Bier am Freitag – DjuDju Beer

Ich mag Fruchtbiere. Das belgische Kriek ist das beste Beispiel dafür, dass so etwas sehr gut funktionieren kann, und die Abwechslung zum klassischen Getreidebier tut der eigenen Erfahrungs- und Sensorikwelt durchaus gut. Nicht, dass im DjuDju Beer kein Getreide vorkommen würde, es ist schon grundsätzlich erstmal basiert auf Gerstenmalz – doch im Brauprozess kommen Früchte zum Einsatz, hier Mango, Ananas, Banane, Passionsfrucht und Palmherzen. Rund 30% des Biers sind tatsächlich der Frucht geschuldet, das ist für mich schon ein ordentlicher Anteil, so dass man es doch abtrennen muss von rein von natürlichen, naturidentischen oder künstlichen Aromastoffen gesteuerten Biermischgetränken. Gebraut wird es in Belgien (die brauen auch alles, die Belgier!) für New Allied African Breweries, Ghana; es ist also ein afrikanisch-europäisches Gemeinschaftsprojekt – so hoffe ich zumindest, denn es ist schwer, hinter dem Priester-Voodoo-Kalebassen-Marketinggeschwafel etwas über den tatsächlich afrikanischen Anteil an dem Bier herauszufinden, außer, dass die Idee daher stammt. Bleiben wir mal optimistisch, dass hier nicht einfach mit Exotik gepunktet werden soll. Die attraktiv gestalteten Flaschen schlagen mit je rund 2,50€ zu Buche, und wir machen jetzt eine nach der anderen auf.

DjuDju Beer

Das erste in der Reihe ist das DjuDju Mango Beer. Auf dem Etikett liest man als Zutaten Mango und Aromen, ich hoffe mehr auf ersteres. Zucker und Stevia werden eingesetzt, also ist der Purist hier wahrscheinlich schon raus – doch das wäre schade, man verpasst was. Kristallklar und nur mit einem dünnen Schaumkranz versehen steht das Bier im Glas. Es wirkt Safrangelb, mit leichter Blässe, man sieht Mousseux aufsteigen.

DjuDju Mango Beer

Der Geruch ist schonmal sehr angenehm, die Mischung aus Mangofrucht und Bieraromen ist wirklich sehr gelungen. Man ahnt schon, dass es nicht nur künstliche Aromen sind, die hier arbeiten, die süßlich-tropische Note ist klar präsent, kombiniert mit klassischen Getreideaspekten eines Hellen.

Im Mund fühle ich ähnliches – ja, da ist eine etwas künstliche Süße, die vom Zucker und vom Stevia stammt, aber trotzdem kommt mir das ganze gut komponiert vor. Die Frucht ist sowohl von der Aromatik als auch von der leichten Säure her klar definiert, das Bier zeigt sich durch milde Herbe und frische Rezenz. Der Abgang ist kurz und unspektakulär. Klar ist das kein Genussbier für den Conoisseur, sondern ein Erfrischungsgetränk für den Sommer oder zum Essen, aber den Zweck erfüllt es wirklich gut. Wer einen schönen, ungewöhnlichen Ersatz für ein Radler (3,6% Alkoholgehalt bieten sich dafür auch an) sucht, ist hier genau richtig. Keine Kunst, aber unterhaltsam und easy.


Das erste, was mir beim DjuDju Pineapple Beer begegnet, wenn ich die Flasche öffne, ist nicht die Farbe – die ist goldgelb, leicht blässlich, deutlich trüb – sondern der Ananasduft. Das riecht wirklich sehr angenehm, und beim Einschenken verströmt sich der Geruch übers Glas hinaus. Dabei bildet sich auch etwas Schaum, der aber bald auf eine dünne Flaumschicht zusammenfällt.

DjuDju Pineapple Beer

Wie gesagt, der Geruch ist sehr ananassig, mit weiteren Eindrücken von tropischer Frucht, etwas Litschi, etwas Mango, insgesamt wie ein Fruchtkorb, der schon seine besten Zeiten hinter sich hat und das Obst darin etwas anfängt, weich zu werden. Gar nicht schlimm, so mag ich mein Obst eigentlich am liebsten.

Im Mund sind ähnliche Erinnerungen am Gaumen vorhanden, allerdings aufgefrischt durch die für Ananas typische Fruchtsäure und eine schöne Rezenz. Da man das Bier kalt trinken sollte, kommt dies dem Erfrischungsfaktor auch entgegen. Die Frucht wirkt schon leicht esterig, erinnert entfernt etwas an Starkaroma-Baijiu und weiße Gummibärchen. Weiche Textur dazu, was will man mehr, da der Abgang auch mittellang, lange fruchtig und frisch bleibt.

Gefällt mir sehr gut, erneut nicht als klassisches Bier, sondern als Fruchtbier mit Ananas. Wirklich gut gemacht, es wirkt nicht wie ein aromatisiertes Bier, sondern die Frucht ist natürlich und aromatisch in den Brauprozess eingebunden, das schmeckt man auch heraus, finde ich.


Die nächste Frucht ist die Banane, die sich im DjuDju Banana Beer findet. Blassgold, leicht trüb, sehr viel weniger Schaumentwicklung als bei den bisherigen Varianten des Fruchtbiers, und nur minimale Perlage – so dass nach einer Minute überhaupt kein Schaum mehr da ist.

DjuDju Banana Beer

Die Frucht ist dafür sehr klar erriechbar, eine natürliche Note sehr reifer, wohl schon fast matschig-brauner Bananen, mit Konnotationen von Bananenbrot und Obstkuchen mit Streusel und Sahne. Erneut dominiert diese Frucht das gesamte Geruchsbild.

Geschmacklich fühle ich mich tatsächlich, als ob ich in eine schon arg kompostabile Banane beiße, bei der die Vergärung schon eingesetzt hat und ein gewisser Alkoholgehalt dabei entstanden ist. Bananenaroma, ja, aber mit vergorenen und veresterten Seitentönen und einer irgendwie dazu passenden zitronigen Säure. Plastik und Lavendel klingen da noch mit, das wirkt insgesamt unrund und unsauber. Erst spät kommen Malz und Hopfen noch durch, mit einem Touch Nelke, nur im Abgang merkt man, dass man ein Bier vor sich hat.

Wer hier auf ein süßes Bananensmoothie oder ein Bananenweizen gehofft hat, wird erstaunt sein – das ist immer noch frisch und fruchtig, deutlich zitronig, nur im Ansatz süß, aber irgendwie fühle ich mich dabei, als ob beim Brauen was schiefgegangen ist. Aber wahrscheinlich soll das so sein.


Eine Einschränkung, die ich neulich selbst erst durch die Quizshow „Wer weiß denn sowas“ erlernt habe, gebe ich beim DjuDju Passionfruit Beer direkt wieder: Es ist laut Zutatenliste mit Maracuja gebraut, nicht mit Passionsfrucht, die Maracuja ist eine geschmacklich sehr ähnliche, aber optisch etwas unansehlichere Schwester der Passionsfrucht. Nun, diesen Lapsus machen viele Hersteller (weil die Maracuja billiger ist, natürlich!). Ich sehe eine minimal opalisierende Flüssigkeit im Glas, unabhängig davon, die mit ein wenig Schaum ausgestattet ist.

DjuDju Passionfruit Beer

Geruchlich, ja, da ist dieser archetypische Tropenfruchtgeruch, wie wir ihn seit Kindheit aus diversen Säften kennen. Maracuja, etwas Orange, etwas säuerliche Grapefruit, darunter milde Getreidenoten. Ich mag das, auch wenn es sehr eindimensional ist. Der Geschmack ist dafür etwas vielschichtiger, andere Obstsorten kommen gefühlt dazu (auch wenn sie nicht enthalten sind), noch harte Aprikosen, Nektarinen, ein bisschen Weinbergpfirsich. Die Säure ist hier richtig knackig, gebremst durch eine cremige Textur und zugrundeliegende Fruchtsüße – das ist schon sehr süffig, Getreide kommt spät erst zum Vorschein, im mildbitteren, durchaus langen und leicht astringierenden Abgang.

Sehr angenehm zu trinken, voller tropischer Fruchtgeschmäcker, total unkompliziert aber nicht langweilig – das unterhält so richtig, für die kurze Zeit, die man es trinkt, mit richtig hohem Erfrischungsfaktor.


Zu guter letzt schauen wir uns noch das DjuDju Premium Palm Lager, hergestellt mit Palmherzen und Mais, an. Optisch ist es typisch für ein Lagerbier – helles Ocker, leuchtend und kristallklar, mit einem feinen Schaumflaum aus Blasen verschiedener Größe. Leichte Perlage.

DjuDju Premium Palm Lager

In der Nase wirkt es neutral, eine minimale Malzig- und Getreidigkeit ist das einzige, was auf Bier hindeutet. Ich versuche wirklich mit viel Mühe, etwas zu erschnüffeln, aber da ist einfach nichts. An sich auch nicht ungewöhnlich für ein Lagerbier.

Das Bier beginnt eigentlich erst am Gaumen, sich zu öffnen – geschmacklich hat man ein kräftig herbes, getreidiges, recht trockenes Lager vor sich, mit schöner zitroniger Säure und einem ordentlichen Texturvolumen. Frisch und helltönig, 5,2% Alkoholgehalt machen es zum stärksten des Quintetts, und aromatisch ist es das mit Abstand konventionellste. Ich kenne diverse leichte Lager dieser Art, oft aus Asien, die auch Mais einsetzen, und ein vergleichbares Geschmacksbild bieten. Der Abgang ist sehr kurz, frisch und sauber. Nun, das braucht man nicht unbedingt kennen, es ist aber auch keineswegs schlecht – aromatisch uninteressant, aber von der Frische überzeugend.


Kennengelernt habe ich das DjuDju-Bier im African House in Frankfurt, als ich am Vorabend der Spirituosen-, Wein- und Bierwettbewerbs Frankfurt International Trophy im April 2022 allein durch Bockenheim streifte und die Kulinarik der hessischen Weltstadt ausnutzen wollte; und ich kann das kleine, rustikale und irgendwie authentisch wirkende Restaurant mit oastafrikanischen Spezialitäten vom Horn von Afrika jedem empfehlen.

Neben der Exotik, dass kein Besteck auf dem Tisch zur Verfügung steht und man mit den Fingern isst – naja, eigentlich sind die dünnen afrikanischen Fladenbrote, für mich gefühlt schon eher als Pfannkuchen zu bezeichnen, das Besteck und man nimmt sich mit ihnen die oft sehr soßigen Gerichte auf – wurde mir das DjuDju-Bier in einer Kalebasse serviert. Das hat schon Stil, ich wollte mir eine davon beim Hersteller kaufen, doch die sind ausverkauft. Vielleicht komme ich irgendwann mal dran, denn ich bin mir sicher, dass ich das DjuDju-Bier, wenn die 12 Flaschen, die ich zunächst mal bestellt hatte, leer sind, wird nachgekauft, für den unkomplizierten, leichten aber doch aromatischen Durst zwischendurch. Ein wunderbares Partygetränk übrigens!

Schiffbruch in Südafrika – Leonista Reposado

Die blaue Weber-Agave kam, so sagt es die Legende, im Zuge Kolonisierung und Eroberung der Neuen Welt durch die europäischen Großmächte mehr zufällig nach Südafrika – sie wurde als Ballast für Segelschiffe genutzt, und als das eine oder andere ungewollt strandete, verbreitete sich die Pflanze dort schnell, das Klima ist ja nicht völlig unähnlich. In der ariden Region Karoo hat sich die Agave festgesetzt, und wurde dort schnell zu einer Nutzpflanze, die als unpassierbarer, natürlicher Grundstücksabgrenzer, Tierfutter und für diverse andere Zwecke bis heute wertvolle Dienste leistet.

Und nun ist die Pflanze auch im Auftrag des Genusses unterwegs, die Welt hat großen Durst auf Agavenbrände, und da war es ja auch nur eine Frage der Zeit, dass dieses Potenzial gehoben wird. In der Nähe von Graaff-Reinet wachsen die Agaven für 12 Jahre, werden dort geerntet und zur Verarbeitung in die Nähe von Johannesburg transportiert. 48 Stunden dauert der Kochprozess in einem holzbefeuerten Ofen. Biohefen fermentieren die Maische in Stahltanks, und eine einfache Destillation folgt. Für den hier vorgestellten Leonista Reposado kommt das Destillat dann noch für 3 bis 6 Monate in Eichenholzfässer. Für mich als großen Freund der Überführung von schnöder physischer Form von Materie jeder Art in eine höhere, spirituellere Daseinsform ist das natürlich ein Muss – lange habe ich darauf gewartet, dass die Spirituose in Deutschland erhältlich ist. Nun ist sie da, und ich freue mich auf die Verkostung.

Leonista Reposado

Die Löwin auf dem Etikett schaut mich so eindringlich an, da muss man sich etwas konzentrieren, um den optischen Eindruck der Flüssigkeit hinter ihr zu beschreiben. Farblich passt hier jedenfalls alles zusammen, sowohl vom Vergleich zwischen Design und Farbe, als auch von dem von Alter und Farbe. Das blasse Messing sitzt genau richtig, die Schlierenbildung beim langsamen Schwenken tut ihr Übriges.

In der Nase finde ich als allerersten Eindruck den Geruch von Kaffeepulver, leicht oxidiert, als wenn es schon eine Weile offensteht. Insgesamt sehr vegetal und pflanzlich-erdig; feuchte Erde, Agavenfleisch, feuchtes Holz, nasses Laub. Irgendwie nicht so recht zum Wüstenklima passend, mit all den feuchten Eindrücken, aber jedenfalls spannend und ungewöhnlich, und sich bereits hier deutlich vom mexikanischen Vorbild emanzipierend. Das könnte man blind aber dennoch durchaus für einen Tequila halten, da will ich nicht drumherumreden. Ich mag diese holzig-harzige Art jedenfalls, und den Unterschied, den die Weberagave in Südafrika scheinbar doch etwas eigen macht im Vergleich zu der in Mexiko.

Leonista Reposado Glas

Im Mund geht es ähnlich weiter, man schmeckt deutlich die Agave, da gibt es kein Herumdeuten, mit schöner unterschwelliger Fruchtsüße und einer gewissen Mineralität, die an Steine und salziges Brackwasser erinnert, weniger an die Algen, die ich sonst oft damit assoziiere. Milde Aprikosen kommen dazu, etwas Zwetschgen. Im Verlauf kommt dann deutliche Würze auf, schwarzer Pfeffer, etwas Chili, das auch den Gaumen kitzelt und langanhaltend reizt; der Alkoholgehalt von 43% ist es jedenfalls nicht, der wirkt sauber eingebunden. Deutliche Bittere entsteht dann, die ganz besonders im langen Abgang im Rachen und an den Mandeln spürbar wird, und in einer nicht unerheblichen Astringenz, ohne wirklich trocken zu wirken. Sehr holzig, harzig und erdig klingt der Leonista Reposado dann aus, mit Erinnerungen an Kümmel – ein wirklich spannender Geschmacksbogen, der viele Eindrücke aufsammelt und subtil anbietet.

Ich will eine Spirituose eigentlich eigenständig beschreiben, und nicht nur dauernd im Vergleich zu einer anderen – hier muss man aber irgendwie auf Tequila verweisen, nicht ganz so mild und klar wie die meisten, die ich kenne, sondern eher herb, bitter und fast schon rauchig, mit viel Holzcharakter. Ein Tequila mit Twist, so könnte man das sagen; ich muss jedenfalls anerkennen, das das sich sehr interessant trinkt und auch genug aromatisch eigenständig ist, dass man den Vergleich zu Mexiko gar nicht unbedingt immer ziehen müsste.


Als Cocktailempfehlung habe ich dennoch nach Referenzen für andere Agavenbrände gesucht, der Markt für Rezepte ist bezüglich Agavendestillaten einfach schon sehr auf ein Land konzentriert. Der Squeaky Wheel würde eigentlich gern Mezcal in sich sehen, doch mir dem Leonista Reposado hat man diese schöne, holzige Bittere, die gerade in Kombination mit Campari einen wirklich herben Drink erzeugt – und dabei dennoch süßsüffig bleibt.

Squeaky Wheel Cocktail

Squeaky Wheel
5/6oz / 25ml Mezcal
1oz / 30ml Campari
¾oz / 23ml Kaffeelikör
¼oz / 7ml Amaretto
2 Spritzer Angostura Bitters
Auf Eis rühren. Mit Orangenzeste absprühen.

[Rezept nach Nicolas Bennett]


Einen ersten Eindruck des Designs hatte ich ja schon bei der Beschreibung der Optik mitgegeben, da macht man alles richtig, finde ich – breitschultrige, gedrungene Flasche in Apothekerform, geschickt platzierte Etiketten in hochwertiger Gestaltung, dazu ein toller Kontrast mit dem schwarzen Geschenkkarton.


Es gibt, wie in der Einleitung angedeutet, eine gewisse historische Verbindung zwischen den Agaven Mexikos und Südafrikas, daher bin ich etwas entspannter, wenn für einen eigentlich afrikanisches Destillat so viele spanische Begriffe verwendet werden, die dort normalerweise keine Grundlage hätten – der Vorwurf des Mitreitens auf einem Erfolgsmodell der Mezcaleros und Tequilabrenner und der Unterwanderung einer geschützten geografischen Angabe hätte aber meiner Meinung nach durchaus vermieden werden können, wenn die Hersteller konsequent das afrikanische Element betont hätten, statt sich so sehr mit den ureigenen Ideen der mittelamerikanischen Konkurrenten zu schmücken, oder sich auf sozialen Medien arg in die Tequila-spezifischen Feste und Ereignisse einzuklinken. Ich hoffe auf ein Umdenken diesbezüglich; der Brand selbst kann was und sollte gerade darum seine eigene Natur und geografische Umgebung als Vermarktungskriterium stärker in den Fokus rücken.

Die Hersteller versuchen jedenfalls immerhin, ein nachhaltiges Geschäftsmodell aufzuziehen, und pflanzen für jede geerntete Agave drei neue an. Blätter und Fasern der Agaven werden als Dünger und Tierfutter „upcycled“, und ein Teil des Gewinns wird für regionale Naturerhaltungsmaßnahmen gespendet. Eine Biozertifizierung ist auch vorhanden. Ein grundsätzliches Verständnis für die Spirituosenethik ist daher definitiv schon da, was mich positiv stimmt.

Ich bin also leicht zwiespältig gespannt, wie sich das Projekt weiterentwickelt. Den ungereiften Leonista habe ich auf meiner Wunschliste, und ich blicke neugierig auch auf den noch ein paar Monate länger gereiften Leonista Reposado Black. Man hat noch was auf der Pfanne in Südafrika, und es ist kein gegrilltes Löwenfleisch.

Bier am Freitag – The Thirsty Fox Mauritian Craft Beer Amber Ale und Pale Ale

Neulich hatte ich einen Rum aus Mauritius, der Insel im indischen Ozean, besprochen. Dort wird schon lange Rum hergestellt, eine Tradition, das Handwerk ist eingeübt und die Materialien erprobt. Doch die Familie Oxenham ruht sich darauf nicht aus, man probiert auch vergleichsweise ungewöhnliche Wege – wie das Brauen von Craftbier. Bier trinkt man ja praktisch überall auf der Welt, warum also nicht auch auf Mauritius. Dafür wurde 2019 die Oxenham Craft Brewery als weitere Tochtergesellschaft gegründet, man ist also noch recht frisch im Biergeschäft. Die hier vorgestellten The Thirsty Fox Mauritian Craft Beer Amber Ale und Pale Ale sind beide mit 5% eingebraut – mal schauen, was die Mauritianer bierbezüglich können.

The Thirsty Fox Mauritian Craft Beer Amber Ale und Pale Ale

Das The Thirsty Fox Mauritian Craft Beer Pale Ale kommt mir schon fast etwas dunkel vor für ein Pale Ale, das die Bleiche ja schon im Namen trägt. Wir nähern uns dem Terracotta, die starke Trübung unterstützt das noch. Schaum muss man bei einem Ale oft suchen, hier ist immerhin eine hübsche Glasrandtonsur aus großen Blasen vorhanden, die sich lange hält. Die Nase ist sehr fruchtig, klar vom Hopfen dominiert, dabei nicht kratzig, sondern eher dunkelsüß, was zur Optik irgendwie passt. Eindrücke von Cola, Ananas und reifen Guaven, gar nicht unangenehm, etwas marmeladig schon. Milde Hefigkeit und etwas Getreidewürze kommen danach noch dazu.

The Thirsty Fox Mauritian Craft Beer Pale Ale

Sehr analog zu den erschnupperten Aromen verhält das Ale sich am Gaumen, weich, sehr mild, sehr fruchtig zunächst, was sich im Verlauf dann etwas wandelt, Hefe kommt stark nach vorn und eine sanfte, getreidige Trockenheit und milde Herbe (20 IBU) setzen ein, ohne dabei wirklich hart bitter oder kantig zu werden – eine Grundsüße bleibt beständig erhalten. Dicke Textur und starke Karbonisierung machen ein tolles Mundgefühl, allein, es fehlt zunächst etwas an Spritzigkeit und Rezenz, doch im mittellangen Abgang kümmert sich dann etwas Säure darum, das aufzulockern; 100%ig rund wirkt es dabei dann, ehrlicherweise, nicht.

Ein unterhaltsames Bier, für seinen Bierstil vielleicht etwas zu zurückhaltend, aber mit schöner Frucht und gleichzeitig hoher Biertypizität ausgestattet – besonders letzteres weiß ich nach all den Hopfenbomben, die kaum mehr nach Bier schmecken, zu schätzen.


The Thirsty Fox Mauritian Craft Beer Amber Ale ist noch deutlich dunkler, geht irgendwo zwischen gebrannter Siena und Haselnuss ins Glas, volltrüb und mit nur leichter Schaumentwicklung. Erschnuppern kann man minimalst röstiges, karamelliges Malz, und eine weiche, volle Fruchtkomponente aus Pflaumen, Datteln und Feigen. Gar nicht unangenehm, muss ich sagen, und es drängt sich einem nicht auf.

The Thirsty Fox Mauritian Craft Beer Amber Ale

Diese beschriebenen Seiten finde ich dann auch im Mund, leicht röstig und nussig, definitiv vom Malz eher getrieben als vom Hopfen, dann nur ansatzweise fruchtig, auch hier wieder die schwereren, süßeren Früchte. Dabei wird das Amber Ale aber nie wirklich selbst schwer, gute Rezenz, kräftige Säure und schöne Karbonisierung machen das Bier trotz Farbe sehr erfrischend. Wie schon beim Pale Ale ist da eine gewisse Schalheit, die aus Mangel an Körper entsteht, auch wenn das Mundgefühl wieder angenehm ist, mit etwas an Prickeligkeit. Der Abgang ist mittellang, hier nun klar nussig und malzig, vergleichsweise trocken und herb (16 IBU) – sehr schön, wie lange die Röstnoten nachklingen.


Zwei schöne Biere, man merkt ihnen zwar in ein paar Details etwas an, dass hier vor wenigen Jahren erst begonnen wurde mit dem Brauen, doch dafür schlagen sie sich wirklich respektabel. Da sich beide Exemplare bereits dem Ende der empfohlenen Trinkhaltbarkeit näherten, und doch einiges an Kilometern an Transport auf dem Buckel haben, möchte ich auch dies mit in die Bewertung miteinbeziehen. Mit etwas mehr Erfahrung wird das richtig tolles Bier werden, da bin ich mir sicher, und ich wäre gespannt auf frisches Bier direkt vor Ort! Mal schauen, ob das mal machbar wird.

Offenlegung: Ich danke FFL -RUM Brands- für die kosten- und bedingungslose Zusendung je einer Flasche dieses Biers.

Altmodische Farben – Hampden Estate Gold Rum

Neulich, bei meiner Besprechung des Saint James Royal Ambré, habe ich mich zu Beginn darüber ausgelassen, dass das Wort „Ambré“ eigentlich aus der Zeit gefallen ist, und dass man heutzutage Rum nicht mehr über die Farbe klassifiziert. Nun hier das Äquivalent dazu, aus dem englischsprachigen Raum – der Hampden Estate Gold Rum. Ich vermute, dass diese Art der Beschreibung nicht wirklich kleinzukriegen ist, dazu haben sich sowohl uninformierte Konsumenten als auch bequeme Hersteller zu sehr daran gewöhnt. Viele der aktuell neu auf den Markt kommenden Produkte von namhaften Herstellern versuchen, sich davon zu lösen und sich lieber an handfestere Kriterien, wie echten oder zumindest kategorisierenden Altersangaben, zu halten. Es wird noch ein weiter Weg sein für uns Freunde der Transparenz. Bis dahin geben wir dem Hampden Estate Gold Rum aber einfach mal eine Chance im Glas.

Hampden Gold Jamaican Rum

Die Farbe ist blasser Bernstein, wirkt etwas strohig – das zugefügte E150a dient zumindest nicht dazu, den Rum 20 Jahre alt wirken zu lassen (ein Alter ist nicht angegeben, er ist vermutlich irgendwo um die 2 oder 3 Jahre alt). Eine leichte Viskosität sorgt für Schwere im Glas beim Schwenken; die Beine, die dadurch entstehen, laufen schnell und dick ab.

Der Geruch ist natürlich sehr jamaica-typisch, das kennt man von Hampden nicht anders. Wir haben hier aber keinen Hochesterrum vor uns, daher ist die Säure zurückgenommen, die verrottende Frucht ebenso. Die Ananas und die Banane, die ich hier rieche, ist höchstens schon dunkelbraun, nicht matschig. Darüber liegt eine starke Getreidenote, etwas feuchter Karton, frisch abgelutschte Kirsch- und zerstoßene Aprikosenkerne. Etwas Ethanol scheint durch.

Der Antrunk ist süßlich und erstmal etwas überraschend flach. Frucht übernimmt nun schon, im Verlauf kommt viel Schokolade und Kakao dazu. Etwas Nuss, Cashew- oder Walnuss. 40% Alkoholgehalt sind gut eingebunden, allerdings fühlt sich dieser Rum doch arg verdünnt und schwachbrüstig an. Mir fehlt es einfach an Breite und Tiefe.

Hampden Gold Glas

Der Abgang ist sehr süß, mildfruchtig, ausgesprochen schokoladig. Buttrig und gleichzeitig minzig, ganz zum Schluss kommt etwas kaltes Feuer auf, das aber nur am Gaumen für Kühlung sorgt und nicht bis in den Magen. Erneut kommt etwas Getreidiges vor, und ein Eisenton. Etwas kurz und schmal, insbesondere für das, was man aktuell von Hampden erwartet.

Ein einfacher Rum, solide, aber ohne große Spannung und Komplexität. Ein Basisprodukt, das als Mixrum eingesetzt werden kann, wenn das Rezept nach „Jamaica-Rum“ verlangt, man aber nicht die Kanonen auspacken will. Wie im Allie Elizabeth Sleeping, wo die kleine Dosis an Rum nicht die gesamte Aromatik übernehmen, sondern nur einen Schuss Exotik erzeugen soll.

Allie Elizabeth Sleeping


Allie Elizabeth Sleeping
1 oz PX Sherry
¾ oz trockener Wermut
½ oz Jamaikanischer Rum
½ oz Mezcal
3  Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Sean Muller]


Das ungewöhnliche an diesem Rum ist unter anderem auch die „halbe“ Flasche – für mich immer etwas Positives, denn so probiert man einfach mal aus und hat nicht die große Flasche ewig offen stehen. Selbst die kleine Flasche ist nun seit 3 Jahren bei mir im Regal, man sieht, es gibt nicht wirklich viel Grund für mich, sie bevorzugt auszupacken. Ich werde sie jetzt zeitnah dennoch für Cocktails leeren, denn besser werden offene Flaschen nur extrem selten. Wer einen einfachen Rum mit etwas Jamaica-Charakter sucht, mag hier zugreifen; in der heutigen Zeit gibt es aber eigentlich genug attraktivere Alternativen, sei es von Hampden selbst, oder von Worthy Park oder Appleton.

Bier am Freitag – A Tottu Fua Birra Ambrata

Man entdeckt heute in Bieren schon eine große Diversität von Getreiden, auch wenn Gerste und Weizen immer noch den Hauptanteil stellen. Öfters sehe ich in letzter Zeit aber auch Hafer, manchmal Roggen; insbesondere in Ländern, die gern leichte Biere trinken, wird gern Mais oder Reis verwendet. Im A Tottu Fua Birra Ambrata finde ich zum ersten Mal Hartweizen, im Speziellen Grano duro Cappelli aus Sardinien, den man manchmal die „Königin des Hartweizens“ nennt. Sowas ist schon spannend für mich, der ich gern experimentiere in der Bierwelt. Ich sinniere über das auf dem Etikett seitlich abgedruckte Gedicht von Anna Cristina Serra, während ich mir das sardische Bier zu Gemüte führe.

A Tottu Fua Birra Ambrata

Der Name sagt es schon, was uns farblich im Glas erwartet – ein schönes, dunkles Bernstein, das eigentlich schon in Kupfer übergeht. Eine minimale Trübung unterstützt den optischen Effekt, und der beim Eingießen sehr aktive und grobblasige Schaum bleibt auch eine Weile erhalten. Sehr aromatisch beginnt die Nase, mit Erinnerungen an Fruchtmarmelade, Malz und Obst. Dezent eingesetzter Aromahopfen kann sehr wirksam sein, man muss nicht dauernd alles stopfen!

Weich und rund passt sich der Antrunk dann auch diesen ersten Eindrücken an, malzig, mildfruchtig, mit ideal getroffener Karbonisierung. Wunderbare Süß-Sauer-Balance macht das Bier so richtig süffig, und trotz des vollen Körpers ist da eine sehr attraktive Rezenz. 5,0% Alkoholgehalt machen sich gut. Der Abgang ist kurz, leicht getreidig, mit sehr milder Adstringenz.

Ein sehr hübsch gestaltetes Bier, frisch und leicht, dennoch aromatisch und voll – von all den sardischen Bieren, die mir mein Leser Uwe vor einiger Zeit zur Verfügung gestellt hat, ist es das letzte und für mich persönlich dann das beste. Sardinien war vor dieser Serie in keiner Form auf meinem Bierradar; jetzt liegt die Insel sogar auf den Plätzen, die mich neugierig auf noch mehr machen. Weiterhin, darum: curre, curre, a tottu fua!

Historische Bitterorange – Pierre Ferrand Dry Curaçao

David Wondrich hat viel zu tun. Der Cocktailhistoriker schreibt ausgesprochen schöne Bücher, hat eine sehr lesenswerte Kolumne bei esquire.com, und ist überall zu sehen, wo sich die Größen der Cocktailwelt tummeln. Und er arbeitet mit Spirituosenherstellern zusammen, um Zutaten wiederzubeleben, die früher anders hergestellt wurden als es heute oft der Fall ist. Er hatte seine Hand beim wirklich ausgesprochen gut gelungenen Stiggin’s Fancy Plantation Pineapple Rum im Spiel, und nun folgt sein zweiter Streich.

Auch beim Pierre Ferrand Dry Curaçao hat Wondrich also mitgewirkt, hier erstaunt es mich doch noch deutlich weniger als beim Ananasrum, denn Triple Sec / Curaçao ist natürlich eine sehr klassische Cocktailzutat, die den Umbruch der 80er und den Rückumbruch der 2010er Jahre schadlos überstanden hat, was man nicht von vielen Zutaten sagen kann – es ist aber kein Wunder, denn Triple Sec ist eigentlich aus Drinks keiner Epoche wegzudenken. Dabei hat der Bitterorangenlikör durchaus auch seinen eigenen Wandel erfahren; teilweise ist er zum pappigsüßen Zuckerlikör verkommen, der höchstens noch für Crêpe Suzette taugt. Nach einem Rezept aus dem 19. Jahrhundert soll man hier stattdessen einen klassisch-französischen Curaçao vorfinden. Probieren wir mal, ob wir den Unterschied herausschmecken.

Ferrand Dry Curaçao

Man sieht die Farbe schon in der Flasche, im etwas kleineren Glas wirkt sie noch leuchtender. Schönes, helles Gold, mit weißen Reflexen. Der Orangenlikör bewegt sich, wie man es von einem Likör erwartet, schwer und träge, hinterlässt Beinchen, die am Glas fast stehen bleiben.

Geruchlich wird nicht viel drumherum gemacht, da ist die Bitterorange als erste und dominante Komponente, so wie es sein soll. Deutliche Schokoladennoten kommen schnell dazu, sie werden immer stärker, bis man stellenweise meint, eine Crème de Cacao vor sich zu haben. Die gesamte Basis ist Weinbrand (32% Cognac und 68% „Weindestillat“, denn Cognac hat strenge Regeln, ab wann er sich so nennen darf), bildet aber dennoch nur die Grundschicht, die im Gegensatz zu vielen Triple Secs, die auf Neutralsprit basieren, sich nie dominant nach vorne drängt. Eine Gewürznote nach gut mit Puderzucker überstreutem Fruchtstollen komplettiert eine sehr komplexe, vielschichte Nase.

Pierre Ferrand Dry Curaçao Glas

Das Wort „Dry“ auf dem Etikettist natürlich relativ innerhalb der Likörkategorie, die per Definition sehr viel Zucker enthält, zu lesen. Darum darf man hier keine echte Trockenheit erwarten. Hat man den Pierre Ferrand Dry Curaçao erstmal im Mund, beginnt zunächst der Zucker, sich zu melden. Schnell kommen dann aber die Bitterorange und Gewürze sowie geröstete Mandeln zum Vorschein und verdrängen den Süßeeindruck durch etwas Komplexeres. Da ist viel Power und Wucht, etwas, was man bei 40% Alkoholgehalt nicht unbedingt so konsequent erwartet hätte; die Weinbrandbasis kümmert sich darüber hinaus um Breite und Tiefe. Die gerochene Schokolade ist auch jetzt sehr präsent.

Der Abgang schließlich ist überraschend lang und vielschichtig, sehr schön blumig, fruchtig und fettsüß, ohne pappig zu wirken. Selbst die Schicht, die so ein Likör auf den Lippen hinterlassen darf, ist aromatisch und nicht nur süß. Ein schokoladig-nussiger Nachhall gefällt. Das Fazit – ein sehr ausgewogener, wuchtiger, hocharomatischer Triple Sec, der jeden anderen Likör dieser Gattung, den ich bisher probieren durfte, locker in den Schatten stellt.


Das ist wirklich was, was man pur selbst ohne Eis gemütlich vor sich hin schlürfen kann nach dem Essen. Der Haupteinsatzzweck eines Triple Secs wird dennoch immer der Cocktail bleiben. Der Calvados Cocktail aus Harry Craddocks Savoy-Cocktailbuch müsste eigentlich „Orange Cocktail“ heißen, wenn man mich fragt. Orangenlikör, Orangensaft, Orangenbitter – der Apfelbrand ist eigentlich eher der Exot in diesem fruchtigen, aromatischen Drink, der mit dem trockenen Triple Sec von Ferrand einen doch irgendwie anderen Charakter hat als mit einem Cointreau.

Calvados Cocktail

Calvados Cocktail
1½ oz Calvados
¾ oz Triple Sec
1½ oz Orangensaft
2 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Harry Craddock]


Die Flasche ist jedenfalls schonmal ungewöhnlich gestaltet, in ihrer quadratischen, kurzhalsigen Form. Das Etikett ist voll auf Retro gemacht, mit orange-beige gehaltenen Illustrationen und altmodischen Schriftarten – es passt hier alles zusammen, das ganze Produkt wirkt einfach wie aus einem Guss. Ich mag besonders, wie das Rücketikett die Nerdunterscheidung zwischen Punches, Slings, Fizzes und Cocktails macht – das ist sicherlich auf dem Mist des Cocktailhistorikers Wondrich gewachsen, diese Unterscheidung ist heutzutage kaum mehr präsent, jeder gemischte Drink ist heute ein „Cocktail“. Wer sich dafür interessiert, wie es früher war, und was eigentlich einen Cocktail zu einem Cocktail macht, dem empfehle ich dringendst die Lektüre der Bücher Wondrichs. Wer ein paar Vergleichswerte zum Pierre Ferrand Dry Curaçao sucht, den verweise ich auf meine Artikel zu anderen Orangenlikören, zu finden hier (Chadess), hier (Le Favori), hier (Clément Créole Shrubb). und hier (Grand Marnier Cordon Jaune/Rouge). Keiner kommt an den Pierre Ferrand Dry Curaçao heran – den Aufpreis, den man für dieses sehr hochwertige Produkt im Vergleich zahlt, ist jeden Cent wert.

Bier am Freitag – Kuehn Kunz Rosen Kuehnes Blondes

Seit meinem ersten Witbier, das ich irgendwann vor Jahren in der inzwischen leider geschlossenen Bar „Tempelier“ in Saarbrücken, die eine riesige Auswahl belgischer Biere in den dazu passenden Trinkgläsern anbot, trank, bin ich dem Bierstil irgendwie verfallen. Heute muss man für Witbier allerdings nicht nach Belgien schauen, diverse deutsche Brauer trauen sich daran, wenn deutsche Biergesetze sie nicht daran hindern, die Zugabe von Orangenschale und Koriander in Bier wird nicht überall hierzulande gern gesehen, obwohl Witbier ein sehr traditioneller Bierstil ist und diese Zutaten sehr natürlich sind. Das Kuehn Kunz Rosen Kuehnes Blondes ist damit auch ein Beispiel für die Experimentierfreudigkeit heutzutage – die Mainzer Brauer verpacken es dann noch in Flaschen, die mit tollen Etiketten mit frechen Illustrationen versehen sind. Da ist man durchaus darauf gespannt, was nun kommt, wenn man den Kronkorken abzieht!

Kuehn Kunz Rosen Kuehnes Blondes

Es sind wohl die Haferflocken, die du blickdichte Trübe erzeugen. Durch diesen Kniff bekommt das Blonde eine schön durchgängige, leicht blasse Maisfarbe. Keinerlei Perlage ist erkennbar; der Schaum ist stiltypisch sehr dünn und verschwindet im Verlauf fast komplett. Geruchlich sind wir auch typisch bei Wit: leicht hopfig (Mandarina Bavaria wurde verwendet), durch die eingesetzten Gewürze auch Noten von Orange. Eine leichte Hefigkeit nehme ich wahr, und, wenn ich tief schnuppere, auch eine gewisse Kräuterigkeit durch die anderen Zutaten. Insgesamt mag ich diese Aromatik, bin schon seit langer Zeit ein großer Witbierfan.

Im Mund beginnt das Kuehne Blonde sehr würzig, fast schon leicht pfeffrig. Haben die Orangenschalen und der Hopfen die Nase dominiert, so sind Koriander und Paradieskörner die ersten geschmacklichen Eindrücke. Dabei wirkt das Bier leicht und frisch, ausgesprochen rezent, mit dennoch angenehm rundem Mundgefühl. Im Verlauf erhalte ich Noten von Nelken, das erinnert dann beinahe an ein frisches Hefeweizen. Mit 4,9% Alkoholgehalt haben wir einen leichten, helltönigen Körper – auch das erwarte ich bei diesem Bierstil natürlich. Der Abgang ist mittellang, immer noch durch die besonderen Zutaten gesteuert, mit leichter Adstringenz auf der Zungenspitze und schöner Feinherbe. Leicht blumige Noten, die dann wieder in Gewürze übergehen, hallen noch etwas nach, mit Effekten von gut eingestellter Trockenheit.

Mit gefällt diese Wit-Interpretation sehr, gerade die Vielschichtigkeit, mit der Nase und Gaumen auseinandergesteuert werden, ist sehr reizvoll, und auch, dass man die einzelnen Zutaten wirklich en detail herausschmecken kann. „Kühn“ ist es im Wortsinne vielleicht dann doch nicht (das will ich auch nicht ständig haben bei Bier), aber doch ambitioniert und auf jeden Fall handwerklich hervorragend gemacht.

Federn, Käfige und Zungen – Moscoso Distillers Kléren Clairin Vieux und Réserve des VIP

Mein erster direkter Kontakt mit einer Kreolsprache war vor wenigen Tagen, als ich mit Spirits Selection by Concours de Mondial de Bruxelles für eine aufregende Woche auf der französischen Antilleninsel Guadeloupe unterwegs war. Die meisten Einwohner der Insel sprechen das guadeloupische Créole, das sich doch deutlich vom französischen unterscheidet. Auch Ortsschilder sind zweisprachig gehalten, so dass man sehr direkt die Ähnlichkeiten und Unterschiede erkennen kann. Es gibt kein einzelnes Créole, selbst das von Martinique unterscheidet sich etwas von dem von Guadeloupe, und natürlich dann von anderen geografischen Gebieten – die größte Spracheinheit bildet dabei das haitianische Créole, auch dieses entstanden durch eine Vermengung französischer Sprache mit den nativen Sprachen der Bevölkerung (ich vereinfache hier natürlich extrem, die Linguistik liebt Kreolsprachen und forscht an ihnen extensiv). Oft sieht man dabei französische Wörter, die mehr oder weniger stark remodelliert werden – so dass man als Franzose das Créole zwar grob verfolgen kann, aber es doch mehr ist als ein Dialekt und nicht unbedingt vollumfänglich verständlich.

„Kléren Nasyonal“ ist dafür schon ein kleines, einfaches Beispiel, das zeigt, wie die französischen Wörter im Kreolischen eine leichte Laut- und Schriftwandlung erfahren können. Auf den Etiketten der Brände von Moscoso Distillers ist die kreolische Variante jedenfalls bevorzugt abgedruckt, man macht das sicherlich, um die Herkunft der Spirituose zu betonen, vielleicht auch, um sich von der auf dem europäischen Markt bereits vorhandenen Konkurrenz abzugrenzen. Jules Moscoso war der Gründer der Firma in Léogâne am Anfang des 20. Jahrhunderts, inzwischen ist Michael „Didi“ Moscoso am Ruder, seit drei Generationen stellt man also schon Spirituosen her, mit Zuchthefen fermentiert und in einer Kombination von Potstill und kreolischer Kupfersäule mit 5 oder 6 Platten, direkt mit Holz befeuert, gebrannt. Wir haben uns bei Clairin ja schon etwas an wildwuchtige, krasse Brände gewöhnt, an die man sich langsam rantasten muss – verhalten sich diese Klérens hier ähnlich? Finden wir es heraus, ich habe mir dafür den Kléren Clairin Vieux Première Cuvée l’Agricole und den Réserve des VIP Petit Bijoux de Beauvoir aus dem Portfolio ausgesucht.

Moscoso Distillers Kléren Clairin Vieux und Réserve des VIP

Zunächst wenden wir uns dem Kléren Clairin Vieux zu, der mit dem Untertitel „Première Cuvée l’Agricole“ noch das Triggerwort beinhaltet, das die französischen Regelwächter schnell auf den Plan bringt – dazu am Ende noch ein Wort. Hergestellt wird das Basisdestillat aus Zuckerrohrsaft, Madame Meuze ist die Zuckerrohrsorte, die aufmerksame Leser meines Blogs bereits vom Clairin Sonson her kennen. Wer das Basisdestillat ohne Reifung probieren will, kann dies tun – es ist als Kléren Traditionnel 22 auch erhältlich. Neue Fässer aus amerikanischer Eiche kommen zum Einsatz.

Moscoso Distillers Kléren Clairin Vieux

Für 3 Monate in diesen Fässern ist die Farbe des gereiften Kléren schon sehr kräftig geworden, karibisches Klima mit entsprechender Extraktion und neue, kleine Fässer (im französischen Text als „mini fût“ bezeichnet) haben ordentlich Arbeit geleistet und einen leuchtenden Kupferton erzeugt, der in der Flasche viel dunkler aussieht als im Glas. Passend lebendig bewegt sich die Spirituose dort, Beinchen laufen gemächlich ab.

Die Nase erinnert mich zunächst an einen klassischen rhum agricole ambré oder „elevé sous bois“, also mit nur leichtem Holzkontakt – was natürlich nicht verwunderlich ist, nimmt man die Ähnlichkeit der Herstellungsweise. Ähnlich grasig, deutlich holzig, dann aber mit doch viel mehr Vanille und Zimt, und weniger Kante als Verwandte von den französischen Antillen. Ein fast schon verführerisch gewürzlastiger Duft, süßlich, aromatisch, mit milder Frucht aus Feigen und Rosinen, und ordentlich Butterscotch oben drauf. Schnuppert man sehr tief, findet sich eine vorsichtige Lacknote.

Moscoso Distillers Kléren Clairin Vieux Glas

Der Antrunk ist zunächst zart und süß, getragen von viel Nougat, Butter und Christstollen. Sehr weich, rund und voll legt der Kléren sich überall an den Gaumen, gibt richtig viel Vanille frei, zusammen mit Salzkaramell und zerdrückten Macadamianüssen. Die Süße und die Textur bilden ein tolles Duo, unterstützen sich gegenseitig und kreieren ein sehr apartes Mundgefühl. Im Verlauf kommt dann die Holzwürze immer stärker voran, mit 50% Alkoholgehalt beginnt der Kléren Vieux nun zu kitzeln und schließlich ordentlich Feuer zu entwickeln. Leicht grasige Töne begleiten uns die ganze Zeit, da ist Komplexität drin, aber keinerlei Schwierigkeit oder Anstrengung, die sehr präsente, leicht nussige Vanille fängt alles am Ende auf. Der Abgang ist lang, sehr würzig, etwas mineralisch, kühlt nun nach all dem Feuer den Gaumen und hinterlässt eine angenehme, immer noch süße Frische, mit einem leicht metallischen Ton und dezenter Bittere.

Das trinkt sich richtig easy, dabei ist der Kléren voll und fettaromatisch, dicht und kräftig, mit viel Power und das alles ohne wild oder mühevoll zu werden. Die Reifung hat volle Granate zugeschlagen, Vanille erdrückt vielleicht viel von Spannung, die man noch gern hätte, aber wer einen gereiften Clairin probieren und dabei nicht überfahren werden will von wilder Unzivilisiertheit, ist hier genau richtig.


Wenden wir uns nun dem Kléren Réserve des VIP Petit Bijoux de Beauvoir zu – einem ganz anderen Biest, als wir das von Clairin gewohnt sind. Er wird destilliert in der Destillerie Beauvoir-Leriche in Léogâne und von Moscoso abgefüllt und vermarktet. Der Hauptunterschied zu allen anderen Clairins, die ich bisher kenne, ist, dass das „kleine Juwel“ aus Zuckerrohrsaftsirup hergestellt wird – dieser ist praktisch Bioqualität, aber nicht zertifiziert, das wäre für die meisten haitianischen Hersteller völlig unerschwinglich. Eine Kupferkolonne mit 12 Platten kommt zum Einsatz.

Kléren Réserve des VIP Petit Bijoux de Beauvoir

Zur Farbe gibt es nichts dramatisch unerwartetes zu berichten, kristallklar, transparent, ohne Fehler oder Mängel. Im Glas schwappt der Kléren richtig schwer und viskos hin und her, das fühlt sich fast wie Sirup an. Entsprechend bleiben dicke Beine eng aneinander an der Glaswand stehen, und fließen nur widerwillig ab. Die Nase ist dagegen wirklich unerwartet: da rieche ich eine sehr angenehme, milde Mischung aus Frucht, Gras und Getreide, jedenfalls völlig anders zu allen Clairins, die ich kenne. Da ist trotz des Alkoholgehalts von 57,5% keinerlei Stechen oder Pieksen, eine milde Floralität kommt dazu, die an Lavendel und Rosmarin erinnert. Aprikosen, Mango, vielleicht etwas Vogelbeere, unreife Ananas, deutlich Bergamotte. Das ganze aber nicht faustmäßig ins Gesicht, sondern subtil, elegant, sehr ansprechend.

Extrem süß beginnt der Antrunk, mit einem fetten Mundgefühl, das die Optik ja schon angedeutet hatte, dick und ölig wie Sirup, selten habe ich das in dieser extremen Form erlebt. Tolle Würze entsteht dabei, Kardamom, Muskatnuss, verbrannter Zucker – richtig aromatisch und voll. Die Frucht ist dabei vorhanden, aber deutlich zurückgenommen, mit der milden Umami-Note eines Vogelbeerbrands und später klar aufkommender Salzigkeit, dabei alles wunderbar integriert und rund in ein Gesamtbild eingebettet. Feuer entsteht und Säure, auch hier passend und nicht störend, die Würze unterstützend. Dann auch Grasigkeit, frisch gemähtes Gras, und milde Kräuter wie Rosmarin, Thymian und ein Anflug von Minze ganz am Schluss. Der Abgang ist mild, dabei lang und sehr grasig, mit einer Note von grüner Walnuss und Kürbiskernöl.

Kléren Réserve des VIP Petit Bijoux de Beauvoir Glas

Ein wirklich ungewöhnlicher Brand, sehr flauschig und superangenehm zu trinken, mit einer Viskosität, wie man sie selten findet. Darüber hinaus setzt sich der Kléren Réserve des VIP Petit Bijoux de Beauvoir in jedem Aspekt sehr deutlich von allen anderen Produkten dieser Spirituosengattung ab, die Aromatik ist noch erkennbar und zuzuordnen, aber mit völlig eigenem Charakter – man stelle sich einen Clairin vor, mit der Aromatik, die man kennt, aber runder, subtiler, insgesamt einfach etwas weniger aggro. Das gefällt mir ausgesprochen gut. Ausgesprochen gut. Sicherlich ein Grenzgänger, was die Kategorie angeht, oder auch ehrlicherweise schon ein deutlicher Ausreißer, zumindest in Bezug auf die Herstellungsweise.


La Maison & Velier (LM&V) hatten eine Checkliste zusammengestellt, was für sie „echten Clairin“ ausmacht. Diese Klérens hier machen ein paar Dinge anders, der Einsatz von Zuchthefen (und natürlich Zuckerrohrsirup beim Réserve des VIP) beispielsweise, oder eine Herabsetzung auf Trinkstärke. Da die Liste nicht offiziellen Gesetzescharakter hat (wenn auch viele Brenner in Haiti sich dieser Initiative angeschlossen haben), und der dagegen schon bereits vorhandene Schutz auf UNESCO-Ebene keine Herstellungsdetails beinhaltet, muss man sich erstmal eher auf philosophischer Ebene damit auseinandersetzen; spannend wird es sein, wie sich die Kategorie in Zukunft diesbezüglich entwickelt. Meine persönliche Meinung dazu ist, dass man bei Mezcal in Mexiko sehen kann, dass eine Überregulierung und -standardisierung auch seine Nachteile haben kann und keinen Schutz für kleine Brenner bietet, sondern sie eher an den Rand drängt. Clairin hat sich über Jahrhunderte in freier Wildbahn zu dem entwickelt, was er heute ist, und ob ein Käfig die Tradition schützt, halte ich zumindest für diskussionswürdig.


Die Diskussion, ob das nun offizielle Clairins nach der Hardcorefetischistenmeinung sind oder nicht, sei jetzt aber mal ausgeklammert, wenn es um den Einsatz in Mixed Drinks geht, denn zumindest passt diese Art Zuckerrohrsaftbrand diskussionsfrei in jeden Cocktail, der sonst Rum französischen Stils oder gar Clairin als Hauptzutat verlangen würde. Den Réserve des VIP habe ich testweise dafür im Major Bailey verwendet, man kann in dem Fall vielleicht sogar den Zuckersirup weglassen, weniger wegen der Süße, sondern weil der Kléren schon diese dickflüssige Textur mitbringt.

Major Bailey
2oz / 60ml ungereifter Rum
1oz / 30ml Orangenlikör
1oz / 30ml Ananassaft
¼oz / 7ml Zuckersirup
Auf Eis shaken. Auf crushed ice servieren.

[Rezept nach deiaontherocks]


Sehr attraktiv ist die Verpackung – von der schweren Flasche mit dickem Glasboden über die großflächigen Etiketten in angenehm zusammengestellten Farben bis zu den Kartons mit dem exotischen Frauenprofil, das sitzt und bleibt im Gedächtnis. Man sieht an der stellenweise leicht holprigen Übersetzung ins Englische auf dem Rücketikett, dass hier noch keine Marketingvollprofis das Steuer übernommen haben – irgendwie charmant.

Eine erste Version dieser Verpackung hatte ausgelöst, dass wir noch ein bisschen länger auf die Veröffentlichung warten mussten, dort fand sich der oben schon erwähnte Passus, dass wir hier „rhum agricole“ vor uns haben. Dies ist in der EU natürlich rechtlich problematisch, da, das hatte ich schon oft auf meinem Blog erwähnt, nur Zuckerrohrsaftbrände aus bestimmten Regionen dieses Bezeichnung für sich reklamieren dürfen, und Haiti gehört nicht dazu; inzwischen ist das geklärt und die Stelle auf der Präsentation überklebt, und ich schreibe den Lapsus eher der Unerfahrenheit des Herstellers zu als irgendeiner Täuschungsabsicht. Wer die Klérens probiert, wird jedenfalls sofort feststellen, dass es auch gar nicht nötig ist, sich mit fremden Federn zu schmücken – die eigenen glänzen und glitzern genug, und werden Spirituosenfreunde rein aus intrinsischem Wert begeistern, da habe ich keine Zweifel.

Bier am Freitag – Ochsen Bräu Nattheimer Doppelbock

Heute stelle ich mal wieder ein Bier aus meiner direkten Heimat vor, dem Härtsfeld, dem östlichsten Teil der Schwäbischen Alb, direkt in Bayern übergehend. Dort, in der kleinen Ortschaft Nattheim, steht die Privatbrauerei Schlumberger, die mit übersichtlichen 35000hl Ausstoß pro Jahr einen Teil des Dursts der Region zu stillen versucht. Die Marke Ochsen Bräu ist dabei das Hauptelement der Brauerei, an der ich erst vor kurzem vorbeigefahren bin – Nattheim lenkt den Hauptverkehr zwischen Neresheim und Heidenheim zwar über eine Ortsumfahrung, dort war aber gerade eine Sperrung, und so musste ich durch den Ortskern und das Ochsenbräu-Schild sticht einem dann sofort ins Auge. Neben den durchgängig erhältlichen typischen Bieren (der Härtsfelder trinkt gern Weizenbiere und Export) gibt es auch saisonale Spezialitäten, wie den Ochsen Bräu Nattheimer Doppelbock, eingebraut mit 7,5% Alkoholgehalt, den ich heute vorstellen möchte.

Ochsen Bräu Nattheimer Doppelbock

Leicht getrübt, aber dennoch strahlendes Bernstein. Beim Eingießen blieb noch etwas Schaum da, nach einer Minute verbleibt nur eine einzelne Insel aus großen Blasen, während der Rest sich in eine dünne Flaumschicht verwandelt hat. Die Nase ist getreidig und hefig, mit einem metallischen Beiton. Ein Hauch von milder Zitrusfrucht liegt im Raum, vielleicht etwas Orangenschale, aber nicht so, wie man das von aromahopfenlastigen Bieren kennt, sondern mehr nur eine Vorstellung davon.

Der Antrunk besteht direkt aus einer Mischung aus Süße und Säure – eine sehr aparte Kombination aus Rezenz und Cremigkeit von Anfang an. Hübsch was zum Kauen hat man da im Mund, ohne, dass es pappig wird; gleichzeitig wirkt es superfrisch und hell. Das Bier definiert sich, so ist mein Eindruck, hauptsächlich über Textur und Struktur, und weniger über Aromatik; Malz und milder Hopfen halten sich die Waage. Der Abgang ist trocken, kurz, klar und sauber, hinterlässt etwas Säure- und Bittereffekte am hinteren Gaumen, und etwas Floralität klingt nach.

Geschmackseindrücke kann man irgendwie leichter beschreiben als diese Struktureindrücke, die für mich dieses Bier sehr spannend machen. Mir gefällt es, das trinkt sich extrem angenehm. Selbst wenn die Aromatik eher zu suchen ist, bleibt dieser Doppelbock ein Bier, das ich mir öfters organisieren werde.

Zwischen den Welten – The Alchemist Mavrud

Wir saßen abends in der Lobby des Bedford Hotel mitten in Brüssel, und unterhielten uns über Rakiya, Glasflaschenknappheit und alte Freunde, die leider nicht mit uns hier sein konnten. Svetlin Mirchev ist der Mann, den man fragen muss, wenn es um Rakiya geht, sei es aus seiner bulgarischen Heimat, oder aus Serbien oder sonstwo her. Er packte dann eine Flasche aus, die er mitgebracht hatte, und über die er diskutieren wollte. Ein Weinbrand aus Bulgarien, von der kleinen Clemans DistilleryThe Alchemist Mavrud ist dahingehend besonders, dass er die uralte und dort sehr beliebte bulgarische Rebsorte Mavrud einsetzt.

Im Gegensatz zu vielen Branntweinen wird hier ein vollwertiger, trinkfertiger Rotwein aus den Mavrud-Trauben hergestellt, der in Fässern für einige Zeit gereift wird. In einer hybriden Brennanlage (Potstill mit integrierter kleinen Säule, wie wir sie in Deutschland gut kennen) wird der Wein dann destilliert, und, das ist ein schöner Twist, dann in demselben Fass, das vorher den Wein beinhaltete, kurz weitergereift – das ergibt eine rein natürliche zusätzliche Färbung durch die Weinpigmente. Aufgrund dieser besonderen Vorgehensweise nennt der Brenner das Ergebnis auch „Wine Spirit“. Auf 40% Trinkstärke eingestellt kommt der Brand dann ungefiltert in die Flasche, 350 Stück gab es davon, Nummer 55 ist durch Svetlin bei mir gelandet. Probieren wir mal, was man sensorisch entdecken kann bei dem Alchemisten aus Bulgarien!

The Alchemist Mavrud

Neulich habe ich einen Rosenlikör besprochen, der Weinbrand hier könnte auch so etwas sein – rosé mit einem leicht gelblich-orangen Farbeinschlag. Lachsrosa würde man vielleicht sagen, aber das hier ist heller und völlig transparent. Leicht und schnell schwappt es hin und her beim Schwenken, die Beinchen, die sich dabei bilden, laufen in ungewohntem Eiltempo ab.

Die Nase des The Alchemist Mavrud ist erstmal eine Mischung aus Grappa und Traubenrakiya, mit vielen sehr ausgeprägten Eindrücken von feuchtem Holz (man glaubt wirklich, ein gerade geleertes Weinfass vor sich zu haben!) und Gerstenmaische, Hefe, Brotteig und Anflügen von Rotwein. Ein bisschen nussig, minimalst blumig, deutlicher mineralisch und erdig, besonders holzig und grasig. Da ist auch eine etwas chlorige Note dabei, insgesamt ergibt das ein sehr ungewöhnliches Geruchsbild, etwas ganz eigenes, das ich höchstens mit einem herben Grappa vergleichen könnte.

The Alchemist Mavrud Glas

Im Mund wirkt das etwas konventioneller, aber immer noch individuell. Initial findet sich schöne, natürliche Süße, der holzig-grasige Eindruck eines gereiften Grappa setzt sich darauf. Eine gewisse Kräuterigkeit kombiniert sich mit weiniger Fruchtigkeit, ohne dass man eine bestimmte, eindeutige Komponente festmachen könnte. Im Verlauf entsteht Würze, Tannine und Harze erscheinen immer deutlicher, begleitet von Vanille und Muskatnuss. Die Textur ist leicht, dennoch gibt es genug Volumen, um ein schönes Mundgefühl zu erzeugen. Der Abgang ist mildbitter, mit guter, pikanter Schärfe versehen, die die Zunge lange zum Prickeln bringt. Leicht metallisch und aromatisch mittellang hat man noch eine ganze Weile mehr einen Hauch der Aromatik im Mund als ein echtes Geschmacksgefühl, die Blumigkeit hält sich dabei am längsten und nimmt dann mit Nachsinnzeit sogar noch zu.

Der The Alchemist Mavrud ist eindeutig ein Grenzgänger, sensorisch nicht hunderprozentig einer Spirituosenkategorie zuzuordnen, es sammelt Ideen von mindestens drei Kategorien auf und verbindet sie auf ungewöhnliche Weise zu einem luftig-leichten, dabei aber effektiven Gesamtbild mit ganz eigenem Charakter. Schön gemacht und ungewöhnlich!


Man kann sich vorstellen, dass es nicht trivial war, eine Cocktailrezeptempfehlung dafür zu eruieren. Nach einigem Hin und Her habe ich mich für ein Rezept entschieden, das eigentlich auf Grappa basiert. Die weiteren Zutaten unterstützen hier die Eigenschaften des The Alchemist Mavrud, wie blumiger Veilchen- und herbfruchtiger Kirschlikör. Der Name des Drinks, Rosina Ferrario No. 203, ist darüber hinaus genau so individuell wie die hier vorgestellte Basisspirituose. Schön an dem Drink ist auch die Farbgestaltung – durchs Shaken kommt viel Luft rein, was erstmal den lilaweißen Farbverlauf ergibt, nach einer Weile wird er komplett blau.

Rosina Ferrario No. 203 Cocktail

Rosina Ferrario No. 203
1½oz / 45ml Grappa
½oz / 15ml Maraschino-Likör
½oz / 15ml Crème de Violette
½oz / 15ml Zitronensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Joerg Meyer]


Die Flasche selbst hat im Gegensatz zur in ihr gesammelten Flüssigkeit keine Alleinstellungsmerkmale, der Glasstopfen ist schon toll, ich erinnere mich an die ersten dieser Art, die nur schwer zu öffnen waren – inzwischen ist das System ausgereift und hoch funktionsfähig, und nahezu ideal für Spirituosen, wie ich finde, mit einem sehr befriedigenden, gläsernen „Klick“ kann man die Flasche leicht öffnen und schließen. Das Etikett wirkt etwas amateurhaft, das ist gewiss der kleinen Brennerei zuzuschreiben, da muss man nicht überkritisch sein.

Ich bin mir nicht sicher, wem ich so eine Spirituose weiterempfehlen würde. Das ist nichts für den Gelegenheitstrinker oder Freund gemütlicher Brände, hier muss man etwas investieren und explorieren, sich mit dem Glasinhalt sensorisch und gedanklich erstmal auseinandersetzen, verstehen und kann dann allerdings mit viel Freude genießen. Eine Herausforderung für den ambitionierten Connoisseur, der sonst schon alles vor sich hatte. Wer eine Chance hat, einen Schluck davon zu bekommen (was wahrscheinlich schon für sich eine Herausforderung ist), sollte etwas Geduld und Zeit mitbringen, ich garantiere, die Mühe lohnt sich am Ende.