Punt e Mes Wermut Titel

Eineinhalb Punkte – Punt e Mes Wermut

Cocktailrezepte haben einen unterschiedlichen Detaillierungsgrad, was die Definition der verwendeten Zutaten angeht. Die Spannbreite dabei reicht von einfacher Angabe des Spirituosenkategoriennamens („Rum“), über detaillierte Sortenangabe („leicht gereifter Rhum Agricole“) bis hin zu exakter Marken- und Abfüllungsangabe („Clément Rhum hors d’âge Millésime 1966″). Liest und nutzt man entsprechend häufig Cocktailrezepte aus verschiedenen Quellen, findet man von allem etwas; ich habe den Eindruck, dass je zielgruppenorientierter ein Rezept gestaltet wurde, um so mehr tendiert der Erfinder hin zum höchsten Definitionsgrad. Gerade Cocktail-Wettbewerbseinreichungen neigen dazu, sich in der Festlegung, was genau zu verwenden ist, zu übertreffen und so ein völlig exklusives, für den Nichtbesitzer einer riesigen Spirituosenbar (vom Laien gar nicht zu reden!) kaum mehr nachmixbares Ergebnis zu erzeugen.

Auch bei Wermut nimmt das inzwischen fast schon witzige Züge an, wenn ein Rezept eine halbe Unze „Martini Rosso“ und eine halbe Unze „Punt e Mes“ verlangt. Natürlich schmecken diese zwei Vertreter der Gattung „italienischer, roter, süßer Wermut“ schon etwas unterschiedlich, diese Angabe in einem Cocktail allerdings halte ich persönlich für etwas verrückt, ohne jemand nahetreten zu wollen – das sind derartig kleine Nuancen, die gehen in einem Gesamtbild mit anderen Zutaten unter. Ich persönlich übergehe derartige Feinstspitzfindigkeiten gern, wenn ich produktabhängig keinen Sinn darin sehe, und nehme dann einfach eine ganze Unze eines der beiden Produkte – zum Beispiel des Punt e Mes.

Punt e Mes Wermut Flasche

Man ahnt es schon durch die dunkelgrüne Flasche, im Glas sieht man es – das ist ein sehr dunkler Wermut, geht fast schon in Richtung Amaro. Fast blickdicht, selbst wenn man das Glas gegen das Licht hält. Dort sieht man dann aber ein paar Reflexe, von Rubinrot bis Orange. Die Konsistenz ist schwer und ölig.

Schokolade, Trauben, Rosinen, Harz und Holz – also auch vom Geruch her ein sehr dunkler Wermut. Etwas Orange und Kirsche lockert das Geruchsprofil etwas auf. Da ist auch etwas von Fernet Branca im Aroma (ich bin mir sicher, dass ich mir das nicht einbilde, auch wenn ich zuvor auf dem Etikett gelesen hatte, dass dieser Wermut von den Fratelli Branca in Mailand hergestellt wird).

Punt e Mes Glas

Die starke Süße des direkten Antrunks geht schnell in eine holzige, krautige Bittere über, die allerdings mild und dezent wirkt, und nicht aggressiv. Im Mundgefühl ist der Punt e Mes fett und breit, minimal adstringierend. Orange, Mandarine und etwas Honigmelone kommen zum Vorschein. 16% Alkoholgehalt sind absolut typisch für italienischen Wermut und nichtmal erahnbar. „Si beve freddo“, es trinkt sich kalt, schreibt das Etikett vor – tatsächlich kann man ihn aber auch sehr schön in Zimmertemperatur genießen.

Der Abgang ist aromatisch, trotz der durchgängigen Süße sehr trocken und noch einen Tick bitterer und holziger als vorher schon. Für einen Wermut empfinde ich ihn als recht lang; ein leichter Eisenton belegt am Ende den Gaumen.

Das ist, als Fazit, sicher ein Wermut, der sich mit allem, mit dem man ihn in Cocktails vermischen möchte, anlegen kann und dabei nicht automatisch den Kürzeren zieht, wie es leider oft bei vielen Wermuts passiert. Im Gegenteil, man muss sogar bei vielen Rezepten eher vorsichtig mit dem Punt e Mes umgehen, damit er nicht die Oberhand über alles einnimmt. Im Lufthansa Cocktail sorgt er mit seinem holzigen Aroma für eine stabile Basis, bei der es zu keinen Turbulenzen kommen kann – ein sicherer, ruhiger Flug und eine rüttelfreie Landung sieht durch ihn damit garantiert.

Lufthansa Cocktail


Lufthansa Cocktail (historische Variante)
1 oz Weinbrand (z.B. Asbach Privatbrand)
1 oz roter Wermut (z.B. Punt e Mes)
⅔ oz Triple Sec (z.B. Cointreau)
⅓ oz Apricot Brandy (z.B. Bolthos Kajszibarack Pálinka)
2 Spritzer Angostura Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach unbekannt]


Ich bewahre Wermuts grundsätzlich im Kühlschrank auf, und versiegele sie mit einer Weinpumpe. Das beste für derartige Spirituosen ist aber, sie schnell aufzubrauchen. Kleine Flaschen, idealerweise nur eine Sorte offen, um das Aufbrauchen zu befördern – das ist darüberhinaus die Empfehlung für die Heimbar.

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