Wasser marsch! G4 Tequila Reposado, Añejo und Extra Añejo

Die Diskussionen über Spirituosenherstellung, die ich so über allerlei Kanäle verfolge, drehten sich früher fast ausschließlich um Fassreifung und Destillationsmethoden. Erst deutlich später rückte die Fermentation, die eigentlich das Zentrum und der Ursprung fast aller späteren Aromatik ist, in den Fokus der Aufmerksamkeit. Es ist erstaunlich, wie sich das so im Laufe der Zeit verschiebt, es zeigt, wie komplex selbst ein einfacher Schnaps sein kann, was die technische Seite der Herstellung angeht.

Ein Punkt, der hin und wieder zu Marketingzwecken erwähnt wird, ist das eingesetzte Wasser („klar und rein aus der hauseigenen Quelle“), ein von den Diskutanten meist höchst vernachlässigter Grundbestandteil aller Spirituosen – selbst in den trockenfermentierten und -destillierten Spirituosen wie Baijiu wird später Wasser eingesetzt, um zu verdünnen. Dahingehend finden wir es überall wieder, und ein kluger Brenner wird diesen Faktor nicht unberücksichtigt lassen. Manchmal spielt man sogar damit, wie bei den Tequilas aus dem Hause Camarena. Der hier vorgestellte G4 Tequila wird dabei „destilliert mit 50% gesammeltem Regenwasser und 50% natürlichem Quellwasser“, und das soll am Ende einen Unterschied zu den anderen Marken aus der Destillerie El Pandillo (NOM 1579) ausmachen (Terralta und Pasote), die mit anderen Anteilen der Wasserarten hergestellt werden. Schauen wir uns mal drei Ausprägungen des G4 an, namentlich den G4 Tequila Reposado, Añejo und Extra Añejo.

G4 Tequila Reposado, Añejo, Extra Añejo

Ich fange bei dieser Reihe direkt mit dem G4 Reposado an – denn vom G4 Tequila Blanco habe ich eine große Flasche schon vor einiger Zeit erworben, für die ein separater Artikel veröffentlicht werden wird. Dieser Reposado wird „mindestens“ 6 Monate gereift (und per Kategorie automatisch weniger als 12), dafür werden gebrauchte Bourbon-Fässer von Jim Beam und Jack Daniel’s verwendet – einen leichten strohigen Schimmer geben sie an das Destillat ab. Erkennbar viskos schwenkt sich der Tequila, die Beine laufen einigermaßen schnell aus einem ausgefransten Saum ab. Riecht man am Glas, findet man alles, was einen leichtgereiften Tequila ausmacht – da ist noch viel der Agavenfrucht, etwas Zimt, Lavendel und Anis; der vegetale Charakter des Basisdestillats bleibt erkennbar, wird ergänzt um vorsichtige Holznoten von gerösteter Mandel und Kokosnuss. Im Mund springt zunächst eine freche und unerwartete Säure nach vorn, die im Verlauf abebbt, aber bis zum Abgang erkennbar bleibt. Der Geschmack ist sehr kräuterig, mit wirklich definiertem Agavenfleisch, allerlei Grünzeugs und Dill. Ein leicht buttriges Mundgefühl spielt mit der auftauchenden, herben Trockenheit. Sehr würzig und mildscharf, da finde ich viel Salz und schwarzen Pfeffer, der aus der Aromatik entsteht und nicht aus den für Tequila sehr üblichen 40% Alkoholgehalt. Im mittellangen Abgang finden sich dann zusätzlich zu all dem noch etwas Karamell und Vanille – bis zum langen, nun wieder sehr grünen, vegetalen Gewächshausnachhall mit einem blumigen Charakter.

G4 Tequila Reposado

Ein toller Ausbau eines eh schon großartigen Tequilas, an dem man erkennen kann, dass eine Reifung auch bei Tequila, gut gemacht, vorsichtig angegangen, mit einem soliden Basisdestillat, feine Nuancen mit ins Produkt bringen kann.

Für die nächsthöhere Reifungsstufe, den G4 Añejo, werden dieselben Fässer, die ich oben schon beim Reposado erwähnt hatte, eingesetzt. Mindestens 18 Monate (auch hier gilt, dass die Obergrenze durch die nächsthöhere Kategorie gesetzt wird, das heißt 3 Jahre) wird dieser Tequila in jenen Fässern gelagert – für viele Spirituosen ein lächerlich kurzer Zeitraum, für Tequila durchaus schon so lange, dass man beginnen muss, aufzupassen, nicht die Art von Holzigkeit ins Destillat zu kriegen, die Bourbonhersteller erst ab 12 Jahren, Scotchproduzenten erst ab circa 25 Jahren und Brandydestillateure vielleicht ab 50 Jahren leise fürchten.

G4 Tequila Añejo

Die Nase des G4 Añejo ist erkennbar stumpfer, seifiger, weicher, ohne aber komplett die helle Charakteristik eines Tequila abzugeben. Orange, Birne, Banane, roter Apfel – im Vergleich zum Reposado nimmt die Fruchtigkeit doch deutlich zu, und eine rosige Blumigkeit ist neu. Im Mund ist das ganze noch deutlicher spürbar: sehr viel schwerer, voller, tiefer im Register ist der Añejo im Vergleich zum Reposado. Noch mehr Butter, Karamell, schon fast Toffee sind nun die beherrschenden Noten, die der immer noch vorhandenen Agavenfrucht schon erkennbar den ersten Platz in der Aromatik streitig machen wollen. Reife Früchte wie Pfirsich tauchen auf, geblieben ist dafür die Pfeffrigkeit und Würze, und die starke Salzigkeit. Derselbe Alkoholgehalt von 40% fällt hier noch weniger auf als beim jüngeren Bruder. Im Abgang wird das ganze von der Süße übernommen, das Fass dominiert hier nun recht deutlich, die Rosenkomponente hallt lange nach, wenn der G4 Añejo schon lange aus dem Mund verschwunden ist. Das ist sehr schwer im Vergleich zu der etwas jüngeren Reifungsstufe, und ist ein Beweis für die angesprochene Vorsicht, die man als Hersteller diesbezüglich walten zu lassen hat.

Die höchste (und historisch paradoxerweise neueste) Ausbaustufe ist schließlich der G4 Extra Añejo. Mindestens 3 Jahre Reifungsdauer ist die Voraussetzungen, diese Bezeichnung erhalten zu dürfen. Erneut weise ich darauf hin, dass ich nicht viel davon halte, Tequila lang zu reifen – den blumig-fruchtigen Charakter, der Tequila ausmacht, überdeckt man meist einfach nur mit generischen Fassholznoten, die man überall findet. Man raubt diesem edlen Produkt durch lange Reifung oft mehr, als man ihm gibt.

G4 Tequila Extra Añejo

Farblich jedenfalls lohnt es sich nicht, die zusätzliche Zeit zu investieren: man muss ein genaues Auge haben, um die leicht gelblichere Nuance im Ton erkennen zu können. Auch vom Verhalten im Glas ist praktisch kein Unterschied vorhanden, alles, was ich zum optischen Eindruck des Añejo sagte, gilt entsprechend auch für den Extra Añejo. In der Nase unterscheiden sich die beiden dann aber schon – der Extra Añejo wirkt sehr harzig, erinnert mich fast schon an Mastiha. Die Fruchtigkeit des Añejo wurde durch die längere Lagerung fast vollständig durch holzige Noten ersetzt, und insgesamt an Komplexität reduziert. Auch im Mund geht für mich das so weiter – Anflüge von Vanille, deutlich Zimt, aber irgendwie weniger Körper und weniger Breite. Die Süße ist zurückgenommen, eine stärkere Trockenheit nimmt überhand. Die Agavenfrucht erkennt man erst im späten Verlauf, und selbst da nur kurz. Der Extra Añejo wirkt irgendwie schließlich schal im Mundgefühl, und die auch hier vorhandenen 40% wirken sehr viel unrunder eingebunden als bei den jüngeren Geschwistern. Deutlich mehr Feuer, Chili und weißer Pfeffer, alles geht bis in den sehr prickelnden und heißen Abgang über, der aromatisch sehr kurz ist. Im Nachhall tauchen ganz spät schließlich doch noch die floralen Agavearomen auf, wegen denen ich Tequila trinke – zu spät. Denn persönlich gesprochen haben wir hier, für meinen Geschmack, die Obergrenze dessen erreicht (und, um wirklich ganz ehrlich zu sein, bereits überschritten), was man Tequila zumuten kann; selbst ein so gutes Basisdestillat wie das des G4 wird einfach erschlagen durch die lange Reifung, da ist für mich nur noch trockenes Holz und scharfer Pfeffer. Das mag für den einen oder anderen ansprechend sein, doch der Wunsch nach Reifungsaromen und dem oberflächlichen Korrelieren von Alter mit Qualität vieler Konsumenten führt hier und bei anderen langgereiften Tequilas einfach zum Verlust des Charakters. Quod erat demonstrandum.

In Cocktails setze ich eigentlich fast ausschließlich Blancos und Reposados ein, wenn nach Tequila gerufen wird – die älteren Tequilas machen aus oben genannten Gründen nicht mehr so viel her in Mixed Drinks. Will man etwas Knackiges, Fruchtiges, nimmt man einen Blanco, sucht man nach etwas gemilderten, weicheren Agavenaromen, nimmt man einen Reposado – so wie hier im Elixirita. Ein wahnsinnig toller Drink, mit Erinnerungen an den modernen Klassiker Tommy’s Margarita, noch weiter gerundet durch den Einsatz eines Schusses Cognac.

Elixirita Cocktail


Elixirita
2 oz Tequila Reposado
1 oz Limettensaft
½ oz Agavensirup
¼ oz Cognac
Auf Eis shaken.
[Rezept nach H. Joseph Ehrmann]


Es geht einem ja oft so, dass man denkt, man kennt eine Spirituosenkategorie einigermaßen, und trifft dann auf eine Marke, die für den Gaumen einen derartigen Quantensprung vollzieht, dass man nicht glauben konnte, je etwas anderes richtig gut gefunden zu haben. Für jemand, der vorher noch keinen dieser modernen und gleichzeitig sehr traditionellen superhochwertigen Tequilas kannte, kann der G4 genau so ein Quantensprung sein. Und auch für mich, der sich schon mit dem einen oder anderen Traumtequila auseinandergesetzt hat, ist der G4 einer derer, die einen Großteil der restlichen Tequilaproduktion weit in den Schatten stellt. Für mich ist der G4 Blanco einer der besten Tequilas, die ich je im Glas hatte, und die gereiften G4s sind in ihrer jeweiligen Kategorie ähnlich herausragend (ich nehme den Extra Añejo einfach mal aus, mir missfällt die gesamte Altersgruppe grundsätzlich). Ich empfehle allerdringendst jedem, diese Agavenbrände auszuprobieren.

Offenlegung: Ich danke fifteenlions für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples des G4 Tequila.

Veganer Pechuga – Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca

Aromatisierte Spirituosen finden sich zuhauf in den Regalen der Spirituosenhändler – jede Gattung hat ihre eigene Art, mit dem Wunsch nach Abwechslung umzugehen. Scotch aromatisiert über Fassfinishes mit Sherry- und Portgeschmäckern (ja, für mich ist das Aromatisierung), manche Hersteller fügen ihrem Bourbon mehr oder weniger natürliche Honig- und Zimtaromen hinzu, und bei Rum gibt es mit Spiced Rum sogar eine eigene Kategorie für kaum mehr als Rum zu erkennende Produkte – bis zum völlig grenzenlos aromatisierten Vodka, den es in praktisch jeder Geschmacksrichtung gibt, die den Käufer ansprechen mag.

Auch bei Mezcal gibt es eine Kategorie, die sich mit zugegebenermaßen hin und wieder gewöhnungsbedürftigen Aromengebern schmückt. Pechuga ist in der bekanntesten Variante mit diversen Früchten, Gewürzen und Hühnerbrust aromatisiert – nicht mazeriert oder zum Endprodukt hinzugegeben, wie das bei den anderen oben erwähnten Beispielen geschieht, sondern vor einem weiteren, zusätzlichen Destillationsschritt, so dass nur nuancierte Feinheiten später in der Flasche landen, nicht überwältigende, das Destillat maskierende Aromen. Der Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca ist nun aber kein klassischer Pechuga, denn es wird hier in ein Destillat aus Espadín-Agaven statt der namensgebenden Hühnerbrust ein veganer Mix aus Mango und Habanero-Chilis gegeben.

Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca

Da die Mango und die Chilis erst vor der letzten Destillation zugefügt werden, kommt natürlich nichts des eventuell dadurch entstandenen Farbstoffs oder von Partikeln ins Endprodukt – entsprechend sehen wir einen glasklaren, ungetrübten und einschlussfreien, klaren Brand vor uns, der sich leicht schwer im Glas beim Schwenken bewegt.

In der Nase merkt man zunächst erstmal auch noch nichts von der Aromatisierung – da riecht man einen klassischen, leicht rauchigen, sehr würzigen Mezcal. Hm, ich revidiere – etwas Tropenfrucht ist vielleicht doch da, die gut zusammen mit der deutlichen Agavenfrucht spielt. Und leicht zwicken tut es auch, sind das die Habaneros? Beeren sind da, Birne vielleicht, ja, ein Anflug eines Williams-Christ-Birnenlikör. Ein sehr komplexes Geruchsbild, auf jeden Fall, und hochattraktiv dazu.

Im Mund überrascht der Mezcalosfera völlig: diese ungewohnte Mischung aus klassischen Mezcalgeschmäckern mit etwas Blumigen und Würzigen ist verrückt. Sehr trocken, extrem würzig, sehr breit und tief ist das in keinster Form etwas, wie wir uns landläufig aromatisierte Spirituosen vorstellen: vordergründige Honig- oder Zimtaromen machen normalerweise alles platt, was sonst da ist. Hier ist das nicht so, im Gegenteil. Die Mango ist allerhöchstens zu erahnen, die Habanero-Chilis ebenso, und doch sind sie im Gesamtbild irgendwie da, ohne dass man sie wirklich greifen könnte. Recht salzig, sehr umami, rauchig und vegetal wirkt das, mit Anflügen von Zitrus und Speck gleichzeitig. Sauer, wild und frech, dabei mit genug süßem Körper, um dagegen halten zu können und das Bild nicht kippen zu lassen. 46,6% sind gut gewählt und sorgen für zusätzliche Kraft.

Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca Glas

Der Abgang ist sehr lang und floral, supertrocken, etwas fleischig und rauchig, ohne dabei übermäßig zu überwältigen. Um es erneut zu betonen – das ganze wirkt nie aromatisiert oder künstlich. Die zusätzlichen Zutaten sorgen nur für weitere Tiefe und ein paar besondere Aspekte. Richtig gut gemacht und voller Charakter, selbst nach einigen Minuten hat man noch Aromen im Mund.

Diese Spirituosenkategorie ist normalerweise keine, die man üblich in Cocktails kombiniert, weil sie irgendwie schon etwas Rezeptiertes, Zusammengestelltes hat, und man die nur feinen Nuancen des besonderen Herstellungsprozesses damit nicht genug würdigt. Dennoch kann ich nicht widerstehen – diese leichte Erinnerung an Birnenlikör, die ich im Mezcalofera entdeckt hatte, ließ mich nach einem Cocktailrezept suchen, in dem Mezcal mit Birne kombiniert wird, um das ganze noch etwas zu definieren. Im Suzette au Bal ist der Mezcal nicht der Hauptdarsteller, dennoch sorgt er durch seine Eigenheit für ein tieferes Gesamterlebnis.

Suzette au Bal Cocktail


Suzette au Bal
1 oz Suze
½ oz Williams-Christ-Likör
½ oz Mezcal
⅔ oz Zitronensaft
⅓ oz Zuckersirup
1 Spritzer Miraculous Foamer
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Alexandre Girard]


Ich bin ein Etikettenfreund. Ich lese gern Details auf Etiketten nach – und werde oft mit Marketingmüll allerlei Couleur belästigt, lese dann von legendären Familienmitgliedern, fantastischen Produktionsorten, geheimnisvollen Herstellungsweisen und Rezepturen, oder von der (für mich persönlich nicht wirklich nachvollziehbaren) Begeisterung, mit der ein Büroarbeiter sich einen obskuren Landesheiligen ausgesucht hat, der ungefragter und unfreiwilliger Namenspate für das neue Produkt sein darf. Gähn. Hier dagegen – eine Tabelle mit Details. Echten, harten Fakten. Agavenart, Höhenmeter, Ofenart, Dauer und Art der Fermentation, verwendetes Wasser, Zeitpunkt und Menge der Destillation. Und mehr. Das ist ein Traum – wenn ich wählen dürfte, alle Spirtuosenetiketten sollten genau so gearbeitet sein wie dieses. Transparenz pur, und mit nur 250 hergestellten Litern auch noch echtes traditionelles Handwerk. Da schmeckt mir der Schnaps gleich dreimal so gut: Bei mir trinkt der Kopf mit.

Offenlegung: Ich danke fifteenlions für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines Samples dieses Mezcals.

Sex sells (solange er hetero ist) – Bulleit and Beer Limited Edition

Seit 25 Jahren ist Homosexualität in Deutschland straffrei; 1994 wurde §175 vollständig abgeschafft. Wir als Gesellschaft sind dennoch noch richtig weit davon entfernt, die vielen Formen von sexueller Identität, die es gibt, als naturgegeben zu akzeptieren. Kaum etwas ist mehr durchdrungen von Angst, Unwissen, einfach nur Dummheit und Doppelmoral. Selbst hochrangige Politikerinnen reißen unter lautem Gelächter ihre platten Stammtischwitze über Transgender, oder sind lesbisch und polemisieren dann, wenn es dem Wählerwillen passt, gegen die Ehe für Alle. Gleichzeitig werden in Deutschland jedes Jahr knapp über 300 Vergehen angezeigt, die aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung geschehen und darum als Hassverbrechen eingestuft werden – das klingt erstmal nach nicht viel, doch die Dunkelziffer ist dabei extrem hoch, um die 90%. Die Täter können aufgrund vieler Aspekte damit rechnen, ungestraft durchzukommen. Und das in einem fortschrittlichen, offenen Land wie Deutschland – über andere Länder, in denen sogar erst vor kurzem die Todesstrafe für Homosexualität eingeführt wurde, sollten wir vielleicht lieber gar nicht erst nachdenken.

Wir als Konsumenten von Spirituosen machen uns selten Gedanken über das Umfeld, in dem ein Produkt entsteht. Ich bin zugegebenermaßen zufrieden, wie sich die Diskussion um Zusatzstoffe in Spirituosen, Produktionsbedingungen und Nachhaltigkeit in den letzten Jahren zumindest unter den fortgeschrittenen Spirituosenfreunden entwickelt hat – und auch viel mehr interessierte Käufer achten auf derartige Aspekte bei ihren Entscheidungen. Für mich persönlich ist der Kauf der Bulleit and Beer Limited Edition auch etwas, über das man vorher nachdenken sollte. Nicht wegen den Produkten an sich, die sind schon in Ordnung, doch ist Firmengründer Tom Bulleit homophob, und zwar so weit, dass er seine eigene Tochter aus der Familie und (nach eigenen Aussagen, denen vom Mutterkonzern Diageo allerdings widersprochen wird) auch aus der Firma gedrängt hat, weil sie lesbisch ist – ihre Partnerin wird bei Familienfeiern ignoriert, ihre Arbeit im Nachhinein schlecht geredet, und diverse andere still diskriminierende Aktionen durchgeführt, die Hollis B. Worth das Leben schwer machen. Leider habe ich die bedrückende Geschichte hinter diesem Whiskey erst nach dem Kauf des hier vorgestellten Sets erfahren, sonst hätte ich davon Abstand genommen. Man lese die Besprechung hier also definitiv nicht als Werbung, sondern im Gegenteil als Hinweis dahingehend, dass man bei Bulleit nicht nur einen Schnaps kauft, sondern auch einen homophoben Geschäftsführer im Amt hält. Jeder sollte seine eigenen Schlüsse ziehen, und da Worth selbst nicht zum Boykott aufruft, will ich das auch nicht tun – die Geschichte ist es aber wert, zumindest zum Nachdenken aufzurufen. Nun aber zum Produkt selbst.

Bulleit Bourbon and Beer Tragerl

Im Tragerl, das speziell für dieses Set designt ist, ist eine breite Aussparung für die Bourbon-Flasche und vier Plätze für die Bierflaschen. Es handelt sich beim Bier durchweg um kleine deutsche Craft-Hersteller, die dem Bierfreund allesamt schon mehr oder weniger gut bekannt sein sollten – BRLO, Landgang, Überquell und Superfreunde.

Das Set, das es für rund 40€ zu kaufen gibt, enthält eine Flasche der limitierten Bulleit Bourbon Tattoo Edition. Außer dem Flaschendesign besteht kein Unterschied zum normalen Bulleit Bourbon. Es wird auch nichts über den Umfang der Limitierung ausgesagt, ich gehe davon aus, dass wir hier eher über viele Tausende Flaschen und eine zeitliche Limitierung reden als über eine echte Flaschenzahlbegrenzung. Die „Tattoos“ auf meiner Flasche wurden von Jess Mascetti, einer Tätowiererin aus New York, gestaltet – man muss genau hinschauen, um gegen den dunklen Bourbon Details zu erkennen, dazu sind die Vorder- und Rücketiketten darüber geklebt, was einen Großteil überdeckt; das wirkt etwas undurchdacht, wertet die Flasche aber trotzdem durchaus auf.

Bulleit Bourbon Tattoo Edition

Zum Bourbon an sich gibt es für mich aus gegebenem Anlass also nicht viel mehr zu sagen als das, was ich bereits in meiner frühen Rezension beschrieb, einer der ersten auf meinem Blog (man ist selbst immer wieder erstaunt, wie man sich sowohl als Schreiber als auch Verkoster weiterentwickelt) – der Bulleit ist ein roggenlastiger Bourbon mit ordentlichen 45% Alkoholgehalt, der in seiner Süße zu überzeugen weiß.

Kommen wir daher direkt zu den Bieren. Das Nachreifen von Bier in Whiskyfässern konnte ich nun schon bei diversen Brauern nachvollziehen, ich finde, dass es Bier eine ganz besondere Note gibt, die ich persönlich sehr mag – wenn es gut gemacht ist. Für die vier hier präsentierten Biere ist noch zu erwähnen, dass es sich bei dreien um zusätzlich noch aromatisierte Biere handelt, beziehungsweise eins sogar ein Mischgetränk ist; ich stehe natürlicher Aromatisierung nicht negativ gegenüber, dazu gibt es zuviele uralte Rezepturen, die nur in der industriegetriebenen Vermarktung eines Pseudo-Reinheitsgebots verloren gegangen waren.

So ähnelt die Zutatenliste des Überquell Julebryg Barrel Aged beispielsweise einem Witbier, Weizenmalz, Koriandersamen und getrocknete Orangenschalen sind typisch für diesen Stil. Aromatisch muss das 2017 gebraute und dann auf unbestimmte Zeit fassgereifte Bier natürlich dann ganz anders als das leichte, frische Witbier sein – oder? Ich sage schonmal vorab: nicht wirklich.

Überquell Julebryg Barrel Aged

Selbst wenn man das Bier gegen Licht hält, fallen nur leichte Farbänderungen auf – das dunkle Braun ist fast blickdicht. Perlage ist nicht erkennbar, der grobblasige Schaum, der zu Beginn schon nur dünn ist, verschwindet schnell vollständig. In der Nase riecht man Zitrusfrucht, Limettenschale, aber auch direkt Whiskyfassnoten von Holz und Vanille. Etwas Banane vielleicht noch. Der Antrunk ist sehr unerwartet sauer, das hätte ich durchaus als Gose durchgehen lassen. Eine verrückte Mischung aus Gewürz-, Whisky-, Sauerbier- und Fruchtnoten durchtanzt den Mund. Die Säure dominiert bis zum sehr bitteren Schluss, wo im Abgang dann tatsächlich Sternanis auftaucht. Dieser und Muscovadozucker geben aber nicht wirklich eine weihnachtliche Note dazu („Julebryg“ ist eigentlich ein dänisches Weihnachtsbier), sondern mehr Würze, und die Hopfensorten East Kent Golding, Perle, Mosaic und Sorachi Ace sorgen für Fruchtpower. 8,0% Alkoholgehalt bringen festliche Feierlaune. Da ist viel Spannung und Unruhe in diesem Bier, die Fassreifung bringt nur etwas Tiefe und unterschwellige würzige Süße sowie Bourbonaromen im Nachhall dazu. Persönlich finde ich es sehr ungewöhnlich, ein Sauerbier fasszureifen – aber, wie man hier sieht, birgt selbst das viel Potenzial, auch wenn man Sauerbier sicher mögen muss, um das Julebryg Barrel Aged zu schätzen. Die Kombination aus sehr rezenter Frische mit frecher holziger Bittere gefällt zumindest mir mit jedem Schluck mehr.

Auch im BRLO Bulleit Barrel Aged Imperial Stout findet sich eine unerwartete Zutat: Rosinen. Das passt sicherlich zum dunklen, schweren Bier, das dazu noch drei Monate in Bourbonfässern ruhte. Mit 12% Alkoholgehalt ist es das stärkste der vier Biere hier, und sicherlich auch das dunkelste – es fehlt fast nichts zur totalen Schwärze, der feine, cremafarbene Schaumkranz am Glasrand hellt das ganze nur leicht auf, auch wegen der starken Öligkeit. BRLO Bulleit Barrel Aged Imperial Stout

Extrem feinperliges Mousseux, das man trotz der völligen Blickdichte erkennen kann, speist ihn eine ganze Weile lang. Im Unterschied zu einem ungereiften Imperial Stout finde ich hier deutliche Holz- und Vanillenoten, die Süße des Bourbon ist hier schon spürbar. Sahne, Latte Macchiato, milde Kaffeeröste, deutlich geröstetes Malz – ein sehr süßlich-runder Geruch. Auch das Mundgefühl sortiert sich so ein, das fühlt sich an wie ein Milchkaffee mit Doppelrahmstufe oben drauf. Sehr fett und breit. Knallige 80 IBU aus dem Herkules-Bitterhopfen sind für ein Imperial Stout nicht ungewöhnlich, machen sich aber erst im langen Abgang bemerkbar, der interessanterweise mit Wintergrünöl ziemlich blumig wird. Die Aromatik ist natürlich sehr dunkel, die Rosinen tun ihren Teil dazu, für Trockenfruchteindrücke zu sorgen, die die ansonsten dominierenden Röstnoten und Nussigkeit etwas auflockern. Ganz klar ist die Bourbonfassreifung erkennbar, sowohl die Holzigkeit als auch die typischen Bourbongeschmäcker meine ich zu erkennen. Den üppigen Alkoholgehalt spürt man tatsächlich, da ist viel Hauch im Abgang. Das ist ein Bier, das ich als Dessert empfehle, das Milchspeiseeis, Kaffee und Digestif in einem kombiniert. Sehr gelungen gerade in der Milde, die Kratzigkeit, die ich bei einigen anderen Imperial Stouts immer wieder finde, ist hier völlig abwesend.

Einen Schritt zurück, aber nur einen kleinen, machen wir mit dem nächsten Bier: Das Landgang Hop the Barrel Barley Wine weist immer noch 10,3% Alkoholgehalt auf. Landgang Hop the Barrel Barley Wine

Man sieht schon beim Einschenken, dass die Kategorie „Barley Wine“ ihren Namen zu recht trägt – da ist nach wenigen Sekunden jedwede Anwandlung von Schaumbildung direkt verschwunden, ein paar vorsichtig aufsteigende Luftbläschen sind das einzige, was die Flüssigkeit von Rotwein unterscheidet, denn auch die Farbe ist braunrot. Das Auslassen der Filtrierung sorgt für ein starkes Opalisieren. Halten wir die Nase ins Glas, so können wir gleich bei den Weinanalogien bleiben. Ich fühle mich an einen Barrique-Wein erinnert, milde Säure, leichte Zitrusfrucht, Mango und Banane. Viel Holz und Vanille. Im Mund erlebt man ein buntes Farbenspiel – leichte Rauchigkeit, viel Holz, dunkles Malz (es kommt auch Roggenmalz zum Einsatz, das gibt schmeckbaren Charakterunterschied). Eine traubige, mildsäuerliche Weinigkeit kombiniert sich mit schön blumigen Kopfnoten. Dazu viel reife Frucht. Vom Mundgefühl her fett, voll und tief zugleich – selbst die Rezenz wurde nicht vergessen. Der Abgang ist äußerst rund, dazu warm (hier spürt man den Alkoholgehalt, doch nicht unangenehm), mittellang und nur noch mildherb, Süße und Trockenheit wechseln sich ab. Ein toll im Fass ausgebautes Bier, das durch seine extreme Rundheit, Balance und herrliche Komplexität punkten kann.

Zu guter letzt kommen wir zu einer für Craftbierfanatiker schwierigen Kategorie, einem Biermischgetränk. Diese Kategorie hat im letzten Jahrzehnt so viel Mist gesehen, dass einem als Bierfreund schlecht werden kann, weil hier alles an Chemie und Kunst (im negativen Wortsinn) verklappt wurde, was das Labor zu bieten hatte. Das Superfreunde & The Dudes Beerzebulb IPA Infused with Bulleit Bourbon will ich eigentlich wirklich nicht in eine Schublade mit den Schöfferhofer Grapefruits und Desperados stecken, denn hier kommt kein künstliches Aroma, sondern echter Bourbon als Aromageber zum Einsatz.

Superfreunde & The Dudes Beerzebulb IPA Infused with Bulleit Bourbon

Nach dem Eingießen hat man eine schöne, gemischtblasige Schaumkrone, die nach einigen Minuten in sich zusammenfällt. Die Farbe ist gebrannte Siena, eine starke Trübung lässt nur wenige Lichtstrahlen durch die Flüssigkeit fallen. Geruchlich finde ich das Beerzebulb direkt spannend – diese seltsame Mischung aus Bourbon und hopfigem Bier spricht mich an. Bittere Hopfenfrucht, nicht allzu zitruslastig, in Kombination mit malzig-vanilliger Süße. Auch im Mund finde ich dieses Gegeneinanderspielen sehr attraktiv, die Eindrücke wechseln ständig zwischen holzig, süß, bitter und sauer, man weiß kaum, wo man hinschmecken soll – keine der Komponenten, Bier und Bourbon, überwältigt die andere, im Gegenteil, beide zeigen sich vorteilhaft. Obwohl breit und cremig im Mundgefühl bleibt es vom Eindruck dennoch ein IPA – die Bittere schlägt erst ganz am Ende des langen Abgangs zu, hinterlässt dazu eine starke Astringenz auf der Zungenspitze und viel trockene Holzigkeit. Das ist sicherlich nicht ein Biermischgetränk für jedermann, ich finde es charaktervoll und sehr interessant gemacht – das ist was, was ich gern öfter mal trinken würde; mit 7,5% Alkoholgehalt hat das mit Bourbon gemischte Beerzebulb IPA auch die ideale Kraft, mir als Cocktailersatz dienen zu können.


Das Fazit fällt gemischt aus. Ich finde die Idee richtig gut, ein Set anzubieten, das fassgereiftes Bier mit dem Whisky zusammenbringt, der vorher in dem Fass lag. Die Biere sind für mich alle sehr gut ausgeführt, denn ganz so einfach, wie es sich anhört, ist Fassreifung bei Bieren auch nicht – ich habe schon garstiges Zeug getrunken, das nach alten Socken und gammligem Schinken schmeckte. Um so erfreulicher, dass hier sehr unterschiedliche Bierstile zum Vergleich vorliegen, man kann hier wunderbar nachvollziehen, was der Whisky mit dem Bier macht. Dahingehend eine tolle Produktidee.

Als Tip, wer die einleitende Diskussion ernst nimmt und sich mit Bulleit nicht mehr anfreunden will – die Biere gibt es auch separat zu erwerben. Das wäre auch zum Schluss dann meine persönliche Empfehlung: Die Biere sind nämlich echt gut und es wert, probiert zu werden, und außerhalb des Sets nicht teurer als zusammen mit einem Bourbon, der zumindest mir unappetitlich geworden ist.

Städtebierpartnerschaft Homburg/Seattle – Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell

Im Saarland war es lange gang und gäbe, wenn ich den Aussagen meiner bierophilen Kollegen trauen darf, Bier in Literflaschen, sogenannten „Literbomben“ oder „Libos“, zu erwerben. Ich bin seit 10 Jahren im Saarland, habe diese spannende Phase der hiesigen Bierkultur verpasst, heutzutage geht es ja eher mehr hin zu immer kleineren Gebinden – die Drittelliter-Longneck-Flasche ist zusammen mit dem „Stubbi“ wahrscheinlich die heute beliebteste Konsumform von Bier im Saarland, wie überall in Deutschland. Persönlich mag ich derartige Gleichmacherei eigentlich nicht. Mit dem Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell lässt der saarländische Bierplatzhirsch die „gute alte Zeit“ der Literbombe wieder ein wenig aufleben, und öffnet sich gleichzeitig durch die Zusammenarbeit mit einer amerikanischen Craft Brewery auch der frechen modernen Bierkultur – eine schöne Spannung, die durch diesen scheinbaren Widerspruch entsteht.

Die große Bügelflasche trägt ein passendes, vielsagendes Etikett – der witzige, auf einem Bierfass balancierende Elefant schwenkt eine Collaboration-Brew-Fahne, der Hintergrund des Etiketts ist im traditionellen Karlsberg-Grün gehalten. Schön gestaltet, modern und gleichzeitig in die klassische Produktpalette passend; da war ein guter Marketeer am Werk. Nur 222 Flaschen dieses hellen Bockbiers mit 6,5% wurden abgefüllt, meine war die 15. davon, was handschriftlich auf dem Etikett eingetragen ist. Da die Haltbarkeit scheinbar durch Handabfüllung drastisch gesenkt wird, habe ich in bester Kollegialität meine Flasche in einem Büro-Bier-um-Vier-Termin mit einigen Kollegen geteilt, das beste, was einer Literflasche passieren kann – schließlich bin ich Biertrinker, nicht Biersammler.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell

Für einen guten Bock braucht man eine stabile Malzbasis, diese wurde hier mit Pilsener-, Münchener- und Wiener-Malz gelegt. Das äußert sich in der Farbe – das Wort „hell“ in der Stilbezeichnung „heller Bock“ ist dabei natürlich relativ zu sehen, da ist viel kupfernes, fast schon kristallklares Strahlen. Feiner, dünner Schaum bleibt nach dem Eingießen zurück (die Variante frisch vom Fass – siehe unten – konnte dabei natürlich viel mehr auftrumpfen). Die Nase ist sehr hopfenfruchtig: Die für den Stil auch erwartete leichte Hopfigkeit entstammt den schon gut bekannten Aromahopfen Chinook, Magnum, Hallertauer Mittelfrüh und dem zumindest mir absolut neuen Mount Hood-Hopfen, diese sorgen wahrscheinlich auch zum Teil für die fetten 51 IBU. Bittere ist entsprechend kräftig vorhanden, dazu kommt aber ein supercremiges, volles und breites Mundgefühl. Malz, Grapefruitschale, ein Hauch Frucht-Sießschmeer (das ist das saarländische Wort für Marmelade), milde Schokolade, da ist viel Geschmack da. Eine nahezu ideale Süß-Sauer-Balance, und eine tolle Rezenz führen zu einem langen, sehr bitter-trockenen Abgang mit langem Nachhall von bitterer Grapefruit und leichter Blumigkeit. Das läuft gefährlich gut den Rachen runter.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell Glas

Hat es mir geschmeckt? Nun, während der Release-Party, die Karlsberg in meiner Stammkneipe schmiss, der Schillers Pop Up Bar in Saarbrücken, habe ich mir 5 Gläschen davon gegönnt, frisch vom Fass. Untenstehend ein paar Eindrücke, nett insbesonders der geschnitzte „Big Time“-Zapfhahn aus Holz. Ich danke auch für die Möglichkeit, einen Schnappschuss eines 30-Liter-Plastikfasses machen zu können, von denen mehrere an diesem Abend geleert wurden. Tatsächlich kamen hier viele Elemente zusammen, die mir das Bock to Hell etwas ans Herz wachsen ließen, in der kurzen Zeit, in der es verfügbar war (inzwischen ist es natürlich schon lange vergriffen) – ein heißer, sonniger Spätnachmittag, nette Unterhaltung mit Bierfreunden, die ich schon aus anderen Biertastings der Saarbrücker Beer Society kannte, Bier frisch vom Fass, gut gekühlt, und die fast genauso coolen Jungs vom Schillers; da kann ein Bier ja gar nicht nicht schmecken.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell Fassprobe

Ja, es hat mir aber auch unabhängig von den äußeren Einflüssen geschmeckt, und ich finde es schön, dass sich Karlsberg auch dem aktuellen Trend zu Collaboration Brews anschließt und so den in den letzten Jahrzehnten vielleicht etwas eng gewordenen saarländischen Bierhorizont erweitert. Ich hoffe, dass Karlsberg das nicht nur als einmalige Werbeaktion sieht, sondern sich derartigen Ideen offen hält, und wir in Zukunft weitere Produkte dieser Art sehen werden – und dann eventuell sogar so, dass mehr als nur eine Handvoll Bierfreunde davon profitiert.

Offenlegung: Ich danke Karlsberg für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche des Bock to Hell. Und Christian vom Schillers, der die Bereitstellung selbstlos in die Wege geleitet und mich mit dem Fläschchen überrascht hat.

Spontankäufe im Discounter – Ron Palma Mulata 7 Añejo Gran Reserva

Ich bin gerade dabei, Flaschen, die ich vor Jahren gekauft hatte, und schon zum Gutteil geleert hatte, nun endgültig zu beenden – ich will tatsächlich meine Heimbar verkleinern, und halbleere, schon Staub fangende Flaschen werden die ersten Opfer sein. Meistens hat es einen Grund, warum die Flaschen nach Anbruch so lange überleben, und es ist oft kein guter. Vor allem bei spontangekauften Supermarktprodukten, wie dem Ron Palma Mulata de Cuba 7 Añejo Gran Reserva, kann man sich mein Fazit also nach dieser Einleitung eigentlich schon irgendwie vorstellen. Ich muss diese Art der Käufe einfach sein lassen. Nun bringe ich es aber doch mal hinter mich, diese Besprechung zu schreiben.

Ein langer Name mit zwei Klärungspotenzialen. Das Wort „Palma“ scheint auf den neueren und redesigneten Abfüllungen weggelassen zu werden; dafür prangt nun das Wort „años“, spanisch für „Jahre“, neben der Zahl 7 auf dem kleinen Flaschenhalsetikett, bei meiner älteren Abfüllung fehlte das, was mich als Skeptiker direkt Fragen stellen ließ. Das Rumgesetz auf Kuba ist diesbezüglich aber klar – 7 heißt mindestens 7 Jahre Reifung. Nicht wie in anderen Gebieten „vielleicht 7 Jahre“, „höchstens 7 Jahre“ oder „irgendwas zwischen 2 und 4 Jahren, aber 7 ist eine schöne Zahl“. „Gran Reserva“ ist normalerweise eine Alterungsstufe bei Solera-Rums, eine Wortkombination, die keinerlei rechtliche oder verpflichtende Bindung hat – wir lesen es mit, verlassen uns aber lieber auf die echte Altersangabe, wenn wir uns ein Schlückchen des Rums ins Verkostungsglas eingießen.

Ron Palma Mulata Añejo Gran Reserva

Wir sehen orangerote Farbe im Glas, mit goldenen Reflexen. Leichte Viskosität beim Schwenken, dazu kommen mittelschnell ablaufende Beine, insgesamt ein schöner Anblick. Geruchlich weiß der Rum meiner Nase sehr zu gefallen – ungewöhnliche, derbere Aromen sind im Vordergrund, Zigarettenrauch, Tabak, Leder. Leichte Fruchtkomponenten kommen dazu, auch diese aber eher vom dunklen Typ, Honigmelone, Rosinen, Feigen. Erinnert mich persönlich durchaus an Cognac. Attraktiv, da ungewohnt und spannend.

Die gesammelten Eindrücke setzen sich im Geschmack fort. Man könnte mir diesen Rum in einer Blindverkostung als einen VS-Cognac unterschieben, und ich würde nicht allzusehr protestieren. Leider ist die gesamte Spannung, die die Nase aufgebaut hatte, im Mund ziemlich schnell verschwunden und auf die Basis reduziert – Rosinen und Mandarinen, sonst ist da wirklich nicht viel. Eine Messung ergibt 7-11g/L Zucker, die man leider auch spürt, mehr sogar, als es bei dieser Menge sein müsste. Kaum Körper, oberflächlich und süß.

Ron Palma Mulata Añejo Gran Reserva Glas

Der Abgang lässt mich leider die aufgezählten Vorteile wieder schnell vergessen. Hier kommt eine beinahe schon unangenehme Süße, auf jeden Fall aber eine langweilige, zum Vorschein. Der Abgang ist kurz und mildbitter, ein leichter Alkoholgeschmack zeigt sich. Eine trockene Pappigkeit macht sich breit, insgesamt eher unangenehm. Leichter Rauchnachhall ist noch das schönste daran.

Insgesamt ist der Ron Palma Mulata de Cuba 7 Añejo Gran Reserva damit ein sehr antiklimaktischer Rum – er beginnt sehr toll und sehr vielversprechend, baut dann immer mehr ab, bis zum fast schon abstoßenden Ende. Dazu kommt die Alkoholstärke von 38%, nur knapp über dem gesetzlichen Minimum: es ist immer ein sicheres Zeichen für lieblose Massenprodukte.

Ich sträube mich immer wieder gegen die Verwendung des Worts „Mixrum“, denn ich trinke eigentlich auch im Cocktail keine Spirituose, die ich nicht pur genießen will. Dennoch sage ich hier einfach mal – wenn man die Flasche eh im Haus hat, dann macht man halt mit dem Ron Palma Mulata lieber einen Mixdrink, in dem er nicht allein den Geschmack tragen muss, sondern Unterstützung von anderen Komponenten kriegt. Und wenn es so viele Zutaten sind wie im Bermuda Punch, dann sind auch die Mängel des Ron Palma Mulata irgendwie nicht mehr ganz so schlimm auszuhalten.

Bermuda Punch


Bermuda Punch
2 oz gereifter Rum (z.B. Ron Palma Mulata Añejo Gran Reserva)
1 oz Dunkler Rum (z.B. Botucal Reserva Exclusiva)
½ oz Falernum (z.B. The Bitter Truth Golden Falernum)
½ oz Aprikosenlikör
1½ oz Zitronensaft
¼ oz Limettensaft
5 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken.

[Rezept nach saveur.com]


In einem Schnäppchen bei Aldi Süd habe ich ihn für 15€ erworben, wo er in der Vorweihnachtszeit verfügbar war; mehr würde ich für diesen Rum auch wirklich nicht veranschlagen wollen. Die rassige, heiße Latino-Dame mit den großen Augen und dem Schmollmund auf dem Etikett hat mich verleitet, ich gebe es zu, ich bin empfänglich für derartige Reize. Nun wird er seine Zeit als Cocktailzutat fristen, bis er leer ist (was zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels bereits geschehen ist); ein Neukauf ist definitiv nicht geplant. Für nur wenig Geld mehr bekommt man bereits einen Havana Club 7, der seinem gleichaltrigen Landsmann in jeder Beziehung um Längen voraus ist, wenn man auf der Insel bleiben will.

Frisch vom Fässje – Bruch’s Barrique Bock

Die Brauerei G.A. Bruch in Saarbrücken ist das zweitälteste Unternehmen des Saarlands, und eine der leider an einer Hand abzählbaren Traditionsbrauereien, die es heute noch in meinem Bundesland gibt. Ihr Zwickel ist für mich das perfekte alltagstaugliche Sommerbier, von dem ich im Jahr so einige Liter gern trinke, und ihr zweimal im Jahr gebrautes Bockbier ist ein Traum. Am neulich stattfindenden Tag der offenen Tür gab es allerdings eine andere Spezialität zu erwerben, die mir sofort ins Auge sprang und der ich dann nicht widerstehen konnte – Bruch’s Barrique Bock. Dazu wurde ein Bockbier ein Jahr in einem Ex-Whisky-Fass gelagert, und danach limitiert auf 450 Flaschen abgefüllt. Schon die Flasche hat mir sehr gefallen – eine ungewöhnliche Form, ohne Etikett, dafür mit einem schön und einfach gestalteten Pappumhänger mit einigen Informationen. Das ganze wirkt optisch auf Anhieb sowohl elegant als auch bodenständig; was taugt das Bier im Glas?

Bruch's Barrique Bock Flasche

Dunkelbraun und so gut wie blickdicht, selbst wenn man es gegen das Licht hält. Leichte Perlage, kein Schaum – schon beim Eingießen verfliegt er direkt. Für ein fassgereiftes Bier keine Überraschung. Etwas überraschend sind dafür aber die so extrem eindeutigen, stark dominierenden Whiskynoten in der Nase – da ist viel Vanille, Bourbon-Aromen, Holz. Zimt und milde Fruchtnoten nach Rosinen und Pflaumen. Eine dezente feuchter-Keller-Note.

Auch im Antrunk ist Whisky sehr präsent, tatsächlich dauert es eine Weile, bis andere Aromen dagegen ankommen – dann finden sich Rosinen, Mango, Orangen, Lakritze. Eine sehr attraktive Erdigkeit und tiefdunkle Töne werden durch hopfige Frische und eine gut erhalten gebliebene Karbonisierung ausgeglichen. Ausgesprochen schöne Balance zwischen dunkelkaramelliger Süße, malziger Würze (ich fühle mich etwas an Schweizer Kräuterzucker erinnert) und frischer Säure sorgen für ein wirlich rundes Mundgefühl. Die knackige Rezenz macht das ganze sogar noch süffig.

Bruch's Barrique Bock Glas

Im wirklich sehr langen Abgang mildrauchig, tatsächlich auch etwas torfig, erdig und sehr malzig. Im ebenso sehr langen Nachhall taucht die starke Frucht des Bockbiers dann auf, vorsichtige Astringenzeffekte und eine leichte Säure bleiben am Gaumen. 11,1% Alkoholgehalt sind eine Hausnummer, selbst für ein Bockbier, und auch wenn man sie nie schmeckt, so spürt man sie nach dem Drittelliter einer Flasche schon.

Selten habe ich ein fassgereiftes Bier getrunken, das so vom Fass beherrscht wird – das Bier selbst ist kaum noch zu erkennen. Dennoch sage ich mit voller Überzeugung, dass dies das mit Abstand spannendste und am besten komponierte Whiskybier ist, das ich je im Glas hatte.

Bruch's Barrique Bock Eichenfass

Beim Kauf dieses Biers hatte ich gleichzeitig noch die Gelegenheit, eine Brauereiführung mitzumachen. Ein kleines Detail fiel mir dabei direkt ins Auge – das Eichenholzfass, das für den Barrique Bock benutzt wurde. Offensichtlich ein frisches Fass, stark getoastet, das vorher 3 Jahre mit einem hauseigenen Whisky belegt war.

Tolle handwerkliche Arbeit eines lokalen mittelständischen Brauers, der Tradition und Innovation verbindet, ohne einerseits müde und träge oder andererseits hipsterig zu werden. Ich hoffe ernsthaft auf eine Neuauflage im nächsten Jahr, denn das für diese Auflage geleerte Fass wurde direkt nochmal neu mit Bockbier belegt – dann werde ich mir mehr als nur 3 Flaschen organisieren.

Kriecherlschnaps – Scheibel Premium Altes Pflümle

Wegen all dem internationalen Zeugs, das ich so probiere, das aus der Karibik, aus Mexiko, Japan, China oder Chile kommt, wirkt etwas so Urdeutsches wie ein Obstbrand fast schon exotisch auf meinem Blog. Ich bin mir jedoch sicher, dass jeder Leser hier etwas Erfahrung mit Obstwässerchen hat, etwas, was man sicher nicht über jede Spirituose sagen kann. Ein spannender Aspekt der Obstbrandkultur hierzulande: Viele der aktuell entstehenden deutschen Rums werden von Obstbrennern hergestellt, auf den vorhandenen Brennanlagen – dadurch entsteht ein ganz eigener Charakter der deutschen Rums; man sieht daran, wie tief diese Verwertung von allerlei Obstsorten in Deutschland verwurzelt ist.

Doch es gibt auch in dieser Kategorie allerlei verschiedene Ausprägungen, die man als aufgeklärter Konsument unterscheiden können sollte. Heute schauen wir uns den Scheibel Premium Altes Pflümle an. Man sieht auf dem Etikett das Wort „Spirituose“ – das liegt daran, dass das Pflaumendestillat nach der doppelten Destillation noch mit Pflaumenextrakt nachgewürzt wird und daher diese allgemeine Verkehrsbezeichnung wählen muss (dazu am Ende noch ein paar Worte). Doch eins nach dem anderen, gießen wir uns erstmal ein Gläschen ein.

Scheibel Premium Altes Pflümle

Im Glas zeigt sich deutlich das blasse Gold, das in der Destillation eingesetzt wurde. Nein, das ist natürlich ein Scherz, ich persönlich halte derartige Gimmicks für Marketing, ähnlich wie das bei der Platin-Filtrierung ist, die ich vor Ort bei einem bulgarischen Wodka-Hersteller begutachten konnte. Aber jedem das Seine. Trotzdem gefällt die Farbe, die dann wohl aus dem Fruchtauszug stammt, der dem Destillat beigesetzt wird. Sehr leicht bewegt sich die Flüssigkeit im Glas.

Die Fruchtaromen entwickeln sich jedenfalls großartig, eine schwere, dicke, fruchtige Süße entströmt dem Verkostungsglas. Pflaume dominiert, ich erkenne Nebenaromen von Apfel und Birne. Ein Traum für die Nase, das ist etwas, woran ich ausgesprochen gern sehr viel Zeit verbringe, bevor ich einen ersten Schluck nehme.

Hoppla, ist das nicht ein Likör? Das ist der Gedanke, der einem in den Kopf springt, wenn man das Alte Pflümle dann doch probiert. Supersüß, sehr rund und weich, ein wirklich genehmer Antrunk. Kandiszucker, Ahornsirup, Malz. Die Fruchtaromen zögern keine Sekunde und springen nach vorn. Im Verlauf kommt eine sehr feine Würze auf, die sich mit einer sich bildenden, aber sehr dezenten Trockenheit zum Ende hin steigert. 43%? Perfekt gewählt, der Alkoholgehalt sorgt für Wumms und Power, um die Süße auszugleichen.

Scheibel Altes Pflümle Glas

Der Abgang ist feurig, sehr lang, fruchtig und wuchtig mit tollem, extrem langen Pflaumennachhall, etwas Vollmilchschokolade und Fruchtmarmelade komplettieren diesen Eindruck, der von einem erkennbaren, aber nicht unangenehmen alkoholischen Hauch abgeschlossen wird.

Diese Art von Obstbrand muss einfach jeden überzeugen. Die sehr ausgeprägte Süße könnte Freunde von trockenem Schnaps zu Beginn abschrecken, doch der Abgang wird auch diese dazu bringen, mehr zu wollen.

Normalerweise kommt Slivovitz in den Moravian Cocktail. Ich ersetze hier den meist eher süßherben tschechischen Brand durch das Alte Pflümle, und bekomme dadurch eine Zucker- und Aromabombe, die mit Vorsicht zu genießen ist – da hat man was im Mund, was Freunde trockener Klassiker ins Diabeteskoma versetzen wird. Hin und wieder brauch ich sowas aber, und wer einen Ersatz für ein Dessert sucht, ist hier bestens aufgehoben.

Moravian Cocktail


Moravian Cocktail
¾ oz Pflaumenbrand
¾ oz Becherovka
1½ oz süßer Wermut
Auf Eis rühren.
[Rezept nach der Be Bop Bar in Prag]


Letztlich hätte ich schon gern etwas mehr Deutlichkeit darüber, was diese „Spirituose“ ist – als solche ist das Alte Pflümle, wie eingangs erwähnt, deklariert. Der zugefügte Fruchtextrakt sorgt dafür, dass es nicht als Obst- oder Pflaumenbrand, und auch nicht als „Pflaume“ (gemäß EU 2008/11 Anhang II 9.f) bezeichnet werden darf – die Spielerei „Altes Pflümle“ ist wahrscheinlich deswegen gewählt, um letzterem etwas nahe zu kommen. Wobei das „alt“ im Namen wieder verwundert, denn man erfährt nichts darüber, ob damit eine (undeklarierte) Reifung der Spirituose gemeint ist, oder eine Anspielung auf die alte Pflaumensorte Haferpflaume, die verwendet wird, sein soll, oder Bezug nimmt auf die bei Scheibel scheinbar vorhandene Destillieranlage „Alte Zeit“. Vielleicht eine Mischung aus allem.

Das sind aber Kleinigkeiten, über die sich ein Spirituosenregelfetischist wie ich sich Gedanken macht, und die dem Genießer nicht im Weg stehen sollten, diesen schönen, fetten, süßschweren Pflaumenschnaps auszuprobieren.

Eine neue Welt – Kizakura Honjozo, Junmai, Junmai Daiginjo Yamadanishiki Sake

Tatsächlich geschieht es bei mir selten. Man denkt nach einigen Jahren als engagierter Spirituosenblogger hat man alles schon gesehen, und kennt eigentlich grundsätzlich alles. Hin und wieder muss man sich aber dann hinterfragen, und sich darüber klar werden, dass es immer Dinge gibt, die es zu entdecken gilt. Bei mir ist das aktuell Sake. Die Leser meines Blogs können hier nun also fast live mitverfolgen, wie es ist, sich mit einem komplett neuen Thema auseinanderzusetzen: ich bin hier eingestiegen als ich allerhöchstens genauso weit wie Ihr wart, liebe Leser.

Beginnen wir mit der Klarstellung – Sake ist keine Spirituose, denn hier wird nichts destilliert. Es ist  also kein Reisschnaps, wie Sake, oder Nihonshu, wie er laut der japanischen Schutz-GI eigentlich benannt werden will, oft bezeichnet wird, und auch kein Reiswein, sondern ein Reisbier. Dahingehend beginnt man eigentlich doch nicht auf der komplett grünen Wiese, sondern man hat, wenn man sich etwas mit Bier und Sherry auskennt, schonmal eine solide Basis, auf die aufgebaut werden kann. Ich kann es nicht vermeiden, zunächst etwas Theorie aufzubereiten, da dies mein erster Sake-Artikel ist. Ich gebe direkt zu, dass die Sake-Klassifikation komplex ist, mir in ihrer Konsequenz und Transparenz aber sehr gefällt, davon können sich manch andere Kategorien eine Scheibe abschneiden. Das folgende Diagramm erklärt eigentlich das wichtigste diesbezüglich auf einen Blick – ich danke sake-talk.com für die freundliche Genehmigung, es hier wiedergeben zu dürfen, man muss das Rad ja nicht neu erfinden, vor allem, wenn es so hübsch und klar aufbereitete Grafiken schon gibt.

The Basic Types of Sake (courtesy of http://www.sake-talk.com/basic-types-of-sake/)

In Folgeartikeln zu anderen Sakes werde ich dann auf einzelne Details der Sakeproduktion eingehen, die wichtig sind, aber für diesen Einstieg dann doch den Artikel überladen würden. Man kann aus diesem Diagramm letztlich aber schonmal mitnehmen, dass es unterschiedliche Qualitäten an Sake gibt, die sich unter anderem aus der Produktionsmethode herleiten – wie stark ist das Reiskorn poliert, wird Alkohol zur Stabilisierung des Alkoholgehalts zugesetzt, mit welcher Temperatur wird fermentiert? So entstehen die großen Kategorien des hochwertigen Sake: Honjozo, Junmai und Ginjo, mit ihren Subkategorien.

Die erste Frage, die man sich als Neuling stellen muss – mit welchen Produkten fange ich an? Ich habe mir absichtlich nichts extrem hochwertiges, rares und besonderes ausgesucht, sondern 3 Sorten eines Herstellers gewählt, die leicht erhältlich und hübsch anzusehen sind; das ist wahrscheinlich der Ansatzpunkt, von dem viele aus starten würden, solange man keine Ahnung hat. Um einen ersten groben Überblick zu bekommen, habe ich mir also in einem Asia-Laden drei Sorten des Herstellers Kizakura eingepackt – Honjozo, Junmai und Junmai Daiginjo Yamadanishiki Sake.

Kizakura Sake Honjozo, Junmai, Junmai Daiginjo

Beginnen wir mit dem Kizakura Honjozo. Honjozo Sake ist die „unterste“ der drei Premium-Sake-Kategorien (tokutei-meisho-shu). Er ist, wie leicht aus dem Diagramm ablesbar, gekennzeichnet durch eine Reispolierrate von höchstens 70%, und einer Versetzung mit Neutralalkohol. Bei diesem Produkt unterschreiten wir das, wir haben 65% Reispolierung. Und darüber hinaus, und das ist besonders, eine Einmischung von 5%  Koshu (also gereiftem Sake).

Wie von tokutei-meisho-shu erwartet, weist die Flüssigkeit kaum Farbe auf, nur eine leicht strohige Note ist da, und ist strahlend klar ohne jeden Einschluss oder Trübung. In der Nase finde ich direkt eine sehr fruchtige, schwere Note nach Pfirsich, rotem Apfel und Ananas. Etwas Lavendel komplementiert das Bouquet. Von Anfang an ist der Honjozo süß und schwer im Mund, ein sehr weiches und cremiges Mundgefühl. Ein dezenter Alkoholhauch, doch erkennbarer als bei den folgenden Junmai-Sakes, begleitet uns immer. Traubig, mildapfelig, etwas nach Birne – sehr aromatisch, dabei aber nie überwältigend. Eine erkennbare Säure sorgt für Frische und gleicht die schwere Süße der Früchte aus. Der Abgang ist leicht alkoholisch, ein Zeichen der Zusetzung von Neutralalkohol, ohne aber je dabei zu stören. Für Sake aromatisch vergleichsweise lang, etwas bitter am Ende, eine erkennbare Kante ist da, mit leichten Betäubungseffekten an den Zungenseiten, und einem sehr trockenen Finish.Kizakura Honjozo Sake

Ich trinke das ehrlich gern. Manche sagen, darunter das Etikett, dass man Honjozo zimmerwarm oder sogar erwärmt trinken soll – ich halte mich daran, das kühl zu konsumieren, und da sorgt es für viele positive Effekte. Die Frucht ist schön ausgearbeitet, das Süßesäurespiel wunderbar kalibriert – ein tolles Getränk, und den zugeblendeten Koshu erkennt man wirklich mit seiner Würze, die in den anderen bisher probierten Sake nicht da ist.

Junmai ist die Bezeichnung für alle Sakes, die nicht mit Neutralalkohol versetzt wurden und auch keine weiteren Zusätze außer den Basiszutaten Reis, Koji und Wasser haben. Eine Art Reinheitsgebot, sozusagen – im eingangs gezeigten Diagramm leicht erkennbar durch die gestrichelten Linien. Neben dieser Klassifizierung, die an andere Kategorien angehaftet werden kann, ist Junmai für sich stehend auch der Name für die nächsthöhere Qualitätsstufe der Premium-Sakes – es wird dafür keine Mindestrate des Reispolierens gefordert. Für den Kizakura Junmai ist dennoch eine Rate angegeben (70%), dazu die Information über Alkoholgehalt (15%). Gern hätte ich noch eine Angabe zu Süße (SMV) und Säure.

Kizakura Junmai Sake

Farblich sehen wir nur ein Hauch von Tönung, noch weniger als Weißwein, dabei klar und strahlend. Keine Viskosität beim Schwenken. In der Nase entdeckt der Kenner einen starken Fino-Sherry-Geruch, dazu milde Hefe und leichte Essignoten. Etwas zusätzliches, vielleicht Frischpilze, ist die unterwartete Komponente. Aber auch Bekanntes, wie Weißwein, dezente Frucht, leichte Blumigkeit. Von allem nur einen Hauch. Geschmacklich bleibt der Kizakura Junmai leicht, süßlich, mit etwas Salzigkeit. Erinnert auch hier wieder stark an Fino Sherry, verdünnt allerdings. Fermentierungsnoten bringen die Exotik, ebenso eine sehr zurückhaltende, aber erkennbare Esterigkeit. Sehr deutlich wird die verringerte Alkoholizität und gefühlt höhere Eleganz im Vergleich zum Honjozo. Im Abgang wird dieser Sake sehr trocken, plötzlich würzig, viel aromatischer als während der Zeit, in der er im Mund ist. Er strahlt dazu eine leichte Wärme aus, obwohl er gekühlt getrunken wurde.

Schon ungewohnt und interessant, ohne sich dabei in Exotik zu wälzen, und bestimmt sehr angenehm als Essensbegleiter zu Fischgerichten oder Sushi als Alternative zu Weißwein. Gut gekühlt ist der Kizakura Junmai auch erfrischend, und schließlich sehr vorteilhaft in einem Sake & Tonic, da er hier seine Würzigkeit gut rüberbringt. Ein schönes Produkt.

Zu guter letzt die laut Klassifikation höchste Qualitätsstufe der hier vorgestellten Sakes – der Kizakura Junmai Daiginjo Yamadanishiki. Das letzte Wort dieses Titels zeigt auf, welche Reissorte eingesetzt wurde (Yamadanishiki ist die am weitläufigsten kultivierte Sake-Reissorte, etwa ein Drittel allen Sake-Reises ist von dieser Varietät). Wie der Name schon sagt, haben wir hier also einen Sake, der zu 100% aus Yamadanishiki-Reis ohne Zugabe von Alkohol hergestellt wurde, mit einer Reispolierrate von höchstens 50%, und der nach der Ginjo-Methode fermentiert worden ist (langsam und bei niedriger Temperatur also).

Kizakura Junmai Daiginjo Yamadanishiki Sake

Die Farbe ist extrem blass, fast schon nicht mehr vorhanden. Keinerlei Trübung ist zu erkennen. Im Glas bewegt sich dieser Sake mühelos und ohne Schwere. Champagner und Riesling rieche ich beim ersten Schnuppern, eine milde Fruchtnote nach Kirsche, und dazu eine leichte Apfelblüten-Floralität. Sehr attraktiv, dabei immer zurückhaltend und vorsichtig. Ein Hauch von Malzigkeit klingt mit. Im Mund, bei Kühlschranktemperatur, klingt der Junmai Daiginjo sehr fruchtig an, wird dann sehr süß. Ein fast schon cremiges Mundgefühl überrascht. Feine Ester erinnern an reife Banane und Ananas. Im Verlauf baut sich etwas Säure auf, die gegen Ende stärker wird, ohne die Süße ganz verdrängen zu können – vorsichtige Komplexität entsteht. Der Abgang schließlich ist dann plötzlich trocken, leicht astringierend, aromatisch kurz. Erst ganz spät, im Nachhall, meint man, die 15% Alkoholgehalt spüren zu können, in einem leichten Prickeln an den Zungenseiten und einem tiefen Wärmehauch.

Ich gebe zu, das ist schon verdammt elegant, ohne dabei je streng zu werden. Diese Mischung aus Süße und Distinguiertheit kenne ich von kaum einem anderen Getränk, das ich bisher im Mund hatte – jedenfalls findet sich hier ein sehr hoher Wiedererkennungswert, und dazu ein echter Wiedertrinkwunsch.

Ich bin zur Zeit noch an der Evaluation, wie Sake idealerweise in Cocktails einzusetzen ist. Als relativ zarte, mildaromatische Zutat muss man jedenfalls darauf achten, dass er nicht gegen starke Wucht anderer Zutaten anzukämpfen hat. Als erste Idee springt einem natürlich ein einfacher Longdrink in den Sinn – der Junmai Sake & Tonic hört sich vielleicht einfallslos an, ist aber ein wirklich schöner Drink, mit vielen dezenten, würzigen, und sehr effektvollen Noten.

Junmai Sake & Tonic


Junmai Sake & Tonic
2 oz Junmai Sake
2 oz Tonic Water
Auf Eis bauen.

[Rezept nach Helmut Barro]


Diese Kizakura-Sakes sind, wie ich zu Beginn schon erwähnte, recht hübsch anzuschauen in ihrer Präsentation. Kleine Dekanterfläschchen aus Glas, mit einem Folienüberzug in unterschiedlichen Farben, und einem so noch nie gesehenen Aluverschluss mit Zugring, etwas erinnernd an Konservendosen. Da Sake ein sich schnell veränderndes Produkt ist (auch das hat es mit Sherry gemein), das nach Herstellung – nicht Kaufdatum! – recht zügig konsumiert werden sollte, sind kleine Fläschchen wie diese eigentlich ideal, und für eine einzelne Sitzung gedacht und daher stört die mangelnde Wiederverschließbarkeit nur wenig. Grundsätzlich ist Sake gekühlt und dunkel aufzubewahren – etwas, was leider nur wenige generische Asia-Läden, in denen man Sake kauft, einhalten werden, weil sie es einfach nicht besser wissen. Wenigstens nach Kauf sollte man sich aber dran halten, was auch immer es dann noch bringen mag.

Meine Reise ins Sakeland endet hier natürlich nicht – ich bin zugegebenermaßen etwas angefixt. Es stehen zum aktuellen Zeitpunkt bereits 5 weitere Sakes bereit, verkostet zu werden. Es würde mich freuen, wenn Ihr Leser mich auf dieser Reise weiter begleitet, in zukünftigen Artikeln zu diesem spannenden Reisbier!

Oder hält doppelt gereift besser? Huizache Origen Tequila Reposado

Man kann kaum mehr gereifte Spirituosen kaufen, die nicht noch irgendwie ein spezielles Cask Finish erhalten. Heutzutage reicht es nicht aus, eine Weile im Fass gelegen zu haben. Und selbst Sherryfässer, die man oft verwendet für derartige Zwecke, sind dem anspruchsvollen Konsumenten nicht genug, der immer auf der Suche nach spektakulär neuem ist, ob es Sinn macht oder nicht – man braucht mindestens schon Sauternes- oder Bierfässer, und vielleicht irgendwann Essig- oder Salzgurkenfässer für den letzten Kick.

Nun, ich polemisiere etwas. Manchmal macht so eine zusätzliche Reifeperiode auch Sinn, wenn sie nicht vom Marketing getrieben ist. Einen Tequila, der eh nur kurze Zeit in einem Holzfass reposiert, zusätzlich noch für eine Weile in ein zweites Fass zu geben, ihn dabei aber immer noch unterjährig zu reifen (insgesamt lag der Huizache Origen Tequila Reposado 9 Monate in Holz), sowas ist durchaus von Spannung. Es gibt nicht viele Tequilahersteller, die Reposados mit unterschiedlicher Reifedauer anbieten, daher ist das ein interessantes Experiment.

Huizache Origen Tequila Reposado

Der Reposado Origen ist erkennbar blasser als sein weniger gereifter Cousin, der Reposado. Zusätzliche 6 Monate in Fässern aus französischer Steineiche ziehen laut Hersteller etwas Farbe ab, statt sie zuzufügen – ein natürlicher Filtereffekt, sozusagen, man hört nicht oft davon, vorstellen kann ich mir es aber schon, wenn das zweite Fass neutral geworden ist.

Geruchlich fällt mir zunächst eine überraschende Rauchnote auf – nicht so, wie bei einem Fumado, aber doch präsent. Insgesamt ist die Nase ausgesprochen grün, sehr vegetal und wie frisch abgeschnittene Blätter. Die vanillige Süße der Fassreifung und die Kaugumminote der Diffusorbehandlung kombinieren sich zum sehr ansprechenden Gesamtaroma. Im Hintergrund lauert etwas Ethanol, das aber erst beim tiefen, langen Schnuppern auftaucht und selbst dann nicht sticht.

Huizache Origen Reposado Glas

Geschmacklich ist der Origen interessanterweise intensiver als sein jüngerer Cousin, er hat mehr von allem, obwohl er mit 35% deutlich schwächer abgefüllt ist. Erst im Abgang, der leider noch kürzer als der des Reposado ist, merkt man, dass diese 5% weniger ihren Preis haben. Bis dahin hat man aber schöne Agavenaromen, viel Wintergrünöl, eine milde Pfeffrigkeit, und doch etwas Alkoholfeuer.

Wie bei allen Huizaches geht dem Destillat am Ende, wie schon angedeutet und in den vorherigen Rezensionen erwähnt, etwas die Luft aus. Der Eisenton (wie man es von Zahnfleischbluten kennt) ist etwas zu präsent, die Länge fehlt und beim Origen ist das ganze noch etwas deutlicher. Warum die Entscheidung getroffen wurde, auf etwas magere 35% (die Untergrenze dessen, was für Tequila erlaubt ist) herab zu gehen, während der Trend bei Kennerspirituosen eher zu strammeren 46% hin geht – das bleibt mir ein Rätsel, und ich persönlich finde es eine falsche Entscheidung.

Vielleicht passt der Name des Cocktails, für den ich mich bei dieser Besprechung entschieden habe, auch ganz gut auf den Huizache Origen grundsätzlich – The Mexican Gentleman. Spanische Sherrys mit mexikanischen Spirituosen, das ergibt eine gefährlich leckere Mischung, die durch zerstoßene Früchte aufgelockert wird.

The Mexican Gentleman


The Mexican Gentleman
2 Heidelbeeren, 2 Himbeeren, 1 Erdbeere, 1 Orangenscheibe im Shaker muddeln
1 oz Manzanilla Sherry
1 oz Tequila reposado
½ oz PX Sherry
½ oz Mezcal
Auf Eis shaken. Auf crushed ice abseihen. Mit Früchten dekorieren und leicht umrühren.

[Rezept nach Sean Kenyon]


Die Präsentation gefällt mir sehr. Ich finde den Schriftzug wirklich gut gestaltet, dazu kommt die Flasche, die sehr geschickt mit der gleichen Farbe des Inhalts in einem Farbverlauf nach oben hin transparent wird. Die dezenten Gestaltungselemente weiß ich zu schätzen – manche Hersteller versteigen sich zu plump-üppigen Dekorationen, von denen ich aus Erfahrung weiß, dass sie oft nur der Ablenkung vom mäßigen Inhalt dienen. Der Nachfüllstop ist einfach der Herstellungsregion und der dortigen Problematik der Produktpiraterie geschuldet, ich habe mich damit abgefunden, mögen tu ich es nicht. Ein Schraubverschluss ist bei Spirituosen wie dieser, die man, einmal geöffnet, schnell austrinkt und nicht aufbewahrt, sehr viel angebrachter als ein Korken. Dazu der hübsch gestaltete Karton – ich habe diesbezüglich nichts zu meckern.

Offenlegung: Ich danke dem deutschen Distributor fifteenlions für die unaufgeforderte und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Tequilas.

Dreifach gereift hält besser – Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años

„Rum hat keine Regeln“, das ist ein beliebter Satz, den man immer wieder hört. Tatsächlich gibt es keine globale Regelung von „Rum“. Andererseits gibt es auch keine globale Regelung für „Whisky“. Es gibt aber sehr strenge Regeln für „Bourbon“ und „Scotch Whisky“, und ähnlich muss man das auch bei Rum sehen – neben den Gesetzen, die in der EU-Spirituosenverordnung niedergelegt sind, die nur als minimal geltende Grundlage für die gesamte Kategorie dienen, haben eigentlich alle rumherstellenden Länder jeweils eigene Gesetze dafür, was dort als Rum gelten darf und was nicht. Manche sind strenger, manche lascher; manche ausgefeilt, manche eher lose formuliert; manche stehen in Widerspruch zu Details in der EU-Verordnung, manche fügen zusätzliche Rahmenbedingungen hinzu.

Kuba beispielsweise präsentiert ein langes Traktat, das beschreibt, wie Rum, der als solcher verkauft werden soll, hergestellt werden darf, mit vielen Vorschriften, die in anderen Ländern nicht gelten. Darin ist auch festgelegt, wie die Reifung auszusehen hat. Die dreifache Reifung, die als „triple añejamiento“ auf dem Etikett des Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años ausgewiesen wird, ist ein Beispiel dafür. In der kubanischen Regelung ist vorgesehen, dass eine (optionale) dritte Reifungsstufe dem bis dahin in Ex-Bourbon-Fässern dahindümpelnden Destillat wieder frischen Sauerstoff zufügt – durch einen Blending-Zwischenschritt und das Umfüllen in andere Fässer. Diese sollten allerdings alt und aromatisch neutral sein. Dieser Schritt soll laut eigener Aussage dafür sorgen, den Geschmack und das Aroma zu optimieren. Schmeckt man einen Unterschied zwischen einem „doble añejamiento“ wie beim Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años und einem Blend, der diesen dritten Schritt auch noch gemacht hat? Ganz sicher tut man das, wie dieser Rum beweist.

Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años

Farblich ist der 15 Jahre alte Kubaner (über die eigene Art, wie auf Kuba das Alter von Rum berechnet wird, hatte ich schon beim 7-jährigen Verwandten dieses Rums berichtet) sehr dunkelbraun, geht schon fast ins rötliche über – die orangefarbenen Reflexe und die leichte Viskosität, mit der sich der Rum im Glas bewegt, sorgen für einen insgesamt wirklich tollen optischen Eindruck.

Hält man das Glas an die Nase, riecht man zunächst den typisch kubanischen Stil, leicht, nur dezent fruchtig, süßlich, alkoholisch, ohne große Tiefe. Beim Santisima Trinidad 15 kommt eine gewisse Nussigkeit dazu, viel Vanille, Toffee, Butterscotch und Gewürze aus der Weihnachtsbäckerei, insbesondere Kardamom.

Im Antrunk wirkt er überraschend süß und schwer, die selbst durchgeführte Zuckermessung ergibt grob 14g/L, das erklärt das. Im Verlauf nimmt die Süße dann ab und wird unterfüttert durch eine sehr würzige Kardamom- und Nelkennote, die das Geschmacksbild ab dann prägen. Schön breit und voll liegt er im Mund, sehr gefällig und rund, ohne wirkliche Komplexität, mild und dabei doch nicht zu bequem – da könnte etwas mehr Spannung aufgebaut werden. 40,7% Alkoholgehalt sind letztlich leider zuwenig dafür, der Hersteller hält sich dabei an den maximalen Bottling Proof von 41%, wie in kubanischen Rumgesetzen festgelegt (ja, es gibt eine Möglichkeit, dem auszuweichen, aber das muss man ja nicht nutzen).

Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años Glas

Pfeffrig und aromatisch ist dann der Abgang, hier geht dem Rum sehr deutlich die Luft aus, das Volumen schwindet und macht einem alkoholischen Feuerhauch mit Kribbeln auf der Zungenspitze Platz. Der Nachhall ist noch mit viel Gewürzen versehen, aber im Endeffekt etwas leer im Vergleich zum süßschweren Antrunk.

Das ist insgesamt sehr trinkbar und unterhaltsam, ein Rum, den man sehr schön abends vor sich hin schlürfen kann, auch gern mehrere Gläser, ohne dass einem dabei langweilig wird. Kopf und der Gaumen werden nicht überanstrengt, aber auch nicht unterfordert oder beleidigt – der Ron Santisima Trinidad 15 hat das, was sich der Kenner von leichtem Rum erwartet, und was dem Anfänger sicherlich auch gefallen wird. Ich gebe zu, die Gewürzkomponente ist so stark und speziell rumuntypisch, dass ich im Stillen eine leichte Aromatisierung vermute, ohne dies aber belegen zu können.

Entsprechend ist er auch eine Wohltat in Cocktails, die nach leichtem Rum verlangen – oft nutzt man da dann Produkte, die komplett ohne Charakter sind. Der Santisima Trinidad 15 eignet sich für Cocktails wie den La Florida nahezu perfekt. Das Ergebnis ist ein würzig-aromatischer, schwersüßer und dabei trotzdem seltsamerweise leichter Drink.

La Florida


La Florida
2 oz Rum
¾ oz Limettensaft
½ oz Crème de Cacao
¼ oz süßer Wermut
1 Teelöffel Grenadine
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Äußerst attraktiv finde ich die Präsentation – insbesondere, wenn man die beiden Flaschen der Marke nebeneinander betrachtet. Die grundsätzlich Flaschenform ist ähnlich massiv und schwer, aber nicht gleich, die des Fünfzehner ist deutlich schlanker und höher als die des in der Einleitung schon erwähnten Siebener. Das Etikett ist sehr hübsch, schwungvoll und dabei immer noch elegant zurückhaltend ohne die flashige Plumpheit vieler anderer Rums. Der geformte Korken im wuchtigen Flaschenhals tut sein übriges dazu

Ron Santisima Trinidad de Cuba 7 Años und 15 Años

Wie man auf dem Foto mit dem Glas sieht, habe ich die Flasche schon fast leer. Das ist schon eine Art von Auszeichnung, denn nicht viele Rums kann ich so unbeschwert und ohne eintretende Langeweile und Wunsch nach Abwechslung trinken wie den Ron Santisima Trinidad de Cuba 15 Años. Ich würde wirklich gern eine ungesüßte Variante davon probieren – die Süßung ist der einzige Wermutstropfen in einem ansonsten wirklich schönen Rum, der mir viel Freude bereitet hat. Die Vergangenheitsform schon deswegen, weil ich davon ausgehe, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels die Flasche vollständig geleert sein wird.