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Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Titel

Eine gute Grundlage legen – Jeffrey Morgenthalers „The Bar Book – Elements of Cocktail Technique“

Es gibt ein paar Namen, die hört man im Barbusiness immer wieder. Während der Großteil der hinter der Theke arbeitenden Bevölkerung leider schon nicht mal den Gästen, die direkt vor ihnen stehen, namentlich bekannt sein wird, eilt der Ruf einigen Personen voraus – Jeffrey Morgenthaler gehört ganz gewiss zu dieser illustren, exklusiven Gruppe. Seine Arbeit in den Bars Clyde Common und Pépé Le Moko im, was Cocktails angeht, heißen Nordwesten der USA, sorgt dafür, dass er am Puls der Zeit steht, was Kreativität angeht – sein inzwischen berühmter Amaretto Sour ist laut eigener Meinung der beste der Welt (ich würde es nie wagen, ihm zu widersprechen!). Morgenthaler taucht regelmäßig in allerlei Listen auf, in denen es um die einflussreichsten Bartender der Geschichte geht.

Was tut man aber nun als Bartender, Barbesitzer, anerkannter Mixologe, berühmte Persönlichkeit, wenn man schon alles erreicht hat? Man schreibt ein Kochbuch, oder besser noch ein Cocktailbuch. Zusammen mit Coautorin Martha Holmberg hat sich Morgenthaler dafür entschieden, sein über Jahre angehäuftes Wissen mit der Welt zu teilen. Und zwar nicht in Form eines Rezeptebuchs, davon hat die Welt schon genug, sondern als Kompendium für das Handwerk des Cocktails an sich. Elements of Cocktail Technique ist entsprechend auch der durchaus gut passende Untertitel für The Bar Book.

Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Cover

Man sieht schon auf dem Cover, dass eine gewisse Werkzeugkunde mit von der Partie sein wird. Die abgebildeten Siebe und Strainer sind neben Shakern vielleicht das prominenenteste Toolset des Barmanns und der Barfrau, doch Morgenthaler hält sich damit nicht groß auf, ein Buch über Hausbau erklärt ja auch nicht, was ein Hammer ist. Saftpressen, Eisbereiter, Jigger und anderes werden dennoch jeweils im Kontext der Benutzung kurz vorgestellt.

Den Platz nutzt er anders – das Handwerk besteht auch aus mehr als nur dem Einsatz von traditionellen Werkzeugen; der moderne Mixologe braucht durchaus umfangreiche Kenntnisse über die Herstellung von Sirups, Infusionen, Bittern und Tinkturen und anderen hausgemachten Spezialzutaten (obwohl ich nicht wirklich der größte Fan von dieser Art von Dead-Rabbit-Style Mise-en-Place hinter der Bar bin). Morgenthaler macht alles in seiner Bar selber, was auch nur irgendwie selbst herstellbar ist – Zuckersirups, Orgeat, Fruchtsäfte und Eis. Kleine Kennerdetails, wie man bei Kräutersirups beispielsweise die Farbe erhält, sind entsprechend natürlich auch mit von der Partie. Sein Kapitel über Eis ist das beste, was ich diesbezüglich kenne, mit weitem Abstand – hier entzaubert er manche Mythen (wie die vom abgekochten Wasser, das klareres Eis ergeben soll) auf eine wissenschaftliche, empirische Weise.

Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Innenseite 2

Tatsächlich ist Morgenthaler ein Perfektionist. Er erklärt nicht nur, wie man beispielsweise das schiefe Aufsetzen des Mixglases beim Boston Shaker durchführt, sondern es gibt auch eine Risszeichnung dazu. Und er erklärt, warum man beim Dry Shake das Glas anders, nämlich gerade, aufsetzen soll, um das Siegel, das die Flüssigkeiten daran hindert, die unvollkommene Schnittstelle zwischen Glas- und Metallbecher zu durchqueren, trotz fehlender Kälte im inneren des Shakers aufrecht zu erhalten. Ähnlich konsequent und detailreich, dabei gleichzeitig aber immer am tatsächlichen Bedarf orientiert, behandelt er alle Themen. Das Handwerk, das den größten Teil am Mischen von Cocktails ausmacht (Zitat: „Bartending is not, to the dismay of many, an art form. It is a craft.“ Er hat recht, so leid es mir tut, all ihr sphärischen Cocktailkünstler und verkopften Mixologieprofessoren!), wird hier aufgeschlüsselt.

Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Innenseite 1

Trotz all der Detailverliebheit verliert sich Morgenthaler nie in Schwärmerei oder Laberei. Er (oder vielleicht seine Coautorin) schreibt bodenständig und klar; leider geht sein etwas frecher Humor und seine laute, meinungsstarke Art, die man oft in seinen Online-Texten und Kolumnen, wie der für den Playboy, findet, dabei nicht mit in den Text ein.

Das Buch weist dickes, festes Hochglanzpapier auf, entsprechend nehmen die beinahe 300 Seiten dann auch gebunden und mit hartem Kartoneinband versehen eine Menge Platz im Cocktailbuchregal ein. Die gute Fadenbindung sorgt dafür, dass man das Buch offen liegen lassen kann, ohne dass es von allein wieder zuklappt oder umblättert – bei dieser Art von Literatur ein unschätzbarer Vorteil, denn man braucht beim Mischen halt praktisch immer beide Hände und hat selten eine dritte zur Verfügung.

Jeffrey Morgenthaler - Bar Book Schnitt

Das Fazit – ein lehrreiches und schön gestaltetes Buch selbst für die, die sich schon sehr stark mit Cocktails und dem Barbetrieb auseinandergesetzt haben. Wer ansatzweise englisch spricht und sich einen umfassenden, locker geschriebenen und mit vielen Bildern ausgestatteten Überblick über die Arbeitswelt der modernen Bar verschaffen will, ist hier genau richtig. Wer es gelesen und verinnerlicht hat, kann seine eigene Bar ohne weiteres eröffnen (einen Buchführungs- und Hauswirtschaftskurs natürlich darüber hinaus vorausgesetzt), oder auch die Qualität der Cocktails aus der eigenen kleinen Heimbar enorm steigern.

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Rum Curious Titel

Neugierig auf Rum – Fred Minnicks „Rum Curious“

Ich kaufe nur noch selten Bücher aus Papier. Einst war ich eine Bibliotheksratte und liebte es, mit dem Finger über die Reihen und Reihen von Büchern, mit denen ich meine Wände pflasterte, zu streichen und konnte mir im Leben nie vorstellen, nur noch elektronisch zu lesen. Das haptische Gefühl! Der Geruch! Das Umblättern! Wie kann sowas durch ein schnödes Gerät ersetzt werden, das Papier durch einen Bildschirm? Nun, die Zeiten ändern sich, und ich mich mit ihnen. Inzwischen weiß ich zu schätzen, dass auf meinen eBook-Reader mehr Bücher passen, als ich im Leben lesen kann, alle in der Tasche dabei wohin es auch geht. Und der ganze Platz, der durchs Verschenken, Verkaufen und Wegwerfen der Papierbücher entsteht, wird nun frei für Flaschen voller Spirituosen und Gläser.

Ein paar Bücher habe ich dennoch gern in der physischen, gedruckten Form vor mir liegen – keine Romane, auch selten Fachbücher, aber wenn es um Spirituosen und Cocktails geht, dann blättere ich immer noch gern im Papier, insbesondere, da derartige Bücher gern etwas opulenter aufgemacht sind, mit festem, dicken Papier, guter Bindung und vielen Fotos. Hat es sich rentiert, dass ich mir Rum Curious von Fred Minnick, der eigentlich mehr als Bourbon-Spezialist bekannt ist, in dieser altmodischen Ausgabe zugelegt habe?

Rum Curious Cover

Das Leseerlebnis ist zweigeteilt. Die ersten 80 Seiten enthalten einen Abriss über Geschichte und Produktionsprozess bei Rum – wer sich nicht als totaler Laie in die Lektüre begibt, erfährt nicht extrem viel neues, der Inhalt ist aber sehr lesbar aufbereitet und mit vielen attraktiven Fotos versehen. Eine schöne, gelungene Kurzzusammenfassung über Rum, möchte ich sagen.

Besonders hervorheben möchte ich darüber hinaus einige Dinge, die mir sehr gut gefallen haben. Erstens, Minnicks Position gegenüber dem Manipulieren von Rum. Er lässt nichts aus diesbezüglich, wählt sehr klare Worte und ist auch ausführlich genug, so dass das Thema nicht als kleines Randproblem erkennbar ist. Dabei bleibt er aber einigermaßen neutral und lässt auch in Zitaten die Gegenposition der Nachsüßer zu Wort kommen (die sich dabei aber, praktischerweise, meist selbst entlarven).

Rum Curious Innenseiten 1

Aufgrund einer hitzigen Diskussion, die ich neulich bei Facebook im Ministry of Rum führte, möchte ich Minnick auch extra dafür danken, dass er explizit klarstellt, dass Batavia Arrack und Cachaça kein Rum sind – Zuckerrohrbrände, ja, aber kein Rum. Seine Erklärung diesbezüglich ist klar, stringent und verständlich.

Vom Guten zum Schlechten – die andere Hälfte des Buchs, eigentlich mehr zwei Drittel sogar, ist leider nur wenig spannend. Sie besteht aus Bleiwüsten. Es werden viele Rums aufgezählt, dazu Tasting Notes und eine numerische Bewertung in der Skala von 1 bis 100 abgegeben (wobei die schlechteste Note eine 60 ist –  wozu dienen die restlichen 60% der Skala?). Leider ist nur bei einem winzigen Bruchteil ein Bild vorhanden. Wie ich schon zu reinen Rezeptbüchern, die einfach nur Rezept nach Rezept auflisten, schrieb – sowas ist recht nutzlos und wäre auf einer Webpage mit Suchfunktion besser aufgehoben (oder eben in einem indexierten eBook). Wäre wenigstens zu jedem Rum noch eine Anekdote oder ähnliches vorhanden, könnte ich damit leben. In der vorliegenden Form enttäuscht es einfach nur maßlos.

Rum Curious Innenseiten 2

Nützlich finde ich, dass Minnick auch Spiced Rum berücksichtigt, und diesem einen separaten Bereich mit einer separaten Bewertungslogik gönnt. Viele der gereiften südamerikanischen Rums würden eigentlich auch in diesen Bereich gehören, aber diesen Schritt wagt er nicht, das wäre allerdings vielleicht auch zuviel verlangt.

Auch wäre ich dem Autor sehr dankbar, wenn er seine pseudowitzigen Sprüche lassen könnte, die er immer bringt, wenn er persönlich meint, ein Rum sei „nicht zum mixen“. Schon allein die Idee finde ich bei einem Spirituosenprofi seltsam, vor allem, da er keinen Grund für diesen immer wieder auftretenden Einwurf bringt; da ist Dave Broom mit seinem Buch näher an meiner Meinung, dass es keine Spirituose gibt, die „zu gut“ fürs Verwenden in Cocktails wäre – höchstens zu teuer für den einen oder anderen. Je besser die Zutat, um so besser der Cocktail.

Das Buch schließt mit ebensolchen Cocktailrezepten, meist Klassiker, aber auch viele mir noch unbekannte Rezepte, die ich bald nachkochen werde. Ein Anhang mit einer Liste bekannter Destillen und deren Produktionsweisen ist eine tolle Sache, die ich sehr nützlich als Nachschlagewerk finde; kleine Fehler, die sich selbst einem Profi einschleichen, gehören leider dazu – Gosling’s süßt doch, Barbancourt auch.

Nun habe ich vielleicht das Buch auch einfach nur falsch gelesen – der Untertitel sagt mir, dass es sich um einen „Tasting Guide“ handelt. Und das ist er sicherlich. Wer also nach Geschmackshinweisen für viele Rums sucht, und nebenbei noch ein bisschen über Rum lernen will, der ist mit diesem Reiseführer durch die Rumgeschmackswelten bestens bedient.

The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual Titel

Tief in den Innereien – The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual

New York, das verbindet man heute meist mit Wolkenkratzern, dem Times Square und dem Lebensgefühl einer riesigen Metropole. Das war nicht immer so. Tatsächlich ist es noch gar nicht so lange her, dass die Stadt ein Schlachtfeld von rivalisierenden Banden war, die sich bis aufs Blut auf brutalste Art und Weise bekämpften. Wer den Scorsese-Film „Gangs of New York“ gesehen hat, den ich unglaublich gut finde, und vielleicht dann sogar das diesem Film zugrundeliegende Buch von Herbert Asbury gelesen hat, bekommt einen Eindruck davon, welche höchstspannende Geschichte dieser Melting Pot hinter dem modernen Glamour aufzuweisen hat. Die Plug Uglies, die Rip Raps, die Bowery Boys, die Dead Rabbits und andere Gangs leben heute noch in der Folklore weiter. Letztere dienten sogar einer Bar als Namenspaten, die als eine der besten der Welt gilt, wenn man authentische Cocktails aus der Zeit vor der Prohibition trinken möchte – The Dead Rabbit Grocery and Grog. Bill the Butcher hätte sie sicherlich kurz und klein geschlagen, wir zivilisierte Genießer dagegen wollen einen Blick auf das Buch werfen, das die Gründer Sean Muldoon und Jack McGarry zusammen mit Texter Ben Schaffer herausgebracht haben.

The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual Cover

Der erste Eindruck des The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual überzeugt – die Materialien sind wohlgewählt, der Hardcover-Einband in hübschem Anthrazit auf Leinen gestaltet. Das Papier ist schwer und dick, mit Mattglanz versehen, was die vielen, oft ganzseitigen Fotos bestens zur Geltung bringt. Die gute Fadenbindung hebt das Buch von vielen anderen derartigen Publikationen ab, ich schätze das sehr, denn so kann man das Buch offen liegen lassen, während man eines der Cocktailrezepte nachmixt, und muss es nicht mühsam mit der Hand oder einem schweren Gegenstand aufhalten.

Nun zum Text. Die Einleitung mit der langen Geschichte über Sean Muldoon und Jack McGarry finde ich, ehrlich gesagt, etwas mühselig konstruiert, ein bisschen schwallend, etwas belanglos – mich interessieren derartige Biografien nicht so sehr, denn so spannend war das Leben der beiden nicht, dass das mich packen könnte – hier wird viel aufgebauscht und das Bartendertum sensationalisiert. Das wird den beiden zurückhaltenden Bartendern meines Erachtens auch nicht gerecht, die ungern im Rampenlicht stehen, wenn ich diese Einleitung richtig verstanden habe.

The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual Innenseite

Muss man also nicht gelesen haben. Glücklicherweise können wir dann schnell zu den Rezepten springen. Diese bringen dann aber eine neue, ganz eigene Problematik mit sich. Wer sich nicht an die Vorgabe der Autoren halten will, die über ihre sehr expliziten Zutatenlisten selbst sagen, dass „for maximum fidelity, the same brand of ingredient should be used“, und darüber hinaus nicht bereit ist, für jeden Cocktail einen anderen Sirup herzustellen, eine andere Spirituose mit einer anderen Frucht zu infundieren, der wird viel Sucharbeit nach Alternativzutaten haben. Jeder einzelne Drink lässt selbst mich, mit meiner wirklich sehr großen Heimbar und Energie, verrücktes auszuprobieren, ins Schwitzen geraten. Sowas macht man einfach nicht auf dauerhafter Basis, außer, man ist derart veranlagt und sieht im Cocktail nicht einen Drink, sondern ein Projekt. Stellenweise meint man, ein obskures Rechtsmedizinbuch über detaillierte Obduktion vor sich zu haben, das sich mit der Vivisektion eines Kaninchens beschäftigt.

David Wondrich schreibt es auf der Buchrückseite in seiner Empfehlung sehr passend: „a grimoire of occult potionology“. Persönlich glaube ich, dass praktisch alle Cocktails, in der Form in der sie im Buch beschrieben sind, nicht für den Hausgebrauch taugen. Für derartige Drinks geht man in die Bar, die macht man nicht daheim, punkt. Entsprechend sehe ich auch die Zielgruppe dieses Buchs nicht im normalen, cocktailinteressierten Heimbartender, sondern im Mixologen und im professionellen Bartender, der eine Inspiration für seine eigene Bar sucht.

The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual Beispielrezept

Trotz des Lobs bei der amerikanischen Fachveranstaltung Tales of the Cocktail als „Best New Cocktail & Bartending Book 2016“ kann mich das Buch nicht so recht begeistern. Obwohl viele Anekdoten zu den meisten Cocktailrezepten vorhanden sind, lesen diese sich dröge und prosaisch. Das Buch hat, obwohl es dauern davon redet, wie sehr das Dead Rabbit davon lebt, selbst kein Feuer, keine Energie, keine Kraft, und leider auch viel zu wenig Charme und Humor. Gerade letzteres braucht ein Buch, das notgedrungen Aufzählungscharakter haben muss, unbedingt. Diverse andere Bücher machen das viel besser, und diese würde ich dem rezeptinteressierten Leser klar eher empfehlen als das The Dead Rabbit Grocery and Grog Drinks Manual. Wer aber gern mit hausgemachtem Oleo-Saccharum, Tinkturen, Sirups, infundierten Spirituosen und Lime Sherbet hantiert, gern alles selbst macht, keine Mühen, Kosten und Aufwände scheut, obskure Zutaten zu besorgen oder herzustellen, und bis ins letzte Detail geplante Drinks liebt, sollte sich dieses dahingehend zugegebenermaßen beeindruckende Handbuch der Mixologie nicht entgehen lassen.

Baijiu Titel

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 5 – Baijiu: The Essential Guide to Chinese Spirits

Baijiu (白酒, báijiǔ, wörtlich übersetzt: weißer oder klarer Schnaps) ist die traditionelle Nationalspirituose Chinas. Das sollte inzwischen jedem klar sein, der meine Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“ in den ersten 4 Teilen verfolgt hat. Dieser fünfte Teil bildet nun eine kleine Zäsur, eine Art Pause zum Durchatmen, in der wir uns nicht mit einem flüssigen Vertreter dieser Kategorie von Spirituosen beschäftigen werden, sondern mit einem Buch zu diesem Thema – nach den ersten praktischen Schritten mit je einem Baijiu aus 3 der wichtigen 4 Kategorien nun also eine Theoriestunde. Trocken wird sie dennoch nicht sein, dazu ist Baijiu: The Essential Guide to Chinese Spirits zu spannend zu lesen.

Baijiu Cover

Ich bin zu diesem Buch über ein anderes (übrigens sehr empfehlenswertes) Werk des Autors Derek Sandhaus gekommen, Tales of Old Peking, zu einer Zeit, als ich mich noch gar nicht so sehr für Spirituosen interessiert hatte, sondern Literatur meine bevorzugte Droge war. Seitdem hat sich viel getan – gedruckte Bücher müssen ihren Platz in meinem Schrank für Flaschen räumen, digitalisierte Literatur rutscht auf dem SuB hinter Ebooks über Schnapsgeschichte und Cocktailrezepte. Aber man weiß ja, Papier ist geduldig, und für jedes Buch gibt es seinen richtigen Zeitpunkt. Aktuell, im Jahre 2017, ist es eben Baijiu, der mich fasziniert.

In meiner Reihe stellte und stelle ich verschiedene Baijius vor, und neben dem Trinken und Probieren ist ein wichtiger Punkt der Auseinandersetzung mit einer neuen Geschmackswelt auch der theoretische Unterbau. Um zu verstehen, was man da im Mund schmeckt, muss man verstehen, wie Baijiu hergestellt wird, was seine Traditionen und seine Geschichte ist, welche Ausprägungen es gibt und wie er in seinem Heimatland genossen wird. All das findet man in Sandhaus‘ Buch, das einerseits mangels jedweder Konkurrenz und andererseits aufgrund seiner Qualität in Tiefe und Breite das absolute Standardwerk zum Thema des chinesischen Klaren ist.

Natürlich werden die vier Hauptaromen, das „leichte Aroma“ (清香), das „starke Aroma“ (浓香), das „Soßenaroma“ (酱香) sowie das „Reisaroma“ (米香) erläutert. Die Basismaterialien, die eingesetzt werden, sowie deren Vorbereitung für die Produktion, und die Fermentationsstarter („qu“) sind schön lesbar erklärt. Die Geschichte und Entwicklung dieser Spirituosengattung werden mit Landkarten und vielbebildert aufgezeigt.

 

Baijiu - The Essential Guide to Chinese Spirits Screenshot 2

Ein großer Teil des technischen Teils des Buchs konzentriert sich also auf die Herstellung. Da einige Konzepte sehr typisch für Baijiu, gleichzeitig eher ungewöhnlich für Spirituosen westlicher Art sind, ist das auch gut so. Der gewichtigste Unterschied in der Herstellung ist ein sehr überraschender, denn es geht dabei weniger um die rohen Basismaterialien, die so unterschiedlich nicht sind. Es ist die „solid-state fermentation“, gefolgt von der „solid-state distillation“ – also die Fermentation und Destillation von Feststoffen ohne Wasserzusatz mittels Dampf. Westliche Spirituosen werden in aller Regel in einer Maische mit Wasser vermischt, die dadurch enstehende Würze dann mit Hefen fermentiert und die „wash“ dann destilliert.

Doch auch die sozialen Themen um den Baijiu herum kommen nicht zu kurz. Wie trinkt man Baijiu, wie prostet man sich zu? Letzteres ist nicht zu unterschätzen – genauso wie die tretminenbehaftete Frage: wie schenkt man Baijiu in China? Man sieht, ein umfassender Blick auf das gesamte Themengebiet.

Baijiu - The Essential Guide to Chinese Spirits Screenshot 3

Der Löwenanteil des Buchs schließlich, ungefähr zwei Drittel des Gesamttexts, besteht aus einer Aufzählung diverser Baijius aus allen Kategorien und Landesteilen. Ein Foto, ein paar Daten sowie ein kurzer Erläuterungstext mit Anekdote oder Information über Hersteller und Produkt machen das Buch zu einem wertvollen Nachschlagewerk, selbst wenn man den theoretischen Teil bereits perfekt intus hat. Am Ende werden auch noch ein paar der Vorläufer des Baijiu, der Huangjius, sowie Cocktailrezepte aufgeführt.

Viele Fachbücher mit Illustrationen und Tabellen leiden unter einer schlechten Ebook-Repräsentation. Nicht so die Kindle-Ausgabe dieses Buchs – die Grafiken sind korrekt eingebunden, mit passenden Untertiteln. Manchmal verschieben sich allerdings aufgrund des Seitenumbruchs Bilder ungünstig auf die nächste Seite. Tabellen, oft ein Problemkind, sind gut gebaut. Die innere Verlinkung ist ausführlich. Man vergebe mir die Qualität des mittelmäßigen Fotos, das die Darstellung auf meinem Android-Tablet, auf dem ich das Buch lese, zeigt.

Baijiu - The Essential Guide to Chinese Spirits Screenshot 1

Soweit zum Inhalt des Buchs, das ich bedingungslos jedem Spirituoseninteressierten, der über den Tellerrand blicken will, selbst wenn er sich für Baijiu selbst an sich nicht begeistern kann, ans Herz lege. Ich schließe nun noch mit ein paar Gedanken, die sich in den ersten vier Monaten meines Baijiu-Praktikums gesammelt haben.

Baijiu ist in Deutschland praktisch unbekannt. Was ist der Grund dafür, wenn es laut einiger Zahlen die meistgetrunkene Spirituose der Welt ist und dabei selbst Vodka gemütlich hinter sich lässt? Ich identifiziere zwei Hauptgründe, die dies leicht erklären.

Der Hauptgrund ist völlig banal und trivial: Es ist unglaublich schwierig, in Deutschland (und auch insgesamt in Europa) guten Baijiu zu erwerben. Es gibt tatsächlich nur wenige Sorten, darunter natürlich der König des Baijiu, der Maotai; alles andere ist oft nur in obskuren Asiashops verfügbar, meist mit praktisch keiner Zusatzinformation über das Produkt. Der Export beginnt erst langsam, sich für die chinesischen Hersteller zu rentieren – sie müssten allerdings viel aggressiver, intensiver vorgehen, um den Markt vorzubereiten. Denn der aktuelle Zustand führt zur Situation, die viele exotisch-raren Spirituosen kennen – der erste Kontakt erfolgt über billige Low-End-Produkte, die nicht die Qualität aufweisen, die für weiteres Interesse sorgen könnten. Ich nenne es leicht polemisch das „Sierra“-Problem: Der Tequila mit Hut hat in Deutschland für einen extrem schlechten Ruf des Tequila gesorgt, der mühselig wieder aufgebaut werden musste.

Baijiu kaufen?

Dies führt auch direkt zum zweiten Grund für den Mangel an Verbreitung des Baijiu. Der Geschmack ist für den unvorbereiteten westlichen Gaumen eine gewisse Herausforderung, selbst bei höchstwertigen Produkten. Ich höre oft vom Schock des Erstkontakts (und habe ihn selbst erlebt). Darin unterscheidet sich Baijiu allerdings nur unwesentlich von anderen erlernten Geschmäckern, wie einem rauchig-teerigen Mezcal, einem würzig-salzigen Clairin oder einem medizinisch-iodischen Islay-Whisky; die Lernkurve ist allerdings dann, zugegebenermaßen, doch noch deutlich steiler als bei den vorgenannten. Man muss etwas Geduld mitbringen, einiges an Experimentierfreude und viel Durchhaltevermögen, das sich aber alles am Ende bezahlt macht; selbst, wenn es nur das sein sollte, das man eine komplett neue Welt von Aromen, Geschmackseindrücken und auch Spirituosenkultur kennengelernt hat.

Sandhaus liefert in seiner Einleitung eine schöne These dazu, die ich als Ausklang zitieren möchte.

„There is a place for baijiu on the shelves of bars around the world (somewhere between the tequila and slivovitz) and we all have a role to play in helping it get there a little faster“.

In der Tat empfinde ich das auch so, und ich hoffe, mit meiner Blogreihe meinen Beitrag dazu zu leisten. Doch Baijiu wird im Westen, und insbesondere im beim Adaptieren von neuen Trends eher gemächlichen Deutschland, noch sehr lange nicht wirklich präsent sein, solange nichtmal Tequila und Slivovitz in vernünftiger Qualität in jeder Bar zu finden sind. Doch die Chancen stehen aktuell besser denn je – das Interesse für exotische Spirituosen steigt. Sandhaus‘ Buch wird jedem, der sich frühzeitig diesem Trend anschließen und sich mit Baijiu auseinandersetzen will, ein wertvoller und dauernder Begleiter sein.

Tequila - Kultur und Genuss Titel

Tequilakunde für Anfänger – Tequila: Kultur & Genuss

Ich erwähne es immer wieder und gern – bei aller Freundschaft zu Rum, Whiskey und Likören gilt meine wahre, echte Liebe dem Tequila. Wie dies entstehen konnte ist mir selbst ein Rätsel – diese Spirituose hat in Deutschland einen schlimmen Ruf, gilt als Feuerwasser für Partysäufer. Im Supermarkt bekam man bis erst vor kurzem praktisch nur die Produkte eines Herstellers, auch in Bars wird man heute noch oft mit verknautschtem Gesichtsausdruck angeschaut, wenn man einen Tequila bestellen will – die freundlich-naive Nachfrage „weiß oder gold?“ zwingt mich dann meist dazu, doch lieber einen Scotch zu bestellen.

Wie diese Liebe entstehen konnte mag ein Rätsel sein; woran es liegt, dass ich diese Spirituose über alle anderen stelle, ist offensichtlich – ein guter Tequila ist die Krönung an Aroma, Duft und Mundgefühl. Wer ihn nicht kennt, verpasst das Beste. Nun will sich der eine oder andere vielleicht neben dem ausgiebigen Verkosten, dem besten Weg, eine Spirituose kennenzulernen, auch über ein Fachbuch in die Thematik einlesen. Da sucht man beim größten Online-Bücherhändler nach Fachbüchern über Tequila, und wird schnell fündig: Tequila – Kultur & Genuss von Werner Obalski und Jürgen Deibel bietet sich schnell an.

In diesem 96-Seiten-Buch, das durch dickes Hochglanzpapier, dicken Einband und viele Fotos entsprechend dicker aussieht, als es der Inhalt hergibt, erfährt man vieles über die Hintergründe des mexikanischen Agavenbrands – Geschichte, Pflanzenkunde, Ernte, Verarbeitung und Lagerung sind Themen, die jeweils in wenigen Sätzen kurz vorgestellt werden. Dazu gibt es eine Liste von Destillerien, einige Seitenbemerkungen zur Kultureinbindung des Tequila und am Ende Koch- und Cocktailrezepte, die sich des Tequilas bedienen. Ein attraktiv gestaltetes Buch, in dem Anfänger erste Hinweise finden?

Tequila - Kultur und Genuss Cover

Soweit, so gut. Die fachlichen Informationen sind korrekt und kurz und knapp präsentiert – wer noch keine Ahnung über die Herstellung und Herkunft von Tequila hatte, wird in wenigen Seiten kompetent darüber aufgeklärt. In einer guten Viertelstunde hat man das Buch komplett durchgelesen und ist nachher etwas klüger, was Tequila angeht, als vorher. Das ist aber leider auch schon alles, was ich an Positivem über das Buch sagen kann. Anschnallen, der offizielle Verriss beginnt hier.

Beginnen wir die Kritik mit dem, was mir als erstes aufgefallen ist. Jedes zweite Foto einer Flasche ist eine Sierra-Flasche. Bei der Aufzählung der Destillerien bekommt jede erwähnte Firma ca. eine halbe Seite – Sierra bekommt drei Vollseiten. Der Firmenname des Sierra-Importeurs (der auch Mehrheitsteilhaber an der Destillerie ist) wird ein Dutzend mal erwähnt, ich will ihn hier nicht auch noch wiederkäuen. Nein, das ist kein unabhängig geschriebenes Buch, sondern über große Teile ein Werbeprospekt für Destilerías Sierra Unidas, S.A. de C.V., Guadalajara, Mexiko.

Tequila - Kultur & Genuss Innenseite 1

Die Weigerung, das klare Wort Mixto zu verwenden und statt dessen dauernd vom „normalen“ Tequila zu reden, missfällt mir sehr – die Begründung dafür ist auch eine sehr Mixto-verkäuferfreundliche (und es ist bestimmt reiner Zufall, dass Sierra in Deutschland hauptsächlich Mixtos verkauft). Ganz ehrlich – heutzutage noch davon zu reden, dass die 100%-Agave-Tequilas die Ausnahme und die Mixtos der Standardfall ist schon etwas fremdartig und stimmt nur, was Verkaufszahlen angeht – aber gewiss nicht für Leute, die Spirituosen wegen des Genusses trinken („Kultur & Genuss“ ist schließlich der Untertitel des Buchs). Der nur am Effekt Interessierte auf der Studentenparty, der sich einen Tequilarausch ansäuft, ist sicher nicht die Zielgruppe des Buchs. Man sollte es klar aussprechen: Ein Mixto ist eine Minderqualität des Standardfalls 100%-Agave, die es ausschließlich deswegen gibt, um billige Mengen verkaufen zu können.

Die Fotos und die Beschreibung der Herstellungsart passen sich diesem mixtofreundlichen Trend aber nicht an – da werden dann plötzlich die Hornos und Tahonas gezeigt, die selbst für die hochwertigen 100%-Agave-Tequilas in der heutigen industrialisierten Massenproduktion nur noch in Ausnahmefällen genutzt werden. Gerade Mixtos werden in Autoklaven (erwähnt werden sie wenigstens!) und Stahlmühlen produziert; diese zu zeigen würde sich aber wahrscheinlich einfach nicht in das folkloristisch-touristische Restbild des Buchs einpassen, das gern über Kultur und Legenden salbadert.

Tequila - Kultur & Genuss Innenseite 2

Grundsätzlich wird Tequila stark exotisiert, als aromatisch seltsam hingestellt und dies immer wieder runtergebetet. Dass es schwierig sei, einen Tequila in einen Cocktail einzubinden („Drinks mit Tequila gehören für einen Barkeeper zum Kompliziertesten, denn der intensive Eigengeschmack…“) ist natürlich ebenso Nonsense – ein guter Tequila ist ein perfekter, leicht handzuhabender Cocktailspieler.

Ein paar weitere störende Punkte fallen mir noch ein, die sich aber in das grundsätzliche Konzept des Buchs dann gut einpassen: In einem Buch über die Spirituose Tequila brauche ich keine „Reisetips Mexiko“. Die Kochrezepte mögen ja vielleicht noch angehen, allerdings nehmen sie einen viel zu großen Anteil des Buchs ein (über 20%!) – insbesondere, weil gleichzeitig nur 5 Cocktailrezepte auf einer mageren Doppelseite angegeben werden, dazu noch recht offensichtliche. Margarita mit zwei Variationen, Tequila Sunrise und „El Diabolo“ – letzteres sollte wohl ein El Diablo sein, aber Spanisch ist halt nicht jedermanns Sache. Hochwertiges Deutsch übrigens aber auch nicht so wirklich: Der Schreibstil ist sehr prosaisch, Hauptsatz wird an Hauptsatz gereiht und es werden Phrasen gedroschen, dass es eine wahre Freude ist. Das kann Jürgen Deibel, Co-Autor des Buchs, den ich sehr schätze und der auf seinen Vorträgen wortgewaltig, eloquent und höchstunterhaltsam ist, eigentlich viel besser.

Ein Buch, das die Tequilawelt vor 10 Jahren gewiss gern gelesen hat (es erschien 2008 zum ersten Mal und wurde 2016 wiederaufgelegt) – heute wirkt es stilistisch altmodisch, inhaltlich veraltet und viel zu einseitig-herstellernah, als dass es als echtes Informationsmaterial (von Nachschlagewerk gar nicht zu sprechen!) funktionieren könnte. Das ist doppelt schade, denn der deutschsprachige Markt für Bücher über Tequila ist derart winzig, dass viele Leute es rein deswegen kaufen, weil es praktisch das einzige dedizierte Fachbuch über Tequila überhaupt ist. Immerhin mag es als Blick in die dankenswerterweise lang zurückliegende Vergangenheit dienen, als der 100%-Agave-Tequila noch nicht den Siegeszug angetreten hatte, dem wir heute viele Dutzend tolle und breit erhältliche Ausprägungen einer großartigen Spirituose verdanken.

Rum: The Manual Titel

Money, alcohol, sex, and death – Dave Broom’s Rum: The Manual

Das Hobby des semiprofessionellen Spirituosentrinkers ist ein anstrengendes. Es gilt, ein weites Feld zu beackern, das in seiner Breite von Horizont zu Horizont geht; gleichzeitig offenbart sich aber beim genaueren Hinschauen sehr schnell eine fast bodenlose Tiefe, die man kaum auszuloten vermag. Daher muss man sich entscheiden: Will man sich spezialisieren, und beginnen, die Tiefen auszuleuchten – oder lieber Generalist bleiben, um den Blick über die Weite schweifen lassen zu können? Will man eher der Deckstrich auf dem „T“ sein, oder der Stamm?

Mir ist es klar, was ich will – ich bin ein Generalist. Die Töchter der anderen Brennerväter dann immer doch zu hübsch, als dass ich mich auf eine Spirituosengattung festlegen könnte. Um zu verhindern, dass dabei aber das dann doch oft für das „T“ nötige Spezialwissen verloren geht, gilt es, sich fortzubilden. Einerseits klappt das natürlich ganz gut, in dem man sich ein paar Flaschen eines Schnapses langsam und genussvoll-mäßigend hinter die Binde gießt (wäre nur jede berufliche Fortbildung auch so unterhaltsam!), doch es schadet nie, sich auch mal die eine oder andere Lektüre in nüchternen Momenten zuzuführen. Über eines dieser Weiterbildungsbücher, Rum: The Manual des britischen Kenners Dave Broom, habe ich mich besonders gefreut.

Den meisten ist Dave Broom wahrscheinlich eher als Whiskyexperte bekannt, doch er schrieb schon 2003, als das Thema „Rum“ vielerorts noch ein recht stiefmütterlich behandeltes war, ein Buch über den karibischen Zuckerrohrbrand. Er weiß also, wovon er redet. Spätestens nach den ersten paar Seiten seines neuen Buchs zweifelt man daran nicht mehr. Er hat sich tief in die Untiefen des Rums begeben – ist er dabei, wie so viele Zuckerbarone und Plantagenbetreiber, untergegangen in den Gefahren dieses Geschäfts – „money, alcohol, sex, and death“?

Rum: The Manual Cover

Nein. Er hat seinen kühlen, schottischen Kopf bewahrt und ein kluges, spannendes und dabei noch unterhaltsames Buch geschrieben. Die grundsätzliche Herangehensweise gefällt mir – es ist kein „Bewertungslexikon“ geworden, in dem einfach nur subjektive, meist recht willkürliche Noten für einzelne Rums vergeben werden, nein, es gibt „nur“ Verkostungsnotizen. Ich fühle mich durch Brooms Meinung bestärkt, selbst auch weiterhin keine Bestmarken, Noten oder zählbare Bewertungen auf meinem Blog abzugeben. Nun, das mit den fehlenden Bewertungen stimmt nicht ganz. Er bewertet in diesem Buch die Mixability einer Spirituose, und das ist ein ganz neuer, frischer Ansatz.

„These scores are for the mixes and not for the rum, each of which was chosen for its inherent quality, so read the tasting note to glean how that manifests itself.“

Persönlich glaube ich zwar nicht, dass sich ausgerechnet Rum über andere Brände hinweg dafür besonders auszeichnet, vermischt zu werden, aber wahrscheinlich ist das im kulturellen Gedächtnis bei so vielen so hängengeblieben. Die Mixer, die er für die unterschiedlichen Rumsorten anbietet, bleiben stabil – Kokoswasser, Clementinensaft, Ingwerbier und Cola dienen als Leinwand für sehr einfache Longdrinks oder Highballs. Dazu kommt immer ein sortentypischer, aber einfach herzustellender Cocktail, der Daiquiri bei weißem Rum, der Old Fashioned für gereifte Rums; der Caipirinha für Cachaça, der Ti’Punch für Rhum agricole. Von 1 bis 5* Punkten wird die entsprechende Mixtur benotet.

Nun, diese Vorgabe konnte ich nicht auf mir sitzenlassen, der weder Clementinensaft noch Kokoswasser je als Filler für einen Longdrink kannte. Aber solchen Wissenslücken ist natürlich schnell und kostengünstig beigekommen. Zur aktuellen Jahreszeit sind Clementinen überall erhältlich, und überraschend ergiebig beim Ausdrücken. Von Kokosnüssen kann man das nicht wirklich sagen, daher habe ich mich da zugegebenermaßen auf ein fernöstliches Fertigprodukt eingelassen. Die beiden Rums, die ich mir ausgesucht hatte, haben in seiner Mixability-Bewertung für den jeweiligen Filler die Maximalanzahl von 5 Punkten erreicht: Wray & Nephew White Overproof Rum mit Clementinensaft, und Bacardí 8 Años mit Kokoswasser. Ja, das kann man trinken.

Wray & Nephew mit Clementinensaft Bacardí 8 Años mit Kokoswasser

Im letzten Drittel des Buchs werden dann noch ausgefallenere Rumrezepte aufgelistet, von Punches über Tiki über Prohibition-Era bis hin zu modernen Cocktails findet man für jeden Geschmack etwas; und Broom hat aus den Fehlern vieler Cocktailbücher gelernt und wirft dem Leser nicht einfach nur die Mengen- und Zubereitungsangaben hin, sondern hat immer noch eine kleine Story für den jeweiligen Cocktail parat.

Ein sehr schöner Vorteil dieses Buchs ist, dass es so aktuell ist: 2016 erschienen, bietet es auch einen kurzen Blick auf Gebiete, die erst vor kurzem auf unserer westlich-barkulturorientierten Schnapslandkarte auftauchten, wie der haitianische Clairin, und weitere Rumsorten, die erst vor kurzer Zeit das Licht der Welt erblickt hatten. Schön, dass auch rhum agricole endlich einen Platz bekommt, den er verdient – im Herzen des Buchs. Auch das Thema der Nachzuckerung wird bereits auf den ersten Seiten angesprochen und mit klaren Worten beurteilt – mir, dem dieses Thema sehr am Herzen liegt, geht dabei dasselbe auf. Dabei verfällt er nicht in meinen absoluten Dogmatismus, sondern gibt auch den nachgezuckerten Rums, die in seinem Buch auftauchen, eine Chance, ihr bestes zu geben. Hin und wieder hat er aber doch ein Aufblitzen des Einsehens, wie als er einen ungesüßten Rum beschreibt: „It’s rich, but not sweet. There’s a difference.“

Von allen Flaschen gibt es aktuelle Fotos, ebenso wie von dem einen oder anderen Cocktail, Barinnenansichten und Menschen hinter den Kulissen, dazu einige, meist historische Illustrationen von Brennanlagen. Ausgesprochen sensationell, und wahrscheinlich das wertvollste überhaupt an diesem Buch, ist die „Rum flavour map“, in der die besprochenen Rums in ein Koordinatensystem aus Geschmackseindrücken eingeordnet werden. Für jeden Rumfreund ein Muss.

Die „theoretischen“ Teile sind unterhaltsam geschrieben und klug aufbereitet; wer bereits Ian Williams‚ Buch über die Geschichte des Rum gelesen hat, wird vieles aus dem geschichtlichen Teil wiedererkennen, der technische Teil, in dem es um die Produktion geht, ist laiengerecht dargelegt, ohne an interessanten Details selbst für Kenner zu sparen. Besonders die Trennung zwischen „dunder“ und „muck“ bei jamaikanischem Rum, und deren eigentlich seltene Verwendung, sorgte bei mir für ein Aha-Erlebnis.

Ein rundum gelungenes Buch. Wer sich in nächster Zeit Lektüre über Rum zulegen möchte, kommt an Dave Brooms Buch nicht vorbei. Ebensowenig wie ich an einem Glas Calibogus, mit dem Broom mich hier am meisten überraschte – gleiche Teile Bier und Rum. Na, wenn das nicht ein Schlusswort unter die Thematik ist.

The Essential Cocktail Titel

Was wirklich wichtig ist – Dale DeGroff’s The Essential Cocktail

Das letzte halbe Jahr war, was Cocktails angeht, für mich ein sehr spannendes. Früher war ich ein Freund des Bekannten; bevor man riskiert, 8€ für einen mir nicht schmeckenden Cocktail auszugeben, habe ich lieber immer dieselben getrunken: Americano, El Presidente, Manhattan, Whiskey Sour oder Sazerac. Heute ist das anders: Es gab in diesen 6 Monaten kaum einen Cocktail, den ich zweimal getrunken hätte. Wie man auf meiner Cocktailwelt-Seite sehen kann, gehe ich nun lieber in die Breite als in die Tiefe. Das einzige Problem dabei: Wo soll ich all die Rezepte nun hernehmen, die ich für diese Art des Genusses brauche?

Wenn man sich die Rezepte über Cocktailbücher wie die von Dale DeGroff, Ted Haigh, David Wondrich oder anderen, Fachmagazine oder Internetseiten besorgt, steht man zumindest als Blogger vor dem nächsten Problem – auch wenn Rezepte in Form von reinen Mengen- und Zutatenangaben nicht copyrightgeschützt werden können, so fordern die modernen, innovativen Bartender dennoch gewisse Rechte für sich ein, und dazu gehört, dass sie gern genannt werden, wenn man ihr Rezept weiterverwendet.

Persönlich stehe ich dem sehr zwiegespalten gegenüber. Einerseits halte ich die Schöpfungshöhe eines Cocktailrezepts für nicht besonders hoch; viele der Rezepte, die ich lese, sind oft nur leichte Variationen auf bereits altbekannte Mixturen. Auch ist der Schaffungsprozess vergleichsweise kurz, mit sehr begrenztem Aufwand an Ressourcen und Zeit, und nur ein winziger Bruchteil der Rezepte überlebt mehr als den einen Moment im Rampenlicht eines Wettbewerbs oder der Erstkreation. Den Todesstoß für meine Akzeptanz versetzen dann aber Bartenderdivas (oder „Beverage Consultant/Director“, wie manche inzwischen schon genannt werden wollen), die meinen, sie seien bei Barbesuchen der wahre „Star des Abends“, oder halten sich für eine moralische Kniggeinstanz, wie man sich bei ihnen in der Bar zu verhalten hat, und wie man mit dem von ihnen geschaffenenen Drinks umzugehen hat.

Andererseits bin ich selbst mit meinen Blogartikeln Kreativschaffender, und erkenne das Bedürfnis nach Anerkennung einer kreativen Leistung, selbst wenn sie nicht wirklich geschützt werden kann. Ich habe mich daher, trotz meiner Bedenken, dazu entschieden, ab sofort bei Rezepten, die ich verwende und hier auf meinem Blog re-publiziere, den Erfinder des Rezepts mitanzugeben; nicht, weil es jemand fordert, und nicht, weil ich es für wirklich nötig halte, sondern einfach aus Respekt diesen Leuten gegenüber, die mir ermöglichen, öfters mal was Neues im Glas zu haben, ohne selbst diesbezüglich aktiv werden zu müssen.

Der Interessierte, der nicht dieselbe tiefe Begeisterung für Mischgetränke aufbringen kann wie ich, aber dennoch gern unterschiedliche Mixturen ausprobieren möchte, greift eh zu unter einem Namen veröffentlichten Büchern, wie es bei The Essential Cocktail von Dale DeGroff der Fall ist. Das bedeutet nicht automatisch, dass alle Rezepte darin vom Autor selbst erfunden wurden; das wäre bei solchen Büchern auch gar nicht möglich, denn sie zählen auch gern uralte Rezepturen auf, deren wahren Urheber man gar nicht kennt, und die längst in die Public Domain des Cocktailwesens eingegangen sind.

The Essential Cocktail Cover

DeGroffs anderes Buch, The Craft of the Cocktail, hatte ich etwas kritisch beurteilt, denn mir gefiel nicht, dass es sich zum großen Teil nur um eine einfache Aufzählung von Rezepten handelt. Bei diesem Buch dagegen macht DeGroff genau diesen Kardinalfehler mehr als nur wett: Zu jedem Cocktail findet er eine amüsante Anekdote entweder aus seinem eigenen, unglaublich reichen Erfahrungsschatz, oder aus historischen Quellen. Manchmal sind es nur am Rande verknüpfte Gegebenheiten, manchmal ausführliche Hinweise zur Herstellung oder besonderen Zutaten, die sich wirklich unterhaltsam und kurzweilig lesen lassen. DeGroff hat einen feinen Sinn für Humor, und selbst sein größter Fehler, sein hin und wieder etwas selbstgefälliger Narzissmus, wird in diesem Umfeld beinahe liebenswert.

Für einen Hinweis bin ich ihm besonders dankbar, denn auch wenn die moderne Barwelt das längst erkannt hat, so muss auch dem Bargelegenheitskunden, der gern etwas enttäuscht ist, wenn ihm in hochklassigen Bars so scheinbar winzige Portionen vorgesetzt werden, das mal klar gesagt werden: Die Zeit der geschmacksarmen Literportionen ist vorbei! Es lebe der kleine, feine, hocharomatische Drink mit Qualitätszutaten!

And size really does matter, but not in the bigger-is-better sense; I happen to think that today’s giant glasses are not only an abomination, they’re downright dangerous. A martini is not meant to be an 8-ounce drink—that’s simply too much strong spirit. Most drinks are meant to be 3 ounces, maybe 4—that is, 12 to 15 good cold sips.

Mir gefällt die Zusammenstellung, die DeGroff präsentiert; es ist eine gute Mischung aus altehrwürdigen Klassikern, aufgepeppten Klassikervariationen (oft im typischen DeGroff-Muddled-Fruit-Stil) und Eigenerfindungen, da sollte jeder was für seinen Geschmack finden. Auch, dass für praktisch jeden Cocktail ein hochwertiges Foto vorhanden ist, wertet das Buch auf.

Ich habe mir zwei Rezepte herausgesucht, die mir bei der Lektüre besonders ins Auge gefallen sind, einfach aufgrund ihrer etwas seltsamen Verrücktheit. Das erste davon ist ein Beispiel dafür, wie man mit etwas Kreativität aus einem Standarddrink eine höchstluxuriöse, vielleicht sogar etwas dekadente Spezerei machen kann: der Millionaire’s Manhattan.

Millionaire's Manhattan


Millionaire’s Manhattan
1½ oz Bourbon (z.B. Woodford Reserve)
½ oz Orangenlikör (z.B. Grand Marnier)
1 oz Ananassaft
¼ oz Orgeat
…in einem Glas mit Blattgoldkruste servieren
[Rezept nach Dale DeGroff]


Für dieses Glas habe ich Blattgold im Wert von ca. 3€ verbraucht; beim flockigen Anbringen ist etwas Fingerspitzengefühl erforderlich, da sich das Blattgold sofort fix an alles anhaftet, was mit ihm in Berührung kommt – Finger, Bleistifte, Glasteile. Korrektur unmöglich! Mit 5 Blättchen kann man großzügig zwei Gläser verzieren. Und Vorsicht, Bartträger: Das bleibt beim Trinken auch im Bart hängen!

Das andere Rezept soll demonstrieren, dass sich DeGroff hier nicht nur an die Anfänger der Mixologie wendet, sondern selbst für abgehärtete Veteranen etwas zum Staunen im Angebot hat. Der Friar Briar’s Sack Posset ist etwas, das man heute wahrscheinlich nie in einer Bar angeboten bekommen wird, dadurch wird das Selbstmachen nochmal enorm aufgewertet. Wenn man auf abgefahrene Drinks steht, natürlich.

Friar Briar's Sack Posset


Friar Briar’s Sack Posset
3 oz Vodka (z.B. Green Mark Vodka)
3 oz Dunkles Ale (z.B. Guinness Extra Stout)
1 oz Dunkler Rum (z.B. Gosling’s Black Seal)
¼ oz Bénédictine
3 oz Sahne
2 Eier
1 gehäufter Teelöffel Honig
1 Spritzer Angostura
Alle Zutaten in einem kleinen Topf unter Wärme leicht aufschlagen…
…dann mit einem rotglühenden Schürhaken ankokeln…
…und in einer Tasse servieren.

[Rezept nach Kevin Armstrong]


Nun hatte ich zufällig ausnahmsweise keinen rotglühenden Schürhaken zur Verfügung. Alternativ habe ich einen Stein aus dem Garten auf den Herd gelegt, bis er richtig heiß war, und ihn dann vorsichtig in den Topf zur Zutatenmelange gelegt, so dass es zischte und blubberte. Mit Sicherheit einer der seltsamsten Mixvorgänge, die ich bisher erlebt habe.

Ich empfehle dieses Cocktailbuch ausdrücklich, es enthält für Anfänger noch eine grobe Grundeinführung in Techniken und Zutaten, und ist auch als eBook auf einem Tablet sehr gut lesbar (was man wirklich nicht von allen Koch- und Rezeptbüchern sagen kann). Eine spannende, leichte und lehrreiche Lektüre von einem der wichtigsten und einflussreichsten Bartendern des letzten Jahrhunderts.

Cocktail Basics Titel

Schütteln oder rühren macht einen Unterschied – GU Cocktail Basics

Es gibt Ereignisse im Leben, die einen fast aus der Bahn werfen. Mir ging es neulich so, als meine Stamm-Bar in Saarbrücken dicht machte. Das ¿Qué tal? war für mich ein zentraler Anlaufpunkt gewesen, hier lernte ich zum ersten Mal, dass ein Cocktail nicht unbedingt ein Literglas voll Saft mit einem Schuss möglichst neutral schmeckenden Schnapses sein muss, sondern auch ein kleines, feines, edles und spannendes Getränk sein kann. Hier lernte ich ein paar Leute kennen, die mir zeigten, dass Gastrokultur vor allem eins ist: Gastfreundschaft. Ein Jammer, wenn so ein Ort schließen muss. Danke an Martin, Zoltan, Dennis, Sven, Julian und besonders Julia und Michael für die tolle Zeit.

Doch eine Tür geht zu, eine andere öffnet sich. Wer heute in Saarbrücken gute Cocktails abseits des Saftpitchers trinken will, geht zum Beispiel in die neueröffnete Viertel Mühle, in der ein wahrer Könner (leider nur abends) perfekte klassische Cocktails und wagemutige Rezeptinterpretationen für echte Kenner präsentiert, in ansprechendem Ambiente; oder, wenn es legerer sein darf, ins Milk, wo ein junger, dynamischer Barchef mit ebensolchem Personal ganz hervorragende Mischgetränke aller Art unprätenziös und charmant raushaut.

Cocktail Basics

Oder natürlich man mischt sich seine Cocktails selbst daheim. Wenn man meinen bisherigen Empfehlungen gefolgt ist, hat man bereits einen Grundstock an allem, was man braucht; eventuell fehlt es aber noch an Rezepten und Inspiration. Und auch wenn es spannend ist, sich selbst mal an der Zubereitung eines Rusty Nails, Mint Juleps oder eines Old Fashioned zu versuchen, so braucht man doch erstmal die Rezepte dafür, und für die vielen anderen Cocktails, die man sich daheim nun selbst zusammenstellen kann. In diese Bresche springen Cocktailbücher, wie das GU Cocktail Basics.

GU Cocktail Basics Seiten 3

Ich bin ein großer Fan von klassischen Highballs und spirituosenlastigen Drinks. Ein gut gemachter Manhattan oder El Presidente sind der perfekte Einstimmungsdrink auf einen schönen Abend, oder der ideale Ausklang eines Arbeitstags. In der „blue hour“ einfach nur dazusitzen, ein bisschen Ambient-Musik oder Sinatra zu hören, und das Klimpern der Eiswürfel im Glas – das ist Luxus pur. Viele dieser klassischen Cocktails sind in diesem Buch vorhanden, wenn auch manchmal seltsam übermäßig leger – in den Sazerac kommt kein Absinthe wie im Rezept angegeben, dieser wird nur dazu verwendet, das Glas auszuspülen; in einen Rob Roy gehört nicht „Whisk(e)y, am besten Scotch“, sondern einfach nur Scotch, und für mich persönlich ist es nicht „reine Geschmackssache“, ob in einem Mai Tai nun Orgeat drin ist oder nicht und statt dessen Ananassaft eingesetzt wird. Bei solchen Dingen bin ich pingelig, und das sollte jeder Cocktailfreund sein.

GU Cocktail Basics Seiten 2

Was im Buch meiner Meinung nach auch völlig falsch dargestellt wird: Die Autorin meint, dass man auch billige Ersatzprodukte nutzen kann, da in Deutschland die Qualität selbst bei diesen sehr hoch sei; das stimmt nach meiner Erfahrung nur sehr bedingt und nur in Ausnahmefällen. Es kommt eben doch sehr auf die Materialien an. Der Highball lebt sowohl von gutem Whisky/Bourbon/Rum/Gin, als auch vom Füllmaterial. Das billige Aldi-Cola kommt mir nicht in meinen herrlichen Captain & Cola, und wer einmal einen Red Stag Ginger & Lime mit einem guten Ginger Beer getrunken hat, will nicht mehr zurück. Ein Negroni profitiert unendlich vom guten Wermut – das pappsüße Ersatzmaterial, das oft in „happy hour“-Cocktailbars verwendet wird, macht aus dem bitter-edlen Drink eine klebrig-zuckrige Brühe.

GU Cocktail Basics Seiten 1

Ansonsten enthält das Buch viele Tips, Hinweise auf Basisaustattung für die private Cocktailbar und ein breit gefächertes Angebot an Mixgetränken, aufgelistet und gruppiert nach der Hauptspirituouse. Viele Bilder, nette Anekdoten und ein üppiges, freches und knalliges Layout machen das Buch auch zum einfachen Durchblättern interessant. Wer sich schon etwas mit Cocktails auskennt, lässt das Buch aus oben genannten Gründen dennoch lieber im Regal. Wer aber die ersten Schritte wagen will, und lieber dem gedruckten Buch als meinen tendenziösen Tips glaubt (wer tut sowas?), kann sich damit in die Thematik einlesen.

Doch eins ist klar: Nur mit Büchern und einer privaten Hausbar lernt man nicht das wahre Wesen des Cocktails kennen, denn dies besteht zu einem großen Teil daraus, dass man ihn in Gesellschaft, zubereitet von einem Profi und bei guter Musik trinkt.

The American Cocktail Titel

O’er the Land of the Free and the Home of the Cocktail – Imbibe Magazine’s The American Cocktail

Ich finde bei Cocktailbüchern den Ansatz, die Rezepte über eine Story miteinander zu verbinden, immer gut – einfache Rezeptbücher sind recht langweilig und enden schnell als Staubfänger im Bücherregal. Die Idee hinter diesem Buch des  amerikanischen Cocktail-Magazins Imbibe ist eine Reise durch die USA, der Heimat des Cocktails und der Mixologie.

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From sea to shining sea werden also in The American Cocktail: 50 Recipes That Celebrate the Craft of Mixing Drinks from Coast to Coast die Hauptregionen der USA bewandert und Cocktails vorgestellt, die mit typischen Zutaten der jeweiligen Staaten hergestellt werden; Kentucky-Erdbeeren, Cheerwine aus North Carolina, Blueberries aus Maine, Äpfel aus Vermont, Walnüsse aus Minnesota, Cranberries aus Wisconsin, Chillis aus New Mexico, Loquats aus Texas, Haselnüsse aus Kalifornien. Auch die regionalen Vorlieben für Spirituosen sind dabei reflektiert: Die Ostküsten-Rezepte bevorzugen Applejack, Bourbon und Rye Whiskey; im Südwesten ist Tequila der Schnaps der Wahl; für Kalifornien enthält das Buch Rezepte mit Napa-Valley-Wein und Sake. Ein wirklich schöner Querschnitt durch die Trinkkulturen dieses weiten Landes.

Es gibt durchaus ein paar spannende Rezepte darin, die ich sicherlich nachbauen werde, wie den California Bubble Bath mit Bourbon, Cynar und Lavendelsirup; den Eva Perón, mit Fernet, Wermut und Ingwerlikör; oder den El Colibrí, mit Tequila, Honigsirup und Crème de Cassis, bei dem ich das schon getan habe.

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El Colibrí­
2 oz Tequila Reposado (z.B. Corralejo Tequila Reposado)
¾ oz Honigsirup
1½ oz Limettensaft
½ oz Crème de Cassis


Die Idee des Buchs ist toll, aber die Umsetzung ist nicht hundertprozentig optimal. Gerne hätte ich deutlich mehr Fotos der Cocktails, der Zutaten oder besuchten Landschaften gesehen; auch sind die zu den Rezepten hinführenden Stories immer etwas im Kolumnen-Stil gehalten, wie man sie auch auf der Webseite des Herausgebers findet. Es fehlt eine gewisse Gemeinsamkeit, die Schnur sozusagen, auf die die Perlen aufgereiht werden. Stellenweise liest sich dieses Buch mehr wie eine einfache lose Zusammenstellung von bereits bestehenden Texten.

Die Cocktailzubehör-Einführung wirkt seltsam deplaziert in einem Buch, das sich vom Schwierigkeitsgrad der Rezepte und dem Spezialitätencharakter klar an erfahrene Barfreunde richtet; die Liste von Destillerien am Ende des Buchs hätte man sich auch sparen können, sowas finde ich in Neulandzeiten in Papierform nutzlos.

Dennoch liefert das Buch eine schöne Begründung für uns Schnapsgourmets, warum wir genau dieses Hobby haben.

From Mardi Gras to the Kentucky Derby to lounging on a porch swing on a sweltering summer day, drinking is a sign of hospitality, celebration, and day-to-day enjoyment (…).

Schöner könnte ich es nicht formulieren. Und wenn das Buch dazu beiträgt, dass man einen schönen Abend mit einem guten, außergewöhnlichen Drink aus der amerikanischen Cocktailheimat verbringt, vielleicht in netter Gesellschaft und in guter Stimmung, hat es trotz seiner Mängel seinen Zweck erfüllt.

Der verrückte Professor – David Wondrich’s Imbibe! From Absinthe Cocktail to Whiskey Smash, a Salute in Stories and Drinks to „Professor“ Jerry Thomas, Pioneer of the American Bar

Es gibt Koryphäen, die ihr Fachgebiet geprägt haben. Ihre Namen sind mit dem Gebiet auf ewig verbunden, teilweise bis zur Synonymität. Jerry Thomas ist eine dieser Koryphäen – wer sich auch nur ansatzweise mit der Wissenschaft der Mixologie auseinandersetzt, trifft ziemlich schnell auf seinen Namen. Er ist der Roger Federer der Mixkunst, der Pelé der Mischgetränke, der Muhammad Ali des Cocktails. Was machte ihn so besonders? Er war einer der ersten Bartender, die das Potenzial von Cocktails (man hatte damals aber ein sehr viel differenzierendes Vokabular für Mischgetränke hatte als das generische Schlagwort „Cocktail“ wie heute) erkannten, und entsprechend brachte er ein Buch heraus, das nicht nur mit simplen Rezepten, sondern mit einer Taxonomie und einem logischem Aufbau aufwarten konnte; daher gilt er als der Vater der Mixologie, also der rationalen Studie des Mischgetränks.

David Wondrich hat sich mit seinen Büchern und seinen Artikeln über geschichtliche Aspekte der Mixologie einen Ruf als Cocktailhistoriker erworben. In dem kurz und knackig betitelten Imbibe! From Absinthe Cocktail to Whiskey Smash, a Salute in Stories and Drinks to „Professor“ Jerry Thomas, Pioneer of the American Bar, das noch den Untertitel Featuring the Original Formulae for 100 Classic American Drinks and a Selection of New Drinks Contributed in his Honor by the Leading Mixologists of our Time trägt, erinnert Wondrich uns an diesen Heroen hinter der Theke, dessen Rezepte und Vorgehensweise beim Mixen bis heute nachwirken.

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Selbstverständlich handelt es sich nicht einfach nur (aber auch!) um eine kommentierte Neuausgabe von Jerry Thomas‘ How to Mix Drinks: Or, The Bon-vivant’s Companion, sondern um eine Untersuchung der damaligen Cocktailkultur. Andere legendäre Bartender der Zeit, wie George J. Kappeler, William T. “Cocktail” Boothby oder Harry Johnson dürfen auch Rezepte und Anekdoten beisteuern, und zeigen, dass Thomas zwar ein Titan seiner Zunft war, aber beileibe nicht in einem Vakuum lebte.

Historische Umstände, wie die erstaunliche Bedeutung der leichteren Erhältlichkeit von Eis ab den 1830ern für Cocktails, werden von Wondrich ebenso analysiert wie etymologische Grundlagen (warum wurde der John Collins zum Tom Collins? Woher kommt der Begriff „Cocktail“?) oder Veränderungen von Geschmacksvorlieben – ich nenne nur das Stichwort „Zucker“, der damals gern pfundweise in Mischgetränke gegeben wurde. Wichtig für alle Freunde von aktuell so hippen Gincocktails: Damals war Holland gin, heute als Genever bekannt, der Gin der Wahl, nicht die heute den Markt überschwemmenden Ausprägungen des London Dry Gin. Inzwischen habe ich mich auch mit Genever auseinandergesetzt: Diese malzige, gereifte Art des Gin kann sogar mich als Ginskeptiker überzeugen.

In mixohistorischen Kreisen wird gern die Genese zwei der bedeutendsten Cocktails, des Manhattan und des Martini, diskutiert und mit Legenden ausgeschmückt – Wondrich untersucht die Legenden und erläutert, warum manche davon nicht wahr sein können. Wie so oft ist die Wahrheit bei weitem nicht so spektakulär wie die erfundene Geschichte, sondern sogar recht prosaisch.

Stilistisch kann mich David Wondrich voll überzeugen: Er ist ein sehr eloquenter, äußerst humorvoller und kluger Schwaller, der mit vielen exquisiten und ausgefallenen Formulierungen dem eh schon feuchtfröhlichen Thema noch den letzten Kick gibt, wie wenn er den Dry Martini als einen „fiery chalice of unmixed tanglefoot“ beschreibt.

Ich bin schon vor diesem Buch ein großer Fan dieser einfachen, frühen Cocktails gewesen. Das Buch bestärkt mich darin, dass es oft die kleinen, scheinbar so simplen Mixturen sind, die, wenn mit Verve und Qualitätszutaten hergestellt, den besten Effekt im Glas bieten. Dass sie damals auch deutlich nach Alkohol schmecken durften, etwas, das in den 80ern und 90ern nicht mehr so gern gesehen war, stellt er klar – gottseidank ist die moderne Barkultur wieder offen dafür.

The resulting drinks were also delicious, but they demanded a consumer who was acclimatized to the taste of liquor and knew how to stow it away.

Wer mehr über die damalige Alkoholkonsumgesellschaft wissen will, die mit Alkoholgeschmack sehr gut umgehen konnte, kann sich gern bei Ian Williams weiter einlesen.

Zu Ehren des Professors habe ich mir dann auch heute einen dieser rezepttechnisch einfachen Cocktails, die kräftig nach Schnaps schmecken, aus diesem Buch hergestellt, und zwar den, den Jerry Thomas höchstselbst erfunden hat: Den Buck and Breck. Eine etwas aufwändige Herstellung und spektakuläre Präsentation zeigt, dass die Show schon für Thomas klar dazugehörte;  er war vielleicht auch der erste Flair bartender.

Buck and Breck


Buck and Breck
1½ oz Cognac (z.B. Hennessy VS, Wondrich empfiehlt allerdings VSOP)
1 Spritzer Absinthe (z.B. Absinthe Emanuelle)
2 Spritzer Angostura
1 oz Crémant (z.B. Wolfberger Crémant)
In einem Glas, das mit Zitronensaft ausgespült und mit Puderzucker ausgekleidet ist, servieren


Sehr wertvoll finde ich Wondrich’s erläuterte Mengenangaben zu all den Rezepten: bei den notorisch vielfältigen und ungenauen Maßangaben der Originalbücher muss man schon vertiefte Ingenieurskenntnisse haben, um diese so nachzubauen, wie sie beabsichtigt waren.

Ein wirklich spannendes, unterhaltsames und lehrreiches Buch. Wondrich hat noch weitere Bücher auf Lager, die ich mir garantiert noch zu Gemüte führen werde. Doch erstmal gibts jetzt einen Gin Rickey gegen den schlimmen Durst vom ganzen Rezensieren.