Mit Herz gemacht – Mezcal Local

Spirituosenetiketten, das ist so ein Thema, das mich fasziniert. Ich wiederhole immer wieder gern meine Forderung, dass alles, was ich über eine Spirituose wissen muss, auf dem Etikett stehen sollte – und wenn das bedeutet, dass dann kein Platz mehr für exotische Illustrationen und Legenden über den mythischen Gründer der Marke und ähnliches dümmliches Gequassel ist, um so besser. Immer mehr Hersteller entdecken das auch für sich, gerade handwerklich-traditionelle Brände bekommen heutzutage stilistisch eher zurückhaltende, sehr textuell gehaltene Etiketten, die dem Kenner mehr entgegen kommen als das schrille und überladene Illustrationsdesign der Massenprodukte.

Auch der Mezcal Local orientiert sich eher an dem strengen Textstil, was mich als aufmerksamen Etikettenleser direkt auf zwei interessante Details stoßen lässt. Erstens, die Agavenart, die hier genannt wird: Agave Angustifolia. In dieser Form sieht man das nicht zu oft, dabei kennt jeder auch noch so unerfahrene Mezcaltrinker die Pflanze hinter diesem Namen; es ist einfach der wissenschaftliche Name für die wohlbekannte Espadín. Natürlich kommen die Pflanzen aus einer Kultur, 10 Jahre darf die Agave sich bei Mezcal Local entwickeln, bevor sie geerntet wird. Gekocht wird sie in unterirdischen Öfen, die mit Kiefern- und Eichenholz befeuert werden und in denen Flusssteine zur Hitzeübergabe genutzt werden.

Das zweite Auffällige ist die Phrase „destilado con – corazón de agave“. Dies ist der etwas versteckte Hinweis, dass es sich nicht um einen „normalen“ Mezcal handelt, sondern um einen sogenannten Pechuga. Pechuga ist eine Herstellungsweise für Mezcal, bei der während der zweiten Destillation noch „Beigaben“ mit in den Kupferbrennapparat gehängt werden. Was so eine Beigabe ist, variiert weit – ich hatte schon Pechugas mit Hühnerfleisch, und welche mit Obst und Chili. Beim Mezcal Local finden wir ein gekochtes Agavenherz (hier erklärt sich mein herrlicher Gag im Titel dieses Artikels) und einen kleinen Früchtekorb bestehend aus Äpfeln, Orangen, Bananen und Pfirsichen im Dampf. Das ist ja schonmal an sich eine spannende Herstellungsweise, die Frage ist – schmeckt man das im Endprodukt?

Mezcal Local

Sauber destilliert ohne Einschlüsse oder andere optische Fehler – ein völlig transparenter Schluck liegt da im Glas. Man erkennt beim Schwenken eine leichte Viskosität, doch insgesamt bleibt er auch lebendig und beweglich. An der Glaswand bildet sich ein Film, der in dicken Schlieren sehr schnell abläuft. Auch mit etwas Entfernung zum Glas ist beim Eingießen ein sehr fruchtiger Duft zu erkennen, geht man dann mit der Nase näher zum Glas, wird er immer deutlicher. Mich erinnert das schon fast an einen Obstler, zumindest von der Basis her. Natürlich liegt eine schwer mineralische, vegetale Komponente darüber, und auch ein Anflug von Rauchigkeit, die Typizität eines Mezcal bleibt erhalten, auch die Agave ist präsent. Doch das eingesetzte Obst ist für mich persönlich sehr deutlich erkennbar und gibt dem Mezcal einen ganz eigenen Charakter. Eine hochgradig spannende und abwechslungsreiche Aromatik.

Im Mund spürt man direkt eine gewisse Salzigkeit, die im Verlauf immer stärker wird. Gleichzeitig ist der Mezcal Local sehr weich und voll, fast schon schwer. Dabei kommt auch eine üppige Süße hervor, was ein sehr wohliges süßsalziges Gefühl am Gaumen erzeugt, das liegt richtig gut und rund im Mund. Das Obst tut auch hier sein Werk, die Fruchtnoten kombinieren sich ausgesprochen schön mit der wuchtigen, mineralischen, leicht gemüsigen Agavenkomponente. Man schwankt hier erneut zwischen Obstler und Mezcal hin und her, eine Komplexität, die ich wirklich mag.

Mezcal Local Jicara

Der Abgang ist warm, mittellang, weiterhin etwas salzig, dabei aber mit viel Agave und einer plötzlich aufblühenden Blumigkeit. Letztere hängt noch lange nach, zusammen mit milder Adstringenz und leichtem Prickeln auf der Zunge; erst hier zeigen sich 42% Alkoholgehalt, ein gut eingestellter Wert, vielleicht hätten 45% noch etwas mehr Feuer und Zündstoff rauskitzeln können, das ist aber Meckern auf hohem Niveau. Das trinkt sich verdammt gut – mancher mag denken, dass ungereifte Spirituosen nur schwer als Sipper taugen, hier lässt sich das Gegenteil beweisen. Der Stoff hier braucht keine Reifung, der hat alles, was man sich von einer Spirituose erhofft und erwartet, im Übermaß.

Ich habe damit, wie man auf dem Bild oben sieht, auch meine jícara eingeweiht, die ich von meiner Freundin Lala Noguera, einer bekannten Kultur- und Agavenaktivistin aus Mexiko, 2019 zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. In so einer jícara, einer Schale hergestellt aus einem getrockneten Flaschenkürbis, testen Mezcaleros oft ihren Brand während des Destillationsvorgangs. Nicht ideal zum Verkosten, denn die jícara verändert den Geschmack des enthaltenen Mezcal etwas, doch sehr atmosphärisch und eine schöne Erinnerung wiederaufleben lassend.

Gerade der schwere Körper, den dieser Pechuga hat, macht ihn zu einer idealen Cocktailzutat, zum Beispiel im Better & Better, wo karibische Zutaten dem Mexikaner noch ein paar verrückte Aromen hinzufügen: vielleicht kein ganz einfacher Drink, einer, den man erst verstehen muss, der aber tatsächlich mit jedem Schluck besser und besser wird, wie sein Name schon sagt.

Better & Better Cocktail


Better & Better
1½ oz Mezcal
½ oz jamaikanischer Rum
¼ oz Falernum
Auf Eis rühren. Mit Zitronenzeste servieren.

[Rezept nach Jan Warren]


Bei mexikanischen Spirituosen sehe ich zwei grobe Trends, was die Flaschengestaltung angeht – einerseits sehr lange, sehr schmale, elegante Flaschen; auf der anderen Seite das genaue Gegenteil, gedrungene, breite, wuchtige Flaschen. Der Mezcal Local gehört offensichtlich in zweitere Gattung, dazu kommt die sehr aparte Glasfarbe, in der man die kleinen Bläschen in der Glasstruktur erkennen kann – schön, dass hier auf Recyclingmaterial zurückgegriffen wurde, um die Natur zu schonen. Ein hübscher Stopfen komplettiert eine gelungene, zurückhaltende und gerade dadurch um so wirksamere Präsentation.

Preislich liegen wir bei diesem Pechuga bei rund 60€ für die Flasche, das ist tatsächlich, wenn man den Hintergrund von Mezcal an sich kennt und dazu die traditionelle, aufwändige Herstellungsweise berücksichtigt, ein angemessener Preis – sehr viel billiger könnte es eigentlich nur durch Industrialisierung der Herstellung werden, und was dann passiert, hat man bei Tequila gesehen. Es ist für mich persönlich durchaus wünschenswert, dass der laute Schrei nach „the next hot shit“, der Mezcal als nächsten großen Hype sehen will, kein Gehör finden wird, und Mezcal sich seinen traditionellen Charakter noch lange bewahren kann.

Offenlegung: Ich danke dem Importeur Dr. Sours, dem deutschen Vertrieb bei fifteenlions GmbH & Co KG sowie Tequila-Mezcal-Shop für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche des Mezcal Local.

Bier am Freitag – Stone Ripper San Diego Style Pale Ale

Es ist großartig, man muss heute nicht mehr nach Bieren aufwändig suchen, sondern wird von der Auswahl in Supermärkten sogar inspiriert, mal was neues zu probieren. Und auch neue Sorten bekannter Marken bestelle ich eigentlich kaum noch im Internet, wie ich das vor ein paar Jahren noch getan habe – der lokale Markt hat beinahe alles, was ich will, und es wird eher noch immer besser als schlechter. Das Stone Ripper San Diego Style Pale Ale ist so ein Zufallsfund, ein Bier, das ich vor 3 Jahren hätte online bestellen müssen. Und da ich mit Stone Brewing noch nie schlecht gefahren bin, landet sowas natürlich ohne Zögern in meinem Einkaufskorb.

Stone Ripper San Diego Style Pale Ale

Im Glas – dunkles Kupfer, leicht opalisierend. Deutlich erkennbare Kleinstschwebeteilchen. Einzelne Bläschen sind die einzige Perlage. Dennoch ergibt das einen schönen, festen, gemischtblasigen, für ein Ale sogar langlebigen Schaum.

In der Nase – hopfenfruchtig, Mango und Pfirsich, aber besonders definierend ist die extreme Floralität; toll blumig, Veilchen, Hyazinthen, Lavendel. Dabei nicht künstlich, sondern sehr natürlich, wie ein Blumenbeet im Frühling. Toll!

Im Mund – cremiger, weicher Antrunk, sehr hopfig, eher zum Süßen tendierend. Die Bittere ist eingebunden, spielt unterschwellig andauernd gut mit den anderen Komponenten zusammen, ebenso die 5,7% Alkoholgehalt. Milde, süße Früchte, Pfirsich, Aprikosen. Im Verlauf wieder hin zum Blumigen. Sehr süffig, akzeptable Rezenz – ich würde empfehlen, es kühl zu trinken. Der Abgang ist wieder sehr floral, diesmal Jasmin, der eine Weile zusammen mit der immer stärker aufkommenden Bittere ringt. Leichte Adstringenz.

Ein spannendes Bier, das mit aufgrund der ungewohnten Blumigkeit sehr gefällt. Die Stone-Typizität mit kräftig ausgebauter Bittere ist dennoch da. Für die ersten längeren Aufenthalte im Garten ist das Ripper San Diego Style Pale Ale perfekt geeignet!

Lausige Erfahrungen – Tuvè Bitter

Es war ein verrücktes, und auch ziemlich anstrengendes Wochenende, das Cocktails&Dreams-Forentreffen 2018 in Berlin. In einem extra angemieteten Loft in Moabit trafen sich die Hardcorecocktailexperten unter der Ägide des Ehrenpräsidenten und in Spirituosenkreisen wohlbekannten Ginexperten Oliver Steffens, um sich dem Genuss selbstkreierter Zutaten, neuer und alter Cocktailrezepte, einer unendlichen Anzahl Chartreuse-Shots und riesigen Fleischbergen auf dem mitgebrachten Grill hinzugeben. Nach 3 Tagen mit wenig Schlaf, viel Alkohol und einer Menge an unglaublichen Eindrücken war ich am Ende, die Jungs und Mädels haben mich geschafft, ich gebe zu, dass ich offensichtlich zu alt für sowas bin. Nicht einmal die tolle Mezcal-Präsentation von Graciela Angeles Carreño und Axel Huhn konnte ich komplett genießen, mir drehte sich im Kopf noch alles vom langen Vorabend.

Am Ende dieses Wochenendes fand die traditionelle Versteigerung der Anbruchspirituosen statt, die es nicht in den mitwandernden, riesigen Barstock schaffen sollten. Eine Flasche zog meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich überbot alle Mitbietenden, um mir den Tuvè Bitter an Land ziehen zu können. War es eine dumme Laune, aus dem Restalkohol der vorangegangenen Tage entsprungen, oder ein echte Entdeckung?

Tuvè Bitter

Ein kleiner Gag zu Beginn: Die Farbe ist natürlich künstlich, ich meine künstlich natürlich. Also künstlich. Aber doch natürlich, denn im Gegensatz zu Campari, der seine lausige Vergangenheit heutzutage abgelegt hat und den synthetischen Farbstoff E124 einsetzt, wird der Tuvè Bitter auch heute noch mit dem klassischen Schildlausextrakt Karmin E120 eingefärbt. Da stellt sich die Frage, ob ein Vegetarier diesen Bitter trinken darf – ich würde sagen, bei konsequenter Einhaltung der Prinzipien, nein. Sollten Sie also tierfrei genießen wollen, können Sie hier aufhören zu lesen. Die starkrote Farbe ist aber scheinbar einfach die Tradition vieler Bitter Norditaliens, Campari, Aperol und andere beweisen das. Mir kommt sie hier etwas weniger kräftig wie die von Campari vor, was natürlich nur Auswirkungen hat, wenn man sich bei einem Drink auf die starke Färbekraft verlassen will. Im Glas bewegt sich der Tuvè flüssig und flink, das Beinablaufverhalten ist schnell und dick.

Die Bitternote, die wir von dieser Art Likör gewohnt sind, ist hier deutlich zu finden. Bitterorange, Grapefruit, Anflüge von Zimt und Muskatnuss. Leichte Blumigkeit, bei tieferem Riechen auch eine leichte Alkoholnote.

Tuvè Bitter Glas

Pur und ohne Eis verkostet (so trinkt das aber glaube ich praktisch niemand) ist die Süße zunächst überwältigend. Bitterorange, normale Orange, Grapefruitschale – die Bitterkomponente kommt schnell dazu und bindet sich dazu ein. Schokoladig-trockenfruchtige Eindrücke entwickeln sich, dazu eine leichte Minzigkeit und ein Hauch Wacholder. Man meint, den Alkoholgehalt von 25% zu spüren. Der Abgang zeigt sich eukalyptuskühl, mittellang, stark bitter, doch deutlich pappig und klebrig auf Lippen und Zunge. Astringierende Effekte durch die Bittere kommen am Zungenrand auf. Der Nachhall ist würzig, mildkräuterig.

Für mich persönlich ist dies ein deutlich milderer Bitter als der Platzhirsch Campari, gleichzeitig aber weniger süß und oberflächlich als Aperol. Ein schönes Mittelding, ideal für mich als Bitterfreund, der gerne mit unterschiedlichen Ausprägungen dieses Zungeneindrucks spielt.

Inzwischen ist die Flasche leer, sie wurde recht schnell in diversen Drinks aufgebraucht, denn Bitter dieser Art sind Standard in vielen Rezepten, die ich sehr schätze. Wirksam zeigt der Tuvè sich beispielsweise im Lovelight, einem tollen Dreiklang aus Weinbrand, Bitter und Wermut, eine wirklich effektive und anschmiegsame Combo. Wer gerne Negronis trinkt, und etwas Abwechslung mag, sollte hier mal beleuchten lassen.

Lovelight Cocktail


Lovelight
1⅓ oz Cognac
⅔ oz Tuvè Bitter
⅓ oz  roter Wermut
1 Teelöffel Zimtsirup
2 Spritzer Chocolate Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach John Stavroulakis]


Mir gefällt auch die Präsentation dieses Bitters, die ungewöhnliche Flaschenform, die schönen Etiketten. Wer sich mit der wahrscheinlich nicht wirklich mehr zeitgemäßen Form der tierischen Färbung abfinden kann – man sollte das nicht vernachlässigen, gerade wenn man für moderne Gäste mit all ihren Zipperleinchen und Unverträglichkeiten Drinks anrührt – kann man hier als Bitterfreund sicher mal zugreifen. Ich bereue meine Versteigerungsmühe jedenfalls nicht, und der Tuvè half mir auch eine Weile, mich an dieses irre Wochenende in Berlin zu erinnern.

Über den Wolken – AsitzBräu

Diese Woche ist wohl Mitbringselbesprechwoche – ich hatte im letzten Beitrag über aus Österreich mitgebrachten Schnaps geredet. Ich schließe hier direkt an, um dem geneigten Genusstrinker die Beilage zum Hartgebrannten ans Herz zu legen, denn ein gutes Bier ist immer was Feines und im klassischen Herrengedeck doppelt gut. Wenn es darüber hinaus noch in einem hübschen Tragerl heimgetragen wird, freut man sich auch nach dem Urlaub noch weiter. Spannend wird der immer interessante Vergleich: Kann das AsitzBräu auch zuhause im saarländischen Flachland den Genuss bringen, den es auf 1800 Meter Höhe auf der Alm (natürlich nicht ganz, wie im Titel reißerisch angedeutet, „über den Wolken“, aber doch nahe dran), gebracht hat?

AsitzBräu Tragerl mit Flaschen

Die Farbe ist kastanienbraun, im Gegenlicht des sonnigen Bergs natürlich leuchtender und klarer wirkend als im Verkostungsglas zuhause – ersteres ist aber auch frisch vom Fass gezapft, letzteres aus einer der heimgebrachten Flaschen. Der Schaum verhält sich dementsprechend unterschiedlich, doch das ist wohl zu erwarten. Die Nase ist malzig, leicht getreidig, mit einem metallischen Ton, wirkt sehr würzig. Im Mund beginnt das AsitzBräu sehr voll und schwer, sehr malzig, mit viel Würze, dabei weich und gleichzeitig frisch wirkend. Nur vorsichtig wirkt etwas Hopfen durch, hauptsächlich durch die Bittere, die langsam entsteht, und zusammen mit der schönen Rezenz für Erfrischung sorgt. 5,2% Alkoholgehalt fallen weder positiv noch negativ auf. Im Ausklang kommen nussige Noten zum Vorschein, mit denen das Bier auch schnell ausklingt. Hm, auf dem Asitz war ich mit dem Bier glücklicher als zuhause, auch wenn es gut trinkbar ist, hier wie dort.

AsitzBräu Glas

Es ist im Fazit halt immer der gleiche Katzenjammer. Der Urlaubseffekt sorgt dafür, dass uns die mitgebrachten Speisen und Getränke zu Hause nicht mehr das gleiche Vergnügen bringen können wie vor Ort, ich stellte das bereits bei Mythos und anderen Genussmitteln fest. Eine interessante Theorie habe ich dazu neulich noch gehört: Es ist nicht allein die Psyche, die uns hier einen Streich spielt, sondern auch die Physik. Auf Bergeshöhe und am Meer sind die klimatischen Bedingungen tatsächlich anders, und sorgen auch dafür, dass unsere Geschmacksknospen sich anders verhalten. Dazu kommt, dass alles, angefangen vom Essen bis hin zur Luft und dem Wasser, eine andere Aromatik hat, die sich anders mit dem Konsumierten kombiniert. Das verdient jedenfalls tiefere Betrachtung im nächsten Urlaub!

AsitzBräu Brauerei

Natürlich muss man erwähnen, dass das Bier nicht auf dem Asitz gebraut wird, auch wenn die gesamte Aufmachung der Örtlichkeiten darauf hindeuten mag. Auf den Flaschen findet man die Information, dass das Bier bei Hofbräu Kaltenhausen im nahegelegenen Salzburg hergestellt wird. Das Gebäude des AsitzBräu ist dann eher als Braumuseum und Eventlocation zu betrachten; ein typisches „Brauhaus“ halt, wie wir es auch in Deutschland kennen, wo die Braukessel oftmals nurmehr dekorativen Zweck haben. Unabhängig von diesem kleinen, aber feinen Detail hat es aber dennoch schon seinen Charme, dort oben zu sitzen, auf den Berg zu schauen, auf das ansprechende Gebäude zu blicken und den unzweifelhaft vorhandenen Lokalkolorit zu genießen.

Österreicher Inlandspirituosen – Stroh 80 Austria Inländer-Rum

Der Spirituosenfreund im Urlaub ist nie wirklich völlig im Urlaub. Auch wenn der Kopf frei sein mag von Arbeit und Alltag, und man in Österreich in den Bergen am Wandern und Wellnessen ist, so sucht der Trinker in mir ständig nach ungewöhnlichen lokalen Bränden, die es zu explorieren gilt. Entsprechend genoss ich dann allerlei Destillate und brachte mir ein halbes Dutzend Flaschen auch mit zurück in die Heimat. Eine davon ist eigentlich nicht wirklich ungewöhnlich, denn sie ist auch in Deutschland allerorten leicht verfügbar – Stroh 80 Austria Inländer-Rum. Dennoch dachte ich mir, das ist jetzt eigentlich die Gelegenheit, das Zeug endlich mal halbwegs professionell unter die Lupe zu nehmen, statt in das allgemeine Geheul einzustimmen, das ertönt, wenn in Kennerkreisen Stroh erwähnt wird.

Die erste Sache, die man klarstellen muss: Stroh ist kein Rum, auch wenn das Wort auf dem Etikett auftaucht. Die Verkehrsbezeichnung ist „Spirituose“, die Wortkombination „Inländer-Rum“, die im Titel verwendet wird, ist trotzdem lustiger- und verwirrenderweise als geografische Angabe in der EU geschützt und darf nur in Österreich verwendet werden (auch dort aber unter der Kategorie „sonstige Spirituosen“, nicht „Rum“). Die gesamten Details zur Herstellung und Handhabung von Inländerrum sind entsprechend im österreichischen Lebensmittelbuch hinterlegt. Ich gebe den wichtigsten Punkt B 23 7.2.5 hier umformuliert wieder: Die Basisspirituose eines Inländerrums muss zunächst Rum sein, der der EU-Spirituosenverordnung genügt. Diesem wird sogenannte „Inländerrumessenz“ hinzugefügt, die für die grundsätzliche, typische Aromatik sorgen soll, und es dürfen dann noch „Bonifikateure“, also Geschmacksabrunder, eingesetzt werden. Letztlich ist Inländerrum also eine aromatisierte Spirituose auf Rumbasis, nicht, wie manche befürchten, ein Neutralsprit mit Geschmacksstoffen. Genug der Theorie, kommen wir zur Praxis.

Stroh 80 Austria Inländer-Rum

Die zunächst in der Flasche dunkelbraun wirkende Spirituose wird, in ein Glas umgegossen, erkennbar rötlich. Mahagonirot, vielleicht sogar zum Kirschrot tendierend – aus üppig eingesetztem Farbstoff entsteht dies. Den Alkoholgehalt merkt man auch hier schon; geht ein Tropfen daneben, meint man, die hohe Flüchtigkeit auf den Fingern spüren zu können. Pur versuche ich das nicht mal, entsprechend gehe ich direkt auf eine 1:1-Verdünnung mit Wasser. Die Farbe bleibt dadurch erhalten, die kirschroten Reflexe werden sogar noch betont, und im Glas bewegt sich das Gemisch immer noch respektabel ölig.

Der Geruch ist sehr prägnant, und verströmt sich schnell auch außerhalb des Glases. Er wirkt sehr fruchtig, erinnert durchaus an Rum, hat aber auch bei der angesprochenen Verdünnung immer noch eine sehr stechende, beißende Aggressivität, die echte Geruchsproben schwer macht. Chlor, Schweiß, Turnschuhe – zuviele Stördüfte beeinflussen die schwere Aromatik von verrottender Ananas und fauliger Banane, die mir sonst durchaus gefallen könnten. Ein schwieriges, nicht wirklich uneingeschränkt angenehmes Geruchsbild.

Stroh 80 Austria Inländer-Rum Glas

Im Mund erinnert der Stroh dann an Jamaica-Overproof-Rum, sehr viel fauligfruchtige Esterigkeit, aber ohne die Komplexität des Vorbilds zu erreichen. Süß, schwer, attraktiv bitter, und dabei dann doch überraschend weich. Die Spirituose entwickelt sich im Verlauf leider kaum weiter, die Ananas-Bananen-Mischung bleibt praktisch genauso bestehen. Dankenswerterweise kommen dafür aber auch nur wenig der Störfaktoren, die die Nase so negativ beeinflussten, mit in den Mundraum. Es wirkt dennoch im Gesamtbild irgendwie künstlich.

Sehr starke Eindrücke von Zimt, Piment und Kardamom erscheinen schließlich im Abgang; eine wirklich bunte Gewürzmischung, die über der Fruchtkomponente liegt. Am Ende wird es trockener, kurz mildpfeffrig und warm, dank der Verdünnung aber nicht brennend – die bereits erkannten Noten hängen noch etwas hinterher, auch hier findet jedoch keine Entwicklung statt, was den Stroh 80 am Ende zu einem recht unkomplexen Brand macht, auch wenn er seine interessanten Seiten hat und keinesfalls auch nur ansatzweise so gruslig ist, wie manche ihn machen – er ist halt für Rum irgendwie das, was Southern Comfort für Bourbon ist.

Ich kann mir diese Spirituose durchaus als Ersatz für Jamaica-Overproof-Rum in Cocktails vorstellen, auch wenn manche mich jetzt wahrscheinlich für diese Aussage kreuzigen wollen. Ich probiere hier mal eine für viele ungewohnte Rezeptur – einen heißen Cocktail, auch Toddy genannt. Stroh 80 passt aromatisch nahezu perfekt als spektakuläre Abrundung für den Black Stripe, der im Original nach 151-Rum verlangen würde. Brennen tut er jedenfalls ausgesprochen schön. Wenn man ehrlich ist, ist so ein Einsatz wohl auch der Hauptzweck für Stroh in aller Welt.

Black Stripe Cocktail


Black Stripe
2 Maraschino-Kirschen muddeln
1 oz gereifter Rum
1 Teelöffel Honig
2 Nelken
1 Zimtstange
8 oz kochendes Wasser
Umrühren.
Den Overproof-Rum in einen Löffel über der Tasse geben.
Am Gästetisch anzünden und vor den Augen der Gäste einrühren.

[Rezept nach Trader Vic]


Den Stroh bekommt man in einem Dutzend unterschiedlichen Größen und Abfüllformen, und darüber hinaus auch noch in anderen Alkoholstärken. Ich habe mir im Leoganger Sparmarkt die auf dem Foto oben gezeigte hübsche Bügelflasche mit hinterem Griffhenkel ausgesucht, ein Fünftelliter ist auch wirklich genug für die allermeisten Zwecke.

Stroh 80 Austria Inländer-Rum Alte Flasche

Im Keller meiner Eltern hatte ich eine alte, viel größere Flasche gefunden. Es wäre ein interessantes Experiment, diese alte Abfüllung zu vergleichen mit einer modernen – denn die oben zitierte Regel, dass ein ordentlicher Rum die Basis für Inländerrum sein muss, ist wohl erst Ende der 90er Jahre aufgekommen, und vorher durfte wohl praktisch alles verwendet werden. Es ist kein Abfülldatum auf der Flasche, aber rein vom Eindruck her ist sie älter als 1999.

Ich werde diesen Post hier mit einem Vergleich ergänzen, sobald ich mal Muße dafür finde.

 

Bier am Freitag – Tilmans Biere Der Weizen

Nicht jeder Bierfreund, der sein eigenes Bier herstellen will, muss gleich eine komplette Brauerei aufsetzen. Viele Brauereien bieten auch an, dass man mit einem Rezept zu ihnen kommen kann und, wenn es sich wirtschaftlich lohnt, das Bier dort brauen und abfüllen lässt. „Gypsy Brewing“ oder Lohnbrauen, je nach gewünschtem Hipsterigkeitsgrad schwankt die Bezeichnung. Tilman Ludwig braut nach diesem Schema sein Tilmans Biere Der Weizen bei Weissbräu Schwendl in Bayern mit 6,0% Alkoholgehalt ein, nutzt dafür Comet und Strisselspalt als Hopfen.

Tilmans Biere Der Weizen

Voll hefetrüb, dabei mit einem blassen Senfton, so dass man am Glasrand noch das deutliche, aber sehr feinblasige Mousseux sehen kann. Der Schaum ist ein herrlicher Hefeweizenschaum, wie man ihn im Fernsehen zeigen könnte – großaufgetürmt, gemischtblasig, elfenbeinfarben und langlebig. Die Nase ist stark hopfig, zitrusfruchtig, eher würzig denn süßlich, erst in zweiter Reihe kommt ein typischerer nelkiger Hefeweizengeruch zum Vorschein, dazu ein leichter Anflug von Kardamom.

Der Antrunk des Der Weizen ist bereits säuerlich, ein interessantes Gegenspiel zum vollen, breiten Körper, der sich in weichem Mundgefühl äußert. Kardamom, etwas Eukalyptus, viel Würze insgesamt, da ist vielleicht sogar unterschwellige Schärfe. Das Bier ist sehr rezent, frisch und leicht, stark karbonisiert, und spielt mit all den eigentlich gegensätzlichen Eindrücken, die man während des Trinkens langsam aufsammelt, äußerst gekonnt. Der Abgang letztlich ist mittellang, sehr trocken und weiterhin säuerlich, effektvoll und astringierend, mit einem definierten blumigen Nachhall.

Ein charaktervolles, aus der Reihe tanzendes und starkes Hefeweizen – viel Wumms, ohne zu frech und wild zu werden, trotz des Tigers und des Wahlspruchs auf dem wirklich toll designten Etikett: stiltreu mit einem Twist. So mag ich meine Biere gern.

Neue alte Weinbrandgebiete – Ararat Akhtamar Aged 10 Years Armenian Brandy

Ich kam gerade von meiner Reise nach Bulgarien zurück, und hatte dort diverse interessante bulgarische Weinbrände kennengelernt. Als ich mich im Nachhinein noch etwas schlauer darüber machen und Bezugsquellen recherchieren wollte, stellte ich fest, dass es neben Bulgarien noch eine weitere Region gibt, die traditionell Weinbrand herstellt, und die ich bisher völlig übersehen hatte – Armenien.  Wie in Bulgarien auch hat Weinanbau in Armenien eine extrem lang zurückreichende Geschichte, länger als manch ein westeuropäisch denkender Weinfreund es vermutet.

Armenischer Weinbrand ist gesetzlich reguliert und geschützt. Nur Trauben aus armenischem Anbau dürfen für den Wein, der dann destilliert wird, eingesetzt werden, und nur die Rebsorten Rkaziteli, Mskhali, Garan Dmak, Kangu und Voskehat sind erlaubt. Lange Zeit ging ein Großteil der Produktion in die sowjetische Nachbarschaft, nach dem Umbruch ist Russland aber immer noch wohl der größte Abnehmer. Kein Wunder, dass man hierzulande eher selten davon hört – dem will ich etwas Abhilfe schaffen. Ein interessantes erstes Verkostungsobjekt schien mir der Ararat Akhtamar Aged 10 Years Armenian Brandy zu sein. Ich will ihn nicht direkt mit Cognac oder spanischem Brandy vergleichen, sondern einfach schauen, was er unabhängig von seinen großen Vorbildern zu leisten im Stande ist.

Ararat Akhtamar Aged 10 Years

Als erstes fällt die dunkle Farbe auf – Pariser Rot mit rotgoldenen Reflexen. Färbung ist bei armenischem Brandy scheinbar erlaubt (zumindest gibt es Produkte, die gefärbt sind), man darf wahrscheinlich davon ausgehen, dass auch hier E150a enthalten ist. Die Beweglichkeit im Glas ist sehr hoch, kaum Öligkeit ist erkennbar. Am Glasrand entsteht beim Schwenken zunächst mehr ein geriffeltes Muster als wirklich einzelne Beinchen.

Die Nase nimmt zunächst eine nussige, an Sherry erinnernde Note wahr. Dazu kommt etwas milder Essig, leichte Weinigkeit und Vanille. Eine dezente Fruchtigkeit fängt die erkennbare Alkoholkomponente ab. Insgesamt eine doch zurückhaltende Aromatik, man muss schon tief Luft holen, um differenziertere Gerüche auszumachen – seltsam für einen Weinbrand, eine Kategorie, bei der ich normalerweise immer hauptsächlich das tolle Geruchsbild lobe.

Auch im Mund ist der Antrunk des Akhtamar zunächst vergleichsweise neutral. Süß, mild, cremig. Erst im Verlauf entsteht ein brandytypischer Geschmack nach Rosinen, Dörrobst und Pflaumen. Eine Erinnerung an Wintergrünöl. Die Vanille aus der Reifung überdeckt vieles, was das Destillat vielleicht an Aromatik noch haben könnte. Die Süße ist durchgängig vorhanden, ohne dabei aber pappig oder unangenehm zu werden.

Ararat Akhtamar Glas

Der Abgang wird würzig, warm und endlich kommt so etwas wie Charakter auf. Leider ist er auch metallisch und kurz und kippt gegen Ende dann wieder in die Belanglosigkeit zurück. Der Nachhall ist einerseits holzig und überraschend floral, Rosenblätter und ganz extrem Jasmin, tatsächlich vielleicht das Schönste, auf jeden Fall aber das Überraschendste an diesem Brandy.

Das Fazit zu formulieren fällt mir schwer. Einerseits ist das ein echter Easy-Drinking-Brandy, der mit dieser wirklich schönen Blumigkeit endet, andererseits hat er sonst aber auch nichts, was mich dazu bringt, ihn zu loben. Was sucht man in einem Weinbrand? Ist es eine Unauffälligkeit und Rundheit? Dann würde ich empfehlen, den Ararat Akhtamar mal zu probieren. Ist es Charakter und Stärke? Nun, dann eher eben nicht.

Ich habe es riskiert, im Late Night statt eines Williams-Birnenbrands die Moor-Birne von Scheibel einzusetzen. Einfach, um dem Cocktail ein bisschen süße Rauchbasis mitzugeben, die sich mit dem armenischen Brandy schön verbinden sollte. In einer derartigen Kombination zeigt sich die Blumigkeit des Ararat Akhtamar dann tatsächlich auch von seiner besten Seite.

Late Night


Late Night
1¾ oz Brandy
¾ oz Birnenbrand
½ oz Oloroso Sherry
3 Tropfen Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept adaptiert nach Claudio Agliano]


Noch kurz zur Präsentation – Die durchaus hübsche kleine 50cl-Flasche hat einen Echtkorken mit Plastiktop, ein dezentes, aber sehr attraktives Etikett, das eine Bergkette zeigt. Auf dem Rücketikett ist die Legende, die dem Brandy den Namen gab, in Superkurzform abgedruckt. Dazu kommt die Flasche in einem Karton, was das ganze dann in eine sehr geschenktaugliche Form bringt. Auch wenn das Fazit etwas mäßig ausfällt, man kann sehr viel schlimmere Geschenke machen, und für einen Spirituosenfreund, der sich für Weinbrand interessiert und vielleicht sogar Armenien als traditionelle Wein- und Weinbrandregion noch gar nicht auf dem Schirm hat, ist es garantiert etwas, worüber man sich freuen kann. Ich würde es tun.

Bier am Freitag – Maisel & Friends Galaxy Brown Ale

Wenn ich nochmal sehr jung sein könnte, wäre das vielleicht wirklich auch etwas für mich: eine Ausbildung zum Bierbrauer. Bei Maisel & Friends wird die Sicherstellung des Nachwuchses sehr gefördert, soweit, dass die Auszubildenden des letzten Lehrjahres nicht nur ihr eigenes „Gesellenbier“ brauen, sondern dies sogar in größerem Stil veröffentlicht wird; das ist eine wirklich schöne und lobenswerte Sache an sich. Und so komme nun auch ich zur Ehre, das Maisel & Friends Galaxy Brown Ale ins Glas probieren zu können. Vom Stil ein American Brown Ale, gebraut am 30. April 2020, mit 5,5% Alkoholgehalt und 35 IBU. Sogar das Etikett ist von den Azubis mitgestaltet!

Maisel & Friends Galaxy Brown Ale

Rostrotbraun im Glas, unterstützt durch die Naturtrübe ohne sichtbare Partikel. Im Gegenlicht sieht man ein paar einzelne Bläschen langsam aufsteigen, das wars aber auch schon mit Mousseux. Entsprechend kurzlebig ist der Schaum; das stört bei einem Ale natürlich wenig. Immerhin ist er hübsch mit einer Mischung aus sehr großen und sehr feinen Bläschen. Fruchtig-malzig ist die Nase, deutlich hin zum Aromahopfen hin tendierend (Galaxy wurde hier, dem Namen entsprechend sehr passend, eingesetzt), und durch letzteres sehr beerenmarmeladig, süßlich und rund. Eine minimale Limettenkante kann man erschnuppern.

Im Mund dann viel trockener und bitterer als erwartet – das Galaxy Brown Ale ist eher auf der sauer-bitteren Seite, mit zwar cremigem Antrunk, aber schnell hin zum leichten, schmalen Körper hin kippend. Persönlich finde ich, das hat eher etwas von einem gehopften Lager. Rezenz ist gut, hauptsächlich von der Säure her, auch die Karbonisierung passt, trotz des oben geschilderten optischen Eindrucks. So hart es klingt – irgendwie trinkt sich das wie ein Radler mit viel saurem Sprudel; bei einem Brown Ale erwarte ich schon deutlich mehr Malz in der Sensorik, auch wenn die amerikanische Variante irgendwie alles sein kann und nichts. Im Abgang mittellang, deutlich astringierend, trocken und bitter, dafür mit einem Anflug von Blumigkeit, und es klingt aus mit einem mentholig-kühlenden Effekt, und etwas Holzigkeit, was man mit gutem Willen vielleicht auch Nussigkeit nennen könnte.

Hm, ich bin mir unschlüssig im Fazit. Ich komme nicht so ganz mit der Bitter-Sauer-Komponente klar, die nicht durch wenigstens etwas Körper aufgefangen wird. So fühlt sich das Bier letztlich passend zum Namen an – ein kurzer Ausflug ins kalte Bierall, und für mich am Ende deswegen unbefriedigend. Tut mir leid, liebe Auszubildende, dass ich persönlich Euer Gesellenbier nicht so schätzen kann, das soll Eure Leistung in keiner Weise schmälern, seid trotzdem stolz auf Eure Ausbildung und Eure Leistungen.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche des Galaxy Brown Ale.

Alte Liebe rostet nicht – Bowmore Aged 12 Years Islay Single Malt Scotch Whisky

Rum holt auf, was die Verkaufszahlen angeht, er wird immer beliebter. Im gleichen Maße verliere ich aber mein extremes Interesse an ihm, das hat aber nichts mit diesem Aufholen zu tun – wenn man sich intensiv mit einer Spirituose beschäftigt hat, ist es wahrscheinlich nur natürlich, dass sich, wenn man schon viel gesehen hat, die Liebe etwas abnutzt. Das kennen wir ja aus dem Privatleben. Zum Glück ist es bei Schnaps etwas einfacher, sich etwas anderes ins Glas zu holen – und ich habe in letzter Zeit den Scotch etwas vernachlässigt. Das werde ich hiermit wieder gut machen, und habe mir entsprechend eine Flasche eines guten Basisprodukts besorgt: der Bowmore Aged 12 Years Islay Single Malt Scotch Whisky soll mir das Feuer der Begeisterung, das ich einst für diese Art von Spirituose empfand, als ich ein Jahr in Schottland lebte, wieder entfachen und den schnöden Rumjammer vergessen lassen.

Zumindest muss man sich bei Scotch nicht auf allerlei Diskussionen einlassen, die mit Qualität, Einhaltung von gesetzlichen Regelungen und Definitionen, was die Spirituosengattung eigentlich erlaubt und was nicht; schottischer Whisky ist klar und deutlich geregelt, und wird auch von diversen staatlichen und unabhängigen Organen geprüft und gesichert. Was das wert ist, erfährt man erst, wenn man die letzten 5 Jahre im Rumgeschäft miterlebt hat. Ich glaube, ich habe mit meinen Artikeln etwas dazu beigetragen, dass manch eine Machenschaft auch für Laien bekannt wurde. Es tut mir gerade jetzt ein bisschen gut in der Seele, mich von dem ganzen Ärger zu verabschieden und mich einfach darauf verlassen zu können, dass in der Flasche auch ist, was auf dem Etikett steht. Und darauf, dass man ein breit erhältliches Basisprodukt kaufen kann und gute Qualität bekommt, und nicht nur, wenn man High-End-Superseltene-Einzelfassabfüllungen kauft. Das sind nun viele Vorschusslorbeeren, ich hoffe, der Bowmore kann all das einhalten.

Bowmore Islay Single Malt Scotch Whisky Aged 12 Years

Bei Scotch ist es im Allgemeinen angegeben, und im Allgemeinen auch üblich – die Färbung mit E150a. Ich hoffe auf die Zeit, in der die Konsumenten so aufgeklärt sind, dass es dieser Gleichmacherei, durch die nur jede Flasche im Regal identisch aussehen soll und sonst keinen Sinn hat, an den Kragen geht. Ich bin mir sicher, dass ein 12-jähriger Scotch auch ohne Färbung eine ähnlich schöne Farbe aufweist wie dieses kräftige Terracotta. Das Schwenkverhalten ist unauffällig, mit schnell ablaufenden, mengenmäßig wenigen Beinchen.

Die erste Komponente, die die Nase wahrnimmt, ist natürlich der Torf, die Signatur eines Islay-Whiskys. Dies dominiert alles, danach kommt schon deutlicher, süßlicher Rauch, begleitet von einer medizinalen Note. Der Rauch kippt dann um in milde Orangenschale. Zugrunde liegt allem etwas Hefig-Getreidiges. Insgesamt trotz des Torfs mild und rund.

Das Mundgefühl ist im Antrunk dann ähnlich weich und abgerundet, voll und stark, extrem süß, für meinen Geschmack schon zu sehr. Zu Beginn wirkt er flach und dumpf, hat außer Vanille- und Zimtnoten aromatisch kaum etwas zu bieten; weder Torf noch Rauch bleiben erhalten. Im Verlauf wird der Bowmore 12 immer würziger, trockener und klarer, hier beginnt er mich zu interessieren. Wie oft bei rauchigen Spirituosen entsteht am Gaumen eine sehr florale Note. 40% Alkoholgehalt unterstützen das spürbare Feuer, das sich schließlich am Ende entwickelt hat, und sind im Abgang leicht ethanolisch erkennbar. Der Abgang ist kurz, trocken, leicht torfig und nun mit dieser schönen Rauch-Blüten-Mischung versehen, die lange nachklingt.

Bowmore Aged 12 Years Islay Single Malt Scotch Whisky Glas

Für meinen Geschmack ist dieser Scotch zu plump und desinteressiert im Antrunk, das kann er später nicht mehr aufholen, selbst wenn der Nachhall wirklich attraktiv ist. Die starke Süße, die fehlenden Aromen, nur im Abgang Komplexität – meine Begeisterung hält sich in Grenzen.

Entsprechend hat sich der Bowmore 12 für meine Verhältnisse leider höchstens zu einem stabilen Mixwhisky für die Cocktails entwickelt, die nach Torf und Rauch verlangen, und gleichzeitig nicht zuviel Charakter gebrauchen können, da dies oft den ganzen Drink übernimmt. Im Luau Smoked Pineapple kommt dem Bowmore 12 genau diese Rolle zu; sein süßlicher Grundton gibt dem Cocktail dann noch etwas mehr Volumen.

Luau Smoked Pineapple Cocktail


Luau Smoked Pineapple
1 oz torfiger Scotch
½ oz Limettensaft
¾ oz Orgeat
¾ oz Zitronensaft
1 oz Ananassaft
Auf Eis shaken. Auf frischem Eis servieren, zuvor noch
½ oz Blended Scotch floaten.
[Rezept nach The Drink Blog]


Man sieht, es ist doch nicht ganz so einfach, die alte Liebe durch etwas Neues zu ersetzen. Doch Scotch ist ja nicht nur Islay, ich bin eh schon immer eher der Highland Malt-Trinker gewesen, und habe noch viel vor mir, all die Scotches, die ich in Schottland getrunken habe, auch hier irgendwann schriftlich zu erfassen. Das wäre jedoch natürlich ein Lebensprojekt für sich, und mir sind die anderen Kategorien wie Tequila und Liköre ebenso wichtig. Darum wird mein Blog weiterhin breit gefächert alles besprechen, was die Spirituosenwelt so zu bieten hat; nur die leichte Gewichtung hin zum Rum wird allmählich, wenn all die vorbereiteten Rumartikel (und das sind ein ganzer Haufen!) erschienen sind, verschwinden.

Kurz und bündig – Botucal Blending Session

Man kann auf sehr unterschiedlichen Seiten des Rumspektrums stehen, und trotzdem ein gutes Verhältnis pflegen. Ich persönlich halte überhaupt nichts davon, Fronten aufzubauen, den Krieg zu erklären, Ausgrenzung und Ablehnung zu betreiben, wie manche Rumkenner das tun, und das alles nur wegen eines Genussmittels. Wenn die Einstellung zu einem Getränk wichtiger wird als zu den Menschen dahinter, läuft etwas schief. Persönlich mag ich meinen Rum sauber und unverändert, und ich kämpfe weiterhin mit Energie dafür, dass Ehrlichkeit und Transparenz gefördert werden, doch das wird mich nie daran hindern, mit Personen, die anders denken, vernünftig und gesittet zu reden. Entsprechend freute ich mich sehr, als der langjährige Brand Ambassador für Botucal/Diplomático, Peter Schütte, mich einlud, an der Botucal Blending Session teilzunehmen. Die Corona-Krise zwingt uns dazu, solche Treffen remote abzuhalten, doch es funktioniert überraschend gut, wenn das ganze wohlorganisiert ist: Die Samples der Botucal Distillery Collection kamen zuverlässig bei mir per Post an, der Link zum Zoom-Meeting klappte auch direkt, und ein gutgelaunter Moderator sorgte bei immerhin 30 (hin und wieder nur mäßig disziplinierten) Rumfreunden für einen runden, gut zweistündigen Ablauf. Es gab sehr viel fachliche Information zu den verschiedenen Brennapparaten und Vorgehensweisen, auch ein Fortgeschrittener wie ich konnte noch was dazulernen.

Botucal Blending Session 1

Es sollte eine Einführung in die unterschiedlichen Komponenten des bekanntesten Produkts des Hauses werden, dessen Zusammensetzung und Herstellung, sowie die Möglichkeit, sich unter Anleitung einen individuellen Blend zusammenzustellen. Eine herausragende Idee, man kann dabei sehr viel lernen und erfahren. Für mich war das eigentliche Ziel, endlich herauszufinden, wie einer der bekanntesten Süßrums der Welt ohne die Nachsüßung schmeckt. Selbst wenn die „neue“ Rezeptur nur noch rund 35g/L Süßung aufweist statt den früher üblichen 44g/L, ist das für mich persönlich immer noch viel zu viel. Die Frage, die sich mir bei solchen Produkten immer stellt, ist: Warum wird so stark gesüßt? Ist es, um ein schlechtes Destillat zu pimpen, oder eher doch simplerweise, um dem süßen Zahn der Kundschaft entgegen zu kommen? Ersteres wäre schlicht Betrug, zweiteres eine unternehmerische Entscheidung. Endlich habe ich die Möglichkeit, diese Frage zumindest für mich zu beantworten.

Entsprechend habe ich den Blend des Reserva Exclusiva mit den drei Distillery Collection-Rums nachgebaut – laut der Angabe des Herstellers bedeutet das, 80% Pot-Still-Rum („N°3“), 10% Batch-Kettle-Rum („N°1“) und 10% French-Barbet-Rum („N°2“). Für die einzelnen Rums habe ich bereits meine Meinung kundgetan. Da alle Distillery Collection-Rums auf 47% eingestellt sind, müsste am Ende noch etwas Wasser zugesetzt werden, um die Trinkstärke von 40% des Standardprodukts zu erreichen, ich habe nur einen kleinen Spritzer verwendet. In der Blending Session wurde vorgeschlagen, noch selbst zu süßen, das habe ich natürlich gelassen.

Botucal Blending Session 2

Das Ergebnis ist sehr befriedigend und erstaunlich; der SchlimmerdurstBotucal-Blend ist am Ende ein sehr attraktiver Rum geworden. Auch wenn N°1 und N°2 als Einzelprodukte wenig Begeisterung erregen können, so ist der Hauptanteil, der N°3, ein durchaus gelungener Brand. Die Süßung ist nach dieser Erfahrung definitiv kein Versuch, ein schlechtes Destillat zu maskieren.

Ich muss aber auch deutlichst sagen – die Süßung verschlechtert meiner Meinung nach das Endprodukt extrem. Es ist wirklich schade, dass ein interessantes und gelungenes Destillat, das ohne Mühe auf sich gestellt bestehen und sogar Rumfreunde sehr glücklich machen kann, durch den Zucker plumper, langweiliger, stumpfer, oberflächlicher, kurz: schlechter gemacht werden muss. Nun, vielleicht gibt es irgendwann ein Umdenken beim venezuelanischen Hersteller DUSA. Der Markterfolg der Marke stimmt mich nicht optimistisch diesbezüglich, aber zumindest konnte ich für mich dank dieser Session meinen Frieden mit Botucal/Diplomático machen – sie können sehr guten unverfälschten Rum machen, wollen es aber halt offensichtlich nicht. Dagegen kommt man nicht an, schade.

Offenlegung: Ich danke dem Brand Ambassador Peter Schütte für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples und die Einladung in die Blending Session.