Roggenknäcke mit süßem Aufstrich – Knob Creek Straight Rye Whiskey

Roggenwhiskey ist so etwas wie der verlorene Sohn Amerikas. Einst der präferierte Brand der Amerikaner, wurde ihm durch die Prohibition mehr als allen anderen Spirituosen die Grundlage entzogen (statt ihn selbst herstellen zu dürfen, mussten sich die Amis mit Schmuggelware aus Kanada begnügen, und das langjährige Brachliegen der Produktionskapazitäten blieb dann auch nach der Prohibition nicht ohne Folgen), und er geriet über Jahrzehnte hinweg fast in Vergessenheit; Bourbon lief ihm den Rang als uramerikanische Spirituose ab, und Scotch und später Vodka warteten nur auf ihren Einsatz in Amerika.

Doch der amerikanische Sinn für Melodramatik kann so eine Geschichte nicht ruhen lassen. Im Zuge der fortschreitenden Ausbreitung und Beliebtheit von „small batch“-Produktionen und dem steigenden Qualitätsbewusstsein nicht nur der amerikanischen Konsumenten schielt der eine oder andere Destiller dann in die Vergangenheit, um alte Märkte wiederzubeleben. Und so legt der Roggenwhiskey, anglisiert als Rye Whiskey, nun einen ungeahnten Erfolgslauf hin, vor allem getrieben von der Suche der modernen Bartender nach originalen, ursprünglichen Cocktailzutaten: vom Millionär zum Tellerwäscher und wieder zum Millionär. The American Dream, gelebt von Spirituosen wie dem Knob Creek Straight Rye Whiskey.

knobcreekrye-flascheDer Geruch ist erstmal überraschend zurückhaltend, ganz anders, als es die kräftige, herrlich strahlende Farbe vermuten ließe. Leichte Vanille, ein bisschen reifer Apfel. Da hatte ich schon andere Kaliber im Glas. Doch die Nase ist ja nur ein, wenn auch für mich sehr wichtiger, Teil des Gesamterlebnisses. Daher gehe ich recht schnell zur Geschmacksprobe über.

Dieser hinterhältige Whiskey tarnt sich nur über die Aromensparsamkeit. Kaum hat man ihn im Mund, beginnt er, auf Touren zu kommen – schön cremig, erstmal viel Vanille, dann schnell aber deftige Holzwürze, ein Touch von salzigem Karamell, Tabak. Im zweiten Versuch kommt dann die pfeffrige Roggenfrische voll durch, mit fast eukalyptischen Noten, die ein minziges Gefühl auf der Zunge hinterlassen. Dabei immer wunderbar süß, und im Abgang sehr zart und weich und wärmend. Ich erkenne hier wie bei keinem anderen Whiskey sonst die Karottennote, die auf der Zunge lange verbleibt, zusammen mit einer angenehmen Kribbeligkeit des Roggen.

Der würzigste Rye, den ich bisher getrunken habe. Ein vielschichtiges, buntes Spektrum, nie langweilig. Die 50% merkt man zwar, aber das ist trotzdem ein Whiskey, den ich auch noch gerade so ohne Wasser trinken kann, wenn ich Lust auf was aromatisches habe. Ansonsten, wie immer bei fast allen Spirituosen – ein paar Tropfen Wasser helfen, die Kerkertüren der gefangenen Aromen aufzuschließen.

knobcreekrye-etikettDie schmale Flasche mit Plastikkorken, dieselbe, in die auch der Knob Creek Straight Kentucky Bourbon abgefüllt ist, gefällt mir sehr, sie erinnert in Kombination mit dem Etikettenstil an alte, handgemachte Schmuggelware aus der Prohibitionszeit. Auch dieser Whiskey ist inzwischen dazu übergegangen, als NAS verkauft zu werden, also ohne Altersangabe, stattdessen mit der recht unverbindlichen Aussage „patiently aged“. Da dieser Rye Whiskey den Namenszusatz „straight“ aufweist, ist er mindestens 4 Jahre alt; früher stand wohl etwas von 9 Jahren auf dem Etikett. Persönlich hänge ich nicht an Altersangaben, wenn das Produkt stimmig ist – und das ist der Knob Creek Straight Rye Whiskey auf jeden Fall.

Ein Cocktail, der die Stärken und Aromen des Knob Creek Rye wunderbar wiedergibt, ist der Greenpoint Cocktail, eine kleine, feine Variation auf den Manhattan. Greenpoint ist ein Stadtteil von Brooklyn, also fügt dieser Cocktail sich nahtlos in die Reihe der nach New Yorker Stadtteilen benannten Mixgetränke ein.

greenpoint-cocktail


Greenpoint
2 oz Knob Creek Straight Rye Whiskey
1 oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
1 Barlöffel Chartreuse Gelb
1 Spritzer Pfirsichbitter


40€ muss man aktuell auf den Tisch legen, um sich eine Flasche davon ins Regal stellen zu können. Ist dieser Whiskey diesen stolzen Preis wert? Auf jeden Fall. Es gibt natürlich günstigere Roggenwhiskeys, doch nur wenige, die einen derartigen Powerpunch abliefern können. Wie eigentlich alle „small batch“-Produktionen aus dem Hause Beam ein sehr empfehlenswertes Tröpfchen.

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2 Gedanken zu “Roggenknäcke mit süßem Aufstrich – Knob Creek Straight Rye Whiskey

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