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Passarinho Cachaça Organica Titel

Spätzünder mit Biosiegel – Passarinho Cachaça Organica

Die geschätzten Bloggerkollegen von eyeforspirits.com veröffentlichten vor einiger Zeit einen Artikel mit Tipps, die von Startups beherzigt werden sollten, die eine neue Spirituosenmarke aufbauen wollen. Am Ende dieses lesenswerten Artikels wird noch ein kleiner Satz hingeworfen, der mir zu denken gegeben hat.

„An einer Stelle kann man am Ende aber doch sparen. An etwas, das in der Spirituosenindustrie nachweislich keinen Mehrwert bringt: ein Bio-Zertifikat.“

Mir ist das in seiner Allgemeinheit etwas zu ökonomisch-absatzorientiert betrachtet – ein Bio-Zertifikat mag vielleicht (obwohl ich den erwähnten Nachweis dafür erst noch sehen will) nichts bringen, was Verkaufszahlen in einer Bar angeht, für uns Endverbraucher ist es eine sehr wertvolle Sache. Gerade in der Spirituosenbranche, bei der so viel geschummelt, getrickst, gelogen und betrogen wird, wo die Herstellungsbedingungen manchmal an Grausamkeit grenzen und auf die Kurzsichtigkeit der Konsumenten gesetzt wird, sind solche Auszeichnungen nachprüfbare, sehr wertvolle Hinweise auf ein Umdenken und nachhaltige, transparente Produktion.

Passarinho Cachaça Organica Biosiegel

Der Passarinho Cachaça Organica trägt es schon im Namen, und ist stolz darauf, dass er biozertifiziert ist. Vegan ist er auch noch, wie man der Dokumentation auf der Flasche entnehmen kann. Man denkt sich bei dieser Aussage vielleicht: was soll an einer Spirituose tierischen Ursprungs sein? Wie üblich muss man tief graben, um Details wie die Verwendung von Fischblase zur Filterung oder Kuhmilch im Etikettenkleber ausschließen zu können.

Über diese marketingwirksamen Details hinaus betont der Hersteller aber auch die Tradition, in der sich der Passarinho Cachaça sieht. Er wird nach eigener Aussage nach traditionellen Verfahren produziert, dazu gehören Dinge wie das Destillieren in Alambik-Brennapparaten, das Weglassen von Zusatzstoffen ebenso wie Zucker. Eine Lagerung in  Holzfässern des brasilianischen Jequitibá-Baums komplettiert ein durchaus rundes Bild einer nichtindustrialisierten Herstellung.

Passarinho Cachaça Organica Flasche

Da die Flasche auf dem Foto nicht leer, sondern voll ist, muss über die Farbe nicht mehr viel gesagt werden. Die Konsistenz ist mittelschwer, leicht viskos. Beim Schwenken laufen aus dem Film am Glas die Beine schmal und träge ab.

Die enge Verwandschaft zu weißem rhum agricole ist sofort erkennbar – die grasig-blumigen Noten dominieren den Naseneindruck. Süßliche Tropenfrucht, aufgehellt durch Limettenschale. Aber auch eine dunkle Seite ist vorhanden; Kakao vielleicht. Sehr körpervoll und durchdringend, charaktervoll. Eine minimale Ethanolnote schwingt am Ende etwas mit.

Im Antrunk ist der Passarinho noch aromatisch vergleichsweise neutral, aber schon sehr süß, wie Milchschokolade. Im Mund liegt er weich und ohne Ecken oder Kanten, 39% Volumenprozent Alkohol sind nicht erkennbar. Eine leichte Säure entsteht. Soweit ist er bis auf die angenehme Milde, ehrlich gesagt, geschmacklich eher unbeeindruckend.

Die spektakuläre Seite zeigt er erst im Abgang – hier kommt Pfeffer und Ingwer zum Vorschein, eine sehr angenehme Wärme und ein ganz schwaches Kribbeln. Eine herrliche Bitterkeit entsteht, die Aromen von Gras, Lavendel, Nelken und Kardamom explodieren plötzlich. Der Abgang ist lang und höchstaromatisch, eine wahre Freude, die alles ausgleicht, was zuvor vielleicht unspannend wirkte. Der Passarinho braucht also eine Weile, bis er zündet, dann entsteht aber ein Feuerwerk.

Tatsächlich ist das dann doch im Gesamtbild eine Cachaça, die ich problemlos zum Purtrinken empfehlen kann. Doch selbstverständlich bedeutet das dann auch automatisch, dass sie damit gleichzeitig eine hervorragende Mixspirituose ist. Wozu verwendet man sie am besten? Ja, Cachaça, damit macht man in Deutschland im Allgemeinen kaum etwas außer Caipirinha. Ich habe nichts gegen eine Caipirinha, wenn sie gut gemacht ist (leider passiert das selbst bei einem so einfachen Rezept zu selten), ist sie ein toller Drink. Wenn man ein bisschen kreativ an die Sache herangeht, kann man aber noch mehr aus Cachaça herausholen. Der Pearl Button beispielsweise ist ein perfekter Cocktail für einen heißen Sommertag – leicht bitter, zitronig, supererfrischend.

Pearl Button


Pearl Button
2 oz Cachaça (z.B. Passarinho Cachaça Organica)
¾ oz Lillet Blanc
½ oz Limettensaft
4 oz Zitronenlimonade (z.B. San Pellegrino Limonata)
In einem Glas voller Eis bauen und kurz umrühren.
[Rezept nach John Deragon, PDT]


Die Flasche ist von der Form her unaufgeregt, um so zappeliger wird dann aber die Etikettierung. Da alle Beschriftung volltransparent direkt aufs Glas aufgebracht ist, muss man sich etwas Mühe geben, wenn man die Texte auch lesen will, da alles von der Rückseite und der Seite durchscheint und das Gesamtprodukt etwas nervös wirken lässt.

Ich bin immer sehr dankbar, wenn man merkt, dass man keine Massenspirituose in der Hand hat. Abgesehen vom Inhalt wird das bei Passarinho Cachaça Organica auch klar in der Präsentation durch oben schon erwähntes Biosiegel kommuniziert, und die auf dem Flaschenhals angebrachte Banderole enthält für uns Kenner so wichtige Informationen wie die Batch-Nummer (hier: 1), das Abfülldatum (hier: 23.08.2016) und die handschriftlich eingetragene Flaschennummer innerhalb des Batches (hier: 502). Die Batchgröße selbst wird nicht erwähnt; eine Nachfrage beim Hersteller liefert aber schnell das Ergebnis: 850 Flaschen wurden abgefüllt. Diese vergleichsweise winzige Menge passt durchaus zu den Aussagen über die handwerkliche Tradition.

Passarinho Cachaça Organica Halsbanderole

Zu guter letzt kommen wir noch zu einem kleinen Detail, das die erfreuen wird, die sich doch statt dem von mir empfohlenen Pearl Button eine klassische Caipirinha mixen wollen. An einem Umhänger wird ein kleines Papierbeutelchen mitgeliefert, das dabei hilft, den meistgemachten Fehler bei einer Caipirinha zu vermeiden – nämlich braunen Rohrzucker zu verwenden statt weißen. Das Beutelchen enthält feinkörnigen brasilianischen weißen Zucker in ausreichender Menge für ca. 2 Cocktails, und das richtige Rezept dazu.

Passarinho Cachaça Organica Umhänger

Offenlegung: Ich danke Passarinhos für die Kooperation für diesen Artikel und die kostenlose Zusendung einer Flasche ihres Bio-Cachaças.

The Girl from Ipanema goes drinking – Velho Barreiro Gold Cachaça Adoçada

Brasilien liebe ich vor allem für zwei Dinge, die das Land der Welt gegeben hat: Bossa Nova und Cachaça. Leider sind beide von der modernen Gesellschaft etwas missbraucht worden; der herrliche Bossa-Song Garota de Ipanema wurde trotz der herrlichen englischsprachigen Interpretation der unglaublich wunderschönen Astrud Gilberto zur Fahrstuhlmusik degradiert, die Cachaça zur Zutat nur zu einem einzigen Cocktail.

Wenn ich den Aussagen von Kennern glauben darf, bekommt man in Europa praktisch keine nicht-industriell, handwerklich hergestellte Cachaça. Die Reise nach Brasilien ist relativ aufwändig; bis es mal soweit ist, greife ich erstmal zu verfügbaren Produkten, die mir zumindest den Eindruck von Qualität vermitteln: zum Beispiel zu Velho Barreiro Gold Cachaça Adoçada. Die Verwandschaft zu rhum agricole von den französischen Antillen ist schon in der Herstellungsart deutlich: Beide werden aus frisch gepresstem Zuckerrohrsaft hergestellt.

velhobarreiro-cachaca-flascheDie Flasche ist unauffällig und vergleichsweise standardisiert, das Etikett in den Hauptfarben schwarzgold passt sich dem Inhalt der Flasche an. Wenn mir jemand erklären kann, wer der alte langbärtige Mann auf dem Etikett ist, würde ich mich über einen Kommentar diesbezüglich freuen. Leider enthält die Flasche auch einen dieser unsäglichen Nachfüllstops, die einem das Dosieren echt schwer machen.

Das erste, was mir beim Geruchstest nach dem Bewundern der strohgoldenen Farbe einfällt, ist Malz. Ich denke an Genever. Nur ein leichter Anflug von Alkohol, stattdessen eine Eukalyptusnote. Etwas holziges, grasiges deutet auf die Verwandschaft mit rhum agricole hin.

Auf der Zunge kommt erstmal die Süße deutlich in den Vordergrund. Je länger man den goldenen Velho Barreiro dann aber im Mund hat, umso mehr kommen die würzigen Komponenten zum Vorschein. Ganz klar Malz, eine leichte Salzigkeit, Pfefferminze. Im Abgang ist dann spannenderweise nichts mehr von der Süße da, hier schlägt die Fassreifung von ordentlichen 3 Jahren voll durch und präsentiert einem eine ganz andere Spirituose, als die, die man zuerst im Mund hatte. Sehr trocken, sehr würzig und bitter bleibt diese Cachaça für respektable Zeit am Gaumen. Es fehlt vielleicht etwas an Körper. Ganz spät am Ende dann wieder etwas Zucker, zu klebrig, den Gesamteindruck leicht störend.

velhobarreiro-cachaca-etikettAuf ein Wörtchen, das vielleicht in all dem brasilianisch-charmanten Vokalgewusel untergeht, möchte ich gesondert hinweisen: Es ist das unauffällige Wort „adoçada“, zu deutsch „gesüßt“. Für Cachaça sind die Regeln klar, sie darf gesüßt werden, dies muss dann aber ab 6g/L auf dem Etikett kundgetan werden. Das ist eine Vorgehensweise, die ich mir auch für Rum wünschen würde; viele Hersteller süßen ihren Rum, verstecken dies aber vor dem Verbraucher. Ich fordere kein Verbot der Süßung von Rum, sondern, dass dies klar auf dem Etikett angegeben wird, so dass man selbst entscheiden kann, ob man Rum oder eine gesüßte Spirituose auf Rumbasis trinken will.

Was Cocktails angeht ist Cachaça, wie schon in der Einleitung angesprochen, leider stark in eine Ecke gedrängt – jeder denkt sofort an die Caipirinha. Da diese Rezeptur so beliebt ist, vor allem auf Festen im Sommer, kriegt man unglaublich viele unglaublich schlechte Caipirinhas vorgesetzt. Ein Jammer. Richtig und gut gemacht ist dieser Drink wirklich wunderbar, und er ist flexibel: So sollte man neben dem Standardrezept auch mal kleine Variationen ausprobieren, wie zum Beispiel die Peach Caipirinha.

peachcaipirinha-cocktail


Peach Caipirinha
1 halben Pfirsich aus der Dose kleinschneiden und mit
¾ oz Limettensaft muddeln
1 Barlöffel Sirup aus der Dose dazugeben

2½ oz Velho Barreiro Gold Cachaça Adoçada
½ Limette, in 4 Stücke geschnitten
Auf Eis shaken und ungefiltert in ein Glas schütten


Im Originalrezept kommt noch Zucker dazu; da diese Cachaça aber gesüßt ist, und im Dosenpfirsich schon genug Zucker drin ist, lasse ich ihn mal weg. Er fehlt mir dann auch nicht.

Wer bisher Cachaça als reine Mixzutat kannte, könnte sich hier eines besseren belehren lassen: Die Velho Barreiro Gold Cachaça Adoçada kann man überraschend gut auch pur genießen. Wer rhum agricole mag, wird sich eh wie zu Hause fühlen, muss sich aber vielleicht an die leicht klebrige Zuckernote im Abgang gewöhnen. Wer nur die brasilianischen Feuerwässer wie Pitú kennt, sollte sich mal auch eine gereifte Cachaça zu Gemüte führen. Es gibt also für alle Voraussetzungen Gründe, zuzugreifen!