Novo Fogo Tanager Cachaça Titel

Brasilianische Liebeslieder – Novo Fogo Tanager Cachaça

Manchmal spürt man direkt, wenn ein Hersteller wirklich an das glaubt, was er tut. Bei einigen der Videos, die Dragos Axinte, der CEO des brasilianischen Cachaça-Herstellers Novo Fogo vor kurzem auf Facebook veröffentlicht hat, wird das sehr deutlich. Man glaubt es ihm, wenn er in seiner etwas lässigen Art etwas sehr lyrisches sagt: „Novo Fogo is a love song.“ Die Produktion, die in den Videos gezeigt wird, macht deutlich, dass hier nicht nur ein Marketinglaberer am Werk ist – sehr bodenständig, klein, handwerklich und mit viel Respekt vor Natur und Umwelt wird bei Novo Fogo gearbeitet. Dies wird ganz besonders deutlich, wenn man sich die dortigen Methoden der Fassreifung ansieht, und die Motivation dahinter.

Für uns Deutsche, die eigentlich nur die klare Cachaça aus dem Supermarkt kennen, ist das vielleicht überraschend, aber 90% aller Cachaças sind fassgereift, 60% davon in amerikanischer Eiche, nicht in den brasilianischen Hölzern, für deren Verwendung Cachaça gern gerühmt wird. Dies spiegelt den brasilianischen Geschmack wieder – laut Dragos Axinte gewinnen in Blind Tastings in Brasilien regelmäßig die Produkte, die in amerikanischer oder französischer Eiche gereift wurden; die brasilianischen Hölzer liegen dahinter.

Entsprechend werden die Novo-Fogo-Zuckerrohrsaftbrände auch in diese Richtung gereift. Der Novo Fogo Tanager (der namensgebende Tanager ist ein südamerikanischer Waldvogel, die Aussprache ist analog zum englischen Wort „manager“), den ich heute hier vorstelle, ruhte 1 Jahr in amerikanischer Eiche, dann anschließend noch 3-6 Monate im ungetoasteten Araribá (anglisiert als „Zebrawood“) als Finish. Der Naturschutz steht selbst hier bei einem Finish noch im Vordergrund – dieses Holz ist nicht frisch geschnitten, sondern stammt aus den Resten eines abgerissenen Hauses, das vor langer Zeit damit gebaut worden war. Insgesamt hat Novo Fogo auch nur 2 Fässer davon. Doch dazu mehr später im Artikel, zuerst wollen wir nun das Endprodukt verkosten.

Novo Fogo Tanager Cachaça Flasche

Man sieht es schon von außen ohne Mühe – die Farbe dieser Cachaça ist erstaunlich. Ein starkes, wuchtiges Rot, das wohl nur vom Zebrawood kommt. Der Geruch gefällt, er ist sehr fruchtig, viele Erdbeeren, verrückterweise Zuckerwatte, dazu milde Zitrusnoten, im Hintergrund Holz en masse. Ein Anflug von Lack, der aber nicht störend wirkt.

Im Antrunk meine ich, die Eichenreifung wahrnehmen zu können. Süßlich, vanillig, Anklänge von Karamell und Honig. Doch das ist nur der Auftakt des Liebeslieds, das schnell umkippt in ein melodramatisches Klagelied: im Verlauf entstehen und dominieren Bittere und Trockenheit, die Holznoten springen nach vorn. Zwetschgen wie bei einem Slivovitz sind noch die mildesten Aromen, dann kommt krachend Lakritz und Leder zum Vorschein, die Trockenheit nimmt immer mehr Fahrt auf. Das Mundgefühl ist eher kühl als heiß.

Der Abgang haut einen um, wenn man bisher nur milde Cachaças kennt: wirklich brutal bitter und staubtrocken, mit extremen Betäubungseffekten auf der Zunge, die überraschend lange anhalten – viele Minuten lang; das ist für mich ein höchst interessanter, in dieser Konsequenz kaum gekannter Effekt. Lakritz ist sehr präsent, dabei aber fast mehr ein Gefühl als ein Geschmack. Sehr holzig ist der Tanager darüber hinaus, und zwar wirklich richtig stark holzig. Das muss das Araribá sein: ein höchstfaszinierendes, aber auch wirklich gefährliches Holz. Ich bin mir sicher – man sollte als Hersteller sehr vorsichtig sein beim Einsatz, länger als ein Finish kann dieses Holz meines Erachtens nicht genutzt werden. Sogar hier ist es vielleicht fast schon zu weit gegangen.

Wir haben hier eine Spirituose, die pur sehr herausfordernd zu genießen ist. Gleichzeitig springt sie aber auch nicht wirklich unbedingt freudig nach vorne, wenn es darum geht, ein soziales Miteinander in einem Mixgetränk herzustellen. Die Holz-, Bitter- und Anästhesieeffekte müssen schon sorgsam eingesetzt werden. Der Novo Negroni ist daher vielleicht nicht der allereinfachst trinkbare Cocktail, doch gewiss spannend und interessant, insbesondere für Freunde des klassischen, starken, aromatischen Drinks.

Novo Negroni


Novo Negroni
1 oz gereifter Cachaça (z.B. Novo Fogo Tanager)
1 oz roter Wermut (z.B. Punt e Mes)
¾ oz Campari

1 Spritzer Bittermens Xocolatl Mole Bitters
Auf Eis rühren. Mit Orangenzeste servieren.

[Rezept nach einer Idee von Avery Glasser]


Die Flasche, die Novo Fogo für alle ihre Produkte einsetzen, ist sehr individuell gestaltet. Die Form ist schwungvoll und unkonventionell, die Details, wie das Leinenband um den Flaschenhals und viele handbeschriftete Elemente (die Banderole auf dem Holzstöpsel und die Batch-Nummer auf dem kleinen Frontetikett, für das unten in der Flasche sogar ein Bereich ins Glas eingelassen wurde) bestätigen den Eindruck, dass hier nicht industriell gefertigt wird.

Novo Fogo Tanager Cachaça Flaschenhals

Kommen wir am Schluss, wie angekündigt, nochmal auf die Holzfrage zurück. Die scheinbare brasilianische Vorliebe für eichengereifte Produkte mal ganz nebenbei lassend, so muss sich der interessierte Spirituosenfreund bei aller Liebe für die Exotik der weiten Bandbreite an Hölzern, die zur Reifung für Cachaça eingesetzt wird, doch auch die Frage nach der Nachhaltigkeit dieser Produktionsmethode stellen. Novo Fogo nutzt hauptsächlich Eiche, um sicherzustellen, dass nicht für ein vergängliches Genussmittel die Natur, in der noch in Zukunft Mensch und Tier leben müssen und wollen, zerstört wird. Das, was ich als eigentlich sehr spannend empfinde, die Verwendung dieser seltenen exotischen Hölzer mit ihren fremdartigen Aromen, ist also eigentlich eine Gefahr für die Umwelt, da sie nicht nachhaltig produziert werden. Eiche dagegen ist diesbezüglich vergleichsweise unbedenklich. Grundsätzlich sollte man, wenn man dennoch die verrückten, hochintensiven Geschmackshölzer konsumieren will, beim Hersteller oder Importeur nachfragen, ob das Holz für das Fass nachhaltig produziert ist (die Produzenten müssen gesetzlich Nachweise dafür vorlegen können).

Brasilianische Holzarten und ihre Gefährdung

Tatsächlich sind die Cachaças von Novo Fogo also ein Liebeslied an Brasilien, seine Kultur, seine Natur und die Menschen, die die Tradition von handwerklich hergestellter Cachaça hochhalten. Wir als Konsumenten sind angehalten, diesen Gedanken weiterzuführen. Es kostet nicht viel Mühe, sich zu informieren. Gut auch, wenn man weiß, dass es Hersteller gibt, bei denen man sich auf Transparenz und Motive verlassen kann.

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