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Sierra Milenario Fumado Blanco Tequila Titel

Heimlicher Raucher – Sierra Milenario Fumado Blanco Tequila

Manchmal braucht man einen Pionier, um mit einer kleinen Gruppe von Leuten einen Weg ins Inland zu schlagen, auf dem dann Siedler und ihre Familien mit weniger Mühe folgen können. Das galt historisch für die menschliche Besiedlung von neuen Regionen, viele Pflanzen und Tiere machen es ebenso. Und auch bei Spirituosen kann man ohne weiteres etwas ähnliches beobachten.

Ein einfaches Beispiel: Je mehr Tequilas es schaffen, sich in Deutschland zu platzieren, um so mehr Chancen haben auch dazugehörige Nischenprodukte oder Subkategorien, sich im Fahrwasser anzuhängen. Neulich hatte ich so etwas im Glas, einen Tequila, in dem Agavenfruchtfleisch mazeriert wurde – ein tolles Erlebnis. Heute stelle ich ein zweites derartiges abgeleitetes Spezialprodukt vor. Der Sierra Milenario Fumado Blanco Tequila weist als Besonderheit auf, dass er geräuchert wurde, und zwar über mexikanischem Mesquite-Holz. Da aktuell der rauchige Verwandte des Tequila, der Mezcal, sehr beliebt ist, fragt man sich: Wird hier vielleicht das beste aus zwei Welten miteinander vereint? Oder ist das Räuchern nur ein Gimmick?

Sierra Milenario Fumado Blanco Tequila Flasche

Die Farbe eines Blancos steht selten zur Diskussion, auch hier besteht nicht die Gefahr, dass Trübungen oder Einfärbungen die namensgebende Farbe beeinträchtigen. Auch der Räucherprozess hat offensichtlich keinen Einfluss darauf. Die Konsistenz gefällt durch eine gewisse Schwere, Beine laufen langsam am Glas ab.

Der Geruch des Sierra Milenario Fumado ist sehr markant. Sehr „grün“, das mag ich an Tequilas grundsätzlich gern. Vegetal und pflanzlich, mit viel Agavenhintergrund. Eine milde Süße deutet sich an, da ist, auch ohne Holzreifungseffekte, etwas Vanille und Karamell. Ein Hauch von Rauch deutet sich an, ohne aber, wie bei Mezcal, direkt sehr dominant zu werden.

Im Geschmack kommt dann der Gedanke doch auf, dass wir hier einen Mezcal vor uns haben könnten, wüsste man es nicht besser. Der Räucherprozess sorgt für einen starken, aber nicht überwältigenden Rauchcharakter – wer einen „Mezcal Light“ probieren will, ist hier genau richtig. Eine cremige, feine Süße bildet die Unterlage für einen wuchtigen Agavenkörper. Ich danke dem Hersteller für die Einstellung auf 41,5% – weniger dürfte es nicht sein, der vorhandene Alkoholgehalt ist nahezu ideal für diese Spirituose. Da ist eine leichte Mineralität (oder, wie ich gern sage, „Aquariumkies“), und ein Anflug von Fenchel und Rosmarin. Mir gefällt diese Komplexität sehr gut; wie bei den meisten weißen Qualitätstequilas fehlt einem, im Gegensatz zu vielen anderen weißen Spirituosen, nie die Reife, selbst wenn er nicht gereift ist – der Sierra Milenario Fumado wirkt trotz seines jugendlichen Alters sehr erwachsen und rund, kann ohne jede Mühe als „Sipper“ durchgehen.

Sierra Milenario Tequila Fumado Blanco Glas

Der Abgang ist extrem weich, dabei aber vergleichsweise trocken, mit schöner, milder Wärme und herrlicher mildpfeffriger Würze. Die mineralische und pflanzliche Komponente bleibt, auch wenn der Abgang selbst eher kurz ist, noch eine Weile am Gaumen.

Oh, das ist ein Tequila, der mit dem von mir vielgescholtenen Sierra Mixto rein gar nichts mehr zu tun hat – im Gegenteil, das ist ein wunderbares Produkt mit viel Herz und Verstand. Gerade die deutlichst erkennbare Nähe zu Mezcal, ohne dabei seine Tequilawurzeln aufzugeben, machen den Sierra Milenario Fumado extrem spannend und zu einer meiner neuen Lieblingssorten. Man sollte ihn als Tequilafreund definitiv probieren.

Ich konnte es entsprechend kaum erwarten, diese Spirituose auch in einem Cocktail unterzubringen. Eine Paloma ist ein herrliches Sommergetränk, herb und frisch. Mit einem kleinen Schuss Lavendelsirup, dann eben als Lavendel-Paloma, wird sie noch aromatischer und sommerlicher; der Fumado gibt dem ganzen schließlich als Krönung eine hintergründige Rauchigkeit, die für Komplexität und Spannung sorgt.

Lavendel Paloma


Lavendel-Paloma
3 oz Grapefruit-Saft
2 oz Tequila Blanco
½ oz Lavendelsirup
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Die neuen Flaschen, die die Destilerías Sierra Unidas, S.A. de C.V. (NOM 1451) für ihre Milenario-Reihe benutzen, gefallen mir sehr. Sie liegen gut in der Hand, machen einen wuchtigen und wertigen Eindruck, insbesondere mit dem Holzdeckel des Kunststoffkorkens, der umgehängten Kordel in der grauen Sortenfarbe und dem kleinen Metallanhänger. Es ist chi-chi, ja, doch hin und wieder lasse ich mich davon einnehmen, auch wenn es eigentlich unnötig und ablenkend ist.

Sierra Milenario Tequila Fumado Blanco Rücketikett

Kurz will ich noch die Etikettierung ansprechen. Am Hals steht in einer Banderole „Concrete Jungle Luxury“, das müsste mir mal erklärt werden – im Gegensatz zu obiger, offensichtlicher, harmloser Augenschmeichlerei ist das völliger Quatsch, der abgestellt werden sollte. Mir missfällt auch etwas die Gestaltung des Rücketiketts, die sich an handausgefüllten Vordrucken orientiert; hier ist aber nichts handausgefüllt, selbst die Flaschennummer ist (nachträglich) aufgedruckt. Ein Täuschungsmanöver, ebenso wie der Versuch, den Eindruck zu erwecken, dass hier tonnenweise Informationen abgedruckt seien. Das übelste ist die Vermischung von wertvoller Information, wie die Erwähnung der Agavenherkunft (Los Altos, also Hochland), der Destillationsmethode (zweifach im Kupfer-Pot-Still) und des zur Reifung verwendeten Holzes (wobei „Mexican Wood“ auch nicht gerade wirklich sehr erleuchtend ist), mit Marktinggeblubber und nutzloser Pseudoinformation („Quality: The Crocodile, Imix“? „Mayan Sign“?). Bei einem ernstzunehmenden Produkt ist diese Art von schwalliger Übermütigkeit und schlechtem Storytelling unangebracht – und es lenkt vom wirklich herausragend guten Inhalt ab, was ich schade finde. Wenn diese Kritikpunkte noch aus der Welt geschafft werden könnten, hätten wir mit dem Sierra Milenario Fumado ein völlig uneingeschränkt empfehlenswertes Produkt; aber auch so lege ich ihn jedem Tequila- und auch Mezcalfreund definitiv ans Herz.

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Casa Noble Tequila Blanco Titel

Mexikanisches Gift – Casa Noble Crystal Tequila Blanco

Neulich, in einem kleinen aber feinen, lokalen Restaurant, entdeckte ich völlig unerwartet im Regal hinter der Theke eine recht vernünftige Flasche 100%-Agave-Tequila. Sowas muss man unterstützen, denke ich mir, und bestelle mir ein Gläschen davon. Die Bedienung fragt, ob ich Limette und Salz dazu will, ich seufze innerlich leicht, und sage trotzdem freundlich danke, nein. Man trinkt das aber so, sagt sie. Ich hole Luft und will zu einer langatmigen Erklärung, warum das nicht so ist, ausholen – dann fällt mir wieder ein, wo ich bin, und stoße den Atem wieder aus, und bitte sie, mir einfach nur das Glas zu bringen.

Nur übertroffen wir diese Sitte, die aus Zeiten stammt, als man Tequilafeuerwasser nicht anders trinken konnte, ohne das Gesicht zu verziehen, noch von der typisch deutschen Brutalität, die einem Reposado-Tequila angetan wird, indem man ihn mit Orangenscheibe und Zimt anbietet. Dass man Tequila scheinbar mit einem alleinstehend untrinkbaren Scheibenklar verwechselt, ist eine alte, aber nur schwer ausrottbare Tradition – sogar Lucky Luke musste sich schon mit Barkeepern rumschlagen, die ihm Frucht und Salz zum „mexikanischen Gift“ servierten.

Lucky Luke Arizona Tequila
Lucky Luke: Arizona (C) Morris

Gern weise ich daher heute nochmal freundlich darauf hin, dass hochwertige Tequilas natürlich erstmal ohne diese Beigaben genossen werden sollten. In Mexiko wird scheinbar oft ein Set aus Limettensaft im Glas, Tequila Blanco und einem Glas Sangrita serviert, das dann auf die Nationalflagge hinweist (grün-weiß-rot). Diese manchmal dann entsprechend „bandana“ oder „mexican flag“ genannte Kombination ist dann aber zum abwechselnden Trinken, nicht als „lick-shoot-squeeze“-Partyritual gedacht.

Völlig unabhängig davon, wie man ihn nun trinkt, empfehle ich natürlich ausschließlich hochwertige 100%-Agave-Tequilas dafür. Wie beispielsweise den heute hier vorgestellten Casa Noble Crystal Tequila Blanco.

Casa Noble Tequila Blanco Flasche

Bei Tequila rede ich ungern vom Geruch, ich präferiere bei dieser Spirituose den Begriff „Duft“, der es einfach besser trifft, was man bei Tequila in der Nase hat. Der Casa Noble Crystal wirkt zitronig, mineralisch nach feuchtem Aquariumkies, und pflanzlich nach Algen. Etwas Vanille, leichte Lösungsmittel. Unterschwellig würzig.

Nach der stark vegetalen Nase ist der Geschmack leicht überraschend – sehr rund und weich und süß im Antrunk. Voll und dicht,  voluminös und stark im Mundgefühl. Würzig und sehr ausbalanciert, trotz all dieser recht unterschiedlichen Komponenten. Im Verlauf dann plötzlich sehr feurig und auf der Zunge brennend, Pfeffer und Chili tauchen beide auf. Viele Spirituosenfreunde meinen, dass es ausschließlich die Trinkstärke ist, die für Aromen sorgt (und trinken entsprechend nur Fassstärke und ähnliches) – dieser Tequila zeigt mit seinen vergleichsweise kleinen 40%, dass es auch anders gehen kann.

Der Abgang des Casa Noble Crystal bleibt dann ähnlich heiß und feurig mit Pfeffer im Vordergrund. Sehr lang und dabei dann doch noch süß. Die vegetale Komponente taucht nochmals auf: Algen und feuchter Kies. Salzig. Extrem adstringierend und ultra-trocken. Sehr sauer wirkend. Stark betäubend auf Zunge und Gaumen. Ein schöner Blanco, der mich darin bestärkt, dass ungereifte Spirituosen mindestens so spannend sein können wie lang gereifte.

Gerade im gerade aufkeimenden Sommer sind Champagnercocktails eine schöne Sache. Es muss ja nicht immer der gleiche Aperol-Spritz sein, warum nicht mal eine schöne Champagner-Tequila-Rezeptur ausprobieren? Der South of North kommt allen Geschmäckern entgegen, ist süß und doch frisch, ohne das typische Agavenaroma dabei zu vernachlässigen.

South of North


South of North
1 oz weißer Tequila (z.B. Casa Noble Crystal Tequila Blanco)
¾ oz Holunderblütenlikör (z.B. The Bitter Truth Elderflower Liqueur)
½ oz Limettensaft
¼ oz Zuckersirup
1 Spritzer Zitrusbitter (z.B. The Bitter Truth Lemon Bitters)
Auf Eis shaken. In ein Collins-Glas voll Eis abseihen. Dann toppen mit…
2 oz Champagner (z.B. Heidsieck Monopole Blue Top)
[Rezept nach Brian Miller]


Das Design erfuhr vor kurzem ein kleines Facelift, die drei Altersstufen sind nun etwas kompakter in der Flaschenform. Das silberne kreisrunde Etikett ist bei allen gleich, ebenso der kugelige Metallstöpsel, der einen Naturkorken krönt.

Nun, ob man der Bemerkung auf dem Umhänger, dass der Musiker Carlos Santana Miteigentümer der Marke Casa Noble ist, viel Gewicht beimisst oder nicht – Casa Noble ist auf jeden Fall ein Hersteller, der seine Agavenherzen tatsächlich noch in einem Horno, also einem traditionellen Steinofen kocht, und auch sonst Wert auf die Produktion legt. Allein schon deswegen empfehle ich die Tequilas von Casa Noble jedem, der einen authentischen Agavenbrand, der nicht die Bank sprengt, probieren will. Schmecken tun sie ganz nebenbei aber natürlich auch, und zwar in jeder Alterskategorie; Besprechungen der Altersstufen Reposado und Añejo werden auf diesem Blog folgen.

Sauza Tres Generaciones Tequila Plata Titel

Ausgekocht! Sauza Tres Generaciones Tequila Plata

Aktuell macht eine recht neue Technik bei der Herstellung von Tequila von sich reden – der Diffuser/Diffusor. Das grundsätzliche Prinzip ist einfach und hat schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel: Um das Basismaterial, die gekochte Agave, noch effizienter auszunutzen, werden nach dem Pressen oder Schreddern noch aus den dadurch bereits ausgelaugten Agavenfasern durch eine Apparatur die letzten Reste des Zuckers gezogen. Viele der großen Hersteller von Tequila nutzen Diffusoren seit den 90er Jahren.

So weit, so gut. Doch in letzter Zeit sind findige Produzenten auf die Idee gekommen, die Diffusoren statt mit den gekochten Agavenresten mit frischer, roher Agave zu befüttern. Die Problematik dieses Vorgehens ist klar – ein Großteil des Charakters von Tequila entsteht durch das Kochen der Agave, idealerweise in Steinöfen oder wenigstens in Autoklaven. Man entfernt mit dem Kochen einen wichtigen Produktionsschritt aus dem Prozess, spart dadurch natürlich viel Zeit und Geld, und erzeugt größere Mengen, um den vor allem in den USA gerade boomenden Tequila- und Mezcal-Markt bedienen zu können. Eine sehr ausführliche und äußerst lesenwerte Beschreibung des Diffusers, seiner Folgen für Geschmack und Arbeitsmarkt, findet sich bei muchoagave.com, und im Vergleich zu traditionelleren Herstellungsmethoden auch bei Long Island Lou Tequila.

Sauza ist einer der Hersteller, die Diffusoren einsetzen, und aller Wahrscheinlichkeit nach sind demnach auch zumindest Teile des Sauza Tres Generaciones Tequila Plata, den ich heute hier vorstelle, dadurch entstanden. Erkennt man die Diffusor-Herstellungsweise am Geschmack? Ohne zuviel vorwegnehmen zu wollen: Ja.

Sauza Tres Generaciones Tequila Plata Flasche

Zur Farbe gibt es nichts zu sagen, was nicht schon von außen durch die zeigefreudige Flasche zu sehen ist. Die Konsistenz sieht nur unwesentlich viskoser aus als die von Wasser. Die Beine, die durch das Schwenken im Glas entstehen, fließen sehr schnell ab.

Der erste Eindruck, wenn man am Tres Generaciones Plata riecht, ist: Bazooka-Kaugummi, wer wohlwollender sein will: Wintergrünöl. Dazu kommt eine dunkle Würzigkeit, die leicht holzig riecht, mit Anklängen – aber wirklich nur Anklängen – von Agave. Ansonsten ist eine schwere Ethanolnote (etwas magere 38% Alkoholgehalt können kaum allein dafür verantwortlich sein) vorhanden, darüber hinaus kaum etwas.

Auch im Geschmack kommt die süße Kaugummi-Note stark zum Tragen, dazu Birne und Kümmel. Ein leichter Körper, fast schon dünn oder wässrig. Das bringt aber eine gewisse Eleganz und Leichtigkeit mit sich. Aromatisch erinnert mich dieser Tequila deutlich mehr an Vodka, Korn oder mehrsäulendestillierten weißen Rum als an typischen Tequila. Der Abgang ist süß, mildpfeffrig, und recht kurz, leicht adstringierend, mit etwas Lakritz im Nachhall.

Rein aromatisch überzeugt mich der Sauza Tres Generaciones Plata nicht so richtig, dazu ist er zu eindimensional und oberflächlich, und mit für meinen Geschmack viel zu wenig Agavencharakter. Wozu er dennoch gut sein könnte ist ein Einsatz als Aperitiv-Tequila; vor einem Essen, oder zwischendurch, als trou mexicain sozusagen.

Ich weiß nicht, ob dieser leichte Charakter allein durch den oben beschriebenen Diffuser entsteht; das Geschmacksprofil passt zumindest mit dem, das Khrys Maxwell bei muchoagave.com beschreibt, gut zusammen – ein leichtkörpriger, sauberer, an Wodka angelehnter Agavenbrand, ohne die wildfloralen Noten, die ein handwerklich hergestellter Pot-Still-Tequila mit sich bringt. Auch in Blindtests schneidet dieser Tequila eher schlecht ab. Ohne die negativen Folgen eines Diffusors schönreden zu wollen: ich denke dennoch, dass auch solch ein leichter Tequila seine Freunde finden wird. Er ist jedenfalls als 100%-Agave-Tequila immer noch etwas aromatischer und ehrlicher als ein Mixto.

Für diesen Tequila biete ich ausnahmsweise mal kein Cocktailrezept an, sondern beschreibe eine Voodoo-Opferfeier für Baron Samedi, den Herrn der Kreuzwege. Wenn man all die Zutaten für Baron Samedi’s Indecent Burial zusammengetragen hat, errichtet man einen kleinen Altar mit der Mixtur und diversen anderen Opferbeigaben, köpft ein Huhn, gießt das frische Blut über sich, verspritzt etwas von der Libation auf die Erde und trinkt dann am Ende den Cocktail. Wer in einer Mietwohnung lebt, darf das mit Hühnerblut und auf-den-Boden-Gießen auch weglassen. Baron Samedi wird allerdings nicht erfreut sein über diesen Mangel an Prioritäten.

Baron Samedi's Indecent Burial


Baron Samedi’s Indecent Burial
1 oz Tequila Blanco (z.B. Sauza Tres Generaciones Tequila Plata)

1 oz Tequila Reposado (z.B. Corralejo Tequila Reposado)
1 oz Tequila Añejo (z.B. 1921 Tequila Añejo)
½ oz Islay Single Malt (z.B. Giant’s Causeway Caol Ila 9y)
1 Teelöffel Sherry (z.B. Lustau Los Arcos Amontillado)
1 oz Limettensaft
¾ oz Grapefruitsaft
½ oz Falernum (z.B. John D. Taylor’s Velvet Falernum)
¼ oz Passionsfruchtsirup
¼ oz Zimtsirup
2 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Oron Lerner]


Die Flasche mit ihrem Dekanter-Stil gefällt mir sehr – der obere Teil ist mit passend zum „Silber“-Tequila in entsprechender Farbe bedruckt. Besonders auffallend ist der schwere, dicke Hals, der zu einem Großteil aus Glas besteht; erst, wenn man den Korken zieht, sieht man, wie schmal das Ausgußloch im Verhältnis zum dicken Hals tatsächlich ist. Die sehenswerte Flasche wird in einem mit vielen schwärmerischen Details, die man natürlich bei einem derart großen Hersteller wie Sauza cum grano salis bewerten sollte, bedruckten Karton geliefert.

Offenlegung: Ich danke spirituosen-superbillig.com für die Kooperation bei diesem Artikel und für die kostenlose Zurverfügungstellung einer Flasche des Sauza Tres Generaciones Tequila Plata.

Ocho Curado Tequila Titel

Agaventee mit Schuss – Ocho Curado Tequila

Der eine oder andere Gin-Freund hört es nicht so gern, wenn man über seine Lieblingsspirituose etwas abfällig als „aromatisierten Vodka“ spricht. Ich kann das verstehen, denn der Gin hat doch eine lange Tradition, und das Geschmacksbild verändert sich im Vergleich zum Vodka doch deutlich – rein formal ist es aber eine zutreffende Beschreibung. Vielleicht liegt der Ärger daran, dass das Wort „aromatisiert“ in der heutigen Industrielebensmittelgesellschaft eine negative Konnotation erhalten hat – der halbaufgeklärte Konsument verbindet es mit künstlichen Geschmacksstoffen, manipulierten Laborprodukten und verbrauchertäuscherischen Betrugsversuchen.

Dabei ist eine Aromatisierung an sich natürlich nichts schlimmes – sie wird es erst, wenn es heimlich oder mit täuscherischem Ansatz geschieht, um eine höhere Qualität vorzugaukeln oder mit niedrigem Geldeinsatz den Geschmackseindruck eines hochwertigen und damit teuren Aromas zu ersetzen. Erdbeerjoghurts, die nie ein einzelnes echtes Fruchtmolekül gesehen haben, Tütenbolognese, die völlig frei von Tomaten ist oder Rum, der mit allerlei Zusätzen auf alt und gereift getrimmt wird sind nur drei Beispiele dessen, was wir uns gefallen lassen.

Daher kann es schon sein, dass der skeptische Tequilafreund etwas schief schaut, wenn man ihm einen Ocho Curado Tequila vorsetzt. Dabei haben wir hier aber den Fall, dass die Aromatisierung einen echten Sinn hat, aus einem Basisprodukt etwas Besonderes macht, zusätzlichen Wert liefert, so wie das bei Gin auch passiert. Hier werden nun natürlich statt „botanicals“, den Kräutern wie Wacholder also, die dem Gin sein Aroma geben, in einen normalen Ocho Blanco Tequila (dieser ist 100% Agave, natürlich) gekochte Agaven eingelegt.

Ocho Curado Tequila Flasche

Bei der Farbe beginnt also die Reise. Durch die Mazeration der gekochten Agave bekommt der sonst klare Blanco neben einem stärkeren Agavenaroma eine erkennbare Färbung. Würde man es nicht besser wissen, könnte man diesen Tequila glatt für einen farblich ganz typischen Reposado halten – blasses Strohgold, erinnernd an Weißwein. Von der Viskosität her sehr flüssig, hinterlässt aber trotzdem Beine am Glas. Rein optisch ein schmalbrüstiges Wässerchen.

Kaum hält man die Nase ins Glas, ist es aber vorbei mit der Schmalbrüstigkeit, da beginnen sich wuchtige Rundungen abzuzeichnen. Der Ocho Curado Tequila weist einen sehr kräftigen Agavencharakter auf, mehr als bei den meisten Tequilas, die ich kenne. Grasig und grün, dabei sehr würzig, dicht, aromatisch und körpervoll. Ein nahezu idealer Tequiladuft.

Damit ist das Schwärmen des Tequilafreunds aber noch lange nicht vorbei, im Gegenteil: Das wunderbare Mundgefühl, mild und dabei doch vollmundig, lässt mein Herz hüpfen. Sehr süß nach Honig, gleichzeitig dicht und kräftig nach Agave. Nur mild grasig und gemüsig, leicht salzig und umami. Ein feiner Touch von Rauch und Holz. Die 40% Alkohol, also im üblichen Bereich für Tequila, spürt man kaum. Der Abgang ist mildbitter, würzig und leicht feurig, warm und sehr lang, leicht betäubend an Zungenspitze und adstringierend am Gaumen. Ehrlich – das ist eine echte Agavenbombe, die das beste aus zwei Welten kombiniert: die jugendliche Frische eines Blanco mit der zusätzlichen, verstärkten Agavenpower.

Ein weiterer positiver Punkt am Ocho Curado ist, dass er in Cocktails sowohl als Blanco als auch als Reposado eingesetzt werden kann. Ein Beispiel dafür ist der Southbound Suarez, der eigentlich im Originalrezept mit gereiftem Tequila hergestellt wird, aber eigentlich durch den Curado sogar noch an Charakter gewinnt. Wer über die ungewohnte Zutat „Horchata“ stolpert: Das ist eine Art Milch, hergestellt aus Nüssen, erhältlich in unterschiedlichsten Varianten. Wer sie nicht selbst herstellen will (wie das Erfinder Jeffrey Morgenthaler bestimmt tut, in seiner perfektionistischen Art), kauft im Drogeriemarkt einfach eine fertige aus Cashewnüssen oder Mandeln.

Southbound Suarez


Southbound Suarez
1½ oz Tequila Reposado (oder hier: Ocho Curado Tequila)
½ oz Limettensaft
½ oz Agavendicksaft
1 Teelöffel Becherovka
1½ oz Horchata
Alle Zutaten auf Eis shaken.
[Rezept leicht adaptiert nach Jeffrey Morgenthaler]


Ich hatte neulich bei einem anderen Tequila erklärt, dass die Mexikaner scheinbar eckige, gedrungene, folkoristisch angehauchte Flaschen mögen. Hier haben wir nun den genauen Gegenentwurf: Eine sehr einfache, strenge Halbliter-Flasche, ohne Zier oder Kinkerlitzchen, mit einem simplen (aber qualitativ hochwertigen) Schraubverschluss. Kein Etikett hindert unseren Blick auf den Inhalt; alle Infos sind direkt aufs Glas aufgebracht.

Bei ungefähr 26€ für 500ml bewegen wir uns preislich gewiss im eher leicht gehobenen Bereich – für Tequilafreunde ist der Ocho Curado Tequila aber auf jeden Fall eine lohnenswerte Investition. Spannend ist er allemal, und wird aller Voraussicht nach ein dauerhafter Mieter zumindest in meinem Spirituosenregal werden.

Don Julio Tequila Blanco Titel

Höflichkeit ist nicht immer eine Tugend – Don Julio Tequila Blanco

In einer Zeit wie heute gibt es für Tequilatrinker eigentlich keinen echten Grund mehr, Mixtos zu trinken, also Tequila, der nicht zu 100% aus Agavenzucker fermentiert wurde. Mixtos waren über lange Zeit gerade in Deutschland die einzig erhältliche Form des Tequila; heute findet man selbst in Supermärkten 100%-Agave-Tequilas, zu nur unwesentlich höheren Preisen. Geschmacklich wird es einem der Gaumen danken; doch es gibt auch andere Gründe, auf die Massenmarkt-Mixtos zu verzichten.

Aktuell werden in Mexiko aufgrund diverser Faktoren die Agaven knapp. Die Ernte 2017 wird bereits jetzt erkennbar zu wünschen übrig lassen; darüberhinaus greifen auch andere Interessenten aus der Pharmaindustrie, getauft Los Mieleros, plötzlich nach dem hochwertigen Agavenzucker, um daraus Inulin und andere neue Produkte herzustellen, so dass es für Mezcal (wozu Tequila auch gehört) nicht mehr ganz so einfach wird, an das Basismaterial für den Brand zu kommen. Durch dieses neue Spannungsfeld verändern sich auch seit einiger Zeit die Aufzuchtmethoden der Agaven, die für Tequila genutzt werden; Biodiversität verschwindet, denn künstliche Ablegerfortpflanzung ersetzt immer häufiger die natürliche Bestäubung durch Fledermäuse. In diesem Playboy-Artikel (natürlich lese ich die Zeitschrift nur wegen der Artikel) wird das ganze Dilemma, das der aggressiv aufstrebende Mezcal und damit auch Tequila aktuell erlebt, sehr schön und lesbar aufbereitet. Ein Fazit unter anderen wiederhole ich für die Lesefaulen nochmals gern hier, das deutlich aufzeigt, dass man sich auch aus Umweltschutzgründen von Mixtos grundsätzlich fernhalten sollte, selbst wenn einem der Geschmack egal ist.

STICK TO 100-PERCENT-AGAVE SPIRITS
Mixto is a class of tequila that’s produced from a mix of agave and other, cheaper sources of sugar. If a distillery doesn’t use 100 percent agave, it’s also almost definitely not paying extra to ensure the agave it does use is sourced well.

Also, lassen wir alle Mixtos, die trotz der Flut der hervorragenden 100%-Agave-Tequilas immer noch den Einzelhandel beherrschen, im Regal, und schauen uns stattdessen lieber einen Vertreter der ordentlichen Tequilas an, den man statt dessen leicht ohne große Beschaffungsmühe beziehen kann – den Don Julio Tequila Blanco.

Don Julio Tequila Blanco Flasche

Die Farbe ist natürlich, wie man es von einem weißen (blanco, oder manchmal auch „Silber“ oder plata genannt) Tequila erwartet: klar. Die Flasche gibt dem Inhalt einen leicht bläulichen Touch, doch im Glas ist davon nichts mehr da. Dort erst ist auch eine minimale Viskosität erkennbar.

Bei Tequila habe ich mir tatsächlich angewöhnt, nicht von Geruch, sondern von Duft zu sprechen – dieses Wort trifft im Gegensatz zu den meisten anderen Spirituosen das, was die Nase wahrnimmt, einfach besser. Wie üblich bei ungereiftem Tequila ist da eine sehr florale Note, nach Rosen, Jasmin und Veilchen. Schnauft man tief ins Glas, erkennt man die seifigen Lösungsmittel-Charakteristiken eines ungereiften Schnapses – eine , die ich auch bei dem einen oder anderen weißen Rum, Gin oder Vodka entdeckt hatte.

Sehr süß und cremig liegt der weiße Don Julio im Mund. Blumig und malzig, zunächst nur wenig agavenwürzig. Etwas schokoladig. Und etwas vom Aquariumcharakter, den ich auch bei weißem Sotol erkannt hatte. Ein pfeffriges Brennen begleitet den eher kurzen Abgang, der sich langsam in eine starkmentholige Wärme auf den Seiten der Zunge entwickelt, mit leichtem Eisengeschmack, wie bei Zahnfleischbluten; dieser Eindruck bleibt dann noch eine ganze Weile vorhanden.

Insgesamt von der Aromatik her ein recht typischer weißer Tequila ohne großen Aussetzer, aber auch ohne hervorstechende Eigenschaften; persönlich ist er mir etwas zu langweilig ausgearbeitet. 38% ist für Tequila nicht ungewöhnlich, ein paar mehr Prozente (und damit Aromen und Charakter) hätten ihm sicherlich gut getan. So wirkt der Don Julio Blanco etwas dünn und kurzatmig. Höflichkeit ist für eine Spirituose eben nicht immer eine Tugend.

Unabhängig davon, dass er für den Purgenuss nur eingeschränkt empfehlenswert ist, dient er mir dennoch als hochwertige Spirituose für Tequilacocktails. The Woodberry Schooner weist keine anderen Zutaten auf, die das milde Tequilaaroma des Don Julio Blanco überdecken würden und ist daher ein sehr schönes Beispiel dafür, dass man selbst mit zurückhaltenderen Spirituosen ein tolles Mischergebnis erzielen kann.

The Woodberry Schooner


The Woodberry Schooner
1 oz weißer Tequila (z.B. Don Julio Blanco)
1 oz Weißer Wermut (z.B. Ferdinand’s Dry Saar Vermouth)
½ oz Zuckersirup
½ oz Zitronensaft
20 Tropfen The Bitter Truth Celery Bitters
[Rezept nach Matt Ficke]


Tequilabehältnisse weisen oft eine sehr gedrungene Form auf, das scheinen die Mexikaner zu mögen. Auch hier ist die Flaschenform rund und kugelig, mit einem Echtkorken, der unter einem gut griffigen Plastikkopf verborgen ist. Das Etikett ist im Urkundenstil sehr altmodisch (oder sagt man „klassisch“?) gehalten, mit den verschnörkelten Linien, die aus dem „J“ des Namens wandern, ein Design, das mich entfernt an Asbach Uralt erinnert.

Don Julio ist hierzulande mit einer der verbreitetsten 100%-de-Agave-Tequilas, und bei vielen Bars in Deutschland gilt: Wenn sie einen Nichtmixto im Angebot haben (was schon für die meisten Bars nicht zutrifft, leider), dann Don Julio. Doch, und so leid mir das tut, für mich ist das Preisleistungsverhältnis bei diesem Produkt in der weißen Ausprägung relativ ungünstig (anders sieht es für Reposado und Añejo dieses Herstellers aus). Für dasselbe Geld bekommt man deutlich spektakulärere Blanco-Tequilas mit mehr Persönlichkeit. Dennoch bin ich der dieser Marke allein aufgrund der eben erwähnten Vorreiterrolle sehr dankbar; und ein Quantensprung zu weißen Mixtos ist sie natürlich ohne jeden Anflug von Zweifel, was es leichter macht, ein ethisches Verhalten an den Tag zu legen und handwerkliche Produkte statt Industriemassenware zumindest bei Tequila zu kaufen.

Fortaleza Tequila Blanco Titel

La sangre de nuestra vida – Fortaleza Tequila Blanco (Los Abuelos)

Die Welt stürzt sich gern auf gereifte Spirituosen. Je dunkler, je älter, desto besser, so scheint das Credo zu sein. Bei Scotch geht es soweit, dass alles, was weniger als 10 Jahre gereift ist, von so manchem selbsternannten Kenner als minderwertig abgetan wird – und NAS-Abfüllungen ohne Altersangabe als der Untergang der Whiskykultur betrachtet werden. Bei Rum überschlagen sich die Hersteller mit Pseudoaltersangaben, die meist reine Augenwischerei sind – große zweistellige Zahlen, prominent auf dem Etikett, für ein Produkt, das rein technisch schon kaum so ein Alter erreichen kann (zumindest nicht zu dem ausgeschriebenen Preis). Die Ausnahme unter den braunen Spirituosen ist der Tequila, der sich nicht an dieser Hetzjagd nach möglichst großen Zahlen beteiligt. Selbst die längstgereifte Standardkategorie bei Tequila, der Añejo, wird meist unter 3 Jahren gereift. Tequila hat natürlich den Vorteil, dass die Pflanze, aus der er destilliert wird, nicht jährlich komplett neu heranwächst, wie das bei Gerste, Mais, Zuckerrohr oder Kartoffeln der Fall ist, sondern über mehrere Jahre hinweg Zucker und Aromen aufbauen kann – da wäre es ja eine Sünde, diese mühevolle Arbeit der Agave zunichte zu machen, indem man diese Aromen durch Fassholzgeschmäcker überdecken würde.

Für mich persönlich jedenfalls sind die weißen, ungereiften Varietäten von Spirituosen (ganz besonders bei Rum und Tequila) unabhängig davon eh immer die interessantesten. Sie zeigen den wahren Charakter des Destillats, unbeeinflusst von externen Effekten. Bei langgereiften Spirituosen schmeckt man oft nur noch das Fass – bei weißen dagegen die Essenz der Basismaterialien, oder wie Guillermo Sauza von Fortaleza Tequila in dem nachfolgenden Video etwas romantischer sagt, „the true blood of the destillery“. Selten genug sind mittelamerikanische Spirituosenhersteller so freigiebig mit Informationen über ihre Herstellungsmethoden und -lokalitäten wie Don Sauza, daher sollte man dies hoch schätzen.

Er hat aber auch nichts zu verbergen, im Gegenteil: der Fortaleza Tequila Blanco ist einer der wenigen Tequilas, die noch in kompletter Handarbeit hergestellt werden. Schon in der Flaschengestaltung weist der Hersteller darauf in Details hin: das handgeerntete Agavenherz, die piña, ziert als Stöpsel die Flasche. Gekocht wird die piña bei Fortaleza in klassischen hornos, also Steinöfen, nicht in modernen Autoklaven. Besonders herauszuheben ist die Zerkleinerung der geernteten und gekochten Agavenherzen in Vorbereitung für die Fermentation: industrieller Tequila nutzt Schredder-Maschinen, die traditionelle Methode allerdings ist die Verwendung eines Mühlsteins, der tahona. Die tahona ist heute deswegen zum Symbol für die Handarbeit beim Tequila geworden – und auch den Mühlstein findet man prominent auf der Flasche abgebildet.

Bei all dieser Tradition, bei all dieser Mühe muss letztlich die Frage gestellt werden – lohnt es sich, allein deswegen um die 60€ für eine Flasche dieses ungereiften Sprits zu investieren, oder bietet er auch einen geschmacklichen Gegenwert? Für den Preis bekommt man immerhin 5 Flaschen des Sierra-Mixtos!

Fortaleza Tequila Blanco Flasche

Das war natürlich nur ein Scherz (ein geschmackloser dazu!), kein Mensch sollte überhaupt den Sierra-Mixto kaufen, wenn ihm am Geschmack von Schnaps etwas liegt.

Wie von einem Blanco zu erwarten, ist die Farbe vollkommen klar; man könnte aber meinen, einen leichten Blaustich wahrzunehmen. Die Flüssigkeit ist viskos und schwer. Der Geruch setzt ein erstes Ausrufezeichen – süß und vegetal. Sehr aromatisch nach Agave, Apfel, Rosmarin, Lavendel.  Anklänge von Anis und Motoröl. Aber auch fruchtig, in Richtung Honigmelone. Nur unterschwellig alkoholisch.

Der Geschmack toppt den eh schon komplexen Geruch noch deutlich. Cremig, superweich und öligschwer im Mund, herrlich natursüß nach Kandiszucker. Die „Aquarium“-Note, die mir bei Sotol das erste Mal auffiel, ist hier auch vorhanden, aber reduzierter. Ein sehr deutlicher Agavencharakter wird ergänzt durch Fruchtigkeit (Pfirsich?). Später wird es kräuterig-würzig, Pfefferminze, Thymian, Nadelgewächs und eine hintergründige Tabakwürze. Sehr komplex. Der Körper, die Dichte und der gefühlte Reifegrad dieser weißen Spirituose übertrifft viele añejos, die ich kenne, und die meisten reposados: Ein Beweis dafür, dass Alter eben doch nicht alles ist, sondern nur ein Hilfsmittel.

Im Abgang gibt es keine negative Überraschung – warm und weich, dabei leicht pfeffrig. Leicht betäubend und kühlend an der Zungenspitze. Der Abgang ist zwar nur mittellang, dafür aber hocharomatisch. Sehr gefällig und unglaublich fein zu trinken, übertrifft der Fortaleza Tequila Blanco dabei viele Cognacs, ohne sich dabei aber anzubiedern. Kurz – eine edle Spitzenspirituose. Es ist nicht zu fassen, dass so etwas direkt aus der Pot Still, ohne Reifung, läuft; da fangen viele andere Brenner an zu heulen.

40% Alkohol sind ein üblicher Wert für Tequilas, man merkt aber nichts davon. Dennoch bin ich voller freudiger Erwartung auf den bald erscheinenden Still Strength Forty Six mit 46%, von dem ich neulich einen winzigen Schluck schon probieren konnte, und seitdem davon träume.

Fortaleza Tequila Blanco Glas

Passend zum handgefertigten Inhalt trinke ich diesen Tequila aus einem handgemachten Caballito, wie es auch Guillermo Sauza in seiner Destillerie tut. Alternativ sind natürlich langstielige, kaminförmige Verkostungsgläser, wie sie auch für Whisky und Rum bei Kennern üblich sind, bestens geeignet.

Für manche ist es ein Sakrileg, eine derart hochwertige Spirituose in einem Cocktail zu verwenden. Nicht für mich, im Gegenteil. Natürlich verzichte ich darauf, einen Tequila Sunrise, mit seinem großen Saftanteil, mit Fortaleza Tequila herzustellen, das wäre zugegebenermaßen schon leicht dekadent (wenn ich mir es durchgängig leisten könnte, wäre allerdings auch das kein moralischer Stolperstein für mich). Aber bei Cocktails, in denen die Spirituose eine große Rolle spielt, wie bei einer Margarita oder The Bermondsey Minute, zählt jedes Grad an Qualität. Da kann so ein Tequila dann noch das letzte Quäntchen an Genuss aus einer Mischung herausholen und diese von der Kategorie „lecker“ in die Kategorie „göttlich“ verschieben. Was hier definitiv passiert. Man beachte, dass das Originalrezept nach einem reposado verlangt. Der vorliegende blanco allerdings füllt Rezepte dieser Art ohne jede Mühe aus.

The Bermondsey Minute


The Bermondsey Minute
2 oz Tequila Reposado (oder hier: Fortaleza Tequila Blanco)
¾ oz Roter Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
1 Teelöffel Maraschino-Likör (z.B. Bols)
1 Teelöffel Lavendelsirup
2 Teelöffel Stilles Wasser
Auf Eis rühren. Mit Zitronen- und Orangenzesten dekorieren.
[Rezept nach Simon Difford]


Interessant ist die Abfüllungschargen-Nummer, die auf der Rückseite handschriftlich (da haben wir es wieder!) eingetragen ist. Im Gegensatz zu Jahreszahlen bei Jahrgängen bei Wein oder bei manchen Spirituosen, und auch im Gegensatz zu Single-Barrel-Fassnummern bei manchen Whiskeys oder Rums handelt es sich hier um die Nummer des Abfüllungsvorgangs in Flaschen. Jahrgänge sind bei Tequila schwer durchzuführen, da die Agavenernte das ganze Jahr über erfolgt und immer andere Teile eines Felds geerntet werden, und Single-Barrel-Produktionen sind auch (noch) eher selten und für ungereifte Spirituosen, die kein Fass zu Gesicht bekommen, wie beim vorliegenden Tequila, natürlich eh nicht relevant.

Fortaleza Tequila Blanco Rücketikett

Sehr rustikal kommt der bereits oben angesprochene, manufakturierte Stöpsel daher; die bei meiner Flasche etwas schiefe Anfertigung lässt keinen Zweifel daran, dass hier wirklich Handarbeit im Spiel war. Alles andere als ein Naturkorken wäre dem Rest nicht angemessen.

Fortaleza Tequila Blanco Stöpsel

Die letzte Frage, die noch offen bleibt, ist die nach dem Namen. In Mexiko wird dieser Tequila unter dem Namen Los Abuelos („die Großeltern“) verkauft – und es geschieht öfter, als man denkt, dass solche Namen im globalisierten Markenrecht anderswo bereits geschützt sind. Der Rum Diplomatico musste so in Deutschland in Botucal umbenannt werden, um Verwechslungen mit dem Aldi-Billigweinbrand Diplomat zu vermeiden; ähnlich ging es Los Abuelos in den USA, als der panamanesische Rumhersteller Abuelo erfolgreich dagegen klagte, dass der zu ähnliche Name verwendet werden durfte. Man sieht an diesen zwei Fällen, meist gewinnt der Schnellere, nicht der Bessere. So wurde eben der Name der Destillerie La Fortaleza als Ersatz für das Produkt herangezogen.

La sangre de nuestra vida – das Blut unseres Lebens, so bezeichnete Francisco Javier Sauza die Erde, auf der die Agaven für den La Fortaleza Tequila wachsen, in einem sentimentalen Moment gegenüber seinem oben erwähnten Enkel Guillermo. Diesem abuelo und den anderen Vorfahren zu Ehren wurde der Tequila dieser Heimaterde wieder neu erschaffen, basierend auf den alten Methoden, nachdem die Produktion 30 Jahre lang eingeschlafen war. Wenn es eine Spirituose gibt, die die überstrapazierte Bezeichnung „craft“ verdient, dann ist es dieser Tequila, der gleichzeitig zeigt, dass sich die Mühe auch in Qualität auszahlt. Wer ihn probiert, wird mir zustimmen.

Der flüssige Diamant – Brugal Titanium Ron Blanco

Die Verpackung macht so einiges aus. Wer hat nicht schonmal im Kaufhaus bei einer neuen Knabberei zugegriffen, nur weil sie ansprechend verpackt war? Gerade bei Spirituosen kann man als Hersteller schon so einiges drehen, um den Schnaps leichter an den Mann zu bringen. Oft ist dann aber ein opulentes Äußeres ein Hinweis auf ein eher etwas heruntergekommenes Inneres, denn guter Stoff braucht kein Klimbim. Oft. Nicht immer.

Normalerweise stelle ich deswegen meine Kommentare zur Flasche hintan. Beim Brugal Titanium Ron Blanco muss ich aber großäugig staunend erstmal dieses herrliche, wunderschöne Behältnis anpreisen – sie ist sicherlich in jeder Hausbar einen Ehrenplatz wert, völlig unabhängig vom Inhalt. Sehr hoch, mit einem kleinen silberfarbenen Siegel, und der reduktionistischen Beschriftung erinnert sie mehr an eine Vodka-Flasche als an eine klassische Rumbuddel.

Brugal Titanium Flasche

Das führt dann auch schon zum nächsten: Die Farbe dieses weißen Rums. Kristallklar, keinerlei Trübung, wären nicht diese wunderschönen langen Beine, die an der Innenseite des Glases herunterlaufen beim Schwenken, man könnte es für Wasser halten. Auch die Nase ist dann klar und rein: Etwas grasig, leichte Frucht, ein Hauch Lösungsmittel. Sehr zurückhaltend, erinnernd an Vodka – da erwartet man, ehrlich gesagt, geschmacklich dann nicht übermäßig viel; insbesondere, da gerade weiße Rums ja meist als reine Mischzutaten gesehen werden, ist die Erwartungshaltung gemäßigt.

Im Mund dann die perfekte Überraschung: richtig dickflüssig, schwer, ähnlich leicht fruchtig wie schon im Geruch vorgetragen, und eine hochgradig angenehme, nicht klebrige Süße – schön, inbesondere, da er ungesüßt ist (eigene Messung). Ein angenehmes, schokoladiges Aroma, kaum zu glauben, dass dieser Rum ungereift ist, er ist dichter als viele Latino-Rums, die 10 Jahre und mehr in Fässern verbracht haben. Nicht einmal einen Ansatz von Alkoholbrennen besitzend, hinterlässt der Titanium nur eine sehr befriedigende Wärme in Mund und Rachen. 38% Alkohol sind eher am unteren Rand verortet, etwas mehr könnte ihm guttun – dennoch ein flüssiger, brillianter, strahlender Diamant. Nicht, dass er übermäßig spannend oder komplex wäre, aber für einen weißen Melasse-Rum eine doch recht ansprechende Leistung.

Selbstverständlich vermische ich auch diesen Rum in Cocktails (ich habe das mit meinem Priester bereits geklärt, für alle Rumpuristen, die nun meinen, ich müsste dafür in die Hölle). Ein Beispiel für ein Einsatzgebiet eines solch milden Rums, der andere Zutaten durch sein Volumen unterstützt, ohne geschmacklich zu streng in den Vordergrund zu treten, ist der Three Miller.

threemiller-cocktail


Three Miller
2 oz Brandy (z.B. Romate Brandy Solera Reserva)
1 oz Brugal Titanium
1½ Teelöffel Zitronensaft
  ½ Teelöffel Grenadine
Auf Eis shaken.


Jeder, der sich für weiße Rums interessiert, sollte sich diesen ungewöhnlichen Rum anschauen. Ein sehr schöner, weißer Melasse-Rum, und einer, den man vielleicht sogar pur vor sich hin schlürfen kann; dreifach destilliert und trotzdem noch aromatisch.

Hinweis – die erste Fassung dieser Rezension quoll nur so über vor Begeisterung. Damals war ich noch recht unerfahren, heute sehe ich den Rum doch etwas anders, realistischer und weniger extrempositiv. Ich habe einige Superlative und etwas von der übermäßigen Begeisterung aus der Rezension entfernt, eigentlich müsste ich sie komplett überarbeiten.

Sierra Tequila Silver Mixto Titel

Agavenfusel? Sierra Tequila Mixto Blanco und Reposado

Für viele ist das Wort Tequila synonym zu Sierra Tequila. Kein Wunder, als Marktführer in Deutschland mit einem absolut unverkennbaren Markenzeichen, dem Hut auf dem Drehverschluss (nein, er ist keine Zitronenpresse und hat auch sonst keine Funktion außer zu dekorieren!), und einiger verrückter, einprägsamer Werbespots läuft die Marketingmaschine rund – und in jedem Supermarkt ist er, meist als einziger Tequila, zu finden.

Und dennoch kommt entgegen der Werbung oft die entsetzte Antwort, dass man natürlich keinen Tequila probieren will, wenn man Neulingen etwas vorsetzen will – denn sie kennen nur Sierra Tequila, und das meist aus einem Umfeld, in dem man keinen Schnaps gut erinnert: Billige mexikanische Imbissrestaurants, Saufparties, Studentengelage oder All-you-can-drink-Events, bei denen es eigentlich egal ist, was man trinkt, solange es knallt. Dieses Image belastet jeden Tequila in Deutschland bis heute, und Sierra trägt leider einen nicht unerheblichen Anteil daran, selbst wenn es vom Hersteller gar nicht unbedingt beabsichtigt sein muss.

Sierra Tequila Silver Mixto Flasche

Dass Sierra Tequila entsprechend für viele Tequilaconnoisseure mit „Rachenputzer“ gleichgesetzt wird, ist sehr schade und tut diesem Mixto (zu diesem Begriff siehe weiter unten mehr) etwas unrecht, denn so schlecht ist er nicht – ja, das ist kein Tippfehler. Manch einer mag sich erinnern, wie sehr ich den Blanco in einer früheren Version dieses Artikels runtergeputzt hatte („Bremsflüssigkeit“, „widerwärtig“ und „eklig“ waren von mir verwendete Wörter, für die ich mich eigentlich entschuldigen sollte). Nach einer von Schnapsfreunden praktisch erzwungenen Wiederbesichtigung dieses Brands hebe ich nun leicht zerknirscht die weiße Flagge und mache einen Teilfrieden mit Sierra Tequila.

Insgesamt und erneut betrachtet hat Sierra Tequila Mixto Blanco mit einem wahrhaft guten Tequila für mich persönlich aber immer noch nicht so arg viel zu tun außer dem Namen. Schon beim Öffnen der Flasche springt einem ein säuerlich-metallischer Geruch entgegen, der mit dem Duft, den ich sonst mit Tequila verbinde, nicht wirklich vergleichbar ist. Eine milde, sehr süße Obstfruchtigkeit ersetzt die sonst von mir geliebte würzige Agavennote. Im Geschmack ist es dann ähnlich – etwas metallisch, grasig, eine erkennbare Alkoholnote. Trotz seiner ansprechenden Weichheit und Cremigkeit ist er mir zu körperarm und flach, dafür mit einem angenehmen Feuer im Abgang. Letzterer ist sogar mittellang und recht prägnant, wenn auch leicht seifig. Man sieht, meine wilde, zornige Ablehnung habe ich etwas überdacht; ein gewisses Desinteresse ersetzt sie.

Sierra Tequila Blanco und Reposado (auch vereinfachend als „silber“ und „gold“ bekannt) fallen in die Kategorie der Mixtos, also der Tequilas, die nicht zu 100% aus Agavenzucker destilliert werden, sondern mit bis zu 49% auch aus anderen, dann halt praktisch immer billigeren, Zuckerarten wie Rohrzucker hergestellt werden kann. Das ist legal und im mexikanischen Tequila-Gesetz auch so geregelt: Es darf sich dann immer noch „Tequila“ nennen. Da der Geschmack natürlich von der Agave kommt, ist bei einem Mixto immer ein Einschnitt diesbezüglich zu erwarten. Meist werden Mixtos zur Kostenreduktion in Bars eingesetzt, und da der deutsche Kunde kaum weiß, wie ein Tequila zu schmecken hat, geht das auch meistens durch. Leider, denn man muss klar sagen: Ein Mixto, egal welchen Herstellers, ist eine Minderqualität des Tequila, mit der man sich nicht zufrieden geben sollte.

sierratequila-sortenZur Flasche – mir gefällt das Flaschendesign, ehrlich. Sierra lässt sich auch hin und wieder was neues einfallen, wie die komplett geschwärzten Sonderausgaben. Wenn sie nun noch Etiketten machen könnten, die nicht so arg simpel daherkommen (die etwas lasche Karikatur eines Mexikaners mit der Gitarre vor dem Kaktus), und diesen dümmlichen Sombrero von der Flasche nehmen würden, könnte ich mich mit dem Markenimage anfreunden. So passt sich einfach alles in das Saufgelage-mit-Quantität-statt-Qualität-Schema ein.

Leute, tut Euch den Gefallen, und kauft, selbst wenn es nur um die Wirkung geht, einen 100%-Agave-Tequila, den man für nur minimal mehr Geld bekommt – wenn man noch nie einen guten 100%-Agave-Tequila getrunken hat, wird man Bauklötze staunen, wie groß dieser Qualitätsunterschied ist. Wenn man unbedingt sparen muss und billigen Schnaps benötigt, wäre es aus meiner Sicht dann vielleicht sogar besser, komplett auf Tequila zu verzichten, denn Mixtos haben in der Regel auch ein schlechteres ökologisches Profil als 100%-Agave-Tequilas und andere negativen Eigenschaften, auf die man als moderner, interessierter Spirituosenfreund gern verzichtet.