Bier am Freitag – BrewDog Punk IPA

Freibier, das ist ein magisches Wort. Es hat schon über den eigentlichen Wortsinn hinaus als Symbol für unerwartete Zuwendungen, unverdiente Geschenke und unentziehbare Lockung einen erweiterten Sinn bekommen. Nach der Krise will BrewDog die Stimmung wieder etwas aufhellen und bietet Freibier für alle, die es haben wollen – man registriere sich einfach, und bekommt dann in einer der BrewDog-Bars ein BrewDog Punk IPA aufs Haus. Tolle Sache! Für mich, der ich weit entfernt bin von diesen Locations in Hamburg und Berlin ist es um so schöner, dass ich mein Freibier schon bekommen habe und nun hier vorstellen kann –  das Punk IPA ist als (laut eigener Aussage) meistverkauftes Craftbier in Großbritannien und Europa vielen Bierfreunden sicherlich schon bekannt, doch nun hat es den Weg aus der Dose in die Drittelliterpfandflasche geschafft.

Brewdog Punk IPA 4er Pack

Trübung ist in letzter Zeit gern gesehen bei Bieren, hier ist das anders – kristallklar, ein helles Ocker verbirgt nichts. In meinem IPA-Glas sprudelt es vor sich hin, dass es eine wahre Freude ist, die extrem vielen ausdauernd aufsteigenden Bläschen bilden einen festen, feinblasigen Schaum. Der IPA-Freund fühlt sich direkt daheim, wenn die Nase ans Glas kommt. Sehr viel frische Hopfenfrucht, die üblichen Verdächtigen wie Grapefruit und Limette dominieren. 6 Hopfensorten werden erwähnt, aber nicht genannt, doch man kann sie ja bei BrewDog genauestens nachlesen. Die Kalthopfung zahlt sich aus, da findet sich noch unreife Ananas, knackige Orange, aber auch unter den Spitzen liegende milde Fruchtaromen, wie Honigmelone.

Im Mund explodiert das ganze dann direkt im Antrunk – Zitrusfrüchte aller Art, die man dann kaum mehr zuordnen kann. In Kombination mit der schon angesprochen hohen Karbonisierung kitzelt das Punk IPA den Gaumen und betäubt ihn sogar leicht. Eine sehr strenge, kantige Bittere entwickelt sich, ich hätte mehr als die 40 IBU vermutet. Dazu wird das Bier im Verlauf immer saurer. Die optische Klarheit ist auch sensorisch nachvollziehbar. Der Gaumen ist allerdings so strapaziert mit diesem Bier, dass es trotz aller Rezenz und Frische nach ein paar Schlucken einen Eindruck von Schaligkeit entwickelt.

BrewDog Punk IPA Glas

Der Abgang ist hauptsächlich effektvoll, sauerbitter, mildtrocken, und klingt mit einem andauernden Jasminnachhall aus. Mit 5,6% Alkoholgehalt ein vergleichsweise zurückhaltendes IPA (die modernen Brauer legen oft gern ne Schippe drauf), was mich persönlich gar nicht stört, es ist auch so genug an Körper und Kraft da. Ein „Post modern classic“? Ja, mit dieser Selbstbeschreibung kann ich leben. Man muss aggressiv-hopfenlastige Biere allerdings mögen, um sich wirklich mit dem Punk IPA anfreunden zu können – mir persönlich ist es einen Ticken zu eckig.

Brewdog Pale Ale & Punk IPA

Neben dem BrewDog Punk IPA erschien im April auch zeitgleich das nagelneue BrewDog Pale Ale, ein gelungenes Sommerbier, in der selben neuen Aufmachung – Glaspfandflasche, Vierertragerl.

Offenlegung: Ich danke BrewDog für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines 4er-Packs dieses Biers.

Bulgarischer Früchtekorb – Rakiya Isperih (ракия Исперих)

Mein erster Kontakt mit Rakiya war vor Ort in Bulgarien, als ich mit den Jungs und Mädels von Spirits Selection by Concours Mondiale de Bruxelles 2018 in Plovdiv einige Zeit und Drinks verbringen durfte. Dabei lernte ich auch den Rakiya-Brenner Barash Musa kennen, und wir haben uns seitdem nochmal auf dem Flughafen in Amsterdam auf der mehr oder weniger gemeinsamen langen Reise nach China für die Folgeveranstaltung wiedergesehen. Auf der Rückreise drückte er mir völlig unerwartet eine Selektion seiner Rakiyas in die Hand. Feiner Kerl, das muss man sagen. Dabei war mein Gepäck schon zum Bersten gefüllt mit Baijius, doch so einen guten Stoff (das wusste ich damals schon), den muss man einpacken, dafür hätte ich auch eine Flasche Baijiu zurückgelassen, wenn es nicht anders gegangen wäre. Bitte ignorieren Sie einfach den Baijiu-Typen in der Mitte auf dem untenstehenden Foto. Der war zufällig auf dem gleichen Flug.

Barash Musa, Derek Sandhaus und ich

Zuhause angekommen, stellte ich die Samples von Rakiya Isperih (ракия Исперих) in mein Spirituosenregal, und, ich gebe zu, habe die Fläschchen aus den Augen verloren, weil immer irgendwas anderes dazwischen kam. Nun gehe ich das Thema aktiv an, schließlich habe ich bisher Zeugs besprochen, das es sicher nicht auch nur annäherend so wert gewesen wäre, mal einen Blick drauf zu werfen. Also wird nun ein Rakiya nach dem anderen ausprobiert. Das Set bestand aus 7 Sorten, in einem Kartontragerl verpackt, der die Reise aus dem Reich der Mitte leider überhaupt nicht überstanden hat. Doch das tut dem bulgarischen Obstbrand selbst natürlich keinerlei Abbruch. Wer noch keine Ahnung von Rakiya hat, dem empfehle ich die Lektüre dieses Artikels, geschrieben von Svetlin Mirchev, der Ahnung von der Materie hat wie kaum ein zweiter. Und ein cooler Typ ist er auch noch. Aber irgendwie sind alle Bulgaren, die ich kenne, coole Typen.

Rakiya Isperih (ракия Исперих)

Beginnen wir, relativ willkürlich, mit dem Birnen-Rakiya (Крушова ракия). Nicht, weil er eine Silbermedaille bei eben jenem Wettbewerb gewonnen hatte, aber stören tut so eine Auszeichung natürlich nicht, ganz besonders weil ich weiß, dass hier echte Profis bewerten und verkosten. Ich mag die Frucht selbst im Allgemeinen und Birnenbrände im Speziellen einfach sehr, und freue mich über neue Interpretationen. Hergestellt wird er aus den Birnensorten Beurré Giffard und Santa Maria, die in Südwestbulgarien angebaut wurden. Farbe ist nicht vorhanden, der Rakiya ist makellos rein ohne Einschlüsse. Man spürt beim Schwenken eine gewisse Viskosität. Die Nase ist sehr klar und rein, Birne natürlich, ohne Fehltöne. Etwas Butter, wenn man tief riecht, sticht es etwas, ohne allerdings sensorisch Ethanoltöne zu haben. Der Antrunk ist superweich, sehr fett, mit viel Breite und Süße. Diese wandelt sich im Verlauf hin zu Würze, leichter Salzigkeit, und milder Trockenheit. 40% sind spürbar, das sollen sie in dieser Form aber auch sein. Der Abgang ist entsprechend feurig, ohne jedes Kratzen allerdings, Chili und Ingwer. Mittellang, mit schönem fruchtigen Nachhall. Das trinkt sich wirklich ausgesprochen angenehm und hat dabei gleichzeitig viel Birnencharakter. Ein hervorragend ausgeführter Brand mit toller Süßsauer-Balance.

Rakiya Isperih (ракия Исперих) - Birne (Крушова ракия)

Da kriegt man Lust auf mehr. Mal schauen, ob die anderen Früchte auch so schön ausgearbeitet sind. Gehen wir ohne viel Aufhebens zum nächsten über, dem Pflaumen-Rakiya (Сливова ракия). Auch hier erfährt man, welche Arten von Pflaumen eingesetzt wurden, nämlich Stanley und Chachanska lepotitsa aus dem Donautal im Nordosten Bulgariens. Ich sage es hier nochmal, später gehe ich nicht mehr darauf ein – wie alle hier besprochenen Rakiyas ist auch dieser kristallklar und ohne Einschlüsse, Fehler oder Trübungen, wie es sein soll. Wer Slivovitz kennt, einen sehr verwandten Brand, wird sich hier direkt heimisch fühlen. Süße Pflaumenaromen, sehr fruchtig, etwas Vanille, etwas Zimt. Ein wirklich schönes Bouquet, das der Pflaume als Frucht Rechnung trägt. Im Mund ist nach einem kurzen Süßschwall direkt ein bisschen mehr Würzigkeit und Feuer spürbar als beim Vorgänger; der Pflaumen-Rakiya wirkt schwerer und noch aromatischer, mit ordentlich Wumms, obwohl auch er auf 40% Alkoholgehalt eingestellt ist. Der Abgang ist warm, mittellang, aromatisch und effektvoll, vielleicht etwas flach im direkten Vergleich zum Vorlauf. Dennoch auch hier – eine wunderbare Interpretation eines Obstbrands.

Rakiya Isperih (ракия Исперих) - Pflaume (Сливова ракия)

Der nächste in der Reihe ist nun der Aprikosen-Rakiya (Кайсиева ракия). 8kg Frucht der Sorten Hungarian, Marculesti und Silistra aus dem Nordosten Bulgariens werden für eine Halbliterflasche angesetzt. Auch hier ist eine Silbermedaille von SSCMB vorhanden. Schöne Viskosität zeigt sich beim Schwenken, es bleibt schön viel am Glasrand hängen und läuft dann langsam ab. Beim Schwenken kommen die herrlich süßen, fruchtigen Aprikosendüfte dann schon in der Nase an, leicht esterig, etwas Klebstoff dazu. Minimalste Teernoten geben etwas Komplexität dazu. Aprikosen sind zwar natürlich das Basismaterial, aber ich meine auch Beinoten von Pfirsich und Kirschen zu riechen. Weich, mild und sehr fruchtig zeigt sich der Rakiya dann im Mund, sehr fruchtig, dazu eine spannende Zuckerwattekomponente, und feine Würze. Zitrusfrüchte, die dann in eine schöne, aufblühende, trockene, leicht grasige Floralität übergehen. Ein toller, endlos langer, blumiger Nachhall mit richtig viel Jasmin und einem Anflug von Wintergrünöl. Wow, ein wirklich ausgesprochen beeindruckender Abgang. Das ist ein sehr eleganter, kompatibler und einsteigerfreundlicher Rakiya – wer eine Chance hat, ihn zu probieren, sollte das definitiv tun.

Rakiya Isperih (ракия Исперих) - Aprikose (Кайсиева ракия)

Gehen wir nun zu einem Verwandten der Pflaume – der Mirabelle. Nancy-Mirabellen aus den Dörfern Belitsa und Yakim Gruevo wurden für den Mirabellen-Rakiya (Мирабелова ракия) verwendet. Inzwischen kann ich wohl sagen, dass sich diese Rakiyas optisch nicht voneinander unterscheiden, und auch nicht im Verhalten im Glas. Darum gehe ich direkt zu den Eindrücken über, die meine Nase sammelt. Der Mirabellen-Rakiya hat etwas leicht Parfümiertes, leicht blumig, leicht fruchtig, und so ein Anklang von Gewürzen, Nelken und Piment vielleicht. Etwas Ethanol riecht man hier durchaus durch, aber nur im Unterbau. Im Mund wirkt er nicht ganz so süß wie seine Vorgänger (aber genauso fett und breit), er beginnt schon würzig-trocken, edel herb und weniger fruchtig als erwartet. Am Gaumen ist er sehr effektvoll, piekst ein bisschen, und geht dann sogar leicht über ins Scharfe. Der Abgang ist mittellang, eiskalt mit Eukalyptushauch, und leicht blumig. Durchaus unerwartet im Gesamtbild, das ist etwas völlig anderes als beispielsweise der Aprikosen-Rakiya – der Mirabellenbrand ist was für Männer, heißkalt, würzig. Spannend, wie man im Direktvergleich die Unterschiede massiv wahrnimmt.

Rakiya Isperih (ракия Исперих) - Mirabelle (Мирабелова ракия)

Ich mag Kirschen sehr, eine der Früchte, auf deren Saison ich mich immer freue. Mit entsprechend viel Spannung habe ich mir also den Kirsch-Rakiya (Черешова ракия) eingegossen. Hergestellt wird er aus Süßkirschen der Sorten Bing, Van, Cordi und Lambert aus den Regionen Plovdiv und Isperih. Ein weicher, milder, fruchtiger Geruch verbreitet sich direkt schon beim Eingießen ins Glas. Süßkirsche, Marmelade, Johannisbeere, ganz vorsichtige Gewürze wie Nelken und Kardamom. Toll, sehr aromatisch und voll. Im Mund dann sehr trocken vom Antrunk an, dezente Frucht, nur wenig Süße. Sehr klar im Mundgefühl, die Kirsche baut sich erst Stück für Stück auf, mit viel Gewürz und leisem Feuer. Leichte Parfümnoten, floral und bunt. Das ist gar nicht so fruchtig wie erwartet, dafür aber extrem trinkbar, sehr süffig, das macht richtig Spaß. Der Abgang ist mittellang, warm, klar und streng. Im leeren Glas verbleiben sehr aromatische Frucht-Blumen-Noten. Da bekomme ich direkt Lust, mir ein zweites Glas einzugießen, das ist gefährlich leicht zu trinken. Im Nachhall kommt dann die Kirsche vollends zur Blüte mit leichter Bitterkeit und einer sehr angenehmen warmen Fülle im Mundraum. Oh, das gefällt mir sehr.

Rakiya Isperih (ракия Исперих) - Kirsche (Черешова ракия)

Wir nähern uns dem Ende, der vorletzte Brand der Reihe beschäftigt sich mit dem Pfirsich. In Südzentralbulgarien ist das Wetter scheinbar passend genug, um dort Pfirsiche der Sorten Hale, Red Haven und Glohaven anzubauen. Diese können meiner Meinung nach eigentlich kein besseres Schicksal erleiden, als im Pfirsich-Rakiya (Прасковена ракия) zu landen. Die Nase ist sehr vanillig, fruchtig, leicht buttrig. Etwas milder Weinessig vielleicht, und ein Anflug von Milchschokolade. Rein vom Geruch hätte ich gesagt: der ist gereift; ist er aber nicht, hat dennoch Reifungsnoten. Im Mund kommen genau diese Eindrücke auch vor. Sehr süß ist er, und hat ein sehr fettes, buttriges Mundgefühl. Leider fällt er im Vergleich zu allen bisherigen Proben bezüglich Aromenreichtum und Komplexität deutlich ab, da bin ich überrascht, aber es wäre auch ein Wunder gewesen, wenn dieses extrem hohe Niveau komplett durchgehalten werden würde. Der Abgang ist kurz, würzig, mildwarm, und vergleichsweise aromenarm, etwas Grasiges-Kiesiges hat er noch. Schade, aber das ist dann wohl der Ausreißer, den wir zugestehen müssen.

Rakiya Isperih (ракия Исперих) - Pfirsich (Прасковена ракия)

Zu guter letzt wenden wir uns einer Frucht zu, die einen sehr gemischten Ruf hat. In letzter Zeit erfährt sie, so habe ich den Eindruck, im Zuge des geweckten Interesses an nichtalltäglicher Nahrung etwas an Aufwind. In Spirituosen wird sie eigentlich immer gern eingesetzt, weil sie als Speiseobst nicht besonders begehrt ist – die Quitte. Die alten bulgarischen Sorten Asenitsa und Pazardjik aus der Region Dobrich scheinen gut geeignet, weil sie klein und weich sind. Was macht der Obstfreund aus ihnen? Natürlich einen Quitten-Rakiya (Дюлева ракия). Leichte Weißweinnoten, etwas Apfel, Apfelessig dazu, Bergamotte und schließlichen einen Batzen dieser sehr prägnanten Quittenfrucht. Hell, leicht, aber mit Körper, so meint die Nase. Im Mund wirkt der Quittenbrand plötzlich überraschend stumpf dagegen, doch das ist nur der erste Eindruck. Von dieser Stumpfheit aus entwickelt sich die Quitte wirklich sehr deutlich, wuchtig und aromatisch. Schwersüß, gleichzeitig sehr würzig, mit milder Ingwerschärfe. Gegen Ende wird dieser Rakiya sehr anästhesierend und pieksend, der Nachhall ist mittellang und heiß, im ganzen Mundraum spürbar, mit etwas Pfeffer am Ende. Spannend, weil ich persönlich nicht so wirklich viele Quittenbrände kenne – es ist wirklich etwas anderes, und sowas liebe ich ja immer.

Rakiya Isperih (ракия Исперих) - Quitte (Дюлева ракия)

Nach der Verkostung der 7 Sorten weiß ich, dass Brenner Barash Musa nicht nur ein feiner Kerl ist, sondern sein Handwerk auch beherrscht. Die Früchte sind fehlerlos gebrannt, klar definiert und sehr prägnant ausgearbeitet, tolle, saubere Destillate mit viel Charakter und sehr hoher Typizität. Ich mag darüber hinaus den eher zum Süßen, Schweren tendierenden Stil des bulgarischen Rakiya, er sorgt dafür, dass die ganze Frucht erkennbar bleibt und man wirklich was im Mund hat, und nicht nur ein steriles Destillat. Persönlich für mich der Gewinner dieses Sets ist der Aprikosen-Rakiya – das ist aber ein Sieger unter Siegern. Ich habe im Nachhinein erfahren, dass dieses Destillat in holzgereifter Variante auch eine Spirits-Selection-Goldmedaille gewonnen hat. Wundert mich nicht.

In Drinks kann man die Rakiyas natürlich hervorragend in Szene setzen. Obstbrandrezepte an sich sind seltsamerweise eher selten, vielleicht brauchen sie auch den Schubs, den Scotch brauchte, um ihn aus seinem elitären Wolkenkuckucksheim zu holen und ihn fürs Vermixen freizugeben. Bulgarian Spring ist ein Cocktail, der im Zuge der Spirits Selection in Plovdiv als „Visitenkarte“ für die Veranstaltung kreiert wurde – ein fantastisch aromatisches Rezept, ich habe dafür den Pfirsichrakiya benutzt, andere gehen aber genauso gut.

Bulgarian Spring Cocktail


Bulgarian Spring
1 Stück Gurke
2 Zweige Thymian
3 weiße Weintrauben
2 Teelöffel brauner Zucker
…zusammen muddeln
1½ oz bulgarischer Rakiya
½ oz Zitronensaft
1 Eiweiß
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Filippo Baldan]


Ich fände es großartig, die bulgarische Connection aus Barash, Elena, Darko und Svetlin auch 2020 wiederzusehen, wenn es klappt, auch für meinen vierten Auftritt bei dem Spirituosenwettbewerb eingeladen zu werden. Bis dahin vertreibe ich mir die Zeit mit den Resten Barashs Rakiyas, und den anderen Sorten, die ich damals aus Bulgarien mitgebracht hatte. Man kann die Zeit echt sehr viel schlechter verbringen.

Um die Welt in Sachen Rum – Nomade parmi les fûts (Luca Gargano)

Es war eine unterhaltsame Videokonferenz, die der bekannte deutsche Spirituosenimporteur Kirsch Whisky da neulich für seine interessierte Kundschaft aufgesetzt hatte. Der Gast des Abends war natürlich ein Star für alle, die sich mehr als nur an der Oberfläche für Rum begeistern – Luca Gargano, der Inhaber von Velier, einem der größten Namen im Rumbusiness. Neben der Vorstellung der heißersehnten Neuerscheinungen seiner Firma, die trotz (manchmal mag man denken – gerade wegen?) ihrer extrem geringen Erhältlichkeiten und entsprechend hohen Preisen für Rumfreunde ein beständiges Ziel der Begierde sind, erzählte er auch ein bisschen etwas über sich und seine Geschichte.

Die ganze Geschichte dieser ausgesprochen schillernden Persönlichkeit kann man nun auch nachlesen. Veröffentlicht im hauseigenen Verlag edizioni Velier gibt es sein Buch nun auch – gar nicht verknappt und hochbepreist – als ebook. Für die italienische Originalfassung („Nomade tra i barili“) reicht mein Italienisch nicht aus, daher greife ich auf die französischsprachige Übersetzung von Arturo Armone Caruso zurück: Nomade parmi les fûts.

Nomade parmi les fûts (Luca Gargano) Cover

Wer ihn schon einmal sprechen gehört hat, erkennt in den ersten Kapiteln sofort Luca Garganos melodischen Erzählsingsang wieder, seine jung gebliebene, aber vom Rauchen etwas heisere Stimme, seine poetischen Bilder, seine Gedankensprünge, seine Pausen, in denen er offensichtlich in seine eigene Vergangenheit zurückgleitet und darin schwelgt. Man fühlt sich mit ihm zusammen in Hugo Pratts La ballade de la mer salée versetzt. Sein Buch ist an diesen Stellen kein Fachbuch über Rum, sondern ein unaufgeregter, nostalgischer Blick des Autors auf sich und seine Geschichte. Dass Rum darin vorkommt, nun, das ist dann ein Detail. Man spürt viel mehr seine Liebe zu den Menschen, zu der Landschaft, dem Klima, dem Meer, der Musik und dem Wind – sei es in der Karibik, in Südamerika, in Afrika, in Polynesien.


La biguine: Son rhythme langoureux de rumba ralentie, son Ba moin en ti bo / Deux ti bo, trois ti bo / Doudou; les corps séduisants des femmes créoles; le bruissement des palmiers dans le vent; l’humidité de l’air; le coassement nocturne des petites grenouilles tropicales qui ressemble à s’y méprendre au chant des grillons… me ravissent.


Und zum Rum dann doch immer wieder, ja. Man seufzt als Rumfreund beständig auf, wenn man die Namen der Guyana-Rums aus den 80ern aus schon fast mythischen Brennapparaten hört, und wie Gargano so viele heute oft unerreichbare Schätze probiert. Aber der Rum wird nicht analysiert und kühl betrachtet und bewertet, nein, der Rum ist für Gargano oft eher eine Ausprägung eines Lebensgefühls, ein Symbol für etwas sehr viel größeres als ein alkoholisches Getränk. Rum ist das Leben, die Insel, die Kultur. Er hangelt sich entsprechend nicht von Rumempfehlung zu Rumempfehlung, wie das die meisten Autoren in dieser Situation tun, sondern von Mensch zu Mensch, von Dorf zu Dorf. Seine Einflüsse sind eben nicht die unzähligen Proben des Zuckerrohrbrands, sondern die Menschen, die ihn hergestellt haben.

In anderen Kapiteln erkennt man jedoch deutlichst den knallharten ligurischen Geschäftsmann, den Typus, der Genua einst zur geheimen Weltmacht aufsteigen ließ. Er handelt und trickst, sucht nach neuen Geschäftsfeldern, um sich zu beweisen, und entdeckt wie ein Schnapskolumbus (auch jener war Genuese!) auch immer wieder neue Archipele – der Fund der nach der Schließung der Destillerie praktisch vergessenen Caroni-Fässer im Jahr 2004 ist dabei wohl sein größter Coup, der bis heute Wellen schlägt und letztlich seinen internationalen Ruf begründet.


Je découvre tous ces rhums, et je suis conquis. Très riches en esters et en aldéhydes, avec quelques touches d’acétone, ils sont uniques, extrêmement typés. Ce ne sont pas des produits pour la grande public mais ils vont rendre fous les passionés.


Ein Suchender wie Gargano setzt sich aber selbst nach so einem Donnerschlag nicht zur Ruhe. Er ist weiter unterwegs, mit Frauen und Freunden, und scheint in Haiti irgendwie sein Nirvana gefunden zu haben. Für mich war das Kapitel über Haiti jedenfalls ein Seitenfresser, hier läuft er zur Höchstform auf. Man kann das Buch nun kaum aus der Hand legen. Seine neue Liebe dort ist der Clairin, ein sehr ruraler, natürlicher und ursprünglicher Proto-Rum. Ohne Gargano würden wir ihn heute nicht kennen, und ich nicht zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels einen Ti’Punch mit Clairin, Limette, Zucker und Eis trinken. Erst beim Trinken versteht man, was er sagt.


Le Clairin n’est pas quelque chose d’inanimé, cèst un produit vibrant, qui change a chaque foi. Il est naturel et sauvage, on ne doit pas vouloir le domestiquer, il faut le respecter, l’apprécier dans sa profonde authenticité.


Er führt sein noch kleines Unternehmen durch die Mixtur aus Großgeschäft und Liebhaberprodukten geschickt zwischen den großen Interessen der multinationalen Konzerne, die sich parallel zu Velier in Stellung bringen. Diese Kapitel über die Entwicklung des Portfolios seiner Firma und die dafür nötigen Reisen und Verhandlungen lesen sich dann gar nicht mehr so charmant, hier werden Thema und Stil plötzlich und mit hartem Schnitt prosaisch und bekommen etwas ermüdenden Aufzählungscharakter.

Das Buch wirkt deshalb zwiespältig auf mich – wie die Person Luca Gargano selbst. Einerseits ist da ein toller Erzähler mit einer poetischen Ader, wenn er einfach über sein Leben, seine Leidenschaft und über Menschen und Länder spricht. Andererseits ein natürlich preis- und absatzorientierter Geschäftsmann, der mit deutlich weniger Verve praktisch eine Liste der Rumproduzenten der Karibik herunterbetet. Der Unterschied zumindest in literarischer Qualität ist dramatisch, als wären zwei Autoren am Werk gewesen. Weniger vom letzteren, mehr vom ersteren, das hätte mir besser gefallen, auch wenn Rumaficionados auf der Suche nach Details es vielleicht anders herum sehen werden. Ein Koautor, oder ein kritischer Lektor, hätte dem Buch an manchen Stellen gut getan, jener hätte vielleicht auch die manchmal etwas unzusammenhängend wirkenden Episoden besser verbunden.

Die geschäftlichen Details haben letztlich irgendwie doch einen Sinn – es ist spannend zu sehen, wie unterschiedlich das Portfolio von Velier in den 80ern und 90ern war im Vergleich zu heute – der heutige Abfüller höchstexklusiver Brände importiert damals voller Begeisterung das, was wir heute als generische Massenprodukte wahrnehmen. Der Wechsel erklärt sich durch den in diesem Buch auch geschilderten Wandel der Persönlichkeit des Inhabers allerdings mehr als deutlich – nach seiner polynesischen Zeit sucht Gargano nun etwas anderes als die einfache Lira; er prägt dabei unsere aktuelle Fokussierung auf Qualität statt Quantität sicherlich mit, auch wenn es gegen Ende dann hin und wieder etwas arg missionarisch wirkt.


Notre souci n’est pas de selectionner mais plutôt d’élargir. (…) L’approche qualitative n’est pas encore une donnée déterminante du marché du rhum. (…) Grâce à la découverte du Grogue, je comprends qu’il y a encore de par le monde beaucoup de destillateurs inconnus. Pour le moment, je ne pense pas à importer le Grogue. Mais je songe que je peux reprendre ma recherche de produits unique, particuliers, hors normes; travailler pour un approche qualitative, dans le monde du rhum.


So bleibt für mich als Fazit – die Lektüre ist ein gemischtes Erlebnis. Wer auf knallharte Fakten aus erster Hand hofft, wird hier durch den poetischen Stil und die Anekdotenhaftigkeit abgelenkt; der Leser, der wie ich die Stimmung sucht, dagegen durch die manchmal etwas unpointierte Aufzählung von Destilleriebesuchen. Beide Gruppen werden dennoch etwas in diesem Buch finden, und wahrscheinlich gehören beide Aspekte einfach zusammen und bilden damit tatsächlich die Persönlichkeit Luca Garganos ab.

Was am Ende übrig ist, ist ein diffuser Wunsch, sich mit dem Autor des einen Teils des Buches zusammen setzen, einen alten Bally oder Saint James aus seinem unglaublichen Fundus zu trinken, eine kubanische Zigarre zu rauchen, und mich mit ihm über das Leben und die ligurische Küche, die Inseln der Südsee und der Karibik, über Haiti und Afrika, über Frauen und die Welt an sich zu unterhalten – darüber hat dieser Ruruki mehr als genug Unglaubliches, Spannendes, Faszinierendes zu erzählen. Ich brauche da dann kein Fachgespräch mit dem Rumkenner, keine Verkostung mit dem Geschäftsführer, kein Interview mit dem Autor des anderen Teils des Buchs. Ein toller Abend wäre das. Und vielleicht könnte ich ihm dann noch das genaue Rezept für den authentischen Café Cantarelli entlocken.

Allerlei Fassrundungen – The Rum Factory Double Cask Collection Oloroso Cask

Fassfinishes, also eine Abrundung oder Veredlung eines eigentlich schon gereiften Destillats in geschmacksgebenden Fässern, das ist eine inzwischen auch bei Rum völlig normale Form der Herstellung. Übernommen haben wir das vom Whisky, wo die Scotch Whisky Association seit letztem Jahr sogar die sehr engen und strengen Regeln, in welche Art Fässer Whisky gelegt werden darf, etwas gelockert hat. Nicht soweit, dass wir den diesjährigen Aprilscherz eines bekannten Importeurs, der einen angeblich extra für Deutschland produzierten Whisky mit Gurkenfassfinish zum Verkauf in Aussicht stellte, je für bare Münze hätten nehmen können; aber doch soweit, dass beispielsweise ein Tequilafassfinish möglich geworden ist. Bei Rum ist man in der Breite noch nicht ganz so weit, man beruft sich für Abrundungen meist weiterhin erstmal auf die Klassiker: Port-, Sherry- und Weinfässer. Einige Abfüller bieten für den nach Abwechslung lechzenden Kunden ganze Serien von unterschiedlichen Rums mit diversen Finishes an. Die Double Cask Collection des jungen unabhängigen Abfüllers The Rum Factory ist ein Beispiel dafür.

The Rum Factory Double Cask Collection Oloroso Cask ist das erste Mitglied eben dieser Reihe von karibischen Rums, die nach einer tropischen Reifung noch ein Finish in Europa in Fässern erhielten, die vorher andere Dinge enthielten. Das Etikett sagt es, hier haben wir einen Blend aus Barbados-Rums, der (durchschnittlich) 8 Jahre tropisch in Ex-Bourbon-Fässern reifte. Angeschlossen wurde eben dann das kontinentale Finish, 6-9 Monate in Ex-Oloroso-Sherry-Fässern in der Tschechischen Republik, mit Unterstützung der wieder auferstandenen historischen Albert Michler Distillery in Buková. 2670 Flaschen konnte man am Ende für den ersten Batch aus den Fässern abziehen, und eine davon haben wir jetzt vor uns, nur darauf wartend, geöffnet und verkostet zu werden.

The Rum Factory Double Cask Collection Oloroso Cask

Sehr warm und edel wirkt der Rum im Glas. Die Safranfarbe mit orangenen Reflexen tut ihres dazu, und die leichte Trägheit beim Schwenken der Flüssigkeit das ihrige. Ein Ölfilm entsteht dabei, in dem dickköpfige Tropfen langsam ablaufen.

Karamell und Honig sind die ersten Eindrücke, die ich wahrnehme, wenn ich die Nase ins Glas halte. Aprikosen und Birnen bilden eine fruchtige Schicht unterhalb der süßcremigen Oberfläche. Etwas reife Banane, und überreife Ananas, aber bei weitem nicht so esterig wie ein Jamaica-Rum, mehr nur ein Anflug davon. Das Gesamtbild im Geruch ist hell und leichttönig.

Im Mund kommen dann schon eher barbadostypische Rumaromen zum Vorschein, wenn auch vom Eindruck süßer als gewohnt – Tabaknoten, Nougat, Gewürze, sehr viel Marzipan und Ahornsirup. Vanille aus der Holzreifung natürlich, dezente Mandel. Frucht ist immer mit dabei, ohne wirklich in den Vordergrund zu drängen, ich halte es für Kirschen, rote Beeren, Weintrauben – vielleicht der Sherryeinfluss. 45% Alkoholgehalt sind erkennbar, sowohl von einer leichten Schärfe, als auch vom Körper und der schönen Breite. Eine gewisse Salzigkeit bietet Abwechslung am Gaumen.

The Rum Factory Double Cask Collection Oloroso Cask Glas

Meine selbst durchgeführte Zusatzmessung hat um die 5g/L ergeben, bei einer Doppelreifung (Reifung mit Finish) sehe ich das gerade noch so als normale Zusätze aus den Bourbon- und Sherryfässern. Auch sensorisch wirkt dieser Rum auf mich nicht künstlich gesüßt, selbst wenn er sehr deutlich zur Süße hin tendiert.

Der Abgang ist schließlich überraschend fruchtig, eine Mischung aus mildem Pfirsich und würziger Quitte. Ein leichtes Feuer entsteht, Trockenheit baut sich auf und verdrängt die süßen Antrunkseindrücke, ohne wirklich staubig oder astringierend zu werden; eine Grundsüße bleibt von Anfang bis Ende. Der Nachhall ist mildnussig, sehr würzig, leicht salzig, warm und lang.

Ein wirklich attraktiver Rum, komplex, aber nicht verkopft, easy drinking, aber nicht billig, süß, aber nicht künstlich. Ein rundes, warmes, schönes Bild – für mich ist das ein großes Kompliment, gerade in Zeiten, wo manche übersättigte Nerds sowas als langweilig empfinden. Den Double Cask Collection Oloroso Cask kann man wirklich einfach so schön vor sich hin schlürfen; oder ihn im Cocktail gewinnbringend einsetzen. Mother Rum ist eine Art Twist auf einen Old Fashioned – die alternativ zur einfachen Süßung eingesetzten Kakaolikör und Ahornsirup geben neben der Süße noch eine gewisse Aromatik mit, die den Drink interessanter machen. Davon genieße ich gern zwei hintereinander, und der Abend kann kaum mehr besser werden.

Mother Rum Cocktail


Mother Rum
2 oz gereifter Rum
¼ oz Crème de Cacao
¼ oz Ahornsirup
Auf Eis rühren. Auf Eis servieren.
[Rezept nach Milo Rodriguez]


Die Flasche selbst ist einfach gehalten, aber gerade das gefällt mir. Ein Plastikkorken ist heutzutage verbreitet und hat seinen schlechten Ruf von früher eigentlich abgelegt. Das elegante, klar strukturierte Etikett enthält die nötigen Informationen – der Stil liegt mir insgesamt mehr als der der Distillery Collection. Mir gefällt, wie auf dem Karton, in dem die Flasche geliefert wird, die Story von The Rum Factory aufgedruckt ist – eine schöne Illustration, offensichtlich handgemalt, in der die unterschiedlichen Produktlinien erklärt werden. Man sieht an Details wie diesem, dass hier keine schnelle Mark mit einem Trendprodukt gemacht werden soll, sondern der Abfüller mit Herz dahinter steht – die persönliche, sehr ausführliche Kommunikation beweist es mir darüber hinaus. Mir persönlich ist sowas wichtig, und es sorgt dafür, dass mir die Rums von The Rum Factory noch ein bisschen besser schmecken, denn der Kopf trinkt bei mir immer mit.

Offenlegung: Ich danke The Rum Factory für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Rums.

Bier am Freitag – BrewDog Pale Ale

In letzter Zeit hatte ich mich irgendwie wieder mehr auf klassische deutsche Bierstile konzentriert – ein gutes Helles zum Essen, ein fetter Maibock zum genießen, ein Weizenbier für die Sonne hinterm Haus. Da flatterte dann sehr unerwartet ein dickes Postpaket ins Hause Schlimmerdurst – mit unter anderem einem Pale Ale, ein Stil, den ich seit einiger Zeit etwas vernachlässigt hatte. Das BrewDog Pale Ale gibt mir die Gelegenheit, diese Liebe wieder aufzufrischen. Es ist ein nagelneues Produkt des schottischen Bierbrauers, erst seit Mitte April in dieser Form erhältlich. Schnell die Flaschen kühl gestellt und danach dann ab ins Glas damit!

Brewdog Pale Ale 4er Pack

Das Pale Ale ist kristallklar, mit einem starken Terracotta-Farbton, so dass man sehr schön die Perlage beobachten kann, die aus vielen, schnell aufsteigenden Bläschen besteht. Sie füttert den grobblasigen Schaum, der bald nur noch aus einem dünnen Flaum und einer Tonsur an der Glaswand besteht. Die Nase ist natürlich vom Aromahopfen dominiert, auf einer marmeladigen, süßfruchtigen Basis kommen minimale Spitzen von Grapefruit und Limette. Malz scheint durch. Insgesamt nicht übertrieben, sondern typisch und stilsicher wirkend.

Das Mundgefühl ist klar, sauber, kernig frisch. Direkt von Anfang an ist da eine starke Säure, die das Bier von vielen anderen sehr cremigweichen Pale Ales unterscheidet. Limette, Grapefruit sind klar definiert, aber man hat noch erkennbaren Biercharakter, der im Verlauf dann immer stärker übernimmt, bis man meint, ein Export im Mund zu haben. Herb und sehr rezent erfrischt das BrewDog Pale Ale den Gaumen in dieser Phase; es wirkt nun sehr klassisch britisch, selbst wenn es als „West Coast Classic“ gelabelt ist.

Brewdog Pale Ale Glas

Trotz leichten 4,2% Alkoholgehalt ist viel Körper und Kraft da. Der Abgang ist sehr getreidig, trocken, nicht übermäßig, aber erkennbar bitter mit weiterhin starker Säure. Mittellang, mit nachklingenden Astringenzeffekten und einem Anflug von Wintergrün. Bis zum Schluss klar und sauber. Das ist ein tolles Sommerbier für den Biergarten (wenn man wieder hindarf, was hoffentlich bald geschieht). Gut gekühlt, und wegen dem leichten Alkoholgehalt, kann man da ohne Mühe den Viererpack mit einem Kumpel wegzischeln.

Brewdog Pale Ale & Punk IPA

Neben dem BrewdDog Pale Ale erscheint zeitgleich auch das unter Bierfreunden wohlbekannte Punk IPA in derselben Präsentation – den meisten wird es als Dosenbier in Erinnerung sein. Obwohl ich die Dose weiterhin als ideales Transport- und Aufbewahrungsgefäß sehe, aus aromatischer Sicht, ist doch eine Pfandflasche am Ende des Tages umweltfreundlicher. Dass es dann noch eine Standardflasche ist, die man überall abgeben kann, macht das noch besser.

Offenlegung: Ich danke BrewDog für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines 4er-Packs dieses Biers.

Japan in einem Tropfen – The Japanese Bitters Shiso/Umami

Die Japaner sind sowohl Puristen als auch Perfektionisten, was handwerkliche Arbeiten angeht. Natürlich kann man nicht verallgemeinern, aber gerade in der Spirituosen- und Cocktailwelt ist das, was wir hier in Europa aus Japan hören, immer auf dieser Basis. Kein Wunder also, dass sich der Bartender Yuki Yamazaki, als er japanische Drinks designen wollte, nicht auf amerikanisch-europäische Bitter verlassen konnte – ein japanischer Cocktail soll als solcher sowohl erkennbar in der japanischen Tradition stehen und die Kultur wiederspiegeln, als auch idealerweise viele Zutaten darin dort hergestellt sein. The Japanese Bitters sind das Ergebnis seiner Mühen.

In der Präfektur Chiba im Südosten Japans stellt Yamazaki diese Bitter her; die Inhaltsstoffe werden zwei bis drei Monate in Alkohol sous-vide mazeriert. Ich habe mir, kurz nachdem ich von ihnen zum ersten Mal gehört habe, direkt vom deutschen Importeur Capulet & Montague, ansässig in meiner Heimatstadt Saarbrücken, zwei der Bitter geholt und will sie hier besprechen – denn sowohl ein Shiso Bitter als auch ein Umami Bitter sind schon etwas derart Exotisches, dass ich einfach nicht daran vorbei kann.

The Japanese Bitters Shiso/Umami

Eine Purverkostung macht bei Cocktailbittern eigentlich nur wenig Sinn, denn sie werden ausschließlich in Drinks eingesetzt. Entsprechend will ich auch hier versuchen, wiederzugeben, wie sie einen bekannten, gewohnten Cocktail verändern. Für einen klassischen Manhattan setzt man meist Angostura oder Orange Bitters ein, das kennen wir alle gut. Darum habe ich einfach zwei Manhattans angesetzt, auf identischer Basis (2 oz Koval Single Barrel Bourbon, 1 oz Martini Rosso), auf Eis gerührt, und dann jeweils einen Spritzer – ca. ¼ der Pipette – der Japanese Bitters zugegeben, und nochmal leicht gerührt.

Beginnen wir mit dem Manhattan mit dem Shiso Bitter. Geruchlich hat er sich praktisch nicht verändert, der Bourbon beherrscht deutlich das Bild. Auch im ersten Antrunk meine ich nicht, eine ungewohnte Note erkennen zu können. Im Verlauf jedoch baut sich eine Idee von Minzigkeit und Kräuterigkeit auf. Wie gesagt, nur eine Idee – das gefällt mir in der Subtilität sehr. Gegen Ende ensteht tatsächlich eine „Grüne“, anders will ich das nicht formulieren; Shiso eben, dazu Melisse, milde Minze, Liebstöckel, Kerbel, Petersilie, so etwas in der Art. Eine sehr subtile Veränderung des Manhattan entsteht dadurch, etwas, was viele oberflächliche Trinker gar nicht aktiv wahrnehmen werden – der Kenner wird die Begrünung des Cocktails aber sicher zu schätzen wissen. Ich denke, dass ein Spritzer davon in einen Martini, eine Margarita oder einen Daiquiri sehr positive Effekte haben können. Insgesamt Drinks auf Basis vegetaler Spirituosen profitieren sicher davon, mehr als ein erdigholziger Bourboncocktail. Probiert man ihn dann doch als Tropfen auf der Hand pur, so wird genau jenes deutlich – ein grünes Kräutertöpfchen ist das, angesetzt mit 28% Alkoholgehalt.

The Japanese Bitters Shiso-Umami Manhattan-Vergleich

Hatte ich eben die Subtilität des Shiso Bitters angepriesen, so ist der Umami Bitter eine ganz andere Kategorie. Das ist alles andere als unterschwellig – schon beim Aufdrehen des Fläschchens riecht man, wohin die Reise geht. Speck, Rauch, Grillkohle, Räucherfisch. Eine Viertelpipette reicht, um dem Manhattan eine vorsichtige Rauch- und Specknote zu verleihen. Und im Geschmack wird das noch deutlicher, hier kommt plötzlich eine ausgeprägte Salzigkeit hervor, dazu der Umami-Geschmack, den man höchstens als „würzig“ beschreiben kann. Etwas Speck, etwas Rauch, deutliche pilzige Erdigkeit sind plötzlich im Cocktail, und verwandeln ihn von einem freundlichen Anschmeichler in einen maskulinen Macho. Als wäre ein Schuss Mezcal mit im Drink. Ich stelle mir vor, dass die Umami Bitters eine wunderbare Variante für die sind, die sonst viel Aufwand mit Fatwashing oder Glasräuchern betreiben, um genau diese Eindrücke für eine Spirituose zu erzeugen. Leicht schwächer mit 27% Alkoholgehalt angesetzt, ist dieser Bitter heller und trübe – Reste der verwendeten Bonito-Fischflocken und des Seetangs schwimmen wahrscheinlich noch drin. Pur probiert schmeckt man sehr viel Salz, Sojasauce, Pilze, Räucherfisch, Sellerie und starke Gemüsebrühe. Der Probiertropfen auf dem Handrücken riecht noch eine Stunde nach. Kein Wunder, dass dieser Bitter den Drink verändert – man muss wirklich vorsichtig dosieren, um nicht einen Fischcocktail zu erhalten.

The Japanese Bitters Shiso-Umami Pipette

Tatsächlich wollte ich eigentlich keine weiteren Bitters für meine Heimbar anschaffen, ich habe schon ein Dutzend, und eingesetzt werden eh praktisch nur Orangen-, Angostura-, Schokoladen- und Peychaud’s Bitters. Doch die Japanese Bitters sind extravagant und exotisch genug, und dazu aber mit einem erkennbaren Einsatzplan, dass ich es keineswegs bereue, die doch sehr hohen Anschaffungskosten von 35€ pro Fläschchen investiert zu haben. Man bekommt aber auch, neben dem sehr hochwertigen und aufregenden Inhalt, was fürs Auge – die Japanese Bitters sind abgefüllt in kleine, 100ml-Fläschchen mit Pipette und weisen ein sehr attraktives Etikett auf aus schönem washi und mit hübscher Kalligrafie und Illustration von Sando Sagara: Ein Blickfang für die Heimbar.

Aufmerksame Leser wissen, dass weitere der Japanese Bitters im Bunde fehlen – der Yuzu Bitter und der Sakura Bitter. Ich habe aktuell noch soviel Grapefruit- und Zitronenbitter, dass ich den ersten erstmal zurückgestellt habe, der zweite ist aktuell noch nicht erhältlich gewesen. Nach meiner Erfahrung hier ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis auch diese ihren Weg zu mir nach Hause finden.

Bier am Freitag – Brewbaker Sunburst Sour (Berlin Beer Week 2016 Collaboration Brew)

Ich hätte mich mit dem Artikel etwas beeilen sollen. So wird leider aus einem hochaktuellen Blogeintrag zu einem Aktionsbier ein musealer Nachruf auf das Brewbaker Sunburst Sour (Berlin Beer Week 2016 Collaboration Brew). Leider rutschen derartige Bierartikel oft nach unten durch, und daher hoffe ich zumindest, dem offiziellen Festivalbier der Berlin Beer Week 2016 so noch etwas Ehre zukommen zulassen – verdient hat es das. Der Gemeinschaftssud der Berliner Craftbrauereien Brewbaker, Brewdog, BRLO, Berliner Berg und Schneeeule. ist mit Zitronenzesten und Honig eingebraut und auf sommerliche 4,8% Alkoholgehalt eingestellt. Ab ins Glas damit.

Brewbaker Sunburst Sour (Beer Week 2016 Collaboration Brew)

Schon beim Öffnen des Kronkorkens fällt mir eine Schicht Hefe am Glasrand des Flaschenhalses auf. Entsprechend schwenke ich den dicken Bodensatz, der sich gebildet hat, beim Eingießen leicht auf. Während sich zunächst ein zischender Schaum bildet, fällt dieser sehr schnell komplett in sich zusammen, obwohl eine sehr starke, knisternde Perlage für CO2-Nachschub sorgt. Durch die aufgeschwenkte Hefe wird das Bier stark opalisierend. Sonnenstrahl ist bei der Farbe nicht meine erste Assoziation, es wirkt leicht dunkelgelb.

Geruchlich erkennt man eine zitronige Säure, sehr frisch wirkend. Milde Marmeladennoten, etwas Mango, etwas Passionsfrucht. Bereits am Antrunk ist klar – das ist nichts für Süßmäuler. Die kantige Limettensäure schießt direkt vor, Honigwürze gibt dabei Untergrund, ohne wirklich zu süßen. Ein sehr leichter, heller Körper lebt von Frische und Zitrusfrucht. Die extrem hohe Rezenz ist der sehr ausdauernden Perlage und der zumindest für mich als Sauerbierfreund wirklich ansprechenden, hochkonzentrierten Säure geschuldet. Der Abgang des Brewbaker Sunburst Sour ist sehr kurz, trocken, feinbitter, Zitronenschale und Limettenschale dominieren auch hier, etwas Hefe klingt nach.

Davon hätte ich mir für den heißen Sommer ein paar Fläschchen in den Keller legen sollen – ich denke mir, das hätte dann, kellerkühl, noch sensationeller gewirkt als es eh schon ist. Bei einer Haltbarkeit bis 2020 wäre das kein Problem gewesen. Nun, es wird weitere Gelegenheiten geben, hoffe ich.

Zur Feier des Tages – Allesverloren 2012 Vintage

„Portwein“ ist eine geschützte Herkunftsbezeichnung: Nur Likörweine aus der portugiesischen Region Douro dürfen so genannt werden. Dass das durchgesetzt wird, mussten südafrikanische Winzer schnell feststellen, als sie versuchten, ihren Süßwein, der nach derselben Methode hergestellt wird und auch sensorisch sehr verwandt ist, als „Port“ in Europa auf den Markt zu bringen. Selbst Hinweise wie „nach Portweinart“ oder „-typ“ sind verboten. Persönlich müsste ich mich, der ich ja so regelaffin bin, dann auch daran halten und dürfte den Allesverloren 2012 Vintage nicht als Portwein verschlagworten – ich tus trotzdem, einfach um dem Leser die Verwandheit der Produkte aus Portugal und Südafrika deutlich zu machen. Ich hoffe aber, dass die Wichtigkeit des Schutzes einer geografischen Herkunftsbezeichnung klar ist – sie ist ein Qualitätskriterium und dient sowohl der Tradition als auch dem Konsumenten. Ich betone, dass der Hersteller in keinem Wort auf dem Etikett auch nur eine Andeutung diesbezüglich macht, das finde ich schonmal lobenswert.

Der Süßwein aus Swartland scheint, abgesehen von der Herkunftsregion, dazu nicht komplett aus portweintypischen Rebsorten gewonnen zu sein; während die für ihn benutzten Rebsorten Tinta Barocca, Souzão, Malvasia Rei, Tinta Roriz, Tinta Francisca und Touriga Nacional durchaus auch in Portwein Verwendung finden, ist für mich zumindest der Einsatz der eher seltenen südafrikanischen Traube Pontac ein Ausreißer. Da diese natürlich dem ganzen eine nationale Besonderheit gibt (immerhin ein Fünftel des Weins wird aus dieser Rebe gekeltert), sollte man es erwähnen. Ich bin bei weitem nicht Weinkenner genug, um diese Details wirklich aus dem Geschmack extrahieren zu können, doch probieren kann man es – unterscheidet sich der Südafrikaner vom Portugiesen nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch? Versuchen wir einfach mal, es herauszufinden.

Allesverloren 2012 Vintage

Weinrot, aber ein tiefdunkles, zum Schwarzen hin tendierend, mit purpurnen Reflexen bei Gegenlicht. Ein sehr träges Glasverhalten zeigt schon, dass wir hier ein fettes Ding vor uns haben – man meint, die üppige Restsüße von 95g/L schon sehen zu können. Der Geruch ist direkt interessant, da ist neben traubigen Rotweinnoten auch vom ersten Moment an eine leichte Eukalyptus-Komponente, zusammen mit viel Holz und ein Tick von Rauch. Leicht vergorene Erdbeeren. Johannisbeerensaft. Eine leichte Pferdestallnote.

Ein sehr cremiges Mundgefühl kombiniert sich mit milder Buttrigkeit. Schwere, natürlich wirkende Süße füllt den gesamten Geschmacksapparat aus, in jede Richtung geht das. Üppig viel Frucht, insbesondere rote Beeren und Trauben. Holz und Kardamom und Chili liegen im Untergrund und sorgen für ordentliche, nicht zu unterschätzende Würze. 20,5% Alkoholgehalt spürt man nicht, aber sie geben die fühlbare Kraft für diesen Wein. Sehr wirksame Säure baut sich langsam auf und löst die Süße ab; eine ausgeprägte Nussigkeit taucht im Verlauf dazu auf und leitet den entsprechend sehr nussigen Abgang ein.

Allesverloren 2012 Vintage Glas

Mir wurde gesagt, ich dürfe das Wort „trocken“ nicht verwenden bei Port und portähnlichen Weinen, denn die seien immer süß. Ich empfehle meinen Kritikern, mal diesen Süßwein hier zu probieren, und den Abgang zu bewerten. Wer den nicht als trocken empfindet, nun, mit dem muss ich nicht mehr diskutieren, wir haben dann offensichtlich völlig unterschiedliche Geschmackswelten im Kopf. Daneben ist eine ganz vorsichtige Schärfe, die lange nachwirkt, auch wenn die Aromatik schon längst verschwunden ist. Auf den Lippen bleibt etwas Süße hängen, und der Gaumen bleibt lange belegt.

Eigentlich bräuchte man für diesen Wein kein Cocktailrezept, in dem er besonders zentral eingesetzt wird – der Allesverloren 2012 Vintage kümmert sich schon darum, Aufmerksamkeit zu erregen, selbst wenn er nur ein Float auf einem Continental Sour wäre. Dennoch fühle ich mich gerade bei diesem Wein irgendwie dazu verleitet, ihm eine Bühne zu geben, in dem er seine ganze Grandiosität ungestört präsentieren darf. Und im Nelson’s Blood passiert das aufs Schönste.

Nelson's Blood Cocktail


Nelson’s Blood
1½ oz Ruby Port
1½ oz Cognac
Auf Eis rühren.
[Rezept nach unbekannt]


Allesverloren 2012 Vintage Feier

Ich danke meinem Kollegen Daniel, dem ich diese Flasche zu verdanken habe – ich gebe zu, dass ich mich etwas schlecht fühle, weil der Tausch, den wir durchführten, ganz eindeutig zu meinem Vorteil verlaufen ist, wer braucht schon ein Everlast Rocket Book. An Weihnachten 2019 hat sich dieser Süßwein darüber hinaus noch für die Familie als idealer Festtags-Aperitif bewiesen, was beweist, dass eine geteilte Spirituose doppelt so gut schmeckt.

Inzwischen ist die Flasche leer, Portwein und ähnliche Produkte kann man zwar durchaus ein paar Monate geöffnet noch aufbewahren, aber für den Allesverloren 2012 Vintage stellte sich mir diese Frage letztlich gar nicht, denn er war einfach zu lecker und verführerisch, als dass ich den im Regal hätte stehen lassen können. Ich werde Ausschau halten nach Ersatz.

Bier am Freitag – Bruch Maibock

Es ist nun Mitte April, oder, um dem Datum einen Twist zu geben, der zum hier besprochenen Thema passt: Beinahe Mai. Mai, das ist für den geneigten Bierfreund Maibock-Zeit. Um etwas Vorbereitung für die neue Bockbiersaison zu haben, grabe ich hier einen verschlampten Artikel des letzten Jahres aus, und stelle hier ein tolles regionales Bier aus Saarbrücken vor – das Bruch Maibock 2019.

Bruch Maibock 2019

Leicht opalisierend, was die strahlend sonnengoldene Farbe zum Tragen bringt. Es ist praktisch keine Perlage erkennbar, dennoch entsteht ein schöner, feiner, gemischtblasiger Schaum, der sich nach dem Eingießen auch noch einige Minuten erhält. Der Geruch hält sich, für ein nicht speziell nachgehopftes Bier nicht ungewöhnlich, in Grenzen – ein Metallton dominiert zunächst, im Untergrund findet sich sonst nur ein heller Bitterhopfenton.

So zurückhaltend der Geruch war, so voll ist der Geschmack: auch hier beginnt der Bruch Maibock 2019 mit einem Eisenton, wird ergänzt durch ein sehr elegant komponiertes Malz-Hopfen-Bild mit leichten exotischen Frucht- und Fruchtkaugumminoten. Nichts sticht wirklich hervor, allerdings muss ich das Mundgefühl explizit loben – sehr breit, voll und fett liegt das Bier im Mund. Wirksame Süße spielt toll gegen die Würze und die vorhandene Säure. Letztere sorgt für eine wunderbare Rezenz, in Kombination mit der Breite eine richtig gute Kombo. 6,8% sind typisch für ein Bockbier und kümmern sich um den Wumms.

Der Abgang ist mittellang, süßlich, sehr blumig, mit etwas Fruchtcharakter. Insgesamt hinterlässt das Bier eine sehr befriedigendes Gefühl im Mund, die Schwere und Süße wird durch Rezenz und Bittere ausgeglichen. Kurz – für mich das Bier des ersten Halbjahres 2019.

Bruch Brauereiführung

Die Brauerei hatte ein Fest veranstaltet, an dem auch eine Führung durch die Brauerei stattfand, an der ich gerne teilnahm, und oben sieht man ein paar Eindrücke der vergleichsweise übersichtlichen, aber insgesamt sehr charmanten Bruch-Örtlichkeiten in Saarbrücken. Ich hatte mir an diesem Fest auch direkt einen ganzen Kasten des dort frisch gezapft erhältlichen Maibocks gekauft und von der Brauerei bis in den Kofferraum geschleppt. Auch wenn das Flaschenbier tatsächlich nicht zu 100% mit dem Fassbier mithalten kann, freute ich mich über lange Zeit immer wieder, ein Stubbi davon zu öffnen, und musste mich zwingen, es nicht für schlechte Zeiten aufzubewahren – derartiges Bier wird letztlich doch nicht besser über die Zeit

Bruch Maibock Kasten

Wie man oben sieht, konnte ich im April 2020 dann aber Nachschub besorgen. Der Maibock ’20 hat den gleichen Alkoholgehalt, ist in der gleichen Flasche abgefüllt – man merkt äußerlich keinen Unterschied. Das Bier selbst wurde leicht verändert, ist laut eigener Aussage „noch süffiger“ – kann ich bestätigen. Ich bestätige darüber hinaus für den neuen Jahrgang alles, was ich über den letztjährigen sagte, und freue mich, dieses wirklich tolle Bier nun endlich weitergenießen zu können.

Rum in Zeiten der Cholera – The Rum Factory Distillery Collection Aged 10/15 Years

Für mich ist die aktuelle Corona-Ausgangssperre kein wirkliches Problem. Ich bin eh schon immer selbstgewählter Eremit und kenne eigentlich keine Langeweile und gefürchtete Vereinsamung, die man bei so vielen Facebookfreunden ausmachen kann. Doch manchmal freut man sich dennoch über Gäste – und so war ich positiv überrascht über zwei hübsche Flaschen, die da vor kurzem bei mir im Quarantänequartier hereingeschneit sind. Der noch recht junge unabhängige Abfüller The Rum Factory hat mir damit die ruhige Zeit noch etwas genehmer gemacht.

Ich genieße es immer sehr, bei mir unbekannten Produkten erstmal ein bisschen zu recherchieren – und der erste Schritt dabei ist das Etikett, denn ich bin ein Etikettenfanatiker und will jedes Wort darauf abklappern. Man findet immer was interessantes, und auch hier: das zentral platzierte Wort „Buchsdorf“. Dies ist kein echter Namensbestandteil, nur eine Verneigung vor der Zusammenarbeit des Abfüllers mit der historischen tschechischen Albert Michler Distillery in Buková (früher eben Buchsdorf), wo andere Produkte von The Rum Factory weiterverarbeitet werden. Für die hier vorliegende Distillery Collection fand die gesamte Herstellung jedoch erstmal rein in Panama statt – bei Bodegas de América, S.A., wo diese beiden Rums destilliert, gereift und geblendet wurden; wir haben hier also rein tropische Reifung vor uns. Werfen wir einen Blick auf die zwei Mitglieder dieser Kollektion.

The Rum Factory Distillery Collection Panama Aged 10/15 Years

Fangen wir mit dem jüngeren der beiden an. The Rum Factory Distillery Collection Aged 10 Years ist ein Blend aus 4-12 Jahre alten Rums, das Durchschnittsalter ist also auf dem Etikett angegeben. Dazu am Ende mehr, jetzt erstmal zum Stoff selbst. Die Farbe ist leuchtendes Kupfer, der zur Vereinheitlichung eingesetzte Farbstoff ist auf dem Etikett angegeben. Im Glas ist nur leichte Viskosität erkennbar, der Rum schwenkt sich leicht und lebendig. Dabei hinterlässt er einen öligen, durchgängigen Film an der Glaswand, der nur teilweise in Beinchen zerfällt beim Ablaufen.

Geruchlich bin ich überrascht – hier finden sich Noten, die nicht alltäglich sind. Neben extrem viel Karamell und Butterscotch ist zuoberst Kokosfleisch, weiße Schokolade und Kakao. Darunter eine sehr abgesetzte Schicht Frucht, Orange und Mandarine. Und darunter wiederum eine kräuterige, leicht lakritzige, eukalyptuserinnernde Basis. Das erlebe ich in dieser Deutlichkeit selten, dass hier wirklich drei abgrenzbare Schichten separat miteinander spielen. Sehr spannend gemacht.

Der Antrunk ist sehr fruchtig, mit Zitrus- und Orangennoten. Die eingesetzte Süßung (~12g/L) ist vorsichtig, nie pappig oder unangenehm. Holztöne kommen auf, Vanille, Zimt. Eine schöne Breite und Volumen bauen sich auf. Eindrücke von Kaffeepulver und Gewürzen entstehen im Verlauf, dabei wird der Rum trockener und immer pikanter – 41% Alkoholgehalt passen sich ganz gut in das Bild ein.

The Rum Factory Distillery Collection Aged 10 Years Glas

Der Abgang ist halbtrocken, mittellang, am Ende doch sehr pfeffrig und mentholisch heißkalt, hinterlässt auf der Zungenspitze ein bisschen Betäubung und einen Eisenton im Mundraum. Leichte Gewürznoten nach Kardamom, Muskat und Nelken hängen noch etwas nach.

Das macht doch Spaß. Darum gehen wir gleich über zu seinem älteren Bruder, dem The Rum Factory Distillery Collection Aged 15 Years. Auch hier handelt es sich um einen Blend, diesmal aus 11-17 Jahre alten Rums, der Durchschnitt ergibt dann 15. Dazu erneut am Ende mehr. Farblich machen sich die durchschnittlichen 5 zusätzlichen Jahre Reifung bemerkbar, da ist mindestens eine Farbstufe, eher zwei, dazwischen – hier sehen wir ein Hennarot. Ich habe den Eindruck, dass sich der 15-jährige auch anders bewegt im Glas, öliger und schwerer. Der Glaswandfilm ist langlebig und beinhaltet langsam ablaufende Beine.

Einen sehr viel dunklere Nase hat er aber auch. Viele Eichenholzaromen, viel Vanille, dunkle Früchte, Melasse und eine intensive Portweinnote. Faszinierend, dass hier dieselben Basisdestillate, nur anders geblendet und länger gereift vorliegt – die beiden Rums haben geruchlich kaum etwas miteinander zu tun. Etwas schokoladig, reife Banane, und das für die Destillerie scheinbare definierende Karamell. Im Vergleich zum jüngeren Bruder runder, weicher, aber auch etwas weniger spannend.

The Rum Factory Distillery Collection Aged 15 Years Glas

Im Mund zunächst Anflüge von milden Zitrusfrüchten, Mandarinen vielleicht. Reifer, roter Apfel. Viel Vanille, im Verlauf baut sich aus der überraschend gut eingesetzten Süßung (hier ~16g/L) eine kräftige, erwachsene Würze auf, die mit etwas Feuer einhergeht. 43% Alkoholgehalt gefallen mir hier gut. Ein schönes Spiel aus Bittere-Süße-Säure. Leichte Zigarrentabak-Aromen. Der Abgang ist sehr schokoladig, pfeffrig-heiß und mit viel Alkoholhauch; mittellang, mildtrocken und sehr genehm. Auch hier ein leichter Eisenton, zusammen mit Backgewürzen. Der Nachhall besteht aus langlebigem Kaffeepulver.

Der Fünfzehner ist ein ganz anderer Rum als der Zehner, kaum vergleichbar. Beide sehe ich durchaus zum Purgenuss geeignet, der eine eher, wenn einem nach etwas Frechem, Hellem, Fruchtigem ist; der andere eher für den Kaminabend zu einer Zigarre.

Die sie wieder vereinenden würzigen Noten und scharfe Abgänge der Rums lassen sie mich aber selbstverständlich auch direkt mit anderen, ähnlich kräuterigen Spirituosen zusammenbringen. Die Mischung klingt zunächst verrückt, ist aber ein echter Gewinner – der Bywater schlürft sich gefährlich gut. Tatsächlich gibt genau so ein Panama-Rum dieser Mischung eine schöne Aromatik, die man mit milderen Rums kaum erzielen würde.

Bywater Cocktail


Bywater
1¾ oz gereifter Rum
¾ oz Chartreuse Verte
½ oz Amaro
¼ oz Falernum
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Chris Hannah]


Mein Fazit – attraktive, einsteigerfreundliche aber auch charaktervolle Rums, aus einer Gegend, die nicht alltäglich in deutschen Heimbars zu finden ist. Persönlich würde ich gern die Süßung weiter reduzieren oder vielleicht sogar ganz abschaffen, um der interessanten Kräuterigkeit des Destillats eine schönere, weniger eingeflauschte Bühne zu bieten, ich glaube, das hätte noch mehr Potenzial dann. In diesem Zusammenhang wäre ich übrigens extrem dankbar, wenn die Süßung auf dem Etikett angegeben wäre – und auch die etwas schwummrige Altersangabe mit Durchschnittsalter statt dem jüngsten Blendanteil ist doch nicht mehr zeitgemäß für ein modernes, aufstrebendes Unternehmen. Transparenz ist einfach Gebot der Stunde, zumindest kann man auf der Abfüllerseite Details nachlesen und wird auch auf Nachfrage ohne Herumdruckserei klar informiert.

The Rum Factory hat außer diesen beiden Panamesen noch weitere Rums im Portfolio. Aktuell ist unter anderem auch die Double Cask Collection, die tropische und kontinentale Reifung vereint; es folgen Artikel dazu auf meinem Blog.

Offenlegung: Ich danke The Rum Factory für die kosten- und bedingungslose Zusendung der beiden Flaschen der Distillery Collection.