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Sauza Tres Generaciones Tequila Plata Titel

Ausgekocht! Sauza Tres Generaciones Tequila Plata

Aktuell macht eine recht neue Technik bei der Herstellung von Tequila von sich reden – der Diffuser/Diffusor. Das grundsätzliche Prinzip ist einfach und hat schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel: Um das Basismaterial, die gekochte Agave, noch effizienter auszunutzen, werden nach dem Pressen oder Schreddern noch aus den dadurch bereits ausgelaugten Agavenfasern durch eine Apparatur die letzten Reste des Zuckers gezogen. Viele der großen Hersteller von Tequila nutzen Diffusoren seit den 90er Jahren.

So weit, so gut. Doch in letzter Zeit sind findige Produzenten auf die Idee gekommen, die Diffusoren statt mit den gekochten Agavenresten mit frischer, roher Agave zu befüttern. Die Problematik dieses Vorgehens ist klar – ein Großteil des Charakters von Tequila entsteht durch das Kochen der Agave, idealerweise in Steinöfen oder wenigstens in Autoklaven. Man entfernt mit dem Kochen einen wichtigen Produktionsschritt aus dem Prozess, spart dadurch natürlich viel Zeit und Geld, und erzeugt größere Mengen, um den vor allem in den USA gerade boomenden Tequila- und Mezcal-Markt bedienen zu können. Eine sehr ausführliche und äußerst lesenwerte Beschreibung des Diffusers, seiner Folgen für Geschmack und Arbeitsmarkt, findet sich bei muchoagave.com, und im Vergleich zu traditionelleren Herstellungsmethoden auch bei Long Island Lou Tequila.

Sauza ist einer der Hersteller, die Diffusoren einsetzen, und aller Wahrscheinlichkeit nach sind demnach auch zumindest Teile des Sauza Tres Generaciones Tequila Plata, den ich heute hier vorstelle, dadurch entstanden. Erkennt man die Diffusor-Herstellungsweise am Geschmack? Ohne zuviel vorwegnehmen zu wollen: Ja.

Sauza Tres Generaciones Tequila Plata Flasche

Zur Farbe gibt es nichts zu sagen, was nicht schon von außen durch die zeigefreudige Flasche zu sehen ist. Die Konsistenz sieht nur unwesentlich viskoser aus als die von Wasser. Die Beine, die durch das Schwenken im Glas entstehen, fließen sehr schnell ab.

Der erste Eindruck, wenn man am Tres Generaciones Plata riecht, ist: Bazooka-Kaugummi, wer wohlwollender sein will: Wintergrünöl. Dazu kommt eine dunkle Würzigkeit, die leicht holzig riecht, mit Anklängen – aber wirklich nur Anklängen – von Agave. Ansonsten ist eine schwere Ethanolnote (etwas magere 38% Alkoholgehalt können kaum allein dafür verantwortlich sein) vorhanden, darüber hinaus kaum etwas.

Auch im Geschmack kommt die süße Kaugummi-Note stark zum Tragen, dazu Birne und Kümmel. Ein leichter Körper, fast schon dünn oder wässrig. Das bringt aber eine gewisse Eleganz und Leichtigkeit mit sich. Aromatisch erinnert mich dieser Tequila deutlich mehr an Vodka, Korn oder mehrsäulendestillierten weißen Rum als an typischen Tequila. Der Abgang ist süß, mildpfeffrig, und recht kurz, leicht adstringierend, mit etwas Lakritz im Nachhall.

Rein aromatisch überzeugt mich der Sauza Tres Generaciones Plata nicht so richtig, dazu ist er zu eindimensional und oberflächlich, und mit für meinen Geschmack viel zu wenig Agavencharakter. Wozu er dennoch gut sein könnte ist ein Einsatz als Aperitiv-Tequila; vor einem Essen, oder zwischendurch, als trou mexicain sozusagen.

Ich weiß nicht, ob dieser leichte Charakter allein durch den oben beschriebenen Diffuser entsteht; das Geschmacksprofil passt zumindest mit dem, das Khrys Maxwell bei muchoagave.com beschreibt, gut zusammen – ein leichtkörpriger, sauberer, an Wodka angelehnter Agavenbrand, ohne die wildfloralen Noten, die ein handwerklich hergestellter Pot-Still-Tequila mit sich bringt. Auch in Blindtests schneidet dieser Tequila eher schlecht ab. Ohne die negativen Folgen eines Diffusors schönreden zu wollen: ich denke dennoch, dass auch solch ein leichter Tequila seine Freunde finden wird. Er ist jedenfalls als 100%-Agave-Tequila immer noch etwas aromatischer und ehrlicher als ein Mixto.

Für diesen Tequila biete ich ausnahmsweise mal kein Cocktailrezept an, sondern beschreibe eine Voodoo-Opferfeier für Baron Samedi, den Herrn der Kreuzwege. Wenn man all die Zutaten für Baron Samedi’s Indecent Burial zusammengetragen hat, errichtet man einen kleinen Altar mit der Mixtur und diversen anderen Opferbeigaben, köpft ein Huhn, gießt das frische Blut über sich, verspritzt etwas von der Libation auf die Erde und trinkt dann am Ende den Cocktail. Wer in einer Mietwohnung lebt, darf das mit Hühnerblut und auf-den-Boden-Gießen auch weglassen. Baron Samedi wird allerdings nicht erfreut sein über diesen Mangel an Prioritäten.

Baron Samedi's Indecent Burial


Baron Samedi’s Indecent Burial
1 oz Tequila Blanco (z.B. Sauza Tres Generaciones Tequila Plata)

1 oz Tequila Reposado (z.B. Corralejo Tequila Reposado)
1 oz Tequila Añejo (z.B. 1921 Tequila Añejo)
½ oz Islay Single Malt (z.B. Giant’s Causeway Caol Ila 9y)
1 Teelöffel Sherry (z.B. Lustau Los Arcos Amontillado)
1 oz Limettensaft
¾ oz Grapefruitsaft
½ oz Falernum (z.B. John D. Taylor’s Velvet Falernum)
¼ oz Passionsfruchtsirup
¼ oz Zimtsirup
2 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Oron Lerner]


Die Flasche mit ihrem Dekanter-Stil gefällt mir sehr – der obere Teil ist mit passend zum „Silber“-Tequila in entsprechender Farbe bedruckt. Besonders auffallend ist der schwere, dicke Hals, der zu einem Großteil aus Glas besteht; erst, wenn man den Korken zieht, sieht man, wie schmal das Ausgußloch im Verhältnis zum dicken Hals tatsächlich ist. Die sehenswerte Flasche wird in einem mit vielen schwärmerischen Details, die man natürlich bei einem derart großen Hersteller wie Sauza cum grano salis bewerten sollte, bedruckten Karton geliefert.

Offenlegung: Ich danke spirituosen-superbillig.com für die Kooperation bei diesem Artikel und für die kostenlose Zurverfügungstellung einer Flasche des Sauza Tres Generaciones Tequila Plata.

Ocho Curado Tequila Titel

Agaventee mit Schuss – Ocho Curado Tequila

Der eine oder andere Gin-Freund hört es nicht so gern, wenn man über seine Lieblingsspirituose etwas abfällig als „aromatisierten Vodka“ spricht. Ich kann das verstehen, denn der Gin hat doch eine lange Tradition, und das Geschmacksbild verändert sich im Vergleich zum Vodka doch deutlich – rein formal ist es aber eine zutreffende Beschreibung. Vielleicht liegt der Ärger daran, dass das Wort „aromatisiert“ in der heutigen Industrielebensmittelgesellschaft eine negative Konnotation erhalten hat – der halbaufgeklärte Konsument verbindet es mit künstlichen Geschmacksstoffen, manipulierten Laborprodukten und verbrauchertäuscherischen Betrugsversuchen.

Dabei ist eine Aromatisierung an sich natürlich nichts schlimmes – sie wird es erst, wenn es heimlich oder mit täuscherischem Ansatz geschieht, um eine höhere Qualität vorzugaukeln oder mit niedrigem Geldeinsatz den Geschmackseindruck eines hochwertigen und damit teuren Aromas zu ersetzen. Erdbeerjoghurts, die nie ein einzelnes echtes Fruchtmolekül gesehen haben, Tütenbolognese, die völlig frei von Tomaten ist oder Rum, der mit allerlei Zusätzen auf alt und gereift getrimmt wird sind nur drei Beispiele dessen, was wir uns gefallen lassen.

Daher kann es schon sein, dass der skeptische Tequilafreund etwas schief schaut, wenn man ihm einen Ocho Curado Tequila vorsetzt. Dabei haben wir hier aber den Fall, dass die Aromatisierung einen echten Sinn hat, aus einem Basisprodukt etwas Besonderes macht, zusätzlichen Wert liefert, so wie das bei Gin auch passiert. Hier werden nun natürlich statt „botanicals“, den Kräutern wie Wacholder also, die dem Gin sein Aroma geben, in einen normalen Ocho Blanco Tequila (dieser ist 100% Agave, natürlich) gekochte Agaven eingelegt.

Ocho Curado Tequila Flasche

Bei der Farbe beginnt also die Reise. Durch die Mazeration der gekochten Agave bekommt der sonst klare Blanco neben einem stärkeren Agavenaroma eine erkennbare Färbung. Würde man es nicht besser wissen, könnte man diesen Tequila glatt für einen farblich ganz typischen Reposado halten – blasses Strohgold, erinnernd an Weißwein. Von der Viskosität her sehr flüssig, hinterlässt aber trotzdem Beine am Glas. Rein optisch ein schmalbrüstiges Wässerchen.

Kaum hält man die Nase ins Glas, ist es aber vorbei mit der Schmalbrüstigkeit, da beginnen sich wuchtige Rundungen abzuzeichnen. Der Ocho Curado Tequila weist einen sehr kräftigen Agavencharakter auf, mehr als bei den meisten Tequilas, die ich kenne. Grasig und grün, dabei sehr würzig, dicht, aromatisch und körpervoll. Ein nahezu idealer Tequiladuft.

Damit ist das Schwärmen des Tequilafreunds aber noch lange nicht vorbei, im Gegenteil: Das wunderbare Mundgefühl, mild und dabei doch vollmundig, lässt mein Herz hüpfen. Sehr süß nach Honig, gleichzeitig dicht und kräftig nach Agave. Nur mild grasig und gemüsig, leicht salzig und umami. Ein feiner Touch von Rauch und Holz. Die 40% Alkohol, also im üblichen Bereich für Tequila, spürt man kaum. Der Abgang ist mildbitter, würzig und leicht feurig, warm und sehr lang, leicht betäubend an Zungenspitze und adstringierend am Gaumen. Ehrlich – das ist eine echte Agavenbombe, die das beste aus zwei Welten kombiniert: die jugendliche Frische eines Blanco mit der zusätzlichen, verstärkten Agavenpower.

Ein weiterer positiver Punkt am Ocho Curado ist, dass er in Cocktails sowohl als Blanco als auch als Reposado eingesetzt werden kann. Ein Beispiel dafür ist der Southbound Suarez, der eigentlich im Originalrezept mit gereiftem Tequila hergestellt wird, aber eigentlich durch den Curado sogar noch an Charakter gewinnt. Wer über die ungewohnte Zutat „Horchata“ stolpert: Das ist eine Art Milch, hergestellt aus Nüssen, erhältlich in unterschiedlichsten Varianten. Wer sie nicht selbst herstellen will (wie das Erfinder Jeffrey Morgenthaler bestimmt tut, in seiner perfektionistischen Art), kauft im Drogeriemarkt einfach eine fertige aus Cashewnüssen oder Mandeln.

Southbound Suarez


Southbound Suarez
1½ oz Tequila Reposado (oder hier: Ocho Curado Tequila)
½ oz Limettensaft
½ oz Agavendicksaft
1 Teelöffel Becherovka
1½ oz Horchata
Alle Zutaten auf Eis shaken.
[Rezept leicht adaptiert nach Jeffrey Morgenthaler]


Ich hatte neulich bei einem anderen Tequila erklärt, dass die Mexikaner scheinbar eckige, gedrungene, folkoristisch angehauchte Flaschen mögen. Hier haben wir nun den genauen Gegenentwurf: Eine sehr einfache, strenge Halbliter-Flasche, ohne Zier oder Kinkerlitzchen, mit einem simplen (aber qualitativ hochwertigen) Schraubverschluss. Kein Etikett hindert unseren Blick auf den Inhalt; alle Infos sind direkt aufs Glas aufgebracht.

Bei ungefähr 26€ für 500ml bewegen wir uns preislich gewiss im eher leicht gehobenen Bereich – für Tequilafreunde ist der Ocho Curado Tequila aber auf jeden Fall eine lohnenswerte Investition. Spannend ist er allemal, und wird aller Voraussicht nach ein dauerhafter Mieter zumindest in meinem Spirituosenregal werden.

Don Julio Tequila Blanco Titel

Höflichkeit ist nicht immer eine Tugend – Don Julio Tequila Blanco

In einer Zeit wie heute gibt es für Tequilatrinker eigentlich keinen echten Grund mehr, Mixtos zu trinken, also Tequila, der nicht zu 100% aus Agavenzucker fermentiert wurde. Mixtos waren über lange Zeit gerade in Deutschland die einzig erhältliche Form des Tequila; heute findet man selbst in Supermärkten 100%-Agave-Tequilas, zu nur unwesentlich höheren Preisen. Geschmacklich wird es einem der Gaumen danken; doch es gibt auch andere Gründe, auf die Massenmarkt-Mixtos zu verzichten.

Aktuell werden in Mexiko aufgrund diverser Faktoren die Agaven knapp. Die Ernte 2017 wird bereits jetzt erkennbar zu wünschen übrig lassen; darüberhinaus greifen auch andere Interessenten aus der Pharmaindustrie, getauft Los Mieleros, plötzlich nach dem hochwertigen Agavenzucker, um daraus Inulin und andere neue Produkte herzustellen, so dass es für Mezcal (wozu Tequila auch gehört) nicht mehr ganz so einfach wird, an das Basismaterial für den Brand zu kommen. Durch dieses neue Spannungsfeld verändern sich auch seit einiger Zeit die Aufzuchtmethoden der Agaven, die für Tequila genutzt werden; Biodiversität verschwindet, denn künstliche Ablegerfortpflanzung ersetzt immer häufiger die natürliche Bestäubung durch Fledermäuse. In diesem Playboy-Artikel (natürlich lese ich die Zeitschrift nur wegen der Artikel) wird das ganze Dilemma, das der aggressiv aufstrebende Mezcal und damit auch Tequila aktuell erlebt, sehr schön und lesbar aufbereitet. Ein Fazit unter anderen wiederhole ich für die Lesefaulen nochmals gern hier, das deutlich aufzeigt, dass man sich auch aus Umweltschutzgründen von Mixtos grundsätzlich fernhalten sollte, selbst wenn einem der Geschmack egal ist.

STICK TO 100-PERCENT-AGAVE SPIRITS
Mixto is a class of tequila that’s produced from a mix of agave and other, cheaper sources of sugar. If a distillery doesn’t use 100 percent agave, it’s also almost definitely not paying extra to ensure the agave it does use is sourced well.

Also, lassen wir alle Mixtos, die trotz der Flut der hervorragenden 100%-Agave-Tequilas immer noch den Einzelhandel beherrschen, im Regal, und schauen uns stattdessen lieber einen Vertreter der ordentlichen Tequilas an, den man statt dessen leicht ohne große Beschaffungsmühe beziehen kann – den Don Julio Tequila Blanco.

Don Julio Tequila Blanco Flasche

Die Farbe ist natürlich, wie man es von einem weißen (blanco, oder manchmal auch „Silber“ oder plata genannt) Tequila erwartet: klar. Die Flasche gibt dem Inhalt einen leicht bläulichen Touch, doch im Glas ist davon nichts mehr da. Dort erst ist auch eine minimale Viskosität erkennbar.

Bei Tequila habe ich mir tatsächlich angewöhnt, nicht von Geruch, sondern von Duft zu sprechen – dieses Wort trifft im Gegensatz zu den meisten anderen Spirituosen das, was die Nase wahrnimmt, einfach besser. Wie üblich bei ungereiftem Tequila ist da eine sehr florale Note, nach Rosen, Jasmin und Veilchen. Schnauft man tief ins Glas, erkennt man die seifigen Lösungsmittel-Charakteristiken eines ungereiften Schnapses – eine , die ich auch bei dem einen oder anderen weißen Rum, Gin oder Vodka entdeckt hatte.

Sehr süß und cremig liegt der weiße Don Julio im Mund. Blumig und malzig, zunächst nur wenig agavenwürzig. Etwas schokoladig. Und etwas vom Aquariumcharakter, den ich auch bei weißem Sotol erkannt hatte. Ein pfeffriges Brennen begleitet den eher kurzen Abgang, der sich langsam in eine starkmentholige Wärme auf den Seiten der Zunge entwickelt, mit leichtem Eisengeschmack, wie bei Zahnfleischbluten; dieser Eindruck bleibt dann noch eine ganze Weile vorhanden.

Insgesamt von der Aromatik her ein recht typischer weißer Tequila ohne großen Aussetzer, aber auch ohne hervorstechende Eigenschaften; persönlich ist er mir etwas zu langweilig ausgearbeitet. 38% ist für Tequila nicht ungewöhnlich, ein paar mehr Prozente (und damit Aromen und Charakter) hätten ihm sicherlich gut getan. So wirkt der Don Julio Blanco etwas dünn und kurzatmig. Höflichkeit ist für eine Spirituose eben nicht immer eine Tugend.

Unabhängig davon, dass er für den Purgenuss nur eingeschränkt empfehlenswert ist, dient er mir dennoch als hochwertige Spirituose für Tequilacocktails. The Woodberry Schooner weist keine anderen Zutaten auf, die das milde Tequilaaroma des Don Julio Blanco überdecken würden und ist daher ein sehr schönes Beispiel dafür, dass man selbst mit zurückhaltenderen Spirituosen ein tolles Mischergebnis erzielen kann.

The Woodberry Schooner


The Woodberry Schooner
1 oz weißer Tequila (z.B. Don Julio Blanco)
1 oz Weißer Wermut (z.B. Ferdinand’s Dry Saar Vermouth)
½ oz Zuckersirup
½ oz Zitronensaft
20 Tropfen The Bitter Truth Celery Bitters
[Rezept nach Matt Ficke]


Tequilabehältnisse weisen oft eine sehr gedrungene Form auf, das scheinen die Mexikaner zu mögen. Auch hier ist die Flaschenform rund und kugelig, mit einem Echtkorken, der unter einem gut griffigen Plastikkopf verborgen ist. Das Etikett ist im Urkundenstil sehr altmodisch (oder sagt man „klassisch“?) gehalten, mit den verschnörkelten Linien, die aus dem „J“ des Namens wandern, ein Design, das mich entfernt an Asbach Uralt erinnert.

Don Julio ist hierzulande mit einer der verbreitetsten 100%-de-Agave-Tequilas, und bei vielen Bars in Deutschland gilt: Wenn sie einen Nichtmixto im Angebot haben (was schon für die meisten Bars nicht zutrifft, leider), dann Don Julio. Doch, und so leid mir das tut, für mich ist das Preisleistungsverhältnis bei diesem Produkt in der weißen Ausprägung relativ ungünstig (anders sieht es für Reposado und Añejo dieses Herstellers aus). Für dasselbe Geld bekommt man deutlich spektakulärere Blanco-Tequilas mit mehr Persönlichkeit. Dennoch bin ich der dieser Marke allein aufgrund der eben erwähnten Vorreiterrolle sehr dankbar; und ein Quantensprung zu weißen Mixtos ist sie natürlich ohne jeden Anflug von Zweifel, was es leichter macht, ein ethisches Verhalten an den Tag zu legen und handwerkliche Produkte statt Industriemassenware zumindest bei Tequila zu kaufen.

Fortaleza Tequila Blanco Titel

La sangre de nuestra vida – Fortaleza Tequila Blanco (Los Abuelos)

Die Welt stürzt sich gern auf gereifte Spirituosen. Je dunkler, je älter, desto besser, so scheint das Credo zu sein. Bei Scotch geht es soweit, dass alles, was weniger als 10 Jahre gereift ist, von so manchem selbsternannten Kenner als minderwertig abgetan wird – und NAS-Abfüllungen ohne Altersangabe als der Untergang der Whiskykultur betrachtet werden. Bei Rum überschlagen sich die Hersteller mit Pseudoaltersangaben, die meist reine Augenwischerei sind – große zweistellige Zahlen, prominent auf dem Etikett, für ein Produkt, das rein technisch schon kaum so ein Alter erreichen kann (zumindest nicht zu dem ausgeschriebenen Preis). Die Ausnahme unter den braunen Spirituosen ist der Tequila, der sich nicht an dieser Hetzjagd nach möglichst großen Zahlen beteiligt. Selbst die längstgereifte Standardkategorie bei Tequila, der Añejo, wird meist unter 3 Jahren gereift. Tequila hat natürlich den Vorteil, dass die Pflanze, aus der er destilliert wird, nicht jährlich komplett neu heranwächst, wie das bei Gerste, Mais, Zuckerrohr oder Kartoffeln der Fall ist, sondern über mehrere Jahre hinweg Zucker und Aromen aufbauen kann – da wäre es ja eine Sünde, diese mühevolle Arbeit der Agave zunichte zu machen, indem man diese Aromen durch Fassholzgeschmäcker überdecken würde.

Für mich persönlich jedenfalls sind die weißen, ungereiften Varietäten von Spirituosen (ganz besonders bei Rum und Tequila) unabhängig davon eh immer die interessantesten. Sie zeigen den wahren Charakter des Destillats, unbeeinflusst von externen Effekten. Bei langgereiften Spirituosen schmeckt man oft nur noch das Fass – bei weißen dagegen die Essenz der Basismaterialien, oder wie Guillermo Sauza von Fortaleza Tequila in dem nachfolgenden Video etwas romantischer sagt, „the true blood of the destillery“. Selten genug sind mittelamerikanische Spirituosenhersteller so freigiebig mit Informationen über ihre Herstellungsmethoden und -lokalitäten wie Don Sauza, daher sollte man dies hoch schätzen.

Er hat aber auch nichts zu verbergen, im Gegenteil: der Fortaleza Tequila Blanco ist einer der wenigen Tequilas, die noch in kompletter Handarbeit hergestellt werden. Schon in der Flaschengestaltung weist der Hersteller darauf in Details hin: das handgeerntete Agavenherz, die piña, ziert als Stöpsel die Flasche. Gekocht wird die piña bei Fortaleza in klassischen hornos, also Steinöfen, nicht in modernen Autoklaven. Besonders herauszuheben ist die Zerkleinerung der geernteten und gekochten Agavenherzen in Vorbereitung für die Fermentation: industrieller Tequila nutzt Schredder-Maschinen, die traditionelle Methode allerdings ist die Verwendung eines Mühlsteins, der tahona. Die tahona ist heute deswegen zum Symbol für die Handarbeit beim Tequila geworden – und auch den Mühlstein findet man prominent auf der Flasche abgebildet.

Bei all dieser Tradition, bei all dieser Mühe muss letztlich die Frage gestellt werden – lohnt es sich, allein deswegen um die 60€ für eine Flasche dieses ungereiften Sprits zu investieren, oder bietet er auch einen geschmacklichen Gegenwert? Für den Preis bekommt man immerhin 5 Flaschen des Sierra-Mixtos!

Fortaleza Tequila Blanco Flasche

Das war natürlich nur ein Scherz (ein geschmackloser dazu!), kein Mensch sollte überhaupt den Sierra-Mixto kaufen, wenn ihm am Geschmack von Schnaps etwas liegt.

Wie von einem Blanco zu erwarten, ist die Farbe vollkommen klar; man könnte aber meinen, einen leichten Blaustich wahrzunehmen. Die Flüssigkeit ist viskos und schwer. Der Geruch setzt ein erstes Ausrufezeichen – süß und vegetal. Sehr aromatisch nach Agave, Apfel, Rosmarin, Lavendel.  Anklänge von Anis und Motoröl. Aber auch fruchtig, in Richtung Honigmelone. Nur unterschwellig alkoholisch.

Der Geschmack toppt den eh schon komplexen Geruch noch deutlich. Cremig, superweich und öligschwer im Mund, herrlich natursüß nach Kandiszucker. Die „Aquarium“-Note, die mir bei Sotol das erste Mal auffiel, ist hier auch vorhanden, aber reduzierter. Ein sehr deutlicher Agavencharakter wird ergänzt durch Fruchtigkeit (Pfirsich?). Später wird es kräuterig-würzig, Pfefferminze, Thymian, Nadelgewächs und eine hintergründige Tabakwürze. Sehr komplex. Der Körper, die Dichte und der gefühlte Reifegrad dieser weißen Spirituose übertrifft viele añejos, die ich kenne, und die meisten reposados: Ein Beweis dafür, dass Alter eben doch nicht alles ist, sondern nur ein Hilfsmittel.

Im Abgang gibt es keine negative Überraschung – warm und weich, dabei leicht pfeffrig. Leicht betäubend und kühlend an der Zungenspitze. Der Abgang ist zwar nur mittellang, dafür aber hocharomatisch. Sehr gefällig und unglaublich fein zu trinken, übertrifft der Fortaleza Tequila Blanco dabei viele Cognacs, ohne sich dabei aber anzubiedern. Kurz – eine edle Spitzenspirituose. Es ist nicht zu fassen, dass so etwas direkt aus der Pot Still, ohne Reifung, läuft; da fangen viele andere Brenner an zu heulen.

40% Alkohol sind ein üblicher Wert für Tequilas, man merkt aber nichts davon. Dennoch bin ich voller freudiger Erwartung auf den bald erscheinenden Still Strength Forty Six mit 46%, von dem ich neulich einen winzigen Schluck schon probieren konnte, und seitdem davon träume.

Fortaleza Tequila Blanco Glas

Passend zum handgefertigten Inhalt trinke ich diesen Tequila aus einem handgemachten Caballito, wie es auch Guillermo Sauza in seiner Destillerie tut. Alternativ sind natürlich langstielige, kaminförmige Verkostungsgläser, wie sie auch für Whisky und Rum bei Kennern üblich sind, bestens geeignet.

Für manche ist es ein Sakrileg, eine derart hochwertige Spirituose in einem Cocktail zu verwenden. Nicht für mich, im Gegenteil. Natürlich verzichte ich darauf, einen Tequila Sunrise, mit seinem großen Saftanteil, mit Fortaleza Tequila herzustellen, das wäre zugegebenermaßen schon leicht dekadent (wenn ich mir es durchgängig leisten könnte, wäre allerdings auch das kein moralischer Stolperstein für mich). Aber bei Cocktails, in denen die Spirituose eine große Rolle spielt, wie bei einer Margarita oder The Bermondsey Minute, zählt jedes Grad an Qualität. Da kann so ein Tequila dann noch das letzte Quäntchen an Genuss aus einer Mischung herausholen und diese von der Kategorie „lecker“ in die Kategorie „göttlich“ verschieben. Was hier definitiv passiert. Man beachte, dass das Originalrezept nach einem reposado verlangt. Der vorliegende blanco allerdings füllt Rezepte dieser Art ohne jede Mühe aus.

The Bermondsey Minute


The Bermondsey Minute
2 oz Tequila Reposado (oder hier: Fortaleza Tequila Blanco)
¾ oz Roter Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
1 Teelöffel Maraschino-Likör (z.B. Bols)
1 Teelöffel Lavendelsirup
2 Teelöffel Stilles Wasser
Auf Eis rühren. Mit Zitronen- und Orangenzesten dekorieren.
[Rezept nach Simon Difford]


Interessant ist die Abfüllungschargen-Nummer, die auf der Rückseite handschriftlich (da haben wir es wieder!) eingetragen ist. Im Gegensatz zu Jahreszahlen bei Jahrgängen bei Wein oder bei manchen Spirituosen, und auch im Gegensatz zu Single-Barrel-Fassnummern bei manchen Whiskeys oder Rums handelt es sich hier um die Nummer des Abfüllungsvorgangs in Flaschen. Jahrgänge sind bei Tequila schwer durchzuführen, da die Agavenernte das ganze Jahr über erfolgt und immer andere Teile eines Felds geerntet werden, und Single-Barrel-Produktionen sind auch (noch) eher selten und für ungereifte Spirituosen, die kein Fass zu Gesicht bekommen, wie beim vorliegenden Tequila, natürlich eh nicht relevant.

Fortaleza Tequila Blanco Rücketikett

Sehr rustikal kommt der bereits oben angesprochene, manufakturierte Stöpsel daher; die bei meiner Flasche etwas schiefe Anfertigung lässt keinen Zweifel daran, dass hier wirklich Handarbeit im Spiel war. Alles andere als ein Naturkorken wäre dem Rest nicht angemessen.

Fortaleza Tequila Blanco Stöpsel

Die letzte Frage, die noch offen bleibt, ist die nach dem Namen. In Mexiko wird dieser Tequila unter dem Namen Los Abuelos („die Großeltern“) verkauft – und es geschieht öfter, als man denkt, dass solche Namen im globalisierten Markenrecht anderswo bereits geschützt sind. Der Rum Diplomatico musste so in Deutschland in Botucal umbenannt werden, um Verwechslungen mit dem Aldi-Billigweinbrand Diplomat zu vermeiden; ähnlich ging es Los Abuelos in den USA, als der panamanesische Rumhersteller Abuelo erfolgreich dagegen klagte, dass der zu ähnliche Name verwendet werden durfte. Man sieht an diesen zwei Fällen, meist gewinnt der Schnellere, nicht der Bessere. So wurde eben der Name der Destillerie La Fortaleza als Ersatz für das Produkt herangezogen.

La sangre de nuestra vida – das Blut unseres Lebens, so bezeichnete Francisco Javier Sauza die Erde, auf der die Agaven für den La Fortaleza Tequila wachsen, in einem sentimentalen Moment gegenüber seinem oben erwähnten Enkel Guillermo. Diesem abuelo und den anderen Vorfahren zu Ehren wurde der Tequila dieser Heimaterde wieder neu erschaffen, basierend auf den alten Methoden, nachdem die Produktion 30 Jahre lang eingeschlafen war. Wenn es eine Spirituose gibt, die die überstrapazierte Bezeichnung „craft“ verdient, dann ist es dieser Tequila, der gleichzeitig zeigt, dass sich die Mühe auch in Qualität auszahlt. Wer ihn probiert, wird mir zustimmen.

Sierra Tequila Silver Mixto Titel

Agavenfusel? Sierra Tequila Mixto Blanco und Reposado

Für viele ist das Wort Tequila synonym zu Sierra Tequila. Kein Wunder, als Marktführer in Deutschland mit einem absolut unverkennbaren Markenzeichen, dem Hut auf dem Drehverschluss (nein, er ist keine Zitronenpresse und hat auch sonst keine Funktion außer zu dekorieren!), und einiger verrückter, einprägsamer Werbespots läuft die Marketingmaschine rund – und in jedem Supermarkt ist er, meist als einziger Tequila, zu finden.

Und dennoch kommt entgegen der Werbung oft die entsetzte Antwort, dass man natürlich keinen Tequila probieren will, wenn man Neulingen etwas vorsetzen will – denn sie kennen nur Sierra Tequila, und das meist aus einem Umfeld, in dem man keinen Schnaps gut erinnert: Billige mexikanische Imbissrestaurants, Saufparties, Studentengelage oder All-you-can-drink-Events, bei denen es eigentlich egal ist, was man trinkt, solange es knallt. Dieses Image belastet jeden Tequila in Deutschland bis heute, und Sierra trägt leider einen nicht unerheblichen Anteil daran, selbst wenn es vom Hersteller gar nicht unbedingt beabsichtigt sein muss.

Sierra Tequila Silver Mixto Flasche

Dass Sierra Tequila entsprechend für viele Tequilaconnoisseure mit „Rachenputzer“ gleichgesetzt wird, ist sehr schade und tut diesem Mixto (zu diesem Begriff siehe weiter unten mehr) etwas unrecht, denn so schlecht ist er nicht – ja, das ist kein Tippfehler. Manch einer mag sich erinnern, wie sehr ich den Blanco in einer früheren Version dieses Artikels runtergeputzt hatte („Bremsflüssigkeit“, „widerwärtig“ und „eklig“ waren von mir verwendete Wörter, für die ich mich eigentlich entschuldigen sollte). Nach einer von Schnapsfreunden praktisch erzwungenen Wiederbesichtigung dieses Brands hebe ich nun leicht zerknirscht die weiße Flagge und mache einen Teilfrieden mit Sierra Tequila.

Insgesamt und erneut betrachtet hat Sierra Tequila Mixto Blanco mit einem wahrhaft guten Tequila für mich persönlich aber immer noch nicht so arg viel zu tun außer dem Namen. Schon beim Öffnen der Flasche springt einem ein säuerlich-metallischer Geruch entgegen, der mit dem Duft, den ich sonst mit Tequila verbinde, nicht wirklich vergleichbar ist. Eine milde, sehr süße Obstfruchtigkeit ersetzt die sonst von mir geliebte würzige Agavennote. Im Geschmack ist es dann ähnlich – etwas metallisch, grasig, eine erkennbare Alkoholnote. Trotz seiner ansprechenden Weichheit und Cremigkeit ist er mir zu körperarm und flach, dafür mit einem angenehmen Feuer im Abgang. Letzterer ist sogar mittellang und recht prägnant, wenn auch leicht seifig. Man sieht, meine wilde, zornige Ablehnung habe ich etwas überdacht; ein gewisses Desinteresse ersetzt sie.

Sierra Tequila Blanco und Reposado (auch vereinfachend als „silber“ und „gold“ bekannt) fallen in die Kategorie der Mixtos, also der Tequilas, die nicht zu 100% aus Agavenzucker destilliert werden, sondern mit bis zu 49% auch aus anderen, dann halt praktisch immer billigeren, Zuckerarten wie Rohrzucker hergestellt werden kann. Das ist legal und im mexikanischen Tequila-Gesetz auch so geregelt: Es darf sich dann immer noch „Tequila“ nennen. Da der Geschmack natürlich von der Agave kommt, ist bei einem Mixto immer ein Einschnitt diesbezüglich zu erwarten. Meist werden Mixtos zur Kostenreduktion in Bars eingesetzt, und da der deutsche Kunde kaum weiß, wie ein Tequila zu schmecken hat, geht das auch meistens durch. Leider, denn man muss klar sagen: Ein Mixto, egal welchen Herstellers, ist eine Minderqualität des Tequila, mit der man sich nicht zufrieden geben sollte.

sierratequila-sortenZur Flasche – mir gefällt das Flaschendesign, ehrlich. Sierra lässt sich auch hin und wieder was neues einfallen, wie die komplett geschwärzten Sonderausgaben. Wenn sie nun noch Etiketten machen könnten, die nicht so arg simpel daherkommen (die etwas lasche Karikatur eines Mexikaners mit der Gitarre vor dem Kaktus), und diesen dümmlichen Sombrero von der Flasche nehmen würden, könnte ich mich mit dem Markenimage anfreunden. So passt sich einfach alles in das Saufgelage-mit-Quantität-statt-Qualität-Schema ein.

Leute, tut Euch den Gefallen, und kauft, selbst wenn es nur um die Wirkung geht, einen 100%-Agave-Tequila, den man für nur minimal mehr Geld bekommt – wenn man noch nie einen guten 100%-Agave-Tequila getrunken hat, wird man Bauklötze staunen, wie groß dieser Qualitätsunterschied ist. Wenn man unbedingt sparen muss und billigen Schnaps benötigt, wäre es aus meiner Sicht dann vielleicht sogar besser, komplett auf Tequila zu verzichten, denn Mixtos haben in der Regel auch ein schlechteres ökologisches Profil als 100%-Agave-Tequilas und andere negativen Eigenschaften, auf die man als moderner, interessierter Spirituosenfreund gern verzichtet.