floral, und gleichzeitig erdig, und ich finde da tatsächlich die Kastanie, die der Klappentext des Herstellers vorschlägt.

Ein perfekter Brand, der so gut im Mund liegt, dass ich allein darüber ins Schwelgen gerate, dass die anderen Seiten fast dagegen untergehen, obwohl sie ebenso gelobt werden müssten. Das ist Weltklasse, wer das nicht probiert, verpasst ein Erlebnis, das man in dieser Form nicht zu oft bekommt.


Feingliedrige, elegante Brände wie diese tun sich manchmal ein bisschen schwer, wenn man sie in einen Cocktail zwingt, das ist oft nicht ihre Stärke. Doch ich riskiere mal, einen Schluck des Robola in einem Drink unterzubringen, wo er nicht mit den anderen Zutaten ringen muss, sondern zusammen mit ihnen Musik macht. Das passiert im Southern Border, der darüber hinaus mit emulsifiertem Eiweiß das tolle Mundgefühl der Lost-Lake-Destillate noch weiter betont. Und dass hier die griechischen Farben auftauchen hat natürlich auch seinen eigenen Charme.

Southern Border Cocktail

Southern Border
50ml Traubendestillat
15ml Blue Curaçao
20ml Limettensaft
7ml Zuckersirup
1 Eiweiß
Dry shake, dann auf Eis shaken. Doppelt abseihen.
Mit ein paar Tropfen Peychaud’s Bitters dekorieren.

[Rezept nach Pamela Wiznitzer]


Noch ein Wort zur Präsentation – ich finde diese sehr gelungen, und dem Inhalt der Flaschen angemessen. Beide Flaschengrößen haben das identische Design, die große punktet noch mit einem dieser tollen Klick-Glasstöpsel, den die kleinen durch einen Kunststoffstopfen mit Glaskopf ersetzen. Das Etikettendesign ist streng, gefällt mir aber genau deswegen gut, die griechischen Buchstaben sind gleichberechtigt mit den lateinischen; die Farbenlegende für die Rebsorten ist gut gemacht.


Mich haben diese Destillate so fasziniert, dass ich mich auch der anderen Verwendung der Trauben zugewendet habe und mir ein Set je einer Flasche griechischer Weine zugelegt habe. Ich bin gespannt, wie sich der Vergleich zwischen Wein und Traubendestillat zeigt.

Beim Ktima Erithtrou Rodou Malagousia 2024 aus der Region Drama in Makedonien finde ich sowohl die Floralität als auch die exotische Frucht aus dem Lost Lake Malagouzia wieder, ersteres im Geschmack, zweiteres in der Nase. Durchaus säuerlich und frisch ist der Wein, für mich ein sehr unterhaltsamer Begleiter zu einem herzhaften Essen, gegrillten Oktopus mit Kritharaki kann ich mir richtig gut vorstellen. Der Foivos Barcarola Robola 2021 von der Insel Kephalonia begeistert mich schon durch die sonnengoldene Farbe; die volle, herbe Steinfrucht kombiniert mit der frischen Zitrusnote genauso, ein großartiger Wein, und man erkennt den oben beschriebenen Brand darin extrem wieder. Ich habe ihn zu einer wunderbaren Dose King Crab aus Portugal und Weißbrot mit frischem Rindermark genossen. Und beim Château Kaniaris Mouchtaro 2021 bekommt man wilde Würze, tanninige Trockenheit, pfiffige Säure, kombiniert mit voller, dramatischer Frucht; die schwere Struktur, die Erdigkeit und die ausgeprägte Johannisbeere, die den Lost Lake Mouhtaro ausmachten, sind hier schon deutlich vorgezeichnet, die Rebsorte hat wirklich Charakter und es macht dann richtig Spaß, Wein und Destillat gemeinsam auf dem Tisch zu haben.

Anbei noch ein paar Bilder der Brennerei selbst, die ich freundlicherweise von dort zugeschickt bekommen habe; ich habe wirklich vor, dort einmal vorbeizuschauen und ergänze dann eigene Bilder. Man sieht jedenfalls, warum ich da hin will, das ist eine sehr hübsche Anlage, luxuriös, aber auch kleinmaßstabig und reduktionistisch.

Drei Destillate aus griechischen Rebsorten, drei dramatisch unterschiedliche sensorische Eindrücke. Es lohnt sich wirklich, alle drei nach Hause zu holen, wer auch nur ansatzweise auf klare Obstbrände steht, kann ohne Bedenken das Geld in die Hand nehmen (was gar nicht so viel ist, das Preisleistungsverhältnis ist völlig absurd gut) und sich an der griechischen Weinkultur berauschen. Ich hebe keinen speziell heraus, auch wenn der Robola vielleicht etwas rarer ist. Aber ich will hier nicht die Sammler und Investoren ansprechen, sondern die Genießer, die die Flaschen auch aufmachen, darum greife zu, wer sich angesprochen fühlt!

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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