Um die Welt in Sachen Rum – Nomade parmi les fûts (Luca Gargano)

Nomade parmi les fûts (Luca Gargano) Titel

Es war eine unterhaltsame Videokonferenz, die der bekannte deutsche Spirituosenimporteur Kirsch Whisky da neulich für seine interessierte Kundschaft aufgesetzt hatte. Der Gast des Abends war natürlich ein Star für alle, die sich mehr als nur an der Oberfläche für Rum begeistern – Luca Gargano, der Inhaber von Velier, einem der größten Namen im Rumbusiness. Neben der Vorstellung der heißersehnten Neuerscheinungen seiner Firma, die trotz (manchmal mag man denken – gerade wegen?) ihrer extrem geringen Erhältlichkeiten und entsprechend hohen Preisen für Rumfreunde ein beständiges Ziel der Begierde sind, erzählte er auch ein bisschen etwas über sich und seine Geschichte.

Die ganze Geschichte dieser ausgesprochen schillernden Persönlichkeit kann man nun auch nachlesen. Veröffentlicht im hauseigenen Verlag edizioni Velier gibt es sein Buch nun auch – gar nicht verknappt und hochbepreist – als ebook. Für die italienische Originalfassung („Nomade tra i barili“) reicht mein Italienisch nicht aus, daher greife ich auf die französischsprachige Übersetzung von Arturo Armone Caruso zurück: Nomade parmi les fûts.

Nomade parmi les fûts (Luca Gargano) Cover

Wer ihn schon einmal sprechen gehört hat, erkennt in den ersten Kapiteln sofort Luca Garganos melodischen Erzählsingsang wieder, seine jung gebliebene, aber vom Rauchen etwas heisere Stimme, seine poetischen Bilder, seine Gedankensprünge, seine Pausen, in denen er offensichtlich in seine eigene Vergangenheit zurückgleitet und darin schwelgt. Man fühlt sich mit ihm zusammen in Hugo Pratts La ballade de la mer salée versetzt. Sein Buch ist an diesen Stellen kein Fachbuch über Rum, sondern ein unaufgeregter, nostalgischer Blick des Autors auf sich und seine Geschichte. Dass Rum darin vorkommt, nun, das ist dann ein Detail. Man spürt viel mehr seine Liebe zu den Menschen, zu der Landschaft, dem Klima, dem Meer, der Musik und dem Wind – sei es in der Karibik, in Südamerika, in Afrika, in Polynesien.


La biguine: Son rhythme langoureux de rumba ralentie, son Ba moin en ti bo / Deux ti bo, trois ti bo / Doudou; les corps séduisants des femmes créoles; le bruissement des palmiers dans le vent; l’humidité de l’air; le coassement nocturne des petites grenouilles tropicales qui ressemble à s’y méprendre au chant des grillons… me ravissent.


Und zum Rum dann doch immer wieder, ja. Man seufzt als Rumfreund beständig auf, wenn man die Namen der Guyana-Rums aus den 80ern aus schon fast mythischen Brennapparaten hört, und wie Gargano so viele heute oft unerreichbare Schätze probiert. Aber der Rum wird nicht analysiert und kühl betrachtet und bewertet, nein, der Rum ist für Gargano oft eher eine Ausprägung eines Lebensgefühls, ein Symbol für etwas sehr viel größeres als ein alkoholisches Getränk. Rum ist das Leben, die Insel, die Kultur. Er hangelt sich entsprechend nicht von Rumempfehlung zu Rumempfehlung, wie das die meisten Autoren in dieser Situation tun, sondern von Mensch zu Mensch, von Dorf zu Dorf. Seine Einflüsse sind eben nicht die unzähligen Proben des Zuckerrohrbrands, sondern die Menschen, die ihn hergestellt haben.

In anderen Kapiteln erkennt man jedoch deutlichst den knallharten ligurischen Geschäftsmann, den Typus, der Genua einst zur geheimen Weltmacht aufsteigen ließ. Er handelt und trickst, sucht nach neuen Geschäftsfeldern, um sich zu beweisen, und entdeckt wie ein Schnapskolumbus (auch jener war Genuese!) auch immer wieder neue Archipele – der Fund der nach der Schließung der Destillerie praktisch vergessenen Caroni-Fässer im Jahr 2004 ist dabei wohl sein größter Coup, der bis heute Wellen schlägt und letztlich seinen internationalen Ruf begründet.


Je découvre tous ces rhums, et je suis conquis. Très riches en esters et en aldéhydes, avec quelques touches d’acétone, ils sont uniques, extrêmement typés. Ce ne sont pas des produits pour la grande public mais ils vont rendre fous les passionés.


Ein Suchender wie Gargano setzt sich aber selbst nach so einem Donnerschlag nicht zur Ruhe. Er ist weiter unterwegs, mit Frauen und Freunden, und scheint in Haiti irgendwie sein Nirvana gefunden zu haben. Für mich war das Kapitel über Haiti jedenfalls ein Seitenfresser, hier läuft er zur Höchstform auf. Man kann das Buch nun kaum aus der Hand legen. Seine neue Liebe dort ist der Clairin, ein sehr ruraler, natürlicher und ursprünglicher Proto-Rum. Ohne Gargano würden wir ihn heute nicht kennen, und ich nicht zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels einen Ti’Punch mit Clairin, Limette, Zucker und Eis trinken. Erst beim Trinken versteht man, was er sagt.


Le Clairin n’est pas quelque chose d’inanimé, cèst un produit vibrant, qui change a chaque foi. Il est naturel et sauvage, on ne doit pas vouloir le domestiquer, il faut le respecter, l’apprécier dans sa profonde authenticité.


Er führt sein noch kleines Unternehmen durch die Mixtur aus Großgeschäft und Liebhaberprodukten geschickt zwischen den großen Interessen der multinationalen Konzerne, die sich parallel zu Velier in Stellung bringen. Diese Kapitel über die Entwicklung des Portfolios seiner Firma und die dafür nötigen Reisen und Verhandlungen lesen sich dann gar nicht mehr so charmant, hier werden Thema und Stil plötzlich und mit hartem Schnitt prosaisch und bekommen etwas ermüdenden Aufzählungscharakter.

Das Buch wirkt deshalb zwiespältig auf mich – wie die Person Luca Gargano selbst. Einerseits ist da ein toller Erzähler mit einer poetischen Ader, wenn er einfach über sein Leben, seine Leidenschaft und über Menschen und Länder spricht. Andererseits ein natürlich preis- und absatzorientierter Geschäftsmann, der mit deutlich weniger Verve praktisch eine Liste der Rumproduzenten der Karibik herunterbetet. Der Unterschied zumindest in literarischer Qualität ist dramatisch, als wären zwei Autoren am Werk gewesen. Weniger vom letzteren, mehr vom ersteren, das hätte mir besser gefallen, auch wenn Rumaficionados auf der Suche nach Details es vielleicht anders herum sehen werden. Ein Koautor, oder ein kritischer Lektor, hätte dem Buch an manchen Stellen gut getan, jener hätte vielleicht auch die manchmal etwas unzusammenhängend wirkenden Episoden besser verbunden.

Die geschäftlichen Details haben letztlich irgendwie doch einen Sinn – es ist spannend zu sehen, wie unterschiedlich das Portfolio von Velier in den 80ern und 90ern war im Vergleich zu heute – der heutige Abfüller höchstexklusiver Brände importiert damals voller Begeisterung das, was wir heute als generische Massenprodukte wahrnehmen. Der Wechsel erklärt sich durch den in diesem Buch auch geschilderten Wandel der Persönlichkeit des Inhabers allerdings mehr als deutlich – nach seiner polynesischen Zeit sucht Gargano nun etwas anderes als die einfache Lira; er prägt dabei unsere aktuelle Fokussierung auf Qualität statt Quantität sicherlich mit, auch wenn es gegen Ende dann hin und wieder etwas arg missionarisch wirkt.


Notre souci n’est pas de selectionner mais plutôt d’élargir. (…) L’approche qualitative n’est pas encore une donnée déterminante du marché du rhum. (…) Grâce à la découverte du Grogue, je comprends qu’il y a encore de par le monde beaucoup de destillateurs inconnus. Pour le moment, je ne pense pas à importer le Grogue. Mais je songe que je peux reprendre ma recherche de produits unique, particuliers, hors normes; travailler pour un approche qualitative, dans le monde du rhum.


So bleibt für mich als Fazit – die Lektüre ist ein gemischtes Erlebnis. Wer auf knallharte Fakten aus erster Hand hofft, wird hier durch den poetischen Stil und die Anekdotenhaftigkeit abgelenkt; der Leser, der wie ich die Stimmung sucht, dagegen durch die manchmal etwas unpointierte Aufzählung von Destilleriebesuchen. Beide Gruppen werden dennoch etwas in diesem Buch finden, und wahrscheinlich gehören beide Aspekte einfach zusammen und bilden damit tatsächlich die Persönlichkeit Luca Garganos ab.

Was am Ende übrig ist, ist ein diffuser Wunsch, sich mit dem Autor des einen Teils des Buches zusammen setzen, einen alten Bally oder Saint James aus seinem unglaublichen Fundus zu trinken, eine kubanische Zigarre zu rauchen, und mich mit ihm über das Leben und die ligurische Küche, die Inseln der Südsee und der Karibik, über Haiti und Afrika, über Frauen und die Welt an sich zu unterhalten – darüber hat dieser Ruruki mehr als genug Unglaubliches, Spannendes, Faszinierendes zu erzählen. Ich brauche da dann kein Fachgespräch mit dem Rumkenner, keine Verkostung mit dem Geschäftsführer, kein Interview mit dem Autor des anderen Teils des Buchs. Ein toller Abend wäre das. Und vielleicht könnte ich ihm dann noch das genaue Rezept für den authentischen Café Cantarelli entlocken.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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