Archiv der Kategorie: Review

Rezension und Test

Ron Elmilio Selected Blended Premium Rum Titel

Karibisches Klima – Ron Elmilio Selected Blended Premium Rum

Aktuell ist im Rumbereich wieder mal eine neue, hitzig geführte Diskussion im Gange – Alterung und Reifung von Rum in tropischem Klima vs. in europäischem Klima. Es gibt ja doch so einige Abfüller, die sich Fässer karibischen Rums kaufen und diese dann in Europa weiteraltern lassen, das bekannteste Beispiel ist wahrscheinlich Plantation. Natürlich macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man ein Fass in einer Lagerhalle auf Barbados liegen hat, oder in einem Weinkeller in Frankreich – der Angels‘ Share ist im tropischen Klima oft um den Faktor 10 und mehr größer, aber auch die gesamte Interaktion mit Fassholz und Umgebung ist anders.

Wie gesagt, dies ist eine Diskussion, die aktuell recht neu ist, wie so viele Aspekte der Rumherstellung aktuell erstmals ernsthaft betrachtet und mit Expertenwissen unterfüttert werden. Daher war ich zugegebenermaßen etwas überrascht, im Pressetext zur Premiere des Ron Elmilio Selected Blended Premium Rum den Hinweis zu finden, dass die Bestandteile des Blends in tropischem Klima gereift wurden; ein Detail, das man nicht überall findet. Persönlich halte ich das für einen wichtigen Bestandteil eines Rums, der sich auf eine Herkunft beruft (hier: für meinen Geschmack viel zu generisch „Mittelamerika“), und stimme mit den auch in diesem Bereich vorpreschenden Richard Seale und Luca Gargano überein, dass es eigentlich vorgeschrieben sein müsste, dass ein Rum, wenn er sich auf eine geographische Region beruft, auch komplett in dieser Region hergestellt und gereift sein müsste. Nun, weg von der Metadiskussion hin zum tatsächlichen Rum des Tages!

Ron Elmilio Selected Blended Premium Rum

Laut eigener Aussage ist der Rum nicht mit Zuckerkulör gefärbt. Nun, dafür weist er eine sehr ansprechende goldene Tönung auf, mit sonnengelben Reflexen. Die Schwere, die er beim Schwenken im Glas zeigt, weiß auch zu gefallen, die dicken Schlieren komplettieren ein optisch sehr gelungenes Bild.

Die Nase im Glas entdeckt schöne Aromen – reife Ananas und Banane als Fruchtnoten, Marzipan, Walnuss und Kardamom. Ethanol ist im Untergrund erkennbar, wirkt aber nicht übermäßig lästig. Ein gewisser Hauch von Funkigkeit ist da, die für ein „Hoppla!“ bei mir sorgte – das hatte ich erstmal nicht erwartet. Insgesamt finde ich das ähnlich interessant wie die Optik, wenn das so weitergeht haben wir hier einen Treffer gelandet.

Im Mund kommt eine gewisse Ernüchterung auf. Die klebrige Süße beginnt schon im Antrunk, setzt sich im Verlauf ununterbrochen fort und steigert sich im Abgang zu einem pappigen Brei. Aromatisch finde ich überreife Ananas, Banane, Schokolade. Das Aroma, das gewiss vielschichtiger sein könnte,  wird leider von der überwältigenden Süße großteils plattgemacht; was sie aber leider nicht schafft, ist das kitzelnde Alkoholfeuer  auszubremsen.

Meine Messung per Spindel ergibt 31%, bei knapp 26° Flüssigkeitstemperatur bedeutet das in etwa grob 35-40g/L Zusätze. Das heißt, dieser Rum weist ähnliche Werte auf wie Botucal Reserva Exclusiva und liegt damit ebenso im starkgesüßten Bereich. Leider hat auch dieser Rum, wie fast alle starkgesüßten Rums, keine entsprechende Angabe auf dem Etikett. Sehr schade – ich erwarte die geplante Nährwerttabelle auch für Spirituosen mit Ungeduld.

Ron Elmilio Selected Blended Premium Rum Glas

Eine langsam einsetzende Bittere im Abgang korreliert so gar nicht mit der üppigen Süße, die zunehmende Alkoholschärfe ist überraschend bei nur 40%, und dadurch, dass kaum natürlicher Körper da ist, entsteht ein sehr unrundes, wackeliges Panoptikum an Eindrücken, die kein klares Bild aufkommen lassen. Im Nachhall muss man viel Spucke produzieren, um die Klebrigkeit vom Gaumen zu bekommen; etwas Bitterschokolade und Kaffee liefert die letzten, dann recht lang vorhandenen und gar nicht unangenehmen Überbleibsel im Mund.

Im Geschmacksfazit muss ich sagen, dass ich glaube, dass der Blend eventuell Potenzial hätte, da sind schon interessante Aromen vorhanden – wäre da nicht diese alles überdeckende Süße. Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass schon mit einer Halbierung des Zuckerzusatzes ein großer Schritt getan werden könnte, den Ron Elmilio für Rumfreunde spannender zu machen. In dieser Form kann ich ihn höchstens denen empfehlen, denen Süße wichtiger ist als Rundheit und echter Rumgeschmack.

Der Guyana Zombie hätte natürlich gemäß seinem Namen einen Demerara-Rum in sich. Tatsächlich weist der Ron Elmilio aber genug Schwere, Süße und Würze auf, um sich in diesem modernen Tiki-Drink wacker zu schlagen.

Guyana Zombie


Guyana Zombie
2 oz gereifter Rum
1 oz Ananassaft
1 oz Honigsirup
1 Teelöffel Cream of Coconut
½ oz Limettensaft
Alle Zutaten mit Crushed Ice blenden. In einem Glas mit frischem Crushed Ice servieren.
Mit einem Float aus Overproof-Rum und etwas braunem Zucker garnieren.

[Rezept nach A Mountain of Crushed Ice]


700ml hält die aparte braune Apothekerflasche mit Kunststoffkorken. Das Etikett ist insgesamt, abgesehen von den für meinen persönlichen Geschmack etwas abgedroschenen Symbolen von Anker und Fässern extrem inhaltsleer. Man findet praktisch keine Hinweise auf irgendwas, was dem Rumkenner wichtig wäre – keine Destillenangabe, nicht einmal eine Länderangabe (man muss schon den oben angesprochenen Pressetext heranziehen, um wenigstens an die sehr schwammige Aussage „mit sorgfältig selektierten Destillaten kleiner Brennereien aus Mittelamerika“ zu kommen). Auf eine Altersangabe wird ebenso verzichtet, und zwar aus dem spannenden Grund, dass man lieber keine angibt als eine täuscherische – auch diesbezüglich verlasse ich mich einfach mal auf die Aussage des Vertriebs. Bei einem Blend kann ich aber sehr gut damit leben, keine Altersangabe vorzufinden, das ist tatsächlich ehrlicher als manche Kundenfängerei. Dass der Rest des Marketingtexts in bester Storytelling-Manier die üblichen Seefahrer-Platitüden runterblubbert („Die lange verschollen geglaubte Handelsfregatte Elmilio dient als Namensgeber“), nun, das gehört leider mit zum Business – liebe Leute, verwendet Eure Energie doch besser darauf, etwas handfeste Information aufs Etikett zu packen, statt Euch so Zeugs aus den Fingern zu saugen.

Das gilt aber für sehr viele Rums, nicht nur für den Ron Elmilio. Wer also mittelamerikanische Aromatik und sehr viel Süße mag, und sich nicht an der Praxis des Nachsüßens stört, darf einen Blick riskieren. Ich für meinen Teil wäre an einer ungesüßten (oder deutlich weniger stark gesüßten) Variante durchaus interessiert.

Offenlegung: Ich danke myspirits.eu für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche des Ron Elmilio.

Hanscraft & Co. & Stone Quince-Essential Hazy Ale Titel

Kurz und bündig – Hanscraft & Co. & Stone Quince-Essential Hazy Ale

Sie machen ihr Vorhaben wahr – Stone Brewing bringt nun innerhalb kürzester Zeit schon das zweite Bier in der „Uniqcan“ (eine Erklärung dazu ist in meinem Artikel zum ersten Uniqcan-Bier verfügbar) heraus. Dieses ist ein „Collaboration Brew“, wie sie seit einiger Zeit durchaus beliebt sind bei den hippen, jungen Brauern; Stone hat sich Hanscraft & Co. mit in die Dose geholt, und das etwas rumpelig benamte Hanscraft & Co. & Stone Quince-Essential Hazy Ale aus der Taufe gehoben.

Wie schon beim Vorgänger wurde für dieses Hazy Ale ein Fruchtpüree während der Fermentation eingesetzt – diesmal sind es, dem Namen nach nicht überraschend, 5% Quittenpüree, die den Weg ins Bier gefunden haben. Als wäre das nicht genug, findet man als Zutat noch Haferflocken. Der Bierstil des Hazy Ale mag dem einen oder anderen noch unbekannt sein – er wurde erst vor kurzem als offizieller Bierstil anerkannt. Spannend, ich erinnere mich noch deutlich an die Zeit, in der sauberes Pils oder Kristallweizen und ähnliches das Maß der perfekten Optik waren; so schwingt nun das Pendel in die andere Richtung.

Hanscraft & Co. & Stone Quince-Essential Hazy Ale

Die Farbe ist Eigelb, und bierstiltypisch ist es blickdicht, milchig trüb. Es ist hier wahrscheinlich die Mischung aus Weizen und Haferflocken, die die extrem stark ausgeprägte Trübung erreicht. Trotzdem sieht man eine sehr starke Perlage und deutliche Partikel, wahrscheinlich vom Quittenpüree. Sehr feiner Schaum bleibt lange dünn als Krone erhalten. Im Geruch dominiert kantiger Hopfen, viel Frucht ist entsprechend da. Die Quitte schafft es nur in Ansätzen, sich der Hopfengewalt entgegenzusetzen.

Hatte ich beim Stone Tangerine Express IPA noch etwas die fehlende Kante bemeckert, kann man das hier nicht mehr behaupten – das fühlt sich an wie ein Stone-Bier. Da ist viel Hopfenbittere, schöne Limette, etwas Grapefruit. Die Cremigkeit eines Ales ist immer noch da, aber die hohe Rezenz und die Frucht sorgt für tolle Erfrischung; insgesamt bewegt sich das Hazy Ale durchweg  im hohen Klangregister. 6,3% Alkohol sind nahezu perfekt eingebunden. Der Abgang ist frisch, mittellang, ideal im Bitter-Mild-Verhältnis (45 IBUs), und hier kommt die Quitte dann schön durch.

Das ist ein sehr attraktives Bier, in Kühlschranktemperatur getrunken bei 35° Außentemperatur war es ein Genuss sondergleichen. Auch an kühleren Tagen, bin ich mir sicher, bietet das Hazy Ale alles, was man sich von einem fruchtlastigen Ale erwarten kann im Überfluss. Toll gemacht, Hanscraft und Stone!

Offenlegung: Ich danke Stone Brewing für die kostenlose Zusendung von 2 Dosen des Hazy Ale.

Warndt Brand Titel

Regionalität und Nachhaltigkeit – Warndt Brand

Die Spirituosenwelt dreht sich nicht schnell. Es sind viele konservative Kräfte am Werk, die den Status Quo, der sich seit Jahrzehnten aufgebaut hat, erhalten wollen. Der Kunde in diesem Bereich hat sich aber auch sehr bereitwillig, völlig analog zur Lebensmittelindustrie, davon überzeugen lassen, dass das, was gut für die Industrie ist (Preisgünstigkeit, geradeso ausreichende Qualität, Standardisierung, Convenience) auch gut für ihn ist. Dass dies ein toller Coup für die verarbeitende Lebensmittelindustrie war, mit dem der Kunde Schritt für Schritt abgestumpft wurde, so dass die echten Qualitäten eines Produkts, die für Hersteller unerwünscht weil nicht gewinnbringend sind, gar nicht mehr nachgefragt wurden, wird vielen erst so langsam klar. Um so spannender, dass sich in den letzten Jahren überraschend viel bewegt.

Auch hier hat die Bewegung, die sich für mehr Natürlichkeit einsetzt in dem, was wir essen, die Pionierarbeit getan. Spirituosen gelten weiterhin, mit einem gewissen Recht, als Gift, daher hängt dieser Bereich dahingehend hinterher – wenn man eh schon ein Nervengift zu sich nimmt, ist die Zusammensetzung der Trägerflüssigkeit ja dann egal, so die Idee der Gesundheitsfreunde. Nun, dieser Argumentation kann der Genießer natürlich nicht folgen. Alkohol ist neben Gift auch ein Kulturgut, das mit uns seit dem Ursprung der Menschheit verbunden ist und, verantwortlich genutzt, viele schöne Aspekte hat.

Aktuell entstehen viele Spirituosen, die neben dem Genussaspekt auch den der Qualität, Tradition, Nachhaltigkeit und Handwerklichkeit in den Vordergrund stellen, etwas, was die oben angesprochene Industrie nicht bieten kann und auch nicht will. Dazu braucht es nichtmal viele Ressourcen – ein Kleinstbetrieb wie Genuss aus dem Warndt stellt beispielsweise den Warndt Brand her. Dabei handelt es sich um einen selbstgebrannten, handgemachten Korn aus lokalem Weizen von der Saar (der Warndt ist eine deutschfranzösische Region hier in der Ecke), der 9 Monate in einem Weinfass aus Eiche reifen konnte – und, der Twist dabei, das zusammen mit Koriander. Man erhält also keinen klassischen Korn, sondern einen aromatisierten – sowas reizt mich schonmal rein vom Hören.

Warndt Brand
Foto © Eva Klein. Verwendung mit Erlaubnis der Fotografin.

Die leichte, blasse Farbe, die an Weißwein erinnert, könnte einerseits aus der Fassreifung, andererseits aus der Aromatisierung mit Koriander entstanden sein. Eine Trübung ist erkennbar – filtriert wurde hier offensichtlich nicht, etwas, was auf die Handarbeit und Naturbelassenheit hindeutet und grundsätzlich eine gute Sache ist. Nach einer Weile nimmt die Trübung zu, ich vermute, der in der Flüssigkeit eingelegte Korianderzweig verstärkt dies.

Viele aromatisierte Spirituosen geben ihren Basischarakter zugunsten der neuen Komponente beinahe vollständig auf, beim Warndt Brand ist das nicht der Fall. Hier riecht man zwar auch zunächst die vor allem blumige, daneben auch kräuterige Schicht, die durch den Koriander entsteht. Doch darunter ist klar der malzige, süßliche, teigige Korncharakter vorhanden, den man von höherwertigen Korns kennt. Eine gewisse initiale Pattexnote kennen wir ja von vielen Spirituosen, auch hier verfliegt sie wie dort mit Offenstehzeit.

Der Antrunk ist sehr mild, fast schon wässrig. Hier dominiert der Koriander sehr stark. Das Mundgefühl ist weich, erst im späteren Verlauf entsteht ein leichtes Kribbeln. Ich bin mir sicher – dieser Brand könnte von mehr als den 40% Alkoholgehalt, mit denen er abgefüllt wird, profitieren; ihm fehlt für meinen Geschmack etwas die Wucht. Eine leichte Seifigkeit ist stiltypisch, darüber liegt dann eine unerwartete, aber doch frappierend starke Wassermelonennote.

Der Abgang ist mittellang, Koriander, Korn und Wassermelone streiten sich um die Dominanz. Zungenseite und -spitze sind leicht belegt, deutliche Adstringenz am Gaumen hält an. Ein feines Feuer macht sich breit, das für die fehlende Wucht entschädigt. Der Nachklang ist lang und angenehm kräuterig.

Beim Dr. Fleming, dem Cocktail, den ich für diese Spirituose ausgewählt habe, wird wieder deutlich, dass es manchmal die unerwarteten Kombinationen sind, die einen gewissen Charme haben: Birne und Koriander gehen sehr schön zusammen. Die Koriandernote des Warndt Brand wird noch durch den Zweig Koriander, der im Shaker mitgeschüttelt wird, und noch zusätzliche Aromen abgibt, verstärkt.

Dr Fleming


Dr. Fleming
1½ oz Korn
⅔ oz Birnenbrand
⅔ oz Zitronensaft
⅓ oz Amontillado-Sherry
¾ oz Honigsirup
1 Korianderzweig
Auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach GQ Magazine]


Neben der handwerklichen Herstellung dieses aromatisierten Korns möchte ich auf weitere Aspekte hinweisen. Der Produzent präferiert den Verkauf über den „Unverpackt“-Laden in Saarbrücken, in dem Waren für alle möglichen Lebensbereiche ohne unnötige Verpackung erwerbbar sind; man bringt einfach Gläser, Flaschen, Dosen, Becher oder Kartons selbst mit, in die dann vor Ort abgefüllt wird. Ein tolles Konzept, das auch gut angenommen wird. Die Spirituosen von Genuss aus dem Warndt werden dort in Pfandflaschen angeboten, etwas, das recht neuartig für Spirituosen ist in einer Welt, in der Einwegflaschen Usus sind. Selbst das Etikett des Warndt Brand ist mit nachhaltigen Werkstoffen handgemacht – man sieht, ein rundes Produkt mit einer Idee dahinter. Der Hersteller bietet auch Liköre an, auf Basis des selbst hergestellten Kornbrands (ohne den Koriander, dann, natürlich); ein paar kleine Schlucke konnte ich schon probieren, und ich verspreche nicht zuviel, wenn ich sage, dass ich mich auf den ausführlichen Test dieser Liköre jetzt schon sehr freue.

Offenlegung: Ich danke Genuss aus dem Warndt (warndtshop.de) für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche des Warndt Brand.

Stone Tangerine Express IPA Titel

Kurz und bündig – Stone Tangerine Express IPA

Stone Brewing  und die Dose – das gehört untrennbar zusammen. Sehr offensiv wird diese Verpackungsart für Bier von Stone beworben, und sie gehen nun auf diesem Weg konsequent noch einen Schritt weiter, indem sie für ihre nun in Zukunft erscheinenden, nicht zum Stammportfolio gehörenden Biere statt dem individuellen Design eine Standarddose nutzen, die nur mit einem Wechseletikett beklebt wird. Das Konzept wird im Marketingsprech Uniqcan genannt, und das Stone Tangerine Express IPA ist das erste Bier, das in ihr erhältlich ist.

Obwohl es laut eigener Aussage eines der beliebtesten Stone-Biere in den USA ist, wird es für unseren Markt in Deutschland gebraut, in Berlin um genauer zu sein. Das besondere des Tangerine Express IPA ist der Einsatz von Mandarinen- und Ananaspürree im Brauprozess – den Unterschied zu einem aromatisierten Bier muss ich, so hoffe ich, für regelmäßige Leser meines Blogs nicht nochmal extra hervorheben.

Stone Tangerine Express IPA

Das Eingießen wird durch den starken, großblasigen, grober Schaum, der sehr langlebig ist, verlangsamt. Man sieht eine leichte Ausflockung (sind es Reste des verwendeten Fruchtpürees?), deren Partikel von der sehr starken Perlage wild im Glas bewegt werden. Ich rieche Ananas, Orange, interessanterweise etwas Pfeifentabak. Letzteres wird mit zunehmender Zeit im Glas sogar immer prägnanter.

Die Mundeindrücke sind Kategorie „Wolldecke“ – schon beim sehr süßen, weichen, anschmeichelnden Antrunk. Im gesamten Verlauf bleibt das Tangerine Express sehr cremig und flauschig. Dazu passt die milde Aromatik nach Tropenfrucht, reifer Ananas, Orange. Genehm und unauffällig, nicht laut anbiesternd wie der eine oder andere Stone-Tropfen. Dennoch ein solider, runder, unkantiger Geschmack. Die sehr ausgeprägte Cremigkeit und Süße geht schnell in ein Gefühl der Schaligkeit über, weil trotz der Perlage nur wenig Rezenz vorhanden ist. 6,5% Alkoholgehalt laut Dosenetikett, 6,7% laut Pressemitteilung, beides ist nicht spürbar.

Im Abgang erfährt man erstmals, dass man hier ein IPA trinkt – aber selbst die nun aufkeimende Bittere bleibt zunächst zurückhaltend und dezent. Eine leichte Säure klingt nach, mit dazugehörender Adstringenz, die den insgesamt aromatisch eher kurzen Abgang überdauert, der am Ende dann doch noch aus Bittere besteht, bei 75 IBU nicht verwundernd.

Man muss schon süße Biere mögen, um diese Art von IPA schätzen zu können. Mir persönlich ist es etwas zu stumpf für ein IPA, es fehlt mir der Frischekick, den ich durchaus will, wenn ich ein Bier trinke, das mit diesen 3 Buchstaben versehen ist. Stone ist in dieser Beziehung normalerweise für mich eine Bank, wenn ich nicht geschont werden will; das Tangerine Express ist dahingehend überraschend, weil es so schmeichelt und cremelt und süßelt. Ich bin mir sicher, dass allerdings gerade dieser Aspekt dafür sorgt, dass das Bier viele Freunde finden kann.

Ein absolut vorbildliches, kleines Detail hebe ich zum Schluss hervor: Das Abfülldatum ist auf den Dosenboden gedruckt (hier: 14.06.2018). Gerade für hopfenlastige Biere, die sich mit zunehmender Entfernung von diesem Datum doch deutlich verändern können, ist dies eine sehr wertvolle Information.

Offenlegung: Ich danke Stone Brewing für die kostenlose Zusendung von 2 Dosen dieses Bieres.

Farbenspiel – Rozès Porto 10 Years Old Colors Collection Gold

„Je brauner desto besser, oder?“ – Eine Frage, die mir häufig gestellt wird. Letztlich gilt das nie, auch die abgewandelte Form, „je brauner desto älter, oder?“, trifft in den seltensten Fällen zu. Farbe ist bei Spirituosen ein Thema, das erstaunlicherweise selbst Profis nur wenig bewegt, obwohl wir als optische Wesen dazu neigen, etwas auf den ersten Blick schnell zu beurteilen und in Kategorien einzuordnen – und für Laien ist dieser erste Blick eben sehr oft der Färbung des Flascheninhalts gewidmet.

Das gilt für Whisky, Rum, Tequila und viele andere Spirituosen, die destilliert werden, und damit zunächst immer klar sind, und nur durch Reifung (oder eben künstliche Färbung) einen Farbton annehmen. Bei anderen Produkten, die nicht destilliert werden, sondern auf Basis von zum Beispiel Wein entstehen, ist die Farbe aber nicht weniger spannend – Portwein beispielsweise gibt es in unterschiedlichen Färbungen, die der Tawny-gewohnte Laie wahrscheinlich noch nie zu Gesicht bekommen hat. Um so interessanter ist daher, wenn ein Hersteller eine Auflage von Ports herausbringt, die diese Varianz besonders deutlich macht.

Die „Colors Collection“ des Herstellers Rozès besteht aus drei Primärfarben, die die Bandbreite von Portwein aufzeigen – Rot, Weiß und Gold. In diesem Artikel beschäftige ich mit einer Farbe, die mir persönlich noch am unbekanntesten war: also dem Rozès Porto 10 Years Old Colors Collection Gold.

Rozès Porto Gold Flasche

Das „Gold“ im Namen und im Flaschendesign spiegelt sich im Glas wieder. Weder ist dieser Port so hell wie ein weißer, noch so dunkel wie ein Tawny Port – tatsächlich würde ich sagen, dass er farblich genau in der Mitte liegt. Beim Schwenken wirkt er ölig, bildet einen schnell ablaufenden Schleier an der Glasinnenseite.

Die Nase ist von Anfang an stark nussig, erinnert schon mehr an Sherry als an Port, leicht rotweinig, Kirsche, etwas rauchig. Süßlich, fruchtig. Vanille. Voll und dicht, sehr vielschichtig und unterhaltsam. Eine gewisse Ethanolnote ist unterschwellig da, aber nur ein Hauch – 20% Alkoholgehalt sind für einen Port zwar normal, hier riecht man sie aber etwas; dies verfliegt mit Offenstehzeit.

Geschmacklich ist der Rozès Gold süß und weich im Antrunk, ohne aber dabei klebrig oder anbiedernd zu sein, im Verlauf baut sich eine feine, dezente Säure dazu als Gegenspieler auf. Getrocknete Pflaumen, Datteln und eine gewisse nussige Holzigkeit ergänzen sich zu einem ausgesprochen schönen Geschmacksensemble, das durch Orangenschale aufgefrischt und durch Nelkenaromen vertieft wird.

Rozès Porto 10 Years Old Colors Collection Gold Glas

Der Abgang ist extrem nussig, vom Eindruck her sehr trocken und adstringierend, mild aber effektiv bitter, ohne die Süße dabei komplett aufzugeben, im Gegenteil – hier kommt eine schwere, nun doch schon etwas klebrige Komponente zu Vorschein. Der Rozès Gold belegt damit Zunge und Gaumen für eine ganze Weile, die Säure kitzelt etwas im Nachhall. Lang und aromatisch.

Sehr komplex und differenziert in den unterschiedlichen Phasen des Genusses. Wirklich spannend und interessant, gleichzeitig sehr trinkbar und freundlich. Ein Spitzenporto für Freunde der schweren, aber natürlichen Süße.

Port ist eine leichter verderbliche Zutat in Cocktails, was oft dazu führt, dass sie unter den Tisch fällt. Allzuviele Rezepte mit Porto sind daher nicht im Umlauf. Einen Klassiker mag ich gern – den The A.B.C. Cocktail. Manchmal muss man aufpassen bei Zutaten, besonders, wenn in englischsprachigen klassischen Rezepten so etwas wie „Cherry Brandy“ angegeben ist. Das kann, je nach Kontext, ein süßer Kirschlikör wie Cherry Heering sein, oder ein trockener Kirschlikör wie Maraschino, oder sogar ein Kirschwasser. In diesem Fall hatte ich mich für die erste Variante entschieden, um dem ganzen etwas süßen Bumms zu geben – der Standard ist aber wohl Maraschino.

The A.B.C. Cocktail


The A.B.C. Cocktail
1 oz Portwein
1 oz Brandy de Jerez
¼ oz Kirschlikör (z.B. Cherry Heering)
⅛ oz Zuckersirup
7 Blätter Minze
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Ungewohnt ist auch die Verpackung der Flasche. Man ist ja gewohnt, dass Whisky oft in den typischen Pappdosen mit Blechverschluss daherkommt, Rum hin und wieder in Kartons – hier hat man sich für einen transparenten Plastikkasten entschieden, der die Flasche zeigt und mit Produktdetails bedruckt ist. Ganz ehrlich, schön ist was anderes, vor allem, weil der Plastikkarton sehr instabil und wabbelig ist, und durch die Bedruckung darüber hinaus  fürs Auge sehr unruhig und zappelig wirkt.Rozès Porto Gold Karton

Nun, das Plastik war schnell entsorgt, die Flasche selbst wirkt dafür edel und passend, und sie hat einen der vorderen Plätze in meiner Heimbar ergattern können; einen Porto wie den Rozès Porto 10 Years Old Colors Collection Gold trinke ich gerne, der muss griffbereit stehen.

La Trappe Witte Trappist vs Blanche de Namur Titel

Wettbewerb der Witbier-Testsieger – La Trappe Witte Trappist vs Blanche de Namur

Witbier hatte ich zum ersten Mal getrunken, als ich in der Saarbrücker Innenstadt das belgische Restaurant „Le Templier“ besuchte. Dort gibt es eine schöne Auswahl belgischen Biers, das man zusammen mit doppelt frittierten Pommes und anderen Snacks genießen kann; unter anderem eben das bleiche Bier, das ich auf einem anderen Tisch sah und entsprechend neugierig auch bestellte.

Inzwischen kenne ich diverse Witbiersorten, und auch in der Breite der Biertrinkergesellschaft ist es angekommen, zumindest vom Angebot her – selbst deutsche Brauereien, die sich sonst so gern auf das Reinheitsgebot beziehen, stellen es her, wie zum Beispiel Köstritzer. Und Fachzeitschriften veröffentlichen Tests, in denen unterschiedliche Marken verglichen und bewertet werden, so geschehen in der Barkulturzeitschrift Mixology, und im Bierfachmagazin Meiningers Craft. Ich mache nun hier einen Metatest, habe mir also die jeweiligen Bestplatzierten aus diesen zwei Tests für einen Direktvergleich herangezogen – La Trappe Witte Trappist stellt sich dem Blanche de Namur.

La Trappe Witte Trappist vs Blanche de Namur

Beginnen wir mit dem Sieger des Tests in Meiningers CraftLa Trappe Witte Trappist. Auch Mixology fand dieses Bier gut, es landete dort im Test auf Platz 2. Es stammt aus der Koningshoeven-Brauerei der Zisterzienser-Abtei Onze Lieve Vrouw van Koningshoeven – ein schöner Name. Es wird, wie von der Vorgabe für Trappistenbiere gefordert, von trappistischen Mönchen gebraut.

Im Glas ist es blass und trüb, wie von einem Wit gewünscht. Extrem starke Schaumbildung entsteht beim Eingießen, daher dauert das etwas länger. Starke Perlage hält den Schaum auch dann noch eine Weile aufrecht.

Weichspüler. Das ist das erste, was mir beim Riechen einfällt. Blumig könnte man es auch nennen, wenn man positiver, aber nicht ganz so treffend formulieren will; es erinnert mich auch entfernt an die chlorige Käsenote beim Kronenbourg 1664. Ein leichter Anflug von Hefe.

La Trappe Witte Trappist Glas

Hm, im Mund muss ich nun schon wieder nach Begriffen suchen, die mir helfen, die deutliche Neutralität dieses Biers zu beschreiben. Da ist kaum etwas, was es zu beschreiben gibt, eine minimale Zitrusnote und leichte Würze ist das höchste, was man findet – ansonsten gibt es nur Aromenarmut, belangloses Mundgefühl, keine nennenswerte Säure oder Süße, mittlere Rezenz. 5,5% Alkohol schmeckt man ebensowenig. Wirkt sehr wässrig. „Extremely aromatic varieties of hop“ kündigt das Etikett an? Hopfen ist manchmal etwas flüchtig – hier hat er sich aber komplett verdrückt, und das, obwohl das MHD mit Mitte 2017, also noch ein Jahr vom Testzeitpunkt, eine unveränderte Frische verspricht.

Der Abgang passt sich dem an: Da ist einfach nichts, außer einer eher unangenehmen Mischung aus Bittere und pappiger Süße (Glukosesirup steht als Zutat auf dem Etikett). Ich bin am Verzweifeln – habe ich eine schlechte Flasche erwischt? Die zweite Flasche solls entscheiden. Einige Tage später wird sie geöffnet – und das Erlebnis wiederholt sich. Nein, in dieser Form brauche ich das nicht, selbst bei den recht annehmbaren 1,50€ Flaschenpreis bei 330ml.

Mal schauen, ob der zweite Kandidat des heutigen Tests, das Blanche de Namur, sich hier besser präsentieren kann. Testsieger Mixology, auch sehr gut platziert bei Meiningers Craft – also genau umgekehrte Vorzeichen. Es ist mit 4,5% Alkoholgehalt etwas leichter und weist ein ähnliches Haltbarkeitsdatum auf. Auch dieses Bier trinke ich, wie auf dem Rücketikett empfohlen, gut gekühlt aus dem Kühlschrank.

Blanche de Namur Glas

Auch hier ist die Farbe sehr typisch, blass bis hin zur Bleiche, in Kombination mit starkem, großblasigem Schaum, der nicht lange lebt und das Bier in Kürze unbedeckt lässt.

Es weist eine schöne, zitronig-luftige Nase, mit Hefeanklängen auf. Etwas Banane gibt dem ganzen eine gewisse Rundheit. Orange, als eine Komponente der witbiertypischen Zutaten, ist erkennbar.

Im Mund ist es sehr frisch und rezent, mit perfekter Säure und milder Süße, aromatisch nach Zitronen, vom Gefühl her vollmundig, dicht und feinherb. Nach dem Antrunk kommt allerdings nicht mehr viel – praktisch kein Körper, eine extrem steil abfallende Aromakurve, wow, das ist wie Achterbahnfahren. Das gipfelt dann im praktisch nicht vorhanden Abgang – bis auf den Erfrischungseffekt und eine leichte Bittere ist da kaum mehr was.

Nun ist dieser Bierstil nicht für Aromenexplosionen gedacht – es ist ein frischer, leichter, weizenlastiger Bierstil, daher muss man das in die Betrachtung natürlich mit aufnehmen. Für mich persönlich schlägt das vergleichsweise dichte Blanche de Namur das leider selbst für diesen Bierstil völlig aromalose Witte Trappist um viele Längen – beide sind aber gut gemachte Biere, die auf ihre Art zu gefallen wissen und gerade in der Sommerhitze beide perfekte Erfrischungsgetränke darstellen.

Ich habe seit einiger Zeit keine Biercocktails mehr gemacht – das ist für mich persönlich eine saisonale Geschichte. Im nun aufkommenden Sommer wird das Thema wieder aktueller; gerade leichte Drinks, in denen Bier die Hauptzutat ist, werden nun wieder häufiger in meinem Glas landen. Der White Night kann trotz des Namens sicherlich auch in der Hitze eines Sommertags punkten.

White Night


White Night
8 oz Witbier
1 oz Gin (z.B. Eifel Gin)
½ oz Maraschino-Likör (z.B. Bols)
Alle Zutaten in ein Glas mit Eis geben und leicht umrühren.
[Rezept nach craftedpours.com]


Für mich ist klar, dass ich über die heiße Jahreszeit immer mindestens eine Flasche Witbier im Kühlschrank haben werde, idealerweise von unterschiedlichen Herstellern. Leicht, frisch, unkompliziert und ideal sowohl als kühlende Erfrischung als auch als Essensbegleiter – Wit ist einfach ein toller Allrounder.

Bacardi 8 Años Titel

Summer Dreamin‘ – Bacardí 8 (Ocho) Años

Das „Bacardi-Feeling“ beschreibt ein Lebensgefühl. Natürlich lebt das alles von einer sehr guten Marketingmasche, mit Fernweh-Werbespots und einem sensationellen One-Hit-Wonder-Song, der, kaum angespielt, einen schon in die Karibik versetzt. Leider konnte man die tatsächliche Ausprägung dieses Gefühls dann meist nur mit anderen Rums kennenlernen – Bacardí hat unter Rumkennern nicht den allerbesten Ruf, sie leben von anspruchsloser, geschmacksarmer, billiger Massenware für den All-You-Can-Drink- und Happy-Hour-Markt. Dennoch muss man natürlich hin und wieder auch als Kenner einen Blick auf die Produkte der großen Rumindustrie werfen, und so setzte ich als Rumfreund alles auf eine Karte und legte mir den Bacardí 8 Años zu, ehrlicherweise in der vorschadenfrohen Erwartung, von diesem Experiment enttäuscht zu werden.

(Dieser Artikel ist eine Komplettüberarbeitung einer mehrere Jahre alten Rezension von mir).

Bacardi 8 Años Flasche

Farblich haben wir einen dunklen Ton vor uns, der gewiss nach 8 Jahren Fassreifung natürlich entstanden sein kann. Färbung ist vorhanden, etwas, was ich nicht befürworte, aber auch kein Kopfweh deswegen kriege – alle tun es, und es beeinflusst den Geschmack zumindest nicht.

Die Nase ist dagegen umso interessanter. Tabak, leicht rauchig, Lösungsmittel, Karamell, Vanille, Rosinen. Ein wirklich attraktiver Geruch, an den man sich gewöhnen kann. Im ersten Ansatz vom Mundgefühl her recht weich, rund und mild. Mit Verweildauer setzt ein mittleres Feuer den Mund in Brand (ich übertreibe etwas, es ist mehr ein zartes Brennen). Ich liebe diese Art Abwechslung, so lange das Feuer aromatisch bedingt ist, und nicht aus Alkoholschärfe entsteht. Nun ist der Rum plötzlich würzig und leicht nussig, und vielleicht sogar etwas kräuterig, insgesamt herrscht dennoch eine sehr süße und cremige Eindruck vor.

Der Abgang ist mittellang, Vanille und Tabak verbleiben etwas am Gaumen. Dazu eine milde Süße, die nicht hundertprozentig angenehm ist. Woher kommt die? Auch dieser Rum ist künstlich nachgesüßt. Die Messungen schwanken zwischen 12 und 20 g/L. Der „normale“ Bacardí Superior hat keinen künstlichen Zuckerzusatz – wie seltsamerweise oft sind es also die Pseudo-„Premium“-Marken innerhalb eines Sortiments, die gezuckert werden.

Mein Fazit – ja, so kann man sich täuschen. Sehr fruchtig und gleichzeitig rauchig; ein durchaus überraschender Geschmack für einen Rum. Er geht schon eher in die Tabak- oder Leder-Richtung, ist auf jeden Fall aromatisch und rund. Kein Aromenwunder natürlich, aber gut trink- und mixbar, insbesondere für den Preis, den man bezahlt.

Immerhin hat er Wucht, selbst z.B. in einem fruchtig-süßen Havana Sail kommt er gegen den dicken Maracujasaft an. Das witzige an diesem Cocktail ist, dass er, je nach verwendeter Grenadine, unterschiedliche Farben hat. Im Foto unten habe ich einen Riemerschmid-Granatapfelsirup verwendet; dieser färbt den Cocktail dunkelrot. Eine andere Grenadine, die ich sonst verwende, gibt dem ganzen nur einen Hauch eines Rottouches, der Cocktail bleibt dunkelgelb. Was man nicht alles so entdeckt beim Cocktailmixen.

Havana Sail


Havana Sail
1 oz Bacardi 8 Años Reserva Superior
2 oz Maracuja-Saft
½ oz Grenadine
[Rezept nach unbekannt]


Die sehr schöne Präsentation in einer edlen Flasche rundet das ganze ab – seit der Zeit, in der ich meine Flasche erwarb und austrank, hat sich ein Flaschenredesign ergeben. Die neue Flasche sowie das neue Etikett, das im Zuge der Vereinheitlichung der Produktreihen des Herstellers stattfand, hat diesem Aspekt allerdings keinen Abbruch getan, die neue Präsentation weiß ebenso zu gefallen wie die alte.

Bacardi 8 Años Ausgießer

Wer sich bei meinem Produktfoto über den seltsamen Aufsatz gewundert hat – er wird natürlich nicht standardmäßig mitgeliefert, sondern muss separat erworben werden. So skeptisch ich den Rums von Bacardí gegenüberstehe, so mag ich deren Markenpräsentation (das geht mir mit diversen anderen Spirituosen auch so; man sieht, wir sind doch etwas von der Optik getrieben, selbst wenn wir es nicht wollen). Das Wappentier der Firma, die Fledermaus, ist einfach zu goldig, als dass ich sie einfach so abtun könnte. Man muss einfach für sich aus jeder Spirituose das beste machen. Dann kommt das Karibik-Feeling vielleicht auch mit.

Revolte Spiced Titel

Über manche Sachen scherzt man nicht – Revolte Spiced

Ich habe neulich erfahren müssen, dass man sich gegenseitig vor mir warnt, wenn ich mit Herstellern einfach so reden will. Nicht ernsthaft, aber schon mit einem gewissen scharfen Humor. Dass ich „starke Meinungen“ hätte, und so. Einerseits ist das natürlich ein Kompliment, immerhin muss man sich so einen Ruf erarbeiten. Andererseits hinterfrage ich mich dabei natürlich schon – ich will ja nicht als der Stinkstiefel gelten, der nur darauf aus ist, den Süßrumtrinkern den Spaß zu verderben. Gerade aktuell meine ich feststellen zu können, dass das Pendel, das einige Jahre stark zugunsten der Rumtransparenz ausgeschlagen hatte, nun wieder etwas in die andere Richtung schwingt – Süßrum findet nun plötzlich offensive Verteidiger, und man bekommt Begriffe wie „Taliban“, „Rumpolizei“ oder „Spaßbremse“ an den Kopf geworfen. Nun – aus gegebenem Anlass wird es Zeit, dass ich mir klarmache, dass das nicht eine Attitüde ist, die ich aufbaue, sondern mir das Thema wirklich etwas bedeutet, und darum haue ich jetzt mal eine ungefilterte Meinung raus.

Ganz ehrlich – mir ist es mistegal, was jemand trinkt. Ich will niemand den Zacapa 23 mies machen, will niemand seinen Botucal ausreden oder gar jemandem den Don Papa klauen. Trinkt die Brühe, wenn es Euch lustig macht, und haltet Euch dabei für die Verteidiger der freien Meinungs – und Geschmacksäußerung, wenn Ihr auch noch stolz drauf seid. Freut Euch über Palmen, Piraten und Papageien, habt Spaß mit der Spaßspirituose. Vergesst dabei aber nicht, Euch gleichzeitig über Havana Club und Bacardí mit lustig zu machen – nur „Premium“ ist guter Rum, nicht Supermarktrum, auch wenn letzterer oft ehrlichere Qualität aufweist als die in der edel aufgemachten Flasche. Macht Eure Privattastings mit 10 Pseudorums, um einen möglichst breiten Eindruck dessen zu bekommen, was die Aromenindustrie zu bieten hat. Mir alles egal. Nun flatterte mir aber Ende März ein Paket mit einer unetikettierten Flasche und einem Brief ins Haus. Man lese diesen Brief bitte, um meine Reaktion darauf, und den Ton dieses Artikels, zu verstehen.

Revolte Spiced Pressemitteilung

Verdammte Kacke, dachte ich mir, ich kann gar nicht so viel saufen, wie ich im Strahl kotzen möchte. Nicht wegen dem neuen Produkt, im Gegenteil, das ist eine interessante Reaktion auf den Markt – vielleicht der schrille Aufschrei eines Produzenten, der mit besten Ambitionen gestartet ist und nun von diesem beschissenen Markt auf den Boden heruntergeholt wird. Nein, es ist wegen Produkten, die dasselbe wie Revolte tun, es aber über Jahre heimlich und verstohlen gemacht haben, und so den Boden bereiteten für Konsumenten, die nicht mehr wissen, wie Rum zu schmecken hat – und damit das Leben für die Kaltenthalers dieser Welt schwer machen. Und, ja, ich schaue damit auch Euch an, liebe offensive Süßrumfreunde, die dabei mithelfen, dass es so weitergehen wird und die zarte Transparenzknospe, die so schön am Aufblühen war, unter dem Stiefel der Marktmacht der Betupper zerdrückt wird. So, und jetzt habt Ihr Grund, Euch gegenseitig vor mir zu warnen.

Revolte Spiced

Ende der Wutrede. Es war der 1. April, und das ganze kaltenthalerische Getue, inklusive Brief und allem, war ein Aprilscherz. Ja, ich gebe es gern zu, ich bin voll drauf reingefallen. Felix, das war verdammt gut gemacht, ich hasse und verfluche Dich dafür, dass Du mir dieses Magengeschwür bereitet hast.

Die Farbe des Revolte Spiced, so heißt er offiziell, ist für einen massiv gefärbten Rum noch halbwegs erträglich. Ein schrilles Kotzgelb, etwas an das erinnernd, was Mücken hinterlassen, wenn man sie auf der Autobahn an der Scheibe aufsammelt. Die Nase erinnert an Spülmittel, das billige aus dem Aldi, mit etwas Zitrone und behandelter Orange im Hintergrund. Künstlich und oberflächlich, sehr plakativ, aber mit irgendwas muss man als Hersteller seine Kunden ja ködern. Ich rieche Ingwer, aber das bilde ich mir sicher nur ein. Im Mund setzt sich die Einbildung fort, da ist Ingwer en masse. Eine schrecklich klebrige Süße pappt den Mund zu. Viel Frucht, Zitrone, Orange, können das Spüli etwas überdecken. Die Rumbasis ist noch leicht erkennbar, die Blender haben es nicht geschafft, sie vollends zu verhunzen. Der Abgang ist mittellang, schade, ich hatte auf etwas kürzeres gehofft. So muss ich damit leben, den Revolte Spiced länger als die meisten anderen Spiced Rums am Gaumen haften zu haben.

Gerne zitiere ich nach meiner nicht ganz ernst gemeinten Verkostungsnotiz noch den nachgelagerten Hinweis, dass der Aprilscherz sich nicht nur auf die Motivation, sondern auch auf den Herstellungsprozess bezogen hatte: „Hohe Zuckergehalte, chemische Zusätze wie Glycerin oder die Zugabe von künstlichen Aromen sind uns mehr als fremd. Stattdessen haben wir bei unserem kleinen Aprilscherz mit der Mazeration den natürlichen Weg gewählt, um verschiedene Noten wie z.B. Rosinen, Orangen und Zimt zu erzielen. Und 37,5 % vol. und 99 Gramm Zucker? Zugunsten der Steuern den Alkoholgehalt zu senken und mit 99 Gramm pro Liter den Startschuss zur Diabetes zu geben? Die Frage kann sich wohl jeder selbst beantworten.“

Nun, ehrlich gesagt, für einen Spiced Rum ist das Zeug echt gut trinkbar, und ich hoffe, dass meine Leser im Gegensatz zu mir nicht auf obigen Müll reinfallen und stattdessen ihre Captain Morgans und Sailor Jerrys rausschmeißen und dafür den Revolte Spiced ins Haus holen – ich rate dazu, auch wenns mir echt schwerfällt. Der Haupteinsatzzweck für diesen Spiced Rum wird bei mir, wie es allen gewürzten Rums ergeht, die Vermischung in Cocktails sein. Zu Ehren des wirklich bösen Aprilscherzes habe ich einen Cocktail auf Basis des klassischen Zombie gemixt, praktisch ausschließlich mit Revolte-Zutaten – vom German Zombie Punch brauchte ich aber auch wirklich 3 Stück, um mich wieder von der Wutwolke runterzuholen. Ich gebe zu, ich rege mich leicht auf.

German Zombie Punch


German Zombie Punch
1½ oz Revolte 2014 MTQ
1½ oz Revolte Spiced
1 oz Revolte Overproof
¾ oz Limettensaft
½ oz Revolte Falernum
½ oz Don’s Mix (Zimtsirup und Grapefruitsaft)
1 Teelöffel Grenadine
1 Spritzer Absinthe
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken und auf Eis mit einem Minzzweig servieren.
[Rezept adaptiert nach Don the Beachcomber]


Natürlich wird der Revolte Spiced in derselben Flasche und derselben Aufmachung geliefert wie der Rest der Reihe (den es natürlich weiterhin geben wird). Freundlicherweise schickte mir der Hersteller in einem Entschuldigungsbrief sogar ein Aufklebeetikett mit, das die Wahrheit zeigt. Nicht, dass ich Revolte deswegen weniger hassen würde – der Zug ist abgefahren, mit Tempo 200.

Revolte Spiced Etikett

Offenlegung: Ich danke Revolte für die unaufgeforderte und kostenlose Zusendung einer Flasche des Revolte Spiced. Vielen Dank. VIELEN DANK, Ihr Mistkerle.

Willet Pot Still Reserve Titel

Hass im Internet – Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Manche Spirituosen liebt man über alles, manche kann man nicht ausstehen. Das ganze hält sich meist die Waage, für alles findet man Liebhaber und Hater gleichermaßen, das bringt die Subjektivität des persönlichen Geschmacks einfach mit sich. Hin und wieder findet sich aber ein Produkt, das ungewöhnlich viele Freunde hat, und auch eins, das im Allgemeinen gern niedergemacht wird. „Pferdepisse“ ist dabei oft noch ein freundlicher Vergleich, den man findet, wenn man gewisse Communities nach Meinungen über den Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey durchsucht.

Nun will ich hier eine Lanze für diesen Bourbon brechen. Er verdient es in keinster Weise, so runtergeputzt zu werden, ganz im Gegenteil – ich nehme hier mein Fazit vorweg und konstatiere, dass dies für mich ein ganz hervorragender Whiskey ist, einer meiner Favoriten sogar. Mir ist unerklärlich, warum er so viel missgünstige Kommentare auf sich zieht. Dabei ist dieser Bourbon unabhängig vom Geschmack schon sehr spannend – er ist einer der Exoten der amerikanischen Whiskeys, denn er wird nicht wie fast alle Bourbons durch eine Column Still produziert, sondern in einer Pot Still (eventuell, so ist zu lesen, stammt aber ein Teil dieses Bourbons dennoch aus einer Säulendestillation). Und, so bilde ich mir das zumindest ein: das schmeckt man.

Willet Pot Still Reserve Kentucky Straight Bourbon Whiskey Flasche

Bourbontypisch ist zunächst allerdings die Farbe – um die 8 bis 10 Jahre in einem frischen Eichenfass machen sich natürlich bemerkbar (Färbung ist bei Straight Bourbons verboten). Sowohl in der Flasche als auch im Glas gefällt dieses dunkle Kupfer dem Auge.

Auch die Nase wird erfreut – hat man sich über den initialen Lösungsmittelduft hinweggearbeitet, den man von vielen amerikanischen Whiskeys kennt, kommt ein kräftig-würzig-aromatischer Geruch zum Vorschein. Waldhonig, Vanille, Karamell, Milchschokolade; Freunde des Süßen kommen voll auf ihre Kosten.

Und im Geschmack bestätigt sich dieser Eindruck schnell. Sehr viel Eichenwürze, dunkler Kandiszucker, Vanille; darüber noch reife Banane, Bitterschokolade, ein Anflug von Süßholz; im Verlauf eine leicht medizinische Komponente, wie manche Scotches sie aufweist. Vom Mundgefühl her voluminös und dicht. Im Verlauf kommt eine rotpfeffrige, sehr attraktive Schärfe dazu.

Der Abgang ist warm und wohlig, kribbelnd, aber ohne Brennen, 47% Alkohol sind grandios eingebunden. Adstringierend, dennoch lang und süß. Ein Traum gleichzeitig an Komplexität und Wohlwollen, etwas, was man in dieser kombinierten Form kaum anderswo findet. Ein absolut spektakulärer Whiskey, von dem man (nun, zumindest ich) gar nicht genug bekommen kann.

Ich habe den Großteil des Flascheninhalts pur getrunken, etwas, was mir bei nur wenigen Spirituosen passiert. Sehr oft landet mehr als die Hälfte einer Flasche in Cocktails. Nun, für den Willet Pot Still Reserve gehe ich für die Cocktailempfehlung einen halben Weg – wer den Old Fashioned noch nicht kennt, hat eh dringend Nachholbedarf; es ist der ideale Einsteigercocktail für die, die sonst die Monstranz des Purtrinkers hochhalten und Mischgetränke bisher mit abfälligem Grinsen betrachtet haben. Sie werden konvertiert werden, da bin ich mir sehr sicher.

Old Fashioned


Old Fashioned
1 Würfel Zucker tränken mit…
3 Spritzer The Bitter Truth Drops&Dashes Wood
Aufgießen mit 2 oz Bourbon
Leicht umrühren, und mit einem großen Eiswürfel servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Ich hatte erwähnt, dass es mir nicht erklärlich ist, warum er so viel Missgunst auf sich zieht. Nun, einen Grund könnte ich mir vorstellen – die Flasche ist schon sehr extrovertiert gestaltet, einer klassischen Brennblase nachempfunden, mit viel Kinkerlitzchen. Derartiges stößt dem einen oder anderen vielleicht sauer auf, und er lässt sich von diesem Gefühl dazu verleiten, den Inhalt als prätentiös und rein auf Effekt ausgerichtet vorzuverurteilen. Wie wir alle wissen, der Kopf trinkt mit, und entsprechend vermiest einem ein vorgebildetes Urteil schon hin und wieder den Geschmack.

Willet Pot Still Reserve Detail

Eventuell ist es aber einfach das Volumen an Aromen und zusätzlichen Estern, das durch die Pot Still ins Destillat gelangt, das den auf klassischen Bourbon ausgerichteten Gaumen abschreckt. Nun, sollte es das sein, sollten sich die Hater an die Nase fassen und überlegen, ob sie nicht selbst das Problem sind. Für mich persönlich ist der Willet Pot Still Reserve jedenfalls die Messlatte, an dem sich alle Bourbons, die in meinen persönlichen Whiskeyolymp aufsteigen wollen, messen lassen müssen.

Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Titel

IGP, AOC und andere ggAs – Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe

Redet man über Rhum Agricole, beginnt das Missverständnis meist schon im ersten Satz. Selbst Rumexperten verwenden die allerersten Basisbegriffe wie „agricole“ oft, ohne eine wirklich klare Vorstellung davon zu haben, wie komplex die rechtliche und terminologische Lage diesbezüglich ist. Ich will gar nicht auf diese Schwierigkeit eingehen, sondern einen großen Schritt von dieser schwierigen, für mich selbst noch unklaren Schwammigkeit nach vorne an die klar definierte Front machen, und dabei das immer noch häufig gehörte Missverständis aufklären, dass jeder rhum agricole automatisch nach den strengen Regeln des AOC hergestellt wird. Die Kette ist eigentlich klar: Nicht jeder Zuckerrohrsaftbrand ist ein Rum, nicht jeder auf französischen Gebieten hergestellter Rum ist Rhum agricole, nicht jeder Agricole aus derartigen Gebieten ist AOC.

AOC, Appellation d’Origine Contrôlée, ist ein Schutzmechanismus, der nur an sehr ausgewählte Produkte der teilnehmenden Länder vergeben wird (bei dieser französischen Variante eben Frankreich und Schweiz); bei weitem nicht jeder rhum agricole erhält ihn. Zur Zeit hat nur die Insel Martinique das Recht, ihren Rum, der nach diesen sehr explizit formulierten Regeln hergestellt wird, mit diesem Siegel zu markieren. Ein Beispiel für ein nicht-AOC-Rum-produzierendes französisches Gebiet ist Martiniques Nachbarinsel Guadeloupe. Um die Sache zu verkomplizieren, ist der Rum, der dort hergestellt wird, trotzdem auch geschützt – nicht über das AOC-Siegel, sondern über dessen kleinen Bruder, das IGP-Siegel (Indication Géographique Protégée). Kleiner Bruder deshalb, weil die Strenge der Vorgaben, was die Produktionschritte angeht, in diesem Fall doch erkennbar geringer ausfällt – statt detaillierten Vorgaben reicht es schon, wenn die Herstellung allgemein in der angegebenen Region erfolgt, um das Siegel bekommen zu können, das von der EU verliehen wird, nicht von einer unabhängigen Kontrollinstanz, wie das bei AOC der Fall ist.

Wir betrachten in diesem Zusammenhang einfach mal einen Rum – der Damoiseau VO Rhum Vieux Agricole Guadeloupe ist so ein Produkt der Insel Guadeloupe, das das IGP-Siegel trägt. Er wird in der Bellevue-Destillerie für den langjährigen Besitzer der Destille, Damoiseau, den größten Rumhersteller Guadeloupes, gebrannt, und lagert dann mindestens 3 Jahre im Eichenfass, um die Alterskategorie „VO“ zu bekommen.

Damoiseau Rhum Vieux Agricole VO Flasche

Für diese kleinen 3 Jahre weist der Rum eine überraschend kräftige Farbe auf, ein dunkles Kupfer mit goldenen Reflexen. Das lädt direkt dazu ein, die Nase ins Glas zu halten – dort findet man dann erstmal ein schönes Entrée von Zitrusfrüchten. Agricoletypische Noten tauchen schnell auf, Heu und Malz. Leise Anklänge von Kaffee und Schokolade, im Untergrund etwas Pferdedecke.

Der Geschmack überrascht dann zunächst leicht. Honig ist ganz deutlich präsent, ebenso Schwarztee. Passend dazu ist der Eindruck richtig süß, mild, ohne echte Kante und Ecke. Vollmundig und dicht, der Damoiseau VO fühlt sich fast schon dickflüssig im Mund an, wenigstens aber ölig. Leicht grasige Aromen, begleitet von etwas kühler Eukalyptusschärfe im Verlauf. 42% Alkoholgehalt kann man im Ansatz riechen und schmecken, ein paar Jahre mehr werden für noch bessere Einbindung sorgen.

Der Abgang wird sehr trocken, der ganzen Süße im Antrunk spottend. Ansprechend mittellang. Im Nachhall entdecke ich Vanille, noch mehr Heu. Sehr warm und wohlig läuft der Rum den Rachen hinunter und verweilt dort etwas. Ich finde das einen perfekten Rum für Leute, die bisher eher Süßrums im Blickfeld hatten und Agricoles mit Misstrauen beäugen, die grasig-holzigen Komponenten schwierig finden und sich eher gemütlich verwöhnen wollen. Der Abgang ist für diese vielleicht etwas ungewohnt würzig, doch nie unangenehm.

Es gibt unendlich viele Cocktailrezepte, die Rum einsetzen, in all seinen Spielarten. Meist ist dabei rhum agricole nicht die Zutat der Wahl, denn sein doch leicht anderes Aromenprofil würde dafür sorgen, dass die Gesamtaromatik in eine sehr andere Richtung kippt. Für den Damoiseau VO gilt das meines Erachtens nicht – er passt sich gut in Standardrumrezepte ein. Der Agricole Malecon zeigt dies; er wird normalerweise als Malecon mit Melasserum gemacht.

Agricole Malecon


Agricole Malecon
1¾ oz Rhum agricole (z.B. Damoiseau VO)
½ oz Tawny Port
oz Oloroso-Sherry
1 oz Limettensaft
2 Teelöffel feiner Zucker
3 Tropfen Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Erik Lorincz]


Ich kann mit der Art von Schraubverschluss, die sich auf dieser Flasche befindet, bei Spirituosen sehr gut leben – ich brauche keinen Korken, wenn so ein hochwertiger Plastikschraubverschluss es auch tut. Bei dem wirklich richtig guten Preisleistungsverhältnis (man bezahlt in Frankreich im Supermarkt um die 20€ für die 70cl-Flasche) wäre auch jedes Meckern diesbezüglich scheinheilig.

Also, wer sich vor Rhum Agricole bisher gefürchtet hat, greife hier unbesehen zu. Auch bereits Initiierte, die nach einem wirklich milden, vollmundigen Schluck für zwischendurch oder als Cocktailzutat suchen, werden es nicht bereuen, sich diesen Tropfen ins Regal zu stellen.