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Kah Tequila Miniaturen Titel

Ein hübsches Äußeres gleicht viele Macken aus – Kah Tequila Reposado 55% und Añejo

Das Äußere ist erwiesenermaßen ein Türöffner. Wer gut aussieht, wird besser behandelt und bekommt leichter einen Fuß in die Tür bei Vorstellungsgesprächen oder anderen sozialen Interaktionen. Auch auf Konsumprodukte lässt sich das leicht übertragen – ein flashiges Design sorgt dafür, dass sich selbst grusligster Kunstsprit wie der Laborrum Don Papa wie geschnitten Brot verkauft. Allzuoft dient bei vielen Produkten dann die Verpackung entsprechend als Hülle, um den seelenlosen Inhalt zu verbergen oder wenigstens schmackhafter zu machen.

Nun gibt es ja seit kurzem moderne „Super-Premium“-Szene-Tequilas (ich will keine Namen nennen), die auch mit einem Totenkopf auf dem Stöpsel ihre angebliche Nähe zur mexikanischen Folklore betonen wollen. Vergleicht man traditionelle mexikanische Calavera-Totenkult-Symbolik und deren bildhafte Darstellung mit denen auf jenen Produkten, fällt einem schon ein Unterschied auf. Sowohl Form als auch künstlerische Ausführung trennen hier die Spreu vom Weizen – es reicht halt nicht, einfach nur einen 250g-Metall-Schädel herzustellen und diesen dann als Totenkult-Symbol zu bezeichnen. Im Gegenteil, das ist eine Form der Oberflächlichkeit und des fehlenden Respekts für eine Kultur, die mir derartige Produkte zutiefst unsympatisch macht, die derartige Symbole nur für Marketingzwecke ohne tieferes Verständnis missbrauchen. Da ist mir der Tequila Kah lieber, der schon im scheinbaren Zwiespalt zwischen Totenkopf-Design und Namen („Kah“ ist wohl das alte Maya-Wort für „Leben“) zeigt, dass er die Totenkult-Kultur verstanden hat.

Kah Tequila Miniaturen

Die knuffigen Miniaturen zweier Sorten des Tequilas zu je 5cl, die ich für einen meiner Meinung nach recht hohen Preis von über 10€ pro Stück erworben habe, wirken traditionell, sind vollständig aus Keramik, bemalt und haben einen Kunstkorken. Sehr hübsch designt, das gebe ich gern zu, vielleicht der Hauptkaufanreiz dieses Tequilas für viele Tequilafreunde und solche, die es werden wollen.

Der Hauptreiz für mich persönlich war zunächst allerdings nichtmal die extravagante Gestaltung, sondern der hohe Alkoholgehalt: Der Kah Reposado 55% ist definitiv ein ungewohnt starker Tequila. Tequila muss gesetzlich geregelt zwischen 31% und 55% aufweisen, um in Mexiko als solcher verkauft werden zu dürfen, für die USA gibt es die Sonderregel, dass er mindestens 40% aufweisen muss. Wir bewegen uns also an der obersten Grenze des Erlaubten. Das ist natürlich sehr spannend in einer Phase, in der die allermeisten in Deutschland erhältlichen Tequilas sich um die 40%, meist sogar darunter, nur selten darüber, bewegen.

Kah Tequila Reposado Glas

Die Farbe ist strohblass, mit einem minimalen Grünstich. Die Konsistenz ist nur leicht viskos. In der Nase wirkt der Kah Reposado zunächst hauptsächlich süß, ich erkenne nur wenige Agavennoten, dafür einen deutlichen Ethanolanklang. Er erinnert mich zunächst mehr an Vodka oder ungereiften Rum. Im Verlauf entdecke ich doch eine leichte Würze, wie geröstetes Getreide und Nelken.

Im Mund wandelt sich das aber doch stark – hier ist dieser Tequila sehr würzig und kräuterig, es kommen doch die zunächst etwas vermissten Agavennoten sehr deutlich zum Vorschein. Trotz der 55% bleibt er sehr mild und weich – natürlich muss man mit einem gewissen Alkoholfeuer rechnen. Sehr süß ist er bei der Bewegung durch den Mundraum; ein gewisser Plastikgeschmack stört aber leicht.

Der heiße, aber nicht scharfe Abgang krönt die Verkostung. Eine leichte Betäubung der Zungenspitze ist wahrscheinlich dem hohen Alkoholgehalt geschuldet. Insgesamt ist der Abgang sehr lang und mit vielen Agavenanklängen, die auch noch nach Minuten nachhallen.

Soweit, so gut. Schauen wir uns gleich im Anschluss den noch stärker gereiften, aber mit 40% Alkoholgehalt viel schwächeren, großen Bruder des Kah Reposados an, den Kah Añejo. Farblich scheint er kräftiger als der Reposado – er wird ja auch statt 10 Monaten, wie der Reposado, mehr als doppelt so lang in Fässern aus französischer Eiche gelagert. 2 Jahre tun ihre Arbeit also zumindest schonmal im Farbton.

Kah Añejo Tequila

Geruchlich ist der Kah Añejo dann ein kleines Träumchen. Vanille, Veilchen, Karamell liegen im Vordergrund, milde Agave bildet erkennbar den Körper. Am Ende etwas Spüli, aber nur ein Hauch, dazu etwas Klebstoff.

Faszinierend, dass sich hier die Sensorik gefühlt komplett entgegengesetzt verhält wie beim Reposado – die schöne Nase wandelt sich in ein extrem unrundes Mundgefühl. Wässrig, konturlos, aromenarm im Antrunk. Süße ist vorhanden; Gewürze und Kräuter könnten eine Rolle spielen, ebenso wie geröstete Agave, aber insgesamt wirkt alles verwaschen und blass. Nur ein Lack- und Spülmittelfehlton drängt sich im Verlauf auf. Gegen Ende nimmt eine Pfeffernote noch Fahrt auf, doch das ist dann auch schon alles. Sehr schade.

Der Abgang ist bitter, trocken, mildpfeffrig, leicht adstringierend und sehr eisenhaltig. Mittellang, aber enttäuschend körperlos. Die minzige Pfeffrigkeit bleibt noch lange auf der Zunge – dennoch ist das alles nicht wirklich sehr attraktiv. Im Fazit einer der klar schwächeren Añejos, die ich kenne, bei dem ich im Nachhinein froh bin, nur die Miniatur gekauft zu haben statt der großen Flasche – wie es auch beim Reposado ist, leider.

Der eine oder andere Tequila-Cocktail leidet darunter, dass der verwendete Tequila entweder aufgrund der mangelnden Aromatik oder aufgrund der mangelnden Stärke in einer Mixtur untergeht. Das kann einem mit dem Kah Reposado beispielsweise kaum passieren. Im Tequila Amargo lässt er seine Muskeln spielen. „Amargo“ ist das spanische Wort für „bitter“, und es passt zu diesem Rezept – man sollte also, wenn man auf süße, schmeichlerische Cocktails steht, einen großen Bogen um diesen hier machen. Obwohl man da was verpasst.

Tequila Amargo


Tequila Amargo
2 oz Tequila Reposado (z.B. Kah Tequila Reposado 55%)
2 Teelöffel Crème de Cassis
2 Teelöffel Grappa (z.B. Nonino Barrel Aged Selection)
2 Teelöffel roter Wermut (z.B. Punt e Mes)
4 Spritzer The Bitter Truth Old Time Aromatic Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Fernando del Diego]


Ein hübsches Äußeres gleicht viele Charakterfehler  aus, das kennen wir aus vielen Lebensbereichen – der Kah-Tequila ist ein Beispiel dafür für mich. Während der Reposado wenigstens noch durch seine Stärke Aufmerksamkeit erregen kann, ist der Añejo persönlich für mich ein Totalausfall, auch wenn er anderweitig hoch bepunktet wird und sicherlich nicht schlecht ist. Man muss sich halt vor dem Kauf die Frage stellen, ob man ein hübsches Fläschchen als Dekorationsobjekt im Regal will, das zufällig einen halbwegs ordentlichen Tequila enthält, oder einen richtig guten Tequila, selbst wenn er nur in einer neutralen, einfachen Flasche abgefüllt wurde. Für letztere Absicht bekommt man anderweitig jedenfalls für deutlich weniger Geld deutlich mehr geboten.

Sauza Tres Generaciones Tequila Plata Titel

Ausgekocht! Sauza Tres Generaciones Tequila Plata

Aktuell macht eine recht neue Technik bei der Herstellung von Tequila von sich reden – der Diffuser/Diffusor. Das grundsätzliche Prinzip ist einfach und hat schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel: Um das Basismaterial, die gekochte Agave, noch effizienter auszunutzen, werden nach dem Pressen oder Schreddern noch aus den dadurch bereits ausgelaugten Agavenfasern durch eine Apparatur die letzten Reste des Zuckers gezogen. Viele der großen Hersteller von Tequila nutzen Diffusoren seit den 90er Jahren.

So weit, so gut. Doch in letzter Zeit sind findige Produzenten auf die Idee gekommen, die Diffusoren statt mit den gekochten Agavenresten mit frischer, roher Agave zu befüttern. Die Problematik dieses Vorgehens ist klar – ein Großteil des Charakters von Tequila entsteht durch das Kochen der Agave, idealerweise in Steinöfen oder wenigstens in Autoklaven. Man entfernt mit dem Kochen einen wichtigen Produktionsschritt aus dem Prozess, spart dadurch natürlich viel Zeit und Geld, und erzeugt größere Mengen, um den vor allem in den USA gerade boomenden Tequila- und Mezcal-Markt bedienen zu können. Eine sehr ausführliche und äußerst lesenwerte Beschreibung des Diffusers, seiner Folgen für Geschmack und Arbeitsmarkt, findet sich bei muchoagave.com, und im Vergleich zu traditionelleren Herstellungsmethoden auch bei Long Island Lou Tequila.

Sauza ist einer der Hersteller, die Diffusoren einsetzen, und aller Wahrscheinlichkeit nach sind demnach auch zumindest Teile des Sauza Tres Generaciones Tequila Plata, den ich heute hier vorstelle, dadurch entstanden. Erkennt man die Diffusor-Herstellungsweise am Geschmack? Ohne zuviel vorwegnehmen zu wollen: Ja.

Sauza Tres Generaciones Tequila Plata Flasche

Zur Farbe gibt es nichts zu sagen, was nicht schon von außen durch die zeigefreudige Flasche zu sehen ist. Die Konsistenz sieht nur unwesentlich viskoser aus als die von Wasser. Die Beine, die durch das Schwenken im Glas entstehen, fließen sehr schnell ab.

Der erste Eindruck, wenn man am Tres Generaciones Plata riecht, ist: Bazooka-Kaugummi, wer wohlwollender sein will: Wintergrünöl. Dazu kommt eine dunkle Würzigkeit, die leicht holzig riecht, mit Anklängen – aber wirklich nur Anklängen – von Agave. Ansonsten ist eine schwere Ethanolnote (etwas magere 38% Alkoholgehalt können kaum allein dafür verantwortlich sein) vorhanden, darüber hinaus kaum etwas.

Auch im Geschmack kommt die süße Kaugummi-Note stark zum Tragen, dazu Birne und Kümmel. Ein leichter Körper, fast schon dünn oder wässrig. Das bringt aber eine gewisse Eleganz und Leichtigkeit mit sich. Aromatisch erinnert mich dieser Tequila deutlich mehr an Vodka, Korn oder mehrsäulendestillierten weißen Rum als an typischen Tequila. Der Abgang ist süß, mildpfeffrig, und recht kurz, leicht adstringierend, mit etwas Lakritz im Nachhall.

Rein aromatisch überzeugt mich der Sauza Tres Generaciones Plata nicht so richtig, dazu ist er zu eindimensional und oberflächlich, und mit für meinen Geschmack viel zu wenig Agavencharakter. Wozu er dennoch gut sein könnte ist ein Einsatz als Aperitiv-Tequila; vor einem Essen, oder zwischendurch, als trou mexicain sozusagen.

Ich weiß nicht, ob dieser leichte Charakter allein durch den oben beschriebenen Diffuser entsteht; das Geschmacksprofil passt zumindest mit dem, das Khrys Maxwell bei muchoagave.com beschreibt, gut zusammen – ein leichtkörpriger, sauberer, an Wodka angelehnter Agavenbrand, ohne die wildfloralen Noten, die ein handwerklich hergestellter Pot-Still-Tequila mit sich bringt. Auch in Blindtests schneidet dieser Tequila eher schlecht ab. Ohne die negativen Folgen eines Diffusors schönreden zu wollen: ich denke dennoch, dass auch solch ein leichter Tequila seine Freunde finden wird. Er ist jedenfalls als 100%-Agave-Tequila immer noch etwas aromatischer und ehrlicher als ein Mixto.

Für diesen Tequila biete ich ausnahmsweise mal kein Cocktailrezept an, sondern beschreibe eine Voodoo-Opferfeier für Baron Samedi, den Herrn der Kreuzwege. Wenn man all die Zutaten für Baron Samedi’s Indecent Burial zusammengetragen hat, errichtet man einen kleinen Altar mit der Mixtur und diversen anderen Opferbeigaben, köpft ein Huhn, gießt das frische Blut über sich, verspritzt etwas von der Libation auf die Erde und trinkt dann am Ende den Cocktail. Wer in einer Mietwohnung lebt, darf das mit Hühnerblut und auf-den-Boden-Gießen auch weglassen. Baron Samedi wird allerdings nicht erfreut sein über diesen Mangel an Prioritäten.

Baron Samedi's Indecent Burial


Baron Samedi’s Indecent Burial
1 oz Tequila Blanco (z.B. Sauza Tres Generaciones Tequila Plata)

1 oz Tequila Reposado (z.B. Corralejo Tequila Reposado)
1 oz Tequila Añejo (z.B. 1921 Tequila Añejo)
½ oz Islay Single Malt (z.B. Giant’s Causeway Caol Ila 9y)
1 Teelöffel Sherry (z.B. Lustau Los Arcos Amontillado)
1 oz Limettensaft
¾ oz Grapefruitsaft
½ oz Falernum (z.B. John D. Taylor’s Velvet Falernum)
¼ oz Passionsfruchtsirup
¼ oz Zimtsirup
2 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Oron Lerner]


Die Flasche mit ihrem Dekanter-Stil gefällt mir sehr – der obere Teil ist mit passend zum „Silber“-Tequila in entsprechender Farbe bedruckt. Besonders auffallend ist der schwere, dicke Hals, der zu einem Großteil aus Glas besteht; erst, wenn man den Korken zieht, sieht man, wie schmal das Ausgußloch im Verhältnis zum dicken Hals tatsächlich ist. Die sehenswerte Flasche wird in einem mit vielen schwärmerischen Details, die man natürlich bei einem derart großen Hersteller wie Sauza cum grano salis bewerten sollte, bedruckten Karton geliefert.

Offenlegung: Ich danke spirituosen-superbillig.com für die Kooperation bei diesem Artikel und für die kostenlose Zurverfügungstellung einer Flasche des Sauza Tres Generaciones Tequila Plata.

Ocho Curado Tequila Titel

Agaventee mit Schuss – Ocho Curado Tequila

Der eine oder andere Gin-Freund hört es nicht so gern, wenn man über seine Lieblingsspirituose etwas abfällig als „aromatisierten Vodka“ spricht. Ich kann das verstehen, denn der Gin hat doch eine lange Tradition, und das Geschmacksbild verändert sich im Vergleich zum Vodka doch deutlich – rein formal ist es aber eine zutreffende Beschreibung. Vielleicht liegt der Ärger daran, dass das Wort „aromatisiert“ in der heutigen Industrielebensmittelgesellschaft eine negative Konnotation erhalten hat – der halbaufgeklärte Konsument verbindet es mit künstlichen Geschmacksstoffen, manipulierten Laborprodukten und verbrauchertäuscherischen Betrugsversuchen.

Dabei ist eine Aromatisierung an sich natürlich nichts schlimmes – sie wird es erst, wenn es heimlich oder mit täuscherischem Ansatz geschieht, um eine höhere Qualität vorzugaukeln oder mit niedrigem Geldeinsatz den Geschmackseindruck eines hochwertigen und damit teuren Aromas zu ersetzen. Erdbeerjoghurts, die nie ein einzelnes echtes Fruchtmolekül gesehen haben, Tütenbolognese, die völlig frei von Tomaten ist oder Rum, der mit allerlei Zusätzen auf alt und gereift getrimmt wird sind nur drei Beispiele dessen, was wir uns gefallen lassen.

Daher kann es schon sein, dass der skeptische Tequilafreund etwas schief schaut, wenn man ihm einen Ocho Curado Tequila vorsetzt. Dabei haben wir hier aber den Fall, dass die Aromatisierung einen echten Sinn hat, aus einem Basisprodukt etwas Besonderes macht, zusätzlichen Wert liefert, so wie das bei Gin auch passiert. Hier werden nun natürlich statt „botanicals“, den Kräutern wie Wacholder also, die dem Gin sein Aroma geben, in einen normalen Ocho Blanco Tequila (dieser ist 100% Agave, natürlich) gekochte Agaven eingelegt.

Ocho Curado Tequila Flasche

Bei der Farbe beginnt also die Reise. Durch die Mazeration der gekochten Agave bekommt der sonst klare Blanco neben einem stärkeren Agavenaroma eine erkennbare Färbung. Würde man es nicht besser wissen, könnte man diesen Tequila glatt für einen farblich ganz typischen Reposado halten – blasses Strohgold, erinnernd an Weißwein. Von der Viskosität her sehr flüssig, hinterlässt aber trotzdem Beine am Glas. Rein optisch ein schmalbrüstiges Wässerchen.

Kaum hält man die Nase ins Glas, ist es aber vorbei mit der Schmalbrüstigkeit, da beginnen sich wuchtige Rundungen abzuzeichnen. Der Ocho Curado Tequila weist einen sehr kräftigen Agavencharakter auf, mehr als bei den meisten Tequilas, die ich kenne. Grasig und grün, dabei sehr würzig, dicht, aromatisch und körpervoll. Ein nahezu idealer Tequiladuft.

Damit ist das Schwärmen des Tequilafreunds aber noch lange nicht vorbei, im Gegenteil: Das wunderbare Mundgefühl, mild und dabei doch vollmundig, lässt mein Herz hüpfen. Sehr süß nach Honig, gleichzeitig dicht und kräftig nach Agave. Nur mild grasig und gemüsig, leicht salzig und umami. Ein feiner Touch von Rauch und Holz. Die 40% Alkohol, also im üblichen Bereich für Tequila, spürt man kaum. Der Abgang ist mildbitter, würzig und leicht feurig, warm und sehr lang, leicht betäubend an Zungenspitze und adstringierend am Gaumen. Ehrlich – das ist eine echte Agavenbombe, die das beste aus zwei Welten kombiniert: die jugendliche Frische eines Blanco mit der zusätzlichen, verstärkten Agavenpower.

Ein weiterer positiver Punkt am Ocho Curado ist, dass er in Cocktails sowohl als Blanco als auch als Reposado eingesetzt werden kann. Ein Beispiel dafür ist der Southbound Suarez, der eigentlich im Originalrezept mit gereiftem Tequila hergestellt wird, aber eigentlich durch den Curado sogar noch an Charakter gewinnt. Wer über die ungewohnte Zutat „Horchata“ stolpert: Das ist eine Art Milch, hergestellt aus Nüssen, erhältlich in unterschiedlichsten Varianten. Wer sie nicht selbst herstellen will (wie das Erfinder Jeffrey Morgenthaler bestimmt tut, in seiner perfektionistischen Art), kauft im Drogeriemarkt einfach eine fertige aus Cashewnüssen oder Mandeln.

Southbound Suarez


Southbound Suarez
1½ oz Tequila Reposado (oder hier: Ocho Curado Tequila)
½ oz Limettensaft
½ oz Agavendicksaft
1 Teelöffel Becherovka
1½ oz Horchata
Alle Zutaten auf Eis shaken.
[Rezept leicht adaptiert nach Jeffrey Morgenthaler]


Ich hatte neulich bei einem anderen Tequila erklärt, dass die Mexikaner scheinbar eckige, gedrungene, folkoristisch angehauchte Flaschen mögen. Hier haben wir nun den genauen Gegenentwurf: Eine sehr einfache, strenge Halbliter-Flasche, ohne Zier oder Kinkerlitzchen, mit einem simplen (aber qualitativ hochwertigen) Schraubverschluss. Kein Etikett hindert unseren Blick auf den Inhalt; alle Infos sind direkt aufs Glas aufgebracht.

Bei ungefähr 26€ für 500ml bewegen wir uns preislich gewiss im eher leicht gehobenen Bereich – für Tequilafreunde ist der Ocho Curado Tequila aber auf jeden Fall eine lohnenswerte Investition. Spannend ist er allemal, und wird aller Voraussicht nach ein dauerhafter Mieter zumindest in meinem Spirituosenregal werden.

Don Julio Tequila Blanco Titel

Höflichkeit ist nicht immer eine Tugend – Don Julio Tequila Blanco

In einer Zeit wie heute gibt es für Tequilatrinker eigentlich keinen echten Grund mehr, Mixtos zu trinken, also Tequila, der nicht zu 100% aus Agavenzucker fermentiert wurde. Mixtos waren über lange Zeit gerade in Deutschland die einzig erhältliche Form des Tequila; heute findet man selbst in Supermärkten 100%-Agave-Tequilas, zu nur unwesentlich höheren Preisen. Geschmacklich wird es einem der Gaumen danken; doch es gibt auch andere Gründe, auf die Massenmarkt-Mixtos zu verzichten.

Aktuell werden in Mexiko aufgrund diverser Faktoren die Agaven knapp. Die Ernte 2017 wird bereits jetzt erkennbar zu wünschen übrig lassen; darüberhinaus greifen auch andere Interessenten aus der Pharmaindustrie, getauft Los Mieleros, plötzlich nach dem hochwertigen Agavenzucker, um daraus Inulin und andere neue Produkte herzustellen, so dass es für Mezcal (wozu Tequila auch gehört) nicht mehr ganz so einfach wird, an das Basismaterial für den Brand zu kommen. Durch dieses neue Spannungsfeld verändern sich auch seit einiger Zeit die Aufzuchtmethoden der Agaven, die für Tequila genutzt werden; Biodiversität verschwindet, denn künstliche Ablegerfortpflanzung ersetzt immer häufiger die natürliche Bestäubung durch Fledermäuse. In diesem Playboy-Artikel (natürlich lese ich die Zeitschrift nur wegen der Artikel) wird das ganze Dilemma, das der aggressiv aufstrebende Mezcal und damit auch Tequila aktuell erlebt, sehr schön und lesbar aufbereitet. Ein Fazit unter anderen wiederhole ich für die Lesefaulen nochmals gern hier, das deutlich aufzeigt, dass man sich auch aus Umweltschutzgründen von Mixtos grundsätzlich fernhalten sollte, selbst wenn einem der Geschmack egal ist.

STICK TO 100-PERCENT-AGAVE SPIRITS
Mixto is a class of tequila that’s produced from a mix of agave and other, cheaper sources of sugar. If a distillery doesn’t use 100 percent agave, it’s also almost definitely not paying extra to ensure the agave it does use is sourced well.

Also, lassen wir alle Mixtos, die trotz der Flut der hervorragenden 100%-Agave-Tequilas immer noch den Einzelhandel beherrschen, im Regal, und schauen uns stattdessen lieber einen Vertreter der ordentlichen Tequilas an, den man statt dessen leicht ohne große Beschaffungsmühe beziehen kann – den Don Julio Tequila Blanco.

Don Julio Tequila Blanco Flasche

Die Farbe ist natürlich, wie man es von einem weißen (blanco, oder manchmal auch „Silber“ oder plata genannt) Tequila erwartet: klar. Die Flasche gibt dem Inhalt einen leicht bläulichen Touch, doch im Glas ist davon nichts mehr da. Dort erst ist auch eine minimale Viskosität erkennbar.

Bei Tequila habe ich mir tatsächlich angewöhnt, nicht von Geruch, sondern von Duft zu sprechen – dieses Wort trifft im Gegensatz zu den meisten anderen Spirituosen das, was die Nase wahrnimmt, einfach besser. Wie üblich bei ungereiftem Tequila ist da eine sehr florale Note, nach Rosen, Jasmin und Veilchen. Schnauft man tief ins Glas, erkennt man die seifigen Lösungsmittel-Charakteristiken eines ungereiften Schnapses – eine , die ich auch bei dem einen oder anderen weißen Rum, Gin oder Vodka entdeckt hatte.

Sehr süß und cremig liegt der weiße Don Julio im Mund. Blumig und malzig, zunächst nur wenig agavenwürzig. Etwas schokoladig. Und etwas vom Aquariumcharakter, den ich auch bei weißem Sotol erkannt hatte. Ein pfeffriges Brennen begleitet den eher kurzen Abgang, der sich langsam in eine starkmentholige Wärme auf den Seiten der Zunge entwickelt, mit leichtem Eisengeschmack, wie bei Zahnfleischbluten; dieser Eindruck bleibt dann noch eine ganze Weile vorhanden.

Insgesamt von der Aromatik her ein recht typischer weißer Tequila ohne großen Aussetzer, aber auch ohne hervorstechende Eigenschaften; persönlich ist er mir etwas zu langweilig ausgearbeitet. 38% ist für Tequila nicht ungewöhnlich, ein paar mehr Prozente (und damit Aromen und Charakter) hätten ihm sicherlich gut getan. So wirkt der Don Julio Blanco etwas dünn und kurzatmig. Höflichkeit ist für eine Spirituose eben nicht immer eine Tugend.

Unabhängig davon, dass er für den Purgenuss nur eingeschränkt empfehlenswert ist, dient er mir dennoch als hochwertige Spirituose für Tequilacocktails. The Woodberry Schooner weist keine anderen Zutaten auf, die das milde Tequilaaroma des Don Julio Blanco überdecken würden und ist daher ein sehr schönes Beispiel dafür, dass man selbst mit zurückhaltenderen Spirituosen ein tolles Mischergebnis erzielen kann.

The Woodberry Schooner


The Woodberry Schooner
1 oz weißer Tequila (z.B. Don Julio Blanco)
1 oz Weißer Wermut (z.B. Ferdinand’s Dry Saar Vermouth)
½ oz Zuckersirup
½ oz Zitronensaft
20 Tropfen The Bitter Truth Celery Bitters
[Rezept nach Matt Ficke]


Tequilabehältnisse weisen oft eine sehr gedrungene Form auf, das scheinen die Mexikaner zu mögen. Auch hier ist die Flaschenform rund und kugelig, mit einem Echtkorken, der unter einem gut griffigen Plastikkopf verborgen ist. Das Etikett ist im Urkundenstil sehr altmodisch (oder sagt man „klassisch“?) gehalten, mit den verschnörkelten Linien, die aus dem „J“ des Namens wandern, ein Design, das mich entfernt an Asbach Uralt erinnert.

Don Julio ist hierzulande mit einer der verbreitetsten 100%-de-Agave-Tequilas, und bei vielen Bars in Deutschland gilt: Wenn sie einen Nichtmixto im Angebot haben (was schon für die meisten Bars nicht zutrifft, leider), dann Don Julio. Doch, und so leid mir das tut, für mich ist das Preisleistungsverhältnis bei diesem Produkt in der weißen Ausprägung relativ ungünstig (anders sieht es für Reposado und Añejo dieses Herstellers aus). Für dasselbe Geld bekommt man deutlich spektakulärere Blanco-Tequilas mit mehr Persönlichkeit. Dennoch bin ich der dieser Marke allein aufgrund der eben erwähnten Vorreiterrolle sehr dankbar; und ein Quantensprung zu weißen Mixtos ist sie natürlich ohne jeden Anflug von Zweifel, was es leichter macht, ein ethisches Verhalten an den Tag zu legen und handwerkliche Produkte statt Industriemassenware zumindest bei Tequila zu kaufen.

Tequila - Kultur und Genuss Titel

Tequilakunde für Anfänger – Tequila: Kultur & Genuss

Ich erwähne es immer wieder und gern – bei aller Freundschaft zu Rum, Whiskey und Likören gilt meine wahre, echte Liebe dem Tequila. Wie dies entstehen konnte ist mir selbst ein Rätsel – diese Spirituose hat in Deutschland einen schlimmen Ruf, gilt als Feuerwasser für Partysäufer. Im Supermarkt bekam man bis erst vor kurzem praktisch nur die Produkte eines Herstellers, auch in Bars wird man heute noch oft mit verknautschtem Gesichtsausdruck angeschaut, wenn man einen Tequila bestellen will – die freundlich-naive Nachfrage „weiß oder gold?“ zwingt mich dann meist dazu, doch lieber einen Scotch zu bestellen.

Wie diese Liebe entstehen konnte mag ein Rätsel sein; woran es liegt, dass ich diese Spirituose über alle anderen stelle, ist offensichtlich – ein guter Tequila ist die Krönung an Aroma, Duft und Mundgefühl. Wer ihn nicht kennt, verpasst das Beste. Nun will sich der eine oder andere vielleicht neben dem ausgiebigen Verkosten, dem besten Weg, eine Spirituose kennenzulernen, auch über ein Fachbuch in die Thematik einlesen. Da sucht man beim größten Online-Bücherhändler nach Fachbüchern über Tequila, und wird schnell fündig: Tequila – Kultur & Genuss von Werner Obalski und Jürgen Deibel bietet sich schnell an.

In diesem 96-Seiten-Buch, das durch dickes Hochglanzpapier, dicken Einband und viele Fotos entsprechend dicker aussieht, als es der Inhalt hergibt, erfährt man vieles über die Hintergründe des mexikanischen Agavenbrands – Geschichte, Pflanzenkunde, Ernte, Verarbeitung und Lagerung sind Themen, die jeweils in wenigen Sätzen kurz vorgestellt werden. Dazu gibt es eine Liste von Destillerien, einige Seitenbemerkungen zur Kultureinbindung des Tequila und am Ende Koch- und Cocktailrezepte, die sich des Tequilas bedienen. Ein attraktiv gestaltetes Buch, in dem Anfänger erste Hinweise finden?

Tequila - Kultur und Genuss Cover

Soweit, so gut. Die fachlichen Informationen sind korrekt und kurz und knapp präsentiert – wer noch keine Ahnung über die Herstellung und Herkunft von Tequila hatte, wird in wenigen Seiten kompetent darüber aufgeklärt. In einer guten Viertelstunde hat man das Buch komplett durchgelesen und ist nachher etwas klüger, was Tequila angeht, als vorher. Das ist aber leider auch schon alles, was ich an Positivem über das Buch sagen kann. Anschnallen, der offizielle Verriss beginnt hier.

Beginnen wir die Kritik mit dem, was mir als erstes aufgefallen ist. Jedes zweite Foto einer Flasche ist eine Sierra-Flasche. Bei der Aufzählung der Destillerien bekommt jede erwähnte Firma ca. eine halbe Seite – Sierra bekommt drei Vollseiten. Der Firmenname des Sierra-Importeurs (der auch Mehrheitsteilhaber an der Destillerie ist) wird ein Dutzend mal erwähnt, ich will ihn hier nicht auch noch wiederkäuen. Nein, das ist kein unabhängig geschriebenes Buch, sondern über große Teile ein Werbeprospekt für Destilerías Sierra Unidas, S.A. de C.V., Guadalajara, Mexiko.

Tequila - Kultur & Genuss Innenseite 1

Die Weigerung, das klare Wort Mixto zu verwenden und statt dessen dauernd vom „normalen“ Tequila zu reden, missfällt mir sehr – die Begründung dafür ist auch eine sehr Mixto-verkäuferfreundliche (und es ist bestimmt reiner Zufall, dass Sierra in Deutschland hauptsächlich Mixtos verkauft). Ganz ehrlich – heutzutage noch davon zu reden, dass die 100%-Agave-Tequilas die Ausnahme und die Mixtos der Standardfall ist schon etwas fremdartig und stimmt nur, was Verkaufszahlen angeht – aber gewiss nicht für Leute, die Spirituosen wegen des Genusses trinken („Kultur & Genuss“ ist schließlich der Untertitel des Buchs). Der nur am Effekt Interessierte auf der Studentenparty, der sich einen Tequilarausch ansäuft, ist sicher nicht die Zielgruppe des Buchs. Man sollte es klar aussprechen: Ein Mixto ist eine Minderqualität des Standardfalls 100%-Agave, die es ausschließlich deswegen gibt, um billige Mengen verkaufen zu können.

Die Fotos und die Beschreibung der Herstellungsart passen sich diesem mixtofreundlichen Trend aber nicht an – da werden dann plötzlich die Hornos und Tahonas gezeigt, die selbst für die hochwertigen 100%-Agave-Tequilas in der heutigen industrialisierten Massenproduktion nur noch in Ausnahmefällen genutzt werden. Gerade Mixtos werden in Autoklaven (erwähnt werden sie wenigstens!) und Stahlmühlen produziert; diese zu zeigen würde sich aber wahrscheinlich einfach nicht in das folkloristisch-touristische Restbild des Buchs einpassen, das gern über Kultur und Legenden salbadert.

Tequila - Kultur & Genuss Innenseite 2

Grundsätzlich wird Tequila stark exotisiert, als aromatisch seltsam hingestellt und dies immer wieder runtergebetet. Dass es schwierig sei, einen Tequila in einen Cocktail einzubinden („Drinks mit Tequila gehören für einen Barkeeper zum Kompliziertesten, denn der intensive Eigengeschmack…“) ist natürlich ebenso Nonsense – ein guter Tequila ist ein perfekter, leicht handzuhabender Cocktailspieler.

Ein paar weitere störende Punkte fallen mir noch ein, die sich aber in das grundsätzliche Konzept des Buchs dann gut einpassen: In einem Buch über die Spirituose Tequila brauche ich keine „Reisetips Mexiko“. Die Kochrezepte mögen ja vielleicht noch angehen, allerdings nehmen sie einen viel zu großen Anteil des Buchs ein (über 20%!) – insbesondere, weil gleichzeitig nur 5 Cocktailrezepte auf einer mageren Doppelseite angegeben werden, dazu noch recht offensichtliche. Margarita mit zwei Variationen, Tequila Sunrise und „El Diabolo“ – letzteres sollte wohl ein El Diablo sein, aber Spanisch ist halt nicht jedermanns Sache. Hochwertiges Deutsch übrigens aber auch nicht so wirklich: Der Schreibstil ist sehr prosaisch, Hauptsatz wird an Hauptsatz gereiht und es werden Phrasen gedroschen, dass es eine wahre Freude ist. Das kann Jürgen Deibel, Co-Autor des Buchs, den ich sehr schätze und der auf seinen Vorträgen wortgewaltig, eloquent und höchstunterhaltsam ist, eigentlich viel besser.

Ein Buch, das die Tequilawelt vor 10 Jahren gewiss gern gelesen hat (es erschien 2008 zum ersten Mal und wurde 2016 wiederaufgelegt) – heute wirkt es stilistisch altmodisch, inhaltlich veraltet und viel zu einseitig-herstellernah, als dass es als echtes Informationsmaterial (von Nachschlagewerk gar nicht zu sprechen!) funktionieren könnte. Das ist doppelt schade, denn der deutschsprachige Markt für Bücher über Tequila ist derart winzig, dass viele Leute es rein deswegen kaufen, weil es praktisch das einzige dedizierte Fachbuch über Tequila überhaupt ist. Immerhin mag es als Blick in die dankenswerterweise lang zurückliegende Vergangenheit dienen, als der 100%-Agave-Tequila noch nicht den Siegeszug angetreten hatte, dem wir heute viele Dutzend tolle und breit erhältliche Ausprägungen einer großartigen Spirituose verdanken.

Fortaleza Tequila Blanco Titel

La sangre de nuestra vida – Fortaleza Tequila Blanco (Los Abuelos)

Die Welt stürzt sich gern auf gereifte Spirituosen. Je dunkler, je älter, desto besser, so scheint das Credo zu sein. Bei Scotch geht es soweit, dass alles, was weniger als 10 Jahre gereift ist, von so manchem selbsternannten Kenner als minderwertig abgetan wird – und NAS-Abfüllungen ohne Altersangabe als der Untergang der Whiskykultur betrachtet werden. Bei Rum überschlagen sich die Hersteller mit Pseudoaltersangaben, die meist reine Augenwischerei sind – große zweistellige Zahlen, prominent auf dem Etikett, für ein Produkt, das rein technisch schon kaum so ein Alter erreichen kann (zumindest nicht zu dem ausgeschriebenen Preis). Die Ausnahme unter den braunen Spirituosen ist der Tequila, der sich nicht an dieser Hetzjagd nach möglichst großen Zahlen beteiligt. Selbst die längstgereifte Standardkategorie bei Tequila, der Añejo, wird meist unter 3 Jahren gereift. Tequila hat natürlich den Vorteil, dass die Pflanze, aus der er destilliert wird, nicht jährlich komplett neu heranwächst, wie das bei Gerste, Mais, Zuckerrohr oder Kartoffeln der Fall ist, sondern über mehrere Jahre hinweg Zucker und Aromen aufbauen kann – da wäre es ja eine Sünde, diese mühevolle Arbeit der Agave zunichte zu machen, indem man diese Aromen durch Fassholzgeschmäcker überdecken würde.

Für mich persönlich jedenfalls sind die weißen, ungereiften Varietäten von Spirituosen (ganz besonders bei Rum und Tequila) unabhängig davon eh immer die interessantesten. Sie zeigen den wahren Charakter des Destillats, unbeeinflusst von externen Effekten. Bei langgereiften Spirituosen schmeckt man oft nur noch das Fass – bei weißen dagegen die Essenz der Basismaterialien, oder wie Guillermo Sauza von Fortaleza Tequila in dem nachfolgenden Video etwas romantischer sagt, „the true blood of the destillery“. Selten genug sind mittelamerikanische Spirituosenhersteller so freigiebig mit Informationen über ihre Herstellungsmethoden und -lokalitäten wie Don Sauza, daher sollte man dies hoch schätzen.

Er hat aber auch nichts zu verbergen, im Gegenteil: der Fortaleza Tequila Blanco ist einer der wenigen Tequilas, die noch in kompletter Handarbeit hergestellt werden. Schon in der Flaschengestaltung weist der Hersteller darauf in Details hin: das handgeerntete Agavenherz, die piña, ziert als Stöpsel die Flasche. Gekocht wird die piña bei Fortaleza in klassischen hornos, also Steinöfen, nicht in modernen Autoklaven. Besonders herauszuheben ist die Zerkleinerung der geernteten und gekochten Agavenherzen in Vorbereitung für die Fermentation: industrieller Tequila nutzt Schredder-Maschinen, die traditionelle Methode allerdings ist die Verwendung eines Mühlsteins, der tahona. Die tahona ist heute deswegen zum Symbol für die Handarbeit beim Tequila geworden – und auch den Mühlstein findet man prominent auf der Flasche abgebildet.

Bei all dieser Tradition, bei all dieser Mühe muss letztlich die Frage gestellt werden – lohnt es sich, allein deswegen um die 60€ für eine Flasche dieses ungereiften Sprits zu investieren, oder bietet er auch einen geschmacklichen Gegenwert? Für den Preis bekommt man immerhin 5 Flaschen des Sierra-Mixtos!

Fortaleza Tequila Blanco Flasche

Das war natürlich nur ein Scherz (ein geschmackloser dazu!), kein Mensch sollte überhaupt den Sierra-Mixto kaufen, wenn ihm am Geschmack von Schnaps etwas liegt.

Wie von einem Blanco zu erwarten, ist die Farbe vollkommen klar; man könnte aber meinen, einen leichten Blaustich wahrzunehmen. Die Flüssigkeit ist viskos und schwer. Der Geruch setzt ein erstes Ausrufezeichen – süß und vegetal. Sehr aromatisch nach Agave, Apfel, Rosmarin, Lavendel.  Anklänge von Anis und Motoröl. Aber auch fruchtig, in Richtung Honigmelone. Nur unterschwellig alkoholisch.

Der Geschmack toppt den eh schon komplexen Geruch noch deutlich. Cremig, superweich und öligschwer im Mund, herrlich natursüß nach Kandiszucker. Die „Aquarium“-Note, die mir bei Sotol das erste Mal auffiel, ist hier auch vorhanden, aber reduzierter. Ein sehr deutlicher Agavencharakter wird ergänzt durch Fruchtigkeit (Pfirsich?). Später wird es kräuterig-würzig, Pfefferminze, Thymian, Nadelgewächs und eine hintergründige Tabakwürze. Sehr komplex. Der Körper, die Dichte und der gefühlte Reifegrad dieser weißen Spirituose übertrifft viele añejos, die ich kenne, und die meisten reposados: Ein Beweis dafür, dass Alter eben doch nicht alles ist, sondern nur ein Hilfsmittel.

Im Abgang gibt es keine negative Überraschung – warm und weich, dabei leicht pfeffrig. Leicht betäubend und kühlend an der Zungenspitze. Der Abgang ist zwar nur mittellang, dafür aber hocharomatisch. Sehr gefällig und unglaublich fein zu trinken, übertrifft der Fortaleza Tequila Blanco dabei viele Cognacs, ohne sich dabei aber anzubiedern. Kurz – eine edle Spitzenspirituose. Es ist nicht zu fassen, dass so etwas direkt aus der Pot Still, ohne Reifung, läuft; da fangen viele andere Brenner an zu heulen.

40% Alkohol sind ein üblicher Wert für Tequilas, man merkt aber nichts davon. Dennoch bin ich voller freudiger Erwartung auf den bald erscheinenden Still Strength Forty Six mit 46%, von dem ich neulich einen winzigen Schluck schon probieren konnte, und seitdem davon träume.

Fortaleza Tequila Blanco Glas

Passend zum handgefertigten Inhalt trinke ich diesen Tequila aus einem handgemachten Caballito, wie es auch Guillermo Sauza in seiner Destillerie tut. Alternativ sind natürlich langstielige, kaminförmige Verkostungsgläser, wie sie auch für Whisky und Rum bei Kennern üblich sind, bestens geeignet.

Für manche ist es ein Sakrileg, eine derart hochwertige Spirituose in einem Cocktail zu verwenden. Nicht für mich, im Gegenteil. Natürlich verzichte ich darauf, einen Tequila Sunrise, mit seinem großen Saftanteil, mit Fortaleza Tequila herzustellen, das wäre zugegebenermaßen schon leicht dekadent (wenn ich mir es durchgängig leisten könnte, wäre allerdings auch das kein moralischer Stolperstein für mich). Aber bei Cocktails, in denen die Spirituose eine große Rolle spielt, wie bei einer Margarita oder The Bermondsey Minute, zählt jedes Grad an Qualität. Da kann so ein Tequila dann noch das letzte Quäntchen an Genuss aus einer Mischung herausholen und diese von der Kategorie „lecker“ in die Kategorie „göttlich“ verschieben. Was hier definitiv passiert. Man beachte, dass das Originalrezept nach einem reposado verlangt. Der vorliegende blanco allerdings füllt Rezepte dieser Art ohne jede Mühe aus.

The Bermondsey Minute


The Bermondsey Minute
2 oz Tequila Reposado (oder hier: Fortaleza Tequila Blanco)
¾ oz Roter Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
1 Teelöffel Maraschino-Likör (z.B. Bols)
1 Teelöffel Lavendelsirup
2 Teelöffel Stilles Wasser
Auf Eis rühren. Mit Zitronen- und Orangenzesten dekorieren.
[Rezept nach Simon Difford]


Interessant ist die Abfüllungschargen-Nummer, die auf der Rückseite handschriftlich (da haben wir es wieder!) eingetragen ist. Im Gegensatz zu Jahreszahlen bei Jahrgängen bei Wein oder bei manchen Spirituosen, und auch im Gegensatz zu Single-Barrel-Fassnummern bei manchen Whiskeys oder Rums handelt es sich hier um die Nummer des Abfüllungsvorgangs in Flaschen. Jahrgänge sind bei Tequila schwer durchzuführen, da die Agavenernte das ganze Jahr über erfolgt und immer andere Teile eines Felds geerntet werden, und Single-Barrel-Produktionen sind auch (noch) eher selten und für ungereifte Spirituosen, die kein Fass zu Gesicht bekommen, wie beim vorliegenden Tequila, natürlich eh nicht relevant.

Fortaleza Tequila Blanco Rücketikett

Sehr rustikal kommt der bereits oben angesprochene, manufakturierte Stöpsel daher; die bei meiner Flasche etwas schiefe Anfertigung lässt keinen Zweifel daran, dass hier wirklich Handarbeit im Spiel war. Alles andere als ein Naturkorken wäre dem Rest nicht angemessen.

Fortaleza Tequila Blanco Stöpsel

Die letzte Frage, die noch offen bleibt, ist die nach dem Namen. In Mexiko wird dieser Tequila unter dem Namen Los Abuelos („die Großeltern“) verkauft – und es geschieht öfter, als man denkt, dass solche Namen im globalisierten Markenrecht anderswo bereits geschützt sind. Der Rum Diplomatico musste so in Deutschland in Botucal umbenannt werden, um Verwechslungen mit dem Aldi-Billigweinbrand Diplomat zu vermeiden; ähnlich ging es Los Abuelos in den USA, als der panamanesische Rumhersteller Abuelo erfolgreich dagegen klagte, dass der zu ähnliche Name verwendet werden durfte. Man sieht an diesen zwei Fällen, meist gewinnt der Schnellere, nicht der Bessere. So wurde eben der Name der Destillerie La Fortaleza als Ersatz für das Produkt herangezogen.

La sangre de nuestra vida – das Blut unseres Lebens, so bezeichnete Francisco Javier Sauza die Erde, auf der die Agaven für den La Fortaleza Tequila wachsen, in einem sentimentalen Moment gegenüber seinem oben erwähnten Enkel Guillermo. Diesem abuelo und den anderen Vorfahren zu Ehren wurde der Tequila dieser Heimaterde wieder neu erschaffen, basierend auf den alten Methoden, nachdem die Produktion 30 Jahre lang eingeschlafen war. Wenn es eine Spirituose gibt, die die überstrapazierte Bezeichnung „craft“ verdient, dann ist es dieser Tequila, der gleichzeitig zeigt, dass sich die Mühe auch in Qualität auszahlt. Wer ihn probiert, wird mir zustimmen.

Sierra Spiced Titel

Mixto Undercover – Sierra Spiced Licor con Tequila Edición Limitada

Manchmal lassen wir uns als rechthaberische Quartalssäufer dazu hinreißen, eine spezielle Spirituose aus tiefstem Herzen zu verachten. Vielen Rumfreunden geht das mit Bacardi so, der Whisky-Connoisseur blickt auf Johnny Walker Red Label herunter, der Gin-Hipster verdreht bei Gordon’s die Augen. Auch bei Tequila gibt es ein Ziel vieler Hassattacken der Kenner, man ahnt schon, was es ist: Sierra. Persönlich lasse ich mich nur ungern von solchen oft unmotivierten Antipathien kontrollieren. Bacardi hat durchaus gute Produkte im Portfolio, und der vielgeschmähte weiße Rum ist so schlecht dann halt doch nicht. Ebenso bei Johnny Walker und Gordon’s – wenn man sich an deren Standardprodukte in der unteren Preisklasse wendet, sollte man halt wissen, dass man keine Geschmacksexplosionen erwarten darf, bekommt aber dennoch vernünftige Qualität.

Anders sieht die Situation für mich bei Tequila aus. Dort bekommt man bei dieser Art von Standardprodukten schon eine Geschmacksexplosion, aber nicht immer unbedingt im positiven Sinne. Die Mixtos von Sierra sind für mich beispielsweise unterdurchschnittlich. Andererseits stellt diese Firma auch sehr schöne 100%-Agaventequilas her. Da ist man als Spirituoseninteressierter, der sich gegen die oben angesprochene unterschwellige Ablehnung wehren und sich einigermaßen objektiv einem Schnaps gegenüber verhalten will, in einer Zwickmühle, wenn man ein neues Produkt dieser Firma im Regal findet: Soll man es riskieren, dem Hersteller erneute Chancen zu geben, oder es lieber sein lassen? Ich habe mich für das Risiko entschieden, und mutig und optimistisch den Sierra Spiced Licor con Tequila Edición Limitada in meinen Warenkorb gelegt.

Die Flasche verbirgt den Inhalt nicht – die Farbe gefällt schon von außen durch den blassgoldenen, strohigen Ton. Da laut Etikett Farbstoff im Spiel ist (wie bei vielzuvielen anderen Spirituosen auch), ist die Farbe allerdings eigentlich irrelevant für eine Bewertung; schade, dass sowas heutzutage noch sein muss – liebe Hersteller, der moderne Spirituosentrinker ist dahingehend geschult, dass man ihn nicht mit künstlicher Farbe täuschen muss!

Sierra Spiced Flasche

Bei vielen anderen Sierra-Produkten merkt man schon am Geruch, woran man ist. Der Sierra Spiced überrascht mich daher ganz enorm: sehr angenehm. Zurückhaltende Orange. Zimt, zwar nicht so wildzimtig wie bei einer anderen Zimtspirituose, dem Fireball-Whiskey, aber erkennbar.  Eine feine, blumige Tequila-Note scheint durch. Würzig und süß, floral und mild. Leichte Mineralität. Wenn man die Nase tief ins Glas hält, kriegt man eine leichte Schärfe zu riechen. Ich bin baff – der Geruch ist wirklich ausgesprochen angenehm; habe ich Sierra bisher in meinem Rundumschlag unrecht getan?

Das muss nun auch geschmacklich geprüft werden. Und hier zeigt dann der Sierra Spiced seine hässliche Fratze, die er geschickt unter Parfümduft verborgen hatte. Ein Zuckerschwall überflutet meinen Mund. Was schmecke ich? Zucker. Zucker und Zucker. Künstliches Orangenaroma. Künstlicher Zimt. Plastik. Bitter und sauer. Ein unangenehm seifiges Mundgefühl. Ein schlimmer Fuselgeschmack kommt zum Vorschein. Ich muss mich beim Verkosten zwingen, weitere Schlucke zu nehmen. Ein sehr unfeiner, bitter-saurer Abgang, mit oberflächlich zuckrigem Gaumenpapp, komplettiert die Zerstörung der Mundflora und -fauna. Eine leichte Mentholnote verbleibt; von Aromen her nur Zimt. Gottseidank ist der Abgang wenigstens recht kurz.

Da will man direkt ausrufen: Nein, ich habe Sierra bisher in meinem Rundumschlag nicht unrecht getan! Dieser Likör ist ein Graus; und das ganze ist noch tragischer, weil mich der wirklich fantastische Geruch auf eine Verbesserung dieses Herstellers hoffen ließ. Diese Hoffnung wurde jäh und brutal zerstört. Der Sierra Spiced sorgt darüber hinaus mit diesem ekligen Mundgefühl für ein neues Highlight in meiner nach unten offenen Liste der grausigsten Getränke.

Persönlich kann ich mir nicht vorstellen, diesen Likör wirklich extensiv oder gewinnbringend in Cocktails einzusetzen, dazu ist er viel zu eindimensional. Es gibt aber eine Zutat, die sich dann doch gut mit ihm verträgt, und seine gröbsten Schnitzer elegant ausbügelt, und daher empfehle ich, diesen Tequilalikör mal in einem Spiced Tequila and Tonic, oder kurz ST&T, auszuprobieren. Ein durchaus leckerer Longdrink.

ST & T (Sierra Spiced & Tonic)


ST & T
2 oz Sierra Spiced
…aufgießen mit Tonic Water (z.B. Fentimans Tonic Water)
…und mit einem Spritzer Angostura krönen.
[Rezept nach schlimmerdurst]


Die Basis dieses Spiced Tequila ist der hauseigene Reposado des Herstellers, der bereits selbst nur ein Mixto ist, d.h. nicht zu 100% aus Agavenzucker hergestellt wird: Mindere Qualität also bereits in der zugrundeliegenden Spirituose. Diese wird dann durch Zugaben auf 25% Alkohol runtergedrückt. Verbessert wird das ganze nicht durch die künstlichen Zimt- und Orangenaromen, und das Pfund Zucker, das wahrscheinlich drin ist; es ist klar, dass in einem Likör per EU-Verordnung mindestens 100g/L Zucker enthalten sind, daher wäre eine Messung meinerseits, die ich für Spirituosen, bei denen ich Zuckerzusatz vermute, gern durchführe, sinnlos. Doch ich kenne Liköre, und auch Crèmes (mindestens 250g/L Zucker), die trotz viel Zucker nicht dermaßen extrem und fast ausschließlich nach Raffinadezucker schmecken wie der Sierra Spiced.

Um mal auch was positives zu sagen: Die Flasche ist fantastisch, mit herrlichem Design, das ins Glas eingelassen ist, und einem hübschen Umhänger. Natürlich vernichtet der dümmlich-bescheuerte Hut auf der Flasche alles an Flair, das das Design durchaus hergeben würde – der Hersteller Sierra kann eben nicht aus seiner Haut. Wenigstens ist der Hut nicht rot, sondern minimal dezenter schwarz. Ich habe mich von dieser ausgesprochen attraktiven Flaschengestaltung und einem guten Preisangebot im örtlichen Globus-Markt ködern lassen und für die 0,7-Liter-Flasche im Sonderangebot 9€ bezahlt; selbst diese Reduktion vom UVP von 13€ rettet den Sierra Spiced nicht. Und die hübsche Flasche selbst kann man ja leider nicht trinken.

Sierra Spiced Angebot

Wer Zimtspirituosen mag, sollte sich lieber an Fireball Whiskey halten, der alles das richtig macht, was Sierra Spiced falsch macht. Selbst wenn ich zugestehe, dass ich Fireball nicht für eine wirklich hochwertige Spirituose halte, so ist der Sierra Spiced dann halt doch noch mehr als eine Stufe darunter.

El Jimador Tequila Reposado Titel

Ab ins Beet zum Agavenpflücken – El Jimador Tequila Reposado

In einem vorherigen Beitrag hatte ich ein Video eingebettet, in dem die Maisernte in Amerika gezeigt wird. Das ist uns, bis auf die Dimensionen, nicht fremd; Mähdrescher kennen wir auch gut hierzulande. Auch die Ernte von Gerste, Weizen und selbst Zuckerrohr können wir uns gut optisch vorstellen. Doch wie sieht es mit dem Grundstoff von Tequila und Mezcal aus, der Agave? Wer schonmal eine ausgewachsene Agave gesehen hat, weiß, dass die harten, dicken Blätter, versehen mit Dornen, nicht wirklich erntefreundlich sind. Für die Ernte einer Agave muss nicht einfach, wie bei den anderen erwähnten Pflanzen, die gesamte Sprossachse abgetrennt und eingesammelt werden, was gut maschinisiert für mehrere Pflanzen gleichzeitig durchgeführt werden kann, oder der Baum solange gerüttelt werden, bis das Obst von allein herabfällt. Bei der wehrhaften Agave werden die Blätter abgehackt und nur der innere Kern, die sogenannte piña, für die Weiterverabeitung gesammelt. Bis heute ist dieser Erntevorgang ein manueller; experimentelle Maschinisierung hat sich (noch) nicht durchgesetzt, selbst in der industriellen Produktion von Tequila.

Dem hart arbeitenden Agavenernter, spanisch jimador, zu Ehren, der mit seiner Erfahrung und speziellen Technik diese anstrengende Aufgabe im Schweiße seines Angesichts verrichtet, hat man den hier nun vorgestellten Tequila aus dem Hause Herradura El Jimador getauft – eine seltene, wahre Ausnahme zu den sonst bei Spirituosenerzeugern so beliebten Hintergrundgeschichten, die meisten davon moderne Legenden, geschrieben zur Verkaufssteigerung (ich hoffe, ich zerstöre hier keine romantischen Träume von Whiskey- und Rumfreunden).

El Jimador Tequila Reposado Flasche

Die Farbe ist sehr blass, wie bei Reposados üblich, die nur unterjährig in einem Fass zur Reifung verweilen; die Nase mild und sehr süß, mit Anklängen von Frucht und einem minimalen Hauch von Reinigungsmitteln. Nicht übermäßig ansprechend.

Im Mund ist der Tequila dann ölig, eher trocken, mit spürbarem Alkoholbrennen. Die Agavenfrucht ist zunächst klar dominierend, aber nicht überwältigend. Insgesamt ein eher zurückhaltender Tequila was die Aromen angeht, zart, fein und leicht, trotz des schnell einsetzenden Feuers. Im recht kurzen Abgang ist der El Jimador dann noch trockener, die Süße bleibt aber angenehm lange im Mund, und ein Anflug von Frucht dazu. Er hat etwas Vodkacharakter – kein überwältigender Tequila, aber ein guter Basisstoff, mit dem man was anfangen kann.

Gerade Tequila ist eine tolle Basisspirituose für Cocktails mit Kräutern, Gemüse und Obst. Ein Beispiel für ersteres ist der hocharomatische Tequila Sage Smash, bei dem der El Jimador ein gutes Fundament für die ätherischen Öle von Salbei legt.

Tequila Sage Smash


Tequila Sage Smash
2 oz Tequila Reposado (z.B. El Jimador Reposado)
¾ oz Limettensaft
½ oz Agavensirup
6 große gemuddelte Blätter Salbei
…in einem Glas mit Himalajasalzkruste servieren.
[Rezept leicht modifiziert nach Erik Adkins]


Serviert in einem Glas mit Himalajasalzkruste ein kräuterig-süßer Drink, der dem Charakter des Tequila entgegenkommt.

Neben Kräutern ist auch Obst ein guter Spielpartner für Tequila. Überall bekommt man sie – halbgefrorene Fruchtmargaritas. Besonders beliebt ist die Erdbeermargarita; persönlich noch lieber mag ich allerdings eine mit frischen Zutaten statt Saftkonzentraten hergestellte Pineapple Margarita, die zeigt, dass Ananas und Tequila eine perfekte Kombo sind.

Pineapple Margarita


Pineapple Margarita
1½ oz  El Jimador Tequila Reposado
1½ oz Triple Sec (z.B. Le Favori)
1 oz Zitronensaft
1 Prise Salz
½ oz Zuckersirup
Alle Zutaten gut shaken.
Dann eine kleine Babyananas stückeln…
…diese zusammen mit Crushed Ice mit dem Pürierstab pürieren…
…und mit dem Rest vermengen
[Rezept nach unbekannt]


Die Flasche gefällt in ihrer ungewohnten, eckigen Form; und auch das Etikett mit der hübschen Illustration überzeugt. Auf ihr sieht man einen jimador, der mit dem typischen Werkzeug, das man auch heute noch benutzt, wie auf dem Eingangsvideo zu sehen, eine Agavenpflanze auf die piña, das Herz, reduziert.

El Jimador Tequila Reposado Etikett

Insgesamt ein gutes Tequila-Paket: Für mich war es der erste 100%-Agave-Tequila, den ich probiert hatte, und er eröffnete damit eine neue Welt und zeigte mir, wie Tequila wirklich schmecken kann, im Vergleich zu den recht grausigen Mixtos (also Tequilas, die nicht zu 100% aus Agavenzucker destilliert werden), die ich vorher nur kannte. Gerade weil der Preis nur wirklich unwesentlich über dem von Mixtos liegt sollte jedem die Entscheidung leicht fallen, welcher Tequila als nächstes in den Warenkorb wandert, wenn man etwas preisgünstiges sucht – der El Jimador ist ein solider 100%-Agave-Tequila für Anfänger.

Corralejo Reposado Titel

Spaziergang im Kräutergarten – Corralejo Reposado Tequila

Spirituosen sind nicht nur geschmackliche Genussmittel – auch der optische Eindruck zählt, oft auch schon, bevor die Flüssigkeit ins Glas gelangt. Viele Hersteller betreiben eine Menge Aufwand, um für ihren einzigartigen Sprit auch ein passendes, einmaliges und leicht wiedererkennbares Behältnis zu designen. Dem einen oder anderen Produzenten ist es sogar gelungen, dass wir ein Getränk schon von weitem an der Flasche identifizieren können: die eckige Jack-Daniel’s-Buddel mit dem schwarz-weißen Etikett; der kastenförmige braune Cointreau-Flakon; oder aber die Urmutter aller Designflaschen, die Coca-Cola-Flasche.

Hin und wieder überrascht ein Hersteller die Konsumenten selbst in diesem kreativen Umfeld dann noch mit einem Flaschendesign, das jeden Rahmen sprengt. Der Galliano-Turm beispielsweise, der in keinem Regal Platz findet, oder die seltsame Dreieckskeule von Boven’s Arrak; ähnlich spektakulär daher kommt der Corralejo Reposado Tequila in einem riesigen, blaugefärbten Glasbehältnis. Ich musste das Foto der Flasche auf 3 Einzelschnappschüsse aufteilen, um den Eindruck, den diese Spirituose in echt macht, auch nur ansatzweise rüberzubringen.

Corralejo Reposado Flasche2

Corralejo Reposado Flasche3

corralejoreposado-flasche4Ich habe zum Vergleich einfach mal eine Standardflasche einer anderen Spirituose daneben gestellt, um die majestätische Höhe des Corralejo sichtbar zu machen. Leider kann das Etikett nicht mit dieser Opulenz mithalten – die Schrift darauf wirkt längenmäßig verzerrt, ist schwer zu lesen und macht einen etwas billigen Eindruck.

Durch die Blaufärbung der Flasche erkennt man außerdem nicht die Farbe des Inhalts; in Zeiten, in denen Zuckerkulörfärbung allerdings zum Tagesgeschäft gehört, ist diese Flaschenfarbe vielleicht ehrlicher, denn so muss kein potenzieller Käufer sich an der scheinbaren Helligkeit des Inhalts, die für viele Uninformierte auf mangelnde Reifung hindeutet, stören – und der Hersteller kann sich die Zuckerkulörfärbung sparen. Nicht, dass der Hersteller das wahrscheinlich im Sinn hätte, es dient wohl hauptsächlich der Abgrenzung zum weißen Tequila (in klarer Flasche) und zum Añejo (in roter Flasche) desselben Produzenten.

corralejoreposado-vergleichDie Farbe ist, wenn man sich dann endlich nach all dem Philosophieren über Flaschengestaltung ein Glas eingegossen hat, in der Tat ein helles Strohgelb, das nicht auf Färbung schließen lässt. Man stellt dann anschließend einen gewissen Geruch fest, den ich für eine Sekunde als Plastikgeruch identifizieren würde, der aber dann sehr schnell in einen kräuterigen, an Schwarztee erinnerenden Geruch übergeht, mit etwas Rosmarin und Minze gespickt. Wie ein Spaziergang durch den Kräutergarten im Sommer.

Auch im Mund hat der Corralejo Reposado einen Teecharakter. Viel Holz- und Kräuterwürze sowie geröstete Agave ersetzt die anfängliche Süße sehr schnell, dann wird es minzig und dunkelkaramellig. Ein für einen Reposado überraschend dichter Körper mit cremigem Mundgefühl. Im Abgang ist dieser Tequila ausgesprochen trocken und im Rachen erkennbar bitter, ohne dabei kratzig zu sein; eine milde Schwarzpfefferschärfe bleibt angenehm lang am Gaumen, zusammen mit einem traumhaften Nachhall voller Aromen.

Definitiv ein spannender Tequila der eher kräftigeren Sorte; viele andere blumige Agavenschnäpse verblassen vor der wilden Kräuterkraft des Corralejo. Man muss aber die prägnanten Holznoten mögen, und die Trockenheit zu schätzen wissen.

So manch ein leicht-fluffiger Tequila geht gegen andere Zutaten im Cocktail unter. Mit dem Corralejo Reposado kann einem das nicht passieren; trotz der eher schwachen 38% Alkohol setzt dieser Tequila mit seinem aufbrausenden Charakter in allen Rezepten ein Ausrufezeichen – zum Beispiel im Long-Faced Dove.

longfaceddove-cocktail


Long-Faced Dove
1½ oz Corralejo Reposado Tequila
½ oz Campari
¾ oz frisch gepresster Grapefruitsaft aus Pink Grapefruits
¾ oz Limettensaft
½ oz Zuckersirup
½ oz Ginger Beer (z.B. Aqua Monaco Hot Monaco)


Einen weiteren Vorteil des Corralejo darf man nicht verschweigen: Er ist gut erhältlich. Viele herausragende Tequilas muss man bei Fachhändlern im Internet bestellen; den Corralejo gibt es dagegen in allen seinen Ausprägungen auch in gehobenen Feinkostläden, für rund 30€ für 700ml, und auch in kleineren Flaschengrößen. Wenn Sie das nächste Mal an einer dieser schönen Flaschen vorbeilaufen, und sich für Tequila interessieren, greifen Sie zu! Übersehen kann man die Corralejo -Flaschen ja nicht.

Viva la revolución! 1921 Tequila Añejo

Manchmal tut sich was in Sachen Imagepflege bei Tequila. Neulich hatte der mexikanische Agavenschnaps einen Gastauftritt in der VOX-Fernsehdoku „Das perfekte Dinner“, der durchaus dazu angetan war, zumindest ein paar der Vorurteile abzubauen. Ein Paar, sie Mexikanerin, servierten den Gästen mexikanische Hausmannskost, und erläuterten dabei die Wichtigkeit der Nationalspirituose Mexikos, und dessen soziale Komponente bei Feiern. Passend dazu hatten die beiden auch wirklich tolle Tequilas auf dem Regal für die Gäste bereit: Don Julio Reposado und Gran Centenario Reposado, wenn ich richtig gesehen habe.

Natürlich hadere ich mit der Präsentation dieser Genießertequilas in Shotgläsern, mit Salz und Limette. Ein Cognacschwenker hätte dem gut getan; auch waren die Kommentare der Gäste, allesamt in Richtung von „ich habe mir damals mit Tequila einen Ekel gesoffen“ und „mir schmeckt so scharfes Zeug nicht“, nicht wirklich dazu angetan, diesen Versuch der Imagepolitur wirklich effektiv zu machen. Schade um die verpasste Chance.

Wenn schon Mexikaner, wenn sie einen Fernsehauftritt haben, diese Gelegenheit für Werbung nicht wirklich nutzen, muss ich für sie in die Bresche springen. Der Tequila ist für mich die großartigste Spirituose überhaupt, und gleichzeitig die meistverkannte, weil in Deutschland lange Zeit nur unterdurchschnittliche Mixtos erhältlich waren. Inzwischen hat sich das geändert, und man bekommt relativ leicht auch so brillante Edeltequilas wie den hier vorgestellten 1921 Tequila Añejo.

tequila1921anejo-flasche

Im Glas ist dieser 12 Monate gereifte Single-Barrel-Tequila zunächst unscheinbar – ein blasses Goldgelb, doch wenn man an diesem Glas riecht, bekommt man eine hochattraktive Geruchsmelange, die alles zeigt, was gereifter Tequila hervorbringen kann: süßer Honig, würzig-pflanzliche Agave, kräftiger Karamell aus dem Fassholz und bunte Zuckerwatte. Lieber blass und diese Nase, als dunkel wegen Zuckerkulör.

Der erste Geschmackseindruck hört sich vielleicht etwas negativ an: Plastik. Das ist aber keineswegs so furchtbar, nur ein Eindruck, etwas ähnlich wie der Lackgeruch beim Bourbon. Am Anfang bleibt der 1921 Tequila Añejo sehr süß, voller Aromen von Honig, Ananas, Milchschokolade und Pralinen. Mit fortdauernder Verbleibdauer im Mund kommt dann aber ein mildes Brennen und eine gewisse Bittere im Hintergrund dazu. Das ist gut, denn reinsüßer Schnaps erkauft sich dies oft mit einem Mangel an Komplexität.

Im Abgang die Kehrtwende: eine überraschende pfeffrige Schärfe, die an der Zungenspitze kitzelt, gleicht die vorherige Süße aus. Im Rachen und Magen verbleibt der 1921 dann sehr warm und wohlig, aber ohne sich anzubiedern – wie ein echter Revolutionär gibt er seine Agavenwurzeln zu keinem Zeitpunkt zugunsten einer bequemen Geschmacklichkeit auf.

1921 Tequila Añejo Seitenansicht

Ein kleiner Tip für geduldige Genießer: Lassen Sie das Glas, aus dem Sie den 1921 Tequila Añejo getrunken haben, bis zum nächsten Tag ungespült stehen, und schnuppern Sie dann an den getrockneten Resten. Herrlich! Die ganze Süße, der Karamell und die Schokolade sind dann konzentriert im Glas vorhanden, mit einer feinen Blumennote. Ein Traum für alle Olfaktoriker!

Selbstverständlich ist dieser Tequila auch für Cocktails hervorragend einsetzbar. Im The Eclipse verbindet sich die süße Charakteristik des 1921 Tequila Añejo mit der Bittere des Aperols und der Rauchigkeit des aufgeschichteten Mezcals. Zwei mexikanische Spirituosen in einem Glas, ein wahrhaftiger Repräsentant des mittelamerikanischen Landes.

The Eclipse


The Eclipse
1 oz 1921 Tequila Añejo
¾ oz Kirschlikör (z.B. Cherry Heering)
¾ oz Aperol
¾ oz Zitronensaft
…und am Ende ¼ oz Mezcal (z.B. Mezcal Amores Joven) obenauf schichten


Die Flasche ist recht eigen designt und gefällt mir in ihrer verrückten Art und Weise, sie ist auch sehr griffig durch den langen Hals auf dem kastenförmigen Körper. Der Ausguss ist überraschend groß, wie man schon an dem riesigen Plastikstöpsel, der durch Siegelwachs überdeckt ist, erahnen kann. Das aufgesetzte Plastikschild mit Agavensymbol und der namensgebenden Jahreszahl (laut Hersteller erinnert der Name 1921 an das Ende der mexikanischen Revolution, passend dazu ist der grimmig vom Flaschenhals stierende Emiliano Zapata) wertet auf; im passenden Geschenkkarton geliefert ist dieser Tequila ein wirklich auch optisch was hermachender Zusatz für jede Hausbar mit Stil.

Es gibt ihn selbstverständlich auch in den kürzeren Reifegraden Blanco und Reposado; ein  besonderes Schmankerl für Tequilafreunde ist dann noch die sahnig-cremige 1921 Crema de México. Es lebe die 100%-Agave-Tequila-Revolution!