Bier am Freitag – Kriek Boon

Bei der belgischen Bierspezialität Kriek gibt es solche, solche und solche, wie ich feststellen konnte. Ich entschlüssele meine kryptische Anmerkung direkt: Solche, die mit Aromastoffen arbeiten; solche, die rein Kirschsaft oder Kirschsaftkonzentrat verwenden; und schließlich solche, die zur Herstellung tatsächlich frische Früchte nutzen. Selbst der Bierlaie erkennt hier eine graduelle Qualitätsverbesserung, denke ich. Das Kriek Boon gehört zur letzteren Gruppe, es handelt sich um ein belgisches, in Eichenfässern gereiftes Lambik, das mit frischen Kirschen seinen typischen Geschmack bekommt – am Ende hat man rund 25% Anteil an frischen Kirschen. Ich ahne darum jetzt schon, dass das besser sein wird als manch anderes Kriek, das ich schon im Glas hatte (hier und hier nachzulesen) – aber verifizieren wir das sicherheitshalber.

Kriek Boon

Dunkles, kräftiges Rubinrot, mit einer deutlichen Trübung, ohne dabei blickdicht zu werden. Man erkennt dadurch mit etwas Mühe einzelne aufsteigende Bläschen. Eine sehr hübsche rosafarbene Crema liegt auf dem Bier.

Der Geruch ist leicht säuerlich, Verjus oder milder Essig, Champagner, in diese Richtung. Ein bisschen Malz, und ein bisschen Frucht, Sauerkirsche natürlich. Vielleicht würde eine höhere Temperatur mehr Aromastoffe für die Nase freisetzen, doch die empfohlene Trinktemperatur ist „très frais“, sehr kalt, und gerade bei solchen Bieren halte ich mich natürlich daran.

Entsprechend rezent ist das Bier am Antrunk, unterstützt durch ordentliche Säure aus dem Lambik. Trotzdem wirkt es weich und cremig im Mundgefühl. Sehr intensiv kommen die Kirschen zum Vorschein, wirklich der Geschmack frischen, gepressten Kirschsafts, dieser gibt auch etwas Fruchtsüße bei. Dazu als Unterlage die Aromen eines belgischen Lambiks, leicht säuerlich, würzig, rezent. 4% Alkoholgehalt machen das Bier endgültig zu einer perfekten Erfrischung. Der Abgang ist kurz, fruchtig, feinherb.

Im Vergleich zu den Krieks, die auf Fruchtsaftkonzentrat basieren, ist das Vorgehen beim Kriek Boon ein enormer Gewinn – die gesamte Aromatik ist tiefer und dunkler, sehr viel kirschiger, weniger oberflächlich. Ich liebe dieses Kirschbier, und empfehle es jedem, der mal ein echtes belgisches Kriek kennenlernen will.

Zitronen und Rosen – Bruno Pilzer Grappa Delmè d’Or

Wir kennen das vom Besuch des freundlichen italienischen Ristorante nebenan – nach dem Essen bietet der Gastronom einen kleinen Digestif aufs Haus an. Viele nehmen da den allgegenwärtigen Ramazotti auf Eis, manche einen Martini Rosso mit Zitronenscheibe – ich präferiere etwas herberes, stärkeres nach einem guten italienischen Essen, einen Grappa. Hauptsächlich ist dieser Tresterbrand in Norditalien beheimatet; und er ist dort tief verankert. Es gehört scheinbar zur trentinischen Gastkultur, dass man einem geschätzten Besucher das beste anbietet, was man im Hause hat – und ein gut gemachter Hausgebrannter ist natürlich die Krönung jedes Hausschatzes. Dort sagt man zu dieser freundlichen Geste im lokalen Dialekt „delmè“, deutsch „von mir“. Und so hat der Bruno Pilzer Grappa Delmè d’Or seinen Namen bekommen.

Dieser Grappablend stammt also aus dem Trentino, und wird nur aus dem Trester von Rebsorten aus der direkten Region (Müller Thurgau, Traminer, Pinot Nero, Pinot Grigio und weitere) gebrannt. Nach der typischen Herstellungsweise mittels Dampfdestillation konnten die Blendbestandteile dann mindestens 5 Jahre in Barriquefässern aus französischer, amerikanischer und ungarischer Eiche reifen – beim Kauf ist darauf zu achten, dass es auch einen 3 Jahre alten Blend gibt, der Unterschied ist aber klar deklariert („invecchiata 5 anni“ steht hier groß auf dem Hauptetikett). Mit angenehmen, modernen 43% auf Trinkstärke eingestellt wird er dann abgefüllt und landet bei mir auch gerne vor dem Essen oder einfach so zum genussvollen Schlürfen im Glas!

Bruno Pilzer Grappa Delmè d’Or

Im Glas wirkt der Grappa etwas blasser als in der Flasche, er ist dennoch von schöner gelbgoldener Farbe. Er bewegt sich dort lebendig, nur leichte Viskosität sorgt für ein bisschen schwereres Schwappen hin und wieder. Auch an der Glaswand bleibt entsprechend nur ein dünner Film, der sich während des Ablaufens in Beinchen aufteilt.

Die Nase gefällt mir persönlich direkt sehr – das wirkt von Anfang an sehr aromatisch, insbesondere zitrusfruchtig nach Bergamotte, Bitterorange und der Albedo einer Amalfizitrone. Eine leichte harzige, pinienholzige Note liegt darunter. Dazu kommt sehr viel Floralität, eine riesige Schippe an Rosenblüten hauptsächlich. Das ergibt einen sehr dichten und bunten, gleichzeitig aber helltönig-frischen Geruch. Leichte Vanille liefert die Fassreifung, und im Verlauf kommen noch weitere tresterbrandtypische, heuige, weinige und krautige Töne dazu. Komplex und attraktiv!

Das lässt mir das Wasser im Munde schon zusammenlaufen – verdünnen wir die Spucke mit einem kleinen ersten Schluck des Grappa Delmè. Voll und süß im Antrunk, weiterhin sehr zitrusfruchtig, auch hier das, was man gerochen hat, Bergamotte und die bittere Säure von Zitronenschale. Im Mund ist deutlich mehr Vanille als in der Nase, der Grappa bekommt dadurch Anklänge von Bourbon. Dazu aber im gesamten Bild zu sehr zur spitzigen, pikanten Säure und Vittere tendierend. Anflüge von Holz, Gras und Trester. Eine milde medizinische Komponente entsteht im Verlauf, vielleicht ein Tick Süßholz.

Bruno Pilzer Grappa Delmè d'Or Glas

Im Abgang wächst Feuer, am gesamten Gaumen und der Zunge. Deutlich adstringerend, ohne aber zu sehr spuckeziehend zu werden. Effektvoll, sehr lang, sehr floral und weiterhin zitrusfruchtig, dazu nun Zimttöne. Mit prägnantem, bitterem Grapefruiteffekt, der die Zunge betäubt, klingt der Grappa Delmè d’Or schließlich aus und hinterlässt ein sehr blumiges Bouquet aus Jasmin und Rose.

Sehr komplex und gleichzeitig unkompliziert, mit vielen Geschmacksrichtungen spielend und sich ständig wandelnd. Das ist toll, speziell, eigen und gleichzeitig typisch – ein norditalienischer Grappatraum!

Eigentlich ist es ein Affront, dass der Cocktail, den ich jetzt vorstelle, Irish Lullaby heißt. Selbst wenn er die Hauptrolle spielt, scheinen viele Bartender dem Grappa nicht zuzutrauen, auch die Ehre dafür in Empfang nehmen zu können – dabei wäre dieser Drink mit Italian Lullaby eigentlich viel besser benamt. Um dem gerecht zu werden, habe ich die Dosis des Grappa noch ein bisschen erhöht. Graaad zalääätz, wie man hier im Saarland sagt.

Irish Lullaby Cocktail


Irish Lullaby
1½ oz gereifter Grappa
1 oz Irischer Whisky
½ oz Zitronensaft
¼ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach Marea Reyes]


Die Flasche selbst ist ohne jeden Schnörkel, geradlinig und klar, wie der Erzeuger des Grappa selbst. Ich habe Bruno Pilzer während drei Jahren Teilnahme am Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles gut kennengelernt, wir sitzen regelmäßig in derselben Jury und hatten auch schon während langer Busfahrten in Chile, Bulgarien und China spannende und interessante Gespräche über Gott, die Familie, Grappa und die Restwelt – ein Gentleman und, wie ich nun feststellen konnte, absoluter Könner seines Fachs!

Bruno Pilzer Spirits Selection 2019

Grappa ist in Deutschland eine verkannte Spirituose – jeder kennt sie, und gleichzeitig niemand. Diverse Sorten dieser italienischen Tresterbrände habe ich zuhause, und einige gehören zu meinen Favoriten überhaupt, wenn ich mal was Herbes und trotzdem Schmeichelndes genießen möchte. Dieser Grappa ist dabei ganz weit oben mit dabei – ich werde sicherlich in Zukunft noch weitere Produkte aus dem Hause Pilzer betrachten.

Bier am Freitag – Mori 1984 Flying Pale Ale

Exotische Biere, sowas mag ich. Besonders, wenn sie selten sind und nicht in jedem Supermarkt stehen. Es ist spannend zu sehen, wie Bier auf der ganzen Welt getrunken wird, und jedes Land eine andere Vorliebe hat, was Geschmack und Brauart angeht. Auch in Japan mag man Bier – das Mori 1984 Flying Pale Ale ist ein Beispiel dafür, dass man auch dort inzwischen die neuentdeckten alten Sorten wie Pale Ale zu schätzen weiß und selbst nachbraut. Man typisiert es als „American Pale Ale“, die Betonung liegt auf der Verwendung des „besonders weichen“ japanischen Wassers. Und im Gegensatz zu manch anderem „japanischen“ Bier ist das Mori 1984 wirklich in Japan gebraut und abgefüllt. Ich bin gespannt darauf!

Mori 1984 Flying Pale Ale

Die Methode der Flaschengärung und das Auslassen jeder Filtrierung hat einen ordentlichen Bodensatz in der Flasche hinterlassen, beim Eingießen schwappt am Ende ein fetter Schuss davon mit ins Glas und trübt das Bier extrem. Wer also sein Pale Ale lieber etwas klarer und ohne Hefesatz trinkt, achtet darauf, den letzten Schluck in der Flasche zu lassen. Dann ist die Farbe auch nicht ganz so blassbrauntrüb. Trotzdem sieht man die sehr starke Perlage, die an die sehr dünne Schaumkrone immer viele weitere erkennbar abgegrenzte Bläschen anfügt. Die Nase ist sehr mild, sehr fruchtig, der eingesetzte Citra-Hopfen gibt ein mildaromatisches Bouquet ab in Kombination mit der Gerste. Aprikosen, Pfirsiche, eine leichte Brombeerigkeit. Das wirkt sehr ausgewogen und wohlbedacht.

Der Antrunk beginnt bereits mit schöner Säure, ohne aggressiv zu werden. Ein leichter Körper, den leichten 4,5% Alkoholgehalt entsprechend, wird durch tolle Rezenz unterstützt. Die Fruchtaromen kommen ebenfalls gut zur Geltung, im Verlauf dominiert dann allerdings eher die getreidige Komponente. Deutliche Astringenz ist gegen Ende erkennbar, und mit sehr viel Blumigkeit klingt das japanische Bier aus. Der Abgang ist kurz, trocken, frisch und klar. Wirklich sehr gelungen gebraut, ohne Spitzen, ohne stumpfe Kanten, ohne Fehler; rund und toll gemacht.

Ein leichtes, sich wirklich sehr sauber anfühlendes Bier, nahezu perfekt geeignet für den irre guten Sushi-Teller, den das traditionsreiche Restaurant Hashimoto in Saarbrücken „to-go“ bereitstellte. Das Mori 1984 Flying Pale Ale glänzt sowohl als alleinstehendes, sehr erfrischendes Genussbier, als auch als wunderbar den Gaumen klärender Essensbegleiter. Wer es kriegen kann, sollte es probieren.

Der bessere Applejack – Laird’s Straight Apple Brandy

Wenn man sich mal anschaut, wo in der Welt die meisten Äpfel wachsen, so stößt man neben China, das wohl in fast jeder Liste dieser Art weit oben und darüber hinaus sowieso das Ursprungsland des Apfels an sich ist, direkt auf die USA. Insbesondere der Nordosten ist eine traditionelle Apfelregion; schon früh in der Geschichte der Besiedelung des nordamerikanischen Kontinents durch Europäer waren Apfelhaine, herangezogen aus aus Europa mitgebrachten Apfelsamen, der Stolz und das Einkommen so manchen Kolonisators. Nicht, dass man hauptsächlich auf den Nährwert geschaut hätte – nein, die Herstellung von Alkohol war eines der Hauptziele. Cider als leichtalkoholisches Getränk in einer Zeit, in der sauberes Wasser nicht immer gut erhältlich war, kam selbst für Kinder regelmäßig auf den Tisch.

Von Cider ist es nur ein Katzensprung zur Idee, diesen Apfelwein dann zu Höherprozentigem zu verarbeiten – geboren war der Applejack. Hergestellt zunächst wahrscheinlich in einem der Eisbockherstellung ähnlichen Verfahren, in dem Apfelwein gefroren und dann das Eis entfernt wird, so dass nur der alkoholstärkere Teil, der nicht gefriert, erhalten bleibt (englischsprachig jacking genannt, daher auch der Name der Spirituose), wurde später dann auch destilliert. Entsprechend ist im Kontrast zu Laird’s Applejack – der allerdings heutzutage auch nicht mehr gejackt wird – beim heute vorgestellten Laird’s Straight Apple Brandy die Bezeichnung „Branntwein“ prominent auf dem Etikett – schmeckt man den Unterschied zwischen diesen Produkten?

Laird's Straight Apple Brandy

Wie üblich stelle ich mir beim Betrachten der Flüssigkeit im Glas zuerst immer die Frage nach der Farbe. Das leuchtende, klare Kupfer im Glas muss aus einem Grund natürlichen Ursprungs sein – keiner Spirituose, die in den USA mit dem Vermerk „Bottled in Bond“ versehen wird, darf irgendeine Art von Zusatz beigefügt werden. Keine Färbung, keine Aromatisierung, nichts, und sie muss mindestens 4 Jahre gereift werden. Das „Straight“ des Etiketts dagegen, das wir von vielen Bourbons kennen, hat in Bezug auf Apfelbrand keine regulatorische Definition, ist hier wohl nur erklärendes Beiwerk, um dem Kunden in Analogie zum bekannten Begriff bei Bourbon klarzumachen, dass hier nicht hinter den Kulissen im Labor nachgearbeitet wird.

In der Nase ist dann erstmal deutlich weniger Apfel, als man als Kenner vielleicht von einem deutschen Apfelbrand oder einem Calvados gewohnt ist. Hier riechen wir zwar Apfel, aber das Holz ist doch sehr präsent und übernimmt zum Großteil. Ein Bourbon mit leichtem Apfelaroma, so würde ich den Eindruck beschreiben. Karottig, vanillig, holzig, leicht apfelig, mit deutlich zwickender Ethanolnote. Den muss man erstmal etwas offen stehen lassen, finde ich.

Das Mundgefühl beginnt sehr weich und mild, süßlich, dezent fruchtig; er entwickelt sich aber stetig weiter bis zu einem sehr würzigen, scharfen, vorsichtig trockenen und heißen Finish. 50% Alkoholgehalt halten sich nicht zurück und fügen der Würze der Holzreifung noch ordentlich Power dazu. Leicht seifig wirkt der Laird’s auf mich, und bleibt aromatisch im Holz verfangen – das Ding hat jedoch eigentlich allein dadurch Feuer und Pfeffer. Der Apfel kommt nur in Ansätzen durch, doch das ist wohl auch so gewünscht – ich wiederhole mich, wir haben hier sensorisch eindeutig einen Whisky aus Äpfeln vor uns, nicht einen Obstbrand; das macht den Apple Brandy aber auch besonders, und sehr trinkbar und spannend, wenn man die Schärfe abkann.

Laird's Straight Apple Brandy Glas

Der Abgang ist vom Effekt her mittellang, sehr würzig, glühend heiß und dabei aromatisch eher kurz. Im Nachhall hängt noch eine Idee von gewürztem Bratapfel nach, und ein gewisser Eisenton mit etwas Vanille. So feurig er im Mund ist, so flüchtig ist er auch, und macht schnell Platz für mehr – worauf ich durchaus Lust habe.

Wenn ein Cocktailrezept nach einem deutlich nach Apfel schmeckenden Brand wie Calvados verlangt, ist ein Applejack oder Apple Brandy nicht die allererste Wahl, aus obigen Gründen. Dennoch hat er eine Aromatik, die in Cocktails hervorragend wirkt, wenn man ihn richtig einsetzt. The Ruffian ist entsprechend ein Whiskycocktail, und durch die Beigabe von Laird’s Straight Apple Brandy bekommt er einen interessanten Touch, den ein Bourbon allein nicht bringen würde.

The Ruffian Cocktail


The Ruffian
3 Thymianzweige in ¾ oz Zuckersirup muddeln
1 oz Rye Whiskey
¾ oz Applejack
½ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken.
Doppelt abseihen, in einem Glas, das mit Absinthe ausgespült wurde, auf Eis servieren.

[Rezept adaptiert nach Alla Lapushchik]


Es ist oft so, dass man gute, bekannte Qualität nicht mit flashigen Verpackungen verkaufen muss, und auch beim Laird’s Straight Apple Brandy ist das so. Die Flasche ist unauffällig, ein Plastikdrehverschluss ist zwar optisch unschön, aber doch praktisch, und das Etikett glänzt auch nicht mit augenschmeichlerischem Zucker. Hier wurde offensichtlich jeder Cent in den Inhalt gesteckt, und das schätze ich sehr. Ich habe bereits auch die ungereifte Variante im Regal, ein Artikel folgt natürlich bald.

Für Whiskyliebhaber, insbesondere die, die auch Bourbon oder Rye Whisky mögen, ist das eine echte Alternative für die Momente, wo es im Mund mal krachen darf. Ich finde die ungebremste Wucht sehr attraktiv. Apfelliebhaber dagegen müssen schon etwas suchen, um die Frucht ihrer Begierde in dieser Spirituose zu finden. Doch die Mühe lohnt sich sicher auch für diese – die verrückte Abwechslung ist allein schon toll, und das Qualitätsversprechen hinter dieser Traditionsspirituose, die so schon seit 200 Jahren hergestellt wird und eigentlich der wahre amerikanische „native spirit“ ist, den schon George Washington herstellte und liebte, ist für mich auch ein Wert für sich.

Bier am Freitag – Gutmann Weizenbock

Ich habe Gutmann Hefeweizen einst in einem argentinischen Steakhouse in Saarbrücken für mich entdeckt – seitdem begleitet es mich, wenn ich es kriegen kann, beständig. Um so erfreuter war ich, als ich kurz vor Weihnachten 2020 eine neue Variante dieses Brauers in einem Getränkemarkt fand – den Gutmann Weizenbock. Da stellte sich mir die Frage gar nicht, ob ich den mitnehme oder nicht: Natürlich wird das eingepackt, ein paar Flaschen erstmal. Kann ja nur gut werden, dachte ich mir!

Gutmann Weizenbock

Dunkles Ocker, volltrüb, man sieht sogar kleine Hefestückchen, die aus dem fetten Bodensatz der Flasche stammen – das ist sehr typisch für Gutmann, das normale Weizen ist da sogar noch extremer. Schöner, hauptsächlich sehr feinblasiger Schaum mit einzelnen Großblasen. Es steigt eine feine, langsame Perlage auf.

Die volle, gut reife Banane kommt wuchtig in die Nase, dazu etwas Aprikose, cremig und süß wirkend, mit leichter Würze. Ein minimaler Metallton kommt dazu. Ansonsten bleibt es zurückhaltend mit typischen Hefeweizen-Gerüchen. Im Mund ist auch die Frucht dominierend, das tolle, flauschige Mundgefühl unterstützt das noch. Schön rezent, mit gelungener Süßsäure-Balance und gut eingebundenen 7,2% Alkoholgehalt. Aromatisch kommt da allerdings nicht viel nach der initialen Banane, im Gegenteil, es bleibt enttäuschend neutral. Der Abgang wirkt säuerlich-bitter, ist superextrem kurz, und klingt höchstens noch mit Metall und hefigem Getreide aus.

Insgesamt begeistert mich dieser Weizenbock überhaupt nicht. Er wirkt zwar voll, mit tollem Mundgefühl, aber dann plötzlich arg kurz und aromatisch desinteressiert, am Ende schon gelangweilt. Da trinke ich lieber das klassische Hefeweizen von Gutmann, das in jeder Beziehung besser ist.

Die Geschichte mit der Kirsche – Luxardo Maraschino Originale

Einige Spirituosen haben eine Gegenwart, aber keine Vergangenheit; und manche haben eine Vergangenheit, aber keine Gegenwart. Es ist ein Glücksfall, wenn sich ein Produkt sowohl früher als auch heute halten kann. Es passiert in so einem Fall dann aber oft, dass sich trotz der beständigen Verfügbarkeit über Jahrzehnte oder Jahrhunderte  ein auf und ab in der Beliebtheit zeigt. Die schwierigen Zeiten zu überstehen, und in den Hochphasen nicht zu überdrehen, das ist die Kunst, die es zu meistern gilt.

Ein Beispiel dafür ist der Likör Maraschino. Dieses Jahr darf der italienische Likörhersteller Luxardo mit seiner weltbekannten Marke Luxardo Maraschino Originale ein 200-Jahre-Jubiläum feiern, etwas, das wahrhaft nicht viele Marken von sich sagen können. Der Kirschlikör, hergestellt aus zerstoßenen dalmatischen Marasca-Kirschen (inklusive dem Kern!), hat dabei noch die gesamte Geschichte der Cocktails mitgemacht – mal geliebt, mal verachtet, aber immer dabei. Für viele klassische Präprohibitionsrezepte ist er nicht wegzudenken, und zu Beginn der modernen Cocktailrevolution in den 2000ern hat er eine gewichtige Rolle gespielt. Dass es dabei dann auch Phasen gab, in denen er als überschwere, zu aromatisch prominente und anderes überdeckende Gimmickzutat gesehen wurde, nun, wie gesagt, das gehört in der zyklischen Welt unseren Vorlieben dazu. Schauen wir uns mal an, wie der moderne Trinker der 2020er Jahre diesen Likör mit der wechselhaften Geschichte wahrnimmt.

Luxardo Maraschino

Wer bei Kirschlikör erstmal an die dunklen Varianten wie Cherry Heering oder Eckes Edelkirsch denkt, ist von der klaren Transparenz eines Maraschino-Likörs vielleicht überrascht. Natürlich ist jede Alkoholbasis, auf die ein Likör aufsetzt, erstmal klar, und entsprechend kommt bei zuerst genannten die dunkle Farbe dann aus Zusätzen, nicht aus den destillierten Kirschen selbst. Im Glas schwappt der Luxardo schwer hin und her, einen Film an der Glaswand hinterlassend, der in breiten, fast nicht voneinander abgrenzbaren Streifen abläuft.

Die Nase hat für mich etwas parfümartiges – da sind schwere Aromen aus dunklen Kirschen, Honig und reifen Pfirsichen und Birnen, aber auch sehr florale Komponenten, die an Rosenblätter und Jasmin erinnern. Ein betörender Eindruck, unterfüttert von Ideen von Thymian und Banane, insgesamt sehr voll, rund und vielschichtig. Schnuppert man länger und tiefer, kommt eine kleine Lacknote aus Ethanol dazu, doch auch diese bindet sich eher ein als zu stören. Ein Tipp voraus – das Glas nach der Verkostung nicht ausspülen, sondern leer stehen lassen und ein paar Stunden danach reinschnuppern. Wow! Das riecht wie ein ganzer Rosenbusch.

Luxardo Maraschino Originale Glas

Ein Likör ist natürlich per Definition süß, und der Luxardo Originale macht hier keine Ausnahme. Die Süße dominiert, wirkt aber nicht übermäßig pappig. Im Verlauf entsteht sogar etwas Würze, die viel des Zuckers ausgleicht und ein harmonisches, rundes und, ja, sogar feines Mundgefühl erzeugt. Die Aromen, die man im Mund wahrnimmt, unterscheiden sich kaum von dem, was die Nase so schon wusste – dunkle Kirsche, weitere Steinfrucht, Honig und diese so attraktive Blumigkeit. Eine leichte marzipanige Bittermandelnussigkeit kommt dazu. Das ist was, woran man echt schön und lange lutschen kann, 32% Alkoholgehalt sorgen dazu für ein bisschen mehr Kraft als manch anderer Likör das aufweisen kann. Der Abgang ist mittellang, auch hier von den bereits beschriebenen Eindrücken definiert, mit milder Wärme, und den Gaumen belegender Süße. Der Mangel an Spannung zwischen Nase und Mund ist vielleicht der einzige Mangel, den ich ausmachen kann.

Der klassische Drink mit Maraschino ist wahrscheinlich der Last Word, unglaublich lecker; hier kann der Luxardo alles zeigen, was er kann und lässt den Cocktail glitzern, für manche ist dort der dunkle Kirschgeschmack aber zu präsent – wie oben in der Einleitung angesprochen. Er hat aber auch soviel Kraft, dass er sich auch in kleineren Portionen bemerkbar machen kann (was moderne Bartender in ihren neuen Kreationen bevorzugen) – und das selbst gegen Enzianlikör, Kräuterschnaps und Zitrone. Der Picotin beweist das.

Picotin Cocktail


Picotin
¾ oz Suze
¾ oz Aquavit
⅔ oz Zitronensaft
½ oz Quinquina
⅓ oz Maraschino
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Florian Dubois]


Ein Problem, das ich oft in meiner Hausbar habe, ist, eine spezielle Spirituose schnell zu finden. Das ist beim Luxardo kein Thema – die hohe, sehr markante Flasche sticht heraus, nicht zuletzt auch wegen der aufwändigen Karton-/Papierumwickelung und des großen, mit Medaillen übersäten Etiketts. Dass der Markengründer selbst auf der Flasche „unterschreibt“ und damit die Echtheit zertifiziert, kennen wir ja von anderen Spirituosen, deren Beliebtheit viele Nachahmer auf den Markt gerufen hat (Southern Comfort, nur als ein Beispiel, hat das identische Konzept).

Maraschino ist selbst in einer kleinen Heimbar nicht ersetzbar (auch nicht durch die oben schon erwähnten dunklen Kirschliköre!), insbesondere nicht, wenn man sich für klassische Cocktailrezepturen interessiert. Natürlich muss es dabei nicht unbedingt die Marke Luxardo sein, es gibt heute so einige Alternativen. Bei mir persönlich punktet der Norditaliener halt zusätzlich mit der langen Tradition und der sehr opulenten Aufmachung – darum stehen bei mir zwar oft zwei oder drei Marken dieses Likörs parallel im Regal, aber der Stammplatz ist dauerhaft besetzt vom Original von 1821.

Bier am Freitag – Maassens Caffeebier

Deutschland hat echt viel zu bieten, wenn man kleine, knackige Tagesausflüge machen will. Da gibts an jeder Ecke was schönes zu sehen, und manchmal wird man trotz Vorschusslorbeeren überrascht. Meine Kurzreise nach Monschau in der Eifel war aus speziellen Gründen so etwas – normalerweise ist der Ort mit seiner gut erhaltenen Fachwerkhausinnenstadt, den vielen Museen und der interessanten, hauptsächlich auf früher Textilwirtschaft bauenden Stadtgeschichte ein Touristenmagnet; in Coronazeiten war es dort sehr viel entspannter und weniger gedrängt, so dass man all die Sehenswürdigkeiten besser genießen konnte. Darunter auch die Caffee-Rösterei Wilhelm Maassen, seit über 150 Jahren röstet man da Kaffee – und seit einiger Zeit kann man dort auch Bier erwerben, natürlich eins, das mit Kaffee aromatisiert wurde. Maassens Caffeebier wird in der Brasserie Grain d’Orge in Belgien für den Kaffeeröster gebraut und mit Arabica Espresso Brasil-Kaffeebohnen versetzt.

Maassens Caffeebier

Espressofarben, mit entsprechender Crema, die allerdings eher mittel- bis grobblasig ist und kurz nach Eingießen etwas in sich zusammenfällt. Völlig blickdicht, selbst gegen das Licht erahnt man mehr, dass da rostrote Reflexe sein könnten. Der Geruch ist betörend nach einer Mischung aus frisch gebrühtem Espresso und einer malzigen Unterlage, ohne zu extrem in die Aromatisierungsrichtung zu gehen – das erinnert an so manche Imperial Stouts. Würzig, mit der Zeit kommt leichte, dunkle Fruchtigkeit auf.

Auch im Geschmack überwältigt einen der Kaffee nicht, im Gegenteil – er ist toll eingebunden in ein würzig-aromatisch-malziges Gesamtbild. Eine schöne Säure balanciert das Ganze etwas aus, und nach dem initialen Kaffeebohnengeschmack kommt dann schnell das malzige belgische Dubbel zum Vorschein, mit der schönen Rezenz, leichten Cremigkeit und vollen Aromatik, gepowert von 6% Alkoholgehalt. Man mag mit Kaffee dunkle Aromen verbinden, hier hat man eher helle, frische, freche Töne als Kontrapunkt zum Kaffee. Der Abgang ist kurz, mit leichten Espressodüften und etwas fast schon zitroniger Säure. Leicht adstringierend, mildherb und trocken.  Ganz am Ende, wenn das Bier schon eine Weile aus dem Mund heraus ist, tauchen dann nochmal sehr deutlich frisch gemahlenes Kaffeepulver auf, das noch eine Weile nachklingt.

Also, mir gefällt das außerordentlich gut. Ich hatte, ehrlich, mit einem pappsüßen Cappuccinobier gerechnet, nicht mit einem erwachsenen, wirklich schön komponierten und zusammengestellten Bier, das das beste aus der belgischen Bier- und der Monschauer Kaffeewelt verbindet. Richtig gut gemacht! Wer nicht nach Monschau kommt (obwohl sich ein Tagesausflug sicherlich lohnt!), kann das Bier auch im Maassen-Onlineshop ordern.

Aus dem Hohen Norden – Bendita Tentación Mezcal Artesanal Joven

Nein, Mezcal wird niemals der Hype werden, den so mancher aufgeregte Journalist ihm aktuell und im letzten Jahr angedichtet hat. Die Spirituose ist zu speziell, zu unangepasst, und auch nicht in entsprechender Menge zu niedrigem Einstiegspreis anbietbar, um die Massen zu ködern. Man muss auch vorsichtig sein, was man einem Brand wünscht – denn zu einem Massenprodukt zu werden ist sicherlich nichts, was irgendeinem, der sich um Qualität und Tradition kümmert, ein Anliegen sein kann. Mezcal ist geradezu die Antithese zur großen Industrialisierung, und ich würde mich freuen, wenn es so bleiben würde.

Wir sind tatsächlich immer noch erst in der Findungsphase, Mezcal ist noch lange nicht mal ansatzweise bei uns in Europa angekommen. Erst so langsam entdecken wir die Bandbreite, die dieser Agavenbrand bietet, zum Beispiel durch unterschiedliche Agavenarten abseits der inzwischen vielleicht am besten bekannten Espadín, oder die starke Regionaliät, oder spezielle Brenn- und Produktionsweisen. Und auch ich stoße ständig auf spannende neue Varietäten, von denen ich zuvor nie etwas gehört hatte – wie der Agave Durangensis (Cenizo), die im Norden Mexikos im Bundesstaat Durango wächst. Die Brenner von der NOM-D55G machen daraus den Bendita Tentación Mezcal Artesanal Joven, natürlich aus 100% Agavenzucker destilliert, in kleinen Auflagen.

Bendita Tentación Mezcal Artesanal

Der Mezcal ist „joven“, also ungereift, und entsprechend völlig klar und transparent. Im Glas bewegt er sich beim Schwenken sehr lebendig, mit gefühlt höchstens leichter Viskosität – dafür bleibt paradoxerweise an der Glaswand so einiges hängen, ein fetter Film, der in breiten, dicken Tropfen langsam abläuft. Nach einem ersten Test in einem Nosing-Glas dachte ich mir, dass ich auch endlich mal wieder meine handgemachten Caballitos auspacken sollte, und so trinke ich diesen Mezcal dann aus genau so einem mit viel Genuß.

Die Nase ist zunächst dominiert von sehr viel aromatischer, vegetaler, grüner Agave, komplementiert von einer Erdigkeit, die schwere Basis dazu erzeugt. Ein leichter Fehler ist wahrscheinlich die subtile Laktat-Note, die eine gewisse, sehr milde Käsekomponente dazufügt. Weiterhin bleibt der Bendita Tentación aber sehr mineralisch, mit einem Hauch Rauch, und leichten Anklängen von Zitrus, die bei tieferem Schnuppern in Ethanol übergehen. Insgesamt ein ungewöhnlicher, sehr eigener Geruch.

Bendita Tentación Mezcal Artesanal Glas

Das alles, was man erschnuppert hat, findet sich dann auch im Mund wieder, beginnend mit einem sehr schweren, dunklen und süßen Antrunk voller weißer Schokolade und reife Früchte, Pfirsiche und Mango, die in hellere Fruchttöne wie Zitronen übergehen. Ein sehr ungewohnter Geschmack für einen Mezcal, erinnernd an Obstpechuga, nur mit noch ausgeprägteren Fruchtaspekten. Im Verlauf kommt Agavenfleisch langsam durch, und die mineralisch-rauchige Komponente nimmt etwas zu, der Bendita bleibt aber weiterhin sehr süß, schwer und voll. Im Abgang kommt sehr hübsche Wärme auf, die den gesamten Geschmacksapparat erhitzt, ohne zu kratzen oder zwicken; 45,68% Alkoholgehalt sind wunderbar eingebunden. Schokoladig endet die Verkostung, mittellang, mit sehr blumig-rauchigem Nachklang, der von feinherber Trockenheit und nun doch noch erscheinender Säure mit deutlicher Adstringenz unterstützt wird.

Mir gefällt diese Interpretation eines Mezcal sehr, für manche mag sie untypisch wirken, weil die fruchtige Schwere schon überraschend ist. Doch gerade das macht den Bendita Tentación so apart – man erkennt hier, dass es sich um eine eigene Agavengattung und Herstellungsregion handelt, und wenn ein Produkt es schafft, eine eigene Identität zu zeigen, schätze ich das sehr.

Da passt es nur zu gut, wenn so ein Mezcal zusammen mit anderen eher dunkelaromatischen Komponenten in Verbindung gebracht wird – wie beim El Molino mit Sherry, Allspice und Kakaolikör. Das Ergebnis ist ein Drink, der in seiner Konsistenz gar nicht mehr aus dem Mund heraus will.

El Molino Cocktail


El Molino
1½ oz Mezcal
¾ oz Palo Cortado Sherry
¼ oz Allspice Dram
¼ oz weiße Crème de Cacao
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Jim Meehan]


Vielleicht bin ich etwas beeinflusst, denn zu meiner Freude war es mir möglich, die Markeninhaberin Alejandra Anderson Diaz persönlich kennengelernt zu haben während meines Aufenthalts in China als Juror für Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2019.  Sie tut viel für Mezcal, ist auch Direktorin des Mezcal-Museums in Durango und Ko-Präsidentin des Verbands Mujeres del Mezcal, Maguey y Destilados de México.

Bendita Tentación Mezcal Artesanal Alejandra Anderson

Zum Abschluss die übliche Frage – für wen ist der Bendita Tentación was? Wer auf harte, klar definierte und/oder sehr rauchige Mezcals steht, wird wahrscheinlich eher woanders glücklich. Wer gerne fruchtlastige Pechugas trinkt, oder mal einen schwersüßen Mezcal zur Abwechslung probieren möchte, ja, der könnte sicherlich gut Freund mit diesem Mezcal aus Nordmexiko werden!

Bier am Freitag – Brauerei Krieger Floriani Bock

Sankt Florian ist der Patron der Feuerwehrleute und Brauer, beide löschen schließlich Brände. Kleiner Kalauer zur Einleitung, ich weiß. Nun, der Zusammenhang ist wohl eher mit dem Schutz vor Wasser- und Feuergefahr verbunden, und Brauer haben schließlich mit beiden viel zu tun. Und so wird der Heilige Florian von Lorch zum Namensgeber für den dunklen Doppelbock der niederbayerischen Familienbrauerei Krieger. Ich bin ein großer Freund dieses Bierstils, und so konnte ich im Getränkemarkt natürlich nicht am Brauerei Krieger Floriani Bock vorbeigehen, als ich ihn das erste Mal entdeckte – und ich nehme nichts vorweg, wenn ich jetzt schon verkünde, dass das dann nicht meine letzte Flasche war.

Brauerei Krieger Floriani Bock

Im Glas wirkt er tatsächlich sehr dunkel, mehr als haselnussbraun, mit rubinroten Reflexen, wenn man ihn gegen das Licht hält. So dunkel jedenfalls, dass man nicht sehen kann, ob Perlage vorhanden ist. Der Schaum, der beim Eingießen noch da ist, fällt schnell in sich zusammen, es bleibt eine feine Schaumfläche, die das ganze Bier bedeckt, mit einzelnen Großblaseninseln. In der Nase kommt er sehr malzig, leicht röstig an. Milde Fruchtaromen, Orangenschale, Pfirsich vielleicht, lockern das Ganze etwas auf. Durchaus erkennbar rostig, nach alten Stahlnägeln, das finde ich eigentlich oft apart bei Starkbieren.

Im Mund ist der Floriani Bock direkt vom ersten Antrunk an extrem voll, cremig und schwer. Dazu eine tolle Breite, da hat man echt was im Mund. Süßlich, malzig, röstig beginnt es, eine tolle Frische kommt dazu, die verhindert, dass das Bier stumpf wird. Perfekte süß-sauer-Balance. Würzigkeit baut sich auf, die Röste wird immer präsenter, bis sie in Kaffeepulver übergeht. Wunderbar karbonisiert und mit 7,5% Alkoholgehalt gut im Rahmen eines Doppelbocks platziert. Der Abgang ist kurz, immer noch voll, hier entsteht erst leichte Bittere, die aber hervorragend eingebunden ist ins Gesamtbild. Leicht trocken, etwas astringierend wie bei Grapefruit – mit etwas Rost und Röste endet das Bier schließlich.

Ich versuche, diesen Bock immer zuhause zu haben. Das ist eines meiner absoluten Lieblingsbiere, ich freue mich immer darauf, ihn einzuschenken. Wer ihn bekommen kann (ich habe ihn in meinem toll ausgestatteten Edeka öfters gesehen), muss zugreifen.

Mhoba Pure Single Sugarcane Juice French Cask Rum Select Reserve

Knud Strand hatte mich bei unserem gemeinsamen Aufenthalt in Brüssel mit seiner mitgebrachten Flasche des ungereiften Mhoba Rum Pot Stilled High Ester 66,2% dazu gebracht, endlich mal die Samples von drei Varianten dieses südafrikanischen Rums auszuprobieren, die ich schon eine geraume Zeit zu Hause stehen hatte. Die ungereifte Variante, die Knud wild und voller dänischem Verve anpries, kann mich bei allem neutralen Qualitätserkennens nicht wirklich zu Jubelstürmen veranlassen, dazu ist mir die Hochesterigkeit zu ungebändigt. Doch als ich dann das kleine Sample des Mhoba Pure Single Sugarcane Juice French Cask Rum Select Reserve öffnete und verkostete, ja, da kam dann das anerkennende Kopfnicken, das Knud, so leid es mir im Rückblick tut, für die ungereifte Variante nicht von mir erhalten hat. Da musste tatsächlich eine ganze Flasche her!

Steven James hat auf seinem Rum Diaries Blog schon vor einem Jahr eine ganz herausragende Geschichte über Mhoba Rum mit tollen Fotos und Videos verfasst, die ich hier einfach verlinke, statt die Details wiederzukäuen – Nachlesen deutlichst empfohlen! Ein paar Dinge möchte ich hier als Extrakt dennoch wiedergeben. Erstens, Mhoba ist praktisch ein Single Estate Rum, alle Produktionsschritte vom Anbau des Zuckerrohrs bis zur Flaschenabfüllung werden auf dem eigenen Gut durchgeführt. Die Fermentation des von Hand geernteten und mit einfachen Maschinen ausgepressten Zuckerrohrs erfolgt mit einer Mischung aus wilden und gezüchteten Hefen über 7 bis 10, für Hochestervarianten sogar 21 Tage. Destilliert wird mit Edelstahlpotstills, und nach der kurzen Holzreifung (für den vorliegenden Rum mindestens 12 Monate in aufgearbeiteten Ex-Rotweinfässern aus französischer Eiche) werden sie unfiltriert und zum Teil unverdünnt abgefüllt. Man sieht, handwerklich gut gemacht, und für mich persönlich ist das schon die halbe Miete! Ich habe oben leider unvernünftigerweise bereits vorweggenommen, dass sich diese Arbeit gelohnt hat – hier nun meine geschmacklichen Eindrücke.

Mhoba Pure Single Sugarcane Juice French Cask Rum Select Reserve

Die kurze Reifezeit hat dennoch ihre Spuren hinterlassen – ein frischausgeflammtes Fass bietet halt auch in kurzen Perioden ordentlich Charakter, sowohl optisch als auch sensorisch. Ein kräftiges poliertes Kupfer liegt da im Glas, mit ansprechender Schwere beim Schwenken. An der Glaswand laufen Tropfen mit fetten Köpfen langsam ab.

Der erste Eindruck ist geprägt von Klebstoff und Estern. Eine gewisse säuerliche Note von „feuchten Turnschuhe“ kommt dazu. Nach etwas Offenstehzeit kommen weinige Aspekte dazu, und man meint, das feuchte Fassholz im Untergrund herausriechen zu können. Keine Spur von Stechen oder Zwicken. Ein rundes und volles Bouquet!

Mhoba Pure Single Sugarcane Juice French Cask Rum Select Reserve Glas

65% Alkohol sind natürlich üppig – unverdünnt wanderte der Rum schließlich vom Fass in die Flasche. Heutzutage gar nicht so ungewöhnlich für derartige Rums. Das wunderbare ist, dass man bei derartiger Qualität nicht verdünnen muss; der Antrunk ist trotz der Alkoholstärke zuerst weich und rund. Viel natürliche, unklebrige Süße spielt am Anfang mit, wuchtige, schwere, vanillige und zimtige Holztöne verbinden sich mit der frischen Helligkeit und Aromatik eines Zuckerrohrsaftbrands. Etwas Kleber ist weiterhin dabei, ja, wird aber deutlich vom Holz aufgefangen. Im Verlauf entsteht feurige Würze, esterige Tropenfrucht kombiniert sich mehr mit den holzigen, ledrigen Tönen als gegen sie anzukämpfen. Sehr schön entwickelt sich dann milde Trockenheit, die sich überall am Gaumen anlegt und ein fettes Mundgefühl erzeugt, das einen den Rum fast schon kauen lässt.

Der Abgang ist sehr warm, eher kurz, mit einem sehr aparten gegenklingenden mentholischen Nachhall, der nach all dem Feuer den Gaumen wieder runterkühlt. Ein leicht floraler Blütennachhall mit langer Wirkung bendet die Verkostung. Das Fazit ist klar und kurz – charaktervoll, stark, schwer und hochkomplex, ohne kompliziert zu werden, für mich rückblickend definitiv eine der Spirituosen meines Schnapsjahres 2020!

Der Embassy Cocktail stammt aus den 1930ern, ich habe ihn in Dale DeGroffs The Craft of the Cocktail gefunden, und er hat mich direkt angesprochen in seiner schon im Rezept erkennbaren Alkohollastigkeit. Durch den Einsatz des Mhoba French Cask bekommt er noch mehr Wucht, und auch eine eigenwillige, zunächst etwas seltsame Aromatik, die für mich aber mit jedem Schluck interessanter wird und in einer herrlichen Jasminblütigkeit endet.

Embassy Cocktail


Embassy Cocktail
¾ oz gereifter Rum
¾ oz Cointreau
¾ oz Brandy
½ oz Limettensaft
1 Spritzer Angostura bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Dale DeGroff]


Was Geschenkverpackungen angeht bin ich sehr zwiegespalten. Einerseits stellt sich bei mir immer heraus, dass sie direkt nach dem ersten Anschauen entweder auf dem Schrank als Staubfänger landen, oder sogar direkt entsorgt werden. Bei der Bambus-Holzkiste des Mhoba French Cask würde mir das ehrlich wehtun, denn sie ist wirklich hübsch. Dasselbe angeflammte und mit Lasertechnik gravierte Holzmaterial wurde, und das finde ich shockingly cool, auch anstelle eines Papieretiketts auf die Flasche aufgebracht. Dort ist dann sogar die Flaschennummer erkennbar von Hand angebracht, bei mir 284 von 462 des Batches 2019FC2. Sowas zeigt mir dann, dass hier eine echte Limitierung der Flaschenzahl stattfindet – „small batch“ mal in echt.

So ein Rum ist nicht ganz billig, für rund 80€ bekommt man aber auch extrem viel – ein hocharomatischer, spannender Rum in toller Präsentation aus einem ungewöhnlichen Herstellungsgebiet, dazu in kleiner Auflage ehrlich hergestellt. Da muss sich so manch Jamaikaner trotz des Klimas warm anziehen, in Südafrika entsteht gerade Konkurrenz. Man muss sicherlich schon etwas Lust auf Wildheit und Frechheit haben, aber diese Safari lohnt sich!