Bier am Freitag – Kloster Hefe-Weizen

Klosterbiere aus Belgien müssen ja bestimmten rechtlich-definitorischen Kriterien entsprechen, um so genannt werden zu dürfen. In Deutschland gibt es so einen Rahmen nicht – das sieht man am Kloster Hefe-Weizen, das sich einfach mit dem ansprechenden Namen und dem Mönch auf dem Etikett schmückt, dabei aber keineswegs in einem Kloster, nichtmal in einem Klosterumfeld gebraut wird, sondern schlicht und ganz säkular bei Dinkelacker in Stuttgart. Dass noch die Klosterbrauerei GmbH Metzingen als Hersteller angegeben wird, ist für mich grenzwertig, da dies nur die Verwaltung des Teils der Dinkelacker-Firma ist – Firmenstrukturen verdecken hier den Hersteller. Nun gut, wenn das Bier wenigstens was taugt?

Kloster Hefe-Weizen

Rein optisch brauchen wir nicht viel zu disktutieren – das ist ein ganz durch und durch typisches Hefeweizen, mit schöner Trübe, leicht blassem Sonnenblumengelb als Farbe und einer fetten Schaumentwicklung beim Eingießen, die man unter Kontrolle halten muss. Der Schaum bleibt auch erhalten und krönt das Bier lange.

Die Nase ist eine Mischung aus Würze und Süße – leicht bananig, leicht nelkig, eine runde Mischung aus den beiden bekannten Stilrichtungen. Etwas metallisches ist darunter, das mich etwas stört. Insgesamt hält sich der Geruch zurück.

Die cremige Textur im Mund sorgt erstmal für ein positives Trinkgefühl, gleich dabei ist angenehme Frische und eine gelungene Süß-Sauer-Balance, sehr wichtig für mich bei einem Weizenbier. Die Aromatik kann mit diesen Effekten nicht mithalten, sie wirkt schwach und dünn, fast schon wässrig im Verlauf. Etwas eckig und kantig wird das Kloster Hefe-Weizen dann auch noch, die Säure übernimmt am Ende etwas zu stark und kitzelt an Gaumen, Zunge und Backeninnenseiten.

Hm, im Fazit ein sauberes Bier, keine Fehler, aber auch keine echten Höhepunkte. Das trinkt sich schnell und unangestrengt weg, ist zum Essen oder in der Sommerhitze vielleicht akzeptabel, aber als Genussbier ist es schlicht zu unspannend und generisch.

Rumkometen – Hampden Estate Pagos, The Younger LROK und 2010 LROK

Es ist gar nicht so lange, dass Hampden Estate aus Jamaica ihre Rums selbst unter eigenem Namen abfüllt und verkauft – erst seit 2018 ist das der Fall, vorher wurde der Rum nur über unabhängige Abfüller vertrieben, oder landete als Bulkware in Europa. Blickt man heute darauf zurück, ist es ein seltsames Gefühl, denn man kann sich die markanten Flaschen und Abfüllungen aus dem modernen Rummarkt eigentlich gar nicht mehr wegdenken. Sie sind in der Kürze der Zeit seitdem – kometenhaft – sogar definierende Produkte geworden, die extrem repräsentativ für die jamaikanische Rumkultur sind, die Hampden ja schon seit dem 18. Jahrhundert mitkreiert hat, ohne dass ihr Name so groß auf den Etiketten auftauchte.

Eine eigene Wasserquelle, extralange Fermentationsdauern, in denen wilde Hefen genutzt werden, eine Destillation ausschließlich mit den Double Retort Pot Stills, keine Färbung oder andere Zusätze – mit wenigen Worten kann man die Herstellung des typischen Rums beschreiben, der von dort kommt. Stellvertretend für das aktuelle Portfolio stelle ich heute drei Rums vor: Hampden Estate The Younger LROK, 2010 LROK und Pagos.

Hampden Estate Pagos, The Younger LROK und 2010 LROK (VSGB)

Ich erwähne bei den Rums jeweils die Kennzahlen bezüglich Congener und Ester, die auf dem Etikett aufgedruckt sind, um dem Kenner einen Vorabeindruck zu geben – der Laie kann diese Werte einfach als Messwert für starke Aromatik annehmen und ignorieren, außerhalb von Jamaica machen nur sehr wenige Hersteller sich überhaupt die Mühe, diese zu messen, geschweige denn, sie zu veröffentlichen. Die Angaben sind in gr/hlpa, also „Gramm pro Hektoliter Reinalkohols“, zu lesen. Nur zur groben Einordnung: Wir bewegen uns mit dem LROK-Mark im mittleren bis niedrigen Rahmen dessen, was Jamaica an Esterigkeit zu bieten hat.


Beginnen wir mit dem Hampden Estate The Younger LROK Pure Single Jamaican Rum, der seinen Namen daher hat, dass er „nur“ 5 Jahre tropisch im Ex-Bourbon-Cask gelagert wurde. Mehr als ein Drittel des eingelagerten Destillats verdunstete dabei als Angels‘ Share. Ein klassischer LROK-Rum aus Hampden, wie er dort seit 1952 hergestellt wird, mit einem Congener-Count von 1567,1gr/hlpa, wovon 314,8gr/hlpa Ester sind.

Hampden Estate The Younger LROK (VSGB) Glas

Helles Gelbgold wurde durch die gebrauchten Bourbonfässer erreicht, eine leichte Öligkeit sieht man, wenn man das Glas schwenkt, wie auch champagnerfarbene Lichtreflexe. Der Duft ist sehr prägnant für Jamaica, da ist viel überreife Esterfrucht, Marzipan und verschiedene Kompostierungsstadien von Bananen vorhanden, leicht säuerlich, minimal dreckig, die Kombination nennt man im Fachsprech dann „funkig“. Insgesamt gefällt das, mit zunehmender Offenstehzeit verfliegt die Dramatik etwas zugunsten milderer Fruchtaromen.

Ich bin dann etwas überrascht, dass sich das auch auf den Geschmack überträgt – jedenfalls wirkt The Younger am Gaumen leicht und eher dezent aromatisch, neben vielen Bitterschokolade- und Bananennoten ist der „Funk“ deutlich zurückgenommen. Eine runde, mildtrockene, vorsichtig säuerliche Textur findet sich, mit sich sauber anfühlendem Alkohol (47%) und nur zurückhaltender Würze. Ein bisschen Erdigkeit ist da, die im Abgang die Grundlage legt für angenehme Wärme, die lange vorhält, und im Rachen nachverfolgbar bis in den Magen ist, und einen grünfruchtigen Nachhall hinterlässt. Sicherlich einer der zartesten Hampden-Rums, die ich kenne, überraschend, aber im erfreulichen Sinne – das ist kein Estermonster, sondern eine Esterfee.


6 Jahre länger Ruhe im Holz gönnte man dann dem großen Bruder, dem Hampden Estate 2010 LROK Pure Single Jamaican Rum. Die gesamte Reifung ist tropisch, wie bei den Hausabfüllungen von Hampden üblich. 1240,2gr/hlpa Congeners und 334,7gr/hlpa Esters zeigen, dass sich hier etwas leicht verändert hat – Holzreifung ändert die chemische Zusammensetzung und beeinflusst die Ester und Congener stark.

Hampden Estate 2010 LROK (VSGB) Glas

Klares Bernstein steht im Glas, mit nur leichter Viskosität – die Bourbonfässer haben hier im Vergleich zum The Younger schon neben Farbe auch stärker Aromen transferiert, da ist viel Vanille und getoastetes Holz da, dazu eine richtig starke Kirsch- und Ananasnote, und eine Grüne, die fast Agricole-Charakter erreicht. Die Ester sind hier richtig gesättigt und gesetzt, da ist nichts spitzes, kitzelndes oder schweißiges mehr, eine sehr runde, bananig-ananassige Fruchtigkeit zeigt sich, diesmal ohne echte Verrottungskomponente, dafür mit viel Bitterschokolade und Marzipan.

Auch beim 2010 LROK ist im initialen Antrunk erstmal vergleichsweise Gemächlichkeit angesagt, das ist in dieser Phase ein leichter Bourbon, höchstens ein paar Extrafruchtnoten machen den Vergleich hinfällig. Im Verlauf wird das immer deutlicher, milde, grüne Holznoten kommen hervor, einhergehend mit Kirsche, Apfel und Birne. Sehr fein strukturiert erscheint der Rum, mit mildtrockener Textur und zurückhaltender Wärme, die die Zunge nur vorsichtig prickeln lässt. Auch hier sind die 47% Alkoholgehalt wunderbar untergebracht. Ich bin ehrlich, im Blindtest hätte ich den 2010 LROK vielleicht nach Martinique verortet, nicht nach Jamaica – aber das ist ja kein Mangel, zeigt nur die Spannbreite, die Hampden in die Flasche bringen kann. Sehr trinkbar jedenfalls, und elegant dabei.


Kommen wir am Ende zum Hampden Estate Pagos Pure Single Jamaican Rum, ein recht neues Experiment bei Hampden mit Sherryfässern – die Congener- und Esterwerte sind recht ähnlich wie bei den beiden Vorgängern (Congener 1603,5gr/hlpa, davon Ester 394gr/hlpa), interessant wird dabei sicherlich, was ein Sherryfass mit so einer Art Rum macht.

Hampden Estate Pagos (VSGB) Glas

Dunkles Pariser Rot, das bringe ich durchaus überein mit der Verwendung von Ex-Sherry-Butts mit einem Fassungsvermögen von 500l, die zuvor Oloroso und PX-Sherry beinhaltet hatten, auch wenn keine Reifungsdauer angegeben ist – und auch die viskose Bewegung im Glas gefällt. Man erkennt die beiden Komponenten in der Nase direkt – das hochtypische High-Ester-Destillat von Hampden, und die fruchtigsüßen Sherryaspekte aus den andalusischen Fässern. Das geht nicht ganz natürlich rund zusammen, zugegebenermaßen, es ist aber definitiv eine spannende Hochzeit. Überreife Ananas und reife Pflaumen, verrottende Mango und nussiges Studentenfutter, spitze Tennissockenaromen und weiches Marzipan, da sind viele Gegensätze drin, die sich in der Nase unterhaltsam abwechseln.

Geschmacklich geht das ähnlich weiter, die herbe Trockenheit des Basisbrands mit viel Astringenz wird durch eine erkennbare, mildholzige und süße Fruchtigkeit aufgebrochen und eingefangen. Im Mund passt das viel besser zusammen als in der Nase, hier wirkt das wie aus einem Guss, aber glücklicherweise immer noch nicht bequem und müde, wie manche Rums durch Sherryfassreifung werden. Mit 52% Alkoholgehalt hat man einen perfekten Wert gefunden, das spürt man höchstens in der ausdauernden Kraft, mit der der Pagos lange am Gaumen liegt, und im Abgang, wenn er zunächst pfeffrig und mentholig abklingt und schließlich ein wunderbares, mildfruchtiges und leicht florales Bukett hinterlässt.


Das VSGB-Projekt hatte ich schon diverse Male erwähnt – auch hier hat es mir ermöglicht, Rums zu probieren, die ich sonst eher verpasst hätte, entweder wegen hoher Preise oder extremer Nachfrage. Die Liebe zum Detail bietet darüber hinaus bei jedem Verkosten dieser Rums ein schönes Rahmenerlebnis, vom Öffnen der kleinen Kartons, über das Halten der süßen Fläschchen bis hin zum nachgelagerten Betrachten der Sammlung, in der sich die Kleinflaschen wunderbar machen.

Gerade der Pagos gefällt mir sehr, ein anspruchsvoller Rum, der leicht eingebremst wird und dadurch extrem trinkig geworden ist. Aber auch die beiden klassischeren LROKs haben ihren Charme für den, der hocharomatische Spirituosen zu schätzen weiß, das muss nichtmal der reine Rumnerd sein. Meine Erfahrung ist, dass gerade Menschen, die sonst nichts mit Spirituosen zu tun haben, die starke Frucht und den perfekt eingebundenen Alkohol direkt und ohne Anlauf sehr mögen – schließlich hat man hier echt was im Mund, und das sonst so störende Ethanolstechen, das man von vielen leichteren, Säulendestillatrums kennt, ist praktisch nicht vorhanden. Also, wer heutzutage als Anfänger in Rum einsteigt, hat echt ein wunderbares Leben und viele tolle Erfahrungen vor sich – mit diesen unkomplizierten, eleganten und preislich zumindest nicht unleistbaren Hampden-Rums kann man kaum was falsch machen, die lieben sowohl Kenner als auch die, die das erst noch werden.

Bier am Freitag – Engel Kellerbier Dunkel

Jedesmal, wenn ich von Saarbrücken aufs Härtsfeld fahre, komme ich an Crailsheim vorbei – dort kreuzen sich die A6 und die A7 am Feuchtwanger Kreuz, manchmal musste ich, weil dort eine massive Baustelle war, dann durch die Ortschaften tingeln. Daher habe ich eine gewisse Beziehung zu Crailsheim, ohne es genauer zu kennen. Umso erfreuter war ich, als ich in einem Saarbrücker Supermarkt dann Bier aus der Stadt zu finden: Das Engel Kellerbier Dunkel ist für mich damit fast sowas wie ein Heimatbier. Es wird mit Magnum und Perle als Hopfensorten und Hohenloher Spezialmalzen gebraut, dann in in tiefen Kellern in klassischer Zwei-Tank-Lagerung für fünf Wochen gereift.

Engel Kellerbier Dunkel

Schwarzbraun, im Gegenlicht sieht man, dass es trotzdem fast klar ist, nur leichte Trübung. Kontrastreicher, fast weißer Schaum sitzt kontrastreich auf dem Bier, legt sich schnell auf eine dünne Schicht zusammen. Malzig wirkt es anschließend in der Nase, leicht dunkelfruchtig, mit einem minimalsten Anflug von Rauch und Holz. Pfirsich, Feigen, danach deutliche Röstmalz-Getreidenoten. Insgesamt aber leise, insbesondere, wenn man die empfohlene Trinktemperatur von 8-9°C beim Trinken berücksichtigt.

Ich liebe diese Mischung aus dunkler, kräftiger, süßer Malzigkeit und gleichzeitiger herber, säuerlicher Frische – in diesem Bier ist das perfekt ausbalanciert. Man hat schöne, dunkle Fruchtnoten nach Pfirsich und Pflaumen, die aber nur eine Kopfnote bilden gegen die aromatische Malz- und Getreidetöne. Der Hopfen frischt auf und liefert milde Bittere, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, und ohne die wunderbare, cremige Textur zu stören. Ein schön langer, herbsäuerlicher Abgang macht nochmal klar, dass man dunkle Farbe nicht mit schwersüßem Bier gleichsetzen muss. Toll und erfrischend bei 5,3% Alkoholgehalt!

Perfekt ausbalanciert, rund, dabei charaktervoll und aromatisch – ein richtig gutes Bier. Vielleicht muss ich nächstens in Crailsheim doch einen längeren Stop einlegen, um die Bierwelt dort besser kennenzulernen – die Brauerei Engel hat noch mehrere andere Biere im Angebot.

Wüstenwein – Sonoma Rye

„Sonoma“, das klang für mich erstmal irgendwie nach Wüste und trockenen, kaktusbewachsenen Landschaften, und ich habe mich für diesen Artikel gedanklich ganz darauf eingestellt, hier über Sand und trockene Steine zu berichten. Wahrscheinlich hat sich mir das ähnliche klingende Wort „Sonora“, das tatsächlich eine eher aride Gegend in Mexiko bezeichnet, dabei heimlich eingemischt. Sonoma selbst ist doch eine ganz andere Landschaft, es liegt in Mittelkalifornien in der San Francisco Bay Area, und grenzt an das uns bekanntere Napa, und stellt ähnlich wie sein Nachbar eine Menge an amerikanischem Wein her, ist also bei weitem keine trostlose, arme Umgebung. Zum Glück habe ich recherchiert, bevor ich hier über Whiskey aus der Wüste fabuliert und mich damit blamiert habe – den Titel des Artikels behielt ich trotzdem, um mich immer daran zu erinnern! Außerdem leben wir ja in Zeiten des Headline-Journalismus, und ich hoffe, mit diesem Titel einfach ein paar Leser:innen zu triggern, wie das aktuell mit Winnetou ja sehr gut funktioniert für die relevanten Blätter der Mediengesellschaft.

Trotz der Weingegend ist der Sonoma Rye dennoch ein Whiskey, die Mashbill besteht zu 100% aus Roggen (gesetzlich sind mindestens 51% vorgeschrieben). Bei der Sonoma County Distilling Co. wird er über direktem Feuer in einer Potstill, die auch auf dem Etikett abgebildet ist, gebrannt, lagert dann ein Jahr in den für Rye Whiskey vorgeschriebenen Fässern, ist damit kein Straight Rye. Er wird schließlich auf 48% Alkoholgehalt eingestellt und von Hand abgefüllt. Vor einer ganzen Weile war er bei einem großen Versandhändler in einem nahezu lächerlich niedrigen Preisangebot verfügbar, ich hatte damals blind und ohne großes Nachdenken zugeschlagen und ihn dann im Regal vergessen, wie das oft passiert bei mir. Nun öffne ich ihn endlich und schaue mal, was die Kalifornier so drauf haben, was Roggenwhisky angeht.

Sonoma Rye

Frisch ausgebrannte Eichenfässer geben einem Destillat schnell viel Farbe, selbst wenn es, wie hier, nur 1 Jahr ist – oder, wie es das Rücketikett blumig formuliert, „4 Jahreszeiten“. Das Weglassen der Filtrierung hat nicht für Rückstände oder Trübung gesorgt, das leuchtende Terracotta bleibt klar und rein. Sich sehr lebendig bewegend lässt der Roggenwhiskey erst einen Film an der Glaswand, der sich nur langsam in Beine aufgliedert und abläuft.

Eine sehr klare, reine Nase begrüßt uns beim Schnuppern. Da ist richtig viel Getreidefrucht, diese tolle Mischung aus brotig-teigigen, erdigen Körnern und deren vollfruchtige Note, wenn man sie drückt. Kirschen, Aprikosen, Pfirsich und Mango vereinen sich zu einem wunderbaren Gesamtbild, an dem man lange verweilen kann – auch, weil es mit deutlich würzigen Beinoten bereichert wird, und kräuterige Frische von Dill, Kümmel und etwas Anis dazu kommt. Vom Holz bekommt man noch fette, kräftige Vanille und Karamell, was für Volumen in der Nase sorgt und das ganze noch weicher und runder macht. Nur ein Ticken Lack und Ethanol taucht auf, das ist aber sortentypisch und erwünscht, in der Menge auch schön eingebettet, was zusätzliche Komplexität erzeugt. Ein tolles Geruchsbild.

Sonoma Rye Glas

Im Mund wirkt der Sonoma Rye erstmal wunderbar weich und sanft, die dicke, aber nicht wirklich fette Textur macht das möglich, zusammen mit der kräftigen, natürlich wirkenden Süße des Destillats und der Fassaromen. Vanille und Karamell bilden sich als erstes aus, mit einer helltönigen Fruchtnoten von reifen, weißen Früchten, Pfirsich, Aprikose und einem Anflug von Quitte. Das Highlight dieses Whiskeys entsteht aber erst im Verlauf, hier blüht der Roggen dann voll auf, bringt seine typische Würze mit ins Spiel, und eine herrliche, mentholige, fast schon minzige Frische, die immer mehr zunimmt und zum Schluss einen klaren Eiseshauch im Mundraum erzeugt, während die süßeren Frucht- und Holzaromen verhindern, dass es kantig und frech wird. Am Ende ist da ein sehr komplexes Geschmacksbild aus süßen, würzigen, leicht salzigen und sehr frischen Tönen, die miteinander harmonieren und den langen, würzigen, fruchtigen Abgang ermöglichen, der trotz der mentholigen Kälte im Mund parallel ein angenehm warmes Gefühl vom Rachen und der Speiseröhre bis in den Magen ausbildet. Das macht richtig Spaß zu trinken, und trotz der Komplexität und Vielschichtkeit bleibt es unkompliziert und rund – ein richtig spannender Rye Whiskey!


Ich trinke den Sonoma Rye sehr gern pur, bei Zimmertemperatur im Tumbler, ohne irgendwas dazu – ich schätze, dreiviertel der Flasche sind dafür draufgegangen. Aber auch im Cocktail macht er sich sehr gut, sorgt im Up in Smoke zum Beispiel für die Frische und das Volumen, das der Drink braucht, um sich nicht komplett vom Rauch beherrschen zu lassen. Die Schichtung mit Orangensaft macht den Cocktail auch optisch ansprechend, ich mag sowas ja, ein Rezept, das viele Sinne anspricht.

Up in Smoke Cocktail

Up in Smoke
Das Gästeglas mit Rosmarinrauch räuchern.
1oz / 30ml Rye Whiskey
1oz / 30ml Weinbrand
1oz / 30ml Kirschlikör
Auf Eis shaken, ins geräucherte Glas abseihen, mit Orangensaft toppen.
Mit Rosmarin servieren.

[Rezept nach Jason Bartlett]


Sehr gefallen mir neben dem Inhalt aber auch die Details, die man auf dem Rücketikett aufgelistet findet – so erfährt man, welche Roggensorten eingesetzt wurden (kanadischer ungemälzter Roggen und britischer gemälzter Roggen), das Abfülldatum (bei mir 03.03.2016), sowie Batch- und Flaschennummer, und dass ein Batch aus 200 „cases“ besteht, was also eine Batchgröße von 2400 Flaschen bedeutet. Es ist immer schön, so eine wenigstens gefühlt individuelle Flasche in der Hand zu haben, Nummer 466 aus Batch 12, das hat schon was, finde ich.

Das Wachs dagegen, mit dem der Korken mit dem Flaschenhals verbunden wird, ist weniger meins – das ist eigentlich ein sehr benutzerunfreundliches Gimmick, denn es ist erstens schwer, beim ersten Öffnen mit einem Messer so zu arbeiten, dass man die richtige Stelle trifft und dabei nicht den Korken anschneidet, und zweitens bröckeln dabei leicht Wachsstücke in die Flasche oder später beim Eingießen ins Glas, das ist dann sehr lästig, das gleiche Problem habe ich auch bei Maker’s Mark und ähnlichen Produkten. Liebe Sonoma County Distilling Co., lasst das dumme Wachs weg, auch wenn es gut aussieht. Ihr macht es mir nur unnötig schwer, an euren wirklich tollen Stoff zu kommen!

Bier am Freitag – Pax Bräu Pacifator Doppelbock

Die Literbombe ist heutzutage irgendwie aus der Zeit gefallen – bei vielen Dingen geht der Trend eher zu kleinen Gebinden, bei Spirituosen zum Beispiel vom Dreiviertelliter zum halben Liter, bei Bier nimmt man gern den Drittelliter. Höhere Preise aufgrund von grundsätzlicher Inflation oder aber auch höherwertigerer Herstellung lassen sich dem Kunden so einfach besser weitergeben. Pax Bräu aus Franken bleiben ihrer Linie treu und halten der Literflasche die Stange – ich für meinen Teil musste erst lernen, damit umzugehen. Nach meinen letzten Erfahrungen mit dieser Art der Abfüllung habe ich die Flasche des Pax Bräu Pacifator Doppelbock, nachdem ich sie aus der Kühlung geholt habe, mehrfach langsam und vorsichtig auf den Kopf und zurück gedreht, um zu verhindern, dass sich am Boden der Satz erst ins letzte Glas ergießt und man so während des Trinkens des Liters vom ersten zum letzten Schluck sehr unterschiedliche Biere hat.

Pax Bräu Pacificator Doppelbock

Opalisierendes Pariser Rot steht im Glas, mit schöner Naturtrübe, die die Farbe betont. Der Schaum ist leicht cremafarben, gemischtblasig, recht ausdauernd. Die Nase beginnt erwartungsgemäß sehr malzig, dominiert von einem leichten Ton von rostigen Scharnieren einer Gartenlaubentür, milde Hopfenfruchtnoten scheinen ganz dezent durch. Honig und ein Anflug von Rauch ist vorhanden. Durchaus angenehm riecht sich das – unaufgeregt und zurückhaltend, aber mit Charakter.

Besonders hervorheben muss ich die tolle Textur, fett und voll, wie ein Marshmallow. Die initiale Süße unterstützt das Mundgefühl noch, mit milden Aromen von Aprikosen, Birnen und Datteln beginnt es, geht über in Ahornsirup, Honig und sogar etwas Nougat, man merkt, es wird dunkler. Die kräftige Säure ist perfekt eingebettet und sorgt dafür, dass es nicht zu eindimensional cremig wird – sie lässt auch etwas Rezenz entstehen. Gegen Ende kommt Bittere auf, die Süße bleibt, wird aber durch etwas Trockenheit in den Hintergrund gedrängt. Honig und ganz vorsichtiger holziger Rauch beherrschen den Schluss. 8,7% Alkoholgehalt sind wunderbar gewählt für so ein kraftvolles Bier.

Nach den sehr gemischten Erfahrungen mit ein paar Pax-Bräu-Bieren ist der Pacifator (nicht Pacificator, da muss man aufpassen!) ein voller Erfolg bei mir – wuchtig, voll, dicht und stark. Ein extrem gelungenes Bier, da stört es mich auch kein bisschen, dass es eine Literflasche ist. Die ging trotzdem an einem leicht sonnigen Nachmittag schnell drauf.

Kreuzberger Nächte sind lang – 1423 S.B.S. Origin Selection Guyana PM Single Origin Rum

Es waren gefühlt die letzten Tage des Sommers, als ich Ende August als Mitglied der internationalen Jury für die German Rum Awards in Berlin war. An einem Tag regnete es, doch die Temperatur war immer noch hoch – und als wir Juroren mit einem guten Dutzend weiterer Teilnehmer ins Hinterzimmer der Bar Franzotti in Kreuzberg eingeladen waren, um die neuen S.B.S. Origin Selection Rums des dänischen Abfüllers 1423 mit als erste probieren zu dürfen, staute sich dort die Luft in einem fast schon unterträglichen Maße. Die Idee der Veranstalter Joshua Singh und Nina Jack-Crap, jeden der zu verkostenden Rums auch direkt parallel in einem eiskalten Daiquiri anzubieten, löste sowohl den Hitzestau als auch die Stimmung, und Joshua hatte große Mühe, sich gegen die plappernden Rumnerds, die sich dort in dem kleinen Raum zusammengefunden hatten, durchzusetzen. Eine interessante Reihe hat 1423 da veröffentlicht, die Idee ist, ungereifte Rums aus verschiedenen Regionen bereitzustellen – die wachsende Beliebtheit klarer Spirituosen zeigt sich auch in solchen Bewegungen.

Vorgestellt wurden also vier Rums, aus Jamaica, den französischen Antillen, der dominikanischen Republik und Guyana. Letzterem, dem 1423 S.B.S. Origin Selection Guyana PM Single Origin Rum, will ich hier den Artikel widmen, denn die Probe an diesem Freitagabend war für mich bereits sehr aufschlussreich, und ich habe am nächsten Tag auf dem German Rum Festival dann am Stand von 1423 direkt die hier vorgestellte Flasche erworben. Gebrannt wurde er, wie die Abkürzung im Namen schon klar macht, aus Melasse in der berühmten Port-Mourant-Potstill, die aus Holz besteht und nach einer mehrfachen Wanderung durch die von Schließungswellen betroffene Destilleriewelt Guyanas nun bei DDL ihr Heim gefunden hatte. 2021 war das, im Jahr darauf wurde er mit 57% Alkoholgehalt abgefüllt. Ungereifter Port Mourant? Diese drei Worte allein waren für mich mehr als genug Begründung, die Flasche haben zu wollen!

1423 S.B.S. Origin Selection Guyana PM Single Origin Rum

Der Rum wurde, wie gesagt, nicht in Holz gereift, daher haben wir eine transparente und klare Flüssigkeit vor uns, ohne Trübung, Partikel oder andere Fehler. Im Glas bewegt sie sich allerdings wie Öl, schwer und träge schwappt sie hin und her, und innen am Glas bildet sich zunächst ein durchgängiger Film, der Adern entwickelt und dann wie Sylvester Stallones Arm in Over the Top aussieht.

In der Nase kommen direkt extrem erdige Aromen an, feuchter Waldboden, Champignons und nasse Baumrinde sind die Assoziationen, die mir einfallen. Etwas Dunkelgrünes ist da auch dabei, eine Idee von Harz, das kombiniert sich dann gut mit ganz dezentem Pfirsich und einem Hauch von Litschi. Man riecht etwas Ethanol, und dieses gibt nach Offenstehzeit dann Helle und Frische dazu. Interessant ist, wie stark sich die Eindrücke wandeln, wenn der Brand atmet, die Erdigkeit löst sich auf und kippt fast in Richtung Plastik, ohne unangenehm zu werden.

1423 S.B.S. Origin Selection Guyana PM Single Origin Rum Glas

Der Geschmack ist schon viel typischer für die Herstellungsregion, initial sehr süß und weich am Gaumen, mit dicker Textur, die zum optischen Eindruck passt. Milde Zuckerrohraromen finde ich da, grüne Würze, Sternanis und Kokos, ohne dass etwas hervorsticht – es bleibt, was identifizierbare Geschmäcker angeht, eher zurückhaltend. Man erkennt etwas Medizinales, Iodisches, ohne dass es wirklich übernimmt. Der Verlauf bringt stattdessen eher Effekte hervor, eine tolle Dichte, die mit der Würze zusammen ein grandioses Mundgefühl erzeugt, mildsalzig, leichtherb, so richtig deftig den Mund ausfüllend und kitzelnd. Eine richtig angenehme, dabei sehr wuchtige Struktur, bei der sich der Alkoholgehalt von 57% gut einbindet. Im mentholisch-hauchigen Abgang tauchen dann noch ganz leichte Vanillearomen auf, die sich mit dem etwas grasigen Gesamteindruck verbinden.


Rum Exchange Guyana Port Mourant Pure Single Rum 2008 mit Glas

Ich vergleiche das mal parallel mit dem 11 Jahre holzgereiften Rum Exchange Guyana Port Mourant Pure Single Rum, den ich hier gerade zufällig offen habe, und stelle fest, dass da kaum Ähnlichkeiten sind; geruchlich und geschmacklich sieht man hier wunderbar, wie die Holzreifung ein Destillat komplett verändern kann. Die grundlegende Süße bleibt noch erhalten, die Medizinialität verstärkt sich aber enorm, die Würze wird ausgeprägter und definierter, der gesamte Eindruck ist trockener, schlanker und prägnanter: aus dem eher dicklichen Kind wird ein drahtiger Erwachsener. Die Anlagen sind im Guyana PM schon gelegt, das Holz erzieht den Brand und wählt Eigenschaften aus, die erhalten bleiben, und welche, die ausgemerzt werden. Ich finde es toll, so einen Vergleich machen zu können – allein dafür lohnt sich der Kauf eines ungereiften Brands für einen Rumfreund schon.


Auf dem Rücketikett des Guyana PM schlägt der Abfüller vor, diesen Rum pur oder auf Eis zu genießen, oder ihn zu benutzen, „to elevate your cocktails“. Das ist natürlich eine Vorlage, die mir gefällt! Die grasige Natur eines Port Mourants lässt sich gut in einem Drink unterbringen, der dieses schon im Namen fordert – der Secret Life of Plants spielt mit all den Eindrücken, die wir in den Tasting Notes schon irgendwie gefunden hatten, und betont sie. Eine wunderbare Synergie, für die es sich lohnt, die Mühe in Kauf zu nehmen, sich einen Mango-Oolong-Sirup zuhause herzustellen.

Secret Life of Plants Cocktail

Secret Life of Plants
1½oz /45ml ungereifter Overproof-Rum
¾oz / 23ml Limettensaft
¾oz / 23ml Mango-Oolong-Tee-Sirup
¼oz / 7ml Orgeat
¼oz / 7ml Falernum
10 Tropfen Salzlösung
1 Spritzer Absinth
Auf Eis shaken. Mit crushed ice auffüllen.

[Rezept nach Emily Mistell]


Die S.B.S. Origin Selection ist für alle Flaschen gleich designt, das dunkle Glas, dazu Kunststoffkorken und Etiketten, die in einem etwas seltsamen, blassen Farbton gehalten sind und fast selbstausgedruckt wirken. Nun, das sind Designentscheidungen, bestimmt gefällt das also jemandem. Das untenstehende Foto wurde im schummrigen Zimmer der Bar Franzotti aufgenommen, das erklärt die etwas schlechte Qualität – aber mit all den verschwitzten und halbbetrunkenen Menschen dort, ich nehme mich davon gar nicht aus, war es vielleicht gar nicht schlecht, dass das Licht nicht heller war.

1423 Single Origin Rums

Interessant sind letztlich alle, ohne Frage, und ich finde es persönlich toll, dass ein Abfüller auch mal ein bisschen andere Wege geht, statt nur noch den zwölften zwölfjährigen Barbadosrum, den man inzwischen in- und auswendig kennt, unter die Leute zu bringen. Ich verbinde mit dem Guyana PM heute halt darüber hinaus noch den tollen Ausflug nach Berlin, die German Rum Awards, den verrückten Abend, der dann spätnachts noch zu Curry36 führte, und schließlich in der Zyankali Bar endete, die man einfach erlebt haben muss, wenn man in Berlin unterwegs ist. An diese irre Kreuzberger Nacht erinnere ich mich jedesmal, wenn ich einen Schluck dieses besonderen Rums trinke.

Einmal quer durch die Karibik – Rum Artesanal BMMG, Uitvlugt, Clément, Bellevue und MRJB

Einmal quer durch die Karibik mit einer Mischung aus Samples des deutschen Abfüllers Rum Artesanal, die in den letzten Monaten bei mir eingetroffen sind. Samples sind einfach eine wunderbare Sache, um erstens auf dem Laufenden zu bleiben, welche Art von Rum gerade die Welt bewegt (und ja, das ändert sich immer wieder mal!), und zweitens, um neue Dinge kennenzulernen. Bei dieser Sammlung hier geht es aber hauptsächlich um bereits Bekanntes, das sich in neuen Ausprägungen zeigen will.

Rum Artesanal BMMG, Uitvlugt, Clément, Bellevue und MRJB

Rum Artesanal Barbados BMMG, 06/2000-07/2022, 56,5%. Nougat, Kokos, Buttercreme, dazu etwas Holz und frische Alkoholkante. Angenehme, barbadostypische Nase, die auch im Mund perfekt aufgegriffen wird. Würzig und nicht zu weich, aromatisch und toll strukturiert, mit herrlich kühlem, sehr langem Abgang. Das gefällt, ohne sich anzubiedern!


Rum Artesanal Guyana Uitvlugt, 12/1991-07/2022, 61,7%. Sehr grüne Nase mit viel krautigen, wurzeligen Komponenten und etwas Zigarettentabak. Sonst kaum Aromen, ein bisschen piekst der Alkohol. Im Mund sauer, auch hier krautig und aromatisch schwach auf der Brust, dafür mit scharfem Feuer, das sich plötzlich in Eis wandelt. Effektvoll, aber sonst eher unbeeindruckend, unrund und unreif trotz der Jahre.


Rum Artesanal Clément Private Cask, 5 Jahre 9 Monate, Fassnummer 20100270, 55,5%. Schwerfruchtig in der Nase, stark ausgeprägter Pfirsich und Nektarine – erinnert fast an Bourbon mit Fruchteistee. Dicht und samtig im Mund, mit feiner Pikanterie, nur vorsichtiger Grasigkeit, aber viel Volumen. Eher kurz am Schluss, wenn der Pfirsichbourbon zurückkommt.


Rum Artesanal Guadeloupe Bellevue Distillery, 03/1998-07/2022, 59,4%. Limettenzeste, Lakritze, Herrenschokolade – eine verrückte, attraktive Mischung, erst in der Nase, später genauso im Mund. Feurig, würzig, leicht salzig, maritim und erdig zugleich. Komplex in Aromen wie in der Struktur, mit langem, heißen Finish!


Rum Artesanal Jamaica MRJB 07/1982-07/2022, 45,1%. Rosinen, Zigarren, Nussmischung, drängt sich wirklich nicht auf, für den Alkoholgehalt gleichzeitig aber etwas volatil. Süßsauer, angenehmes Volumen und Würze, ohne aromatisch aufzutauen, vielleicht etwas Lakritz, Melasse oder Pflaumen. Kurz im Abgang, man sieht hier wirklich: Alter ist nur eine Zahl und sagt nichts aus.


Zwei von Fünf, nicht die allerbeste persönliche Gefallensquote, aber niemand kann immer gewinnen und nur Grand Slams abliefern, die allen schmecken (das hat Rum Artesanal aber auch schon ein paar Mal geschafft). Die zwei Treffer sind für mich dafür umso wirksamer, und ich freue mich immer, neue Abfüllungen dieses sehr aktiven Bottlers probieren zu dürfen!

Offenlegung: Ich danke Rum Artesanal für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples.

Von null auf hundert – Wildwerk7 Gnadenwald Dry Gin

Lange Zeit hatte ich überhaupt keine Beziehung zu Österreich. Als Kind war ich mit meinen Eltern öfters am Mondsee im Urlaub, die Erinnerung daran ist aber höchstens in einzelnen Bildbröckchen noch da. Vor ein paar Jahren war ich dann im Salzburger Land im Urlaub, und spontan habe ich dieses Land sehr schätzen gelernt – die Österreicher haben vollständig verstanden, was Gastfreundschaft bedeutet, wie wichtig der zufriedene Tourist für ihr Land ist, und wie man dafür sorgt, dass der Besucher immer wieder zurückkommt, wenn er einmal dort war. In den Hotels wird jeder noch so absurde Wunsch zumindest freundlich angehört und bearbeitet, auf den Almen ist immer jemand, der einem das dringend nötige Bier nach langer Wanderung eingießt, und in allen Situationen, in denen Service erforderlich ist, findet man freundliche, lächelnde Menschen, die den Gast mit Humor und Herz behandeln. Man sieht, ich bin etwas verzaubert, vor allem, weil ich nach meinen Reisen mit Sicherheit sagen kann, dass dies überhaupt nicht selbstverständlich ist, und damit zeige ich nicht aufs exotische Ausland, sondern hautpsächlich auf die Servicewüste Deutschland, die einem nach einem Österreichaufenthalt immer wieder drastisch vor Auge geführt wird.

Nachdem ich so einige Österreicher nun kennengelernt habe, glaube ich, dass es keine durch wirtschaftliche Zwänge entstandene Situation ist – die Österreicher haben einen feinen Blick fürs Detail, für Perfektion und kombinieren gerne Tradition mit Moderne. Das spürt man insbesondere bei den Genussmitteln dort, und dabei ganz besonders bei Spirituosen. Uralte Familienbetriebe stellen grandiose Obstbrände her, von denen in nachts inzwischen träume, und junge, motivierte Brenner ahmen sie in Neugründungen nach und bereichern die Szene mit frischen Produkten, die aber bereits im ersten Schritt schon extrem ausgereift wirken. Nehmen wir als Beispiel dafür einfach mal den Wildwerk7 Gnadenwald Dry Gin. Michael Flunger hat als Quereinsteiger vor einer Weile seine Brennerei in Mötz/Tirol im Nebenbetrieb eröffnet – und ein paar Jahre später kommt von ihm ein Gin, der bei einem internationalen Spirituosenwettbewerb eine Goldmedaille gewinnt. Man sieht schon an der Batchnummer auf meiner Kleinflasche (Batch L 1005), dass hier keine Massenmengen produziert werden, im Gegenteil, auch wenn er noch keine Bio-Zertifizierung hat, ist die Herstellung doch praktisch in allen Beziehungen auf Bio-Niveau. Umso mehr freut es mich, dass die Flasche (zugegebenermaßen auf etwas verschlungenen Wegen, dazu mehr am Ende des Artikels) ihren Weg zu mir gefunden hat.

Wildwerk7 Gnadenwald Dry Gin

Klar, fehlerfrei, und dabei trotzdem leuchtend und strahlend – optisch macht der Wildwerk7 schonmal echt was her, vor allem für eine klare Spirituose, was hauptsächlich an der öligen Viskosität liegt, mit der sich der Brand träge und schwer im Glas bewegt und dabei entsprechend haftende Artefakte an der Glaswand hinterlässt.

Wieviele verschiedene Gins habe ich in diesem Jahr bei unterschiedlichen Veranstaltungen verkostet – 60? 70? Ich weiß es nicht mehr, aber ich weiß, dass nur wenige davon wirklich noch Wacholder für die Nase bereithielten. Hier ist das anders, Wacholder ist direkt da als Hauptkomponente, klassisch und sauber. Die anderen Botanicals unterfüttern mit einer aparten Mischung aus Gewürz und Floralität, da rieche ich Piment und Kardamom, ein Tick Szechuanpfeffer, eine ganz dezente Note von Lavendel und etwas mehr Rosmarin. Da ist gleichzeitig viel Kraft und viel Frische drin, das klingelt in der Nase, ohne zu pieksen.

Wildwerk7 Gnadenwald Dry Gin Glas

Im Mund fällt als erstes auf, dass sich die Optik auch toll in gefühlte Textur überträgt, das ist fett und cremig, breitet sich zügig am Gaumen und und belegt alles. Initiale Süße macht es noch einfacher, den Wildwerk7 im Mund hin und her zu schieben, die sich langsam auffächernden Aromen zu genießen, während die 44% Alkoholgehalt sich zurückhalten. Wacholder, Rosmarin, Kardamom und Piment, das wird schön von der Nase übernommen, gleichzeitig baut sich wirksame Würze und Wärme auf, insbesondere die Zunge fängt langsam an, zu glühen. Beim Abgang bleibt der Gin aktiv, liefert weiterhin ab, wenn der Hauptteil bereits den Rachen hinunterrutscht, mit würzigem Nachhall und angenehmer Pikanz lässt er nur widerwillig los; die Süße vom Anfang bleibt erhalten, ebenso die Cremigkeit, da ist kaum Trockenheit und null Astringenz.

Das hat Kraft, Power, aber ohne Gewalt, Würze, ohne andere Aromen zu überdecken, tolle Struktur und Textur, ohne zu gemütlich zu werden – handwerklich hervorragend gemacht, sauber, klar, dabei dicht und voll. Ein richtig guter Gin klassischer Machart, der sich auf die wichtigen Dinge konzentriert, statt sich in überflüssigen Details zu verlieren. Die ISW-Goldmedaille wundert mich kein bisschen – so ein Gin sticht ohne Mühe aus einer Menge anderer Gins heraus.


Ein Drink, den ich vor Urzeiten in Ted Haigh’s Cocktailbuch Vintage Spirits and Forgotten Cocktails gefunden hatte, ist der Barbara West. Ich habe ihn hier etwas bezüglich des verwendeten Sherrys adaptiert, statt einem Amontillado nehme ich einen PX Sherry, um den Drink etwas schmeichlerischer zu machen. Optional kann man aber auch etwas Zuckersirup zum Amontillado nehmen, um einen ähnlichen Milderungseffekt zu erreichen; der Wildwerk7 eignet sich aber auch deswegen hervorragend für diesen Cocktail, weil seine natürliche Süße bereits den ganzen Drink sehr süffig macht.

Barbara West Cocktail

Barbara West
2oz / 60ml Dry Gin
1oz / 30ml Amontillado Sherry / optional PX
½oz / 15ml Zitronensaft
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Auffällig ist natürlich die schwarz beklebte Flasche mit der silbernen Aufschrift, irgendwie passt es sowohl zum Inhalt, als auch zum Brenner selbst – ich habe Michael Flunger bei der Gault&Millau-Verkostung für den Genussguide Südtirol in Bozen kennengelernt, und ihn in Schwaz neulich bei Best of Bio 2022 wiedergetroffen, wo er auch in der Jury saß und dieses Fläschchen mitgebracht hatte. Dabei hatte er auch noch eine weitere Überraschung im Gepäck. Als wir in Südtirol über österreichische Spirituosen gesprochen hatten, hatte er sich gemerkt, dass ich noch nie zuvor die Spezialität Krautinger probieren konnte, und entsprechend bekam ich eine Probe davon mitgebracht. Danke, Michael, für den Gin und den Krautinger. Letzteren habe ich inzwischen auch verkostet, doch dieses besondere Erlebnis ist eine ganz andere Geschichte, für eine andere Zeit, für einen anderen Artikel.

Ein Ende mit Schrecken – B(r)auhof Saar

Eine wilde Geschichte hat sich da im Saarland um eine Brauerei entwickelt. Zuerst gab es da einen Gastrokritiker, der sich (zu Recht, meines Erachtens) über den Namen eines der Biere beschwerte, und dann in einen Rechtsstreit diesbezüglich verwickelt wurde, weil er sich dabei selbst im Ton vergriff. Danach wurde ein Bier gebraut, das im billigsten Kleinkinder-Revanchismus den Kritiker selbst karikierte. Und zu guter letzt schließt die Brauerei ohne Ankündigung, lässt Vertragspartner auf Gutscheinen und ähnlichem sitzen. Was soll man dazu sagen. Ich hatte die Biere des B(r)auhof Saar vor ein paar Jahren schon probiert, und wieder mal verschlafen, den Artikel hier zum rechten Zeitpunkt zu veröffentlichen – nun legen die Umstände fest, dass wir hier über ein missglücktes Experiment reden, im Nachhinein. Und ich nehme vorweg, dass völlig unabhängig von der sehr unglücklichen Kommunikationsart der Brauerei wir auch nicht viel vermissen werden in Zukunft, was Bier aus dem Saarland angeht.

Brauhof Saar Biere

Trinken wir uns einfach durch einen Großteil des Sortiments, das es damals gab. Our Hell’s ist ein helles Lagerbier, untergärig gebraut und 6 Wochen gereift, mit 4,8% Alkoholgehalt und 30 BUs. Spalter Select & Saazer dienen als Hopfenbeigaben.

Brauhof Saar Our Hell's

Sehr attraktiv opalisierend, leuchtendes Gelbgold. Natutrüb mit feinen Partikeln, die sich quer zur Perlage bewegen. Gemischtblasiger, kurzlebiger Schaum. Malzig und hefig im Geruch, aber zurückhaltend. Leichte Frucht, aber auch das dezent. Insgesamt riecht man nicht wirklich viel, insbesondere, bei der empfohlenen Trinktemperatur von 7°C. Sehr cremig und dicht im Antrunk, das ist fast schon wie aufgeschäumt. Aromatisch bleibt es ähnlich wie die Nase angekündigt hat, eher arm. Rezent ist es auch nicht besonders, wirkt eher schon schal beim ersten Schluck, ein wackliges Süße-Säure-Verhältnis sorgt darüberhinaus für Kopfschütteln meinerseits. Der Abgang weist eine bittere Säure auf, mit betäubendem Effekt wie Grapefruitschale. Abgesehen davon ist er eher kurz.

Ein sehr unrundes, unausgereiftes Bier, das mich ganz und gar nicht vom Hocker haut. Ich weiß nicht, wo es hin will – es dient kaum als Erfrischer, als Genussbier schon gar nicht.


Grundsätzlich mag ich Experimente mit natürlichen Zutaten sehr, darum bin ich so etwas wie dem Wheat Pale Ale Hot Pepper sehr aufgeschlossen. Kampot-Pfeffer als Zutat klingt gut! Ansonsten haben wir 5,3% Alkoholgehalt, eine obergärige Brauart, und Gold Frankfurt 2918 sowie Mandarina Bavaria als Hopfen, die für 35 BUs sorgen.

Brauhof Saar Wheat Pale Ale Hot Pepper

Naturtrüb, ohne Schwebepartikel. Mittlere Perlage, dünner Schaum. Blasse, strohgoldene Farbe. Sehr hefig im Geruch, brotig, vielleicht eine feine Fruchtnote in Richtung Zitrus. Sehr dick und voll im Antrunk, da ist der Mund voll. Schöne Süß-Säure-Balance. Aromatisch spannend – das ist nicht besonders hopfig, mehr hefig, teigig, mit einem Hauch von Pikanz. Eine leichte Süßholzaromatik wertet das Erlebnis auf. Trocken und hell, mir fehlt etwas der Körper. Der Abgang ist minzig, kühl, kurz, mit einem schwer definierbaren Zusatzaroma – das könnte der Pfeffer sein.

Das ist interessant, aber auch bei diesem Bier ist die Säure am Ende zu stark und betäubt die Zungenspitze. Jedenfalls eines der Brauhof-Biere, die ich mir merke.


Die dritte Flasche ist das Hops Thing Citra Ale. Kurz vorab wieder die Fakten: Obergärig, 5,1% Alkoholgehalt, Single Hops Citra, 35 BU.

Brauhof Saar Hops Thing Citra Ale

Wie bei scheinbar allen Brauhof-Bieren muss man die gesamte Flasche einschenken, hier ist besonders viel Satz am Boden, der für die starke Trübung sorgt – inklusive größerer Brocken Satz. Blickdicht, dabei eine schöne Eigelbfarbe, mit sehr feinem, dichten Schaum. Geruchlich kommt der Citra-Hopfen sehr schön durch. Da ist viel bittere Zitrus, Grapefruitschale, Limettenschale. Etwas Malzwürze bietet schönen Untergrund. Sehr voluminös und breit im Mund, fast schon milchig, mit viel Power direkt beim Antrunk. Flauschig wie eine Wolldecke. Sehr gelungene Süß-Sauer-Balance, mit feiner Rezenz ohne überdreht zu wirken. Tolle Bittere, trifft genau den Punkt. Der Abgang ist lang, zitrusfruchtig und leicht adstringierend. Viel Hopfen klingt nach.

Von allen Brauhof-Bieren ist das mit Abstand das Beste, ein wirklich sehr schönes, perfekt komponiertes Ale. Davon habe ich mir mehr geholt.


Dass in der Brauerei gern mit Zutaten gespielt wird, sieht man auch am Blood Honey Ale, das mit Blütenhonig obergärig gebraut wird. 5,2%, Caramalze, und Huell Melon-Hopfen.

Brauhof Saar Blood Honey Ale

Rostbraun, sieht aus wie Cola-Mix, beinahe blickdicht trüb. Feiner Schaum, der nur eine dünne Krone bildet. Große Schwebeteile sind erkennbar. Deutlich ist der Honig in der Nase erkennbar, das ist auch der einzige Geruchseindruck, der mir bei der empfohlenen Trinktemperatur von 7°C einfällt. Nein, das stimmt nicht, da sind Röstmalznoten und etwas Hefe. Schon beim Antrunk schwappt eine starke Süßewelle über mich. Da ist wirklich sehr viel Honigaroma, das erinnert schon an Met. Der Vergleich zu Colamix ist gar nicht weit hergeholt, da sind auch im Geschmack viele Colaaromen. Sehr weiches Mundgefühl. Ein Hauch von Bittere entsteht im Abgang, daneben etwas Trockenheit, was in Kombination mit der superstarken Süße des Beginns zu einem Gefühl der Pappigkeit kombiniert. Der Nachhall ist mittellang mit viel Honig, der sich sogar auf die Lippen legt.

Ich mag Honig, und man schmeckt ihn hier auch wirklich extrem deutlich; allerdings geht das zu Lasten des Biers. Ich erkenne keinerlei Bieraromen mehr – das könnte genausogut Honigcola sein. Das kann man mögen, ich lege mich hier nicht fest, ob ich es gut oder schlecht finde: Als Honiggetränk finde ich es sehr gelungen, als Bier eher nicht. Schwierig!


Das Your Dark ist wieder etwas klassischer gedacht, ein untergäriges Kellerbier mit 4,9% Alkoholgehalt; Perle und Spalter Select kommen als Hopfen mit Caramalzen zum Einsatz und erreichen 30 BUs.

Brauhof Saar Your Dark

Dunkel, mit einem Hang zum Rötlichen. Fast komplett klar, nur eine minimale Trübung, wenn man beginnt einzugießen; für die kellerbiertypische Trübung muss man die ganze Flasche eingießen, dann bekommt man auch viele erkennbare Schwebepartikel. Leichte Schaumbildung, schnell abgebaut. Ich rieche zunächst mal Essig, grüner Apfel, etwas leicht buttriges im Hintergrund. Grundsätzlich also lauter typische Fehler in Bier. Ich bin da nicht dogmatisch, wenn ein „Fehler“ interessant wirkt, sehe ich das nicht negativ. Dennoch bin ich gespannt, was da im Mund passiert. Auch dort wirkt das Bier aber unrund. Birnenmost schmecke ich da, Quitte, etwas Essig. Insgesamt ist das Bier zwar weich im Mundgefühl, aber doch recht sauer, mit entsprechenden Effekten auf der Zunge. Mir als Fan von Sauerbier ist es dann aber zu ungewollt sauer, nicht, als ob das so wirklich geplant wäre – es ist keine Milchsäure, sondern Essigsäure. Etwas Malzigkeit scheint durch. Der Abgang ist sehr sauer und bitter, und sehr kurz. Die schöne Rezenz rettet das Bier – aromatisch kann es nicht überzeugen.


Zu guter letzt kommen wir zum Stein des Anstoßes – ein Bier Black Bitch zu nennen ist natürlich wirklich grenzwertig, und selbst wenn man es mit gutem Willen als humorvolle Beschreibung eines wilden Schwarzbiers hinnehmen könnte, muss man sich halt fragen lassen, ob sowas wirklich sein muss. Das Ale hat 4,8% Alkoholgehalt, wird mit Weizenröstmalzen und dem Aromahopfen Perle gebraut.

Brauhof Saar Black Bitch

Schwarz ist es eigentlich nicht, aber tiefbraun. Beinahe blickdicht, leichte stumpfe, braunrote Reflexe. Nur minimale Schaumbildung. Gekochtes Gemüse, Blumenkohl, Spargel, Hefe, etwas Malz. Süß und superweich, mit Aromen von Cola und Malz. Trinkt sich tatsächlich wie ein reines Malzbier, es fehlt jede Andeutung der 4,8% Alkoholgehalt. Aber auch jedes Bieraroma – hier ist ein supersüßes Malzbier, das komplett ohne Bittere oder Säure auskommen will.  Eine Bitch ist das nicht, mehr eine gemütliche Tante. Im Abgang noch viel süßer, richtig pappig und matschig, ohne jede Definition. Im Nachhall klingt etwas Getreide nach.

Ein Bier zum Vergessen, wäre da nicht die Geschichte um den Namen. Es ist wirklich verrückt, denn ohne diese dreckige Story außenrum hätte ich mich niemals ein zweites Mal an dieses Bier gewagt, und es auch komplett vergessen.


Oh weh, das Gesamtbild zeigt sich schon dramatisch. Letztlich, so leid es mir als echtem Lokalpatrioten tut: Man sieht an diesen Bieren, dass nicht alles, was sich als Craftbier selbst auszeichnet, auch wirklich gutes Bier sein muss. Fast alle hier probierten Biere empfinde ich eher in die Richtung Spaßmischgetränke orientiert, nicht als ernsthaftes Bier (ich klinge hier wirklich wie ein älterer Herr, der am Stammtisch über ungewöhnliches Bier herzieht). Schön aufgemacht waren sie, die Biere, mit Papierwicklung und Plastikanhänger – aber am Ende bleibt trotzdem der eher mäßige Eindruck aus mittlerer Qualität und großem, unnötigem und hässlichem Getöse abseits des Brauens. Andersrum wäre es mir lieber gewesen.

Der Garten Eden – Mabi Punch Le Gingembre und La Karambole

Ich habe auf Guadeloupe festgestellt, dass ich im Leben davor noch nie eine Banane gegessen habe. Nach der Veranstaltung Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2022 auf der französischen Karibikinsel habe ich mir noch drei zusätzliche Tage gegönnt, um dem extrem stressigen Zeitplan des Wettbewerbs noch etwas Entspannung folgen zu lassen. Dazu gehörten viele Spaziergänge durch den Ort Le Gosier, in dem ich mein Privatappartement gebucht hatte, mit fantastischem Blick auf die Îlet du Gosier. Bei solchen fußläuferischen Erkundungen finde ich immer kleine Details, die mir besonders gefallen – wie die kleinen Lädchen, in denen die Guadelouper ihren täglichen Bedarf mit Lebensmitteln und Drogeriewaren decken. Meist nur wenige Quadratmeter groß, ohne Fensterfront, mit Wellblechdach und der ganzen Familie auf der Terrasse vor dem Laden sitzend. Das führt mich zur Banane zurück – man kann dort zum Beispiel reife Bananen praktisch frisch vom Strauch kaufen, und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass das ein komplett anderes Geschmackserlebnis ist, als die Banane, die man hierzulande im Supermarkt kauft.

Natürlich sind diese Früchte dort zuhause, das Klima kümmert sich darum, dass sie fruchtiger, fetter, aromatischer und vollmundiger sind, als wir das kennen. Nicht nur Bananen, auch Mangos, Ananas und sonstiges Obst, von dem ich nichtmal den Namen kannte. Die Einwohner der Insel wissen natürlich um ihren natürlichen Reichtum diesbezüglich, und die Idee, diesen mit dem anderen Kulturgut, dem Rum, im sogenannten punch au rhum zu verbinden, ist wohl nur selbstverständlich. Ein hervorragendes Beispiel dafür, wie gut das funktionieren kann, ist Mabi Punch aus der Gemeinde Goyave an der Ostküste von Basse-Terre. Die Familie Billy nimmt dafür unbehandelte Früchte von der ganzen Insel, und legt diese 6 Monate bis ein Jahr, je nach Art der Frucht, in ungereiften rhum agricole ein. Das wird mit frischem Zuckerrohr gesüßt und kommt mit 34% Alkoholgehalt auf den lokalen Markt. Ich stelle hier mal zwei der vielen Varianten vor, die aktuell dort rein in Handarbeit hergestellt werden: Mabi Punch Le Gingembre und Mabi Punch La Karambole.

Mabi Punch Le Gingembre und La Karambole

Beginnen wir mit dem Mabi Punch Le Gingembre (Lot F03121, abgefüllt 02/2021), der dem Namen nach natürlich Ingwer enthält. Man sieht auch sofort, dass das Fläschchen praktisch zur Hälfte mit Ingwerstäbchen gefüllt ist – da wird also nicht gespart an Material. Es entsteht dabei eine natürliche, minimale Trübung der blassgoldenen Flüssigkeit, die sich schwer und träge im Glas bewegt.

Mabi Punch Le Gingembre

Der Geruch wirkt ebenso natürlich, da sind keine übertriebenen Aromen, die oft künstlich sind. Das hier ist wirklich klar erkennbar in seinen drei Komponenten, Rhum Agricole, Ingwer und Zucker. Sie gehen schön ineinander über, mit einer leichten floralen Seifigkeit. Da wird definitiv nicht versucht, der Nase zu schmeicheln, das ist frisch und frech, mit Alkoholkante.

Der Antrunk wirkt sehr süß, der Zucker beherrscht das Bild, aber kein neutraler raffinierter Zucker, sondern ich fühle hier eher den frischen Zuckerrohrsaft, wie ich ihn auf Guadeloupe oft getrunken habe, mit seiner brummenden Würze und kräftigen Aromatik. Der Ingwer kommt dann erst spät im Verlauf und im Abgang, dann aber wuchtig und kraftvoll, feurig pikant, den Gaumen kitzelnd und wärmend, und bleibt dann lange bei uns. Eine leichte Agricole-Grasigkeit ist ebenso da, ergänzt dieses sehr bodenständige Geschmacksbild, das am Ende dann fast erdig wirkt, mit dazu paradoxer Jasminblüte im Nachhall.


Mabi Punch La Karambole (Lot F05120, abgefüllt 08/2020) beinhaltet Stücke der Sternfrucht, nicht quer geschnitten in der oft gesehenen Sternform (woher die Frucht natürlich ihren Namen hat), sondern längs in Streifen, damit sie in das Fläschchen passen. Kleine Partikel, die davon abgegangen sind, schwimmen im Glas, das ist selbstverständlich kein Mangel, sondern bedingt durch die naturnahe Herstellung.

Mabi Punch La Karambole

Der initiale Geruch ist dem des Ingwerpunches zunächst ähnlich, der würzige, süße und aromatische Zucker steht vorne und lässt andere Aromen nach und nach durch wie ein Türsteher. Der Basisrum ist hier klar definiert, eindeutig als Guadeloupe-Rum erkennbar, mit von sich aus schon schöner Fruchtigkeit – aber auch seiner etwas pieksenden Alkoholnote. Traubige Noten kommen danach, tropische, reife Früchte, nicht wirklich voneinander getrennt, einfach ein bunter Fruchtkorb.

Die wildwürzige Süße lässt sich auch im Mund etwas Zeit, Aromen freizugeben. Vanille kommt dann, etwas Zimt, Pistazien und türkischer Honig, das wirkt erstmal wie eine südeuropäische Süßspeise. Die Frucht bleibt durchgängig unterschwellig, also ganz im Gegensatz zur Nase, ohne wirklich unbalanciert zu wirken. Gegen Ende kommen dann die süßherben, beerigen Aromen der Sternfrucht heraus, die von sich aus ja nicht übermäßig aromatisch ist, und fügen sich in ein wirklich außergewöhnlich angenehmes Mundgefühl mit eleganter Bittere ein, das mittellang vorhält. Auch hier spürt man, dass nicht auf grelle Künstlichkeit gesetzt wird, sondern den feineren, tieferen und dezenteren Naturaromen ganz gemütlich Raum gelassen wird. Ganz am Ende hebt der Rhum Agricole nochmal mit grasigeren Tönen den Kopf.


Diese Liköre sind aromatisch und strukturell dicht, man merkt die Handarbeit und die rein natürlichen Zutaten in jedem Schluck. Ich gebe ja normalerweise Cocktailrezepte zu jeder Spirituose an, die ich hier vorstelle, das scheitert hier einfach an den reisebedingt kleinen Mengen, die ich aus Guadeloupe mitgebracht hatte. Und die paar Tropfen, die ich vom Mabi Punch habe, genieße ich ganz gemütlich, in kleinen Schlucken, auf einem Eiswürfel oder in Zimmertemperatur, schließe dabei die Augen, und lasse nochmal die Eindrücke revue passieren, die ich von dem Spaziergang durch den Garten von Madame Marie-Anne Billy und ihrer Töchter aufgesammelt habe. Für die, die sich das nicht bildlich vorstellen können, hier ein paar Bilder. Es kommt natürlich nicht mal ansatzweise an das echte Erlebnis heran, durch diesen wunderbaren Garten zu streifen, aus dem viele Früchte für die unterschiedlichen Sorten des Mabi Punch stammen, dort wachsen jedenfalls Ananas, Mangos, Guaven, Maracujas, Bananen, Sternfrucht, Goldpflaumen, Kirschen, Kokosnüsse und Honigbeeren – und auch Vanille, Hibiskus und andere Pflanzen, deren Duft man sich kaum entziehen kann und die mit wunderbaren Blüten das Auge verzaubern. Ein Paradies, ein Garten Eden, den ich nur widerwillig wieder verlassen musste.

Die beiden 10cl-Fläschchen habe ich im kleinen Destillerieshop bei Père Labat auf der Nebeninsel Marie-Galante gekauft, einfach, weil sie mir dort sofort ins Auge stachen – das ist ein tolles Design, und die kleinen Flaschen mit dem großen Hals sind einfach knuffig. Leider habe ich sonst nirgends die weiteren Sorten in dieser Größe gesehen, sonst hätte ich weitere mitgenommen, insbesondere die exotischeren Früchte wie Cythère (Goldpflaume) und Kenette (Honigbeere), die ich dort probiert hatte, hätten mir als Punch sicher noch gefallen. Die Punches gibt es natürlich auch in großen Flaschen. Ich weiß, dass ich ohne jeden zweiten Gedanken sofort zuschlagen werde, wenn ich diese wunderbaren Punches irgendwo hier in Europa sehe – und jedem, der eine Reise nach Guadeloupe antritt, rate ich, diese als Mitbringsel in die allerengste Wahl zu nehmen.