Schnapsglobalisierung – Selva Negra Agavenspirituose

Agave als Basismaterial für Spirituosen, das ist längst kein mexikanisches Alleinstellungskriterium mehr. Auch wenn mit Tequila und Mezcal (und seinen mehr oder weniger rein durch Gesetzgebung unterschiedenen Verwandten wie Raicilla) immer noch die bekanntesten Vertreter aus Mexiko kommen, so haben andere Länder doch auch aride Landschaften, in denen sich Agaven verschiedener Sorten wohlfühlen und gedeihen. Und es gibt findige Brenner dort, die das Potenzial erkannt haben, diese Pflanze zu nutzen. Südafrika war für mich der erste Kontakt mit Agavenbrand außerhalb Mexikos; Australien ist dabei, sich dieser kleinen Gruppe von Ländern ebenso anzuschließen.

Und da kommt nun plötzlich Selva Negra daher – in Deutschland gebrannt, genauer gesagt am Kaiserstuhl im Schwarzwald, letzterer diente entsprechend als Inspiration für den Markennamen. Natürlich bekommt man im Schwarzwald keine Agaven in nennenswerter Menge zum wachsen, der Klimawandel kann zwar viel, aber um Süddeutschland zur sonnendurchfluteten Wüste zu machen, in der Agaven wild wuchern, wird sogar er noch eine Weile brauchen (auch wenn es, wenn wir so weitermachen, tatsächlich nur eine Frage der Zeit ist). Nein, ein aus Mexiko importierter, naturbelassener Extrakt aus agave salmiana ist es, der hierzulande von Florian Faude mit Weinhefen für 3 bis 4 Wochen fermentiert und dann doppelt destilliert wird. Eine spätere Aromatisierung mit Rauch und Fichtenaromen erfolgt, um den Schwarzwald thematisch und sensorisch miteinzubinden. Die Angabe „100% Agave“ ist darum inhaltlich bezüglich der Inhaltsstoffe korrekt, aber wie sieht es mit dem Geschmack eines deutschen Agavenbrands aus? Ich habe sehr gute Erfahrungen mit in Deutschland hergestelltem Rum gemacht, wo die Melasse ja auch importiert werden muss. Kann Selva Negra dieses Modell wiederholen?

Selva Negra Agavenspirituose

Optisch ist die Flüssigkeit erstmal nicht von einem Tequila Blanco (oder jeder anderen ungereiften, klaren Spirituose) unterscheidbar. Ordentlich schwer schwappt sie im Glas, legt sich beim Drehen samtig an die Glaswand, bildet dort einen Film, der sich aus einem dicken Band zu einzelnen Beinen zusammenfindet und von dort dann herunterläuft.

Die Nase wirkt sehr frisch, mit klaren Eindrücken von grünen Fichtennadeltrieben, Zedernzapfen, sehr viel Harz und Limettenschale. Erst dahinter kommt gekochtes Agavenfleisch, es ist aber eindeutig identifizierbar. Der Plastikklebstoff in der blauen Tube, mit dem man Modelle baut, ist als Assoziation vorhanden, und eine Erinnerung an einen mit Zedernzapfen aromatisierten Wodka, den ich neulich gekauft hatte, natürlich ist Selva Negra da im direkten Vergleich noch deutlich spannender. Im Gesamtgeruchsbild durchaus komplex, mit vielen Eindrücken, die sich vielschichtig zusammenfügen, und sich von einem Tequila oder Mezcal klar emanzipieren.

Selva Negra Agavenspirituose Glas

Im Mund drehen sich die Aromarollen dann um – zunächst ist die Agave sehr viel präsenter, und erst danach folgen die harzigen Zedern- und Fichtenkomponenten, sie bleiben aber alle erhalten und klar definiert. Eine schwere Süße ist vom Antrunk an da, zusammen mit der fetten, sehr öligen Textur entsteht ein dichtes, rundes Mundgefühl. Im Verlauf bildet sich daraus deutliches Feuer, weißpfeffrige und fast schon chilischarfe Hitze heizt den ganzen Mundraum auf, und das steigert sich immer weiter. Leichte Fruchtnoten, Aprikosen und Kirschen, haben ein kurzes Gastspiel, der Abgang ist dann wieder von Fichtennadeltrieben und leicht holzigem Harz dominiert, und von der sehr aktiven Schärfe, die die gut gewählten 46% Alkoholgehalt spüren lässt und die erst spät im Abgang langsam abklingt, während man sie im Rachen bis in den Magen lange nachverfolgen kann. Im Nachhall klingt die Agave deutlich nach, die Süße belegt weiterhin den Gaumen, während die Zungenspitze prickelt und fast schon Mastiha-ähnliche Eindrücke die Spirituose dann langsam zum Ende kommen lassen.

Es ist deutlich, dass wir hier eine eigenständige Agavenspirituose vor uns haben, die an keiner Stelle versucht, sich als Tequila oder Mezcal auszugeben (der Etikettenspruch „inspired by the Mexican Classic“ zeigt auch, dass abseits der Inspiration etwas eigenes zu erfinden versucht wurde) – hochinteressant, was Sebastian Dresel, Laurin Lehmann und Florian Faude sich da haben einfallen lassen. Ich mag Tequila, ich mag Mastiha, und Selva Negra ist eine gelungene aromatische Kombination aus beiden, ohne sich an eine der beiden übermäßig anzubiedern.

Was macht man daraus in der Mixologie? Ein bisschen ist Selva Negra ein Grenzgänger, doch sie funktioniert in vielen Tequila-basierten Rezepten natürlich wunderbar. Im Caminante kombiniert sich die kräuterig-harzige Art sehr gut mit Minze, Jalapeño und Mandel, finde ich – ein Drink, bei dem man aufs Beste über die Globalisierung von Spirituosenkategorien, ihre Neuinterpretation und das Auflösen von klaren Grenzen sinnieren lässt.

Caminante Cocktail

Caminante
2oz / 60ml Tequila blanco (mit Jalapeño aromatisiert)
¾oz / 25ml Orgeat
¾oz / 25ml Zitronensaft
1 Teelöffel klarer Minzlikör
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Justin Lane Briggs]


Selva Negra kommt in einer Halbliterflasche mit Echtkorken und einem aufwändig gestalteten Etikett, das die Mischherkunft aus Mexiko und Schwarzwald herrlich präsentiert. Dazu die üppig gestaltete, hochwertige Blechdose, da bleiben vom Design her keine Wünsche offen. Etwas mehr Herstellungsdetails auf den Etiketten würde ich mir als Transparenzfreund wünschen, gerade, weil es doch ungewohnt ist, in Deutschland Agaven zu brennen – positiv ist natürlich die schnelle und offene Antwort des Herstellersteams auf Fragen, wenn das noch auf der Flasche zumindest teilweise direkt für den Konsumenten nachlesbar wäre, wäre das optimal.

Ähnlich Mühe hat man sich sogar bei der Kartonbox, in der die Dose geliefert wurde, gemacht, sie ist mit schwarzen floralen Mustern versehen, und zwei Flaschen Limonade (Thomas Henry Pink Grapefruit) finden sich daneben im Lieferumfang, zusammen mit einem Rezept für eine Paloma. So kann man auch ohne Heimbar sich direkt ein paar hübsche, typische mexikanisch-schwarzwälderische Drinks zusammenrühren, nur Eis und eine Limette braucht man zusätzlich.

In toto ein tolles Gesamtpaket: Sowohl für den Spirituosenfreund, der eine eigenständige Neuinterpretation von Agavenbrand sicherlich hochinteressant findet, als auch als Geburtstagsgeschenk für den Anfänger, der dank der optischen Gestaltung und der mitgelieferten Limonade ohne Hemmschwelle loslegen kann. Beiden Zielgruppen lege ich Selva Negra nahe!

Offenlegung: Ich danke der Selva Negra Spirits GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieser Box.

Bier am Freitag – Paix Dieu Triple

Man weiß als regelmäßiger Leser meines Blogs ja inzwischen, dass ich nicht so viel von blumigen Stories halte, die viele Spirituosen- und Bierhersteller für ihre Produkte erfinden. Beim Paix Dieu Triple geht mir darum schon wieder das Messer im Sack auf, wenn ich lese, dass die Brasserie Caulier ihr Bier „bei Vollmond gebraut“ hat. Das ist zwar keine erfundene Geschichte, aber auch so ein esoterisches Gimmick, das bei mir höchstens müdes Lächeln erzeugt – vor allem, weil sonst kaum handfestere Information auf der 750ml-Braunglasflasche mit Sektkorken und Drahtkorb zu finden ist, obwohl hier wirklich genug Platz dafür wäre. Nun, solange das flaschengegärte zisterziensische Abteibier geschmacklich überzeugen kann, will ich darüber hinwegsehen und statt dessen lieber die Erinnerung hervorholen, wie ich dieses Bier zum ersten Mal probiert hatte – der peruanische Piscokönig Johnny Schuler, neben dem ich in einer Kneipe in Brüssel saß, hatte mich darauf eingeladen, und das ist natürlich ein wunderbares Erlebnis gewesen, bei einem Bier mit Johnny über die Herausforderungen des Brennens der extrem hochregulierten peruanischen Nationalspirituose zu diskutieren. Nun aber zum Bier!

Paix Dieu Tripel

Opalisierend, golden, eidottergelb – im eigenen Herstellerglas aus der Sektflasche eingegossen muss man darauf achten, nicht die niedrigere Kante zu überfüllen. Der Schaum ist zunächst fingerbreit, geht aber schnell auf eine dünne, sehr feinblasige Creme zurück. Bei Gegenlicht sieht man das Mousseux – ein optisch sehr ansprechendes Bier!

Die Nase erinnert mich zunächst an Erdbeermarmelade, leichte Anflüge von süßer, fruchtiger Mango, darunter eine milde Hopfenfrische kombiniert mit ebenso fruchtiger Säure, ein bisschen wie ein Prosecco vielleicht. Da hat man direkt alles! Das Malz kommt zum Schluss auch noch zum Vorschein, doch die Fruchtigkeit dominiert, ohne dabei in Extreme abzugleiten, hier ist alles gut ineinander verwoben und integriert.

Eine nahezu ideale Textur erwartet einen dann im Mund, das ist nicht klebrig-fett, aber auch nicht wässrig-dünn, man hat genau ein wunderbares Maß gefunden, um den Gaumen einerseits auszukleiden, dabei aber nicht zu überwältigen und zu sehr zu beschäftigen mit dem Abbau der Bierschicht. Ebenso schön ist die Balance zwischen der die Nase noch beherrschenden Süße und einer nun eher bestimmenden rezenten, frischen Säure – beides spielt toll miteinander. Die Aromen, die die Nase erschnuppert hatte, finden sich auch auf der Zunge wieder, schöne, milde, runde Frucht, fast schon ins Kaugummiartige gehend, leichte Hopfenbittere und -aromen, ein Anflug von ganz unerwarteter Holzigkeit gegen Ende. Der Abgang ist kurz, frisch, feinherb und mildtrocken, mit blütigen Eindrücken von Jasmin, ein minimales Kribbeln bleibt auf Zunge und Gaumen, vielleicht den üppigen 10% Alkoholgehalt geschuldet, ohne je störend zu werden.

Ein wirklich wunderbares Bier, rund in jedem Aspekt, handwerklich perfekt gemacht und ausbalanciert. Ein Belgier zum Verlieben, egal ob bei Voll- oder Neumond gebraut!

Aromen aus der Säule – Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6°

Ich bereite mich gedanklich schon auf Juni vor – dann wird auf der Karibikinsel Guadeloupe die nächste Auflage des Spirituosenwettbewerbs Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles stattfinden. Verschiedene Destillerien zu besuchen, die Lebensart vor Ort etwas kennenzulernen und auch guten Rum direkt aus dem Brennapparat zu probieren, darauf freue ich mich schon sehr. Einen ersten Eindruck auf letzteres hoffe ich bereits jetzt bekommen zu können – indem ich meine Flasche des Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6° öffne und meine Leser damit ein bisschen an dieser Reise schon vorab teilnehmen lassen kann. Das Zuckerrohr für diesen aus frischem Zuckerrohrsaft hergestellten Rum wurde 2019 geerntet und ist monovarietal, das heißt, es ist nur eine einzelne Sorte verwendet worden, hier Canne rouge.

Guadeloupe hat eine eigene „geschützte geographische Angabe“ für Rum. Sie unterscheidet sich von der wahrscheinlich deutlich bekannteren AOC-Schutzstufe der Nachbarinsel Martinique, ist auch etwas weniger streng, man will sich ja abgrenzen. Der Hauptpunkt der Unterschiede ist, dass der Rum auf Guadeloupe auf bis zu 90% Zielalkoholgehalt gebrannt werden darf, bei Martinique-Rum ist das deutlich niedriger. Deswegen wird man so etwas wie den Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6° auch nur auf Guadeloupe finden – „brut de colonne“ ist die Bezeichnung für ein völlig unverdünntes Destillat, wie es aus dem Säulenbrennapparat, wie er dort üblich ist, fließt. Eine normalerweise hochverlässliche Quelle, die ich aber noch genauer hinterfragen muss, teilte mir mit, dass die Brenner auf Guadeloupe eigentlich, obwohl sie bis 90% Zielalkoholgehalt brennen dürfen, dennoch nur bis höchstens 80% abfüllen. Wenn der Rum allerdings im Tank nach Europa kommt und erst dort durch einen unabhängigen Abfüller in die Flasche kommt, ist das vielleicht etwas anderes, denn in den Schriftstücken zur Guadeloupe-ggA finde ich keine Hinweise auf einen Maximalalkoholgehalt bei der Abfüllung, und auch der Abfüller dieses Rums, Nicolas Barikenn aus der Bretagne, konnte mir auch Nachfrage nichts diesbezüglich mitteilen. Nun, ich werde mich bei der Distillerie Montebello direkt erkundigen und meine Leser hier auf dem Laufenden halten. Jetzt erst mal zum Sprit selbst.

Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6°

Der hohe Alkoholgehalt von 81,6% ist mit dafür verantwortlich, dass die Flüssigkeit schwer und sehr ölig im Verkostungsglas steht. Fast sirupartig schwenkt sie sich, mit fetter Filmbildung an der Glaswand, der sich in dutzende dicke Beine auflöst, die dann träge heruntertropfen.

Während man eingießt und schwenkt und die Optik beurteilt, verströmt sich schon direkt der Duft des Rums. Da muss man gar nicht groß die Nase ans Glas halten, schon auf Entfernung nimmt man viel wahr. Es ist aber auch nicht schwierig, die Aromatik ist nicht sanft und mild, sondern fühlt sich an, als hätte man einen Fruchtkuchen ins Gesicht geworfen bekommen. Superfruchtig, mit vielen direkten und wenig subtilen Gerüchen von Kirsche, Erdbeere und Grapefruitzeste. Sehr präsent sind insbesondere Guave und Litschi, als Beispiel für die klar tropische Charakteristik des Montebello Brut de Colonne. Gebrannte Mandeln und Vanille geben etwas Volumen und Süße dazu, und eine bunte Mischung aus zwar scheinbar wenig zusammenhängenden, aber ein wuchtiges Gesamtbild ergebenden sensorischen Eindrücken springt mich an: nasses Holz, feuchte Erde, Lederhandschuhe, ganz mildes Süßholz, ein frisch gedrucktes Buch, Maschinenöl; und sogar maritime Erinnerungen von feuchtem Kies, Algen und ein schon länger aufgesetztes Aquarium. Man sieht, die Nase hat ordentlich was zu tun, und man sollte ihr diese Zeit geben, diesen vielschichten Geruch ausführlich genießen zu können, und über die urbane Legende nachsinnen, dass Säulendestillate immer leichte, aromatisch uninteressante Produkte sein müssen.

Barikenn Montebello Brut de Colonne 81,6° Glas


Bei über 80% Alkoholgehalt habe ich etwas Respekt vor dem ersten Schluck, das gebe ich gerne zu, auch wenn die Nase keinerlei Andeutungen macht, dass hier ethanolisch-kratzende Fehltöne zu erwarten sind. Der initiale Antrunk ist sehr maritim, sehr süß und gleichzeitig richtig salzig, ein spannendes Gefühl. Das Mundgefühl ist extrem, voll und breit, eine dicke Textur legt sich auf den ganzen Mundraum, trotz des enormen Alkoholgehalts wirkt der Rum unglaublich weich und warmglühend, ohne hitzig zu werden. Es entsteht bei mir beim Trinken ein leichter Druck auf den Ohren, aber weder kratzt noch beißt es auch nur das kleinste bisschen – es gibt Spirituosen, die beim halben Alkoholgehalt viel garstiger sind. Man spürt regelrecht die fette Öligkeit, krass, wie sich das anfühlt. Als hätte man ein in Öl eingelegtes Stück Kandiszucker im Mund, man kann genauso darauf herumlutschen.

Erst im Nachklang kann man sich dann auf Aromen konzentrieren, solange der Rum im Mund ist, dominiert die viskose, dicke, cremig-sirupartige Struktur jede Wahrnehmung außer der, die die Zunge selbst spürt: Süße und Salzigkeit, vielleicht sogar ein Tick umami. Später kommen dann die Aquariumseindrücke zurück, Kies, Algen, Muscheln, feuchter Sand, Wassermelonenschale, frischer grüner Blattschnitt, fast wie im Tropenhaus im örtlichen Zoo. Exotische Früchte sind etwas dabei, überreife Guaven mit ihrem in diesem Reifestadium fast schon teerigen Geruch spielen in dieser Phase ganz vorne mit. Das hier ist der pure karibische Sommer in der Flasche! Ein extremes Destillat, voller Wucht und ein deutliches Beispiel für eine Provenance: Man schmeckt Land und Meer.

Für den Fire’n’Nice ist im Originalrezept der Bar jamaikanischer Rum vorgesehen – ich nehme den Montebello, der gibt eine fruchtigere Note dazu, macht den Drink mit seinem Alkoholgehalt aber auch noch knalliger, als er eh schon ist. Persönlich hätte ich den Drink ja „A Song of Ice and Fire“ genannt, aber damit hätten die Erfinder vielleicht Lizenzprobleme mit einem gewissen verstorbenen noch sehr lebendigen Fantasyautor bekommen. Ein kleiner Insidertipp bezüglich der brennenden Limettenhälfte: Man fülle sie mit Zitronenextrakt, das brennt sehr viel attraktiver als eine Spirituose.

Fire'n'Nice Cocktail

Fire’n’Nice
2oz / 60ml ungereifter Overproof-Rum
1oz / 30ml Southern Comfort
⅔oz / 20ml Falernum
1⅔oz / 50ml Limettensaft
1⅔oz / 50ml Mangopüree
4 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken. Auf frischem crushed ice servieren.
Mit einer brennenden Limettenhälfte und Minze dekorieren.

[Rezept nach Die Blume von Hawaii/Nürnberg]


Ich bin wirklich kein besonders großer Fan dieser Wachsschichten auf Flaschenkorken, auch wenn es optisch schon was hermacht. Sie verursachen bei mir zumindest immer Probleme, erst beim Öffnen, wenn man mit einem Messer die richtige Stelle zum Einschneiden finden muss, und später auch beim Eingießen, wenn der Flaschenhals nicht gut freigemacht wird und dann Wachspartikel im Glas landen. Bei diesem Rum kommt dazu, dass der Plastikstöpsel sich beim Öffnen vom Deckel gelöst hat – ein stinknormaler Plastikkorken mit Alu- oder Papierkappe wäre für mich immer bevorzugenswert. Der Rest der Flasche ist dafür passend in weiß-schwarz-rot gehalten, ein Design, das mich nicht umhaut, aber auch nicht entsetzt. Die sehr dominante rote Farbe in der Präsentation soll wahrscheinlich auf die Zuckerrohr-Sorte „Canne rouge“ anspielen.

Es ist schon etwas besonderes, so ein direktes, völlig unverfälschtes und dabei so hochprozentiges Destillat probieren zu können. Bei nur 300 von Hand abgefüllten Flaschen (meine hat die manuell eingetragene Flaschennummer 120) kann ich mir vorstellen, dass das schnell vergriffen ist – wer sich für rhum agricole interessiert, und noch eine davon bekommen kann, sollte allein aus Weiterbildungsgründen zugreifen.

Bier am Freitag – Bruch’s Barrique Bock 2022 (Jamaica-Rum-Fass)

Vor fast 3 Jahren hatte ich schonmal über ein gleichnamiges Bier berichtet – die Saarbrücker Traditionsbrauerei Bruch hatte damals eine limitierte Sonderauflage eines im Whiskyfass gereiften Bockbiers herausgebracht, das mich sehr fasziniert hatte (und von dem ich immer noch eine Flasche in der Langzeitlagerung habe). Damals äußerte ich den Wunsch auf eine Neuauflage – falls ich nichts verpasst habe, ist dies erst nun geschehen. Ein Jahr lagerte ein dunkles Bockbier der Brauerei in einem Holzfass, diesmal allerdings hat man sich ein Jamaica-Rum-Fass ausgesucht (auch auf Nachfrage gab es leider keine genaueren Informationen über die Vorbelegung, da das Fass von der Brauerei über einen Zwischenhändler gekauft wurde). Da gab es für mich kein Halten, da es nur im Hofverkauf erhältlich ist, fuhr ich dann direkt dahin um mir ein paar der nur 400 erhältlichen Flaschen des mit 11,2% Alkoholgehalt abgefüllten Bruch’s Barrique Bock 2022 (Jamaica-Rum-Fass) zu organisieren.

Bruch's Barrique Bock 2022 (Jamaica-Rum-Fass)

Dunkel und espressofarben fließt das Bier ins Glas, nur minimale Schaumentwicklung gibt es dabei, und sogar dieser fällt schnell in sich zusammen, nur ein kleiner, weißer, kontrastreicher Rand bleibt an der Glaswand zurück. Bei Gegenlicht sieht man, dass das Bock trotz der dunklen Farbe beinahe kristallklar ist, höchstens minimalste Trübung stört den Blick auf rubinrote Lichtreflexe. Man riecht schon beim Eingießen mehr den Rum als das Bier. Deutliche Jamaica-Noten, esterig, fruchtig, aromatisch, typisch. Reife Ananas, reife Pflaumen, Orangen und sehr viele Kirschen, unterfüttert durch dunkle Malzigkeit mit ordentlich Marzipan. Ein toller Duft, vielschichtig und schwer, wunderbar, wie sich die Rumaromen aus dem Holzfass ans Bier übertragen haben.

Auch im Mund beherrscht der Rum die Aromatik – das Fass war sicherlich noch sehr nass, als es mit dem Bier befüllt wurde. Das erinnert mich im ersten Moment an die Ritter-Sport-Rumschokoladeschnitten, mit deutlich hellerer Frucht, als die Nase das zunächst anbot – Orange, Kirschen, eine fast schon zitronige Säure kommt dazu, die völlig unerwartet ist und dem Bock beinahe Sauerbiercharakter gibt. Ausgeglichen wird das durch milde, natürliche Süße und einen fetten Batzen Marzipan. Gleichzeitig entsteht im Verlauf deutliche Bittere. Zusammen mit der nur leichten, helltönigen, fast schon etwas dünnen Textur fühlt sich das Barrique Bock dann aber schon eher unrund an, zuviele widersprüchliche Komponenten sind eher mäßig ineinander integriert. Die Rezenz ist zunächst gegeben, im Abgang bleibt aber mit Süße und Bittere und einer kräftig ausgeprägten, zestigen Holzigkeit ein eher mäßig erfreuliches Mundgefühl zurück.

Ein Bier, bei dem die Fasseffekte das Bier selbst völlig plattmachen – das trinkt sich fast wie ein Rumcocktail, Biertypizität erkenne ich fast keine mehr. Ich bin mir sicher, dass dieses Bier noch eine ganze Weile Flaschenruhe benötigt, um den einzelnen Aspekten mehr Zeit zu geben, sich ineinander zu verweben. Ich denke mal, in zwei, drei Jahren werde ich die zweite Flasche gegenverkosten, und die dritte nach 5 Jahren öffnen – es wird spannend werden, da bin ich mir sicher. Ich rate jetzt einfach aus Eigeninteresse dennoch jedem, der sich für lokales, saarländisches Bier interessiert, diese kreativen Versuche der Brauerei zu unterstützen, auch wenn das Bruch’s Barrique Bock 2022 mich persönlich als Frischbier noch nicht überzeugt.

Südamerikanische Detailverliebtheit – Pisco Portón Mosto Verde Torontél

Es war ein hochinteressantes Gespräch, das ich da mit Johnny Schuler, dem Meisterbrenner der peruanischen Hacienda La Caravedo, in einer Brüsseler Kneipe bei belgischem Bier geführt habe. Er erzählte mir mit leicht leidendem, aber ebenso stolzem Gesichtsausdruck davon, dass peruanischer Pisco die wahrscheinlich höchstregulierte Spirituose der Welt ist, und dass diese Regelungen in ihrer Kleinteiligkeit und Konsequenz auch einen Brenner an die Grenzen des Wahnsinns führen können. Ein Piscobrenner darf praktisch nichts, was für andere Destillateure eigentlich selbstverständlich ist – gebrannt wird direkt in einen sehr engen Zielalkoholgehaltskorridor (38%-48%), es ist kein Zusatz von Wasser oder sonstetwas später erlaubt. Reifung in Holz ist verboten, nur eine dreimonatige Ruhephase in Stahl- oder Glastanks ist verpflichtend. Vier aromatische und vier nicht-aromatische Rebsorten dürfen genutzt werden. Dazu kommt, dass in einer Anlage, in der Pisco gebrannt werden soll, keine andere Spirituose hergestellt werden darf – Johnny erzählte mir, dass dies für kleinere Brenner ein echtes Problem darstellt.

Er weiß, wovon er redet, in seiner Zweitkarriere als Meisterbrenner (in Südamerika kennt ihn jedes Kind, da er vorher ein großer TV-Star mit eigener Fernsehsendung war) verantwortet er die Herstellung einer der größten Piscomarken in der laut eigener Aussage ältesten Destillerie in ganz Amerika. Stellvertretend für seine unterschiedlichen Piscos stelle ich heute den Pisco Portón Mosto Verde Torontél vor. Mosto Verde ist eine der möglichen Typen bei Pisco, der Fermentationsprozess wird dabei vorzeitig unterbrochen, und so bleibt einiges an Fruchtzucker im Most, den die Hefen nicht aufessen und umwandeln – was sich idealerweise in der Charakteristik der Spirituose später nach dem Destillieren als besondere Fruchtigkeit erhalten bleibt. Torontél ist eine der erlaubten aromatischen Rebsorten, was dies zusätzlich unterstützen wird, rein von der Theorie her. Probieren wir es aus!

Pisco Portón Mosto Verde Torontél

Peruanischer Pisco darf also, wie erwähnt, im Gegensatz zu seinem chilenischen Gegenpart nicht in Holz gereift werden – man erwartet also keinerlei Färbung, findet sie natürlich auch nicht. Nur leichte Trägheit sieht man beim Schwenken, ein vieladriger Film bildet sich an der Glaswand, erinnert mich irgendwie an die von Venen durchzogenen Muskeln des späten Sylvester Stallone (man vergebe mir diese etwas seltsame Assoziation, aber manchmal kann ich nichts dagegen machen).

Sehr viel weniger brachial kommt die Nase daher – da findet sich ein wunderbarer, hübscher Blüten- und Fruchtteppich, initial leicht zitrussig angehaucht. Limettenschale, ein Ticken Bergamotte, gefolgt von noch nicht reifen tropischen Früchten, Guaven vor allem. Lavendel und Ansätze von Rosmarin läuten die blumige Seite ein, süßliche Blütenaromen zunächst, mit etwas Offenstehzeit bilden sich auch würzigere Komponenten heraus, Nelken und Kardamom, die die Blüten mit Volumen unterfüttern, ohne sie verdrängen zu können. Zuletzt entdeckt man auch noch eine ganz schwache Ethanolnote, die aber nicht zwickt.

Pisco Portón Mosto Verde Torontél Glas

Der Antrunk ist eine süßwürzige Mischung, da wird direkt die Stimmung gesetzt: im Gegensatz zu vielen Weinbränden, die nach einer tollen Nase nicht im Mund gleichstark folgen können, ist hier die Zunge beschäftigt. Dunkler und rauher als die Nase das angekündigt hat, definitiv, mit nun reifer Frucht, kräuterigen Noten, im Verlauf bildet sich vorsichtig sogar ein salziger Ton heraus. Runde, volle Textur macht das Mundgefühl angenehm, etwas Bittere entsteht und lässt an einen italienischen Tresterbrand denken, die Struktur ist kräftig und intensiv, die Aromatik komplex und tief ausgebaut – die Blumigkeit und Fruchtigkeit eines Mosto Verde in Reinkultur.

Im Abgang entsteht nun ordentlich Feuer, 43% unverwässerter Alkoholgehalt wirken aber gar nicht kratzig, effektiv den ganzen Mundraum aufwärmend, mit langanhaltendem Effekt, der die nicht weniger ausdauernden Aromen zusammenhält, etwas Wintergrün und Menthol dazufügt und damit dafür sorgt, dass man eine ganze Weile etwas von selbst einem kleinen Schluck hat – ein charakterstarker, prägnanter und wirklich hervorragend ausgeführter Pisco, der dabei immer elegant und fein bleibt, nie überwältigt, aber beständig überzeugt, geht damit zu Ende.

Süß und superfruchtig, ein Cocktail, der wirklich auf den Putz haut, und dabei elegant bleibt; sowas findet man nicht oft, die zwei Seiten „Eleganz“ und „Süßfruchtigkeit“ schließen sich meist irgendwie aus. Im Pisco Apricot Tropical geht das überraschend gut zusammen, der Haupttäter dafür ist wirklich der Pisco Portón, den man trotz Zucker, Ananas und Aprikose mehr als deutlich herausschmeckt und der durch seinen Charakter einiges beiträgt. Ein Crowdpleaser!

Pisco Apricot Tropical Cocktail

Pisco Apricot Tropical
1½oz / 45ml Pisco
¾oz / 22,5ml Limettensaft
¾oz / 22,5ml Ananas-Zuckersirup
½oz / 15ml Aprikosenlikör
2 Spritzer Angostura bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Eric Adkins]


Die Flasche ist natürlich ein Augenfänger, da passt die äußere Präsentation von der Hochwertigkeit her sehr gut zum Inhalt. Das mattierte Glas wirkt edel, das kleine Klarglassichtfenster, durch das man auf das Bild der Hacienda La Caravedo blicken kann, eine nette Idee. Seitenetiketten mit der Unterschrift von Johnny Schuler und einer Batch- und Flaschennummer komplettieren das Paket.

Ich hatte schon zu anderen Spirituosen gesagt, dass es mir besser schmeckt, wenn ich die Menschen dahinter kenne und deren Beweggründe verstehe. Der Charakter der Macher geht irgendwie in den Charakter der Spirituose über, und bei diesem Pisco Portón spürt man einfach die Handschrift von Johnny Schuler, der Brand ist wie er, ein bisschen schillernd, ein bisschen verrückt, dabei aber ein Gentleman und weltoffen. Ich freue mich jedesmal, ihn zu treffen – und ich freue mich auch auf jedes Glas seines Piscos.

Bier am Freitag – Pax Bräu The 2,5% Chambers of Drunken Monkey Style King-Fu

Wow, ein ausladender Titel! Ich bin mir eigentlich relativ sicher, dass Pax Bräu The 2,5% Chambers of Drunken Monkey Style King-Fu den längsten Namen hat, den ich für Bier hier auf meinem Blog je gesehen habe. Die Illustration eines Pavian-Affenkönigs mit Gerstenährenschwanz und Hopfendoldenstab – das finde ich sehr unterhaltsam, und es war auch eigentlich der Auslöser dafür, mir dieses Bier zu kaufen, ich als großer Fan des Affenkönigs Sun Wukong aus dem chinesischen Klassiker „Reise in den Westen“ musste da zuschlagen. Zu diesem Thema am Ende mehr, erstmal jetzt zum Produkt selbst.

Pax Bräu aus der Rhön ist bekannt dafür, sich beim Brauen richtig gehen zu lassen und Grenzen zu überschreiten. Im bierkonservativen Bayern muss man dann Vorsichtsmaßnahmen treffen, wenn man so kreativ ist – „Kein Bier!“ steht auf dem Etikett, stattdessen „Brauspezialität“, das ist tatsächlich auch nötig, um nicht in Konflikt mit dem sehr eng gefassten bayerischen Biergesetz zu kommen. Warum? Die Zutatenliste offenbart es: Orangenschale und Koriander (das lässt erstmal an Witbier denken), Habanero-Chili, Ingwer, Szechuanpfeffer und Zitronengras, da ist viel Aromenpotenzial verbraut. Schauen wir uns das Bier die Brauspezialität im Glas an!

Pax Bräu The 2,5% Chambers of Drunken Monkey Style King-Fu

Auch optisch erinnert es an ein belgisches Blanche oder ein Witbier, ein blasses Pastellgold mit deutlicher Trübung (das Bier ist unfiltriert, unstabilisiert, unpasteurisiert) passt rein vom Eindruck her nicht zur manischen Urgewalt eines Affenkönigs – der Schaum steht nur kurz auf dem Bier, fällt schnell zusammen und bildet dann nur sehr dünne Inselchen. Leichte Perlage ist sichtbar. Die Nase ist dann eine ganz andere Kategorie: Da riecht man die verwendeten Zutaten, als erstes fällt mir eine grüngemüsige Paprikanote auf, die alles andere dominiert; aufgefrischt durch leichten Ingwergeruch, frisch geschnitten, und dann kommt erst die Hopfenfrucht mit Anflügen von Aprikose und Pfirsich und ordentlich Honig. Eine ungewohnte Nase, aber man entdeckt eben die Zutaten, das finde ich sehr apart.

Bereits der Antrunk ist sehr trocken und herb, man spürt direkt, dass ein nur sehr leichter Körper vorhanden ist (bei 2,4% Alkoholgehalt kein Wunder!); trotzdem hat man eine gewisse Cremigkeit in der Textur, recht überraschend, weil scheinbar nicht in Einklang bringbar, doch hier geht es. Honig, Paprika und Bitterhopfen sind als Aromen im Vordergrund, im Verlauf kommen Ingwer und die ganz milde Pikanz und der besondere Geschmack des Szechuanspfeffers hervor. Scharf wird das Bier nie, die Habanero-Chilis geben mehr Geschmack und Frische als Hitze, und das ist gar nicht unangenehm. Der Nachklang ist lang, sehr bitter und trocken, voller Pfeffer- und etwas Kartongeschmack, mit einem sehr rezenten, wirksamen Gaumennachhall der gesammelten Eindrücke. Ein wirklich interessantes Bier, mit vielen Aromen, da gibt es viel zu entdecken und macht mir persönlich viel Spaß – zum martialischen Etikett und der Persönlichkeit des Affenkönigs aus dem Roman passt es allerdings überhaupt nicht, es fehlt einfach schon sehr an Körper und Volumen.

Wer nicht weiß, wovon ich rede, dem lege ich Eva Lüdi Kongs Neuübersetzung des Buchs (ISBN 978-3-15-011224-3) sehr ans Herz – es ist die erste vollständige Übersetzung des Xiyouji ins Deutsche. Bisher musste sich der Abenteuerfreund mit entweder gekürzten oder sogar nachgedichteten Versionen zufrieden geben, solange man nicht eine der sehr empfehlenswerten englischen Übersetzungen von W.J.F. Jenner oder Anthony C. Yu zu lesen imstande war. Es kostet sicherlich etwas Überwindung, einen kiloschweren Text aus lange vergangenen Jahrhunderten anzufangen; wer aber ein Faible für unterhaltsame, verrückte, komische und so gar nicht altmodische Abenteuerliteratur mit Anspruch hat, sollte sich das mal überlegen. In meinem Leben möchte ich diesen Text keinesfalls mehr missen!

Unerwartete Zutaten – Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation und 2006 Tropical Ageing (VSGB)

Jeder, der sich ein bisschen mit Rum auseinandersetzt, kennt den Begriff des „Navy Rums“. Im Allgemeinen verbindet man damit kommerziell erhältliche Nachbildungen des Rums, der den Matrosen der britischen königlichen Marine als tägliche Ration zustand, den sogenannten „tot“, der seit Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1970 ausgeschenkt wurde. Jeder Produzent hat dafür sein eigenes Rezept, was in seinen Blend kommt – und auch das Original bestand nie aus immer denselben Zutaten. Man dachte lang, er bestehe eigentlich ausschließlich aus einer wechselnden Mischung aus Jamaica-, Guyana-, Trinidad- und Barbados-Rum. Eine zumindest für mich neue und interessante Information haben Steve Magarry, der Production Manager der australischen Brennerei Beenleigh, und Mitch Wilson von Black Tot Rum neulich in einem langen Interview geteilt: Zumindest seit den frühen 1900er Jahren und im Zweiten Weltkrieg war auch ein nicht unerheblicher Teil des Blends der Royal Navy australischer Rum – darunter auch Brände von Beenleigh.

Heute ist Beenleigh ein aufsteigender Stern am Rumhimmel, man findet so einige Abfüllungen aus ihrer Brennerei, und da ist es kein Wunder, dass auch Velier sich um die Aussies bemüht: Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation und Beenleigh 2006 Tropical Ageing sind zwei der relativ neuen Bottlings, die sich der italienische Edelabfüller gesichert hat. Im schön öfters auf meinem Blog erwähnten VSGB-Projekt wurden sie sogar als Miniatur mit 10cl verfügbar gemacht, und da ich innerhalb kürzester Zeit eine gewisse Zuneigung zu Beenleigh-Rum entwickelt habe, war das eine wahre Freude. Hier stelle ich Euch die zwei Australier nun vor.

Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation und 2006 Tropical Ageing (VSGB)

Nehmen wir uns erstmal den jüngeren der beiden vor. Destilliert wurde der Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation natürlich im namensgebenden Jahr 2015, in einem ungewöhnlichen Setup – erst durchläuft die fermentierte Maische eine Column Still, danach wird der so entstandene Rohbrand in einer Pot Still feingebrannt. Dieses Doppeldestillat darf runde 5 Jahre in frischen Ex-Bourbon-Fässern ruhen, in südaustralischem Wüstenklima in der Region Riverland. Abgefüllt wurde dann 2021, nachdem die Engel sich über 23% des original eingelagerten Brands abgegriffen haben.

Ein ganz klassisches Kupfer findet sich nach der aufwändigen Prozedur schließlich in meinem Verkostungsglas, das sich beim langsamen Schwenken an die Glaswand schmiegt und dann in Beinen mit dicken Köpfen gemächlich abläuft. Die Nase lässt mich die hohe Typizität, die Beenleigh in allen ihren Produkten für mich hervorbringt, deutlich erkennen. Es hat etwas von Obstbrand, da ist viel Birne drin, reifer roter Apfel, das geht fast in Richtung Calvados bei diesem 2015er. Weitere milde Fruchtnoten unterfüttern diesen Eindruck, machen das Gesamtbild in der Nase sehr rund und wohlig. Da sind leichte Ethanolspitzen, ja, und dezente Klebstofftöne, doch diese binden sich ein, gehen in minimale Minzigkeit über mit Offenstehzeit.

Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation

In einer Blindverkostung hätte ich direkt nach dem Antrunk gesagt, das ist ein Calvados XO. Diese Apfeligkeit und die Birnen beherrschen ihn zusammen mit einer feinen, durchweg natürlich wirkenden Süße. Ein extrem rundes Mundgefühl mit einer wirklich grandios abgestimmten Textur füllt den ganzen Mundraum aus, superbreit und dabei tief, dieser Wüstenbrand hat enormes Volumen, sicherlich auch gestützt durch die Fasstärke mit 59% Alkoholgehalt. Im Verlauf entsteht eine ganze sanfte Trockenheit, die Süße bleibt dabei aber erhalten, und der Alkohol sorgt dann zusammen mit der sich ganz langsam aufbauenden, sehr effektiven Würze für eine rundum angenehme, aber durchaus charaktervolle und pikante Wärme. Im Nachhall kommen milde Holztöne, Vanille und Zimt, zum Vorschein, ergänzen aber mehr die Fruchtigkeit, statt sie zu verdrängen. Ganz am Ende erscheint noch eine leichte Blumigkeit, auch hier eingebunden in die Birne und den Apfel, die einfach nicht aufgeben wollen, bis zum sehr spät irgendwann folgenden Schluss.

Ich gebe ja gern zu, dass ich ab und zu ins Schwärmen gerate, wenn mir etwas sehr gut gefällt, aber beim Beenleigh 2015 Arid/Desert Maturation schäme ich mich auch in keiner Form dafür. Wie schon bei anderen Beenleigh-Rums frage ich mich ernsthaft, wie sich die Destillerie so lange vor der Öffentlichkeit in Europa verstecken konnte – kaum zu glauben, aber ich bin extrem froh, dass man heute diverse Abfüllungen von Beenleigh in Deutschland ohne große Mühe bekommen kann.


Darum ist die Vorfreude auf die nächste Probe um so größer: Der Beenleigh 2006 Tropical Ageing war glücklicherweise in derselben VSGB-Lieferung schon mit dabei. Die Kombination von Column- und Potstill wurde auch hier eingesetzt; interessant finde ich die Reifungsmethode: Man legte den Brand nicht einfach in ein Fass, sondern gab ihn erstmal in Ex-Brandy-Vats (also Großfässer mit sehr hohem Volumen), danach in Ex-Bourbon-Eichenfässer, um am Ende dem Blend in einem 120 Jahre alten Kaurifichten-Vat den letzten Schliff zu geben: Das ist die auf dem Etikett erwähnte „Triple Wood Maturation“. Im tropischen Klima von Queensland verdunstete dabei in dem 15-jährigen Prozess mehr als 43% des Destillats.

Beenleigh 2006 Tropical Ageing

Zum Glück hat es der Rum danach trotzdem in mein Glas geschafft, klarer, leuchtender Bernstein, der sich im Neat-Glas mit lässiger Gemächlichkeit dreht, ein wunderbarer Anblick. Eine feine Linie bildet sich dabei an der Glaswand, aus der sich gemütlich einzelne Beine wie an einem Fransenteppich oder einer Stickerei bilden. Das Beenleigh-typische Obst ist hier schon deutlich getrocknet, Melasse, Pflaume, gedörrter Apfel, fast schon Bratapfel, matschige Birne und die Süße von Datteln, Honig und Rosinen finde ich ohne Mühe. Unterstützt wird diese fette, breite Nase durch viele, gut eingebundene Holznoten, mit Vanille und ganz milder Zedernholzigkeit, einem Anflug von Ledrigkeit und dem Duft eines dunklen Maduro-Deckblatts einer nicaraguanischen Zigarre. Etwas Lack sorgt dafür, dass man es sich nicht zu bequem macht beim Schnuppern.

Die Textur, die man schon sehen konnte, ist auch das erste, was einem beim Antrunk auffällt. Das ist fast schon sirupartig, schwer, dick, fett und breit, ein tolles, natürliches Süßegefühl ist mit dabei, das sich wie Zucker auf die Lippen legt. Honig, Gewürzkuchen, pflaumige Melasse, schwer und dunkel ist auch die Aromatik, mit Eindrücken von Traubenbrand wie ein alter Cognac, rund, voll und dramatisch, ohne grell zu sein. Dazu ist die herrliche, feine Wärme der 59%-Fassstärke, die zu keinem Moment zwackt oder auch nur kitzelt, sondern nur ein mildglühendes Gefühl über den gesamten Mundraum legt. Der Abgang ist ähnlich warm, eine sehr schöne, sehr edle Bittere kommt nun hinzu, die Süße schafft es weiterhin, präsent zu sein und sich der aufkommenden Trockenheit zu wiedersetzen. Hier findet man dann am Ende auch den Beenleigh-Typus, klar erkennbar, frisches Obst, mit sehr langem, wirksamen Nachhall, bei dem man Lippen und Gaumen mit der Zunge freiarbeiten muss, so fett liegt der Brand daran.

Uff. Grandios. Mehr fällt mir nicht dazu ein, ich könnte hier wirklich Superlative en masse aufzählen, um zu beschreiben, was ich schmecke, fühle und denke, aber das Gehabe würde gar nicht zur adligen Stilistik passen, die ich beim Beenleigh 2006 Tropical Ageing wahrnehme. Der braucht keine Werbung, jeder, der ihn probiert, wird genau wissen, dass man hier ein Weltklasseprodukt vor sich hat. Da muss ich jetzt erstmal durchatmen, bevor es weitergeht.


Die Typizität der Beenleigh-Rums ist, wie oben schon erwähnt, richtig hoch – man erkennt sie blind ohne Mühe. Die Ähnlichkeit zueinander und die durch die kleinen VSGB-Mengen entstehende Knappheit haben mich dazu gebracht, für den Mundo Perdido einen alternativen Beenleigh-Brand einzusetzen, denn die 2015er und 2006er-Fläschchen gingen schon für die Tasting Notes oben fast vollständig drauf. Rum Artesanal beispielsweise hat einen sehr finanzierbaren Beenleigh anonymisiert als „Australia Rum“ im Angebot – der durfte hier dann ran.

Mundo Perdido Cocktail

Mundo Perdido
1½oz / 45ml gereifter Rum
½oz / 15ml Apfelbrand
¾oz / 22ml Zitronensaft
¼oz / 7ml Zuckersirup
¼oz / 7ml Zimtsirup
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Jeff Berry]


Ich habe schon zu meinen vorherigen Besprechungen zu den Produkten der VSGB-Reihe gesagt – es ist ein wirklich gelungenes Projekt, das Luca Gargano von Velier da auf die Beine gestellt hat. Die kleinen Fläschchen sind völlig identisch zu den natürlich ebenfalls erhältlichen Großversionen (wie so oft muss man da aber wirklich Glück haben, eine zum Veröffentlichungspreis zu erhaschen), mit so viel Liebe zum Detail gemacht. Die Nummerierung soll dafür sorgen, dass keiner auf die Idee kommt, die Kleinflaschen völlig im Gegensatz zum Sinn des VSGB-Projekts zum Eigengewinn zu verhökern; und, wie es scheint, ist Luca Gargano tatsächlich dahinter, Verstöße gegen diese Ehrenregel zu verfolgen.

Beenleigh hat sich durch die Rums, die ich von ihnen nun kenne, einen festen Platz in meiner Skala gesichert, was globalen guten Rum angeht. Auch dass der schon angesprochene Steve Magarry jederzeit ansprechbar und offen für Diskussionen auf den sozialen Medien ist (man suche einfach nach dem Hashtag #needmorebeenleigh), tut sein übriges dazu, mir die Australier sympathisch zu machen. Wer richtig guten Rum sucht, der mehr als ein Jahrhundert Tradition auf dem Buckel mitbringt, und handwerklich makellose Ware abliefert, die einen ganz eigenen Charakter und Stil hat, der kommt an Beenleigh nicht mehr vorbei.

Bier am Freitag – Westvleteren 12 und Blond Trappistenbier

Ich habe „Sakrileg“ gelesen, ein unterirdisch schlechtes Buch, unfreiwillig komisch und handwerklich mangelhaft. Ich hoffe, ich trete hier keinem, dessen Lieblingsbuch das ist, auf die Füße, für mich ist es halt einfach unbegreiflich, dass so ein Machwerk soviel Erfolg hat – irgendwas macht Dan Brown dann halt doch richtig. Den heiligen Gral, der eine wichtige Rolle in dem Buch spielt, haben schon andere gesucht, Indiana Jones hat die Suche sehr viel spannender, unterhaltsamer und mit weniger Pseudowissenschaft erfolgreicher beendet als Robert Langdon – und auch ich habe den heiligen Gral des Biers gefunden, in einem kleinen Bierlädchen in Brüssel.

Trappist Westvleteren Kasten

Wenn einem das Bier, das sonst eher kompliziert zu bekommen ist (man muss ein Telefon, eine Landkarte und ein Auto dafür haben!), so kistenweise vorgesetzt bekommt, greife ich natürlich ohne jeden weiteren Gedanken zu. Der Gralsritter hätte sicherlich gesagt, dass ich weise gewählt habe, als ich mir drei Flaschen des Westvleteren 12, und ein Jahr später auch noch des Westvleteren Blond zugelegt hatte. Schauen wir uns das geheimnisvolle und mythenumrankte Trappistenbier in einem ihm angepassten Gefäß mal genauer an.


Farblich ist das Westvleteren 12 espressofarben und blickdicht. Auch die feinschaumige Crema auf der Bieroberfläche erinnert an italienischen Frischgebrühten – sie bleibt von Anfang an dünn, dafür aber lange erhalten. Perlage ist aufgrund der vollständigen Trübe keine zu erkennen.

Westvleteren 12 Trappistenbier

Die Nase ist frisch und mit Eindrücken von Zitrusfrucht, aber auch eine erkennbare Beerigkeit kommt hervor. Malz gibt viel Körper darunter und kombiniert sich mit den Beeren zu einer Erinnerung von Fruchtmarmelade und Ahornsirup. Eine leichte Grasigkeit und Anflüge von Thymian, barriquegelagerter Rotwein, das fühlt sich komplex und interessant an im Riechkolben.

Der Mund nimmt viele dieser Eindrücke wieder auf – Ahornsirup, Beerenmarmelade, Pflaumenmus, das ganze gewürzt mit Thymian und Nelken. Sehr aromatisch und vielschichtig. Eine sehr attraktive, fettcremige Textur sorgt dafür, dass sich diese Aromen schön im Mund breit machen können. Gleichzeitig fühlt sich das Trappistenbier aber auch frisch und rezent an – 10,2% Alkoholgehalt würde man nicht vermuten, wüsste man es nicht. Der Abgang ist sehr weich und wie Butter, mittellang, behält sich die Aromatik des Antrunks bis zum Schluss und setzt noch eine kleine kribbelnde Pfeffrigkeit am Ende drauf. Hier entsteht dann auch eine gewisse Blumigkeit, und eine vorsichtige Bittere kommt auf, ohne dabei die malzschwere Süße aufzugeben. Ein wirklich angenehmes Erlebnis!

Das trinkt sich wirklich extrem süffig, es läuft runter wie Öl und macht von vorne bis hinten Spaß. Ein wahres Genussbier, an dem man schön lange schlürfen kann, bei Kellertemperatur erfrischt es trotz seiner eher zum Süßen tendierenden Struktur, und die geradezu ideale Balance bezüglich vieler Aspekte in diesem Bier ist fast schon unheimlich.


Kommen wir zum Westvleteren Blond – die Flaschen sind dieselben, nur die Farbe des Kronkorkens ist anders, Verwechslungsgefahr! Alle Informationen zum Bier stehen auf diesem Kronkorken, kein Etikett verunstaltet die Braunglasflasche, das hat so ein Bier nicht nötig.

Westvleteren Blond Trappistenbier

Blond, ja, das passt – eidottergelb, naturtrüb, volltrüb. Etwas Hefe hat es beim Eingießen mit ins Glas geschafft und liegt in Bröckchen am Boden des Glases, und viele winzigste Partikelchen davon schwimmen auch im Bier. Schaum bildet sich von Anfang an nur wenig, eine dünne, feinblasige Krone bleibt eine ganze Weile allerdings stehen.

Man erschnuppert deutlich den Hopfen, schön fruchtig, ohne allerdings zu dominant zu werden, und danach auch gleich die leicht bittere Hefe. Etwas Malz, aber ich will hier auch keine falschen Erwartungen nähren – das Blond bleibt vergleichsweise schmal, was die Nase angeht.

Im Mund sieht das schon anders aus: Hopfig bitter und mildsauer beginnt es direkt, den Gaumen zum prickeln zu bringen. Ordentliche Karbonisierung aus der Flaschengärung sorgt für Rezenz vom ersten Schluck an. Feine Tropenfrucht, Ananas und Mango vielleicht, spielt mit zestiger Orange. Auch hier das Caveat – das hat kein Pale-Ale-Niveau, was diese Eindrücke angeht, sondern bleibt dezent, aber dennoch sehr expressiv. Liegt toll im Mund, mit dicker Textur, und bleibt trotzdem frisch und frech, fast kantig bitter, mit großartiger Würze: das gefällt mir. Der Abgang ist weich, mittellang, hopfig und leicht blumig, dazu eine leicht mentholige Frische. Mit 5,8% ist es deutlich leichter als das 12er.

Auch das Westvleteren Blond ist ein tolles Bier, ganz anders als sein 12 Jahre alter Bruder, aber man spürt auch hier die Mühe, die investiert wurde.


13€ wollte der Biershop in Brüssel für das Blond, 18€ für das 12er haben, persönlich bin ich sehr froh, diesen Kaufpreis investiert zu haben – ob es einem wirklich soviel Geld wert ist, das muss jeder für sich entscheiden. Es gibt sicherlich auch günstigere Biere, die ein ähnliches oder noch größeres Trinkvergnügen bringen, doch die Seltenheit ist als psychologischer Effekt natürlich immer mit dabei; und mich stört das auch nicht, es ist ein Luxus, den ich mir gern gönne. Eine zweite Flasche des Westvleteren 12 liegt sicher verstaut im Keller und wird in ein paar Jahren geöffnet werden, um zu schauen, was die Lagerung so mit dem Bier macht. Ich werde Euch auf dem Laufenden halten!

Herkunft und Terroir – whic Islay Single Malt Scotch Whisky

Der Charakter einer Spirituose ergibt sich oft aus dem Umfeld, in dem sie hergestellt wird. Robin Robinson nennt das in seinem Buch „The Complete Whiskey Course“ gern Provenance (Herkunft), in Abgrenzung zu dem aus der Weinwelt importierten, oft missverstandenen Wort Terroir, das bei Spirituosen um viele Aspekte ergänzt werden muss, um wirklich Sinn zu haben. Er füllt diese Wörter in einem Interview mit Inhalt.

Robin Robinson Jury 2

The literal translation of terroir is ‘from the earth’. If I were a distiller, I’d be completely insulted by marketing going around saying whiskey has terroir. Basically, it means that as a distiller, I’ve had no effect on it. Provenance actually covers everything. And particularly it gives credit to the savoir-faire, and that’s the thing that gets left out of terroir. Provenance means from the origin, and it takes in every one of those individual things and the choices that the distiller made, and gathers them into a unique origin that nobody else can copy.

Gerade bei einem Produkt wie dem whic Islay Single Malt Scotch Whisky kann man verstehen, was er meint. Viele Produktionsschritte sind nötig, um aus dem Basismaterial einen fertigen Whisky zu machen – auf jeden Fall deutlich mehr als bei Wein, beispielsweise, der doch noch viel direkter mit dem Boden, auf dem er wächst, verbunden bleibt; der, der wahrscheinlich am meisten Einfluss auf den Endgeschmack hat, ist hier eine Trocknung der gemälzten Gerste mit Torfrauch. Dieser handwerkliche Prozess ergibt sich daraus, dass auf der Insel Islay, wo viele Whiskys so behandelt werden, ausgiebige Torfvorräte liegen, die seit vielen Jahrhunderten eingesetzt werden, und so eine ganz eigene Provenance für „Peated Whisky“ erschaffen haben.

Destilliert und gereift wurde dieser Whisky in Schottland, natürlich, denn sonst dürfte ja nicht „Scotch Whisky“ auf dem Etikett stehen; er wurde am Ende der nicht genannten Reifungsdauer (mindestens 3 Jahre müssen es allerdings schon gewesen sein) auch dort mit klug gewählten 46% Alkoholgehalt abgefüllt, ohne kühlgefiltert zu werden. Leider erfährt man auch die Destillerie, aus der er stammt, nicht, und ich würde mir nicht anmaßen, das aus dem Geschmack mit der Sicherheit ableiten zu können, es hier laut zu sagen, ich habe aber einen Verdacht. Man sieht es ja oft, dass Destillerien ihren Stoff für unabhängige Abfüller abgeben, unter der Bedingung, nicht namentlich genannt zu werden, das sogenannte Sourcing ist bei vielen Spirituosen Alltagspraxis und keineswegs ein Qualitäts-, höchstens ein Transparenzmangel.

whic Islay Single Malt Scotch Whisky

„Natural color“ steht auf dem Etikett, und optisch glaube ich das direkt. Messingfarben, blassgold, Stroh – mit Weißwein zu verwechseln. Schwer beim Schwenken, und hübsch zu betrachten, besonders, wenn die Beine mit dicken Köpfen wie Kaulquappen an der Glaswand ablaufen.

Die Nase ist sehr prägnant, der Torf springt natürlich bei einem als „heavily peated“ deklarierten Scotch erwartungsgemäß nach vorn und enttäuscht diesbezüglich nicht, das ist natürlich nicht Octomore-Quantität, aber wer will auch schon dauernd von einer qualmenden Lokomotive überfahren werden. Rauch und Frucht sind zumindest bei mir Eindrücke, die gern ineinander übergehen, bei besonders rauchigen Spirituosen nimmt man den Rauch irgendwann gar nicht mehr wahr, hier bleibt er als Kaltrauchkomponente erhalten, ohne die Aprikosen zu vergessen. Heu und Heidekräuter sorgen für vegetale Komplexität, ein bisschen Süße und Vanille aus dem Fass (eine Reifungsdauer ist, wie bereits erwähnt, nicht angegeben) kümmern sich um schmeichelndere Eindrücke. Da ist noch etwas Ledriges, alte Schuhe vielleicht, und eine leicht pieksende Alkoholspitze. Insgesamt unterhaltsam und typisch!

whic Islay Single Malt Scotch Whisky Glas

Ich nehme mal vorweg – im Mund werden diese Eindrücke sehr viel klarer definiert. Der Gaumen nimmt den schon angesprochenen Rauch noch sehr viel deutlicher wahr als die Nase. Direkt bringt er aber eine zuckerwattige Fruchtsüße mit, ich sage ja, die zwei gehören zusammen. Auch die Vanille ist im Mund klarer positioniert. Minimal iodisch, aber wirklich nur minimal. Hervorzuheben ist auch die tolle, dichte Textur, auf der man schön herumkauen kann, und zur Breite der Eindrücke sehr viel beiträgt – 46% Alkoholgehalt tun ihr übriges dazu, da ist ordentlich Feuer drin, aber keine Kratzigkeit. Der Abgang ist bleibt breit und tief, sehr lang und voller Lagerfeuererinnerungen, kalte Holzkohle, Rauch, nur leicht speckig, eine milde Salzigkeit bildet sich heraus, und nach einer Weile erblüht dann noch Jasmin, dessen Blumigkeit sich wunderbar mit dem lang anhaltenden Torfrauch vermählt.

Ein Single Malt, der sich nach einer zwar schon recht angenehmen Nase für mich persönlich besonders im Geschmack unerwartet und plötzlich verdreifacht, da ist sehr viel Wumms und gleichzeitig Vielschichtigkeit, und der ewig lange Nachklang mit dieser herrlichen Mischung aus Blume und Rauch ist wirklich beeindruckend und dabei an keiner Stelle schwierig – ja, das mag ich!

Der Smoky Grove spielt mit genau dieser Süffigkeit und den schön ausgeprägten Raucharomen. Es handelt sich, der Kenner sieht das direkt, um einen Twist auf einen klassischen Rob Roy, nur eben mit torfigem Scotch, einer Wermut-Melange und noch etwas Orange Bitters zum letzen Kick. Wer immer noch der irrigen Meinung anhängt, dass Single Malts nicht zum Mixen von Drinks da sind, kann sich bei zwei, drei Gläsern dieses Cocktails gern von mir bekehren lassen.

Smoky Grove Cocktail

Smoky Grove
2oz / 60ml torfiger Scotch
½oz / 15ml süßer Wermut
½oz / 15ml trockener Wermut
1 Spritzer Angostura
1 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Jonathan Pogash]


Bei der Präsentation hat man sich für ein zurückhaltendes, schwarz-goldenes Design entschieden, das wirkt klassisch und unaufdringlich, aber dennoch hochwertig und wirksam. Die Geschenkdose, in der die Flasche kommt, ist stabil und mit Blechdeckel, auch hier ein ganz klassischer Weg, eine Whiskyflasche zu verpacken. Schön, dass man trotz der wahrscheinlichen Geheimhaltungsvereinbarung ein paar Details auf dem Etikett nachlesen kann; und die in der Dose mitgegebene Landkarte der schottischen Insel Islay mit der Lage ihrer Destillerien erlaubt, ein bisschen darüber nachzusinnen, woher der Whisky nun stammen könnte, und ob ein kleiner Ausflug dorthin nicht auch mal wieder angebracht wäre. Ich vermisse Schottland etwas, mein Auslandsjahr in Glasgow hat tiefgreifende Spuren bis heute hinterlassen, die eigentlich schon der Auffrischung bedürfen.

Offenlegung: Ich danke whic GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Whiskys.

Armagnac am Freitag – Grape of the Art #1 Le Frêche 2007 Armagnac

Hochwertiger Whisky ist seit geraumer Zeit kaum mehr zu bezahlen für den Spirituosenfreund mit nicht zu dickem Geldbeutel, Rum ist gerade dabei, sich völlig identisch preisstrukturell zu entwickeln. Da lohnt sich der Blick auf die Kategorien, die der Flascheninvestor und der Bottleflipper noch nicht ganz für sich vereinnahmt haben – wie Armagnac, wo man heute zu noch sehr vernünftig gebliebenem Geld sehr schöne Produkte kaufen kann. Auf diese leisen, aber extrem charakterstarken Brände werden auch unabhängige Abfüller aufmerksam, und so haben sich ein paar Whisky- und Rumfreunde zusammengetan, die Firma „Grape of the Art“ gegründet, und versorgen uns nun mit Weinbrand aus ausgewählten Fässern, unverdünnt und unverändert abgefüllt.

Die erste Hausflasche, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Händler L’Encantada, ist Grape of the Art #1 Le Frêche 2007, ein 13 Jahre gereifter Armagnac der geheimnisvollen Domaine Le Frêche im Bas-Armagnac (man lese diesen spannenden Artikel darüber, wo die Anbaufläche dafür liegt, und was man alles wissen muss, um sie überhaupt zu finden). Gebrannt wurde natürlich auf den für Armagnac so typischen Stills, als Rebsorte liegt hier wohl Baco, eine sehr beliebte Traube bei den Brennern im Gebiet, vor. 150 Flaschen davon gab es, inzwischen ausverkauft natürlich, ich freue mich, ein Sample ergattert zu haben, so dass ich meinen Lesern heute etwas zu zeigen habe!

Grape of the Art #1 Le Frêche 2007 Armagnac

Mit einer sehr kräftigen Farbe steht die Flüssigkeit im Glas, ein rotbrauner, erdiger Ton, Pariser Rot, fast schon gebrannte Siena. Bringt man sie in Bewegung, bildet sich zunächst ein fetter Film am Glas, der langsam in dicken Beinen davonläuft und dabei teilweise der Schwerkraft trotzend schräg seine Richtung beibehält, die er durch das Drehen des Glases bekam.Nach einem ersten Geruchstest ist klar, dass das eine Spirituose ist, die etwas Zeit zum Atmen braucht. Zunächst ist die Klebstoffnote überwältigend – und auch wenn ich das bei vielen Spirituosengattungen mag, hier ist schon etwas arg viel davon zu Beginn. Also, eine viertel Stunde vorgespult, nun durfte der La Frêche etwas durchschnaufen.

Er zeigt sich tatsächlich von einer anderen Seite, es ist immer noch Lösungsmittel da, wird aber nur eingebettet in ein dunkles, aromatisches Bukett aus getrockneten Äpfeln, Rosinen und im Streuselkuchen gebackenen Birnen und reifen Pfirsichen. Vanille, Schokolade und sogar Seiteneindrücke von würzigem Kaffee sind da, und gehen mit den Früchten in eine blumige Pfingstrosenkomponente über, Komplexität wird durch eine Idee von Schwefel und buttrigem Rancio aufrechterhalten. Ein vielschichtiger, klar durch Fassreifung dominierter, dabei aber immer noch sehr fruchtig gebliebener Brand!

Im Mund zeigt sich die schöne Struktur, die man optisch am Glas schon gesehen hatte, auch im Mund, mit schöner Viskosität und Textur, man kann nachverfolgen, wie sich der Le Frêche am Gaumen verteilt, und später den Rachen hinunterläuft. Natürliche Süße ist initial da, wird aber schnell durch heißblütige Trockenheit abgelöst, pikante Würze und die dunkle Aromatik getrockneten Obsts lassen aber auch nichts davon vermissen – 57% Alkoholgehalt passen sehr gut dazu, man spürt sie, aber in einer wertschätzenden Art und Weise. Rund, voll und breit, ein wahres Volumenmonster, das ausfüllt, dabei aber nicht eindimensional überwältigend wird, das deutliche, langanhaltende Kribbeln und die feine Salzigkeit helfen beim Übergang zum jasminlastigen, immer weiter glühend bleibenden, langen Abgang.

Ein Brand für den Genießer, ohne Frage, mit sehr viel Wucht und Charakter, aber ohne die Ecken und Kanten, die man bei so einer Persönlichkeit vielleicht miterwarten und sogar -ertragen würde; hier passt alles toll zusammen und sorgt dafür, dass man an einem Glas den halben Abend verbringen kann, ohne dass es je langweilig wird. Es ist umso angenehmer, dass man im Armagnac noch solche Dinge erleben kann, ohne die Monatsmiete der Wohnung auf den Tisch legen zu müssen!

Offenlegung: Ich danke Grape of the Art für die kosten- und bedingungslose Zusendung des Samples dieses Armagnacs.